»Das ist Wasser aus dem Pflaumenbache, denn der Bärfluß ist ja nicht gewachsen,« sagte Daniel, indem er sinnend auf den ruhigen Wasserspiegel blickte, der sich wohl eine halbe Meile weit an dem Walde des Pflaumenbachs hinaufzog. »Sicher ist der Abfluß des Baches in den Bärfluß gehemmt, und darum hat sich das Wasser seitwärts Luft gemacht. Wie kann dies aber geschehen sein?«

»Sollten uns die Indianer vielleicht einen Streich gespielt haben, um unsere Ernte zu zerstören?« bemerkte Turner.

»Nein,« entgegnete Daniel mit Bestimmtheit, »von Indianern haben wir nur verborgene oder offene Angriffe auf unsere Person zu erwarten, sie werden, wenn es in ihrer Macht steht, uns tödten; uns aber nur Schaden zuzufügen, das fällt ihnen nicht ein. Warum bringen sie unsere Kühe nicht um, die oftmals so weit in die Prairie hinausgehen, daß wir sie von hier aus nicht mehr sehen können? Wenn sie das Wasser so hoch zu stauen im Stande wären, daß wir darin ertrinken müßten, oder wenn sie es uns bei einer Belagerung gänzlich entziehen könnten, um uns verdursten zu lassen, so würden sie es thun; aber eine solche schwere Arbeit auszuführen, wie das Abdämmen des Pflaumenbaches, ohne daß sie unser Leben dadurch gefährdeten, daran werden sie nicht denken. Es hat eine andere Ursache, mag sie sein, welche sie will. Wir werden sehr bald darüber ins Klare kommen; nehmen Sie Ihre Waffen, junger Herr, wir wollen gleich nach dem Pflaumenbache hingehen.«

Hiermit sprangen der Neger und Carl in das Fort, Beide ergriffen ihre Büchsen und eilten an der Einzäunung des Gartens hin bis an das Ufer des Bärflusses, denn dasselbe lag höher, als die Prairie, und war noch von Wasser frei. Sie folgten dem Ufer in den Wald hinein, und konnten nur mit großer Mühe dort ihren Weg darauf fortsetzen, weil dasselbe dicht mit Dornen und Büschen bedeckt war. Dennoch bahnten sie sich ihren Weg und trafen schon hier und da das Wasser bis auf das Ufer des Bärflusses vorgedrungen. Sie schritten bald bei dem überschwemmten Felde vorüber und näherten sich der Mündung des Pflaumenbaches, hörten aber das gewohnte heftige Rauschen nicht, womit derselbe seine Fluthen in den Bärfluß hinabstürzte. Hier war der Boden des Waldes auch trocken, und als sie nun das Ufer des Pflaumenbaches erreichten, fanden sie dessen Bett größtentheils von Wasser frei, und nur hier und dort eine Vertiefung mit demselben angefüllt.

»Wie ich es vorhersagte, der Bach ist abgedämmt, aber weiter nach oben,« sagte Daniel, von dem Ufer hinabblickend, »ich bin doch wirklich neugierig, wie dies geschehen ist; ich kann mir nicht denken, daß es die Indianer gethan haben sollten. Kommen Sie, wir wollen am Bache hinaufgehen, um uns das Räthsel zu lösen.«

Der Neger voran, und Carl ihm folgend, waren sie nur eine kurze Strecke gegangen, als Daniel stehen blieb und in das Bett des Baches hinabzeigte, indem er sagte:

»Dem Burschen da unten wollen wir aber doch das Lebenslicht ausblasen; sehen sie den ungeheuren Alligator, wie er aus dem Wasserloch hervorsieht, es ist zu seicht für ihn. Halten Sie meine Büchse, ich will ihm den Kopf abhauen.«

Daniel reichte Carl sein Gewehr, zog die Holzaxt aus seinem Gürtel hervor und sprang behend vom Ufer hinab. Kaum nahete er sich auf dem sandigen Grunde dem Wasserpfuhl, in welchem der Alligator lag, als derselbe den Neger gewahrte und, seinen furchtbaren Rachen öffnend, aus der Vertiefung hervor und auf ihn zuschwamm. Die Bewegungen dieses häßlichen gefährlichen Thieres sind auf dem Lande glücklicherweise ebenso unbehülflich und langsam, wie die einer Schildkröte, und weder Mensch noch Thier hat es außerhalb des Wassers zu fürchten, wenn seine Gegenwart ihm einmal bekannt ist. Liegt es aber regungslos da, so gleicht es einem alten vermoderten Stück Holz und lauert darauf, daß ein lebendes Wesen sich ihm sorglos nahet, um es mit Blitzesschnelle mit seinem schrecklichen Gebiß zu erfassen, aus welchem keine Befreiung möglich ist.

»Wart, Ungeheuer, Du sollst keinen Schaden mehr thun!« rief Daniel dem erbosten Thiere zu, welches, mit dem Rachen schnappend und mit dem Schwanze um sich schlagend, ihm entgegen kroch.

Der Neger hatte sich ihm bis auf wenige Schritte genähert und schwang die schwere Axt über sich durch die Luft, der Alligator hob sich auf seinen Vorderfüßen so hoch auf, als er konnte, und hielt den weit aufgerissenen Rachen in die Höhe, als wolle er die Axt ergreifen; doch das schwere Eisen schoß pfeifend herab und vergrub sich in dem Schädel des Ungethüms. Daniel sprang zurück, mußte aber die Axt im Stich lassen, mit welcher im Kopf, der Alligator wüthend nach ihm schnappte und ihn verfolgte.

»Werfen Sie mir Ihre Axt herunter, junger Herr, ich mag dem Teufel doch nicht zu nahe kommen,« rief der Neger seinem Gefährten zu und fing dann die Axt, welche dieser vom Ufer herabwarf.

Der Alligator schlug mit Kopf und Schwanz in der größten Wuth um sich, während der lange Axtstiel über seinem Schädel hervorstand; doch Daniel benutzte einen Augenblick, wo er sich ihm von der Seite nahen konnte, und hieb ihm mit einem Schlage den Kopf vom Rücken ab.

»So, du gräuliches, böses Thier, nun ists vorbei mit deinem Morden, gieb mir nun meine Axt wieder,« sagte Daniel, indem er dem getödteten Alligator das Eisen aus dem Kopf zog und dann wieder auf das Ufer hinaufsprang.

Nun eilte er mit Carl am Bache weiter hinauf und sie hatten etwa einige tausend Schritte zurückgelegt, als sie vor sich über dem Bette des Baches eine Wand von umgestürzten Baumstämmen, Aesten und Reisholz gewahrten, die wild durcheinander hinlagen, aber doch eng mit einander verbunden schienen. Zugleich sahen sie seitwärts den Boden des Waldes mit Wasser bedeckt, welches, von diesem Damm zurückgehalten, über das Ufer des Baches ausgetreten war.

»Hallo, seid Ihr es, die uns den Streich gespielt haben? Das sollt Ihr mit Euren Fellen bezahlen!« rief der Neger, laut auflachend, und wandte sich dann zu seinem erstaunten Gefährten: »Was meinen Sie, wer hat wohl diesen Damm gebaut?«

»Wer anders, als Indianer – das ist eine ungeheure Arbeit gewesen,« entgegnete Carl und sah verwundert auf die mehrere Fuß starken Baumstämme, die übereinander hingeworfen waren.

»Nein, nein, junger Herr, das sind ganz andere Zimmerleute, es sind Biber.«

»Biber – ist es möglich – Biber sollten diese Stämme abgenagt haben?«

»Freilich, sehen Sie nur die Stümpfe, die dort aus dem Wasser hervorragen; Sie können die Bisse an den abgenagten Stellen erkennen. Nun aber schnell, lassen Sie uns ein Loch in den Damm machen, damit wir das Wasser aus dem Felde kriegen. Dasselbe liegt höher als die Prairie und wird schnell trocken sein. O, wie werden sie sich im Fort freuen, wenn sie mit einem Male den Mais wieder sehen, dem die kurze Ueberschwemmung nur großen Vortheil bringt. Nehmen Sie sich aber in Acht, wenn das Wasser erst eine Oeffnung hat, so wird es mit einer furchtbaren Gewalt hervorbrechen, denn es ist an der andern Seite des Dammes wenigstens funfzehn Fuß tief.«

Es waren über ein Dutzend größerer und kleinerer Bäume von beiden Ufern her über den Bach gestürzt, die den Damm bildeten und so nahe zusammenlagen, daß derselbe nicht mehr als ungefähr dreißig Fuß Dicke betrug. Zwischen diesen Stämmen waren die Räume mit Aesten, Reisig, Buschwerk und Schlamm dicht ausgefüllt, so daß kein Wasser hindurch dringen konnte.

