»Jetzt sind wir gerettet!« rief er ihnen zu, »sobald wir an dem Wäldchen dicht vorüberjagen, biegt Ihr Beiden links um dasselbe herum, so daß der Bär Euch nicht mehr sieht; ich bleibe etwas zurück, bis er mir ganz nahe ist, und dann lasse ich meinen Falben rechts ab davon jagen. Der Bär wird mir folgen, ich werde ihm aber bald aus den Augen sein, und dann komme ich nach Hause. Eilt, so schnell Ihr könnt, von der Waldinsel nach dem Fort, und sagt dort, daß der Bär mich nicht kriegen könnte, daß ich aber erst spät nach Hause kommen würde.«

Das Wäldchen war erreicht, Carl blieb jetzt hinter seinen Brüdern zurück, und rief ihnen zu:

»Vorwärts, jagt um das Holz herum und dann nach Hause, ich komme bald nach.«

Dabei parirte er sein Pferd, das sich wild und entsetzt bäumte, denn der Riesenbär kam herangestürzt und war nur noch kaum hundert Schritte von ihm entfernt. Carl sah ihn an, er bebte aber nicht, denn er sah im nächsten Augenblick seine Brüder um das Gehölz verschwinden. Jetzt ließ er dem Falben abermals die Zügel schießen und jagte rechts vom Holze ab in die Prairie hinaus. Seinen Blick aber hielt er nach dem Ungeheuer gerichtet, ob es ihm auch folgen würde.

»Gottlob!« entfuhr Carls Lippen, als er den Bären hinter sich sah, und nun sprach er dem Falben zu, sein Bestes zu thun. Kaum fühlte das brave Thier die freien Zügel, kaum hörte es den aufmunternden Ruf seines Reiters, da flog es davon, als ob seine Hufe den Boden gar nicht berührten, und der Bär blieb weit zurück.

»Gottlob!« sagte Carl abermals, als er gewahrte, daß der Feind ihm nicht so schnell folgen konnte, und »Gottlob!« rief er laut aus, als er nach der Insel zurückblickte, und an deren anderer Seite seine beiden Brüder schon in weiter Ferne davonjagen sah.

»Nun sollst du mich wohl nicht kriegen, du abscheuliches Thier,« dachte Carl, und schmeichelte seinem Falben, indem er ihm den nassen Hals liebkosend klopfte. Bald war der Bär mehrere tausend Schritte hinter dem entschlossenen Knaben zurück und derselbe athmete wieder freier auf. Er ließ seinem Pferde jetzt freien Willen, denn daß der Bär ihn nicht einholen konnte, das war ja gewiß; dennoch schaute er immer nach demselben zurück, in der Hoffnung, daß er die Jagd aufgeben würde. Der Bär veränderte weder seinen Sprung, noch seine Eile, und stürmte in der Bahn vorwärts, die der Falbe in dem Gras gebrochen hatte. Die Insel verschwand hinter Carl in blauem Duft und vor ihm hob sich ein Waldstrich aus der Prairie empor, der sich weit am westlichen Horizont hinzog. Das mußte der Wald sein, von welchem ihm Daniel oft erzählt hatte, daß er nur aus einzeln stehenden Lebenseichen bestehe, deren Kronen ein dichtes Laubdach bildeten, während der Boden mit einer feinen Grasdecke überzogen sei. Den Wald mußte Carl zu erreichen suchen, so dachte er und trieb jetzt seinen Falben stärker an, denn dessen Schnelligkeit hatte abgenommen, und es schien dem Knaben, daß der Bär wieder etwas näher gekommen sei. Das Pferd gehorchte im Augenblick jeder Anforderung seines Reiters, aber jedesmal auf kürzere Zeit, dann ließ es wieder im Laufe nach. Seine Sprünge wurden kürzer und mühsamer, sein Athem wurde schwer, und Carl erkannte es zu seinem Schrecken, das die Kräfte des edlen Thieres schnell abnahmen. Im Laufe des Bären war keine Aenderung.

Die Möglichkeit, daß das furchtbare Ungethüm ihn einholen könne, fing an, in dem Knaben mehr und mehr zur Gewißheit zu werden, und die dann nöthige Vertheidigung vereinigte jetzt mit aller Willenskraft seine ganze geistige Thätigkeit.

Der Schuß durch den Kopf und der durch das Herz des Thieres mußten ihm gelingen, davon war Carl überzeugt, und dann war er und der Falbe gerettet. Wie aber, wenn die Kugeln dennoch nicht den rechten Fleck träfen? Der graue Bär konnte aber nicht klettern, hatte Daniel gesagt, und der Eichenwald war ja schon ganz nahe vor Carl, ein Baum sollte ihm Schutz und dem Pferde Rettung bringen! Jetzt drückte der Knabe beide Sporen fest in die nassen Flanken des treuen Rosses, und nochmals stob dasselbe fliegend dahin, und abermals ließ es den Bären weiter zurück. Die Eichen waren erreicht und in sausender Carriere jagte Carl zwischen ihnen hindurch, indem er weithin nach einem Baume spähete, der seinem Zweck entsprechen würde. Noch hatte er mehrere tausend Schritte Vorsprung vor seinem grimmen Verfolger, da hielt er plötzlich das Pferd vor einer Eiche an und sprang im selbigen Augenblick aus dem Sattel.

Ein Schlag mit der Peitsche und die in der Ferne heranstürmende Riesengestalt des Bären trieben den Falben in wilder Flucht davon, während Carl die Büchse um den Nacken hing und den nicht starken, aber rauhen Stamm der Eiche erklomm. Nach wenigen Augenblicken stand er auf den ersten Aesten, die wohl funfzehn Fuß über der Erde erhaben waren, und nahm die Büchse vom Nacken, um sie zum Gebrauch fertig zu machen. Jetzt hörte er die schweren Tritte des Bären nahen, die Erde dröhnte unter seiner Wucht und Carl konnte deutlich das laute Aechzen seines Athems vernehmen.

Da kam der Bär unter den Eichen her, gerade auf den Baum zu, auf welchem Carl stand. Wie aber, wenn derselbe vorüberrennen und dem Pferde folgen sollte – dann wäre dasselbe verloren! In schwerfälligen ungeheuren Sätzen stürzte der Bär jetzt zwischen den nächsten Stämmen hervor, Carl hatte die Büchse auf ihn gerichtet, er gab Feuer, und riß den Hut vom Kopf, den er dem Ungeheuer vor die Füße warf, in dem Augenblick, als dasselbe den Baum erreichte. Mit einem dumpfen Wuthgebrüll fiel der Bär über den Hut her und schlug seine Zähne und Klauen in den Filz ein, da blitzte es zum zweiten Male vom Baum herab, und im Schuß rollte der Bär kopfüber. Im nächsten Augenblick aber richtete er sich wieder empor und sah zähnefletschend nach dem Schützen hinauf. Er sprang an dem Stamme in die Höhe und schlug mit den Riesentatzen nach seinem Gegner, reichte jedoch nicht ganz bis an den Ast, auf dem Carl stand, und dieser sah, wie ihm das Blut vom Kopf und von der Seite herabströmte. Mit einem furchtbaren Wuthausbruch faßte der Bär den Baumstamm und schüttelte ihn, als wolle er ihn aus der Erde reißen. Carl aber hatte den Revolver gezogen, hielt ihn dem brüllenden Umgethüm entgegen und feuerte in dessen weitgeöffneten Rachen.

Der Bär umklammerte nach dem Schusse mit den Vordertatzen den Stamm und stieß ein röchelndes dumpfes Brummen aus. Carl aber richtete den Revolver nun mitten auf den Kopf des Thieres und mit dem Knall sank dasselbe zuckend, und an allen Gliedern zitternd, am Stamme nieder.

»Gott sei gelobt und gedankt!« rief Carl aus und faltete seine Hände, indem er die Waffen in den Armen an sich drückte und mit thränenfeuchtem Blick zum Himmel über sich schaute. Dann sah er wieder hinab, da lag das Ungeheuer zu seinen Füßen hingestreckt, doch das Leben war noch nicht ganz aus ihm gewichen. Carl schob den Revolver in den Gürtel und ladete, so schwierig es ihm auch wurde, seine Büchse wieder, denn ehe er sich zu dem Thiere hinabbegeben wollte, mußte er von dessen Tod überzeugt sein. Er schoß ihm nun noch eine Büchsenkugel durch den Schädel, worauf jede Bewegung des Bären aufhörte und Carl sich an dem Stamme herabließ. Einige Augenblicke stand er erstaunt vor dem todten Riesenkörper, dann aber dachte er an seinen Falben und beschloß, dem treuen Thiere sofort zu folgen. Er ladete schnell den abgeschossenen Lauf, suchte nun die Spur des Pferdes, der er dann mit mit raschen Schritten folgte; denn das Gras war seiner Eile nicht hinderlich.

Die Sonne stand hoch am Himmel und Carl war durch die ungewöhnlichen Anstrengungen sehr ermüdet, der Schatten aber, den das dichte Laubdach der immergrünen Eichen gewährte, und die frische Luft, die unter demselben hinzog, thaten ihm wohl und ließen ihn wieder zu Kräften kommen. Das Gras war sehr fein und nicht lang, so daß er jeden Tritt seines Pferdes leicht erkennen und ihm ohne Unterbrechung folgen konnte, während sein Blick sehnlichst und besorgt auch in die Ferne schweifte, ob er das geliebte Roß nicht erspähen könne.

Um diese Zeit naheten sich seine geretteten Brüder dem Fort. Kaum konnten die Schimmel sich noch im Galopp erhalten, so sehr die Peitschen und Sporen der Knaben sie auch antrieben.

Immer noch wandten diese bebend ihre ängstlichen Blicke zurück über die weite Grasflur, und meinten, sie müßten im nächsten Augenblick wieder das entsetzliche Thier hinter sich herstürmen sehen. Auch die Pferde hatten das Ungeheuer noch nicht vergessen, denn auch sie blickten sich oft schnaubend um, und stürzten vorwärts, als wollten sie laufen, bis sie todt zusammenbrächen. Der Anblick des Forts gab den Rossen und Reitern wieder Trost und ließ sie ihre Erschöpfung vergessen, und mit fliegenden Mähnen und verhängten Zügeln jagten sie mit den letzten Kräften durch das hohe Gras dem heimischen Hügel zu.

Madame Turner hatte wohl eine Stunde über die gewohnte Zeit mit dem Mittagsessen auf die Rückkehr der Knaben gewartet, und ging jetzt hinaus vor das Fort zu ihrem Gatten und zu Daniel, welche schon seit einiger Zeit dort gesessen hatten, um nach den jungen Jägern auszuspähen. Noch war Nichts von ihnen zu sehen, und auch Julie war hinzugetreten, als Madame Turner sagte:

»Wo mögen die Jungen nur so lange bleiben, sie wollten sich doch nicht weit entfernen.«

»Sie werden wohl einen Hirsch angeschossen haben und ihn verfolgen. Man weiß stets, wann man auf die Jagd geht, nie aber, wann man von ihr zurückkommen wird,« bemerkte Daniel.

