»Lassen Sie sie nahe herankommen und schießen Sie dann dicht hinter das Schulterblatt, aber sehr tief nach unten, sonst fällt der Büffel nicht,« sagte der Neger leise, indem er sich nahe an Carl drückte. »Nehmen Sie sich die Zeit, schießen Sie ruhig und werfen Sie sich nach dem Schuß in das Gras, damit die Büffel Sie nicht sehen – da kommen sie.«

Bei diesen Worten spannte Daniel gleichfalls seine Doppelbüchse und Carl hob sich vorsichtig aus dem Grase empor. Als sein Blick über dasselbe hinstrich, stand eine schwere, schwarze Riesengestalt auf vierzig Schritte vor ihm, die sich wie ein Berg von dem glühend rothen Abendhimmel abzeichnete. Es war ein kolossaler männlicher Büffel, der seiner Heerde in einiger Entfernung voranging. Er war stehen geblieben und schüttelte seinen schwer umlockten ungeheuren Kopf, wobei die langen Mähnen, die sein ganzes Vordertheil bis hinter die Schultern bedeckten, ihn wild umwogten. Dann blickte er sich nach der Heerde um, die wie eine schwarze Masse langsam herangezogen kam.

»Lassen Sie ihn näher kommen, junger Herr,« flüsterte Daniel, denn er sah, daß die Aufregung es Carl unmöglich machte, die Büchse ruhig zu halten.

Der Büffel schritt wieder vorwärts und blieb auf zwanzig Schritte von den Jägern entfernt abermals stehen. Carl hob die Büchse wieder empor, doch Daniel sagte kaum hörbar: »Noch nicht, warten Sie, bis er zur Seite tritt.«

Carl hatte seinen Hut abgeworfen, um sich nicht durch denselben dem Thiere zu verrathen, und er wagte kaum, nach diesem durch die Grashalme hinzublicken. Jetzt wandte sich aber der Büffel mit einem dumpfen Brummen etwas seitwärts und gab Carl seine ganze Schulter preis. Im Augenblick hatte dieser die Büchse am Kopf. »Schießen Sie nicht zu hoch,« flüsterte der Neger. Das Feuer flog aus dem Rohre, der Büffel bäumte sich mit lautem Wuthgebrüll und stürzte dann vorwärts, bis er wenige Schritte vor den Jägern zusammenbrach. Die Heerde aber stürmte zu ihrem gefallenen Führer heran und würde die beiden Schützen unfehlbar unter ihren Füßen zermalmt haben, wäre Daniel nicht aufgesprungen und ihr mit einem Zetergeschrei entgegengerannt, indem er seinen Hut hoch über sich durch die Luft schwang. Links und rechts stoben jetzt die kolossalen Thiere in wilder Flucht auseinander und suchten das Weite, während der verwundete Büffel sich wieder auf seine Vorderfüße erhoben hatte, seinen wüthenden Blick auf Daniel richtete, und Anstrengungen machte, ganz aufzustehen. In diesem Augenblick krachten aber die Büchsen der beiden Jäger zugleich, und, durchs Herz geschossen, sank der Büffel todt zur Erde nieder.

Der Jubel Carls war groß, als er das ungeheure Thier hingestreckt vor sich liegen sah.

»Sie haben ihn sehr gut getroffen, junger Herr; Ihre erste Kugel würde ihn schon nach kurzer Zeit getödtet haben, doch es war besser, daß wir ihm noch Eins gaben. Ihr zweiter Schuß ist ihm durchs Herz gegangen,« rief Daniel freudig, indem er sein Messer aus der Scheide zog. »Das heißt, wenn es Dein Schuß nicht war, der ihn ins Herz getroffen hat,« entgegnete Carl lachend. »Nein, wirklich, junger Herr, ich habe etwas zu weit nach hinten geschossen; sehen Sie, dies ist meine Kugel,« sagte der Neger, indem er auf eine blutige Wunde zeigte, welche auf den Rippen des Thieres saß; denn er wollte Carl die Freude lassen, daß er allein den Büffel erlegt habe. Er schnitt nun schnell dem Thiere die Zunge unter der Kinnlade heraus, da seine und Carls Kräfte nicht hinreichten, demselben das Maul zu öffnen, spaltete dann die Haut auf dem Höcker, welcher sich über den Schultern des Büffels erhob, und löste ihn von dem Rücken ab.

»Dies ist das beste Stück am ganzen Thiere, sehen Sie nur, wie es mit Fett durchwachsen ist,« sagte Daniel, indem er dasselbe und die Zunge mit einem Seil zusammenband und über die Schulter hing.

»Was sollen wir denn aber mit dem übrigen Fleische anfangen?« fragte Carl.

»Wir überlassen es den Wölfen zum Abendbrod, Sie werden hören, welche Musik sie dabei anstimmen; bis morgen früh ist Nichts mehr vom Büffel übrig, als die Knochen,« entgegnete Daniel.

»Das ist ja aber schade, das viele, gute Fleisch,« bemerkte Carl.

»Ja freilich, wir können es aber doch nicht mitnehmen,« entgegnete Daniel und schritt nun eilig voran, auf kürzestem Wege den Lagerplatz zu erreichen. Der letzte Tagesschimmer war verschwunden, und das Mondlicht zeigte den Jägern die Richtung, die sie zu nehmen hatten. Schon von Weitem sahen sie den Schein des Lagerfeuers, wie es sich auf der hohen, dunkelgrünen Wand des Urwaldes spiegelte, und als sie näher herangeschritten kamen, rief Turner ihnen freudig entgegen: »Nun, Carl, hast Du einen Hirsch geschossen?«

»Einen Büffel, einen ungeheuren Büffel, Onkel, noch einmal so groß wie unsere Stiere,« antwortete Carl überglücklich.

»Ei, was Tausend, wirklich, einen Büffel? den muß ich mir doch morgen früh auch einmal betrachten,« sagte Turner.

»Das wird wohl nicht möglich werden, denn Daniel sagte, daß die Wölfe ihn in dieser Nacht vollständig verzehren würden,« entgegnete Carl, als der Neger herankam und die Beute in dem hohen Grase niederlegte.

»Sieh, das ist ein guter Bursche gewesen, so feist trifft man sie nicht immer,« sagte Warwick, auf den Höcker blickend, »davon muß ich mir doch auch ein Stück ausbitten.«

Hiemit stand der Alte auf, schnitt einige dünne Stücke von dem Fleisch ab, rieb sie mit Salz und Pfeffer ein, welches er in einer Büchse in der Kugeltasche mit sich führte, stieß sie an einen Stock, und stach denselben vor dem Feuer in die Erde, so daß das Fleisch über dessen Gluth schmorte. Turner, Carl und Daniel folgten seinem Beispiel und bereicherten mit diesem kostbaren Braten ihre Abendmahlzeit, welche aus von Hause mitgenommenem Fleisch und Zwieback bestand. Warwick hatte auch in einem großen Blechgefäß Kaffee gekocht, der, wenn auch ohne Milch und Zucker, Allen vortrefflich mundete. Nach dem Essen zündeten die drei Männer ihre Pfeifen an, und Warwick erzählte von den herrlichen Jagden, die er an diesem Flusse so oft gemacht hatte, als plötzlich ein lautes, gellendes Geheul ertönte, wie wenn es von hundert Kehlen angestimmt würde.

»Hören Sie, junger Herr, jetzt wird Ihr Büffel verspeist; ich wette, daß in kurzer Zeit viele hundert Wölfe sich dabei einfinden. Sie kommen schon von allen Seiten,« sagte der Neger zu Carl, und wirklich wurde jetzt das Geheul weithin in allen Richtungen beantwortet.

»Sage einmal, Daniel, könnten wir uns nicht zu ihnen hinschleichen und einen von ihnen schießen? ich möchte wohl einen Wolf in der Nähe sehen,« sagte Carl hochauflauschend.

»Das möchte ich Ihnen doch nicht rathen, junger Freund,« entgegnete Warwick; »mit den kleineren Prairiewölfen würde es so leicht Nichts zu sagen haben, es dürften aber wohl auch von den großen weißen Wölfen welche darunter sein, und die verstehen keinen Spaß. Sie werden auch noch genug dieser Räuber in der Nähe zu sehen bekommen.«

Trotz des immer zunehmenden Geheuls sanken doch die Lagernden bald auf ihre wollenen Decken nieder und verbrachten die Nacht in ungestörtem wonnigen Schlafe. Der anbrechende Tag aber fand sie schon mit Zubereitung des Frühstücks beschäftigt, wobei der Büffelhöcker wieder in Anspruch genommen wurde, und ehe noch die Sonne über der flachen Ferne auftauchte, saßen die Reiter wieder zu Roß, um das weitere Land in Augenschein zu nehmen.

Als sie in die Nähe des Ortes kamen, wo der Büffel lag, erblickten sie noch einzelne Wölfe, die bei ihrer Annäherung davon flohen; aber von dem erlegten Thiere war Nichts mehr übrig, als das Skelett.

»Das muß ja ein riesenhafter Büffel gewesen sein, wie viel sollte er wohl gewogen haben?« sagte Turner, indem er mit Verwunderung auf das ungeheure Knochengebäude schaute.

»Er ist sicher achtzehnhundert Pfund schwer gewesen,« entgegnete Daniel, und sprang dann mit den Worten vom Pferde: »Ich will aber doch seine Hörner mitnehmen, es ist Ihr erster Büffel, junger Herr, von dem Sie ein Andenken haben müssen, ich werde Ihnen ein Trinkhorn und ein Pulverhorn daraus verfertigen.« Nun hieb er mit dem kleinen, sehr scharfen Beile, welches er in einer ledernen Scheide am Sattel hängen hatte, schnell die kurzen, breiten Hörner von dem Schädel, und folgte dann mit Carl im Galopp den beiden Andern, die in raschem Schritt vorangeritten waren. Turner blickte staunend und stumm bald über die in der frischen Morgenluft wogende Prairie, bald nach dem zweihundert Fuß hohen Urwald; eine so reiche, üppige Vegetation hatte er bis jetzt noch nicht gesehen. Dabei prangte die Grasflur, so weit das Auge reichte, durch ihre Blumen in den prächtigsten, buntesten Farben, und der lieblichste Blüthenduft umwehte die Reiter. In allen Richtungen sah man Rudel von Hirschen und Antilopen weiden, und mehrere Züge wilder Pferde wurden sichtbar. Der Urwald dehnte sich oft in Spitzen weit in die Prairie hinaus und wich dann wieder in tiefen, schattigen Buchten zurück; hier hatte noch niemals eine andere Axt als die eines Jägers einen Baum gefällt, und die zerstörende Hand der Civilisation hatte der Urschönheit der Natur noch keinen Abbruch gethan. Wie seit Jahrtausenden dieser Wald im ewigen Aufkeimen und Absterben seine Kronen dichtverschlungen gegen den Himmel emporgehalten hatte, so überschattete er noch jetzt die zur Erde gefallenen Riesenstämme und die nach dem Lichte aufstrebenden jungen Schößlinge.

