Pastor: »Gern wollte und würde ich seinen Wunsch befriedigen, wenn nicht selbst die Ausübung der Religion den bürgerlichen Gesetzen untergeordnet wäre. – Kehre er zurück von seinem Irrwege, unterwerfe er sich der Gnade seines Landesherrn und nur dann bin ich imstande, seiner Seele Ruhe, Trost und Hoffnung auf Vergebung seiner Fehltritte zuzuführen, und nur dann erst ist er würdig und vorbereitet genug diese heilge Handlung zu begehen.«

Stülpner: »Zwingen kann ich Sie nicht, meinen so herzlichen Wunsch zu erfüllen, mir den Trost der Religion zu geben; doch ich kann Ihnen nochmals heilig versichern, daß er aus wahrem Herzen kam. Also ist es Ihnen nicht möglich, meine Bitte mir zu gewähren?«

Pastor: »Unter den jetzigen Verhältnissen unter keiner Bedingung.«

Stülpner: »Nun, so verzeihen Sie meine Freiheit und leben Sie wohl!«

Schnell verließ er die Stube und das Haus des Pastors. – Zwar zeigte derselbe den Vorfall sogleich der Obrigkeit an, man spürte Stülpnern einen ganzen Tag lang nach, allein abermals kehrten die Ausgesendeten unverrichteter Sache zurück.

Als Stülpner kurz nach seinem Erscheinen beim Pastor in Thum im Marienberger Walde sein Revier beging, wo damals der Hofjäger Pätzhold aus Wüstenschlette seinen Jagdbezirk hatte, welcher mit unter die eifrigsten Verfolger Stülpners gehörte, so trug es sich zu, daß Stülpner mit einem seiner Kameraden den Laut von Jagdhunden hörte. Sogleich wendete er sich nach der Gegend hin und erblickte einen Achtzehnender, welchen die Hunde scharf verfolgten. Stülpner legte an und schoß den Hirsch in vollem Jagen. Hierauf schleppte er ihn mit Hilfe seines Kameraden in die Jugend, um ihn hier aufzubrechen.

Nachdem dies geschehen, begiebt sich Stülpner unter Zurücklassung seines Gehülfen bei dem erlegten Hirsche auf eine Anhöhe um sich hier nach den Jägern, welche den nun von ihm geschossenen Achtzehnender verfolgten, umzusehen. Als er einige Zeit hier gestanden und unterdessen seine Büchse wieder geladen hatte, bemerkte er in noch ziemlicher Ferne auf einem großen Gehau eine Menge Reiter von der in Marienberg stehenden Kürassier-Eskadron nebst einer großen Anzahl Landleute, welche mit Hilfe der Forstbeamten aufgeboten waren, den Wald zu durchstreifen und vorzüglich Stülpnern daselbst aufzuheben. Dieser verließ jetzt, als er die ihm drohende Gefahr bemerkte, schnell seinen Posten, kehrte zu seinem Kameraden zurück und schaffte mit demselben den Hirsch fünfzehn Schritte von dem Aufbruchplatze in ein gut verwahrtes Versteck, worin er selbst mit seinem Genossen blieb.

Als dieses bedeutende Streifkorps durch den Schuß von Stülpnern aufmerksam gemacht, sich immer mehr der Gegend näherte, wo er den Hirsch erlegt hatte und zuletzt dem Orte, wo er in seinem sichern Gewahrsam weilte, so nahe kam, daß er alles vernehmen konnte, was gesprochen wurde, so hörte er unter anderem den Hofjäger Torges aus Steinbach, der über den Aufbruch des Hirsches, welcher noch ganz warm war, sowie über das Verschwinden des Wilddiebes sehr aufgebracht wurde, folgende Worte äußern: »Herr Hofjäger Pätzhold, es ist doch kein Hase, den einer schießt und steckt ihn in die Tasche und steigt damit auf den Baum; Sie haben mich heute das achtzehnte Mal zur Streifung eingeladen, ich komme nicht wieder dazu; den Kerl (Stülpnern) hat der lebendige Teufel!«

Hierauf nahm dieses ganze Streifkorps seine Richtung nach der böhmischen Grenze zu, worauf Stülpner, sich nun sicher glaubend, mit seinem Genossen wieder aus seinem Hinterhalte sich hervorwagte, den erlegten Hirsch auf einem freien Platze zerwirkte und dann das Wildpret in die stets bereit liegenden Säcke packte und so schwer beladen mit seinem Gefährten ebenfalls seinen Weg der Grenze zu einschlug.