»Daß man aber gar Nichts von ihnen sehen kann und daß wir auch keinen Schuß gehört haben!« sagte Turner mit sichtbarer Unruhe.

»Wenn ihnen nur kein Unglück zugestoßen ist. Wir hätten sie doch nicht sollen allein reiten lassen,« fiel Madame Turner ein.

»Carl ist ja dabei und er ist ein eben so guter Schutz, als ob ich mitgeritten wäre. Seien Sie ohne Sorgen, er wird die beiden Knaben wohlbehalten zurückbringen,« versetzte der Neger.

»Dort sehe ich Etwas herankommen, ich glaube es sind die Schimmel,« fiel Julie plötzlich ein, und zeigte in die flache Ferne.

»Das sind sie – in voller Jagd – sie haben Etwas angeschossen!« sagte Daniel und hielt die Hand über die Augen, um schärfer spähen zu können.

»Mein Gott – ich sehe den Falben nicht – nur die beiden Schimmel kann ich erkennen!« rief der Neger nach einer Weile und setzte mit ängstlicher Stimme noch hinzu: »Das ist auch keine Jagd das sieht mir aus wie Flucht; da ist Etwas geschehen, – sie kommen ja in gerader Richtung auf uns zu – Carl ist nicht dabei!«

»Um des Himmels Willen, wenn ihm nur kein Unglück zugestoßen ist!« sagte Madame Turner und preßte ihre gefalteten Hände bebend zusammen.

Schweigend, und von Schrecken erstarrt, hefteten Alle ihre Blicke auf die beiden heranjagenden Knaben und ihre Angst, ihr Entsetzen steigerte sich mit jedem Sprunge, den die Schimmel über das Gras thaten.

Bald erkannten sie auch an den Bewegungen der Pferde deren große Erschöpfung, sahen, wie die Knaben sie mit den Peitschen zur Flucht antrieben, und wie den Thieren der weiße Schaum von den Gebissen flog.

»Wo ist Carl, um Gottes Willen, wo ist Carl?« riefen Alle zugleich den Knaben entgegen, als dieselben in Galopp den Hügel heraufgesprengt kamen, und »wo ist Carl?« wiederholten Alle, als Turner und Daniel sie aus den Sätteln hoben.

»Ein grauer Bär!« war Alles, was die entsetzten Knaben hervorstammeln konnten, die sich jetzt weinend in die Arme ihrer Eltern schmiegten.

Daniel hatte aber kaum das Wort »Bär« gehört, als er in das Gras hinunterstürzte, sein Pferd von dem Strick befreite und mit ihm nach dem Fort zurückrannte.

In wenigen Minuten hatte er es gesattelt, hatte seine Waffen ergriffen, und trat nun zu Turners in das Haus, um noch weitere Auskunft über Carls Schicksal zu erhalten, ehe er sich zu dessen Auffinden entfernte.

Er fand die ganze Familie in Thränen und Jammer, denn jetzt hatten die Knaben den Hergang der unglücklichen Begebenheit erzählt. Mit lautem Schluchzen und Wehklagen empfingen Turners den treuen Neger, und machten sich die bittersten Vorwürfe, daß sie ihre Zustimmung zu der Jagd gegeben hatten.

»Noch ist nicht Alles verloren,« sagte Daniel tröstend, »der Falbe ist ein edles Pferd und Carl ein guter Reiter. Er hat die Richtung nach dem Eichenwald genommen, und er wußte, daß der graue Bär nicht klettern kann. Noch gebe ich die Hoffnung nicht auf, daß der Himmel ihn beschützt hat.«

Hiermit sprang der Neger hinaus zu seinem Pferde, schwang sich in den Sattel und sprengte in fliegendem Lauf der Waldspitze am Pflaumenbache zu. In sehr kurzer Zeit hatte er dieselbe erreicht und dort auch die Riesenfährte des Bären erkannt. Im Galopp folgte er derselben nach der Waldinsel, wo Carl seine Brüder gerettet und den Blutdurst des Raubthieres auf sich selbst gelenkt hatte. Hier fand Daniel nun die Fährte des Falben mit der des Bären zusammen, und sie führten ihn dem Eichenwalde zu.

Der Himmel hatte sich mit grauem Gewölk überzogen und ein heftiger Wind war von Süden her aufgesprungen, als der Neger den Wald erreichte, unter dessen Laubdach das immer dort herrschende Düster schon durch den einbrechenden Abend vermehrt wurde. Dennoch konnte Daniel von seinem Pferde herab die Fährten des Falben und des Bären erkennen, wenn er ihnen auch mehr Aufmerksamkeit schenken mußte, als in dem hohen Grase der Prairie, wo die zerrissenen und niedergedrückten Halme dieselben auf weithin bezeichneten. Er mußte seiner Eile, seiner Sehnsucht aber Gewalt anthun und im Schritt reiten, um nur die Fährten nicht zu verlieren. Bald aber wurde es so düster, daß er dieselben vom Sattel herab nicht mehr erkennen konnte, weshalb er abstieg und sein Pferd führte. Mit schwerem Herzen ging er von Baum zu Baum und suchte den Gedanken zu bekämpfen, daß er plötzlich den Fleck erreichen würde, auf welchem sein junger Freund ein Opfer seines edlen Herzens geworden – und durch das fürchterliche Thier gemordet war. Er mußte der zunehmenden Dunkelheit wegen gebückt gehen, um die Fußtapfen des Bären erkennen zu können, schritt aber immer noch mit möglichster Eile vorwärts, als er plötzlich aufsah und sein Blick auf das getödtete Ungethüm fiel.

»Gerettet, gerettet, mein junger Herr ist gerettet!« schrie der Neger laut zum Himmel auf und hob seine Hände gefaltet empor, dann zog er sein Pferd im Trabe hinter sich her zu dem Bären, bei dem er niederfiel, um sich zu überzeugen, daß er durch Carls Kugeln getödtet sei. Bei seiner Herzensfreude jubelte er hell auf, ließ seinen gellenden Jagdruf durch den Wald ertönen und feuerte die beiden Rohre seiner Büchse ab. Antwort wurde ihm keine andere gegeben, als die, welche eine Eule ihm klagend zurief; der Neger aber lachte lustig auf und sagte: »Du lügst, ich habe bessere Kunde von meinem jungen Herrn!«

Carl war schon zu weit von Daniel entfernt, als daß er dessen Schüsse hätte hören können.

Er war während des ganzen Nachmittags den Huftritten seines Rosses unermüdlich gefolgt, bald rechts, bald links, bald vorwärts, bald rückwärts, so daß er zuletzt gar nicht mehr wußte, in welcher Richtung er gehe, denn die Sonne hatte sich versteckt, und seinen Compaß hatte er unglücklicherweise zu Hause gelassen. Es war ihm aber im Augenblick auch ganz einerlei, wohinaus er ginge, denn er stand ja immer noch auf der Fährte seines Falben, und das war der beste Wegweiser, den er jetzt sich wünschen konnte. Lange Zeit hatte die Fährte deutlich gezeigt, daß das Pferd flüchtig gewesen war, dann aber hatte es sich in Trab gesetzt, und nun erschienen die Fußtritte im Schritt. Es war um dieselbe Zeit, als Daniel den Bären fand, daß Carl nur noch mühsam die Fährte seines Rosses erkennen konnte, und mit traurigem, verzweifelnden Herzen blickte er zu dem grauen Himmel auf, weil er befürchtete, daß ein schwerer Regen jedes Kennzeichen von dem Wege verwischen würde, welchen der Falbe eingeschlagen hatte. An sich selbst dachte er noch gar nicht, er fühlte keine Müdigkeit, keinen Hunger, keinen Durst; das heiße Verlangen, sein braves Pferd wiederzufinden, erdrückte jedes andere Gefühl in ihm. Jetzt wurde er irre in der Fährte, es war zu dunkel, um sie noch zu erkennen; er beschloß daher, hier unter einer alten Eiche zu schlafen und am folgenden Morgen sein Suchen wieder zu beginnen.

Er stellte seine Büchse an den Baum und war im Begriff, seine Jagdtasche abzulegen, als er in der Ferne unter den Eichen eine Bewegung bemerkt zu haben glaubte. Er fuhr zusammen, denn die Hoffnung, die ihn bis hierher begleitet hatte, erwachte in dem Augenblick wieder mit aller Stärke. Er verwandte keinen Blick von jenem Fleck zwischen den schwarzen Stämmen, und da bewegte es sich abermals. Schnell hatte er die Büchse ergriffen und sprang von Baum zu Baum, jedoch vorsichtig dem sich bewegenden Gegenstand zu, der vor seinem Blick immer heller erschien, bis er plötzlich die gefleckte Jaguarhaut auf der unbestimmten Form seines Falben erkannte.

»Falber, Falber!« schrie er dem Pferde zu, um sich ihm zeitig zu erkennen zu geben, damit das geängstigte Thier nicht etwa die Flucht vor ihm ergreifen möge, und ging nun mit liebkosenden, zutraulichen Worten näher und näher zu ihm hinan.

Das Pferd hatte ihn bald erkannt, wieherte ihm freudig entgegen, und als Carl mit den Worten zu ihm trat: »Ja, Falber, ehrlicher Falber, freuest Du Dich denn, daß ich wieder bei Dir bin?« da wieherte das Thier abermals und legte seinen Kopf auf die Schulter seines jungen Herrn.

Carl war im Begriff, dem Pferde Sattel und Zeug abzunehmen, da erkannte er weiterhin unter den Eichen einen Gebüschstreifen, und er zog es vor, dort sein Nachtlager aufzuschlagen, weil er in dem Dickicht weniger leicht gesehen werden konnte, und die Dunkelheit ihn noch nicht genug verbarg. Er führte sein Pferd nach dem Gebüsch hin und fand in demselben zu seiner größten Freude ein frisches Quellwasser, welches wahrscheinlich den Falben herbeigelockt hatte; denn derselbe war schon dabei gewesen, wie dessen Huftritte in dem weichen Boden zeigten.

Für Carl war diese Entdeckung eine große Wohlthat, denn jetzt, da sein Verlangen nach dem Pferde gestillt war, fühlte er seine Erschöpfung und einen brennenden Durst.

Er warf sich an den Quell nieder, und als er sich nach Herzenslust daran gelabt hatte, nahm er dem Falben Sattel und Zaum ab und band ihn mit dem Seil, welches derselbe zu diesem Zwecke um den Hals trug, an ein junges Bäumchen, damit er noch in dem üppig grünen wilden Roggen weiden könne, der zwischen den Büschen den Boden bedeckte.

Dann legte Carl sein Jagdgeräth ab, breitete seine Jaguarhaut unter einer alten Eiche aus, und ließ sich darauf nieder, um nun der Ruhe zu pflegen, die ihm so sehr nöthig war. Madame Turner hatte ihm am frühen Morgen, wie sie immer zu thun pflegte, wenn Carl auf die Jagd gehen wollte, ein Stück Brod und etwas Fleisch in die Jagdtasche gesteckt, dies holte er jetzt hervor und stillte seinen Hunger damit, der sich auch nun fühlbar gemacht hatte.