Warwick, der das Erstaunen Turners bemerkte, unterbrach das Schweigen und sagte: »Nicht wahr, ich habe Ihnen nicht zu viel von diesem Lande erzählt? es ist bedeutend besser als das unserige am Choctawbache. Ich hätte mich gern selbst hier angesiedelt, damals aber war es mir noch zu gefährlich, und jetzt mag ich den Ort, wo ich so viel Arbeit gethan habe, nicht wieder verlassen. Solches Land wie dieses ist wohl werth, daß man Etwas darum wagt.«

Turner gab nun seiner Verwunderung und seiner Freude Worte, und erklärte sich bereit, alle seine Kräfte aufzubieten, um sich hier zu behaupten, wobei ihm Warwick wiederholt die Versicherung gab, daß er und seine Nachbarn ihm treulich mit Rath und That beistehen würden.

Während mehrerer Stunden folgten sie dem Laufe des Flusses an der Außenseite des Waldes, und erst als die Sonnenstrahlen drückend wurden, bogen sie auf einem Büffelpfade in den Wald ein, um denselben zu durchschreiten und dann das Land an der anderen Seite zu besichtigen. Wie mit einem Netz sind diese westlichen Länder Amerika's mit uralten Büffelpfaden überzogen, und sie allein gestatten es dem Wanderer, die undurchdringlichen Waldstriche zu durchziehen. Der Pfad, auf dem unsere Reiter in den Wald eindrangen, kam weit aus der Prairie her, und war selbst auf dem festesten Boden mehrere Fuß tief eingetreten, während seine Breite nur einem Pferde Raum gab, darin zu gehen. Warwick ritt voran und nahm dabei sein schweres Jagdmesser in die Hand, um diejenigen Ranken damit zu durchhauen, welche von den Bäumen herab über den Pfad hingen und welche er nicht zur Seite schieben, noch ihnen ausweichen konnte. Tiefer in dem Walde aber wurden die Weinranken und Schlingpflanzen über dem Wege immer zahlreicher, so daß die Reiter sich genöthigt sahen abzusteigen und ihre Pferde zu führen, damit sie den Büffeln es nachmachen konnten, die gebückt unter dem Geflecht hingehen, wie die allenthalben an den Dornen und Ranken hängenden lockigen Haare dieser Thiere bezeugten.

Der Weg wand sich wie eine Schlange zwischen den riesigen Baumstämmen hin und her, das hohe Laubdach wölbte sich immer dichter, und immer üppiger und kräftiger erhoben sich die Pflanzen aus der schwarzen Walderde, je näher man dem Flusse kam. Wie Blumengewinde schwangen sich die buntblühenden Lianen von Baum zu Baum, von Ast zu Ast, und hingen leicht und graziös aus der höchsten Höhe herab, oder schlangen sich um die kolossalen Weinranken, die wie Riesenschaukeln auf und niederstiegen. Oft sperrte der ungeheure Stamm eines umgefallenen Baumes den Pfad, so daß die Reiter sich einen weiten Umweg um ihn bahnen mußten, und hier und dort hing ein solcher Koloß der Pflanzenwelt schwebend in tausend Ranken, die ihn in seinem Sturz aufgehalten hatten und an denen er seine Nachbaren zu sich niederbeugte. Nur einzeln stahl sich ein Sonnenstrahl durch die dichten Baumkronen und blitzte auf dem silbergrauen glänzenden Schaft einer Magnolie, auf dem weißgelben Stamm einer Platane; doch das Licht war nicht hinreichend, das wohlthuende Halbdunkel des Waldes zu verscheuchen. Eine reine wunderbar labend kühle Luft füllte den grünen Raum, und die heimliche Stille und Ruhe in demselben wurde nur durch das Brausen des Flusses unterbrochen, der wild schäumend in seinem felsigen, dreißig Fuß tiefen Bett dem rothen Strome zueilte.

»Wie ganz anders ist es in diesen Wäldern, als in denen von Arkansas, Onkel,« sagte Carl zu Turner, welche Beide ihre Hüte abgenommen hatten und ihre Schläfe von der duftigen frischen Waldluft umwehen ließen.

»Die Wälder in diesen Gegenden bergen keine stehenden Gewässer, keine Sümpfe, wie die in jenem Lande, und darum giebt es keine so bösartigen Fieber hier, als dort,« antwortete Turner, »wir können dem gütigen Gott nicht genug danken, daß er uns hierher leitete. Sieh, Carl, was wir oft im Leben als das größte Unglück betrachten, was wir gar nicht glauben ertragen zu können, was uns wohl verzweifeln lassen will: nach einiger Zeit finden wir aus, daß es gerade zu unserem Besten gewesen, daß ein großes Glück für uns daraus entstanden ist. Hätten wir meinen Vetter Victor bei unserer Ankunft in Amerika noch am Leben getroffen, so würden wir uns sicher bei ihm niedergelassen haben, und vielleicht hätte Viele von uns dort dasselbe Schicksal erreicht, welches ihm ein so frühes Ende bereitete. Ohne daß wir das Geld in der Bank verloren hätten, würden wir niemals unsern treuen lieben Freund Daniel bekommen haben, und ohne ihn wären diese gesunden herrlichen Länder uns vielleicht nie bekannt geworden. Darum, Carl, was Dir auch im Leben begegnen mag, sei es noch so hart und niederschlagend, gieb niemals die Ueberzeugung auf, daß Gott es zu Deinem Besten lenken wird.«

Der Anblick des Bärflusses, den die Reiter jetzt erreichten, unterbrach Turner in seiner Rede, und mit der größten Ueberraschung blickte er und Carl auf die pfeilschnell dahineilende Fluth, die so klar und so durchsichtig war, daß man in der tiefsten Tiefe jeden Stein, jeden Fisch, jede Schildkröte auf dem Grunde erkennen konnte, und daß man, wenn keine Bewegung in dem Wasser gewesen wäre, jedenfalls darüber in Zweifel gekommen sein würde, ob überhaupt Wasser in dem Flußbette sich befinde, oder nicht. Die Bewunderung, die man dem herrlichen Gewässer zollte, wurde aber plötzlich auf etwas Anderes gelenkt, was die Aufmerksamkeit aller vier Reiter in Anspruch nahm. Pluto nämlich stöberte in diesem Augenblicke einige hundert wilde Truthähne von dem Ufer des Flusses aus den Büschen auf, so daß das donnerähnliche Prasseln ihrer Flügel die Pferde erschreckte. Wie Raketen stiegen sie gerade in die Höhe und schwangen sich nach allen Seiten hin auf die höchsten Aeste der umstehenden himmelhohen Bäume. Schnell gaben die Reiter die Zügel ihrer Pferde an Daniel, und eilten mit ihren Büchsen in verschiedenen Richtungen durch das Dickicht, um sich solchen Bäumen zu nähern, auf denen diese riesigen Vögel standen. Carl folgte dabei dem Gebell Pluto's, der auf einer kleinen Blöße im Kreise um eine ungeheure Cypresse sprang und, an ihr hinaufsehend, seine Stimme ertönen ließ. Auf den gewaltigen Aesten, die der Riesenbaum weit über den Fluß hinausstreckte, standen wohl einige zwanzig Truthähne und schauten, ihre langen Hälse niederbeugend, nach dem bellenden Hunde. Carl hatte den Baum bald erreicht, richtete seine Büchse nach der luftigen Höhe, und mit dem Krach des Schusses stürzte ein mächtiger Hahn von dem Aste herab und fiel schwirrend und flatternd in den Fluß hinein. Carl sprang schnell an das Ufer, um Pluto hinter dem Vogel herzusenden. Dieser trieb auf der Fluth, indem er dieselbe mit den Flügeln peitschte, und der Hund, der ihn jetzt gewahrte, sprang von dem hohen Ufer hinab, um ihn für seinen Herrn an das Land zu holen. Die Strömung nahm sie Beide rasch mit sich fort, Pluto kam dem Hahn aber bald näher, und hatte ihn in einer Biegung des Flusses bis auf wenige Schritte erreicht, als ein großer Alligator plötzlich unter dem Ufer hervorschoß, vor dem Hunde auf der Oberfläche des Wassers erschien und seinen furchtbaren Rachen nach dem Vogel öffnete.

Carl, der auf dem Ufer gefolgt war, hatte kaum das verhaßte Thier erkannt, als er seine Büchse auf dasselbe richtete und ihm eine Kugel in den gepanzerten Rücken schoß. Der Alligator jedoch ließ sich nicht in seinem Raub stören, sondern ergriff den Truthahn mit den grimmigen Zähnen und sank mit ihm in der klaren Fluth am Ufer hinab, bis er unter demselben verschwand. Carl hatte Pluto mit Angst und Schrecken aus dem Flusse zurückgerufen, und schaute verdrießlich nach dem Platze im Wasser, wo der Räuber mit der Beute sich seinen Blicken entzogen hatte, welcher Fleck durch aufsteigenden Schlamm bezeichnet wurde. Da traten Turner und Warwick, ein jeder mit einem geschossenen Hahn beladen, zu dem Knaben, und erfuhren nun von ihm das Mißgeschick, welches ihn betroffen hatte. Dabei blickte derselbe betrübt auf die beiden prächtigen Vögel, welche die Männer erlegt hatten und sagte schließlich:

»Daß ich aber auch solch Unglück haben muß!«

»Sage lieber solch Glück, Carl. Denke Dir nur, wenn der Alligator statt des Vogels Deinen Hund erfaßt und mit sich fortgenommen hätte, wäre das nicht viel schlimmer gewesen? Außerdem muß man nicht täglich und fortwährend nur auf Gelingen seiner Unternehmungen rechnen; hast Du denn schon vergessen, daß Dir das Jagdglück gestern Abend so sehr hold war?« sagte Turner liebevoll zu Carl und strich ihm über die Wangen, worauf dieser des Onkels Hand ergriff und sie küßte, als danke er ihm für seine Zurechtweisung. Sie schritten nun am Ufer hin bis zu Daniel zurück, und bestiegen dort wieder ihre Pferde, während der Neger die beiden erlegten Vögel an seinen Sattel befestigte. Der Büffelpfad war sehr tief in das Ufer eingetreten, so daß er nicht allzusteil nach dem Flusse hinabführte, dessen Grund man in der kristallhellen Fluth ganz deutlich erkennen konnte.

