Zweiter Aufzug.

Zimmer des Pedrarias.

Erster Auftritt.

Pedrarias. Pinto.

Pedrarias (im Lesen.)

Von Balboa erhieltet ihr die Schrift?

Pinto.

Ja, gnäd’ger Herr!

Pedrarias.

Ihr lügt!

Pinto.

Ich spreche Wahrheit.

Pedrarias.

Und abgeschrieben habt ihr sie?

Pinto.

Ja, Herr!
Wir waren lange schon zur Abfahrt fertig,
Und harrten noch auf guten Wind vergebens.
Da hat er sie verfaßt. Da schrieb ich sie
Wohl hundertmal. — Denn jeder soll sie haben,
Wenn dann die neue Herrschaft einst beginnt,
Dort in den Ländern, die durch seinen Arm
Er sich erobern will.

Pedrarias.

Nicht sich, der Krone.

Pinto.

Vor seiner Herrschaft möget ihr uns schützen.

Pedrarias.

Doch rühmt das Volk an ihm die Milde laut.

Pinto.

Wozu die Milde, die nur Bettler macht?
Darum verließ ich nicht das Vaterland,
Bot nicht darum den Stürmen dieses Haupt;
Daß ich an Wunden reich, sonst arm wie vor,
Die leere Wohnung meiner Gattin grüße.
Reich oder todt! so lautet hier mein Wahlspruch.

Pedrarias.

Er ziemt auch Leuten eurer Abkunft wohl.
Was soll euch Ruhm? Euch kann er doch nicht heben.

Pinto.

Ich habe lang mit mir gekämpft, gerungen;
Denn wirklich dauert mich der gute Herr.
Doch morgen, heißt es, reiset er schon ab.
Da gilt kein Zögern. Besser doch, er leidet,
Als daß mein Lebensplan vernichtet wird.
So geb’ ich ihn dann rasch in eure Hand. —
Welch Glück, daß Balboa sich mir vertraute!

Pedrarias.

Der sich’re Thor!

Pinto.

Nun haltet ihr ihn fest.
Aus diesen Zeilen drehet ihr ihm Bande,
Die seine Löwenkraft doch nicht zerreißt.

Pedrarias.

Ergreift euch nicht ein Grauen vor dem Löwen?

Pinto.

Ich fürchte nichts, da euer Schild mich schützt.

Pedrarias.

Ihr träumt! Verräthern schenk’ ich keinen Schutz.

Pinto.

Wie, gnäd’ger Herr?

Pedrarias.

Er hob euch aus dem Staube,
Und dacht’ euch höher noch emporzuheben.
Euch schwindelt vor dem Flug’. Ihr stürzt hinab.
Bleibt liegen! — Nein, den albernen Versuch,
Den dieser Schwärmer kühn mit euch gewagt,
Ich wiederhohl’ ihn nicht — Deß seyd versichert.

Pinto.

So wollt ihr mich belohnen?

Pedrarias.

Raset ihr?
Ich euch belohnen?

Pinto.

Solch ein großer Dienst!

Pedrarias.

Sprecht nun vom Eifer für den Staat,
Von eurer Pflicht. Die Sprache kenn’ ich schon.

Pinto.

Dem Staate nicht, euch, Herr, hab’ ich gedient!

Pedrarias.

Was wagt ihr da zu sagen?

Pinto.

Wahrheit! Wahrheit!
Ich sah den Grimm in euern Augen blitzen;
Ihr hasset ihn, wie ich.

Pedrarias.

Ich wüßte nicht,
Daß einen Pinto mein Vertrau’n beehrte.
Dem Pedrarias schaut kein Mensch in’s Herz;
Denn in dem Busen hält er’s fest verwahrt.
Für die Vermessenheit, mit Späherblick
Mein inn’res Wesen listig zu belauern;
Mir nach der Ahnung einer niedern Seele,
Gedanken, Wünsche, Plane anzudichten;
Sollst du Verwegener mir heulend büßen.

Pinto.

Ich Unglückseliger — Höret!

Pedrarias (ruft.)

Wache! Wache!

(Wache erscheint.)

Man legt ihm Ketten an, bewacht ihn wohl. —
Ruft mir Jeronimo.

Pinto (im Abgehen.)

Ha, dies mein Lohn!

Zweiter Auftritt.

Pedrarias.

