The Project Gutenberg eBook of Sicherer Wegweiser zu einer guten und gesunden Wohnung

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Title: Sicherer Wegweiser zu einer guten und gesunden Wohnung

Author: Theodor Meyer-Merian

Johann Jakob Balmer


Release date: March 3, 2016 [eBook #51349]
Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SICHERER WEGWEISER ZU EINER GUTEN UND GESUNDEN WOHNUNG ***

Seite 1 Sicherer Wegweiser
zu einer
guten und gesunden Wohnung.

Zwei Preisschriften

von

Theod. Meyer-Merian und J. J. Balmer-Rinck,

gekrönt und herausgegeben

von der

Gesellschaft des Guten und Gemeinnützigen

in Basel.

Basel,

Bahnmaier's Buchdruckerei (C. Schultze).

1859.

Seite 3 I.

1. Wie's mit den Wohnungen steht.

Nichts ist heutzutage allgemeiner, als die Klage über das Steigen der Miethpreise und über die Schwierigkeit Wohnungen zu finden.

Diese Klagen sind nur zu wohl begründet. Die Ausdehnung, der Aufschwung der Gewerbe und Fabriken zieht in deren Nähe immer größere Menschenmassen, und da die vorhandenen Wohnungen nicht ausreichen und auch die neuerbauten mit dem Anschwellen der Bevölkerung nicht Schritt halten, so entsteht ein Gedränge, wenn sich Jeder eben doch sein Plätzchen sucht, wo er leben mag. Das macht zugleich, daß die Miethen theurer werden; denn überall, wo viel Nachfrage ist, steigt der Preis und so muß man jetzt im Vierteljahre zahlen, was sonst für ein Jahr gereicht hatte.

Die Erwerblust der Hausbesitzer trachtet nun auf verschiedene Art zu helfen und da nicht immer auf die uneigennützigste oder zweckmäßigste, wie anderseits wieder die Miethsleute mit geringern und schlechtern Wohnungen sich behelfen lernen. In dem Raume, den früher eine Haushaltung bewohnt, haben sich jetzt mindestens zwei, und zwar einander wildfremde, angesiedelt. Die bequemen Hausgänge und Sommerhäuser (Hausfluren) von ehemals sind verschwunden, die Stuben scheinen nach allen vier Seiten einzuschrumpfen, die Treppe muß sich gleichsam durch den Haufen von Stuben und Kämmerchen hindurchstehlen, von irgend einem freien Raume ist keine Rede mehr, er trüge ja nichts ab! Anhängsel jeder Art füllen den alten Hof und fangen gierig den letzten frischen Lufthauch, den einzigen Lichtstrahl weg, diese Gottesgaben, die vor Zeiten auch dem Aermsten nicht vorenthalten waren. Bequemlichkeiten, wie Waschhaus, Holz- und Vorrathskammern u. dgl. scheinen mit dem Zirkel in verkleinertem Maßstabe ausgemessen und der oberste Dachraum, das abgelegenste Winkelchen wird mit Menschen vollgepfropft, ja selbst der Raum unter der Erde, wo man ehemals bloß Fässer, Kartoffeln und Krautköpfe untergebracht. Wenn so ein recht besetztes Mieth- oder Kosthaus seine Bewohner mit einem Male herausließe, es würde oft keine Seele glauben, daß die alle neben einander darin Platz gehabt hätten, geschweige noch mit ihren Geräthen und Habseligkeiten dazu.

Von außen ist das Alles freilich nicht immer sichtbar, ein heller neumodischer Anstrich läßt wohl gar einige Behaglichkeit vermuthen. Indeß giebt es vielleicht doch mehr der Wohnungen, oder besser Wohnlöcher, z. B. in alten Hinterhäusern, engen Gäßchen, darin noch lange der Winter herrscht und geheizt werden muß, wenn in der übrigen Welt schon Alles an der Frühlingssonne sich wärmt und erlabt. Es giebt übergenug mit Menschen vollgepfropfte Häuser, in deren nächster Nähe Jahrelang nicht geleerte Dunggruben, baufällige Schweineställe, schlechte Cysternen die wenige Luft vollends verpesten, aus denen dem Eintretenden in dem dunkeln, feuchten Hausgange eine modrige Kellerluft, mit Abtrittgeruch verbunden, frostig entgegenschlägt, auf deren steiler, schlechter Treppe nur ein herabschlotterndes Seil durch die Finsterniß leitet und vor dem Halsbrechen schützt.

2. Musterwohnungen.

Solche Nothstände und deren Folgen für die Arbeiter, welche nicht nur wohl oder übel sich ihnen unterziehen, sondern für die schlechten Wohnungen noch hohe Miethen bezahlen, haben in verschiedenen Ländern wohldenkende Menschen veranlaßt, besondere, für Arbeiter bestimmte, zweckmäßige Gebäude zu errichten und gegen billige Preise auszuleihen. Man hat die Sache nach den verschiedenen Grundsätzen, von denen man ausgieng und gemäß den verschiedenen Verhältnissen, die vorlagen, von mehr als einer Seite angegriffen, indem man entweder größere, casernenartige Wohnungen für viele Haushaltungen aufführte, oder nur kleinere Gebäude für eine bis zwei Familien; indem man ganze Arbeiterquartiere gründete oder solche Häuser unter die der übrigen Leute zerstreute.

Ueber die Vorzüge und Nachtheile dieser und jener Art ist hier nicht der Ort weiter einzugehen, es genügt die Bemerkung, daß man im Ganzen, bei verhältnißmäßiger Wohlfeilheit, überall dem Bedürfnisse, der Gesundheit und Bequemlichkeit der Bewohner Rechnung trug. Dahin gehört denn, daß die Gebäude so viel als möglich freistehen, wohl gar kleine Gärten haben. Neben einem heizbaren Zimmer, einer Nebenstube, Küche mit Wasserstein, enthalten sie wenigstens noch eine verschalte Dachkammer, einen Kellerraum, Platz zu Holz und Abtritt. Die Zimmer liegen womöglich auf der Sonnenseite, Küche und Abtritt nach Mitternacht. Die Heiz-, Rauch-, Abwasser- und Abtritteinrichtungen sind, als sehr wichtig, ebenfalls sorgfältig berücksichtigt, sowie auf Nähe des benöthigten Wassers gesehen ist.

Aber da wäre ja schon allem Uebel abgeholfen! Wird doch kein Mensch mehr so thöricht sein, derlei wohleingerichteten Lokalien jene ungesunden, winklichten und dumpfigen Nester vorzuziehen.

3. Warum mit den gutgebauten Wohnungen noch nicht Alles gethan ist.

Freilich sind diese Arbeiterwohnungen eine Hülfe, aber noch lange keine genügende Abhülfe und dieß vorzüglich aus zwei Gründen nicht.

Einmal bestehen überall, im Vergleich zum Bedürfnisse, noch viel zu wenig solcher wohleingerichteter Häuser. Es ist beim besten Fortgange auch kaum die Zeit abzusehen, wann ihrer in genügender Anzahl vorhanden sein werden, so daß sich unbemitteltere Familien stetsfort auch in die Miethhäuser alten Schlages werden gewiesen sehen.

Der andere Grund aber, der die Wirksamkeit aller Abhülfe verkümmert, ist der wichtigere, daß selbst die bestgebauten Wohnungen ihren Zweck nicht erreichen, so lange die Grundbedingungen einer guten und gesunden Wohnung so wenig bekannt sind, oder so sehr außer Acht gelassen werden. Mit andern Worten: auch die am zweckmäßigsten gebaute Behausung wird viel zu häufig noch durch den Bewohner selber zu einer ganz ungesunden und schlechten gemacht.

Begeben wir uns einmal in eine solche Wohnung, ohne uns jetzt sonderlich um ihre bauliche Einrichtung zu kümmern.