»Halten Sie Ihre Büchsen und Kugeltaschen in die Höhe, damit dieselben nicht naß werden, wenn die Pferde in das Wasser sinken,« sagte Warwick zu seinen Gästen.

»Das wird hier wohl kaum nöthig sein, das Wasser reicht meinem Pferde ja nicht bis an den Sattel,« entgegnete Turner und blickte Warwick verwundert an.

»Irren Sie sich nicht,« sagte dieser, »das Wasser ist hier wenigstens zehn Fuß tief, man läßt sich durch dessen Klarheit sehr leicht täuschen. Ich will voranreiten, damit Sie sehen, wie tief es ist.«

Hiemit lenkte er sein Pferd zu dem Flusse hinab und in denselben hinein, wo es sofort mit dem schweren Manne auf seinem Rücken bis an den Kopf versank. Gleich aber tauchte es wieder bis zur Oberfläche empor, und trug seinen Reiter in wenigen Augenblicken auf das jenseitige Ufer. Turner, der ihm folgte, sank beim Hineinreiten in den Fluß bis unter die Arme in das Wasser, Carl jedoch, dessen Gewicht das Pferd nicht so sehr drückte, wurde kaum bis an den Leib naß. Die Büchsen, Kugeltaschen und Pulverhörner waren aber nach Warwicks Rath vor Nässe bewahrt worden.

»Das war doch tiefer, als ich gedacht hatte,« sagte Turner, auf seine Füße schauend, von denen das Wasser aus seinen Kleidern in Strömen herabfloß. »Ich bin wirklich bis unter die Arme naß geworden.«

»Das muß man an der Frontier gewohnt werden,« entgegnete Warwick sich schüttelnd. »Es thut auch keinen Schaden in diesem Klima; in einer halben Stunde sind Sie wieder trocken.«

»In meinem Vaterlande dürfte man es freilich nicht wagen, so in dem nassen Zeug zu bleiben, man würde sich eine Krankheit dadurch zuziehen,« bemerkte Turner.

»Darüber können Sie sich beruhigen, das Bad wird Ihnen sehr gut bekommen. Lassen Sie uns nur weiter reiten, der Wald ist hier nicht mehr breit und in der Prairie jenseits soll uns die Sonne bald genug trocknen,« antwortete Warwick und ließ, wo es die Schlingpflanzen ihnen gestatteten, sein Pferd tüchtig ausschreiten.

Nach Verlauf von einer Viertelstunde zeigte sich auch in der Ferne vor den Reitern eine Oeffnung in den dichten dunkeln Baummassen, durch welche der Pfad, wie durch eine Pforte hinaus in die, mit hellem blendenden Sonnenlichte bedeckte Prairie führte. Als Warwick diese Oeffnung erreichte und sein Pferd mit ihm unter den weitausgestreckten Aesten einer uralten Eiche in das Freie hinaus schreiten wollte, hielt er es plötzlich an und sagte, indem er sich zu seinen Gefährten umwandte:

»Jetzt aber, Herr Turner, sollen Sie Büffel sehen! Seit langer Zeit bin ich so zahlreichen Heerden nicht begegnet. Schauen Sie nur über die Prairie; alle jene schwarzen Striche bis in die weite Ferne sind Büffelheerden.« Hierbei zeigte er mit der Hand über die unabsehbare Grasflur. Nur wenige hundert Schritte vom Walde weideten wohl über tausend Büffel in einer Heerde zusammen, die sich um die anderen, weiterhin grasenden nicht zu kümmern schienen; denn als die vier Reiter sich vor dem Walde zeigten, hoben sie sämmtlich ihre Köpfe aus dem Grase hervor und schauten verwundert nach den Fremden hin, während hier und dort die Heerden sich in einen schwerfälligen Galopp setzten und davon jagten. So weit das Auge reichte, war die Prairie von diesen riesigen Thieren belebt, und zwischen ihren einzelnen Abtheilungen sah man Rudel von wilden Pferden, von Hirschen und von Antilopen weiden.

»Hier kommt Niemand in die Gefahr, Hunger zu leiden,« sagte Warwick, der das Erstaunen seines Gastes bemerkte. »Es würde uns ein Leichtes sein, zwischen eine solche Heerde hineinzujagen, und ein Dutzend dieser Thiere zu erlegen. Die Weide hier muß einen eigenen Reiz für sie haben, denn wenn man weit und breit kein Wild antrifft, hier geht man niemals fehl.«

»Wollen wir nicht einmal dazwischen sprengen und ein Paar Büffel schießen?« sagte Carl, indem er mit strahlendem Blick auf die immer noch unbeweglich dastehenden Thiere sah.

»Es würde unsre Pferde ermüden und uns von dem eigentlichen Zweck unseres Rittes abziehen,« entgegnete Warwick.

»Und wir würden ja auch gar keinen Nutzen von den erlegten Thieren haben, da wir Fleisch nicht mit uns nehmen können; nur um des Vergnügens willen muß man kein Geschöpf tödten,« bemerkte Turner freundlich, und Carl stellte sich damit zufrieden, obgleich er gar gern seinem Falben die Zügel hätte schießen lassen. Sie ritten nun in die Prairie hinaus und folgten dem Waldsaume, während die Büffelheerde, die sie so verwundert betrachtet hatte, sich jetzt in Galopp setzte und ihren Kameraden nacheilte.

Abschnitt 4.

Das Land zur Niederlassung. – Die Wölfe. – Die Pferdediebe. – Die hölzerne Festung. – Das Kanoe. – Das Feld. – Fischfang. – Die Bärenjagd. – Die Felle. – Der Jaguar. – Der vermoderte Baum.

Die Gegend gewährte den Reitern während mehrerer Stunden fortwährend denselben Anblick: zu ihrer linken Seite stand der prächtige Urwald, wie eine hohe grüne Mauer, und zu ihrer rechten lag die üppige Prairie, deren Ende mit der duftigen Ferne verschwamm. Vor ihnen aber stieg jetzt über dem äußersten Rand der Grasflur ein Wald auf, der sich wie blaues Gewölk von Westen her nach dem Bärflusse zog und den Warwick als das Gehölz bezeichnete, welches die Ufer eines Baches bedeckte. Dieser Bach wurde der Pflaumenbach genannt, wegen der unglaublich vielen wilden Pflaumen, die auf seinen Ufern wuchsen; er kam mehrere Stunden weit aus der Prairie und ergoß sich in den Bärfluß. Nachmittags erreichten die Reiter das Gehölz, welches den Bach in seinem tiefen Schatten verbarg und welches hier, wo es im rechten Winkel auf den Wald am Bärfluß stieß, mehrere tausend Schritte breit war. Ein Büffelpfad, dem die Jäger schon seit einigen Stunden gefolgt waren, führte gerade in das Holz hinein und auf ihm langten sie sehr bald an dem herrlichen silberklaren Bache an, der nahebei rauschend in den Bärfluß stürzte. Nicht umsonst wurde er Pflaumenbach genannt, denn da, wo die Reiter ihre Pferde in demselben tränkten, waren die Ufer allenthalben mit Pflaumenbäumen bedeckt, die ihre mit herrlichen blauen Früchten beladenen Aeste weit über das Wasser hinausstreckten. Dasselbe war nicht tief, so daß die Reiter unter die herabhangenden Zweige reiten, und sich nach Herzenslust an den Pflaumen laben konnten. Ihre Kleidung war wieder ganz trocken geworden und die Kühlung, welche sie hier in dem dunkeln Schatten des über ihnen geschlossenen Waldes duftig und belebend umwehte, that ihnen nach dem langen Ritt in der brennenden Sonne außerordentlich wohl. Nachdem sie selbst und ihre Pferde sich erfrischt und erholt hatten, folgten sie wieder dem Büffelpfad, der sie an der andern Seite des Holzes abermals in die Prairie führte und sich an dem hohen Walde des Bärflusses hinzog. Hier hielt Warwick sein Pferd an und wandte sich mit den Worten zu Turner: »Sehen Sie, Herr Turner, dies ist das Stück Land, welches ich so gern zu meiner Niederlassung gewählt haben würde und welches ich jetzt Ihrer Beachtung empfehle. Gerade in diesem Winkel, wo der Wald des Baches auf den des Bärflusses stößt, liegt der reichste Boden, der mir auf weit und breit bekannt ist; schauen Sie nur, welch üppiger Graswuchs und welch riesige Pflanzen hier stehen; die Sonnenblumen reichen ja viele Fuß über unsere Köpfe hinaus. Hier in dieser Ecke, dachte ich, sollten Sie Ihr Feld anlegen und dort einige tausend Schritte weiter am Walde hin, wo der Bärfluß sich aus demselben hervorwindet und sich an die Prairie anlehnt, würde ein sehr passender Platz für Ihre Wohnung sein. Lassen Sie uns hinreiten, damit Sie denselben selbst in Augenschein nehmen.«

Hiermit ritt Warwick durch das hohe Gras voran, welches ihm bis an den Sattel hinaufreichte, und bald hielt er mit seinen Gefährten auf dem steilen, dreißig Fuß hohen Ufer, unter welchem die brausende Fluth des Bärflusses wild tobend dahineilte. Der Platz bestand aus einem Hügel, der wohl funfzehn Fuß über der anderen Uferfläche erhaben war und hierdurch einen weiten Blick über die flache Prairie gewährte. Auf der Höhe standen mehrere dichtbelaubte rothe Ulmen, welche den Hügel beschatteten, und an seiner Abdachung nach dem Pflaumenbache hin rieselte ein frischer kühler Quell aus zu Tage liegendem Gestein hervor. Etwas weiter, nur etwa hundert Schritte von dem Hügel, wand sich der Bärfluß wieder in den Wald hinein.

»Sie haben hier alle Vortheile, die Sie wünschen können,« nahm Warwick wieder, zu Turner gewandt, das Wort. »Sie übersehen die ganze Prairie, den Quell hier am Fuß des Hügels können Sie mit in Ihre Einzäunung fassen, diese prächtigen Ulmen geben Ihnen den herrlichsten Schatten, dort unten, wo der Fluß in den Wald einbiegt, haben Sie auf diesem Ufer so viel Holz in Ihrer Nähe, wie Sie nur bedürfen, und von da aus bis an den Pflaumenbach können Sie Ihr Feld in beliebiger Größe anlegen. Außerdem haben Sie hier im Flusse eine Wasserkraft, die hinreicht, irgend ein Mühlwerk zu treiben. Ich für meinen Theil könnte mir keinen passenderen und angenehmeren Platz wünschen.«

»Auch mir sagt er in jeder Weise zu und ich bin Ihnen unendlich dankbar dafür, Herr Warwick, daß Sie mich hierher geführt haben. In Gottes Namen will ich denn hier den Meinigen die neue Heimath gründen und mag er mich dabei gnädig beschützen und mir die Kräfte verleihen, mein Ziel zu erreichen,« entgegnete Turner und hielt Warwick die Hand zum Danke hin.

