Hier las ich in meinem sechzehnten Jahre den ersten Roman, und zwar den Siegwart, den mir mein Vetter Hahn, ein weißenfelser Gymnasiast, semmelwarm aus der dortigen Presse zuschickte, und zwar alle drei Bände auf einmal. Diese fertigte ich in einer Nacht ab mit ungeheuerm Heißhunger. Die erste Wirkung war auf die Phantasie gewaltig; als ich aber prüfte, fand ich schon damals alles zu sehr Spielwerk und Tändelei der Einbildungskraft, die des Menschen bessere Zeit ohne Nutzen in Beschlag nimmt. Nur das Wirkliche fing an mich zu interessiren. Warum sollen wir mit solchen leeren Dichtungen ins Blaue hinaus greifen? Ohne mich auf den Werth dieser Dichtungsart einzulassen, kehrte ich von der Konfektnäscherei immer sogleich zu der ächt nährenden gediegenen Diät der Geschichte zurück. Auch Werther, der damals erschien, fiel mir sogleich in die Hände; und ich muß bekennen, er spielte dem jungen Kopfe gewaltig mit; desto mehr, da alles dort der Geschichte so gleich ist, und vielleicht meistens Geschichte ist. Da aber meine Seele noch ohne Leidenschaft aller Art war, außer dem allgemeinen Enthusiasmus für das Große, Gute und hohe Schöne, so verflog die Wirkung bald wieder, da ich die Katastrophe nicht in den Annalen der Geschichte verknüpft wiederfinden konnte. Nun hätte man glauben sollen, ich habe mit vieler Anstrengung Geschichte studirt. Das war aber auch nicht der Fall. Das Studiren war mir Bedürfniß, und war dieses gestillt, so pflegte ich fast unwillkührlich lange Zeit das Gelesene zu ruminiren, bis ich wohl zuweilen in das sogenannte selige far niente, den behaglichen, halb dunkeln, ziemlich reinen, bloßen Existenzgenuß zurück sank, der vorzüglich der Kindheit eigen ist. Lange hielt ich natürlich diesen nicht aus, und der Geist schritt zu etwas anderem.
Meine Seele hat von der frühen Kindheit an unbestimmt sehr an der Natur gehangen; dieß ward nun zur Neigung. Das Einfachste war mir immer das Liebste; ein gutes Butterbrot und reines Wasser mein bester Genuß. Ich erinnere mich darüber eines drolligen Auftritts. Mein Vater nahm mich einmal mit nach Leipzig; ich mochte ungefähr ein Bube von sieben Jahren seyn. Er traf einen alten Bekannten, und beide wurden einig ein Frühstück in einem Italiänerkeller zu nehmen. Da ich nicht Lust hatte mitzugehen und er mich nicht nöthigen wollte, wies er mir eine Peripherie an, aus welcher ich nicht kommen sollte, und den Eckstein, an welchem man nach einer Viertelstunde mich wieder treffen würde, und gab mir einige Groschen, sie auf dem Markte nach meinem Belieben zu verzehren. Als er zurückkam, hatte sich noch ein Bekannter angeschlossen. „Nun, hast du auch ordentlich gefrühstückt, Junge?“ fragte er mich. „Ja, Vater.“ „Wie hast du denn dein Geld angewendet?“ „Ich habe mir eine Semmel gekauft, und Rüben dazu.“ „Was für Rüben?“ fragten sie neugierig. „Solche weiße Rüben, wie sie hier haben;“ antwortete ich, indem ich hin auf die Gärtner zeigte. Alle lachten laut. Für wie viel denn? „Für zwei Groschen.“ „Junge, bist du toll? Für zwei Groschen weiße Rüben? Für einen Dreier bekommst du ja draußen auf dem Dorfe so viel, daß sich sechs Fuhrknechte satt essen können.“ „Wo denn?“ „Draußen überall.“ „Ich habe nichts gesehen.“ „Kannst du nicht warten, bis sie groß sind?“ „Warten, ja warten;“ sagte ich und kratzte mich hinter dem Ohre. Es war noch früh im Jahr; ich hätte wenigstens noch einige Monate auf mein Lieblingsgericht warten müssen. Man lachte immer fort über den Dreier für die Semmel und die zwei Groschen für weiße Rüben dazu. „Ei so laßt doch den Jungen zufrieden,“ sagte der alte Verwandte; „es ist doch wohl besser, als wenn er Pfeffernüßchen und Zuckerbrot gekauft hätte.“ Ich war bloß dem Instinkt und der Neigung gefolgt; aber als man vernünftig darüber nachdachte, trat man denn doch auf meine Seite. Der nämliche Alte war auch mein Advokat gegen den Kaffee, der mir sehr zuwider war. Die ganze Familie trank ihn zum Frühstück; ich sollte also auch. „Wir werden dem jungen Herrn ein Süppchen apart kochen,“ sagte meine Mutter, und wollte mich zur allgemeinen Kaffeepartie nöthigen. „Ei so laßt ihn doch zufrieden,“ sagte der Alte; „es wird ihm vielleicht einmal recht lieb seyn, wenn er sich nicht an die verdammte Lorke gewöhnt hat.“ Meine Mutter glaubte, Butterbrot und kaltes Wasser zum Frühstück ohne etwas Warmes würde mir übel bekommen; da sie aber das Gegentheil sah, ließ sie mich ruhig meinen Weg gehen. An dem Brunnen waschen und trinken war also die nämliche Partie: übrigens lief ich meistens allein in allen Dickichten herum, und kein Aelsternest war mir zu hoch, ich mußte hinauf. Das setzte ich denn etwas verändert in Borna und Leipzig fort. Ich trank durchaus weder Wein noch Bier, bekümmerte mich nichts um Backwerk und feinere Gerichte; aber die schönsten Kirschen und Pflaumen wurden immer reichlich gekauft, sie mochten noch so theuer seyn: und mein Aufwand darin ging für meine Umstände zuweilen fast bis zur Verschwendung. Jetzt verband ich meine Streifereien mit meinen Studien. Man sahe mich seltener auf öffentlichen Promenaden; sondern ich lag in irgend einem Dickicht oder dem versteckten Winkel einer Wiese, und las ohne weitere Wahl, was mir in die Hände gefallen war; selten Romane, fast eben so selten Gedichte im Deutschen; aber desto mehr ausgesuchte Stellen aus den Römern und Griechen. Es freute mich besonders nun bei den letzten die Schwierigkeiten überwunden zu haben und mit Leichtigkeit vorwärts zu gehen. Die eklektischen Sprüche der Alten verdrängten immer mehr die biblischen: doch hinderte das nicht die Wirkung, die auch hier und da ein tief aus der Seele gegriffenes und in die Seele gesprochenes Wort eines Hagiographen that.
In dieser Periode gab ich dem jetzigen Professor Höpfner in den Anfangsgründen der hebräischen Sprache Stunde: und wir haben nachher manchmal darüber gelacht, nachdem mir der Schüler als Herausgeber des Golius so gewaltig zu Kopfe gewachsen war. Zuweilen setzt mirs wohl der Eitelkeitsteufel in den Sinn, daß er meiner guten Unterrichtsmethode im Anfange den schnellen Fortgang nachher verdanke.
Die gegenseitige Unzufriedenheit zwischen mir und dem Rektor stieg immer höher. Ich ging durchaus nicht seinen Weg; und er wollte mich den meinigen nicht gehen lassen. Moralische Fehler, außer etwas Geiz, habe ich an dem Manne nicht wahrgenommen; aber desto mehr Grillen und psychologisch-pädagogische Irrthümer und Schwachheiten. Ueberdieß machte mir mein Stubenfreund, Herr Korbinsky, ein Schüler Fischers, und ein gewaltiger Purist, dessen lateinischen Styl verdächtig: und man weiß, was eine Sünde hierin bei einem Schulrektor für ein Piakulum ist. Herr Korbinsky hätte wohl besser gethan, mir darüber keine Sylbe zu sagen: zumal da die Sache ihre Richtigkeit hatte. Man weiß, daß Quisquilien die Welt mehr hudeln, als Sachen vom größten Belang.
Um diese Zeit war ein sächsisches Lager bei Schönau, an der Straße nach Weißenfels. Nichts kitzelt einen jungen Menschen mehr, als militärische Unternehmungen, wenn auch nur im Schattenriß, zu sehen, wo der menschliche Erfindungsgeist und die menschliche Kraft vereint mit furchtbarer Anstrengung für moralische, politische oder physische Existenz kämpfen. Einen Nachmittag hatte ich Erlaubniß erhalten hinaus zu gehen, zu schauen. Ich hatte einen Verwandten im Lager, steckte meinen Julius Cäsar zu mir, um doch auch etwas Militärisches an mir zu haben, und wandelte auf und davon. Im Lager traf ich, ich weiß nicht wo, den Grafen Hohenthal, der mir seinen Beifall über meine Neugierde zeigte und nichts gegen meinen Wunsch hatte, die Nacht hier zu bleiben, und das Manöver des folgenden Tags zu sehen. Diese Erlaubniß, oder Quasierlaubniß, denn eigentlich mußte sie vom Rektor kommen, dehnte ich auf zwei Nächte aus, und war in einer ganz neuen Welt, an die bisher meine Phantasie nur wenig gedacht hatte. Ich hatte damals schon mathematischen Sinn genug, mich um den glänzenden blitzenden Donnereinbruch der Reiterei weniger zu bekümmern, obgleich mein Vetter Dragoner war, und meine ganze Aufmerksamkeit auf die Behandlung und Bewegung des Geschützes und den Marsch, vorzüglich der Grenadierbataillone, zu richten. Das mucrone res agitur, ubi ad triarios rediit schwebte mir bei jeder Gelegenheit aus den Alten vor: und so verschieden auch unser Kriegssystem von dem ihrigen ist, hierin kommt es ganz gewiß mit demselben überein, wie die ganze Geschichte aller Feldzüge lehrt. Ohne eben Neigung zum Soldatenstande zu haben, las und studirte ich doch schon unwillkührlich solche Bücher, wo der Riesenkampf der menschlichen Natur hell und lebhaft geschildert war: und das fand ich mehr bei den Alten, als bei den Neuern, und finde es noch. Als ich nach Hause kam, runzelte der Rektor die Stirne und beutelte das Maul mehr als gewöhnlich, sagte aber sehr wenig, und es schien, als ob er mich als einen Refraktarium aufgegeben hätte. Da ich mein Unrecht fühlte, suchte ich durch Fleiß gut zu machen; da aber dieser Fleiß doch nicht über seinen Stock geschlagen war, konnte ich damit nichts gewinnen. Ich erhielt um die nämliche Zeit ein Schulstipendium von zehen Thalern. „Wir haben zwar Talente und sind nicht müssig,“ sagte er mir beim Aufzahlen; „aber unsere Sitten haben diese Belohnung kaum verdient.“ Nun machte er Miene, das Sümmchen wieder einzustreichen und es mir zu vier und vier Groschen gelegentlich für die kleinen Bedürfnisse zuzustellen, als ich ihm sagte, der Graf, mein Wohlthäter, wolle mir dieses Geld als Aufmunterung zur eigenen Verwendung überlassen, und für das Uebrige Sorge tragen. Das schien er nicht zu billigen, wollte aber doch nichts dagegen haben. Ich erhielt das Geld; und da das für mich eine ungeheuere Summe war, dünkte ich mir damit wenigstens ein Krösus zu sein. Vor allen Dingen wurde Obst gekauft, dann Bücher, hier und da einem Armen reichlicher mitgetheilt; dann ging es zum ersten Male in die Komödie. Man kann denken, wie lange und wie weit ich reichte. Meine Mutter brauchte damals nichts und wollte durchaus nichts als eine Kleinigkeit nehmen, um meine Gutmüthigkeit nicht zu beleidigen, wie sie sich ausdrückte. Da sie von meinen Bedürfnissen wenig verstand, so konnte sie über meine Verwendung bestimmt weder Billigung noch Mißbilligung äußern. Man denke, wie ich kaufte, ich glaube vom jetzigen Professor Schäfer, der mein Schulnachbar war, eine Geschichte oder Geographie, in neunzehn Bänden, ich weiß nicht von welchem alten Knaster, für einen Speciesthaler. Schäfer war froh, daß er das Schweinsleder los wurde, um Platz zu bekommen; und doch studirte ich in den Schwarten so ungeheuer, um die Lücken auszufüllen, daß ich wirklich glaube, ich habe daraus mehr gelernt, als aus manchem langen Kollegio von viel Zeit und für viel Geld. Als ich anfing das Buch taxiren zu lernen, schaffte ich es mit wenig Verlust und viel Gewinn wieder fort.