Auf der Landstraße angekommen, verweilte er in einem großen Steinbruch, um einen Fuhrmann abzuwarten, der ihm sein Wildpret aufladen solle. Nach Verlauf einiger Zeit kommt wirklich ein Vierspänner, welcher nach Böhmen seinen Weg nimmt; sogleich geht Stülpner auf ihn zu, spricht ihn an, ob er nicht für ein gutes Trinkgeld sein Wildpret bis auf den böhmischen Gasthof in Reitzenhain mitnehmen wolle? Der Fuhrmann weigert sich erst, seinen Wunsch zu erfüllen. Da greift Stülpner in die Zügel der Pferde und droht dem Fuhrmann, »wenn er nicht sogleich sein Wildpret aufladen wolle, mit seinem Gehilfen den Wagen umzustürzen.«

Eingeschüchtert durch die drohenden Worte, ladet der Fuhrmann schließlich das Wildpret auf und nun geht es vorwärts, der böhmischen Grenze zu. Stülpner geht 200 Schritte vor und sein Kamerad 200 Schritte als Bedeckung nach dem Wagen. So gelangten sie, ohne unterwegs noch jemandem weiter zu begegnen oder angehalten zu werden, nachdem es schon sehr dunkel geworden war und überall die Lichter brannten, nach Reitzenhain.

Als sie sich dem sächsischen Gasthof näherten, war das ganze Haus voll von Militär, Forstbeamten und Landleuten, denselben, die zu Stülpners Aufgreifung aufgeboten waren. Sogar der Hof, durch welchen die Landstraße führte, war mit Menschen und Pferden angefüllt, dessen Passage jedoch beim Herannahen des schweren Frachtwagens jetzt so viel als möglich freigemacht wurde. Stülpner passierte nun ruhig, seine Büchse über der Schulter hängend, ohne in der Dunkelheit erkannt und angehalten zu werden, mitten durch seine Verfolger, und blieb, glücklich bis an die Grenze gelangt, stehen, um zu sehen, ob auch der Fuhrmann mit dem Wagen und sein Kamerad glücklich nachkämen, und da auch diese nicht weiter aufgehalten wurden, so ging es über die Grenze.

Hier angelangt, naht sich Stülpner dem Fuhrmanne mit folgenden Worten: »Nun, habe ich es nicht gesagt, daß es gehen wird?« »Ja«, erwiderte derselbe, »wenn es so abläuft, da laß ichs mir gefallen; nun kennen wir einander schon. Wenn ich daher künftig wieder dienen kann, so dürfen Sie mir nur winken, ich werde gern und jederzeit zu Diensten stehen.« Als ihn Stülpner hierauf bezahlen wollte, nahm er durchaus nichts, sondern war damit hinlänglich befriedigt, ihm dadurch eine Gefälligkeit erwiesen zu haben.

Hätten damals die so zahlreich versammelten Feinde und Verfolger Stülpners ahnen können, ihrem so eifrig verfolgten Ziele so nahe zu sein, so hätte er ihnen hier wohl schwerlich entwischen können und würde gewiß seine Tollkühnheit schwer haben büßen müssen.

Jetzt folgt eine Scene, die in Bezug auf Stülpners spätere Befreiung und Aufhebung der ihm gedrohten Strafe einen großen Einfluß hatte.

Als er einst gegen Abend in der Nähe der Heinzebank bei Marienberg auf den Anstand ging, hörte er auf der Landstraße, noch unter der Heinzebank, einen Wagen kommen und einen Postillon blasen, welcher aber nur zwei Stöße in das Horn that, worauf weder von ihm noch vom Fahren des Wagens weiter etwas gehört werden konnte. Stülpner glaubte daher, es wäre etwas mit dem Wagen vorgegangen und begab sich deshalb auf eine Anhöhe, von wo aus er die Landstraße eine große Strecke überblicken konnte.

Er bemerkte drei Straßenräuber, die den Postillon vom Pferde gerissen hatten und eben im Begriff waren, ihm den Garaus zu machen. Sogleich that Stülpner, da er die Räuber wegen der zu großen Entfernung nicht erreichen konnte, einen Schreckschuß. Sobald die Räuber den Schuß gehört hatten, flüchteten sie sich etwas tiefer in den Wald hinein, wo sie aber wieder Posto faßten, um zu sehen, was sich unterdessen ereignen würde. Stülpner eilte so schnell als möglich nach dem Postwagen hin und feuerte, als er die drei Kerle in dem Gebüsch bemerkte, seine beiden scharfgeladen Pistolen auf sie ab, worauf sie sich noch tiefer in den Wald hinein flüchteten.