»Und auf uns am Choctawbache dürfen Sie zu jeder Zeit rechnen, wir werden Ihnen gute Nachbarn sein,« erwiederte Warwick, indem er Turner die Hand schüttelte.

»Es ist eine etwas weitläufige Nachbarschaft,« sagte Turner lächelnd, »und doch wird sie mir ein Trost werden.«

»Seien Sie guten Muthes, Sie werden hier nicht lange allein bleiben; es kommen sicher bald mehr Ansiedler in unsere Gegend, und am Choctawbache nehmen wir sie nicht auf, wir senden sie Alle hierher zu Ihnen!« antwortete Warwick und sagte dann, indem er sein Pferd den Hügel hinab lenkte: »Nun wollen wir aber den ersten Büffelpfad durch den Wald einschlagen, damit wir nicht zu spät nach Hause kommen.«

Er ritt nun mit seinen Gefährten am Ufer hin, bis wo der Fluß aus dem Holze hervorkam, und folgte dann wohl eine halbe Stunde weit dem Waldsaum bis zu einem tief ausgetretenen Büffelpfade, der aus der Prairie in denselben hineinführte. Daniel war der Letzte im Zuge, und wollte eben hinter Carl her in den Wald einlenken, als er diesem zurief:

»Halt, junger Herr, steigen Sie schnell ab, vielleicht können Sie einen Wolf schießen; dort kommt ein ganzes Rudel hinter einem Büffel her. Schnell, schnell!«

Zugleich stieg er vom Pferde, führte dasselbe in den Wald und ergriff den Zügel des Falben, während Carl absprang und hinter dem letzten Baume an die Prairie trat. Ein lautes Wolfsgeheul, welches jetzt zu Carls Ohren drang, lenkte seinen Blick weit über die Prairie, wo er einen Büffel erkannte, der im Sturmlauf herangesaust kam. Derselbe hatte nur noch wenig Vorsprung vor einer Schaar Wölfe, die ihm nachfolgte. Sie kamen schnell näher, das Geheul wurde immer lauter, immer wüthender, und immer größer wurde die Anstrengung des Büffels, den Wald zu erreichen. Er kam in gerader Richtung auf Carl zu, wie es schien, um dem Pfad zu folgen. Seine Flanken waren mit weißem Schaum bedeckt, seine brennendrothe Zunge hing ihm weit aus dem Maule hervor und die Erde dröhnte unter seinen schwerfälligen, doch sehr flüchtigen weiten Sprüngen. Die wüthende Schaar hinter ihm hatte ihn bis auf wenige Schritte erreicht und schwärmte heulend nach beiden Seiten auseinander, um ihm in die Flanken zu fallen. Es waren wohl vierzig von den kleinen Prairiewölfen, doch ihnen voran setzte ein ungeheurer weißer Wolf, der jetzt mit geöffnetem Rachen den Büffel erreichte. In diesem Augenblick blitzte es aus Carls Büchse, der weiße Wolf überschlug sich heulend, der Büffel schreckte zur Seite, dem nahen Dickicht zu, und die Schaar der Wölfe stob nach allen Richtungen hin auseinander. Carl sprang hinter dem Baume hervor, richtete sein Geschoß auf einen fliehenden glänzend schwarzen Wolf, und als das Feuer aus dem Laufe fuhr, rollte derselbe kopfüber in das Gras.

»Ei, ei, allen Respect vor Ihrem Schießen, junger Freund!« rief Warwick, der in die Oeffnung des Waldes geritten war, »wo haben Sie das gelernt? So in aller Flucht zwei Kugeln anzubringen, da muß der älteste Frontiermann seinen Hut abnehmen.« Dann wandte er sich nach Turner um und sagte:

»Von solchen Schützen halten sich die Indianer gern entfernt; der Knabe wird Ihnen eine gewaltige Stütze werden.«

»Das ist er mir in der That schon oft gewesen, wofür ich ihm vielen Dank schulde; er ist ein äußerst braver Junge,« erwiederte Turner, indem er nach Carl hinsah, der bei dem weißen Wolf stand und untersuchte, wohin er ihn getroffen hatte. Er warf ihn auf die andere Seite, um zu sehen, ob die Kugel auch durchgeschlagen sei und strich ihm mit der Hand das schöne weiße Haar glatt. Dann rief er dem Neger zu:

»Daniel, sollen wir die Felle nicht mitnehmen?«

»Wenn es Ihnen Freude macht, junger Herr, so will ich sie schnell abstreifen, es sind aber Sommerfelle, an denen das Haar nicht so gut ist, wie im Winter,« entgegnete der Neger.

»Ach, laß sie uns mitnehmen, wir können sie doch wohl benutzen,« sagte Carl, und begann seine Büchse wieder zu laden.

»Gern, gern,« rief Daniel, band schnell seinem Pferde die Vorderfüße zusammen und ließ es mit dem Falben im Grase gehen, und machte dann sich rasch an die Arbeit, um den Wölfen die Häute abzunehmen.

Mit außerordentlicher Geschicklichkeit und Gewandtheit hatte er es bald vollbracht, hing die beiden Felle hinter seinen Sattel über das Pferd, schwang sich auf dessen Rücken und folgte seinen Gefährten in den Wald hinein.

Die Sonne war eben versunken, als die Reiter Warwicks Niederlassung erreichten und dort mit großer Freude empfangen wurden. Die beiden prächtigen Truthähne und die Büffelzunge wurden der Hausfrau übergeben, und die beiden Wolfsfelle prangten während der Nacht ausgespannt bei dem Lagerfeuer, welches Carl und Daniel für sich errichtet hatten. Am folgenden Morgen ritt Warwick zu allen Ansiedlern am Choctawbache und forderte sie auf, dabei behülflich zu sein, für Turner die Häuser am Bärflusse zu erbauen. Zwei Tage später nahm dieser mit den Seinigen von Warwicks Familie Abschied, um das Ende seiner langen Wanderung zurückzulegen, wobei Warwick selbst und noch einige zwanzig Männer vom Choctawbache ihn begleiteten. Obgleich keine Spur von einem Wagen nach dem Bärflusse führte, so gelangten sie doch ohne große Schwierigkeit durch die offene Prairie bis an den Wald, in welchem jenes Wasser floß, hier aber mußte Halt gemacht werden, weil die Wagen nicht auf einem Büffelpfade den Wald durchziehen konnten. An dessen Saume unter einer schattigen Eiche wurde ein Feuer angezündet, bei welchem Madame Turner eine Mahlzeit bereiten wollte, während die Männer sich mit dem Aushauen eines Weges durch den Wald beschäftigten. Carl fehlte zwischen diesen nicht, und schwang seine Axt trotz einem der Männer. Warwick führte den Zug, um dem Wege die Richtung nach einer Stelle am Flusse zu geben, wo das Ufer nicht sehr steil und das Wasser seicht war. Alle größeren Bäume ließ man unberührt stehen, indem man den Weg hin und her zwischen ihnen durchwand, und hieb nur die dünneren Stämme und das Buschwerk dicht an der Erde ab. Beides wurde zur Seite in das Dickicht geworfen. Die Arbeit ging sehr rasch von Statten, weil Warwick für den Weg immer die lichtesten Stellen wählte, da es weniger darauf ankam, denselben so kurz wie möglich zu machen, als ihn mit der wenigsten Mühe herzustellen. Schon nach Verlauf von einigen Stunden war derselbe bis an den Fluß beendet, worauf die Männer zu Madame Turner zurückkehrten, um sich bei der Mittagsmahlzeit von der Arbeit zu erholen. Sie erlaubten sich aber nur eine kurze Rast, dann eilten sie wieder nach dem Flusse, um ihr begonnenes Werk zu vollenden. Das Ufer zu beiden Seiten desselben wurde nun abgetragen, so daß ein Wagen ohne große Schwierigkeit hinab- und hinauffahren konnte, und dann führten die Männer den Weg weiter durch das Holz nach der, westlich von demselben gelegenen Prairie. Die Sonne war noch nicht versunken, als sie die Arbeit vollbracht hatten und zu den Wagen zurückkehrten, die jetzt schnell bespannt und zur Durchfahrt durch den Wald in Bewegung gesetzt wurden. Nur ein guter Fuhrmann, wie es Daniel war, konnte mit dem langen Gespann von drei Paar Ochsen diese Fahrt ausführen, da die Biegungen des Weges zwischen den Bäumen hier oft sehr kurz waren. Es ging aber Alles gut, und noch strahlte das scheidende Tageslicht von dem glühenden Abendhimmel her über die dunkelnde Prairie, als die Wanderer aus dem düstern Walde hervorzogen und ihre künftige Heimath mit jubelnden Herzen begrüßten.

Nicht weit von dem Platze, wo der Weg den Wald verließ, erhob sich der Hügel, welcher für die Ansiedlung ausgewählt war, und dorthin richtete sich jetzt der Zug. Mit einem herzinnigen »Gottlob« stieg Turner vom Pferde und »dem Allmächtigen sei es gedankt,« sagte Madame Turner, als sie ihr Gatte vom Wagen hob und sie, von Hoffnung und Vertrauen für die Zukunft beseelt, an seine Brust drückte. Bald war das Zelt an dem Hügel unweit der Quelle aufgeschlagen, ein Feuer vor demselben angezündet, ein anderes Feuer loderte auf dem Hügel empor, wo die Männer vom Choctawbache sich lagerten, und alle Zug- und Reitthiere weideten mit gebundenen Füßen in dem hohen saftigen Grase, welches den Boden in der Nähe des Lagers bedeckte. Mit freudigem beglückenden Gefühl stellte Madame Turner an diesem Abend die Töpfe, Pfannen und Kannen auf die Kohlengluth; es war ja das erste Mahl, welches sie in der so lang ersehnten neuen Heimath bereitete. Mit einem inbrünstigen Dankgebet zu Gott schlossen Turners erst spät in der Nacht die Augen, während die Männer vom Choctawbache auf dem Hügel um das Feuer herum so sorglos eingeschlafen waren, als ob sie in dem Schooße der Civilisation ruhten. Carl Scharnhorst und Daniel hatten sich ihre Ruhelager bei dem Feuer vor dem Zelte bereitet und zwar Carl auf der weißen Wolfshaut. Die Schläfer lagen so fest und unbeweglich, daß die Feuer nach und nach erloschen und kein Zeichen von Leben mehr im Lager zu erkennen war. Auch die Pferde und die Stiere hatten sich in dem Grase niedergelegt, um sich von des Tages Arbeit zu erholen, und nur das Brausen des Flusses unterbrach die Stille, die auf Wald und Flur lag. Der Mond stand hoch am Himmel und die dichten Ulmen warfen ihre schwarzen Schatten auf die sorglosen Schläfer. Da erwachte Carl, weil er glaubte, Pluto habe geknurrt. Er schlug die Augen auf und überzeugte sich, daß er sich nicht geirrt hatte; denn der Hund saß aufrecht und knurrte jetzt wieder, indem er unbeweglich in der Richtung auf die Pferde hinabblickte, die sich unterhalb des Hügels gelagert hatten. Carl setzte sich auf, und spähete aufmerksam weiter über die Thiere hinaus, da kam es ihm vor, als ob er in einiger Entfernung von denselben einen dunkeln Gegenstand sich langsam durch das Gras bewegen sähe. Bald glaubte er, sich getäuscht zu haben, dann aber wieder meinte er, er hätte es sich deutlich dort bewegen sehen. Er stieß Daniel leise an und weckte ihn, ohne Geräusch zu machen.