Das erste Theaterstück, das ich sahe, war Ariadne auf Naxos von Benda, die damals neu war. Der bekannte mythologische Text rührte mich wenig; aber desto mehr die allgewaltige Magie der Musik, verbunden mit der schönen Darstellung und der mir ganz neuen zauberähnlichen Maschinerie. Das letzte verschwand bald; aber die Wirkung der Musik blieb und ist geblieben: und noch jetzt kenne ich in der ganzen Peripherie meiner musikalischen Literatur nichts Lieblicheres als Benda’s Morgenröthe und nichts Malerischeres als seinen Sonnenaufgang in diesem Stücke. Noch jetzt, wenn es mir bei musikalischen Freunden recht heimisch gemüthlich ist, pflege ich zum höchsten Genuß eines seligen Viertelstündchens mit dem Notenbuche in der Hand zu kommen: „Kinder, bringt mir die Morgenröthe und laßt mir die Sonne aufgehen!“ und nach dem Vortrage und der Aufnahme dieser Stellen die Seelen zu beurtheilen. Die Theaterneigung bemächtigte sich bald meiner bis zur Epidemie; vorzüglich als ich zur Akademie überging.
Der letzte Vorfall, der wahrscheinlich meine Entfernung von der Schule bestimmte, war folgender. Wir lasen Xenophons Denkwürdigkeiten, ich mochte wohl etwas zerstreut gewesen seyn, der Rektor war wegen einer andern Veranlassung schon aufgebracht und heftig; er wendete sich unversehens und kurz zu mir und verlangte die grammatische Auflösung eines schweren Wortes: ich machte sie; er schien schon in der Uebereilung zu seyn und fuhr mich hart epanorthotisch an: „Man ist nie, wo man seyn soll; es ist der Infinitiv in diesem und diesem Tempus.“ Es war freilich augenscheinlich der Infinitiv; über das Tempus war Differenz. Er fuhr im Hermeneutisiren fort, ich setzte mich, brummte ungläubig und suchte meine alte Grammatik aus dem Winkel hervor, wo ich denn fand, daß ich Recht hatte. Das zeigte ich höchst wahrscheinlich selbstgefällig genug meinem Nachbar: „Was hat man schon wieder?“ stürzte der Rektor auf mich zu. „Herr Rektor,“ erwiederte ich ganz gelassen, „ich wollte mich bloß überzeugen, daß ich Recht hatte.“ Das brachte den Mann ganz aus seiner Fassung, er stürmte und wüthete und wollte mich ins Carcer führen lassen. „Herr Rektor, bedenken Sie,“ sagte ich ganz ruhig, „es könnte einige Folgen haben.“ Er überlas die Periode noch einmal, besann sich, und ließ mich ohne Antwort sitzen. Die ganze Klasse war stutzig. Ich wollte heut noch die Stelle im Buche wieder finden. Nach der Stunde ließ er mich rufen, stellte mir etwas gelinde meine widerspenstige Sinnesart vor und gab mit einigen philosophischen Apophthegmen seinen Irrthum zu. Die Neckerei und das halbe Subordinationswesen war mir höchlich zuwider; ich kam förmlich mit der Bitte beim Grafen ein, mich noch einige Zeit nach Grimma oder Pforte zu schicken: hier würde ich nunmehr meine Zeit ohne großen Nutzen zubringen. Man war Anfangs mit meiner Unzufriedenheit eher unzufrieden, mochte aber doch bei näherer Nachfrage finden, daß ich so ganz Unrecht nicht hatte, und beschloß eine Aenderung zu machen. Auch wenn ich nicht Recht gehabt hätte, wie das vielleicht hier und da der Fall war, forderte es die richtige, psychologische Pädagogik, meinen Wünschen nachzugeben und es auf eine andere Weise mit mir zu versuchen. Außer etwas Chorgesang in den öffentlichen Stunden hatte man mich weiter keine Musik treiben lassen, und ich sahe daraus, daß man es mit mir nicht auf die Schulmeisterei anlegte. Ohne eben damit unzufrieden zu sein, bedauerte ich doch im Stillen, daß ich eine so ganz unmusikalische Seele bleiben sollte; zumal da ich glaubte und noch glaube, daß in meinem Geiste sehr viel sehr schöne eigenthümliche Musik zu wecken gewesen wäre. Ich selbst konnte den zweckmäßigen Unterricht nicht erschwingen. Ich gerathe bei lebendigen tief gegriffenen und tief eindringenden einfach großen Stellen in die größte Rührung, wie das bei Mozart und Haydn und Händel und Bach und einigen andern oft der Fall ist; und eine lange bloß künstliche Tonverstrickung läßt mich unbeschäftigt und leer.
Man schickte mich zu Morus und Wolf in die Prüfung. Der erste ist nachher immer mein guter väterlicher Lehrer geblieben, und ward sodann mein Freund bis an seinen Tod; es wäre unnöthig, hier seinen moralischen und wissenschaftlichen Werth zu preisen. Von dem zweiten der ein vortrefflicher Lateiner als Ernesti’s Schüler war, hielt mich die strenge ascetische Orthodoxie des Mannes mehr entfernt. Was sie meinen Kenntnissen für ein Zeugniß gaben, weiß ich nicht, ich erhielt es versiegelt; es kann aber nicht ungünstig gewesen seyn: denn statt mich noch auf eine Schule zu schicken, wurde ich sogleich auf die Universität gethan. Und so war ich denn in einer Zeit von ungefähr drei Jahren ein wilder unwissender Landjunge, ein gänzlicher Analphabete, und Leipziger Student; das ging freilich ein wenig rasch. „Alles recht gut,“ sagte mir der wackere Forbiger, als ich Abschied nahm, „nur etwas zu früh!“ ein Urtheil, das ich selbst gern unterschrieb. Martini entließ mich mit Kälte und Würde, ohne jetzt weitere Empfindlichkeit zu äußern. Korbinsky blieb mein Stubenkamerad und Studienleiter, ohne weitere Verbindlichkeit auf beiden Seiten. Ich danke der Gesellschaft dieses Mannes manche bessere Einsichten in die Alten und manchen guten Wink, den ich nachher benutzte. Er starb zu früh als Prediger in Waldheim, ich fürchte als Opfer des unmäßigen Tabakrauchens bei seiner schwachen Brust: er wäre gewiß ein ausgezeichneter Orientalist geworden.
Nun tummelte ich mich in der Freiheit herum, und brauchte sie zwar nicht ganz weise, aber doch so, daß man es eben nicht Mißbrauch nennen konnte. Ich hatte nachzuholen, das fühlte ich, und that es redlich und gewissenhaft: nicht eben durch viele Kollegien, sondern durch eigenen sehr hartnäckigen Fleiß. Vorher hatte ich die Alten nur fragmentarisch gelesen; jetzt fing ich an, sie strenge ganz durchzugehen. Da ich nicht Philolog zu werden gedachte, bekümmerte ich mich weniger um das Partikelwesen und die Sprachnüancen: das kommt nach und nach unmerklich von selbst; sondern es beschäftigten mich die Sachen und die Sprache nur, insofern sie zur Sache gehörte und recht schön war. Ueber die Griechen hörte ich weniger; und doch that ich in denselben mehr und war lebendiger in ihnen als in den Lateinern, weil mich ihr Geist besser ansprach. Oft pflegte ich und pflege noch jetzt halb im Scherz halb im Ernste zu sagen: Was ich Gutes an und in mir habe, verdanke ich meiner Mutter und dem Griechischen. Die dicken Ausgaben mit einem Sumpfe von Noten waren mir als Zeitverderber verhaßt: und meine Meinung, wer mit gehörigen Sprachkenntnissen noch eine große Erklärung einer Horazischen Ode braucht, für den hat Horaz gar nicht geschrieben. Die schönsten Stellen sind immer die einfachsten; und es ward mein ästhetisches Glaubensbekenntniß: Wer nicht in wenig Worten ein rührendes Gedicht, in wenig Strichen eine schöne Zeichnung und in wenig Takten eine vielwirkende Musik hervorbringe, sei nie der Liebling der Musen gewesen. So fiel mir damals das dickbeleibte Buch, Fischers Anakreon, in die Hände, wo des Dichters Grazien in einem Oceane von Notenkrämerei zu Grunde zu gehen in Gefahr sind. Man findet nichts; und doch lockt die Neugier alle Augenblicke nachzusehen. Könnte ich Anakreon nicht besser genießen, als durch Fischer, ich ließe sie beide, den alten und den neuen Griechen, bei den Käseweibern liegen. Deßwegen verkenne ich Fischers große Verdienste um Literatur und Pädagogik gar nicht. Ich genieße vielleicht, ohne es zu wissen, manches, was die Frucht seiner trockenen schweren Arbeit war.
Von den Kollegien, deren ich mich aus dieser Periode mit vorzüglichem Vergnügen erinnere, waren Morus Vorlesungen über die Annalen des Tacitus unstreitig das erste. Er war ein Muster von Exegeten in jeder Rücksicht, ausgenommen vielleicht in der Theologie, wo er mit ängstlicher Ehrlichkeit zu sehr an der vorgeschriebenen Formel hing: und so wacker der Mann als Theologe war, hat nach meiner Ueberzeugung die Theologie an ihm doch nicht so viel gewonnen als die Philologie verloren. Ein sehr gewöhnlicher Mißgriff auf den meisten Universitäten, der auf der Einrichtung beruht! Morus überschüttete uns nicht mit einer Sündfluth philologischer Quisquilien, sondern machte seine Bemerkungen kurz, bündig und gediegen, wie sein Autor den Text; er las nicht für Knaben, und war nicht Schuld, wenn er nicht verstanden wurde. Seine Uebersetzung war ein durchdachtes Meisterstück; ich habe nie eine bessere gelesen: dazu wurde sie noch durch einen selbst tiefgefühlten Vortrag und einen Ausdruck großer Herzlichkeit gehoben.
