Das System des Konsuls liegt nun wohl ziemlich am Tage, und leidet keine Mißdeutung. Alles ist gekommen, wie vorherzusehen war, nur mit etwas schnelleren Schritten. Das Buch Napoleon Bonaparte und das französische Volk, giebt den Gang der Dinge ziemlich richtig an; wenn man nur die Vehemenz gegen die Person und einige unwichtige Irrthümer und gleichgültige Personalitäten abrechnet. Die Zeichnung der Nation ist in demselben, trotz der klassischen Gelehrsamkeit, zu grell; und jedes andere Volk würde in den nämlichen Umständen höchst wahrscheinlich das nämliche seyn. Die Briten, als die entgegengesetzteste Nation, haben es bei ihrer Revoluzion auch bewiesen. Bonaparte ist unstreitig der vollendetste Mann seiner Art; die Geschichte hat bis jetzt keinen größern. Er erschöpft ganz den griechischen Sinn des griechischen Worts. Traurig ist es für den geläuterten Menschensinn, daß solche Erscheinungen bei unserm gepriesenen Lichte noch möglich sind: aber zermalmend für alle bessern Hoffnungen, daß man sie sogar als nothwendig annehmen muß. Alles, was zur Grundlage einer vernünftigen Freiheit und Gerechtigkeit dienen konnte, ist wieder zerstört. Die militärische Regierung ist mit dem eisernsten Zwange wieder eingeführt; alle Wahlen sind so gut, als aufgehoben, die Juries, als das letzte Palladium der Freiheit, sind vernichtet: und damit die emporstrebende Vernunft der Despotie keine Streiche spiele, ist durch eine gemessene Erziehung sehr klug jeder liberale Forschergeist in Philosophie und Naturrecht verbannt. Ob Bonaparte mit seinem Anhang dabei die menschliche Natur ganz richtig berechnet habe, ist sehr zu bezweifeln. Mir selbst ist es ziemlich klar, daß er auf diesem Wege das alte Herrschersystem mit seinem ganzen Unwesen wieder gründen wird, oder eine neue Revoluzion nothwendig macht. Tertium non datur. Die Folge für die Humanität ist dabei leicht zu berechnen. Er hätte ein Heiland eines großen Theils der Menschheit werden können, und begnügt sich, der erste wiedergeborne Sohn der römischen Kirche zu seyn. Er läßt sich halten, wo er hätte stehen können. Er hat eine lichtvolle Ewigkeit gegen das glänzende Meteor eines Herbstabends, Ehre gegen Ruhm ausgetauscht. Noch ist er zwar nicht bis zu Dionysens Nußschaale und Pferdehaar gekommen; aber die Umschanzung von seinen Söldlingen und Trabanten zeigt hinlänglich von der unsichern Angst, welche das System nothwendig macht.

Ob Moreau schuldig, oder unschuldig ist, ist ein Problem, dessen Lösung das Publikum wohl schwerlich erfahren wird. Sind aber die Beschuldigungen gegen ihn gegründet, so gehört seine Sache vor die Aerzte, ehe sie vor die Richter kommt. Das Papier ist geduldig; und Glauben verdient nichts, als was in sich konsequent und durch rechtliche Zeugen faktisch erwiesen ist. Daß Moreau nicht des Konsuls Freund war, und daß er für sein Vaterland anderes Heil sah und wünschte, ist leicht zu begreifen: daß er sich aber zu einem solchen Complott mit den Feinden der Nation wegwerfen sollte, konnte man nur von einem Bedlamiten erwarten. Er hätte dadurch seinen tadellosen Charakter, seinen von der Nation geliebten und von ganz Europa geachteten Namen in den Koth geworfen, ohne den geringsten Gewinn für sich selbst, als ewige Schande, und ohne einigen Anschein von Wohlthat für sein Volk. Wäre dieses dennoch, so hätte allerdings der Franzos Recht, welcher von ihm sagte: Moreau hat nur zwischen dem Rhein und der Donau Verstand.

Die beiden letzten Jahrzehende scheinen dazu geeignet zu seyn, dem aufmerksamen Beobachter eine Synopse der Menschengeschichte zu geben; so glänzend und so göttlich, und so unsinnig und verächtlich erscheint unser Geschlecht in der nämlichen Periode! Die neapolitanischen Gräuel, die Wassertaufen, und der Schandfleck bei Rastadt mit den letzten Missionsniederträchtigkeiten sind Erscheinungen, die nur an Größe des Umfangs hinter der Bartholomäusnacht und den Riesenverbrechen der römischen Triumvirn zurückbleiben, und die einem rechtlichen Manne eine momentane Scham abzwingen, daß er ein menschliches Gesicht trägt. Man schwor ehedem sogar in Rußland bei Pichegrüs Namen: und welcher ehrliche Mann wollte den letzten Theil seines Lebens gelebt haben, hätte auch der erste noch zehn Mal mehr Glanz und Größe? Mir ist es allemal mehr um den Charakter eines Mannes zu thun, als um sein Schicksal. Hat er diesen verloren, so wird dieses höchst gleichgültig. Nemesis schlage jeden mit ihrer Ruthe! Leider möchte man bei einem Blick über die Sache der Menschheit halb phrenetisch ausrufen: heiliger Aristides, bitte für uns! Ach der große Moment fand nur ein kleines Geschlecht.

In der Postkutsche von Mainz hierher war ein Gewimmel von Menschen, und einige segneten sich wirklich ganz laut, daß sie aus der vermaledeiten Freiheit einmal heraus wären, in der man sie blutig, so sklavisch behandle. Dies waren ihre eigenen Ausdrücke. Und doch waren sie mit ihrem ganzen Vermögen noch jenseits des Rheins in der Freiheit. Vor Hochheim wandelte ich in Gesellschaft eines Spaziergängers der Gegend, wie es schien, den Berg herauf. Der Mann nahm mit vielem Murrsinn von der ersten muntern hübschen Erntearbeiterin im Felde Gelegenheit, eine furchtbare Rhapsodie über die Weiber zu halten, hatte aber ganz das Ansehen, als ob er der Misogyn nicht immer gewesen wäre und nicht immer bleiben würde; denn alles Uebertriebene hält nicht lange. Er nahm seine Beispiele nicht bloß von den Linden weg und aus dem Egalitätspalaste, und mußte tiefer in die Verdorbenheit der Welt mit dem Geschlecht verflochten seyn. Er machte mit lebhaftem Kolorit ein Gemälde, gegen welches Juvenals lassata viris noch eine Vestalin war; und ich war froh, als mich der Wagen auf der Ebene wieder einholte und ich wieder einsteigen konnte. Du weißt, ich habe eben nicht Ursache, geflissentlich den Enkomiasten der Damen zu machen; indessen muß man ihnen doch die Gerechtigkeit wiederfahren lassen, daß sie — nicht schlimmer sind, als die Männer: und die meisten ihrer Sünden leiden vielleicht noch etwas mehr Apologie, als die Sottisen unseres Geschlechts.

Frankfurt muß, dem Anscheine nach, durch den Krieg weit mehr gewonnen als verloren haben. Der Verlust war öffentlich und momentan, der Gewinn ging fast durch alle Klassen und war dauernd. Es ist überall Wohlstand und Vorrath; man bauet und bessert und erweitert von allen Seiten, und die ganze Gegend rund umher ist wie ein Paris; besonders nach Offenbach hinüber. Man glaubt in Oberitalien zu seyn. Unser Leipzig kann sich nicht wohl mit ihm messen, ob es gleich vielleicht im Ganzen netter ist.

Von hier kann Dir jeder Kaufmann Nachrichten genug von der Messe mitbringen. Ich besuchte nur einige alte Bekannte und machte einige neue. Wenn ich ein Kerl mit der Börse à mon aise wäre, würde ich vermuthlich Frankfurt zu meinem Aufenthalt wählen. Es ist eine Mittelstadt, die gerade genug Genuß des Lebens giebt für Leib und Seele, um nicht zu fasten und sich nicht zu übersättigen. Im Fall eines Krieges mit den Franzosen liegt es freilich schlimm: die Herren können alle Nächte eine Promenade von Mainz herüber machen, den Morgen hier zum Frühstück und zum Abendbrote wieder zu Hause seyn.

Bei der Frau von Laroche in Offenbach traf ich den alten Grafen Metternich, wenn ich nicht irre, den Vater des kaiserlichen Gesandten in Dresden. Er war ehemals Minister in den Niederlanden; und nie habe ich einen Mann von öffentlichem Charakter gesehen, zu dem ich in so kurzer Zeit ein so großes reines Zutrauen gefaßt hätte: so sehr trägt sein Gesicht und sein Benehmen den Abdruck der festen Redlichkeit mit der feinsten Humanität!

Leipzig.

Meine Runde ist nun vollendet und ich bin wieder bei unsern väterlichen Laren an der Pleiße. Von Frankfurt aus ging ich über Bergen in Gesellschaft nach dem Oertchen Bischofsheim, wo man mir ein freundliches Mahl zugedacht hatte. Bei Bergen und Kollin haben unsere Landsleute gezeigt, daß sie nicht Schuld an den übeln Streichen bei Pirna waren. Vor Hanau ging ich vorbei und hielt mich immer die Straße nach Fulda herein. Die Hitze des vorzüglich heißen Sommers drückte mich zwar ziemlich, aber ich nahm mir Zeit, ruhte oft unter einem Eichbaume und war die Nacht mit den schlechten Wirthshäusern zufrieden. Auf meiner ganzen Reise hatte ich sie nicht so schlecht gefunden, als hier einige Mal in Hessen. Zwischen Fulda und Hühnefeld drückte mich die Hitze furchtbar und der Durst war brennend; und auf meiner ganzen Wanderung habe ich vielleicht keine so große Wohlthat genossen, als da ich sodann links an der Straße eine schöne Quelle fand. Leute, welche einen guten Flaschenkeller im englischen Wagen mit sich führen, haben von dieser Erquickung keinen Begriff. Der Hitze haben sie im Wagen zwar nicht viel weniger, aber die Erfrischung können sie nicht so fühlen. Du darfst mir glauben, ich habe dieses und jenes versucht. In Hünefeld war Schießen, die Gesellschaft der Honoratioren speiste in meinem Wirthshause, und ich hatte das Vergnügen, die Musik so gut zu hören, als man sie wahrscheinlich in der Gegend und aus Fulda hatte auftreiben können. Wenn auch zuweilen eine Kakophonie mit unter läuft, thut nichts; sie können das Gute doch nicht ganz verderben, eben so wenig als man es in der Welt durch Verkehrtheit und Unvernunft ganz ausrotten kann.