»Daniel, ich sehe dort Etwas sich im Grase bewegen, dort hinter den Pferden, sollte das wohl ein wildes Thier sein?« sagte er leise zu dem Neger, und dieser hob sich auf seinem Arm empor und blickte eine Zeitlang regungslos nach dem bezeichneten Platze. Dann sagte er: »Das sind keine wilde Thiere, es sind wilde Menschen, es sind Indianer, die unsere Pferde stehlen wollen. Nehmen Sie ihre Büchse zur Hand, wir wollen ihnen doch einen Schreck einjagen.«

»Es ist aber noch viel zu weit, um zu schießen,« flüsterte Carl.

»Wenn sie aber in die Nähe der Pferde kommen, so wird es nicht mehr zu weit sein. Ich will es Ihnen sagen, wenn es Zeit ist, zu feuern.«

»Aber die Tante wird sich erschrecken, Daniel, ich will es ihr schnell sagen, daß wir schießen wollen.«

»So eilen Sie sich, und stehen Sie nicht auf; kriechen Sie auf den Knieen nach dem Zelte hin. Aber eilen Sie sich, die Kerls kommen schnell näher,« flüsterte Daniel, und Carl glitt auf Händen und Füßen durch das hohe Gras in das Zelt hinein. Nach wenigen Augenblicken kehrte er daraus zurück und schlich sich ebenso vorsichtig wieder an des Negers Seite, der ihm zuflüsterte: »Sehen Sie dort, junger Herr, über die beiden Schimmel hinweg, dort bewegt es sich jetzt, das müssen mehrere Indianer zusammen sein. Jetzt können Sie sie sehen, das Gras ist da nicht so hoch, wahrhaftig, es sind drei oder vier Kerls. Schießen Sie, es kann nicht viel weiter sein, als hundert Schritte; schießen Sie aber kein Pferd; jetzt, Feuer!«

Der Blitz fuhr kaum aus dem Rohr, da sprangen sechs dunkle menschliche Gestalten hinter den Pferden aus dem Grase empor und flogen mit des Hirsches Schnelligkeit über die, vom Monde mit Tageshelle beleuchtete Fläche.

»Jagen Sie auch die andere Kugel hinter den Spitzbuben her!« rief Daniel, und Carl gab abermals Feuer. Die Indianer aber verdoppelten nur noch ihre Eile und waren bald in der nebelichten Ferne verschwunden.

Der Krach des ersten Schusses hatte die Schläfer aus ihrer Ruhe aufgejagt, Alle hatten zu ihren Waffen gegriffen, und als ihnen der zweite Schuß die Richtung zeigte, wo der Feind zu suchen sei, so erkannten auch sie die fliehenden Indianer, und schossen sämmtlich noch ihre Büchsen nach ihnen ab, obgleich sie schon längst außer dem Bereiche der Kugeln waren.

»Die Schurken haben wenigstens das Blei pfeifen hören und kommen nun sobald nicht wieder; es hat öfterer geknallt, als sie erwartet hatten,« rief Warwick in seinem Zorn, und setzte dann, indem er den Indianern die geballte Faust nachstreckte, noch hinzu: »Aber wartet, Ihr werdet hier am Bärflusse noch Blut lassen!«

Auch Turner war gleich nach dem ersten Schusse aus dem Zelte hervorgekommen, und Daniel mußte nun den ganzen Hergang des Vorfalls berichten.

»Laßt uns schnell auf die Gäule springen und ihnen nachjagen!« riefen mehrere der Männer, doch Warwick entgegnete ihnen: »Den Ritt können wir sparen. Die Schurken haben bereits das Dickicht am Pflaumenbach erreicht, dort werden sie ihre Pferde verborgen haben, und wir sollten wohl lange nach ihnen suchen. Sie kommen sobald nicht wieder; einige zwanzig Kugeln sind mehr, als sie lieben.«

Turner schlug vor, die Pferde aus dem Grase zu holen und in der Nähe anzubinden, doch Warwick versicherte ihm, daß es jetzt unnöthig sei, diese Vorsicht zu gebrauchen. Er rieth, sich wieder zur Ruhe zu legen und war der Erste, der sich bei dem frisch angefachten Feuer auf seine Satteldecke ausstreckte.

Die Nacht verging ohne alle Störung und der anbrechende Tag rief die Männer wieder zu der Arbeit. Madame Turner und Julie hatten schnell Kaffee gekocht, Maisbrod gebacken und Speck gebraten, das Frühstück wurde verzehrt, und Warwick führte seine Gefährten an dem Flusse hinunter, dahin, wo derselbe wieder in den Wald einbog. Dort begannen die Männer nun, auf dem diesseitigen Ufer Bäume zu fällen, um aus deren Stämmen die Häuser und Einzäunungen für die Ansiedler aufzuführen. Es wurde auch eine mächtige Cypresse gehauen, und von ihrem Stamme zwei Fuß lange Stücke abgesägt, welche Daniel mit einem Paar Ochsen nach dem Hügel schleifte. Diese Stücke wurden zu dünnen, breiten Brettern gespalten, welche als Schindeln zu den Dächern der Häuser verwandt werden sollten. Sobald die Bäume nun in größerer Zahl fielen, nahm auch Carl ein Paar Stiere, und schleifte die Stämme, so wie Daniel es that, zu dem Hügel hin. Vier Tage lang setzten sie Alle die Arbeiten unermüdet fort, und am fünften hatten sie bereits so viel Holz um den Hügel liegen, als nöthig war, die Ansiedelung zu gründen. Nun ging es an das Aufbauen der Häuser. Es wurden zwei Baumstämme von zwanzig Fuß Länge in gleicher Richtung vierzehn Fuß von einander entfernt auf die Erde gelegt, und dieselben durch zwei sechzehn Fuß lange Stämme mit einander verbunden, welche auf ihre Enden gehoben wurden, so daß sie zusammen ein Viereck bildeten. In dieser Weise wurden nun immer mehr Stämme aufeinandergelegt, bis dadurch die vier Wände eines Blockhauses zwölf Fuß Höhe erreicht hatten. Solche Häuser stellte man drei nebeneinander und zwar zehn Fuß von einander entfernt, und deckte über alle drei ein Schindeldach, so daß auch die beiden Zwischenräume zwischen den Häusern mit dem Dache überdeckt wurden. Nun schnitt man mit der Säge Thüren und Fenster in die Holzwände, schnitt gleichfalls Oeffnungen in dieselben, wo die Kamine angebracht werden sollten, und führte von diesen Schornsteine von Holz, Lehm und Steinen auf. Die Thüren und Fensterladen wurden von gespaltenem Cypressenholz verfertigt und mit Eisenbeschlägen, welche Turner mitgebracht hatte, eingehangen. Als die Häuser nun auf der Höhe des Hügels unter den schattigen Ulmen fertig standen, begannen die Männer an der Aufführung der Pallisadenmauer. Rund um den Hügel wurde ein zwei Fuß tiefer Graben angebracht, so daß er sich mit seinen beiden Enden an den steilen Abhang über dem Flusse anlehnte, und in diesen Graben stellte man die Baumstämme dicht nebeneinander aufrecht hinein und warf ihn um dieselben mit Erde zu. Die in dieser Weise aufgeführte Mauer war vierzehn Fuß hoch, und alle Oeffnungen in derselben zwischen den Stämmen wurden mit Holz ausgefüllt. Der Eingang, den man an der Seite in dieser Einzäunung ließ, wurde mit einem starken Thor versehen, welches man innerhalb mit schweren Ketten verschließen konnte. Außerdem wurde in kurzer Entfernung von dieser hölzernen Festung eine Einzäunung errichtet, in welcher Nachts die Milchkühe und bei Tage deren Kälber eingesperrt werden sollten. Hiermit waren die Arbeiten vollbracht, welche die Männer vom Choctawbache für ihre neuen Nachbarn auszuführen übernommen hatten, und nach vierzehntägigem Aufenthalt bei ihnen nahmen sie nun Abschied und wünschten ihnen alles Glück und allen Segen zu ihrer Unternehmung. Warwick versprach, ganz in der Kürze das von Turner gekaufte Vieh hier abzuliefern, so wie den zugesagten Mais und die Hühner herzuschaffen, und für die Folge recht oft hier vorzusprechen, um zu sehen, wie es ihm und seiner Familie ergehe.

Mit recht traurigen Herzen blickten Turners den Männern nach, und sahen sie auf dem neugeschaffnen Wege in dem Walde verschwinden. Es war ihnen, als ob sie aller menschlichen Gesellschaft Lebewohl gesagt, als wenn sie von der übrigen Welt Abschied genommen hätten. Sie waren allein in einer Wildniß, die nur von wilden Thieren und von feindseligen wilden Menschen bewohnt wurde, und es drängte sich ihnen ein unheimliches Gefühl auf bei dem Gedanken, daß vor ihnen nach Westen hin bis an das stille Weltmeer noch niemals ein weißer Mensch seine Hütte aufgeschlagen hatte. Um so sehnlicher wandten sich ihre Herzen nach den wenigen Niederlassungen am Choctawbache zurück, welche nun noch ihre einzige Stütze, das einzige Band zwischen ihnen und der civilisirten Welt blieben.

Demohngeachtet war Turner weit davon entfernt, zu verzagen; der Gedanke, für das Wohl der Seinigen zu handeln, stählte seinen Willen, und das Gefühl, nun in der Wirklichkeit für sie thätig sein und schaffen zu können, gab ihm Muth und Zuversicht in seine eigene Kraft. Dabei stützte er sich auf die vielseitigen Erfahrungen, auf die Treue und Anhänglichkeit des braven Negers und zugleich auf die Hülfe Carls, den die Vorsehung erwählt zu haben schien, seiner Familie in der Noth als Retter zu erscheinen.