4. Das Inwendige einer schlechten Wohnung.

Oeffnen wir sofort die Thüre, keine davor gebreitete Strohdecke, kein Scharrbrett wird uns aufhalten. Wir zögern, über die Schwelle zu treten: eine üble, dumpfige Luft scheint uns wieder hinausdrängen, ein unordentliches Durcheinander den Weg versperren zu wollen. Halten wir indeß aus und überwinden die erste Regung, an's Fenster zu eilen und dasselbe aufzureißen, damit doch die frische, freie Luft hereindringe, die von den trüben Fensterscheiben zurückgehalten wird. Der Fußboden, – er wird wohl von Holz sein, – trägt alle möglichen Spuren, von der Straße draußen wie von dem Fette und den Speisen der Küche. Papierschnitzel, Fadenresten, angebrannte Zündhölzer und Cigarrenstumpfen, abgenagte Knochen und Kleidungsstücke finden sich da und dort. Auf dem Tische mitten im Zimmer, auf dem, neben den Brosamen und Kafferingen noch vom Frühstück her, die ungespülten Tassen stehen, sitzt die Katze und gehorcht ihrem Reinlichkeitstrieb oder ihrer Naschhaftigkeit, indem sie die Reste aus den Schüsselchen leckt. Ein großmächtiges Bett an der Wand befindet sich noch ganz im selben Zustande, wie es die Bewohner vor 5 oder 6 Stunden verlassen: Kissen, Federbett, Alles wirr durcheinander ohne Leintücher indeß, wenn jenes Grau dort der Ueberzug sonst irgend eines Bettstückes sein sollte. Und über all dieß wölbt sich, wie ein wolkiger, düstrer Himmel, die von Oelqualm und Ofenrauch geschwärzte Zimmerdecke, gestützt auf die unsaubere, in den Ecken schimmlichte Tapete der kahlen Wände.

Und doch sind die Leute hier drin nicht eben arm. Der Mann ist ein geschickter Bandweber, er hat seinen guten und jetzt selbst reichlichen Verdienst in einer Fabrik und auch die Frau bringt durch Arbeiten für fremde Leute manchen Batzen in's Haus. Man erkennt's an Dem und Jenem, daß der Mangel da nicht ein- und ausgeht: Einzelnes verräth sogar Wohlstand, ja Luxus; aber es paßt Keines recht zum Andern, wie bei einem Trödler stehen die Geräthe ohne rechte Beziehung zu einander. Ein währschafter Schrank fehlt, eine neumodische Kommode vermag nicht Alles zu beherbergen, wenn gleich darin die buntbebänderte Sonntagshaube, der Laib Brot, die Unschlittkerzen und der Kamm noch so enge zusammenrutschen, und das zerbrochene Spielzeug auf's bescheidenste sich zwischen eine Handvoll Aepfel und die seidene Weste des Mannes versteckt. Deßhalb fährt auf Tisch und Stuhl dieß, jenes Kleidungsstück vom vorgestrigen Sonntage herum, oder selbes Geräthe, das ja in den nächsten vierzehn Tagen wahrscheinlich wieder einmal gebraucht wird. Bedarf man aber des Stuhles, des Tisches sonst, ei nun da ist das darauf Liegende ja bald zusammengerafft und auf das Fenstersims, das Bette geflüchtet, wo es für den Augenblick nicht im Wege liegt.

Wir wollen nicht in andere Räume treten, in die Küche so wenig, als an noch verborgenere Oerter: dieß Zimmer schon predigt laut genug, hier sei nicht gut wohnen! Und unbehaglich genug sieht's allerdings bei den Leuten da aus, die bei sich selbst nirgends daheim, sondern vielmehr in stätem Auszuge scheinen begriffen zu sein.

5. Wie die Bewohner einer schlechten Wohnung aussehen.

Sehen wir uns indeß ein wenig genauer nach den Bewohnern selber um.

Der Mann arbeitet seit früh auf der Fabrik; er kehrt erst Mittags auf die kurze Zeit des Essens nach Hause und Abends vielleicht noch schnell, bevor er im Wirthshause seiner Erholung nachgeht. Die Frau ist heute nicht auswärts; im Wasserzuber der Küche wäscht sie einiges Linnen in der Stube aus, um auf Sonntag reine Wäsche zu haben. Sie breitet diese soeben um den Ofen aus, an dem, neben wollenen Strümpfen und dem Waschlappen, bereits auch Windeln hängen, die naß sind, ohne gewaschen zu sein. Mehr Raum zu gewinnen, stellt sie ein Paar feucht gewordene Endefinken vom Ofen herunter in's Ofenrohr hinein, bei welchem Anlasse sie den eingedorrten Speiserest entdeckt, welchen sie gestern vergeblich dem Manne vom Nachtessen aufgehoben. Das Aeußere der Frau ist allerdings nicht sehr einnehmend. Sie mochte einst kein so übles Mädchen gewesen sein, aber diese ungekämmten, im Gesichte herumhängenden Haare, die gelbe, verknitterte Haube, das zerrissene bunte Halstuch passen zu einem ordentlichen Aussehen so wenig, als das unreinliche Fähnchen von Indienneröckchen, welches sie trägt, oder als die herabhängenden Strümpfe und niedergetretenen Schuhe. Man könne im Hause nicht Staat machen! – meint die Frau; denn allerdings, wenn sie ausgeht, dann flattern um keine andere Haube so viele und so bunte Bänder, da ist ihr Halstuch das blumenreichste, ihr Rock der steifste, von gestickten Kräglein, Anstößlein, Vorstecknadeln und anderem Zierrath nicht zu sprechen. Daneben geben ihr jetzt die Kinder viel zu thun, deren eines gerade wieder krank ist und um deßwillen sie heute auch zu Hause geblieben. Das ältere, ein Büblein, hockt am Boden und nagt an einem Weck. Der kleine Kegel sieht drollig genug aus in seinen bis unter die Arme reichenden Höslein, dem dicken, wollenen Halstuche und der Pelzkappe, die er über die Ohren heruntergezogen, trotzdem er am Ofen sitzt und draußen ein ganz hübscher Märztag ist. In der Nähe giebt's freilich allerlei an ihm auszusetzen: so scheint mütterliche Liebe seine struppigen Haare ebenso nachsichtig der Pein des Kämmens, als das aufgedunsene Gesicht der Qual des Waschens zu überheben. Es hätte freilich dem armen Kleinen auch gar zu wehe gethan, bei den Schorfen und Borken, die ihm auf dem Kopfe, an der Nase, hinter den Ohren sitzen und deren schmerzhaftes Jucken ihn so schon launisch und meisterlos genug machen, weßhalb ihm die Eltern in Allem seinen Willen lassen müssen. Sein jüngeres Schwesterchen dagegen, das leider den ganzen Winter den Doktor gebraucht und auch jetzt in den Federkissen seines Bettchens tief versenkt liegt, zeigt sich als das gerade Gegentheil von ihm. Es sei das beste Kind von der Welt! – rühmt es die Mutter, Tagelang bleibe es liegen, wo sie's hinlege und störe sie in nichts, sobald es nur seinen Lutscher habe und was koste der, als ein wenig Zucker und Brotkrumme! Wenn der Mehlbrei, – und sie koche ihn doch absichtlich recht steif, – nur besser bei ihm anschlüge! (fügt sie klagend bei,) aber es setze sich Alles in den Bauch, der werde kugelrund und Aermlein und Beinlein blieben wie Schwefelhölzchen. Nächstens werde das Emilie zweijährig und vom Stehen sei noch keine Rede bei ihm; auch leide es an den Augen, gäb wie sie es vor dem kleinsten Luftzuge behüte!

Die arme Frau ahnt es nicht, daß sie allein mit ihrer unvernünftigen Pflege der Gesundheit ihrer Kinder hindernd im Wege steht.