Das Griechische des neuen Testaments wollte mir nach dem Honig der attischen Biene nicht schmecken. Die Barbarismen, Solöcismen und das halb morgenländische Wesen, wovon es voll ist, stießen mich immer zurück: und es gehörte der schöne begeisterte Enthusiasmus Jesu und die liebenswürdige Moral seiner Lehre durch seine Schüler dazu, um mir es wieder in die Hände zu geben. Des Hebräischen hörte ich bei Dathe sehr viel und sehr fleißig; und ich erinnere mich, daß ich damals Dutzende Psalmen und ganze Kapitel aus den andern Büchern auswendig wußte. Es war bloß Bedürfniß des Wissens, und um nicht hinter den andern zurückzubleiben. Und doch hätte mir das Hebräisch bald einen übeln Handel zugezogen. Ich wohnte bei einem Bäcker, wo Mutter und Tochter, ganz angenehme Stückchen Erbsünde fast immer in ihren offenen Laden Gesellschaft von jungen Leuten, bei sich sahen, die bei ihnen ihr Frühstück hielten. Ich war bis in mein vier und zwanzigstes Jahr ziemlich düster und grämelnd und bekümmerte mich wenig um das Geschlecht. Mein Aufzug war meinen Umständen angemessen und wohl weder glänzend noch zierlich; ich hatte damals einen großen schweren hebräischen Kodex, ich glaube von van der Hoogt, an dem ich hin und her schwitzte. Ein Edelmann aus Thüringen, der wohl auch einmal vor einer hebräischen Schule vorbei gelaufen sein mochte, glaubte, er habe das Privilegium, den jungen Theologaster zu hänseln, und rief mir beim Durchgehen Mosheh veh Kalephedan (eine Regel aus der Grammatik) zu. Einmal und zweimal litt ich das ruhig, das dritte Mal kehrte ich mich um und sagte ihm, was zu sagen war. Er antwortete nicht artig, ich erwiederte nicht sanft, und meinte, die Sache sei ohne Worte gehörig zu schlichten; er mußte zufrieden seyn, und ich war im Begriff den Degen zu holen, um ihm zu folgen: da stürzten die Damen, Mutter und Tochter, als Vermittlerinnen herbei, und ließen nicht eher nach, bis sie die hebräischen Streithähne mit gehörigen Gründen aus einander gebracht hatten. Von nun an ließ mich der Baron ruhig fürbaß ziehen; das hätte er auch vorher thun können und sollen.
Jedermann, der mich so Hebräisch treiben sah, mußte glauben, ich würde wenigstens der zweite Michaelis werden, oder gar ein neues eigenes morgenländisches Licht; es dauerte aber nicht lange: und seit der Zeit habe ich diesen Artikel so ganz vergessen, daß ich kaum mehr weiß, was Schwa und Mappik und Kal und Hithpael ist: denn ich glaube, ich habe seit 1780 kaum wieder eine hebräische Zeile gelesen.
Ich hatte zur Unterhaltung meines Leibes monatlich fünf Thaler. Es war damals zwar beträchtlich wohlfeiler als jetzt; doch kann man bedenken, daß ich mit dieser Summe nicht sehr ins weite greifen oder sybaritisiren konnte. Aber ich hatte auch keine Bedürffnisse, die ich damit nicht hätte befriedigen können, außer der verdammten Theaterepidemie, die sich meiner damals in einem hohen Grade bemächtigt hatte. Ich weiß, daß ich damals monatlich gegen vier Thaler ins Theater getragen habe: man denke sich nun dabei meine Kost. Mehrere Tage aß ich trockene Dreilinge, um nur einige Lieblingsstücke zu hören und vorzüglich Reineke’s Vortrag zu genießen. Als ich diesen Mann das erste Mal sahe, gab er die unbedeutendste Rolle von der Welt, einen Bedienten, der einen Brief zu bringen und kaum sechs Worte zu sprechen hatte. Seine ersten Schritte zeigten, wer er war und jedes Wort gab ihm seinen Rang. Ich, obgleich damals noch ziemlich Idiot, ärgerte mich über den Mißgriff der Direktion und setzte ihn sogleich bei mir als den ersten Mann der Gesellschaft nieder. Er hatte bloß einmal gemächlich ausruhen wollen, und ich sahe ihn einige Tage nachher in seiner bessern Sphäre. Es gewährt mir noch immer einen hohen Genuß in der Erinnerung, diesen Liebling der Natur und der Muse gesehen zu haben. Es konnte von ihm gelten, was Hamlet von seinem Vater sagte: das ist ein Mann! Die deutsche Bühne hat allerdings Künstler von größerem Verdienst, aber wohl schwerlich von größerem Werth. Seine letzte Rolle schwebt noch lebendig vor meiner Seele. Er gab Hamlets Geist, und sein „Schwört, Schwört auf sein Schwert!“ war ein ganzes Stück werth. Seit der Zeit habe ich immer und überall kaum Hamlets Gespenst, nie seinen Geist wieder gesehen.
Um diese Zeit fielen mir die Engländer Shaftsbury und Bolingbroke in die Hände, oder vielmehr ich ihnen; man kann sich die Wirkung denken. Die Kirchenformel und meine ehemalige ächt orthodoxe Exegese hielten mich nur noch an sehr schwachen Fäden. Mein Stubengeselle Korbinsky hatte einige Freunde, mit denen er dann und wann etwas freimüthig über die Wolfenbüttler Fragmente sprach. Einige Artikel aus dem Bayle hatte ich auch schon gelesen. Alles dieses half meinen eigenen skeptischen Ideengang ordnen, oder mich verderben, wie meine orthodoxen Freunde meinten. Es war zum Durchbruch gekommen; nur wagte ich nicht, etwas laut werden zu lassen. Ich glaubte nur, was ich begriff; und ich begriff von den Kirchendogmen nur sehr wenige. Magister Schmidt, der Mittelsmann zwischen mir und dem Grafen und mein wirklich väterlicher Freund, aber ein heftiger Kirchenorthodox, hatte, ich weiß nicht wie, doch etwas erfahren, und nahm mich nach seiner Weise sehr warm vor. Der Klagepunkte waren viele, vorzüglich folgende, so viel ich mich erinnere: Ich wäre nicht ordentlich in die Kirche gegangen, und meistens nur zu Zollikofer; ich hätte mich oft gebadet; ich hätte über einige Dogmen frei und profan gesprochen. Wegen dieser Ruchlosigkeiten sahe mich nun der gute Mann schon leibhaft in der Hölle brennen. Das Theater wurde nicht berührt; und das wäre doch wohl das schlimmste gewesen weil es mich so viel Geld kostete, das ich nicht hatte. Ich läugnete nicht und vertheidigte mich nicht; denn die Vertheidigung hätte zu Erörterungen geführt, die noch schlimmer gewesen wären. Er goß eine bitter epanorthotische Lauge über mich aus, die ich zwar ärgerlich, aber doch geduldig abtriefen ließ. Vorzüglich drohete er mit dem Grafen, der bei dieser meiner verkehrten Sinnesart seine Hand von mir abziehen würde. Diese letzte Bemerkung war unpsychologisch, und wirkte gerade das Gegentheil von dem was sie wirken sollte. Sie machte mich stolz, statt mich demüthig zu machen. Ich nahm das alles mit Stillschweigen hin, ohne Besserung zu versprechen, an die ich gar nicht denken konnte. Meine Mutter wurde gar nicht erwähnt; und doch wäre diese das wirksamste Argument gewesen. Worin hätte ich mich ändern können ohne den bessern Sinn zu verläugnen? Wen von unsern theuern Kirchenlehrern hätte ich statt Zollikofers hören sollen? Das Bad im Flusse hielt ich für diätetisch gut, und, mit Bescheidenheit gebraucht, nicht für unanständig. Daß ich frei über kirchliche Artikel sollte gesprochen haben, ist wohl möglich; aber gewiß nicht profan, ausgenommen in so fern frei und profan eins ist: denn mir ist jeder Volksglaube heilig, der einem ehrlichen Manne Beruhigung gewährt, und sollte er der Philosophie noch so empfindliche Nasenstüber geben. Wer einem leidenden Wanderer seinen alten Mantel nimmt, unter dem Vorwande, er sei übel gemacht und durchlöchert, ist ein Unmensch auf alle Weise. Ich fordere alle auf, mit denen ich jemals in nähere Berührung gekommen bin, ob ich irgend über etwas gespottet habe, das einem andern ehrwürdig und heilig war.
Kurz darauf besänftigte ich den zelotischen Mann ohne Mühe durch die Bitte mir eine Predigt zu erlauben, indem ich ihm zugleich das Manuscript zur Durchsicht überreichte. Er blätterte nur wenig darin und gab es mir mit der Gewährung der Bitte und der Bemerkung vertraulich zurück, schon das Motto gebe ihm die Versicherung, er dürfe sich auf meine Bescheidenheit verlassen. Es stand darüber, glaube ich, aus dem Quinctilian: „Pectus est quod facit disertos.“ Ich hielt den Vortrag in Rehbach und Knauthayn mit Beifall, und meine Ketzerei schien vergessen zu seyn. Desto tiefer und fester saß sie aber bei mir. Es versteht sich, daß man in der Predigt nicht die leiseste Spur davon fand. Ich weiß nicht mehr, wovon ich sprach; aber es war ein reines Thema der reinen allgemeinen Moral, wo der Mensch mit seiner bessern Natur durch sich selbst in Anspruch genommen wird. Man konnte ihr, wie Zollikofers Vorträgen, nur den Vorwurf machen, daß sie auch für Juden, Türken und Heiden passe. Uebrigens maße ich mir nicht an, daß die Rede viel von den Vorzügen der Zollikoferschen gehabt habe.
Es fing nun an furchtbar in mir zu gähren. Ich begriff, daß ich als ehrlicher Mann nicht auf dem Wege fortwandeln konnte. Mit jeder neuen Forschung entstand ein neuer Zweifel, und die Mystik fing an mir verhaßt zu werden, da ich sie so oft Hand in Hand mit weltlicher Klugheit gehen sahe. Ich verehrte die Bibel und versagte dem moralischen Theil derselben den Eingang in meine Seele nicht. Ich verehrte Moses, Christum, aber nach meiner Weise und nicht nach dem System. Heuchelei war mir unerträglich; ich sagte immer nur, was ich dachte, ob ich gleich nicht alles sagte, was ich dachte. Das heilige Palladium der Menschennatur sind die Gedanken unter der Aegide der Vernunft, und es wird hoffentlich niemals jemand gelingen es zu zerreißen.
Meine Lage war sehr prekär und hing von der zufälligen Ueberzeugung Anderer ab. Es war natürlich, daß endlich der Graf alles erfahren mußte; und das schlimmste war, nicht so lebendig, wie es in meinem Innern lag. Ohne seine Unterstützung konnte ich nicht in den Wissenschaften fort leben. Ich wollte der Katastrophe zuvor kommen, zog mich in mich selbst zurück und faßte den Entschluß, auf allen Fall meine eigene Kraft zu versuchen. Das konnte in Leipzig und überhaupt im Vaterlande nicht geschehen. Nach vielen Kämpfen, die mir allerdings wohl das Ansehen eines Melancholischen geben mochten, ging ich auf und davon, ohne einen fest bestimmten Vorsatz, wohin und wozu. Ich nahm mein Monatsgeld, verkaufte einige Bücher, die etwas Werth hatten, und nach Abzahlung meiner kleinen Schulden, die ich nothwendig haben mußte, blieben mir ungefähr neun Thaler. Mit diesen dachte ich schon nach Paris zu kommen und mich umzusehen, was da für mich zu thun sei. Von dort aus — wer sieht nicht gern zuvor Paris? — dachte ich nach Metz in die Artillerieschule, da ich eben damals angefangen hatte, etwas ernsthaft Französisch und Mathematik zu treiben. Das Uebrige überließ ich billig dem Schicksal.
