Wie strahlten die Blicke der Familie Turner nach den Ufern dieses wunderbar schönen Gewässers hinüber, wie hingen sie freudig an jedem Farmhause, an jeder Hütte, die friedlich und anmuthig unter hohen Baummassen hervorsah; – sollte doch auf diesem Ufer auch ihre neue Heimath gegründet werden! – Noch eine Nacht mußten sie auf dem Goliath zubringen, morgen aber hofften sie die amerikanische Erde zu betreten. Nur wenige Stunden während dieser Nacht gaben sich die Passagiere der Ruhe hin, denn das Mondlicht beleuchtete die Küsten der sich immer mehr verengenden Bay mit Tageshelle, so daß die Blicke der Einwanderer immer noch von dort angezogen wurden, und die Hunderte von großen und kleinen Schiffen, welche mit ihren weißen aufgeblähten Segeln an ihnen vorüber schaukelten und nickten, fesselten sie bis spät in die Nacht hinein auf dem Verdeck. Kaum aber graute der Tag, als sie sämmtlich aus der Kajüte hervoreilten, um ihre Augen wieder an den schönen Ufern zu weiden und jeder Farm im Vorübersegeln Grüße zuzusenden; denn der Vetter Victor wohnte ja unmittelbar an der Bay und war ja schon lange im Besitze der Nachricht, daß sie mit dem Goliath reisen würden. Der Name des Schiffes war mit großen schwarzen Buchstaben an dessen Spitze geschrieben, so daß der Vetter mit Hülfe eines Fernglases denselben lesen konnte – vielleicht eilte er dann sofort nach Baltimore, um seine lieben erwarteten Verwandten bei ihrer Ankunft daselbst zu empfangen. Die Sonne neigte sich schon, als die Thürme und Kuppeln dieser Stadt aus der blauen Ferne hervortraten, und die Abenddämmerung strich über die Erde, als der Goliath die Landspitze erreichte, von welcher aus Baltimore sich bis auf die ferneren Höhen ausdehnt. Hier, an der Point, wie man diesen äußersten Theil der Stadt nannte, legten alle aus See kommenden großen Schiffe an, und bald war der Goliath an einem Werfte befestigt und aller seiner Segel beraubt.
Mit einem stummen, aus tiefstem Herzen kommenden Dankgebet zum Himmel traten Turner und seine Gattin mit den Kindern an das Land, um nun sogleich einen Brief an den Vetter Victor der Post zu übergeben, damit dieser, von ihrer glücklichen Ankunft benachrichtigt, sobald als möglich in ihre Arme eilen möchte. Daniel, der in der Stadt bekannt war, mußte sie begleiten, und Kapitain Bosse versprach mit dem Abendessen auf ihre Rückkehr zu warten, denn es war zu spät geworden, um noch nach einem Gasthause übersiedeln zu können. Daniel rieth Turner, einen Wagen zu nehmen, da man eine halbe Stunde gebrauche, um nach der eigentlichen Stadt zu gehen, und weil ihm und den Seinigen nach so lange entbehrter Bewegung der Weg sauer werden würde. Turner folgte dem Rathe des Negers weniger aus Besorgniß vor dem weiten Spaziergang, als weil er den Kapitain nicht zu lange mit dem Abendessen auf sich warten lassen wollte. An der nächsten Straßenecke, wo viele Miethwagen hielten, wurde ein solcher bestiegen, Daniel setzte sich zu dem schwarzen Kutscher auf den Bock, und im Galopp jagten die Pferde mit dem leichten Fuhrwerk dahin. Die hohen prächtigen Gebäude, die Kirchen mit ihren Kuppeln und Thürmen, die Monumente und die wogenden Menschenmassen auf den Trottoirs, Alles von dem hellen Licht des Mondes beschienen, machten einen überraschenden, einnehmenden Eindruck auf die Ankömmlinge, und der Gedanke, in der Nähe einer so schönen belebten Stadt zu wohnen, that ihnen wohl. Die Post wurde bald erreicht, der Brief abgegeben, und ohne Aufenthalt lenkte der Kutscher die Pferde nach der Point zurück. Frühzeitig am folgenden Morgen verließen die Passagiere nun das Schiff und dessen freundlichen Führer, und bezogen ein Gasthaus zweiten Ranges ganz in der Nähe des Werftes, wo der Goliath lag. Kapitain Bosse, der mit dem Wirth des Hauses schon seit Jahren bekannt war, führte Turners bei ihm ein, und schnell hatten sie sich dort wöhnlich eingerichtet.
Turner stattete nun dem Kaufmann, auf welchen seine Wechsel ausgestellt waren, einen Besuch ab, um das Geld dafür in Empfang zu nehmen. Man gab ihm für den Betrag Anweisungen auf zwei verschiedene Banken, welche er in denselben vorzeigte und wogegen ihm die Summen zur Verfügung gestellt wurden. Turner empfing von der einen Bank den ganzen Betrag der Anweisung mit viertausend Dollar in Gold, in der anderen Bank aber ließ er das Geld, welches nicht ganz drei tausend Dollar betrug, stehen, um nicht sein ganzes Vermögen einem etwaigen Diebstahl auszusetzen.
»Es ist besser« sagte er zu seiner Gattin, »wenn wir nur einen Theil unseres Geldes bei uns im Hause haben; in der Bank kann es uns nicht gestohlen werden.«
Der dritte und vierte Tag verstrich, ohne daß der Vetter Victor selbst, oder nur eine Antwort von ihm erschienen wäre; denn Turner ging Morgens und Abends nach der Post und erkundigte sich nach Briefen. Dies Schweigen war ihm und den Seinigen recht unangenehm, wenn es auch in keiner Weise Besorgniß erregte, denn die unregelmäßige schlechte Postverbindung im Lande seitwärts von den großen Straßen machte es erklärlich. Als aber auch der fünfte Tag verfloß, ohne daß ein Lebenszeichen von dem Vetter eingetroffen war, entschloß sich Turner, selbst zu ihm hinzureisen und ihn zu überraschen.
Der Wirth des Gasthauses, dem Turner den Wohnort seines Vetters bezeichnete, rieth ihm, einen Wagen zu miethen und sich hinfahren zu lassen, wenn die Reise auch zu Schiff in kürzerer Zeit gemacht werden könne. In einem Segelboot sei er mehr von Wind und Wetter abhängig und habe weniger Bequemlichkeit, während die Kosten ziemlich gleich wären. Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch trat Turner die Reise an und nahm Carl Scharnhorst mit sich, um nicht ganz allein zu fahren und weil er selbst weniger gut englisch sprach, als der Knabe, der sich viel bei Daniel darin geübt hatte. Es war ein herrlicher heiterer Morgen, die Sonne verscheuchte bald den Nebel, der sich von der Bay aus weit über das Land gelegt hatte, und freudigen, muthigen, thatkräftigen Herzens begrüßte Turner die waldige Höhe, über welche die rohe Straße führte. Bunte, in goldigem Sonnenschein glänzende Vögel schwirrten durch den frischen grünen Wald, oder sangen ihr Morgenlied auf den himmelhohen Bäumen, graue und schwarze Eichkätzchen huschten über den Weg und jagten sich spielend an den Baumstämmen hinauf, und zu Carls großer Freude schwang sich ein mächtiger weißköpfiger Adler in nicht großer Entfernung von dem vorüberfahrenden Wagen auf eine Eiche. Carl rief dem Kutscher zu, anzuhalten, sprang mit seiner Büchse in der Hand aus dem Wagen, und eilte der Höhe zu, auf welcher die Eiche stand. In diesem Augenblicke erhob über der nahen Bay, auf welche Carl von hier aus einen Blick hatte, ein Fischadler ein lautes Geschrei, schoß, die Flügel an sich drückend, pfeilschnell nach dem Wasserspiegel hinunter, verschwand einen Augenblick unter demselben, und stieg dann mit einem großen Fisch in den Krallen wieder aus der Fluth empor. Kaum aber hatte er sich mit seinem Fang erhoben, als der Adler von der Eiche herabschoß und mit Blitzesschnelle auf ihn Jagd machte. Der Fischadler stieg schreiend gerade gegen den Himmel auf, der weißköpfige aber folgte ihm mit gewaltigem Flügelschlage, bis plötzlich sein fliegender Gegner den Fisch fallen ließ und er denselben noch einholte und ergriff, ehe er das Wasser erreichte. Nun zog der mächtige Vogel mit seiner Beute nach der Eiche zurück, um sie dort zu verzehren. Carl hatte, hinter Baumstämmen verborgen, der Jagd zugesehen und sich nun vorsichtig bis auf Schußweite dem Räuber genähert, der schon emsig beschäftigt war, den Fisch zu verspeisen. Die Büchse knallte und der Adler, von der Kugel in die Brust getroffen, stürzte todt mit dem Fisch auf die Erde herab. Im Triumph trug Carl beide zum Wagen hin, und erzählte nun seinem Onkel in größter Freude den Hergang der Jagd.
»Das ist der Lauf der Welt, Carl; der Mächtigere unterdrückt und beraubt den Schwächern,« sagte Turner lächelnd zu dem Knaben.
»Aber Onkel, ich habe ja nur den Räuber bestraft,« entgegnete Carl halb verlegen.
»Das heißt, weil es Dir überhaupt Spaß machte, den Vogel zu erlegen,« antwortete Turner scherzend. »Du hast ihn übrigens gut getroffen, und Du schießest schon sehr sicher mit der Büchse.«
»Sie ist ja auch ein Geschenk von Dir, lieber guter Onkel, da muß ich ihr doch Ehre machen,« entgegnete Carl, indem er Turners Hand ergriff und sie zärtlich drückte.
Der Weg bot während des ganzen Tages die reizendste Abwechselung: bald führte er durch weite üppige Grasflächen, auf denen prächtiges Vieh in großen Heerden weidete, bald zog er sich durch reiche Mais- und Tabacksfelder und an lieblichen Pflanzerwohnungen vorüber, bald wurde er von hohem Urwald überschattet, der sich wie ein Laubgewölbe über ihm schloß und nur hier und dort einzelnen Sonnenstrahlen gestattete, den mit riesigen Kräutern bedeckten Boden zu erreichen, und bald wieder streckte er sich über kahle Höhen, von wo man auf die grüne Fluth der Bay hinabschaute, auf welcher sich unzählige große und kleine Schiffe unter ihren weißen Segeln wiegten. Je näher Turner dem Ziele seiner Reise kam, um so stärker wurde das Verlangen nach dem Augenblick, wo er dem Vetter in die Arme eilen würde, und wieder und wieder fragte er den Kutscher, wie lange er noch zu fahren habe. Endlich, als die Sonne sich schon neigte, deutete der Fuhrmann nach einem seitwärts von der Straße an dem Ufer der Bay gelegenen Gehöft, und bezeichnete dasselbe als die ersehnte Farm. Kaum eine Viertelstunde war nöthig, dieselbe zu erreichen, und mit hochschlagendem Herzen sprang Turner aus dem Wagen und eilte durch den kleinen verwahrlosten Garten dem Hause zu. Seine Blicke schweiften nach allen Richtungen vor sich, um den Vetter zu erspähen, als ein Mann in Hemdsärmeln aus der Hausthür unter die Veranda trat und die Ankommenden verwundert betrachtete. Turner näherte sich ihm, begrüßte ihn freundlich, und fragte ihn in gebrochenem Englisch, ob Herr Victor Turner hier wohne, und ob er zu Hause sei.