Bist du nun endlich doch enthüllt, Verräther?
Hast du dich selbst gestürzt? — O schönes Blatt!
Mir werther als die Schätze ganzer Welten — —
Doch stille — kann’s mir nützen? — Darf ich handeln? —
Verwünschtes Loos, hier halt’ ich sein Verdammniß,
Und rufe knirschend: Nein, mir frommt das nicht!
Sie haben meinen Haß mir abgelauert! —
Schon seh’ ich alles, wie es kommen würde.
Wenn die Gerechtigkeit ihn auch verdammte,
Doch stürzt er nicht von seines Glanzes Höhen. —
Laut brüllt des Pöbels ausgelass’ne Wuth:
»Der Eifersucht, dem Neide fiel er hin,
»Der fromme Held, mit sanfter Engelsmiene!« —
Ihn hebt der Ruf allmächtig zu den Wolken,
Mich schleudert er dem Fluch der Nachwelt zu.
Ha, wie? Das könnte Pedrarias kümmern? —
Was dumm der Pöbel schwatzt, das mich erschüttern? —
Ich müßte mich verachten — Vorwärts! muthig!
Genug, er ist Verbrecher! Ja! er ist’s!
Jetzt kann ich sie mit starker Hand zerdrücken,
Wegschleudern dann mit wildem Hohngelächter,
Die Schlange, die an meinem Leben zehrt! —
Die Kraft belohnt sich selbst. Nur Schwäche bettelt
Um Beifall. Selbst genügen will ich mir!

Dritter Auftritt.

Jeronimo. Pedrarias.

Pedrarias.

Seyd ihr’s, Jeronimo? Kaum angelangt,
Kommt euch die Arbeit lästig schon entgegen.

Jeronimo.

Ihr wißt wohl, gnäd’ger Herr — ich habe stets
Zu solcher Last mich willig angeboten.

Pedrarias.

Doch bleibt’s ein schweres Amt, ein undankbares,
Das Laster zu entlarven, zu bestrafen.

Jeronimo.

Oft glückt es mir, die Unschuld zu enthüllen;
Wie preis’ ich dann ein Amt, das selbst sich lohnt.

Pedrarias.

Ihr seht die Menschheit nur in ihrer Schwärze.

Jeronimo.

Ich sehe das Verbrechen mit den Gründen,
Und so die Menschheit nur in ihrer Schwäche;
Mein Herz wünscht Gnade, wenn mein Mund verdammt.

Pedrarias.

Zum Richter seyd ihr viel zu weich geschaffen.

Jeronimo.

Vergebt mir, gnäd’ger Herr! So denk’ ich nicht.
Es urtheilt das Gesetz, und nicht mein Herz,
Und leidet dieses, bleibt es dennoch stumm.

Pedrarias.

So kenn’ ich euch! Ihr seyd ein fester Mann,
Mein Mann. Das strenge Recht, nicht mehr,
Nicht minder, das sey jedes Richters Ausspruch.
Verbleibt dabei! Das Richteramt will Strenge.

Jeronimo.

Und euch erfreut der Gnade himmlisch Recht.

Pedrarias.

Was mahnt ihr mich an Gnade? — wie? ihr wißt? —

Jeronimo.

An Gnade mahnt der Mensch den Himmel selbst;
So darf ich wohl auch euch an Gnade mahnen.
Was nun ihr heischt, erwart’ ich erst zu wissen.

Pedrarias.

Ihm soll die Gnade nicht erbarmend leuchten,
Ihn soll der Strafe Blitz zerschmetternd treffen!

Jeronimo.

Wen, Herr?

Pedrarias.

Wen, fragt ihr? — — Den Verläumder Pinto.

Jeronimo.

Herr, für Verläumder hab’ ich nie gefleht.

Pedrarias.

Denkt nur, Jeronimo, der Pinto wagt’s,
Klagt Balboa des Hochverrathes an!

Jeronimo.

Dann mag die Tugend von der Erde fliehen,
Wenn der Verläumdung schwarzes Nattergift
Auch diesen engelreinen Mann befleckt!

Pedrarias.

Hier les’t! — Habt ihr gelesen? — Staunt ihr schon! —
Ja, was ihn Pinto alles sagen läßt,
Den tugendhaften, engelreinen Mann! —
Frei soll der Wilde leben, frei wie wir! —
Ihr seht, er drang in unsers Schwärmers Geist. —
Mit Weisheit hat des Königs Majestät
Die Theilungen der Wilden angeordnet,
Daß sie mit uns im Leben hier vereint,
Mit uns im Tod’ ein gleiches Loos erwerben.
Das will er nicht, der freche Balboa!
Tyrannisch nennt er das Gesetz! — Da seht!
Ihm gilt des Königs Wille, was der meine,
Nichts gilt er ihm! Er folgt der Herzenslust.
Herr will er seyn, und herrschen unumschränkt.
Wie nennt ihr das? Ich nenn’ es Hochverrath! —
Ja, solchen Gräuels klagt ihn Pinto an. —
Das fordert Rache, Strafe! — Meint ihr nicht?

