Als die Sonne sich neigte und der Rappe nicht mehr weiden wollte, sondern sich in dem Grase zum Ruhen niederlegte, führte ihn Carl in die Höhle und befestigte ihn dort an einem starken Holzpflock, den er mit dem Beile zurechtgehauen und in eine enge Spalte zwischen dem Gestein eingeschlagen hatte. Dann stellte er einige dicht belaubte Büsche vor die Höhle, damit der Eingang einem unberufenen fremden Auge verborgen bleiben möge, und nahm seine Waffen, um in der Nähe zu versuchen, ob er ein Stück Wild erlegen könne. Nochmals durchblickte er von der Höhe herab den Wald, und ging dann vorsichtig zwischen den Felsstücken hin, indem er fortwährend mit wachsamem Auge um sich spähete. Er traf nur wenig Wild an, und die einzelnen Hirsche und Antilopen, die er zu Gesicht bekam, waren außerordentlich scheu und flohen schon auf weite Entfernungen, wenn er sich ihnen nahen wollte. Er hatte in der Umgebung des Forts, wo er und Daniel doch so oft jagten, niemals das Wild so scheu gesehen, und erklärte sich dessen Wildheit hier durch den stattgehabten Prairiebrand, welcher die Thiere so in Flucht gesetzt haben mußte. Es war schon sehr düster geworden, als Carl an dem Wasser hinauf nach seiner Höhle zurückging, ohne daß es ihm gelungen war, eine Jagdbeute zu machen, und er erstieg die felsige Höhe im letzten Scheine des scheidenden Tageslichtes, da kam es ihm vor, als ob er in der Ferne einen Schuß gehört habe. Er blieb stehen und lauschte lange Zeit, es war aber Alles still, und er suchte sich zu überreden, daß er sich verhört habe, denn der Schuß konnte nur von einem Indianer herrühren, und die Gegenwart von Wilden, welche in dieser Gegend jagten, konnte auch die Ursache von dem scheuen Benehmen der Thiere sein.
Er beruhigte sich aber, als er durch die Büsche in die Höhle trat, denn in diesem Versteck war er zu gut verborgen, als daß ihn ein Indianer hätte auffinden können, und lange wollte er ja auch nicht hier verweilen. Wenn er hier nur einen Hirsch erlegte und dessen Fleisch trocknete, so hoffte er mit diesem Mundvorrath seine Rückreise nach dem Fort ausführen zu können, im Fall ihm die Jagd unterwegs keine neue Beute liefern sollte. Zu diesem Zweck wollte er am folgenden Morgen sein Jagdglück noch einmal versuchen.
Seinen Rappen fand Carl, wohlbehalten der Ruhe pflegend, auf dem Boden ausgestreckt, und das Thier hob nur zutraulich den Kopf empor, um seinen Herrn zu begrüßen. Carl klopfte ihm schmeichelnd den Hals, legte dann seine Waffen ab und zündete ein Feuer an, um sein Abendbrot zu bereiten. Sobald dieses aber geschehen war, löschte er das Feuer wieder aus, damit der helle Schein in der obern Felsspalte seine Gegenwart nicht etwa verrathen möge. Er hätte es gern während der Nacht unterhalten, denn es wurde sehr kühl und der Wind blies in die Höhle herein, seine Vorsicht aber untersagte es ihm, deßhalb hüllte er sich dicht in seine Büffelhaut und empfahl sich Gottes Schutz, während ihm die Müdigkeit die Augen zudrückte.
Der Morgen graute, als Carl aus einem ruhigen erquickenden ungestörten Schlafe erwachte und schnell emporsprang, damit er die Dämmerung noch zu der beabsichtigten Jagd benutzen könne. Mit der Büffelhaut um die Schultern und der Büchse in der Hand, trat er aus der Höhle auf einen der vorspringenden Felsen und durchspähete und überlauschte die nahe Umgebung, dann erfrischte er sich schnell bei dem sprudelnden Wasser, trug die Büffelhaut in sein Versteck zurück, und trat nun seine Wanderung in den Wald hinab an, von Stein zu Stein, lauschte auf jedes, auch das leiseste Geräusch, und achtete auf jede Bewegung, die ein leichter Luftzug in dem schwer bethauten Laub und in den üppigen Pflanzen um ihn her erzeugte. Wohl eine halbe Stunde lang war er in dem Walde hin- und hergeschlichen, ohne auch nur ein Stück Wild zu Gesicht zu bekommen, da warf die Sonne ihren ersten Blick durch die immergrünen Bäume, und in dem goldigen Lichte, welches auf eine frische grüne Grasfläche unter hohen Lebenseichen fiel, erkannte Carl die glänzend rothe Farbe eines sich äsenden Hirsches. Er schlich sich leichten Fußes schnell von Eiche zu Eiche, und hatte sich dem Thiere bis auf hundert Schritte genähert, als dieses plötzlich zusammenfuhr und mit weiten Sätzen davon sprang. Carl aber folgte ihm mit dem Rohre seiner Büchse, und es hatte nur wenige Sprünge gethan, als der Schuß des Knaben den Wald durchhallte und der Hirsch, tödtlich getroffen, zusammenstürzte. Freudig sprang Carl zu ihm hin, warf sich über ihn her, damit er ihm nicht entgehe, und gab ihm mit dem Jagdmesser den Todesstoß. Die Büchse hatte er neben sich in das Gras gelegt und knickte bei dem Hirsch, um ihn auszuweiden, da sagte eine Stimme ganz in seiner Nähe:
»Ei, ei, noch so jung und doch schon ein so guter Jäger?«
Carl fuhr erschrocken empor, indem er zugleich seine Büchse ergriff, und blickte sich nach dem Sprecher um; da trat in kurzer Entfernung von ihm ein großer schöner Mann hinter einer Eiche hervor und winkte ihm freundlich zu, indem er sagte:
»Brauchst nicht zu dem Gewehre zu greifen, Du hübscher Knabe, denn wenn ich Dir hätte etwas zu Leide thun wollen, so würde ich Dich nicht angeredet haben. Du warst ja in meiner Gewalt und auch ich weiß die Büchse zu handhaben; aber Dein Schuß nach diesem Hirsch war ein Meisterschuß, und es jagen nicht viele Jäger in diesem Lande, die Dir denselben nachthun können. Wo lagert Deine Jagdgesellschaft? Ich bin ein Delaware und ein Freund der weißen Männer, führe mich zu ihnen, damit ich mit ihnen rauchen und reden kann.«
Carl hatte auf den ersten Blick erkannt, daß der Fremde ein Indianer sei, wenngleich dessen Erscheinung von der jener Wilden verschieden war, die er bisher gesehen hatte. Derselbe trug ein aus Wildleder verfertigtes, bunt gesticktes und zierlich befranztes Jagdhemd, welches ihm bis an die Kniee reichte, trug hirschlederne Gamaschen und Mokassins von demselben Material, und um seinen Kopf war ein buntes seidenes Tuch in Form eines Turbans gewunden. Unter demselben hing das glänzend schwarze Haar des Indianers über seine breiten Schultern herab, und um seinen braunrothen Nacken lag eine breite Perlenschnur, an welcher eine große silberne Medaille mit dem Bildniß des Präsidenten der Vereinigten Staaten bis auf seine nackte dunkelfarbige Brust reichte. Er war eine hohe schöne Mannsgestalt von schlankem aber muskulösen Bau, und die Formen seines männlichen Gesichts waren edel und ausdrucksvoll. Die Adlernase und die hohe Stirn zeugten von Willenskraft, Entschlossenheit und Muth, und in seinen großen dunklen Augen lag ernste Ruhe und tiefe Leidenschaftlichkeit zugleich. Dieselbe Ruhe lag auf seiner ganzen stolzen Erscheinung, und jede seiner Bewegungen schien von ihr beherrscht zu werden. Als er aber zu Carl sprach, hatten seine Züge einen freundlichen milden Ausdruck angenommen, der dem Knaben Vertrauen einflößte und die schreckhafte Ueberraschung, die sich seiner im ersten Augenblicke bemeistert hatte, verscheuchte.
»Wenn Du ein Delaware-Indianer bist, so habe ich keine Ursache, vor Dir besorgt zu sein; denn die Delawaren sind ja immer Freunde der Weißen gewesen, und haben gegen die Engländer mit großer Treue an ihrer Seite gefochten, als sie sich von deren Herrschaft befreiten. Daniel hat mir sehr viel Gutes von den Delawaren erzählt,« entgegnete Carl, indem er ohne Bangen dem Indianer die Hand hinreichte, die dieser zutraulich ergriff.
»Wer ist denn der Daniel, der so viel Gutes von den Delawaren gesagt hat?« fragte der Indianer.
»Er ist ein Neger, der sich als Freund bei meinem Onkel aufhält,« antwortete Carl.
»Und wo ist denn Dein Onkel? führe mich zu ihm,« fuhr der Indianer fort.
»Mein Onkel ist nicht hier, er wohnt am Bärfluß, ich bin allein hier.«
»Du allein hier?« fragte der Indianer mit einem Tone, als bezweifle er die Wahrheit von Carls Aussage.
»Ja, ganz allein. Der Prairiebrand hat mich hierhergetrieben und es ist ein Wunder, daß ich nicht dabei umgekommen bin. Mein armes Pferd habe ich verloren, doch habe ich mir ein wildes Pferd dafür gezähmt, welches mich hierhergetragen hat,« erwiederte Carl mit seiner natürlichen Offenherzigkeit.
»Du setzest mich in Erstaunen; bist ja doch nur noch ein Knabe, und Dein Benehmen, so wie Deine Handlungen sind die eines tüchtigen Mannes. Wie heißest Du? mein Name ist Leopard.«
»Ich heiße Carl Scharnhorst, und mein Onkel am Bärfluß heißt Max Turner,« antwortete Carl.
»So komm mit mir in mein Lager, Carl, ich bin mit meinem Stamme auf dem Wege nach dem Bärfluß, und will Dich zu Deinem Onkel zurückbringen. Am Choctawbache habe ich viele Freunde, die ich in jedem Frühjahre besuche. Wo hast Du Dein Pferd?« nahm der Indianer wieder das Wort und legte liebkosend seine Hand auf die Schulter des Knaben.
»Dort hinauf, in jenem Felsen,« entgegnete Carl, nach der Höhe zeigend.
»In der Höhle dort oben? Ich habe schon manchen feisten Bären in ihr getödtet, sie ist ein Lieblingsaufenthalt der Petze. Lade Deine Büchse, ich will dem Hirsch schnell die Haut abnehmen,« sagte der Indianer, und kniete bei dem erlegten Thiere nieder, während Carl den Schuß in seinem Gewehr ersetzte.