Carl meinte, so gut habe ihm noch niemals eine Mahlzeit geschmeckt, er fühlte sich dabei so froh und so beglückt im Herzen, denn er dachte an seine geretteten Brüder und an den Jubel, den ihre Rückkehr nach der überstandenen Gefahr im Fort erzeugt haben mußte. Freilich wußte er, daß Turners sehr besorgt um ihn sein würden, er hatte ihnen ja aber sagen lassen, daß er vielleicht spät nach Hause kommen könne und mit dem ersten Tageslicht wollte er ja auch seinen Rückweg nach dem Fort antreten.

Wo hinaus aber lag das Fort? – darüber war Carl mit sich nicht eins, er tröstete sich aber damit, daß Morgen die Sonne scheinen würde und er nur ihrem Aufgange entgegenzureiten brauche, um an den Bärfluß zu gelangen; denn derselbe floß ja von Süden nach Norden in den rothen Fluß.

Dieserhalb beruhigt, und mit dem beseligenden Bewußtsein, eine gute That vollbracht zu haben, sank er bald auf seinen Sattel zurück und verfiel in einen süßen, stärkenden Schlaf.

Der Wind nahm von Stunde zu Stunde an Heftigkeit zu, er pfiff und heulte durch die alten Eichen, schüttelte ihre gewaltigen Aeste und warf ihr trockenes Holz von ihnen auf die Erde nieder; Carl hörte nicht, was um ihn her vorging und fühlte nicht, wie der Wind in seinen reichen Locken wühlte, er schlief den Schlaf der Guten und träumte von seinen Brüdern. Kaum aber graute der Tag, als er erwachte und sich verwundert umblickte, denn im ersten Augenblick wußte er nicht, wo er war.

Der Falbe wieherte laut auf, als er die Bewegung seines Herrn sah, und Carl ermunterte sich schnell und sprang zu dem Pferde, um dasselbe auf einen andern Weideplatz zu führen. Zugleich hörte er etwas weiter an dem Wasser hinunter den kollernden Ruf von wilden Truthühnern, womit sie den Morgen begrüßten. Carl hatte nichts mehr zum Essen bei sich, deshalb ergriff er seine Büchse und sprang schnell in das Buschwerk dem Rufe der Truthühner nach. Er gelangte an die letzten Büsche, als er wohl fünfzig dieser kolossalen Vögel aus demselben hervor und unter den Eichen hinrennen sah.

Ihr Lauf war so flüchtig, wie der eines Pferdes, doch Carl hatte schnell einen der größten Hähne unter ihnen gewählt und sandte ihm seine Kugel nach. Sie traf, der Vogel stürzte, mit den Flügeln um sich schlagend, zusammen, und Carl trug ihn eilig nach seinem Lagerplatz. Dort zündete er sogleich ein Feuer an, schnitt die besten fettesten Stücke Fleisch von der Brust des Vogels, spießte sie an einen Stock und pflanzte sie vor der Feuergluth zum Braten auf. Das Frühstück war bald bereitet und schmeckte Carl vortrefflich, als er es aber beendet, eilte er, sich zum Nachhauseritt fertig zu machen, denn er wußte, wie sehr man nach seiner Rückkehr verlangen würde.

Der Falbe hatte sich in dem fetten wilden Roggen tüchtig etwas zu Gute gethan, er wurde rasch gesattelt und Carl schwang sich auf ihn hinauf, mit dem freudigen Gedanken daran, welcher Jubel ihn im Fort empfangen würde. Die Sonne war nicht erschienen, der hohe Himmel war mit einem hellen einfarbigen Grau überzogen und der Wind blies mit einer solchen Gewalt durch die Bäume, daß ihre Aeste wild umherschlugen und knarrten und krachten. Carl beschloß nun, auf der Fährte des Falben seinen Rückweg nach dem Bären zu suchen, denn von dort aus konnte es ihm dann nicht mehr schwer werden, sich nach Hause zu finden. Das niedergetretene Gras hatte sich aber während der Nacht in den Huftritten wieder aufgerichtet, der Wind hatte die Halme über denselben vereinigt, und es war unmöglich, sie noch zu erkennen. Carl blickte verlegen um sich, denn er wußte wirklich nicht, wohinaus er reiten sollte. Die Richtung, von woher er am Abend zuvor den Falben zuerst erblickt hatte, glaubte er jedoch zu erkennen und hiernach wählte er seinen Weg; denn geritten mußte werden. Er setzte sein Pferd in Trab und ließ seine Blicke über den Boden schweifen, in der Hoffnung, doch wohl einmal des Falben Spur vom vergangenen Tage zu finden; doch es gelang ihm nicht, so aufmerksam er auch war. Wie hätte dies auch geschehen können, er ritt ja ganz in der entgegengesetzten Richtung von der, welcher er zu folgen glaubte; er ritt nach Westen, und das Fort lag hinter ihm in Osten. Als er nun glaubte, in die Nähe des Bären zu kommen, strengte er seine ganze Sehkraft an, um ihn zu entdecken, aber vergebens; er ritt und ritt stundenlang in gleicher Richtung vorwärts, vom Bären sah er nichts, und plötzlich befand er sich an dem Rande des Eichenwaldes, wo derselbe sich an die Prairie anlehnte. Mit aller Zuversicht, daß er sich auf dem rechten Wege nach dem Bärflusse befinde, ritt er in das hohe trockene Gras hinaus, dessen lange Halme der Sturm in einander verwirrt hatte. Das Gehen wurde dem Pferde mitunter in den Vertiefungen der Prairie beschwerlich, weil dort das Gras ihm bis an den Sattel reichte, auf den Höhen aber munterte Carl es zur Eile auf, und willig folgte das Thier dem Wunsche seines Reiters. Jetzt stieg eine Waldinsel vor Carls Blick empor, und er bewillkommnete sie als das Wäldchen, welches seinen Brüdern Rettung gebracht hatte; nun war er sicher, daß er ohne Schwierigkeit seinen Weg nach dem Fort finden würde. Er kam näher und näher und immer mehr überzeugte er sich, daß es dasselbe kleine Gehölz sei, in dessen Nähe er sich gestern von seinen Brüdern getrennt hatte. Auch selbst, als er dasselbe erreichte, glaubte er noch, die einzelnen Bäume zu erkennen, und daß er von der Spur des Bären nichts mehr sah, war ja bei diesem Sturm nicht zu verwundern. Er ritt getrost weiter, mußte aber seinen Hut tief auf den Kopf drücken, damit ihm derselbe nicht davon flog. Der Wind steigerte sich mehr und mehr, bis er um die Mittagszeit als entfesselter Orkan von Süden her über die unabsehbare Grasfläche brauste. Vergebens suchte Carls Blick in der Ferne den Wald des Bärflusses zu entdecken, der seiner Berechnung nach schon sichtbar sein mußte, und ein unheimliches Gefühl der Ungewißheit über die eingeschlagene Richtung drängte sich ihm unwillkürlich auf. Es fiel ihm jetzt auch auf, daß er ungewöhnlich viele Thiere auf der Prairie in Bewegung sah, und zwar mit einer Unruhe, die er früher nie so allgemein an ihnen bemerkt hatte. Namentlich kamen deren immer mehr von Süden mit dem Sturme herangezogen und schienen sich weniger um Carl zu kümmern, als sonst. Er hatte eine Zeitlang verwundert dem Winde entgegen geblickt, als er plötzlich einen dunklen Streif über dem fernen Horizont gewahrte. Er hielt denselben im ersten Augenblick für aufsteigendes Gewölk, dann aber kam er ihm nicht mehr wie gewöhnliche Wolken vor, es war ein glatter langer Strich, der sich schnell über den äußersten Rand der Prairie erhob und immer schwärzer von Farbe wurde. »Das ist kein Gewölk; was aber kann es sein, das mit dem Sturm dort heranzieht?« dachte Carl, und sah in weitester Ferne noch immer mehr Thiere heranjagen. Da fuhr es ihm wie ein Blitzstrahl durch die Gedanken: »Wenn es ein Prairiebrand wäre!« Kaum hatte er es gedacht, so stand auch die Gewißheit in ihm darüber fest, denn das Bild, welches Daniel ihm so oft von diesem Schreckensereigniß gegeben hatte, stimmte vollkommen mit dem überein, welches er jetzt vor Augen hatte.

Der schwarze Strich waren Rauchwolken, die schon beinahe um den dritten Theil des Horizonts sichtbar wurden, und sich weiter und weiter hinter Carl ausdehnten.

Zugleich änderte der Sturm seine Richtung und kam mehr von Osten hergezogen. Noch lebte die Hoffnung in Carl, daß seine Richtung ihn nach dem Bärflusse führe, wenn auch viel weiter nach dessen Mündung in den rothen Fluß, als das Fort lag. Hier war keinenfalls seines Bleibens, und nur die Flucht konnte ihn und sein Roß von einem grausigen Untergange in den Flammen des brennenden Grases retten. Auch der Falbe schien jetzt die drohende Gefahr, die mit jenen Rauchwolken aufstieg, zu ahnen, denn er sah schnaubend nach ihnen hin und drängte sich in das Gebiß, um davoneilen zu dürfen. Kaum aber hatte Carl ihm die Zügel gegeben, so flog das Thier mit ihm davon, als wolle es den Sturmwind hinter sich zurücklassen.

Links und rechts jagte es an fliehenden Hirschen, an einzelnen Büffeln, an wilden Pferden vorüber, und soweit Carls Auge reichte, belebte sich die Grasfläche in jedem Augenblicke mehr mit Thieren der Wildniß, die alle vor dem Orkane dahin jagten. Carl suchte sein Pferd zu beruhigen, um ihm auf die Dauer die Kraft zu erhalten, er sprach zu ihm und klopfte mit der Hand seinen festen Hals; die Aufregung des Thieres schien sich aber immer mehr zu steigern und seine Sprünge immer weiter, immer flüchtiger zu werden. Carl blickte zurück nach dem rasch aufsteigenden schwarzen Gewölk, und sah, wie unter demselben die weiteste Ferne der flachen Prairie sich mehr und mehr mit bewegten dunkeln Massen bedeckte. Diese Massen waren die fliehenden vierfüßigen Bewohner dieser Wildniß, die das Feuer von weit her vor sich hingetrieben hatte, und die jetzt in gedrängten Reihen in wilder Flucht ihre Rettung suchten. Einen Trost fühlte Carl in dem Hinblick auf seinen Falben, den, daß derselbe den Lauf ebenso lange aushalten würde, als eines jener Tausende von Thieren, die ihm folgten; denn ließen seine Kräfte früher nach, so wäre der Tod unter den Füßen jener Massen unvermeidlich gewesen. Dahin jagte Carl Scharnhorst mit dem Sturme um die Wette, Hügel auf, Hügel ab; vergebens aber spähete er nach dem Walde des Bärflusses, sein Blick schweifte rundum nur über eine endlose Grasfläche. Immer eiliger, immer drohender zogen die Rauchwolken am Himmel empor und rollten sich in schwarzen schweren Massen über einander an demselben hin; schon jagten sie sich, wie in wildem Kampfe über Carls Haupt, mit ihrem Weiterzuge nahm das Tageslicht mehr und mehr ab, und ein Düster, wie das hereinbrechender Nacht, legte sich auf die im Sturme wogende weite Grasfläche. Plötzlich zog ein röthlicher Schein über das schwarze rollende Gewölk, und als Carl sich umwandte, sah er im Halbzirkel hinter sich die Flammen des brennenden Grases über dem äußersten Rande der Prairie emporlodern. Sie schlugen hoch und wild zum Himmel auf und beleuchteten mit ihrem glühendrothen Scheine das wogende Thiergewirre, das sie im Todeslaufe vor sich hertrieben. Die ganze Fläche hinter Carl schien zu leben, und wie ferner Donner drang es von dort her zu seinem Ohr. Die Rauchwolken hatten den ganzen Himmel überzogen, sie schienen rundum auf dem Rande der Prairie zu liegen, und die durch sie erzeugte schwarze Nacht wurde nur durch das glühende Feuerlicht der immer höher in der Ferne hinter Carl aufsteigenden Flammen verscheucht. Fort ging es mit des Sturmes Rasen über viele, viele Meilen weite Strecken, immer noch gleich flüchtig trug der brave Falbe seinen Reiter weit vor den heranstürmenden Thiermassen hin, und nur einzelne der schnellsten Bewohner dieser Steppen, Hirsche, Antilopen und wilde Pferde begleiteten ihn zu beiden Seiten auf der verzweifelten Flucht. Alles rannte in blinder Verwirrung durcheinander hin, Alles in seiner Schnelligkeit Rettung suchend, Alles vor dem furchtbaren Elemente fliehend, dessen Flammen, vom Orkan getragen, über das Grasmeer wirbelten und in ihrer Gluth verzehrten, was ihrem Bereich verfiel.