In Vach hatten mich die Handlanger des alten Landgrafen in Beschlag genommen und nach Ziegenhain und Kassel und von da nach Amerika geliefert. Jetzt sollen dergleichen Gewaltthätigkeiten abgestellt seyn. Doch möchte ich den fürstlichen Bekehrungen nicht zu viel trauen; sie sind nicht sicherer, als die demagogischen. Es wäre unbegreiflich, wie der Landgraf seit langer Zeit so unerhört willkührlich, zum Verderben des Landes und einzig zum Vortheil seiner Kasse, mit seinen Leuten geschaltet und förmlich den Seelenverkäufer gemacht hat, wenn es nicht durch einen Blick ins Innere erklärt würde. Die Landstände wurden selten gefragt, und konnten dann fast keine Stimme haben. Der Adel ist nicht reich und unabhängig vom Hofe. Die Minister und Generale hatten ihren Vortheil, dem Herrn zu Willen zu leben. Jeder hatte vom Hofe irgend etwas, oder hoffte etwas, oder fürchtete etwas, für sich oder seine Verwandten. Die großen Officiere gewannen Geld und Ehre, die kleinen Unterstützung und Beförderung. Die Uebrigen litten den Schlag. Das Volk selbst ist bis zum Uebermaaß treu und brav. Hier und da war Verzweiflung; aber der alte Kriegsgeist half. Die Hessen glauben, wo geschlagen wird, müssen sie dabei seyn. Das ist ihr Charakter aus dem tiefsten Alterthum. Ich erinnere mich in einem Klassiker gelesen zu haben, daß die Katten lange vor Christi Geburt als Hülfstruppen unter den Römern in Afrika schlugen. Jetzt hat der Landgraf, wie versichert wird, die fremden Verbindungen dieser Art aufgegeben.

Von Vach wollte ich Post nach Schmalkalden zu meinem Freunde Münchhausen nehmen. Der Wirth verpflichtete sich, da nicht sogleich Postpferde zu haben waren, mich hinüberzuschaffen, ließ sich die Posttaxe für zwei Pferde und den Wagen bezahlen und gab mir einen alten Gaul zum Reiten. Das nenne ich Industrie. Was wollte ich machen? Ich setzte mich auf, weil ich fort wollte. Doch kam ich zu spät an. Es war schon tief Nacht, als ich den Berg hinein ritt, und gegen zehn Uhr war ich erst in dem Thale der Stadt. Die Meinungschen Oerter und Dörfer, durch die ich ging, zeichneten sich immer sehr vortheilhaft aus. Das Einzige, was mir dort nicht einleuchten wollte, war, daß man überall so viel herrliches Land mit Tabakspflanzungen verdarb. Dieses Giftkraut, das sicher zum Verderben der Menschen gehört, beweist vielleicht mehr, als irgend ein anderes Beispiel, daß der Mensch ein Thier der Gewohnheit ist. In Amerika, wo man noch auf fünfhundert Jahre Land genug hat, mag man die Pflanze auf Kosten der Nachbarn immer pflegen, aber bei uns ist es schlimm, wenn man durchaus die Oekonomie mehr merkantilisch, als patriotisch berechnet.

Ich ließ mich den andern Morgen meinem Freunde ohne meinen Namen, als einen Bekannten melden, der von Frankfurt käme. Wir hatten uns seit neunzehn Jahren nicht gesehen und unser letztes Gespräch waren einige Worte auf dem Ocean, als der Zufall unsere Schiffe so nahe zusammen brachte. Die Zeit hatte aus Jünglingen Männer gemacht, im Gesichte vielleicht manchen Zug verändert, verwischt und eingegraben. Ich wußte, vor wem ich stand und konnte also nicht irren. Er schien schnell seinen ganzen dortigen Zirkel durchzugehen, stand vor mir und kannte mich nicht. Hier habe ich ein kleines Empfehlungsschreiben, sagte ich, indem ich ihm meinen Finger hinhielt, an dem sein Bild von ihm selbst in einem Ringe war. Es war, als ob ihn ein elektrischer Schlag rührte, er fiel mir mit meinem Namen um den Hals und führte mich im Jubel zu seiner Frau. Dieses war wieder eine der schönsten Minuten meines Lebens. Einige Tage blieb ich bei ihm und seinen Freunden, und genoß, so weit mir meine ernstere Stimmung erlaubte, der frohen Heiterkeit der Gesellschaft.

Mir ist es oft recht wohl gewesen, wenn ich durch das Gothaische und Altenburgische ging. Man sieht fast nirgends einen höhern Grad von Wohlstand. Es herrscht daselbst noch eine gewisse alte Bonhommie des Charakters, daß ich viele Gesichter fand, denen ich ohne weitere Bekanntschaft meine Börse hätte anvertrauen wollen, um sie an einen bezeichneten Ort zu bringen, wo ich sie sicher wieder gefunden haben würde. Ich habe in diesem Ländchen weniger Bekanntschaft, als sonst irgendwo: Du kannst also glauben, daß ich nicht aus Gefälligkeit rede. So oft ich darin war, habe ich immer die reinste Hochachtung und Verehrung gegen den Herzog gefaßt. Um einen Fürsten zu sehen, braucht man nicht eben seine Schlösser zu besuchen, oder gar die Gnade zu genießen, ihm vorgestellt zu werden. Oft sieht man da am wenigsten von ihm. Seine Städte und Dörfer und Wege und Brücken geben die beste Bekanntschaft — vorausgesetzt, er ist kein junger Mann, der die Regierung erst antrat. In diesem Falle könnte ihm viel Gutes und Schlimmes unverdienter Weise angerechnet werden. Wo das Bier schlecht und theuer und das Brot theuer und schlecht ist, wo ich die Dörfer verfallen und elend und doch die Visitatoren nach dem Sacke lugen sehe, da gehe ich so schnell als möglich meines Weges. Nicht das Predigen der Humanität, sondern das Thun hat Werth. Desto schlimmer, wenn man viel spricht und wenig thut.

Schon in Paris hatte ich gehört, die Preußen wären in Erfurt, und wunderte mich jetzt, da ich sie noch nicht hier fand. Diese Saumseligkeit ist sonst ihre Sache nicht, wenn etwas zu besetzen ist. Fast sollte man glauben, die langsame Bedächtlichkeit habe einen pathologisch moralischen Grund. Hier erinnerte mich ein heimlicher Aerger, daß ich ein Sachse bin. Ich hielt mir lange Betrachtungen über die Großmuth und Uneigennützigkeit der königlichen Freundschaften; ich verglich den Verlust des Königs mit seinem Gewinn; ich überdachte die alten, rechtlichen Ansprüche, die Sachsen wirklich noch machen konnte und machen mußte. Wenn Sachsen eine Macht von hundert tausend Mann wäre, so würde die gewöhnliche Politik das Verfahren rechtfertigen. Jetzt mag es alles seyn, was Du willst, nur ist es nicht freundschaftlich. Mir däucht, daß man in Dresden doch wohl etwas lebendigere, wirksamere Maßregeln hätte nehmen können und sollen. Es war alles voraus zu sehen. Die Leipziger werden die Folgen spüren. Freilich wird man vielleicht die ersten zehn Jahre nichts, oder wenig thun: aber man hat doch nun die Kneipzange von beiden Seiten in den Händen, und kann sicher das festina lente spielen. Politisch muß man immer das Schlimmste denken und glauben; was geschehen kann, wird geschehen. Die Geschichte und das Naturrecht rechtfertigen diese Maxime: in bürgerlichen Verhältnissen ist man durch Gesetze geschützt; hier sichert nur Klugheit und Kraft, selten Gerechtigkeit. Der gegenwärtige Schritt rechtfertigt die Furcht vor dem künftigen. Zutrauen giebt das nicht. Ich hätte von Berlin in diesen Verhältnissen zu Dresden solche Resultate nicht erwartet.

In Weimar freute ich mich, einige Männer wieder zu sehen, die das ganze Vaterland ehrt[17]. Der Patriarch Wieland und der wackere Böttiger empfingen mich mit freundschaftlicher Wärme zurück. Die Herzogin Mutter hatte die Güte, mit vieler Theilnahme sich nach ihren Freunden diesseits und jenseits der Pontinen zu erkundigen und den unbefangenen Pilger mit Freundlichkeit zu sich zu laden. Jedermann kennt und schätzt sie als die verehrungswürdigste Matrone, wenn sie auch nicht Fürstin wäre.

Als ich den andern Morgen durch das Hölzchen nach Naumburg herüber wandelte, begegnete mir ein preußisches Bataillon, das nach Erfurt zog. Wenn man in dem nämlichen Rocke, mit der nämlichen Chaussüre über Wien und Rom nach Syrakus und über Paris zurückgegangen ist, mag der Aufzug freilich etwas unscheinbar werden. Es ist die nicht löbliche Gewohnheit unserer deutschen Landsleute, mit den Fremden zuweilen etwas unfein Neckerei zu treiben. Die Soldaten waren ordonnanzmäßig artig genug; aber einige Officiere geruhten sich mit meiner Personalität ein Späßchen zu machen. Ich ging natürlich den Fußsteg am Busche hin, und der Heereszug zog den Heerweg. Einer der Herren fragte seinen Kameraden in einem etwas ausgezeichneten pommerischen Dialekte, den man auf dem Papier nicht so angenehm nachmachen kann: „Was ist das für ein Kerl, der dort geht?“ Der andere antwortete zu meiner Bezeichnung: „Er wird wohl gehen und das Handwerk begrüßen.“ „Nein,“ antwortete eine andere Stimme, „ich weiß nicht, was es für ein närrischer Kerl seyn mag; ich habe ihn gestern bei der Herzogin im Garten sitzen sehen.“ Uebersetze das erst etwas ins Pommerische, wenn Du finden willst, daß es mir ziemlich schnakisch vorkam. Indessen glaube ich unmaßgeblich, die Herren hätten ihre Untersuchung und Beurtheilung über mich etwas höflicher doch wohl einige Minuten sparen können, bis ich sie nicht mehr hörte. Aber mit einem Philister macht bekanntlich ein preußischer Officier nicht viel Umstände[18]. Ob das recht und human ist, wäre freilich etwas näher zu bestimmen.

Meiner alten guten Mutter in Posern bei Weißenfels war meine Erscheinung überraschend. Man hatte ihr den Vorfall mit den Banditen schon erzählt, und Du kannst glauben, daß sie meinetwegen etwas besorgt war, da sie als orthodoxe Anhängerin Luthers überhaupt nicht die beste Meinung von dem Papst und seinen Anordnungen hat. Sie erlaubte durchaus nicht, daß ich zu Fuße weiter ging, sondern ließ mich bedächtlich in den Wagen packen und hierher an die Pleißenburg bringen. Du kannst Dir vorstellen, daß ich froh war meine hiesigen Freunde wieder zu sehen. Schnorr war der erste, den ich aufsuchte, und das enthusiastische Menschenkind warf komisch den Pinsel weg, zog das beste seiner drolligen Gesichter und machte mit einem Sprung einen praktischen Kommentar auf Horazens Stelle, daß man bei der Rückkehr eines Freundes von den Cyklopen wohl ein Bischen närrisch seyn könne.