»Du wirst nicht viel Wild mehr in diesem Walde angetroffen haben,« fuhr Leopard während seiner Arbeit fort, »wir haben über zweihundert Hirsche und Antilopen hier geschossen, denn wir fanden sehr viel Wild hier vor, als wir vor einem Monat hierherkamen, und das Feuer auf der Prairie trieb uns noch eine große Anzahl davon zu. Es ist gut, daß ich Dich getroffen habe, denn wir wollten morgen von hier aufbrechen. Schade nur, daß Du nicht früher hier warest; ein Jäger wie Du es bist, wäre mir sehr willkommen gewesen.«
In wenigen Minuten hatte der Indianer dem Hirsch die Haut abgenommen, denselben zerlegt und sich mit den beiden Keulen beladen, während er die Schulterblätter und den Rücken desselben zusammenband und Carl zu tragen gab. Darauf ergriff er seine lange einfache Büchse und schritt mit seinem jungen Gefährten den Felsen zu, die sie bald erreichten. Leopard kannte den Weg nach der Höhle sehr gut, und trat voran in dieselbe hinein. Der Rappe sprang entsetzt vor dem Indianer zurück, Carl aber beruhigte ihn, und während jener das Roß von allen Seiten betrachtete und seine Formen lobte, legte Carl demselben Sattel und Zeug auf und befestigte das mitgebrachte Wildpret an demselben. Nachdem er nun noch die Büffelhaut über den Sattel geworfen hatte, leitete er das Pferd aus der Höhle dem Indianer nach, welcher einen, Carl noch nicht bekannten Pfad zwischen den Felsen hinabschritt, auf welchem sie bald die frisch grüne Prairie erreichten. Leopard war verstummt und schien in Gedanken versunken, und Carl war im Geiste schon im Fort zurück, sah sich von seinen Lieben umarmt und hörte ihren Jubel, ihre Worte der Liebe. So schritten sie schweigend an dem Waldsaume hin, bis sie nach einer halben Stunde das Lager der Delawaren erreichten.
Carl erkannte dasselbe schon von Weitem an den Rauchsäulen, die zwischen den einzelnstehenden Eichen aufstiegen, und bald darauf an den vielen Pferden, welche theils in dem Schatten der Bäume, theils in der nahen Prairie weideten.
Das Lager selbst bestand aus einigen zwanzig Zelten, die aus Baumwollenzeug verfertigt und vermittelst hölzerner Stangen aufgestellt waren. Vor jedem Zelte brannte ein Feuer, an welchem man Indianerinnen beschäftigt sah, Speisen zu bereiten, während daneben junge kräftige Männer auf Büffelhäuten ruhten, oder ihre Waffen reinigten und in Stand setzten. Wo man hinblickte, sah man zum Trocknen ausgespannte Thierfelle an den Bäumen hängen, oft einige Dutzend derselben, die bis in die höchsten Aeste hinauf sich in dem Winde schaukelten.
Als Leopard mit seinem Gaste in das Lager schritt, erhoben sich die Männer und kamen ihm entgegen, um ihn zu begrüßen; denn er war der Häuptling dieses Stammes und zugleich erster Häuptling aller Delawaren, die aus zehn solcher Abtheilungen bestanden. Die ganze Nation zählte kaum noch einige Tausend Seelen, obgleich sie in früheren Jahren die mächtigste unter den Indianern dieses Welttheils war, und die östlichen Länder von der Chesapeakebay bis zu den großen Landseen im Norden als ihr Eigenthum beherrschte. Von den Weißen aus ihrer Heimath verdrängt, blieben die Delawaren denselben dennoch treu befreundet, und wanderten unter blutigen Kämpfen mit anderen Indianern weiter und weiter nach Westen, bis sie endlich an dem Kanzasflusse, westlich von Missouri, eine bleibende Stätte sich gegründet hatten, welches Land ihnen von der Regierung der Vereinigten Staaten als freies unantastbares Eigenthum überwiesen wurde. Dort hatten sie sich nun einer Art von Civilisation hingegeben, das heißt, sie gaben ihr Wanderleben auf, bauten sich Dörfer, trieben Viehzucht und pflanzten Mais. In diesen kleinen Niederlassungen wohnten nur die alten Leute, die größere Zahl der Frauen und die Kinder, während die jungen Männer mit nur wenigen Weibern beinahe Jahr aus Jahr ein der Jagd lebten, und im Frühjahr nach Norden bis in die Felsengebirge, und im Herbst nach Süden bis an die Ufer des Golfs von Mexico dem Wild folgten. Auf ihrer Durchreise hielten sie sich nur einige Wochen in ihren Niederlassungen auf, und nahmen dann abermals auf ein halbes Jahr Abschied von den Ihrigen. Die Delawaren standen aber auch in dem Dienst der Regierung der Vereinigten Staaten, und wurden von derselben zu Unterhandlungen und Vermittlungen mit den anderen Nationen der Indianer verwandt, wofür sie jährlich eine sehr bedeutende Summe Geldes baar ausbezahlt bekamen. Dies Freundschaftsverhältniß zu der Regierung war theilweise eine Ursache, weshalb die Delawaren bei den anderen Indianern in hohem Ansehen standen; der Hauptgrund lag aber in ihrer Persönlichkeit, in ihrem Charakter. Offenheit, Biederkeit und tiefes Gefühl für Freundschaft, aber auch unversöhnliche Rachsucht, Kühnheit und Tapferkeit bis zur Verzweiflung waren ihre vorherrschenden Eigenschaften. Auch die mächtigsten Nationen unter den Indianern wagten es nicht, zu Feindseligkeiten mit den Delawaren Veranlassung zu geben, und erkannten ihre große Ueberlegenheit als Krieger an. Die Delawaren waren sämmtlich vortreffliche Schützen, besaßen die besten Feuerwaffen, und waren ebenso gewandt zu Fuß, wie zu Pferde. Namentlich gegen die südlichen Indianer, welche mit den Weißen in noch keinerlei freundliche Beziehung getreten waren, und noch in ihrem ursprünglichen Naturzustande lebten, standen sie in großem Vortheile; denn jene führten durchaus keine Feuerwaffen, weil die Weißen ihnen dieselben nicht ausbesserten und ihnen keine Munition zukommen ließen.
Jetzt war Leopard mit seinem Stamme auf seiner Rückreise nach Norden, nachdem er mehrere Monate lang in diesen südlichen Ländern gejagt hatte, und wollte wieder einige Wochen bei den Seinigen am Kanzasflusse rasten, ehe er nach Norden zur Jagd aufbräche; denn der Frühling sollte ihm voranziehen und dort die Grasfluren mit frischem Grün schmücken. Der Häuptling übergab Carls Roß einer Indianerin, damit sie für dasselbe Sorge trage, und führte ihn selbst zu seinem Zelte, wo er ihn willkommen hieß und ihm seinen Schutz und seine Gastfreundschaft zusicherte. Er sprach, wie alle Delawaren, sehr gut englisch, rief aber nun in seiner Muttersprache die Männer aus dem Lager zusammen, und theilte ihnen mit, in welcher Weise er mit dem fremden Knaben bekannt geworden sei, woher derselbe stamme und daß er beabsichtige, ihn zu seiner Familie an den Bärfluß zurückzubringen. Die Mittheilung über Carls Tüchtigkeit als Jäger erwarb ihm bei den Indianern sofort Ansehen und sie betrachteten mit großer Bewunderung seine Waffen. Sie hatten sich zu ihm gesetzt und ließen seine Büchse von Hand zu Hand gehen, da ein Jeder von ihnen dieselbe in Augenschein nehmen wollte, als plötzlich ein großer Raubvogel über ihnen erschien und seine Kreise in der Luft beschrieb. Leopard sah Carl lächelnd und fragend an, und deutete auf den Vogel über sich, als ob er wünsche, daß sein junger Gast die Mittheilung wahr machen möchte, welche er seinen Leuten über dessen Geschicklichkeit im Schießen gegeben habe. Carl blickte nach dem Vogel hinauf, ergriff rasch die ihm hingereichte Büchse, zielte einen Augenblick nach dem über ihm schwebenden Falken und gab Feuer. Der Raubvogel aber ließ in demselben Augenblick seine Flügel sinken, und fiel unter dem lautesten Jubel und den Freudenrufen der Indianer aus der Luft herunter in das Gras. Der Häuptling schaute mit einem stolzen Blick durch die Versammlung und reichte dann Carl wie zum Danke die Hand, indem er sagte: »Warum mußtest Du auch unter den Weißen geboren werden und nicht unter den Delawaren? Du würdest ein großer Mann unter ihnen geworden sein. Hättest Du keine Freunde am Bärflusse, so sollten die Delawaren Deine besten Freunde werden.«
Nun folgten alle Indianer dem Beispiele ihres Häuptlings, reichten Carl die Hand, und ein Jeder von ihnen sagte dem Knaben, daß er sein Freund sei. Carl war ganz glücklich über die liebevolle Behandlung, die ihm zu Theil ward, und es freute ihn, daß er Daniels Mittheilungen über die Delawaren so treu bestätigt fand. Er wurde nun mit der größten Aufmerksamkeit bewirthet, es wurden ihm in der Asche gebackene Bärentatzen, geröstete Markknochen von Büffeln und gebratene Hirschleber vorgesetzt, und herrlicher klarer Honig dazu gereicht. Nach dem Essen lagerten sich die Indianer um ihn im Schatten der Bäume, und er mußte ihnen von Europa erzählen; denn er hatte dem Häuptling mitgetheilt, daß er nicht in Amerika geboren sei.
