Fünfter Aufzug.

Scene des vorigen Aufzugs.

(Die Eröffnungsmusik ist ein Trauermarsch, inner dem Theater. Während der letzten Takte erhebt sich der Vorhang langsam. Balboa schläft. Jeronimo steht über ihn gebeugt, und leuchtet ihm ins Gesicht. Die Fackeln sind tief abgebrannt.)

Erster Auftritt.

Jeronimo. Balboa.

Jeronimo.

Der Tag beginnt! — Die Trauertöne klingen,
Und rufen ihn mit Liebesruf’ in’s Grab.
Noch einen Kampf, den wird er muthig ringen,
Dann wirft er freudig seine Fesseln ab;
Hebt aus dem leeren irdischen Gewimmel,
Sich siegend dann, frohlockend auf zum Himmel!
Schon dringt die Zeit. — Ich sollt’ ihn nun erwecken.
Ich will es zwar. — Doch fehlet mir der Muth. —
Das seh’ ich wohl, dich kann der Tod nicht schrecken;
Du ruhest sanft, wie der Gerechte ruht.
Mit diesem Himmelslächeln im Gesichte,
Stellt man sich furchtlos, freudig dem Gerichte.
Ich will nicht stören seine heil’gen Träume. —
Sie heben oft im freudereichen Flug
Den freiern Geist in lichte Himmelsräume; —
Was dann sie künden ist nicht eitler Trug.
Wenn nicht mit uns die irren Sinne schalten,
Dann kann sich Geistern, Geistiges entfalten.
So fließet sanft ihm fort, ihr letzten Stunden,
Er fühle froh sich in der eignen Welt!
Erwachet er, dann schlägt ihm neue Wunden
Die Wirklichkeit, die ihn gebunden hält.
Noch hört er hier Mariens Wehe hallen,
Und Trauer wird sein zart Gemüth befallen.
Viel Schmerz wird euch, ihr Edlen, zugemessen;
Und euer Lohn blüht nicht in dieser Zeit!
Von ihm geweckt, wie könntet ihr vergessen,
Des Vaterlands, der heitern Ewigkeit? —
Doch wie auf euch die grausen Leiden stürmen:
Den Schild ergreift: Der Glaube wird euch schirmen!

(Unter den letzten Strophen ist Maria die Felsentreppe herabgewankt.)

Zweiter Auftritt.

Maria. Jeronimo. Balboa.

Maria (leise).

Jeronimo!

Jeronimo.

Gott! Donna! Ihr? — und jetzt!
Gott sey euch gnädig! Sagt, was suchet ihr?
Wer ließ euch ein?

Maria (lächelnd).

Es giebt noch gute Menschen!

Jeronimo.

Er schläft!

Maria.

Unmöglich!

Jeronimo.

Seht!

Maria.

Er konnte schlafen.

Jeronimo.

Verbittert ihm die letzte Stunde nicht.
Ach, eilet fort!

Maria.

Das kann ich nicht. Es riß
Mein böser Geist mit Ungestüm mich her.
Ihm ward Gewalt gegeben über mich!

Jeronimo.

Verscheucht die Phantasie!

Maria.

(verwirrt, nachsinnend.)

»Daß du lang lebst,
Und es dir wohlergehe hier auf Erden; —
Den Vater ehre!« — — — Gerne wollt’ ich’s — Gott!
Es ist entsetzlich!!

Jeronimo.

Leiser sprecht, Maria!

Maria (schneidend).

Wie kann er schlafen!

Jeronimo.

Gönnt ihm doch die Ruhe!

Maria.

Ach, habt ihr diese Nacht den Sturm gehört?

Jeronimo.

Nein, Liebe!

Maria.

Schwarz und finster war die Nacht.
Die Winde heulten. Aus dem Walde hört’
Ich wild die Tyger brüllen. War’s aus Freude? —
Die Hölle feiert heut’ ihr Jubelfest.

Jeronimo.

Ach, armes Kind!

Maria.

Ich war bei meinem Vater!

Jeronimo.

Wie! diese Nacht?

Maria.

In dieser Schreckensnacht.
Zu seinem Vaterherzen wollt’ ich fleh’n.
Ich fand ihn wachend, seine Augen brannten,
Und auf dem Lager stemmt’ er stöhnend sich. —
Die Sprache stockte mir bei diesem Anblick.
Ich blieb nun starr und lautlos vor ihm stehen.

Jeronimo.

Und er?

Maria.