Daniel und Carl stiegen auf die Stämme hinauf, um zwischen ihnen dem Wasser Luft zu machen, als Daniel seinem Gefährten zurief:

»Sehen Sie nur die abgenagten Enden der Stämme und Aeste an, sieht es nicht aus, als ob sie mit einem scharfen Stemmeisen abgestochen wären. Und betrachten Sie nur die Menge von Spänen, die hier allenthalben umherliegen; man sollte glauben, man befände sich auf einem Zimmerplatze. Dort die beiden Espen sind auch schon rundum tief benagt, das steigende Wasser hat aber die Biber in ihrer Arbeit gestört, sonst hätten sie dieselben gleichfalls umgeworfen.«

»Wie künstlich die Thiere diese Tausende von Stöcken hier zwischen die Stämme unter unseren Füßen angebracht haben, um den Damm dicht zu machen und dem Schlamm Festigkeit zu geben.«

Während der Neger zu Carl sprach, zog er aus der Mitte des Dammes Stöcke, Aeste und Buschwerk hervor und warf es hinter demselben in das leere Bett des Baches, während Carl seinem Beispiel folgte und in gleicher Weise fleißig arbeitete. Sie hatten bald an der hinteren Seite des Dammes und in dessen Mitte bedeutende Oeffnungen gemacht, doch immer noch ließ er kein Wasser durch, weil seine vordere Seite, vor der sich der Bach gestaut hatte, mit einer dichten Lage von Schlamm bedeckt war. Daniel zog aber jetzt einige Büsche aus derselben hervor, das Wasser durchbrach die Schlammwand und der Strom schoß mit einer so rasenden Gewalt zwischen den Stämmen durch in das leere Bett hinter dem Damme, daß Reisig, Stöcke und Aeste sämmtlich in wenigen Augenblicken mit fortgerissen wurden und mit den hoch und wildschäumenden Fluthen dem Bärfluß zubrausten.

Daniel und Carl waren schnell auf das eine Ende des Dammes gesprungen, denn selbst die schweren Baumstämme warf der furchtbare Strom auseinander und stürzte sich in hochschlagenden Wogen zwischen ihnen durch.

»Setzen Sie sich zu mir auf diesen Stamm, junger Herr; in kurzer Zeit werden wir das Ufer am Bache hinauf wieder vom Wasser befreit sehen, dann wollen wir es versuchen, uns darauf hin einen Weg zu bahnen; es liegt etwas höher, als der Wald, und viel höher, als die Prairie außerhalb. Ich möchte gern die Häuser der Biber in Augenschein nehmen, um daraus auf die Zahl der Thiere zu schließen; es muß eine große Bibercolonie sein, sonst hätten sie diesen Damm nicht bauen können. An einem starken Baum nagen immer drei bis vier Biber zu gleicher Zeit, wenn sie ihn fällen wollen, was sie mit unglaublicher Schnelligkeit ausführen können, zumal da sie nur weiche Holzarten dazu wählen. Liegt der Baum einmal, dann fällt die ganze Colonie, die häufig aus hundert Stück besteht, darüber her und ein jeder Biber nimmt einen Ast vor. Wollen sie einen Damm bauen, so fällen sie die Bäume mit großer Geschicklichkeit so, daß sie über den Bach fallen, die abgebissenen Aeste tragen sie in den Zähnen zwischen die Stämme, so auch die dünneren Zweige und die Büsche, und dann führen sie auf ihren breiten, platten, haarlosen Schwänzen den Schlamm herbei, um alle Oeffnungen damit zu verkitten.

Der Bach, in seinem Laufe aufgehalten, steigt nun rasch und dehnt sich zu beiden Seiten aus, worauf die Biber in tiefen Stellen auf offenen Plätzen ihre Häuser in das Wasser bauen. Sie führen dieselben aus zwei bis drei Fuß langen Stöcken auf, welche sie im Kreis vom Grund des Wassers verflechten und zwischen einander so durchstecken, daß sie eine starke, dicke Mauer bilden, die sie noch drei bis vier Fuß über dem Wasserspiegel enger bauen, und dann oben in Form einer Kuppel vereinigen. Das Gebäude hat das Ansehen eines Bienenkorbes, hat aber sichtbarlich keinen Eingang, denn derselbe befindet sich auf dem Grunde des Wassers. Das Innere des Hauses ist mit einer, mitunter auch mit zwei Abtheilungen übereinander eingerichtet, von welcher die obere sich über dem Wasserspiegel befindet, und in welche der Eingang durch den Fußboden führt.

Diesen oberen Raum, welcher niemals vom Wasser berührt wird, füttern die Biber sauber mit Moos aus, und verwahren hier ihre Jungen. Im Norden, wo die Winter kalt sind, bringen sie im Herbst in den untern Raum des Hauses große Vorräthe von abgebissenen Stöcken, deren junge Rinde ihnen während der Zeit zur Nahrung dient, in welcher das Wasser mit Eis bedeckt ist und sie nicht an das Land gelangen können, um frische Zweige zu benagen; denn der Biber lebt ausschließlich nur von Baumrinden, und nicht, wie irrthümlich so vielfach geglaubt wird, von Fischen.

In einer Bibercolonie wird niemals ein fremder Biber aufgenommen, er muß sich entfernen, oder wird todtgebissen.

Ist die Gesellschaft zu zahlreich geworden, so theilt sie sich in zwei oder mehrere Partieen, und jede sucht sich einen andern Wohnort. Auch verlassen sie die Ansiedelung, sobald das weiche Holz in der Nähe des Wassers spärlich wird. Die Biber machen oft weite Reisen und wandern zusammen Stunden Weges über Berg und Thal, um sich eine Heimath zu suchen.«

»Das müssen ja einzige Thiere sein, können wir nicht eines derselben habhaft werden?« sagte Carl nach dieser Mittheilung des Negers.

»Eines derselben? nein, die ganze Gesellschaft wollen wir fangen, es soll uns auch nicht Einer davon entgehen. Ich werde nach dem Choctawbache reiten, und mir von den dortigen Ansiedlern sämmtliche Fallen borgen, die sie besitzen. Nur einen männlichen Biber müssen wir schießen, ehe wir die andern fangen können; denn wir müssen von ihm das Bibergeil erhalten, um seine Kameraden damit nach der Falle zu locken. Er trägt dasselbe, eine ölige Flüssigkeit, in zwei Drüsen bei sich.«

Während sich die beiden Jäger in dieser Weise unterhielten, brauste und tobte das Wasser mit wildem Ungestüm durch den geöffneten Damm, und sank dabei schnell oberhalb desselben. Nach Verlauf von einigen Stunden wurden auch die Ufer des Bachs wieder sichtbar, und jetzt, wo das Wasser aus der Prairie nicht mehr über dieselben abfließen konnte, nahm die Strömung im Bache auch sehr ab.

»Unser Feld muß schon ganz von Wasser frei sein, denn dasselbe liegt vollkommen so hoch, wie dieses Ufer hier,« sagte Daniel, indem er aufstand. »Nun kommen Sie, wir wollen es versuchen, ob wir am Bache hinaufgehen können.«

Hiermit sprang er von dem Baumstamme hinab auf das Ufer, und Carl folgte ihm nach. Der Boden war außerordentlich weich und schlüpfrig, so daß das Gehen auf demselben sehr erschwert wurde, die Jäger aber schritten demungeachtet frisch darauf los, wenn sie auch mitunter bis an die Kniee einsanken, oder eine Strecke Wasser zu durchwaten hatten. Je weiter sie durch die Büsche, Ranken und Dornen vorrückten, um so lichter wurde der Wald, und sie hatten eine umfangreiche Blöße in demselben erreicht, durch welche der Bach sich hinwand, da blieb Daniel stehen und zeigte auf einen hohen, oben abgerundeten Reisig- und Knüppelhaufen, der sich wohl zehn Fuß aus dem Bache erhob.