6. Wo's noch übler aussieht.

Es giebt viel hundert Wohnungen, darin es noch weit schlimmer aussieht, in denen z. B. neben den Gliedern derselben Familie wildfremde Menschen, Kostgänger, die gleichen Räume, ja Schlafgemächer bewohnen und überfüllen. Sogenannte Haushaltungen giebt es, wo der Mann den größten Theil seines Erworbenen in's Wirthshaus trägt, die Frau das, was in ihre Hände kommt, an Flitter, an Leckereien, an Lustbarkeiten verschleudert. Allmälig wird sie gleichgültig; wie bisher die Haushaltung, vernachläßigt sie nun auch sich selbst und thut ihr Mögliches, dem Manne den Aufenthalt daheim gründlich zu verleiden. So kommt er immer später und in halbtrunknem Zustande nach Hause, indeß sie mit den Kindern zu darben beginnt. Es giebt gegenseitige Vorwürfe, scharfe und harte Reden, in der Leidenschaft und dem Trunke wohl noch Schlimmeres. Mürrisches Wesen, lieblose Worte werden die tägliche Umgangssprache, Zorn und Verdruß machen den Mann zum Trinker, erst in Wein und allmälig, wenn der seine Wirkung verliert oder bei abnehmendem Verdienste zu theuer wird, in Schnaps. Unzufriedenheit, Verdrießlichkeit setzen sich bleibend bei ihm fest, der gute Muth schwindet, in gleichem Maße die Arbeitslust und Fähigkeit. Er wird ein unzuverläßigerer, schlechtrer Arbeiter; um so besser freilich lernt er das Aufbegehren. Aber je mehr er an Gott und Welt zu verbessern findet, um so schneller geht's Stufe um Stufe mit ihm und den Seinen in den Sumpf des selbstverschuldeten Elends und der Verworfenheit hinein, bis sie alle am Ende hülflos der öffentlichen Wohlthätigkeit zur Last fallen.

Wer wüßte nicht Namen zu solchen Beispielen zu nennen? – Oder wo noch ein besseres häusliches Zusammenleben besteht und keine solche Verlotterung um sich gefressen, da brechen Elend und Jammer an der Hand von Krankheiten, besonders herrschender Seuchen, des Nervenfiebers, der gefürchteten Cholera mit Vorliebe in die unreinlichen und vernachlässigten Wohnungen. Der Vater, die Mutter werden auf's Krankenlager geworfen, häufig genug zugleich auf's Todbette. Sie sind nicht das einzige Opfer. Ein paar Tage später wird ein zweites Glied der Familie ergriffen und es ist gar nichts Seltenes, ganze Häuser weggerafft zu sehen, indem jede Erkrankung der Seuche nur immer neue Nahrung zuführt. Die Unreinlichkeit steigert sich ja dadurch stets wieder, die sich anhäufenden schlechten Ausdünstungen bilden eine ansteckende Pestluft aus, die alles Leben vergiftet.

Dieß hat leider die Cholera der letzten Jahre überall, fern wie nah, des Unläugbarsten dargethan, während Reinlichkeit und regelmäßiges Leben als eine wahre Schutzmauer gegen die Seuche sich erwiesen.

7. Vom Allerinwendigsten einer schlechten Wohnung.

Aber warum sind denn nur auch gerade die schlechtesten und unfreundlichsten Wohnungen immer so gesucht, als hätten viele Menschen eine angeborne Vorliebe just für Spelunken und weder Augen, Nasen noch Nerven überhaupt? Woher kommt das? –

Ja, diese schlechten Wohnungen, – hören wir entgegnen, sind halt viel wohlfeiler als jene gut eingerichteten, und darauf muß der gemeine Mann bei so theurer Zeit vor Allem sehen. Sie liegen auch nicht so weit ab vom Mittelpunkte des Verkehrs und des täglichen Erwerbes wie jene luftigern, besser eingerichteten, die draußen vor den Thoren, an irgend einem Ende der Stadt stehen!

Hierin liegt Etwas, wenigstens für den ersten Blick, wenn auch ein wenig Bewegung in freier Luft, bevor man sich halbe Tage lang ununterbrochen in eine Fabrikstube setzt, hinter einen Webstuhl stellt, gewiß weit mehr anzurathen als zu vermeiden ist. Doch lassen wir die Antwort gelten und fragen nur: warum sieht's denn bei diesen an sich schon so schlechten Wohnungen auch drinnen so liederlich und verwahrlost aus? Warum stößt man innert den vier Wänden noch extra auf Unreinlichkeit, Unordnung und verkommenes Wesen? Warum wird der letzte Lichtstrahl durch die schmuzigen Scheiben auch noch abgewehrt? die feuchte Luft noch besonders verpestet? die morsche Diele mit einer Kruste Unraths eigens überzogen? der beschränkte, schlecht eingetheilte Raum durch Unordnung noch mehr verstellt?

Da kann nicht mehr von Einschränkung, von Genügsamkeit die Rede sein. Dieß zeigt vielmehr, daß für solche Bewohner Reinlichkeit, Ordnung, Wohnlichkeit überhaupt keinen Werth haben, daß ihnen im Gegentheil eine derartige Umgebung zusagen muß, ihr Wesen und Treiben darin sich nicht belästigt, nicht beengt findet, sondern beides vielmehr ganz zu einander paßt. Wenn man mit Recht behauptet, von der Wohnung und Umgebung des Menschen lasse sich auf diesen selbst und seine Neigungen und Gesinnungen schließen, so sieht es eben in solchen Leuten selber nur zu oft dumpfig, lichtscheu, unsauber, verschlossen aus. Die innere Unordnung versteckt sich hinter die äußere wie hinter einen Schild und Scheuern, Lüften, Ordnungschaffen thäte in derlei Köpfen und Herzen nicht minder Noth wie in den von ihnen bewohnten Zimmern und Kammern und Vorräumen.

Dieß inwendige Verlottern kommt nicht plötzlich über Nacht. Häufig ist schon früh bei der Erziehung gefehlt, der Sinn für Reinlichkeit und Ordnung nicht geübt und genährt worden: der Vater war wenig zu Hause, die Mutter hatte alle Hände voll zu thun und griff's sonst nicht zum geschicktesten an, die Umgebung war auch nicht darnach, wo hätte da das Kind drauf merken lernen? Später aber war man an die Vernachlässigung gewöhnt. Bei dieser Gleichgültigkeit bleibt es nun nicht, es setzt sich allmälig noch Andres dran und macht aus arg ärger.

8. Ein Wörtlein über Zerstreuungen und Erholungen.

Jeder Mensch will seine Erholung, seine Vergnügen haben und wer im Schweiße des Angesichts arbeitet, dem sind diese doppelt zu gönnen. Nun kann's einer Seele aber in solch schlechten Wohnungen unmöglich wohl werden, wo einen Alles so unfreundlich und unwirthlich ansieht. Man sucht deßhalb seine Freude sonstwo; Gelegenheiten gibt's genug, täglich werden noch neue erfunden und in allen Blättern dazu eingeladen, – zu ermäßigten Preisen sogar. An diesem Vergnügungsorte, in jenem Wirthshause sieht's dann freilich heitrer aus als in dem Neste daheim, man wird noch obendrein wie ein Herr behandelt, die Gesellschaft ist unterhaltend, ein gutes Glas Wein, ein schmackhaftes Bißlein, das Alles findet sich da, und wie appetitlich! Der Arbeiter verdient ja seinen schönen Batzen, was soll er nicht auch einmal sich wohl sein lassen, nicht eine Zerstreuung haben? Und diese Gelegenheiten außer dem Hause gefallen einem so gut, daß man sie bald wieder und immer häufiger sucht, dem Hause vollends den Rücken kehrt, kaum noch drin schläft.

So trinkt man in der fremden Wirthschaft stets eifriger auf den Verfall der eignen; die Zerstreuungen schlagen so wohl an, daß von einer Sammlung, der Sammlung im eigenen Hause, keine Rede mehr ist.

