„Der Feind rückte heran; die polnischen Truppen unter Kosciusko waren auf ihrer Retirade nicht weit mehr von Warschau. Die Gefängnisse waren voll Staatsgefangener, welches eine starke Wache forderte. Der Dienst in den Schanzen war natürlich sehr strenge und lästig; die Arbeit beschwerlich. Sogleich machen einige Hitzköpfe das Projekt, die gefangenen Polen, die alle den Tod verdient hätten, oder doch die Vornehmsten de facto hinrichten zu lassen. Man richtete des Nachts an zwölf verschiedenen Orten Galgen auf und auch vor dem Thore des Brühlschen Palastes ward unter einer Menge Fackeln und dem lautesten Vivatrufen so ein Instrument des Volksgerichts aufgepflanzt. Die Kommission ließ mit Anbruch des Tages manche niederreißen, und auch den vor unserer Pforte; aber kaum erfuhr es die erbitterte Menge, so kam sie mit großer Verstärkung unter den Waffen, und richtete ihn unter dem gräßlichsten Lärm wieder auf. Einige Delinquenten hatten wirklich Sentenz, und sollten diesen Tag gehangen werden; aber man stürmte alle Gefängnisse und führte mit Gewalt heraus, wen man bestimmt hatte. Der Fürst Bischof wurde unter unserm Fenster dicht an dem Thore in Pontifikalibus gehangen, die übrigen schleppte man an verschiedene Orte, und oft von einem Galgen zum andern, wenn der eine schon besetzt war. Verschiedene von den polnischen Officieren, die bei diesem Tumulte Ordnung schaffen wollten, wurden verwundet. Die Krise ließ das Schlimmste befürchten. Zum Glück rückte Kosciusko nach dem Verlust des Treffens bei Cezechoczin mit der Armee immer näher nach der Stadt, und schickte sogleich einige tausend Mann Kavallerie herein, welche die Ordnung wieder herstellen half. Auf den offenen Plätzen wurden Piquets mit Kanonen aufgestellt, und gegen die Ruhestörer mit Strenge verfahren; so daß einige Tage nachher einige Tausend müßige Taugenichtse als Rekruten zur Armee geschickt wurden.
„Die Belagerung der Stadt von den Preußen fing an; und während der ganzen Zeit war die Stadt selbst in der größten Ruhe. Man begegnete nun den Gefangenen, so viel als man in der Lage erwarten konnte, mit Achtung und Anstand, ob man gleich natürlich von der Strenge nichts nachlassen konnte.“ — —
Die Preußen hatten Warschau zwar belagert, aber nicht genommen. Suwarow verstand das Ding besser, erschien, nahm, zog siegend in die Stadt ein und befreite die russischen Gefangenen.
Seume’s Freunde in Leipzig hielten ihn als ein Opfer der revolutionären Wuth für verloren; aber wie wurden sie überrascht, und nicht wenig erfreut, als er gerettet und wohlbehalten wieder vor ihnen stand! Er kam auf Befehl der russischen Kaiserin nach Sachsen, als Begleiter und Beistand des jungen Majors Muromzow, Sohn des Obersten, der bei Katharina viel gegolten hatte, und auf dem Schlachtfelde schwer verwundet liegend in polnische Gefangenschaft gerathen war. Der Jüngling, welcher durch die Brust geschossen war, suchte Heilung und wurde durch den vortrefflichen Eckhold in Leipzig völlig hergestellt. Diese Sendung war ehrenvoll für Seume, und er konnte nun mit Sicherheit darauf rechnen, im russischen Dienst bald einen bedeutenden Posten zu erhalten, als am 27sten November 1796 der Tod die große Monarchin von der Erde wegnahm und Seume’s schöne Hoffnungen auf einmal wieder vernichtete. In einer gehaltvollen Schrift: „Ueber das Leben und den Charakter der Kaiserin von Rußland Katharina II.,“ die im Anfange des Jahres 1797 in Leipzig erschien, hat Seume den Charakter und die Thaten seiner Gönnerin kurz, unparteiisch, würdig und meisterhaft geschildert. Wer ihn für einen unruhigen, mit den Maßregeln aller monarchischen Regierung unzufriedenen Menschen gehalten hat, der wird nach Lesung jener Schrift eine andere Meinung von ihm bekommen, und die Gründe wie den Zusammenhang seiner politischen Meinungen erst recht beurtheilen können.
Paul I. bestieg nun den russischen Thron. Seine Maximen und Beschlüsse haben Vielen wehe gethan, auch Seume litt darunter. Alle russische Officiere im Auslande wurden strenge zurück berufen, und die nicht gleich kamen, wurden auf der Liste ausgestrichen. Seume war auf Befehl Katharinens in Leipzig; sein Geschäft war ohne seine Schuld noch nicht vollendet; denn Eckholds Kunst und die Heilung der Natur richtete sich nicht nach einem kaiserlichen Ukas; demohngeachtet strich man auch ihn aus. Aber Seume war nicht weniger ein harter Kopf als Paul I. Er schrieb und protestirte so lange und so nachdrücklich, bis man ihn einen ehrenvollen Abschied sandte, und zugleich die Erlaubniß ertheilte, wieder zum Dienst zurückkommen zu können. Auf diese Erlaubniß leistete aber der Lieutenant Verzicht, wohl einsehend, daß seine Art und Weise mit Pauls I. Art und Weise gar nicht verträglich war, und blieb frei und unabhängig in Sachsen. Der Charakter des Kaisers ist übertrieben getadelt; Seume hat ihn in mancher Rücksicht gerechtfertigt und richtiger beurtheilt in einer Schrift, die unter dem Titel: „Zwei Briefe über die neuesten Veränderungen in Rußland,“ 1797 herausgekommen ist, und manche noch jetzt interessante Nachrichten über die Organisation und die treffliche Kleidung des russischen Militärs enthalten, wodurch man geneigt werden kann zu glauben, daß andere Nationen manches davon nachgeahmt haben. Er lebte jetzt wieder in Leipzig von der Schulmeisterei — wie er zu sagen pflegt — von dem Unterricht im Englischen und Französischen. Seine Leiden und Freuden waren die nämlichen, welche überhaupt dem Menschen zu Theil werden, wenn er ein stark fühlendes Herz und einen gebildeten Geist, wenn er eine Bildung hat, die kein Gepräge fremder Gewalt ist, sondern aus dem eignen Geiste durch die von Gott mitgetheilte Kunst entstand.
Ich würde gesagt haben, er habe von jetzt an das Privatleben erwählt, wenn man also ein Leben nennen könnte, welches angewendet wird, für das Beste der ganzen Menschheit zu wirken. Er suchte keine Militärstelle, weil nach seiner Meinung das deutsche Militär nicht für das stritt, was er für das Beste hielt, und weil er auswärtigen Kriegern nicht helfen wollte, Deutschland einst, wie er voraussah, den Folgen des Krieges auszusetzen. Er suchte kein Amt — in einem Amte durfte er das nicht öffentlich sagen, was er mündlich und schriftlich sagen wollte — und er brauchte kein Amt; denn der Unterhalt für ihn, der so wenig bedurfte, war leicht zu gewinnen, und an Erheiterung konnte es ihm nicht fehlen, weil ihm jedes gute Haus, jedes edle Herz offen stand, und er den feinsten Sinn für wahre Geselligkeit hatte.
Der Buchhändler Göschen, welcher damals einige schöne Ausgaben deutscher klassischer Schriftsteller druckte, bat Seume zu ihm nach Grimma zu kommen, und die Revision der Handschriften des Drucks zu übernehmen. Er nahm die Einladung an, arbeitete mit Liebe und Treue, und lebte hier in der reizenden Natur, in den Bergen und Schluchten, an den lieblichen Ufern der Mulde. Im Jahre 1780 gab er bei einem andern Buchhändler seine Gedichte heraus. Sein Umgang waren einige gebildete Familien jener Gegend, und einige Jünglinge, welche er durch Lehren und Beispiele bildete, zur Entbehrung und Ertragung gewöhnte. War der Winterabend recht unangenehm, so stand er bei anbrechender Nacht von seiner Arbeit auf, ging noch zu diesem oder jenem Freunde auf dem Lande, und gebot dem Zögling, in einer Stunde ganz allein nachzukommen. Hatten sie dann wieder ausgeruhet, so wandelten sie in dicker Finsterniß durch Schneegestöber und Sturm, durch Hügel, Berge und Hohlwege nach Grimma zurück. Es wurde auch wohl zu Mittage beim allerschlechtesten Wetter des Monats December ein Spaziergang von sechs tüchtigen Stunden nach Leipzig beschlossen, um dort in das Schauspiel zu gehen, welches um sechs Uhr Abends anfängt. War das Stück geendigt und eine warme Suppe gegessen, so ging die Reise unaufhaltsam gleich zurück, und der Mentor und sein Zögling kamen bald nach Mitternacht wieder in ihrer Wohnung an. Nicht allein die Härte des Winters, sondern auch die Hitze und die Gefahr des Sommers sollte die Jugend ertragen lernen. Ein Freund lebte allein auf dem Lande und litt viel von dem Einfluß der Gewitter auf seinen Körper. In einer schrecklichen Mitternacht flogen Blitze auf Blitze vom Himmel und ein Donnerschlag unterbrach den andern; da dachte Seume an seinen Freund, machte sich stracks mit seinem Zögling auf, und erschien bei dem Leidenden als ein freundlicher Engel in der gefährlichen Nacht. Einer dieser Zöglinge, welcher jetzt in Wien ein geschickter Tonkünstler ist, hatte eine sehr zarte weichliche Natur; demohngeachtet wurde diese vermittelst jener Uebungen so gestärkt, daß er den letzten Feldzug der Oesterreicher gegen die Franzosen, ohne sich zu schonen, tapfer mitgemacht und die größten Fatiguen glücklich ausgehalten hat. Die Jünglinge wurden durch diese strenge Erziehungsart zwar hart, aber nicht rauh, stark, aber nicht wild; sie blieben in ihrem Innern sanft, und fähig des schönen Genusses der stillen häuslichen Freuden, welche auch ihr Lehrer so gern und so innig genoß. Wenn seine Freunde ein Familienfest feierten, so durfte Seume nicht fehlen und sie haben ihn da recht herzlich froh gesehen. Es sind noch viele Gedichte vorhanden, worin er jenen glücklichen Stunden ein Monument gesetzt hat, die jetzt von den Besitzern als heilige Pfänder seiner Freundschaft angesehen werden. Eins bei dem Wiegenfeste eines kleinen Mädchens soll hier abgedruckt werden, weil es so leicht und ungezwungen ist.