Das Traurigste war der qualvolle Gedanke an meine Mutter; und ich muß bekennen, daß ich mir alle obwohl vergebliche Mühe gab ihn zu unterdrücken, da ich die Unmöglichkeit sahe meine Sinnesart zu ändern und die Unmöglichkeit bei dieser Sinnesart als ehrlicher Mann hier zu bleiben. Sie war zwar keine Zelotin und würde mich nicht sogleich verdammt haben; doch würde ihr ruhiges Wesen es widersprechend gefunden haben, daß Ein Kopf sich nicht bei dem beruhigen könne, wobei sich so viele Hunderttausende ehrsam beruhigen. Auf alle Fälle würde ihr meine Lage, wenn ich geblieben wäre, fast eben so schmerzlich gewesen seyn als meine Entfernung. Ich ging also nach Berichtigung meiner Schulden fort, ohne irgend jemand eine Sylbe gesagt zu haben. Den Degen an der Seite, einige Hemden auf dem Leibe und im Reisesacke und einige Klassiker in der Tasche, marschirte ich zwar ganz rüstig und leicht, aber nichts weniger als ruhig durch die Dörfer nach Dürrenberg, setzte dort über die Saale, ging über das Schlachtfeld bei Roßbach und blieb die erste Nacht in einem kleinen Dorfe bei Freyburg, das, glaube ich, Zeugefeld hieß. Hier schrieb ich in meiner Verlassenheit und mit schwerem Gefühl Abends eine gar rührende Elegie über meinen Zustand. Sie gehört zu den Heiligthümern meiner Seele; Niemand hat sie gesehen und sie hat sich bald aus meinem Taschenbuche verloren, so wie meine Stimmung sich erheiterte und einen etwas stoischen Takt erhielt. Den zweiten Abend blieb ich in einem Dorfe vor Erfurt, wo man mich mit vieler Theilnahme sehr gut, sehr wohlfeil bewirthete, und mich schonend merken ließ, ich hätte wohl jemand mit dem Instrumente da, man wies auf den Degen, etwas übel behandelt und müsse das Weite suchen. Ich widersprach zwar; aber man schien doch so etwas zu glauben. In Erörterungen mochte ich mich nicht einlassen, und ihre Meinung that mir weiter keinen Schaden. Den dritten Abend übernachtete ich in Bach, und hier übernahm trotz allem Protest der Landgraf von Kassel, der damalige große Menschenmäkler, durch seine Werber die Besorgung meiner ferneren Nachtquartiere nach Ziegenhayn, Kassel, und weiter nach der neuen Welt.
Ich erfuhr nachher, daß meine Entfernung in Leipzig einiges Aufsehen gemacht hatte, ob ich gleich fast immer für mich und eingezogen wie ein Klosterbruder gelebt hatte. Man hatte ungefähr vierzehn Tage vorher eine ungewöhnliche Stille und Schwermüthigkeit an mir bemerkt; sehr natürlich: man machte also den voreiligen Schluß, ich habe mich ganz aus dem Leben hinaus begeben. Vorzüglich war ein alter Graf Ysenburg, der gewöhnlich bei dem Grafen Hohenthal lebte und mich mit vieler Güte immer mit Zwieback gefüttert hatte, sehr beschäftigt, den eigentlichen Zusammenhang der Sache ausfindig zu machen. Der alte Herr ließ sich keine Mühe verdrießen und stieg Treppe auf und Treppe ab, wo er Nachricht von mir zu haben hoffte. Man erfuhr nichts von einem Duell, konnte sonst nichts Ungebührliches gegen mich aufbringen; meine kleinen Schulden waren, und zwar den Tag vorher, alle bezahlt. Es war natürlich, an eine Mädchengeschichte zu denken, und man nannte die Tochter eines ehrsamen Handwerkers, mit welcher ich in Vertraulichkeit sollte gelebt haben. Es war bestimmt eine Lüge; denn die Anmuthung zum Geschlecht ist bei mir sehr späte gekommen. Der alte Graf ging wirklich zu dem Handwerksmanne, dessen Namen ich gar nicht erfahren habe, und trug seine Gedanken so schonend als möglich vor: aber der alte heißköpfige Spießbürger nahm die Eröffnung sehr übel auf und gerieth in Versuchung, den unbefugten Nachforscher zur Ehre seiner Tochter handgreiflich die Treppe hinab zu befördern. Es blieb also den guten Leuten nichts übrig als zu glauben, der Melancholikus habe sich ein Leid angethan. In dieser Vermuthung ließ man mich sogar in die Zeitung setzen; ich habe das Blatt viele Jahre nachher selbst gesehen. Daß ich meine Schulden vorher bezahlt hatte, schien mit ein starkes Argument gegen meinen Verstand zu seyn: ein gräßlicher Gedanke über die Immoralität unserer Jugend!
Als der Graf durch meine Briefe aus Hessen die Geschichte, aber freilich nicht den Grund derselben erfuhr, schien er es für eine gewöhnliche Albernheit zu halten und mich für einen Menschen zu nehmen, den man seinem guten oder bösen Genius überlassen müsse. Ich hatte im Allgemeinen nur Drang die Welt zu sehen vorgeschützt, und nur wenige Hindeutungen auf mein inneres Ich angegeben. Wozu sollten Erörterungen und Auseinandersetzungen führen, die Niemanden frommen konnten? Die Herren würden gedacht haben: contra principia negantem non est disputandum. Also war ich eine Prise des Schicksals, und mußte nun werden, wozu ich an der Hand desselben mich selbst machte.
Man brachte mich als Halbarrestanten nach der Festung Ziegenhayn, wo der Jammergefährten aus allen Gegenden schon viele lagen, um mit dem nächsten Frühjahr nach Fawcets Besichtigung nach Amerika zu gehen. Ich ergab mich in mein Schicksal, und suchte das Beste daraus zu machen, so schlecht es auch war. Wir lagen lange in Ziegenhayn, ehe die gehörige Anzahl der Rekruten vom Pfluge und dem Heerwege und aus den Werbestädten zusammen gebracht wurde. Die Geschichte und Periode ist bekannt genug: niemand war damals vor den Handlangern des Seelenverkäufers sicher; Ueberredung, List, Betrug, Gewalt, alles galt. Man fragte nicht nach den Mitteln zu dem verdammlichen Zwecke. Fremde aller Art wurden angehalten, eingesteckt, fortgeschickt. Mir zerriß man meine akademische Inscription, als das einzige Instrument meiner Legitimirung. Am Ende ärgerte ich mich weiter nicht; leben muß man überall: wo so viele durchkommen, wirst du auch: über den Ocean zu schwimmen war für einen jungen Kerl einladend genug; und zu sehen gab es jenseits auch etwas. So dachte ich. Während unsers Aufenthalts in Ziegenhayn brauchte mich der alte General Gore zum Schreiben und behandelte mich mit vieler Freundlichkeit. Hier war denn ein wahres Quodlibet von Menschenseelen zusammengeschichtet, gute und schlechte, und andere die abwechselnd beides waren. Meine Kameraden waren noch ein verlaufener Musensohn aus Jena, ein banquerotter Kaufmann aus Wien, ein Posamentierer aus Hannover, ein abgesetzter Postschreiber aus Gotha, ein Mönch aus Würzburg, ein Oberamtmann aus Meinungen, ein Preußischer Husarenwachmeister, ein kassirter Hessischer Major von der Festung und andere von ähnlichem Stempel. Man kann denken, daß es an Unterhaltung nicht fehlen konnte; und nur eine Skizze von dem Leben der Herren müßte eine unterhaltende lehrreiche Lektüre seyn. Da es den meisten gegangen war wie mir, oder noch schlimmer, entspann sich bald ein großes Komplott zu unser aller Befreiung. Man hatte so viel gutes Zutrauen zu meinen Einsichten und meinen Muth, daß man mir Leitung und Kommando mit uneingeschränkter Vollmacht übertrug; und ich ging bei mir zu Rathe und war nicht übel Willens, den Ehrenposten anzunehmen und die funfzehnhundert Mann auf die Freiheit zu führen und sie dann in Ehren zu entlassen, einen jeden seinen Weg. Außer dem glänzenden Antrage kitzelte mich vorzüglich, dem Ehrenmanne von Landgrafen für seine Seelenschacherei einen Streich zu spielen, an den er denken würde, weil er verteufelt viel kostete. Als ich so ziemlich entschlossen war, kam ein alter Preußischer Feldwebel zu mir sehr vertraulich. „Junger Mensch,“ sagte er, „Sie eilen in Ihr Verderben unvermeidlich, wenn Sie den Antrag annehmen. Selten geht eine solche Unternehmung glücklich durch; der Zufälle sie scheitern zu machen sind zu viele. Glauben sie mir altem Manne; ich bin leider bei dergleichen Gelegenheiten schon mehr gewesen. Sie scheinen gut und rechtschaffen; und ich liebe Sie, wie ein Vater. Lassen Sie meinen Rath etwas gelten! Wenn die Sache glücklich durchgeht, werden wir nicht die letzten seyn, davon Vortheil zu ziehen.“ Ich überlegte, was mir der alte Kriegsmann gesagt hatte, und unterdrückte den kleinen Ehrgeiz, entschuldigte mich mit meiner Jugend und Unerfahrenheit und ließ die Sache vorwärts gehen. Der Kanonier-Feldwebel hatte Recht; es wurde alles verrathen: ein Schneider aus Göttingen, der ein Stimmchen sang, wie eine Nachtigall, erkaufte sich durch die Schurkerei eine Unteroffizierstelle bei der Garde, und da man ihn dort gehörig würdigte und er des Lebens nicht mehr sicher war, die Freiheit und eine Hand voll Dukaten. Ich erinnere mich der Sache noch recht lebhaft. Alle Anstalten zum Ausbruch waren getroffen. Wir lagen in verschiedenen Quartiren, in den Kasernen, dem Schlosse und einem alten Rittersaale. Man wollte um Mitternacht auf ein Zeichen ausziehen, der Wache stürmend die Gewehre wegnehmen, was sich widersetzte niederstechen, das Zeughaus erbrechen, die Kanonen vernageln, das Gouvernementshaus verriegeln und zum Thore hinaus marschiren. In drei Stunden wären wir in Freiheit gewesen; Leute, die Weg wußten, waren genug dabei. Als wir aber den Tag vorher abtheilungsweise auf den Exercirplatz kamen, fanden wir statt der gewöhnlichen zwanzig Mann deren über hundert, Kanonen auf den Flügeln mit Kanonieren, die brennende Lunten hatten, und Kartetschen in der Ferne liegend. Jeder merkte was die Glocke geschlagen hatte. Der General kam und hielt eine wahre Galgenpredigt. „Am Thore sind mehr Kanonen,“ rief er, „wollt Ihr nicht gehen?“ Die Adjutanten kamen und verlasen zum Arrest, Hans, Peter, Michel, Görge, Kunz. Meine Personalität war eine der ersten: denn daß der verlaufene Student nicht dabei seyn sollte, kam den Herren gar nicht wahrscheinlich vor. Da aber niemand etwas auf mich bringen konnte, wurde ich, und vermuthlich noch mehr der Menge wegen, bald los gelassen. Der Prozeß ging an; zwei wurden zum Galgen verurtheilt, worunter ich unfehlbar gewesen seyn würde, hätte mich nicht der alte Preußische Feldwebel gerettet. Die übrigen mußten in großer Anzahl Gassen laufen, von sechs und dreißig Malen herab bis zu zwölfen. Es war eine grelle Fleischerei. Die Galgenkandidaten erhielten zwar nach der Todesangst unter dem Instrument Gnade, mußten aber sechs und dreißig Mal Gassen laufen und kamen auf Gnade des Fürsten nach Kassel in die Eisen. Auf unbestimmte Zeit und auf Gnade in die Eisen, waren damals gleichbedeutende Ausdrücke und hießen so viel, als ewig ohne Erlösung. Wenigstens war die Gnade des Fürsten ein Fall, von dem Niemand etwas wissen wollte. Mehr als dreißig wurden auf diese Weise grausam gezüchtiget; und Viele, unter denen auch ich war, kamen bloß deßwegen durch, weil der Mitwisser eine zu große Menge hätten bestraft werden müssen. Einige kamen bei dem Abmarsch wieder los, aus Gründen, die sich leicht errathen lassen: denn ein Kerl, der in Kassel in den Eisen geht, wird von den Engländern nicht bezahlt.