»Das ist eins der Biberhäuser, es sieht aus, wie ein riesiges Stachelschwein. Die Bewohner desselben werden bereits in großer Noth sein, weil das Wasser so sehr gefallen ist. Ich bin überzeugt, daß sie sich sämmtlich zu dem Damme begeben, um ihn auszubessern; sie werden sich aber sehr wundern, wenn sie das große Loch in demselben bemerken. An diesem Biberhause können Sie sehen, weshalb die Thiere den Damm gebaut haben. Sie haben das Wasser so hoch gestaut, daß ihre Wohnung von einem unabsehbaren Wasserspiegel umgeben war, und dieselbe dadurch ihren Feinden verborgen und unzugänglich blieb. Jetzt ist das Ufer kaum noch zehn Schritt von derselben entfernt, und ein Jaguar, ein Panther, oder ein Bär kann vom Lande aus leicht die Thiere in ihrem Gebäude wittern und sie darin überfallen; denn der Reisighaufen ist leicht auseinandergerissen. Wenn die alten Biber nun auch selbst dadurch nicht gefährdet würden, weil sie nur in dem untern Raum in das Wasser zu springen brauchen, um sich dem Feinde zu entziehen, so würden doch ihre Jungen demselben ein Opfer werden, und deshalb setzen sie die ganze Umgegend unter Wasser. Nun will ich Ihnen einen Vorschlag machen, junger Herr: Ich glaube nämlich, daß es gerade jetzt ein sehr günstiger Augenblick ist, um einen Biber zu schießen, weil dieselben wegen des fallenden Wassers hin- und herschwimmen, und sich auf der Oberfläche sehen lassen werden, was sie sonst nur in der Nacht thun.

Sie können hier sitzen bleiben, und ich will weiter am Bache hinauf ein anderes Biberhaus wählen, um dabei zu lauern.

Im Fort wird man uns nicht zurückerwarten, da unsere Freunde an dem Fallen des Wassers erkennen werden, daß wir an der Arbeit sind. Verstecken Sie sich in den Busch an jener Pappel, von dort können Sie das Wasser übersehen. Wenn ein Biber sich auf der Oberfläche zeigt, so müssen Sie ihn auf den Kopf schießen und schnell zu ihm ins Wasser springen und ihn ergreifen, ehe ihn der Strom mit sich fortnimmt. Treffen Sie ihn nicht in den Kopf, so entgeht er Ihnen. Das Wasser hier ist nicht tief. Seien Sie sehr vorsichtig und bewegen Sie sich nicht; denn der Biber ist eins der schlausten Thiere; und verlieren Sie die Geduld nicht, wir müssen darauf rechnen, vielleicht bis zu einbrechender Nacht zu sitzen. Wenn es so lange dauern sollte, und Sie können nicht mehr zum Schießen sehen, so gehen Sie am Ufer hinauf bis zu mir, dann gehen wir bis an das Ende des Wassers, welches in der Prairie zurückgeblieben ist, und nehmen unsern Heimweg im trocknen Grase.«

Indem Daniel seinem Gefährten noch guten Erfolg wünschte, eilte er auf dem Ufer hin, und fand in nicht großer Entfernung von Carl eine Menge Biberhäuser aus dem Bache hervorsehen, so wie auch mehrere, die seitwärts in dem Walde in Vertiefungen standen und nur noch von wenig zurückgebliebenem Wasser umgeben waren. Er wußte aber, daß diese bereits von ihren Bewohnern verlassen seien, und nahm sich darum nicht die Zeit, sie zu durchsuchen. Er wollte aber nicht in der Nähe Carls bleiben, um demselben nicht durch einen Schuß die Jagd zu verderben, deshalb schritt er weiter am Bache hinauf, und gelangte dahin, wo das Wasser nicht aus seinem Ufer ausgetreten gewesen war, und der Wald zu beiden Seiten mehr aus hohen Bäumen und nur einzelnen Büschen bestand. Es war dieselbe Gegend, wo Carl an jenem Abend den Bären erlegt hatte. Hier fand Daniel noch ein Biberhaus in dem Bache, dessen Ufer sich auf dieser Stelle weit von einander entfernten und eine Art von kleinem See bildeten. Der Neger wählte einen hochgelegenen Platz am Ufer, von wo aus er den ganzen Wasserspiegel übersehen und mit Genauigkeit bis an das Biberhaus schießen konnte.

Es stand dort ein alter Ahorn, an dessen Stamm er sich niedersetzte, nachdem er einige Büsche vor sich in die Erde gesteckt hatte, um sich dem Blick der Biber zu entziehen. Es war Nachmittag geworden und die Sonne begann ihre Strahlen schräg durch den Wald zu werfen.

Alles war still und lautlos, weder in dem Laube der hohen Baumkronen, noch auf dem glatten Wasserspiegel war eine Bewegung zu erkennen, und der goldene Streif, den das Sonnenlicht über den Teich warf, wurde nur zuweilen durch einen aufspringenden Fisch gekräuselt. Stunden eilten dahin, ohne daß ein Biber seine Gegenwart verrathen hätte, obgleich der sprühende scharfe Blick des Negers fortwährend das Wasser überwachte. Die Schatten der Bäume dehnten sich länger und dunkeler über die Erde aus, und hier und dort wurden zwischen den Stämmen Hirsche und Antilopen sichtbar, die vertraut und sorglos dem Bache zuschritten, um ihren Durst in dessen kühlen Fluthen zu stillen. Daniel sah ihnen zu, wie sie mit einander scherzten, ihre Gehörne an einzelnen Stämmchen rieben, oder die zartesten Kräuter in dem Grase suchten; da plötzlich fuhren mehrere derselben, wie durch irgend etwas erschreckt, zusammen und hielten lauschend die Köpfe in die Höhe.

Daniel blickte schnell um sich durch den Wald, so weit sein Auge aber reichte, konnte er Nichts erkennen, was die Veranlassung zu der plötzlichen Aufmerksamkeit der Thiere hätte geben können. »Vielleicht war es ein großer Raubvogel, der sie erschreckt hat,« dachte Daniel und blickte wieder nach dem Biberhause; da sah er unweit desselben eine Bewegung im Wasser, es erschien ein dunkeler Punkt auf der Oberfläche und derselbe bewegte sich jetzt schnell dem Ufer zu. Es war ein Biber, der schwimmend mit der Nase das Wasser theilte, und von derselben aus zwei lange Streifen in einem spitzen Winkel hinter sich auf dem glatten Spiegel zurückließ.

Daniel hatte behutsam die Büchse an den Backen gehoben, und zielte dem nahenden Thiere auf den Kopf, bis dasselbe nur noch wenige Schritte vom Lande entfernt war, dann gab er Feuer. Der Biber überschlug sich im Wasser und warf dasselbe hoch um sich auf, da hatte der Neger aber schon seine Büchse an den Baum gestellt und war in einem Satze bis zu der sterbenden Beute ins Wasser gesprungen. Er ergriff das Thier beim Schwanze und schwamm in wenigen Augenblicken mit ihm an das Land zurück.

Hier schüttelte er das Wasser von sich, hing seine Kugeltasche um und ladete den abgeschossenen Lauf seiner Büchse. Kaum hatte er dies vollbracht, und bückte sich, um sich wieder an dem Baume niederzusetzen und Carl zu erwarten, da fiel ein Schuß, und die Kugel schlug neben Daniels Kopf in den Baumstamm.

In weiten Sätzen sprang der Neger von der Anhöhe herab nach einer umgefallenen kolossalen Cypresse, die nur einige zwanzig Schritte von ihm entfernt lag, und warf sich hinter dem Stamme in das Gras nieder. Das scharfe, geübte Auge Daniels hatte aber beim ersten Umblicken den Schützen erkannt, einen Indianer, der hinter einer Eiche hervorsah und nach dem Schusse sich wieder hinter derselben verbarg. Diese Eiche stand weiter am Bache hinunter, etwa hundert Schritte von dessen Ufer entfernt, und der erste Gedanke des Negers war Carl zugewandt, der nun bald von dort her kommen mußte. Er schob die Holzaxt durch den Gürtel, den er um den Leib trug, und war im Begriff, den Indianer sofort anzugreifen, ehe derselbe seine Büchse wieder laden konnte, denn er wußte, daß die Wilden keine Doppelgewehre führten; doch hob er zuerst nur seinen Hut über dem Baumstamm hervor. In demselben Augenblick fielen von anderen Bäumen her wieder zwei Schüsse, und eine Kugel flog durch den Filz. Der Neger hatte gleichfalls die beiden Indianer gesehen, welche jetzt geschossen hatten.