Für Lottchen zu ihrem neuen Jahre.
Der Tag
Mag
So schauerlich
Novemberlich sehn,
Er ist doch nicht traurig;
Ist schön.
Das Jahr
War
Dem feinen Geschöpfchen
Mit niedlichen Köpfchen
Ein Blumenaltar:
So werde
Die Erde
Dem lieblichen Mädchen von Jahr zu Jahr
Nun Lottchen,
Du drolliges Bild,
Du bist ja so wild,
Lauf bald nun ein drolliges Trottchen
Kosakisch,
So schnakisch,
Wie kaum es der liebe Papa
In artiger Gruppe
Der lärmenden Truppe
Der häuslichen Polterer sah.
Seume’s einfache, klare und treuherzige Sprache mit dem Landvolke bewog Göschen, auf einem ländlichen Spaziergang, ihn aufzumuntern, ein Sittenbuch für den Stand zu schreiben, den er so gut kannte und den er liebte. Er schenkte die Handschrift seinem Freunde, dem würdigen Pastor Schieck in Pomsen, und sie ist, nach dem Tode ihres Verfassers, unter dem Titel: „Nachlaß moralisch religiösen Inhalts,“ gedruckt worden. Für das Honorar derselben hat ihr ehemaliger Besitzer der Gemeine des Dorfs Groß-Steinberg eine neue Altar- und Kanzelbekleidung besorgt, zum Andenken an den edlen Mann, welcher eines Bauern Sohn war.
Es haben sich hier und dort einige Vers- und Reimmeister, welche in der reinen Kunstform viel geleistet zu haben glauben, mit der Frage vernehmen lassen: ob Seume auch ein Dichter sey? Besteht das Wesentliche der Poesie in hohen Gedanken, in tiefem Gefühl des Großen und Schönen, in Gebilden, welche in der Seele entstehen, und welche die Seele wahr, lebendig, ergreifend, wohlklingend und melodisch ausspricht, so ist Seume ein Dichter, ohngeachtet er kein romantisches Gedicht gemacht hat, sondern nur das poetische Talent zur Unterstützung jener Ideen benutzte, für welche er seine Nation empfänglich machen wollte. Alle seine für das Publikum bestimmten Gedichte sind nur Vorübungen und Vorläufer zu einem großen Lehrgedichte: „Asträa,“ welches er nicht ausführen konnte, weil ihn der Tod zu früh überraschte. Durch Schillers Thalia wurde das Gedicht an Münchhausen allgemein bekannt. Schnorr las dasselbe und es riß ihn so hin, daß er nicht eher ruhte, bis er die Bekanntschaft des Dichters gemacht hatte. Aus dieser Bekanntschaft von den Musen geknüpft entstand ein Bund der Freundschaft, den zu lösen die Zeit nicht vermochte. Bei Schnorr, diesem ächten Künstler, wenn, wie Lessing meint, der Kunstsinn den Künstler macht, bei Schnorr, diesem braven Hausvater, der eine zahlreiche Familie durch unermüdeten Fleiß und Entsagung aller erkünstelten Bedürfnisse erhält und trefflich erzieht, bei dem heitern, durch und durch guten Schnorr aß Seume gewöhnlich des Abends sein Butterbrod und seine Kartoffeln, trank Wasser, wiegte die Kleinen eins nach dem andern auf seinem Schooß, und lebte und webte hier in der Kunst, und in der wahren lieblichen Natur.
Seume hatte Empfänglichkeit für die Reize des schönen Geschlechts: er war mehrere Mal wirklich verliebt mit der ganzen Stärke und Heftigkeit seines Gemüths. Ich würde dieses als etwas ganz Gewöhnliches, das den mehrsten Geschöpfen zu begegnen pflegt, gar nicht erwähnen, noch weniger bemerken, daß er, wie alle ätherische und kräftige Menschen, den Kopf dabei ein wenig verloren habe, wenn es nicht auffallend gewesen wäre, daß die beiden letzten Gegenstände seiner Liebe reiche Mädchen waren. Er suchte ihren Reichthum nicht, aber da sie reich waren, ließ er sich hier gehen, und strebte nach einer ehelichen Verbindung mit dem Gegenstand seiner Liebe, weil, wenn er ein Opfer seiner Ueberzeugung und deren lauter Verkündigung werden sollte, welches gar nichts Unmögliches war, die Gattin nicht verlassen von Familie und Vermögen sein möchte. Gewiß haben mehrere Mädchen Eindruck auf ihn gemacht; aber wenn sie arm waren, so suchte er gleich Anfangs Herr über ein solche Liebe zu werden, und ihrer Macht zu entgehen.
Es war überhaupt Plan in seinem Privatleben, wiewohl dieser Plan nicht in die Augen fiel. Als Göschen ihm die Aufsicht über seine damaligen typographischen Unternehmungen antrug, antwortete Seume: „Zwei Jahre will ich bei Ihnen sitzen, dann muß ich mich aber wieder ein wenig auslaufen. Ich will nach Syrakus.“ Mit dem letzten Tage der zwei Jahre, im Anfange des Decembers 1801, reisete er ab, und nach neun Monaten trat er an demselben Tage, den er als Ziel seiner Abwesenheit bestimmt hatte, auch wieder in Göschens ländliche Hütte, zum frohen Erstaunen der ganzen Familie. Wenige Wochen vor seiner Abreise, am Geburtstage der Mutter dieser Familie, seiner Freundin, sang er im Garten bei einer sternhellen Nacht, verkleidet als Einsiedler, folgendes Lied:
Der Abend gießt, wie Dämmrungstraum,
Sich friedlich durch den Apfelbaum,
Und haucht dem Greis am Lebensziel
Noch Jugendgeist ins Saitenspiel.
Ich bin dem Sturm der Welt entflohn,
Und Ruh ist meiner Seele Ton;
Hoch wogt’ ich einst von Pol zu Pol,
Nun bin ich einsam, still und wohl.
Ein Silberhaupt, das weise war,
Sieht tief zurück durch manches Jahr,
Und sieht aus der Vergangenheit
Prophetisch den Erfolg der Zeit.
Es weht mich von der Sternenbahn
Jetzt himmlische Begeist’rung an:
Hört, Kinder, hört mit stiller Ruh
Dem Lied des alten Klausners zu!
Engelharfen tönen laut
Durch der Geister Reihn,
Wo die Tugend Hütten baut,
Gut und froh zu seyn.
Gott der Vater schuf die Erde,
Daß sie uns zum Himmel werde.
Freundschaft giebt und Liebe nur
Menschenmajestät;
Jede Freude der Natur
Wird durch sie erhöht:
Ohne diese mag der armen
Traurigen sich Gott erbarmen.
Wenn die Mutter zu dem Fest
Ihre Kinder nimmt,
Und die Freude jubeln läßt,
Die im Auge glimmt:
Welche Zunge könnte sagen,
Was beredt die Herzen schlagen!
Schöner als es gestern war,
Schöner ist es heut;
Und so bringet jedes Jahr
Seine Seligkeit.
Mag die Zeit vorüberfließen,
Wisse, weise zu genießen.
Engelharfen tönen laut
Durch der Geister Reihn,
Wo die Tugend Hütten baut,
Gut und froh zu seyn.
Gott der Vater schuf die Erde,
Daß sie uns zum Himmel werde.
Während einer Handvoll Tage hatte er die Reise durch Oesterreich, Italien, Sicilien, die Schweiz, von da einen Abstecher nach Paris, und von Paris nach Sachsen zu Fuße vollendet. Die Veranlassung zu dieser Reise war keine andere, als der Wunsch, den klassischen Boden zu durchwandeln, und in den großen Begebenheiten, in dem herrlichen Reiche der Kunst des Alterthums, und in der schönen Natur Italiens anschaulich zu leben. Er hat geschwelgt in diesen Genüssen; aber er hat darüber nicht, wie Andere, den Geschmack des Guten und Schönen verloren, welches die vaterländische Erde und der Himmel unserer Heimath reichlich giebt. Das beweiset folgendes kleine Gedicht:
Den 20. September 1802.
Lieben Leute,
Bringet heute
Jeder seiner Gaben beste
Zu der Freundin Jahresfeste!
Freude bringt und frohen Sinn!
Wo man freundlich sich begegnet,
Seele sich durch Seele segnet,
Wohnt des Lebens Königin.
Ihre Kinder
Fliehn geschwinder,
Doppelt froh sie zu begrüßen
Mit der Freude Feuerküssen,
Heute zu der Mutter Schooß;
Und der Mann des Herzens eilet
Ihnen in den Arm und theilet
Ihres Lebens schönes Loos.
Aus den Blicken
Strahlt Entzücken
Und es leuchtet in der Ferne
Mit der Hoffnung Flammensterne
Schön und mild die Zukunft schon.
Mögen, Freundin, Dir auf Erden
Oft noch solche Stunden werden,
Und die Zeit ist nicht entflohn.
Am Aetna wächst die Frucht der Hesperiden
Und Oel und goldner Wein;
Allein man wohnt am Aetna nicht zufrieden
Und kann nicht ruhig sein.
Der Feuerberg stürzt aus dem Höllenschlunde
Oft seine Fluth herab,
Und wälzt die Stadt mit Oel und Frucht zu Grund
Und macht ein großes Grab.
Am Hügel hier blühn jetzt noch schöne Rosen, —
Und wächst auch etwas Wein:
Auch können wir beim Lied vertraulich kosen
Und immer ruhig sein.
Zwar nickt uns nicht von einem hohen Baume
Die Ambrafeige zu,
Doch pflücken wir vom Ast die Mohrenpflaume,
Und essen sie in Ruh.
Die Mandel fehlt, wir haben aber Kirschen,
Und haben dran Gewinn;
Und gäben wir wohl unsre Purpurpfirschen
Für die Granate hin?
Der Aetna ist ein häßlicher Herr Vetter
Mit seiner Feerei:
Hier kommt wohl auch ein kleines Donnerwetter;
Doch ist es bald vorbei.
Drum wollen wir genießen, singen, kosen,
Und froh sein wollen wir.
