Jahresberichte über die physikalische Anstalt werden seit 1879 als Beilage zum Jahresbericht der Akademischen Gesellschaft gedruckt.
Ed. Hagenbach-Bischoff.
In den siebzehn ersten Jahren der Periode 1835-1885 ist die im vorigen Abschnitt skizzierte Geschichte der physikalischen Anstalt zugleich diejenige der Chemischen. Auch nach der im Jahr 1852 erfolgten Trennung der Lehrstühle für Physik und Chemie blieben beide Institute, sowohl im Falkensteiner Hof als im Museum und später im Bernoullianum neben einander, und theilten ein so ähnliches Schicksal, dass wir — um bereits Gesagtes nicht zu wiederholen — uns kurz fassen können.
Der Glanzpunkt in der Geschichte der Anstalt fällt in die Zeit des Falkensteiner Hofes, wo, mit geringen Mitteln ausgeführt, die Epoche machenden Arbeiten von Schönbein über das Ozon und die Schiessbaumwolle die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt auf Basel lenkten. Heute, nachdem die Zahl ähnlicher Fälle von Allotropie und salpetersauren organischen Verbindungen sich ausserordentlich vermehrt hat, ist man kaum noch im Stande, die Summe von Scharfsinn zu würdigen, welche solche Entdeckungen erforderten, und das Aufsehen zu begreifen, welches sie damals hervorriefen. Dass schon vor Schönbein ein explodierbares Nitroamylum bekannt war, und dass nicht Er, sondern Genfer Forscher die wahre Natur des Ozons erkannten, vermindert durchaus nicht sein hohes Verdienst.
Durch seine geniale Persönlichkeit wirkte Schönbein auch als Lehrer äusserst anregend; aber die Spezialität seines Forschungsgebietes, die Originalität seiner Untersuchungsmethoden, sein Bedürfniss als Pionier der Wissenschaft, frei und unabhängig seine eigenen ungebahnten Wege zu gehen, alles dies und wohl auch der Mangel au Platz brachten es mit sich, dass er nur wenige Bevorzugte in sein Laboratorium aufnahm und den praktischen Unterricht, namentlich in der Analyse und in der organischen Chemie, nie streng schulmässig betrieb. Es fehlte in Basel ein eigentliches Praktikantenlaboratorium im modernen Sinne. Und doch wurde der Mangel eines solchen immer fühlbarer.
Die Erweiterung der medicinischen Fakultät, die Einführung des schweizerischen Konkordates für ärztliche Prüfungen, der enorme Aufschwung der organischen Chemie und der für Basel wichtigen Fabrikation künstlicher Farbstoffe, erforderten eine Berücksichtigung im chemischen Unterricht der philosophischen Fakultät. Dies war die nächste Aufgabe des nach dem Tode Schönbeins (1868) als dessen Nachfolger (1869) berufenen Unterzeichneten; welcher Aufgabe, Dank der wohlwollenden Unterstützung von Behörden und Privaten, zum Theil schon im alten Lokal im Museum, besser im neuen Bernoullianum (1874) entsprochen werden konnte.
Im neuen Gebäude erhielt die chemische Anstalt die östliche Hälfte mit Hörsaal, Vorbereitungszimmer, Sammlung, Arbeitszimmer und Privatlaboratorium des Vorstehers, analytisches und technisches Laboratorium für circa 25 Praktikanten, Wagen- und Bibliothekenzimmer, Werkstätte, Vorrathsräume, Keller und Hof. Während der daselbst verbrachten 23 Semester haben 414 Praktikanten (durchschnittlich 18 Praktikanten ohne Lehrer und Assistenten) in 10-45 wöchentlichen Stunden regelmässig gearbeitet. Bei der im Sommer 1885 erreichten Zahl von 41 Praktikanten waren allerdings die Nachtheile einer Ueberfüllung stark zu spüren. Der Vorsteher wurde für die Vorlesungen und das Praktikum, ausser von einem Diener, von je einem oder zwei, im ganzen acht verschiedenen Assistenten unterstützt, von denen drei habilitiert waren und in der Anstalt Spezialvorlesungen hielten.
Von wissenschaftlichen Arbeiten, die aus dem Institut hervorgegangen sind, können summarisch erwähnt werden solche über Chrysin und Tectochrysin, Resorcin, Nitrokresole, Cantharidin und Orthoxylol, Protamin, Anthrachinon, chemisch-physikalische Versuche (Piccard und Schüler); ferner zahlreiche Ergänzungen in den höheren Fettreihen, Dank einer verbesserten Methode der Destillation im luftleeren Raum (Krafft und Schüler); Untersuchungen in der unteren Fettreihe (Kahlbaum); neuerdings die Entdeckung von mehrfachen Chinoylen und Hexaoxybenzol, aus Chinon sowohl, als bei der merkwürdigen Synthese aus Kohlenoxydkalium (Nietzki und Schüler); und in anderen Gebieten von Hagenbuch, Salomon, Fèvre, Beck und Passavant, Andeer u.s.w. Zahlreiche Arbeiten in der angewandten Chemie wurden endlich vom Unterzeichneten während einer provisorischen Amtsdauer als Kantonschemiker ausgeführt, wodurch die chemische Anstalt, soweit als möglich ohne Beeinträchtigung ihres akademischen Charakters, in beständiger Fühlung mit der Basler Bürgerschaft und der Basler Industrie geblieben ist.
Die finanzielle Lage der Anstalt ist zwar im Vergleich mit ähnlichen Instituten scheinbar sehr bescheiden, indem wir gesetzlich vom Staate, ausser Assistenz, Bedienung, Heizung, Beleuchtung und baulicher Unterhaltung, bloss 3000 Fr. erhalten; aber allen wirklichen Bedürfnissen ist bisher auf die eine oder die andere Weise stets entsprochen worden. Von der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft, vom Museumsverein, von zahlreichen Freunden der Universität, von chemischen Fabrikanten, von Sanitätsbehörden für hygienische Untersuchungen u.s.w. hat die chemische Anstalt in den elf Jahren an Geld- und Naturalbeiträgen über 20,000 Fr. empfangen, also circa ⅖ der gesammten Laboratoriumseinnahmen. Wir haben die auf lange Erfahrung gegründete Ueberzeugung, dass, so lange die Anstalt ihrem wissenschaftlichen und praktischen Zweck entspricht, sie nicht Noth leiden wird.
Jules Piccard.
Die Geschichte der botanischen Anstalt reicht zurück bis zum Jahre 1588, als beim unteren Collegium ein kleiner botanischer Garten angelegt wurde.
Etwas über hundert Jahre später, 1692, gründete man beim Spital auf einem grösseren, etwa zwei Juchart umfassenden Areal einen neuen Garten, welcher der Pflege wissenschaftlich und medicinisch wichtiger Pflanzen gewidmet war. Um die Erweiterung und den Ausbau dieser Anstalt machte sich besonders Werner de Lachenal verdient. Im Bunde mit den Behörden und durch Aufwendung beträchtlicher eigener Mittel gelang es ihm, um 1777 eine ordentliche Professor-Wohnung zu erstellen, und die Sammlungen der Anstalt, besonders die Bibliothek, nach und nach zu erweitern.
Als jedoch im vierten Decennium unsres Jahrhunderts das neue Spital erbaut wurde, ergab sich die Notwendigkeit, auch das Areal des botanischen Gartens mit der neuen Anstalt zu vereinigen. In Folge dessen kam zwischen der Erziehungsbehörde und dem Stadtrathe ein Vertrag zu Stande, in welchem die Verlegung des botanischen Gartens beschlossen wurde. Dieser Vertrag erhielt am 7. August 1838 die Genehmigung des Grossen Rathes und wurde in den Jahren 1838-1842 zur Ausführung gebracht.
Die neue botanische Anstalt wurde vor das Aeschenthor verlegt (jetzt St. Jacobstrasse 6). Um das Areal zu beschaffen, kaufte löbl. Spitalpflegamt das Schneider'sche Gut an, das an Flächeninhalt ungefähr 3 Juchart und 218 Ruthen betrug. Durch weiteren Ankauf Seitens löbl. Akademischer Gesellschaft wurde dieser Raum soweit vermehrt, dass das ganze Grundstück fast 4 Juchart umfasste. Auf diesem Gebiet fand unter Professor Meissner die Neugründung der Anstalt statt. Die äussere Gestalt, welche dieselbe dabei erhielt, war diejenige, welche sie bis heute behalten hat; der ganze Entwicklungsprozess aber fällt nach Obigem in denjenigen engeren Zeitraum, welchen diese Geschichte behandelt.
Wie die ältere, so zerfiel auch die neue Anstalt in zwei Theile, das Institut im engeren Sinne nebst der Professor-Wohnung und den Garten mit den Gewächshäusern.