Nicht weit von Carl jagte ein Trupp wilder Pferde; an ihrer Spitze befanden sich viele Füllen, welche, wie es schien, durch die Alten zur Eile angetrieben wurden, denn diese rannten hinter ihnen hin und her, und ließen sie nicht zurückbleiben. Zwei der Füllen aber stürzten plötzlich zusammen, und während die Heerde an ihnen vorübersauste, blieben ihre Mütter bei ihnen zurück, stießen sie mit dem Kopf, scharrten an ihnen mit den Vorderfüßen und suchten sie auf alle Weise zum Aufstehen zu bewegen; es war aber umsonst, die Kleinen konnten sich nicht wieder erheben. Nochmals versuchten es die Stuten, sie aufzutreiben, dann aber sahen sie mit entsetztem Blick nach den Flammen zurück, und jagten der Heerde nach. Bald darauf brach ein mächtiger Hirsch vor Carl zusammen, er sprang wieder auf und suchte sich auf den Füßen zu erhalten, sank aber immer wieder nieder, und als Carl an ihm vorüberjagte, hob das erschöpfte Thier den Kopf empor und schaute ihn an, als ob es seine Hülfe erflehen wolle.

Hier stürzte ein Pferd, dort eine Antilope, da ein Hirsch, ein Büffel; ihre Kameraden aber flohen davon und überließen sie ihrem Schicksale.

Noch hatte des Falben Schnelligkeit nicht nachgelassen, Angst und Entsetzen trieben ihn vorwärts, und die Verzweiflung gab seinen Gliedern immer noch neue Kräfte. Dennoch fühlte Carl, daß die Bewegungen des edlen Thieres härter und weniger leicht wurden, und mit Schrecken hörte er durch das Heulen und Brausen des Orkans die mühsamen schweren Athemzüge des treuen Rosses. Bald aber wurden auch dessen Sprünge kürzer, seine Glieder hoben sich nicht mehr hoch über das trockne harte Gras, sie theilten mühsam dessen verworrene Halme, und Erschöpfung zeigte sich in seiner verminderten Schnelligkeit. Augenscheinlich kamen die Flammen und die heranstürmenden Heere der wilden Thiere jetzt Carl näher, und mit Entsetzen schaute er bald rückwärts in die, zwar noch ferne auflodernde Gluth, bald in die düstere Weite vor sich. – Wo – wie – sollte er Rettung finden, Rettung für sich und für sein ihm so theures Pferd!

In der Ferne, nur in der weiten Ferne konnte er sie suchen; ein Wald – ein Wasser – klang es mit verzweifelndem Verlangen durch Carls Seele, und mit schmerzlichem Zucken stach er beide Sporen in die von Schweiß triefenden Flanken des ermüdeten lieben Rosses. Hoch schnellte das Thier sich wieder über das Gras hinaus und ließ in fliegender Carriere abermals eine Meile hinter sich zurück; um so schneller aber sanken seine Kräfte, und um so mühsamer wurden seine Anstrengungen, sein Athmen. Der kürzeste Aufenthalt aber war sicherer, unvermeidlicher Tod; vorwärts, war die Losung, und abermals trieb Carl den Falben zu wilder Flucht an, und nochmals folgte das treue Thier der Aufforderung seines Reiters. Es sauste hinab in ein schmales Thal und hatte die nächste Höhe mit letzter Anstrengung erreicht, da stürzte es mit seinem Reiter zusammen und wandte seinen Kopf mit einem Blick nach ihm hin, als wolle es Abschied von ihm nehmen. Mit Entsetzen sprang Carl empor, und schlang seine Arme um den Hals des geliebten Thieres; wie konnte er ihm helfen – wie konnte er sich selbst retten?

Er sah zurück in die zum Himmel auflodernden, im Fluge heranziehenden Flammen, sah die schwarzen Thiergestalten im Sturmlauf näher kommen, und hörte den Donner, womit sie den Boden unter sich erdröhnen ließen. Hier durfte er nicht weilen; noch einen kurzen Abschied dem Falben, und mit der Büchse in der Hand rannte Carl über die Höhe davon. Er hatte aber kaum vierzig Schritte zurückgelegt, als er hinter einem niedrigen Gebüschstreifen in einer Vertiefung ein sumpfiges Wasser gewahrte, welches in kurzer Entfernung bei einem alten kolossalen Mosquitobaum seinen Anfang zu haben schien. Carl lief zu dem Baume hin, der hoch auf dem Ufer stand und sich über das Wasser neigte, welches tief unter seinen Wurzeln als klarer Quell hervorkam und nach dem Sumpfstreifen hinfloß. Der gütige Gott hatte ihn zu seiner Rettung hierhergeführt, das fühlte Carl mit dankerfülltem Herzen, und mit gläubiger Zuversicht auf seinen fernem Beistand warf er noch einen Blick in die Vertiefung unter den Wurzeln des Baumes, und rannte dann mit fliegenden Sprüngen zu seinem Pferde zurück. In wenigen Augenblicken hatte er die Gurte des Sattels gelöst, denselben von dem Pferde herabgezogen, den Strick, den dasselbe um den Hals trug, so wie den Zaum von ihm genommen, und trug Alles in Eile in die Aushöhlung, welche sich unter dem Baume in dem Ufer befand. Jetzt erinnerte er sich, daß Daniel ihm gesagt hatte, man müsse bei einem Prairiebrand selbst das Gras, wo es niedrig stehe, anzünden, um einen Platz zu gewinnen, wo dann das heranziehende Flammenmeer keine Nahrung mehr finden würde; da dachte er aber an seinen Falben, sollte er selbst dem treuen Thiere den Tod bereiten? Unmöglich, das konnte er nicht, und wenn er selbst ein Opfer des Feuers werden sollte. Er riß schnell seinen Hut vom Kopfe, füllte ihn an dem Quell, rannte damit zu dem erschöpften Pferde, und goß demselben das Wasser über den Kopf. Das erschreckte Thier raffte sich auf, stürzte wankend vorwärts und erreichte den Sumpf, in welchem es abermals zusammenbrach.

»Gottlob!« rief Carl aus, als er das Wasser aus dem hohen schilfartigen frischen Grase über dem Thiere aufspritzen sah; denn möglicherweise blieb dasselbe dort von der schnell über ihm hinziehenden Gluth verschont. Da hörte er aber wieder den Donner der heranstürmenden Thiere, und sah schon im Geiste, wie dieselben seinen armen Liebling unter ihren Füßen zermalmen würden. Es stand aber nicht in seiner Macht, mehr für das Roß zu thun, und die unter ihm dröhnende Erde mahnte ihn, auf seine eigene Sicherheit bedacht zu sein. Er sprang nach dem Baume zurück und in die Vertiefung unter demselben in das Wasser hinein. Er legte sich darin nieder, so daß seine Kleidung ganz durchnäßt wurde, sein Gepäck und seine Waffen schob er unter den Wurzeln des Baumes tief in das Ufer hinein, indem er schnell mit dem Messer und mit den Händen die Höhle noch vergrößerte. Dann tauchte er die Jaguarhaut in den Quell, um sich damit zu überdecken, sobald das Feuer sich nahe; denn Daniel hatte ihm erzählt, daß sich die Indianer bei einem Prairiebrande wohl in eine frische Büffelhaut einwickelten, um sich gegen das Feuer zu schützen.

Das Ufer war ziemlich hoch, das Gras an dessen Abhang und um das Wasser konnte nicht brennen, da es noch grün war, und die Büsche, die auf dem Ufer standen, gewährten gleichfalls noch Schutz. Auch vor den fliehenden Thierschaaren war er sicher, und seine ganze Besorgniß, seine Angst war nur noch dem lieben Falben zugewandt. Derselbe hatte sich aber wieder etwas erhoben und streckte seinen Kopf empor, als wolle er über das Ufer hin nach dem dumpfen Getöse spähen, welches schnell näher kam und von Minute zu Minute lauter und dröhnender mit dem Brausen des Orkans die Luft erfüllte.

Jetzt verfinsterte sich die Luft, ein dichter schwarzer Aschenregen wehte über die sumpfige Vertiefung und raubte Carl jeden Blick in die Ferne, nur den Falben konnte er noch erkennen, weil der Sturm die Asche hoch über denselben hinauswehte. Zugleich meldete das Erzittern der Erde das Nahen der wilden fliehenden Thierschaaren an, und der Donner ihrer Tritte, die Schreckenstöne ihres Gebrülls, ihres Geheuls mischten sich mit den furchtbaren betäubenden Accorden des Sturmes.

Carl erfaßte die im Wasser vor ihm liegende Jaguarhaut, hielt aber zusammengepreßten Herzens seinen Blick immer noch auf seinen Falben geheftet; da sprang derselbe, wie von neuem Entsetzen ergriffen, aus dem Schilf heraus, erreichte mit verzweifelten Sätzen das trockene Ufer, und stob in die Finsterniß hinaus, womit die fallende Asche die Ferne bedeckte. Plötzlich wurde es hell, die ganze Luft erglühte, statt der schwarzen Asche wehte dieselbe brennend als Feuerregen über die Prairie, und Himmel und Erde schienen in Flammen zu stehen. Der Baum, unter welchem Carl verborgen lag, erbebte bis in seine Wurzeln, das Ufer schien über ihm einbrechen zu wollen, das Getöse betäubte sein Gehör, und links und rechts stürzten sich Büffel, Bären, Rosse, Hirsche, Antilopen, Wölfe, Jaguare und Panther übereinander hin von der Höhe hinab in den Sumpf hinein. Im Augenblick war derselbe, so weit Carls Blick reichte, mit wilden Thieren ausgefüllt, auf welche andere vom Ufer hinabsprangen und sich ihren Weg über deren Körper zu bahnen suchten. Der Kampf derselben war ein furchtbarer, verzweifelter, aber ein kurzer; denn Kopf an Kopf und Rippe an Rippe drängten sich Tausende von nachfolgenden Thieren über die Streitenden hin, und die Bahn für den Sturmlauf der großen Massen, die jetzt erst vor den Flammen herangebraust kamen, war geebnet: Alles, was säumte, was stürzte, ward unter den Füßen zermalmt.