Singt, Freunde, singt: Es leben unsre Rosen
Auf unserm Berge hier!
Nach Vollendung dieser großen Wanderung ruhte er wieder in Leipzig aus, und schrieb seinen „Spaziergang nach Syrakus.“ Dieses Werk verschaffte ihm als Schriftsteller und als Mensch eine große Achtung bei allen Edeln von der Newa bis an den Rhein. Jetzt, da die öffentliche Meinung für ihn war, tadelte er mit Kühnheit alles, was er als Fehler und Mißbräuche in den gesellschaftlichen Verhältnissen erkannte, und sagte ohne Schonung der Personen das Gute und Böse einer jeden Verfassung gerade heraus. In der Vorrede zu seiner Uebersetzung von Percivals Beschreibung des Vorgebirges der guten Hoffnung (Leipzig 1805) macht er den Engländern wie den andern Eroberern, über ihr politisches Verfahren starke Vorwürfe und sagt ihnen seine Meinung ohne Zurückhaltung. „Der Verfasser,“ sagte Seume, „hat die Feinde seiner Nation so schlecht gemacht, als sich’s mit Ehre und einem Anschein von Wahrheit thun ließ; aber dadurch wird die Sache für seine Landsleute nicht besser; denn wo sie die Meister spielten und noch spielen, da geht es mit eben so wenig Mäßigung und Humanität zu, als überall — — — Andere wissen doch ihren Erpressungen und Malversationen noch einen Anstrich von Wohlwollen zu geben, wodurch sich freilich kein Sehender blenden läßt. Percival sagt ohne Scheu geradezu: wenn wir das Vorgebirge haben, beherrschen wir den Handel Indiens, folglich den Handel der Welt, folglich — die Folgen sind alle klar. Das ist ächt britisch. Britannia, Beherrscherin des Meeres! durch die Wogen mache den Erdball zinsbar! — Der jetzige politische Horizont kommt mir vor, wie die Lage vor der Schlacht von Zama; siegt die eine Partie, so haben wir wahrscheinlich eine Römerei, vielleicht etwas sanfter und glimpflicher, nach dem Geiste der Zeit, im Uebrigen aber ganz ähnlich. Wenn England im Streite nicht erliegt, ist dadurch nichts gewonnen, als Dauer des Kampfes, wozu die andern die Kräfte liefern. Die Energie der Engländer ist nicht zu verkennen, so wenig als ihr Freiheitssinn zu Hause; daß sie sich aber durch Gerechtigkeit, Humanität und reines Wohlwollen vor Nationen in andern Welttheilen auszeichnen sollten, wird ihnen Niemand glauben. — Wo der Begriff Sklave noch im Recht gilt, darf man durchaus nicht behaupten, daß man die erste Stufe reiner menschlicher Bildung erstiegen. Der Himmel bewahre uns auch vor römischer und griechischer Freiheit, wenn für das allgemeine Heil der Menschheit Hoffnung seyn soll. Freiheit ist durchaus nichts als Gerechtigkeit, und diese nichts, als gleiche Befugniß mit gleichen Pflichten im Staate. Und so lange man sich ein Haar breit von dieser Basis entfernt, so mag man Konstitutionen bauen, wie man will; es werden blitzende Meteore seyn, aber nicht halten. Nur die Natur mit ihren Gesetzen ist beständig.“ —
Wahrscheinlich hat er auch damals seine Anmerkungen zum Plutarch in lateinischer Sprache geschrieben, mit einer Vorrede, welche so kühn war, daß sie kein Buchhändler drucken konnte und kein Censor die Erlaubniß dazu gab. Wo die Handschrift hingerathen ist, weiß man nicht.
Der russische Konsul in Leipzig, Herr Hofrath Schwarz, suchte für einen jungen angesehenen Mann einen Begleiter bis Dorpat. Seume ergriff diese Gelegenheit um den längst gefaßten Vorsatz auszuführen, seine Freunde und ehemaligen Kriegsgefährten in Petersburg zu überraschen. Diese merkwürdige Reise durch Rußland, Finnland und Schweden hat er in dem Werke: „Mein Sommer,“ beschrieben, und er hat auch dieses Werk benutzt, um das Leben seiner Seele ohne Schleier darzustellen. Die Vorrede zu diesem Werke ist meisterhaft und gehört in dieser Rücksicht zu dem Besten, was die alte und neue Literatur in diesem Fache aufgestellt hat.
Die oft genug wiederholten Behauptungen Seume’s waren jetzt eingetroffen: die Franzosen wurden Beherrscher des Kontinents, und er sah den Folgen in der Stille und Abgezogenheit zu. Er hatte einige Bogen Papier zusammengeheftet und den Titel: „Schmieralien“ darauf geschrieben. Die verhängnißvolle Zeit brachte gewissermaßen in jedem Menschen, nach seiner Individualität, Schmieralien hervor, Zunder, welchen die Begebenheiten entzündet hatten, und der bei andern bald erlosch, dem aber Seume in seiner Seele Nahrung gab, und dann in sein Magazin trug, welches, nach seinem Tode, unter dem Titel: „Apokryphen“ 1811 erschien. Im Jahre 1808 erschien sein „Miltiades.“ Dieses Werk ist kein Spiel bestimmt gesehen zu werden, und weichen Seelen zu Thränen zu verhelfen; es ist ein Bild für die Seele des Jünglings und des Mannes, der in Flammen für das Vaterland ausbrechen soll.
Gegen Johannis des eben genannten Jahres litt der Vielgewanderte an einer Schwäche des Fußes, welche er seit den amerikanischen Feldzügen, wiewohl ohne große Beschwerde, schon zuweilen empfunden hatte, die aber jetzt so groß war, daß er einige Wochen das Bett hüten mußte. Das war ein Vorbote der größeren Leiden, die bald über ihn ausbrachen. Am Ende des Augusts begann eine Krankheit des Unterleibes, der Blasenkatarrh, eine Krankheit, die mit den qualvollsten Schmerzen verknüpft ist, ihm fast allen Schlaf raubte, und, was noch grausamer für ihn war, ihm weder das Lesen, noch das Schreiben, ja nicht einmal das Sprechen verstattete. Während dieser Pein hat er seine Trauer und seinen Trost in dem rührenden Gedichte: „Kampf gegen Morbona“ ausgedrückt. Möge es Niemand ungelesen lassen! Sein edler Freund, der treffliche Doktor Braun, that, was er vermochte; er linderte die Schmerzen, hob die gesunkenen Kräfte immer wieder empor, und stellte ihn so weit wieder her, als es möglich war. Mit Anfang des Jahres konnte er wieder ausgehen und seine Freunde besuchen; jedoch blieb er immer schwach, weil der Same des Todes im Wachsthume zwar geschwächt, aber nicht erstickt werden konnte. Die treueste Freundschaft hat für ihn während dieser Krankheit gesorgt und ihn gepflegt. Der Kaufmann Haußner ließ sich ehemals von Seume in der englischen Sprache unterrichten, und nahm ihn hernach, um seinen Umgang zu genießen, in seine Wohnung auf. Mehr kann kein Bruder für den Bruder, kein Sohn für den Vater thun, als dieser Mann für seinen Freund, während der ganzen Krankheit, mit Delikatesse, mit Aufopferung, mit einer Art von Eifersucht gegen die Freundschaftsbezeugungen Anderer gethan hat.
Im Frühlinge 1810 wagte Seume, ungeachtet seiner Schwäche, eine Reise nach Weimar zu seinem verehrten Freunde Wieland. Dieser, erschüttert durch die Hinfälligkeit des ehemals so kräftigen Mannes, und besorgt wegen einer vielleicht hülflosen Zukunft, ging zu seiner Gönnerin, der Erbprinzessin von Weimar, einer der seltenen Fürstinnen, die alle gute und edle Menschen liebt und von allen geliebt wird, erzählte ihr Seume’s Geschichte und führte den edlen Mann selbst bei ihr ein. Sie nahm sich desselben an, und verlangte von ihm, daß er an ihren Bruder, den Kaiser Alexander, nach Petersburg schreiben sollte. Seume schrieb nach seiner Art wahr und würdig. Wieland fürchtete, der Ton des Briefes möchte hier und da dem Kaiser auffallend seyn, die Großfürstin fand es nicht, nahm den Brief und sandte ihn selbst an ihren erhabenen Bruder ab. Der gütige Monarch bestimmte für Seume eine Pension; aber leider bedurfte er derselben nicht mehr, er hatte das Ende seiner irdischen Wanderschaft und das Ende aller Sorgen erreicht.
Nach seiner Zurückkunft von Weimar fand er seine Wohlthäterin und Freundin, die Frau Elisa von der Recke, und den Dichter Tiedge, der ihn unbeschreiblich achtete und liebte, im Begriff, nach Töplitz in das Bad zu reisen. Er wurde dadurch zu dem Entschlusse bewogen, ihnen zu folgen und in ihrer Gesellschaft zu versuchen, ob auch er an jener Quelle Heilung und die Kraft seines Lebens wieder gewinnen könnte. Bei seinem Abschiede übergab er dem D. Braun, als ein Pfand seiner Liebe, die Handschrift des von ihm selbst niedergeschriebenen Lebens. Wir sehen aus diesem und aus dem Gedichte „Morbona,“ daß bis jetzt die Krankheit seinen Geist nicht überwältigt hatte. Ließen die Schmerzen nur etwas nach, so war sein Gespräch heiter, freundlich, lehrreich und oft witzig. Er war immer herzlich gegen die Freunde, zuweilen sanfter, als gewöhnlich, aber eben so stark und bitter, als sonst, gegen alle Feinde der Vernunft, des Lichtes und der Humanität.
