Turner und dessen Gattin saßen in stummer Bewunderung und heiligem Anstaunen der Naturschönheit, die sie umgab, und dankten mit demüthigem Herzen dem Schöpfer dieser Herrlichkeit für die Gnade, mit der er sie hierhergeführt und beschützt hatte.

»Wie unendlich gnädig ist uns Gott gewesen, Marie!« brach Turner das Schweigen.

»Und er wird uns auch ferner gnädig sein,« sagte Madame Turner mit einem flehenden Blick zu dem Himmel, wo der Abendstern, freundlich blinkend, ihrem Auge begegnete, als wolle er ihr die Zusage ihrer Bitte verheißen.

»Wie sonderbar sich Alles zu unserm Besten fügte!« nahm Turner wieder das Wort. »Die Vorsehung hat uns doch augenscheinlich den braven Daniel als Hülfe in unserer Noth zugesandt; was hätten wir wohl ohne ihn anfangen wollen! Wie weiß er mit Allem umzugehen und wie liebevoll unterweist er unsern Carl in allen Geschäften. Was die Beiden auch anfangen mögen, es gelingt ihnen. Soll mich einmal wundern, ob sie wirklich wilde Truthähne fangen werden.«

»Mein Gott, sieh das Thier dort – es springt über die Einzäunung zu den Kälbern!« rief Madame Turner in diesem Augenblick entsetzt aus, und Turner rannte mit dem Ausruf: »Ein Jaguar, ein Jaguar!« in das Fort, um seine Büchse zu holen. Doch ehe er zurückkehrte, hatte das Raubthier eins der Kälber niedergerissen, hatte es mit seinem furchtbaren Gebiß auf dem Rücken erfaßt, und setzte mit einem Sprunge mit der Beute über die Einzäunung. Trotz dem Rufen und Schreien der Madame Turner und der Kinder ließ es seinen Raub nicht fahren, und floh in langen Sätzen über das Gras dem Walde zu, während das Kalb in seinem Rachen die jämmerlichsten Klagetöne erschallen ließ.

Turner kehrte mit der Waffe zurück, jedoch nur um dem Räuber nachzusehen, der sich wiederholt einige Augenblicke ruhte und dann seine Flucht weiter fortsetzte. Mit wüthendem Gebrüll und hoch in die Luft gestreckten Schwänzen kamen zugleich die Kühe aus der Prairie herangejagt, um dem klagenden Kalbe beizustehen, dessen Stimme verhallte aber bald und sein Mörder verschwand mit ihm in dem Walde.

Mit Schrecken und Leidwesen hatten Turners den ganz unerwarteten Vorfall mit ansehen müssen, ohne etwas dagegen thun zu können, und die Kinder weinten und jammerten über den Verlust des hübschen kleinen Kalbes und konnten sich noch lange Zeit darüber nicht zufrieden geben.

»Es soll mir aber eine Lehre sein, nicht wieder ohne meine Büchse vor das Fort zu gehen,« sagte Turner, »wie leicht hätten uns auch Indianer hier überraschen können. Man wird viel zu leicht gleichgültig gegen die Gefahr. Geht lieber in das Haus, ich will hier in dem Thore bleiben, bis unsere beiden Jäger zurückkehren; sie werden hoffentlich bald kommen.«

Die Dunkelheit brach schnell herein und bald kamen auch die beiden schwerbeladenen Jäger den Hügel heraufgeschritten.

»Endlich, ich habe sehr nach Euch verlangt,« sagte Turner zu ihnen, und theilte ihnen nun gleich mit, was sich während ihrer Abwesenheit zugetragen hatte.

»Das ist glücklich,« bemerkte Daniel, »es kostet uns allerdings ein Kalb, aber nun muß auch der Jaguar sterben. Er wird das ganze Thier nicht in dieser Nacht verzehren und kommt sicher morgen Abend noch einmal zu ihm zurück, dann werden wir ihn erwarten.«

»Ja, ja, wer weiß, wohin er das Kalb getragen hat, er rannte ja so leicht mit ihm davon, als ob es ein Hase wäre,« entgegnete Turner.

»Mag er rennen, so weit er will, ich finde ihn; ich war einst der berühmteste Spürer unter den Indianern; umsonst hatte man mir meinen Namen nicht gegeben!« sagte Daniel mit einem leuchtenden Blick, wie von einer plötzlichen Begeisterung ergriffen.

»Wie nannte man Dich denn?« fragte Turner. Der Neger bereute aber augenscheinlich schon, was er gesagt hatte und erwiederte, sichtbarlich verlegen:

»Man nannte mich den Spürer.«

Dabei warf er die drei Truthähne von der Schulter und zog sie hinter sich her in das Fort, indem er sagte:

»Wir bringen aber für Madame Turner fünf herrliche Braten; unsere Falle hat sich gut bewährt.«

»Aber, Carl und Daniel, Ihr seid ja prächtige Jäger, Ihr bringt uns so viel Fleisch in das Haus, daß wir es kaum verbrauchen können,« sagte Madame Turner, als sie die fetten Hähne erblickte. »Ich habe das Bärenfleisch eingesalzen, wie Du mir riethest, Daniel, nun mußt Du mir aber die Vorrichtung machen, um es zu räuchern, damit wir es bewahren können.«

»Das will ich morgen früh thun, wenn wir das Kalb aufgefunden haben. Ich will dann eine Art von Rauchhaus bauen, damit wir immer einen tüchtigen Vorrath von geräuchertem Fleisch halten können; man weiß nicht, wie uns die Indianer einmal verhindern möchten, frisches Wild zu haben,« entgegnete der Neger.

»Mache mir nicht bange, Daniel, der Himmel wird uns hoffentlich vor solchen Schreckensscenen bewahren,« sagte Madame Turner, bat dann Carl, die Hähne außerhalb an das Haus aufzuhängen, und ging, um das Abendessen zu bereiten.

Nach Tisch, als das Fort verschlossen war, saßen die Kolonisten traulich um den großen Tisch herum, mit verschiedenen Arbeiten beschäftigt. Madame Turner und Julie hatten Näharbeiten vor sich, Turner mit seinen beiden Söhnen machten Mais von den Kolben los, um ihn am folgenden Morgen für die Mühle bereit zu haben, Carl verfertigte Patronen mit etwas kleineren Kugeln, als er gewöhnlich für seine Büchse gebrauchte, um für einen Nothfall schneller damit laden zu können, und Daniel arbeitete an den beiden Hörnern des Büffels, welchen Carl erlegt hatte, um für ihn versprochener Maßen ein Trinkhorn und ein Pulverhorn daraus anzufertigen. Von dem Bären hatte er die großen Fangzähne gleichfalls aufbewahrt, um für seinen jungen Freund ein Pulvermaß und eine Pfeife daraus zu machen. Pluto war die Bewachung der Festung übergeben, welcher Pflicht er treulich nachkam, indem er in der Mitte der Einzäunung lag und auf jeden Ton außer derselben lauschte oder einen Rundgang an den Pallisaden machte.

Die Nacht verstrich in ungestörter Ruhe und kaum graute der Tag, als Daniel seinen jungen Freund weckte und Beide ihr Jagdgeräth umhingen, um das geraubte Kalb aufzusuchen. Turner ließ sie aus dem Thor, was er stets zu thun pflegte, wenn die Beiden sich entfernt hatten. Daniel folgte nun der Spur des Jaguars, welche er leicht an dem niedergedrückten Grase erkennen konnte. Bald hatte er mit seinem Gefährten den Wald erreicht, wo einzelne gebrochene Pflanzen oder der wunde Erdboden, auf dem das Raubthier seine Tatzen niedergesetzt hatte, als Wegweiser dienen mußten. Dem Neger schien es durchaus keine Schwierigkeit zu machen, auf der Fährte zu bleiben, wenn Carl auch kein Zeichen derselben erkennen konnte. Daniel aber stand oft still und zeigte seinem Freunde die unbedeutenden Merkmale, denen er folgte, und unterrichtete ihn, dieselben zu bemerken. Die Spur zog sich in ziemlich gerader Richtung zwischen den Büschen hin, wie es schien, der Gegend zu, wo der Pflaumenbach in den Bärfluß mündete. So weit hatte jedoch der Jaguar nicht für nöthig gefunden, seinen Raub zu tragen, denn plötzlich standen die beiden Jäger vor dem zerrissenen Kalbe, von welchem sein Mörder die ganze eine Seite verzehrt hatte. Die Ueberreste davon lagen in einem Dickicht, welches aus Dornen, Rankengeflecht und hohen Kräutern bestand und von den Laubmassen der umstehenden Bäume, die ihre Aeste bis auf den Boden herabhängen ließen, versteckt wurde.

»Dies ist ein böser Platz, um dem Burschen aufzulauern, an Schießen ist hier nicht zu denken, und dann würde er uns auch früher gewahren, als wir ihn. Wir müssen sehen, wohinaus er von hier gegangen ist und ihn auf seinem Rückwege erwarten,« sagte Daniel und suchte auf dem Boden, um im Dickicht die Spur des Jaguars aufzufinden. Plötzlich blieb er stehen und sagte:

»Er ist gestern Abend, nachdem er sich gesättigt hatte, von hier fortgegangen und heute früh wieder hierher zurückgekehrt. Vielleicht haben wir ihn selbst so eben verscheucht. Hier steht eine Spur, die von dem Pflaumenbach her in das Dickicht führt, und zwei, die dorthin zurückzeigen, und hierbei ist eine ganz frische. Nun wird er während des Tages sicher nicht wieder kommen, aber umso gewisser gegen Abend. Wir wollen jedoch schon früh genug hier sein. Lassen Sie uns dieser frischen Fährte folgen, bis sie über eine offene Stelle im Walde führt, auf der man um sich sehen kann.«

Mit diesen Worten schritt Daniel, gebückt und auf den Boden spähend, voran und Carl vorsichtig hinter ihm her. Nach einer Weile blieb der Neger stehen und schaute um sich auf die Erde.