Er hatte unzählige Fragen zu beantworten, und Alles, was der Knabe sagte, wurde mit größter Aufmerksamkeit angehört. Abends aber nach dem Essen, als sie vor dem Zelte des Häuptlings beim Feuer lagen, bat Carl diesen, er möge ihm nun auch über die Geschichte seines Volkes Etwas erzählen, da ihn dies eben so sehr interessire, wie ihn Carls Mittheilungen über Europa. Der Häuptling schien sich durch diese Bitte geschmeichelt zu fühlen, setzte sich aufrecht und begann mit ernstem, feierlichen Tone die Größe seines Volkes in jener Zeit zu schildern, als dasselbe die Ufer der Chesapeakebay, des Susquehanna und der großen Landseen im Norden seine Heimath nannte, und sein Reich sich bis an die Küsten des Oceans erstreckte. Mit hinreißender Begeisterung pries er den damaligen unerschöpflichen Reichthum der endlosen Jagdgründe in dem Lande der Delawaren, schilderte die Schönheit der edlen Pferde und der auserlesenen Waffen, welche seine Vorfahren besessen hatten, und nannte mit Verehrung die gefeiertsten Krieger, deren Namen seit Jahrhunderten von Mund zu Mund, von Geschlecht zu Geschlecht in dem Andenken des Volkes fortgelebt hatten. Er sprach von der Macht der Delawaren, von ihrer Wahrheitsliebe, von ihrer Gastfreundschaft, von ihrer Tapferkeit und von den vielen glorreichen Siegen, die sie über ihre Feinde erkämpft hatten. Er redete mehrere Stunden lang, ohne von einem der Umsitzenden unterbrochen zu werden, und ebenso, wie alle übrigen Zuhörer, wurde auch Carl von der feierlichen Mittheilung über die vergangene Größe der Delawaren tief ergriffen. Mit einem Ausdruck der Wehmuth, der Trauer verstummte der Häuptling endlich, und saß eine Zeitlang, schweigend vor sich niedersehend, da, dann ergriff er die Hand Carls und sagte mit einem Blick zu dem sternbedeckten Himmel über sich: »Es ist der Wille des großen Geistes, daß die rothen Kinder den Weißen Platz auf dieser Erde machen sollen!«
Abermals versank er dann in stummes Nachdenken, welches, wie es schien, die übrigen Indianer als einen Wink des Häuptlings betrachteten, sich zu entfernen; denn sie erhoben sich sämmtlich und begaben sich nach ihren verschiedenen Zelten. Als nun der Häuptling noch allein mit Carl beim Feuer saß, wandte er sich zu ihm und sagte: »Du nanntest heute früh einen Neger den Freund Deines Onkels; ich will wünschen, daß Dein Onkel sich nicht von dem Neger bethören läßt; ein Mohr ist niemals ein Freund, ein Mohr redet mit doppelter Zunge, und sein Herz ist so schwarz wie seine Haut.«
»Dann macht unser Freund Daniel eine Ausnahme von der Regel, er ist uns ein wahrer, aufrichtiger und uneigennütziger Freund,« fiel ihm Carl schnell in die Rede, um auch nicht einen Augenblick länger einen so ungerechten Verdacht auf seinem Daniel zu lassen.
»Das läßt er Euch glauben, so lange, bis es ihm einen Vortheil bringt, Euch zu hintergehen,« fuhr der Häuptling fort.
»Nein, nein, Daniel ist und bleibt ewig unverändert unser treuer Freund und will uns niemals verlassen,« fiel Carl wieder ein; denn von dem ehrlichen Daniel sollte Niemand etwas Unrechtes sagen.
»Er wird so lange bei Euch bleiben, bis er anderswo glaubt, einen angenehmeren Aufenthalt zu finden. Auch bei mir lebte ein Neger, er hieß der schwarze Panther, und er war mein bester Jäger, so wie mein bester Krieger. Den schwarzen Panther fürchteten die Indianer von dem Golf von Mexiko bis hinauf zu den Felsengebirgen! Er wurde unter uns geboren, denn sein Vater und seine Mutter waren Sclaven meines Vaters. Ich habe den Knaben zuerst auf ein Pferd gesetzt, ich habe ihm die ersten Waffen in die Hände gegeben und ihn angewiesen, sie zu gebrauchen, und ich war es, der ihm das Kriegsgeschrei der Delawaren lehrte, welches später Keiner von uns Allen mit solcher Gewalt ertönen lassen konnte, wie der schwarze Panther. Er hat an meiner Seite geschlafen, gespeist, gejagt und gekämpft, und wo der Leopard und der schwarze Panther erschienen, da war ihnen der Sieg gewiß. Seine Eltern starben, ihre Gebeine ruhen bei denen meiner Väter, und der schwarze Panther wurde dem Leoparden untreu und verließ ihn, ohne Abschied von ihm zu nehmen. Er floh den Ansiedelungen der Weißen zu, ich folgte ihm, um ihm die Füße zu lähmen und ihn den wilden Thieren als Beute zu überlassen; die Füße des schwarzen Panthers aber waren schneller und leichter, als die des Leoparden, und er entkam unter die Weißen. Ich habe nie wieder von ihm gehört; ein Neger hat kein Herz für einen Freund, er hat nur ein Herz für sich selbst.«
Bei diesen Worten des Häuptlings verstummte Carl, es war ihm, als ob ihm der Athem genommen würde, denn die Worte Daniels fielen ihm ein, die derselbe dem fliehenden Waco-Indianer zugerufen hatte, ehe er ihn niederschoß: »Du hast wohl einmal vom schwarzen Panther gehört!«
Daniel war der schwarze Panther, darüber konnte Carl nicht mehr in Zweifel sein, und mit Angst und Schrecken dachte er daran, daß der Häuptling den Neger im Fort wiedersehen und ihm dann ein Leids zufügen würde. Er bereute es tief, daß er überhaupt von Daniel gesprochen hatte, weil Leopard gewiß nach ihm fragen würde, wenn sie das Fort erreichten; und Carl sann auf Mittel und Wege, ein Zusammentreffen des Indianers mit dem Neger zu verhindern. Der Häuptling unterhielt sich noch eine Zeitlang mit dem Knaben; als er aber dessen Wortkargheit bemerkte, glaubte er, derselbe sei müde und wünsche, sich zur Ruhe niederzulegen.
Er bat ihn daher, in sein Zelt einzutreten, und wies ihm dort ein Lager an, welches die Frauen für ihn aus weichen Thierhäuten bereitet hatten. Dann wünschte er ihm eine sanfte Ruhe, die ihn für die Reise, welche sie am folgenden Morgen antreten wollten, stärken möchte.
Vier Tage später saßen Turners Abends, als die Sonne sich neigte, in deren wohlthuendem Strahlenlichte an der Außenseite des Forts auf einer Bank, und Daniel hatte sich neben ihnen im Grase niedergelassen. Sie ruhten sich von der vollbrachten Tagesarbeit aus, und ließen ihre Blicke in trauerndem Andenken an den geliebten, für sie verlorenen Carl über die weite Grasflur wandern, auf welcher sie glaubten, daß der treue, brave Knabe seinen Opfertod gefunden habe. Sie hatten schon eine Zeitlang in spärlicher Unterhaltung dagesessen, immer wieder war Carl genannt worden, immer wieder war die Unterhaltung verstummt, und Madame Turner hatte wiederholt die Thränen heimlich weggewischt, die ihr in die Augen getreten waren, da richtete sich Daniel auf seiner linken Hand empor, und hielt die Rechte über die Augen, indem er in die flache Ferne schaute.
»Sollten das Büffel sein, die dort herangezogen kommen? Sehen Sie dort den schwarzen Strich über jenem Mosquitobaum nicht? Er bewegt sich – es sind wahrscheinlich Büffel. Wenn sie nahe herankommen, so will ich doch einen von ihnen schießen, wir können frisches Fleisch gebrauchen,« sagte der Neger, indem er wieder auf seinen Ellnbogen zurücksank und seinen Blick auf die Ferne geheftet hielt.
»Als Carl noch bei uns war, da hatten wir immer Ueberfluß an frischem Wildpret im Hause, seit seinem Scheiden scheint Alles bei uns die Thätigkeit verloren zu haben,« sagte Madame Turner, und abermals entfielen Thränen der Wehmuth ihren Augen.
»Ja wohl, die frohe, rege Thätigkeit hat uns verlassen; weiß der Himmel, ich mag die Büchse gar nicht mehr anrühren, denn immer sehe ich dann den lieben Carl wieder vor mir, und es ist mir, als ob mir das Herz zerreißen wollte,« sagte Daniel mit einem schweren schmerzlichen Athemzug, sprang aber plötzlich auf und rief: »Das sind keine Büffel, das ist ein Zug Indianer, sie kommen hierher.«
Mit diesen Worten rannte er in das Fort hinein und kehrte nach wenigen Augenblicken mit dem Fernglas in der Hand zurück. Er schaute nun durch dasselbe nach dem schwarzen Streifen hin, der jetzt deutlicher in seiner Bewegung am Horizont zu erkennen war.
»Das sind Indianer!« sagte er nach einer Weile mit einem Ton, der unverkennbar verrieth, daß ein Schreck den Neger ergriffen hatte.
»Es müssen viele Indianer sein, denn es ist ja ein langer Zug,« fiel Turner ein, der die Aufregung Daniels bemerkte, welcher unverwandt das Fernglas vor dem Auge hielt, ohne eine Sylbe zu erwiedern.
»Sollen wir nicht in das Fort gehen und unsere Waffen zur Hand nehmen?« fragte Turner mehr und mehr besorgt.
»Sie und die Ihrigen haben Nichts von jenen Indianern zu befürchten, es sind Delawaren, und die sind den Weißen in Freundschaft zugethan,« fuhr Daniel mit bebender Stimme fort und hielt immer noch das Fernglas vor das Auge. Plötzlich aber schlug er mit einem lauten Schrei die Arme auseinander und rief: »Carl – Carl, unser Carl – er lebt – er kommt – großer Gott – es ist Carl!« und Carl, Carl schrieen Turners und breiteten weinend und jauchzend ihre Arme nach der Ferne aus, wo der Reitertrupp schnell dem Blicke deutlicher wurde. Daniel aber war in dem Fort verschwunden und kehrte nach wenigen Minuten mit seinen Waffen in der Hand unter sichtbarlich gesteigerter Aufregung zu Turners zurück.
»Ich muß fort,« sagte er, heftig bewegt; »die Delawaren dürfen mich nicht sehen; sollten sie nach mir fragen, so sagen Sie, ich hätte Sie verlassen, um wieder auf See zu gehen.«
»Daniel, um Gottes willen, Daniel, Du wolltest uns verlassen – das ist unmöglich, Du darfst nicht fort – bester Daniel, bleibe bei uns – was soll ohne Dich aus uns werden!« riefen Turners durcheinander und schlangen ihre Arme um den Neger; doch dieser wand sich mit den Worten von ihnen los: »Ich muß fort, um Ihretwillen und um meiner selbst; wenn Carl nicht zu viel über mich geredet hat, so werden die Delawaren sich nicht lange aufhalten, und dann komme ich zu Ihnen zurück, ich bleibe im Walde. Sagen Sie nur dem Häuptling, wenn er nach mir fragt, ich sei wieder auf See gegangen.«
Mit diesen Worten sprang Daniel davon, eilte nach dem Kanoe, und verschwand bald darauf an der andern Seite des Flusses in dem Walde.