Gegen das Ende des Monats Mai 1810 traf Seume in Töplitz ein, wo er im goldnen Schiffe, oder der sogenannten Töpferschenke, eine Stube bezog, welche ihm die heiterste Aussicht auf die Stadt und das Bad, von dem er noch entscheidende Hülfe hoffte, auf ein paradiesisch grünendes Thal, mit hohen, im Frühlingsdufte schwimmenden Bergen, aber auch auf die Stelle seines künftigen Grabes gewährte. Ganz nahe war er hier dem Fürstenhause, wo die Frau von der Recke und Tiedge wohnten, deren Umgang ihn den vorhergehenden Winter so oft zu einer wahrhaft menschenfreundlichen Heiterkeit gestimmt hatte, und ihm auch nun seine letzten trüben Stunden erhellte. Auch konnte so am leichtesten, aus der Küche der Frau von Recke, für seine, nach einer strengen Diät angeordneten Speisen gesorgt werden, und dieses diente ihm zu keiner geringen Beruhigung, da er selbst über diese Diät, wenigstens anfangs, sehr gewissenhaft hielt. Unterzeichneter, der ihn seit zwanzig Jahren kannte und schätzte, hatte seine Wohnung eine Treppe höher über ihm; bald sammelten sich auch einige andere Freunde und Bekannte um ihn her, und waren daher ebenfalls im Stande, durch kleinere Dienste für ihn zu sorgen, die Seume mit williger Dankbarkeit und anfangs unter freundlichen Scherzen annahm. Ungeachtet Seume dieses Mal natürlich Pferd und Wagen bei seiner Reise zu Hülfe genommen hatte, so ward es doch bald bei Menschen aller Art in Töplitz bekannt, daß der berühmte Fußwanderer angekommen sei, um hier das Bad zu gebrauchen, und seine Ankunft sowohl, als der mögliche Erfolg seiner Kur, erregte allgemeine Theilnahme. Er selbst wünschte diese Kur möglichst beschleunigt. Denn die mitgebrachte, nicht unbedeutende Menge von Dukaten seiner Baarschaft, über welche er mit der Genauigkeit eines Financiers häufige Revision hielt, wie auch die in seinem Taschenbuche aufgezeichneten Reiserouten und Städtenamen, wiesen auf einen Lieblingsplan hin, den Rhein oder wohl gar die Schweiz zu besuchen. Leider schlugen aber bald die Aeußerungen des würdigen Töplitzer Brunnenarztes, D. Ambrozy, den er wegen seines Zustandes um Rath fragte, seine und mit noch deutlichern Ausdrücken die Hoffnungen seiner Freunde nieder. Der Gebrauch des freilich weit wirksamern Stadtbades ward Seumen ganz untersagt, und nur die Steinbäder, in dem eine Viertelstunde Weges entfernten Dorfe Schönau, wurden gestattet, welche bei günstiger Witterung gebraucht, wenn auch den Grund seiner Krankheit nicht ganz heben, aber ihm doch etwas Stärke geben, wenigstens nichts schaden würden. Die größte Schwierigkeit lag für Seume und seine Freunde darin, ihm ein medicinisch zweckmäßiges Getränk zu verschaffen. Das laue Trinkwasser in Töplitz ist bekanntermaßen, selbst nach seiner Erkältung ohne Kraft und kaum trinkbar, weshalb man sich an die Biere und österreichischen Landweine, oder einen selbst mitgebrachten Weinkeller halten muß. Alle diese Getränke waren Seumen gerade, aus medicinisch bekannten Gründen, bei seiner Krankheit verboten. Seume versuchte vom mineralischen Wasser der benachbarten Brunnenstadt Bilin zu trinken. Aber das Wasser dieses Sauerbrunnens war ihm zu schwer, und vermehrte seine Uebel. Am Kloster Mariaschein, eine Stunde von Töplitz, fließt das Mariabrünnlein, eine erfrischende, mit zierlicher Kuppel überdeckte Quelle, von der ich Seumen eine Flasche zur Probe mitbrachte. Allein auch diese Gabe der Heiligen wollte unserm Kranken nicht zusagen, und überdem war die Quelle zu entfernt. Seume war einmal an das Selterwasser gewöhnt, welches man aber anfangs in Töplitz vergebens suchte. Schon bemeisterte sich der Unmuth unseres Freundes, und aus einer sehr gewöhnlichen Täuschung schob er alle Schuld seiner Schmerzen nicht auf seinen unheilbaren Zustand, sondern auf den Mangel des Selterwassers, an das er gewöhnt sei. Es ist eine eben so bewährte, als rührende Erfahrung, daß die Hoffnung den Menschen selbst am Rande des Grabes nicht verläßt, um ihm, wenigstens durch ihren lieblichen Schein, die finstere Wahrheit der letzten Stunden zu verschleiern. Auch Seume war davon ein Beispiel. Sein Muth fand sich nicht wenig aufgerichtet, und sein Hang zur Selbstständigkeit vorzüglich geschmeichelt, als ihm selbst gelang, was keinem seiner Freunde gelungen war, bei einem Krämer in Töplitz noch einige Flaschen Selterwasser aufzutreiben. Aber bald sah er ein, daß auch diese seine Panacee das verlorne Gleichgewicht seiner Natur wieder herzustellen nicht mehr im Stande war. Nichtsdestoweniger brauchte er, anfangs mit aller Vorsicht, einige Steinbäder, und spürte auch deren gute Wirkung. Ja selbst der Gang nach Schönau und zurück, den er bei guter Witterung zu Fuß, in dem alten Reisecostüm, das wir an ihm kannten, wacker unternahm, ermattete ihn so wenig, daß er gewöhnlich seinen Mittag noch bei seiner Freundin Elise zubringen, und mit ihr und Tiedge, nach alter Weise, über die Welt und sein Zeitalter philosophiren konnte. Zuweilen äußerte er zwar hier im Schooße vertrauter Freundschaft den in seiner Lage wohl erlaubten Wunsch, durch den Tod bald von seinen Schmerzen befreit zu werden. Ja er gab wohl nicht undeutlich zu verstehen, daß ihn blos um der Schwachen und Thoren willen die Pflicht des Beispiels abhielte, seinem für sich, und, wie er meinte, für seine Freunde beschwerlichen Zustande ein Ende zu machen. Indessen wechselte diese trübe Stimmung mit andern der Lebensliebe und Lebenshoffnung wieder ab. Gewöhnlich wird die viele Sorge, welche ein Kranker an seine Heilung zu verschwenden pflegt, ein neuer Grund der Lebensliebe. Denn wer wünschte wohl vergebens gesorgt zu haben? Dies war auch bei Seumen der Fall, so wenig er sonst, in gesunden Tagen selbst, das Gute des Lebens zu preisen gewohnt schien. Diese abwechselnden Stimmungen brachten nun freilich einige Widersprüche in seinem Betragen, zuweilen ängstliche, übertriebene Folgsamkeit gegen die diätetischen Regeln, zuweilen auch halsstarrige Unfolgsamkeit, bald stoische Geduld, bald minder stoische Wunderlichkeit hervor, weswegen er denn manche moralische, wohlmeinende Vorhaltung von seinen Freunden anhören mußte, die er mit seinen gewöhnlichen Sarkasmen, oder mit einem lakonischen: „Schon gut!“ hinnahm. Leider war er aber keinesweges, bei der rauheren Witterung, die dem ersten Scheinfrühlinge folgte, dahin zu bestimmen, das Baden ganz auszusetzen. Ja an einem mit Regen drohenden Tage erwachte der alte militärische Geist in ihm so sehr, daß er die für Kranke freilich mit mancherlei Beschwerlichkeit und Unkosten verknüpfte, einzige Transportanstalt verschmähte und seinen Weg zu Fuß antrat, welcher denn mit einem von mir nachgebrachten Regenschirme rückwärts vollendet werden mußte. „Ich bin hierher gekommen, um zu baden,“ sprach er, „folglich muß ich baden und kann nicht auf die Witterung warten.“ Diese traurige Konsequenz, verbunden mit der kleinen Inkonsequenz, einmal nach dem Bade, der Einladung des gastfreien Prälaten von Ossegg zufolge, sich umzuziehen, und, trotz aller Erinnerung, bei Tische selbst seine diätetischen Regeln alle zu vergessen — war entscheidend. Nur ein paarmal saß er noch gebückt, in seinen Mantel gehüllt und mit aschgrauer Gesichtsfarbe, in dem gewohnten Kreise, und mußte seinen Sitz bald mit dem Sopha, endlich mit dem Bette vertauschen. Er konnte nun nicht mehr aufdauern, und alles, was ihm sonst lieb gewesen war, widerstand ihm.