»Dort, wo Sie stehen, ist die Fährte ganz deutlich in dem feuchten Boden ausgedrückt, hier vermisse ich sie!« rief er Carl zu. »Gehen Sie nicht von jener Stelle, ich will in einem weiten Bogen um Sie gehen, dann muß ich die Fortsetzung der Spur finden.«

Er hatte nur kurze Zeit in einiger Entfernung von Carl gesucht, als er sich mehr zu dessen rechter Seite befand und rief:

»Kommen Sie hierher, der Bursch ist über diesen freien Platz gegangen, und hier soll er auch sterben; eine vortheilhaftere Gelegenheit, um ihm unbemerkt aufzulauern, kann man sich nicht wünschen.«

Als Carl aus den Büschen hervor zu Daniel trat, zeigte dieser auf die Erde vor sich und sagte:

»Sehen Sie, hier ist er frisch hinüber geschritten, und dort in dem Büschchen vor jener alten Eiche sollen Sie sich heute Abend verbergen; ich wette Zehn gegen Eins, daß er diesen Weg wieder zurück einschlägt. Nun wollen wir aber nochmals nach dem Kalbe eilen und auch der andern Fährte nachgehen, damit ich für mich gleichfalls einen Platz aussuche; denn es wäre ja möglich, daß er dort zurückginge.«

Mit derselben Sicherheit verfolgte Daniel bald darauf die andere Spur, die sich etwas weiter rechts wandte, und wählte auf derselben wiederum eine weite Blöße, um Abends darauf selbst seinen Stand zu nehmen. Dieselbe war einige hundert Schritt von der für Carl gewählten entfernt und durch ein undurchdringliches Dickicht von ihr getrennt. Nachdem sich die Jäger genau die Plätze gemerkt hatten, begaben sie sich auf den Heimweg, wollten aber im Vorübergehen doch nach ihrer Falle sehen. Zu Carls übergroßer Freude saßen richtig wieder zwei Hähne in der Hütte, die schnell getödtet und hervorgezogen wurden.

»Nun wollen wir aber die Falle schließen und erst dann wieder öffnen, wenn wir Wild nöthig haben,« sagte der Neger und verstopfte den Eingang mit Büschen. Dann nahm er einige Hände voll Mais aus den Taschen und streute sie auf den Pfad, damit die Vögel sich daran gewöhnen sollten, hier immer Futter zu finden.

Ziemlich ermüdet kehrten die Jäger mit der neuen Beute nach dem Fort zurück, wo Madame Turner sie mit Bärentatzen zum Frühstück tractirte. Nach gehaltener Rast begab sich Daniel, von Herrn Turner unterstützt, an den Aufbau eines Rauchhauses, welches sie aus dünnen Baumstämmen aufführten und mit Schindeln bedeckten; Carl aber nahm die Angel, um zu versuchen, ob er eine Schildkröte fangen könne. Zu diesem Zwecke werden vier große Fischhaken so mit dem Rücken zusammengebunden, daß die Spitzen nach allen vier Seiten auseinander stehen. Wenn sie nun an der Leine befestigt sind, so bindet man einige Zoll über denselben ein Stück Fleisch an die Schnur und senkt sie in das Wasser. Die Schildkröte ergreift das Fleisch mit den beiden Vorderpfoten, mit denen sie es fest hält, um es zu benagen; wird nun die Angel schnell in die Höhe gezogen, so muß einer der Haken in die Füße des Thieres fassen, und es ist gefangen.

Nicht weit vom Fort machte der Fluß im Walde eine sehr kurze Biegung, und der Strom, der mit aller Kraft sich hier hereindrängte, hatte das Ufer unterhöhlt. Das Wasser war sehr tief, und Carl kannte diese Stelle als einen Lieblingsplatz der Schildkröten, weshalb er hierher eilte und seine Angel auswarf. Er hatte gar nicht lange auf dem Rande des hohen Ufers gestanden und den Bewegungen des schwimmenden Korks zugesehen, den der Strudel in dieser Bucht im Kreise herumtrieb, als es an der Angel zuckte. Es zuckte wieder und stärker und nun wurde der Kork in die Tiefe gezogen. Carl schlug schnell die Angel in die Höhe, fühlte aber gleich, daß ein sehr schweres Gewicht daran hing; es mußte eine große Schildkröte sein, die jetzt mit dem Strome davon eilte und gewaltig an der Angel riß. Carl hielt dieselbe mit aller Kraft an, in diesem Augenblicke aber glitt er mit beiden Füßen auf dem lockern Boden des Ufers aus, und schoß von demselben hinab in die Fluth. Er sank bis auf den Grund, stieß sich von dort wieder nach oben und gerieth, anstatt auf die Oberfläche des Stromes, unter die ausgehöhlte Uferbank in tausend Wurzeln, die aus derselben in dem Wasser hinabhingen. Er verlor jedoch die Geistesgegenwart nicht, sondern erkannte sofort seine Lage, stieß sich mit geöffneten Augen wieder in die Tiefe hinunter und dann nach dem Lichte hinauf, wo er im nächsten Augenblicke über dem Wasserspiegel auftauchte. Mit einigen kräftigen Zügen erreichte er das jenseitige niedrige Ufer, auf dem er landete und sogleich sich nach seiner Angel umblickte, die er wohl hundert Schritt weiter stromabwärts schwimmen sah. Er lief auf dem Ufersand hin, sprang abermals in das Wasser und holte die Angel an das Land. Nun zog er vorsichtig die Leine an, und es gelang ihm, die Schildkröte trotz alles Sträubens auf den Sand zu ziehen. Sie wog gegen vierzig Pfund und war eine sogenannte weichschaalige, deren Schild sich zu Gallerte kocht und sehr schmackhaft ist. Er band die Leine um sie und schleifte sie hinter sich her durch den Wald bis an das Ufer gegenüber dem Fort, wo er Daniel rief, damit er ihn in dem Kanoe über den Fluß hole. Carls Erscheinung verursachte unter den Seinigen im ersten Augenblick Schreck und Besorgniß, dann wurde aber herzlich über sein Abenteuer gelacht und er selbst lachte tüchtig mit. Auf die köstliche Suppe aber, welche Madame Turner versprach, für den folgenden Tag aus der Schildkröte zu bereiten, freuten sich Alle schon im Voraus. Nachdem Carl sich umgekleidet hatte, betheiligte er sich beim Aufbauen des Rauchhauses, bis die Sonne sich zu neigen begann und Daniel an die Zeit mahnte, nach dem Walde zu gehen, um den Jaguar zu belauern. Heute versahen sich die beiden Jäger jedoch außer mit Büchse und Messer auch noch ein Jeder mit einem Revolver, und so ungern Turners auch sahen, daß Pluto sich vom Fort entfernte, so mußte er doch mitgehen.

Die Sonne stand noch ziemlich hoch über dem fernen Rand der Prairie, als die beiden Schützen den Platz im Walde erreichten, welcher für Carl ausgewählt war. Er machte seinen Sitz vor der Eiche zurecht und steckte noch mehrere Büsche vor sich herum, damit er dem spähenden scharfen Auge des Jaguars verborgen bleiben möchte. Eine Wurzel der Eiche stand ziemlich hoch aus der Erde hervor und bildete für Carl einen bequemen Sessel, während der Stamm des Baumes ihm als Rücklehne diente.

»Machen Sie nur keine rasche Bewegung, auch selbst nicht mit den Augen, denn der Jaguar überblickt die Blöße sicher, ehe er aus dem Dickicht hervortritt. Halten Sie Ihren Blick besonders dorthin gerichtet, von wo seine Fährte herführt, von dort wird er wohl kommen,« sagte Daniel, als Carl sich zurecht gesetzt hatte und Pluto hinter der Eichenwurzel verborgen lag. »Uebereilen Sie sich nur nicht und nehmen Sie sich Zeit zum Schießen. Steht das Thier still, so zielen Sie nach dessen Kopf, bleibt es im Gehen, so halten Sie ihm hinter das Schulterblatt, und sollte es nach dem Schusse auf Sie zuspringen, so setzen Sie ihm den Hund entgegen, dann werden Sie eine gute Gelegenheit finden, ihm die zweite Kugel durch den Kopf zu jagen. Vor Allem bleiben Sie ruhig und kaltblütig. Nun will ich mich auf meinen Stand begeben, Einem von uns wird er doch wohl kommen, hoffentlich Ihnen; Waidmannsheil!«

Mit diesen Worten eilte der Neger geräuschlos zwischen den Büschen und Stämmen hin und verschwand bald vor Carls Blicken.

Eine feierliche Ruhe herrschte durch den Wald, kein Lüftchen rührte sich, auch die zartesten Ranken, die wie leichtes buntes Spitzengewebe von den Aesten der hohen Bäume herabhingen, bewegten sich nicht, und jeden leisen Ton, wie das Fallen einer Frucht, das Hüpfen eines Eichhörnchens, konnte man weithin hören. Mit jeder Minute wurde es stiller und heimlicher, denn auch die Vögel verstummten und nur noch einzeln ließ ein Wasserrabe seine krächzende Stimme von dem Flusse her ertönen. Die letzten Strahlen der Sonne, die sich hier und dort durch die Laubmassen stahlen und sich blendend hell auf den Baumstämmen spiegelten, verblichen, und das Düster des Abends zitterte mit dem Wiederschein des Feuermeers am westlichen Himmel durch den Urwald. Carl saß regungslos und bewegte nur von Zeit zu Zeit langsam seinen Blick über die Blöße vor sich, um ihn dann wieder auf den Fleck zu heften, wo die Fährte des Jaguars aus dem Dickicht hervorkam. Dort war der feuchte Boden mit üppigen Pflanzen bedeckt, deren brennend rothe Kelchblumen aus dem tiefsten Schatten des darüber hängenden dichten immergrünen Lorbeergesträuches hervorleuchteten, und aus diesen dunkeln Laubmassen hingen die schneeweißen, federartigen, zwei Fuß langen Blüthen einer Magnolienart herab, die man »des alten Mannes Bart« nennt. Carl ergötzte sich an der Farbenpracht, die trotz des zunehmenden Düsters das saftige Grün des Laubes durchwirkte, da bewegte sich eine der weißen lang herabhängenden Blüthen, als sei der Strauch, an dem sie hing, durch irgend Etwas erschüttert worden. Mit verhaltenem Athem und fest gefaßter Büchse stierte Carl in das Dunkel unter den dicht belaubten Zweigen hinein, da bewegte sich abermals eine der weißen Blüthen, welche aus dem vordersten Busche hervorsah.

Jeder Nerv, jede Muskel in Carl war angespannt, sein Blick wollte das tiefste Dunkel durchdringen; da theilten sich die blutrothen Blumen und die goldgelbe schwarz gefleckte Gestalt des Königs dieser Wälder, des Jaguars, schritt lautlos zwischen ihnen hervor. Er stand jetzt still und seine wie Feuer glühenden Augen überspähten die Waldblöße. Carl hatte die Büchse schon an der Schulter, als der erste goldige Schein zwischen den rothen Blüthen sichtbar wurde, und blickte über den Lauf hin auf den buntgefleckten Kopf des Königthiers.