Turners standen sprachlos; das Glück und der Schmerz hatten sie gleich gewaltig ergriffen, und Thränen der Freude und des Leids füllten zugleich ihre Augen. Das Glück aber war für den Augenblick stärker; sie sahen den Reiterzug nahen, und mit ihm den todtgeglaubten Liebling ihres Herzens ihren Armen entgegeneilen. Näher und näher kamen die Reiter, schneller und stürmischer schlugen die Herzen der Turners, und sehnsüchtiger und verlangender breiteten sie die Arme nach dem geliebten Wiederkehrenden aus. Da sprengte von der Spitze der nahenden Schaar Carl Scharnhorst auf seinem Rappenhengst heran über das wogende Gras, und sauste unter jauchzenden Freudenrufen am Hügel herauf seinen Lieben zu. Er warf sich vom Pferde und Turners in die Arme. Es war ein Augenblick höchster Seligkeit, welche die Wiedervereinten überwältigend durchbebte, die keine Worte, die nur Thränen, heiße Freudenthränen hatten, um ihren Gefühlen Ausdruck zu geben, ihren übervollen Herzen Luft zu machen.
»Wo ist Daniel?« rief Carl plötzlich, wie aus einem Rausche erwachend, und blickte sich erschrocken nach den Indianern um, die jetzt den Fuß der Höhe erreicht hatten und von ihren Pferden stiegen.
»Er ist fort, in den Wald; wir sollen sagen, er sei wieder auf See gegangen,« antwortete Turner rasch.
»Gottlob, dann wird Alles gut gehen!« sagte Carl und wandte sich schnell dem Häuptling zu, der jetzt auf der Höhe mit feierlichem Ernst herangeschritten kam. Carl ergriff seine Hand und führte ihn zu den Seinigen, indem er ihn denselben als seinen liebevollen hülfreichen Freund vorstellte. Turners hießen den Indianer mit so stürmischer Herzlichkeit willkommen, daß derselbe tief ergriffen ward, und mit augenscheinlicher Freude die Danksagungen, die Liebkosungen der beglückten Familie hinnahm. Sie ließen ihm kaum Zeit, seinen Leuten zuzurufen, daß sie weiter am Fluß hinauf ihr Lager aufschlagen möchten, und zogen ihn, von ihren Armen umschlungen, in das Fort hinein, um ihm dort wieder und wieder ihre Dankgefühle darzuthun.
Dem Häuptling waren solche stürmische Ausdrücke menschlicher Gefühle eben so fremd wie überraschend, denn der Indianer zeigt niemals in seiner äußern Erscheinung, was in seinem Innern vorgeht; im höchsten Schmerz, im höchsten Glück liegt dieselbe stolze Ruhe auf seinen Zügen. Diese Kundgebungen der Freude und der Dankbarkeit Turners aber rissen ihn aus seiner äußern Theilnahmlosigkeit, seine Züge erheiterten sich, Freude, herzinnige Freude strahlte aus seinen Blicken, – und immer wieder drückte er Turner und dessen Gattin die Hände, und nahm die Kinder in seine Arme. Es dauerte lange, ehe der Sturm des unverhofften Glücks der Wiedervereinten verwogte; dann aber mußte Carl ausführliche Mittheilung über seine Schicksale und über seine Rettung machen. Alle lauschten seiner Erzählung mit der größten Theilnahme, manches »Gottlob« drang von den Lippen der Hörer, manch dankbarer Blick wurde von ihnen zum Himmel gesandt, und manche Thräne entfiel ihren Augen. Als er seinen Bericht aber beendet hatte, da ging der Knabe abermals aus einer Umarmung in die andere, und der Häuptling wiederholte die Worte: »Warum mußtest Du unter den Weißen, und nicht unter den Delawaren geboren werden!«
Bis jetzt war des Negers noch nicht erwähnt worden und Turners vermieden absichtlich jedes Wort, welches das Gespräch hätte auf denselben lenken können. Madame Turner und Julie entfernten sich, um ihren Gast auf das Beste zu bewirthen, und Turner und Carl unterhielten ihn, indem sie ihm ihre sämmtlichen Waffen zeigten, und ihm deren Vorzüge vor den, in diesem Lande gewöhnlich benutzten langen einfachen Büchsen auseindersetzten. Das Abendessen war für diese Wildniß ein ausgezeichnetes zu nennen. Madame Turner hatte dabei alle ihre Kochkunst aufgeboten und das Beste ihrer Vorräthe dazu verwandt. Auch war das gute Porzellan dabei aufgetragen, alles Silberzeug auf den Tisch gebracht und derselbe herrlich mit Blumen geschmückt. Dem Häuptling entging es nicht, daß Alles dies nur ihm zu Ehren geschah; denn er war schon oft von Grenzansiedlern bewirthet worden, wo es immer viel einfacher hergegangen war.
Die Aufmerksamkeiten und Herzlichkeiten Turners machten ihm Freude und er meinte, daß die Europäer mehr Gefühl für Freundschaft und Dankbarkeit hätten, als die Amerikaner.
Nach dem Abendessen, als er mit der Familie bei dem Kaminfeuer saß und so, wie Turner eine Cigarre rauchte, fiel ihm der Neger wieder ein, und er fragte halb verwundert, weßhalb derselbe sich noch nicht gezeigt habe, da er doch ein so guter Freund der Familie sein solle. Turner entgegnete ihm etwas verlegen, daß der Schwarze ihn vor Kurzem verlassen habe, um wieder auf See zugehen, weil ihm dort ein besserer Verdienst zu Theil werde.
Der Häuptling sah Carl mit einem triumphirenden Blick an, und sagte: »Glaubst Du nun noch an die Freundschaft eines Negers, junger Mann? Dein geliebter Daniel ist ein eben solcher Freund gewesen, wie mein schwarzer Panther; auch sein Herz ist so schwarz wie seine Haut.«
Carl gab dem Indianer keine Antwort, was dieser für Anerkennung seiner ausgesprochenen Ansicht hielt und darauf das Gespräch auf einen andern Gegenstand lenkte.
Der Abend verstrich in traulicher Unterhaltung und ehe der Häuptling dann von dem für ihn bereit gehaltenen Ruhelager auf Daniels Bett Gebrauch machte, begab er sich nach seinen Leuten, um ihnen zu sagen, daß er bei seinen weißen Freunden schlafen werde.
Am folgenden Morgen hatte Madame Turner schon sehr zeitig das Frühstück bereitet, weil ihr Gast mit Sonnenaufgang seine Weiterreise antreten wollte. Nach beendigtem Mahle wurde dem Häuptling sein Pferd vor das Fort gebracht, er nahm einen herzlichen Abschied von seinen Freunden, versprach, im nächsten Herbst sie wieder zu besuchen, und bemerkte dabei, daß Carl ihn dann auf einige Wochen begleiten und mit ihm jagen müsse. Der Knabe geleitete ihn darauf zu seinem Lager, und brachte die Indianer bis zu dem Weg, welcher durch den Wald nach dem Choctawbache führte, damit seine Freunde mit weniger Schwierigkeiten das Holz durchreiten könnten. Nochmals versprach er hier dem Häuptling, im Herbst mit ihm zu jagen, und sah mit erleichtertem Herzen die Delawaren dahinziehen, weil er die Minute kaum erwarten konnte, wo er Daniel in die Arme fallen würde.
Der Neger hatte aber aus dem Dickicht des Waldes die Bewegungen der Indianer beobachtet, war, als er sie den Weg nach dem Choctawbache einschlagen sah, mit fliegender Eile durch den Wald nach dessen anderer Seite gerannt, und hatte den Saum erreicht, als die Delawaren schon in der Prairie jenseits angelangt waren. Er kletterte schnell auf einen der höchsten Bäume, um ihnen von dort aus weit hin mit dem Blicke folgen zu können, und als er sie endlich in der blauen Ferne verschwinden sah, da ließ er sich rasch auf die Erde nieder, und rannte nun, von der Sehnsucht seines treuen Herzens getrieben, nach dem Fort, um seinen geliebten jungen Freund wieder zu sehen. Kaum hatte er den Fleck an dem Ufer des Flusses erreicht, wo er unter überhängenden dichten Laubmassen das Kanoe verborgen hatte und dasselbe in den Strom hinein gerudert, als Carl von dem Fort hergesprungen kam, und ihm jubelnd und jauchzend entgegen eilte. Das Glück der Beiden, als sie sich in die Arme fielen, kannte keine Grenzen, und »mein Daniel, mein Carl!« war Alles, was sie hervorstammeln konnten.
Der Neger ging nun mit Carl Arm in Arm nach dem Fort zurück, wo er mit großer Freude von Turners empfangen wurde, und wo er ihnen nun mittheilte, daß er der schwarze Panther sei, der vor einer Reihe von Jahren dem Häuptling entsprungen war. Er gestand es ein, daß derselbe ihn gut und liebevoll behandelt habe, stellte aber ein jedes Unrecht, welches man in seiner Flucht finden möchte, in Abrede, da seine beiden Eltern freie Neger gewesen und von den Delawaren gewaltsam zu Sclaven gemacht waren. Sie hatten an der Indianergrenze sich eine Niederlassung gegründet, waren dort von dem Vater Leopards überfallen und fortgeführt worden. An ihm, sagte Daniel, hätten sie demnach kein Eigenthumsrecht, wenn es überhaupt ein Recht gebe, einen Menschen als Eigenthum zu besitzen, und er fühle sich durchaus frei davon, ein Unrecht gegen Leopard begangen zu haben.
Turner fragte den Neger nun, was denn der Häuptling mit ihm thun würde, wenn er ihn wieder in seine Gewalt bekäme; worauf Daniel erwiederte, daß derselbe ihn in einer grausamen Weise umbringen würde, da die Rache eines Indianers nur mit dem Tode seines Feindes ende.
»Wenn der Häuptling aber Deinen Werth in Geld ausgezahlt bekäme, würde er Dich dann nicht verkaufen?« fragte Turner.
»An Geld ist dem Indianer Nichts gelegen, weil er Alles besitzt, wonach seine Wünsche trachten. Außerdem opfert er auch Alles seiner Rache,« entgegnete der Neger, und wies alle Anerbietungen Turners, ihm sein ganzes baares Geld zur Verfügung zu stellen, als nutzlos zurück. Er suchte aber zugleich seine Freunde zu beruhigen, indem er ihnen auseinandersetzte, daß ihm keine große Gefahr drohe, da die Delawaren nur im Frühjahr und im Herbst diese Gegend besuchten, und er selbst sich dann vor ihnen leicht verborgen halten könne. Andern Indianern sagte er, wäre er nicht so genau bekannt, und so könnten die Delawaren auch nicht erfahren, daß er der schwarze Panther sei, und sich hier aufhalte.
Der Tag verstrich in dem Glücke, welches mit Carl unter die Ansiedler zurückgekehrt war, und als der Abend kam, verließ Daniel das Fort, um in dem Walde zu übernachten, wo er überhaupt verweilen wollte, bis die Delawaren sich aus der Gegend entfernt haben würden. Er nahm einige Häute und Kochgeschirr mit sich, um sich eine Art von Wohnung im Walde einzurichten. Carl begleitete ihn, um ihm dabei behülflich zu sein, und den Platz seines Aufenthaltes zu kennen.