Gern hatte er vordem in dem Zirkel der Frau von der Recke von deren Begleiterinnen die Lieder Elisens und Tiedgens zur Guitarre, oder Schillers Ideale, nach Naumanns tief ins Herz dringender Composition, zum Fortepiano singen hören, und den Sängerinnen durch manche Herzlichkeit, ja selbst durch manche feinere Galanterie gedankt. Einst brachte er den beiden Begleiterinnen Elisens Eine Rose. — „Ich habe nicht mehr, als die Eine Rose,“ sagte er zu ihnen, „und ich glaube Sie damit zu ehren, daß ich Ihnen beiden nur Eine gebe.“ Noch in Töplitz, wo die Anwesenheit der liebenswürdigen und talentvollen Wittwe Naumanns manche Veranlassung zu musikalischen Unterhaltungen gab, war Seume ein aufmerksamer Zuhörer. Ja selbst in den letzten Tagen ehe er sich legte, ward er einst durch die Stelle in einem von Elisens Liedern:
wunderbar ergriffen. Dieser Gedanke, welchen in einem spätern Liede Schiller auf eine ähnliche Weise ausdrückt, rührte unsern, düster und in sich gekehrt dasitzenden Seume so sehr, daß er mitten unter dem Gesange mit Thränen in den Augen aufstand; Elisen die Hand drückte und sagte; „Elisa, das ist ein herrlicher Gedanke!“ Dieses war aber auch die letzte Aeußerung unseres Freundes, die von Gefühl für die Außenwelt und für das höhere Schöne zeugte, wiewohl sie hinreichend seine Ueberzeugung von der Fortdauer des edleren Daseyns in uns beurkundet. Man bot ihm an, als er sich schon ganz in sein Krankenzimmer zurückgezogen und verschlossen hatte, ihn wenigstens noch von ferne Musik hören zu lassen; aber er verbat es, wie auch die Besuche selbst aller Freunde, die nicht, so zu sagen, zu seiner medicinischen Wartung angestellt waren, aber ihm dabei durch Handreichungen nützlich seyn konnten. Ganz schien von nun an der kräftige Geist in sich selbst zusammen gerollt, hatte das äußerliche Wesen den körperlichen Leiden, ja selbst den wehmüthigsten Aeußerungen derselben, überlassen, und verkündete sich nur noch durch den starren, aber durchdringenden, prüfenden Blick, mit dem er die Umstehenden ansah. Selbst auf meine mit möglichster Schonung und Vorsicht an ihn gerichtete Frage, ob er noch einem abwesenden oder gegenwärtigen Freunde etwas zu entdecken und aufzutragen habe, antwortete er nicht mehr verständlich, wiewohl er seinen Leipziger Arzt und vertrauten Freund, D. Braune, mit Namen nannte. Den Trost einer höhern Welt, der in den herrlichsten Sprüchen der Weisen des Alterthums ausgedrückt, und in einem vor seinem Sterbelager aufgeschlagenen Bande der Reisen des jüngern Anacharsis gesammelt, mehr seine trauernden Freunde erhob, als sein Ohr erreichte, schien er nicht mehr zu bedürfen. Ueber Seume’s religiöse Ueberzeugungen, über welche auch sein bei Göschen 1811 erschienener Nachlaß moralisch-religiösen Inhalts befriedigenden Aufschluß giebt, habe ich, so wie von einigen andern Zügen seines Charakters, bei Gelegenheit einer frühern Handschrift seiner Gedichte in der Minerva 1812 einige Worte gesprochen. Es sei mir erlaubt, die hierher gehörige Stelle zu wiederholen:
„Freilich hatte wohl die Ansicht seines Zeitalters Seumen in den spätern Jahren seines Lebens manches Symbol geraubt, das zu einer andern Zeit ihm in dem letzten Kampfe seiner Natur eine heitere, minder bittere, versöhnte Stimmung hätte geben können. Freilich sprach er wohl zuweilen in eben dem rauhen Tone mit dem Himmel, wie mit seinen nächsten Freunden, und glaubte vielleicht den Himmel, den er mit seinen Bitten nicht bestürmen zu wollen erklärte, eben so dadurch zu ehren, wie seine Freunde. Allein der Mann, der unter dem Sturme von Warschau, in einer Stunde, wo achtzehntausend Menschen um einer politischen Maxime willen hingeschlachtet wurden, zu Gott betete, — betete auch zu Gott, als einem Ewigseyenden, in seiner Todesstunde, und trat mit dem letzten Seufzer über das so grausende Gemälde des niedern Leben an die Schwelle einer richtenden, aber auch versöhnenden Ewigkeit. Eine Sterbenacht ist schon an sich feierlich, und die Nacht, wo unser Freund seinen letzten Kampf zu kämpfen begann, ward es noch mehr durch die Umgebungen, durch das tief unter dem matt erhellten Krankenzimmer im Schatten liegende Töplitzer Frühlingsthal, umringt und durchschnitten von grotesk gestalteten Bergen, deren Rücken sich bis an die Fenster zog, durch das fernher vom Begräbnißplatze leuchtende, ahnungsvolle Licht einer Kapelle, wo schon ein Leichnam bewacht wurde, der unserm Seume am folgenden Tage weichen mußte. Unmöglich konnte man in solcher Stunde die andächtigen Seufzer des sich verlassen fühlenden Sterbenden, der nur von einem Freunde und einem jungen Feldscheer (auch einem Bewunderer des berühmten Fußwanderers) bewacht wurde, für blos zufällige Wirkungen des Schmerzes, sein Aufstöhnen zu dem, namentlich von ihm genannten Gotte (wie der ungläubige Lamettrie auf seinem Krankenlager selbst gesagt haben soll) für eine bloße Redensart erklären.“ — Minerva 1812. S. 290.
Ein Umstand, der weniger den Sterbenden, als seine um ihn versammelten Freunde in den letzten Stunden beunruhigte, trug dazu bei, dem schaurig romantischen Bilde seines Lebens eine ästhetische Vollendung zu geben, es gerade so wunderlich und flüchtig schließen zu lassen, als es begonnen hatte, um eine poetische Weissagung unsres Diogenes zu erfüllen, die sich in der frühern Sammlung seiner unvollkommenen Gedichte (s. Minerva am angef. Orte S. 304) befindet.
Und weigerte man mir auch Sarg und Decke,
Was liegt mir dran?
Flaum oder Stein ist Eins; an welchem Flecke,
Geht mich nichts an.
In einem Badeorte müssen die Wirthe, welche Kranke einnehmen, eigentlich auf Todesfälle gefaßt seyn. Indessen kann man es eines Theils doch niemanden zumuthen, schon Sterbende einzunehmen, andern Theils einen Kontrakt auf längere Zeit gelten zu lassen, als man ihn eingegangen war. Seume’s Logis war weiter vermiethet, und diese sehr vortheilhafte Vermiethung konnte durch seinen Todesfall gehindert werden. Die Inhumanität lag also mehr in dem wunderlichen Spiele des Schicksals, als in den Menschen, daß Seume in dem Augenblicke, da sein Engel (um einen Seumischen, militärischen Ausdruck zu gebrauchen) abgelöst! rief, juristisch genommen, eigentlich ohne Quartier war; und doch hätte dieser Umstand, wenn Seume anders in dem Zustand gewesen wäre, ihn noch zu beachten, seine Bitterkeit gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse gewissermaßen rechtfertigen können. Alles war mit Seume’s Bewilligung — denn Sterbende verändern bekanntlich den Ort gern — schon eingepackt, um ihn hinüber in seine Wohnung zu schaffen, als die Sänftenträger, bei der unerwarteten Beschleunigung seiner Auflösung, eben so wenig Lust bezeigten, einen schon halb zur Leiche gewordenen Menschen fort zu tragen, wie der neue Wirth, ihn aufzunehmen. Mit vieler Mühe und nur durch die Dazwischenkunft der angesehensten Männer von Töplitz, ja der Polizei selbst, gelang es unseren Vorstellungen, die bisherigen Wirthsleute zu bewegen, ihm die Stätte, wo er krank gelegen hatte, auch zum Sterben zu lassen. Während man indeß noch über diesen irdischen Wohnungswechsel stritt, — löste Seume selbst den Knoten, brach seine morsche Hütte ab, und vertauschte die irdische Wohnung mit der friedlichen und seligen im Schooße seines Schöpfers. Dieses geschah in den Vormittagsstunden des 13ten Juni 1810. Seine schon zusammengepackte, für einen vorübereilenden Wanderer nicht unbeträchtliche Verlassenschaft, indem außer dem baaren Gelde seine Krankengarderobe sehr gut ausgestattet war, wurde nun dem Magistrat übergeben, und Anstalt zu seiner Beerdigung getroffen.
Hier darf nun der Edelmuth der katholischen Geistlichkeit von Töplitz nicht ungerühmt bleiben, die manchem frühern Herkommen zuwider, jedoch mit sichtbarer Zufriedenheit aller Einwohner, unserm, in verschiedenem Glauben gebornen Freunde nicht nur das ehrenvollste Begräbniß, ganz nach unsern deshalb geäußerten Wünschen, sondern auch auf ihrer eben so durch die Natur, als durch die Kirche geweihten Erde eine freundliche Ruhestätte gewährte. Und so ward Seume’s, des unruhigen Wanderers, der über manchen menschlichen Mißbrauch im Leben geeifert hatte, Grabstein zugleich ein schönes Denkmal friedlicher Gesinnungen zweier getrennter Religionsparteien.
Am Morgen des 15ten Juni versammelten sich die in Töplitz anwesenden Freunde Seume’s in der Wohnung der Frau von der Recke, dem sogenannten Fürstenhause, um in Begleitung einiger anderen angesehenen Einwohner und Badegäste von Töplitz, die auch von fern den Namen des merkwürdigen Menschen geehrt hatten, und unter Vortritt des würdigen Geistlichen, Seume’s Reste der Erde zu übergeben. Außer der Frau von der Recke und ihrer nächsten Umgebung, befanden sich unter der Begleitung Herr Professor Fichte und seine Gattin, die Gattin des Herrn Hofrath Böttiger von Dresden, die Wittwe Naumanns, Herr D. Weigel, der Seumen ebenfalls in den letzten Stunden mit medicinischer Hülfe beigestanden hatte, und späterhin die Besorgung seines Grabsteines übernahm, Herr Hofrath Tittmann von Dresden, der Herr Graf Schönfeld der jüngere aus Wien, der sich Seume’s bildenden Umgangs von Leipzig her dankbar erinnerte, und andere mehr, welche die in ganz Deutschland verbreiteten Freunde des Verstorbenen in dieser ernsten Stunde würdig vertreten konnten. Das Begräbnißlied, das von den Schülern beim Eintritte in den kleinen, ländlich berasten Kirchhof aus ihren Notenbüchern gesungen ward, war zufälliger Weise ganz in Seume’s Sinne, und als wenn er es selber gedichtet hätte; zumal der letzte Vers, von dem ich mich erinnere, daß er den stolzen Sieger mit dem Erobererschwerte so gut wie jeden andern Adamssohn, der dazu geboren ist, der Erde Früchte zu verzehren, und sich — erobern zu lassen, vor das Todtengericht und die Schaufel des Todtengräbers lud. — Hierauf empfing die Leiche in der kleinen Kapelle den priesterlichen Segen als Mitgabe zu ihrer letzten Wanderung. — Der Sarg sank mit den Ueberresten unsers Geliebten in die schwarze, räthselvolle Tiefe hinab, und unter dem Klange der Sterbeglocken, welche das sichtbare Bild des Freundes hinabriefen, sprach der Endesunterzeichnete vor dem Kreise der stilltrauernden umstehenden Freunde folgende Worte:
„Hier also, auf diesem Hügel kalter Erde, legt unser Seume seinen Wanderstab für immer ... nieder. Wohl Ihm, und uns, seinen Freunden, daß wir es sagen können von Grunde des Herzens! Nicht ziellos war seine Reise, nicht vergebens sein wundervoll reiches Leben, so oft er diesem Leben am Abend seiner Tage auch wohl zürnen mochte, überwältigt von Schmerzen der Seele und ihrer irdischen Hülle! ...