»Herr Victor Turner ist todt, er ist vor zwei Monaten am Fieber gestorben; ich habe seiner Wittwe diese Farm abgekauft, und sie ist, so viel ich weiß, über New-York nach Deutschland zurückgekehrt,« antwortete der Fremde mit gleichgültigem Tone, und setzte dann noch hinzu: »Wollen Sie nicht näher treten, Herr?«
Turner stand, wie vom Blitz getroffen, und starrte den Fremden an, als forsche er, ob er wohl recht gehört habe.
»Mein Vetter todt?« rief er dann plötzlich, die Hände zusammenschlagend, aus, »es ist wohl nicht möglich!«
»Aber wahr, er ist todt und begraben, dort unter jenem Ahorn liegt er, wohin er vor seinem Ende noch bestimmte, beerdigt zu werden,« erwiederte der Fremde, nahm die Schöpfkelle aus dem Eimer mit Trinkwasser neben der Thür, und reichte sie Turner mit den Worten hin: »Wollen Sie nicht einen frischen Trunk zu sich nehmen, Herr?«
Turner, ohne Antwort zu geben, sank von Schreck und Schmerz überwältigt, auf eine Bank nieder, bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen, während sich Carl weinend an ihn schmiegte und den Arm um seinen Nacken schlang. Nach einigen Minuten jedoch sammelte sich Turner wieder, und fragte den jetzigen Herrn der Farm, ob ein Wirthshaus in der Nähe sei, wo er die Nacht zubringen könne.
»Trinkhäuser giebt es viele an der Straße, aber keine Wirthshäuser; das nächste ist zehn Meilen von hier entfernt. Wollen Sie jedoch bei mir bleiben, so sind Sie willkommen. Sie müssen vorlieb nehmen, ich habe noch keine Frau,« sagte der Farmer, und rief dann dem Kutscher zu, er solle die Pferde ausspannen und nach dem Stalle bringen.
Turner nahm nothgedrungen das Anerbieten an, verbrachte aber eine schreckliche Nacht unter dem Dache, unter welchem er Rath, Hülfe und Liebe für sich und die Seinigen zu finden gehofft hatte. Jetzt stand er allein, verlassen und ohne alle Freunde auf dieser fremden Erde; wo und wie sollte er nun eine Heimath suchen und finden? Trostlos trat er am folgenden Morgen seine Rückreise nach Baltimore an, und näherte sich bei Sonnenuntergang der Stadt mit einer tiefen Wehmuth im Herzen, denn er sollte nun auch den Seinigen die glückliche sorgenlose Ruhe nehmen und ihnen die Schreckenskunde überbringen.
»Großer Gott, Max, allein?« sagte Madame Turner zu ihm, als er aus dem Wagen stieg und sie den Ernst auf seinen Zügen las.
Turner schlang liebevoll seinen Arm um die Gattin und führte sie schweigend nach ihrem Zimmer. Dort theilte er ihr nun die schwere Trauerbotschaft mit, unter der auch sie im ersten Augenblick erlag. Sie wurde bleich, sie bebte und warf sich weinend an ihres Gatten Brust, doch bald ermannte sie sich wieder in dem Gedanken an den Allmächtigen, der ihnen immer so gnädig in der Noth beigestanden und sie noch kürzlich auf der See vom nahen Untergange gerettet hatte. Beide sprachen einander Trost ein, Beide sahen unbedingt und unerschütterlich nur ihr Bestes in Allem, was Gott über sie verfüge, und sie beschlossen, vorsichtig, aber ohne Zagen den Weg zu verfolgen, den sie für das Wohl der Kinder eingeschlagen hatten. Turner wollte sich nicht im Ankauf einer Farm übereilen, er wollte sich mit Ruhe nach einer solchen umsehen, und namentlich bei der Wahl derselben darauf bedacht sein, daß sie in einer gesunden Gegend läge. Sein Hauswirth sprach ihm auch Muth ein, derselbe war fast mit allen Farmern, die unweit der Bay wohnten, bekannt, da dieselben gewöhnlich zu Schiff ihre Producte nach der Stadt führten und dann bei ihm abstiegen. Turner besaß noch ungefähr sieben tausend Dollar baares Geld, und der Wirth hatte ihm schon von vielen hübschen, sehr einträglichen Farmen erzählt, die mit allem Zubehör für weniger angekauft waren. Bis zum Herbst hatte er ja Zeit, sich umzusehen, und da er sehr billig wohnte, so machte ihm der verzögerte Aufenthalt im Gasthause auch keine Sorgen. Schon nach wenigen Tagen stiegen mehrere Farmer aus dem Lande in dem Gasthause ab; der Wirth machte Turner mit ihnen bekannt, und sie luden ihn freundlich ein, mit ihnen nach Hause zu segeln, da sie ihm in ihrer Gegend verschiedene Pflanzungen zeigen könnten, die käuflich wären. Turner nahm den Vorschlag an, blieb über eine Woche von der Stadt entfernt, und kehrte sehr befriedigt zurück, wenn er sich auch noch nicht zum Kauf entschlossen, sondern vorher noch andere Ländereien in Augenschein nehmen wollte. Er machte dann mehrere kleine Reisen zu gleichem Zweck landeinwärts, weil ihm gesagt wurde, daß dort weniger Fieber herrschten, als an den Ufern der Bay, und seine Zufriedenheit mit dem Lande wuchs von Tag zu Tag. Kapitain Bosse, der mit Einnehmen einer neuen Ladung nach Europa beschäftigt war, suchte Turners häufig in den Abendstunden auf, und freute sich stets, wenn er hörte, daß es ihnen in ihrer neuen Heimath gefalle.
Eines Morgens saß Turner mit dem Wirthe auf der Bank vor der Thür des Gasthauses und unterhielt sich mit ihm über die Vorzüge und Nachtheile einer Farm, die ihm ganz in der Nähe der Stadt angeboten war. Wohl über eine Stunde hatten sie hier geplaudert und kaum bemerkt, daß die Straße mehr, als gewöhnlich, von Fußgängern belebt war, die dem obern Theile der Stadt zueilten. Jetzt aber kam ein Trupp junger Männer bei ihnen vorüber, von denen einer dem Wirth zurief, daß eine Bank ihre Zahlungen eingestellt habe und mit Ungestüm von dem Volke bedrängt werde. Turner, der es nicht deutlich verstanden hatte, ließ sich die Aussage durch den Wirth erklären, und hörte nun zu seinem furchtbaren Entsetzen, daß es gerade die Bank sei, in welcher er sein Geld stehen habe. Mit bebenden Lippen theilte er dies nun dem Wirthe mit, und beschwor ihn, sich seiner anzunehmen und ihm behülflich zu sein, um sein Eigenthum zu retten. Der Wirth war sogleich bereit ihn zu begleiten; sie bestiegen ohne Aufenthalt einen Wagen und eilten der Stadt zu. Je weiter sie fuhren, um so belebter fanden sie die Straßen, und bald wurde das Gedränge so groß, daß der Wagen nicht mehr weiter fahren konnte. Turner und der Wirth stiegen aus, und erreichten bald darauf das geschlossene Bankgebäude, vor welchem sich Tausende von Menschen versammelt hatten.
»An wen kann ich mich denn wohl wenden, um wenigstens einen Theil meines baar eingelegten Geldes wieder zu bekommen?« fragte Turner in seinem Schrecken den Wirth.
»Ja, bester Herr, es thut mir leid, es Ihnen sagen zu müssen, aber ich würde Ihnen keinen Dollar für Ihre ganze Forderung geben. Wie ich höre, so hat die Bank ungeheure Summen in Papiergeld ausgegeben, der Präsident derselben und der Cassirer sind mit der Baarschaft durchgegangen, und es wird Niemand einen Cent herausbekommen. Fügen Sie sich in Ihr Schicksal, es ist Nichts daran zu ändern. Hätten Sie mich um meinen Rath gefragt, ich würde Sie davor gewarnt haben, das Geld in dieser Bank stehen zu lassen.«
Mit diesen Trostworten ergriff der Wirth den Arm Turners und zog ihn mit sich fort aus dem Gedränge, um ihn von dem Orte zu entfernen, der ihm beinahe die Hälfte seines Vermögens kostete.
Dieser neue Schlag war zu schwer für Turners, als daß sie sich sobald hätten darüber erheben können. Aller Trost, den ihnen der freundliche Wirth sowohl, als auch Kapitain Bosse einzusprechen suchten, fand kein Gehör bei ihnen, sie gaben sich ihrem Schmerz, ihrem Unglück hin, und sahen mit Verzweiflung auf die Kinder. Mehrere Tage verstrichen, ohne daß sie hätten den mindesten Beschluß fassen, oder auch überhaupt ihre Lage überblicken können. Sie verließen kaum ihre Zimmer, saßen dort mit den Kindern in Kummer und Jammer versunken, und dachten an das schöne Werrathal zurück. Eines Abends, als die Sonne sich neigte und der Abendwind kühlend durch die Thür und die Fenster des Zimmers strich, saß Turner mit seiner Gattin in der düstern Ecke des Gemachs und gab seinem Gram Worte: »Es bleiben uns nicht mehr volle viertausend Dollar übrig, damit kann man hier im Lande keine Farm kaufen, die uns zu ernähren vermöchte. Arbeitskräfte besitzen wir nur in meinen und Carls Händen, und wenn wir auch gern das Unsrige thun wollen, so ist uns die Arbeit, wie sie hier vorkommt, doch noch zu neu und fremd, als daß wir viel zu schaffen im Stande sein werden. Hätten wir das Geld nicht verloren, so könnten wir uns einen Neger miethen, oder auch kaufen; wir würden ihn ja gut und nicht als Sklave behandelt haben. So aber besitzen wir nicht einmal genug Vermögen mehr, um Land, Vieh und Geräthschaften zu kaufen. Ich weiß nicht, was aus uns hier werden soll!«
Bei diesen letzten Worten ließ Turner muthlos die gefalteten Hände zwischen seinen Knieen hinabsinken, und blickte niedergebeugt auf den Fußboden vor sich. Madame Turner weinte und sah gleichfalls schweigend vor sich nieder; vergebens suchte sie nach einem Auswege, nach einem Trostwort.