Die erste Grundlage zu der Niederlassung war gelegt, Turners hatten ein Obdach und einen Schutz gegen einen ersten Angriff der Wilden; die eigentliche Arbeit aber, diesen Ort zu einer wirklichen Heimath umzugestalten, sollte jetzt erst beginnen, und mit allen Kräften gingen die Ansiedler an dies schwere Werk. Das Erste, was unternommen wurde, war die Anlage eines Gartens. Dies geschah unmittelbar neben der Festung an dem Ufer des Flusses, so daß das Wasser der Quelle, welche innerhalb der Pallisaden entsprang, durch den Garten nach dem Strome floß. Daniel hatte dort in wenigen Tagen zu diesem Zwecke ein kleines Stück Land mit einer Einzäunung umgeben, und mit Hülfe Turners und Carls dasselbe umgegraben, so wie die feste schwarze Erde, die der Prairie eigen ist, mit Mühe und Sorgfalt bearbeitet. Es wurden sogleich Beete angelegt und dieselben mit Erbsen, Bohnen, Melonen und Kürbissen, mit Kohl und Rüben bestellt, bei welcher Arbeit auch Arnold und Wilhelm fleißig halfen. Als am vierten Tage dieselbe beendigt war und man sich zum Mittagsessen in das Fort begeben wollte, kam Warwick mit einem leichten Wagen angefahren und brachte auf demselben den versprochenen Mais, die Hühner und eine Sau, während zwei seiner Söhne das von Turner gekaufte Vieh herantrieben. Die Freude der Ansiedler war groß, weil das Wiedererscheinen der Nachbarn ihnen das Gefühl gab, daß sie doch nicht so ganz verlassen seien. Die Kälber wurden in die dafür bestimmte Einzäunung gesperrt, während man deren Mütter sich selbst überließ, da man gewiß war, daß diese sich Abends bei ihren Kleinen einfinden würden. Die Hühner befreite man innerhalb der Festung und gab ihnen dort etwas Futter, die Sau wurde gleichfalls dort bewahrt, und für den Mais baute Daniel schnell ein kleines Häuschen aus leichten Stämmen, welches er mit Schindeln bedeckte. Warwick war sehr überrascht, als er in die Wohnung trat; denn in dem einen Zimmer fand er schon Tische und Bänke vor, welche Carl aus leeren Kisten verfertigt hatte, die Oeffnungen zwischen den Balken waren mit Stücken Holz ausgefüllt, und die Wände mit großen Leinentüchern behangen, von denen eine mit einem Spiegel in goldenem Rahmen prangte. An der Wand, der Thür gegenüber, hingen alle Waffen hübsch geordnet, so wie auch Sättel und Zäume, und Alles im Zimmer war sauber und nett, und gab Zeugniß von der Ordnungsliebe und dem Fleiß der Hausfrau.

Die drei Nachbarn mußten sich mit zu Tische setzen und wurden dort bei dem sehr einfachen Mahle aufs Herzlichste willkommen geheißen.

»Ihr Europäer richtet Euch doch, wohin Ihr auch kommen mögt, sofort behaglich und gemüthlich ein, während wir Amerikaner nur den Nutzen im Auge halten, und unsere eigene Bequemlichkeit und Annehmlichkeit darüber vergessen,« sagte Warwick, sich wohlgefällig umschauend, und heftete dann seinen Blick auf die schönen Waffen an der Wand.

»Nun, beim Himmel, damit können Sie ja das Fort gegen eine ganze Armee vertheidigen,« rief er erstaunt aus, »das sind ja nicht weniger als sechszehn Gewehre und außerdem noch viele Revolver und Pistolen – da braucht Ihnen wahrlich nicht bange vor den Indianern zu sein. Als ich zuerst nach dem Choctawbache zog, besaß ich Nichts an Waffen, als eine einfache Büchse und ein Jagdmesser. Demungeachtet rathe ich Ihnen die größte Vorsicht an, denn die Rothhäute sind schlau wie die Wölfe und grausam wie die wildesten Thiere. Nun, Daniel kennt sie ja hinreichend und weiß, wie weit man ihnen trauen darf.«

»An Vorsicht soll es nicht fehlen,« entgegnete Turner, »und wenn die Wilden uns dazu zwingen, auch nicht an tapferer Gegenwehr.«

»Sie thun besser daran, wenn Sie sich nicht erst von ihnen zur Nothwehr zwingen lassen, denn dann möchte es schon zu spät sein. Machen Sie es sich zum Grundsatz, jeden Indianer wie ein Raubthier zu betrachten und ihn zu tödten, wo und wie Sie können, er ist nichts anders, und ist auch nichts anders werth,« sagte Warwick etwas in Eifer, den auch die Röthe verrieth, die sein Gesicht überzog.

»Das wäre wohl nicht ganz recht,« entgegnete Turner, »es sind doch Menschen, die uns nur darum feindlich entgegentreten, weil wir Weißen uns in den Besitz von Land drängen, welches sie als ihr Eigenthum betrachten. So sehr übel kann ich es ihnen nicht nehmen, wenn sie sich nicht geduldig davon verjagen lassen.«

»Es sind Menschen,« sagte Warwick, »freilich, das ist nicht abzuleugnen; es sind aber wilde Menschen, die so wie die wilden Thiere, nur für die Wildniß bestimmt sind, und die ihr Recht auf das Land da verlieren, wo die Cultur erscheint. Die Erde ist doch sicher nicht dazu geschaffen, damit sie immer eine Wildniß bleiben sollte. Warum bauen sich denn die Rothhäute nicht auch an und leben ein friedliches gesetzliches Leben? dann würde sie Niemand von ihrem Stück Land vertreiben. Glauben Sie mir, der erste Schuß ist immer der beste; ich habe es stets so gehalten, und nur dadurch habe ich mich am Choctawbache behaupten können.«

Die Unterhaltung bewegte sich während des Essens ausschließlich um die Wilden, es war Warwicks Lieblingsthema, und mit einem gewissen Stolze gab er eine Menge feindseliger Zusammentreffen mit den Indianern zum Besten, in denen er Sieger geblieben war.

Daniel hatte sich nicht mit an den Tisch gesetzt, um den freundlichen Nachbarn durch seine Gegenwart nicht einen Anstoß zu geben. Madame Turner aber sandte ihm durch Julie die Speisen und den Kaffee in das andere Haus, wo er eine leere Kiste statt eines Tisches benutzte.

Als die Sonne sich neigte, begaben sich Warwick und seine Söhne unter den Versicherungen treuester Nachbarschaft auf den Heimweg, und Turner eilte zu der Einzäunung, vor welcher die Kühe darauf warteten, daß man sie zu ihren Kälbern einlasse. Erstere wurden durch Madame Turner und Julie gemolken und in die Einzäunung gesperrt, während man die Kälber in das Gras trieb, damit sie noch bis zur Dunkelheit dort weiden konnten; denn während der Nacht wagte man es nicht, sie draußen zu lassen. Durch die große Menge Milch, welche die Kühe lieferten, war die Haushaltung sehr bereichert worden, und Madame Turner wußte sie in gar vieler verschiedener Weise zu verwenden.

Die nächste Arbeit, welche man in Angriff nahm, war, ein Kanoe zu verfertigen, wozu ein ungeheurer Pappelbaum gefällt wurde.

Ein zwölf Fuß langes Stück seines Stammes wurde auf der obern Seite platt gehauen und etwas ausgehöhlt, wonach Daniel ein Feuer darauf anzündete und dasselbe in fortwährender Kohlengluth erhielt. In dieser Weise brannte er den Stamm hohl, so daß er, nachdem dies geschehen, nur wenig mit dem Beil und dem Stemmeisen nachzuhelfen brauchte. Dann hieb er den Stamm äußerlich in die Form eines Schiffes, brachte ein Paar Bänke in demselben an, und bald schwamm es zu aller Freude leicht und beweglich auf der klaren Fluth des Bärflusses.

Auf einer Stelle in nicht großer Entfernung vom Fuße des Hügels flachte sich das Ufer nach dem Wasser hin ab, so daß man dort die Pferde tränken konnte, und hier wurde das Kanoe mit einer Kette an einem Baum befestigt. Während Daniel das Boot anfertigte, schuf Carl ein anderes Werk von ebenso großem Nutzen; er baute nämlich ein Mühlenrad, und brachte dessen Welle auf einem kleinen Floß an, welches er auf dem Flusse zusammengefügt hatte, so daß die starke Strömung das Rad drehen mußte. Die Welle setzte er mit einer großen eisernen Maismühle, die Turner vorsichtigerweise früher angekauft hatte, in Verbindung, welche durch dieselbe in Bewegung gesetzt wurde und die viel mehr Maismehl lieferte, als die Ansiedler gebrauchten. Es wurde ihnen hierdurch die sehr beschwerliche Arbeit erspart, selbst täglich den Mais für den Brodbedarf zu mahlen. Nach Beendigung dieser Arbeit begann Carl einen Pflug zu bauen, wozu alles Eisenwerk fertig mitgebracht war. Turner und Daniel dagegen widmeten sich einer schweren Aufgabe, indem sie ein Stück des Waldes am diesseitigen Ufer zu einem Felde umschufen. Der Waldboden ist leicht zu bearbeiten und trägt gleich im ersten Jahre die reichste Maisernte, während ein Feld, in der Prairie angelegt, erst im dritten Jahre zum vollen Ertrag kömmt. Diese Erde ist zu fest und hart, als daß man sie gleich im ersten Jahre hinreichend lockern könnte. Die größeren Bäume des Waldes blieben stehen, wurden aber rundum einige Zoll breit von der Rinde entblößt, welches sie bis zum kommenden Frühjahr tödten mußte. Die kleineren Stämme und die Büsche wurden abgehauen und dicht um die großen Bäume aufgehäuft, um sie dort zu verbrennen, sobald sie trocken sein würden. Dann zäunte man das Feld ein, und da um diese Zeit der Pflug durch Carl hergestellt war, so wurde dasselbe zum ersten Male umgebrochen, um es während der Winterzeit so liegen zu lassen und im Frühjahr zu besäen. Neben diesen Hauptarbeiten führten die Ansiedler noch unzählige kleinere aus, die theils durch die Nothwendigkeit bedingt wurden, theils aber zur größern Bequemlichkeit verhelfen, oder auch nur Vergnügen bereiten sollten. So spannte zum Beispiel Daniel ein starkes Seil über den Fluß und befestigte es auf beiden Ufern an schwanke Bäume. An dieses Seil band er nun viele kurze, mit starken Angelhaken versehene Fischleinen, so daß dieselben in den Strom hinabhingen, und befestigte auch eine Metallschelle daran, die verkünden sollte, wenn sich ein Fisch gefangen habe und an dem Seile zuckte. Zu irgend einer Zeit, wenn Madame Turner nun Fische zu haben wünschte, wurden die Angelhaken mit Fleisch versehen, und es dauerte dann auch nie lange, bis die Glocke ertönte und man in dem Kanoe hinfuhr, um den gefangenen Fisch aus dem Strome zu ziehen. Der Reichthum dieses Wassers war unglaublich, es lebte von Fischen, deren viele ein Gewicht von dreißig Pfund erreichten, und es gewährte dem Auge einen überraschenden reizenden Anblick, dieselben in dem krystallklaren Elemente im Sonnenlichte in allen Farben schillern zu sehen. Auch die köstlichen Schildkröten, die dies Wasser zu Tausenden beherbergte, gelangten oft zu einem Gewicht von dreißig Pfund.