Fuhr gräßlich zuckend auf, und schrie,
Und kreuzte sich. Was er zu mir gesprochen,
Das fragt mich nicht. — Ihr könntet, Guter, wohl
Darüber den Verstand verlieren. — Ach!
Er hielt mich für der Mutter sel’gen Geist,
Verbarg sich zitternd in des Lagers Decken,
Und betete. — Da eilt’ ich leis hinweg,
Und hatte nicht den Muth, ihn zu erwecken;
Bald wär’ ich hingesunken.

Jeronimo.

Betet, Kind!

Maria.

Die Angst versperrt den Worten ihren Weg.

Jeronimo.

Des Herzens heißer Wunsch ist euch Gebot.

Maria.

(laut.)

So schenkt der Himmel gnädig mir den Tod!

Balboa (schlafend).

Maria!

Jeronimo.

Stille!

Maria.

Ah — ist er nun wach?

Jeronimo.

Noch nicht. Er träumt.

Maria.

Von mir?

Jeronimo.

Von euch und sanft.

Maria.

Und sanft!

Jeronimo.

Bald sieht er euch entstellt, verstört;
Dahin ist seine Ruhe. — Soll der Arme
Den Leidenskelch bis auf die Hefen leeren?
Ach, eilet schleunig fort, wenn ihr ihn liebt.
Jetzt, da er schläft.

Maria.

Wie hart! wie ungerecht!
Wer reißt die Gattinn von dem Sterbebette,
Auf dem ihr Gatte nach dem Tode ringt? —
Wie kann die Liebe diesen Vorwurf tragen,
Daß den Geliebten sie im Tod verließ?
— Und er verlangt nach mir! O seht nur hin.

Jeronimo.

So wollt ihr ihm den letzten Kampf erleichtern.

Maria.

Dazu verzehrt sich meine letzte Kraft.

Jeronimo.

Ihr waget viel, und denkt ihr’s zu bestehen?

Maria.

Auch gestern wagt’ ich’s, und ich überwand.

Jeronimo.

Es wird der Schmerz euch grimmig überfallen.

Maria.

Er wüthe! — Doch in diesem Herzen nur.

Jeronimo.

Das Schrecklichste wollt ihr im Stillen dulden?

Maria.

Wie unter’m Messer das geduld’ge Lamm.

Jeronimo.

Versprecht es mir bei eurer heil’gen Liebe!

Maria.

Hier meine Hand! Ich fühle Himmelskraft!

Jeronimo.

Setzt euch zurück. — Es dränget nah’ heran!
Habt ihr den Trauermarsch gehört?

Maria.

Er rief
Mich her und ihn zum Tode!

Jeronimo.

Bald erscheint
Der Richter, ihn zu holen. Nochmals, Kind,
Erspart euch diesen Anblick.

Maria.

(unwillig und fest.)

Nein, ich bleibe!

Jeronimo.

So muß ich ihn erwecken.

(führt sie in den Hintergrund.)

Weilet hier!
Und schweiget bis ich rufe.

Maria.

Eilet! Eilet!

Dritter Auftritt.

Jeronimo. Balboa.

Jeronimo.

Erwachet, Balboa!

Balboa (erwachend).

Wer ruft? — Ha, wie?
Noch hier? noch hier! Seid ihr’s, Jeronimo?

Jeronimo.

Ihr habt nun sanft geruht.

Balboa.

Sehr sanft! sehr süß!
O wunderbar ist doch des Schlafes Kraft!
Ich fühle mich gestärkt, belebt, erheitert!

Jeronimo.

Ich hatte nicht den Muth, euch zu erwecken.

Balboa.

Bei mir gewachet also? — Dank, mein Freund!
Beginnt der Tag? —

Jeronimo.

So denk’ ich fast. Die Fackeln —
Seht hin! sind abgebrannt.

Balboa.

Und auch mein Leben!

Jeronimo.

Nicht euer Glaube!

Balboa.

Auch nicht meine Liebe!
O daß Maria doch geschlummert hätte!

Jeronimo.

Aus eurer Ruhe wird sie Ruhe schöpfen.

Balboa.

Ich wäre ruhig, wüßt’ ich sie nur glücklich.

Jeronimo.

Von euch geliebt zu seyn, beglücket sie;
Ihr mögt hier unten, mögt dort oben wallen!

Balboa.