Wenn es nur keine schlechten Zeiten, keine kranken Tage gäbe und das lustige Leben die Arbeitslust nicht untergrübe! mit einem Worte: wenn der Mensch nur einzig auf der Welt wäre, seinen Lüsten zu dienen! Da dieser nun aber nicht blos für den Tag lebt, sondern für die Ewigkeit, so geht's unter lauter Zerstreuung und Lustbarkeit erst allmälig bergunter, bald rascher und man langt vergeblich da- und dorthin, an morsche Latten und in Glasscherben nach Hilfe. Pflicht und Gewissen und Ehrbarkeit werden auch nicht zu lange mehr berathen, dunkle Winkel aber, unsaubre Betten, ungewischte Bänke und Tische, schmuzige Hände und Unordnung überall sind dann für einen solchen Zustand wie geschaffen.

Wo jener leichtfertige Sinn sich festgesetzt hat, ja da mag man dann lange gute und gesunde Wohnungen bauen. Das Wohlsein daheim kommt ja in keinen Betracht und die kurzsichtige Verkehrtheit verwendet die paar Franken ersparten Hauszinses schon im Voraus zu der und jener Lustbarkeit, diesem Flitterzeug, selber Leckerei, ohne zu bedenken, daß Doktor und Apotheker kommen und darauf und auf noch mehr Beschlag legen möchten.

9. Vom Fundamente des Hauses.

Erholung, Freude, Wohlbefinden dürfen nicht unterdrückt werden, bei Leibe nicht! und ein gesundes Herz und ein gesunder Leib sollen dieses Glückes, mit welchem Gott die Arbeit so gerne krönt, noch erst recht genießen. Aber sie dürfen nicht mehr auf Mistbeeten aufgeilen, sondern müssen in gutem Grund und Boden kräftige, lebensfähige Wurzeln schlagen. Dieser Grund und Boden aber ist kein anderer als der des eignen Hauses, des eignen Hauses, auch wo man mit Weib und Kind zur Miethe wohnt. Hier, bei sich daheim, kann der Aermste reich sein und der Abhängigste Herr und Meister von Gotteswegen, der Niedrigste wird sich da gehoben fühlen und das Vergnügen kostet hier weder viel Geld, noch trägt es den Stachel der Reue. Auf dieser Grundlage wächst allein jene innere Kraft, welche die Stürme erträgt und der Verweichlichung durch gute Tage widersteht. Nur auf dem Boden des Hauses wird auch in Wahrheit der Ehestand zu dem, was er sein soll, nach dem alten Spruche: zu dem rechten Zuchtmeister, der den Menschen erzieht für Zeit und Ewigkeit, und nicht, wie so manche halt- und bodenlose Ehe, zu einer lebenslänglichen Strafanstalt. Durch gar nichts ist der Segen des Familienlebens zu ersetzen, der auf dem natürlichsten Wege aus jedem Augenblicke des Beisammenseins neue Nahrung zieht, aus dem Munde des Vaters, dem Beispiele der Mutter, der Anhänglichkeit und dem Gedeihen der Kinder, aus der Liebe, die Alle verbindet und dem Gewöhnlichsten eine Bedeutung gibt.

Um aber zu dieser Erholung, dieser Freude, diesem Glücke zu gelangen, muß es einem vor allem daheim innert den vier Wänden an Leib und Seele wohl sein, man muß sich wirklich heimisch fühlen können. Wie wird dieß möglich?

10. Wer der wahre Baumeister ist.

Gewiß wird es immer bessre und weniger gute, ja geradezu schlechte Wohnungen geben und der Arme wird letztere nie ganz meiden können. Ihre Lage in Mitten der Städte, in der Nähe der Vermöglichen wird ihn sogar anziehen und auch eine genaue Aufsicht der Gesundheitspolizei mag vollauf Arbeit haben, nur die schreiendsten Uebelstände abzustellen, weil sie das einzige Mittel, das bleibt, manche Wohnungen unschädlich zu machen, nämlich sie zu schließen oder niederzureißen, nicht anwenden kann. Aber ebenso gewiß ist es auch wieder, daß die schlechteste Wohnung sich verbessern läßt, die empfindlichsten Nachtheile sich heben oder mindern lassen. Dazu jedoch ist Eins unerläßlich, das Eine, daß ein Jeder selbst die Hand anlege. Denn wie der Bewohner eine vorzügliche Wohnung zu einer nachtheiligen umwandeln kann, so ist er ebenso der Hauptbaumeister, der eine schlechte Wohnung zu einer guten und gesunden zu erheben vermag, ein Baumeister zugleich, den alle Baumeister der Welt nicht zu ersetzen im Stande sind.

Dieser zu sein oder zu werden, dazu rüste du dich, der du's bisher vielleicht versäumt hast, nur aus mit gutem Willen und Aufmerksamkeit; mehr bedarf's nicht! Mit diesen schon wirst du deine Wohnung gesund und wohnlich einrichten und dem Wirthshaus, den Lustbarkeiten draußen, dem Flitter und der Hoffahrt gegenüber, dir ein sicheres Haus bauen, darin gut wohnen ist, das der Stamm ist, darauf du allein gedeihest, darauf deine Kinder und Kindeskinder wachsen und dir zum Segen reifen werden!

Weil aber Alles in der Welt will gelernt sein und jedes Handwerk seine besondern Vortheile und Vorschriften hat, auch wenn diese durch bloße Gewohnheit von Kindsbeinen an und ohne besonderes Kopfzerbrechen sich aneignen ließen, so soll jetzt hier zu gutem Ende zusammengestellt werden, was solchem Baumeister einer gesunden Wohnung zu wissen Noth thut. Besondere Kosten sind keine mit verbunden, das Geheimniß ist bald geoffenbart und die Kunst leicht zu lernen, nur macht aber auch hier Uebung allein den Meister. Luft, Licht, Reinlichkeit und Ordnung indeß sind die Bausteine und das Pflaster, daraus unter Gottes Segen Jeder sich eine gute und für Leib und Seele gesunde Wohnung aufführen kann!

Sehen wir zu, wie man diese am besten handhabt und am passendsten verwendet.

11. Die Luft.

Die Luft zählt zwar für nichts. „Niemand kann von der Luft leben!“ – hört man als gewöhnliche Redensart. Das ist aber grundfalsch; da verstanden's die Alten besser, welche Luft die Nahrung, das Futter des Lebens nannten. Und mit Recht, denn sie ist für unsern Leib gerade ein so nothwendiges und unentbehrliches Nahrungsmittel als Speise und Trank.

Athmen ist nicht nur, daß man Luft einzieht und sie nachher wieder ausbläst: die ausgeathmete Luft ist eine ganz andre als die eingezogene, und was inzwischen mit ihr in der Brust vorgegangen, das ist eben das Wichtige und der Zweck des Athmens. Das Blut hat da in der Lunge schnell das, was ihm zur Erhaltung des Lebens nothwendig ist,[A] aus der beim Einathmen zugeströmten frischen Luft an sich gezogen und dagegen sein Unnützes und Verbrauchtes abgegeben, das dann beim Ausathmen mit dem Uebrigen als umgewandelte und nunmehr unbrauchbare Luft wieder aus der Brust ausgestoßen wird und sich mit der Luftmasse außer dem Menschen, sei's in einem Zimmer oder im Freien, vermischt. Dieß wiederholt sich bei jedem Athemzuge. Daß die abgeschlossene Zimmerluft dadurch allmälig verschlechtert wird, ist leicht zu ermessen. Daraus läßt sich denn auch entnehmen, wie die Luft keineswegs so gleichgültig ist, sondern sie einerseits um so nachtheiliger sein wird, jemehr jene Bestandtheile, welche als unbrauchbar vom Blute durch das Ausathmen[B] und durch die Hautausdünstung[C] an sie abgegeben werden, in ihr sich anhäufen. Anderseits aber muß sie um so vortheilhafter sein, je ungeschmälerter sie den Bestandtheil enthält, welcher zur Neubelebung des Blutes taugt.