Hierauf näherte er sich dem Postwagen und half zuerst dem Postillon, welcher nur einige leichte Verwundungen erhalten hatte, wieder auf die Beine, dann untersuchte er den Postwagen, worin außer einem Handwerksburschen, welchen der Postillon aus alter Bekanntschaft blind mitgenommen hatte, weiter kein Passagier zugegen war. Uebrigens enthielt die Post ein Faß mit Geld, welches wahrscheinlich der Zielpunkt der Räuber gewesen war und ohne Stülpners Dazwischenkunft und schnelle Hilfe ein Raub derselben geworden wäre. Da der Postillon noch eine große Strecke Weges durch den Wald zu fahren hatte und aus Furcht vor der Rückkehr der Räuber denselben nicht allein passieren wollte, so erbot sich Stülpner, ihn als Bedeckung zu begleiten und fuhr bis an Marienberg mit heran, wo er unter den herzlichsten Dank- und Segenswünschen des Postillons sich wieder von ihm entfernte, denselben aber bat, seinen Vorgesetzten das soeben Geschehene mitzuteilen, was der Postillon auch versprach und treulich erfüllte, da er überall diese schöne, uneigennützige Handlung Stülpners erzählte, welche von seiten der hohen Behörde sehr zu seinen Gunsten aufgenommen wurde.

Schloß Scharfenstein war zu Stülpners Zeiten im Besitz der altadeligen Familie von Einsiedel. Der derzeitige Herr von Scharfenstein hatte ebenfalls wie seine Vorfahren sich dem Militärdienst gewidmet und österreichische Dienste genommen, als Major in einem ungarischen Husarenregiment unter Laudons siegreichen Fahnen bei der Belagerung von Belgrad mehrere Wunden empfangen, die ihn unfähig machten, seine rühmliche Heldenbahn weiter fortzusetzen. Er nahm daher seinen Abschied, welcher ihm auf die ehrenvollste Art erteilt wurde, und hielt sich bis zur völligen Heilung seiner Wunden erst in Ofen und dann in Wien auf. Doch da ihm das Treiben und das Volksgewühl dieser großen Residenz bald zum Ueberdruß wurde, beschloß er, wieder nach Sachsen zurückzukehren und in der ländlichen Stille seines Schlosses die ihm noch vergönnte Lebenszeit zu genießen.

Während seiner langen Abwesenheit wurde das Rittergut Scharfenstein von einem Pächter, Philipp mit Namen, verwaltet, der als wohlhabender, rechtschaffener Mann die Achtung der ganzen Umgegend genoß.

Groß war die Freude und der Jubel der Bewohner und sämtlicher Unterthanen von Scharfenstein, als sie aus der geschäftigen Eile, womit das Innere des Schlosses zu einem festlichen Empfang geschmackvoll eingerichtet und vorbereitet wurde, nun auf die baldige Ankunft ihres allverehrten Herrn schließen konnten, und als er endlich plötzlich in Scharfenstein eintraf, eilte Jung und Alt in den Schloßhof, um ihn nach so langer Abwesenheit wieder zu sehen und freundlich zu begrüßen. Liebreich trat der edle Major in ihre Mitte und versicherte seinen treuen Unterthanen, sie nun nie wieder zu verlassen, und als Freund und Vater für sie fernerhin Sorge tragen zu wollen.

Da die Bewirtschaftung des Ritterguts wie früher dem Pächter anvertraut blieb, so verwendete der Major, um sein gegebenes Versprechen treu zu erfüllen, meistenteils seine Mußestunden dazu, sich von den spezielleren Verhältnissen seiner Unterthanen in Kenntnis zu setzen. Liebevoll nahm er an den Schicksalen armer, bedrängter Familien teil und spendete überall gern Hilfe, wo es nötig war; auch in moralischer Hinsicht trug er viel zum Wohle seiner Untergebenen bei.

Im Gerichtsarchiv fand er einen Stoß Akten vor, die, Stülpnern betreffend, seine Aufmerksamkeit auf letzteren lenkten; er hatte übrigens auch schon früher von ihm gehört und beschloß, auch diesen seine Teilnahme erregenden Menschen näher kennen zu lernen. Der Major erkundigte sich in Scharfenstein und in der Nachbarschaft genau nach Stülpners Erziehung, Charakter und Lebenswandel. Da nun das Resultat der Meinungen gewöhnlich immer darin übereinstimmte, daß Stülpner hinsichtlich seines Gewerbes allerdings wider die Gesetze gehandelt und noch handle, er aber durchaus kein bösartiger und gefährlicher Mensch sei, sich außer seinem verbotenen Treiben als Wildschütz noch nie eine schlechte Handlung habe zu Schulden kommen lassen und daß er wahrscheinlich ein sehr brauchbarer und nützlicher Mensch geworden wäre, wenn er gleich von vorn herein eine bessere Erziehung erhalten hätte, so beschloß der Herr von Einsiedel, seiner traurigen Lage eine bessere Wendung zu geben und womöglich durch seinen Bekanntenkreis am Hofe ihm eine Begnadigung des Landesherrn auszuwirken.