Ich hoff’ es selbst. — So schwach ihr Körper ist;
Doch regt in ihr sich männlich stark der Geist.
O herrliches Geschöpf! o Himmelsbild!
Umsonst hätt’ ich gelebt? — Nein, glaub’ es nicht;
Was nur im Unmuth ich dir sagen konnte.
Für dieses Leben dank’ ich sterbend Gott!
Marien gab es mir, und o der Wonne:
Mariens Liebe raubt mir nicht der Tod!

Jeronimo.

Wenn wahrhaft Liebende harmonisch fühlen,
So fließet Balsam ihr in’s wunde Herz.

Balboa.

Ihr tröstet mich!

Jeronimo.

Sie wünscht euch selbst zu trösten!

Balboa.

So ließ sie mir ein liebend Wort schon melden? —

Jeronimo.

Selbst nahen will sie euch, daß ihr im Tode
Ein Zeugniß ihrer Liebe noch gewahrt.

Balboa.

Bedarf es dessen?

Jeronimo.

Doch, mein Balboa!
Wer andre fühlend tröstet, hebt sich selbst!

Balboa.

Sie komme!

Vierter Auftritt.

Maria. Balboa. Jeronimo.

Maria.

(nähert sich ihm von rückwärts, und umarmt ihn.)

Balboa!

Balboa.

O Gott! schon hier?

Maria.

Du bist so ruhig?

Balboa.

Winkt mir nicht die Ruhe?
Bald bin ich frei! Bald hab’ ich überwunden!

Maria.

Ja wohl! O stille, Herz! Auch du wirst frei!

Balboa.

Maria!

Maria.

Ach! Es nur zu denken ist schon süß!
Die Erde decket
Mich leicht und kühl;
Mein Engel wecket
Mich zum Gefühl!

Balboa.

Denk’ nicht an dieses Trauerlied, Maria!

Maria.

Ein Trauerlied? Und klingt so freudig nach!
Und sanft und still
Fühl’ ich im Herzen
Es neu sich regen,
Sich leis bewegen,
Wie sanft! wie still! —
Wo seyd ihr Schmerzen?
Seyd ihr hinab
Nun schon gesunken;
Im kühlen Grab
So schnell versunken? —
Und wünschen sollt’ ich nicht den Tod? — Warum? —

Balboa.

Ha, welcher Geist beseelet dich, Maria?
Dein Auge funkelt wonnevoll und herrlich!

Maria (begeistert).

Mein Engel hebt mich in die Lüfte,
Balsamisch wehen Rosendüfte! —
Wie süß melodisch tönt
Sein goldnes Flügelpaar!
Welch sanfter Schimmer krönt
Sein lockenreiches Haar!
Wer bist du, Engel, mild und licht? —
Wohl kannt’ ich einst dein Angesicht!

Balboa.

O töne fort! Eröffne mir den Himmel!

Maria.

Wie lächelt nun dein Angesicht,
So himmlisch hold, so freundlich licht!
O dieses Lächeln sah ich schon,
Auch deinen Seelenblick!
Das ist dein Herzenston!
Der Schleier fällt!
Verschwinde Welt! —
O Himmelsglück!

(fällt ihm in die Arme.)

Bald rufe mich! Laß mich nicht lange warten!

Jeronimo.

(mit gefalteten Händen.)

O guter Gott! Laß sie nicht lange warten!
Jetzt, Kinder! Seyd gefaßt! Die Schlösser rauschen.

Maria.

O Gott!

Balboa.

Fahr’ hin, o Welt! Komm, Himmelsglück!

Fünfter Auftritt.

Die Vorigen. Linares.

Linares.

(im Herabsteigen.)

Erschreckt nicht, Herr! Ich bin’s! Ich, Linares!

Maria.

(stürzt ihm entgegen.)

Was bringt ihr?

Linares (erschrocken).

Donna!

Maria.

Rettung? sprecht!
An eures Rufes freudigem Getön,
An eurer schönen Eile kannt’ ich’s. Sprecht!

Linares.

Für euch ist meine Bothschaft nicht. Vergebt!
Euch hatt’ ich nicht erwartet.

Maria.

Sprechet immer!
Wie kann doch meine Gegenwart das Wort
Des Freudebringers stocken machen? Ruft!
O ruft! Laßt diese Felsenwände laut
Vom ungewohnten Schall der Freude tönen.
Ich rufe mit! Ach, eilet! — Ah! — geschwind.
Ihr tödtet mich, wenn ihr noch länger zaudert.

Balboa (ernst).

Was bringt ihr?

Linares.