Morgen gehe ich nach Grimma und Hohenstädt, und da will ich ausruhen trotz Epikurs Göttern. Mir däucht, daß ich nun einige Wochen ehrlich lungern kann. Wer in neun Monaten meistens zu Fuße eine solche Wanderung macht, schützt sich noch einige Jahre vor dem Podagra. Zum Lobe meines Schuhmachers, des mannhaften, alten Heerdegen in Leipzig, muß ich Dir noch sagen, daß ich in den nämlichen Stiefeln ausgegangen und zurückgekommen bin, ohne neue Schuhe ansetzen zu lassen, und daß diese noch das Ansehen haben, in baulichem Wesen noch eine solche Wanderung mit zu machen.

Bald bin ich bei Dir, und dann wollen wir plaudern; von manchem mehr als ich geschrieben habe, von manchem weniger.

Anmerkungen
zum
Spaziergang nach Syrakus
von
V. H. Schnorr v. K.

Vorerinnerung.

Seume war mein Freund und ich der Seinige im wahren Sinne des Wortes: unsere Freundschaft war auf gegenseitiges tiefes Gefühl für Redlichkeit und Rechtlichkeit gegründet.

Ich war sein Begleiter bis Wien, wo ich dem Rath einiger Männer von Bedeutung zufolge, denen ich empfohlen war, zurückbleiben mußte. Man erlaube mir also, Seume’n im Geiste weiter zu folgen, und hier und da ein Wort für die Leser einzuschalten, die er interessirt.

Meine Anmerkungen betreffen bloß die Individualität des Reisenden, und daß ich dazu einigen Beruf fühle, möge der Umstand rechtfertigen, daß Seume neun Jahre lang mein Tischgenosse und täglich in meinem Hause war.

Er ist nicht mehr, und ich und die Meinigen — haben Einen redlichen Freund verloren.

[3] Ich bin mir bewußt &c.

Das wird Niemand läugnen, der S. näher gekannt hat; und er befand sich nicht wohler, als in dem häuslichen Kreis einer rechtlichen Familie. Er war auch bei weitem nicht so grießgrämig, als Manche vielleicht glaubten, und nahm, wenn er aufgefordert wurde, selbst Antheil an der Ausführung kleiner Possen, zuweilen als Dichter, zuweilen als mitspielende Person.

So übernahm er einmal die Rolle des Heroldes, als wir in der herrlichen, romantischen Gegend bei Grimma, in Pölen, auf freiem Felde den Don Quixote im abenteuerlichsten Kostüm aufführten, und die Kleopatra machte er selbst in seinem Schnurrbarte, als wir die Posse von Kotzebue in Hohenstädt gaben, um Freund G. eine heitere Stunde zu machen.

So finster sein Blick und so ernsthaft er überhaupt war, so näherten sich ihm doch bald selbst die kleinen Kinder, die er mit innigem, tiefem Gefühl in seine Arme schloß.

Sein größter Kummer war, nicht selbst Weib und Kind zu haben. Das Schicksal war ihm nicht günstig gewesen, und er hatte in dieser Hinsicht bittere Erfahrungen gemacht. Dieses zeigt schon sein früheres Gedicht: „der Abschied an Münchhausen.“ In seinen spätern Gedichten und besonders im gegenwärtigen Buche hat er sich darüber hier und da deutlicher ausgesprochen.

So sagt er einmal zu mir: „Wenn es nicht wider meine Grundsätze wäre, so möchte ich wohl von einem gesunden Bauermädchen einen Jungen haben.“

S. war durchaus streng sittlicher Mensch. Hörte er von einer Handlung schöner Humanität sprechen, so war seine Aeußerung kurz: „Nun, das ist vernünftig! das ist human, das ist brav!“ Aber sein Herz wurde wohlthätig erwärmt.

Ein solches herzerhebendes Freudenfest gab ihm auch jenes Ereigniß, das er in diesem Buche aus Messina selbst erzählt.

Er pflegte immer zu sagen: „das Gute lobt und belohnt sich selbst.“

Ueber Niederträchtigkeiten aber, über Herabwürdigung und Entehrung der Menschenwürde ergrimmte er zähneknirschend in seinem Innersten, so tolerant er auch immer menschliche Schwachheiten beurtheilte.

Das Wohl der Menschen, auf allgemeine Gerechtigkeit und Freiheit — für seine Ansichten eigentlich nur Synonyma — gegründet, lag ihm zu sehr am Herzen. Indessen war er besonnen. Mit den Individuen aus dem Volke ließ er sich nie, weder in politische, noch in religiöse Gespräche ein. „Das kann da nichts helfen,“ pflegte er zu sagen: „das Vernünftige muß von oben herabkommen und allgemein gemacht werden.“ Und so gab er auch nicht einmal seiner Mutter und seinen Verwandten seine Schriften. „Ihr versteht das nicht,“ sagte er. „Gehorcht ihr den Gesetzen und geht in eure Kirche.“

Er war nie mit den schnellen, sogenannten Aufklärern zufrieden, störte Niemand in seinem Glauben, und schätzte wackere, gewissenhafte Prediger sehr.

Unter seiner Mutter Bildniß, das ich einmal vor ohngefähr 15 Jahren für ihn zum Andenken gezeichnet und radirt hatte, ließ er Folgendes stechen:

Regina Christina Seumin.

Liebe und Hochachtung den Aeltern, Treue den Freunden, Ehrfurcht der Religion, Gehorsam den Gesetzen, Muth dem Vaterlande, Gerechtigkeit und Menschlichkeit Allen.

[4] Man wirft mir vor, daß ich kein Amt suche &c.

Oft hörte ich ihn sagen: „was soll ich mit dem Amte, da — dort — oder gar am Hofe?“

„Das dauert vier Wochen und — ihr sehet mich wieder.“ Rücksichten zu nehmen, war ihm in öffentlichen Angelegenheiten unmöglich, darum vermied er lieber die Kollisionen. So wurde er einmal aufgefordert, ein politisch-literarisches Zeitungsblatt zu schreiben; er dankte aber sehr dafür, so groß der Gewinn geschildert ward, so glänzend ihm auch die Aussichten eröffnet wurden. — S. würde das Naturrecht vortrefflich gelesen haben — er hatte große Lust dazu — allein, es würde ihm bald untersagt, und ein geschriebenes konfiscirt worden seyn.

Am passendsten würde für ihn eine Inspektion über den allgemeinen Straßenbau gewesen seyn; und ich bin überzeugt, wir würden im Vaterlande, wenn auch keine spanischen Chausseen, doch bessere Wege haben; denn daß diese mitunter recht schlecht sind, darüber ist unter allen Reisenden nur eine Stimme.

Allgemeines Menschenglück beschäftigte ihn vor Allem. Sein Herz war voll von dem Gedanken einer allgemeinen Gerechtigkeit. Es belebten ihn zuweilen große Hoffnungen, so weit er auch den Zeitpunkt besserer Zeiten hinaussetzte.

Er war indeß nicht müssig und hat manches Gute gewirkt, mehrere junge Leute von Herz und Kopf, die er unterrichtete und die sehr redliche, achtungswürdige Menschen geworden sind, haben gestanden, daß sie Seume’s rechtlichen, festen Grundsätzen unendlich viel zu verdanken haben. Selbst viele junge, studirende Adelige, denen er wahrlich um keinen Preis schmeichelte, kamen doch immer wieder, aus wahrer Achtung gegen den Mann und seine Grundsätze. Mit einem Worte, S. genoß als allgemein anerkannt redlicher Mann eine allgemeine Achtung, und ich hoffe mit Zuversicht, sie wird ihm ewig bleiben.

[5] Man hat alten Stabsofficieren Dinge von großer Wichtigkeit abgenommen und sie mir übergeben &c.

Als der General von Schwerin, Neffe des bekannten großen Schwerin, vor ungefähr 10 Jahren in Leipzig war und mir zum Malen saß, fragte er nach S. Ich zeigte ihm einige Briefe von ihm; „ja, ja! das ist seine Hand,“ sagte er, „ich kenne sie.“

Von der unfreundlichen Behandlung, die er auf dem Rückwege aus Rußland von dem alten Igelström erfuhr, erzählt er in seinem Sommer (seiner letzten Reise nach Rußland) selbst. So fallen — nicht eben sehr selten — die Belohnungen für geleistete, redliche Dienste aus!

[6] Man trifft so viele trübselige Gesichter &c.

Das war in seinem moralischen Ingrimme gesprochen, wo seine Phantasie und die Rückerinnerung an so manche Herabwürdigung der Menschenwürde, besonders in den Residenzen, auf ihn einstürmte. Er empfand dieses damals tief und giebt dieses Gefühl hier zu erkennen. Er wollte aber keinesweges dadurch eine ganze Stadt beleidigen, wie sich von selbst versteht.

[7] S. hatte einige griechische und lateinische Autoren und ich etwas Italienisches in den Tornister gepackt. In Peterswalde fing er an zu lesen, — ich glaube den Florus — und riß, mit mancher drolligen und sarkastischen Bemerkung, ein gelesenes Blatt nach dem andern heraus und warf zuletzt die Schale in den Ofen. Diese Prozedur machte er planmäßig mit mehreren Büchern, die ihn weniger interessirten, um nach und nach den Tornister wieder leichter zu machen. Den Homer, Virgil und Horaz brachte er wieder zurück und verschenkte sie an seine Freunde.

[8] Gestern war ich bei Füger &c.

Die damaligen Momente sind mir noch ganz gegenwärtig, und mich dünkt, Seume zeigt hier, daß er nicht so sehr Profaner war, als er auf der ersten Seite selbst sagt. Er hatte für Kunstwerke, besonders nach seiner Zurückkunft aus Italien, einen sehr richtigen Takt, vorzüglich was den Charakter und Ausdruck betrifft. Ich habe seinem Umgange auch in dieser Hinsicht Vieles zu danken. Seine Aeußerungen waren fast immer treffend.

[9] Schnorr hatte als Hausvater billig Bedenken getragen.

Es sei mir hier vergönnt, mit wenig Worten die Gründe anzuführen, durch welche ich bewogen wurde, den Gang nach Italien und Sicilien aufzugeben, und zwar um so mehr, da man hier und da an meinem Muthe gezweifelt haben mochte.