Endlich ging es von Ziegenhayn nach Kassel, wo uns der alte Betelkauer in höchst eigenen Augenschein nahm, keine Sylbe sagte und uns über die Schiffbrücke der Fulda, die steinerne war damals noch nicht gebauet, nach Hannöverisch-Minden spedirte. Unser Zug glich so ziemlich Gefangenen: denn wir waren unbewaffnet, und die bewehrten Stiefletten-Dragoner und Gardisten und Jäger hielten mit fertiger Ladung Reihe und Glied fein hübsch in Ordnung. Ich genoß, trotz der allgemeinen Mißstimmung, doch die schöne Gegend zwischen den Bergen am Zusammenfluß der Werra und der Fulda, die dort die Weser bilden, mit zunehmender Heiterkeit. Das Reisen macht froher, und unsere Gesellschaft war so bunt, daß das lebendige Quodlibet alle Augenblicke neue Unterhaltung gab. So ging es denn auf sogenannten Bremer Böcken den Strom hinab. Nicht weit von Hameln, glaube ich, machte man eine Absonderung der Preußen, die man nicht durch Preußisch-Minden bringen durfte, und ließ sie einen Marsch zu Lande machen, um das Preußische zu vermeiden. Da mir das zusammengedrückte eingepökelte Wesen auf den kleinen langen Fahrzeugen nicht sonderlich behagen wollte, meldete ich mich als Preußen beim Verlesen. Der Officier sahe in die Liste und sagte, „hier steht ja ein Sachse.“ „So?“ sagte ich; „nun so will ich ein Sachse bleiben.“ Er schwieg, ließ mich aber, nachdem alle verlesen waren, mit den Preußen aussteigen. Man stellte sich und es ging zu Lande weiter. Ich hatte damals die Gewohnheit, ein Buch zwischen Weste und Beinkleider unter den Gürtel zu stecken. Das Buch mochte diesmal etwas zu stark seyn und den Leib unförmlich machen. „Was Teufel, ist der Kerl schwanger?“ sagte ein Hauptmann Lesthen, der eben vor mir stand, und hob die Weste beim Flügel auf, und es wurde der Julius Cäsar zu Tage gefördert. „Was Henker, macht er denn mit dem Buche?“ fuhr er fort. „Ich lese darin;“ war meine Antwort. „Wo hat Er denn das Latein gelernt?“ „Das Latein pflegt man gewöhnlich in der Schule zu lernen.“ Er schüttelte den Kopf. Ich hatte in dem Buche eine Menge Randnoten aus dem Vegez, Frontin und andern Alten und Neuen, auch wohl von mir selbst niedergeschrieben. „Von wem sind denn die Bemerkungen hier?“ „Von mir; und vor mir von den angegebenen Herren.“ Er sah mich fest an und endigte mit dem spöttischen Abschied: „Er wird wohl einmal ein recht großer Mann werden.“ „Schwerlich,“ sagte ich; „das ist unter den Deutschen gar nicht wahrscheinlich: aber wenigstens will ich nicht Schuld seyn, daß es nicht wird.“ Nun ging es fort; und ich las, ohne eben weiter einen Zweck zu denken, in den Ruhestunden zuweilen nach meiner Weise einige Kapitel, aus bloßem Bedürfniß, mich besser zu beschäftigen, als ich in meinen Umgebungen sonst wohl konnte. Hier entspann sich in einem Nachtquartiere wieder ein Komplott und sollte der Kürze wegen, und da unsere Bedeckung nicht sehr stark war, sogleich ausgeführt werden: ich habe aber die Beschaffenheit desselben nicht recht erfahren können. Diese Rekrutenabtheilung bestand aus lauter Preußischen Landeskindern und Preußischen Deserteuren, die beständig vom alten Fritz und Seidlitz und Schwerin sprachen und sich nichts Kleines dünkten. Aber weiß der Himmel, wie es war laut geworden: der kommandirende Officier requirirte sogleich die ganze bewaffnete Bürgerschaft und die Bauern aus der Gegend, machte ächt militärisch Miene, uns in der alten Kirche, wo wir lagen, zusammen zu schießen; und es ging alles wieder ganz ruhig bis an die Weser auf die Bremer Böcke. Hier half mir meine stoische Genügsamkeit und meine Humanität einen Streich machen, der mir in meiner Sphäre zu keiner kleinen Ehre gereichte. Gewinnsucht und Leidenschaft regirt, wie bekannt, die Welt. Damit wir nicht verhungerten, hatte ein Entrepreneur, ein Marketender im Großen, für keine kleine Summe sich anheischig gemacht uns zu beköstigen. Man weiß, wie es geht. Wir wollten eben so viel als möglich essen, und er wollte so viel als möglich gewinnen, welches sich zusammen nicht wohl vertrug. Fast unsere ganze Löhnung ging auf die Menage; und der Klagen liefen bei dem Obersten von Hatzfeld, der den Transport kommandirte, viele ein. Der Mann hatte ein Gefühl für Recht und that was er konnte, den Speisewirth zur guten Behandlung zu nöthigen. Da Ermahnungen bei Gewinnsüchtigen gewöhnlich vergeblich sind, wurden wechselsweise von dem Transport nach den Schiffen Deputirte gewählt, die auf dem Kochschiffe nach dem Recht sehen sollten. Indeß es ging mit den Deputirten wie im englischen Parlament. Dort besticht man mit Guineen, Stellen und Pensionen; hier bestach man mit Wein, Schnaps und Kuchen: und so ging es denn, hier wie dort, nicht viel besser als vorher. Als die Reihe mein Schiff traf, wurde ich von der Rekrutenschaft einstimmig zum Deputirten erwählt. Auf dem Kochschiffe wollte man mich, wie gewöhnlich höflich mit dem Weinglase empfangen und mit Konfect in der Kajüte halten. Ich habe gefrühstückt, war mein Bescheid, und blieb bei den Kesseln stehen, um zu sehen, daß die gehörige Quantität Fleisch und Gemüse hinein kam. Als die Kähne kamen, um zu holen, drang ich darauf, daß die Menagekessel voll gegeben wurden. Wir werden nicht auskommen, sagte man. Wir werden wahrscheinlich auskommen, sagte ich, auf meine Gefahr: denn so viel hatte ich noch rechnen gelernt. Es blieb viel übrig, ich ließ zum zweitenmal holen und alle erhielten eine sehr gute Mahlzeit. Noch blieb viel übrig; doch nicht so viel, daß man noch einmal von vorn hätte anfangen können. Da kamen unsere Zwangswächter, die Dragoner, vom Ufer mit ihren Töpfen. Eine vorlaute schnippische Köchin wollte austheilen und von den armen Teufeln Weißpfennige dafür einnehmen. „Was soll das?“ rief ich: „das Essen ist unser, wir haben es bezahlt; die Leute müssen den Rest unentgeltlich haben.“ Das Liebchen ward böse, und ich ergriff im Amtseifer den Schöpflöffel und theilte aus bis auf den Boden, ohne einen Heller zu nehmen oder nehmen zu lassen. Die alten Kerle drückten mir freundlich die Hand. „Wir sehen leider deutlich genug,“ raunte mir einer zu, „wie Ihr betrogen werdet; können aber nicht helfen.“ Als die belobte Kesselprinzessin es noch einmal wagte, mich zu stören, schlug ich sie im Aerger so heftig mit der Schöpfkelle auf die Hand, daß sie laut schreiend und drohend zum Prinzipal in die Kajüte sprang. Da man mich aber so fest entschlossen sahe, unterstand man sich nicht mich weiter anzutasten. Ich bekam vom Ufer und von den Böcken eine Menge Dankadressen, mit der Versicherung, daß man noch nicht so gut und so reichlich gespeist habe: und diese Dankadressen hatten wohl wenigstens einen eben so guten Grund, als die im Parlamente. Man nehme es, wie man will, ich halte diesen Tag für einen der schönsten meines Lebens: und das Bewußtseyn macht mich stolz, daß ich als erster Volksdeputirter, trotz jeder Versuchung, Schmeichelei oder Drohung, mit eben der beharrlichen Entschlossenheit würde gehandelt haben. Die Sache lief unter den Officieren herum, und ein jeder machte seine Glossen darüber nach seiner Sinnesweise. Die Reihe Deputirter zu seyn kam nicht wieder an unsern Bock, also auch nicht wieder an mich.
So fuhren wir denn den ganzen Strom hinab von Minden bis zu Bremerlee, wo uns die englischen Transportschiffe erwarteten. In Minden auf der Wiese besichtigte uns der Mäkler Fawcet, und es gab von den Dragonerunterofficieren und Gardisten einige freundliche Rippenstöße, weil wir nicht laut und voll und sonorisch genug: Es lebe der König! schrien. Da ich als ein kleiner Kerl im Ranzengliede, das heißt im mittelsten, stand, entging ich den Puffen, ohne eine Sylbe zu sagen genöthigt zu seyn. Aber den Hut mußte ich wenigstens mit schwingen.
Es würde mir ein hoher Genuß gewesen seyn, an der Hand eines Freundes und Geschichtskenners die Partien der Weser von Korvey bis Bremen zu besehen, wo die Schönheiten der Natur durch den Gedanken der alten jetzt verlorenen Nationalehre magisch beleuchtet werden: aber damals war unsere Reise ein sklavisches dumpfes Hinstarren auf die Gegenden, wo ehemals Männer für ein besseres nicht so üppiges Vaterland kämpften. Von Varus bis zu Bonifaz herab schwebten mir dunkel die Scenen vor; Bonifaz, der mit heiliger Einfalt die heroische Tugend vertrieb und die feinergewebte Sklaverei spann, die uns zum Spielwerk Anderer gemacht hat. Von Bremen bis Bremerlee fuhren wir in andern Fahrzeugen, die schon See halten können, aber sich nicht weit von den Küsten entfernen. Unbekümmert legte ich mich Abends hin und schlief mitten auf dem Strome und war sehr verblüfft, als unsere ganz kleine Flotte des Morgens am Ufer ganz trocken da saß, und wartete bis die Fluth sie wieder empor hob: doch waren wir alle nicht halb so verblüfft, als bei der ähnlichen Erscheinung Alexanders Soldaten auf dem Indus.