Was zunächst den Garten anbelangt, so wurde als Eintheilungsprincip das de Candolle'sche System zu Grunde gelegt und die annuellen Gewächse, Stauden und Sträucher nach dem früher gebräuchlichen Verfahren auf parallele Beete gepflanzt. Daneben wurde ein besonderes Quartier für offizinelle Gewächse bestimmt. — Durch die vereinte Thätigkeit der hohen Regierung, des löbl. Stadtrathes, der löbl. Gemeinnützigen Gesellschaft, sowie einer zu dem Zweck veranstalteten Subskription gelang es, ein geräumiges, aus drei Abtheilungen, Kalt-, Temperirt- und Warmhaus bestehendes Gewächshaus zu erstellen, dem sich in der Folge ein Vermehrungs- und ein kleineres Haus zur Aufbewahrung von Kalthauspflanzen anschloss.
Als sich in der Folge das aus Holz erstellte grosse Gewächshaus als unzulänglich erwies, wurde es im Jahre 1862 durch ein neues, geräumigeres und aus Eisen konstruiertes ersetzt, zu dessen Bau die hohe Regierung Fr. 25,000 und der Reservefond der Universität Fr. 10,000 beitrug. Im Jahre 1865 wurde auf dem Areal des botanischen Gartens ein Polizeiposten und in Verbindung damit eine Gärtnerwohnung erbaut und endlich im Jahre 1881 an Stelle des alten, baufällig gewordenen Vermehrungshauses ein neues, aus Eisen gefertigtes errichtet, das sich in jeder Richtung als zweckmässig erwiesen hat.
Damit gelangen wir zur Besprechung des Instituts. Ursprünglich war dasselbe, vom Unterrichtszwecke abgesehen, wesentlich systematischen Aufgaben gewidmet; die verfügbaren Räume dienten lediglich zur Aufstellung der Herbarien und der Bibliothek. Im Laufe der Zeit machte sich jedoch mehr und mehr das Bedürfniss geltend, auch der anatomisch-physiologischen Richtung in der Wissenschaft Rechnung zu tragen. Nachdem schon Professor Schwendener in diesem Sinne die ersten Schritte gethan hatte, wurden seinem Nachfolger Professor Pfeffer die Mittel zur Einrichtung eines eigentlichen kleinen Laboratoriums bewilligt und zur Unterhaltung und weiteren Ausbildung desselben von löbl. Akademischer Gesellschaft ein jährlicher Beitrag von Fr. 500 ausgesetzt. Mit Hilfe dieser Mittel wurden im Laufe der letzten Jahre nach und nach die ersten und notwendigsten Apparate herbeigeschafft, welche zur Ausführung der einfacheren physiologischen Versuche erforderlich sind. Um endlich dem Bedürfniss nach einigen grösseren Instrumenten und Apparaten, vor allem nach einem den heutigen Anforderungen entsprechenden, vollständigen Mikroskope, zu genügen, wurde im verflossenen Jahre von hoher Regierung und löbl. Akademischer Gesellschaft ein Extrakredit von Fr. 2,500 bewilligt.
Wir dürfen diese Zeilen mit dem Bemerken schliessen, dass die botanische Anstalt in lebendiger Entwicklung begriffen ist. Möge sie trotz ihres Alters immer jung bleiben, wie der Gegenstand ihres Studiums, die immer sich neu verjüngende Pflanzenwelt.
H. Vöchting.
Im Sommersemester 1885 wurde diese Anstalt aus dem Collegienhaus am Rheinsprung in das neuerbaute Vesalianum auf dem Werkhof-Areal verlegt und theilt sich mit der physiologischen Anstalt in die Räume des Erdgeschosses und des Souterrains.
Ueber die Vergangenheit der Anstalt berichtete jüngst in vortrefflicher Weise Herr Prof. Wilhelm His, der Direktor des anatomischen Institutes in Leipzig. In der Gedenkschrift zur Eröffnung des Vesalianum (Leipzig 1885) ist »die Geschichte des anatomischen Unterrichtes in Basel« von ihm niedergelegt und gerade jene Periode ausführlich behandelt worden, welche die letzten sechzig Jahre umfasst. His vermochte am besten diesen Theil der Vergangenheit darzustellen, weil er vom Jahre 1857-72 als Lehrer an der Universität gewirkt und als geborener Basler während seiner Gymnasial- und Universitätsstudien die ganze Reihe derjenigen Lehrer persönlich gekannt hat, welche von C.G. Jung angefangen die vereinigte anatomisch-physiologische Anstalt geleitet haben. Seit der Berufung des Prof. W. His als Professor der Anatomie nach Leipzig ist die Anatomische Anstalt, wie an anderen Universitäten, unter einen selbstständigen Vorsteher gestellt. Die beträchtliche Steigerung des Besuches der Universitäten in den letzten zehn Jahren hat sich auch auf die Universität Basel und ganz besonders auf die medicinische Fakultät erstreckt. Bei dem Fach der Anatomie macht sich ebenso, wie bei dem Besuch der klinischen Fächer, jede vermehrte Frequenz doppelt fühlbar. Die Präparierübungen werden nämlich von jedem Mediciner durch zwei Wintersemester hindurch besucht. So kommt es, dass bei hundert Medicinern, welche sich auf vier Jahrgänge vertheilen, die Zahl der Präparanten bis auf fünfzig steigen kann. Bei solcher Frequenz waren die Räumlichkeiten in dem Collegienhaus am Rheinsprung, welche kaum für zwanzig Präparanten dürftigen Platz boten, durchaus ungenügend geworden, und die hohen Behörden gingen in Verbindung mit der Akademischen Gesellschaft daran, für Anatomie und Physiologie ein neues Gebäude zu errichten. (Genaueres über die Entstehungsgeschichte siehe in dem Bericht über die physiologische Anstalt).
In dem Neubau des Vesalianums ist die Anatomie in dem Erdgeschoss untergebracht. Bei der Berechnung des für ein anatomisches Institut in Basel nothwendigen Raumes wurde eine Frequenz der Anstalt von 60 Präparanten vorausgesetzt. (Im Winter 1884/85 hatten 56 Mediciner an den Präparierübungen Theil genommen.) So enthält denn der Präpariersaal am Westende des Gebäudes mit einer Fläche von 154 Quadratmeter für jeden Arbeiter 2½ Quadratmeter. Dazu kommt noch in unmittelbarer Nähe des Seciersaales eine Garderobe.
Der Hörsaal befindet sich in dem Centrum des Gebäudes, liegt nach Norden; die Sitzbänke sind nicht amphitheatralisch, sondern senkrecht zu drei grossen Fenstern gestellt, welche den Raum mit einem einheitlichen Licht erfüllen. An ihn schliesst sich als nothwendige Ergänzung ein Saal für anatomische und mikroskopische Demonstrationen, welche in dem Hörsaal aus besonderen Gründen nicht stattfinden können, unmittelbar an. Der Demonstrationssaal enthält eine Handsammlung für die Studierenden der Medicin, welche in der Anstalt arbeiten. Sie steht ebenso wie der Saal und ein daselbst befindliches Mikroskop zu freier Verfügung. Auch der Präpariersaal enthält eine grosse Anzahl von Präparaten, welche der freien Benutzung bei den Präparierübungen zugänglich sind.
Eine andere Abtheilung des Erdgeschosses, welche ebenso wie der Hör- und der Demonstrationssaal nach Norden liegt, umfasst die Sammlungsräume mit einer Bodenfläche von 111 Quadratmetern.
Die Arbeitszimmer liegen der Südfront entlang, soweit dieselbe nicht von dem Präpariersaal, der Garderobe, einer kleinen Treppe und dem hellen, geräumigen Stiegenhaus eingenommen wird. Das Souterrain ist zur Hälfte der anatomischen Anstalt zugetheilt, ebenso wie ein Theil des Speichers.
Die anatomische Sammlung ist in drei Abtheilungen gegliedert.
Die erste Abtheilung umfasst die systematische Anatomie, und zwar mit der bekannten Gliederung in Präparate für die Knochen- und Bänderlehre, die Eingeweidelehre und die Sinnesorgane, die Gefässlehre, die Nervenlehre.
Die zweite Abtheilung umfasst die Rassenanatomie; sie ist in dem breiten Korridor des neuen Gebäudes in den besonders für Rassenschädel konstruierten Schränken aufgestellt. Was in dieser Abtheilung von den Herren His und Rütimeyer gesammelt wurde, ist durch die Veröffentlichung eines Werkes, betitelt »Crania helvetica«, in 4º, Basel 1864, auf die Höhe eines wissenschaftlichen Vergleichungsmateriales gehoben worden. Keine Universität der Schweiz besitzt eine so ausgedehnte Sammlung schweizerischer Schädel. Die Schädel der historischen Bevölkerung sind zahlreich vertreten, aber auch die prähistorische Bevölkerung. Aus der burgundischen und helvetischen Periode und aus der Periode der Pfahlbauten besitzen wir manches werthvolle Objekt.