Carl hatte beim ersten Erscheinen dieser furchtbaren Schaaren nach einem Revolver gegriffen, und hielt ihn fest in der Hand, die Thiere aber bemerkten ihn nicht, denn alle strebten weiter. Nur ein riesiger Panther wandte sich aus dem Getümmel der Höhle zu, um in ihr Schutz zu suchen. Er stutzte vor der gefleckten gelben Haut des Jaguars, welche Carl bis über die Brust heraufgezogen hatte, er erkannte in ihr den König dieser Wildniß und zögerte, zähnefletschend, sich ihm zu nahen. Carl hatte ihm aber den Revolver zwischen die glühenden Augen gerichtet und schoß ihm die Kugel durch den Schädel. Ohne Zucken sank das Raubthier vor Carls Füßen zusammen und der Krach des Schusses verhallte unbemerkt in dem Donnerdröhnen, womit die vorüberstürmenden Thierschaaren die Luft erfüllten. Unaufhaltsam und ununterbrochen zog Heerde auf Heerde in dicht gedrängten Reihen im buntesten Gemisch und in fliegendem Laufe zu Carls beiden Seiten vorüber, Freund und Feind nebeneinander, und hier und dort sah Carl eine Leopardenkatze, einen Lux auf dem zottigen Rücken eines kolossalen Büffels reiten.

Endlich wurden die Reihen lichter und die erschöpften Nachzügler stürzten mit Aufwand ihrer letzten Kräfte vorüber, um bald von den Flammen eingeholt und von ihnen vernichtet zu werden. Der Feuerregen war mit den Thieren weiter gezogen, der Himmel aber hatte sich in ein blendendes Gluthmeer verwandelt und der Sturm trug jetzt eine sengende Glühhitze heran. Carl warf noch einen Blick an dem Ufer empor, er sah die Flammenspitzen hoch über sich in der Luft ausgestreckt züngeln, warf sich in die Höhlung zurück und zog die nasse Jaguarhaut über den Kopf. Es waren Augenblicke zwischen Leben und Tod, er hielt den Mund dicht an die Erde, dennoch schien ihn die glühende Luft ersticken zu wollen, seine Gedanken verwirrten sich, und er hörte nur noch ein stürmisches Sausen und Brausen in der Luft. Es waren aber nur Augenblicke der Qual und der Betäubung, denn plötzlich wehte es kalt, ja eisig in die Höhle hinein; Carl warf die Jaguarhaut von sich, und verschwunden war Feuer und Gluth. Es war wieder Tag, Carl sah den hohen grauen Himmel wieder über sich, und sah vor sich die schwarzen Rauchwolken über den aufwirbelnden Flammensäulen vor dem Orkane nach Westen hin über die weite Ebene jagen. Er sprang aus seinem Versteck hervor auf das Ufer hinauf und blickte dem dahineilenden Grasbrande nach. Ein Bild des Todes, der Erstarrung umgab ihn. So weit sein Auge reichte, lag die, noch vor wenigen Minuten im Sturme wogende Prairie, eine schwarze kahle Fläche, ausgebreitet, und wohin er schaute, traf sein Blick auf versengte und verbrannte schwarze Thiergestalten, deren viele noch mit dem Tode rangen. Carl fiel auf seine Kniee, faltete seine Hände und dankte, zum Himmel aufsehend, dem Allmächtigen für seine wunderbare Rettung. Dann stand er auf und blickte auf die Verwüstung um sich; wohin sollte er sich wenden, um die lebende Welt wiederzufinden? Thränen traten ihm in die Augen, denn er dachte an die Angst, an die Sorgen der Seinigen, und fühlte sich so verlassen, so hülflos. Was mochte auch wohl aus seinem Falben geworden sein – derselbe war gewiß auch in den Flammen umgekommen! Hätte er ihn jetzt noch gehabt, dann wäre ihm nicht bange gewesen, der hätte ihn gewiß wieder nach dem Fort zurückgetragen. Carl schaute nach dem Platze, wo sein Pferd mit ihm zusammengestürzt war, und sah etwas weiter hin bei einem Mosquitobaum sich Etwas bewegen. Er ging näher und erkannte einen schwarzen Pferdekopf, der sich, wie es schien, aus einer Vertiefung erhob. Bald sah er das ganze Pferd, einen Rappen, der in einem steinigen trocknen Graben lag, wie sie häufig von schweren Gewitterregen in der Prairie erzeugt werden. Er trat nahe an das wilde Roß hinan, es war ein Rappenhengst von etwa vier Jahren, der aber Carl nicht zu bemerken schien und nur nach Luft schnappte. Er war aber nicht versengt, denn seine Mähnen hingen lang und glänzend an seinem Nacken, und über seine Stirn fielen lange Locken von seinem Kopf herab. Es war ein schönes Thier, nur sein Blick war nicht, wie er sein sollte, denn seine Augen waren mit Asche und Staub angefüllt. Die Vertiefung, in welcher das Roß lag, hatte dasselbe vor den schnell über ihn hineilenden Flammen geschützt; denn das Gras ward ja in wenigen Augenblicken von dem Feuer verzehrt, und der Sturm hatte dieses ja fliegend über die Erde hingetrieben.

Carl sprang rasch nach seiner Höhle zurück, zog den Strick seines Falben hervor und eilte damit zu dem wilden Pferde. Er befestigte denselben um dessen Hals, und band dann das andere Ende fest an den nahestehenden Baum. Das Thier war so erschöpft, daß es sich Alles ruhig gefallen ließ, auch selbst, daß Carl mit ihm sprach und ihm Kopf und Hals mit der Hand klopfte. Nun ging er wieder nach seinem Versteck, um dem Thiere Wasser zu bringen. Da er aber in dem Hut nur zu wenig herbeitragen konnte, so nahm er die Jaguarhaut, faßte ihre vier Enden und die Seiten zusammen, versenkte sie in den Quell, und hob sie dann mit Wasser gefüllt empor. Nun trug er sie vorsichtig zu dem Pferde, und goß demselben das Wasser über den Kopf. Das Thier erschrack gewaltig und sprang auf die Füße, es war aber zu schwach, um das Ufer zu erklimmen. Carl wiederholte die Uebergießung noch einigemale, und zuletzt gelang es dem Pferde, aus der Vertiefung auf die versengte Erde bei dem Baume zu springen. Carl verkürzte nun den Strick, so daß das Thier den Graben nicht wieder erreichen konnte, und er sah zu seiner Freude, wie es sich nach und nach erholte. Daniel hatte ihm oft erzählt, daß man wilde Pferde leicht dadurch bändigen könne, wenn man ihnen mit dem Lasso den Hals für einige Augenblicke zuschnüre und ihnen dann die Schlinge wieder löse. Er holte schnell den Lasso, den er am Sattel trug, und legte dem Rappen die Schlinge um den Hals, damit er im Stande sein würde, ihn zu bändigen, wenn er mit der Rückkehr seiner Kräfte böse werden sollte. Noch aber war das Thier ganz geduldig und ließ Alles mit sich thun.

Carl holte nun einen Hut voll Wasser und drückte ihn dem Pferde unter das Maul, so daß dasselbe in das Wasser kam. Das Thier schreckte mit dem Kopfe zurück, leckte aber doch seine Lippen ab, schnaubte laut aus den Nüstern und zeigte, daß ihm die Erfrischung wohlgethan habe. Sein Durst mußte schrecklich sein, denn als Carl sein Verfahren wiederholte und ihm abermals das Wasser unter das Maul hielt, trank es gierig den ganzen Hut leer. Carl brachte ihm so viel Wasser, bis es nicht mehr trinken wollte, und wusch ihm dann die Augen aus. Im Anfang erbebte das Pferd jedesmal, wenn der Knabe sich ihm nahte, bald aber sah es ihn nicht mehr so scheu an und ließ ihn, ohne zu erschrecken, bei sich kommen. Er holte nun von dem Ufer des Sumpfes frisches Gras und reichte es dem Thiere, dasselbe wollte aber noch kein Futter annehmen, worauf Carl das Gras an dem Baumstamme niederlegte.

Er hatte nun wieder ein Pferd, ob er es aber zum Reiten würde benutzen können, das war noch die Frage; versuchen wollte er es jedoch jedenfalls. Jetzt mußte er aber auch an sich selbst denken, denn sein eigener Magen verlangte nach Speise. Wegen Nahrung brauchte er nun freilich nicht in Verlegenheit zu sein, denn es lagen ja Hunderte von getödteten Thieren ganz in seiner Nähe. Er ging nach dem Ufer des Sumpfes, der mit todten Körpern vollständig ausgefüllt war und fand an dem Rande desselben einen jungen Hirsch, den die fliehenden Heere niedergetreten hatten. Carl schnitt das zarteste Wildpret aus ihm heraus, zündete ein Feuer neben dem alten Mosquitobaume an, denn trockenes Holz lag in Menge unter demselben, und bereitete nun sein Mittagsessen. Das Quellwasser war herrlich und stillte seinen Durst. Er hatte aber auch an die nächste Zukunft zu denken, denn mehrere Tage mußte er jedenfalls hier verweilen, ehe er das Pferd würde reiten können. Zeigte sich die Sonne wieder, so stand zu erwarten, daß die vielen Thierkörper schnell in Verwesung übergehen würden, wo er dann deren Fleisch nicht mehr benutzen konnte, und auf diesem öden abgebrannten Lande durfte er wohl nicht hoffen, ein lebendes Thier erscheinen zu sehen. Er zerschnitt darum das Fleisch des Hirsches in sehr dünne Streifen und trocknete es über einem rauchenden Kohlenfeuer.