In den englischen Transportschiffen wurden wir gedrückt, geschichtet und gepöckelt wie die Heringe. Den Platz zu sparen, hatte man keine Hangematten, sondern Verschläge in der Tabulatur des Verdecks, das schon niedrig genug war: und nun lagen noch zwei Schichten übereinander. Im Verdeck konnte ein ausgewachsener Mann nicht gerade stehen, und im Bettverschlage nicht gerade sitzen. Die Bettkasten waren für sechs und sechs Mann; man denke die Menage. Wenn viere darin lagen, waren sie voll; und die beiden letzten mußten hineingezwängt werden. Das war bei warmem Wetter nicht kalt: es war für einen Einzelnen gänzlich unmöglich sich umzuwenden und eben so unmöglich auf dem Rücken zu liegen. Die geradeste Richtung mit der schärfsten Kante war nöthig. Wenn wir so auf einer Seite gehörig geschwitzt und gebratet hatten, rief der rechte Flügelmann: „Umgewendet!“ und es wurde umgeschichtet: hatten wir nun auf der andern Seite quantum satis ausgehalten, rief das Nämliche der linke Flügelmann; und wir zwängten uns wieder in die vorherige Quetsche. Das war eine erbauliche vertrauliche Lage, ungefähr wie im hohen Paradiese, wenn auf der Bühne des Volks Lieblingsstück gegeben wurde.
Ich habe vor vielen vielen Jahren diese liebliche Fahrt als Ouvertüre meines Schriftstellerwesens in Archenholzen’s nun fast vergessenem Journal „Literatur- und Völkerkunde“ mitdrucken lassen, will aber hier, um den Faden nicht zu unterbrechen, das Wesentlichste wieder hersetzen. Daß das obengenannte Menschenragout die Unterhaltung unterhielt, wird man nicht zweifeln. Die Seele derselben war ein dort vergessener ehemaliger französischer Officier aus dem siebenjährigen Kriege, mit Namen Dechar, der seit der Zeit abwechselnd gemeiner Preußischer Dragoner und Füselir-Unterofficier und Sprachmeister und Fechtmeister, Unterofficier und polnischer Revolutions-Hauptmann gewesen war, abwechselnd Gassen gelaufen, unter dem Galgen gestanden und im Felde Kanonen genommen hatte, der in Frankfurt am Main und Kassel, Berlin und Warschau, Breslau und Jauer alle Winkel kannte, alles Gute und Schlechte wußte, wie ein Achill focht und wie Heliogabal fraß und soff, wie Aristarchus sprach und wie Epikurs Küchenjunge lebte. Das Leben dieses Abenteurers allein würde Stoff zu einem großen Gemälde geben. Der schlechteste, gelehrteste und traurigste Gesellschafter war der gute Exmönch aus Würzburg, von dessen entsetzlichem Ende ich hernach noch Einiges sagen will.
Es war mir doch ein sonderbares Gefühl, als ich den andern Morgen auf das Verdeck trat, und zum ersten Mal nichts als Himmel und Wasser um mich sah. Der Ocean wogte majestätisch, und die Schiffe tanzten magisch wie kleine Spielwerke auf der unbegränzten, ungeheuren Fläche: der Himmel war bewölkt und theilte dem Wasser seine tiefe ernsthafte Farbe mit. Ich war wirklich in einer andern Welt und fühlte mich abwechselnd größer und kleiner, nachdem eine erhabene oder bange Empfindung eben in der Seele herrschte. So war es, als unter meinem Fuße Gewitter rollten und furchtbar schöne Zauberwelten bildeten, neben mir die schwarzrothen Wolkensäulen des Aetna stürmten, und über mir die milden Sonnenstrahlen Wärme umhergossen und weithin die ganze große Insel mit ihrer Fabelwelt magisch färbten. Bald kam Sturm und mit ihm die Seekrankheit. Beide waren weiter nicht gefährlich, aber doch den Neulingen furchtbar genug. Fünfe von der sechsmännischen Menage waren krank; ich blieb leider allein gesund. Die Seekrankheit ist nichts als die Wirkung der ungewöhnlich heftigen Bewegung, der man nicht Einhalt thun kann. Man hat ähnliche Erscheinungen genug auf dem Lande. Reiten und Fahren, vorzüglich rücklings, Schaukeln, Karousseldrehen und ähnliche gymnastische Uebungen sind die besten Vorbereitungen zu Seereisen. Die nächsten Vorkehrungen sind, wenig essen und hart und kalt, und wenig trinken und kalt und säuerlich: also ist Wurst, Schinken und dergleichen und Limonade und Wein vielleicht die gemessenste Diät die ersten Tage zur See. Ich sage, ich blieb leider gesund; auch für mich leider! Die Seeluft giebt gewaltigen Appetit; die Schiffsportionen waren klein. Da Niemand aus der Menage essen konnte, hatte ich die Fülle zur Sättigung und konnte Vorrath von Zwieback sammeln, so daß ich wirklich eine ganze große Nachtmütze voll hatte. Bald kam einer und forderte seine Portion, dann der andere, dann der dritte, und so fort; in kurzer Zeit war ich auf mein eigenes kleines Kontingent gesetzt. Die Genesenen waren durch die Krankheit und das Fasten gehörig auf die beschränkte Portion vorbereitet; die Gesunden hingegen hatten eine sehr unangenehme Speisekapacität gewonnen. Bald war mein kleiner Vorrath aufgezehrt, und mein Magen war bei der ganzen Portion auf ein sehr unbehagliches Halbfasten reducirt. Hier sorgte denn zufällig die Muse für ihren Zögling. Ich saß auf dem Quarterdeck und las eben Horazens „Angustam, amici, pauperiem,“ als der dicke Steuermann mich sehr unfreundlich von der Bank schleudern wollte. Ich brummte meine Unzufriedenheit in meinem Bißchen Englisch, das ich von Rogler gelernt hatte, so gut ich konnte, und wollte hinunter in meinen Kasten schleichen, wo ich mich von Niemand hudeln ließ. Der Kapitän kam dazu, guckte mir in das Buch und hieß mich sitzen bleiben. Als er einige Anordnungen gemacht hatte, kam er zurück und fing eine Art von Unterhaltung mit mir an: „You read latin, my boy?“ — „Yes, Sir.“ — „And you understand it?“ — „I believe, I do.“ — „Very well; it is a very good diversion in the situation, you are in.“ — „So I find, Sir; indeed a gread consolation[1].“ So ging es denn freundlich und theilnehmend weiter. Er nahm mich mit in seine Kajüte und zeigte mir seine Reisebibliothek, die aus guten Engländern und einigen Klassikern bestand, und versprach mir, wenn ich die Bücher gut halten würde, mir zuweilen eins daraus zu leihen. Durch seine Freundschaft erhielt ich etwas mehr Freiheit auf dem Schiffe, zumal da ich etwas Vergnügen am Seewesen zeigte und in wenigen Tagen mir die Nomenklatur der Taue und Segel merkte und sehr flink und sicher oben in dem Mastwerke mit herum lief. Es war wieder das Bedürfniß der Thätigkeit, die mir allerhand kleine Vortheile schaffte und mich vorzüglich gesund erhielt. Da der Kapitän wohl merkte, daß die Schiffsportion meinem exemplarischen Appetit nicht zureichend war, ließ er mir großmüthig heimlich zuweilen eine Nachtmütze voll Zwieback und Rindfleisch zukommen, welches in der That im eigentlichsten Verstande ein sehr wohlthätiges Stipendium war.
[1] „Du liesest Latein, mein Sohn?“ — „Ja, Herr!“ — „Und verstehst es?“ — „Ich glaube.“ — „Sehr gut: das ist eine sehr gute Zerstreuung in Deiner Lage.“ — „Das finde ich auch, mein Herr! Es ist in der That ein großer Trost für mich.“
Die Kost war übrigens nicht sehr fein, so wie sie nicht sehr reichlich war. Heute Speck und Erbsen und morgen Erbsen und Speck; übermorgen pease and pork und sodann pork and pease: das war fast die ganze Runde. Zuweilen Grütze und Graupen, und zum Schmause Pudding, den wir aus muffigem Mehl halb mit Seewasser, halb mit süßem Wasser, und altem Schöpsenfett machen mußten. Der Speck mochte wohl vier oder fünf Jahr alt seyn, war von beiden Seiten am Rande schwarzstriefig, weiter hinein gelb, und hatte nur in der Mitte noch einen kleinen weißen Gang. Eben so war es mit dem gesalzenen Rindfleische, das wir in beliebter Kürze oft roh als Schinken aßen. In dem Schiffsbrote waren oft viele Würmer, die wir als Schmalz mitessen mußten, wenn wir nicht die schon kleine Portion noch mehr reduciren wollten: dabei war es so hart, daß wir nicht selten Kanonenkugeln brauchten, es nur aus dem gröbsten zu zerbrechen; und doch erlaubte uns der Hunger selten es einzuweichen; auch fehlte es oft an Wasser. Man sagte uns, und nicht ganz unwahrscheinlich, der Zwieback sei französisch; die Engländer haben ihn im siebenjährigen Kriege den Franzosen abgenommen, seit der Zeit habe er in Portsmouth im Magazine gelegen, und nun füttere man die Deutschen damit, um wieder die Franzosen unter Rochambeau und Lafayette, so Gott wolle, todt zu schlagen. Gott muß aber doch nicht recht gewollt haben. Das schwergeschwefelte Wasser lag in tiefer Verderbniß. Wenn ein Faß heraufgeschroten und aufgeschlagen wurde, roch es auf dem Verdeck wie Styx, Pflegethon und Kocytus zusammen: große fingerlange Fasern machten es fast konsistent; ohne es durch ein Tuch zu seigen war es nicht wohl trinkbar: und dann mußte man immer noch die Nase zuhalten, und dann schlug man sich doch noch, um nur die Jauche zu bekommen. An Filtriren war für die Menge nicht zu denken. Guten ehrlichen Landmenschen kommt dieses ohne Zweifel schrecklich vor: aber wer Feldzüge und Seefahrten mitgemacht hat, findet darin nichts ungewöhnliches. Rum wurde gegeben und zuweilen etwas Bier, welches dem Porter ähnlich war und bei den Matrosen strong beer hieß. Da ich den ersten nicht genießen konnte, tauschte ich ihn gegen das letzte aus, welches mir Wohlthat war. Zuweilen wurde mir auch eine Flasche Porter zugesteckt, da ich am Wein durchaus keinen Geschmack fand.