Er war unschlüssig, ob er hervorspringen und den Kampf offen beginnen, so wie versuchen solle, den Weg zu Carl zu gewinnen; da kam ihm der Gedanke, daß möglicherweise eine noch viel größere Zahl von Wilden in der Nähe verborgen sein könnte und er dieselben bei einer Flucht seinem Gefährten gerade entgegenführen würde. Der Baum, hinter welchem er lag, war durch einen Sturm umgeweht und mit den Wurzeln aus dem Grunde gerissen, so daß diese mannshoch über dem Boden emporragten und tief in das Loch hinabhingen, welches sie in der Erde zurückgelassen hatten. In diese Vertiefung sprang Daniel jetzt hinein, weil er durch das Wurzelwerk des Baumes den Blicken der Feinde entzogen wurde und selbst doch zwischen demselben hindurch nach ihnen hinsehen konnte. Nur mit dem Kopfe ragte er über dem Erdboden empor, und vermochte die ganze Waldfläche nach den Indianern hin zu übersehen; so sehr sein Auge sich aber auch anstrengte, so konnte er doch Nichts von denselben gewahren. Er spähete unverwandt nach den drei Bäumen hin, von wo die Schüsse gekommen waren, und hielt selbst die sichere Doppelbüchse zum augenblicklichen Gebrauch fertig.

Die letzten Sonnenblicke waren verschwunden und der Abend breitete sein Düster durch den Wald aus, während die Besorgniß des Negers um seinen Gefährten von Minute zu Minute zunahm, und sich bis zu einer entsetzlichen Angst steigerte.

Derselbe mußte nun bald an dem Ufer heraufkommen, die Wilden mußten ihn in seinem sorglosen Schritt schon von Weitem kommen sehen, und dann war er sicher verloren! Es trieb den Neger jetzt mit tödtlicher Angst heraus aus seinem Versteck, damit Carl durch das viele Schießen vor der Gefahr, die seiner harrte, gewarnt wurde, da sah er, wie der Wilde, der zuerst nach ihm gefeuert hatte, mit Blitzesschnelle hinter der Eiche hervor und nach einer andern, dem Ufer näher stehenden, hinrannte. Er führte es so schnell aus, daß Daniel zwischen den Wurzeln, durch welche er blickte, ihm in seinem Lauf nicht mit der Büchse folgen konnte, und dann wurde in demselben Moment sein Blick auf noch zwei andere Indianer gezogen, die gleichfalls hinter Bäumen standen, und die er früher nicht gesehen hatte.

Es waren deren also fünf und sie beabsichtigten, ihn bis an das Ufer des Baches zu umzingeln; denn zwei derselben sprangen jetzt auf der andern Seite näher nach dem Wasser hin. Der Wilde, der zuerst seinen Stand gewechselt hatte, befand sich nun gerade in der Richtung, von wo Carl herkommen mußte, und Daniel spähete an ihm vorüber nach der kleinen Anhöhe, die sich in kurzer Entfernung hinter ihm erhob. In diesem Augenblick erschien der Hut seines Gefährten über dem Hügel, und gleich darauf seine Gestalt bis an die Brust.

»Indianer – zurück, fliehen Sie!« schrie der Neger jetzt mit aller Gewalt seiner Stimme seinem jungen Freunde zu, und winkte, indem er aus der Vertiefung neben dem Stamm sprang, ihm mit seinem Hute entgegen. In derselben Sekunde feuerten seitwärts von ihm zwei Indianer, doch ohne Daniel zu treffen, der sich zugleich über dem Stamme aufrichtete und einen dieser Wilden durch den Kopf schoß, noch ehe derselbe sich hinter den Baum zurückziehen konnte. Mit einem furchtbaren Kriegsgeschrei stürzte der Neger nun hinter dem Stamm hervor und auf den Indianer zu, der zwischen ihm und Carl hinter der Eiche stand, der Wilde aber richtete seine Büchse ihm entgegen und würde dem Leben Daniels wahrscheinlich ein Ende gemacht haben; es blitzte aber in diesem Augenblicke von Carl her, und mit einem gellenden Todesschrei brach der Indianer zusammen.

»Hurrah!« schrie Carl, daß es weit durch den Wald schallte, und sprang seinem Freunde entgegen, und »Hurrah!« schrie Daniel und wandte sich den drei anderen Indianern zu, die jetzt die Flucht ergriffen und wie Hirsche zwischen den Bäumen davon sausten.

»Halt – Du mußt zurückbleiben!« rief der Neger jetzt dem Letzten der fliehenden Wilden zu und hob stillstehend sein Gewehr an die Schulter. »Du bist ein Waco – eine Schlange, und hast wohl einmal vom schwarzen Panther gehört!«

Das Feuer fuhr aus der Büchse Daniels, und so blitzschnell auch der Indianer in seinem Lauf hin und hergesprungen war, so hatte ihn doch die Kugel des Negers erreicht, und er überschlug sich im Todessturze zwei – drei – viermal.

Carl hatte den Augenblick benutzt, sein abgeschossenes Rohr wieder zu laden, Daniel aber unterbrach ihn darin, indem er seine Hand hastig ergriff und seine Lippen darauf pressend ausrief:

»Der gütige Gott hat uns gerettet, junger Herr, ihm sei Lob und Dank dafür!«

Freudebebend drückte er abermals Carls Hand an seinen Mund und sagte dann:

»Ich habe Ihnen wieder mein Leben zu danken, die Rothhaut hatte ruhig und gut gezielt, ich fühlte schon in Gedanken die Kugel, da machten Sie Funken und, wahrhaftig sie hatten nicht schlechter gezielt.«

»Und auch Du hast mir das Leben gerettet, Daniel, denn wenn Du mir nicht gewinkt hättest, wodurch Du Dein eignes Leben aufs Spiel setztest, so würde ich nichts von den Indianern gewahr worden sein, bis ich ihre Kugeln gefühlt hätte. Du hast eben so viel, und noch mehr für mich gethan, wie ich für Dich; denn auf mich wurde keine Büchse gerichtet.«

»Wir haben aber gut gefochten, die Teufel scheinen alle drei todt zu sein; es sind Waco's, die allerschlechtesten, allergefährlichsten Indianer von allen. Wir wollen uns aber doch zum Andenken ihre Waffen und ihren Schmuck zueignen, und dann eilen, daß wir nach Hause kommen, sie werden im Fort besorgt um uns sein,« sagte Daniel, indem er die Kugeln in seine Büchse trieb und dann Zündhütchen aufsetzte. Zuerst gingen die Kampfgenossen nun zu dem zuletzt erlegten Indianer, und fanden ihn todt auf dem Gesicht liegend. Die Kugel war ihm in den Hinterkopf eingedrungen.

»Es war weit, deswegen hielt ich etwas hoch, ich habe aber ziemlich gut die gerade Linie gehalten; es war mein schlechtester Schuß nicht,« sagte der Neger, indem er dem Erschossenen die Kugeltasche, den Tomahawk und den Schmuck abnahm, der in metallenen Armringen, Ohrringen und einem Halsband aus Muscheln bestand. Dann ergriff er dessen Büchse und sagte:

»Sieh, der Lump hat nicht einmal nach uns gefeuert, die Büchse ist noch geladen.«

»Warum riefest Du ihm denn zu, ob er einmal von einem schwarzen Panther gehört habe?« fragte Carl, auf den Todten blickend.

»Ja so – o, das ist nur so eine Redensart unter den Indianern,« antwortete Daniel sichtbarlich verlegen, und ging seinem Gefährten voran zu dem zuerst Gefallenen, dem die Kugel durch die Stirn gedrungen war. Sie nahmen ihm gleichfalls Waffen und Schmuck ab. Auch den durch Carl erlegten Wilden fanden sie todt, er war durch den Rücken geschossen. Carl belud sich mit dessen Waffen, während Daniel dessen Schmuck zu sich nahm, und beide begaben sich dann zu dem Biber, welchem der Neger die Drüsen mit Bibergeil ausschnitt. Darauf band er ihm einen Busch an den Schwanz und warf ihn in das Wasser, so daß der Busch aus demselben hervorsah; denn es war zu spät, um ihm die Haut abzunehmen, die Daniel jedoch am folgenden Tage holen wollte. Die Dunkelheit war schon hereingebrochen, als die beiden Jäger die Prairie erreichten, der neue Mond stand aber am Himmel, und sein mattes Licht war hinreichend, den Heimkehrenden das Gehen zu erleichtern. Sehr ermüdet langten sie beim Fort an und wurden durch das Bellen der Hunde dessen Bewohnern schon von Weitem angemeldet.

Als sie das Thor erreichten, hatte Turner dasselbe bereits geöffnet und trat ihnen mit einem »Gottlob« entgegen.

»Wo seid Ihr denn so lange geblieben? wir waren wirklich in Sorgen um Euch,« sagte er, als sie durch das Thor einschritten, »das Wasser ist aber aus dem Felde verschwunden; was war denn die Ursache von der Ueberschwemmung?«.

»Eine Bibercolonie hatte in dem Pflaumenbach einen Damm gebaut, den wir ihnen zum Aerger zerstört haben,« antwortete Daniel.