Doch konnte er nicht umhin, den schon früher erwähnten Inspektor G. in Thum und damaligen Gerichtsverwalter zu Scharfenstein, als er kam, um dem Major seine Aufwartung zu machen, über das schnelle Verfahren gegen Stülpner einige Verweise zu geben, indem er ihm zu verstehen gab, daß wohl mancher Mensch nicht zum Verbrecher herabsänke, wenn er oft anders behandelt worden wäre und daß dies wohl auch der Fall bei Stülpnern sein könne.

Der Gerichtsdirektor wollte entschuldigend einwenden, daß er während der Abwesenheit des Gerichtsherrn nicht habe anders handeln können, doch ließ dies der Major nicht gelten.

Mit dem Herrn von Einsiedel vereinigte sich unterdessen zur Befreiung Stülpners auch der Rittmeister von Zinsky auf Hilmersdorf, welcher ebenfalls die edlen Gesinnungen des Majors teilte und nun gemeinschaftlich mit diesem für seine Begnadigung wirkte.

Während dieser Zeit erhielt eines Tages der Pächter Philipp durch unbekannte Hand ein Billet, worin er ersucht wurde, zu einer bestimmten Stunde im nahen Walde allein zu erscheinen, ein alter Bekannter habe etwas Notwendiges mit ihm zu besprechen. Der Pächter wunderte sich zwar über diese sonderbare Einladung, doch beschloß er, bei dem Bewußtsein seiner Rechtschaffenheit, ohne Bedenken zur festgesetzten Zeit an der bezeichneten Stelle zu erscheinen.

Kaum war er daselbst angelangt, als Stülpner wie gewöhnlich mit gespannter Büchse aus den schattigen Bäumen heraustrat, und da er den Geladenen allein sah, den Hahn wieder in Ruhe setzend, mit einem höflichen Gruß auf den Pächter zuging. Mit bescheidenem, aber festem Tone bat er hierauf denselben um Verzeihung, daß er ihn hierher bemüht habe, legte seine Gesinnung und die Ursache seiner Handlungsweise unumwunden dar und gestand nun ganz offenherzig, daß er nicht geglaubt hätte, daß sich seine Angelegenheiten auf eine so traurige Art gestalten würden. Zugleich bat er den Pächter, sich für ihn bei dem Major von Einsiedel zur Milderung seiner Lage zu verwenden.

Mit ernster Miene erwiderte hierauf der Pächter, daß er am allerwenigsten hier mit ihm zusammen zu kommen erwartet hätte, es sei doch eine große Dreistigkeit, bei den seinetwegen ergangenen Befehlen sich ihm hier noch zu zeigen.

»Verzeihen Sie, Herr Pächter,« entgegnete Stülpner, »eben diese Befehle veranlaßten mich, Sie hierher einzuladen. In meiner Lage ist es leider fast unmöglich, auf direktem Wege mit einem rechtschaffenen Manne ein Wort sprechen zu können, weshalb ich mich genötigt sah, diesen einzuschlagen, um Sie wegen meiner Lage um Ihren guten Rat zu fragen.«

Pächter: »Ich muß gestehen, daß Er mich in eine große Verlegenheit versetzt, da es mir sehr zum Nachteile gereichen kann, wenn ein Dritter uns hier beisammen sieht; ein jeder ist ja verpflichtet, Ihn zu verhaften.«

Stülpner: »Einem so rechtschaffenen Mann wie Sie kann dies keinen Nachteil bringen, wie wollten Sie mich auch allein (lächelnd nach der Büchse greifend) verhaften? Außerdem zwinge ich Sie ja nicht, mir Rede zu stehen. Doch ich will Sie nicht länger aufhalten, darum zur Sache: Welche Strafe würde mich wohl treffen, wenn man mich in die Gewalt bekäme?«

Pächter: »Das Entspringen aus dem Arrest wird für doppelte Desertion angerechnet werden, welche Strafe Ihm bekannt sein wird, und als Wilddieb droht ihm Festungsbau.«

Stülpner wurde bei den letzten Worten sehr bewegt. »Festungsbau?« rief er erschüttert. »Also doch diese harte Strafe für ein Vergehen, welches ich durchaus nicht als ein so großes Verbrechen erachtet habe. Wenn es da keinen Mittelweg giebt, dann muß es wohl beim Alten bleiben, und da mag es kommen, wie es will.«

Da ihm der Pächter entgegnete, daß seine Begriffe in Bezug auf die Wilddieberei sehr falsch wären, bei solch allgemeiner Willkür würde das Wild in kurzer Zeit ausgerottet sein, gestand es Stülpner zu und wollte auch seinen gewöhnlichen Grundsatz darin nicht weiter rechtfertigen. Hierauf fragte er den Pächter, ob er wohl eine Milderung seiner Strafe zu erwarten hätte, wenn er sich freiwillig der Obrigkeit ausliefere.