Carl Scharnhorst, welcher schweren Herzens während dieser Tage dem Schmerz und Gram der geliebten Pflegeeltern gefolgt war, saß ihnen auch jetzt schweigend gegenüber, und sah ihre Trostlosigkeit, ihre Verzweiflung. Plötzlich aber erhob er seinen Kopf, seine Augen glänzten und verriethen, daß ein Hoffnungsgedanke ihn belebe. Er stand schweigend auf, nahm seinen Hut und Stock, und verließ das Zimmer. Mit raschen Schritten eilte er in der düster werdenden Straße hinab nach dem Werfte, wo der Goliath lag, und erstieg wenige Minuten später das Verdeck des Schiffes. Die Matrosen bewillkommneten ihn aufs Freundlichste, denn alle hatten den Knaben liebgewonnen, sie theilten ihm aber mit, daß der Kapitain nach der Stadt gegangen sei. Carl entgegnete ihnen, er komme, um Daniel zu sprechen, von welchem er wünsche, über Verschiedenes Auskunft zu erhalten. Auf den Ruf seines Namens kam der Neger herbeigeeilt, und freute sich herzlich, seinen jungen Freund zu sehen. Carl nahm ihn mit sich auf das obere Verdeck nach dem Boote, wo sie so manchen Abend in traulicher Unterhaltung beisammen gesessen hatten, und bat ihn, an seiner Seite Platz zu nehmen.
»Daniel, ich habe Dich Etwas zu fragen, worauf Du mir offen und ehrlich antworten mußt,« begann Carl, indem er die Hand des Negers ergriff, und ihn mit seinen großen treuen Augen ansah.
»Gern, junger Herr, will ich dies thun, so wie ich Alles gern thun werde, um Ihnen dienen zu können. Sie und die Ihrigen sind so freundlich gegen mich gewesen, wie es ein Amerikaner gegen einen Schwarzen gar nicht sein kann und wie ich es Ihnen niemals in meinem Leben vergessen werde. Was soll ich Ihnen denn beantworten?« entgegnete der Neger mit freundlicher Miene.
»Sage mir, warum fährst Du zur See und verdienst Dein Brod nicht lieber auf dem Lande, wo Du doch nicht immer so großen Gefahren ausgesetzt bist?« fragte Carl.
»Das will ich Ihnen sagen, weil ich im Dienste des Kapitains Bosse eine bessere Behandlung genieße und weniger der Verachtung der Weißen ausgesetzt bin, als in den Vereinigten Staaten. Aber warum wünschen Sie dies zu wissen, junger Herr?« entgegnete Daniel.
»Du hast wohl gehört, Daniel, daß mein Onkel so viel Geld an der Bank verloren hat.«
»Ja wohl, und es hat mir sehr leid gethan.«
»Sieh, Daniel, nun kann mein Onkel sich nicht hier ankaufen, wie er es beabsichtigte, und kann auch nicht, wie er wollte, Arbeiter miethen. Und doch muß er Jemanden zur Hülfe bei sich haben, der mit dem Landbau hier bekannt ist. Wir sind in einer schlimmen Lage, und der Onkel weiß gar nicht, was er anfangen soll,« sagte Carl etwas verlegen und schwieg dann, als wolle er Daniel das Wort überlassen.
Es trat eine Pause ein, der Neger saß während einiger Minuten sinnend vor sich niederblickend und nickte wiederholt mit dem Kopfe. Dann, wie zu einem Entschlusse kommend, sagte er: »Das ist freilich eine schlimme Lage, Sie sind fremd hier und unbekannt mit dem hiesigen Leben und Treiben, und leicht können Sie noch um den Rest des Vermögens betrogen werden. Sie haben mich als Mensch, als Ihres Gleichen behandelt, und würden mir gewiß auch beigestanden haben, wenn ich Ihrer Hülfe bedurft hätte. Glauben Sie, junger Herr, daß Ihr Onkel meine Dienste nicht zurückweisen würde? Schon lange hätte ich gern das Seeleben aufgegeben, hätte mich nicht das Vorurtheil der Weißen gegen meine Hautfarbe von dem Lande zurückgehalten. Mit Ihnen, junger Herr, möchte ich all mein Lebelang beisammen sein.«
»Du lieber, guter Dan, der Onkel würde ganz glücklich sein, wenn Du bei uns leben wolltest, und wir alle würden Dich gewiß immer recht lieb haben; und ich besonders, Dan, das weißt Du ja,« versetzte Carl, indem er dem Neger die Hand drückte. »Aber,« fuhr er dann fort, »würde es Kapitain Bosse nicht leid thun, wenn Du ihn verließest? er ist so gut gegen uns gewesen und wir dürfen ihm doch nichts Unangenehmes zufügen.«
»Der Kapitain verliert mich allerdings nicht gern, ich habe ihm aber schon oft gesagt, daß ich das Seefahren müde sei, und lieber auf dem Lande leben würde, wenn ich dort einen liebevollen guten Herrn wüßte. Er hat auch nichts dagegen, und hat mir erklärt, daß er meinem Wunsche nicht im Wege stehe. Wenn Ihr Onkel mich in seinen Dienst nehmen will, so würde ich sicher Alles thun, um mich ihm nützlich zu machen und mir seine freundliche Gesinnung zu erhalten.«
»Gut, so gehst Du mit uns, wohin wir auch ziehen werden, bester Daniel, und Nichts in der Welt soll uns wieder trennen,« sagte Carl, außer sich vor Freude. »Nun will ich schnell nach Hause eilen und es Onkel sagen, daß Du mit uns leben willst. Ich habe noch Nichts davon erwähnt, weil ich mit Dir erst darüber sprechen wollte. Morgen früh komme ich wieder zu Dir.« Hiemit sprang Carl auf, drückte dem Neger nochmals liebevoll die Hand, und eilte mit hochschlagendem Herzen nach dem Gasthaus zurück. Als er in das Zimmer trat, herrschte dort noch immer dieselbe ernste, gedrückte Stimmung. Turner schritt in Gedanken versunken auf und nieder, und die Andern saßen schweigend und wie in ihr Schicksal ergeben, umher.
»Nun, Carl, hast Du einen Spaziergang gemacht?« sagte Turner zu ihm, nur um Etwas zu sagen und strich ihm im Vorüberschreiten mit der Hand über die reichen Locken.
»Nein, Onkel, ich bin auf dem Goliath gewesen und bringe Dir eine recht erfreuliche Nachricht.«
»Erfreulich, Carl?« wiederholte Turner mit einem Ausdruck der Wehmuth und sah den Knaben fragend an.
»Ja, recht erfreulich, Onkel: Daniel will bei uns leben und mit uns arbeiten. Ich habe ihm gesagt, in welcher Lage wir uns befinden, und weil wir ihn freundlich behandelt haben, hat er sich entschlossen, uns zu helfen und beizustehen. Er ist doch recht gut.«
»Ist es möglich, Carl? Das wäre für uns ja mehr werth, als das ganze Geld, welches wir verloren haben. Und das hätten wir Dir wieder zu verdanken, Du braver, treuer Junge; wir sind so schon so tief in Deiner Schuld!« sagte Turner überrascht und bewegt und heftete seinen freudigen Blick auf den Knaben, indem er ihm beide Hände auf die Schultern legte.
»Du bist unser guter Engel, Carl, bist das Werkzeug Gottes, durch welches er uns in der Noth seine Barmherzigkeit, seine Hülfe zukommen läßt,« fiel Madame Turner ein, die bei der unerwarteten frohen Botschaft aufgesprungen und herangetreten war. In ihrer Freude ergriff sie den Kopf des Knaben mit beiden Händen, zog ihn an sich und küßte ihn auf die Stirn.
»Nein, Daniel müssen wir ja dafür danken, er thut es ja, um uns zu helfen,« sagte Carl verschämt und drückte seinen Mund auf die Hand seiner Pflegemutter.
»Und ohne Dich würde er nie darauf gekommen sein, mein Carl,« versetzte Turner, ihm liebevoll die Wange streichelnd. »Hast Du denn wohl daran gedacht, daß der Kapitain, der uns so viel Freundschaft erzeigt hat, ihn nicht gern entbehren wird; wir sind Bosse zu Dank verpflichtet, und würden Unrecht gegen ihn handeln, wenn wir ihm den Neger abtrünnig machten. Empfangenes Gutes soll man nie vergessen, Dankbarkeit ist eins der edelsten Gefühle des menschlichen Herzens.«
»Doch, Onkel, ich habe Daniel darauf aufmerksam gemacht; er erwiederte mir aber, daß er dem Kapitain schon seit längerer Zeit seinen Wunsch mitgetheilt habe, das Seeleben aufzugeben, sobald er auf dem Lande einen guten Herrn finden würde. Der Kapitain will ihm auch dabei nicht hinderlich sein.«
»Nun, dann in Gottes Namen, uns ist die Hülfe Daniels eine Lebensfrage,« sagte Turner wie neu belebt, und setzte sich, nachdem er noch einige Male in der Stube mit raschen Schritten auf und abgegangen war, zu seiner Gattin in das Sopha. Das kleine matte Licht der Lampe, welches bisher mit der trüben, niedergeschlagenen Stimmung der Familie in Einklang gestanden hatte, wurde vergrößert, und mit neuem Muthe und frischem Unternehmungsgeist ward wieder die Zukunft beredet.
Am folgenden Morgen, gleich nach dem Frühstück, traf Turner den Kapitain Bosse in der Gaststube und säumte nicht, ihm sofort den Entschluß Daniels mitzutheilen und ihm zugleich zu versichern, daß er das Anerbieten des Negers ablehnen werde, wenn es mit dem Wunsche des Kapitains nicht übereinkomme. Dieser aber erklärte sich vollkommen damit einverstanden und wünschte Turner von ganzem Herzen Glück, sich einen so braven, treuen Diener erworben zu haben. Als er sich entfernte, versprach er, Daniel Abends nach beendigter Arbeit zu Turner zu schicken, damit er selbst sich weiter mit dem Neger bereden könne. Carl stattete diesem aber noch Vormittags einen Besuch ab, und bei einbrechender Dämmerung ging er abermals nach dem Goliath, um Daniel von dort abzuholen. Als er mit demselben bei Turners im Zimmer erschien und diese dem Neger einen Stuhl reichten, wollte derselbe sich nicht darauf niederlassen, weil es, wie er sagte, gegen den Gebrauch des Landes sei, daß ein farbiger Mensch sich in Gesellschaft von Weißen setze; Turners aber erklärten ihm, daß sie keinen Unterschied zwischen schwarzen und weißen Menschen kennten, und nöthigten ihn, den Stuhl anzunehmen.
Diese Begünstigung that Daniel wohl, denn es war das erste Mal in seinem Leben, daß sie ihm zu Theil ward. Er erklärte sich nun bereit, in Turners Dienste zu treten und treulich bei ihnen in guten und in bösen Zeiten auszuhalten, so lange sie mit ihm zufrieden sein würden. Turners dagegen sprachen sich offen über den großen Nutzen aus, den Daniels Hülfe ihnen gewähren würde, und versicherten ihm, mit ewigem Dank diesen seinen Beistand zu lohnen. Nach gegenseitiger Uebereinkunft begann Turner nun mit dem Neger die zunächst zu thuenden Schritte zur Niederlassung zu bereden. Die Vortheile und Nachtheile der verschiedenen, Daniel bekannten Länder wurden reiflich gegen einander erwogen, so wie auch die Mittel und Kräfte Turners dabei in Anschlag gebracht, und nach stundenlangem Ueberlegen stellte es sich heraus, daß doch die südwestlichen Landstriche Amerika's die überwiegendsten Vorzüge vor allen andern besäßen. Daniel rieth unbedingt dazu, dorthin zu wandern, um sich anzusiedeln, wenn auch Turner sich im Augenblick noch nicht dazu entschließen konnte, die Seinigen den Gefahren auszusetzen, die ihrer dort harren würden. Daniel brachte von nun an einige Stunden an jedem Abend bei Turners zu, und blieb während der Berathung, die dort über die Zukunft gepflogen wurde, immer bei seiner zuerst ausgesprochenen Ansicht, daß der Südwesten Amerika's sich für die Verhältnisse Turners zum Ansiedeln am Besten eigne. Seine genaue Bekanntschaft mit jenen Ländern und seine anschaulichen, überzeugenden Schilderungen von deren Fruchtbarkeit und Weidereichthum trugen endlich den Sieg davon, und Turner entschloß sich, dort seine neue Heimath zu gründen.