„Was Seume war, ward er durch sich selbst. Nicht aus rohem Triebe durchwanderte unser geliebter Wanderer von Syrakus die Erde. Er suchte die Spuren der allwaltenden Ordnung in Schönheiten und Schrecknissen der Natur, in den Trümmern gesunkener Völker, in den Mordscenen seiner Zeit ... in den Gesinnungen der Menschen, seiner Brüder. Ach, der rauhe Sohn der Natur, mit gradem Blick, mit dem tiefsten, brennendsten Gefühle des Rechts im Herzen, und dieses Herz auf der Zunge tragend, konnte seine Menschen nur zürnend, nur murrend lieben. Dennoch liebte er sie, und die edelsten seines Volks entgegneten dankbar seine Liebe. Itzt empfängt ein fremdes Land, in dessen heilenden Quellen er Milderung seiner Qualen suchte ... seine Asche, und endet diese Qualen mit ewiger Ruhe. Segnet, Freunde, diesen heiligen Boden, der sein Grab ward! Unser Freund ward hier nicht getäuscht mit leeren Hoffnungen. Er wähnte hier von Schmerzen zu ruhen, die unheilbar waren, und fand hier das höchste Leben, das keiner Heilung bedarf. Friede seiner Asche! Die Erde deckt die Bösen, und die Guten drückt sie nicht.“ —
Dieselben Freunde, welche hierauf mit Thränen Erde auf seinen Sarg warfen, unterzeichneten sich mit noch mehreren theilnehmenden Menschen zu einem kleinen Denkmal auf dem Grabe nahe an den Mauern der schützenden Kapelle. Unser Seume hat nun in fremder Erde, fern von den Seinigen, einen Stein, schwerer, fester und in die Augen fallender, als wohl jemals der unruhige Erdenpilger sich es hätte träumen lassen. Aber selbst der Todtengräber hat dieses Denkmal des wunderbaren, menschenfreundlichen und menschenfeindlichen Weltbürgers lieb, und durch eine harmonische Veranstaltung des Schicksals, besuchen und bekränzen an diesem von Fremden aller Völker wimmelnden Orte, jährlich viele wandernde Fremdlinge das Grab desjenigen, der auf dieser Erde selbst immer ein pilgernder Fremdling blieb.
C. A. H. Clodius.
Voriges Jahr machte ich den Gang, den ich hier erzähle; und ich thue das, weil einige Männer von Beurtheilung glaubten, es werde vielleicht Vielen nicht unangenehm, und Manchen sogar nützlich seyn. Vielleicht waren diese Männer der Meinung, ich würde es anders und besser machen; darüber kann ich, in der Sache, nur an meine eigene individuelle Ueberzeugung appelliren; so gern ich auch eingestehen will, daß sie hier und da Recht haben mögen, was die Form betrifft.
Ich hoffe, Du bist mein Freund oder wirst es werden; und ist nicht das eine und wird nicht das andere, so bin ich so eigensinnig zu glauben, daß die Schuld nicht an mir liegt. Vielleicht erfährst Du hier wenig, oder nichts neues. Die Vernünftigen wissen das alles längst. Aber es wird meistens entweder gar nicht, oder nur sehr leise gesagt: und mir däucht, es ist doch nothwendig, daß es nun nach und nach laut und fest und deutlich gesagt werde, wenn wir nicht in Ewigkeit Milch trinken wollen. Bei dieser Kindernahrung möchte man uns gar zu gern beständig erhalten. Ohne starke Speise wird aber kein Mann im Einzelnen, werden keine Männer im Allgemeinen: das hält im Moralischen wie im Physischen. Es thut mir leid, wenn ich in den Ton der Anmaßlichkeit gefallen seyn sollte. Aber es ist schwer, es ist sogar ohne Verrath der Sache unmöglich, bei gewissen Gegenständen die schöne Bescheidenheit zu halten. Ich überlasse das Gesagte der Prüfung und seiner Wirkung, und bin zufrieden, daß ich das Wahre und Gute wollte.
Es ist eine sehr alte Bemerkung, daß fast jeder Schriftsteller in seinen Büchern nur sein Ich schreibt. Das kann nicht anders seyn, und soll wohl nicht anders seyn; wenn sich nur jeder vorher in gutes Licht und reine Stimmung setzt. Ich bin mir bewußt, daß ich lieber das Gute sehe und mich darüber freue, als das Böse finde und darüber zürne: aber die Freude bleibt still, und der Zorn wird laut.[3]
In Romanen hat man uns nun lange genug alte, nicht mehr geläugnete Wahrheiten dichterisch eingekleidet, dargestellt und tausendmal wiederholt. Ich tadle dieses nicht, es ist der Anfang: aber immer nur Milchspeise für Kinder. Wir sollten doch endlich auch Männer werden, und beginnen die Sachen ernsthaft geschichtsmäßig zu nehmen, ohne Vorurtheil und Groll, ohne Leidenschaft und Selbstsucht. Oerter, Personen, Namen, Umstände sollten immer bei den Thatsachen als Belege seyn, damit alles so viel als möglich aktenmäßig würde. Die Geschichte ist am Ende doch ganz allein das Magazin unsers Guten und Schlimmen.
Die Sache hat allerdings ihre Schwierigkeit. Wagt man sich an ein altes Vorurtheil des Kultus, so ist man noch jetzt ein Gottloser; sondirt man etwas näher ein politisches und spricht über Malversation, so wird man stracks unter die unruhigen Köpfe gesetzt: und beides weiß man sodann sehr leicht mit Bösewicht synonym zu machen. Wer den Stempel hat, schlägt die Münze. Wer für sich noch etwas hofft und fürchtet, darf die Fühlhörner nicht aus seiner Schale hervorbringen. Man sollte nie sagen, die Fürsten oder ihre Minister sind schlecht, wie man es oft hört und liest; sondern hier handelt dieser Fürst ungerecht, widersprechend, grausam; und hier handelt dieser Minister als isolirter Plusmacher und Volkspeiniger. Dergleichen Personalitäten sind nothwendige heilsame Wagstücke für die Menschheit, und wenn sie von allen Regierungen als Pasquille gebrandmarkt würden. Das Ganze besteht nur aus Personalitäten, guten und schlechten. Die Sklaven haben Tyrannen gemacht, der Blödsinn und der Eigennutz haben die Privilegien erschaffen, und Schwachheit und Leidenschaft verewigen beides. Sobald die Könige den Muth haben werden sich zur allgemeinen Gerechtigkeit zu erheben, werden sie ihre eigene Sicherheit gründen und das Glück ihrer Völker durch Freiheit nothwendig machen. Aber dazu gehört mehr, als Schlachten gewinnen. Bis dahin wird und muß es jedem rechtschaffenen Manne von Sinn und Entschlossenheit erlaubt seyn zu glauben und zu sagen, daß alter Sauerteig alter Sauerteig sey.
Man findet es vielleicht sonderbar, daß ein Mann, der zweimal gegen die Freiheit zu Felde zog, einen solchen Ton führt. Die Enträthselung wäre nicht schwer. Das Schicksal hat mich gestoßen. Ich bin nicht hartnäckig genug, meine eigene Meinung stürmisch gegen Millionen durchsetzen zu wollen: aber ich habe Selbstständigkeit genug, sie vor Millionen und ihren Ersten und Letzten nicht zu verläugnen.
Einige Männer, deren Namen die Nation mit Achtung nennt, haben mich aufgefordert, etwas öffentlich über mein Leben und meine successive Bildung zu sagen: ich kann mich aber nicht dazu entschließen. In meiner Jugend war es der Kampf eines jungen Menschen mit seinen Umständen und seinen Inkonsequenzen; als ich Mann ward, waren meine Verflechtungen zuweilen so sonderbarer Art, daß ich nicht immer ihre Erinnerung mit Vergnügen zurückrufe. Wer sagt gern, ich war ein Thor, um durch ein Beispiel einige längst bekannte Wahrheiten vielleicht etwas eindringlicher zu machen? Da ich als ein junger Mensch von achtzehn Jahren, als theologischer Pflegling, von der Akademie in der Welt hinein lief, fand man bei Untersuchung, daß ich keinen Schulfreund erstochen, kein Mädchen in den Klagestand gesetzt und keine Schulden hinterlassen, daß ich sogar die wenigen Thaler Schulden den Tag vor der Verschwindung bezahlt hatte; und man konnte nun den Grund der Entfernung durchaus nicht entdecken und hielt mich für melancholisch verirrt, und ließ mich sogar in dieser Voraussetzung so schonend als möglich zur Nachsuchung in öffentliche Blätter setzen. Daß ein Student den Tag vorher ehe er durchgeht, seine Schulden bezahlt, schien ein starker Beweis des Wahnsinns. Ich überlasse den Philanthropen die Betrachtung über diesen Schluß, der eine sehr schlimme Meinung von der Sittlichkeit unserer Jugend verräth. Dem Psychologen wird das Räthsel erklärt seyn, wenn ich ihm sage, daß die Gesinnungen, die ich seitdem hier und da und in folgender Erzählung geäußert habe, schon damals alle lebendig in meiner Seele lagen, als ich mit neun Thalern und dem Tacitus in der Tasche auf und davon ging. Was sollte ein Dorfpfarrer mit diesen Gährungen? Bei einem Kosmopoliten können sie, auf einem festen Grunde von Moralität, wohl noch etwas Gutes wirken. Der Sturm wird bei mir nie so hoch, daß er mich von der Base, auf welcher ich als vernünftiger rechtlicher Mann stehen muß, herunterwürfe. Meine meisten Schicksale lagen in den Verhältnissen meines Lebens; und der letzte Gang nach Sicilien war vielleicht der erste ganz freie Entschluß von einiger Bedeutung.
Man hat mich getadelt, daß ich unstät und flüchtig sei: man that mir Unrecht. Die Umstände trieben mich, und es hielt mich keine höhere Pflicht. Daß ich einige Jahre über dem Druck von Klopstocks Oden und der Messiade saß, ist wohl nicht eines Flüchtlings Sache. Man wirft mir vor, daß ich kein Amt suche.[4] Zu vielen Aemtern fühle ich mich untauglich, und es gehört zu meinen Grundsätzen, die sich nicht auf lächerlichen Stolz gründen, daß ich glaube, der Staat müsse Männer suchen für seine Aemter. Es ist mir also lieb, daß ich Ursache habe zu denken, es müssen in meinem Vaterlande dreißigtausend Geschicktere und Bessere seyn, als ich. Wäre ich Minister, ich würde höchst wahrscheinlich selten einem Manne ein Amt geben, der es suchte. Das werden Viele für Grille halten; ich nicht. Wenn ich Isolirter nicht strenge nach meinen Grundsätzen handeln will, wer soll es sonst?