In dem Augenblick, als er seinen Schritt anhielt, preßte Carl die Büchse noch fester gegen die Schulter, heftete ihr Korn noch unbeweglicher auf das Haupt des Feindes und gab Feuer. Der Donner des Gewehrs dröhnte durch den Wald und der Pulverdampf rollte sich in einer dichten Wolke über den offenen Platz, doch Carl hatte im Schuß schon erkannt, daß der Jaguar zusammenbrach.

»Pluto, faß!« schrie er dem Hunde zu und sprang mit der Büchse in der Hand durch die Büsche vor sich; da sah er das Raubthier an der anderen Seite der Blöße in das Dickicht hineinsetzen.

»Faß, Pluto!« rief er abermals dem Hunde nach, der schon die Dickung erreicht hatte und den Jaguar verfolgte. Auch Carl war mit wenigen Sprüngen in den Büschen und stürzte, sich gewaltsam Bahn brechend, vorwärts; da sperrte ein riesiger umgefallener Baumstamm seinen Weg. Zugleich hörte er an dessen anderer Seite die Stimme Pluto's, und erkannte, daß derselbe mit dem grimmigen Raubthier in verzweifeltem wüthenden Kampfe sei. Mit einem Satze war er auf dem Baumstamme, um ihn zu überspringen; die Borke aber zerbrach unter seinen Füßen, und er selbst versank bis an die Brust in dem vollständig zu Pulver vermoderten Stamme. Er sah, wie der Jaguar seinen Hund unter sich liegen hatte, wollte sich aus dem Stamme hervorheben, um dem treuen Thiere zu helfen, da erblickte ihn der furchtbare Feind und wandte sich mit weit geöffnetem Rachen von dem Hunde ab, auf ihn zu. Carl senkte ihm seine Büchse entgegen mit dem Bewußtsein, daß er verloren sein würde, wenn die Kugel fehl ginge. Der Jaguar aber hatte nur einen Sprung vorwärts gethan, als Pluto ihn schon wieder erfaßte und seine Zähne in sein Hintertheil einschlug. Das Raubthier fuhr mit wildem Stoßgebrüll herum, um abermals den Hund zu ergreifen, da feuerte Carl, und die Kugel zerschmetterte den Kopf des wüthenden, gefährlichen Gegners.

In diesem Augenblick riß Daniel das nahe Gestrüpp auseinander und sprang mit gespannter Büchse aus demselben hervor, der Tiger lag todt zu seinen Füßen, und Pluto stand über ihm und ließ, ihn zwischen den Zähnen schüttelnd, seine Wuth an ihm aus.

»Gott sei gelobt!« rief der Neger, von dem getödteten Jaguar nach seinem jungen Freunde überrascht aufblickend, der seine Büchse von sich gelegt hatte und sich nun aus dem Baume hervorzuheben suchte.

»Um des Himmels Willen, wie kommen Sie in den Baum?« rief Daniel aus, indem er Carl zu Hülfe sprang, ihn aus seinem Gefängnisse zu befreien.

»Ich war in eine Falle gerathen, Daniel, und wenn Pluto, der brave treue Hund nicht noch zu rechter Zeit zugefaßt hätte, so würde es mir vielleicht so ergangen sein, wie dem Kalbe. Das Thier sprang wüthend auf mich ein,« entgegnete Carl lachend, und trat frohlockend zu dem Jaguar hin.

»War recht, Pluto, so war es recht, alter treuer Kerl, faß ihn, zaus ihn, das war brav!« rief er, indem er sich über den Hund hinbeugte und seine Arme liebkosend um ihn schlang.

»Freund Pluto hat aber einige tüchtige Feldzeichen davon getragen, sehen Sie, er blutet gewaltig aus der Schulter und auch am Halse; die lange Wunde auf der Schulter ist mit den Krallen gerissen.«

»Ja wohl, und das Ungeheuer würde ihn todt gemacht haben, wäre ich nicht hinzugekommen, denn er lag unter demselben und wehrte sich so gut er konnte. Als mich nun der Jaguar in meiner Falle erblickte, verließ er Pluto und wandte sich gegen mich, aber der treue Hund fiel ihm schnell in die Keule, und ich gewann Zeit, meinen Schuß anzubringen.«

»Und ein Meisterschuß war es, gerade durch den Schädel. Hatten Sie ihn denn mit dem ersten Lauf gefehlt, Sie haben doch zweimal geschossen?«

»O nein, ich muß ihn auch das erste Mal getroffen haben, denn er stürzte im Feuer zusammen, dennoch habe ich nicht sicher geschossen, da ich nach seinem Kopfe zielte.«

»Sie haben mit der Büchse gewankt, hier ist das Kugelloch, der Schuß ist ihm durch den Hals gegangen,« sagte Daniel, indem er Pluto zurückzog und auf den mächtigen Nacken des Tigers zeigte.

»Ja, Daniel, ich gestehe es, das Herz schlug mir gewaltig, so daß ich es laut hören konnte und es flimmerte mir vor den Augen. Das nächste Mal aber, wenn ich wieder nach einem Jaguar schieße, soll es besser gehen. Gefürchtet habe ich mich aber nicht,« sagte Carl und warf das schöne Thier auf den Bauch, um die herrliche Zeichnung der schwarzen Flecken auf seinem Rücken zu bewundern. Als Carl es anfaßte, fiel Pluto sofort wieder über den Feind her, doch jener zog ihn mit den Worten zurück: »Laß ihn in Ruhe, er ist todt, und Du verdirbst das schöne Fell,« dabei schmeichelte er den Hund und wandte sich an Daniel: »Was wirst Du mir denn aus diesen Fangzähnen machen?«

»Gar nichts, ich will Ihnen den ganzen Schädel aufbewahren; wir vergraben ihn in einen Ameisenhaufen; die Ameisen nagen das Fleisch sehr sauber ab, darauf legen wir ihn in die Sonne, damit er recht schön weiß bleicht und dann hängen Sie ihn an einen Nagel über Ihr Bett. Sie werden sich noch manchmal über den Meisterschuß freuen. Nun aber muß ich mich wahrhaftig eilen, um die Haut noch abzunehmen, ehe es ganz dunkel wird.«

Hiermit stellte der Neger die wieder abgespannte Büchse an einen Baum, zog das Messer aus der Scheide, und begann, bei dem Jaguar niederknieend, denselben seines schönen Kleides zu berauben. Carl war ihm dabei behülflich, während Daniel ihn unterwies und Vorsicht anempfahl, nicht in die Haut zu schneiden. Dieselbe wurde bis an den Kopf abgestreift, dieser nun von dem Körper getrennt und somit war die Arbeit beendet, während die Nacht vollständig hereingebrochen war. Daniel warf das Fell über seine Schulter und ergriff die Büchse, da trat Carl nochmals zu dem Jaguar hin und sagte: »Ich will mir doch nun auch seine Krallen zum Andenken mitnehmen.«

Er schnitt sie schnell von den Tatzen ab, steckte sie in seine Jagdtasche und folgte nun dem Neger, der sicheren Schrittes durch die Finsterniß dem Waldsaume zueilte. Auf dem Wege bis dorthin geriethen sie aber wiederholt so sehr in die Ranken und Dornen des Dickichts, daß ihnen Hand und Gesicht blutete, als sie die Prairie erreichten.

»Morgen will ich doch gleich einige Hirschhäute gerben, damit wir uns Lederanzüge machen können. Wir werden schön aussehen, wenn wir nach Hause kommen,« sagte Daniel, nun rasch an dem Walde hinschreitend, der sich wie eine schwarze Wand zu dem sternbedeckten Himmel erhob.

»Hier ist das Kleid des Räubers!« rief Carl triumphirend, als Turner das Thor öffnete und die beiden Jäger einließ.

»Also wirklich!« entgegnete Turner, freudig überrascht. »Ich hatte meine großen Zweifel, ob es Euch gelingen würde, seiner habhaft zu werden. Kommt herein, auch die Andern werden sich freuen.«

Carl hatte dem Neger die Haut abgenommen und trug sie stolz in das Zimmer, wo er sie auf dem Boden ausbreitete.

»Das ist ja ein ungeheures Fell, es ist über sechs Fuß lang,« sagte Turner, indem er erstaunt die Haut betrachtete.

»Und wie prächtig ist es gezeichnet, und wie glänzend und glatt ist das Haar,« fiel Madame Turner ein.

»Er holt uns keine Kälber wieder,« sagte Carl und erzählte nun den Hergang der Jagd.

»Das war ja aber eine große Gefahr, der Du ausgesetzt warst, Carl; wie leicht hätte Dich das Thier verletzen können. Du mußt Dich wahrhaftig mehr in Acht nehmen, Du bist zu dreist,« fiel Madame Turner mit liebevollem Tone ein und strich dem Knaben die wild um seinen Kopf hängenden weichen Locken zurück.

»Dreist ist schon gut, nur muß die nöthige Vorsicht und Ueberlegung damit gepaart werden,« versetzte Turner; »hättest Du Dich vorsichtig auf den Baum gehoben, so hättest Du unbemerkt dem Jaguar wohl Deinen zweiten Schuß anbringen können, und Du wärest nicht in dem Stamme versunken.«

»Aber, lieber Onkel, wer konnte denn denken, daß der Baum inwendig aus lauter Pulver bestand,« entgegnete Carl, und zeigte nun die Krallen, die er dem Thiere abgeschnitten hatte. Dann mußte Pluto herbeitreten und seine Wunden in Augenschein nehmen lassen, wofür er von Madame Turner mit einem Ueberreste von einer Hirschkeule belohnt wurde.

»Aber, Carl, wie siehst Du denn aus – Dein Rock hängt ja in Fetzen um Dich,« sagte Julie, als dieser dem Lichte näher trat; »hat ihn Dir der Jaguar zerrissen?«

»O nein, der ist so nahe nicht an mich gekommen; die Dornen haben es gethan, als wir in der Dunkelheit durch den Wald gingen,« entgegnete Carl, indem er vor den Spiegel trat und die vielen Oeffnungen in seinem Rocke betrachtete, durch welche das weiße Hemd hervor schien.

»Ich werde morgen Hirschhäute gerben, aus denen wir uns Kleidung machen wollen, denn aller andere Stoff hält auf der Jagd nicht aus. Auch meine Jacke hat diesmal große Noth gelitten,« fiel der Neger ein und verließ mit den Worten das Zimmer: »Ich will schnell noch die Häute der zuletzt geschossenen Hirsche in das Wasser legen, damit sie weich werden.«

Bald kehrte er zurück und nahm mit Turners am Tische Platz, um das Abendbrod zu verzehren. Nachdem dies geschehen war, griff ein Jedes wieder zu einer Arbeit, und Daniel kam heute mit der Anfertigung des Pulverhorns und des Trinkbechers zu Ende, welche er Carl überreichte, als sie sich erhoben, um sich zur Ruhe zu begeben. Beide Hörner waren äußerst sauber und geschmackvoll gearbeitet und machten Carl außerordentlich große Freude. Er dankte dem freundlichen Neger von ganzem Herzen und wünschte nur eine Gelegenheit zu finden, ihm gleichfalls eine Freude bereiten zu können.