Ich verließ Leipzig mit frohem Gemüthe, mit wahrem Vertrauen auf die Vorsehung. Es kam mir kein Gedanke von Furcht in die Seele, wie es wohl bei Menschen, beseelt von Enthusiasmus für irgend etwas Gutes und bei reiner Absicht, der Fall zu seyn pflegt. Als ich aber in Wien meine Empfehlungsbriefe, besonders die von Weiße (dem Verfasser des Kinderfreundes) an Männer abgab, denen ich besonders als Familienvater an das Herz gelegt worden war, so rieth man mir einstimmig, nicht weiter zu gehen, da so häufig jetzt Straßenräubereien vorgefallen seien. „Wenn wir nun auch nicht annehmen wollen,“ sagte Füger, „daß Sie todtgeschlagen werden; zur Vereitelung Ihres ganzen Endzweckes ist es schon genug, wenn Sie einige Male Ihres Geldes beraubt werden. Mit einem Worte, er rathe mir, dieses Mal meinen Enthusiasmus, Italien und Sicilien zu sehen, zu bekämpfen und als Familienvater ohne alles Vermögen, meine sauer ersparten einige hundert Thaler nicht zu wagen.“

Füger’s Sprache war so herzlich, daß ich, tief gerührt, an Weib und Kinder dachte, und zu bleiben beschloß. Seume konnte dieses selbst nicht mißbilligen; er war zu sehr redlicher Mann und Freund, und völlig bekannt mit meinen Verhältnissen, als daß er egoistisch mir hätte zureden sollen. Die Trennung that uns Beiden weh!!

[10] Jetzt sind alle Wasser so schön und hell &c.

Reines, schönes Wasser war für S. wirklich ein großer Genuß, und wo wir dergleichen trafen, wurde mit Frohsinn geschöpft.

Aus Wein machte er sich in der That nichts, Champagner war noch der einzige Wein, den er liebte.

Wasser war für ihn ein universelles Mittel für Alles: er kurirte selbst den verdorbenen Magen damit, wie er mir in Mähren zu meiner Verwunderung durch folgenden Vorfall bewies.

Wir waren mit vielem Appetit und durchfroren zur Abendmahlzeit im Wirthshause angelangt. Sehr fetter, kalter Schweinsbraten und säuerliches Bier, statt des schlechten Wassers machte unsere ganze Mahlzeit aus. Wir begaben uns darauf in eiskalte Betten zur Ruhe.

Mitten in der Nacht wurde ich plötzlich durch ein ängstliches, lautes Stöhnen und Röcheln aus meinem Schlafe geweckt. Blitzschnell aus dem Bette springen, mit dem Gedanken an Mord meinen Stock ergreifen und nach meines Freundes Bette fliegen, war das Werk eines Augenblicks. Entschlossen auf Tod und Leben erfaßte ich in der tiefsten Finsterniß gewaltsam ein menschliches Wesen und war eben im Begriff zu kämpfen, als sich auf einmal das Räthsel löste — und ich bemerkte, daß ich Seume’n selbst gefaßt hatte. Die ganze Mordgeschichte endigte sich mit Lachen.

So wie wir des Morgens das Haus verließen, griff S., trotz meinen Vorstellungen, nach reinem Schnee, bis wir Wasser fanden, hungerte und genas.

S. war bis in sein vierundvierzigstes Jahr, bis nach seiner letzten Zurückkunft aus Rußland, ohngeachtet der vielen Strapazen, in seinem Leben nie krank gewesen, als sich nachher bei ihm ein Uebel nach dem andern entwickelte, welche besonders durch Mangel an Bewegung befördert wurden. Dem Letzteren wurde er durch das häufige Vertreten seines durch eine frühere Kontusion geschwächten linken Fußes ausgesetzt, wohin sich nach und nach eine stärkere Geschwulst zog.

Auch glaube ich, daß ihm die häufigen Einladungen an reichbesetzte Tafeln im Kontrast seiner gewohnten, einfachen Lebensweise Schaden gethan haben.

[11] Lilybaeum. Liv. 23, 41. (Clodius.)

[12] Wer kann hier beschreiben? &c.

S. hatte in seinem Leben viel Musik gehört, liebte sie — besonders die Vokalmusik, und sein Urtheil darüber war voll richtiger Empfindung.

Aber keine Musik ergriff ihn so gewaltig, als die Ouverture aus Benda’s „Ariadne auf Naxos.“ Und war er auch durch Weltereignisse und zuletzt durch seine Krankheit noch so mißgestimmt, und er hörte diese Musik gut vortragen, so gerieth sein Innerstes in frohen Aufruhr, und sein Geist erhob sich über alles Irdische und Kleinliche dieser Erde. Sein Auge strahlte hohe Freude und sein Ausdruck sprach eine hohe Ahnung eines unsterblichen, ewigen Wesens aus.

Er hatte diese Musik unter ganz eigenen Umständen, in einer eigenen Situation seines Lebens zum ersten Male und zwar gut gehört. So eröffnet zuweilen ein Moment eine unversiegbare Quelle der wohlthätigsten Empfindungen durch die Erinnerung in unserm Herzen.

[13] Ich hätte dem Pfleger die Hände küssen mögen &c.

S. liebte die Blumen sehr, vorzüglich die Rosen. Ein Rosengarten war ihm der erfreulichste Anblick und er bezahlte zuweilen die Erlaubniß, die Rosen selbst abschneiden zu dürfen — ein wahres Fest für ihn — ziemlich theuer. Handeln war überhaupt seine Sache nicht: hatte er auf die Forderung etwas weniger geboten und man war nicht sogleich zufrieden, so gab er das Geforderte, ohne weiter ein Wort zu verlieren; oder machte militärisch links um und ging. Es war zuweilen possirlich, ihn kaufen zu sehen; auch fühlte er sehr gut, daß ihm das Handelstalent abging, und wir mußten daher so manches für ihn besorgen. Hier einige seiner Aufträge in schnurrigen Knittelversen:

Mein lieber Herr Gevatter Schnorr,

Wohl unsern freundlichen Gruß zuvor.

Ihr wißt, daß wir mit jedem Wind

Wohl Euer treuer Gevatter sind,

Als bitten wir, Ihr wollet dann

Auch einen Dienst uns lobesann

Aus lauter Gunst und guten Willen

Uns thun und hübsch mit Fleiß erfüllen:

Ihr wollet nämlich unsre Sachen

Bei Meister Brohm zusammenmachen

Und nach und nach für die Gebühren

Zu uns herüber expediren.

Da sich’s auf eins nicht tragen läßt,

So könnt Ihr wohl den Ueberrest

Bei Euch behalten, bis man ihn

Gemächlich kann herüber ziehn.

Sodann behändigt diesen Brief,

Der, wie Ihr seht, ein wenig schief

An Göschen, der wird Euch sofort

Für mich zu weiterem Transport

Wohl achtzig Thaler zahlen lassen;

Ihr kennt Herr Rothen an der Ecke,

Der half mir rüstig aus dem D....e;

Nun diesem zahlet zwanzig Thaler,

Dabei entschuldigt den Bezahler,

Daß er nicht selbst von Angesicht

Mit seinem alten Freunde spricht:

Es thut mir selber herzlich leid;

Allein jetzt hab’ ich keine Zeit.

Und zwanzig laßt Ihr bei Euch liegen,

Die will ich bald in’s Kleine kriegen;

Und vierzig schickt Ihr mir herüber:

Das ist die Summe bis zum Stüber.

Sodann noch eins; allein verzeiht

Die Schererei, mein lieber Veit:

Kauft mir doch ein halb Dutzend Paar

Von Strümpfen wie im vor’gen Jahr.

Sodann noch eins: Es ist uns fast

Das Leben ohne Ton zur Last;

Drum schafft uns doch in unsern Nöthen

Nur eine von den alten Flöten,

Damit, wenn uns die Grillen hudeln,

Wir doch ein Stückchen können nudeln.

Und das vor Allem, hört ihr, Veit!

Denn mit den Strümpfen hat es Zeit.

Wir hoffen übrigens, daß Ihr

Euch immer werdet, so wie wir,

In Eurer lieben Stadt der Linden

Mit Euren Leuten baß befinden,

Und wünschen, daß Ihr mich recht bald

In meinem Grimm’gen Aufenthalt

Besuchen werdet. — Meinen Gruß!

Ich büffle jetzt mit Kopf und Fuß.

Seume.

Er hatte überhaupt manche Eigenheiten. Dahin gehört, daß er nicht gern allein aß, daher genoß er selten etwas zu Hause. Zur Gurkenzeit pflegte er des Morgens zu kommen und Gurken mitzubringen. Meine Kinder, die seine Gewohnheit kannten, holten dann schwarzes Brot, Pfeffer und Salz, und so genoß er die Gurken mit vielem Appetit. Fand er in einem Garten Zwiebelbeete, so war er ganz Spanier; und mit seinen Freunden Früchte abzunehmen war ihm ein großes Fest.

[14] Das Original hatte mich königlich betrogen &c.

Ich schalte hier Seume’s eigene Expektorationen an sein Idolchen, wie er es selbst nennt, ein.

Erster Brief an M...

Eben will ich mich schlafen legen, liebes Mädchen, und es ist recht spät, und ich bin recht müde, weil ich viel Zeugs gearbeitet habe, was mir kein Vergnügen macht: aber Dir muß ich doch vorher schreiben. Das gehört zu meinem Dessert des Abends. Wenn Du die Briefe und Briefchen alle zusammenzählst, Mädchen, die ich Dir schon geschrieben habe; ich glaube, man könnte das Augsburger Archiv damit anfüllen. Und was mag ich Dir wohl immer Alles geschrieben haben? Was kann das seyn? Und wenn ich tausend Foliobände an Dich schriebe, so würde Alles nur Liebe seyn. Wenigstens mußt Du jede Zeile aus meinem Briefe streichen, die nicht etwas von Liebe athmet.

Und wenn ich hundert Jahre schriebe,

Ich schriebe Dir doch nichts als Liebe.

Der Puls, der Dir nicht Liebe schlägt,

Der Wunsch, der mich zu Dir nicht trägt,

Gehöret nicht zu meinem Wesen,

Ist meiner Seele fremd gewesen.

Die Liebe nur belebt mein Herz

Und hebet froh es himmelwärts;

Die Liebe, die Du mir zum Leben

Und für die Ewigkeit gegeben.

Ich sah und sog mit tiefem Geiz

Von Deinem Antlitz jeden Reiz,

Ich kam und nahm aus Deinen Blicken

Der Seele süßestes Entzücken

Ich sah Dich und ein neuer Schmerz

Zog wonnevoll mir in das Herz.

Du sprachst mir, und von Deiner Lippe

Floß sanft der Strom der Aganippe.

Du sahst mich an, und denkend stand

Ich wie gefesselt hingebannt.

Ach, einsam bin ich oft gelaufen,

Um mir mit Weisheit Ruh’ zu kaufen;

Die Weisheit schlug vor meiner Ruh’,

Wenn ich erschien, die Laden zu.

Ich kam mit Deinem holden Bilde

Zurück vom herbstlichen Gefilde,

Mit jedem Tritte folgtst Du mir,

Und selig war ich stets mit Dir.