»Was habt Ihr denn da für Büchsen und sonst für Sachen?« fragte Turner jetzt verwundert, da der Schein des Lichtes, womit Madame Turner in die Hausthür trat, auf die beiden Jäger fiel.

»Wir haben sie von drei Waco-Indianern zum Geschenk erhalten, wenn auch gegen ihren Willen,« entgegnete Daniel und setzte lachend hinzu, »nein, wir haben sie von ihnen geerbt.«

»Mein Gott, Ihr habt doch wohl nicht mit Indianern gefochten?« sagte Madame Turner erschrocken.

»Und ganz gut gefochten,« antwortete der Neger, indem er im Zimmer die Büchsen an die Wand stellte und die andere Beute dabei niederlegte. »Wir hatten fünf gegen uns zwei und haben drei von ihnen erschossen; die beiden anderen mögen es ihren Kameraden als Warnung erzählen.«

Nun wurden theils durch Daniel, theils durch Carl die Begebenheiten mitgetheilt, wobei den Lippen der Madame Turner und Juliens manches »Ach und Oh« entfuhr.

»Die Hand des Allmächtigen hat über Euch gewacht, er sei gepriesen und gelobt,« sagte Turner, als die Erzählung zu Ende war, und Madame Turner trocknete unbemerkt die Thränen des stillen innigsten Dankes, die ihr in die Augen getreten waren.

»Wenn die Ueberschwemmung nur unserm Mais keinen Schaden gethan hat,« nahm Turner wieder das Wort, nachdem die Angelegenheit mit den Indianern lange Zeit besprochen war.

»Im Gegentheil, er wird um so kräftiger emporschießen, das Wasser hat ihn nur erfrischt,« entgegnete der Neger. »Da fällt mir ein: ich will Abends, wenn wir das Fort schließen, immer das Kanoe bis zu dem Felsstück hier unter dem Abhange rudern und auf der Leiter heraufsteigen; es könnte das Schiff uns leicht durch die Indianer gestohlen oder zerstört werden, und außerdem hat man es auch zur Hand, wenn man, wovor uns der Himmel bewahren mag, dasselbe einmal zur Flucht nöthig haben sollte.«

Am folgenden Morgen, als Madame Turner zum Frühstück rief, hatte der Neger schon einen Ritt gemacht und den Biber geholt. Nachdem er ihm das prächtige Fell abgenommen und ihn sauber ausgeweidet hatte, übergab er ihn der Hausfrau als einen vortrefflichen Braten, und bezeichnete dessen Schwanz als einen ganz besondern Leckerbissen. Madame Turner hatte ihr Bedenken dabei, ihn zuzubereiten, und meinte, das Thier habe ganz das Aussehen einer großen Ratte; auf Daniels Versicherung und Carls Zureden jedoch versprach sie, dasselbe auf den Tisch zu bringen.

Das Bibergeil nahm der Neger aus den Drüsen, that es in eine kleine Bouteille, goß nur sehr wenig Cognac hinzu und verstopfte das Glas fest. Nach dem Frühstück bestieg er sein Pferd, um nach dem Choctawbache zu reiten und von den dortigen Ansiedlern Biberfallen zu borgen. Carl hätte ihn sehr gern dorthin begleitet, doch als Madame Turner ihn bittend fragte:

»Willst Du denn mit Daniel reiten?« verzichten er sofort darauf und erwiederte:

»O nein, es wird nicht nöthig sein, Daniel wird wohl allein die Fallen herüberschaffen können.«

Er benutzte den Tag, um für seine Tante in dem Garten einige Beete mit Gemüsen zu bestellen und für Julien ein Gestell zu einer Laube aufzuschlagen, um welche er dann prächtig blühende Schlinggewächse pflanzte, die er zu diesem Zwecke gelegentlich aus dem Walde mitgebracht hatte.

Abschnitt 6.

Biberfang. – Die Bärin. – Der graue Bär. – Der Prairiebrand. – Der wilde Rappenhengst.

Noch vor Sonnenuntergang kehrte Daniel zurück und zwar mit acht eisernen Fallen, sogenannten Tellereisen, die um seinen Sattel herumhingen. Mit großer Bereitwilligkeit hatten die Ansiedler am Choctawbache ihm dieselben zum Gebrauch überlassen, zumal da die Biber aus jener Gegend schon verschwunden waren. Die Nachricht von dem Sieg Daniels und Carls über die Waco-Indianer war in der Niederlassung mit Jubel aufgenommen worden, ganz besonders aber hatten Warwicks sich darüber gefreut, weil, wie der alte Herr sagte, die Rothhäute eine gute Lehre dadurch erhalten hätten und nun sobald nicht wieder kommen würden. Die Fallen setzte der Neger sogleich sämmtlich in guten Stand und ölte sie ein, um am folgenden Tage die Jagd damit zu beginnen. Nachdem die Pferde getränkt und in ihr Nachtquartier gebracht worden waren, ruderte Daniel das Kanoe bis an das Felsstück unter dem Abhange, stieg von da auf der Leiter in das Fort und zog dieselbe dann wieder zu sich herauf.

Der folgende Tag wurde Carl sowohl, wie auch Arnold und Wilhelm unendlich lang, denn erst gegen Abend wollte Daniel nach dem Pflaumenbache reiten, um die Fallen zu legen, und den beiden jüngeren Knaben war es versprochen, mit dabei zu sein. Endlich sattelte der Neger sein Pferd, Carl folgte seinem Beispiel und für Arnold und Wilhelm wurden die beiden Schimmel aufgezäumt. Die vier Reiter vertheilten die Fallen unter sich und hingen sie an ihre Sättel und dann ritten sie vergnügt davon, während Turner das Thor verschloß. Es war verabredet worden, daß einige Schüsse vom Fort her als Aufforderung zur eiligen Rückkehr nach demselben gelten sollten, denn der Wind stand nach dem Pflaumenbache hin, so daß man den Knall eines Gewehrs sicher dort hören konnte.

Bald hatten die Reiter den Bach erreicht, da wo Daniel den Biber geschossen hatte, die todten Indianer aber waren verschwunden. Die Pferde wurden schnell an Bäume befestigt, worauf der Neger mit dem Legen der Fallen begann. Er versenkte sie aufgestellt an dem Ufer in das Wasser und zwar an solchen Stellen, wo dieses nicht mehr als einen halben Fuß tief war. Dann nahm er ein dünnes Reis, tauchte dessen eines Ende in das Bibergeil und steckte es mit dem andern Ende so in das Ufer, daß die angefeuchtete Spitze gerade über der Falle auf den Wasserspiegel zeigte. An jede Falle hatte Daniel einen Strick gebunden und an dessen Ende einen Busch, den er auf das Ufer legte. Wenn nun in der Nacht ein Biber auf den Wasserspiegel kam und das Bibergeil witterte, so lockte dies denselben zu sich heran, er kam bis über die Falle geschwommen, trat auf dieselbe und mußte an dem Fuße gefangen werden. Nach Verlauf von einer halben Stunde waren sämmtliche Fallen in Entfernungen von etwa funfzig Schritt gelegt und die Jäger begaben sich in gespannter Erwartung, wie viele Biber sich wohl fangen würden, auf den Heimweg. Gleich nach Sonnenuntergang langten sie schon wieder im Fort an, und Abends bei verschiedener Beschäftigung um den großen Tisch wurde von Nichts als von den Bibern gesprochen, deren Felle so sehr werthvoll waren.

Daniel sagte voraus, daß ganz gewiß in jeder Falle ein Biber sitzen würde und daß er binnen einer Woche die ganze Colonie auszufangen gedenke.

Kaum graute der Tag, als die vier Reiter abermals zu Rosse waren und in Galopp dem Pflaumenbache zujagten.

Die Knaben nahmen sich dort nicht einmal Zeit, die Pferde anzubinden, sondern baten Daniel, dies für sie zu thun, während sie selbst zu der ersten Falle liefen, und gleich den Busch auf dem Ufer vermißten. Er schwamm unweit des Biberhauses auf dem Wasser, also mußte die Falle von dem Gefangenen dorthin gezogen sein. Daniel kam nun mit einem sehr langen Stock, an dessen Ende er einen hölzernen Haken befestigt hatte, und zog mit demselben den schwimmenden Busch zu sich heran. Dieser wurde nun auf das Ufer gezogen und als die Falle an dem Strick folgte, hing wirklich ein todter Biber darin. Er hatte sich an einem Vorderfuß gefangen, war mit der Falle in die Tiefe getaucht und hatte sich heftig gegen dieselbe gewehrt; denn seine Bisse waren an dem Eisen zu sehen und die Schärfe seiner Zähne war abgebrochen. Das schwere Eisen hatte ihn in der Tiefe gehalten und ihn ertränkt; denn der Biber kann nur eine gewisse Zeit der Luft entbehren. Der Jubel der Knaben war grenzenlos und mit größter Erwartung rannten sie zu der zweiten Falle, die sie gleichfalls entführt fanden. Mit ihr aber kam kein Biber, sondern eine Otter hervor, denn auch diese Thiere werden durch Bibergeil herangelockt.