Abschnitt 5.

Lederbereitung. – Die Poolkatze. – Büffeljagd. – Der Lasso. – Die wilden Bienen. – Weihnachtsabend. – Vorsichtsmaßregeln. – Der Mais. – Die Biber. – Der Alligator. – Die Wacoindianer.

Am folgenden Morgen holte Daniel die Hirschhäute aus dem Fluß und rief Carl zu sich, um ihm zu zeigen, in welcher Weise sie zu bereiten seien. Er hatte zu diesem Zwecke mehrere Hirschköpfe aufbewahrt, schnitt auch den des Jaguars aus dessen Haut, und nahm nun aus sämmtlichen Schädeln das Gehirn heraus. Er mischte dasselbe in einem Gefäße mit Wasser zu einem dünnen Brei, und nachdem er die Hirschhäute auf ein von der Rinde entblößtes Stück Baumstamm gelegt und mit einem Ziehmesser von allen Fleischtheilen und von den Haaren gereinigt hatte, bestrich er sie mit diesem Brei, faltete sie dann mehrere Male zusammen und legte schwere Steine darauf. Die Jaguarhaut behandelte er ebenso, nur ließ er das Haar auf ihr sitzen. In dieser Weise ließ er sie bis zum folgenden Morgen liegen, wusch sie dann im Flusse sauber aus und hing sie im Schatten auf. Noch ehe sie aber ganz trocken wurden, nahm er sie ab, um sie trocken zu reiben. Er hatte zu diesem Zwecke ein breites Brett in die Erde eingeschlagen, dessen in die Höhe stehendes Ende zugeschärft und nach den Seiten hin abgerundet war. Auf diese nach oben stehende Schärfe legte er nun eine Haut und zog dieselbe darauf von einer Seite nach der andern hinunter, wobei er alle Kraft anwandte, um die Fasern derselben auseinander zu dehnen.

Die Haut wurde hierdurch sehr geschmeidig und weich, besonders nachdem Daniel sie zuletzt noch zwischen seinen Händen ganz trocken gerieben hatte. Die Hirschfelle verarbeitete er auf beiden Seiten auf dem Holze, während er die Jaguarhaut nur auf der Fleischseite rieb, da sie ja das Haar behalten sollte. Nun war das Leder fertig und so zart und weiß, wie es ein Weißgerber nicht schöner machen konnte. Damit es aber durch Naßwerden nicht wieder zusammenschrumpfen und hart werden sollte, wurde es geräuchert. Dies vollbrachte Daniel dadurch, daß er ein zwei Fuß tiefes Loch in die Erde grub, dessen obere Oeffnung die Größe der Haut hatte. Er entzündete nun in der Vertiefung ein Feuer, warf eine Menge faules Holz darauf, so daß es nur kohlte und stark rauchte, und spannte die Haut glatt darüber aus, indem er sie mit hölzernen Nägeln rundum auf den Erdboden festnagelte. Von Zeit zu Zeit lüftete er das Fell, um das Feuer mit faulem Holze zu versehen, und ließ in dieser Weise das Leder ganze zwölf Stunden räuchern, wodurch es eine schöne goldbraune Farbe bekam und vor allem Hartwerden für immer gesichert ward. Madame Turner schnitt nun aus dem Leder zwei Jacken, eine für Carl und die andere für Daniel, und übergab sie Julie zum Nähen, während sie sich des Abends selbst bei dieser Arbeit betheiligte. In gleicher Weise wurden auch bald für die beiden Jäger Beinkleider angefertigt, so daß sie auf ihren Streifzügen nicht mehr so sehr durch die Dornen zu leiden hatten, und auch für Arnold und Wilhelm verfertigte Madame Turner und Julie solche Lederanzüge. Die Jaguarhaut war Carls Stolz, sie prangte von nun an auf seinem Sattel als Decke und gewährte ihm durch ihr kurzes strammes Haar, welches den Tiger von dem Leoparden unterscheidet, einen ebenso sichern als kühlen Sitz.

Turner war täglich bemüht, seine beiden Knaben gleichfalls in dem Gebrauch der Waffen zu üben, er ließ sie nach einem Ziel schießen, und sie mußten sich auch an Wild versuchen, wenn dasselbe in die Nähe des Forts kam. Beide Knaben schossen schon sehr sicher, sowohl mit der Büchse, als auch mit dem Revolver, und beide hatten schon verschiedenes Wild erlegt. Carl dagegen übte sich, so oft es seine Zeit erlaubte, in dem Gebrauch des Lasso's, einem aus Büffelhaut verfertigten dreißig Fuß langen Strick, an dessen Ende sich eine Schlinge befand. Die Kunst, den Lasso zu gebrauchen, besteht darin, daß man die Schlinge auf die Entfernung der Länge des Strickes einem Thiere über den Kopf wirft, um dasselbe darin zu fangen. Carl übte sich an leblosen Gegenständen, mitunter aber mußten auch Arnold und Wilhelm die Stelle des Wildes vertreten, und im vollen Laufe hinter ihnen her, gelang es ihm häufig, ihnen die Schlinge über den Kopf zu werfen, was dann stets einen großen Jubel veranlaßte. Geschickte Lassowerfer aber, wie Daniel einer war, sind sogar im Stande, ein flüchtiges Thier an einem beliebigen Fuß zu fangen, indem sie die Schlinge gerade auf den Fleck auf die Erde werfen, wo das Thier den Fuß hinsetzen wird, worauf sie den Strick rasch an sich ziehen und die Schlinge sich um den Fuß zuzieht. Daniel hatte von Warwick einen alten Lasso geschenkt bekommen, wollte aber, sobald ihm die Arbeit Zeit gestatten würde, einige Büffel tödten und aus ihren Häuten Lasso's für sich und für Carl anfertigen.

Die Arbeiten bei und in dem Fort waren vor der Hand beendet, der Garten lieferte die herrlichsten Gemüse und war mit den wundervollsten Blumen geschmückt, welche Carl und Daniel bei ihren Jagdausflügen aus dem Walde und aus der Prairie mitgebracht hatten; es waren Lorbeerbäume, Magnolien, Maulbeer- und Pflaumenbäume hineingepflanzt, über der Quelle im Fort war ein Milchhaus erbaut und mit Schilf dicht behangen, so daß die Sonne keinen Einfluß auf dessen innere Kühle ausüben konnte, und an den beiden vorderen Ecken des Forts waren die Pallisaden in der Form von Thürmchen vorgebaut worden und Schießöffnungen darin angebracht, so daß man aus ihnen die Wände der Festung beschießen konnte.

An einem kühlen Decembermorgen zeigten sich viele Büffelheerden auf der Prairie und Daniel schlug vor, zu Pferde eine Jagd auf sie zu machen, theils um einige Häute zu bekommen, theils aber auch, um Fleischvorrath einzusalzen und zu räuchern, weil jetzt in der kühlen Jahreszeit dies mit weniger Gefahr vor Verderben geschehen konnte. Carl, der sich schon lange auf eine solche Jagd gefreut hatte, war sofort bereit, die Pferde wurden gesattelt, das Riemenwerk noch genau nachgesehen, über die Jaguarhaut wurde noch besonders ein Gurt geschnallt, und kaum hatte die Sonne ihr neues Licht über die in ihrer Winterflur bunt schimmernde Prairie ausgebreitet, als die Jäger ihre muthigen Rosse den Hügel hinab in das hohe Gras lenkten. Turners standen vor dem Thore und winkten den Reitern noch so lange nach, bis dieselben zwischen den einzelnen Baum- und Gebüschgruppen, die sich wie Inseln hier und dort aus der Prairie erhoben, vor ihren Blicken verschwunden waren.

Turner hatte sich in den Garten begeben, seine Frau und Tochter waren zu ihren häuslichen Arbeiten zurückgekehrt, und die beiden Knaben wollten nach dem Boote gehen, um mit der Angel dort einige Fische zu fangen. Pluto begleitete sie und sie hatten das Ufer noch nicht erreicht, als sie plötzlich ein Thier vor sich im Grase gewahrten, welches die Größe einer Katze hatte und glänzend schwarz und blendend weiß vom Kopf nach dem Hintertheil gestreift war. Die Knaben sprangen darauf zu, um das Thier zu fangen, welches jedoch statt zu fliehen, seinen mit fußlangen weißen Haaren bewachsenen Schwanz über seinen Rücken legte und sich ganz mit demselben bedeckte. Die Knaben wollten das ihnen unbekannte Thier lebendig mit nach Hause nehmen und riefen Pluto zu sich, doch dieser fiel zornig über dasselbe her und wollte es mit den Zähnen erfassen. Das Thier aber biß ihn gewaltig in die Nase, so daß der Hund mit einem Klagelaut zurücksprang, zugleich aber wandte es sich mit seinem Hintertheil nach ihm hin, und spritzte mit seinem Urin eine stinkende Flüssigkeit, welche es in einer Drüse bei sich trägt, über ihn und über die beiden Knaben aus. Ein furchtbarer, Ekel erregender Geruch erfüllte sofort die Luft, der erzürnte Pluto jedoch fiel abermals über das Thier her und biß es todt. Die Knaben eilten von ihm weg, weil sie den Geruch nicht ertragen konnten, Pluto aber, mit dem Thier zwischen den Zähnen, folgte ihnen, und so kamen sie denn sämmtlich bald darauf in der Stube bei Madame Turner an, wo der Hund seine Beute niederlegte.

»Um des Himmels willen, was ist das für ein schrecklicher Geruch, den Ihr mir in das Zimmer bringt?« rief Madame Turner entsetzt aus, denn die Luft im ganzen Hause schien in dem Augenblick verpestet zu sein.

»Es ist das Thier, Mutter, welches so riecht,« riefen die Knaben, nach der Thür springend, um dort frischen Athem zu schöpfen.

»So schafft es mir aus dem Hause, es ist ja fürchterlich, abscheulich, rein um ohnmächtig zu werden!« rief Madame Turner ganz außer sich, indem sie gleichfalls, so wie auch Julie zur Thür hinaus flüchtete. Pluto folgte ihnen mit einem sehr betrübten Gesichte, denn er wurde elend und mußte sich übergeben.