Da wagt’ ich endlich nah’ zu treten

Und meine Seele vorzubeten.

Die Angst, die mich gefoltert hat,

Hast Du in Deinen bängsten Stunden

Gewiß im Leben nicht empfunden;

Die Freude, die mich schnell durchlief,

Als ich den ersten lieben Brief

Mit Beben las, den Du geschrieben,

Ist mir noch heute so geblieben,

Wie damals sie mein Herz empfand,

Als ich wie neu geschaffen stand,

Vergieb mir, Mädchen meiner Seele,

Wenn ich Dir mein Geschwätz erzähle;

Ich denk’ an jeden Augenblick,

Wo ich Dich einst nur sah, zurück,

Und jauchze bei der Göttergabe,

Daß ich Dich, Mädchen, Dich nun habe.

Nun bin ich Gottes liebster Sohn;

Ich singe mit dem schönen Lohn

Trotz jedem König hohe Psalmen,

Und ihre Scepter sind nur Halmen.

Was kümmert mich ihr Flittergold;

Du, liebes Mädchen, bist mir hold;

Ich lege mich zu Deinen Füßen,

Und Du bückst Dich herab zu Küssen.

Von nun an soll mir ganz allein

Nur Deine Liebe Weisheit seyn;

Aus Deinen seelenvollen Blicken

Soll sie mich nur allein beglücken;

Und dann von diesem Glücke warm,

Studir’ ich nur in Deinem Arm,

Und was ich Dir am Herzen lerne,

Ist schöner als die Morgensterne.

Ach wäre nur die Zeit erst da,

Die ich schon oft im Traume sah!

Wo Du Dich lieblich an mich schmiegest

Und Dich in meinem Arme wiegest,

Wo Du mir Deinen Feuerkuß

Zum Morgen- und zum Abendgruß

Mit froher, froher Liebe bringest,

Und mir ein Lied der Freude singest;

Dann kann ich meinen besten Kuß

Zum Morgen- und zum Abendgruß

Dir mit der frohsten Liebe bringen,

Und dir ein Lied der Freude singen.

Die Verse sehen wohl etwas schläfrig aus? Es ist Mitternacht, Mädchen! da ist es ganz natürlich. Du mußt mit mir Schwätzer recht viel Geduld haben. Wenn Du mich einmal ganz hast, so magst Du mich nach Deiner Weise ziehen; wenn Du nämlich noch etwas Taugliches an mir findest. Folgsam will ich wohl seyn, wenn Du mir das Gute ordentlich vordemonstrirst. Was machst Du Liebe? Werde ja gesund! Werden Papa und Mama nicht bald wieder irgend einen Schmaus haben? Ich wünsche den Leuten recht viel Geselligkeit. Grüße Schwesterchen; und werde ja gesund; das ist sehr wichtig, durchaus, hörst Du? Schreib mir bald, daß Du besser bist.

Ich küsse Dir mit Zärtlichkeit Hand und Mund.

Ewig Dein Treuer; werd’ ja bald gesund!

S.

Zweiter Brief an Dieselbe.

Auch heute mußt Du mit mir Geduld haben, liebes Mädchen; ich bin beständig wie auf der Post. Heute kam Igelström zu mir und zeigte mir seine Ordre, sich sogleich bei dem Kommando zu stellen. — Sei ruhig, Liebe, ich reise nicht. — Sein Befehl war, sogleich bei Empfang abzugehen. Die Ursache weiß ich sehr wohl. Auch einige andere Officiere haben schnell zu ihren Corps gehen müssen. Nun mußte ich ihm eine Menge Geschäfte besorgen helfen, die ich einem Freunde schuldig bin. Man muß mir nicht den Vorwurf machen, daß ich meine ernsthafteren Pflichten nicht willig und pünktlich erfülle. Man sagte uns, es seien auch Briefe an uns auf der Post: Du kannst denken, Liebe, daß mir das Herz schlug, ob wir nicht auch vielleicht Befehl erhalten würden. Die Briefe kamen, und waren zwar vom General, aber sie enthielten bloß freundschaftliche Allotria. Eigentlich wäre es nun wohl besser gewesen, ich wäre jetzt gereist; denn je eher ich hinkomme, desto eher bin ich wieder zurück. Aber Dich jetzt so krank zu verlassen, Dich vielleicht nicht einmal sehen zu können, das würde mein Herz nicht ausgehalten haben, so hart es auch seyn mag. Ich bitte Dich, liebes, theures Mädchen, werde ja nicht krank, nicht schlimm krank, oder ich kann nicht dafür bürgen, daß ich nicht gerade zu Deinem Vater gehe. Liebe, schreib’ mir, daß es besser mit Dir ist; schreib’ nicht viel, wenn es Dir schwer wird; nur einige Zeilen zu meiner Beruhigung. Wenn ich Dich nur wohl weiß, so bin ich glücklich genug. Täglich fühle ich mehr, wie sehr Liebe unser ganzes Wesen stimmen kann. Mein Vater starb, und ich fühlte Schmerz und weinte Thränen; aber welcher Unterschied zwischen jenem Gefühle und dem zärtlichen Kummer, den mir nur Dein Uebelbefinden macht. Mädchen, ich liebe Dich unaussprechlich: das habe ich so oft gesagt; aber ich sage es eben so oft, weil ich meine Liebe nicht aussprechen kann. Deine Gesundheit beschäftigt mich jede Stunde. Oft breche ich mitten in der Periode meiner Schreiberei ab, lege die Feder seitwärts, und sehe minutenlang, viertelstundenlang auf das leere Blatt. Meine theure, einzig innig geliebte M., ich bitte Dich bei der Glückseligkeit, die Du mir gegeben hast und geben willst, bei der ganzen innigen Zärtlichkeit, mit der ich Dich ewig lieben werde, sei sorgsam und aufmerksam auf Deine Gesundheit. Es macht mir unaussprechlich viel Unruhe, wenn ich Dich krank denken muß; um so mehr, da ich nicht hin kann, um Dich von Deinem Zustande zu überzeugen. Ein einziger Blick ist mehr, als eine lange Erzählung. Es hat mich recht geschmerzt, daß Du fandst, ich sei unordentlich; denn ich kann es nicht ganz für Scherz nehmen. Habe nur Geduld, ich halte viele Dinge zu sehr für Kleinigkeiten: im Wesentlichen hat mir noch Niemand Unordnung vorgeworfen. Du sollst finden, daß Du nicht vergebens zu mir gesprochen hast. Habe nur Muth, mit mir kannst Du alles Gute machen. Ich fühle, Mädchen, daß bei jedem Deiner Küsse meine Seele sich immer noch zärtlicher an dich schließt. Nie habe ich Begriffe von der Liebe eines Mädchens gehabt, jetzt ist mein ganzes Herz voll davon. Ich lasse Dir Gerechtigkeit, liebes Mädchen, ohne Erröthen Gerechtigkeit wiederfahren, Du bist zärtlicher als ich. Diesen Vorzug giebt Dir Deine Weibernatur, die lauter Grazie und Sanftmuth ist; denn bei Gott! in der Stärke der Liebe will ich mich auch von Dir nicht übertreffen lassen. Wenn ich Dich nicht glücklich mache, ich fühle den Werth meines Herzens, so glaube ich, es kann kein Sterblicher Dir Glück und Zufriedenheit geben. Ich habe Dir meinen ganzen alten Stolz geopfert, und unendlich gewonnen; ich würde Dir den Feldherrnstab und alle Ordensbänder opfern und immer gewinnen. Wenn doch die Menschen immer richtig nach Kopf und Herz mäßen, so würde nicht so viel Mißverstand seyn. Wenn wird die glückliche Zeit kommen, Liebe, wo ich Dir wenigstens täglich eine gute Nacht sagen darf? Aber würde der Geiz damit zufrieden seyn? Ich bin so glücklich, so glücklich, wie ein sterblicher Erdenbewohner seyn kann; lehre mich Genügsamkeit, Liebe. Nur für Deine Gesundheit will ich beten. Glaube mir, ich bin förmlich fromm geworden, seit ich Dich liebe.

Die Gottlosen sollten lieben, und sie würden sogleich aufhören zu lästern: die Abgötterei, welche Liebende begehen, ist mehr ein Lob des Schöpfers, als eine Blasphemie. Ein unnennbar süßes Gefühl bebt durch mein ganzes Wesen, hebt meine ganze Seele von der Erde empor, wenn Du mit frommer Vertraulichkeit mit einem Kusse Dich zu mir neigst. Ich bin vielleicht ein Kind; aber der Himmel erhalte mir und Dir diesen Kindersinn. Grüße Schwester F.......... Nimm den Kuß der Zärtlichkeit, und daß Dir der Himmel Gesundheit gebe.

Ewig Dein Seume.

Dritter Brief an Dieselbe.

Da soll ich arbeiten, liebes Mädchen, und meine ganze Seele ist bei Dir. Dein Briefchen hat mich nicht so sehr getröstet, als mich Sch.’s Nachrichten beunruhigt haben. Du bist sehr krank, wie ich höre, und ich soll ruhig seyn! Dein Arzt ist nicht zu Hause, zu dem Du noch das meiste Zutrauen hast; Du kannst nicht sprechen, Du leidest die empfindlichsten Schmerzen; und ich soll ruhig seyn! Da liegt der Bogen, den ich in die Druckerei liefern soll; ich habe ihn weggeworfen. Ich weiß in meinem Zustand mit nichts zu vergleichen, er ist mir ganz fremd: ich bin sehr traurig und möchte doch um Alles in der Welt nicht fröhlich seyn, wenn mir Jemand meine Traurigkeit nehmen wollte. Liebes, krankes Mädchen, und Du leidest sicher meinetwegen; meinetwegen hast Du Dich nicht geschont; wie werde ich, wie kann ich Dir alle Zärtlichkeiten vergelten, die Du mir schon gezeigt hast. Ich fühle, ich muß von Dir die Liebe lernen; ach, Theuerste, werde nur gesund, Du sollst ganz mit Deinem Schüler zufrieden seyn. Es ergreift mich beständig unwillkürlich eine Wehmuth, von welcher ich mich nicht losreißen will. Die Saiten, die ich Stümper auf dem Klaviere anschlage, beben alle melancholische Akkorde, und alle kleinen Stücke, die ich von der Laute greife, sind ungewöhnlich elegisch. Einige Töne, welche den Ton der Seele treffen, können einen Laien tiefer rühren, als den Meister die Kunstharmonien ihrer Zauberer. Ich bekenne Dir, Liebe, ich gäbe ganze Konzerte von Haydn für zwei Töne auf der Laute hin, wenn sie die Stimmung der Seele zurückbeben.