So ging es nun von einer Falle zur andern, und wie es der Neger vorher gesagt hatte, so saß in jedem der Eisen ein Biber. Sieben dieser werthvollen Thiere, deren Felle zu jeder Jahreszeit vollkommen gut im Haare sind, und eine Otter waren die reiche Beute der verflossenen Nacht, und mit neuen Hoffnungen wurden die Fallen wieder aufgestellt.

Die nächste Nacht lieferte nur vier Biber als Beute, und Daniel und Carl, welche diesmal allein hinausgeritten waren, um die Fallen zu untersuchen, wählten andere Plätze für dieselben, so daß die letzte Falle in der Nähe des zerstörten Dammes zu stehen kam. Als sie am andern Morgen abermals hinausritten, um nach dem Fang zu sehen, trennten sie sich, ehe sie den Pflaumenbach erreichten; Carl nahm die gerade Richtung nach dem Damme hin, und der Neger ritt nach dem kleinen See, den der Bach oberhalb bildete. Carl drang auf einem alten, wenig benutzten Büffelpfad in den Wald ein, der nach dem Biberdamme zu führen schien, aber sehr mit Ranken und Büschen überwachsen war, so daß der junge Jäger viele Mühe hatte, sich den Weg zu bahnen. Bald aber wurde dieser freier und der Falbe schritt rascher vorwärts, als sein Reiter ihn anhielt, weil vor ihm ein alter umgefallener Kiefernbaum den Pfad versperrte.

Die Entfernung bis zu demselben betrug nicht mehr als zwanzig Schritte, und Carl schaute sich links und rechts um, auf welcher Seite er wohl am leichtesten den Baum umreiten könne. In diesem Augenblicke erhob sich an der andern Seite des Stammes eine große Masse von Kiefernbüschen und trockenem Laube, es bewegte sich darin, rauschte und brach, und in der Mitte der verworrenen dunkeln Masse kam plötzlich der Kopf eines riesigen schwarzen Bären zum Vorschein. Carl hatte bei der Bewegung, die er hinter dem Stamme bemerkte, die Büchse erhoben und darauf hingerichtet, und kaum erschien der von ihm abgewandte Kopf des Ungeheuers, so gab er Feuer. Mit dem Knall der Büchse versank die ganze erhobene Masse, und Carl warf sein Pferd herum und jagte auf dem Pfade zurück, so schnell, als er sich in dem Dickicht durchwinden konnte, nach der Prairie hinaus. Er lauschte und lauschte, kein verdächtiger Ton aber drang zu seinem Ohr, dennoch wollte er es nicht wagen, ohne Daniel in den Wald zurück zu reiten.

Nicht lange hatte er aber gewartet, als die laute Stimme des Negers aus dem Holze her dringend seinen Namen rief, worauf er ihm mit allen Kräften antwortete. Nach wenigen Minuten wand Daniel sich zu Fuß aus dem Dickicht hervor und rief seinem jungen Freunde ganz außer Athem zu:

»Gottlob, daß meine Angst unbegründet war; als ich Ihren Schuß hörte, fielen mir die verhaßten Waco's ein, und es ergriff mich die Furcht, sie könnten nach Ihnen geschossen haben. Ich ließ mein Pferd zurück, weil ich nicht damit durch die Dickung dringen konnte und bin wirklich schneller hier angelangt, als ich glaubte, daß es möglich sei. Wonach haben Sie denn geschossen?«

»Nach einem sehr großen Bären; er stand vor mir aus dem Laube unter einem umgefallenen Baumstamme auf, und als ich seinen Kopf sah, gab ich Feuer. Dann bin ich fortgejagt, und habe nichts weiter von dem Thiere gehört,« entgegnete Carl.

»Nun, der wird auch wohl nicht viel mehr von sich hören lassen. Sie werden ihn wahrscheinlich aus seinem Winterschlafe geweckt haben, denn es ist jetzt die Schlafzeit der Bären, und hätten Sie ihn nicht tödtlich getroffen, so sollte er wohl bald hinter Ihnen gewesen sein. Wir wollen ihn aufsuchen, folgen Sie mir nur nach.«

Mit diesen Worten spannte Daniel seine Büchse und schritt rasch auf dem Büffelpfad durch das Dickicht hin, indem er mit seinem Jagdmesser die Ranken für den ihm folgenden Carl aus dem Wege hieb.

»Dort liegt der Baum, Daniel, nimm Dich in Acht,« rief Carl diesem zu, und machte gleichfalls seine Büchse zum Schuß bereit; doch der Neger rief lachend aus:

»Sie haben dem Freund Urian einen zu starken Schlaftrunk eingegeben, als daß er noch einmal aus seinem Pallast hervorschauen sollte. Bleiben Sie dort zurück, ich will mich um den Baum herumschleichen und sehen, wo der Eingang ist.«

Hiermit sprang Daniel in das Dickicht hinein und erschien gleich nachher auf der andern Seite des Baumes in einiger Entfernung von demselben.

»Es scheint unter dem Stamme eine Höhle zu sein, die mit trockenen Kiefernzweigen bedeckt ist,« rief er seinem Gefährten zu, warf dann mit den Worten, »Hallo, Bursche, ists gefällig aufzustehen?« ein Stück Holz gegen den Stamm.

»Wahrhaftig, es bewegt sich unter dem Reisig!« rief er aus, und erhob die Büchse. Nach einer Weile gespannter Aufmerksamkeit aber sagte er:

»Wissen Sie, was ich glaube? Sie haben eine alte Bärin geschossen, und die Jungen sind es, die in dem Laube herumspringen. Wir wollen es bald genau wissen.«

Hierauf trat der Neger nahe zu dem Baume hin und blickte mit vorgehaltener Büchse durch die Kiefernzweige.

»Richtig, wie ich Ihnen sagte, hier schaut eine Hintertatze der Alten hervor, sie liegt auf dem Rücken und zwei ganz kleine Bären sitzen auf ihr. Die wollen wir lebendig mitnehmen, sie werden Ihnen tausend Spaß machen, denn es sind allerliebste Thierchen.«

Indem Daniel dies sagte, stellte er seine Büchse an den Baum und beugte sich in die Vertiefung unter denselben, aus welcher er zwei kleine Bären hervorhob, die nicht viel größer als Kaninchen waren. Carl war vom Pferde gesprungen und zu Daniel hingeeilt, wo er laut aufjauchzte, als er die niedlichen Thiere erblickte, die ganz zutraulich seinen Finger in das Maul nahmen und daran sogen. Sein Gefährte räumte nun die Zweige und das Laub hinweg, worauf die ganze Bärin sichtbar wurde. Carl mußte ihm behülflich sein, dieselbe aus ihrem Lager hervorzuziehen, wobei Beide alle ihre Kräfte anzuwenden hatten.

Es war ein ungeheures Thier, welches wenigstens siebenhundert Pfund wog.

Carls Kugel war ihm von hinten in den Schädel eingedrungen. Daniel ging nun allein nach dem Bach, um die Fallen zu untersuchen, während Carl bei den kleinen Bären blieb, damit sie nicht abhanden kommen möchten. Nach Verlauf von einer Stunde kehrte der Neger seinem Gefährten zurück, indem er sein Pferd leitete, an dessen Sattelknopf vier gefangene Biber hingen. Dieselben wurden nun neben die Bärin gelegt, ein Tuch wurde über ihnen aufgehangen, um Raubthiere davon abzuhalten, und dann bestiegen die Jäger ihre Pferde, indem ein Jeder von ihnen einen kleinen Bären in den Arm nahm. So langten sie denn glücklich in dem Fort an, wo die verwaisten Kleinen große Freude erzeugten, und durch ihre Zutraulichkeit und ihr spaßiges Wesen das Mitleid Madame Turners, so wie Juliens erweckten. Daniel spannte schnell die Schimmel vor den leichten Wagen und fuhr mit Carl nach dem Waldsaume am Pflaumenbach zurück, um die Beute nach dem Fort zu schaffen. Dort nahm er eines der Pferde vom Wagen, führte es in den Wald zu dem Bären, und ließ diesen durch dasselbe nach der Prairie schleifen. Mit großer Anstrengung wurde das schwere Thier endlich aufgeladen, Daniel holte noch die Biber herbei, und nach Verlauf von einer halben Stunde langten sie wohlbehalten in dem Fort an. Das kostbare Fett des Bären war Madame Turner sehr willkommen, das Fleisch desselben wurde gesalzen und geräuchert, und die ungeheure Haut ward getrocknet, um dann als Decke unter dem Tisch im Wohnzimmer zu dienen.