Pächter: »Dies hängt von der Gnade des Landesherren ab.«

Stülpner: »Ich würde gern und augenblicklich zu meinem Regiment wieder zurückkehren und mich der Strafe als Deserteur freiwillig unterwerfen, wenn ich nur die Versicherung erhalten könnte, daß ich nicht als Wilddieb bestraft würde.«

Pächter: »Diese Versicherung zu geben, steht nicht in meiner Gewalt, doch käme es auf einen Versuch an.«

Stülpner: »Dieser Versuch möchte doch wohl zu gewagt sein. Ich sehe wohl ein, daß ich mich ferner, auch bei dem besten Willen, zurückzukehren und meinem Gewerbe zu entsagen, unstät und flüchtig umhertreiben muß. Doch es sei. – Nur noch eine Bitte habe ich wegen meiner kranken Mutter an Sie, Herr Pächter, von deren Erfüllung ich bei Ihrem edlen Charakter überzeugt bin. Wenden Sie womöglich ab, daß sie mit in mein trauriges Geschick verflochten wird; denn ich kann Ihnen bei Gott versichern, daß sie an meinen Unternehmungen keine Schuld hat, und durchaus von meinem Aufenthalte nicht unterrichtet ist. Habe ich mir bisher noch keine boshaften Handlungen zu schulden kommen lassen; so könnte doch durch die Mißhandlungen meiner Mutter dazu fürchterlich gereizt, sehr leicht die erste Mordthat auf meine Seele gebunden werden.«

Pächter: »So wäre es wohl seine heilige Pflicht, für sie sich aufzuopfern und hierdurch ihre Ruhe nicht ferner zu stören.«

Stülpner: »Wie gern würde ich dies thun, wenn nur ein Mittel da wäre, mich von der schimpflichen Strafe zu befreien. Doch länger will ich Sie nicht mehr aufhalten, da wir sonst bemerkt werden könnten. Nur noch die Versicherung wollte ich Ihnen geben, daß ich mich ohne Erlassung der mir drohenden Strafe auf keine Weise lebendig gefangen geben werde. Können Sie übrigens etwas für mich thun, so werde ich es mit dem dankbarsten Herzen anerkennen und Ihnen durch die That beweisen, daß Sie sich für keinen so ganz Unwürdigen verwendet haben. Leben Sie wohl und verzeihen Sie mir meine Ihnen verursachte Bemühung!«

Mit diesen Worten verschwand Stülpner wieder in sein Versteck, der Pächter kehrte nicht ohne Bewegung und Teilnahme in seine Wohnung zurück.

Der Pächter, von der Teilnahme des Majors für Stülpners Lage überzeugt, konnte nicht umhin, seine Zusammenkunft mit demselben ihm mitzuteilen, worüber der Major sich wirklich zu freuen schien, indem er hieraus ersah, daß es Stülpners ernstlicher Wille sei, von seinem verbotenen Lebenswandel abzustehen, was ihn noch mehr bewog, für die Milderung seiner Lage zu wirken.

Kurze Zeit darauf begegnete Stülpner auf einem einsamen Spaziergange selbst dem Major von Einsiedel, der in Begleitung des Rittmeisters von Zinsky war. Ruhig und höflich seinen Hut zum Gruße ziehend, ging er auf diese Herren zu, brachte in bescheidenen Worten die gewöhnliche Entschuldigung und Verteidigung seiner Lebensart vor und versicherte aufrichtig, daß er des wilden und jetzt sogar vogelfreien Lebens herzlich müde sei und bat zugleich den Major sich seiner gnädig anzunehmen und sich für ihn zu verwenden.

Ruhig und gleichsam wohlgefällig hatte der Major zugehört und seine Miene deutete an, daß er die gute Meinung, welche er nach allem, was ihm von Stülpner mitgeteilt worden war, für ihn gefaßt hatte, bestätigt fand. Nachdem er ihm hierauf eine kurze Strafpredigt wegen seines unerlaubten und sträflichen Gewerbes gehalten und ihm das Widerrechtliche seiner Handlungsweise näher auseinandergesetzt hatte, versprach er, sich unter der Bedingung für ihn zu verwenden, wenn er von diesem Augenblicke an von seiner Lebensart als Wildschütz abstehe und sich ganz ruhig verhalte.

Stülpner versprach hierauf mit Hand und Mund, daß er sich ganz nach dem Wunsche und Befehle des Herrn Majors verhalten wollte und versicherte nochmals, daß, wenn er nur als Wildschütz freigesprochen würde, er sich unbedingt bei seinem Regiment einstellen und sich der Strafe als Deserteur unterwerfen würde.