Mittlerweile hatte der Goliath seine Ladung vollständig erhalten und wurde zum Absegeln bereit gemacht. Turners begaben sich eines Morgens an Bord, um dem Kapitain, mit nochmaligem Dank für seine viele Freundschaft, Lebewohl zu sagen und ihm zugleich Briefe an Freunde in dem lieben Deutschland zur Beförderung zu übergeben. Es war ein herzlicher, aber trauriger Abschied; ein Gefühl bemeisterte sich Turners, als ob mit dem Scheiden des Kapitains und des Schiffes die letzte Beziehung zwischen ihnen und Europa gelöst werde, und mit thränenschweren Blicken sahen sie die Segel über dem Goliath sich füllen und ihn hinaus in die Bay treiben. Lange noch standen sie am Strande und blickten ihm nach, bis er in der blauen Ferne verschwand; es war, als wollten sie dem Kapitain noch einen Dank nachwinken dafür, daß er in Daniel ihnen einen Trost, eine Stütze zurückgelassen habe.
Der Neger trat nun in seine Stellung bei Turners ein, und zwar als Diener und als hülfreicher Freund zugleich. Die Vorbereitungen zu der weiten Reise nach dem Westen wurden jetzt mit allem Eifer begonnen. Ein großer Frachtwagen wurde gekauft und dazu eingerichtet, um ihn sowohl mit Pferden als auch mit Ochsen bespannen zu können, und noch ein zweites sehr leichtes Fuhrwerk ward angeschafft, welches zur Bequemlichkeit der Madame Turner und der Kinder dienen sollte. Werkzeuge und Ackergeräthschaften aller Art, so wie diejenigen nöthigen Gegenstände für den Haushalt, welche nicht von Deutschland mitgebracht waren, wurden erstanden, und Alles zur Beförderung mit der Eisenbahn gut verpackt. Namentlich aber vergaß man die erforderlichen Waffen nicht. Es wurden drei Paar Revolver gekauft, und noch zwei Doppelbüchsen, welche genau dieselben kleinen Kugeln schossen, wie die Revolver; denn Daniel nannte es einen wesentlichen Vortheil, kleine Kugeln zu benutzen, weil man dadurch so viel weniger Gewicht an Blei und auch an Pulver zu tragen habe.
Der August war erschienen, als Turners ihre sämmtlichen Habseligkeiten auf die Eisenbahn geschafft hatten, und selbst mit den Kindern und Daniel den nach Cincinnati abgehenden Zug bestiegen. Mit beklommenem Herzen nahmen sie von Baltimore Abschied; die Hoffnung, die sie hierher geleitet hatte, war unter großen Opfern vereitelt worden, abermals waren sie auf langer Reise, um sich eine Heimath zu suchen – sollten sie diesmal glücklicher sein – sollte der heiße, sehnlichste Wunsch ihres Herzens, den Kindern eine sichere, sorgenlose Zukunft zu gründen, diesmal in Erfüllung gehen? Fort brauste der Eisenbahnzug, die Thürme und Monumente Baltimore's entschwanden den Blicken der Reisenden, wildromantische Felsen, waldbedeckte Höhen stiegen zu beiden Seiten der im Sturmlauf Vorübereilenden auf, aus reichen, mit Wiesen und Feldern geschmückten weiten Thälern sahen liebliche einzelne Farmen und kleine Städtchen hervor, und Turners richteten ihre Blicke mit neuem zuversichtlichen Vertrauen auf den Beistand des Allmächtigen abermals nach Westen. Cincinnati wurde glücklich erreicht, und hier begaben sich Turners nach kurzer Rast mit ihren Effecten an Bord eines Dampfers, der sie in wenigen Tagen auf den Fluthen des Ohioflusses und des Mississippi nach Memphis führte. Von dieser großen bedeutenden Handelsstadt aus mußte nun die Reise zu Lande fortgesetzt werden. Die Wagen wurden aufgestellt, für den größeren wurden drei Paar mächtige Zugochsen, für den kleineren aber zwei kräftige Rosse gekauft, und außer drei Reitpferden, welche für Turner, Carl und Daniel bestimmt waren, noch ein Wagenpferd angeschafft, welches für den Nothfall, daß Einem oder dem Andern Etwas zustoßen würde, dienen sollte. Nach Verlauf von einigen Wochen war Alles zur Abreise bereit, frühzeitig am Morgen wurde die Ueberfahrt über den Mississippi glücklich ausgeführt, und Daniel, der vorzüglich mit Ochsen zu fahren verstand, trieb von seinem Pferde herab mit der langen Peitsche die sechs mächtigen Stiere vor dem schwer bepackten Wagen an. Ihm folgte das leichte, von zwei stattlichen Schimmeln gezogene offene Fuhrwerk, in welchem Madame Turner mit ihren Kindern saß und selbst die Pferde lenkte. Den Zug beschloß Herr Turner zu Roß, während Carl Scharnhorst denselben anführte, indem er, von Pluto gefolgt, auf einem edeln Falben in einiger Entfernung vor Daniel auf der rohen Straße hinritt. Sein Pferd war ein vollkommen für die Jagd abgerichtetes Thier, es stand unbeweglich beim Schießen, ließ Wild aller Art auf seinen Rücken packen, und entlief niemals seinem Herrn, wenn er es sich selbst überließ. Dabei war es ein schönes, kräftiges Thier von gelblicher Farbe mit schwarzer Mähne und schwarzem Schweif, und besaß neben einer außerordentlichen Schnelligkeit eine große Ausdauer. Mit Verlangen hatte Carl während der Reise von Baltimore bis Memphis diesen Augenblick herbeigewünscht, wo er, mit der Büchse bewaffnet, zu Roß die Urwälder des Westens durchziehen würde, und freudig begrüßte er das heimliche Dunkel unter dem schattigen Laubdach der Riesenbäume, die ihre ungeheuren Aeste hoch über ihm zu einer Kuppel verschlangen. Wie ein hochgewölbter Säulengang, von den Stämmen colossaler Eichen, Cypressen und Platanen getragen, wand sich die Straße durch den undurchdringlich dichten Wald, und Carl sandte in der Hoffnung, einem Stück Wild zu begegnen, seinen spähenden Blick voraus durch die hohen Pflanzen, die von beiden Seiten in den wenig befahrenen Weg hingen. In seinem Eifer trieb er sein Pferd zu raschen Schritten an, so daß bald das Knarren und Aechzen des schwer beladenen Wagens sein Ohr nicht mehr erreichte. Todtenstille herrschte rundum, kein Luftzug bewegte das Laub oder die leichten, mit bunten Blüthen besetzten Ranken der Schlingpflanzen, die von den höchsten Aesten bis über den Weg herabhingen, und eine schwüle, drückend heiße Luft füllte den Wald. Plötzlich sah Carl an der entfernten Biegung der Straße einen goldrothen Fleck aus dem frischen Grün hervorglänzen, jetzt bewegte sich derselbe, es mußte ein Hirsch sein! Im Augenblick war Carl aus dem Sattel gesprungen, ließ das Pferd zurück, und schlich schnell, aber vorsichtig von Busch zu Busch, von Baum zu Baum, bis nur etwa hundert Schritt zwischen ihm und dem Thiere lagen. Dasselbe stand aber, mit dem Kopf an der Erde, hinter hohen Pflanzen, so daß Carl nur wenig von dessen Körper erkennen konnte. Näher durfte er nicht gehen, wollte er nicht von ihm bemerkt werden; er stand hinter dem letzten Busch, der in den Weg hineinhing, und in den Wald hineinzuschreiten, war hier wegen des Rankengeflechts unmöglich. Carls Herz schlug so laut, daß es ihm vorkam, als müsse das Thier es hören, es machte ihm das Athmen schwer, er bebte vor Eifer am ganzen Körper; da hob der Hirsch den Kopf empor und schlug, indem er hinter dem Busche heraustrat, mit dem mächtigen Geweih nach den Fliegen. Im Augenblick riß Carl die Büchse an die Schulter, der Schuß krachte und der Weg war in Pulverdampf gehüllt. Carl sprang durch den Rauch vorwärts und spähte nach dem Platz, wo der Hirsch gestanden hatte, doch konnte er Nichts mehr von diesem erblicken, und als er selbst den Fleck erreichte, suchte er vergebens nach einer Schweißspur. Es war der erste Hirsch, den er jemals im Freien gesehen hatte, und untröstlich schaute er mit der Ueberzeugung um sich, daß er ihn gefehlt habe. Während er nun seine Büchse wieder zu laden begann, war Pluto in das Dickicht gelaufen und ließ plötzlich seine Stimme in flüchtiger Jagd ertönen. Carl rannte in gleicher Richtung auf dem Wege hin, war aber nur einige Augenblicke gelaufen, als der Hund verstummte, der Hirsch dagegen gellende Klagetöne ausstieß. Carl stellte die Büchse an einen Baum, zog das Jagdmesser und sprang dem Schreien nach in den Wald hinein. Wiederholt mußte er sich mit dem Messer durch die Ranken den Weg bahnen, bis er wirklich den Hirsch vor sich sah, den Pluto niedergerissen hatte. Die Freude Carls überstieg alle Grenzen, er gab dem Thiere den Todesstich, zog es dann mit großer Anstrengung und Mühe bis auf den Weg und eilte nun zu seinem Pferde zurück, welches noch auf demselben Platze, wo er es verlassen hatte, ruhig graste. Nachdem er die Ladung seiner Büchse wieder vollendet hatte, führte er sein Roß zu dem Hirsche, und ergötzte sich an dem Anblick des erlegten Wildes, bis er plötzlich das Knarren des Wagens hörte. Schnell schwang er sich in den Sattel und eilte davon, damit die Seinigen durch die Jagdbeute überrascht werden sollten. Bald darauf kamen die Ochsen im langsamen Schritt heran und die Vordersten stutzten vor dem mitten im Wege liegenden, todten Thiere, ehe Daniel dasselbe gewahrte. Der Neger jubelte laut auf, sprang vom Pferde und zog den Hirsch bis hinter den Wagen, damit Madame Turner und die Kinder ihn sehen sollten, und Turner war gleichfalls abgestiegen, um ihn zu betrachten und Daniel behülflich zu sein, ihn auf den Wagen zu heben.