Wenn Carl nun während des ganzen Tages unermüdlich arbeitete und jede Gelegenheit mit Liebe und Lust erfaßte, um sich nützlich zu machen, so gehörte doch stets der frühe Morgen und der späte Abend ihm, und wurde von ihm verwandt, um seiner Liebhaberei, der Jagd, zu folgen. Daniel war dabei immer, wenn es dessen Zeit erlaubte, sein treuer Begleiter, und bald ward der Wald, bald die Prairie von ihnen zusammen durchstreift. Bei diesen Ausflügen gestattete Daniel seinem jungen Freunde stets den ersten Schuß nach dem Wild, und half nur noch mit einer Kugel nach, wenn Carl dasselbe nicht gleich tödtlich getroffen, oder gar ganz gefehlt hatte. Der Neger war ein außerordentlich guter Schütz und seine Schnelligkeit im Gebrauch der Büchse hielt mit der seines Falkenauges gleichen Schritt. Oftmals wurde Carl dadurch so überrascht, daß er laut seine Verwunderung darüber aussprach, welches Daniel dann immer mit Lachen beantwortete und sagte, das sei noch eine Erinnerung aus seinem Indianerleben. Eines Abends, nachdem sie des Tages Arbeit beendet hatten, ritten sie vor Sonnenuntergang in die Prairie hinaus, um dort wo möglich noch einen Hirsch zu erlegen. Wie aber das alte Sprichwort sagt, »es ist alle Tage Jagdtag, aber nicht alle Tage Fangtag,« so kann man oft in dem besten Jagdrevier sich abmühen, ohne Beute zu machen. So ging es den beiden Jägern heute, und sie lenkten halb verdrießlich ihre Pferde zurück nach der äußersten Spitze des Waldes am Pflaumenbach, welche sich eine Stunde weit hinaus in die Prairie erstreckte und durch einige himmelhohe Pappeln und Cypressen auf viele Meilen weit zu erkennen war.

Die Dämmerung zog schon über die Gegend, als sie diese Waldspitze erreichten und längs derselben hinritten, um nach Hause zurückzukehren. Hier standen die Bäume sehr einzeln, so daß man weit durch den Wald blicken konnte, dessen Boden hier nur mit niedrigem Grase bedeckt war und nur hier und dort einzelne Büsche trug. Daniel erzählte während des Reitens seinem jungen Gefährten von früheren Jagden und dieser hörte ihm aufmerksam zu, ließ aber demungeachtet seinen Blick dabei seitwärts durch den Wald schweifen. Plötzlich hielt er sein Pferd an und sagte leise zu Daniel:

»Was ist das dort unter der Eiche, siehst Du den schwarzen Punkt nicht?«

»Ein Bär, wahrhaftig; er hat uns noch nicht gesehen, schnell, springen Sie ab und schleichen Sie sich an ihn, der Wind ist günstig.«

Im Augenblick war Carl von seinem Pferde und sprang, tief gebückt, von Baum zu Baum durch den Wald. Der Bär suchte Eicheln und stand mit dem Kopf von Carl abgewandt.

Dieser kam ihm schnell näher und hatte ihn bis auf hundert Schritte erreicht, als er auf ein trockenes Reis trat, dessen Brechen und Knacken ihn selbst erschreckte. Er warf sich nieder, aber in demselben Augenblick setzte sich der Bär auf seinem Hintertheil auf, und blickte sich nach Carl um. Dieser hatte jedoch seine Büchse schon auf ihn gerichtet und gab Feuer. Der Bär rannte davon und Carl schoß auch den zweiten Lauf nach ihm ab, ohne ihn jedoch in seiner Flucht aufzuhalten.

In diesem Augenblicke sauste Daniel zu Pferde an ihm vorüber und unter den Bäumen hin dem dichten Walde zu, um dem fliehenden Bären den Weg dorthin abzuschneiden, und Carls Falber stürmte ihm mit fliegenden Steigbügeln nach. Vergebens rief Carl dem Pferde zu, es folgte zügellos dem Kameraden, und bald war die wilde Jagd in der Richtung nach der Spitze des Waldes vor seinen Augen verschwunden, da der Bär sich vor dem heranjagenden Neger und dem losen Roß abgewandt hatte. Carl lauschte der Jagd, deren Richtung ihm durch den gellenden Ruf Daniels bezeichnet wurde, und begann seine Büchse wieder zu laden, während er mißmuthig schon in Gedanken sah, wie sein Gefährte nun ohne ihn den Bären erlegen würde. Da schallte abermals der wilde Jagdruf Daniels zu seinem Ohr und zwar in nicht so großer Entfernung; Carl blickte auf, und dort kam der Bär in weiten Sätzen unter den Bäumen hergerannt. Er kam geraden Wegs auf Carl zu, dieser hatte soeben die Kugeln in die Läufe gesteckt und den Ladestock hervorgezogen, um sie hinunter zu stoßen; konnte er noch fertig laden, bis das grimmige Thier ihn erreicht hatte? das war die Frage, die sich ihm aufdrang. Mit aller Macht stieß er die eine Kugel in den Lauf hinab, der Bär war nur noch fünfzig Schritte entfernt, jetzt stieß Carl die zweite Kugel hinunter, warf den Ladestock von sich und griff nach den Zündhütchen, da hatte ihn der Bär bis auf zwanzig Schritt erreicht und stieß, den furchtbaren Rachen weit geöffnet, ein dumpfes Wuthgebrüll aus. Carl spannte beide Hähne seiner Büchse, warf dieselbe an die Schulter, und im Knall stürzte der Bär über Kopf nieder. Im nächsten Augenblicke hob er sich wieder hoch auf seine Hinterfüße und, seine Vordertatzen nach dem Schützen ausstreckend, schritt er zähnefletschend auf ihn zu. Carl rührte sich nicht, er sah fest über den Lauf nach dem Kopfe des Bären, gab Feuer und das wüthende ungeheure Thier stürzte todt zu seinen Füßen. In fliegender Carriere kam Daniel herangejagt und stieß einen lauten Freudenschrei aus, als er den Bären niedersinken sah, denn die Gefahr, in der sein junger Freund schwebte, war ihm nicht entgangen; es war ihm aber nicht möglich gewesen, dem Bären geraden Wegs zu folgen, da dieser sich durch eine Reihe hoher Steinblöcke vor ihm geflüchtet hatte, die er zu umreiten genöthigt gewesen war.

»Gratulire, junger Herr, das ist Ihr erster Bär, und ein feister Bursche ist es, er wiegt wenigstens achthundert Pfund,« rief Daniel, indem er vom Pferde sprang und Carl auf die Schulter klopfte, »das haben Sie gut gemacht, es war mir schon bange, Sie möchten den Kopf verlieren und sich auf die Flucht begeben; das Thier würde Sie in wenig Augenblicken eingeholt haben, auch selbst wenn Sie einen Baum erstiegen hätten. Diese schwarzen Bären klettern wie die Katzen, wohingegen die grauen, oder Grisleybären nicht klettern können. Nun aber, schnell nach Hause, wir müssen noch heute Nacht das Thier holen, damit die Wölfe es nicht zerreißen.«

Bei diesen Worten zog Daniel seine Jacke aus und warf sie über die Jagdbeute, und Carl folgte seinem Beispiele. Dann band der Neger Carls weißes Taschentuch an einen Baumzweig, so daß dasselbe über dem todten Thiere hin- und herwehte, und nun bestiegen sie ihre Pferde, nachdem Carl den Sattel auf seinem Falben wieder zurechtgelegt hatte, der ihm während der Jagd unter den Bauch gerutscht war. Nun ging es im Galopp über die Prairie der Niederlassung zu, die sie mit der Dunkelheit erreichten.

Die Nachricht von dem Jagdglück erzeugte große Freude im Fort, denn Warwick hatte Turners viel von dem Nutzen erzählt, den ein Bär um diese Jahreszeit dem Haushalte gewähre. Der Korbwagen, in welchem Madame Turner die Reise gemacht hatte, wurde angespannt, Daniel versah sich reichlich mit Kienspänen, um sie als Fackeln zu gebrauchen, zündete einige davon an, und ritt dem Wagen voraus, auf welchem Carl Platz genommen hatte und die Pferde lenkte. In der Prairie ging die Fahrt leidlich von Statten, obgleich manchmal ein umgefallener Mosquitobaum, oder ein Graben, den Gewitterwasser gerissen hatten, dieselbe für kurze Zeit unterbrach; als es aber in den Wald hineinging, da waren solcher Hindernisse viel mehr, und die alten Baumstümpfe, die nicht mehr hoch aus der Erde hervorsahen, gaben dem Fuhrwerk manchen unerwarteten heftigen Stoß. Daniel war aber zu wohl mit dem Leben in der Wildniß vertraut, als daß er nicht das Erreichen seines Ziels hätte möglich machen sollen, und bald rief er freudig aus: »Dort sehe ich schon Ihr Taschentuch wehen; die Herren Wölfe werden es hoffentlich respektirt haben!«

Der Bär lag denn auch wirklich noch so, wie sie ihn verlassen hatten. Sie fuhren den Wagen dicht an ihn heran, obgleich die Wagenpferde sich Anfangs weigerten, in die Nähe dieses gefürchteten Thieres zu kommen, und dann wurden Anstalten gemacht, um den Bär auf das Fuhrwerk zu befördern. Vermittelst Stricken und Hebebäumen gelang dies den beiden Jägern endlich, wenn auch nur durch die größte Anstrengung, und nun wurde die Rückreise angetreten. Es lag etwas Schauerliches in dieser Fahrt: die Nacht war rabenschwarz, das Fackellicht erhellte mit seinem rothen Scheine nur die nächste Umgebung, der schwarze Rauch des Kienholzes umwölkte den Wagen, auf dem das todte Ungeheuer lag, und nach allen Richtungen hin ertönte das unheimliche, klagende Geheul der Wölfe. Daniel ritt schweigend voran, und ebenso stumm lenkte Carl ihm die Pferde nach, während Beide die Büchsen zum raschen Gebrauch bereit hielten. Endlich aber zeigte sich die Pallisadenwand des Forts in dunkelem Umriß vor dem nächtlichen Himmel, und Turner trat mit einer Fackel in der Hand aus der Festung hervor. Im Triumph zog der Wagen durch das Thor ein, wo Madame Turner und die Kinder auf den Anblick des erlegten Thieres harrten. Der Bär wurde nun von dem Fuhrwerk herabgeworfen und mit einem Ausruf der Ueberraschung begrüßt. Man betrachtete und bewunderte ihn von allen Seiten, und dem Schützen Carl ward allgemeines Lob gespendet.