Als der Rittmeister von Zinsky, welcher bisher stillschweigend dieser Verhandlung mit beigewohnt hatte, hierauf noch erwiderte, daß es wohl gut sei, wenn Stülpner von nun an seinem bisher geführten unerlaubten Lebenswandel entsage und keine tollen Streiche mehr begehe, aber wovon solle er denn unterdessen leben, da er sich ja unter seinen gegenwärtigen Umständen nichts verdienen könne? – »Nun so,« entgegnete der Major, »verspreche ich ihm wöchentlich bis zur Ausgleichung seiner Sache, einen Laubthaler,« »und ich,« sprach der Rittmeister, »gebe ihm alle vierzehn Tage ein Viertel Korn, das er sich bei mir abholen kann, somit hat er Geld und auch Brot.«

Stülpner, der wirklich über die edle Teilnahme dieser beiden Herren sehr überrascht und gerührt wurde, gelobte nochmals, unter dem aufrichtigsten Dank für diese gnädige Unterstützung, daß er schon von heute an sich ganz streng nach ihrem wohlgemeinten Rate verhalten und seinem Leben als Wildschütz entsagen wolle, und bat und fragte den Major, ob er sich wohl nun in der Behausung seiner Mutter aufhalten dürfe?

»Gestatten kann ich dieses zwar nicht,« erwiderte der Major, »doch es wird, wenn Du Dich ruhig verhältst, niemand etwas dagegen haben,« und so schied er, nach kurzem Abschiedsgruß mit seinem Freunde nach dem Schloß zurückkehrend, von Stülpnern, der noch lange in Gedanken versunken diesen edlen Menschenfreunden nachblickte, und endlich den Weg zu seiner Mutter einschlug, um diese von dem soeben Vorgefallenen zu benachrichtigen, und gleich zu seinem gegenwärtigen Entschluß Vorkehrungen zu treffen.

Seine Mutter war über diese Botschaft ungemein erfreut, da ihr der unstäte und strafbare Lebenswandel ihres Sohnes schon so manchen Kummer verursacht hatte, und bot alles auf, um ihn in seinem löblichen Vorhaben mit ihren geringen Kräften zu unterstützen.

Stülpner hielt auch der Verabredung mit dem Major gemäß streng sein Versprechen, da er nicht nur seinem Gewerbe ganz entsagte, sondern sich auch ganz ruhig bei seiner Mutter aufhielt und mit großem Verlangen der Zeit entgegensah, wo er nicht mehr als ein aus der menschlichen Gesellschaft Verbannter flüchtig herum zu irren brauche; er hatte wirklich das bisher geführte Leben herzlich satt und sehnte sich nach Ruhe.

So waren mehrere Wochen verflossen und obgleich Stülpnern im Verlaufe dieser Zeit keine bestimmten Aussichten auf Begnadigung eröffnet wurden, so war er doch auch nicht in seiner Zurückgezogenheit bei seiner Mutter beunruhigt worden. Doch plötzlich zog sich ein so heftiges Gewitter über seinem Haupte zusammen, welches alle seine schönen Hoffnungen zu zertrümmern drohte.

Der Gerichtsdirektor G., Stülpners unversöhnlicher Feind, hatte es dem Major von Einsiedel nicht vergessen können, daß er ihm wegen seines zu strengen Verfahrens gegen Stülpnern einige Vorwürfe gemacht hatte und bot alles auf, um sich auf irgend eine Art an ihm zu rächen.

Als er durch seine Kundschafter in Erfahrung gebracht hatte, daß sich Stülpner schon seit einiger Zeit ganz ungescheut in der Behausung seiner Mutter aufhalte, so glaubte er jetzt am besten seine Rache befriedigen zu können, nur war ihm die Anwesenheit des Majors in Scharfenstein noch im Wege, da er bei der Gegenwart desselben am Gelingen seines Unternehmens zweifelte, doch auch dieses Hindernis wurde bald zu seiner Freude beseitigt, der Major reiste auf einige Zeit nach Glauchau zum Besuch. Kaum hatte der Gerichtsdirektor diese Botschaft erhalten, als er auch die Forstbeamten der Umgegend, sowie ein Militärkommando aufforderte, sich an einem bestimmten Abend, wo man Stülpnern bei seiner Mutter gewiß vermutete, in Scharfenstein zu seiner Aufhebung sofort einzufinden.

Dem Befehle Folge leistend, stellten sich die Forstbeamten, sowie der Gerichtsverwalter selbst nebst seinem treuen Diener, dem Gerichtsfrohn W., zur festgesetzten Zeit auf dem Schlosse zu Scharfenstein ein, wo man sichs bei dem gastfreien Pächter bis zum Einbruch der Nacht wohlgefallen ließ, ohne jedoch gegen denselben von dem wichtigen Vorhaben etwas verlauten zu lassen, da man seine menschenfreundliche Gesinnung kannte.