»Carl fängt wahrhaftig an, uns im eigentlichen Sinne des Wortes zu ernähren,« sagte Turner halb im Scherz, halb im Ernst, »welche Freude wird es ihm aber gemacht haben, uns so überraschen zu können.«
»Ja, und wie gut hat er den Hirsch geschossen, die Kugel sitzt gerade auf dem Blatt; er wird einmal ein tüchtiger Jäger werden,« fiel Daniel ein, indem er das Thier mit abgebrochenen Büschen bedeckte, um es gegen die Fliegen zu schützen.
Carl war während dieser Zeit wieder vorangeeilt, in der Hoffnung, noch einen Schuß nach Wild anzubringen; zu seinem Leidwesen aber lichtete sich bald der Wald, und der Weg führte nun durch offene Grasfluren und Felder nach dem Städtchen Marion. Carl erwartete in dem Schatten der letzten Bäume die Wagen, während er sein Pferd grasen ließ, und wurde von den Seinigen mit Jubel begrüßt und belobt über den Meisterschuß, den er gethan hatte. Die Sonnenstrahlen fielen jetzt drückend auf die Reisenden nieder, so daß Madame Turner und die Kinder Regenschirme aufspannen mußten, und auch Herr Turner bediente sich eines solchen, um sich gegen die Sonne zu schützen; Carl aber ertrug sie ohne Beschwerde, und meinte, ein Jäger mit einem Regenschirm müsse ausgelacht werden. Nach einigen Stunden erreichten die Wanderer zu ihrer großen Erquickung wieder den Wald, der sie ohne Unterbrechung überschattete, bis sie bei sinkender Sonne an einem kühlen Wasser ihrer Tagereise ein Ziel setzten. Es war zum ersten Male, daß Turners eine Nacht unter Gottes freiem Himmel zubringen sollten, und wenn sie sich dies während ihres ruhigen wohlgeborgenen Lebens auf der Kluse auch als etwas Schreckliches, kaum Mögliches gedacht haben würden, so hatte es jetzt etwas Reizendes, Bezauberndes für sie. Zwischen den kolossalen Stämmen der himmelhohen Bäume, auf welche die Sonne hier und dort ihre letzten rothen Lichter durch die dunkelgrünen Laubmassen warf, wurde auf dem üppigen hohen Grase hart an dem Ufer des rauschenden Wassers das Zelt aufgeschlagen, und vor ihm das Lagerfeuer angefacht, dessen flackerndes Licht die schnell einbrechende Dunkelheit auf weithin zurückdrängte, und das hohe Laubdach mit seinem tausendfach verschlungenen Rankengeflecht und seinem bunten Blumenflor glühend beleuchtete. Während Daniel seinem jungen Freunde Anweisung gab, wie der Hirsch zerlegt werden müsse, war Madame Turner mit Julie so recht innig vergnügt beschäftigt, das Abendbrod an dem Feuer zu bereiten, den Kaffee zu kochen, aus Maismehl das Brod zu backen und die Pfanne herzurichten, um die zarten feisten Stücke Wildpret, welche Carl ihr jetzt reichte, zu braten. Turner hatte die Pferde in dem Bache getränkt und gab ihnen Mais zum Abendfutter in den hölzernen Trog, welcher zu diesem Behuf hinter dem Wagen befestigt war, nachdem er den Ochsen eben solche Tröge vorgestellt, und ihnen darin den nöthigen Mais verabreicht hatte. Der Hirsch war bald zerlegt, die einzelnen Theile in der Nähe des Zeltes an Aeste aufgehangen und die Haut mit langen Stöcken ausgespannt, welches Daniel dadurch bewerkstelligte, daß er dieselben an beiden Seiten zuspitzte und übers Kreuz in den Hautrand einstach. Er hatte sie nahe vor dem Feuer aufgestellt, damit sie durch dessen Hitze getrocknet und vor Verderben geschützt werde.
Madame Turner rief jetzt zum Abendessen, welches auf dem Deckel einer großen Kiste vor dem Zelte aufgetragen war; ihre Lieben ließen sich um denselben im Grase nieder, und auch Daniel setzte sich auf Turners Wunsch mit in die Reihe. Es mundete Allen herrlich, denn der lange Tagesmarsch hatte das Mahl gewürzt, und Alle meinten, so gut hätte es ihnen doch niemals in Deutschland geschmeckt. Es war eine lauwarme stille Nacht, der Rauch und die Funken des lustig flackernden Feuers wirbelten sich wie eine golddurchwirkte Säule gerade zum Himmel auf, und hier und dort in den Oeffnungen zwischen den unbewegten riesigen Baumkronen blitzten die hellen Sterne am dunkeln Firmament. In dem weiten Kreise, den das Feuerlicht um das Lager schuf, zitterten die schwarzen langen Schatten der majestätischen Baumstämme auf den Laubmassen, und weiter hin in der Finsterniß des Waldes schwebten Myriaden von leuchtenden Insecten. Spät noch saßen Turners, von der Schönheit der Nacht entzückt, und lauschten den Erzählungen Daniels. Er sprach von den unabsehbaren wogenden Grasfluren der westlichen Länder, von dem wundervollen Blumenflor, womit dieselben Jahr aus Jahr ein geschmückt, von den kristallhellen brausenden Gewässern mit ihren goldig schimmernden Fischen, von dem durchsichtig blauen Himmel und von der ewig bewegten kühlen Luft, die erquickend und stärkend über jene Länder ziehe. Unter den Indianern geboren, war deren hoher Sinn für die Schönheiten der Natur auf ihn übertragen, und seine lebendigen gefühlvollen Beschreibungen von den Fluren, wohin er die Wanderer jetzt führte, begeisterten diese mit den beglückendsten Hoffnungen. Endlich mahnte Turner an die Nachtruhe und begab sich mit den Seinigen in das Zelt, während Carl es vorzog, bei Daniel vor dem Feuer zu schlafen. Dieser machte ihm nach Jägerbrauch ein Lager zurecht, breitete die wollene Satteldecke für ihn aus, gab ihm den Sattel als Kopfkissen und hieß ihn seine Büchse als Schlafkameraden neben sich legen. Ruhig und in wonnigen Träumen, wie sie nur der Schlaf unter heiterem Sternenhimmel zu geben vermag, schwand den Ruhenden die Nacht, und der frühe Morgen, als noch das Laub sich unter dem schweren Thau neigte, sah sie schon wieder auf ihrem Wege nach Westen. Ueber zwei Wochen wanderten sie in dieser Weise vom Anbrechen bis zum Sinken des Tages durch das waldbedeckte sumpfige Arkansas, und zwar oftmals halbe Tage lang, ohne auf ein anderes Zeichen der Cultur zu stoßen, als die rohe, durch das Fällen von Bäumen geschaffene Straße, auf der sie fuhren, verrieth. In den einzelnen Farmen, an denen sie vorüber zogen, kauften sie Mais für die Zug- und Reitthiere, Mehl und Kartoffeln für den eigenen Bedarf, und wurden mitunter mit Milch, Buttermilch, Eiern und Butter beschenkt. So reich und üppig der Boden dieser Farmen aber auch war, so kühl und heimisch deren Wohnhäuser auch in dem Schatten dichtbelaubter uralter Bäume versteckt lagen, so stand doch unverkennbar auf den bleichen kraftlosen Gestalten ihrer Bewohner geschrieben, daß ein böser Feind, das Fieber, sich unter ihnen aufhalte, welches fortwährend aus den endlosen Sümpfen der Wälder erzeugt wurde. Mit verwunderten, oft neidischen, oft wehmüthigen Blicken betrachteten die Leute auf diesen Ansiedelungen die frischen rosigen Gesichter der deutschen Wanderer, und riethen ihnen auch wohl, nicht in diesem Lande des Todes zu weilen. Das Fieber schien aber keine Gewalt über die kräftigen gesunden Naturen der Turnerschen Familie zu haben, und frisch und heiter begrüßten sie die ersten Grasfluren im westlichen Ende von Arkansas. Der Anblick dieser Prairie, wenn sie auch nur einige Meilen im Durchmesser hatte, überraschte und entzückte die Herzen unserer Reisenden sehr. Das hin- und herwogende hohe Gras, die Farbenpracht der Blumen, die aus demselben hervorsahen, der kühlende Luftstrom, der erfrischend darüber hinzog, stand so sehr mit dem einförmigen beschränkten Bilde im Gegensatz, welches der undurchdringliche Urwald mit seiner schweren, schwülen Luft den Wanderern während einiger Wochen geboten hatte, daß sie wie aus einem düsteren Gefängniß hervortraten und wieder frei aufathmeten. Noch einmal sollte sie aber der unheimlich dichte Wald umfangen, und die Sonne stand schon niedrig, als sie von der hochgelegenen Grasfläche in denselben hineinfuhren. Die Bewohner einer an dem äußersten Anfange der Prairie gelegenen Farm, von denen Turners mit Mais versorgt worden waren, hatten sie aufmerksam darauf gemacht, daß sie in diesem Walde ein böses, gefährliches Wasser finden würden, welches bei dem leichtesten Regen so schnell steige und aus seinen Ufern träte, daß es die ganze Gegend zu seinen Seiten auf viele Meilen weit überschwemme. Als die Wagen in diesen Wald hinein fuhren, zogen schwere Gewitterwolken am Himmel hin, welche bald die Sonne verdunkelten und sich immer drohender und schwärzer aufthürmten. Daniel hielt die Stiere an, und fragte, ob es nicht besser sei, hier den Regen abzuwarten, doch Turner zog es vor, noch an diesem Abend den Wald zu durchziehen, da derselbe nur wenige Meilen breit sein sollte. Er fürchtete, daß das Wasser steige und es ihnen dann vielleicht auf viele Tage, ja auf Wochen unmöglich machen werde, den waldigen Grund zu passiren. Daniel trieb nun die Ochsen zu verdoppelter Eile an, und während Turners ihm folgten, ritt Carl Scharnhorst voran, um den Weg, und namentlich den Fluß in Augenschein zu nehmen. Die Straße war nur breit genug für einen Wagen und bot Daniel kaum hinlänglich Raum, zu Pferde neben den Stieren herzureiten. Dabei wurde der Weg immer sumpfiger und grundloser, so daß die Räder bis an die Achsen versanken. Der Zuruf Daniels und die Peitsche trieben aber die Ochsen mit Eile vorwärts, und schon konnte der Neger in einiger Entfernung Carl erkennen, der sein Pferd in dem seichten Flusse tränkte, als das Fuhrwerk über einen, im Morast versunkenen Baumstamm fuhr, und der schwere eiserne Nagel, der den Vorder- und Hinterwagen zusammen hielt, mit einem lauten Krach zerbrach. Daniel, der sofort erkannte, was geschehen war, brachte im Augenblick die Zugthiere zum Stehen und theilte mit Bestürzung Herrn Turner den Unfall mit, indem er zugleich auf das Gewitter hindeutete, welches schon schwer über dem Walde hing. Turner sah mit Entsetzen den Wagen an; in diesem Zustande konnte derselbe nicht vom Flecke bewegt werden. War es wirklich möglich, daß das Wasser in so unglaublich kurzer Zeit steigen könne, wie die Farmersleute gesagt hatten, so durften Turners die Fluth schon binnen wenigen Stunden hier um sich erwarten, und dann war an eine Rettung des Wagens und der Ladung nicht mehr zu denken. Wohin man nach den Bäumen und Büschen blickte, erkannte man die Spuren früherer Ueberschwemmungen an dem Schlamm, Schilf und Reisig, welches die Strömung zehn Fuß hoch von der Erde an ihnen zurückgelassen hatte, so daß ein solches Wasser die Fuhrwerke bedecken und wahrscheinlich mit sich fort reißen mußte. Rathlos und ohne zu einem Entschlusse kommen zu können, hielt Turner mit dem Neger bei dem Wagen, als Carl herangeritten kam, um zu fragen, was die Ursache des Haltens sei. Unter Angst und Schrecken wurde ihm der Grund mitgetheilt. Auch Carl war im ersten Augenblick bestürzt und sah besorgt bald nach dem Wagen, bald nach dem angeschwemmten Reisig in den Aesten der Bäume; dann aber wandte er sich rasch zu dem Neger und sagte:
»Daniel, Du hast mir ja von einer Holzart erzählt, aus welcher die Indianer ihre Bogen verfertigen, und welches so hart und so zähe sei, wie Stahl; sollte dies Holz vielleicht hier im Walde wachsen? dann könnte man ja einen Nagel daraus machen.«
»An allen den Flüssen, etwas weiter westlich, trifft man dieses Holz an, es wäre darum nicht unmöglich, daß es sich auch hier vorfände. Die Indianer nennen es bois d'arc, oder Bogenholz. Ich will mich schnell einmal danach umsehen,« antwortete der Neger, wie von einer Hoffnung belebt, band sein Pferd mit dem Zügel an einen Baum, und eilte mit der Axt in der Hand in das Dickicht hinein. Carl war abgestiegen und sprang auf den Wagen, um die Kiste zu öffnen, in welcher die Werkzeuge sich befanden. Nachdem er verschiedene derselben auf die Erde hinab geworfen hatte, begab er sich unter das Fuhrwerk, um den Schaden näher zu untersuchen, und er hatte dort nur wenige Minuten verbracht, als Daniel in der Ferne einen lauten Jubelruf erschallen ließ.