Die dritte Abtheilung umfasst die embryologische Sammlung, und besteht aus einer grossen Zahl vortrefflicher Wachspräparate, welche wir, abgesehen von den Weingeistpräparaten, zum überwiegenden Theile schenkungsweise von Herrn Prof. His erhalten haben. Sie entstammen seinen wichtigen Arbeiten über die Entwicklungsgeschichte des Menschen, des Hühnchens und des Lachses.
Eine vierte Abtheilung umfasst die mikroskopischen Präparate. Diese Sammlung ist in einem der nach Süden gelegenen Zimmer aufgestellt.
Als höchst interessante Reliquien für die Geschichte des anatomischen Unterrichts sind zu verzeichnen:
Ueber das letztere siehe die oben citierte Abhandlung von W. His, S. 3.
Diese beiden Skelette sind wohl die ältesten Knochenpräparate, welche in irgend einer anatomischen Sammlung existieren.
Die anatomische Sammlung ist für 16,000 Franken versichert.
An der Anstalt wirken zur Zeit, abgesehen von dem Vorsteher, noch ein Prosektor, Herr Dr.med. Gottschau aus Berlin, und ein Assistent, stud. med. VonderMühll aus Basel. Der Abwart der Anstalt hat im Erdgeschoss eine Werkstätte und im Souterrain eine mit Berücksichtigung aller sanitären Maassregeln erstellte Wohnung.
Die Länge des stattlichen Gebäudes beträgt 55.43 Meter — die Breite in dem Mittelbau 24.20 Meter. Die Westfront trägt in vergoldeten Lettern den Namen »Vesalianum.«
J. Kollmann.
Da erst vor kurzem, bei Ablauf von fünfundzwanzig Jahren seit Uebertragung der Leitung der vergleichend-anatomischen Sammlung an den Unterzeichneten, der Jahresbericht von 1880 einen Ueberblick über die allmählige Entwicklung derselben gegeben hat,[34] so kann sich der gegenwärtige Bericht hinsichtlich jener Periode kurz fassen.
Ein Keim von Lehrmitteln für vergleichende Anatomie und Zoologie wurde zu Anfang der zwanziger Jahre, und zwar innerhalb des Rahmens der Sammlung für menschliche Anatomie zuerst angelegt auf Anregung von Professor C.G. Jung.[35] Die Hauptbestandteile derselben bildete ein von Fr. Nusser, dem Prosektor von Professor Jung, hergestellter Vorrath von Thierskeletten, hauptsächlich Säugethiere und Vögel. Allmählig kamen dazu allerlei Geschenke, namentlich osteologischer Natur, von dem Professor für Botanik und Zoologie, K.Fr. Meissner; ferner die vortreffliche Privatsammlung von Gehörpräparaten des 1843 verstorbenen Dr.med. Ed. Hagenbach als Geschenk von dessen Erben. Später eine von Herrn Prof. Miescher-His angelegte und von ihm geschenkte, für die damalige Zeit schon ansehnliche Sammlung wirbelloser Meerthiere, hauptsächlich aus Neapel, und bald darauf, durch Ankauf, eine grössere, auch die Fische umfassende, die von dem Unterzeichneten in den Jahren 1851 und 1853 in Nizza und Palermo angelegt worden war, so wie allmählig eine Anzahl von vergleichend-anatomischen Präparaten, welche von den verschiedenen Inhabern des anatomisch-physiologischen Lehrstuhls, namentlich von Professor Alex. Ecker und C. Bruch herrührten.
Bis zum Jahr 1855, wo zuerst (im October) ein besonderer Lehrstuhl für vergleichende Anatomie und Zoologie errichtet und dem Unterzeichneten anvertraut wurde, war dieser Vorrath an Lehrmitteln bereits auf circa 1000 Nummern des Präparatenkataloges angestiegen. Untergebracht waren dieselben in dem kleineren der zwei im ersten Stock des unteren Collegiums der menschlichen Anatomie angewiesenen Säle; doch wurde bald nöthig, mit den grossen Skeletten in den Mittelraum auch des grösseren Saales überzugreifen. Auch für Anschaffungen und Präparation wurde die Sammlung anfänglich auf Aushilfe von Seiten der anatomisch-physiologischen Muttersammlung angewiesen, was bei den beschränkten eigenen Verhältnissen der letztern zu allerlei Misslichkeiten hätte führen können, wenn nicht bald, schon von 1857 an, die Berufung von Professor W. His an den Lehrstuhl für menschliche Anatomie und Physiologie ein volles Einverständniss gesichert hätte. Immerhin betrug die Einnahme der Sammlung für vergleichende Anatomie im Jahr 1856 nur Fr. 155 und stieg auch in den folgenden Jahren nur langsam, sei es — und vor allem auf Verwendung von Professor Jung, — durch gelegentliche freiwillige Zuschüsse von Seite der medicinischen Fakultät, sei es durch ähnliche freiwillige Unterstützung von manchen Freunden der rasch anwachsenden Sammlung, unter welchen an Verstorbenen namentlich Prof. K. Fr. Meissner und C. Streckeisen dankbare Erinnerung verdienen.
Ueber die allmählige Weitergestaltung giebt etwas einlässlichere Auskunft der Regenzbericht für 1865. Die Sammlung gliederte sich nach und nach in drei verschiedenartige Abtheilungen: eine für vergleichende Anatomie, eine für Zoologie, soweit solche noch nicht im naturhistorischen Museum Pflege finden konnte, nämlich für wirbellose Thiere und für Fische und Reptilien in Weingeist, und eine dritte ausschliesslich aus Geschenken entstandene für Palæontologie, vorwiegend bestehend aus Thierresten von prähistorischen Fundstellen, wie Pfahlbauten, Knochenhöhlen u.s.w. bis in die jüngere Tertiärzeit, letztere hauptsächlich vertreten durch Gipsabgüsse nach den Originalsammlungen des Auslandes, namentlich Frankreichs und einer grossen Anzahl von Museen Italiens.
Eine wesentliche Förderung wurde der Sammlung zu Theil durch das Universitätsgesetz vom Januar 1866, das ihr in Bezug auf Einnahme und Haushalt Selbstständigkeit und einen Jahreskredit von Fr. 1000 nebst Fr. 300 für Bedienung gewährte, wobei indess die freiwilligen Beiträge nicht ausblieben und namentlich auch die medicinische Fakultät Jahre lang fortfuhr, ihre Examengebühren vorwiegend dieser Sammlung zuzuwenden. Wie denn auch der Kreis von Freunden von befreundeten Anstalten im In- und Ausland und namentlich von Schülern, die aus dem Ausland oft höchst werthvolle Beiträge an Naturalien, heimsandten, sich immer mehr vergrössert hatte. An besonders ansehnlichen Beiträgen aus früheren Jahren nennen wir die Skelettsammlung von Professor J. J. Mieg, die nach dessen Tod im Jahre 1870 der Anatomie so gut als geschenkweise zufiel, die Jahre lang wiederholten Zusendungen von Dr. Karl Dieterich aus Michigan, diejenige von Ed. Spitteler in Ceylon, von Dr. Zahnd im Capland, und vor allem die von 1863-78 fast jedes Jahr sich wiederholenden höchst werthvollen Geschenke von Dr. Gustav Bernoulli in Guatemala.[36]
Alles das nöthigte zu immer grösserer räumlicher Ausdehnung. Schon 1864 war dem dringendsten Bedarf Rechnung getragen worden durch Glasschränke im Mittelraum des Saales; aber auch von dem Areal für menschliche Anatomie musste immer ausgiebigerer Gebrauch gemacht und dessen Mittelraum und Decke gefüllt werden; und von 1877 musste man unter Entgegenkommen des Professors der pathologischen Anatomie auch in dessen Sammlungssaal, ein Stockwerk höher, eindringen, wobei gleichzeitig Manches an die mittlerweile entstandene Reptiliensammlung des Museums, und auch die Gipsabgüsse tertiärer Säugethiere der daselbst entstandenen besondern Sammlung abgegeben wurden.
Vom Jahr 1877 an bis auf 1885 fügte dann die Akademische Gesellschaft zu den genannten Hilfsmitteln aus dem Kirchen- und Schulgut einen jährlichen Zuschuss von Fr. 500, der namentlich erlaubt hat, dem bei derartiger Zunahme an Inhalt und Ausdehnung immer drückenderen Bedarf an regelmässiger Aushilfe für Bedienung zu begegnen, die bisher oft unzureichend, oft ganz ausbleibend durch Studierende besorgt worden war; immerhin verpflichtet auch hier, so gut wie bei Geschenken, Dankbarkeit, aus älterer Zeit namentlich der treuen und hingebenden Arbeit der Herren Stud. Kossakowsky und Tachella zu gedenken.
Die Errichtung einer besondern pathologisch-anatomischen Anstalt eröffnete uns endlich im Jahr 1881 deren schon theilweise besetzten Saal vollständig. Trotz der Verdoppelung des Raumes füllte sich indess derselbe sofort so, dass nirgends merkliche Lücken entstanden und nicht ersichtlich war, wie der frühere Zustand wieder hergestellt werden könnte. Dasselbe lässt sich sagen von der in das gegenwärtige Jahr fallenden schliesslichen Besitznahme auch des Überrestes der Räumlichkeiten für menschliche Anatomie in Folge der Errichtung des Vesalianums.