Nicht lange darauf traf auch nach eingebrochener Nacht ein Kommando von 79 Mann unter Anführung des Premierlieutenant Oe. aus Annaberg, wo ebenfalls ein Bataillon vom Regimente Prinz Maximilian stand, in Scharfenstein in aller möglichen Stille ein.

Der Abend, es war gegen Ende des Novembers, war ganz zu diesem Unternehmen geeignet; Rabenschwärze bedeckte die Erde, ein wilder Sturm heulte durch den nahen Forst, zum Rauschen des Wehres gesellte sich das Klappern der Schloßmühle.

Wer in die Zurüstung eingeweiht war, hielt Stülpnern für verloren. Mit einer so großen Vorsicht und Stille, daß selbst der wachsamste Kettenhund nicht einmal anschlug nahte man sich dem Hause und umringte es so dicht als möglich.

Stülpner, von allen diesen ernsten Anstalten nichts ahnend, befand sich wirklich, wie er seit der Verabredung mit dem Major zu thun pflegte, bei der Ankunft dieser wohlbewaffneten Schar ganz sorglos in der Behausung seiner Mutter und hatte sich soeben, da es schon 10 Uhr war, auf die Ofenbank, seinem gewöhnlichen Lager, niedergelegt, als er plötzlich ein heftiges Pochen an der Hausthür vernimmt.

Sogleich springt er von seinem Lager auf, um zu sehen, was es giebt. Als er die Hausflur so leise als möglich öffnet, bemerkt er, trotz der großen Finsternis, eine große Menge bewaffneter Menschen, und sofort die ihm drohende Gefahr erkennend, verbirgt er sich schnell, ohne weiter bemerkt zu werden, hinter der Hausthür. In aller Hast dringen der Gerichtsdirektor mit seinen Helfershelfern, der Gerichtsdiener, der Offizier und einige Unteroffiziere, die Jäger und das Gerichtspersonal von Scharfenstein, alle wohlbewaffnet, mit versteckten Laternen in das Haus und in die Wohnstube Stülpners ein, um ihn so geschwind wie thunlich in ihre Gewalt zu bekommen. Stülpner, der in seinem Hinterhalte durch das ungestüme Vordringen nicht bemerkt worden war, näherte sich unterdessen schnell wieder der Hausflur und bahnt sich nun durch einige kräftige Sätze und unsanft ausgeteilte Rippenstöße einen Weg mitten durch die das Haus umzingelnde Besatzung, schlug sich glücklich durch und eilte nach dem zunächst liegenden Dorfe Grießbach, wo er bei einem Bauern seine Doppelbüchse in Verwahrung hatte, um damit sogleich wieder nach Scharfenstein zurückzukehren.

Unterdessen wurde von den eingedrungenen Personen, die von Stülpners Flucht sich immer noch nicht überzeugen wollten, das ganze Haus durchsucht, alles umgestürzt und aufgebrochen, selbst die Dielen aufgerissen und in die Feueresse geschossen, doch alles umsonst, kein Stülpner war zu sehen, und der gehoffte Ruhm und die voreilige Freude verwandelte sich in Mißmut und Unwillen.

Man fand weiter nichts von ihm, als den auf dem Tisch liegenden scharf geschliffenen Hirschfänger, die an der Wand hängende Jagdtasche und einen Rock, welche Gegenstände man mit Beschlag belegte.

Stülpners arme Mutter, die sich schon früher in ihre Kammer zur Ruhe begeben hatte, wurde von dem tyrannischen Gerichtsdiener W. gewaltsam aus dem Bette gerissen und in die Stube geschleppt, wo sie unter Drohungen den Aufenthalt ihres Sohnes angeben sollte. Der Schreck, die Verwirrung und die Angst der armen Frau waren so groß, daß sie erst lange nicht vermögend war, die an sie gerichteten stürmischen Fragen zu beantworten. Endlich, als sie unter den Anwesenden einige Bekannte erblickte, kam sie wieder etwas zur Besinnung und gestand ganz offen, daß ihr Sohn Karl allerdings noch vor einer Stunde dagewesen wäre, daß sie aber durchaus nicht wisse, wohin er sich geflüchtet habe, da sie sich schon früher niedergelegt und daher von seinem plötzlichen Verschwinden gar nichts habe bemerken können.