Der Knabe kehrte spät nach dem Fort zurück, und die Besorgniß um den Sieger minderte sich, als er die Nachricht brachte, wie derselbe sich gut versteckt habe, und sicher Niemand ihn auffinden könne. Am folgenden Morgen besuchte er seinen Freund wieder, brachte ihm Brod und andere Lebensmittel, und Tags darauf ritt er frühzeitig nach dem Choctawbache, um Erkundigungen über die Delawaren einzuziehen.
Bei Warwicks, in deren Nähe dieselben gelagert hatten, wurde Carl mit großem Jubel bewillkommnet; sie hatten schon durch die Indianer von seiner Rettung gehört und wußten es ihm besonders großen Dank, daß er nun selbst gekommen war, um sich ihnen zu zeigen. Die Delawaren hatten schon früh am Morgen ihr Lager abgebrochen und waren dem rothen Flusse zugeritten, um sich nach ihrer Ansiedelung am Kanzasstrome zu begeben.
Ungeachtet dieser erfreulichen Nachricht, die Carl seinem Freunde überbrachte, verweilte derselbe noch einige Wochen in dem Walde, da er sagte, einem Indianer dürfe man nie trauen; dann aber kehrte er in das Fort zurück, und die Besorgniß wegen der Sicherheit Daniels wurde bald vergessen.
Das Frühjahr hatte seinen ganzen Schmuck, seine ganze Pracht über Wald und Prairie ausgebreitet, und die bunte Blumenflur prangte in dem frischen Grün der Bäume und der Büsche, so wie in dem saftigen, üppigen jungen Grase. Aus dem glänzenden dunkeln Laube der Magnolien, die sich zwischen den Riesenbäumen des Waldes zum Himmel erhoben, glänzten deren alabasterweiße Blüthen wie kolossale Rosen hervor, die Tulpenbäume waren mit goldigen Blumen übersäet, der Hundeholzbaum streckte seine großen weißen Sternblüthen gegen den blauen Himmel, die Bignonie trug ihre blaßrothen Blüthenfackeln zur Schau, die Jucka hielt den dreißig Fuß langen, mit schneeigen Glocken behangenen Blüthenstengel über ihrer Stachelkrone empor, und in tausendfältigem Farbenspiel schlangen sich die blühenden Lianen von Ast zu Ast, von Wipfel zu Wipfel, und wehten wie bunte Guirlanden in der lieblich duftenden Frühlingsluft, die über die Blumenfelder der unabsehbaren Prairie gezogen kam. Der Spottvogel, der Cardinal, der Blauvogel sangen in dem schattigen Dunkel des Waldes ihre süßen Lieder, der Kolibri summte von Blüthenkelch zu Blüthenkelch, und das glänzend bunte Gefieder der Papageien blitzte und funkelte durch die reichen üppigen Laubmassen. Alles sollte neues reges Leben empfangen, und auch die Ansiedler waren von frischer Thätigkeit beseelt; denn die Arbeit gedieh unter ihren fleißigen Händen und versprach ihnen eine reiche sorgenlose Zukunft. Das Feld prangte in größter Ueppigkeit, der Garten bot ihnen Ueberfluß und der Viehstand vermehrte sich schnell. An die Gefahren, welche ihnen von Seiten der Indianer drohten, hatten sie sich gewöhnt, und dadurch hatten dieselben für sie das Fürchterliche verloren, ja, sie würden sie ganz vergessen haben, hätte nicht der vorsichtige Freund Daniel sie immer wieder daran erinnert und bei jeder Gelegenheit sie ermahnt, auf ihrer Hut zu sein. Er sorgte dafür, daß Abends die Pferde immer zeitig in das Fort gebracht wurden, daß dessen Thor immer gut und fest verschlossen ward, daß man die Hunde hinaussperrte, und daß die Waffen stets zum augenblicklichen Gebrauch in gutem Stand blieben. Auch ließ er die drei Knaben oft nach einem Ziel schießen, und hatte stets für den besten Schuß ein Geschenk zu geben, welches dann in einem Pulvermaß, einem Kugelbeutel, einer Angel, oder einer ähnlichen kleinen Arbeit seiner eigenen Hände bestand. Die Ruhe im Fort blieb jedoch ungestört, und die Ansiedler hätten jetzt ihr stilles Glück nicht mehr für alle Freuden in der großen Welt vertauscht.
Der Wald bot nun auch in den süßen überreifen Maulbeeren seine ersten Früchte, und Daniel ging regelmäßig, wenn der Abend kam, mit den Kindern über den Fluß und sammelte mit ihnen einen Korb voll dieser köstlichen Beeren.
Madame Turner brachte dieselben dann beim Abendbrod auf den Tisch, gab herrliche kühle Milch dazu und Alle labten sich dann an dem Gericht nach Herzenslust.
Es war eines Abends spät geworden, ehe Daniel mit seinen jungen Freunden aus dem Walde zurückkehrte, denn sie hatten dies Mal viele Maulbeeren gesammelt, weil Madame Turner den Kindern versprochen hatte, Fruchtkuchen davon zu backen. Turner hatte bereits die Pferde getränkt und in das Fort gebracht, als Daniel mit den Knaben dort anlangte; das Thor wurde geschlossen, die Hunde hinausgesperrt, und bald saßen die Ansiedler in traulichem Kreise um den großen Tisch, und erfreuten sich an dem einfachen guten Mahle, welches Julie aufgetragen hatte. Dann holte ein Jeder von ihnen seine Arbeit herbei; Carl mußte wieder erzählen, wie er unter den Wurzeln des Mosquitobaumes gesessen hatte, als die fliehenden Thierschaaren bei ihm vorüberbrausten und das Feuermeer über ihn hinzog; hundert Fragen mußte er beantworten, und bald wurde er bedauert, bald wurde über ihn gelacht, wobei er dann immer von ganzem Herzen mit einstimmte. Der Abend verstrich in der heitersten Stimmung und es war später als gewöhnlich geworden, ehe die Ansiedler ihr Lager aufsuchten und sich einem sorglosen Schlafe hingaben.
Friedliche Ruhe lag auf dem Fort, die Pferde hatten sich in ihren Ställen auf dem Boden hingestreckt, und Pluto lag regungslos in dem Hofe. Es war Mitternacht, als Daniel durch das ziemlich ferne Gebell der Hunde außerhalb des Forts geweckt wurde. Er richtete sich auf seinem Lager auf und lauschte dem Lärm, welcher schnell näher und näher kam. Die Hunde wichen unverkennbar vor einem Feinde zurück, und ihr Gebell wurde mit jedem Augenblick heftiger und wüthender. Jetzt klagte und heulte einer derselben laut, und alle hatten bald darauf die Pallisaden erreicht, wo nun Pluto aus dem Innern des Forts mit seiner tiefen Baßstimme in ihren rasenden Lärm mit einstimmte. Der Neger sprang aus dem Bette und wollte Carl wecken, doch dieser war auch schon auf den Füßen und fragte:
»Was mögen die Hunde vorhaben?«
»Es müssen Indianer sein, die sie zurücktrieben, ich hörte das Bellen der Hunde schon weit in der Prairie. Nur schnell in die Kleider und zu den Waffen, ich will Herrn Turner wecken!«
Mit diesen Worten sprang Daniel nach Turners Zimmer und wollte an die Thür klopfen, als dieser ihm schon entgegentrat und bestürzt sagte:
»Ich glaube, es sind Indianer vor dem Fort, nur schnell mit den Waffen in den Hof, ehe sie die Pallisaden übersteigen, es ist draußen so finster, daß man keine Hand vor Augen sehen kann.«
»Ich will es bald hell machen, eilen Sie, nehmen Sie die Schrotgewehre, Arnold und Wilhelm müssen helfen!« rief der Neger, und sprang in den Hof hinaus, wo es so dunkel war, daß man kaum die Spitzen der Pallisaden gegen den Himmel erkennen konnte. Dort traf er Carl, der mit der Schrotflinte in der Hand, der Doppelbüchse über der Schulter und den Revolvern im Gürtel nach der Höhe der Pallisaden spähete, während Pluto mit wüthendem Gebell an denselben auf und niederrannte.
»Geben Sie Acht, junger Herr, daß keiner der Wilden übersteigt, ich will schnell die Feuer anzünden und dann gehen Sie in jenen Thurm,« rief Daniel, eilte zu dem einen der früher erbauten Galgen, und füllte den Eisenkorb mit Kienspänen. In diesem Augenblick sprang Pluto mit rasender Wuth an der andern Holzwand in die Höhe, und über derselben erschien eine dunkle menschliche Gestalt.
»Carl, Carl, dort, sehen Sie!« schrie der Neger, als er den Indianer auf den Pallisaden erblickte; da blitzte es aber schon aus Carls Flinte, und der Wilde verschwand mit einem gellenden Schrei. Der Krach des Gewehrs und der Schrei des Indianers aber wurden von einem höllischen Zetergeheul außerhalb des Forts beantwortet, als würde es von hundert Kehlen angestimmt.
Nun loderten die Flammen des angezündeten Kienholzes aus dem Eisenkorbe auf, und im nächsten Augenblick hatte Daniel denselben emporgezogen, so daß der Hof und die Umgebung des Forts blendend erhellt waren. Ein noch stürmerisches Geschrei erschallte jetzt außerhalb der Festung, und Carl, der in einen der Vorbaue gesprungen war und durch eine Schießöffnung blickte, sah, wie die Indianer in verworrenen Haufen in wilder Flucht den Hügel hinabrannten.
»Das haben sie nicht erwartet!« rief Daniel, indem er sich beeilte, den zweiten Eisenkorb mit Holz zu füllen und anzuzünden. »Sie haben einen Schrecken bekommen, werden aber doch bald zurückkehren.«
Auch der zweite Korb schwang sich nun mit seiner Feuergluth über die Pallisaden, und Turner trat mit Arnold und Wilhelm in den Vorbau daneben, während Daniel sich zu Carl in die andere Ecke der vordern Holzwand begab. Die Wilden hatten sich außer Schußweite von dem Fort in dem hohen Grase gesammelt, und die Belagerten erkannten zu ihrem Schrecken, daß die Zahl ihrer Feinde über hundert betragen mußte. Daniel aber ermuthigte seine Gefährten und versicherte sie, daß sie die Wilden sicher von dem Fort zurückhalten würden, wenn sie tüchtig mit Schrot unter sie schössen, denn so viele Kugeln in einem Schusse sei ihnen etwas Neues und würde sie mit Entsetzen davon jagen. Er benutzte den Augenblick, um sämmtliche Gewehre aus dem Hause zu holen und noch Vorrath von Pulver und Schrot herbeizuschaffen. Nachdem er Waffen und Munition vertheilt, trat er wieder zu Carl und schaute nach den Indianern hinaus.