Es ist nun vom lieben Gott einmal so weise eingerichtet, daß es nicht erst besonderer Vorkehrungen bedarf, diese uns zuträgliche Luft mit Mühe und Kosten herzustellen. Im Gegentheil ist diese gerade die beste, die unter dem freien Himmel liegt und in welche das Gras des Feldes und die Bäume des Waldes ungehindert hineinwachsen. Es ist somit genug gethan, wenn man solcher frei und überall vorkommenden Luft möglichst leichten Zutritt verschafft. Nun ist's weiter eine einfache Rechnung: wo in einer Stube viele Leute sind, da wird das uns Zuträgliche aus der Luft durch's Einathmen gewiß schneller weggenommen und umgekehrt, durch's Ausathmen mehr Verbrauchtes drin angesammelt werden, als wo nur eine Person sich aufhält. Die Luft des Zimmers wird also immer schlechter werden und um so schlechter, je kleiner seine Luftmenge, d. h. sein Raum ist.

Es braucht gar keiner feinen Nase, um die schlechte Luft zu erkennen. Wer z. B. Morgens aus dem Freien in ein Schlafzimmer tritt, namentlich in eins, darin mehrere Leute die Nacht zugebracht, den wird es auf der Brust schnüren. Wo längere Zeit in einem geschlossenen Raume viele Menschen beisammen gehalten werden, steigert sich die Athembeschwerde bis zu Taumel, Uebelkeit und Ohnmacht. Darum ist ja auch auf überfüllten Schiffen die Sterblichkeit so groß. In Calcutta wurden in der sog. schwarzen Höhle 146 Menschen zusammengesperrt; innert 10 Stunden gingen davon 123 zu Grunde und zwar bloß, indem die Luft durch's Athmen der Eingeschlossenen und keineswegs etwa durch andere schädliche Dünste und Gase verdorben wurde. Kommt nun hiezu noch Oelqualm, Ofenrauch, die Ausdünstung von feuchten Wänden, trocknender Wäsche, von Abgang und Speisen, von Abtritten und Baugruben, Kellern und Cysternen, so ist klar, daß die Luft noch viel untauglicher zum Athmen werden muß. Diese Extraverschlechterung gehört indeß größtentheils ins Capitel der Reinlichkeit, von welcher sich's wohl lohnt, noch besonders ein Wörtlein zu reden. Hier nur soviel: Man kann lange frische Luft in eine Stube, eine Kammer, einen Vorraum hereinlassen, es wird nicht viel damit gewonnen sein, wenn angehäufter Unrath, verwesender Abgang, ein stinkender Wasserstein u. drgl. durch ihre Ausdünstung die Luft fortwährend verderben. Nicht fleißig und schnell genug können darum alle Stoffe, welche die Atmosphäre verunreinigen, aus bewohnten Räumen entfernt werden.

Etwas Andres ist es mit der ganz unvermeidlichen Verschlechterung der Zimmerluft durch's bloße Ausathmen und Ausdünsten der Bewohner, wobei es sich um den gehörigen Zutritt guter und frischer Luft handelt, als Ersatz und Verbesserungsmittel der verbrauchten.

Dieß Herbeiziehen frischer Luft beschäftigt auch, um seiner Wichtigkeit willen, besonders in neuerer Zeit wieder, die Sachverständigen in hohem Grade. Zunächst in Beziehung auf Krankenhäuser, Gefängnisse, Kasernen, kurz Räume, in denen viele Menschen angesammelt sind und folglich durch das vermehrte Athmen und Ausdünsten die Luft in größerm Maße verdorben wird. Die Wichtigkeit indeß ist für die Wohnung der einzelnen Familie ganz dieselbe, namentlich wo diese zahlreich und der bewohnte Raum ein beschränkter ist.

Zum Glücke für keine geringe Zahl Menschen erneut und verbessert sich die Luft in den Wohnungen schon großentheils von selber, indem letztere nichts weniger als für die äußere Luft unzugänglich sind. Diese dringt nicht nur durch Thür- und Fensterspalten herein, sondern sogar buchstäblich durch den Mörtel und die Backsteine der Mauerwände,[D] weßhalb es denn z. B. bei empfindlichen Kranken, keineswegs nur Einbildung ist, wenn solche über Luftzug aus dem Mauerwerke klagen. Geht draußen der Wind, so wird dieser natürliche und unterbrochne, wenn auch verlangsamte, Luftwechsel in den Wohnungen noch vermehrt, wie es ja bekannt genug ist, daß man im Winter bei Wind weit mehr heizen muß, als wenn es ohne Wind bloß kalt ist. Ein anderes wirksames Beförderungsmittel für die Verbesserung der inwendigen schlechten Luft durch die zuströmende äußere gute ist auch die verschiedene Wärme im Zimmer und im Freien. Es verlüftet eine Stube des Winters gerade so erfolgreich, wenn man das Fenster nur eine halbe Stunde öffnet, als wenn es des Sommers einen halben Tag lang aufgesperrt wird. Freilich aus dem gleichen Grunde ist dann bei Armen, welche das Holz sparen müssen, und besonders wo Viele beisammen wohnen, die Zimmerluft im Winter um so nachtheiliger: Wenn es drinnen wie draußen fast gleich kalt ist, so wird sich die schlechte Luft in der Stube mehr ansammeln, ohne genügend durch zuströmende gute verbessert zu werden. Deßhalb ist überhaupt auch kalte Stubenluft für die Gesundheit weit schädlicher als kalte Luft im Freien.

Wie bedeutend indeß der natürliche Luftwechsel (Luftverbesserung) im Innern der Wohnungen ist, er hat seine Grenze von wo ab er nicht mehr ausreicht. Diese wird sein, wo der durch Ausathmung und Ausdünstung der Menschen[E] sich verschlechternden Luft von der natürlich zuströmenden guten nicht mehr die Waage gehalten wird;[F] also wohl überall, wo Wohnungen stark bevölkert sind. Für diese Fälle ist man bemüht, künstlich durch allerhand Vorkehrungen genügend gute Luft herbeizuschaffen. Man hat dieß durch die verschiedensten Einrichtungen mittels Pumpen, besonderer Kanäle und Leitungen, mit hohen Kaminen in Verbindung, zu erzielen gesucht. Diese sog. Ventilationsapparate werden namentlich in Kasernen, Spitälern, Gefängnissen, Arbeitsälen u. s. w. angewendet; für einzelne und bescheidenere Wohnungen sind sie indeß zu kostspielig und zu wenig einfach. In diesen letztern, um die es sich hier doch besonders handelt, wird man sich mit zugänglichern und wohlfeilern, wenn auch weniger gründlichen Hülfsmitteln noch eine Weile behelfen müssen. Man wird sich darauf beschränken im Winter, selbst ein bischen auf Kosten der Scheiterbeige, die Fenster gehörig zu öffnen und durch diese noch mehr bessre Luft hereinzulassen, als von selber schon durch Spalten und Mauerwerk hereinkommt. Solches tägliche Lüften ist in den Wohnzimmern immer erforderlich; vor allem aber in Schlafkammern, die ohnedieß schon meist etwas stiefmütterlich behandelt aussehen, hinsichtlich der Räumlichkeit und der Reinlichkeit. Leintücher, und das Bettwerk überhaupt, welches von der Ausdünstung während des Schlafens am meisten durchdrungen wird, sollte man fleißig an die freie Luft hinaus, womöglich an die Sonne, hängen und dort recht auslüften lassen. Ferner sind aus solchen Räumen alle großen Möbeln, welche die so schon ungenügende Luftmenge noch mehr beschränken, zu entfernen, namentlich die Kisten und Tröge und Koffer, die man häufig als Behälter unreiner Wäsche, unter den Betten antrifft.