Jeronimo.

Der Buchstab’ tödtet, und der Geist belebt.

Pedrarias.

Im Schlusse glüht das Gift. Da zischt die Schlange.

(liest.)

»Hiermit wird jede Satzung aufgehoben,
Die dieser meiner Vorschrift widerspricht;
Und weil es mir geziemt, nach Pflicht zu forschen,
Ob das, was uns als königlicher Wille
Gesendet wird, auch höchster Wille sey:
Wird jede Satzung außer Kraft erklärt,
Die euch nicht kund durch meine Briefe wird.«
Hat der Verläumder das nicht wohl ersonnen?

Jeronimo.

Man muß ihn hören.

Pedrarias (heftig).

Strafen!

Jeronimo.

Ungehört?

Pedrarias (noch heftiger).

Man muß ihn strafen!

Jeronimo.

Ihr seyd fürchterlich!

Pedrarias (faßt sich).

Geht schnell an’s Werk! Verhöret diesen Pinto.
Hier walte keine Gnade, strenges Recht.
Wo Pedrarias herrscht, soll sich Verläumdung
Lichtscheu zurück in ihre Höhle flüchten.
Verhört ihn öffentlich, nach aller Form!
Nun Gott befohlen! Denkt an eure Pflicht!

Jeronimo.

Herr! wenn ich Pinto vor die Schranken rufe,
So zieht er Balboa mit vor Gericht.
Ich habe Gründe, diesen Schritt zu fürchten.
Viel besser, daß im traulichen Gespräch
Ihr euch Erklärung von dem Helden fordert;
Euch wird von ihm dann manches Wort genügen,
Das nicht des Richters strengen Ernst versöhnt.

Pedrarias.

Wie? haltet ihr ihn schuldig? — Schämt euch, Alter!
Habt ihr auf euern engelreinen Mann
Die feste Zuversicht so schnell verloren?

Jeronimo.

Ich denke dort, dort wird sie sich bewähren.

Pedrarias.

Ihr zweifelt? Seht das Blatt bedenklich an?
Kennt ihr die Schrift?

Jeronimo (lebhaft).

Wozu noch seine Schrift?
Hier spricht sein Herz sich aus!

Pedrarias (rasch).

Ihr seyd sein Freund.

Jeronimo.

Der bin ich.

Pedrarias.

Dann ... liegt ja die Sache gut.

Jeronimo.

Sey’s Freund, sey’s Feind, der vor dem Richter steht:
Ihm wird sein strenges Recht. — So kennt ihr mich,
So habt ihr mich in Spanien befunden.
Ich denke, daß des Staates Riesenbau
Nur durch die Klammern des Gesetzes hält;
Daß ohne sie der Mensch zur Thierheit sänke.
An dem Gedanken haftet meine Seele,
Und horchet nie dem Aufruhr meiner Brust.

Pedrarias.

Ist eines Richters Ausspruch nur gerecht,
So darf sich nie sein festes Herz empören.

Jeronimo.

Doch leider dient das heilige Gesetz
Der schlauen Eigenmacht oft nur zum Netze!
Als Wächter wird der Richter hingestellt;
Muß über jeden, der unglücklich dann
In seinen Fäden endlos sich verstrickt,
Das Netz zusammenziehn; — gleichviel, ob Schuld,
Ob Übermacht, die Beut’ ihm zugeführt! —
Der Richter seufzt — die Boßheit triumphirt!

Pedrarias.

Und das erfuhr Jeronimo an mir?

Jeronimo.

Euch hab’ ich streng, doch stets gerecht befunden,
Und laß’ euch Gott mit dem Bewußtseyn sterben,
Daß ihr vom rechten Pfade nie gewichen. —
Ihr seyd erschüttert? Herr! prüft euch genau!
Oft regt im Innern lüstern sich ein Trieb;
Wir horchen ihm, doch faßten wir den Muth,
Ihm schnell in’s düstre Angesicht zu leuchten:
Erschrocken würden wir ein Scheusal sehn,
Und unser Ohr dem Höllenrufe schließen. —
Wohl auch der Beste wankt. — Doch göttlich ist’s,
Aus innerm Kampf’ als Sieger vorzuschreiten!