»Sie berathen sich, auf welche Weise sie stürmen wollen,« sagte er zu Carl. »Es sind Reiterindianer, denn dort etwas weiter in der Tiefe sehe ich ihre Pferde. Jetzt laufen sie zu denselben hin; was mögen sie vorhaben?«
Wirklich waren sämmtliche Wilde zu ihren Pferden geeilt, doch konnten die Belagerten nicht erkennen, was sie dort vornahmen. Bald darauf aber sollte es ihnen klar werden, denn sie sahen die Feinde jetzt mit ihren Lasso's in den Händen heranschreiten, während sie Bogen und Pfeile in dem Köcher über den Schultern und die Streitaxt im Gürtel um den Leib trugen.
»Sie haben ihre Lasso's geholt, um dieselben über die Spitzen der Pallisaden zu werfen und daran in die Höhe zu klettern. Sie wollen stürmen. Schießen Sie immer in den dichtesten Haufen, dann wirkt das Schrot besser,« rief Daniel seinen Kameraden zu, während die Indianer sich in drei Abtheilungen sonderten. Plötzlich stimmte einer von ihnen den Kriegsgesang an und Alle ließen nun ein furchtbares Geheul ertönen.
»Das ist das Kriegsgeschrei der Comantschen; geben Sie Acht und schießen Sie nicht fehl!« rief Daniel laut aus und sagte dann zu Carl: »Schießen Sie immer dahin, wo Viele zusammen sind, und nicht zu nahe, damit das Schrot sich auseinander breitet.«
Die Wilden kamen in drei Haufen mit einem betäubenden Zetergeschrei wie im Sturmwind herangesaust, und hatten in wenigen Augenblicken die Pallisaden bis auf vierzig Schritt erreicht, da krachte es aus den Schießscharten, und das tödtliche Blei fuhr aus den Gewehren der Ansiedler tausendfach in die nackten Körper der Indianer, daß dieselben in wilder Verwirrung durcheinander stürzten. Sie wichen aber nicht zurück, sie warfen ihre Lasso's über die Spitzen der Pallisaden und kletterten an den Stricken in die Höhe. Das mörderische Feuer aber, welches aus beiden Vorbauen der Festung auf sie unterhalten wurde, stürzte die Meisten zu Boden, und nur dreien von ihnen gelang es, unverwundet in das Fort herabzuspringen. Kaum aber berührten sie die Erde, als Pluto einen derselben niederriß und Carl den Wilden mit dem Revolver erschoß, in dem Augenblick, als derselbe die Streitaxt gegen den Hund erhob, Turner den zweiten mit einem Büchsenschusse tödtete, und Daniel sich mit dem Messer in der Hand auf den dritten warf und mit ihm zu Boden stürzte. Es war nur ein Kampf weniger Sekunden, dann sprang der Neger von seinem getödteten Gegner auf und eilte zu Carl zurück, um wieder durch die Schießscharte zu blicken. Die Indianer waren geflohen und sammelten sich abermals außer Schußweite, während viele Verwundete vor den Pallisaden sich heulend im Grase wanden und Todte hier und dort umherlagen. Jetzt sprang Daniel aus dem Vorbau durch den Hof nach der hintern Seite des Forts und ließ die Leiter auf den Felsen in den Fluß hinab, indem er seinen Gefährten zurief: »Schnell, schnell, retten Sie sich in den Wald, Madame Turner, Julie, schnell, schnell, ehe es zu spät wird!«
Madame Turner und Julie waren bleich und bebend aus dem Hause getreten, und wie von einer höhern Macht getrieben, folgten Alle der Aufforderung des Negers. Turner stieg zuerst auf den Felsen hinab, ihm folgte seine Gattin, dann kamen ihre Kinder, und Carl stand noch zögernd an der Leiter, indem er die Hand des Negers ergriff, und sagte: »Du gehst mit uns, Daniel?«
»Nein, nein, ich bleibe, es giebt noch ein Mittel, die Niederlassung zu retten. Fort, fort, führen Sie die Ihrigen durch den Wald und eilen Sie nach Warwicks; der Allmächtige wird Sie in seinen Schutz nehmen!«
Mit diesen Worten drängte der treue schwarze Freund seinen Liebling Carl auf die Leiter und auch dieser erreichte den Felsen. Turner sprang nun mit den Anderen in das Kanoe und ruderte an das jenseitige Ufer. Der Neger ergriff dann seine Doppelbüchse, öffnete schnell das Thor und stürzte nun hinaus vor das Fort, wo er im hellen Scheine des Feuerlichtes sich im Angesichte der noch berathenden Indianer aufstellte.
»Kennt Ihr den schwarzen Panther der Delawaren?« schrie er mit donnernder Stimme den Comantschen zu, und schwang seine Axt hoch über sich durch die Luft, daß ihr blanker Stahl in dem Feuerschein blitzte. »Wer von Euch will den Scalp eines Delawaren erbeuten? So viele Haare, wie derselbe enthält, so viele Scalpe der Comantschen werden die Delawaren als Zahlung dafür nehmen. Kommt heran, wenn Ihr den schwarzen Panther besiegen wollt, bringt aber Eure besten Waffen mit!«
Nun stimmte der Neger das furchtbare Kriegsgeschrei der Delawaren an und tanzte, seine Waffen über sich schwingend, nach dieser Schreckensmelodie deren Kriegstanz.
Die Ueberraschung und zugleich der Schreck der Wilden war augenscheinlich groß, denn sie standen unbeweglich und stierten nach dem schwarzen Delawaren hinauf, auf dem das Licht des lodernden Kienholzes flackerte; nicht lange aber besannen sie sich, denn sie beredeten sich nur wenige Minuten, warfen dann ihre Waffen von sich und kamen, die Arme auf der Brust gekreuzt, auf Daniel zugeschritten. Der Häuptling nahm das Wort und sagte:
»Die Comantschen sind Freunde der Delawaren und Freunde des schwarzen Panthers. Sie wußten nicht, daß ein Delaware unter diesen Bleichgesichtern lebte, sonst würden sie nicht nach deren Leben getrachtet haben. Laß uns unsere gefallenen Brüder mit uns nehmen und lösche Deine Feuer aus; Du kannst ruhig schlafen!«
Dabei reichte er Daniel die Hand, machte dann nochmals das Zeichen der Freundschaft, und winkte seinen Leuten zu, die Todten und Verwundeten fortzuschaffen. Der Neger theilte ihm mit, daß noch drei Todte in dem Fort lägen und ging, von einer Anzahl Wilden gefolgt, in dasselbe hinein, welche die Erschlagenen davon trugen. Nach Verlauf von einer Stunde waren die Comantschen verschwunden und die Feuer in den Körben waren erloschen.
Daniel saß in dem Zimmer an dem großen Tische und vor ihm brannte eine düstere Lampe. Er hatte seine Stirn in seine Hand gelegt und dachte an die Folgen dieser Nacht. Es war kein Zweifel darüber, daß binnen ganz kurzer Zeit die Delawaren von seinem Hiersein unterrichtet werden und sofort hier erscheinen würden, um seiner habhaft zu werden. Was sollte er thun? flüchtete er sich von hier, so mußten Turners mit ihrem Leben, oder wenn sie entkamen, mit ihrem Eigenthum dafür büßen, denn die Delawaren würden die ganze Niederlassung zerstören. Er würde dann die Ansiedelung aus den Händen der Comantschen gerettet haben, um ihre Vernichtung den Delawaren zu überlassen. Blieb er hier und überlieferte sich dem Leopard, so wußte er, daß ein schrecklicher Martertod seiner erbarmungslos harrte. Er saß lange Zeit regungslos an dem Tische und dachte an die Zukunft seiner Freunde, und der bleiche Schimmer des nahenden Tages stahl sich durch die Thür herein, als er aufstand und hinausging, um die Pferde in das Gras zu binden. – Er hatte beschlossen, hier zu bleiben, und sich den Delawaren zu überliefern.
Nachdem er die Pferde in die Weide geführt hatte, brachte er Alles im Fort wieder in Ordnung, was während der Verwirrung in der Nacht in Unordnung gerathen war; er reinigte die Gewehre, lud sie wieder, hing sie in Turners Zimmer an der Wand auf und verbrachte den Tag mit Arbeit im Fort und im Garten. Daß seine Freunde glücklich die Niederlassung am Choctawbache erreicht hatten, darüber war er beruhigt, denn Carl war ja bei ihnen, und er war überzeugt, daß sofort alle Männer von dort hierhereilen würden, um die Indianer zu vertreiben. So geschah es denn auch. Noch stand die Sonne hoch am westlichen Himmel, als eine Schaar von vierzig Reitern mit dem alten Warwick an ihrer Spitze aus dem Walde hervorgesprengt kam und zu dem Fort heraufjagte.
Auch Turner und Carl befanden sich unter ihnen, und ihr Erstaunen war groß, als Daniel aus dem Fort hervortrat und ihnen mittheilte, daß die Comantschen in Frieden abgezogen seien. Auf die Frage, wie dies möglich und was sie dazu bewogen habe, sagte der Neger, er sei zu ihnen hinausgegangen und habe mit ihnen geredet und ihnen gesagt, daß die Männer am Choctawbache bald hier sein und sie verfolgen würden, so weit sie ihre Pferde tragen könnten. Wenn nun diese Mittheilung Warwicks und seinen Gefährten auch räthselhaft und unglaublich erschien, so war es doch Thatsache, daß Alles in und um das Fort sich unversehrt fand, und daß die Wilden sich entfernt hatten.
Preis und Lob wurde über den treuen Neger ausgesprochen und Warwick meinte, daß Daniel im Besitze eines Zaubermittels sein müsse, durch welches er die Rothhäute gebändigt habe. Die Männer vom Choctawbache traten bald darauf ihren Heimweg wieder an und mit ihnen Warwicks beide Söhne, der Alte aber wollte hier bleiben, bis am folgenden Tage Madame Turner mit ihren Kindern hierher zurückgekehrt sein würde.