»Das ist ja doch rein zu arg, Ihr Jungen, mir einen solchen Geruch in das Haus zu bringen; gleich holt das abscheuliche Thier heraus,« sagte Madame Turner sehr aufgebracht; doch die Knaben wollten nicht wieder in das Zimmer gehen, weil sie sich schon sehr unwohl fühlten. Madame Turner lief jetzt in das Thürmchen, an dessen Außenseite sich der Garten befand, und rief durch eine Schießscharte ihrem Gatten zu, daß er in das Fort kommen möge. Mit der größten Verwunderung hörte er bei seinem Eintritt, was sich zugetragen hatte, und ging lachend mit den Worten nach dem Hause:

»Ihr seid wohl Alle närrisch geworden!« doch kaum trat er in die Thür, als er selbst vor der Luft, die ihm entgegenkam, zurückprallte. Dann sprang er aber schnell in das Zimmer, ergriff die Feuerzange, faßte damit das schreckliche Thier und schleifte es heraus und aus dem Fort nach dem Ufer, wo er es in den Fluß hinabschleuderte.

»Nein, so Etwas ist mir denn doch auch im Leben noch nicht vorgekommen,« sagte er, als er in das Fort zurückkehrte; »wie bekommen wir nur den Geruch wieder aus dem Zimmer?«

Er ergriff darauf einen Spaten, eilte in das Haus und stach die Erde von dem Fleck, wo das Thier gelegen hatte, denn das Zimmer war noch nicht mit einem Fußboden versehen. Nachdem er dieselbe in den Fluß geworfen hatte, nahm er einige Feuerbrände aus dem Kamin, legte sie in der Mitte der Stube auf die Erde und trug faules Holz darauf, so daß der Raum bald dicht mit Rauch angefüllt war.

Die Thür und Fenster wurden geschlossen, und als man sie nach Verlauf von einer Stunde wieder öffnete und den Rauch hinausziehen ließ, hatte sich auch der Geruch, den das Thier hinterlassen hatte, sehr gemildert.

Während dieser Zeit ritten die beiden Jäger lustig durch die bunten Blumenfelder der Prairie und näherten sich einer großen Büffelheerde, welche in einer Vertiefung weidete. Dort war das Gras außerordentlich hoch, so daß die riesigen Thiere kaum mit dem Rücken aus demselben hervorsahen, und ihre Köpfe tief in ihm vergraben waren. Daniel hatte sie aber schon auf eine weite Entfernung erkannt, und wählte sie vorzugsweise zur Jagd, weil er hoffte, sich ihnen unbemerkt nahen zu können und dadurch den Pferden die Anstrengung zu ersparen, sie in vollem Laufe einholen zu müssen. Andere Heerden, die links und rechts weideten, gewahrten die Reiter frühzeitig und flohen in eiligem Galopp davon.

»Wenn ein recht feister Bulle dabei ist, so wird er bald hinter der Heerde zurückbleiben, da ihm das gewaltige Laufen den Athem nimmt, und dann will ich Ihnen einmal zeigen, wie man einen Büffel ohne Schußwaffe tödten kann,« sagte Daniel zu seinem jungen Freunde.

»Beugen Sie sich auf den Hals Ihres Pferdes nieder, damit wir, ohne gesehen zu werden, so nahe wie möglich an die Heerde gelangen; wir ersparen dadurch unseren Rossen große Anstrengung.«

Carl that wie ihm Daniel rieth, und so kamen sie den sorglosen Büffeln bald sehr nahe, von denen her der frische Wind den Jägern entgegen zog und sie kühlend umwehte.

Die Prairie hob sich hier wellenförmig auf und nieder, und die Reiter suchten immer in der Vertiefung zu bleiben, die sie jetzt in das kleine Thal führte, in welchem die Büffel grasten. Es lagen kaum noch funfzig Schritte zwischen ihnen und den Thieren, da hoben mehrere derselben die finster umlockten Köpfe aus dem Grase empor und schauten verwundert nach den Reitern hin.

»Hurrah!« schrie Daniel jetzt mit seiner gewaltigen Stimme und »Hurrah« ließ auch Carl die seinige mit aller Kraft ertönen, und Beide gaben ihren Rossen Zügel und Sporen. Das ganze Thal ward in dem Augenblicke lebendig, das Gras theilte sich und wogte verworren hin und her, wohl vierhundert Büffel rannten in wilder Bestürzung durcheinander hin, wie Donner erdröhnte die Erde unter ihren Füßen, und eng zusammengedrängt jagten sie in schwerfälligem Galopp der nächsten Höhe zu. Die ganze Heerde, die fliegend über die Grasflur dahineilte, war in der dichten, um sie aufwirbelnden Staubwolke verschwunden, während die Jäger ihr auf den flüchtigen Rossen in Carriere folgten. Die gellenden Jagdrufe der Reiter schienen die Thiere zu immer schnellerer Flucht anzutreiben und ihre Angst zu steigern, die sie durch wildes verworrenes Brüllen zu erkennen gaben. Fort ging es in Sturmeslauf Hügel auf, Hügel ab, über steinige Höhen, durch mannshohes Gras in den Thälern, über umgefallene Baumstämme, durch breite, tiefe ausgetrocknete Wassergräben, ohne Rast, ohne Aufenthalt, umsaust von dem stürmischen Tumult der Jagd, so wie eine Windsbraut über die Erde fliegt. Wohl mehrere Meilen weit jagte die Heerde dem frischen Winde gerade entgegen, so daß derselbe den Jägern die Staubwolke zuwehte, die unter den Füßen der Thiere aufstieg; jetzt aber wandten diese sich mehr zur Seite, und ihre riesigen, von fliegenden Mähnen umwogten dunkeln Körper wurden in dem seitwärts verwehenden Staube wieder sichtbar. Der Anblick der Jäger aber mehrte das Entsetzen der Büffel, ihre Flucht wurde immer rasender und die schwersten, die feistesten unter ihnen begannen, hinter der Heerde zurückzubleiben. Namentlich einem alten Bullen schien der tolle Lauf beschwerlich zu werden, seine Flanken hatten sich mit weißem Schaum bedeckt, keuchend ließ er seine brennend rothe Zunge über den langen Bart seines Unterkiefers herabhängen und mit wuthblitzenden glühend gerötheten Augen blickte er seitwärts nach seinen Verfolgern. Mehr und mehr entfernte sich die Heerde von ihm, und vergebens waren seine Anstrengungen, ihr nahe zu bleiben, sein Lauf wurde immer schwerfälliger, seine Sprünge wurden kürzer, und mit dumpfem zornigen Gebrüll schüttelte er wiederholt die schwarzbraunen glänzenden Mähnen. Dennoch blieb er im Galopp und folgte auf dem niedergetretenen Grase der Spur seiner davoneilenden Kameraden.

Da sprengte Daniel mit gellendem Jagdruf näher zu diesem Büffel heran, er hob sich strack in den Steigbügeln auf, schwang mit der Rechten den gelösten Lasso hoch über sich im Kreise durch die Luft, und schleuderte die Schlinge sausend auf das Gras hinab vor das flüchtige Thier, welches im Sprunge seinen linken Vorderfuß in dieselbe niedersetzte. In derselben Secunde zog Daniel den Lasso zurück, denn er hatte sein Pferd zur Seite gewandt, und die Schlinge zog sich um den Fuß des Büffels fest. Hoch bäumte sich jetzt das plötzlich parirte Pferd des Negers und der Büffel, in seinem Sturmlauf an dem Fuße zurückgehalten, stürzte über Kopf donnernd zu Boden, daß die Erde unter ihm erzitterte. Das ungeheure Thier lag mit emporgestreckten Gliedern auf dem Rücken und mit Blitzesschnelle spornte der Neger sein wild aufgeregtes Roß im Kreise um dasselbe und wand, noch ehe der Büffel sich erheben konnte, das starke lederne Seil um dessen vier Beine.

Mit jedem Kreise, den er um das Thier beschrieb, zog er dessen Glieder fester zusammen, während der Gefangene die Luft mit seinem Gebrüll erfüllte.

Wuthschäumend warf er sich hin und her, und riß und dehnte den Lasso mit seinen Riesenkräften, während er mit den scharfen Hörnern den Boden zerwühlte.

»Wir haben ihn, wir haben ihn!« rief Carl triumphirend aus, und sprengte sein entsetztes Roß näher zu dem gegen seine Fesseln kämpfenden Koloß hinan, als Daniel ihm zurief:

»Zurück, zurück, nehmen Sie sich in Acht, das Seil hat nicht gut gefaßt, er kommt wieder los.« Zugleich ließ er sein Pferd rückwärts schreiten, um den Strick, welcher mit dem Ende an dem Sattelknopf befestigt war, fester anzuziehen; der Büffel aber zuckte und schlug so gewaltig mit seinen Gliedern, daß er das Seil über seine Kniegelenke streifte und plötzlich alle vier Beine aus dem Gewinde befreite. Daniel warf sein Roß zur Seite, um davon zu jagen und so den Büffel abermals an dem gefangenen Fuße niederzureißen; derselbe aber war mit ebenso großer Schnelligkeit aufgesprungen und stürzte jetzt mit entfesselter Wuth seinem Gegner nach. Das Gras war hier ungewöhnlich hoch und hemmte die Flucht des Pferdes, während dieses für den Büffel die Bahn brach und derselbe mit größerer Leichtigkeit folgen konnte. In tollem Laufe sausten sie vorwärts, ohne einander näher zu kommen, oder sich weiter von einander zu entfernen; ein Fehltritt des Rosses aber würde diesem und seinem Reiter sicher einen schnellen Untergang bereitet haben. Kaum gewahrte Carl jedoch die Gefahr, in der sein Freund schwebte, als er dem Falben die Sporen in die Flanken stieß und in fliegender Carriere an die rechte Seite des Büffels sprengte. In gestrecktem Laufe richtete er die Büchse auf die Schulter des wüthenden Thieres und feuerte beide Läufe auf dasselbe ab. Im Augenblick wandte es sich nach seinem neuen Gegner, doch der Sprung zur Seite streckte den Lasso, der seinen Fuß gefangen hielt, und das Pferd des Negers riß den Büffel abermals daran zu Boden. Daniel war darauf vorbereitet und wandte sein Roß geschickt und schnell dem Gefangenen zu, den er nun wieder umkreiste und ihn mit dem Lasso umwand. Diesmal gelang es ihm, die Glieder des Büffels so fest damit zusammenzuschnüren, daß dessen Anstrengungen dagegen erfolglos blieben und derselbe sich bald in sein Schicksal ergab. Seine Kräfte nahmen auch rasch ab, denn die beiden Schüsse Carls waren tödtlich und ließen das Thier sich schnell verbluten.