Stürme hatten wir oft, und einmal so stark, daß uns der Aufsatz des Vordermastes und die große Raa zerbrach. Die Thürmung der Wogen, das Heulen der Winde durch die Segel, das Schlagen und Klirren der Taue, das Donnern der Wellen an die Borde, das Geschrei und Lärmen des Schiffsvolks, der ganze furchtbar empörte Ocean, alles ist in dem Neuling schrecklich: aber bald wird man es gewohnt und schläft ruhig unter dem Kampfe der Elemente. Der sybaritische Amtmann am Rheine, der die Nachtigallen wegschießen ließ, weil sie ihn im Schlafe störten, könnte keine bessere Kur brauchen, als eine Reise über den Ocean — zumal in einem englischen Transportschiffe. Nichts giebt aber auch dem Sinn ein größeres Bild von der Kraft des menschlichen Geistes als das Regiment eines großen Schiffes. Man nehme eines aus der Linie. Man gebe ihm neunzig Kanonen; es ist noch keines von den ersten. Sie sind alle von dem größten Kaliber. Für jedes Stück habe man zweihundert Schüsse an Pulver und Kugeln: welcher Vorrath! Segel und Taue und Stangenwerk; vieles doppelt: eine Besatzung von tausend Mann, welche ungeheure Masse für ein Auge, das sie zusammen auf dem Lande sieht! Für diese Mannschaft Lebensmittel an Essen und Trinken für viele Monate. Dieses alles in einer einzigen Maschine beisammen, mit welcher die Wogen wie mit einem Federballe spielen: und dieses ungeheure Ganze führt der menschliche Geist stolz und ruhig durch empörte Elemente hin und her nach seiner Wahl. Kurio’s Theater, die sich mit halb Rom auf einem Schwerpunkt drehten, als ob sie der Weltbeherrscher spotteten, waren kaum eine größere Erscheinung.
Wir fuhren nicht durch den Kanal und die spanische See, weil damals noch die Franzosen und Spanier dort mit Flotten kreuzten und auf uns lauerten; sondern segelten um die Inseln nördlich an den Orkaden weg. Der Sturm trieb uns weit weit nordwärts: und der Sicherheit wegen gab man vielleicht mehr nach als nöthig war. Wir konnten muthmaßlich nicht weit von Grönland sein; wir froren tief im Sommer, daß wir zitterten Tag und Nacht. Alles ging schlecht genug: wir brachten über einer Fahrt, die sonst gewöhnlich nur vier Wochen dauert, zwei und zwanzig zu. Die Portionen wurden noch knapper an Brot und Fleisch und Wasser; und meine Bekanntschaft mit dem Kapitän war mir noch wohlthätiger. Krankheiten nahmen sehr überhand; doch starben von ungefähr fünfhundert Mann nur sieben und zwanzig, wenn ich nicht irre. Einige meiner nähern Bekannten waren darunter, und unter andern der Exmönch aus Würzburg. Er hatte für einen Mönch recht artige Kenntnisse, wußte viel Geschichte und Mathematik und sprach besser als gewöhnlich Latein. Er war vom Anfange an meine Zuflucht gewesen, wenn die Langeweile sich meiner zuweilen zu bemächtigen drohte: aber vom Anfange an zeigte er einen Mißmuth und eine Gleichgültigkeit gegen das Leben, die ich für nichts weniger als philosophisch hielt. Perfer et obdura war schon damals eines meiner Schibolete, und ich hielt es billig für entehrend, mich von gewöhnlichen Streichen des Schicksals niederschlagen zu lassen. In Ziegenhayn und auf dem Marsche hatte ich alle Mühe, den Kleinmüthigen aufrecht zu halten. Auf dem Flusse waren wir getrennt, und als wir auf dem Schiffe wieder zusammen kamen, hatte er so völlig Verzicht auf das Leben gethan, daß keine Kraft mehr zu wecken war. Das Kloster ist freilich keine Vorbereitung zum Felde. Es fehlte ihm nichts als Lebensmuth; aber Faulheit und Indolenz, die er wohl Resignation und Apathie nannte, hatten sich seiner in einem solchen Grade bemächtigt, daß er sich fast nicht mehr von der Stelle bewegte. Ein Faulthier war die Thätigkeit selbst gegen ihn. „Wenn ich auch über den Ocean komme,“ sagte er, „so geht dort drüben das Elend erst recht an. Noth und Mangel und Mühseligkeit ist die ganze Aussicht, bis uns ein Rifleman durch die Lunge schießt, oder ein Mohak skalpirt.“ Da hatte die Klosterseele freilich nicht ganz Unrecht; aber ein braver Kerl hält aus bis zuletzt: und es ist doch wohl der schändlichste Tod, aus reiner absoluter Faulheit zu sterben. Nur im Kloster kann eine solche Gedankenmißgeburt entstehen. Er blieb entschlossen, dem Elend nicht entgegen zu leben: und mir war es eine neue Erscheinung, von welcher mir keine Erfahrungsseelenkunde etwas gesagt hatte, daß man ohne alle weitere Krankheit und Veranlassung aus bloßer Indolenz sterben könne. Kein Arzt konnte die geringste Krankheitsanzeige finden, und er klagte über nichts, als über das jämmerliche Leben und die noch jämmerlichere Aussicht. Man prügelte ihn zur Bewegung, zum Luftschöpfen, zum Waschen, zum Essen sogar; ohne Prügel that er von allen dem nichts: nur Rum trank er noch ein wenig ungeprügelt. Endlich ward man das Prügeln überdrüssig und ließ ihn liegen: von dem Augenblicke an wurde nichts mehr gewaschen, gekämmt und gebürstet, und fast nichts mehr gegessen. Er lag in den Hinbrüten des Todes. So lange ich konnte, besuchte ich ihn in seinem Kasten neben den Aufgegebenen und versuchte noch, was Vernunft vermochte; endlich machte es mir die Selbsterhaltung zur Pflicht, mich zu entfernen. Nach dem Tode wollte das Klosterkadaver Niemand anrühren, welches sehr zu entschuldigen war. Man suchte die schmutzigsten Gesellen aus und gab ihnen zur Belohnung Rum, daß sie den Todten über Bord warfen. Ich hatte doch noch so viel Theilnahme oder Neugierde, man nenne es, wie man will, mich zu nähern und die Erscheinung zu sehen. Es war ein gräßliches Bild menschlichen Elends und menschlicher Verworfenheit, das ich, Gott sei Dank, bei aller meiner Erfahrung nie wieder gesehen habe. Einige Monate hatte sich der Mensch nicht rasirt und in seinem Unrath gelegen. Das Hemde, dessen Farbe man nicht mehr erkennen konnte, das Kopfhaar, der Bart und die Augenbraunen und Wimpern wimmelten von Insekten, als ob er an der Phthiriase gestorben wäre, welches doch bestimmt der Fall nicht war: denn vorher hielt er sich leidlich reinlich.
Einige Monate ist das Herumschwimmen auf dem Ocean, bei gehörigen Veränderungen, so lange die Erscheinungen neu sind, keine üble Parthie; zumal wenn man so in zahlreicher Gesellschaft segelt, wie wir. Unsere Flotte von Transportschiffen aller Art, begleitenden Kriegsschiffen und Kaufmannsfahrzeugen, die die Gelegenheit der Sicherheit benutzten, mochte sich wohl auf siebzig Segel belaufen: und der Abend und Morgen einer solchen schwimmenden Kolonie hat sein Angenehmes, wenn die See nicht zu hoch und zu still ist. Besonders hat das Geläute etwas traulich Heimisches und doch etwas sehr Feierliches auf der unermeßlichen Fläche, daß ich nicht selten zu einem sehr innigen Gebet gestimmt wurde. Was weder Vernunft noch Gefahr bewirken, bewirkt oft die magische Psychagogie der Töne durch das Gefühl.
Wenn ich nicht mit den Matrosen arbeitete, lag ich bei schönem Wetter mit dem Virgil oben im Mastkorbe und verglich unsern überstandenen Sturm mit dem seinigen, und fand ihn nie so lebendig wahr, als eben jetzt, wo ich an den vorigen dachte und den kommenden erwartete. Sein „Insequitur clamorque virum, stridorque rudentum“ ist einfach malerisch schön, daß es den ganzen Auftritt giebt. Das hat er selbst gefühlt, weil es mit wenigen Veränderungen in allen seinen Beschreibungen eines Seesturms wieder kommt. Wenn wir auch nicht wüßten, daß er zur See war, aus diesen Stellen würden wir es fast untrüglich schließen können; so wie ich aus seiner Beschreibung des Atlas schließe, daß er nie auf einem Berge erster Höhe war. Ob ich gleich viele Hülfsmittel der Beschäftigung in und außer mir hatte, die den Andern fehlten, so fing das Einerlei der Scenen doch endlich an mir lästig zu werden. Das Kabeliauangeln und das Einsalzen zu Laberdan auf einigen Bänken in der Nähe von Amerika gab einige Tage wieder gutes Essen und gute Unterhaltung. Ich erinnere mich, daß wir einmal so reichlich fingen, daß außer der Vertheilung eilf Tonnen in einem Nachmittage eingesalzen wurden. Keine Leber von irgend einem Thier zu Wasser und zu Lande ist mir feiner und schmackhafter vorgekommen, als die Leber vom Kabeliau; so wie der Fisch selbst, frisch zubereitet und genossen, einer der köstlichsten ist. Ich würde ihn gleich nach dem Sterled und Thunfisch setzen, und ihn dem Lachse vorziehen; zumal da er auch viel zarter und gesunder ist.
Endlich bekamen wir das Ufer von Akadien zu Gesichte und liefen unter ungemeinem Freudengeschrei in der Bucht von Hallifax ein. Hallifax ist unstreitig einer der besten Hafen am Ocean, vielleicht der beste, für eine unzählige Menge Schiffe; sicher gegen alle Stürme. Die Insel und das Fort St. George nebst einigen starken Landbatterien vertheidigen den Eingang: und es gehört schon eine ziemliche Menge dazu, ihn zu forciren. Seine Lage ist so, daß er mit Fleiß und Aufwand unbezwinglich gemacht werden kann, wenn man nur die Landseite zu vertheidigen im Stande ist.
Man brachte uns wahrscheinlich nach Hallifax, weil es in Neuyork und den andern Provinzen schon höchst mißlich mit den Royalisten stand, und man das Ausschiffen kaum wagen durfte. Der Tag der Ausschiffung war einer der schönsten und einer der schlimmsten. Zwei und zwanzig Wochen waren wir herumgeschwommen, ohne das geringste Land gesehen zu haben. Da wir keine brittischen Amphibienseelen waren, sehnte sich Alles ohne Ausnahme nach festem Fuße; zumal da der Scharbock empfindlich zu werden anfing. Es war ein Hungertag, da uns die Schiffe an das Land wiesen, und das Landkommissariat, zumal da das Ausschiffen sich sehr spät verzögerte, noch nicht geliefert hatte. Doch vergaß Jeder in der Freude gern die Forderung des Magens, wenn er nur den Boden begrüßen konnte. Ich erinnere mich dabei eines sehr wehmüthigen Auftritts. Ich war einer der Ersten am Lande, und hatte nebst einigen Andern eine kleine Quelle herrlichen Wassers am Ufer im Sande entdeckt. Lange hatten wir diese köstliche Erquickung entbehrt; wir tranken mit Wollust und großen Zügen. Schnell erscholl die Entdeckung und die Hungrigen und Durstigen stürzten in Haufen nach dem kleinen spiegelhellen Wasserschatze, drängten sich, stießen sich, Jeder wollte gierig der erste Theilnehmer sein: in dem Getümmel gerieth der Sand des abschüssigen Ufers in Unordnung, gab nach, und in einem Augenblicke war die ganze kleine herrliche Quelle versandet. Sie brauchte Stunden, um sich wieder zu läutern, und die Menge stand traurig um sie herum und betrachtete lechzend den Verlust.