»Er hat das Holz gefunden!« rief Carl freudig aus, hob die schwere Winde dann von dem Wagen und setzte sie unter denselben, um ihn damit in die Höhe zu heben. Turner war ihm dabei behülflich, indem er ein Stück Holz von einem umgefallenen Baume des weichen Bodens wegen unter die Winde legte, und nun begannen Beide mit vereinten Kräften den schweren Wagen aufzuwinden. Bald war dies so weit geschehen, daß Carl die beiden Stücke des zerbrochenen eisernen Nagels aus der Oeffnung hervornehmen konnte, und nun hing Alles davon ab, ob Daniel wirklich das erwünschte Holz mit sich brachte.
Ein heftiger Donnerschlag erschreckte jetzt die Hoffenden und mahnte sie von Neuem an die Gefahr, in der sie schwebten. Zugleich fielen schwere Regentropfen auf sie nieder und wenige Augenblicke später goß es wie ein Wolkenbruch vom Himmel herab. Durch den dichten Regen wurde aber Daniel jetzt sichtbar und zwar mit einem starken Ast in der Hand.
»Gottlob, nun sind wir gerettet!« rief Carl, ihm entgegentretend, und nahm ihm das Holz ab. Schnell ergriff er dann das scharfe Beil, womit er den Ast, um den Nagel daraus herzustellen, zu behauen begann. Das Holz aber war so hart, daß die Arbeit nur sehr langsam von Statten ging und mit jedem Hiebe ertönte der Stahl in hellem Klange. Dabei strömte die Fluth ununterbrochen so gewaltig auf die Erde nieder, daß bald, so weit man sehen konnte, die ganze Grundfläche einem See glich, der mit jeder Minute an Tiefe zunahm, und bereits zu strömen begann. Madame Turner hatte sich mit den Kindern in ihren Wagen geflüchtet, wo sie das starke darüber gespannte Leinentuch gegen die Nässe schützte, während die beiden Männer das Tuch über den großen Wagen strammer anzogen und Carl den Nagel eifriger bearbeitete. Endlich war derselbe fertig, war passend und sauber abgerundet und Carl setzte ihn mit Hülfe Turners und des Negers an den Platz des eisernen Nagels ein. Dann ward der Wagen wieder niedergelassen und Alles war zur Weiterfahrt bereit. Jetzt war es die Frage, ob das Stück Holz stark genug sein würde, namentlich während des ersten Anfahrens, um der großen Gewalt zu widerstehen, die gegen dasselbe wirken mußte; denn die Räder waren bis an die Achsen versunken. Die Pferde wurden bestiegen, Carl ritt voran, Daniel rief den Stieren zu und schwang die gefürchtete Peitsche über deren Köpfen, sie legten sich mit aller Kraft in die Ketten und unter schwerem Knarren und Aechzen setzte sich nach wiederholten äußersten Anstrengungen der Thiere der Wagen in Bewegung. Das Wasser wurde mit jedem Schritt tiefer und die Strömung stärker, und als die Stiere in den Fluß hinein schritten, reichte ihnen die Fluth bis an die mächtigen Seiten hinauf. Das Wasser stieg in den großen Wagen, konnte der Ladung aber keinen Schaden zufügen, weil der untere Theil derselben aus Gegenständen bestand, auf welche die Nässe nicht nachtheilig wirkte. Die Räder an dem Fuhrwerk der Madame Turner waren sehr hoch, so daß der Strom kaum über den Fußteppich in denselben drang, dennoch steigerte dies die Bangigkeit der Frau und Kinder während der Durchfahrt sehr. Bald aber war das jenseitige Ufer glücklich erreicht und mit frohen, von Angst befreiten Herzen erkannten die Wanderer, daß der Grund unter ihnen wieder fester wurde. Der Weg hob sich allmählig, er wurde steiler und trockener, der Donner rollte nicht mehr so anhaltend, so fürchterlich, und der Regen verlor an Heftigkeit. Hier und dort theilte sich bald darauf das eilende Gewölk, der blaue Himmel schien hindurch und die sinkende Sonne warf noch ihre Strahlen freundlich und mild auf die krystallhell glänzende Tropfensaat, die der Regen an jedem Blatt, jedem Halme, jedem Reis zurückgelassen hatte. Jetzt erreichten Turners am Ende des Waldes einige steile Höhen, von wo sie auf die so gefahrvoll durchwanderte Niederung zurückblicken konnten. Das ganze bewaldete Thal war ein reißender Strom, aus dessen weißschäumenden Wogen die höheren Bäume emporragten und ihre unteren Aeste mit der Fluth spielen ließen. Nach Westen aber, wo jetzt die Sonne nahe über dem flachen Horizont stand, lag eine endlose unabsehbare Grasfläche vor den erstaunten Blicken der Wanderer, und mit frohlockenden Herzen begrüßten sie diese erste offene Prairie. Das üppige saftige Grün dieser weiten Flur war durch den Regen erfrischt worden, und die letzten Blicke der Sonne beleuchteten glühend die feurigen Blüthen der hohen Cactusarten, die sich in Turners Umgebung aus dem Grase erhoben.
Unter einer Gruppe uralter, undurchdringlicher, dicht belaubter Lebenseichen hielten die Wagen an und die müden Zugthiere wurden aus ihrem Zwange erlöst. Heute sollten sie für ihre lange und schwere Arbeit entschädigt werden, sie sollten sich während der Nacht an dem zarten frischen Grase laben. Daniel hatte mit unglaublicher Schnelligkeit jedem der Thiere die beiden vorderen Füße mit einem Streifen roher Ochsenhaut zusammengefesselt, so daß sie dieselben nur zugleich vorwärts setzen konnten und dadurch mehr oder weniger an weiterem Fortgehen gehindert wurden. Dann trieb er sie dem Grase zu und überließ es ihnen, sich die beste Weide zu suchen. Die Reitpferde wurden dagegen in der Nähe mit langen Stricken an einzeln stehende Bäume ins Gras gebunden, damit auch sie sich darin laben möchten, ohne sich weit vom Lager entfernen zu können. Turner hatte auf einem steinigen Fleck das Zelt aufgeschlagen, Carl und die beiden anderen Knaben hatten Reisholz herbeigeholt und dasselbe nicht ohne Mühe angezündet, und Madame Turner war mit Julie beschäftigt, das Abendbrod zu bereiten. Jetzt kam Daniel auch mit einem schweren Stück von einem trockenen Baumstamm heran, schleifte denselben an das flackernde Feuer und ging dann wieder, um noch mehr Holz für die Nacht herbeizuschaffen. Es rührte sich kein Wind, die Luft aber war erquickend kühl und rein und es kam den Reisenden vor, als athmeten sie mit jedem Zug noch einmal so viel Luft ein, als sonst. Nacht legte sich über die weite Landschaft, der Himmel im Westen glühte noch in dunkelm Carmin über dem schwarzen äußersten Rande der Prairie und das Firmament war mit funkelnden Sternen übersäet. Die Familie Turner und der treue Daniel saßen vor dem hochauflodernden großen Feuer, über dessen Lohe sich die Aeste der alten Eichen zitternd hin- und herschwangen, und priesen die Gnade des Allmächtigen, welcher sie ihre Rettung aus der überstandenen Gefahr verdankten. Carl war wieder die Hand gewesen, durch welche ihnen Gott diesen Beistand hatte angedeihen lassen, und mit herzinnigen Segenswünschen dankte Turner dem anspruchslosen hülfreichen Knaben.
Die durchnäßten Gegenstände waren an dem großen Feuer getrocknet, die Reitpferde wurden an den Wagen befestigt und Turner legte sich in dem Zelte zur Ruhe, während Carl und Daniel ihr Nachtlager wieder vor dem Feuer herrichteten.
Kaum graute der Tag, als Alle, vom süßen Schlaf gestärkt, sich erhoben und Vorbereitungen zur Weiterreise machten. Die Reitpferde wurden abermals ins Gras gebunden und das Feuer zur Bereitung des Frühstücks frisch angefacht. Die Stiere, so wie die drei Wagenpferde, hatten sich während der Nacht ziemlich weit von dem Lager entfernt und standen weidend dort im hohen Grase. Die Sonne stieg prächtig und heiter über dem waldigen Osten auf und goß ihr belebendes Licht über die endlose Grasflur, auf der hier und dort einzelne Rudel von Hirschen zu erkennen waren. Turners saßen beim Frühstück, ließen aber ihre Blicke dabei wiederholt über die Prairie schweifen, da jeder Punkt auf derselben ihre Neugierde anzog.
»Was kommt dort hinter der Waldspitze hervor?« fragte Carl plötzlich, indem er seitwärts nach der waldigen Niederung zeigte, wo dieselbe sich an die Prairie lehnte.