»Das hätte bös für mich ausfallen können,« sagte Daniel, indem er vom Pferde sprang und demselben die Vorderfüße zusammenband; »es war ein Uebermuth von mir, denn wir hätten ja den Büffel mit halb so vieler Mühe erschießen können; ich wollte Ihnen aber doch zeigen, daß man auch ohne Schußwaffen ein solches riesiges Thier erlegen kann. Sie haben mir in der That das Leben gerettet; denn hätte mein Pferd auf den Lasso getreten, so mußte es mit mir zusammenstürzen und dann würde dies wohl meine letzte Büffeljagd gewesen sein. Ich versuchte, den Lasso von dem Sattelknopf zu lösen, konnte aber den Knoten während des Jagens nicht öffnen. Nun wollen wir eine Fahne über dem alten Burschen aufrichten und schnell nach Hause reiten, um sein Fleisch zu holen; er ist unglaublich feist.«

Hiermit sprang der Neger nach einem nahestehenden Mosquitobaum, hieb mit dem Jagdmesser einen langen Ast davon ab, band an dessen Spitze ein rothes seidenes Halstuch, welches er zu diesem Zwecke mitgebracht hatte, und pflanzte die Fahne über dem Büffel auf, so daß der kräftige Wind sie flatternd über demselben entfaltete. Carl hatte während dieser Zeit seine Büchse wieder geladen, und nun bestiegen die Jäger abermals ihre Rosse und lenkten sie eilig nach dem Fort zurück, wo sie noch vor Tisch anlangten.

»Hallo – hier ist eine Poolkatze gewesen!« rief Daniel, als sie das Thor der Festung erreichten, wo ihnen der immer noch starke Geruch des durch Pluto getödteten Thieres entgegenkam. Auch in dem Hause war derselbe noch nicht ganz beseitigt, und Daniel unterrichtete nun seine Freunde, daß das Thier eine Poolkatze oder Stinkthier gewesen sei, eine Art Iltis, welcher sich gegen seine Feinde durch Ausspritzen des stinkenden Saftes vertheidige.

Das Mittagsessen wurde nun schnell eingenommen und darauf der leichte Wagen bespannt, um das Fleisch des erlegten Büffels herbeizuschaffen. Carl fuhr, und Daniel folgte ihm zu Pferde. Bald sahen sie die rothe Fahne im Winde flattern, und über ihr viele hunderte von Geiern die Luft durchschwärmen, die sich nicht in die Nähe des rothen Tuches wagten. Als sich die Jäger näherten, ergriffen auch viele Wölfe die Flucht, die sich in einiger Entfernung um den Büffel gesammelt hatten, aber gleichfalls durch das wehende Tuch von ihm zurückgehalten worden waren.

Daniel band sein Pferd an den Wagen und beeilte sich nun, mit Carls Hülfe dem Büffel die prächtige Haut abzunehmen. Dann wurde derselbe ausgeweidet, in Stücke gehauen und dieselben auf den Wagen gehoben. Das Fleisch war ganz mit goldgelben Fettadern durchwachsen und Daniel erklärte, daß man nur selten einem so außerordentlich feisten Büffel begegne. Kaum hatten sich die Jäger einige hundert Schritte von den zurückgelassenen Ueberresten des Thieres entfernt, als die Geier sich zu Hunderten aus der Luft herabschwangen und sich auf dieselben niederließen. Die Fahrt ging des sehr hohen Grases wegen nur langsam von Statten und nicht in gerader Richtung nach dem Fort zurück, weil Carl sich auf den Höhen zu halten suchte, wo das Gras weniger hoch war. Sie naheten sich einer der Waldinseln, die hier in der Prairie zerstreut lagen, als Daniel, der etwas seitwärts vom Wagen ritt, plötzlich sein Pferd diesem zulenkte und zu Carl sagte: »Halten Sie an, dort hinter der Insel stehen mehrere Büffel, denen Sie sich mit leichter Mühe auf Schußweite nähern können. Die schöne Haut, welche wir im Wagen haben, möchte ich nicht gern zu einem Lasso zerschneiden, es wäre schade dafür. Schießen Sie einen von jenen Büffeln, damit wir noch eine Haut bekommen. Schnell, eilen Sie in das Holz, ich will bei den Pferden bleiben.«

Hiermit stieg der Neger ab und führte sein Roß zu den Wagenpferden, während Carl von seinem Sitze sprang und eilig durch das hohe Gras der Waldinsel zulief. Dieselbe bestand aus hohen prächtigen Eichen, Tulpenbäumen, Platanen und Ahornen, deren Stämme sich aus üppigem dichten Gebüsch erhoben, während das ganze Wäldchen nur einige hundert Schritte im Umfang maß. Carl hatte bald das Dickicht erreicht, und schlich sich vorsichtig durch dessen tiefes Dunkel der andern Seite zu. Es lag viel trockenes Reisig auf dem Boden, auf welches zu treten er sorgfältig vermied, um sein Nahen den Büffeln nicht zu verrathen, und je näher er dem Waldsaume kam, um so behutsamer setzte er den Fuß an die Erde. Bald aber gelangte er hinter den letzten Büschen an den Stamm einer alten Eiche, und blickte neben ihm hinaus in die Prairie. Ein freudiger Schreck durchzuckte ihn, denn nur wenige Schritte vor ihm standen fünf kolossale männliche Büffel in dem hohen Grase und schauten regungslos in das Dickicht. Sie mußten doch Etwas gehört haben, welches ihnen verdächtig schien, denn sie verwandten keinen Blick von der Richtung, in welcher Carl stand. Dieser aber war durch die Eiche verdeckt und hob mit der größten Vorsicht die Büchse an die Schulter; dann beugte er sich langsam auf die Seite des Stammes und richtete den Lauf auf eines der riesigen Thiere. Die große Nähe desselben erfüllte ihn mit einem unheimlichen Gefühl, er kam sich selbst so klein, so winzig gegen dieses Ungeheuer vor, und er dachte daran, daß ein Fußtritt desselben ihn zermalmen würde. Es war aber nur ein Augenblick des Bangens, dann gab er Feuer. Der Donner der Büchse und das Getöse, mit welchem die Büffel in das Dickicht hereinstürzten, betäubten Carl, er drückte sich fest hinter den Eichenstamm und fühlte denselben erbeben, als die Riesenthiere an ihm vorüberschossen und im Dunkel des Wäldchens verschwanden. Er hörte ihre dröhnenden Schritte weithin verhallen, zugleich aber vernahm er in dem Dickicht ein Rauschen und Schlagen und Brechen, welches auf ein und demselben Platze ertönte. Carls Herz schlug hoch vor Freude, denn dies Getöse mußte von dem verwundeten Büffel verursacht werden. Er wollte schon in das Dickicht hineinspringen, da fiel ihm der Jaguar ein und die Gefahr, in welche er damals gerathen war. Er eilte nun hinaus in die Prairie und um die Waldinsel, bis er Daniels ansichtig wurde, der ihm schon mit dem Wagen entgegen kam und ihm zurief: »Haben Sie einen geschossen?«

»Wie viele Büffel hast Du fortrennen sehen?« fragte ihn Carl.

»Vier Stück,« entgegnete der Neger.

»So habe ich einen erlegt, denn es waren ihrer fünf und ich hörte es eben noch im Walde schlagen. Wollen wir hineingehen?«

»Lassen Sie mich dies thun und bleiben Sie bei den Pferden; ein angeschossener Büffel ist ein gefährlicher Gesellschafter.«

Carl trat nun zu den Pferden und Daniel schlich sich mit der Büchse in der Hand in das Dickicht hinein. Nach wenigen Augenblicken aber rief er jubelnd aus: »Hier liegt er mausetodt, Sie haben ihn durch das Herz geschossen.«

Gleich darauf trat der Neger wieder aus den Büschen hervor, band die Zügel der Pferde an einen Baum und begab sich dann mit seinem jungen Freunde zu dem erlegten Büffel, um sich der Haut desselben gleichfalls zu bemächtigen. Außer dieser wurden noch die besten Stücke Fleisch, die Zunge und die Markknochen von dem Thiere auf den Wagen gebracht, und dann setzten die mit reicher Beute versehenen Jäger ihren Heimweg fort. Die Sonne war schon im Scheiden, als sie das Fort erreichten und dort freudig bewillkommnet wurden.

Am folgenden Morgen gab es nun viele Arbeit im Fort. Turner und dessen Frau und Tochter zerlegten das Fleisch und salzten es ein, einen Theil davon aber hingen sie, in dünne Scheiben zerschnitten, auf Stöcken über ein stark rauchendes Kohlenfeuer, wo auch die Sonnenstrahlen darauf einwirken konnten, um es schnell zu trocknen. Daniel und Carl nahmen die beiden Büffelhäute vor und reinigten sie mit dem Ziehmesser von allen Fleischtheilen, welche noch an der Haut saßen; dann bestrichen sie die schönste derselben mit dem Gehirn der beiden Büffel und falteten sie zusammen, um sie am folgenden Tage zu gerben; die zweite Haut aber legte Daniel mit dem Haar nach unten auf einen ganz ebenen Platz, und nagelte sie auseinandergespannt mit hölzernen Pflöcken auf die Erde fest. Dann stach er sein sehr scharfes Messer in die Mitte derselben ein, drehte es in einen kleinen Halbzirkel, so daß er die Haut hier fassen konnte, und begann nun einen zollbreiten Streifen aus derselben zu schneiden, indem er ihn mit der linken Hand an sich zog und ihn im Kreise immer weiter aus der Haut löste, bis er endlich die Holzpflöcke erreichte und das ganze Fell in einen, mehrere hundert Fuß langen Streifen zerschnitten war. Dieses Band wurde nun zwischen einzelnstehenden Bäumen von einem Stamme zum andern ausgespannt und die Haare davon mit scharfen Messern abgeschabt. Außer Carl mußten Arnold und Wilhelm dem Neger bei dieser Arbeit behülflich sein, und nachdem sie sauber vollendet war, wurden schwere Holzstücke an den Hautstreifen gehangen, damit derselbe sich so lang als möglich ausdehne. Dabei wurde er naß erhalten und am folgenden Morgen in fünf gleich lange Stücke zerschnitten. Dieselben rollte Daniel zu Knäueln auf, band deren Enden zusammen und hing sie an den Ast eines Baumes. Nun begann er, diese fünf Streifen fest zusammen zu flechten, so daß er einen Strick daraus bereitete, der über vierzig Fuß lang war. Denselben spannte er abermals zwischen zwei Bäumen aus, rieb ihn tüchtig mit Bäröl ein und hing schwere Gewichte daran, um ihn möglichst auszudehnen, wodurch er dünn und rund wurde und die einzelnen Streifen sich fest ineinander zogen. Nachdem dieses Lederseil mehrere Tage so ausgespannt und vollkommen getrocknet war, verflocht Daniel das eine Ende desselben zu einer Schlinge, wodurch der Lasso fertig wurde. Er war sehr glatt und geschmeidig und von außerordentlicher Stärke. Die andere Büffelhaut hatte Daniel gegerbt, sie war weich und zart, wie ein Tuch, und gab für Carl eine prächtige Bettdecke.