Als ich vom Schiffskapitän Abschied nahm, drückte er mir mit herzlicher Freundlichkeit die Hand. „It is a pity, my boy,“ sagte er, „you do not stay with us; you would soon become a very good sailor.“ „Heartily I would,“ sagte ich, „but you see, it is impossible.“ „So it is,“ rief er, „god speed you well[2]!“ Mit einem dankbaren Wunsche für den menschenfreundlichen Mann stieg ich die Leiter hinab ins Boot und ruderte dem Ufer zu. Das Ufer um Hallifax her ist unfreundlich, ziemlich öde und unfruchtbar. Der Ort, der uns zum Lager angewiesen wurde, war abhängiger Felsenboden. Wir kamen spät ans Land, und ehe die Bedürfnisse herbeigeschafft wurden, ward es fast Nacht. Die Zelte kamen an und sollten aufgeschlagen werden. Man hatte mich zum Unterofficir ernannt; ich sollte also für das Aufschlagen sorgen. Nun hatte ich in meinem Leben nur ein einziges Lager ganz nahe gesehen und wußte von der Maschinerie eines Zeltes nicht einen Pfifferling. „Schlippe,“ sagte ich zu einem alten Preußischen Grenadir, der mir zugetheilt war, „Latein und Griechisch verstehe ich so ziemlich, aber wenig vom praktischem Militär; helfe Er mir durch, vielleicht kann ich wieder durchhelfen.“ Der alte Satyr lächelte, ergriff das Beil, nahm einige mit sich, that als ob er meine weisen Befehle ausführte und in einer Stunde stand unser Zelt, trotz den übrigen so gut da, als es der harte Boden erlauben wollte. Die Schwierigkeit war nicht klein, da die Zeltstangen und Zeltpflöcke erst aus dem Walde geholt und gehauen werden mußten. Die Nacht kam ein Sturm, wie ein Orkan, der unsrer Architektur weidlich spottete. Den folgenden Morgen standen vom ganzen Lager nicht zehn Zelte mehr fest; das unsrige stand nur halb; viele hatte der Wind in den Morast hinabgetrieben. Nun fingen wir an, etwas solider zu bauen, wozu uns auch die Kälte trieb; denn es war schon spät im Jahr und ein cimmerisches Wetter auf der verdammten Landzunge.
[2] „Es thut mir leid, mein Sohn, daß Du nicht bei uns bleibst. Du würdest bald ein guter Seemann geworden seyn?“ — „Herzlich gern wollt’ ich’s; aber Sie sehen, das es unmöglich ist.“ — „Das ist es, Gott sei mit Dir!“
Da man den Transport nicht zu den Regimentern bringen konnte, wurden wir in ein Bataillon von fünf Kompagnieen formirt und sollten für uns Dienste thun. Das ging toll genug; der Oberste Hatzfeld that sein Möglichstes, das Gesindel in Ordnung zu bringen. Fast die Hälfte waren gediente Leute; das machte die Sache etwas leichter: nur waren, wie natürlich, die besten Soldaten fast immer die liederlichsten Kerle. Ich als Unterofficir sollte nun den Exercirmeister machen und wußte selbst noch blutwenig. „Schlippe,“ sagte ich wieder, „Er sieht wohl, daß es mit mir noch etwas hapert. Wir wollen täglich eine Stunde in den Wald gehen, als obs zur Jagd wäre: da ist Er wohl so gut, mir einige Handgriffe gründlicher zu zeigen, als ich sie bis jetzt gefaßt habe.“ Der alte Satyr lächelte, und meinte: „es würde schon gehen; zur Noth auch ohne ihn.“ Es ging; gerade wie bei einem Professor, qui docendo discit, ward es täglich mit mir besser; und bald galt ich für einen Kerl, der sein Gewehr meisterhaft zu handhaben verstand und sich in die kleinen Evolutionen geschickt genug zu finden wußte. Es gehört nur einige Kenntniß mathematischer Figuren und etwas Geistesgegenwart zu dem Letzten.
Das Leben im Lager im Spätjahr war schlecht genug; keine gute Kost, und Kälte bis zum Heulen und Zähnklappern. Unser Bataillon sah aus buntschäckig, wie eine Harlekinsjacke, da es aus den Uniformen aller Regimenter bestand. Wir hatten weder Fahnen noch Kanonen, da es täglich hieß, wir sollten zu unsern Regimentern stoßen. Ich nebst ungefähr zwanzig andern war dem Regiment Erbprinz zugefallen, habe aber das Regiment nie gesehen.
In dieser Zeit machte ich Münchhausens, oder er vielmehr meine Bekanntschaft. Ich saß im Zelte und wärmte mich gegen die nasse Kälte etwas an Flakkus Odenfeuer, da schlug ein Officir den Zeltflügel zurück und fragte, ob ich der Sergeant Seume wäre. Da ich denn der war, hieß er mich herauskommen. Ich warf mich in die Ordonnanz und trat hervor; er belugte mich etwas neugierig, faßte mich am Arm, und fort gings durch mehrere Kompagniegassen dem Ende des Lagers zu, wo sein Zelt stand. Ich wartete der Dinge, die da kommen sollten, da der Herr unterwegs ziemlich einsylbig war. In seinem Zelte lagen auf dem Tische einige Verse, die er mir hingab, und mich fragte, ob sie von mir wären. Ich besahe sie und sagte ja. Es war eine tragisch-komische Elegie über unser Leben im Lager, die, wie der Gegenstand selbst, lächerlich-weinerlich genug seyn mochte. „Wir müssen bekannter werden,“ sagte er; „sehr gern,“ sagte ich. Er bat mich auf ein Stückchen Wildbraten, denn er ist bekanntlich ein trefflicher Weidmann, den Abend zu Tische; und da in meinem Zelte Schmalhans Küchenmeister war, so kam mir die Einladung sehr willkommen. Seitdem waren wir fast überall zusammen, wenn uns der Dienst nicht trennte; welches leider denn oft genug geschah. Münchhausen war damals, wie Johnson sich ausdrückt, a man of sound strong unletter’d sense, ein Mann von gesundem, gediegenem, ungelehrtem Verstande, welches ihm und mir sehr zu Statten kam: denn ich hatte verdammt viel Schulstaub und nicht wenig Schuldünkel an mir; obgleich meine klassischen Kenntnisse noch sehr seicht waren. Sein Beifall war nun meine beste Belohnung und seine Kritik meine beste Belehrung. Ich begriff, daß bloße Schule nicht alles sei; und er fand, daß die Schule doch Vieles sei und desto mehr, wenn sie durchaus Zögling und Folgerin der bessern Natur ist.
Es hat sich ein freundschaftlicher Zirkel von Officiren gebildet, in den man mich unvermerkt fast unzertrennlich hinein zog, und mit vieler Herzlichkeit behandelte. Münchhausen war stillschweigend durch seine Mischung von Ernst, Bonhommie und heiterer Laune darin die Hauptperson. Jeder trug das Seinige dazu bei, die Unterhaltung und die Menage zu würzen. Die meisten jungen Herrn waren tüchtige Nimrode; und so fehlte es uns selten an etwas frischem Wild auf den Tisch: denn die Lieferungsartikel, ausgenommen das Brot, welches vortrefflich war, waren nicht viel besser, als auf dem Schiffe. Die Lieblingsneigung eines jungen Mannes, welcher Buttlar hieß, zur Konditorei, machte besonders unsere Deserte sehr reich und köstlich, da es uns an Ingredienzen nicht fehlte; und ich erinnere mich selten besseres Backwerk genossen zu haben, als aus seiner Officin. Es war keine uninteressante Gruppe, wenn einer eine wilde Ente spickte, der andere Madeira brachte, der dritte das Gewehr putzte, der vierte Dienstaudienz gab, der fünfte mit Schürze und Geschirr vor dem Kamine Pastetchen schuf, der sechste den possirlichen Ansteher machte, und der siebente im Julius Cäsar las, aber mehr auf die Ente und die Pasteten, als auf den Text sahe. Der Dominus Konditor hatte eine paradiesische Freude und ein ganz verklärtes Antlitz, wenn wir seinem Machwerk durch heroisches Essen und kräftige Lobsprüche Ehre erwiesen; denn er genoß selten etwas davon. Nun gab es aber undankbare Schäker, die zuweilen nach dem Genuß eine bittere Kritik darüber anfingen: und dann gerieth nicht selten der junge Künstler in so heftiges Feuer, daß er Pfannen, Kasserolle, Kuchenformen und alle Geräthschaften zornentflammt durch einander warf und dreimal heilig schwur, er wolle für uns undankbare Gesellen keine Schürze mehr umbinden; welches er dann nach ächter Dilettantenart gewöhnlich drei Tage hielt, wo ihn die Naturschwachheit und Gutmüthigkeit wieder besiegte. Es gelang den Herren nicht, mich zum Jäger zu machen, ob ich gleich zuweilen aus Gefälligkeit mitzog, oder auch wohl allein mit dem Gewehr am Wasser herumstreifte: woran vorzüglich mein kurzes Auge Schuld haben mochte. Denn von Jugend auf konnte ich nur auf eine kleine Entfernung bestimmt sehen, ob ich gleich in der Nähe sehr scharf sahe und die kleinste Schrift bei Mondschein las; welches noch jetzt ziemlich unverändert eben so ist. In der alten Welt habe ich nie gefischt, außer zuweilen als Knabe mit meinem Vater in der Gippach, welche herrliche Schmerlen enthielt: in Amerika verführte mich der Reichthum des Fischzugs nicht selten zu diesem Vergnügen, wo ich in einer Stunde manchmal mehr Hummer und black salmon, eine Art kleinere, schwarzbraune Lachse fing, als ich nach Hause zu bringen im Stande war. Da beide Arten nicht zu meinem Geschmack gehörten, schenkte ich sie gewöhnlich dem ersten, der sie haben wollte. Für Hummer wählte ich kleinere zartere Krebse; und von den Fischen waren Aale, Makrelen, Kabeliaus und einige Schollenarten meine Lieblinge, die alle sehr reichlich und sehr wohlfeil dort zu haben waren: denn für einen englischen Stüber wurde ein Kabeliau gekauft, der mit dem Kopf auf der Schulter lag und mit dem Schwanze nicht selten die Erde berührte. Die Fische waren zwar im Lager als Fieber erzeugend verboten; aber ich ließ mich nicht abhalten meiner Liebhaberei zu folgen, und mußte selbst einmal dafür auf der Brandwache sitzen. Sie haben mir nie geschadet; vielleicht weil ich sie sehr einfach und meistens gebraten aß. Das war besonders der Fall mit einer sehr großen Sorte Häringe, die zum Einsalzen, wenigstens für die dortige Kunst, zu mächtig waren, aber einen herrlichen Bratfisch gaben. Ich bin nicht Naturhistoriker; aber es macht mir oft ein eigenes Vergnügen das Geschlecht der Häringe nach meiner Meinung durchzugehen, von dem großen ellenlangen, Amerikanischen Häringe herab bis zu der athenischen Aphye, die nur das Feuer zu riechen brauchte, um gekocht zu seyn, und die auch mit zu den Häringen zu gehören scheint. Dazwischen liegen der englische, der holländische, der schwedische, der dänische Häring; die Strömlinge und Killoströmlinge, vorzüglich aus der Peipussee; die Sprotten, die Anchovie, die Sardelle, die mit der Aphye fast eins zu seyn scheint: und weiß der Himmel, wie viele Arten noch in den indischen Meeren leben, mit denen ich unbekannt bin.