Erst hierdurch ist die vergleichend-anatomische Sammlung, freilich immer noch zum Theil in Räumlichkeiten, über deren Ungunst die Berichte an die Regenz seit Jahrzehnten Klage führten, völlig unabhängig geworden (mit einem Kredit von Fr. 2100 für die Sammlung und für Assistenz und wie bisher Fr. 900 für den im Hause wohnenden Anatomie-Diener). Sie hat auch das frühere Areal der menschlichen und der pathologisch-anatomischen Sammlungen völlig besetzt und ist eine besondere Lernsammlung zum Privatstudium der Studierenden in dem alten Seciersaal eingerichtet, während der sogenannte neue Seciersaal bereits in diesem Sommer im Anschluss an die Vorlesungen zu Demonstrationen unter der Leitung des Assistenten, Herrn Cand. phil. Leuthardt, verwendet wurde.
Über den Inhalt der Sammlung können Zahlen je länger je weniger richtigen Aufschluss geben. Einige Details gab der schon genannte von der Akademischen Gesellschaft veröffentlichte Bericht für 1880, den wir bis 1885 in folgender Weise ergänzen:
Summa der Katalognummern etwa 5500, wovon über 3000 der vergleichend-anatomischen Abtheilung, nahezu 2000 der zoologischen und das Übrige, meist nicht einzelne Gegenstände, sondern ganze Reihen enthaltend, der palæontologischen zufallen. Für Spezielleres sind in der osteologischen Sammlung, die immer noch das Schwergewicht bildet, etwa 820 Spezies von Wirbelthieren vertreten:
| Spezies von | |||||
| Säugethieren | Vögeln | Reptilien | Fischen | ||
| durch ganze Skelette (nahezu 700) | 180 | 127 | 94 | 71 | |
| dazu durch Schädel (nahezu 1200) | 206 | 83 | 30 | 33 | |
| 386 | 210 | 124 | 104 | Summa 824. | |
In Weingeist: Wirbellose Thiere 1040, Fische 440, Batrachier und Reptilien 350 Arten.
Vergleichend-anatomische Objekte in Weingeist circa 600 Nummern.
Wichtiger als diese Zahlen ist die Anerkennung, dass diese Hilfsmittel den Anforderungen des akademischen Unterrichts in einer Weise entsprechen, die während Jahrzehnten als unerreichbar erschien, und dass einzelne Abteilungen auch für Spezialstudien eine reiche Fülle bieten, die immer noch im Zunehmen begriffen ist durch fortdauernde Fürsorge aus allerlei Quellgebieten, worunter wir für die letzten Jahre besonders hervorheben die Zusendungen von Dr. Gränicher (Mittelmeerfauna), von Dr. C. Passavant und Dr. E. Mähly aus West-Afrika, von Dr. Paul und Friedrich Sarasin aus Ceylon.
Am Schlusse einer Darstellung, die durch das viele Erfreuliche, das sie zu melden erlaubt, die Schattenseiten des Rückblickes, die in den jährlichen amtlichen Berichten häufigen Ausdruck fanden, zu übersehen verpflichtet, mag es billig sein, beizufügen, dass durch die letzten Veränderungen endlich auch — nach dreissig Jahren allerdings etwas spät — vielleicht der empfindlichste Übelstand, das Fehlen eines besondern Lokales für die Vorlesungen, die Tag für Tag an einen grossen Vorrath von Lehrmaterial gebunden sind, beseitigt werden konnte.
L. Rütimeyer.
Seit der Rekonstruktion der medicinischen Fakultät in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts trat die Physiologie als besonderes Lehrfach auf, anfangs (unter den Herren Fr. Meissner und Fr. Miescher, Vater) mit der vergleichenden Anatomie und der allgemeinen Pathologie einem Professor zugewiesen, später, nach Prof. Jung's Übertritt zur praktischen Medicin, mit der deskriptiven Anatomie vereinigt (unter den HH. A. Ecker, C. Bruch, G. Meissner, W. His). Seit Anfang der fünfziger Jahre entstand allmählig durch Anschaffungen aus dem für anatomische und physiologische Lehrmittel bewilligten Kredit der Grundstock einer Sammlung von Instrumenten für physiologische Versuche und Demonstrationen, als deren älteste, werthvolle Stücke hervorzuheben sind ein Ludwig'sches Kynographion von Keinath aus dem Jahre 1854, mehrere Apparate nach Vierordt zur Physiologie des Kreislaufs von ebendemselben 1855 und 56, sowie ein Dubois'scher Multiplikator von Sauerwald von 1859. Besondere Lokalien für physiologische Zwecke waren, mit Ausnahme eines Hörsaals, keine reserviert.
Bei Anlass der Wegberufung von Herrn Prof. W. His wurde durch Grossrathsbeschluss vom 24. Februar 1873 eine besondere ordentliche Professur für Physiologie geschaffen und derselben für die Bedürfnisse des physiologischen Unterrichts ein jährlicher Kredit von Fr. 1500 aus Staatsmitteln zugewiesen; ausserdem wurde die Stelle eines zweiten Abwarts (mit Fr. 1500 Gehalt) kreiert, welchem die Bedienung der Professoren der Physiologie und der pathologischen Anatomie übertragen wurde. Der hiemit neu begründeten physiologischen Anstalt wurden als Räumlichkeiten zugewiesen: ein Hörsaal und ein Arbeitszimmer im südöstlichen Flügel des Universitätsgebäudes, vom Rheinsprung aus Parterre, mit besonderem Eingange, beide Räume seit 1866 von Herrn Prof. His benützt; ferner Thierställe, sowie ein Aquarium in dem Hofraum neben dem Leichenkeller. Später wurde vom Baudepartement noch die Einrichtung einer kleinen Werkstätte im Holzschuppen neben dem Hofthor bewilligt. Die Verbindung zwischen den oberen und unteren Lokalien war theilweise durch eine Leiter hergestellt.
Unter den so geschaffenen Verhältnissen konnte während des Zeitraums von 1872-85 mit Hilfe des bewilligten Kredites (zu welchem 1875 auch die Akademische Gesellschaft einen Extrazuschuss gewährte) der Bestand der physiologischen Sammlung ein erfreuliches Wachsthum aufweisen, so dass die behufs Feuerversicherung im April 1884 aufgenommene Schätzung einen Werth von Fr. 16,000 ergab. Die eigentliche Anstaltsthätigkeit war dagegen, sowohl was den Unterricht als was die Forschung betrifft, in hohem Grade durch Raummangel gehemmt, obwohl auch der Korridor mit Utensilien angefüllt und jeder verfügbare Raum aufs Aeusserste ausgenützt wurde.
Um den oben geschilderten Uebelständen, sowie auch dem Raummangel der anatomischen Anstalt abzuhelfen, wurde, nachdem in den Jahren 1881 und 1882 seitens der hohen Behörden mehrere Gutachten von der medicinischen Fakultät über diese Angelegenheit eingeholt worden waren, die Errichtung eines Neubaues für Anatomie und Physiologie auf dem Areal des Werkhofes in Aussicht genommen, wozu die Akademische Gesellschaft in einer Uebereinkunft mit dem Staat vom 20. September 1882 sich bereit erklärte, die Hälfte der veranschlagten Baukosten bis auf die Summe von Fr. 160,000 beizutragen. Nachdem letztgenannte Uebereinkunft von dem Plenum der Akademischen Gesellschaft ratifiziert war und den 29. Januar 1883 auf Grund dieses Vertrages das ganze Projekt, sowie die von Herrn Reber ausgearbeiteten Pläne die Genehmigung des Grossen Rathes erhalten hatten, wurde im Frühjahr 1883 der Bau unter Leitung von Herrn P. Reber begonnen, noch im Spätherbst desselben Jahres unter Dach gebracht, und nachdem über dem innern Ausbau und den Einrichtungsarbeiten noch das Jahr 1884 verstrichen war, mit dem Beginn des Sommersemesters 1885 für den Unterricht eröffnet. Zu Ehren des grossen Neubegründers der menschlichen Anatomie, der 1542/43 auch in Basel wirkte, Andreas Vesalius, erhielt der Neubau den Namen »Vesalianum«.
Von den Räumen des Vesalianums sind hinwiederum der physiologischen Anstalt zugetheilt: das ganze erste (obere) Stockwerk mit Ausnahme eines Hörsaales nebst Wartezimmer für Privatdocenten verschiedener medicinischer Fächer; ferner die Räume der Dachetage mit Ausnahme einer Kammer, eines kleinen Zimmers nach Süden für mikrophotographische Arbeiten, sowie eines Theiles des Dachbodens im Westanbau, welche Lokalien der anatomischen Anstalt zugewiesen sind; in die Räume des hellen und luftigen Souterrains theilen sich, soweit sie nicht durch die Heizungsanlagen in Beschlag genommen sind, die anatomische und die physiologische Anstalt, welche letztere daselbst ihre Behälter für Thiere, ihre Vorräthe von Chemikalien und andere Utensilien unterbringt.