Eines Morgens beim Frühstück, als Madame Turner das Gefäß mit Honig auf den Tisch setzte, welchen sie zum Versüßen des Kaffee's von Warwicks erhalten hatte, sagte sie: »Hier ist aber der letzte Honig, wir müßten einmal versuchen, ob wir nicht von Warwicks welchen kaufen könnten.«

»Honig kaufen?« rief Daniel lachend, »das wäre schön – wir wohnen ja in dem Lande, wo Honig fließt. Nein, Madame Turner, Sie brauchen deshalb nicht zu Warwicks zu schicken, ich will Ihnen sogleich so viel holen, wie Sie bedürfen. Geben Sie uns nur einige Eimer, und in ein paar Stunden sollen dieselben mit Honig gefüllt sein.«

Madame Turner hielt Daniel beim Wort, und nach dem Frühstück nahm er die drei Knaben mit sich nach dem Ufer des Flusses, wo dasselbe sich sandig abflachte. Dort setzte er sich nieder und hielt seinen Blick auf den Wasserrand geheftet. Nach wenigen Minuten schon kamen mehrere Bienen geflogen und ließen sich zum Trinken an dem Wasser nieder. Als sie sich wieder in die Luft erhoben, folgte Daniel ihnen mit dem Blick, so weit er sie sehen konnte, ging dann bis dorthin und steckte einen Stock in die Erde, auf welchem er ein mit Honig bestrichenes Papier befestigt hatte. Nach kurzer Zeit fielen mehrere Bienen auf dasselbe nieder und beluden sich schnell mit der Süßigkeit. Als sie nun wieder davon flogen, folgte ihnen Daniel abermals mit dem Stock und pflanzte denselben da auf, wo er sie zuletzt gesehen hatte. So ging es nun wohl eine Viertelstunde weit am Waldsaume hin, bis die Bienen, deren Zahl sich schnell vermehrt hatte, sich von dem Papier nach einer alten Platane wandten, die an dem äußersten Ende des Waldes stand.

»Dort in jenem Baume wird wohl ihre Wohnung sein,« sagte Daniel, indem er nach der Platane ging und deren Aeste betrachtete.

»Richtig, da oben sind sie,« rief er den Knaben zu, »sehen Sie den schwarzen Fleck an jenem starken Aste? Das sind die Bienen vor dem Eingange ihres Baues. Carl, zünden Sie ein tüchtiges Feuer hier an, ich will mich auf den Baum machen und den Ast abhauen.«

Der Neger warf nun den Lasso über einen der Aeste des ungeheuren Baumes, so daß die beiden Enden an dem Stamme herunterhingen, befestigte sie um denselben und kletterte nun an dem Seile hinauf. Dann ließ er eine Leine von oben herab, an welche die Knaben die Holzaxt binden mußten, die er daran zu sich heraufzog. Nun stieg er nahe zu dem Aste hin, in welchem die Bienen hausten, und begann ihn dicht am Stamme abzuhauen. Es war keine leichte Arbeit, denn der Ast hatte über drei Fuß im Durchmesser und der Stand des Negers war unbequem, so daß dieser sich oftmals ruhen mußte; dennoch begann nach einer Stunde der Ast sich zu neigen und stürzte plötzlich mit lautem Krachen zur Erde nieder. Er zerbrach im Falle in mehrere Stücke, und die Aushöhlung, in welcher der Honig sich befand, war geöffnet. Die Bienen wirbelten sich, wie eine schwarze Wolke über ihrer zertrümmerten Wohnung auf, und Daniel rief den Knaben zu, beim Feuer zu bleiben, bis er hinabgestiegen sei. Er ließ sich nun wieder an dem Lasso zur Erde nieder, eilte zum Feuer und ergriff einige Feuerbrände. Die Knaben mußten desgleichen thun, und nun trugen sie die rauchenden Stücke Holz zu dem zerbrochenen Aste, unbekümmert um die Bienen, die denselben dicht umschwärmten. Der starke Rauch vertrieb die erzürnten Thiere schnell, und ihre Räuber begannen nun, mit den Messern die Wachszellen aus der Höhlung des Astes zu schneiden und die mitgebrachten Gefäße damit zu füllen. Der Honig war so hell, wie Wasser, und von so köstlichem gewürzigen Geschmack, daß die vier Bienenjäger sich während der Arbeit nach Herzenslust daran labten. Sie hatten vier Eimer damit gefüllt und traten schwer beladen ihren Rückweg nach dem Fort an, wo Madame Turner durch den herrlichen Honig freudig von ihnen überrascht wurde.

»An Honig soll es nie fehlen, denn ich will mich verbindlich machen, in ganz kurzer Zeit über hundert Bienenstöcke aufzufinden,« sagte Daniel, erfreut, seinen Freunden sich abermals nützlich erwiesen zu haben. »Es wäre aber schade, wenn wir uns die Bienen entgehen lassen wollten, denn es ist ein kräftiger junger Schwarm; wir wollen sie heute Abend einfangen und hier beim Fort aufstellen.«

Um dies auszuführen, wurde im Walde ein Stück von einem umgefallenen hohlen Baume abgeschnitten und mit den Ochsen nach dem Fort geschleift. Dort wurde es mit der unteren Oeffnung auf ein Brett gestellt, die obere mit einem solchen vernagelt und ein Eingang an dem untern Rande eingeschnitten. Als nun der Abend kam, begaben sich die Bienenjäger wieder nach dem abgehauenen Aste, wo sie die Bienen auf einen Haufen versammelt fanden. Daniel schüttete sie in einen Sack, trug sie nach dem Fort, und schüttelte sie dort in den hohlen Baumstumpf hinein, der dann wieder auf das Brett gestellt wurde. Schon am folgenden Morgen fingen die Bienen an zu arbeiten, und ihre neue Wohnung mit Zellen zu versehen.

Alles gedieh unter der Arbeit und der Sorge der fleißigen Ansiedler; der Garten lieferte ihnen ununterbrochen einen Ueberfluß an herrlichen Gemüsen und Früchten; die köstlichsten Melonen kamen trotz der Winterzeit zur Reife, sehr schmackhafte Kürbisse wurden geerntet und andere wegen ihrer äußern Schale gezogen, die zu Gefäßen aller Art benutzt wurden, und süße Kartoffeln und Erdnüsse wuchsen in Menge. Auch der Viehstand hatte sich vermehrt, es waren mehrere Kälber geboren, die Sau hatte acht niedliche Ferkel zur Welt gebracht und die Hühner waren kaum noch zu zählen. Diese wurden gänzlich sich selbst überlassen, sie schliefen während der Nacht in den nächststehenden Bäumen, brüteten in den Büschen ihre Eier aus, und führten dann ihre Kleinen nach dem Fort, wo eine solche Schaar jungen Anwuchses immer freudig begrüßt wurde.

Das Rauchhaus war mit Fleisch gefüllt, die durch Daniel und Carl verfertigten Bütten mit Salzfleisch versehen, ein großer Vorrath von Heu war im Fort aufgestapelt, und eine zweite Ladung Mais war vom Choctawbache herbeigeschafft worden. Die Familie Warwicks hatte Turners wiederholt besucht, und alle deren Mitglieder freuten sich innig über das segensreiche Gedeihen der Ansiedelung. Warwick war jederzeit eine Gelegenheit willkommen, wo er Turners gefällig oder dienlich sein konnte, und er brachte ihnen bei seinen Besuchen immer irgend ein nützliches Geschenk mit. So hatte er ihnen einen Beutel voll Pfirsich-, Pflaumen- und Aprikosenkerne geschenkt, um sie zu pflanzen, da in diesem Lande aus den Kernen die vortrefflichsten Obstbäume gezogen werden, und meist schon im vierten Jahre Früchte tragen. Auch hatte er bei seinem letzten Besuche vier ausgewachsene junge Hunde mitgebracht, damit dieselben helfen sollten, das Fort zu bewachen.

Bei dieser Gelegenheit sprach er auch sein großes Erstaunen darüber aus, daß Turners so ganz und gar von den Feindseligkeiten der Indianer verschont geblieben waren, und erklärte, daß dies zu den wirklich ungewöhnlichen Ausnahmen gehöre. Er hoffte und wünschte, daß diese Ruhe nicht diejenige sein möge, welche einem schweren Sturme voranzugehen pflege, und rieth besonders unausgesetzte Vorsicht an.

Die Weihnachten naheten und Madame Turner konnte nicht umhin, auch hier Vorbereitungen für das Begehen des Festes zu treffen, wie sie so oft frohen Herzens in dem alten theuren unvergeßlichen Deutschland gethan hatte.

Es wurden aus dem Wachs der wilden Bienen kleine Kerzen bereitet, es wurden Honigkuchen gebacken, zu welchem Zwecke von Warwicks ein Fäßchen Weizenmehl gekauft worden war, Nüsse, und zwar die allerherrlichsten, hatte der Wald geliefert, nur der Tannenbaum, wie er in Deutschland das Weihnachtsfest zierte, war hier nicht zu finden. Statt seiner schaffte aber Daniel einen schönen Cederbaum an, und stellte ihn am Weihnachtsabend in einem der Häuser auf. Der Neger, der noch nie dies Fest hatte begehen sehen, der aber so viel durch die Kinder darüber erfahren hatte, freute sich selbst wie ein Kind darauf, und konnte kaum den Abend erwarten, bis er die Lichter an dem Baume brennen sehen würde.

Die Nacht brach herein und Alle, bis auf Madame Turner, hatten sich in dem Wohnzimmer versammelt, während diese in der Stube bei dem Baume beschäftigt war. Endlich ertönte die Schelle, die Thür in dem andern Hause öffnete sich, der helle Kerzenschein drang aus ihr hervor, und die Kinder stürmten mit ihrem Freunde Daniel, und von Turner gefolgt, in das blendend erleuchtete Gemach. Da hob sich der geschmückte Baum im prächtigen Lichterglanz, Kisten mit bunten Tüchern überdeckt, vertraten die Stelle der Tische, und auf ihnen lagen Geschenke für alle Anwesenden und standen Teller mit allerlei Backwerk und Nüssen.