Rettung! Freiheit! Herr;
Des Kerkers Thore steh’n euch offen. Eilet!

Maria.

Jeronimo, o halte mich, ich sinke!

Balboa (strenge).

Wer sandte dich? —

Linares.

Ach, eilet! Faßt sogleich
Den Augenblick. Schnell wird sich alles euch
Erklären.

Balboa.

Sprich! Was soll sich mir erklären?

Maria (zu Balboa).

Du hörest — Rettung dir und mir — und Freiheit!
O Himmel! eile! Dir zu Füßen —

Balboa (hält sie auf).

Nein, Maria!
Laß uns erst hören, wer uns retten will,
Und wie? — Geduld!

Maria.

Ha, Grausamer!

Balboa (sanft).

Maria!

Maria (furchtsam).

Ich schweige — sieh ich schweige — zürne nicht!

(setzt sich.)

Balboa.

Hat Pedrarias dich zu mir gesendet?
Und bietet er mir Gnade?

Maria.

Weh’, mein Vater!

Linares.

Sprecht nicht von Gnade — sie beglückt Verbrecher!
Doch euer Haupt beladet keine Schuld.
O folgt!

Balboa.

Wohin?

Linares.

Frei läßt die Wach’ euch ziehen.

Balboa.

O schäme dich — bestochen hast du sie!

Linares.

Was ich gethan verletzt nicht eure Ehre!
Nur meine — fahre sie dahin — für euch
Ist sie zu kostbar nicht verkauft.

Maria (händeringend).

Geduld!

Linares.

Folgt mir zu Suligo! Dort ist schon alles,
Was euer ist, versammelt. Viele sind’s!
Mehr als ich dachte, wackre Ehrenmänner!
O kommt nur hin! Der Anblick stärkt das Herz.
Das schüttelt sich die Hand! Das schätzt sich glücklich,
Für euch zu sterben. O wie sehnlich harret
Man eurer dort! — Was hebt den Helden mehr,
Als rings um sich die Edlen zu erblicken,
Die seine Kraft und Tugend sich verband
Auf Tod und Leben?

Maria.

Weh’!

Linares.

Ihr zaudert noch?

Balboa.

Nun sprich es aus! Nicht wahr? — Ich soll entfliehen?

Linares.

Entflieh’n! Was denkt ihr, Herr? — Nein wahrlich nicht!
Sucht erst die feige Seele unter uns,
Die diesen Stolz dem Pedrarias gönnte,
Daß Balboa vor ihm entfliehen müßte.
Auf Kampf ist’s abgeseh’n! — Die Faust entscheide!
Die Blutgesellen dieses Wütherichs —

Maria.

Ah!

(Balboa winkt dem Linares auf Marien.)

Linares (ohne es zu bemerken).

Versammelt sind sie schon am Hochgerichte,
Wo euer heilig Haupt nun fallen soll.
Hinein, dort stürmen wir mit Muth hinein!
Von euch geführt, von Wuth und Schmerz entbrannt,
Schnelltreffend mit der Kraft des Donnerkeils! —
Die Schmach mit Blut, sie sollen sie bezahlen! —
Freu dich, mein guter Degen! — Nein, du wardst
So fröhlich nie, so heilig nie gezogen.

Balboa.

Und dann?

Linares (betroffen).

Dann seyd allein ihr unser Herr!

Balboa.

Und Pedrarias? —

Linares.

Nach Kastilien
Mit ihm zurück. Hier taugt er länger nicht.

Maria.

Mein Vater!

Balboa.

Sorge nicht für ihn, Geliebte!

Linares.

Bei Gott! vergebt! ihr thut nicht wohl daran,
Daß ihr die dargebot’ne Freundeshand
So lange nicht ergreift, und zögernd weilt.

Balboa.

Du kehrst zum Suligo zurück, erklärst:
So hätt’ ich deine Bothschaft dir erwiedert.
Gott sey da vor, daß nur ein Tropfen Blut’s
Für mich den fremden Boden färben sollte;
Das edler für der Krone Macht und Glanz,
Das freudig für den Glauben fließen soll.
Durch königliche Vollmacht ist allhier
Als Herrscher Pedrarias aufgestellt!
Rebell zu werden, war ich nie gesinnt!
Es schmerzt mich sehr, es kränkt mich bis zu Thränen,
Daß meine Treuen niedrig von mir denken;
Zu ihrer Pflicht ermahn’ ich sie im Tode.
Und wer mich liebt, der wird mir auch gehorchen.

Maria.