Die Hauptetage enthält die nöthigen Räume und Einrichtungen, um neben den theoretischen und experimentellen Vorlesungen in den verschiedenen Richtungen der physiologischen Wissenschaft selbstständig zu arbeiten und Schüler praktisch zu unterrichten: einen Hörsaal für circa fünfzig Zuhörer, dazu ein Vorbereitungszimmer, worin auch die physiologische Sammlung aufgestellt ist; ein grösseres und ein kleineres Laboratorium für physiologisch-chemische Arbeiten, mit zusammen zwanzig Arbeitsplätzen; ein kleines Zimmer für Elementaranalysen, ein Waagezimmer, ein Zimmer für physikalisch-chemische Untersuchungen, Privatlaboratorium und Bureau des Professors, ein Zimmer für mikroskopische Arbeiten, einen grösseren Raum für Experimente, einen Raum für Gasanalysen, zwei Arbeitsräume, welche für physikalisch-physiologische Untersuchungen bestimmt sind, eine Werkstätte für den Abwart.
Um den vermehrten Bedürfnissen der so bedeutend erweiterten physiologischen Anstalt Rechnung zu tragen, wurde durch Grossrathsbeschluss vom 16. März 1885 für die erste instrumentale Ausrüstung ein Kredit von Fr. 5,000 bewilligt und der regelmässige jährliche Staatsbeitrag von Fr. 1,500 auf Fr. 2,000 erhöht; ausserdem wurde für einen Assistenten ein jährlicher Beitrag von Fr. 1,500 ausgesetzt. Der Abwart bezieht den bisherigen Gehalt von Fr. 1,500 bei freier Wohnung im Dachgeschoss.
Friedrich Miescher-Rüsch.
Die pathologische Anatomie ist an hiesiger Universität seit 1850 durch eine eigene Professur vertreten. Doch war schon früher dieses Fach von Lehrern der medicinischen Fakultät berücksichtigt worden. Wir besitzen noch heute einige von Felix Plater herrührende Präparate; der wichtigste Theil des Grundstockes der pathologisch-anatomischen Sammlung entspringt der vielseitigen Thätigkeit von C.G. Jung. Unter anderm bewahren wir das Präparat einer von Jung ausgeführten Ovariotomie auf, als Erinnerung an die erste in der Schweiz ausgeführte Operation dieser Art.
Seit Uebernahme der Professur durch Herrn Miescher (Vater) hat regelmässiger Unterricht in der pathologischen Anatomie und fortwährende Vermehrung der Sammlung stattgefunden. Für Beides ist auch durch den Verstorbenen C.E.E. Hoffmann Vieles geschehen.
Sowohl das Wachsthum der Sammlung, als die seit Ende der sechziger Jahre steigende Zahl der Medicin-Studierenden liessen den Mangel an Raum im Universitätsgebäude immer fühlbarer hervortraten. Nachdem schon seit 1872 auf Abhilfe gesonnen worden war, gelang es 1879 durch das Zusammenwirken der Akademischen Gesellschaft, des Pflegamtes des Spitals und des Staates einen Ausweg zu finden. Durch Vertrag vom 10. März 1879 wurde die Erstellung eines den Zwecken der pathologischen Anatomie dienenden Gebäudes beschlossen. Die Akademische Gesellschaft leistete an die Kosten Fr. 85,000, das Spital Fr. 30,000. Letzteres gab zugleich das nothwendige Areal; der Staat übernahm Fr. 18,000 für Ausrüstung der Anstalt. Das Gebäude wurde 1880 beendigt und im Herbst desselben Jahres bezogen.
Die Lage des Gebäudes im Garten der Spitals entspricht dem Zweck der Anstalt. In dem einstöckigen Mittelbau finden sich oben Hörsaal und Sammlungsräume, unten die Arbeitszimmer für Studierende und den Professor. Der eine Parterreflügel enthält einen Saal zum Mikroskopieren, der andre zwei Sektionsräume. Das Souterrain besitzt Abteilungen für Leichen, Präparate, Brennmaterial u.s.w.
Im Jahr 1881 hat der Staat den bisherigen Jahreskredit der Anstalt um Fr. 1,200 erhöht.
So ist der pathologischen Anatomie eine gedeihliche Entwicklung gesichert worden. Der Unterricht zerfällt in Vorlesungen und in praktische Uebungen der Studierenden; für beides liefert die Sammlung Objekte zur Demonstration. Ausser den Sektionen des Spitals werden die des Kinderspitals und bei eintretendem Bedürfniss auch solche für Privatärzte vorgenommen. Die Sammlungen werden stets vermehrt; sie erhalten alljährlich Beiträge von der chirurgischen und gynäkologischen Klinik, sowie von hiesigen und auswärtigen Aerzten. Studierende und Aerzte finden in der Anstalt Gelegenheit, sich einlässlich mit pathologisch-anatomischen Untersuchungen zu befassen.
Einige Zahlen mögen ein annäherndes Bild von dem Stande der pathologisch-anatomischen Anstalt geben. Von 1873-79 betrug die Zahl der Sektionen im jährlichen Durchschnitt 222, von 1880-84 309. Die Sammlung zählt jetzt 3517 Präparate, wovon 2662 in Spiritus, 855 trocken aufbewahrt werden. Der jährliche Zuwachs seit 1873 beziffert sich durchschnittlich auf 150-180 Nummern. Grössere anatomische Arbeiten sind von jungen Aerzten unter Leitung des Vorstehers ausgeführt und durch den Druck veröffentlicht worden 1873-79 eine, 1880-84 zehn.
Moritz Roth.
Eine reguläre medicinische Klinik nach dem Muster anderer Universitätskliniken existiert in Basel erst seit dem Jahre 1865, wenn auch schon früher von Herrn Professor Dr. Jung sel., gewesenem Oberarzte der medicinischen Abtheilung des Bürgerspitals, wohl während der Morgenvisite im Krankenhause gelegentlich klinischer Unterricht ertheilt worden ist. Die Einführung einer ständigen medicinischen Klinik, als integrirenden Bestandtheils des medicinischen Unterrichtes an hiesiger Universität, wurde im März 1865 durch Vereinbarung zwischen der Staatsbehörde und Spitalbehörde beschlossen, der Beschluss vom Grossen Rathe nachträglich genehmigt und zu gleicher Zeit das neuzugründende Institut zur Beschaffung seiner Lehrbedürfnisse, insbesondere zur Ertheilung von Freibetten an geeignete Patienten, mit einem jährlichen Kredite versehen. Nachdem so eine medicinische Klinik im eigentlichen Wortsinne erst ermöglicht worden war und mit erfolgtem Ableben des Herrn Professor Jung das Lehrfach der klinischen Medicin durch Berufung des Herrn Professor Dr. Carl Liebermeister an hiesige Universität einen neuen geeigneten Vertreter erhalten hatte, begann die medicinische Klinik unter dessen Leitung zu Anfang des Wintersemesters 1865/66 und ist sie seitdem permanent Universitätsattribut geblieben. Sie wird wöchentlich fünfmal (an den Wochentagen, mit Ausnahme des Donnerstags) Vormittags im Bürgerspitale abgehalten, anfänglich vor der chirurgischen Klinik von 9-10½ Uhr, später und zwar seit Sommersemester 1878 (inclus.) durch Austausch der Stunden erst nach dieser letzteren, nämlich von 10½-12 Uhr. Als Vorsteher der Klinik, und zugleich als ordentliche Professoren der speziellen Pathologie und Therapie an der Universität, fungierten bisher der schon genannte Professor Dr. Liebermeister und, nach erfolgter Berufung desselben an die Universität Tübingen, seit Herbst 1871 der Unterzeichnete. Dem Chefarzte der Klinik standen ferner bisher jeweilen zwei jüngere absolvierte Aerzte als Assistenzärzte zur Seite, von denen der eine die männlichen, der andere die weiblichen Patienten unter sich hat. Die Amtsdauer derselben soll ordnungsgemäss je zwei Jahre betragen, hat aber in Wirklichkeit wiederholt mehr (bis zu vier Jahren), wiederholt auch weniger lange (nur ein Jahr) gewährt. Ausserdem besitzt sowohl die männliche wie die weibliche Abtheilung auch noch je einen aus der Zahl der Studierenden der Medicin und Klinicisten gewählten Hilfsassistenten, der auf die Dauer eines Semesters sich zum Dienst auf der betreffenden klinischen Abtheilung verpflichtet und dem die kleineren Obliegenheiten auf derselben unterstellt sind. Ausser der vom Chefarzt selbst gehaltenen medicinischen Klinik werden im Anschluss und zur Vorbereitung auf dieselbe den jüngeren und angehenden Klinicisten auch noch verschiedene diagnostische und propädeutische Kurse ertheilt. So findet namentlich in jedem Semester wenigstens ein (nach Bedürfniss gab es deren mitunter auch wohl zwei) theoretisch-praktischer Kursus in der physikalischen Diagnostik (Auskultation und Perkussion) wöchentlich in zwei Stunden Seitens des Einen der beiden Assistenzärzte statt, während dem Anderen die Abhaltung eines laryngoskopischen Kurses obliegt; ferner hält der Chefarzt selbst seit 1881 auch noch zum wenigsten in jedem Wintersemester einen zweistündigen Kurs über klinische Propädeutik, in welchem namentlich die methodische Krankenuntersuchung allseitig und zusammenfassend betrieben und damit der junge Mediciner direkt auf das Praktizieren in der Klinik vorbereitet wird.