Dabei war das Zimmer mit blendend weißen Leinentüchern behangen und mit frischem immergrünen Laub geziert, und neben dem Kamin, in welchem ein lustiges Feuer flackerte, stand auf einem improvisirten Tische ein großer Suppennapf mit dampfendem Punsch, wozu Warwicks gleichfalls die Ingredienzen geliefert hatten. Die Freude, der Jubel Aller war groß, der Neger aber schien am Tiefsten ergriffen.

Er stand verwundert und sprachlos da, und wußte nicht, wohin er seine Blicke wenden sollte, bis Madame Turner ihn freudig bei der Hand ergriff und ihn zu dem Tische führte, auf welchem seine Geschenke lagen. Sie hatte für ihn, so wie für Carl, eine Weste aus Hirschleder gearbeitet und schön mit bunter Seide gestickt, Turner hatte sich vom Choctawbache her eine Pfeife und Taback für ihn verschafft und außerdem ihn mit Baumwollenzeug zu einem ganzen Anzug beschenkt. Die dankbare Rührung des Negers überwältigte ihn vollständig, bebend küßte er Allen die Hände, und Thränen der Freude netzten seine schwarzen Wangen. Carl fand auf seinem Tische eine goldene Uhr, welche Turner für ihn aus Deutschland mitgebracht hatte, und eine Menge kleiner Handarbeiten von seiner Tante und von Julie prangte daneben im hellen Lichtscheine.

Arnold und Wilhelm waren von ihrer Mutter mit ledernen Jacken beschenkt, die sie aus den Häuten von Hirschen verfertigt hatte, welche durch die Knaben selbst erlegt worden waren.

Wenn nun auch Manches fehlte, was in Deutschland dazu beigetragen hatte, die Feierlichkeit und den Glanz des Weihnachtsfestes zu erhöhen, so war die Heiterkeit und das Glück der Ansiedler deswegen nicht weniger groß, und mit wonnig bewegten Herzen gaben sie sich der Freude hin, die ihnen der heilige Abend bot.

Er verstrich in sorgloser Fröhlichkeit, und Mitternacht mahnte daran, daß es Zeit sei, sich zur Ruhe zu begeben, als die Hunde außerhalb des Forts plötzlich ein wüthendes Gebell anstimmten. Sie waren durch die, für sie angelegten kleinen Oeffnungen in den Pallisaden hinaus gerannt, und schienen im Anfang ganz in der Nähe der Festung irgend einen Feind vor sich zu haben, bald aber entfernte sich der Lärm in der Richtung nach dem Pflaumenbache hin, wo er zuletzt verhallte.

Turner, Daniel und die Knaben hatten eilig zu ihren Waffen gegriffen, und sich damit in dem Hofe aufgestellt.

Sie hefteten ihre Blicke gegen den nächtlichen Himmel auf die Spitzen der Pallisaden, um etwaigen Feinden das Uebersteigen zu wehren, und lauschten dabei auf jeden Ton nahe und fern. Bald aber kamen die Hunde sämmtlich zurück in das Fort und gaben dessen Bewohnern durch ihre Rückkehr die beruhigende Ueberzeugung, daß kein Feind sich mehr in der Nähe befinde. Daniel bat seine Freunde dringend, sich zur Ruhe zu begeben, er selbst wolle während dem Rest der Nacht im Hofe wachen, wobei Carl es sich nicht nehmen lassen wollte, ihm Gesellschaft zu leisten.

Turners dankten ihm für seine Liebe, seine Fürsorge und gingen dann beruhigt nach ihren Lagern, worauf Daniel die vier, von Warwick erhaltenen Hunde aus dem Fort schickte, Pluto aber bei sich behielt. Dann setzte er sich mit Carl auf die Bank vor dem Hause, von wo er die Pallisaden übersehen konnte, und erzählte seinem jungen Freunde von den vielen blutigen Fehden, die er unter den Indianern mitgefochten hatte. Die Nacht verstrich aber ohne alle Störung, und als der Tag kam, und Turner wieder im Hofe erschien, ging der Neger mit Carl aus dem Fort, um sich davon zu überzeugen, was die Ursache der nächtlichen Störung gewesen sei. Er suchte um den Fuß des Hügels in dem bethauten Gras, und erkannte bald an den niedergebeugten und zerknickten Halmen die Spur der Hunde, wo sie ihren Feind verfolgt hatten. Die Fährte des Feindes selbst konnte er in dem Grase nicht unterscheiden, er ging aber der Spur bis in den Wald am Pflaumenbach nach. Dort wandte sich dieselbe am Holze hin und auf dem ersten Büffelpfad in dasselbe hinein. Hier blieb Daniel stehen, gab Carl seine Büchse zu tragen, und legte sich nun auf die Kniee nieder, um die staubige Erde auf dem Wege zu untersuchen. Er war nur eine kurze Entfernung auf demselben hingekrochen, als er Carl zu sich rief, und ihm den kaum sichtbaren Abdruck eines menschlichen Fußes in dem leichten Staube zeigte.

»Es sind Waco- oder Tonkoway-Indianer gewesen, man kann es deutlich an der Schärfe der dicken harten Sohlen unter ihren Mokassins erkennen,« sagte er.

»Diese beiden Stämme sind sogenannte Fußindianer, und zwar die einzigen, welche diese südlichen Länder bewohnen, während alle übrigen Stämme Pferdeindianer sind, das heißt, Indianer, welche ihre Jagd- und Kriegszüge zu Pferde machen und stets große Heerden dieser Thiere auf ihren Wanderungen mit sich führen.

Die Pferdeindianer sind Jahr aus Jahr ein auf der Reise, sie leben ausschließlich von der Jagd, ziehen im Frühling weit nach Norden in die großen endlosen Prairien, den unzähligen Büffelheerden nach, und kehren im Herbst wieder nach Süden zurück, wo die Weiden nie aufhören zu grünen. Diese Fußindianer dagegen verlassen diese Gegend nicht, und schleichen wie Schlangen in den Wäldern und Büschen umher, weil sie mit den Pferdeindianern in ewigem Kriege leben, und von ihnen ebenso sehr gehaßt und verfolgt werden, wie von den weißen Grenzansiedlern.

Sie sind sämmtlich mit Feuerwaffen versehen, während die anderen Wilden dieser Länder keine solche besitzen, und darum sind sie auch viel gefährlicher, als diese. Wir müssen jetzt sehr auf unsrer Hut sein, denn dies ist sicher nicht ihr letzter Besuch bei uns gewesen.«

Der Neger zeigte seinem Gefährten nun die Spur noch weiter auf dem Pfade hin, um ihn dadurch zu unterrichten, und dann begaben sie sich nach dem Fort zurück, um noch einige Vorsichtsmaßregeln gegen solche nächtliche ungebetene Gäste zu treffen.

Dort angelangt, verfertigte Daniel aus dem Bandeisen, womit die Kisten Turners benagelt gewesen waren, zwei weitläufige Geflechte in der Form von Körben, welche dazu dienen sollten, Kienspäne darin anzuzünden und die Umgebung des Forts bei Nacht schnell zu beleuchten. Er errichtete nun in jeder der beiden vorderen Ecken der Pallisadenwand aus leichten Baumstämmen hohe Galgen, und befestigte an die Spitze von deren Armen eine Rolle. Durch diese zog er eine eiserne Kette, an deren Ende er einen der Körbe anhing, so daß man denselben daran aufziehen konnte, bis er mehrere Fuß hoch über den Pallisaden in der Luft hing. Auf diese Weise wollte der Neger bei einer nächtlichen Störung die ganze Umgebung des Forts hell erleuchten, damit man durch die Schießscharten den Feind erkennen und nach ihm feuern könne. Die Vorrichtung war außerordentlich einfach und sehr bald ausgeführt, und auch noch ein tüchtiger Vorrath von Kienspänen herbeigeholt.

Diese neue Erinnerung an die Gefahr, in welcher Turners lebten, hatte ihre Besorgniß wieder frisch angefacht, mit Bangen sahen sie den Abend nahen und fuhren bei dem leichtesten Gebell der Hunde zusammen. Die Pferde wurden mit Sonnenuntergang schon aus dem Grase geholt, getränkt und in das Fort geführt, dann das Thor desselben geschlossen, und die vier neuen Hunde hinausgelassen und ausgesperrt. Die Schrotflinten waren sämmtlich für eine etwaige Vertheidigung der Festung mit Röllern geladen, und alle übrigen Waffen zum schnellen Gebrauch in Bereitschaft gesetzt.

Mehrere Wochen eilten aber wieder dahin, ohne daß von Indianern Etwas gesehen worden wäre, und die Besorgniß der Ansiedler nahm abermals nach und nach in der Gewöhnung an die Gefahr ab. Die Zeit war gekommen, daß das Feld mit Mais bestellt werden mußte, bei welcher Arbeit abwechselnd bald Turner, bald Carl dem Neger behülflich war, Einer von ihnen aber immer in dem Fort zurückblieb.

Während das Feld nun nochmals gepflügt und dann besäet wurde, mußten die Hunde dessen Umgebung bewachen, zu welchem Zwecke Daniel sie auf allen vier Seiten desselben ankettete.

Auch diese Arbeit wurde ohne alle Störung ausgeführt, und nach wenigen Wochen zeigte der Mais sich in frisch grünen Reihen über dem Felde. Die Freude der Colonisten über diese üppig aufschießende Hoffnung für die erste Ernte war groß, und mit Leidwesen zogen sie auf das Anrathen Daniels die vielen überflüssigen Pflanzen aus den schönen Reihen, obgleich der Neger ihnen erklärte, daß an einer geringern Zahl derselben bedeutend mehr und besserer Mais wachsen würde. Bei dieser Arbeit halfen auch Arnold und Wilhelm, so wie sie sich auch fleißig dabei betheiligten, als mit der Hacke die Erde um die Pflanzen aufgehäuft wurde. Von dem Hügel aus konnte man nach dem Felde hinsehen, und sobald das Fort am frühen Morgen geöffnet wurde, erfreuten sich die Bewohner desselben an dem hellgrünen Schein, womit der Mais zu ihnen herüberglänzte. Man mag sich nun den Schrecken der Ansiedler denken, als sie eines Morgens aus der Festung traten und sahen, daß das Feld, so wie die ganze Grasfläche vom Fuße des Hügels an bis in die Ecke am Pflaumenbach, sich in einen See verwandelt hatte. Carl war der Erste, der die Ueberschwemmung gewahrte, und auf seinen Ruf kamen alle Uebrigen herausgeeilt, um eben so traurig überrascht zu werden.