Es ist schon sehr hart, in einer solchen Entfernung von seiner Geliebten zu leben, wie ich: in einem so eigenen traurigen Verhältnisse zu stehen, wie ich; solche schöne Hoffnungen und so eigene Schwierigkeiten zu haben, wie ich; aber jetzt, da Du krank bist, da ich herumschleiche, wie ein Verirrter, da ich Dir so nahe bin und so fern, hat meine Lage keine ähnliche an qualvoller Angst. Ich spreche nicht, weil ich meine Empfindung lieber behalte als ausgebe; ich würde Dir auch nicht schreiben, wenn ich Dir verbergen könnte, wie es in meiner Seele aussieht. Selbst meine Gedanken sind so irrsam durcheinander, daß Du es vielleicht sogar meinem Briefe ansiehst. Es ist, als ob ich mich hinsetzen sollte zu sterben. Vergieb mir, bestes, theuerstes, ewig geliebtes Mädchen; ich sollte nicht klagen; denn ich bin ein Mann, und ein Mann soll stark seyn. Ein König mit seiner Macht könnte meinen Augen sicher keine Thräne auszwingen; meine eigenen Empfindungen haben oft schon die glühenden Tropfen bis an die Wimper getrieben. Ich weine wohl nicht, aber meine Augen brennen und eine hohe Gluth fährt elektrisch durch meinen Nacken. In welchem Lichte mag ich Dir erscheinen, Liebe? Man klagt mich so sehr der Härte, der Unempfindlichkeit, der Rohheit an: und in meinem Charakter, der meistens der eisernen Vernunft folgt, liegt etwas, das jener Beschuldigung einigen Anschein von Wahrheit giebt. Aber ich versichere Dich, bei allem, was einem ehrlichen Mann heilig seyn kann, es ist nur Schein, und wer in den Charakter nicht tiefer eindringt, bleibt bei dem Schein stehen. Du machst mir vielleicht einst den nämlichen Vorwurf, wenn meine Liebe sich in das Kleid des Vernunftmäßigen schickt, meine Seele sich vielleicht in die alte stoische Ruhe setzt, und Du dann glaubst, das Feuer meiner Empfindungen sei ausgestorben. Das würde mir schrecklich werden; denn ich versichere Dich, bei meiner anscheinenden Ruhe kocht es oft in der Tiefe wie ein Vulkan. Thue mir nie das Unrecht, Liebe, je an meinem Herzen zu zweifeln; setze es auf die Probe, wie Du willst, und es wird Probe halten. Meine Empfindungen sind ewig, denn sie sind wahr. Wenn ich nur einmal so glücklich wäre, näher um Dich zu seyn, mit Dir in innigern Verhältnissen zu stehen, damit Du mich ganz kennen lerntest, und sähest, daß ich ein Herz wie das Deinige ganz verdiene. Siehst Du, bestes, trautes Mädchen, meine Verse könnten Schminke tragen, meine Moral könnte Wortgepränge seyn, meine Briefe könnten lügen, meine Reden könnten Brast seyn, meine Küsse könnten Dir heucheln; denn wer würde nicht ein schönes, liebenswürdiges Mädchen feurig küssen, wenn er ihr Herz bestricken wollte: Alles an mir könnte Dich betrügen; aber nicht meine Handlungen, welche Dokumente bleiben, für oder gegen mich, nicht die herzliche, innige, zärtliche Aufmerksamkeit, mit der ich ununterbrochen mein ganzes Leben für Deine Glückseligkeit wachen würde. Meine heißeste Liebe zu Dir macht mich nicht blind, M..... ich kann Dich bei dem Glück, das ich von dieser Liebe hoffe, versichern, ich würde Dir es mit zärtlicher Schonung sogleich entdecken, wenn ich etwas an Dir fehlerhaft fände; aber Alles, Alles hat an Dir, so viel ich jetzt gesehen habe, meine Billigung, Manches hat mich entzückt, und selbst der kältere Beobachter würde nichts zu tadeln finden. Der Himmel hat mich in Deinem Herzen sehr gesegnet; ich habe so viele Glückseligkeit durch meine undankbar kalte Philosophie nicht verdient. Aber ganz kalt bin ich nie gewesen, ich hatte wenigstens die Empfänglichkeit der Wärme mir erhalten, sonst hätte ich Dich nicht geliebt, sonst hättest Du mir nicht geantwortet. Die Welt wird Dich sehr tadeln, wenn sie Deine Wahl erfährt; aber ich will Dich rechtfertigen dadurch, daß ich ihr zeige, ein Weib könne an meiner Seite wohl so glücklich seyn, als in einem goldnen Wagen. Mädchen, ich darf Dir bekennen, ich freue mich auf die Zeit wie ein Knabe, der noch zehn Jahre zu warten hat, bis ihm der Bart keimt. Gewiß, ich bin ein guter Mensch durchaus, und ein solcher wird nie ein schlechter Mann. Werde nur, werde nur gesund; ich bitte Dich, meine Theure, sorge für Dich; befolge jetzt die Vorschriften, die Dir der Arzt giebt, sei ruhig und habe Geduld. Wenn ich nur selbst ruhig seyn könnte, ich wollte Dir recht gute Predigten über die Ruhe halten. Mir ist alle Tage, als ob ich in euer Haus stürmen müßte, so zieht mich eine unaufhaltbare Gewalt immer in Deine Gegend. Mädchen, wenn Du wüßtest, wie oft ich in meinen Mantel gehüllt Abends dort in der Straße auf und abwandle; ich blicke nicht hinauf, weil ich nichts sehen würde, aber es thut mir doch etwas wohl, Dir so nahe zu seyn, bis mich meine Ungeduld fort nach Hause treibt. Ich habe mit Dir und bloß durch Dich schon manche schöne, herrliche Stunde genossen; aber eben dieser volle Genuß zeigt mir nun die Leerheit aller übrigen. Es ist, als ob ich nicht lebte, wenn ich nicht wenigstens in Gedanken bei Dir bin, so sehr bist Du Alleinherrscherin meines ganzen Wesens geworden. Ich kann, ich will nicht ruhig seyn, so lange Du nicht wohl bist, so lange Du nicht sicher in meinen Armen ruhest. M...., liebes, krankes, theures Mädchen, gewiß, es soll Dir noch recht wohl gehen, und Du sollst gesund seyn, und des Arztes nicht bedürfen. Denn blos eure verkehrte Lebensweise ist Schuld an euerm beständigen Uebelbefinden. Wenn ich doch so glücklich wäre, als ein sehr gleichgültiger Bekannter in euerm Hause zu seyn, nur dieses: nur um mich zu überzeugen, was ihr Leutchen für eine Menage führt, daß ihr immer nicht wohl seid. Aber was sage ich Unbesonnener? An Deiner Krankheit bin ich Schuld, blos ich; und sonst ist wohl Alles in der Familie wohl. Ich werde mir die Strafe auflegen, Dich nie wieder so zu sehen. Aber wenn werde ich Unglücklicher Dich nun wieder sehen? Das Schicksal bietet Alles auf, mich für meine ehemalige Härte recht weich zu machen. Ich kann Dir nun versichern, M....., ich bin nun so demüthig, als es nur die christliche Moral immer haben will. Werde nur wieder gesund, und rufe mich zu Dir; oder rufe mich auch nicht zu Dir und werde nur gesund.

Wenn nur Hygea ihre Kraft des Lebens

Durch Deiner Glieder Fülle gießt,

Wenn nur in Pulsen eines leichten Strebens

Dein Blut sanft auf und nieder fließt,

Wenn Du nur Gottes Luft mit freien Zügen

Und frischer Brust zum Wohlseyn trinkst,

Will ich entzückt an Deinen Busen fliegen,

Wenn Du dem lieben Schwärmer winkst.

Ich will zum Himmel wie ein Pilger beten,

Daß Dir der Himmel Arzt und Heilung sei;

Und darf ich bald Dir wieder nahe treten,

So eil’ ich hohen Herzensschlags herbei,

Und sinke, Liebe, hin zu Deinen Knieen,

Und danke mit dem seligsten Genuß

Dir und dem Himmel nur in einem Kuß,

In welchem alle Hochgefühle glühen.

Herrliches, liebes Mädchen, ich wünsche Dir baldige, feste, dauerhafte Genesung. Dann mußt Du durchaus Dein Arzt selbst seyn, wenigstens keinen andern als mich haben. Wenn ich nur ruhig seyn könnte! Ich küsse Dich so zärtlich als ich Dich liebe. Dein auf ewig.

Seume.

Vierter Brief an Dieselbe.