Wie es Daniel vorhergesagt hatte, so war im Laufe von zwei Wochen die ganze Bibercolonie ausgefangen. Vierunddreißig Biber waren erlegt, und nirgends mehr war eine Spur von einem solchen Thiere zu entdecken. Der Werth der erbeuteten und sauber getrockneten Felle betrug gegen zweihundert Dollar, welche Warwick dafür an Turner bezahlte, um selbst noch beim Verkauf an einen Pelzhändler einen kleinen Nutzen daran zu machen.

Dem Maisfeld hatte die Ueberschwemmung augenscheinlich wohl gethan, denn die Pflanzen schossen ungemein kräftig empor. Die Freude und das Glück der Ansiedler über diese herrliche Aussicht für ihre erste Ernte war unbeschreiblich, denn sie nahm ihnen jede Nahrungssorge für ihre Zukunft. Zwischen die Reihen der Maisstauden hatten die Kolonisten süße Kartoffeln, Bohnen, Kürbisse und Melonen gelegt, so daß die Ernte eine überreiche und vielseitige zu werden versprach.

»Könnten wir doch den armen Leuten in unserer alten Heimath unsern Ueberfluß an Lebensmitteln und an Holz abgeben,« sagte Turner eines Abends, als sie Alle um den Tisch herum saßen. »Der Segen in diesem Lande ist doch unglaublich. Jetzt liegt in Deutschland die Natur noch im Winterschlafe, und die Felder sind wahrscheinlich mit einer Schneedecke überzogen; wir dagegen holen uns täglich frische Gemüse aus dem Garten, und diejenigen Bäume und Sträuche, welche vor wenigen Wochen das vorjährige Laub verloren hatten, treiben schon wieder junge Knospen. Und welchen Reichthum von Wild haben wir hier gefunden! Hunderte von Hirschen und Antilopen können wir fast täglich vor uns auf der Prairie weiden sehen, gar nicht der Tausende von Büffeln zu gedenken, die so häufig die Umgegend, so weit das Auge reicht, bedecken.«

»Und die Bären nicht zu vergessen,« fiel Madame Turner ein, »sie sind mir der wichtigste Artikel in meiner Haushaltung; wie wollten die armen Leute in Deutschland jeden Tropfen von deren kostbarem Oel verwenden!«

»Und doch haben die Bären hier schon abgenommen, gegen jene Zeit, als noch kein Ansiedler am Choctawbache wohnte,« fiel Daniel ein. »Ich habe häufig hier mit den Indianern, unter denen ich lebte, Jagd gemacht, und erinnere mich recht gut, daß wir ein Dutzend starke Bären in einem Tage an diesem Flusse schossen. Daher hat er ja auch seinen Namen. Auch trafen wir hier einmal einen Grisleybären an; dies fürchterliche Thier tödtete uns einen jungen Krieger, dessen Pferd es in vollem Laufe einholte und ihn dann von demselben herabzog und zerriß.«

»Das ist ja erschrecklich; jetzt giebt es doch wohl hier solche Thiere nicht mehr?« sagte Madame Turner entsetzt.

»Sie waren auch damals nur Fremdlinge in diesen flachen Gegenden. Ihre Heimath ist in den weiter westlich liegenden Gebirgen, aus denen sie im Winter, wenn dort die Nahrung spärlich wird, sich herab in die Niederungen ziehen und dann in dem Walde am rothen Flusse mitunter bis in diese Länder vordringen. Die Ansiedler aber bieten Alles auf, um ihrer gleich habhaft zu werden, denn einen gefährlichern Feind für sich selbst und für ihre Heerden giebt es nicht. Ein Grisleybär nimmt ein zweijähriges Pferd in die Arme und trägt es fort. Auch holt er jedes Pferd auf die Dauer ein; denn seine Kräfte halten länger aus, als die irgend eines andern Thieres. Ich habe Grisleybären erlegen helfen, die gegen zweitausend Pfund wogen. Der Himmel mag sie fern von uns halten, sonst wäre es bös für unser Vieh.«

»Das muß ja ein wahres Ungeheuer sein,« bemerkte Turner, »vor einem solchen Thiere wäre ja Flucht kaum möglich.«

»Außer wenn man einen Baum ersteigen kann. Der Grisleybär kann zum Glück nicht klettern,« entgegnete Daniel.

»Geht denn eine Kugel durch sein Fell?« fragte Carl.

»Das wohl, aber oft sind zwanzig Kugeln nöthig, um ihn zu tödten, wenn nicht zufällig eine gleich auf den rechten Fleck kommt,« antwortete der Neger.

»Nun, den Fleck könnte man ja wohl treffen,« bemerkte Carl lachend.

»Carl, Carl, Du wirst mir wahrhaftig zu dreist; der Himmel bewahre Dich davor, mit einem solchen entsetzlichen Thiere zusammenzutreffen,« sagte Madame Turner mit ängstlicher Betonung.

»Am sichersten ist der Schuß auf seinen Kopf, das heißt, wenn es nicht weit ist, sonst muß man ihn kurz hinter das Schulterblatt und zwar ganz tief schießen, denn das Herz des Bären liegt unten im Brustkasten,« nahm Daniel wieder das Wort, und setzte noch tröstend hinzu: »Wir werden aber wohl niemals einen solchen Besuch hier bekommen, denn der Grisleybär läßt sich nur selten in der Nähe von Ansiedelungen sehen.«

Da der Mais die Thätigkeit der Kolonisten jetzt nicht in Anspruch nahm, so benutzten dieselben die Zeit, um das Feld herum noch mehr Bäume zu tödten und das Buschwerk abzuhauen, damit sie es im kommenden Herbste vergrößern könnten. Auch fällten sie Bäume und spalteten daraus zwölf Fuß lange Holzstücke, die sie dann zur Erweiterung der Einzäunung benutzen wollten. Dies war die Ursache, daß während einer ganzen Woche Keiner von ihnen auf die Jagd gegangen und kein frisches Wildpret auf den Tisch gekommen war. Madame Turner bemerkte eines Abends beim Essen, daß sie wohl ein Stück Wild zu haben wünsche, und Carl erbot sich mit Freuden dazu, am folgenden Morgen hinauszureiten und einen Hirsch zu schießen. Arnold und Wilhelm baten, daß sie ihn begleiten dürften; worin Turner einwilligte, unter der Bedingung, daß sie sich nicht weit von dem Fort entfernen wollten.

Die beiden jüngeren Knaben waren schon ganz gute Reiter, da sie sich fast täglich übten, indem sie die Pferde zum Wasser brachten, und sehr häufig Abends, wenn die Kühe nicht bei guter Zeit zu Hause kamen, in die Prairie hinausritten und das Vieh heimtrieben; dabei gab es denn manch lustiges wildes Rennen. Turner hatte sich durch Warwick zwei mexikanische Sättel für seine Knaben verschafft, in welchen man ungleich sicherer und fester sitzt, weil sie einen hohen Sattelknopf und sehr hohe Rücklehnen haben. Zugleich waren die Knaben schon recht gute Schützen, wenn auch nicht so gewandte Jäger, wie Carl; denn Turner war zu ängstlich, um sie allein weit hinausreiten zu lassen. Am folgenden Morgen sollten sie nun ihre erste Jagd zu Pferde machen, und Carl sollte sie führen und über sie wachen, damit ihnen kein Unglück zustoße; denn Daniel war mit dem Felde sehr beschäftigt, und einen Hirsch konnten die drei Knaben ja leicht allein in der Nähe des Forts erlegen.

Arnold und Wilhelm konnten kaum den Tag erwarten, und als dessen erstes Licht erschien, waren sie schon mit den Vorbereitungen der Jagd beschäftigt. Sie richteten Alles so ein, wie Carl es that, nur fehlten ihnen die Revolver, welche jener heute umschnallte, und die schöne Jaguarhaut, die derselbe auf dem Sattel liegen hatte.