Der Sturm hatte sehr nachgelassen, der Himmel hatte sich aber um so finsterer überwölkt und drohte mit Regen. Die Nacht brach herein, Carl reichte seinem Pferde nochmals Wasser, trug ihm dann einen Arm voll Gras hin und legte sich auf den versengten Erdboden bei dem Feuer nieder, nachdem er dieses mit einigen starken Stücken Holz versehen hatte. Obgleich seine Kleidung wieder getrocknet war und er das Feuer während der Nacht unterhielt, so fror ihn doch sehr, denn er besaß nichts, um sich darin einzuhüllen und konnte auch die Jaguarhaut nicht unter sich legen, weil dieselbe noch naß war. Er beschloß darum, am folgenden Morgen einem der Büffel, welche todt im Schilfe lagen, die Haut abzunehmen und sie für seinen Gebrauch, so gut er konnte, zuzubereiten, denn dies hatte er von Daniel gründlich gelernt. Als der Tag graute, erwachte Carl aus einem mehrstündigen festen Schlaf und richtete seinen ersten Blick nach dem Rappenhengst hin. Derselbe hatte sich schon erhoben und verzehrte das letzte Gras, welches Carl ihm am Abend vorher zugetragen hatte. Als aber dieser sich ihm nahete, sprang er entsetzt zurück, bäumte sich und riß mit aller Gewalt an dem Seil, womit er an dem Baume befestigt war. Carl suchte das Pferd mit guten Worten zur Ruhe zu sprechen, es schnaubte ihm aber gewaltig entgegen und stierte ihn scheu und geängstigt an, und als er ihm einen Hut voll Wasser holte, drängte es sich von ihm zurück und geberdete sich wild und unbändig. Jetzt ergriff Carl den langen Lasso, dessen Schlinge der Hengst um den Nacken trug und zog dieselbe zu. Das Roß bäumte und sträubte sich gegen die Gewalt, die ihm angethan wurde, aber der Athem ward ihm genommen und es stürzte, an allen Gliedern zitternd, zu Boden. Carl löste nun schnell die Schlinge, um das Pferd vor dem Ersticken zu bewahren, und suchte dasselbe durch Liebkosungen zu beruhigen; kaum aber athmete das Thier wieder, als es aufsprang und noch wilder, noch wüthender tobte. Carl jedoch zog abermals die Schlinge zu, wieder stürzte der Hengst zusammen, und diesmal ließ sein Bändiger ihn länger dulden und es dauerte geraume Zeit, ehe das Thier sich erholte, nachdem die Schlinge wieder geöffnet war.

Es schien jetzt die Uebermacht seines Herrn anzuerkennen, denn es duldete nun, daß derselbe sich ihm näherte und ihm wie früher mit der Hand das glatte Haar strich. Sein Zittern und Beben zeigte aber, daß seine Angst sehr groß war, wenn es sich auch nicht mehr zu widersetzen wagte. Das Wasser, welches Carl ihm reichte, wollte es nicht trinken, doch es verzehrte das Gras, welches er ihm reichlich zutrug.

Nachdem Carl nun selbst etwas gebratenes Fleisch und einen frischen Trunk aus dem Quell zu sich genommen hatte, begab er sich in das hohe grüne Schilf zu einem todten jungen Büffel, von welchem er sich die Haut aneignen wollte. Es lag ein alter Büffel und ein Pferd auf dem jungen Thiere, welche beide Carl nur mit großer Anstrengung zur Seite ziehen konnte, um zu jenem zu gelangen.

Nach langer Arbeit aber setzte er es doch durch, und nahm dem Thiere die Haut ab. Sie war groß genug, um sich darin vom Kopf bis zu den Füßen einzuhüllen, und war doch nicht so unhandlich und schwer, wie die eines ausgewachsenen Büffels. Carl spaltete nun mit dem Beil, welches er am Sattel trug, mehreren der umherliegenden Thiere die Köpfe, nahm das Gehirn aus denselben und strich die ganze Haut damit an, worauf er sie zusammenfaltete und sie mit Steinen und Stücken Holz beschwerte, um sie am folgenden Tage zuzubereiten. Sein Pferd verzehrte heute alles Gras, welches er ihm reichte, verstand sich aber erst gegen Abend dazu, Wasser aus dem Hut zu trinken.

Mit dem Neigen des Tages theilte sich das Gewölk, der blaue Himmel blickte hier und da hervor und die Sonne zeigte sich wieder. Sie warf im Scheiden ihre letzten Strahlen über die abgebrannte schwarze Fläche, und Carl sah verwundert nach ihr ihn, denn dort, wo sie versank, hatte er geglaubt, daß es Sonnenaufgang sein müsse. Er war demnach nach Westen geflohen, während er der festen Meinung gewesen, nach Osten dem Bärfluß zuzujagen. Es lagen nun drei bis vier Tagereisen zwischen ihm und seiner Heimath, und der Weg dorthin führte über eine öde Strecke, auf welcher kein Gras für sein Pferd mehr stand, und auf welcher es sehr ungewiß war, ob er für dasselbe und für sich Wasser antreffen werde, um den Durst zu stillen. Diesen Weg konnte er deßhalb nicht einschlagen, um das Fort zu erreichen; welche andere Richtung sollte er aber wählen? Er wußte, daß der rothe Fluß von Westen nach Osten strömte und daß er denselben in nördlicher Richtung treffen mußte; wie weit es aber zu dessen Ufern sei, das konnte er sich nicht beantworten. Das Feuer war von Südost gekommen und nach Nordwest gezogen, also nach dem rothen Flusse hin, darum hielt es Carl für das Rathsamste, seinen Weg nach Südwesten zu verfolgen, in der Hoffnung, dort am ersten auf Land zu stoßen, welches vom Feuer verschont geblieben war. Jedenfalls mußte er noch einige Tage hier verweilen, bis er das Pferd so weit gezähmt hatte, daß er es reiten konnte. Er legte ihm schon am folgenden Tage den Sattel einmal auf, legte ihm den Zaum an, und hing sich mit den Armen wiederholt auf seinen Rücken, welches das Thier zitternd und bebend duldete, theils, weil es noch sehr entkräftet war, theils aber auch, weil es die Schlinge noch immer an das Erdrosseln erinnerte. Außerdem aber schien es auch die Hülfe und die Wohlthaten seines Herrn anzuerkennen, und sich immer weniger vor ihm zu fürchten. Carl bereitete heute auch die Büffelhaut, wobei er sich mehrerer schweren Steine als Werkzeuge bediente, und wobei ihm der warme Sonnenschein sehr zu Hülfe kam.

Während Carl nun mit den Vorbereitungen zu seiner Weiterreise beschäftigt war, herrschte in dem Fort der größte Jammer über das schreckliche Schicksal, das ihn aller Vermuthung nach erreicht haben mußte. Daniel war an jenem Abend, als er Carl suchte und den Bären gefunden hatte, bei diesem während der Nacht liegen geblieben, und hatte am folgenden Morgen viele Meilen weit mit der größten Mühe die Fußtritte seines jungen Freundes und die des Falben verfolgt, bis dieselben seinen Blicken unbemerklich wurden und er nur noch auf gut Glück weiter ritt und nach einem Zeichen von Carl spähete. Plötzlich aber sah er die schwarzen Rauchwolken von Süden her aufsteigen und mehr und mehr nach Westen hinziehen. Der Gedanke, daß Carl in das Feuer gerathen sein könne, war ihm entsetzlich, und als er Nachmittags zufällig wieder die Spur des Falben erkannte, die nach Westen zeigte, da trieb ihn die Verzweiflung vorwärts. Er stieg vom Pferde ab, um die Fährte leichter verfolgen zu können, und gelangte dann auch wirklich auf ihr in die abgebrannte Prairie hinaus, wo er bald an den Huftritten des Falben erkannte, daß derselbe im Sturmlauf dahingeeilt war. Nicht lange aber konnte er ihnen folgen, weil die fliehenden Thierschaaren sie ausgetreten hatten.

Alle Hoffnung für die Rettung Carls war jetzt in der treuen Seele des Negers erstorben, denn nur zu gut wußte er es, daß derselbe dem, vom Sturm gejagten Feuer nicht hatte entfliehen können.

Mit blutendem Herzen schaute er lange Zeit über die endlose schwarze Fläche vor sich, und wandte sich dann unter Thränen zurück nach dem Eichenwald, wo er ohne Speise und ohne Trank die Nacht verbrachte. Als er aber am folgenden Tage ohne Carl nach dem Fort zurückkehrte, da brachen Turners sämmtlich in lautes Wehklagen aus, und Alle weinten und rangen die Hände über den Verlust des braven Knaben, der sich für ihr Wohl, für ihr Glück geopfert hatte. Der Bericht des Negers stellte es außer allen Zweifel, daß Carl in den Flammen des brennenden Grases seinen Tod gefunden habe, nachdem er aus dem Kampfe mit dem Bären siegreich hervorgegangen war. Auch in den Ansiedelungen an dem Choctawbache erregte die Kunde von Carls Schicksal großes Bedauern, namentlich bei Warwick; denn der alte Herr hatte in dem Knaben immer eine Hauptstütze der Niederlassung am Bärfluß erkannt.

Es war nun eine Woche verstrichen, seit Carl dem Flammentode entgangen war, und von Tag zu Tag hatte das gefangene wilde Pferd sich zutraulicher und williger gegen ihn gezeigt. Er hatte ihm jeden Morgen Sattel und Zaum aufgelegt, und das Thier erlaubte ihm nun schon, seinen Rücken zu besteigen, welches er recht häufig that und es dabei am Zügel hin- und herlenkte, ohne jedoch den Strick vom Baume zu lösen. Die in Verwesung übergehenden, umherliegenden todten Thiere mahnten ihn jetzt aber dringend, diesen Ort zu verlassen, und er beschloß eines Morgens nach dem Frühstück, einen Proberitt auf seinem Rappen zu machen. Er löste den Strick von dem Baume, stieg in den Sattel und lenkte das Pferd in weitem Kreise um den Sumpf über die kahle Fläche, und zu seiner großen Freude folgte das Thier geduldig dem Zügel, wenn es auch nur langsam mit seinem Reiter dahinschritt. Es war noch immer sehr matt, denn wenn Carl ihm auch hinreichend Gras zugetragen hatte, so konnte es sich doch nicht so davon erholen, als wenn es sich selbst die Nahrung gesucht hätte. Nachdem Carl wohl eine Stunde lang so umhergeritten war, lenkte er das Pferd nach dem Quell, damit es sich an dem frischen Trank erquicken möge, und dann ritt er an den Sumpfrand in das beste Gras, und ließ das Thier dort weiden.

Er verbrachte beinahe den ganzen Tag in dieser Weise mit der Pflege seines Rosses, welches sich denn auch zum ersten Male seit seiner Gefangennehmung wirklich nach Herzenslust sättigte und sich dann geduldig wieder an den Baum befestigen ließ.

Abschnitt 7.

Ritt durch die Wildniß. – Wasser. – Die Antilopen. – Die Grenze des Prairiebrandes. – Die Klapperschlangen. – Der Delawaren-Häuptling. – Das Lager der Indianer. – Der schwarze Panther. – Rückkehr in das Fort. – Indianerfreundschaft. – Der Frühling. – Die Bestürmung. – Letztes Mittel. – Die nahende Rache.