Man hat es gemißbilligt, daß ich den russischen Dienst verlassen habe. Ich kam durch Zufall hin, und durch Zufall weg. Ich bin schlecht belohnt worden; das ist wahrscheinlich auch Zufall: und ich bin noch zu gesund an Leib und Seele, um mir darüber eine Suppe verderben zu lassen. In der wichtigsten Periode, der Krise mit Polen, habe ich in Grodno und Warschau die deutsche und französische diplomatische Korrespondenz zwischen dem General Igelström, Pototzky, Möllendorf und den andern preußischen und russischen Generalen besorgt, weil eben kein anderer Officier im Hauptquartier war, der so viel mit der Feder arbeiten konnte. — „Sie sind noch nicht verpflichtet,“ sagte Igelström zu mir, als er mir den ersten Brief von Möllendorf gab. „Sie haben nicht geschworen.“ — „Der ehrliche Mann,“ antwortete ich, „kennt und thut seine Pflicht ohne Eid, und der Schurke wird dadurch nicht gehalten.“ — Man hat den alten Stabsofficieren Dinge von großer Bedeutung abgenommen und sie mir übergeben, als Möllendorf noch die Piliza zur Grenze forderte, und als man nachher russisch die Dietienen in Polen nach ganz eigenen Regeln ordnete und leitete.[5] Igelström, Friesel und ich waren einige Zeit die Einzigen, die von dem ganzen Plane unterrichtet waren. Ich habe gearbeitet Tag und Nacht, bis zur letzten Stunde, als der erste Kanonenschuß unter meinem Fenster fiel: und mir däucht, daß ich denn auch als Soldat meine Schuldigkeit nicht versäumte, wenn ich gleich während des langen Feuers kartätschensicher zuweilen in einer Mauernische neben den Grenadieren saß und in meinem Taschenhomer blätterte. Zu den russischen Arbeiten hatte der General Dutzende; zu den deutschen und französischen, die der Lage der Sachen nach nicht unwichtig seyn konnten, niemand als mich: das wird Igelström selbst, Apraxin, Pistor, Bauer und andere bezeugen. Als der Franzose Sion ankam, waren die wichtigsten Geschäfte schon gethan. Dafür wurde mir dann und wann ein Geiger vorgezogen, der einem der Subows etwas vorgespielt hatte. Das ist auch wohl anderwärts nicht ungewöhnlich. Ich hatte das Schicksal, gefangen zu werden. Der General Igelström schickt mich nach Beendigung der ganzen Geschichte mit einem schwer verwundeten jungen Manne, der mein Freund und dessen Vater der seinige war, nach Italien, damit der Kranke dort die Bäder in Pisa brauchen sollte. Wir konnten nicht hin, weil die Franzosen alles besetzt hatten. Die Kaiserin starb; ich konnte unmöglich an dem Tage zurück auf meinem Posten seyn, den Paul in seiner Ukase bestimmt hatte, und wurde aus dem Dienst geschlossen. Man hat in Rußland wenig schöne Humanität bei dem Anblick auf das flache Land. Schon vorher war ich bald entschlossen nicht zurückzugehen, und ward es nun ganz. Der Kaiser gab mir auf meine sehr freimüthige Vorstellung an ihn selbst, da ich durchaus keinen Dienstfehler gemacht hatte, endlich den förmlichen ehrenvollen Abschied, den mir der General Pahlen zuschickte. Es ist sonst Gewohnheit in Rußland, Officieren, die einige Dienste geleistet haben, ihren Gehalt zu lassen; ich erhielt nichts. Das war vielleicht so Geist der Periode, und es würde Schwachheit von mir seyn, mich darüber zu ärgern. Wenn ich jetzt etwas in Anregung bringen wollte, würde man die Sache für längst antiquirt halten und der Sinn des Resultats wird heißen: Wir Löwen haben gejagt. — Ich will mir den Nachsatz ersparen. Wenn ich nicht einige Kenntnisse, etwas Lebensphilosophie und viel Genügsamkeit hätte, könnte ich den Rock des Kaisers um ein Stückchen Brot im deutschen Vaterlande umher tragen.
Ich habe mich in meinem Leben nie erniedriget um etwas zu bitten, was ich nicht verdient hatte; und ich will auch nicht einmal immer bitten, was ich verdiente. Es sind in der Welt viele Mittel ehrlich zu leben: und wenn keines mehr ist, finden sich doch einige, nicht mehr zu leben. Wer nach reiner Ueberzeugung seine Pflicht gethan hat, darf sich am Ende, wenn ihn die Kräfte verlassen, nicht schämen abzutreten. Auf Billigung der Menschen muß man nicht rechnen. Sie errichten heute Ehrensäulen und brauchen morgen den Ostracismus für den nämlichen Mann und für die nämliche That.
Wenn ich vielleicht noch vierzig Jahre gelebt habe und dann nichts mehr zu thun finde, kann es wohl noch eine kleine Ausflucht werden, die Winkel meines Gedächtnisses aufzustäuben, und meine Geschichte zur Epanorthose der Jüngern hervor zu suchen. Jetzt will ich leben, und gut und ruhig leben, so gut und ruhig man ohne einen Pfennig Vorrath leben kann. Es wird gewiß gehen, wie es bisher gegangen ist: denn ich habe keine Ansprüche, keine Furcht und keine Hoffnung.
Was ich hier in meiner Reiseerzählung gebe, wirst Du, lieber Leser, schon zu sichten wissen. Ich stehe für Alles, was ich gesehen habe, in so fern ich meinen Ansichten und Einsichten trauen darf: und ich habe nichts vorgetragen, was ich nicht von ziemlich glaubwürdigen Männern wiederholt gehört hätte. Wenn ich über politische Dinge etwas freimüthig und warm gewesen bin, so glaube ich, daß diese Freimüthigkeit und Wärme dem Manne ziemt, sie mag nun Einigen gefallen oder nicht. Ich bin übrigens ein so ruhiger Bürger, als man vielleicht in dem ganzen meißnischen Kreise kaum einen Thorschreiber hat. Manches ist jetzt weiter gediehen und gekommen, wie es wohl zu sehen war, ohne eben besser geworden zu seyn. Machte ich die Ronde jetzt, ich würde wahrscheinlich mehr zu erzählen haben, und Belege zu meinen vorigen Meinungen geben können.
Freilich möchte ich gern ein Buch gemacht haben, das auch ästhetischen Werth zeigte; aber Charakteristik und Wahrheit würde durch ängstliche Glättung zu sehr leiden. Niemand kann die Sache und sich selbst besser geben, als beide sind. Ich fühle sehr wohl, daß diese Bogen keine Lektüre für Toiletten seyn können. Dazu müßte vieles heraus und vieles müßte anders seyn. Wenn aber hier und da ein guter, unbefangener, rechtlicher, entschlossener Mann einige Gedanken für sich und Andere brauchen kann, so soll mir die Erinnerung Freude machen.
Leipzig, 1803.
Seume.
Nach gewissenhafter Ueberlegung habe ich im Wesentlichen nichts verändern können. Faktisch waren die Dinge so, wie ich sie erzähle; und in dem Uebrigen ist meine Ueberzeugung nicht von gestern und ehegestern. Wahrheit und Gerechtigkeit werden immer mein einziges Heiligthum seyn. Warum sollte ich zu entstellen suchen? Zu hoffen habe ich nichts, und fürchten will ich nichts. Ueber Vortrag und Styl werden freilich wohl die Kritiker noch manche Ausstellung zu machen haben, gegen deren Richtigkeit ich nicht hartnäckig streiten will. Aber es war mir unmöglich das Ganze mehr umzuschmelzen, und die lebendigere Individualität möchte auch bei dem Guß mehr verloren als gewonnen haben. Ich lege dieses zwar nicht als ein vollständiges Gemälde, aber doch als einen ehrlichen Beitrag zur Charakteristik unserer Periode bei den Zeitgenossen nieder, und bin zufrieden, wenn ich damit nur den Stempel eines wahrheitliebenden, offenen, unbefangenen, selbstständigen, rechtschaffenen Mannes behaupte. Gegen den Strom der Zeit kann zwar der Einzelne nicht schwimmen: aber wer Kraft hat, hält fest und läßt sich von demselben nicht mit fortreißen. Noch gebe ich die Hoffnung nicht auf, daß einst ursprüngliche Gerechtigkeit seyn werde, obgleich die unglücklichen Versuche noch viele platonische Jahre dauern mögen. Nur wirke Jeder mit Muth, weil sein Tag währt.
Ich schnallte in Grimma meinen Tornister, und wir gingen. Eine Karavane guter gemüthlicher Leutchen gab uns das Geleite bis über die Berge des Muldenthals, und Freund Großmann sprach mit Freund Schnorr sehr viel aus dem Heiligthume ihrer Göttin, wovon ich Profaner sehr wenig verstand. Unbemerkt suchte ich einige Minuten für mich, setzte mich oben Sankt Georgens großem Lindwurm gegenüber und betete mein Reisegebet, daß der Himmel mir geben möchte billige, freundliche Wirthe und höfliche Thorschreiber von Leipzig bis nach Syrakus, und zurück auf dem andern Wege wieder in mein Land; daß er mich behüten möchte vor den Händen der monarchischen und demagogischen Völkerbeglücker, die mit gleicher Despotie uns schlichten Menschen ihr System in die Nase heften, wie der Samojede seinen Thieren den Ring.
Nun sah ich zurück auf die schöne Gegend, die schon Melanchthon so lieblich fand, daß er dort zu leben wünschte; und überlief in Gedanken schnell alle glücklichen Tage, die ich in derselben genossen hatte: Mühe und Verdruß sind leicht vergessen. Dort stand Hohenstädt mit seinen schönen Gruppen, und am Abhange zeigte sich Göschens herrliche Siedelei, wo wir so oft gruben und pflanzten und jäteten und plauderten und ernteten und Kartoffeln aßen und Pfirschen: an den Bergen lagen die freundlichen Dörfer umher, und der Fluß wand sich gekrümmt durch die Bergschluchten hinab, in denen kein Pfad und kein Eichbaum mir unbekannt waren.