Wo diese Aushülfe nicht genügt, weil die Zimmerluft durch die vielen Leute, vielleicht Kost- und Schlafgänger, doch immer zu schnell wieder verdorben wird und man ja nicht fortwährend die Fenster kann offen stehen lassen, da muß noch sonst wie Rath geschafft werden und zwar dadurch, daß man einen Theil der Kost- oder Schlafgänger einfach abdankt und auf diese Weise der Luftverderbniß entgegenwirkt, indem eine Verminderung der Bewohner einer Lüftung gleich kommt.

Ist indeß die eigene Familie sehr zahlreich, so läßt sich freilich dem Nachtheile der Ueberfüllung eines beschränkten Raumes nicht auf die gleiche Weise begegnen, wohl aber, wenn man eine geräumigere Wohnung bezieht. Denn ein Raum, in dem vier Personen ganz gesund wohnen, kann für acht oder noch mehr Menschen zu einem wahren Krankheitsheerde werden. Es ist darum auch in Dänemark durch Gesetz vorgeschrieben, wie viel Wohnraum ein lediger und wie viel ein verheiratheter Arbeiter zum Mindesten haben muß. Da es sich um das Beste für den Menschen und sonderlich für den Arbeiter handelt, um seine Gesundheit, so sollte man auch ohne Gesetz zu solchen Veränderungen sich nicht zu lange besinnen.

Man begegnet vielfach der Meinung, daß durch den Luftzug in Oefen und Kaminen, die man in den Zimmern heizt, eine namhafte Reinigung der Luft bewirkt werde. Diese Luftverbesserung aber wird meist viel zu hoch angeschlagen. Genaue Untersuchungen weisen nach, daß sie kaum für mehr ausreicht, als die Luft, die ein einzelner Mensch durch sein Ausathmen verdirbt, wieder herzustellen. Wo daher mehrere oder gar viele Leute beisammen sind, kann der Ofen- und Kaminzug nicht mehr in Betracht kommen. Rechnet man zu diesem geringen Vortheil noch die Nachtheile, welche durch Rauch im Zimmer oder zu frühes Schließen der Ofenklappe leicht entstehen, so wird man dieser Zimmerheizung kaum sehr das Wort reden wollen.

Was die meisten Menschen gegen das Einathmen schlechter Luft so gleichgültig macht, ist wohl vorzüglich der Umstand, daß die nachtheiligen Folgen nur in seltenen Fällen auf der Stelle, und damit recht augenfällig, zu Tage treten. Das Einathmen untauglicher Luft auf kürzere Zeit schadet unserm Körper auch weit weniger, als wenn es auf die Dauer geschieht. Die Wohnungen auf dem Lande sind oft sehr vernachlässigt, indem dort mehr auf die Pflege des lieben Viehes gesehen wird, als auf die der Menschen. Es wird nie gelüftet, dagegen die Stube im Sommer fortgeheizt. Die Fenster sind klein, die Zimmerdecke niedrig, man schläft unter bleischweren Federbetten und Vierfüßer mehr als einer Art theilen neben den Hühnern mit dem Menschen ein und denselben Wohnraum. Dazu ist das Essen oft mangelhaft und nichts im Flor als die Unreinlichkeit. Man trifft deßhalb in Dörfern allerdings auch häufig blasse kränkliche Kinder an. Diese wären indeß noch weit zahlreicher, wenn nicht anderseits, sobald die Leute den Fuß vor's Haus setzen, ihnen die frische Luft aufgezwängt würde, wenn nicht zwischenein Sonne und Regen ungefragt die Naturen stärkten und wieder gut machten, was die Menschen verdorben. Der Landbewohner sitzt nur einen kleinen Theil des Jahres in seiner Stube, je mehr aber die Landbeschäftigung zurücktritt und die Industrie (Weberei etc.) hervor, um so bedeutungsvoller allerdings wird auch für ihn die Frage einer guten und gesunden Wohnung werden.

Durch schlechte Luft wird also nicht auf der Stelle eine Krankheit erzeugt, wohl aber die Gesundheit allmälig, fast unmerklich, geschwächt: der Körper vermag nicht mehr schädlichen Einflüssen kräftigen Widerstand entgegenzusetzen; was immer für eine Art Krankheit gerade herrschen mag, Schleimfieber oder Katarrh, Entzündung oder Ruhr, keinen Augenblick ist er vor ihnen sicher. Tritt gar irgendwo die Cholera, das Nervenfieber auf, ja dann sind es diese schlechtgelüfteten Wohnungen und ihre armen Bewohner jedenfalls zuerst, welche dem Besuche des furchtbaren Gastes blosgestellt sind.

Beinahe schlimmer noch als diese rasch verlaufenden Krankheiten zeigen sich inzwischen jene kriechenden, heimtückischen, die am Marke ganzer Generationen zehren und sie langsam zu Grunde richten. Wir meinen solche wie die Drüsenkrankheit (Scropheln) und die Lungenschwindsucht (Tuberkeln). Für diese ist jene allmälige Schwächung und Vergiftung des Körpers, wie sie das Einathmen verdorbener Luft herbeiführt, gerade der gangbarste und sicherste Weg ihre Opfer zu erreichen. Ohne Aufsehen serbeln in solchen Wohnungen schon die Kinder hin, man weiß nicht, woher das kommt, wann es angefangen, hat nie einen Feind bemerkt: unsichtbar in der dumpfigen Luft schwebend hat dieser auf das zarte Leben gedrückt, immer schwerer und schwerer, bis er's endlich erstickt. „Die Luft ist ja Nichts! man lebt nicht von der Luft!“ – nun, so stirbt man aber doch von ihr.

12. Das Licht.

Hat Einer einen Blumenstock, so stellt er den vor's Fenster oder trägt ihn hinaus an die Tonne, denn er weiß, daß er ihm im Schatten welk und siech wird, die grünen Blätter erblassen und nur saft- und kraftlose Triebe aufschießen. Er weiß auch, daß die Knospen und Blüthen stets nach dem Lichte sich hinwenden und wachsen, wenngleich man immer wieder sie anders kehrte. Das gleiche Bedürfniß der lieben Gottessonne hat nun auch der Mensch und besonders als Kind. Nicht vergebens zieht es einen an schönen Frühlingstagen an allen Haaren hinaus, die liebe Sonne sich auf den Rücken scheinen zu lassen und die sonnendurchwärmte frische reine Luft in vollen Zügen einzuathmen. Daß dieß nicht bloße Vergnügenssache, sondern wirkliches Bedürfniß ist, zeigen uns die armen Menschen, die ihres Lebens größten Theil hinter geschlossnen trüben Fenstern, zwischen engen Mauern in sonnenlosen kalten Hinterhäusern und Erdgeschossen, ja gar unter der Erde in Kellern zubringen müssen. Sie sehen da gerade so aus wie jene armen serbelnden Pflänzchen, die mit aller Gewalt ans Licht möchten und können doch nicht. Da schwinden die rothen Backen, der frische gute Muth, der lebendige Blick. Dafür wird die Haut bleich und schlaff, Kinder sehen alt und ernst aus, es entwickeln sich bei ihnen leicht Augenübel, Drüsenkrankheiten, bei Aeltern Wassersucht, besonders wenn, wie gewöhnlich der Fall, noch Mangel an frischer Luft und Unreinlichkeit dazu kommen. Es müßte auch, schon ganz äußerlich betrachtet, ein Gemüth sehr verfinstert sein, auf das nicht der erste helle Frühlingsstrahl einen heitern Eindruck übte. Freilich ist's fatal, wenn dieser dabei auf einen schmierigen Fußboden, auf unsaubre Wäsche und Gesichter oder auf unordentliches Geräthe fällt, denn gar unerbittlich hebt er nur viel schärfer all die Gebrechen hervor. Um aber da der heilsamen Kraft nicht verlustig zu gehn, sondern ihr herzhaft Thür und Fenster öffnen zu können, wird es am besten sein, man richte sich so ein, daß man das Sonnenlicht nicht zu scheuen hat und dieß geschieht durch Reinlichkeit.