Am folgenden Morgen hatte Carl nun schon frühzeitig den Hengst gesattelt, hatte die Büffelhaut zusammengerollt und hinter den Sattel gebunden und das getrocknete Fleisch an demselben befestigt. Nachdem er selbst, so wie sein Pferd sich noch einmal an dem Quell gelabt hatten, bestieg er dasselbe und ritt in den Strahlen der aufsteigenden Sonne nach Südwesten davon. Die Hoffnung, die Seinigen bald wieder zu sehen, trieb ihn vorwärts, und der Gedanke, durch sein Erscheinen ihren Kummer, ihren Gram zu heilen, beseligte sein junges hochschlagendes Herz. Er trieb den Rappen zur Eile an, und ließ ihn häufig lange Strecken traben, nach Verlauf von einigen Stunden aber fand er schon aus, daß dessen Kräfte zu einem tüchtigen Ritt, wie er ihn auf dem Falben oft gemacht hatte, nicht ausreichten. Er mußte darum seiner Sehnsucht nach den Seinigen Zwang anthun und sich mit einem raschen Schritt des Thieres zufrieden stellen, wobei ihn die Ueberzeugung tröstete, daß nur die große Ermattung desselben ihn überhaupt in den Stand gesetzt habe, es seinem Willen so weit unterthänig zu machen. Die weite Fläche, über welche er seinen Weg richtete, gewährte einen schauerlichen trostlosen Anblick; wie in einem schwarzen Trauerkleide lag sie, wellenförmig auf- und niedersteigend um ihn ausgebreitet, nirgends war ein grüner Halm, ein grüner Baum zu sehen, hier und dort bezeichnete eine dünne aufsteigende Rauchsäule den trocknen Stamm einer abgestorbenen Mimose, welche Feuer gefangen hatte und nun so lange glühte und kohlte, bis selbst die Wurzeln in der Erde verbrannt waren, und in allen Richtungen sah man Schwärme von Geiern über todten Thieren schweben, die den Flammen des Prairiebrandes zum Opfer geworden waren. Links und rechts ritt Carl an gefallenen Büffeln, Bären, Hirschen und Antilopen vorüber, manch schönes Pferd sah er verendet liegen, und der todten Wölfe waren es unzählige, deren versengte Körper wie schwarze Steine über dem verbrannten Boden emporragten.

Vergebens spähete Carl unaufhörlich und sehnsüchtig in die Ferne, ob er nicht den freundlichen grünen Schein lebender Vegetation erkennen könne; das finstere Bild blieb unverändert. Die Sonne überschritt ihren Höhepunkt und neigte sich dem westlichen Horizont zu, und noch hatte Carl seinem Pferde nicht einen Augenblick Rast gegeben, immer noch hielt er an dem Glauben fest, er müsse einen grünen Punkt in der schwarzen Ferne entdecken.

Der Rappe war sehr erschöpft, und sein Reiter mußte ihn mit den Sporen antreiben, sollte er nicht stille stehen. Endlich aber half auch dieses Mittel nicht mehr, und Carl stieg ab, um dem Thiere die Last zu erleichtern. Er ging nun zu Fuße und zog sein Pferd an dem Zügel hinter sich her, denn die Hoffnung konnte er nicht aufgeben, Wasser zu finden.

Die Sonne hatte den flachen dunklen Rand der Prairie erreicht und versank hinter demselben wie ein glühender Feuerball, während der Himmel über ihr sich blutroth färbte, und sein feuriger Wiederschein über die schwarze Steppe zitterte. Jetzt weigerte sich der Rappe, noch einen Schritt weiter zu gehen, und Carl sah es ein, daß es nicht böser Wille des Thieres, sondern vollständige Entkräftung war, die dasselbe an die Stelle fesselte. Er zog es mit Gewalt bis zu einem Mosquitobaume, befestigte es an dessen Stamm und nahm ihm seine Bürde ab. Wie gern hätte er ihm Gras weit hergeholt und ihm Wasser in seinem Hut zugetragen, aber wo sollte er es hernehmen? Ihn selbst peinigte der Durst, und doch würde er ihn gern ertragen haben, hätte er dem erschöpften Thiere nur helfen können. Dasselbe legte sich bald nieder, und Carl streckte sich, ohne ein Abendbrod genossen zu haben, neben ihm auf seiner Jaguarhaut aus, und deckte sich mit dem Büffelfell zu; denn das getrocknete Hirschfleisch hätte er nicht verzehren können, ohne erst seinen Mund mit einem Trunk Wasser zu erfrischen. Die Nacht breitete sich schnell über die Einöde aus, weder nah noch fern verrieth ein Laut die Gegenwart eines lebenden Wesens, und selbst die Lüfte schienen zur Ruhe gegangen zu sein, denn nicht der leiseste Hauch bewegte die reichen Locken Carls, der mit dem Kopf auf den Sattel zurückgesunken war und den Sternen sein Leid klagte, die so heiter blitzten und so freundlich auf ihn niederfunkelten.

Ein bleicher Lichtstreifen am östlichen Himmel zeigte sich über dem Rande der Steppe und verkündete den nahenden Tag, als Carl aus süßen wonnigen Träumen, wie sie nur die frische Jugend spendet, erwachte, und sich verwundert umschaute; denn er konnte im ersten Augenblick sich nicht besinnen, wo er eigentlich war. Die schwarze schwere Masse seines Rappen, den er neben sich durch die Dunkelheit erkannte, rief ihm seine Lage schnell ins Gedächtniß zurück, und er schaute nun besorgt und mitleidig auf das entkräftete Thier und rührte sich auf seinem Lager nicht, um seinen armen Leidensgefährten nicht in seiner Ruhe zu stören. Er lenkte aber seinen Blick zu den hellen Sternen über sich, faltete seine Hände und bat den Allmächtigen, ihm seinen fernern gnadenreichen Beistand zu verleihen.

Carls Vertrauen auf Gottes Schutz und Hülfe war von seiner frühesten Kindheit an unbedingt und unerschütterlich gewesen, und der augenscheinliche wunderbare Beistand des Höchsten in den vielen großen Gefahren, in welchen der Knabe sich trotz seiner Jugend schon befunden hatte, war an ihm nicht unbeachtet vorübergegangen, er hatte das Vertrauen nur tiefer in seinem dankbaren Herzen befestigt. Auch jetzt schaute er mit Zuversicht und unverzagt in die nächste Zukunft, und sagte sich, daß die Hand, die ihn schützend hierhergeleitet hatte, ihn auch ferner nicht verlassen würde.

Der Morgen zitterte über die Erde und der Tag warf bald sein helles, heiteres Licht auf die öde, ausgestorbene Wüste. Es that Carl leid, den Rappen in seiner Ruhe stören zu müssen, er wollte aber in der Kühle des Morgens den besten Ritt machen, und lieber in der Mittagshitze rasten. Der Hengst sprang rasch empor und schaute ganz erfrischt und munter um sich, ja, er widersetzte sich sogar ein wenig, als sein Herr ihm Sattel und Zeug auflegen wollte. Dies Zeichen von Stärkung war Carl jedoch sehr willkommen, und er wandte nur Güte an, um das Thier zur Weiterreise fertig zu machen. Dann schwang er sich auf dessen Rücken, und hatte seinen großen Spaß darüber, als der Hengst in Galopp fiel und mit ihm davonrennen wollte. Bald aber wurden Carl die Anstrengungen des Rappen doch zu bedenklich, und er faßte die Zügel mit beiden Händen, um ihn in seiner Gewalt zu behalten. Das Thier aber war kaum zu bändigen, hob die Nase immer hoch gegen den frischen Wind und drängte sich gewaltsam rechts aus der Richtung, in welcher sein Reiter es zu halten suchte. Diese auffallende Veränderung in dem Benehmen des Pferdes, und namentlich das hartnäckige Bestreben, etwas weiter nördlich zu gehen, fiel Carl auf, und er ließ ihm mehr Freiheit. Kaum fühlte das Roß aber die lockern Zügel, als es mit seinem Reiter dahin sauste, wie wenn es nie ermüdet gewesen wäre, so daß Carl seine Last hatte, nur einigermaßen noch die Herrschaft zu behaupten.

Der Lauf des Hengstes wurde immer wilder, immer flüchtiger und unbändiger, und sein Reiter konnte Nichts mehr thun, als sich nur im Sattel zu erhalten. In wenigen Minuten waren einige Meilen zurückgelegt, da erblickte Carl in der Ferne vor sich einen hellgrünen Streif, und nach ein paar Minuten später erkannte er deutlich zwei Pappeln, das sicherste Zeichen, daß Wasser sich in der Nähe befinde. Jetzt ward es ihm klar, weshalb das Thier so gewaltig nach dieser Richtung gestrebt hatte, denn der Wind wehte gerade von den Pappeln her, und das Pferd hatte das Wasser schon auf Meilen weit gewittert.

In sehr kurzer Zeit waren die Pappeln erreicht, welche an dem Ufer eines klaren, nach Nordost fließenden Baches standen. Noch ehe aber das Roß an das Ufer kam, hielt Carl es mit Gewalt an, sprang aus dem Sattel, nahm diesen von dem Rücken des Pferdes, und leitete dasselbe dann an dem Zügel nach dem Wasser, weil er voraussetzte, daß das Thier sich in den Bach hineinlegen würde. Dies geschah nun auch sofort, der Hengst warf sich in dem Bache nieder und wälzte sich von einer Seite zur andern; dann sprang er auf, schüttelte sich, stillte seinen Durst und wandte sich darauf nach dem frischen saftigen Grase an dem Ufer. Carl befestigte ihn mit dem Strick an eine der Pappeln, so daß er beide Ufer erreichen und darauf weiden konnte, und nachdem er nun selbst seinen großen Durst gelöscht hatte, ließ er sich in dem Grase nieder und verzehrte einige Stücke des getrockneten Fleisches.

Erquickt und gestärkt ruhte er mit dem Rücken an einem der Bäume, und sah während einiger Stunden mit Freude seinem Rappen zu, wie derselbe zwischen dem hohen, vom Feuer verwelkten schilfartigen Grase die zarten frischen Halme und Kräuter verzehrte, und sich daran labte. Endlich hatte sich das Thier gesättigt und die Ruhe schien ihm jetzt das Nothwendigste zu sein, denn es ließ sich im Grase nieder und streckte die Glieder darin aus. Auch Carl fühlte sich schläfrig und die Augen waren ihm zugefallen. Nach einer Weile aber schlug er sie wieder auf und ließ seinen Blick über die weite öde Fläche wandern, als wolle er sich überzeugen, daß er sich unbesorgt einem festen Schlafe hingeben könne.