Heute bin ich schon etwas ruhiger Deinetwegen, da mir Sch. Nachricht von Deiner Besserung bringt. Aber ganz ruhig werde ich nicht eher, als bis ich Dich wieder einmal selbst sehe, und urtheile, daß Du gesund und wohl bist. Denn Deiner Versicherung über Deine Gesundheit glaube ich auch nicht; Du hast mich so oft getäuscht. Du glaubst, liebes Mädchen, hier ist die Täuschung wohlthätig und besser als Wahrheit. Das spricht Deine Liebe; aber das kann meine Liebe nicht glauben. Als ich Dich das letzte Mal in meinen Armen hielt, liebes Mädchen, wie gut und zärtlich warst Du da! wie liebevoll hingst Du an meinem Halse und athmetest an meinem Herzen. Aber Du warst krank, Du warst schon recht krank, armes Mädchen. Mir war’s, als ob Deine Küsse doppelte Zärtlichkeit hätten; es ist etwas Unaussprechliches in einem solchen Blicke, einem solchen Kusse. Wehe dem Menschen, den ein solcher Kuß nicht ganz zum reinen Geweihten seiner Liebe macht. Es liegt Wehmuth darin, unbeschreibliche Wehmuth, theuerstes Mädchen, ich glaube, ich fange jetzt erst recht an, Dich zu lieben, wie ich soll, und werde Dich an Zärtlichkeit übertreffen, wenn ein Mann je ein Mädchen an Zärtlichkeit übertreffen kann. Siehst Du, Liebe, ich lasse Dir und Deinem Geschlecht Gerechtigkeit wiederfahren; ich gestehe, ihr mögt zärtlicher lieben, aber liebt ihr auch treuer und standhafter und unverbrüchlicher? Das ist eine Frage, die ich nicht entscheiden mag. Mich däucht, Du mußt ein Muster aller dieser Tugenden seyn, weil Du mich wählen konntest. Das klingt stolz, Liebe, aber es ist wahr; und mit diesem Stolze wirst Du wohl zufrieden seyn. Du konntest wohl glauben, daß ein Mann, wie Du Dir meinen Charakter vorstellen mußtest, vorzüglich in so ernsten Dingen sehr ernst denkt, und doppelt ernst handelt: und doch eiltest Du in meine Arme. Du bist ein Engel für mich; ich weiß gar nicht, Mädchen, wie ich Dich ganz verdienen werde: aber verdienen will ich Dich, das Zeugniß sollst Du mir einst noch geben. Ich glaube, im ganzen Vaterlande ist kein Mädchen, das so gut und liebevoll wäre, als Du bist, M..... Mädchen, ich fühle Deinen Werth in mancher ganz kleinen Nüance, und liebe Dich täglich mehr. Das ist vielleicht eine Formel; denn ich glaube, ich kann Dich nicht mehr lieben, als gestern und ehegestern; und doch kommt mir’s jedesmal so vor, wenn ich Dich in meinen Armen halte. Aber weißt Du, Liebe, daß ich Dich jetzt als meine theuerste Geliebte doch noch nicht so liebe, als ich Dich lieben werde, wenn Du einst mein Weib seyn wirst: das fühle ich, das lieget in der Natur und ich wollte es philosophisch beweisen. Die Geliebte ist dem Liebhaber freilich das höchste, glühendste Ziel aller seiner Wünsche und Hoffnungen, aber das Weib muß dem Manne durchaus Alles, Alles, der ganze Zirkel seines Wesens seyn. Der Mann ist ein Verräther, dem sein Weib das nicht ist; und wehe dem Weibe, welches dieses alles dem guten Manne nicht seyn kann. Vergieb mir, liebe M....., Du weißt, ich bin kein Ueberzärtlicher, vergieb mir meine süße Schwärmerei: das denke ich mir durchaus als die seligste Periode der ganzen Erdenexistenz, wenn Du mir einen Knaben oder ein liebliches Mädchen entgegen tragen wirst. Da Du mich kennst, wirst Du mich deswegen nicht tadeln; da ich Dich kenne, darf ich wohl in den hohen Empfindungen meines Herzens ein Wort dieser Art zu Dir sprechen. Wenn ich so oft unter einer glücklichen Familie saß, und mich an den reinen Gesichtern der kleinen, fröhlichen Kinder weidete, stieg oft eine unbekannte Sehnsucht in mir auf. Ich dachte nie an die Hoffnung, selbst einst so glücklich zu werden, und ließ die kleinen, krauslockigen Jungen mich in den Haaren zausen und am Barte rupfen. Die Leute sagten immer, trotz meiner Wildheit, sähen sie daraus, daß ich ein guter Mann sei. Du, M....., hast mir diese neue Hoffnung geschaffen, und ich danke Dir dafür wärmer, als für alle Deine Küsse. Werde nicht eifersüchtig über meine sonderbare Philosophie. Du bist mir doch, bleibst mir doch Alles, der ganze Inbegriff des Segens, den ich mir vom Himmel erbitte. Mädchen werde nur wieder gesund: denkst Du etwa, das sei so ganz egoistisch? und daß Du so blos meinetwegen gesund werden sollst? Glaube das nicht, Liebe, ich wollte gern für Dich leiden und dulden, wenn ich Dir nur Deinen Schmerz abnehmen könnte. Seit ich Dich so herzlich liebe, bin ich, so wahr ich lebe, ein anderer Mann; ich habe das Leben selbst weit lieber, und mich däucht, es sei nun doch des Wunsches werth zu leben. Ehemals nahm ich mir wahrlich kaum die Mühe, das Leben zu wünschen.

Sonst sah’ ich manchen Frühling blühn,

Und sahe manchen Sommer fliehn,

Und bückte an des Beetes Saum

Mich nach der schönsten Blume kaum.

Sonst strich mir mancher Herbst vorbei

Und war mir immer einerlei,

Ich aß da Aepfel ohne Dank,

Die Traube ohne Frohgesang.

Jetzt, M...., lieb’ ich Dich

Und Alles wird nun froh um mich

In jeder Blume trägt die Luft

Mir Labung zu, und Balsamduft.

Der Apfel, den ich eben aß,

Schmeckt würziger, als Ananas;

Rund um ist Alles eingeweiht,

Und selbst der Schnee ist Feierkleid.

Werde nur wieder gesund, meine Liebe! Ich küsse Dich zärtlich, recht zärtlich. Ewig Dir treu und der Deinige, liebes Mädchen, ewig.

S.

Fünfter Brief an Dieselbe. (Einige Wochen später.)

M....

Dein Vater hat mir das Versprechen abgefordert, die Korrespondenz abzubrechen: ich hatte schon geschrieben, es ihm zu geben; er hatte aber nicht die Güte, den Brief, der es enthielt, anzunehmen; folglich habe ich es ihm nicht gegeben: und sein Wille ist für mich unbedingt kein Gesetz. Aber Du scheinst der nehmlichen Gesinnung zu seyn; und Deine Wünsche sollen mir heilig seyn, bis zu meinem letzten Hauche. Fürchte nicht, daß ich Dich weiter mit Zudringlichkeiten beschweren werde: nur das traurige Vergnügen kann ich mir nicht versagen, in diesem letzten Briefe noch einmal herzlich zu Dir zu sprechen. Ich will mich rechtfertigen vor Dir, rechtfertige Du Dich auch vor Dir selbst. Mein Herz soll und muß schweigen; ich habe Ursache zu fürchten, daß seine Sprache nicht mehr verstanden wird; und ich will seine Empfindungen nicht entweihen. Es ist seit einiger Zeit meine Beschäftigung gewesen, daß ich alle Deine Briefe mit bitterm Gefühle wiederholt durchgelesen; es ist, als ob die schöne Täuschung noch um mein Herz spielte, als ob ich nicht aus dem süßen Traum erwachen könnte. Ich kenne viele Arten des Zweifels; aber keiner giebt solche Scorpionenstiche, wie der Zweifel, den Du mir gegeben hast. Ich bin glücklich gewesen, in meinem Wahn glücklich gewesen, das danke ich Dir. Du kannst stolz seyn, es hat mich kein weibliches Geschöpf glücklich gemacht, als Du; Du kannst sehr stolz seyn, es wird mich keine wieder glücklich machen. Du bringst mich zu meiner alten Philosophie über die Weiber zurück, und noch sehr zu rechter Zeit. M...., Du hast nicht großmüthig, nicht redlich mit mir, nicht weise mit Dir selbst gehandelt. Warum hast Du mir nicht Wahrheit gesagt? Glaubst Du, daß ich Wahrheit scheue, auch wenn sie mich zu Boden schlägt? Ich merkte Deine Veränderung gleich mit den Feiertagen: ich lief herum voll Angst wie ein Gejagter. Von Dir kam kein Gruß, keine liebreiche Erkundigung, keine Nachfrage nach einem Briefe, deren ich wohl sieben geschrieben und zerrissen habe. Meine Seele war auf der Folter; endlich sagte mir Sch., das Verhältniß müsse abgebrochen werden, das wolltest Du; Du, die Du mir noch vor vierzehn Tagen die heiligsten Betheuerungen schicktest: Dein Vater habe Dir alle Hoffnung benommen, Dir mit seinem Fluche gedrohet. Von Allem dem war nichts wahr, wie ich aus Deines Vaters Briefe sehe. Welche Partie glaubst Du denn, daß ich nach meinem Charakter nehmen konnte, als Deinem Vater nun geradezu zu schreiben, da ich nach Deiner Botschaft annehmen mußte, er wisse schon Alles? Hättest Du mir die Wahrheit sagen lassen; ich hätte Dir mit einem kurzen Kampfe Alles zurückgeschickt. Du klagst über meinen Stolz, und nimmst Dir die Mühe, mich ganz zu demüthigen. Vielleicht gelingt es Dir, vielleicht nicht. Dein Vater will keine Briefe von mir annehmen, auch Deine Mutter nicht. Du vielleicht auch nicht. Das erniedrigt mich nicht; ich finde mein Betragen ziemlich konsequent, so konsequent man in meiner Gemüthsstimmung seyn kann. Was soll ich nun thun? Dein, Dein eigener Antrieb war es, zu brechen. Du hättest mir und Dir und Deinen Aeltern viele schmerzliche Gefühle ersparen können, wenn Du mit etwas mehr Ueberlegung gehandelt hättest. Es scheint, als ob Du Dir ein Vergnügen gemacht hättest, meine Empfindungen zu einer solchen Höhe zu winden, um mich dann mein Nichts fühlen zu lassen. Es ist Dir ganz gelungen. Das Mädchen, das noch kurz vorher an meinem Nacken hing, und mich um meine Treue bat, hat nun nicht einmal den Muth, zu sagen, daß es mich liebt. Ich bin zur Galanterie zu ernst, und Du hast Dich geirrt, wenn Du mich unter diese Rubrike gebracht hast. Wir haben einander, wie es scheint, Beide nicht gekannt; und dürfen also einander keine Beschuldigungen machen. Daß ich Deine Ruhe gestört habe, vergieb mir; daß Du mir so schöne Hoffnungen geschaffen und vernichtet hast, daß durch Dich mein Friede zu Grunde gegangen ist, das will ich Dir vergeben, meine Blödsinnigkeit anklagen, und Dich zu den ganz gewöhnlichen Mädchen rechnen. Wenn ich das nur könnte, M...., ich wäre noch glücklich genug. Mein Ernst hat Dir nicht gefallen; um ihn zu heilen, hast Du Bitterkeit hineingegossen. Deinen Aeltern rechne ich nichts an; sie handeln nach ihrem Begriff der Pflicht: aber wie Du nach Deinem Begriff der Pflicht handelst, kann ich nicht einsehen. Du warst weder gegen Deinen Vater, noch gegen mich, wie Du solltest. Die Gründe, welche Dein Vater gegen mich anführt, sind alle gültig genug, da Du ihnen Gewicht giebst: ein einziger hat mich mehr als alle getroffen, er heißt die Wankelmüthigkeit des Weibes. Dein Vater läßt Dir Gerechtigkeit wiederfahren. M...., Du hättest redlicher mit mir seyn sollen. Ich bin nicht der Mann, der das weiche Herz eines Mädchens mißbraucht; ich fordere Dich auf, die Wahrheit zu sagen. Bin ich nicht offenherzig mit Dir gewesen? Habe ich Deine Empfindungen bestochen? Meine ganze Seele hängt noch an Dir, und wird sich ewig nicht loswinden können. Wenn Du meiner unwerth wärest, würde ich über Dich weinen und trauern. Sage mir nur offenherzig Deine Wünsche, und traue mir Großmuth genug zu, sie alle zu befriedigen, und wenn es mein Leben kostete. Wider meine Ehrlichkeit kannst Du nichts fordern. Deine Briefe solltest Du längst wieder haben, wenn sie Dein Vater nicht verlangte. Bekommen soll er sie nicht; aber lesen soll er sie, wenn er darauf dringt, zu seiner Beruhigung und Deiner Rechtfertigung. Hast Du etwas geschrieben, was Du zu gestehen Dich schämest? Dich zu schämen Ursache hast? Mädchen, dann sind wir Beide zu beklagen, Dein Vater und ich; und Du am mehrsten. Dann sollen sie zur Tilgung alles Mißtrauens vor seinen Augen vernichtet werden. Wenn ich auch das Angesicht Deines Vaters scheue, will ich mich doch vor ihm nicht schämen. Ich bin gewohnt, mir Achtung zu erzwingen, wenn ich mir auch keine Gewogenheit erwerbe. Ich kann mir vorstellen, wie viel Nachtheiliges man Dir auf meine Kosten vorsagen wird; wenn Du das so geradezu ohne Sichtung glaubst, so habe ich jede Empfindung meines Herzens umsonst verschwendet. Ich bedaure Dich bei allem meinem Schmerz noch weit mehr, als mich selbst: denn ich werde höchst wahrscheinlich zeitlebens Dir zum Vorwurf herumlaufen. Mein Betragen wird Deine Strafe seyn. Ich versichere Dich, Liebe, ich werde Dich nicht aus meiner Seele verlieren. Ich habe mit keinem Mädchen in einer nähern Verbindung gestanden; Du bist das einzige, das sich ganz in meinem Herzen festgesetzt hat. Gehe hin, wo Du willst; ich werde Dich mit zu Grabe nehmen. Du hörst vielleicht nach dreißig Jahren von mir noch den nämlichen Ton, wenn Du Dich meiner gelegentlich erinnerst. M...., ich bitte Dich um Gotteswillen, bei dem Glücke, das Du noch hoffst, sei Deiner werth; ich kann nichts Schlimmes von Deinem Herzen glauben. Sei Deines Vaters Freundin, wenn Du nicht meine Geliebte mehr bist. Wenn mein Kuß Dich nicht edler gemacht hat, bin ich ein Verworfener, oder Du ein Geschöpf ohne Sinn. Thue nichts, nichts heimlich: was ich that, geschah Deinetwegen; sonst trete ich immer in’s Licht. Meinetwegen zeige auch diesen Brief Deinen Aeltern; ich werde ihnen gelegentlich nicht bergen, daß ich ihn geschrieben.