Die Frequenz der klinischen Zuhörer hat sich seit 1865 um ein Ansehnliches gehoben; während sie im ersten Semester des Bestehens der Klinik (Wintersemester 1865/66) nur 8 betrug, war sie beim Wegzug des Herrn Professor Liebermeister im Sommersemester 1871 bereits auf 19 gestiegen. Im Sommersemester 1872 erreichte sie dann die Zahl von 24 ordentlich inskribierten Zuhörern; im Wintersemester 1878/79 die von 36, und im Wintersemester 1880/81 ihr bisheriges Maximum mit 43 Inscribierten. In den letzten zwei Jahren bewegte sich die Frequenz anhaltend zwischen 30-40, sie betrug im Wintersemester 1883/84 35, im Sommersemester 1884 37, im Wintersemester 1884/85 35 und im Sommersemester 1885 endlich 33 Hörer. Ausser von Studierenden der Medicin und nicht immatrikulierten Zuhörern ist aber die Klinik seit ihrem Bestehen auch schon wiederholt von praktischen Aerzten, einheimischen wie fremden, theils vorübergehend, theils auch dauernder besucht worden.
Die klinischen Patienten rekrutieren sich theils aus der städtischen Bevölkerung, die im Bürgerspitale ärztliche Hilfe sucht und Aufnahme findet; theils aus Fremden, denen vom Direktor der Klinik behufs Vorstellung und Besprechung derselben in der Klinik klinische Freibetten ertheilt werden. Von den gewöhnlichen Spitalpatienten aus der Stadt und nächsten Umgebung werden nur solche Fälle in der Klinik vorgestellt, an welche sich ein besonderes wissenschaftliches — sei es pathologisches, sei es therapeutisches — Interesse knüpft, und welche vom Direktor der Klinik deswegen als zur klinischen Besprechung tauglich befunden werden. Die Vorstellung der Kranken erfolgt ferner immer nur nach deren ausdrücklich eingeholter Einwilligung hierzu, und es haben Schwierigkeiten in dieser Beziehung seit Bestehen der Klinik nur sehr vereinzelt stattgefunden. Von kardinaler Wichtigkeit aber für die gedeihliche Entwicklung des klinischen Unterrichtes (auf dem Gebiete der innern Medicin, wie der Chirurgie und Geburtshilfe) ist jedenfalls das den Kliniken seit deren Begründung zugestandene Recht der Freibetten gewesen. Was speziell die medicinische Klinik anlangt, so steht es nach demselben dem internen Kliniker zu, gleichzeitig je bis zu zehn Patienten, völlig unabhängig von deren Heimatsverhältnissen und deren Zahlungsfähigkeit, lediglich zum Zwecke des Unterrichtes Aufnahme im Spitale zu gewähren, wenn deren Kranksein wissenschaftlich-fachliches Interesse darbietet. Die so aufgenommenen Kranken stellten nach und nach ein Hauptkontingent zur Klinik; sie zahlen, wenn sie bedürftig sind, nichts, oder andernfalls eine sehr ermässigte, tägliche Verpflegungstaxe, die gegenwärtig Fr. 1.50 pro Tag beträgt. Die Nachfrage nach diesen klinischen Freibetten ist anfänglich eine geringere, im weitem eine immer wachsende gewesen, und oft ist es in den letzten Jahren vorgekommen, dass Gesuche um Aufnahme in diese Freibetten abgewiesen werden mussten, weil es an dem überhaupt verfüglichen Raume fehlte, oder weil der betreffende Fall sich nicht zur Besprechung in der Klinik vorzugsweise eignete. So haben im Jahre 1884 im Ganzen nur 52, im Jahre 1882 nur 56 Gesuche berücksichtigt werden können, während im dazwischenliegenden Jahre 1883 die Zahl der in Freibetten aufgenommenen Patienten 95 und im Jahr 1881 80 betragen hat.
Aus vorstehendem Ueberblick über die Verhältnisse der medicinischen Klinik während der ersten zwanzig Jahre ihres Bestehens erhellt, dass die Entwicklung des Institutes in allen Hauptbeziehungen eine sehr glückliche genannt werden darf. Es fehlt ihm namentlich weder an einer ausreichenden Frequenz der Zuhörer, noch an dem nöthigen Lehrstoffe in Bezug auf klinisch-brauchbare Fälle. Zu wünschen wäre dagegen sehr, dass ihr für die grössere Zahl der Besucher auch ein grösserer und zweckmässig eingerichteter Hörsaal nach dem Muster anderer Kliniken im Spitale eingerichtet würde, und dass namentlich dem Kliniker und dessen Mitarbeitern daselbst etwelche passend gelegene und hinlänglich grosse Arbeitsräume zugewiesen würden, da es an solchen schon seit mehreren Jahren nahezu völlig gebricht, und die früher disponibeln Räume zu Krankenzimmern eingerichtet werden mussten. Es steht zu erwarten, dass diesen Uebelständen bei der bevorstehenden Verlegung des Irrenhauses Rechnung getragen werde, da andernfalls ein Hauptzweck der Klinik, wissenschaftliche Forschung zu fördern und überhaupt in strenger Methode zu ermöglichen, nur in der unvollkommensten Weise erfüllt werden könnte.
Hermann Immermann.
Die chirurgische Klinik in Basel datiert vom Jahre 1865. Wohl hatten schon früher die Oberärzte des hiesigen Bürgerspitals die Befugniss, bei ihren Krankenbesuchen und bei Vornahme von Operationen Studierende der Medicin zuzuziehen; einen geordneten regelmässigen klinischen Unterricht gab es aber nicht und konnte es aus Mangel an den nöthigen Einrichtungen nicht geben. An die Einführung eines solchen konnte erst gedacht werden, als den 15. März 1865 durch einen Beschluss des Kleinen Rathes die letzten Hindernisse fielen, welche der Vollziehung der zwischen der Universitäts-Behörde und dem löblichen Spitalpflegamt getroffenen Vereinbarung entgegenstanden. Schon für das Sommersemester 1865 wurde ein erster Anfang gemacht; doch fanden die angekündigten klinischen Vorträge wenig Berücksichtigung, weil der gleichzeitig neu organisierten medicinischen Klinik die entsprechende Leitung noch fehlte. Erst als durch Berufung von Herrn Professor Liebermeister für das folgende Wintersemester diesem Mangel abgeholfen war, konnte den 7. November 1865 vor 9 inskribierten Praktikanten und einer Anzahl hiesiger Aerzte die chirurgische Klinik in Basel als definitiv constituiert erklärt und eröffnet werden.
Von diesem Tage an bis heute wurde dieselbe, mit nur zwei nennenswerthen Unterbrechungen während der Kriegsjahre 1866 und 1870, jeweilen in anderthalb Stunden Vormittags an fünf Wochentagen vom Unterzeichneten gehalten.
Die schon erwähnte Uebereinkunft zwischen dem Regierungsrath und dem Stadtrath, welche im Jahre 1875 erneuert und erweitert wurde, beseitigte den Hauptübelstand früherer Zeit durch die Einführung der sogenannten Freibetten. Diese Einrichtung giebt dem klinischen Vorstand die Befugniss, »bis auf 10 Betten mit Kranken zu besetzen, welche nach seinem eigenen freien Ermessen, ohne Rücksicht auf Heimath, Zahlungsfähigkeit und sonstige Berechtigungsgründe aufzunehmen sind.« Da die gewöhnlichen Spitalkranken, ihrer Zahl und Beschaffenheit nach, in keiner Weise genügen konnten, um die nöthige Abwechslung in der Wahl der zum Unterricht zu verwendenden Krankheitsfälle zu ermöglichen, waren und sind diese Freibetten geradezu eine Lebensbedingung für die hiesige chirurgische Klinik, abgesehen davon, dass dieselben für viele arme, unglückliche Kranke der Stadt und der Umgebung eine grosse Wohlthat sind. Sobald daher durch den Ausbau des neuen Krankenhausflügels der Raum es erlaubte, wurde von der neuen Einrichtung ein im Laufe der Jahre immer steigender Gebrauch gemacht. Während in den ersten Jahren die Zahl der in die chirurgischen Freibetten aufgenommenen Kranken zwischen 40 und 60 schwankte, stieg sie später auf 100 bis 150. Im Ganzen sind während der letzten neunzehn Jahre 1854 Freibettpatienten, meist schwere und seltene Krankheitsfälle, zum Unterricht verwendet worden.