Da traf sein Auge in der Ferne auf einen hellen Fleck, den er früher nicht bemerkt hatte. Er zog sein Fernglas hervor, und erkannte durch dasselbe einige zwanzig Antilopen, welche über die schwarze Ebene wanderten und wahrscheinlich, wie sein Rappe es gethan hatte, das Wasser aufsuchten. Ihre Richtung war aber weiter nach dem Bache hinauf, wo kein Busch, kein hohes Gras ein Annähern an dieselben möglich machte, und da Carl die große Neugierde dieser Thiere kannte, so hieb er schnell einen langen Stock von der Pappel, spitzte ihn unten zu, band sein Taschentuch an das obere Ende, und pflanzte diese Fahne einige fünfzig Schritt am Bache hinauf in dessen erhöhtes Ufer. Nun legte er sich hinter die Pappel und beobachtete die Antilopen durch sein Fernglas. Sie kamen unbekümmert und unaufmerksam immer näher, bis sie plötzlich stillstanden und sämmtlich die Köpfe emporrichteten. Sie blickten verwundert und neugierig nach der im Winde wehenden Fahne. Ein altes Thier setzte sich jetzt in Bewegung und schritt dem Rudel voran der Fahne zu, während die anderen sich zusammendrückten und der Alten folgten. Carl hielt immer noch das Glas auf sie gerichtet, bis sie sich in Trab setzten, dann griff er schnell nach der Büchse, hob sich hinter dem Baum auf ein Knie und machte sich zum Schusse bereit. Jetzt kamen die Antilopen im Galopp nach der Fahne herangesprungen, und als sie dieselbe bis auf fünfzig Schritte erreicht hatten, wandten sie sich im Kreis um sie und jagten direct auf die Pappeln zu. Da hob der Rappe seinen Kopf aus dem Grase empor, und die Antilopen sprangen erschrocken zur Seite. Carl aber hatte seine Büchse schon fest auf einen jungen Bock gerichtet und gab Feuer. Das Thier überschlug sich, und bemühte sich vergebens, wieder aufzuspringen, um seinen Gefährten zu folgen; es konnte nicht weiter, die Kugel war ihm am Herzen durchgegangen. Mit raschen Sprüngen hatte Carl den Bock erreicht und ihm den Todesstoß gegeben. Er schnitt schnell das beste Fleisch von ihm ab, um für einige Tage frisches Wildpret zu haben, und zündete darauf ein Feuer bei den Pappeln an, über welchem er sich ein Mittagsmahl aus den feistesten Stücken bereitete. Es schmeckte ihm ganz vortrefflich, er labte sich nochmals durch einen frischen Trunk, und dann streckte er sich im Grase aus, um sich vollends für die Weiterreise zu stärken.

Die Sonne begann sich schon zu neigen, als er erfrischt erwachte und seinen Rappen zum Aufstehen ermunterte. Derselbe schien auch neues Leben bekommen zu haben, und Carl hatte ziemlich viel Mühe, um ihn zu satteln. Endlich aber saß er wieder auf dem Rücken des Hengstes, und ließ ihn nun tüchtig austraben, indem er dem Bache hinauf folgte, da derselbe aus Südwest hergeflossen kam. Er beabsichtigte nämlich, so weit in dieser Richtung vorzudringen, wo das Feuer nicht mehr gewüthet hatte, und dann seinen Weg nach Osten einzuschlagen, wo er jedenfalls auf Ansiedelungen stoßen mußte. An diesem Wasser war sein Pferd vor Hunger und Durst gesichert, und es stand zu erwarten, daß er auch an seinen Ufern Wildpret antreffen werde. Er ritt noch spät in die Nacht hinein, schlief abermals an dem Rande des Baches, und folgte demselben während des ganzen nächsten Tages. Mit Sonnenuntergang erreichte er auf einer Höhe, wo wenige entlaubte Eichen standen, die Quellen des Baches, und schlug hier sein Nachtlager auf. Am folgenden Morgen glückte es Carl wieder, einen feisten Hirsch zu erlegen, wodurch sein Vorrath an frischem Fleisch ersetzt wurde.

Das Wasser war hier nun zu Ende, und der Knabe würde abermals mit Zweifeln über seine nächste Zukunft sein Pferd bestiegen haben, hätte er nicht von hier aus in der Ferne vor sich die blauen Umrisse eines über dem Prairierand aufsteigenden Waldes erkannt. Mit neuer Hoffnung, in jenem Walde endlich die Grenze der Verwüstung, die das Feuer angerichtet hatte, zu finden, verließ er die Quellen, und gab seinem Hengst die Zügel, damit er ihn schnellmöglichst aus dieser Einöde tragen möge. Der Rappe hatte sich sehr erholt, und begann durch seinen Uebermuth seinem Reiter oft viel zu schaffen zu machen, dieser aber kannte ein sehr gutes Mittel, um ihn zu bändigen: er ließ ihn nach Herzenslust laufen, und wenn er dann, etwas ermüdet, langsam gehen wollte, dann trieb er ihn mit den Sporen zum Galopp an, bis ihm der weiße Schaum auf den schwarzen Flanken stand. Nach einigen Stunden flüchtigen Rittes näherte sich Carl dem Walde, dessen grüner Schein von immergrünen Baum- und Straucharten zeugte, die sich in demselben befanden. Carls Hoffnung, hier die Grenze der Feuerverwüstung zu finden, wuchs mit jedem Schritte des Rappen, und sie wurde zur Wahrheit, als er um die Mittagszeit das Holz erreichte. Der Brand war bis an dessen Saum gedrungen, und war an ihm hin nach Nordwesten gezogen. Der Wald war ziemlich licht, nur einzeln zeigte sich hier und dort eine Dickung von immergrünen Lorbeer- und Myrthenarten in demselben, aber allenthalben unter den einzelnstehenden Bäumen befand sich frisches junges Gras, in welchem das Feuer keine Nahrung gefunden hatte.

Carl verfolgte seine Richtung durch den Wald, in der Hoffnung, Wasser zu finden, welches er um so sicherer glaubte, weil sich nach allen Seiten hin ungeheure Felsstücke aus dem Boden erhoben. Schon nach Verlauf einer halben Stunde gelangte er an die westliche Seite des Holzes, wo dasselbe sich an eine hügelige Prairie anlehnte, die, so weit das Auge reichte, mit frischem jungen Grase bedeckt war. Dieses Land mußte vor einigen Monaten von Indianern abgebrannt sein, wie denn überhaupt alle Prairiebrände durch die Wilden erzeugt werden. Wenn ein Indianerstamm eine Zeitlang an einem Orte verweilt hat und das Wildpret spärlicher wird, so zieht er weiter und benutzt den Augenblick, wo der Wind von daher weht, wohin er reisen will, um das Gras anzuzünden, damit er, wenn er nach einigen Monaten in diese Gegend zurückkehrt, hier frische Weide und Reichthum an Wild vorfindet.

An dem Saume des Waldes traf Carl denn auch auf ein herrliches klares Wasser, welches von einer felsigen Höhe zu seiner linken Seite herabkam. Er beschloß, hier zu rasten, sich und sein Pferd auszuruhen, und dann der Grenze der Feuerverwüstung bis zu deren Anfang nach Südost zu folgen. – Die Felsen erhoben sich in dem Walde in kurzer Entfernung von Carl, und er lenkte sein Pferd nach ihnen hin, indem er an dem rauschenden Wasser hinaufritt.

Je näher er den hoch übereinander aufgethürmten Steinmassen kam, um so mehr einzelne mächtige Felsblöcke lagen zwischen den Bäumen umher, so daß er endlich sein Roß in das Wasser selbst leiten mußte, um nach dessen Quellen gelangen zu können.

Ohne große Schwierigkeiten erreichte er den Fuß der hohen Felsenpartie, wo das Wasser aus einer tiefen Spalte in dem grauen Gestein lustig hervorsprudelte und durch einen kleinen Grasplatz rieselte, der ihm sein frisches üppiges Grün verdankte. Dies war ein herrlicher Weideplatz für den Rappen, so wie ein recht heimliches Versteck für ihn und seinen Reiter, deßhalb sah sich Carl nach einem passenden Ort um, wo er sein Lager aufschlagen wollte. Er war nur eine kurze Strecke an den steil aufstrebenden Felsen zwischen uralten immergrünen Eichen und umherliegendem Gestein hingeschritten, als er hinter einem dichten Lorbeergebüsch eine tiefe Spalte in der Felswand bemerkte, die sich nach unten sehr erweiterte und eine geräumige Höhle zu bilden schien. Als er seinen Rappen zu deren Eingang führte, fand er, daß sie weit in den Berg hineinführte und geräumig genug war, ihn und sein Pferd in sich aufzunehmen. Einen passenderen Platz für seine Rast hätte er sich gar nicht wünschen können; nur wollte er vorsichtig das Innere der Höhle untersuchen, ob auch kein Raubthier darin verborgen sei, denn es war ja die Schlafzeit der Bären. Er führte den Rappen von dem Eingange hinweg, befestigte ihn an einem Baum, und schritt dann mit der Büchse in der Hand in die Höhle hinein. Kaum aber war er eingetreten, als ein betäubendes Geklapper darin erschallte und Carl schnell wieder in den Eingang zurücksprang; denn er erkannte das warnende Zeichen der Klapperschlange, welches sie mit der Klapper an dem Ende ihres Schwanzes einem jeden Nahenden giebt, und er glaubte, daß wenigstens hundert dieser Thiere sich in der Höhle befinden müßten, um ein solches Getöse hervorzubringen. Er hatte aber in der Nähe des Forts schon so unzählig viele dieser Schlangen todtgeschlagen und wußte, daß sie einem Menschen in keiner Weise gefährlich werden können, wenn ihm nur ihre Gegenwart bekannt ist, da sie nur aus Nothwehr beißen und immer ängstlich vor dem Menschen fliehen. Carl bewaffnete sich daher mit einem tüchtigen langen Stock, und ging dann in die Höhle zurück. Die Schlangen hatten sich sämmtlich in das hinterste Ende derselben geflüchtet und sich zwischen losem Gestein verkrochen, das Tageslicht fiel aber von der Höhe der Felsspalte hinreichend auf sie herab, so daß Carl sie erkennen konnte. Als er sich ihnen nun näherte, hoben sie die Köpfe hoch empor und klapperten durch die schnelle zitternde Bewegung ihres Schwanzes; jeder Hieb des Knaben aber, den er nach einem der Köpfe führte, tödtete eine Schlange. Es waren deren, große und kleine zusammen, einige Dutzende; Carl warf sie mit dem Stock zur Höhle hinaus und untersuchte in derselben Alles genau, ob sich keines dieser widrigen Thiere noch irgendwo versteckt halte, er hatte sie aber sämmtlich getödtet. Nun befreite er sein Roß von Sattel und Zeug, trug Alles in die Höhle hinein, und band dann den Rappen auf dem nahen Grasplatz in die Weide. Er hatte einige köstliche Stücke Hirschfleisch mit hierhergebracht, welche er jetzt für seine Mahlzeit zubereitete, und zwar innerhalb der Höhle, wo er ein Feuer anzündete. Der Rauch desselben zog durch die hohe Spalte, wie durch einen Schornstein ab, und verschwand in den dichtbelaubten Kronen der Lebenseichen, die ihre ungeheuern Aeste rings um den Felsen ausbreiteten, so daß eine aufsteigende Rauchsäule Carls Gegenwart nicht an Wilde verrathen konnte, im Falle sich deren in der Umgegend aufhalten sollten. Von dem Eingange der Höhle aus konnte er nicht allein sein Pferd beobachten, sondern auch, wie von einer Festung herab, weithin durch den Wald blicken, und hielt während des ganzen Tages scharfe Wacht. Mit Ausnahme von einigen Rudeln Hirschen, die flüchtig vorüberzogen, gewahrte er aber weder Thiere, noch Indianer, und er wunderte sich, hier nicht einen größern Reichthum von Wildpret zu finden, da im Walde sowohl, als auch auf der nahen Prairie das Gras jung und üppig stand, und im Osten das Land auf so ungeheure Entfernungen kahl gebrannt war.