Pedrarias.

Schweigt, Alter! Ich versteh’ euch nicht! Und kurz:
Was ich befahl, das thut! Verhöret Pinto!

Jeronimo.

Und Balboa?

Pedrarias (zornig).

Nicht ihn, ich sprach von Pinto!

Jeronimo.

Und bleibt er dann auf dem, was er gesagt?

Pedrarias.

Verstrickt nicht jeder Lügner sich von selbst?

Jeronimo.

Nicht, wenn er klug bei der Behauptung weilt. —
Ihn überführen kann nur Balboa.

Pedrarias.

Das wird er auch! Ein Blick der hohen Unschuld
Reißt schnell die Larve dem Verläumder ab.

Jeronimo.

Ihr denket anders. Ja, bei Gott! ich seh’s!
Ihr denket anders. Mir entgeht ihr nicht.
Ein wildes Feuer sprüht aus euern Augen,
Voll Unmuths ballt ihr eure Faust zusammen,
Wie eure Lippen zucken! — Gnäd’ger Herr!
Geht nicht so unstät — Weichet mir nicht aus!
Nein, haltet Stand! Entflieht dem Freunde nicht! —
Einst könnt ihr Gott doch nimmermehr entflieh’n.

Pedrarias.

Spart für Verbrechen eure kleinen Künste!

Jeronimo.

Beim Wohl des Vaterlandes, das ihr liebt!
Entzieht der Krone einen Helden nicht,
In dem nun ihre schönste Hoffnung blüht.

Pedrarias.

Genug! genug! gehorcht! sogleich! ich will’s!

Jeronimo.

Fall’ hin, o Held! Dich stößt die Welt von sich!

Pedrarias.

So deutlich schon erblickt ihr sein Verbrechen?

Jeronimo.

Wie ihr, so halt’ auch ich die Schrift für seine. —
Mußt’ ich so lange leben, um den Tod
Auf dieses große Menschenhaupt zu rufen?

Pedrarias.

Ihr ras’t!

Jeronimo.

Auf Hochverrath ist Tod gesetzt,
Wär’ auch hierzu der Wille nur erwiesen;
Und also nennt ihr seine Schuld ja selbst.

Pedrarias.

Und wenn die Welt aus ihren Angeln fiele,
Was Rechtens ist, das thut! Nur fort, gehorcht!

Jeronimo.

Wohlan! Ich trage keine Schuld, wenn einst
Sein Blut euch rächend auf die Seele fällt!

(will ab. Maria tritt auf mit einer Guitarre. Er kehrt zurück, faßt Pedrarias bei der Hand.)

Und auch, wenn diese stirbt?

Pedrarias.

Und auch! —

(ihm stockt die Sprache, er wirft sich in einen Sitz, und verhüllt mit der einen Hand sein Gesicht.)

O Gott!

Vierter Auftritt.

Maria. Pedrarias.

Maria.

(setzt sich neben ihren Vater, faßt seine freie Hand und küßt sie.)

Erlaubniß, Vater!

(nach einem kurzen Vorspiele singt sie folgendes Lied zur Guitarre.)

Oft hob sich dieses Herz,
Und wollte sich dir zeigen;
Doch wieder sich zu neigen,
Gebot ihm banger Schmerz.
Und mit — und mit — in’s Grab,
Sank mein Vertrau’n hinab!
Der Jugend heitre Lust
War mir so bald entschwunden!
Nun fühlt’ ich ja gebunden
Mein Herz in wunder Brust.
Und tiefer noch in’s Grab
Sank mein Vertrau’n hinab.
In’s tief verwahrte Herz
Ist doch dein Blick gedrungen;
O dank sey dir gesungen;
Du heiltest meinen Schmerz!
Nie sinket mehr in’s Grab
Mir das Vertrau’n hinab!
Bei meiner Mutter theurem Angedenken,
Verzeihung, Vater!

Pedrarias (springt auf.)

Höre mich, Maria!
Sehr glücklich kommst du. Recht zur guten Zeit.
Nun steh’ ich fest. Nun kann mich nichts erschüttern.
Fühlst du dich schuldig; ha, so bist du’s auch!
Kein Mitleid! Sahst du meines Zornes Gluth,
Und stürztest kühn dich in die wilde Flamme;
So dulde nun die selbstgeschaff’ne Qual!

Maria.

Wohl zürnet ihr mit Recht. Ich fühl’ es tief.
Kaum war der Trauung Feier nun geendet —
Es war ein Augenblick — da drang die Schuld
Mir vor das Auge, Reue mir in’s Herz.