Der jeweilige Assistenzarzt der Abtheilung war auch stets in der Klinik thätig und unterstützte den Vorstand bei den Demonstrationen und Operationen; ebenso hielt derselbe regelmässig einen praktischen Kurs in der Verband- und Instrumentenlehre.
Die Frequenz des Besuchs von Seiten der Studierenden war von Anfang an eine stetig zunehmende. Während der ersten fünf Jahre war das Mittel per Semester 12 Zuhörer und Praktikanten; in den darauffolgenden fünf Jahren stieg dasselbe auf 22,3. In den letzten zehn Jahren betrug es 30. Im Ganzen inskribierten sich während der verflossenen zwanzig Jahre 946 Studierende.
Da heutzutage von jedem jungen Arzt verlangt wird, dass er ein durch vorherige sorgfältige Uebung gesichertes Wissen und Können fertig in die Praxis mitbringt, und da er selbst nur unter dieser Bedingung den schweren Verpflichtungen, die er gleich bei Anfang seiner Berufsthätigkeit übernimmt, Herr zu werden vermag, ist es eine der Aufgaben des Unterrichts, die Erwerbung praktischer Kenntnisse und Fertigkeiten so viel wie möglich zu erleichtern. Ein ganz wesentliches Mittel hiezu sind die Assistentenstellen. Sie stehen jedem Mediciner aus den älteren Semestern offen, vorausgesetzt, dass er sich sonst durch seinen Charakter dazu qualifiziert und für ein Jahr sich verpflichtet. Seit 1865 sind über 40 Studierende als Assistenten der chirurgischen Klinik thätig gewesen.
Den finanziellen Bedürfnissen der Klinik durch Anschaffung von Lehrmitteln jeder Art wurde im Lauf der Zeit in verschiedener Weise genügt. Anfangs bezog hierzu der Vorstand jährlich eine bestimmte Summe aus dem »Klinischen Kredit.« Nach 1875 übernahm die Spitalverwaltung diese Ausgaben für sämtliche klinische Institute gegen eine bestimmte jährliche Gesamtvergütung. Ausserdem erhielt die chirurgische Klinik einen Zuschuss von Fr. 200 aus dem medizinischen Vermächtnissfond. Endlich wurde durch Regierungsrathsbeschluss vom 23. December 1882 eine Summe bis auf Fr. 2000 jährlich dem jetzigen Vorstand der Klinik zu Unterrichtszwecken bewilligt. Dadurch wurde letzterer in den Stand gesetzt, sein Privatlaboratorium auch einzelnen Studierenden zu eröffnen und einen Assistenten zur Unterstützung ihrer wissenschaftlichen Arbeiten anzustellen.
August Socin.
Bis zum Sommersemester 1868 fehlte jeder praktische Unterricht in Geburtshilfe und Gynækologie.
Theoretischer Unterricht wurde in verdankenswerther Weise von dem Privatdocenten Herrn Dr. Achilles Burckhardt ertheilt.
Am 3. Juni 1868 wurde die geburtshilflich-gynækologische Klinik im Neubau des Bürgerspitals eröffnet. Als Leiter der Klinik war im April 1868 der bisherige Privatdocent Dr. J.J. Bischoff berufen worden im Einverständnisse mit löbl. Spitalpflegamte, welches demselben die Leitung der Abtheilung übertrug, deren Belegraum ohne Privatzimmer etwa 22 Betten betrug, welche Zahl später auf 44 stieg. Im Anfang hatte der Vorsteher die Leitung von Abtheilung und Klinik allein zu besorgen und erst mit Januar 1875 wurde hauptsächlich aus klinischen Rücksichten ein Assistenzarzt angestellt, welcher im Spitale Station hat.
In den ersten Semestern wurde die Klinik regelmässig viermal wöchentlich von 8-9 Uhr gehalten, später dreimal; dagegen wurde vom Wintersemester 1877/78 an wöchentlich einstündig ein diagnostischer geburtshilflicher Kurs gehalten und zwar bis zum Sommersemester 1885 von dem jeweiligen Assistenzarzte und von da vom Vorsteher. Ausser den regelmässigen Stunden wurde den Klinicisten Gelegenheit gegeben, den Geburten bei Tag und bei Nacht beizuwohnen, indem dieselben jeweilen durch einen Bediensteten des Spitals herbeigerufen wurden.
Anfänglich wurden in der Klinik fast ausschliesslich geburtshilfliche Fälle vorgestellt; von Jahr zu Jahr mehrten sich aber die Aufnahmen Frauenkranker, so dass die Klinik jetzt beiden Disciplinen der Gynækologie im weitern Sinne gerecht wird.
Um die Aufnahme auch auswärtiger klinisch interessanter Krankheitsfälle zu ermöglichen, war die Klinik von Anfang mit vier klinischen Freibetten ausgestattet worden, welche Zahl dem Bedürfnisse aber lange nicht genügte. Später wurde die Zahl auf zehn erhöht, wobei wie in den andern Kliniken ein Theil unentgeltlich, ein anderer gegen die übliche Taxe aufgenommen wird.
In den ersten Jahren ihres Bestehens litt die Klinik (und dies steht in Zusammenhang mit der Anzahl der Freibetten einerseits und mit der anfänglichen Scheu der Bevölkerung vor Aufnahme in Spitalabtheilungen, an welchen Klinik gehalten wurde, andrerseits, eine Scheu, die seit Jahren nur zu vollständig abgelegt worden ist) einigermaassen Mangel an für die Klinik verfügbaren Krankheitsfällen; ziemlich bald aber mehrten sich diese so, dass gegenwärtig immer genügend für den klinischen Unterricht gesorgt ist. Es geht dies am besten aus folgenden Zahlen hervor.
Im Jahre 1868 betrug die Zahl sämtlicher verpflegten Frauen 88 (wovon 83 Schwangere, 2 Wöchnerinnen mit 67 Geburten und 3 Frauenkranke) und die Zahl der Kinder 74; im Jahre 1884 dagegen betrug die Zahl der Frauen 644 (wovon 442 Schwangere und Wöchnerinnen mit 420 Geburten und 202 Frauenkranke), die der Kinder 421. — Hiezu kommen noch 102 weitere gynækologische Fälle, welche nur ambulatorisch behandelt wurden.
Einer wissenschaftlichen Verwerthung des klinischen Materiales stand bis jetzt der vollständige Mangel an dazu nöthigen Räumlichkeiten im Wege, so dass sowohl die vom Vorsteher und dessen Assistenzärzten zum Drucke gelangten Arbeiten, als auch die aus der Klinik entstandenen Dissertationen von Schülern derselben nur praktische Gebiete beschlagen konnten, während von experimentellen Arbeiten nie die Rede sein konnte. Die Klinik besitzt denn auch, ausser den für Operationen nöthigen Instrumenten, nur ganz wenige Apparate, dagegen eine schon ziemlich ansehnliche Anzahl dem Unterrichte dienlicher Präparate.
J.J. Bischoff.
Es wurden zwar von Herrn Professor Brenner sel. in früheren Jahren öfters Kranke der Irrenabtheilung vor einzelnen Medicin-Studierenden demonstriert, doch begann der eigentliche regelmässige und methodische, theoretische und klinische Unterricht im Gebiete der Geisteskrankheiten erst im Herbste 1875. Es war dies eine Folge des Beschlusses E.E. Grossen Raths von Baselstadt vom 1. Februar 1875, wonach für das Fach der Psychiatrie an der medicinischen Fakultät ein ordentlicher Professor angestellt wurde. Als solcher wurde Dr.med. Ludwig Wille, damals Direktor der Irrenanstalt St. Urban, ernannt, welcher Ende Oktober 1875 seine Wirksamkeit mit der Eröffnung der psychiatrischen Klinik im städtischen Spital begann und bis jetzt fortsetzte. Durch die Genehmigung der Anstellung eines Assistenzarztes, der Anschaffung geeigneter Lehrmittel und zu klinischen Zwecken dienender Apparate, der Verwendung von klinischen Freibetten im Verlaufe der nächsten Jahre erhielt die psychiatrische Klinik allmählig auch die nothwendige Unterstützung zu ihrem ferneren Bestande und zu weiterer Entwicklung. Die im Verlaufe der letzten zehn Jahre geradezu verdoppelte Zahl der Aufnahmen von Kranken in die Abtheilung ergab auch das genügende Material für Beobachtung und Untersuchung. Leider sind die für die psychiatrische Klinik verwendeten zwei wöchentlichen Stunden wenig zur Erfüllung der Aufgabe, was jedoch durch den regelmässigen Besuch der theoretischen Vorlesungen über Psychiatrie während zwei Semestern von Seite der Studierenden wieder einigermaassen ausgeglichen wird.