Die beiden Schimmel wurden nach dem Frühstück für sie aufgezäumt, Turner untersuchte selbst noch das Riemenzeug, und als er seinen beiden Söhnen in die Sättel half, ermahnte er sie nochmals zur größten Vorsicht und sagte zu Carl: »Du wirst gut auf sie Acht geben, Carl; Eines mußt Du mir aber noch versprechen: daß ihr keine Büffeljagd machen wollt, hörst Du, mein Junge!«

»Nein, gewiß nicht, Onkel; wir schießen nur einen Hirsch, und dann kommen wir gleich zurück,« entgegnete Carl mit seiner treuherzigen Stimme.

»Nun, so reitet mit Gott,« sagte Turner, während seine Gattin zu Carl an das Pferd getreten war, und, ihm die Hand drückend, sagte: »Carl, sei vorsichtig mit meinen Kindern, und kommt bald zurück.«

»Das trockene Gras ist so hoch, junger Herr, daß Sie sehr nahe an das Wild hinanreiten können,« rief der Neger noch Carl zu. »Halten Sie dann die Pferde an, binden Sie den Schimmeln die Füße zusammen, und schleichen Sie sich mit Ihren Brüdern zu Fuße an die Hirsche. Sie können Arnold und Wilhelm heute den ersten Schuß zukommen lassen, und nur noch nachhelfen, wenn es nöthig sein sollte.«

Carl winkte dem Neger scheidend die Versicherung zu, daß er thun werde, wie derselbe ihm angedeutet hatte, und lustig trabten die drei Knaben den Hügel hinab bis in das hohe Gras, wo die Pferde von selbst in Schritt fielen. Das Gras reichte den Thieren bis an den Bauch hinauf und war abgestorben, während die jungen Halme schon Fußlang zwischen ihm emporstanden und auf dem Grunde eine frischgrüne Decke bildeten. Carl nahm die Richtung nach der Spitze des Waldes am Pflaumenbache, wo dieselbe in der Prairie endigte, weil er dort immer das meiste Wild gesehen hatte. Auf dem Wege dahin sprangen wiederholt Hirsche aus dem hohen Grase und flohen vor den nahenden Reitern, doch vergebens strengte Carl seine Blicke an, weidendes Wildpret von fern zu erkennen, um sich ihm vorsichtig nahen zu können.

Sie hatten die letzte Waldspitze erreicht, die nur aus einzelnen hohen Bäumen bestand, und Carl hielt sein Pferd an, um unter demselben hinzuspähen, ob dort nicht ein Hirsch zu erkennen sei. Nachdem er vergebens eine zeitlang auch mit dem kleinen Fernglas den Wald durchschaut hatte, sagte er zu seinen Kameraden: »Sonderbar, daß gerade heute hier kein Hirsch steht, ich bin doch fast nie hier gewesen, ohne mehrere zu sehen. Man kann hier so leicht von Baum zu Baum an sie schleichen. Es hilft uns Nichts, wir müssen in die Prairie hinausreiten, dort nach jenen Waldinseln zu, die Ihr wie blaue Wolken über dem Grase hervorblicken seht. Laßt uns weiter reiten, wir treffen sicher bald Wildpret an.«

Hiermit lenkte Carl sein Pferd von der Waldspitze ab nach Westen in die offene Grasflur, und Arnold und Wilhelm ritten zu seinen beiden Seiten. Wohl eine Viertelstunde lang hatten sie während des Reitens eifrig sich nach Wildpret umgesehen, als Carl in weiter Ferne vor sich ein Rudel starker Hirsche erkannte, die sich vertraut äßten und mit einander scherzten.

»Dort steht ein Rudel, seht dort, wo die zwei Mosquitobäume aus dem Grase hervorragen; gleich links daneben.«

»Ja, ja, ich sehe sie!« sagten seine beiden Gefährten zugleich.

»Es ist noch sehr weit, wir können noch viel näher zu ihnen hinreiten. Es sind starke Hirsche, ich kann schon von hier die Geweihe erkennen, denn der Bast sitzt noch daran, was sie so dick macht. Beugt Euch aber etwas auf den Hals der Schimmel, damit Eure schwarzen Hüte uns nicht verrathen,« sagte Carl und neigte sich selbst nach vorn. Sie ritten in langsamem Schritt vorwärts und die Formen der Hirsche wurden ihren Blicken immer deutlicher.

»Es sind neun Stück,« hub Carl wieder nach einer Weile an.

»Wollen wir noch nicht absteigen?« fragte Arnold in seinem Jagdeifer.

»Nein, noch nicht; ich will es Euch schon sagen, wenn es Zeit ist. Legt Euch nur hübsch hinter die Hälse Eurer Pferde,« entgegnete Carl, indem er neben dem Kopf seines Rosses nach dem Wild blickte. Plötzlich fuhr der Falbe zusammen und machte einige Sätze vorwärts, indem er schnaubend seinen Kopf hoch empor richtete und hinter sich blickte. Carl riß ihn angehalten mit dem Zügel zurück, und schaute sich dann selbst um.

»Mein Gott, was kommt dort von der Waldspitze her – seht Ihr es – dort über dem Grase – es ist ein Bär – aber kein schwarzer – es ist ein grauer Bär!« rief Carl, seinen Falben mit Gewalt zurückhaltend, während auch die Schimmel schon das Weite suchen wollten.

»Ach Gott, Carl, was sollen wir thun? der holt uns ein. Laß uns nach dem Fort zurückjagen!« rief Arnold entsetzt und Wilhelm jammerte: »Ach lieber Gott – Carl – hilf uns!«

»Er hat uns den Weg nach dem Fort abgeschnitten. Seid aber nur ruhig, er kann uns nicht einholen, unsere Pferde sind zu gut. Laßt den Schimmeln die Zügel und folgt mir, treibt sie aber nicht an und sitzt fest im Sattel. Es hat Nichts zu sagen, der soll uns wohl nicht kriegen. Vorwärts!« rief Carl und ließ seinem Falben die Zügel schießen, der nun, von den beiden Schimmeln gefolgt, über das hohe trockne Gras dahinsauste. Augenscheinlich hatten die Thiere trotz der großen Entfernung den furchtbaren Feind erkannt, denn sie wandten im vollen Jagen die Köpfe bald links bald rechts, um nach dem Bären zurückzublicken, der in ungeheuren Sätzen über das Gras heranstürmte und ihnen in Schnelligkeit vollkommen gleich blieb.

»Er bleibt schon zurück!« rief Carl jetzt seinen Brüdern zu, um sie zu beruhigen, obgleich ein Blick nach dem Bären ihn überzeugte, daß derselbe noch eben so nahe hinter ihnen war, als im ersten Augenblick der Flucht. Er hielt seinen Falben gewaltsam zurück, da es ihm schien, daß die Schimmel ihm nicht so schnell folgen konnten, gab ihm aber immer wieder die Zügel, um die beiden Wagenpferde zu größerer Eile anzufeuern.

»Laßt nur die Zügel frei und treibt Euere Pferde etwas mehr an, dann wollen wir bald in Sicherheit sein!« rief Carl, indem er sich nach seinen Brüdern umsah, und zugleich einen Blick auf das schreckliche Thier warf, welches immer in gleichem Sprunge ihnen folgte.

Schneller konnten die Schimmel nicht laufen, das sah Carl wohl ein, und er wußte, daß sein Falber ihn mit Leichtigkeit von ihnen fortgetragen haben würde; er hielt ihn aber zurück, so daß er nur einige zwanzig Schritte vor seinen Kameraden hinsauste. Fort ging es in unausgesetztem Sturmlauf vorwärts Hügel auf, Hügel ab, ohne daß die Entfernung zwischen den beiden Rossen und dem ihnen folgenden Ungeheuer sich vermindert hätte. Meile auf Meile blieb zurück, die Pferde bedeckten sich mit Schweiß, die weißen Schaumflocken flogen von ihren Gebissen, und immer keuchender schnaubten sie aus ihren weitausgespannten blutrothen Nüstern. Carl sprach seinen Brüdern unaufhörlich Muth zu, und diese trieben die Schimmel mit Sporn und Peitsche an; ihre Schnelligkeit aber begann nachzulassen, und der Bär kam ihnen näher. Vor den Fliehenden hob sich jetzt rasch die Waldinsel deutlich empor, und nach ihr hin richtete Carl seinen Lauf. Noch wußte er nicht, in welcher Weise das kleine dichte Gehölz ihnen Hülfe bringen sollte, wenn es aber eine Rettung gab, dann mußte sie dort gesucht werden. Näher und näher rückten sie dem Wäldchen, und näher und näher kam ihnen der grimmige Feind. Noch lagen nur hundert Schritte zwischen ihnen und dem Gehölz, als Carl sein Roß noch mehr zurück hielt, so daß seine Brüder an seine Seite kamen.