»Schnell, schnell, das sind wilde Pferde, schnell auf die Gäule, damit wir sie von unseren Wagenpferden abhalten, sonst sind diese für uns verloren!« rief Daniel erschrocken aus und sprang mit einem Zaum in der Hand nach einem der Reitpferde, während Turner und Carl hastig seinem Beispiel folgten. Im Augenblick waren den drei Thieren die Zäume übergeworfen, Turner, Daniel und Carl schwangen sich auf deren nackte Rücken, und in Carriere sausten sie über die Prairie, den wilden Rossen entgegen. Diese waren aber schon zu nah herangekommen, als daß die Reiter sie noch hätten von den Wagenpferden zurückhalten können, welche, als ob sie nach der Freiheit ihrer wilden Kameraden verlangten, denselben trotz der Fesseln in schwerfälligen, doch flüchtigen Sprüngen entgegeneilten. Ehe noch die Reiter sie erreichten, waren sie in dem wirren Haufen der wilden Schaar verschwunden, die, über zweihundert Köpfe stark, jetzt in gedrängten Massen vor den Reitern über das wogende Gras dahinstürmte.
»Vorwärts, nur frisch dazwischen, wenn die Fesseln an den Füßen unserer Pferde halten, so können sie uns nicht entgehen!« rief Daniel und trieb sein Roß zu möglichster Eile an; doch Carl sauste an ihm vorüber, sein Falber war das schnellste der Thiere und er war der Erste, der sich den fliehenden Pferden nahte. Die Erde dröhnte unter den Hufen der wilden Rosse, hoch wehten die langen Mähnen und Schweife, ihre rothen weitausgespannten schnaubenden Nüstern glühten wie Feuer und ihre großen Augen blitzten mit Entsetzen nach Carl hin, der jetzt ihre letzten Reihen erreichte. Es schien, daß die Thiere bisher noch ihren Lauf gemäßigt hatten, um die gefesselten Kameraden zu schützen und sie mit sich fort zu nehmen; als aber der Falbe mit Carl auf seinem Rücken ihnen zu nahe kam, da brachen sie in wilder fliegender Flucht los und ließen die noch mit letzter Anstrengung ihnen folgenden Wagenpferde zurück. Nur ein mächtiger goldbrauner Hengst wandte sich noch einmal um, schoß in hohen Bogensätzen dicht an Carl vorüber und umkreiste wiehernd die gefesselten Brüder, als wolle er sie nochmals zur Flucht anfeuern; dann aber schoß er wie ein Pfeil davon, seiner fliehenden Heerde nach. Die Wagenpferde blieben ermattet stehen, doch Carl jagte an ihnen vorüber, die Lust der wilden Jagd war zu groß, als daß er sie schon hätte aufgeben können, er drückte beide Sporen fest in die Seiten des flüchtigen Falben und in fliegendem Sturm ging es nun über die Prairie, den davonsausenden Rossen nach. Näher und näher rückte er der geängsteten Schaar, deren kräftigste Thiere die letzten waren, wie es schien, um die jüngeren vorwärts zu treiben, und der goldbraune Hengst blieb noch weiter zurück, als wolle er den schrecklichen Reiter von ihnen abhalten. Jetzt aber wurden zwei Füllen hinter der verworrenen Masse sichtbar, ein schwarzes und ein weißes, ihre Schnelligkeit nahm ab, sie ermatteten mehr und mehr, umsonst umschwärmte sie der goldbraune Hengst, sie konnten nicht weiter und fielen gänzlich erschöpft in das Gras nieder. Carl hatte sie erreicht und hielt, laut jubelnd, seinen Falben an, da gewahrte er zu seiner Freude Daniel, der in voller Carriere herangejagt kam. Beide waren von ihren Pferden gesprungen, hoben die ermatteten hübschen Füllen auf die Füße und schmeichelten und liebkosten sie, doch es dauerte lange, ehe dieselben sich erholten und wieder zu Athem kamen.
»Wenn wir nur einen Strick hätten, Daniel, damit wir sie binden und mit uns nehmen könnten, sie sind zu lieb und hübsch, und welch prächtige Pferde müssen sie werden!«
»Wir gebrauchen keines Strickes, junger Herr,« antwortete Daniel lachend und beglückt über die Freude, die Carl empfand, »lassen Sie die Thiere nur erst ganz zu Kräften kommen, dann folgen sie geduldig unsern Pferden; wir werden wenig Mühe mit ihnen haben, denn sie sind schon stark genug, um sich selbst ernähren zu können.«
So wie Daniel es vorhergesagt hatte, so geschah es auch. Als die Füllen wieder zu Kräften gekommen waren, bestiegen die Reiter ihre Pferde, und die kleinen Verwaisten folgten denselben, als ob es ihre Mütter wären. Der Jubel war groß, als Carl und Daniel mit den beiden Pferdchen im Lager anlangten, Madame Turner und die Kinder waren außer sich vor Freude, sie liebkosten die schönen Thiere und Carl machte seinen Brüdern, Arnold und Wilhelm ein Geschenk mit dem Rappen, den kleinen Schimmel aber schenkte er seiner Schwester Julie. Turner hatte die Wagenpferde auch glücklich wieder zum Lager zurückgetrieben, und so war aus dem Schrecken eine große Freude hervorgegangen. Nun wurde sich schnell zur Abfahrt gerüstet, und als der Zug sich in Bewegung setzte, folgten die beiden Füllen dem dritten Wagenpferde, welches zu diesem Zwecke hinter das Fuhrwerk der Madame Turner angebunden war.
Das schöne herrliche Land der Prairieen lag jetzt vor den Reisenden ausgebreitet, bald schwanden die letzten blauen Umrisse der Wälder von Arkansas, und wie auf einem wogenden, mit Blumen übersäeten grünen Meere zogen die Wanderer über die reichen, wellenförmig auf- und niedersteigenden Grasfluren hin. Sie hatten das Indianergebiet westlich von Arkansas betreten, und erreichten am zweiten Abend das Fort Towson, in dessen Nähe sie übernachteten. Der Befehlshaber der Dragonerabtheilung, welche hier auf Station lag, um die Grenzansiedelungen der Weißen gegen die Gewaltthätigkeiten der Indianer zu schützen, bezeigte sich sehr freundlich gegen Turners und besuchte sie noch vor ihrer Weiterfahrt am folgenden Morgen in ihrem Lager. An diesem Tage gelangten sie bei dem neuen Grenzstädtchen Franklin an, wo sie den rothen Fluß überschritten, um sich aus dem Lande zu entfernen, welches von der Regierung der Vereinigten Staaten den verschiedenen Indianerstämmen, die sie aus den östlichen Staaten vertrieben hatte, als Eigenthum angewiesen war. Nun lagerten Turners auf der nördlichen Grenze von Texas. Von hier aus ward der Weg nur durch undeutliche Wagenspuren bezeichnet und das Gefühl, der vollständigen Wildniß näher zu kommen, drängte sich den Reisenden mehr und mehr auf. Nur selten trafen sie noch ein einsames Blockhaus an, bis sie nach Verlauf von einer Woche endlich das letzte Grenzstädtchen Preston am rothen Flusse erreichten. Man nannte es Stadt, wenn es auch nur aus wenigen Holzhäusern bestand, die unter einzelnen Baumgruppen versteckt lagen und durch sandige Fußpfade mit einander verbunden waren. Mehrere Kaufleute, die alle für die Grenzansiedler nöthigen Bedürfnisse feil hielten, ein Schneider, ein Schmied, ein Schuhmacher, ein Arzt und ein Advocat nebst mehreren Farmern und zweien Schenkwirthen bildeten die Einwohnerschaft. Die Trachten dieser Leute bekundeten, daß sie an der äußersten Grenze der Civilisation wohnten, denn dieselben bestanden zum großen Theil in Lederanzügen, und die langen Messer, die Pistolen und die Büchsen, welche sie mit sich führten, deuteten die Nähe der Wildniß an.
Daniel war mit diesem Lande genau bekannt, da er sich oft mit den Indianern Monate lang hier aufgehalten hatte; bei seinem letzten Besuche in dieser Gegend stand jedoch auf Tagereisen weit noch kein einziges Haus. Turner erkundigte sich darum bei einem der Kaufleute, von welchem er mehrere unbedeutende Gegenstände erstand, wie weit westlich sich die Ansiedelungen von hier aus noch erstreckten, und erfuhr, daß zehn Meilen von hier an dem Choctawbache sich die letzten Niederlassungen befänden. Auf die Frage, ob man dort Kühe, Schweine und Federvieh kaufen könne, wurde ihm gesagt, daß er dies Alles im Ueberfluß dort finden und die Leute sehr erfreuen würde, wenn er sich in ihrer Nähe niederlassen wolle. Nachdem Turner dem Kaufmann das Versprechen gegeben hatte, von ihm gelegentlich seine Bedürfnisse zu beziehen, setzte er die Reise noch eine Meile weiter fort, bis zu einem Bache, wo er das Lager für die Nacht aufschlug. Am folgenden Tage langten die Wanderer gegen Abend an dem Choctawbache an, zu dessen beiden Seiten sich einige Meilen breit prächtiger hoher Urwald hinzog. Der Weg durch denselben war durch Fällen der Bäume geöffnet und führte Turners über den klaren rauschenden Bach bis an den äußeren Waldsaum, wo im schattigen Dunkel der Riesenbäume eine Ansiedelung versteckt lag. Von den Häusern derselben sahen nur die Dächer über eine hohe Pallisadenwand hervor, welche aus aufrechtstehenden, neben einander in die Erde gegrabenen Baumstämmen bestand und sämmtliche Gebäude umgab. Auf der offenen Prairie, welche sich an den Waldsaum anlehnte, grasten in Schußweite vor den Pallisaden viele Pferde, die dort mit langen ledernen Stricken an Pfählen angebunden waren, und weiter auf der Grasflur weideten mehrere hundert Stück Rindvieh.