Carl hatte in der Nacht die Seinigen glücklich durch den Wald geführt und hatte mit ihnen erst gegen Mittag die Niederlassung Warwicks erreicht, denn das Gehen in dem hohen Grase der Prairie war Madame Turner und den Kindern sehr mühsam geworden. Nur die Angst und das Entsetzen vor den Wilden hatte es ihnen überhaupt möglich gemacht, den Weg ohne Aufenthalt zurückzulegen, und zu Tode erschöpft waren sie bei ihren theilnehmenden Freunden angelangt. Die beiden Söhne Warwicks sollten ihnen nun die frohe Kunde bringen, daß alle Gefahr vorüber sei und sie dann am folgenden Tage zu Pferde nach dem Fort zurückgeleiten. Carl ritt ihnen am nächsten Morgen entgegen und langte dann auch noch vor der Mittagszeit mit ihnen wohlbehalten zu Hause an. Madame Turner rief allen Segen des Himmels auf den treuen Daniel herab und ihre Danksagungen wollten kein Ende nehmen. Der alte Warwick frohlockte über das Ereigniß, welches Turners unter so großer Gefahr glücklich überstanden hatten; denn er meinte, daß sie nun, nachdem die Comantschen, die mächtigsten Indianer dieses Landes, ihren Angriff aufgegeben hätten, vor allen übrigen Wilden sicher wären und weissagte ihnen nun ungestörten Frieden in ihrem Eigenthum. Seine langjährige Erfahrung, seine genaue Bekanntschaft mit dem Thun und Lassen der Indianer und seine zuversichtlichen Worte flößten Turners Vertrauen ein und beruhigten ihre Gemüther, denn immer noch klangen die Schreckenstöne der Wilden durch ihre Seelen. Der biedere alte Freund scherzte und lachte über die einzelnen Scenen in jener Nacht, und that Alles, um die erschreckten Herzen der Ansiedler aufzuheitern. Er verweilte bei ihnen, bis die Sonne sich neigte, sagte ihnen dann ein herzliches Lebewohl, versprach bald wieder zu kommen, und trat dann mit seinen beiden Söhnen den Heimritt an.
Die sorglose Ruhe, der glückliche Friede, welche bisher die Ansiedler umgeben hatten, waren aber tief erschüttert, und mit Bangen und Zagen sahen sie jetzt immer die Nacht hereinbrechen. Daniel that sein Möglichstes, ruhig und sorglos zu erscheinen, um seinen Freunden Muth zu geben und vor ihnen seinen eignen Seelenkampf zu verbergen, der ihm, wo er ging, wo er stand, sein unvermeidliches furchtbares Ende vorspiegelte. Tage verstrichen aber, und Wochen eilten dahin, ohne daß die Ruhe im Fort abermals gestört worden wäre, und dem Frühling mit seinen tausend Schönheiten, seinen zahllosen Reizen gelang es, die Herzen der Bedrängten wieder zu ermuthigen, zu erfreuen. Die ganze Natur war ja heiter und festlich gestimmt, es war ja kaum möglich, an etwas Trauriges, etwas Schreckliches zu denken, denn das Bild eines ewigen Friedens umgab die Niederlassung. Bei Turners zog nach und nach das frühere Glück, die frühere heitere Zuversicht in ihre Zukunft wieder ein; aber im Herzen Daniels wurde es von Tag zu Tag trüber, und mit Bangen schloß er Abends das Fort, mit Bangen blickte er Morgens über dessen Umgebung. Er wollte seinem Schicksal nicht entgehen, er wollte sich für seine Freunde opfern, aber es schauderte ihn, dachte er an die grausame Rache der Indianer. Er war stets der Erste, der Morgens einen Blick aus den Schießscharten der Pallisaden warf, um zu sehen, ob die Delawaren das Fort noch nicht umstellt hätten; denn sobald dieselben erschienen sein würden, wollte er sich durch Turner an sie ausliefern lassen, damit bei den Indianern jeder Vorwurf gegen seine Freunde verschwinden möge.
Daniel hatte sich eines Morgens so eben mit dem Gedanken an die Delawaren von seinem Lager erhoben, und trat in den Hof, um einen Blick über die Prairie zu thun, als das laute, lärmende Gebell der Hunde außerhalb des Forts ihm wie ein Blitzstrahl durch die Seele fuhr. Er sah im Geiste seine Henker nahen, sprang an die Schießöffnung, und nun ward der Gedanke zur Wahrheit; denn dort kamen die Delawaren mit Leopard an der Spitze im Galopp über das wogende Gras dem Fort zugejagt. Die Liebe zum Leben, der Trieb der Selbsterhaltung blitzte mit einem Gedanken an die Leiter und an das Kanoe in Daniel auf; noch war es Zeit, zu fliehen, noch konnte er dem Tode unter den Händen der Barbaren entgehen! Er blickte nach dem Abhang, wo die Leiter lag, er sah aber auch die geschlossenen Thüren, hinter welchen seine Freunde in sorglosem glücklichen Schlummer ruhten, und verschwunden war jedes Wanken, jedes Zagen, er wollte sich seinen Feinden überliefern.
Der Lärm der Hunde brachte nun auch Carl und Turner erschreckt in den Hof, doch Daniel rief ihnen zu, es seien die Delawaren, die sich naheten und von denen sie Nichts zu befürchten hätten.
»Die Delawaren – doch nicht mit Leopard?« rief Turner erschrocken; »dann eile fort in den Wald, Daniel, daß sie Dich nicht hier finden!«
»Sie kommen, um mich zu holen, und ich werde mit ihnen gehen,« antwortete der Neger entschlossen.
»Nimmermehr, nun und nimmermehr, Daniel, lieber wollen wir uns sämmtlich unter den Trümmern des Forts begraben lassen. Fort, guter Daniel, fort in das Boot, noch ist es Zeit,« rief Turner dringend und zog den Neger nach der Leiter hin.
»Es ist umsonst, die Delawaren wissen durch die Comantschen, daß ich hier bin; denn diesen habe ich es in jener Nacht gesagt, um sie von weiteren Feindseligkeiten abzuhalten. Durch meine Flucht würde ich Sie sämmtlich dem Tode weihen. Ich liefere mich an Leopard aus,« sagte Daniel unerschütterlich, und weigerte sich, die Leiter zu betreten, welche Carl auf den Felsen hinabgelassen hatte. Dieser, so wie Turner aber schlangen ihre Arme um den treuen Freund und flehten und beschworen ihn, zu fliehen, und sie ihrem Schicksale zu überlassen.
Daniel aber blieb bei seinem Entschluß, und zeigte einige Augenblicke später nach dem jenseitigen Ufer, wo jetzt vor dem Walde schon mehrere Delawaren erschienen.
»So werden wir mit Dir sterben, Daniel, lebendig sollen diese Barbaren weder Dich noch uns in die Hände bekommen. Carl, hole die Waffen!« rief Turner außer sich, schlang abermals seine Arme um den Freund und flehte ihn an, sich zu vertheidigen.
»Halloh, weißer Mann, höre mich, ich bin Leopard, der Delawarenhäuptling!« rief jetzt die Donnerstimme des Indianers außerhalb des Forts, indem derselbe mit seiner Streitaxt an das Thor schlug.
»Was willst Du, kommst Du als Freund oder als Feind zu mir? Bedenke, daß ich mich unter dem Schutze des Präsidenten der Vereinigten Staaten befinde, in dessen Diensten Du stehst.«
»Ich komme als Freund zu Dir und bitte Dich, mir mein Eigenthum, den schwarzen Panther auszuliefern, der unter Deinem Dache wohnt.«
»Du hast kein Eigenthumsrecht an ihn, denn dein Vater hat dessen Eltern geraubt und sie zu seinen Sklaven gemacht,« entgegnete Turner entschlossen.
»Richte über Deine eigenen Angelegenheiten, nicht über die meinigen. Ich werde mein Eigenthum, den schwarzen Panther, lebendig oder todt mit mir von hier nehmen. Er kann mir nicht entgehen, denn ich werde Deine Festung umstellt halten, bis der Hunger Euch Alle tödtet, oder bis Ihr mir den schwarzen Panther überliefert. Ich lehne mich nicht gegen den Willen des großen Vaters, des Präsidenten der Vereinigten Staaten auf, denn ich werde keine Gewalt gegen Dich gebrauchen und Deine Holzwände nicht ersteigen; es soll kein Fuß eines Delawaren Dein Haus betreten, Du magst frei ein- und ausgehen, aber Lebensmittel lasse ich nicht in Deine Festung ein, bis der schwarze Panther in meinen Händen ist.«
»Ich werde Dir folgen, Leopard, obgleich Du kein Recht an mir hast,« schrie Daniel dem Indianer zu, doch Turner unterbrach ihn und rief: »So entferne Dich von meinem Eigenthum, so weit, daß Dich meine Kugeln nicht erreichen können; ich werde mich und meinen Freund Daniel vertheidigen, und meine Freunde vom Choctawbache werden bald hier sein und mir beistehen!«
»Thue, was Du willst, der Leopard redet nur einmal!« rief der Häuptling von draußen und gab weiter keine Antwort.
Madame Turner und die Kinder waren zu Tode erschrocken in den Hof gekommen, und hörten mit Entsetzen, um was es sich handele. Sie weinten und jammerten, und hingen sich flehend an Daniel, der bei seinem Entschluß blieb, das Fort zu verlassen und sich den Delawaren zu überliefern.
Als Turner durch eine Schießöffnung blickte, sah er, daß die Indianer außer Schußweite rings um das Fort ihre Zelte aufgeschlagen hatten, und daß ihre Pferde weiterhin im Grase weideten.
»Noch eine Bitte mußt Du mir zugestehen, Daniel, Du mußt hier bleiben, bis ich nochmals mit dem Häuptling gesprochen habe,« sagte Turner nun zu dem Neger, »ich will hinaus zu ihm gehen und will ihm all mein vorräthiges Geld bieten, um Dich frei zu kaufen. Ich habe noch mehr, als er für Dich fordern kann.«
Daniel stellte ihm vor, daß es umsonst sein würde; Madame Turner und die Kinder hingen sich an Turner, und wollten ihn nicht hinausgehen lassen; doch er blieb bei seinem Entschluß, und öffnete das Thor. Carl mußte es wieder hinter ihm verschließen, und nun schritt er den Hügel hinab dem Zelte zu, vor welchem er den Häuptling sitzen sah.
»Sei mir willkommen in meinem Lager,« sagte Leopard, dem Nahenden entgegen gehend, und bot ihm die Hand zum Gruß; »die Delawaren sind Freunde der weißen Männer.«
Damit leitete er Turner vor sein Zelt und ließ ihn neben sich auf einer Büffelhaut Platz nehmen.
»So zeige es mir, daß Du mein Freund bist, ich fordere einen Freundschaftsdienst von Dir und will Deinen Schaden nicht. Verkaufe mir den Neger, ich bin bereit, Dir einige tausend Dollar für ihn zu geben; mehr Geld besitze ich nicht,« sagte Turner, und ergriff bittend die Hand des Häuptlings.
»Geld kann kein Unrecht gut machen, welches einem Delawaren zugefügt ist. Behalte Du Dein Geld und gieb mir meinen schwarzen Panther,« antwortete der Häuptling mit unerschütterlicher Bestimmtheit.