Erlaube mir noch einmal, mich in die süße Täuschung der Harmonie unserer Herzen zu setzen. Du hast ein schönes Werk zerstört, Liebe; das hättest Du nicht thun sollen, oder nicht sollen bauen helfen. Du fragst, was ich denke? und nicht, was ich fühle? Ich bin unendlich traurig; und von welcher Art meine Empfindungen sind, magst Du in Zukunft von meinem Gesichte lesen. Ich bin vielleicht nie wieder so glücklich, eine Sylbe mit Dir zu sprechen; aber mein Herz wird Dich begleiten, denn ich bin unveränderlich.

Seume.

An Herrn ***.

Mein Herr!

Wir kennen einander nicht; aber die Unterschrift wird Ihnen sagen, daß wir einander nicht ganz fremd sind. Meine ehemaligen Verhältnisse zu Ihrer Frau können, dürfen und müssen Ihnen nicht unbekannt seyn. Sie würden vielleicht nicht übel gethan haben, meine Bekanntschaft früher gemacht zu haben; ich störe Niemandes Glück. Ob Madam *** gegen mich ganz gut gehandelt hat, kann ich nicht entscheiden, eben so wenig als Sie; da wir Beide nicht gleichgültig sind. Ich vergebe ihr gern und wünsche ihr Glück; es war ja nie etwas anders der Wunsch meines Herzens. Einige meiner Freunde wollen mir Glück wünschen, daß die Sache so gekommen ist; sie überzeugen fast meinen Kopf, aber mein Herz blutet bei der Ueberzeugung. Da Sie mich nicht kennen, dürfen Sie über mich nicht urtheilen. Ich bin weder Antinous, noch Aesop, und Mademoiselle *** muß doch vorzüglich den ehrlichen, guten Mann zu sehen geglaubt haben, als sie mir sehr theuere Versicherungen gab. Doch stille davon! Es geziemt mir nicht, mich zu rechtfertigen, und noch weniger, Andere anzuklagen. Was die Leidenschaft that, hat — die Leidenschaft gethan. Ich bin nicht Ihr Freund, das leiden die Verhältnisse nicht: da ich aber ein ehrlicher Mann bin, ist es für Sie so gut, als ob ich es wäre. Sie selbst, mein Herr, haben bei der Sache als ein junger, nicht ganz ernsthafter Mann gehandelt. Ich wünsche Ihnen Glück; Sie haben das nöthig. Ihre Frau ist gut, ich habe sie tief beobachtet, und ich würde nicht im Stande gewesen seyn, mein Herz an eine Unwürdige zu verlieren. Daß zwischen uns nichts Strafbares vorgefallen ist, dafür muß Ihnen mein Charakter und meine jetzige Handelsweise bürgen. Sie hat Fehler: sie kann hassen, verzeiht nicht leicht, und ist leichtsinnig. Sie haben also keinen leichten Gang mit ihr. Sie müssen ihr manchen Fehler vergeben und selbst keinen begehen. Es ist mir daran gelegen, daß Sie Beide glücklich sind: das wird Ihnen begreiflich seyn, wenn Sie etwas vom Herzen des Menschen wissen und mich nicht für einen ganz gewöhnlichen Menschen halten. Ich werde höchst wahrscheinlich unterrichtet seyn, wie Sie leben, so weit man im Allgemeinen unterrichtet seyn kann: denn ich bin in B., wo ich oft war, nicht ganz Fremdling: Ich kann nun einmal nicht wieder gleichgültig werden, das hätte Madam *** ehemals glauben und ihre Maßregeln zur Zeit nehmen sollen. Das Schrecklichste würde mir seyn, wenn Sie je eine Ehe nach der Mode führen sollten. Ich bitte Sie bei Ihrem Glück und bei dem Rest von meiner Ruhe, noch mehr aber bei dem Glück der Person, die uns theuer seyn muß, nie — nie leichtsinnig zu seyn. Sie sind Mann; von Ihnen hängt Alles ab. Wenn M.... je von ihrem Charakter sinken könnte, ich würde den meinigen fürchterlich rächen. Verzeihen Sie und halten das nicht für Impertinenz. Sie müssen Zeiten und Menschen kennen. Furcht giebt Sicherheit. Ich werde Ihre Frau mit meinem Willen nie wieder sehen. Wenn Sie selbst Ihre Pflichten immer erfüllen, so führen sie ihr immer in einer ernsthaften Stunde mein Andenken wieder zu. Es kann ihr heilsam werden, und soll Ihnen nicht schaden. In meiner Seele kann in diesen Verhältnissen nur Liebe oder Verachtung wohnen; ich kenne mich; die erste kann nur mit dem Stufenjahre Freundschaft werden, und der Himmel bewahre Sie und mich vor der zweiten: ihr Vorbote würde schrecklich seyn.

Ich kann aus der Seele des Weibes herauslesen, was Madam *** jetzt über oder auch wohl wider mich sagen wird, und ich wünsche aufrichtig, daß sie nie mit Reue an mich zu denken Ursache habe. Es ist Ihr eigenes, großes Interesse, mein Herr, dafür mit beständiger Aufmerksamkeit zu sorgen (hier fehlt ein Stück von der sehr zerknitterten Handschrift) — — gewöhnliches Weib; nur — — Unglück, wenn sie — — wäre.

Höchst wahrscheinlich kann ich Ihnen nie einen Dienst leisten, so wenig als Sie mir bei meiner Denkungsart. Sollten Sie aber je glauben, daß ich es könnte, so hätte ich in mir Ursache genug, es mit Vergnügen und Eifer zu thun.

Ich erwarte weder Antwort, noch Dank; sehen Sie nur das, was ich so kalt als möglich sagte, mit meiner Seele oder nur mit gehöriger Gleichmuth an, und Sie werden Alles sehr natürlich finden.

Ich versichere Sie herzlich meiner völligen Achtung, und es muß Ihnen daran gelegen seyn, sie zu verdienen. Leben Sie wohl und glücklich! Auch dieser Wunsch geht ganz von Herzen, ob er gleich mit etwas mehr Wehmuth geschieht, als der Mann fühlen sollte.

Grimma.

Seume.

[15] Mein erster Gang war Schnorr aufzusuchen &c.

Ja auch mir thut es heute noch leid! —! Ich dachte so oft an meinen Freund, allein ich erwartete seine baldige Ankunft in Paris durchaus nicht. Hätte ich nur die leiseste Ahnung davon gehabt, ich würde mich gern auf’s möglichste eingeschränkt haben, so sehr auch mich der kleine Rest meiner Baarschaft an die Rückkehr in mein Vaterland mahnte.

[16] Man hat mir zu Hause wohl manches Kompliment über meine Sprache gemacht &c.

S. sprach sehr gut Deutsch und hatte etwas von dem Dialekte der gebildeten Lievländer, der bekanntlich einer der angenehmsten ist. Auch war sein Vortrag so gut und so bündig, daß man ihn stets hätte nachschreiben können.

[17] In Weimar freute ich mich &c.

Vom Vater Wieland sprach S. stets mit einer reinen, kindlichen Verehrung. Wenn ich des Abends meinen kranken Freund besuchte, und es war wieder einmal ein Brief von Weimar angekommen, so erheiterte ihn stets ein sehr wohlthätiges Interesse für den ganzen Abend.

[18] Aber mit einem Philister macht bekanntlich ein preußischer Officier nicht viel Umstände &c.

Guter Seume, Du bist todt, und die alte Klage ist noch oft gehört worden. Es wäre traurig, wenn es nicht Ausnahmen gäbe, die sich von selbst verstehen. Unter diese für die Erinnerung so wohlthätigen gehörten auch jener preußische Oberste mit seinem Hauptmanne, welche wir auf den Ruinen in Tharand trafen. Wie freundlich redeten sie uns an, — und wir waren eben nicht prächtig gekleidet — und mit welchem Ausdruck von Achtung behandelten sie Dich, verewigter Freund, als sie mit Diskretion nach unsern Namen gefragt hatten.

Diese Herren waren auch preußische Officiere; aber gebildete und kenntnißvolle Männer!

Wie wahr unser Seume auch damals in einem langen, interessanten Gespräch mit diesen Männern das Kommende prophezeihte, und wie sehr alles dieses denselben einleuchtete, dessen erinnere ich mich noch mit dem lebhaftesten Gefühl.

Unser guter, redlicher S. war in so mancher Hinsicht zu beklagen; aber am meisten schmerzte ihn, daß er sich mußte die letzten Jahre ernähren lassen. Er äußerte dann und wann nur wenige Worte gegen mich; aber auch die wenigen Worte waren hinreichend, seine schmerzhaften Gefühle zu erkennen zu geben. Noch ein großes Glück war es für ihn, daß er seine Unterstützung aus den Händen achtungswürdiger Menschen erhielt! Ruhe sanft, redlicher Mann! jedes Andenken ist ein Segen Deiner Asche geweiht!