Pedrarias.

Erst nach der Trauung? — Und warum so spät?
Dann klag’ es Gott, der deinen Sinn verschloß!
Nichts ließ dein Herz dir ahnen? — Ha, Maria! —
Doch nein! — Du heuchelst, denkst mich zu betrügen.

Maria.

Ihr nennt ein Wort, das Abscheu mir erregt. —
Betrügen? — euch? — vor dem voll Ehrfurcht stets
Mein kindlich Herz im Innersten gebebt.

Pedrarias.

Zu beben ziemt dir!

Maria.

Ehmals wohl, mein Vater!
Da bargt ihr eure Liebe hinter Wolken,
Und ich gewahrte nur des Vaters Ernst;
Der fesselte mir das Vertrau’n im Busen.
Viel hab’ ich da gelitten. Schüchtern barg
Mein Kindessinn sich in des Herzens Tiefen,
Und wagte nicht, sich fröhlich aufzuschwingen. —
Das war nicht recht! Ich fühl’s! Nicht kindlich war’s!
Verzeihung! Anders soll es werden, anders!
So düster auch sich euer Blick verfinstert:
Nun kenn’ ich euer Herz und eure Liebe.

Pedrarias (halb für sich.)

Du armes Kind, was nützt dir meine Liebe?

Maria.

Ihr ließt mich einsam zu der Trauung geh’n. —
Das hat mich sehr geschmerzt. — Von euch getrennt
Erschien ich mir verwais’t. — Ich wankte fort;
Ich dacht’ an euch vor des Altares Stufen,
Nicht an der ernsten Feier heil’gen Sinn;
Und stand betäubt in dumpfer Trauer da. —
Doch als mich Balboa nun Gattin grüßte,
Mich wonnetrunken in die Arme schloß,
Ein Jubelchor uns Selige umfing,
Ich mich am Ziele fand, am Lebensziele:
Da zuckte schnell ein Strahl durch meinen Geist!
Durch euch, mein Vater, bin ich nun so glücklich!
Ich fühl’ es nun: — ihr liebet mich, mein Vater!

Pedrarias (halb für sich.)

Ach, weißt du, was du rühmst, Unglückliche?

Maria.

Und wenn ich sinnend alles überdenke,
Wie ihr zuerst den Balboa — nicht liebtet;
Doch duldend bald ihm nah’ und näher kamt;
Zuletzt unaufgefordert, ungebeten
Den Bund beschlosset, der uns glücklich macht:
Da kann ich nicht der Meinung widerstehn,
Ihr hättet mir in’s tiefste Herz geschaut;
Und weil ihr saht, daß ohne Balboa
Es bald in Sehnsucht sich verzehren würde,
Euch dieses schwachen Herzens mild erbarmt. —
So jauchze dann, mein langgequältes Herz!
In Kampf mit Feindschaft trat die Vaterliebe,
Und reichte mir des schönen Sieges Kranz!

Pedrarias.

(erschüttert, vor sich.)

In Kampf mit Feindschaft trat die Vaterliebe? —

Maria.

O laßt euch nicht des schönen Sieg’s gereuen!
Ihr schenket mir zum zweitenmal das Leben, —
Ich kann nicht leben ohne Balboa.

Pedrarias (ausbrechend.)

Das dein Verbrechen!

Maria.

Wie, mein Vater? —

Pedrarias.

Gewissen! du bist stumm! Die Tochter wagt’s,
Und liebt den Mann, der ihren Vater haßt.

Maria (erschrocken).

Er, Vater? er euch hassen? O mein Gott!
Wer wagte die Verläumdung? Balboa
Euch hassen? — Glaubt der Lästerzunge nicht,
Mir glaubt, der Tochter, ich, ich kenn’ ihn, Vater!
Ach, war’t ihr darum finster und entrüstet?
Den sollt’ ich lieben, der euch haßt? O nein!
Das denkt mein Vater nicht von mir. — Seht her!
Ich kann euch kühn in eure Augen blicken!
Soll ich noch Gott zu meinem Zeugen rufen?
O glaubt der Tochter! Nein! er haßt euch nicht.

Pedrarias.

Unschuldig wär’st du? — Sieh mich an! Bei Gott!
Fast muß ich’s glauben! Armes, armes Kind!
Du deiner Mutter Ebenbild! Fürwahr!
Noch blieb dein Herz von seinem Gifte rein;
Maria! küsse mich! — Zurück! hinweg!
O wehe mir, wenn du unschuldig bist!

Maria.