Die Zahl der die psychiatrische Klinik besuchenden Studierenden während der vergangenen zehn Jahre betrug 199, wovon 104 auf die Winter- und 95 Studierende auf die Sommersemester treffen. Das Maximum derselben in den Wintersemestern war 16, das Minimum 4, der mittlere Durchschnitt 10,4; das Maximum in den Sommersemestern 15, das Minimum 5, der Durchschnitt 9,5 Studierende. Es konnten in den einzelnen Wintern durchschnittlich 41, in den Sommern durchschnittlich 26 Kranke demonstriert werden. Es machte sich hiebei weniger das mangelnde Interesse der Studierenden an dem Spezialfach, als vielmehr die oft ungenügende Vorbildung in den Thatsachen und Lehren der Nervenanatomie, -Physiologie und -Pathologie störend geltend. Immerhin wird das Spezialfach, das bei der Schlussprüfung nicht verwerthet wird, stets nur bei den Strebsamsten das volle Interesse dauernd wach halten.
Von gröster Bedeutung für die Zukunft der psychiatrischen Klinik ist der durch das rühmens- und dankenswerthe Entgegenkommen unsrer Tit. hohen staatlichen und städtischen Behörden, dann durch den hohen Bürgersinn der Frau Merian ermöglichte Beschluss E.E. Grossen Rathes vom 23. April 1883 der Errichtung einer neuen, zur Aufnahme von 210 Kranken bestimmten kantonalen Irrenanstalt an Stelle der bisherigen in jeder Beziehung ungenügenden Irrenabtheilung des Spitals. Es wird nach dem gegenwärtigen Stande der baulichen Verhältnisse möglich sein, die Anstalt im Laufe des Sommers 1886 zu beziehen. Wenn auch einerseits, besonders im Anfang, die etwas weite Entfernung der neuen Anstalt von der Stadt störend auf den Besuch der Klinik einwirken dürfte, so ist andrerseits zu hoffen, dass durch das reichere und mannigfaltigere Krankenmaterial, durch die dem Standpunkt der modernen Wissenschaft entsprechende Ausrüstung, durch die korrekte, den Lehrzweck berücksichtigende Eintheilung und Ausführung der neuen Anstalt diese Störung wieder ihre Ausgleichung finden wird. Es wird dann die psychiatrische Klinik würdig den übrigen grossartigen Schöpfungen des medicinischen Unterrichts während der letzten zwei Jahrzehnte dastehen und hoffentlich in gleicher Weise durch die passende Verpflegung und Behandlung der Kranken, wie durch die Verbreitung der für die Praxis so nöthigen psychiatrischen Kenntnisse, die grossen vom Staate und von Privaten geleisteten finanziellen Opfer rechtfertigen. Möge die neue Anstalt für ferne Zeiten den Bewohnern Basels zum Segen gereichen, wie sie stets als ein herrliches Denkmal bürgerlichen Edel- und Opfersinns anerkannt werden wird!
Ludwig Wille.
Auf Anregung der Oberärzte des Spitals wurde im Jahre 1874 am 31. August durch Vertrag zwischen der Curatel unserer Universität und dem Pflegamte des Bürgerspitals bestimmt, dass in Verbindung mit dem letztem eine Poliklinik eröffnet werde, welche zunächst die Aufgabe haben sollte, solchen Kranken, welche Spitalaufenthalt nicht nöthig hatten, in einem täglich geöffneten Ambulatorium unentgeltlich Rath zu ertheilen und welche gleichzeitig auch als klinisches Institut dem Unterrichte der Studierenden dienen sollte.
Dieses Ambulatorium wurde unter der Aufsicht und Direktion der Oberärzte des Spitals durch einen ad hoc ernannten Assistenzarzt geleitet und dazu am 22. Oktober 1875 erwählt der Privatdocent für Pharmakologie Dr. Rudolf Massini; derselbe wurde in der Folge im Jahre 1877 zum ausserordentlichen Professor und 1882 zum Direktor der Poliklinik ernannt.
Als Lokal wurden vom Pflegamte des Bürgerspitals zwei Parterrelokalitäten des Markgräfischen Hofes zur Verfügung gestellt, welche einestheils mit der Strasse, anderntheils mit dem Spital in direkter Verbindung stehen und von denen das eine als Wartezimmer, das andere als Untersuchungssaal und Auditorium dienen; dieselben wurden zu diesen Zwecken baulich entsprechend eingerichtet; bei der Ausdehnung des Institutes wurden auch die wünschenswerthen Verbesserungen und Einrichtungen von dem Bürgerspitale stets in zuvorkommender Weise ausgeführt. Am 30. November 1874 konnte die Anstalt für Publikum und Studierende eröffnet werden.
Ueber die Frequenz giebt folgende Tabelle Aufschluss:
| Winter-Sem. | Studierende. | Sommer-Sem. | Studierende. | Frequenz. | Personen. | Konsultationen. |
| 1874/75 | 5 | 1875 | 6 | 1874 | 111 | 176 |
| 1875/76 | 8 | 1876 | 8 | 1875 | 1258 | 3644 |
| 1876/77 | 7 | 1877 | 5 | 1876 | 2277 | 5555 |
| 1877/78 | 3 | 1878 | 3 | 1877 | 3475 | 8469 |
| 1878/79 | 8 | 1879 | 6 | 1878 | 4375 | 10538 |
| 1879/80 | 3 | 1880 | 6 | 1879 | 4464 | 9613 |
| 1880/81 | 4 | 1881 | 11 | 1880 | 4972 | 10903 |
| 1881/82 | 2 | 1882 | 5 | 1881 | 5630 | 11689 |
| 1882/83 | 5 | 1883 | 8 | 1882 | 5692 | 12040 |
| 1883/84 | 13 | 1884 | 18 | 1883 | 6641 | 13050 |
| 1884/85 | 14 | 1885 | 15 | 1884 | 7291 | 14985 |
Von grossem Einfluss auf den Besuch der Studierenden war die Zeit der Abhaltung der Poliklinik; dieselbe war in den Jahren 1874-77 auf die Nachmittagsstunde verlegt worden, als die Freistunde der arbeitenden Klassen; für die Hörer aber, welche den ganzen Vormittag die Kliniken besuchen, eine unbequeme Zeit; auch die Verlegung auf Vormittags 8-9 Uhr, welche Zeit theils mit der geburtshilflichen, theils mit der ophthalmologischen Klinik kollidierte, war ohne Erfolg, und erst die seit 1881 eingeführte Morgenstunde 7-8 Uhr brachte eine erfreulichere Frequenz.
Neben dem Ambulatorium wurden stets auch Besuche in der Stadt gemacht und einzelne Patienten vorgerückteren Schülern zur Besorgung überwiesen. Doch war es aus Mangel an Assistenz nicht möglich, ein eigentliches Poliklinikum fest zu organisieren. Vom Jahre 1874 bis 1877 wurde die Poliklinik vom Assistenzarzt allein besorgt; die steigende Frequenz führte im Sommer 1877 zur Anstellung eines Unterassistenten, der namentlich das Protokoll zu führen hatte; doch genügte bald auch diese Aushilfe nicht mehr. Nachdem in den Jahren 1881-1883 die Aerzte a Wengen und Dr. Fiechter in höchst willkommener Weise ihre vorzüglichen Dienste der Poliklinik zur Verfügung gestellt hatten, wurde im September 1883 die Anstellung eines ständigen Hilfsarztes durch den Regierungsrath beschlossen und als solcher Herr Dr. Hoffmann-Paravicini erwählt.
Bei der Gründung der Poliklinik wurde das Honorar des Assistenzarztes auf 2000 Fr. festgestellt, wovon 1500 Fr. der Spital, 500 Fr. die Regierung trug; ausserdem wurde ein Jahreskredit von 700 Fr. für Instrumente, Verbandstoffe u.s.w. eröffnet, wovon 200 Fr. auf den Spital, 500 Fr. auf den Staat fielen. Vom Jahre 1877 an übernahm der Spital die Lieferung von Verbandstoffen und Bureaumaterial, und es wurden nunmehr 300 Fr. von dem Kredit von 700 Fr. für Honorierung eines Hilfsassistenten bestimmt. Vom Jahre 1883 an wurde ausserdem ein Kredit von 1200 Fr. für den Hilfsarzt durch die Regierung zur Verfügung gestellt.
Durch das kräftige und wohlwollende Zusammenwirken der Behörden des Staates und des Bürgerspitals wurde auf diese Weise ein lebenskräftiges und blühendes Institut geschaffen, das sowohl für die öffentliche Krankenpflege, als für den Unterricht eine fühlbare Lücke ausgefüllt hat und von dem wir hoffen dürfen, dass es bald durch weiteren Ausbau zu einer noch reicheren Entwicklung werde geführt werden.
Rudolf Massini.