Die Sonne blickte warm wie im Frühling, und wir nahmen dankbar und mit der heitersten Hoffnung der Rückkehr von unsern Begleitern Abschied. Noch einmal sah ich links nach der neuen Mühle auf die größte Höhe hin, die uns im Gartenhause zu Hohenstädt so oft zur Gränze unserer Aussicht über die Thäler gedient hatte, und wir wandelten ruhig die Straße nach Hubertsburg hinab. In Altmügeln empfing man uns mit patriarchalischer Herzlichkeit, bewirthete uns mit der Freundschaft der Jugend und schickte uns den folgenden Morgen mit einer schönen Melodie von Göthens Liede — „Kennst du das Land?“ — unter den wärmsten Wünschen weiter nach Meißen, wo wir eben so traulich willkommen waren. Wenn wir uns doch die freundlichen Bekannten an die südliche Küste von Sicilien hin bestellen könnten! Die Elbe rollte majestätisch zwischen den Bergen von Dresden hinab. Die Höhen glänzten, als ob eben die Knospen wieder hervorbrechen wollten, und der Rauch stieg von dem Flusse an den alten Scharfenberg hinauf. Das Wetter war den achten December so schwül, daß es unserm Gefühl sehr wohlthätig war, als wir aus der Sonne in den Schatten des Waldes kamen.
Seit zwölf Jahren hatte ich Dresden nicht gesehen, wo ich damals von Leipzig herauf wandelte, um einige Stellen in Guichards mémoires militaires nachzusuchen, die ich dort nicht finden konnte. Auch in Dresden fand ich sie nicht, weil man sie einem General in die Lausitz geschickt hatte. Nach meiner Rückkehr traf ich den Freibeuter Quintus Icilius bei dem Theologen Morus, und fand in demselben nichts, was in meinen Kram getaucht hätte. So macht man manchen Marsch in der Welt, wie im Kriege, umsonst. Es wehte mich oft eine kalte, dicke, sehr unfreundliche Luft an, wenn ich einer Residenz nahe kam; und ich kann nicht sagen, daß Dresden dießmal eine Ausnahme gemacht hätte, so freundlich auch das Wetter bei Meißen gewesen war. Man trifft so viele trübselige, unglückliche, entmenschte Gesichter, daß man alle fünf Minuten auf eines stößt, das öffentliche Züchtigung verdient zu haben, oder sie eben zu geben bereit scheint: Du kannst denken, daß weder dieser noch jener Anblick wohlthut[6]. Viele scheinen auf irgend eine Weise zum Hofe zu gehören oder die kleinen Offizianten der Kollegien zu seyn, die an dem Stricke der Armseligkeit fortziehen, und mit Grobheit grollend das Endchen Tau nach dem hauen, der ihrer Jämmerlichkeit zu nahe tritt. Ungezogenheit und Impertinenz ist bekanntlich am meisten unter dem Hofgesinde der Großen zu Hause, das sich oft dadurch für die Mißhandlungen schadlos zu halten sucht, die es von der eben nicht feinen Willkühr der Herren erfahren muß. Höflichkeit sollte vom Hofe kommen; aber das Wort scheint, wie viele andere im Leben, die Antiphrase des Sinnes zu seyn, und Hof heißt oft nur ein Ort, wo man keine Höflichkeit mehr findet, so wie Gesetz oft der Gegensatz von Gerechtigkeit ist. Wehe dem Menschen, der zur Antichambre verdammt ist! Es ist ein großes Glück, wenn sein Geist nicht knechtisch oder despotisch wird! und es gehört mehr als gewöhnliche Männerkraft dazu, sich auf dem gehörigen Standpunkte der Menschenwürde zu erhalten.
Eben komme ich aus dem Theater, wo man Großmanns alte „Sechs Schüsseln“ gab. Du kennst die Gesellschaft. Sie arbeitete im Ganzen gar nicht übel. Das Stück selbst war beschnitten worden, und ich erwartete nach der Gewohnheit eine förmliche Kombabusirung, fand aber bei genauer Vergleichung, daß man dem Verfasser eine Menge Leerheiten und Plattheiten ausgemerzt hatte, deren Wegschaffung Gewinn war. Verschiedene zu grelle Züge, die bei der ersten Erscheinung vor fünf und zwanzig Jahren es vielleicht noch nicht waren, waren gestrichen. Aber es war auch mit der gewöhnlichen Dresdener Engbrüstigkeit Manches weggelassen worden, was zu Ehre der liberalen Duldung besser geblieben wäre. Ich sehe nicht ein, warum man den Fürsten in einen König verwandelt hatte. Das Ganze bekam durch die eigenmächtige Krönung eine so steife Gezwungenheit, daß es bei verschiedenen Scenen sehr auffallend war. Wenn man in Königsstädten die Könige zu bloßen Fürsten machen wollte, würde dadurch etwas gebessert? Sind nicht beide Fehlern unterworfen? Die Furcht war sehr unnöthig; und der Charakter des wirklich vortrefflichen Churfürsten muß eher durch solche Winkelzüge beleidiget werden. Man hat ihm in seinem ganzen Leben vielleicht nur eine oder zwei Uebereilungen zur Last gelegt, und davon ist keine in dem Stücke berührt. Daß man die Grobheiten der verflossenen zwanzig Jahre wegwischt, hat moralischen und ästhetischen Grund: aber ich sehe nicht ein, warum die noch immer auffallenden Thorheiten und Gebrechen der Adelskaste nicht mit Freimüthigkeit gesagt, gerügt und mit der Geißel des Spottes zur Besserung gezüchtiget werden sollen. Wenn es nicht mehr trifft, ist es nicht mehr nöthig; daß es aber noch nöthig ist, zeigt die ängstliche Behutsamkeit, mit der man die Lächerlichkeit des jüngsten Kammerjunkers zu berühren vermeidet.
Christ, als Hofrath, sprach durchaus bestimmt und richtig, und seine Aktion war genau, gemessen, ohne es zu scheinen. Du kennst seinen feinen Takt. Madam Hartwig spielte seine Tochter mit ihrer gewöhnlichen Theatergrazie und an einigen Stellen mit ungewöhnlicher, sehr glücklicher Kunst. Madam Ochsenheimer fängt an eine ziemlich gute Soubrette zu werden, und verspricht in der Schule ihres Mannes viel Gutes in ihrem Fache. Ochsenheimer war nicht zu seinem Vortheile in der Rolle des Herrn von Wilsdorf. Thering und Bösenberg kennst Du: beide hatten, der erste als Philipp, der zweite als Wunderlich, ein ziemlich dankbares Feld. Thering spielte mit seiner gewöhnlichen barocken Laune und mußte gefallen; aber Bösenberg that einen beleidigenden Mißgriff, der ihm vielleicht nur halb zur Last gelegt werden kann. Wunderlich wollte für den gelieferten Wagen stante bene bezahlt seyn: und nun denke Dir Bösenbergs obersächsische Aussprache hinzu, die so gern das Weiche hart und das Harte weich macht, und die dazu hier sehr markirt zu seyn schien. Der halblateinische Theil des Publikums lachte heillos, und mir kam es als eine Ungezogenheit der ersten Größe vor. Die übrigen Rollen waren leidlich besetzt. Auch Drewitz machte den Fritz nicht übel, weil er ihn schlecht machte. Aber Henke war ein Major, wie ein Stallknecht, und arbeitete oder vielmehr pfuschte zur großen Belustigung aller Militaire, die um mich her im Parket saßen. Der Fehler war nicht sowohl sein eigen, als des Direktoriums, das ihn zum Major gemacht hatte. Non omnia possumus omnes; er macht den Bäcker Ehlers in einem Ifflandischen Stücke recht gut.
Man hatte uns bange gemacht, wir würden Schwierigkeiten wegen Oesterreichischer Pässe haben; aber ich muß die Humanität der Gesandtschaft rühmen. Herr von Büel, als Sekretär, nahm uns sehr gütig auf und fertigte, da er unsere Wünsche bald abzureisen vernahm, mit großer Freundlichkeit sogleich selbst aus; und in einigen Stunden erhielten wir die Papiere, von dem Grafen Metternich unterschrieben, durch alle kaiserliche Länder.
Du kennst meine Saumseligkeit und Sorglosigkeit in gelehrten Dingen und Sachen der Kunst. Was soll ich Laie im Heiligthum? Die Gallerie sah ich nicht, weil ich dazu noch einmal hätte Schuhe anziehen müssen; den Antikensaal sah ich nicht, weil ich den Inspektor das erstemal nicht traf; und das Uebrige nicht, weil ich zu indolent war. Du verlierst nichts; ein Anderer wird Dir Alles besser erzählen und beschreiben.
Herrn Grassi besuchte ich, mehr in Schnorrs Gesellschaft und weil ich ihn ehedem schon in Warschau gesehen hatte, als weil ich mich sehr gedrängt gefühlt hätte, seine Arbeiten zu sehen; und doch halte ich ihn für den besten Maler, den ich bis jetzt kenne. Er hat ein glühendes und doch sehr zartes Kolorit, mit einer richtigen und interessanten Zeichnung. Mich däucht, er hat von dem strengen Ernst der alten ächten Schule etwas nachgelassen und seine eigene blühende, unaussprechlich reizende Grazie dafür ausgegossen. Er hat mit besserm Glücke gethan, was Oeser in seiner letzten Manier thun wollte, durch welche er, wie die Kritiker der Kunst sehr gut wissen, unter die Nebulisten gerieth. Beide schmeicheln; aber Grassi schmeichelt nur dem Kenner, und Oeser schmeichelte nur dem Liebhaber. Grassi erzählte mir noch manches von Warschau, wo wir beide in der großen Krise der letzten Revolution Berührungspunkte fanden. Er hatte durch Teppers Fall einen Verlust von fünftausend Dukaten erlitten, und mußte während der Belagerung bei dem Bürgercorps als Korporal zehn Mann kommandiren. Stelle Dir den sanften Künstler auf einer Batterie mit einer Korporalschaft wilder Polen vor, wo die kommenden Kugeln durchaus keine Weisung annahmen. Kosciusko’s Freundschaft und Kunstsinn brachten den guten Mann endlich in Sicherheit, indem der General ihm Pässe zur Entfernung von dem schrecklichen Schauplatze auswirkte und ihm selbst hinlängliche Begleitung gab, bis er nichts mehr zu befürchten hatte. Du kannst denken, daß unser Freund Schnorr sich mit Enthusiasmus an den Mann anschloß; und die Herzlichkeit, mit der sich beide einander öffneten, machte beiden Ehre.