»Nun, so will ich versuchen, ob meine Freunde am Choctawbache mir auf mein ganzes Eigenthum noch Geld borgen wollen, ich zahle Dir Alles, was ich aufbringen kann für den Neger,« nahm Turner wieder das Wort.
»Und wenn Du mir alles Geld der weißen Männer geben könntest, so würde ich Dir den schwarzen Panther nicht dafür verkaufen,« entgegnete Leopard mit einem finstern Blick, und blieb gegen alle Vorschläge, alles Flehen Turners unerbittlich.
Mit blutendem Herzen kehrte dieser unverrichteter Sache in das Fort zurück, und gab sich dort mit den Seinigen dem Schmerz und dem Jammer über das unvermeidliche Schicksal des geliebten Freundes hin.
Den Tag verbrachten die schwer Bedrängten unter Wehklagen und Thränen, nur Carls Augen waren trocken geworden, und es glänzte ein Gedanke auf deren Spiegel, der in seiner Seele immer lebendiger aufstieg. Er wurde stumm und nachdenkend, und erst, als die Sonne sich neigte, sagte er zu Turner: »Ich will noch einmal mit dem Häuptling reden, vielleicht gelingt es mir, ihn milder zu stimmen; er ist mir sehr gut gewesen.«
Turner schlang seinen Arm um den braven Knaben und drückte ihn innig an seine Brust, indem er sagte: »Du meinst es so gut, Carl, der Himmel mag Dich unterstützen, ich fürchte aber, es wird auch umsonst sein. Gehe mit Gott und versuche es, das Herz des Wilden zu erweichen.« Darauf geleitete Turner den Knaben zu dem Thore und ließ ihn hinaus.
Als Carl den Hügel hinabschritt, kam ihm der Häuptling schon von Weitem entgegen und empfing ihn mit den Worten: »Warum willst Du mich zwingen, auch Dir eine Bitte abzuschlagen, da Du weißt, daß ich sie Dir nicht gewähren kann, und da Du weißt, wie gut ich Dir bin? Habe ich Dir doch gesagt, wie leid es mir thut, daß Du nicht als Delaware geboren bist!«
»Und wenn ich nun dennoch ein Delaware werden wollte, ein treuer Delaware mit Leib und Seele, würdest Du mich nicht lieber haben, als ihn?«
Bei diesen Worten Carls war es, als ob ein plötzlicher Sonnenschein über die finstern Züge des Häuptlings führe, er sah den Knaben überrascht und in höchstem Erstaunen an, ergriff plötzlich dessen beide Hände, zog ihn an seine Brust und schlang seine sehnigen Arme um ihn.
»Du, ein Delaware?« rief er, außer sich vor Freude; »und wenn ich hundert schwarze Panther für Dich geben müßte, so solltest Du ein Delaware werden! Dein Herz ist groß, ja es ist größer für Freundschaft, als das meinige, ich will Dir aber ein eben so guter Freund sein, als Du es dem schwarzen Panther bist. Ja, Knabe, Du sollst Delaware, Du sollst mein Freund werden, und ich gebe den schwarzen Panther für Dich auf.«
»Du mußt ihm nicht allein seine Freiheit geben, er muß als Delaware unter Deinem Schutze bei den Meinigen bleiben, damit sie und ihr Eigenthum gegen jede Feindseligkeit anderer Indianer sicher gestellt werden. Willigst Du hierin ein, so ziehe ich mit Dir, und will Dir ein treuer Freund sein,« sagte Carl mit freudestrahlendem Blick; denn nun hoffte er nicht allein, seinen Freund Daniel zu retten, er hoffte auch, für immer alle Gefahren von seinen Lieben abzuwenden.
»Ich gehe es ein, der schwarze Panther ist frei, er bleibt als Delaware bei den Deinigen, und wer ihren Frieden stört, dessen Herz sollen die Delawaren den Wölfen hinwerfen. Du ziehst mit mir, Carl, Du sollst auf meinem Lager schlafen, sollst mit mir essen, mit mir jagen und kämpfen und die Delawaren werden Dich lieben und ihren letzten Scalp für Dich hingeben, wenn Du in Gefahr kommen solltest.«
Hiemit reichte der Häuptling Carl die Hand und dieser schlug ein.
»Wird Dein Onkel Dich aber mit mir gehen lassen?« fragte der Indianer nun bedenklich, »ich darf Dich nicht rauben.«
»Ich gehe aus eignem Willen mit Dir, freilich muß es heimlich geschehen. Ich sage es meinem Onkel schriftlich, daß ich freiwillig mit Dir gezogen bin, und lasse den Brief in meinem Zimmer zurück. In dieser Nacht, wenn Alles im Fort schläft, schleiche ich mich davon und komme zu Dir; noch ehe der Tag graut, müssen wir weit von hier fort sein. Halte Alles zum schnellen Aufbruch bereit, nach Mitternacht bin ich bei Dir.«
Mit dem beseligenden Gedanken, durch sein Handeln die Seinigen für immer vor allen Gefahren zu schützen und seinen Freund Daniel dem Tode zu entreißen, verließ Carl den Häuptling und kehrte leichtern Herzens in das Fort zurück.
»Du bringst frohe Kunde, Carl, ich lese es auf Deinen Zügen,« sagte Turner, als er den Knaben am Thor empfing und, von Hoffnung bewegt, dessen Hand ergriff.
»Der Häuptling ist friedlicher gestimmt, er will morgen noch einmal mit Dir reden,« entgegnete Carl entschlossen, sein Vorhaben, welches er für das Wohl seiner Lieben ausführen wollte, nicht auf seinen Zügen zu verrathen.
»Gottlob!« sagte Turner, »nun wird sich doch noch Alles zum Guten wenden; Carl, Du bist und bleibst unser Schutzengel.«
Madame Turner dankte dem Knaben unter Thränen für den neuen Beweis seiner Liebe, und Daniel gab sich mit den innigsten Danksagungen der Hoffnung hin, daß sein Geschick eine günstige Wendung nehmen möge.
Als die Sonne versunken war und Turner daran erinnerte, daß die Pferde in das Fort hereingebracht werden müßten, sagte Carl: »Ich will sie zum Wasser führen und sie dann wieder in das Gras bringen; wir wollen sie während der Nacht draußen lassen. Es zeigt von Mißtrauen gegen die Delawaren, wenn wir sie hereinholen.« Turner stimmte seiner Ansicht bei, und Carl tränkte nun die Pferde und band sie dann wieder in die Weide, seinem Rappen aber gab er dabei einen Platz nicht weit von dem Zelte des Häuptlings. Nachdem er in das Fort zurückgekehrt war und die Seinigen mit Daniel in dem Speisezimmer versammelt fand, ging er in seine Stube und schrieb schnell einen Abschiedsbrief an alle seine Lieben. Er theilte ihnen den Grund mit, weßhalb er sie verließ, sagte ihnen, daß es ihn hoch beglücke, sie allen Gefahren zu überheben, und bat sie, sich nicht über sein Entfernen zu grämen, da es ihm ja gut gehen würde, und er sie im nächsten Herbst besuchen wolle. Er schloß den Brief mit der Bitte, ihm nicht zu folgen, da er fest entschlossen sei, bei den Delawaren zu bleiben, und ihn nichts vermögen werde, in das Fort zurückzukehren. Er richtete diese letzten Worte insbesondere an Daniel, beschwur ihn, nun treulich bei den Seinigen auszuhalten, und dadurch Carls Schritt zu heiligen. Die Thränen, welche während des Schreibens seinen Augen entquollen, gestatteten ihm kaum, den Brief zu beenden, und er mußte sich wiederholt dabei unterbrechen. Als er ihn endlich geschlossen hatte, richtete er die Aufschrift an seinen Onkel, und verbarg dann das Schreiben in seiner Lederjacke. Er steckte nun schnell alle Gegenstände, die er mitnehmen wollte, in seine Jagdtasche, hing dieselbe neben seine Waffen, und ging dann zu den Seinigen, um mit ihnen das Abendbrod zu verzehren. Mit schwerem Herzen setzte er sich an dem Tische nieder, es war ja zum letzten Male, daß er sich hier mit seinen Lieben versammelte, und unbemerkt wischte er die Thränen von seinen Augen, die er nicht zurückhalten konnte. Sein Schweigen und sein Ernst fiel nicht auf, denn auch die Anderen saßen bekümmert und wortkarg da, und dachten an das Schicksal Daniels, welches erst morgen entschieden werden sollte. Carl erhob sich zuerst, um sich zur Ruhe zu begeben, und die Anderen folgten seinem Beispiel; denn die Stimmung war zu traurig, um ein längeres Zusammensein zu veranlassen. Carl küßte die Seinigen, wie er immer zu thun pflegte, wenn er ihnen eine gute Nacht wünschte; er küßte sie aber inniger, heißer und länger als sonst, denn er nahm einen stummen Abschied von ihnen. Er weinte dabei bitterlich, welches man der Ungewißheit über Daniels Schicksal zuschrieb, und Turner suchte Carl zu beruhigen, und tröstete ihn mit dem Vertrauen auf den Allmächtigen, der ihnen beistehen würde. Alle begaben sich nach ihren Ruhestätten, doch der Schlaf blieb ihnen noch lange fern, und erst gegen Mitternacht hatten die Bewohner des Forts die Augen geschlossen; nur Carl war noch wach, fühlte von Zeit zu Zeit auf dem Zifferblatt seiner Uhr, wie spät es sei, und lauschte nach den Athemzügen Daniels, ob derselbe auch fest schlafe. Es war schon lange nach Mitternacht, als er sich leise von seinem Lager erhob, sich schnell ankleidete und den Brief an seinen Onkel auf den Tisch legte. Dann schnallte er die Revolver und das Jagdmesser um, hing die Jagdtasche über seine Schulter, nahm die Jaguarhaut und seine wollene Decke, ergriff die Büchse und schlich vorsichtig in den Hof hinaus. Pluto kam freudig zu ihm herangesprungen, Carl aber wies ihn liebkosend zur Ruhe, und schritt nach dem Thore, welches er geräuschlos öffnete. Er ging hinaus, trug sein Gepäck an die vordere Wand der Pallisaden, und kehrte noch einmal in das Fort zurück, um sein Sattelzeug zu holen. Als er wieder durch das Thor hinausschritt, wollte Pluto ihm folgen, er drückte den Hund aber schmeichelnd zurück, und schob das Thor hinter sich zu. Nun eilte er mit Sattel und Zeug den Hügel hinab zu dem Zelt des Häuptlings, wo dieser ihn beim Feuer freudig empfing und ihm sagte, daß Alles zur Abreise bereit sei.