Bei Annäherung Turners kamen ihnen viele Hunde bellend entgegen gerannt, und gleich darauf erschienen mehrere Männer vor der hölzernen Mauer und sahen verwundert nach den Kommenden hin. Es war der Eigenthümer der Niederlassung, Herr Warwick, mit seinen drei erwachsenen Söhnen und mehreren jungen Amerikanern, die bei ihm wohnten, weil sie unentgeltlich bei ihm lebten, nicht zu arbeiten brauchten, und sich mit der Jagd und Fischerei belustigten. Herrn Warwick war der Aufenthalt dieser Leute in seinem Hause sehr erwünscht, da die Lebensmittel für dieselben nichts kosteten, und sie ihm und den Seinigen eine Sicherheit mehr gegen die Angriffe der Indianer gewährten. Warwick war der erste Ansiedler in dieser Gegend gewesen und hatte manche große Gefahr hier bestanden. Er war ein schon bejahrter, doch noch kräftiger, rüstiger Mann von gutmüthigem freundlichen Wesen. Indem er Turners entgegen kam, bewillkommnete er sie aufs Herzlichste und bot ihnen seine Hülfe und Unterstützung nach allen Kräften an. Die Wagen wurden nahe vor die Pallisaden gefahren, die Pferde an Stricken in das Gras gebunden, während die beiden Füllchen lustig um sie hersprangen, und die Stiere ließ Daniel frei gehen, band aber einem derselben eine große Metallglocke um den Hals, damit er immer hören konnte, wo die Thiere weideten. Turners folgten nun der freundlichen Einladung Warwicks und begaben sich in dessen Wohnung, die aus mehreren, innerhalb der hohen Pallisaden nebeneinanderstehenden Blockhäusern bestand. Die Hausfrau, so wie deren Töchter nahmen die Gäste ebenso freundlich auf, wie es Warwick gethan hatte, und führten sie zum Abendessen, welches soeben aufgetragen war. Daniel mußte in der Küche speisen, weil die Amerikaner es nicht dulden, daß sich ein Schwarzer in ihrer Gesellschaft aufhalte. Nach dem Essen aber eilten Alle hinaus vor die Einzäunung und setzten sich unter eine alte Lebenseiche in das Gras nieder, um die erquickende Abendluft zu genießen, die nicht so frisch und frei in die Häuser eindringen konnte. Eine friedliche heimische Ruhe lag auf der Gegend, in dem hohen dunkeln Walde hinter den Wohnungen ließ sich nur noch hier und dort ein Vogel hören, auf der Prairie, an deren duftig blauer Ferne die Sonne versunken war, zogen die Heerden unter klingendem Glockenton der Leitkühe langsam heran, um sich in der Nähe der Ansiedelung zu lagern, und das Tageslicht wich vor dem bleichen Schimmer des Mondes, der schon hoch am Himmel stand. Turners dachten an die schönen Abende auf der Kluse, an den ruhigen, im Mondlicht glänzenden Spiegel der Werra, an die blauen Berge der lieben alten Heimath – wie ganz anders war Alles hier und doch auch, wie schön – nur die feierlichen Töne der Abendglocken hätten sie gerne jetzt gehört – es war ihnen ein wehmüthiger Gedanke, daß dies nie wieder geschehen sollte.
Warwick hatte seinen Söhnen verschiedene Aufträge gegeben und wandte sich jetzt an Turners, wodurch er deren Gedanken von dem Werrathale abzog. Zuerst sprach er sich ausführlich über die großen Vortheile aus, welche diese Länder vor anderen dem Ansiedler boten, er wies namentlich auf das herrliche gesunde Klima hin, dann auf den reichen Boden, auf die immer grünen üppigen Weiden, auf die Menge von Wild, von Fischen und von Bienen, und malte zuletzt die große Zukunft aus, die dieser Gegend in nicht gar langer Zeit bevorstände, eine Zukunft, die wohl werth sei, daß man jetzt Etwas dafür wage. Dann theilte er Turner mit, daß alles Land an diesem Bache bereits Eigenthum der zehn Ansiedler sei, die jetzt daran wohnten, und daß keiner von ihnen, auch er selbst nicht, ein Stück davon verkaufen würde. Fünf Meilen weiter westlich aber, sagte er, befände sich an dem sogenannten Bärfluß das ausgezeichnetste Land, welches sämmtlich noch der Regierung gehöre, und Derjenige, welcher zuerst dort hinzöge, würde die Auswahl haben und könnte sich ganz nach seinem Wunsche und nach seinem Geschmack anbauen. Turner bemerkte ihm, daß aber dieser Erste dort sehr großen Gefahren ausgesetzt sein würde und daß es ihm selbst wohl kaum möglich sei, sich mit seinen wenigen Kräften gegen die Indianer zu behaupten.
»Wir Alle hier am Choctawbache werden Ihnen helfen,« fiel ihm Warwick in die Rede, »denn sehen Sie, es ist ja in unserm eignen Interesse, daß dort Ansiedelungen entstehen, da dieselben für uns Vorposten gegen die Indianer sein werden. Das ist so der Gebrauch an der Frontier, Einer muß immer der Vorderste sein und eine Zeitlang die Widerwärtigkeiten des Grenzlebens ertragen; hab' ich ja doch viele Jahre lang hier allein gewohnt.«
»Sie kamen aber wohl mit mehr Arbeitskräften hierher, als ich, und konnten sich schnell jene Festung bauen?« versetzte Turner.
»Mit keinen andern Kräften, als diese beiden Arme mir boten, bin ich hier angelangt, denn mein ältester Junge war kaum neun Jahr alt. Meine Frau hat mir aber treulich geholfen, sowohl bei der Arbeit als auch beim Fechten; ihre Kugeln haben manchmal zur rechten Zeit getroffen. Uebrigens, lassen Sie es sich nicht bange werden, wir sämmtlich hier am Bache ziehen mit Ihnen hinaus und bauen Ihnen die Häuser nebst den Pallisaden, das ist nicht mehr, als Schuldigkeit,« entgegnete Warwick und ließ sich dann darüber aus, welche Vorsicht der Frontiermann beobachten müsse, um sich gegen die List der Indianer zu sichern. Turner fragte nun, ob Rindvieh, Schweine und Schafe hier in den Niederlassungen zu kaufen seien, worauf Warwick sich erbot, ihn hiemit ganz nach Wunsche zu versorgen, und zwar zu den allerbilligsten Preisen. Federvieh aller Art wollte er ihm unentgeltlich liefern und so auch hinreichend Mais zur Aussaat und zum eigenen Verbrauch für die Zeit, bis er die erste Ernte gemacht habe. Dies sei ein altes Herkommen an der Grenze und die Ansiedler am Choctawbache würden Alles aufbieten, um ihrem ersten Vorposten gegen die Indianer zu helfen.
Daniel hatte sich, wie für die Befehle seiner Herrschaft bereit, in kurzer Entfernung hinter die Gesellschaft in das Gras gelegt und die ganze Unterhaltung mit angehört. Gegen zehn Uhr nahm Warwick seine Gäste mit sich in seine Wohnung, Carl aber dankte für die Einladung und machte sich mit Daniel ein Nachtlager bei den Wagen zurecht, wo sie auch ein Feuer anzündeten. Pluto ruhte wie gewöhnlich neben ihnen, und ganz in ihrer Nähe hatten sich auch die beiden Füllen ins Gras gelegt. Als sie sich auf ihren wollenen Decken ausgestreckt hatten, nahm Daniel das Wort und sagte:
»Ich kenne jenen Bärfluß ganz gut, von welchem Herr Warwick sprach, das Land in seiner Nähe ist besser und die Weiden sind viel reicher als hier, denn dort giebt es nur das reine Mosquitogras; nirgends in diesem Lande fanden wir damals so viel Wild, als gerade dort an jenem Flusse. Ich werde mit Herrn Turner morgen früh darüber sprechen, er soll nur dort hinziehen und sich seine Häuser bauen lassen, mit den Indianern wollen wir schon fertig werden; ich bin ja selbst Indianer genug, um mich nicht von ihnen überlisten zu lassen. Da giebt es aber Jagden, junger Herr; ich habe dort manches Mal sicher sechs- bis achttausend Büffel mit einem Blick übersehen. Und wilde Pferde giebt es dort, so schön, wie nirgend anderswo.«
»Das soll aber ein Spaß werden, Daniel, wie wollen wir Beide uns die besten Pferde herausfangen! Wenn ich nur erst mit dem Lasso umzugehen wüßte.«
»Das werden Sie bald lernen; ich verstehe es aus dem Grunde,« entgegnete der Neger und erzählte nun seinem jungen Freunde von den Jagden und Abenteuern, die er hier in der Gegend bestanden hatte, als er noch unter den Indianern lebte. Bald aber fielen Beiden die Augen zu, sie sanken auf ihre Sättel zurück, und die wonnigsten Träume beglückten ihren erquickenden Schlaf.
Frühzeitig am folgenden Morgen kam Herr Turner zu ihnen, um sich mit Daniel über Warwicks Vorschlag zu bereden und war sehr erfreut, daß der Neger so eifrig für die Annahme desselben stimmte. Er beschloß, dessen Rath zu befolgen, und setzte alsbald Herrn Warwick davon in Kenntniß. Nach dem Frühstück ritt dieser mit Turner, Carl und Daniel auf die Prairie hinaus zu den Heerden, damit Turner das Vieh auswähle, welches er zu kaufen wünsche, und Warwick erbot sich, ihm dasselbe an Ort und Stelle abzuliefern, sobald seine Niederlassung gegründet sein würde. Noch am selbigen Nachmittag, als die Sonne ihre Gewalt verlor, bestiegen sie mit Warwick wieder ihre Pferde, und begaben sich nach dem Bärfluß hinüber, damit Turner sich ein Stück Land dort wählen möge, auf dem er seine Niederlassung begründen wolle. Noch vor Sonnenuntergang langten sie dort an und ritten noch mehrere Meilen weit an dem äußersten Rand des hohen Waldes, der sich zu beiden Seiten des Flusses hinzog. Die Pferde gingen dabei fortwährend bis an die Sättel in dem feinsten, üppigsten Gras, und wohin man blickte, standen Rudel von Hirschen und schauten verwundert nach den Reitern. Carl war außer sich vor Freude über das viele Wild, und nur die Versicherung des Herrn Warwick, daß er noch heute Abend einen Hirsch erlegen solle, hielt ihn ab, während des Reitens vom Pferde zu springen, um sich an einen solchen anzuschleichen. Endlich als die Sonne unterging, hielt Warwick sein Pferd an einem Platze an, wo der Fluß in einem Bogen aus dem Walde hervortrat und sich dicht an die Prairie lehnte. Hier wurde beschlossen, die Nacht zuzubringen, um frühzeitig am folgenden Morgen das Land an dieser Seite des Flusses weiter zu besichtigen, und dann auch das jenseitige in Augenschein zu nehmen. Den Pferden wurde Sattel und Zeug abgenommen, die Vorderfüße wurden ihnen zusammengebunden, und dann ließ man sie gehen, damit sie sich an dem reichen Grase laben konnten. Warwick und Turner zündeten neben einem umgefallenen trockenen Mosquitobaume ein Feuer an, neben welchem sie ihre Satteldecken für das Nachtlager ausbreiteten, Carl aber eilte mit Daniel und Pluto davon, um nun schnell noch eine Jagd zu machen. Sie waren wohl eine Viertelstunde lang an dem Waldsaume hingeschritten, als der Neger Carl rasch beim Arm ergriff und zugleich ins Gras niederkniete. Dann deutete er mit der Hand seitwärts und gab zu verstehen, daß dort Wild stände. Vorsichtig hoben Beide sich wieder empor, und Carl gewahrte nun einen starken Hirsch, der soeben den Kopf in die Höhe richtete, so daß sein mit vielen Enden prangendes Geweih sichtbar wurde. Er stand noch außer Schußweite und die Jäger schlichen sich langsam und vorsichtig näher zu ihm hin, indem sie immer den Augenblick dazu benutzten, wenn der Hirsch den Kopf in das Gras versenkte. Endlich hatten sie ihn bis auf hundert Schritte erreicht, Daniel winkte Carl zu, noch näher zu gehen, doch dieser war seines Schusses gewiß und hob die Büchse an die Schulter, um zu schießen, als der Neger ihn plötzlich wieder beim Arm niederzog und und mit blitzenden Augen nach der andern Seite hinzeigte. Beide hatten sich tief ins Gras niedergebeugt und Daniel flüsterte seinem Gefährten zu, daß ein Trupp Büffel vom Walde her auf sie zukäme. Carl stockte vor freudiger Ueberraschung der Athem und sein Herz pochte hörbar.