13. Reinlichkeit und Ordnung.

Reinlichkeit und ihre Schwester die Ordnung, sind die Grundlage aller Wohnlichkeit und Behaglichkeit; ebenso sehr auch ein Hauptmittel der Gesundheit. Wie sie die Armuth der Hütte verklären, so erlischt ohne sie die Pracht des Palastes. Sie umfangen Alles: den Menschen selbst, seine Kleidung, seinen Hausrath, seine Arbeit und die ganze Umgebung. Der einfachste und gebrauchteste Tisch von Tannenholz, das gröbste und geflickteste Hemde, wenn sie ganz und rein sind, stehen hoch über einer unsaubern Commode von Mahagoni, einem schmuzigen gefältelten Vorhemdchen mit vergoldetem Knöpfchen drin. Nehmt dasselbe Zimmer, die gleichen Geräthe, die in ihrem unreinlichen und unordentlichen Zustande euch vor Unbehaglichkeit hinaustreiben, und reiniget Alles gründlich, wascht den Fußboden, das Getäfel, die Fenster, den Tisch, die Bettstelle, ebenso die Vorhänge, die Bettwäsche, stellt Jedes dahin, wo's hingehört und ihr werdet euch in einer neuen Welt finden, in der euch wohl und heimisch ist und darin Alles, auch das Geringste, besser, freundlicher, weniger armselig aussieht.

Es giebt zwar genug Leute, welche meinen, Reinlichkeit trage nichts ab und habe mit dem Wohlsein nichts zu schaffen. Demgemäß lassen sie denn auch auf ihrem Leibe sich ansammeln und ansetzen, was nur immer Lust hat. Und unter ihrer Kruste von Unreinigkeit und abgestandener Haut empfinden sie freilich nichts von dem stärkenden erfrischenden Gefühle, das nach einem Bade den ganzen Körper durchströmt, als fließe nun das Blut freier, kräftiger durch alle Adern durch. Nichts ist zuträglicher für die Gesundheit als solche Bäder, oder, wo sie nicht möglich und im Winter, als Ersatz kaltes Waschen des Körpers. Viele Krankheiten, und vor Allem die ganze Reihe der langweiligen Erkältungskrankheiten, können buchstäblich weggewaschen werden, indem die Haut durch's Waschen belebt, gestärkt wird und so dem Einflusse der wechselnden Witterung widersteht. Besonders für Kinder, deren Haut so saftreich und thätig ist, zeigt sich das kalte Waschen heilsam und kräftigend.

Nicht umsonst hat der alte Moses seinen Israeliten so bestimmte und einläßliche Vorschriften über die Reinlichkeit gegeben, ja dieselbe zu einer religiösen Pflicht gemacht. Wie viele Christen hätten da von den Juden zu lernen! Ueberhaupt steht unsre Zeit hierin der der Alten bedenklich nach. Wie ganz anders sah's z. B. in dem alten Rom aus, als in unsern neuen Städten, das modische Paris nicht ausgenommen! Ueberall waren dort öffentliche Bäder eingerichtet, die man regelmäßig benützte. Kostbare Riesenbauten, deren Ueberreste die Welt noch jetzt anstaunt, führten das beste Wasser weit aus dem Gebirge herbei. Keine Gelegenheit war da zu ferne, kein Preis zu hoch, man rechnete nicht ängstlich die Zinse nach, denn es betraf ja Gesundheit, Wohlsein des Volkes und alle Welt genoß der Wohlthat guten und reichlichen Wassers. Anderseits führten die großartigsten unterirdischen Gänge und Kanäle (Kloaken) alles Unreine, allen Abgang sogleich aus dem Bereiche der Menschen weg.

Im Gegensatz hiezu leiden bei uns nur zu häufig Arme und Reiche gleiche Noth an gutem Wasser und da ist die ganz nothwendige Folge eben die Unreinlichkeit; am auffallendsten freilich immer in der Wohnung des Aermern. Wo man jeden Tropfen weit herholen und sparen muß, ja da wird beim Fegen und Waschen keine große Verschwendung getrieben und man läßt schon eher etwas „zusammenkommen“. Ganz natürlichen Schritt hiemit hält die Gleichgültigkeit gegen schlechte Ausdünstungen, aus Winkeln und feuchten Höflein, gegen Gerüche aus Mistgruben, Abtritten und Cysternen, aus mangelhaften Dohlen und Löchern, in denen der Abfluß sog. Wassersteine stehen bleibt. Da ist keine Vorkehrung getroffen, es wird für keinen Ablauf, für keine Reinigung gesorgt. Wozu sollte dieß auch ein Einzelner? fünfzig, hundert Menschen vielleicht, benutzen ja die „Gelegenheit“, was sollte Einer den Narren machen für die Andern? Und so athmen denn Hunderte und Tausende vieler Orten diese verpestete Luft und es hilft dann allerdings nicht viel, zur Verbesserung der verdorbenen Zimmerluft die Fenster zu öffnen und diese vielleicht ebenso schlechte Luft hereinzulassen. Wie's da aber hernach aussieht, und namentlich in großen Städten (wo die Menschen enge wohnen und die übeln Ausleerungen massenhaft sich ansammeln,) wenn ansteckende Krankheiten, z. B. Cholera, ausbrechen, das zeigen die Sterbetabellen leider nur zu deutlich.

Es ist hier allerdings mehr das Gebiet der obrigkeitlichen Fürsorge und der Einzelne, besonders der Miether, wird unmittelbar kaum viel mehr zur Verbesserung beitragen können, als daß er selber so wenig als möglich Ansammlung von solchem Unrathe in seiner Nähe veranlaßt und auf Abhilfe der baulichen Uebelstände dringt, denen mit einiger Leichtigkeit zu begegnen ist. Wo es dagegen schwer, vielleicht unmöglich zu helfen, da wird er am klügsten handeln, solche gefährliche Nachbarschaft oder Einrichtung zu fliehen, indem er auszieht. Im Ganzen aber ist es schon ein Gewinn, wenn nur die allgemeine Aufmerksamkeit sich auf Dergleichen richtet, der Uebelstand als solcher erkannt, das Bedürfniß empfunden wird; einmal so weit und die Abhülfe wird auch selten mehr gar zu entfernt sein.

Reinlichkeit kann Jeder üben, selbst der Aermste, es kostet kaum mehr als ein bischen Mühe. Und laßt sie nur einmal irgendwo recht Wurzel schlagen, sie wird sich bald über eure ganze Umgebung verbreiten. Wer seinen Körper reinlich hält, der wird nicht allein auch auf frische und saubere Wäsche halten, sondern zugleich seine Kleider weniger verunreinigen. Er wird keinerlei Abgang nur so in die Ecke werfen; sein Auge wird empfindlich: ein ungescheuerter Tisch, ein schmuziger Fußboden werden ihm bald zum Greuel und den Fliegen mag er fürder weder das Glas des Spiegels, noch der Fenster zum Mißbrauche überlassen. Bricht einmal leidigerweise eine Scheibe, dann schickt er doch lieber zum Glaser und nimmt sich vor, künftighin vorsichtiger zu sein, als daß er das Loch nur so mit einem Lumpen zustopft oder ein Papier drüber klebt. Abfall von Speisen in der Küche, Kehricht, gebrauchtes Waschwasser und dergleichen Alles wird nicht Tage- und Wochenlang aufbewahrt, sondern im Gegentheil sofort aus der menschlichen Nähe geschafft. Jeden Morgen werden alle Räume, Treppen wie Zimmer, gescheuert, wöchentlich auch gefegt; das versteht sich bald von selbst und verursacht wenig Mühe und Unbequemlichkeit mehr. An den blanken Fenstern will man saubre Vorhänge erblicken, je nach vier, sechs Wochen versieht man die Betten mit frischen Leintüchern und hängt wöchentlich, beim Wechseln der Leibwäsche, auch ein reines Handtuch hinter die Thüre. Alle paar Jahre wird man überdieß im Frühjahr finden, die Zimmerdecke sei den Winter über durch Ofenrauch und Oeldampf doch auch gar zu schwarz geworden und entstelle das ganze Zimmer. Man rechnet zwar, sperrt sich, indeß am Ende wird der Reinlichkeitssinn siegen und der Entschluß wird gefaßt, zum Gypser zu schicken und weißen zu lassen: es gefalle einem dann nachher noch eins so wohl zu Hause!