»Warum habt Ihr aber das Thier nicht an Ort und Stelle ausgeweidet? Ihr hättet dadurch doch weniger Gewicht auf den Wagen zu heben brauchen,« fragte Turner, indem er auf den kolossalen Umfang des Bären schaute.

»Weil wir dann das feinste und beste Feist verloren haben würden. Das Fett, welches zwischen den Eingeweiden des Bären liegt, ist so zart, daß es, so lange es noch warm ist, Einem zwischen den Fingern zerfließt, und es wäre Schade gewesen, es zu verlieren, denn es giebt das köstlichste Oel. Wir wollen den Petz auch ruhig liegen lassen bis morgen,« entgegnete Daniel, indem er die Stränge der Pferde vom Wagen löste, und diese in ihre Stände an der Pallisadenwand führte, wo sie mit den anderen Rossen jede Nacht befestigt wurden.

Bald nachher saßen die Kolonisten sämmtlich vergnügt um den Tisch und erfreuten sich des Abendbrods.

»Daniel, kurz vorher, ehe Ihr kamet, muß irgend Etwas bei den Kühen gewesen sein, denn sie fingen mit einem Male schrecklich zu brüllen an, und sprangen wie toll in der Einzäunung umher,« sagte Turner zu dem Neger.

»Das kann ein Panther, möglicherweise aber auch ein Jaguar gewesen sein, diese Gesellen werden uns überhaupt noch viel zu schaffen machen. Ich will morgen, ehe wir die Kühe hinauslassen, spüren, um mich zu überzeugen, was es gewesen ist; denn wir dürfen solche Besuche nicht dulden,« entgegnete der Neger. In diesem Augenblicke ertönten abermals die lauten erzürnten Stimmen der Kühe und Daniel sprang rasch auf, ergriff seine Büchse, rief Pluto und eilte zu dem Thore. Er öffnete dasselbe schnell und glitt, von Carl gefolgt, hinaus und durch die Dunkelheit der Einzäunung zu, in welcher die Kühe brüllend umhertobten. Es war umsonst, in der Finsterniß einen Gegenstand erkennen zu wollen, darum schoß Daniel und auch Carl die Büchse ab, und Beide ließen laute, gellende Schreie ertönen, indem sie den Hund hetzten.

Pluto sprang zwar bellend in die Finsterniß hinaus, kam aber sogleich wieder zurück und Alles ward still; denn auch die Kühe hatten sich beruhigt.

Die Nacht verstrich ohne weitere Störung, und als der Morgen anbrach, begab sich Daniel nach den Kühen, um nach dem nächtlichen Besucher zu spüren. Bald entdeckte er denn auch die Fährte eines mächtigen Jaguars, der die Einzäunung umschritten, es aber doch nicht gewagt hatte, zu den erbosten Kühen hineinzuspringen. Daniel spürte nun seiner Fährte nach und fand, daß er von dem Pflaumenbache hergekommen war. Dort aber das Lager des Raubthiers aufzufinden, war ohne dazu abgerichtete Hunde nicht möglich, und man mußte sich damit begnügen, dasselbe bei einem wiederholten Besuche in der Nähe des Forts zu belauern. Nun machte sich Daniel dabei, den Bären zu streifen, zu zerlegen und dann die prächtige Haut zum Trocknen aufzuspannen. Mit dem größten Erstaunen sahen Turners den Rücken des Thieres von der Haut entblößen, wo derselbe mit einer sechs Zoll hohen Lage Feist bedeckt war; in gleichem Maße befand sich das Innere des Bären mit Fett durchwachsen, und die Vorrathskammer der Madame Turner erhielt einen wesentlichen Zuwachs an köstlichem Oel. Nach dem Frühstück begaben sich Carl und Daniel in den Wald hinter dem neu angelegten Feld, um dort ein Vorhaben auszuführen, welches sie schon lange besprochen hatten. Sie wollten nämlich eine Falle bauen, um wilde Truthähne zu fangen, deren sich unzählige in diesem Walde aufhielten, weil dort sehr viele Pecanußbäume standen, deren Früchte sie außerordentlich lieben und deren Genuß sie sehr fett macht. Auf einer Blöße im Walde baute Daniel eine Hütte, indem er junge Baumstämmchen im Kreis tief in den Boden steckte, sie oben mit den Spitzen zusammenband und sie dann mit dünnen Stöcken durchflocht. Die Hütte war mannshoch und so dicht, daß man kaum den Arm zwischen den Stämmchen durchstecken konnte. Nun begann Daniel in einiger Entfernung von derselben einen Pfad zu graben, der nach der Hütte hin immer tiefer wurde, so daß er wohl zwei Fuß tief unter dem Geflecht hin in dieselbe hineinführte und sich innerhalb wieder erhob. Die Stämmchen, unter welchen dieser Weg durchführte, wurden über demselben durch Stöcke und Weidengeflecht an ihren Enden verbunden. Nun streute Daniel um den Anfang des Pfades und auf demselben hin bis in die Hütte hinein losen Mais, welchen die Truthähne sehr lieben. Wenn nun die Vögel beim Aufpicken der Körner dem Pfade folgen und unter dem Geflecht in die Hütte hineingehen, so finden sie den Weg niemals wieder heraus, da sie die Köpfe erheben und an dem Geflecht hin- und herlaufen, um zwischen demselben einen Ausgang zu finden, nie aber daran denken, sich zu bücken und eben so hinauszugehen, wie sie hereinkamen. Die Arbeit war nach einigen Stunden vollbracht, und Daniel hoffte, daß sie schon heute Abend einige Gefangene gemacht haben würden. Carl konnte kaum den Sonnenuntergang erwarten, wo er mit dem Neger wieder nach der Falle gehen würde; um so fleißiger aber war er Tags über bei einer Arbeit, die er auf Anrathen Daniels begonnen hatte. Er verfertigte nämlich eine lange starke Leiter, die von dem steilen Uferabhange innerhalb des Forts bis auf ein Felsstück hinabführen sollte, welches unten aus dem Strome hervorsah. Es war eine Vorsichtsmaßregel des Negers für den Fall, daß einmal die Wilden das Fort stürmen würden, wo die Leiter dann dessen Bewohnern die Flucht aus demselben möglich machen sollte. Man konnte auf ihr leicht den Felsen im Flusse erreichen, und von da in dem Kanoe nach dem jenseitigen Ufer in den Wald gelangen, wo Daniel einen Fußpfad bis zu dem Fahrwege ausgehauen hatte. Bis jetzt war zwar noch kein Indianer wieder gesehen worden, Daniel sagte jedoch, daß man gerade darum am meisten auf seiner Hut sein müsse. Während Carl an der Leiter beschäftigt war, schlugen Turner und der Neger lange eiserne Nägel, an denen sie die Köpfe abgefeilt hatten, in die Spitzen der Pallisaden, damit dieselben bei einem etwaigen Sturm den Indianern das Uebersteigen erschwerten.

Unter solchen und ähnlichen Arbeiten verstrich der Tag, Carl legte vergnügt sein Handwerkszeug bei Seite und hing das Jagdgeräth um. Voller Erwartung eilte er nun mit Daniel den Hügel hinab und dem Walde zu, wo sie die Falle erbaut hatten. Sie traten in den Wald ein, und schlichen sich durch denselben hin, als plötzlich von fern her ein lautes Rauschen und Schlagen zu ihren Ohren drang.

»Wahrhaftig, es sitzen schon welche darin, hören Sie nicht, wie sie mit den Flügeln schlagen!« rief Daniel und sprang voran durch das Dickicht, während Carl ihm mit allem Eifer folgte.

Bald hatten sie die Hütte erreicht und gewahrten fünf kolossale Truthähne in derselben, die mit hochgehobenen Hälsen darin umherrannten und mit den Flügeln schlugen, als wollten sie davonfliegen.

»Ja, wartet nur, ich will Euch den Weg zeigen!« rief Daniel und zog sein Jagdmesser hervor, während Carl gleichfalls mit dem Messer in der Hand an die Hütte sprang. Sie steckten nun die Arme durch das Geflecht und hieben mit dem Messer den Gefangenen die Köpfe ab. Sie wurden nun auf den Pfad herausgezogen, und frischer Mais auf denselben gestreut. Es waren fünf Hähne von außerordentlicher Größe, denn sie wogen ein jeder gegen fünfzehn Pfund. Daniel band dreien von ihnen die Füße zusammen und hing sie über die Schulter, während Carl sich mit den beiden andern belud, um den Heimweg anzutreten.

Um diese Zeit saß die Familie Turner neben dem Thore vor den Pallisaden auf einer Bank und ruhte sich von des Tages Arbeit aus. Es war einer jener milden, wonnigen Abende, wie sie der November in diesen südlichen Ländern gewöhnlich bietet. Die Luft zog kühlend und kräftigend über das hohe wogende Gras der Prairie, aus dem die Blumen des Herbstes ihre bunten, in den prächtigsten Farben leuchtenden Köpfe hervorhoben, die Sonne hatte den fernen flachen Horizont erreicht und ließ ihre letzten Strahlen auf dem hohen Walde des Bärflusses ruhen, dessen dunkeles Grün schon mit Gold und Carmin gemischt und mit dem brennend rothen Laube der Schlingpflanzen durchwirkt war; glänzend silberweiße Reiher und rosenrothe Flamingo's schwebten dem Urwalde zu und schwangen sich in dem scheidenden Blick der Sonne auf die schwindelnde Höhe der Cypressen, die ihre Riesenarme über den brausenden Fluß streckten, und der Whippoowill rief seinen eignen Namen klagend und wehmüthig durch das Dunkel des Waldes.