Schon durch diese regelmäßig wiederkehrende Thätigkeit aber wird eine bestimmte Zeiteintheilung, mit dieser von selbst die Ortseintheilung, das heißt eine allgemeine Ordnung sich ergeben, ohne daß man eigentlich sieht wie? bei der man blos sich sehr behaglich, zufrieden, glücklich fühlt und in welcher der gesammte Haushalt nur mit der halben Mühe gegen früher scheint geführt zu werden. Nehmen dabei die einzelnen Staats- und Modestücke auch ab, man wird sich trösten und weniger das Bedürfniß haben, etwas vorstellen, scheinen zu wollen, weil man das innerliche Gefühl hat, daß man wirklich etwas ist. Sieht inzwischen die Frau auf der Straße nicht wie eine Dame aus, ei nun, so gleicht sie dafür im Hause doch keiner Hexe mehr: eine bequeme, einfache, reinliche Kleidung wird in ihr stets die Hausfrau erkennen lassen. Gleicherweise hält sie ihre Kinder reinlich und einfach und scheucht weder durch vernachlässigten Aufzug und Unordnung, noch durch im Zimmer zum Trocknen aufgehängte Wäsche den Mann ferner in's Wirthshaus hinaus.

14. Recht sehen und richtig rechnen.

Die Bewohner aber, die einmal so in's rechte Geleise gekommen sind, werden auch von selbst bald anders sehen und anders rechnen lernen.

Sie werden nicht nur merken, daß ihre ordentliche und reinliche Wohnung und die damit verbundene Lebensweise ihnen mehr zusagt, als die frühere vernachlässigte und ihnen, wie man sagt, dabei um's Herz wohl ist, sondern auch, daß sie auf die neue Weise in Allem besser fahren. Und wem wirklich der gute Stand seiner Wohnung eine angelegentliche Sache ist, wer mit der Lüftung, der Reinlichkeit und Ordnung desselben Ernst macht, der wird auch bald erkennen, wie weit er helfen kann und an welche Uebelstände seine Hand nicht mehr hinanreicht. Liegen diese in fehlerhafter Bauart, in schlechter Einrichtung, in nachtheiliger Umgebung, so wird er, wenn er zur Miethe wohnt, sich mit Vorstellungen an den Hausbesitzer wenden. Er wird Manches so erlangen können, weil der Eigenthümer gerne an seinem Hause etwas verbessert, wenn er sieht, daß sein Miethsmann ihm zu der Wohnung Sorge trägt, sie im guten Stande hält, nicht Alles drin und dran verlottern läßt, wo ihn sonst freilich jeder Batzen reuen würde. Solches wirkt oft mehr als alles Bitten und Beten. Wer in seinem Haushalte Ordnung hat, der ist auch ein regelmäßiger Zahler, es braucht keines Mahnens und Zuwartens, wenn der Zinstag da ist; man hat von solchen Leuten überhaupt weniger Störung, Verdrießlichkeiten zu erleiden und so ist es, neben dem natürlichen Wohlwollen, zugleich der wohlverstandene Vortheil des Hausherrn, wenn er seinem Miethsmanne sich gefällig zeigt. Thäte er dieß thörichter Weise nicht, oder ließe sich großen Uebelständen überhaupt gar nicht abhelfen, dann würde sich freilich der auf ein ordentliches und gesundes Quartier haltende Bewohner nach einer andern, gesundern, bessern Behausung umsehen müssen. Sie zu finden, würde ihm wohl nicht zu schwer fallen, denn einmal ist sein Auge geübt, er weiß, worauf es ankommt, was nachtheilig und was vortheilhaft ist und tappt nicht mehr gleichgültig oder unverständig in den ersten besten Raum, der sich ihm aufthut, ohne nur zum Fenster hinausgesehen zu haben, oder es zu beachten, wenn er mit dem Kopfe fast an die Zimmerdecke stößt. Und dann werden seine Ordnungsliebe, seine Pünktlichkeit, sein guter Ruf ihn den Hausbesitzern empfehlen vor zehn nachlässigen und leichtfertigen Miethern, wie sie alle Vierteljahr aus- und einziehen und ohne welche die Zahl der elenden Wohnungen bald sich vermindern würde, weil die Waare stets nach dem Käufer sich richtet.

Es ist möglich, ja wahrscheinlich, daß, wer auf ein freundliches, gesundes, wohnliches Logis sieht, etwas mehr Miethe zahlen muß als für eine Spelunke. Daneben wird er rechnen: So viele Franken muß er allerdings jetzt vierteljährlich mehr ausgeben, was hat er dafür? In der sonnigen heitern Behausung kann er im Frühjahr und Spätherbste wenigstens ein paar Wochen lang das Heizen sich ersparen, das ihm nun, gegenüber dem frühern feuchten und kalten Winkel, die bloße Sonnenlage abnimmt. Dann geht ihm von seinem Hausrathe, von Bettwerk und Kleidern in der trockenen und luftigen Wohnung weniger zu Schanden als in einem dumpfigen Loche, wo sich überall Schimmel und Faulflecken ansetzen. Die Hauptsumme indeß, die er gewinnt, besteht in den Franken, die ihn seine kränkelnde Frau und Kinder vordem kosteten und die in der gesunden Wohnung nun ganz oder zum großen Theile erspart werden. Es ist nicht nur das Geld, welches baar an Doktor und Apotheker ausgegeben wird, sondern auch jenes noch, das er in der Zeit zu verdienen versäumt, der ganzen Zeit, die Krankheit und Pflege der Seinen oder eigene Erkrankung ihn zu Hause festhielten.

Von den Bewohnern solcher geordneten, reinlichen und gesunden Wohnungen, auch wenn sie in Fabriken arbeiten, gilt dann die allgemeine Annahme nicht mehr, daß ihre Lebensdauer eine viel kürzere sei, als die der vermöglichen Klassen. Daß von dieser größern Sterblichkeit die Wohnung und Lebensweise daheim weit mehr der Grund sind als die Arbeit, das beweisen am schlagendsten z. B. jene Arbeiterfamilien in den Musterwohnungen der Stadt London. In diesen sterben von tausend Menschen im Jahre höchstens 13 bis 14, während in andern schlechtern Häusern, ganz im gleichen Quartiere, ja mitten unter jenen Musterwohnungen, 27 bis 28 Todesfälle vorkommen. Solche Erfahrungen und Zahlen reden denn doch deutlich und es scheint, Jeder dürfte sie gar wohl mit in die Rechnung bringen, wenn er eine Wohnung aussucht und den geforderten Miethzins in Erwägung zieht. Wenn sich nun so beim Abschluß der Rechnung zeigt, daß die bess're, theurere Wohnung doch zugleich die billigere ist, so kann kein Vernünftiger mehr in seinem Entscheide schwanken, besonders wenn er ja noch Behagen, Zufriedenheit, Glück, die er darin findet, gratis obendrein erhält.