Als man ihr hierauf die bittersten Vorwürfe machte, daß sie ihren Sohn bei seinem verbotenen Gewerbe noch beherberge und daher selbst große Strafe verdient habe, sagte sie: »Ich weiß wohl, daß mein Karl einen unerlaubten Lebenswandel geführt hat, allein ich kann es mit einem Eid beschwören, daß ich keine Schuld daran habe, sondern ihn im Gegenteil oft flehentlich gebeten, davon abzustehen, da es doch endlich zu nichts Gutem führen könne, worauf er mir in der letzten Zeit versicherte, daß er sich fest vorgenommen, seinem Gewerbe zu entsagen und es auch schon gethan habe. Von Seiten hochgestellter Herren wird für seine Begnadigung gearbeitet und bis zur Ausgleichung seiner Sache könnte ich, wie mir gesagt wurde, meinen Sohn beherbergen.«

Da man aus der Alten weiter nichts herausbringen konnte, wurde beratschlagt, wie man mit ihr weiter verfahren solle. Einige schlugen vor, sie in Gewahrsam zu nehmen, andere stimmten dahin, sie lieber auf freiem Fuß zu lassen, um so durch Verstellung und List von ihr ein andermal zu erfahren, was man eben jetzt vergeblich wünschte.

Freundlicher sprach man daher jetzt mit ihr, schien ihren Worten völlig Glauben zu schenken und äußerte endlich die Gewißheit, daß ihr Sohn eine gelinde Strafe bekommen werde, wenn man ihn aufgreifen würde und beklagte nur, ihr heute diese Unruhe gemacht zu haben, was nicht geschehen wäre, wenn sie nicht auf höheren Befehl hätten handeln müssen.

Unterdessen brach der Tag an und die Untersuchungen waren leider nicht nach Wunsch beendigt.

Der Offizier, der Gerichtsverwalter und die Forstbeamten begaben sich hierauf wieder auf das Schloß, um von den nächtlichen Strapazen auszuruhen.

Das Militärkommando wurde in der Schenke und den zunächst liegenden Häusern einquartiert und beordert, sich um 8 Uhr morgens am Fuße des Schloßberges zum Rückmarsch nach Annaberg zu versammeln.

Während dies alles hier vorging, war Stülpner in Grießbach ebenfalls nicht unthätig. Da er seine ganze Munition in seiner Jagdtasche verwahrt hatte, welche er nebst seinem Hirschfänger wegen der Schnelle seiner Flucht im Stiche hatte lassen müssen, so sah er sich jetzt genötigt, aus Kommißkugeln kleinere Kugeln für die Mündung seines Gewehrs mit dem Messer zu schnitzen, zu welch' saurer Arbeit er zwei volle Stunden brauchte.

Als er damit fertig war, eilte er noch vor Tagesanbruch in der größten Finsternis und bei schrecklichem Regenwetter wieder nach Scharfenstein zurück, um zu sehen, wie die Sache inzwischen abgelaufen sei, und nahte sich nun unerschrocken mit gespannter Büchse der Wohnung seiner Mutter. Da die Besatzung kurz vor seinem Erscheinen wieder abgezogen war und er niemand weiter gewahrte, klopfte er an den Fensterladen seines Nachbars, um sich hier näher nach allem zu erkundigen.

Hier hörte Stülpner ausführlich sowohl die schändliche Behandlung seiner schuldlosen Mutter als auch von der Beschlagnahme seiner Utensilien, sowie überhaupt von der großen Verwüstung, welche bei dem Durchsuchen des Hauses verübt worden war, und alles dies versetzte ihn in solche Wut, daß er sogleich auf die Nachricht, der Gerichtsdirektor, der Offizier und die Forstbeamten hätten sich aufs Schloß begeben, auch das Militär wäre in der Schenke wie in deren Nähe einquartiert, nach dem Schlosse zu stürmte, sich gegen 6 Uhr früh mit seiner scharfgeladenen Büchse unten vor das erste Thor des Schlosses stellte, um hier auf die Heimkehr der genannten Herren zu warten und sie so höflich als möglich zu begrüßen.

Als er so einige Zeit, den Blick unverwandt auf das Schloß gerichtet, dagestanden hatte, kamen die Lokalgerichtsbehörden von Scharfenstein aus dem Schlosse, welche die mit Beschlag belegten Gegenstände Stülpners, seinen Rock, den Hirschfänger und die Jagdtasche trugen, um sie auf Befehl des Gerichtsdirektors sogleich an das Amt Wolkenstein abzuliefern.

Sobald diese Stülpner sahen, donnerte er sie mit den Worten an: »Wo wollt Ihr mit meinen Sachen hin? Sogleich legt Ihr sie hier vor mir nieder oder (die Büchse auf sie anlegend) ich schieße Euch alle zusammen!«

Bestürzt und vor Angst zitternd, befolgten die Behörden seinen Befehl, woraus er denselben noch anbefahl, sogleich in das Schloß wieder zurückzukehren: und den Herren daselbst zu sagen, daß sich Stülpner selbst seines Eigentums wieder bemächtigt habe. Während diese froh, ohne Schaden davon gekommen zu sein, auch hierin pünktlich Folge leisteten und wieder in das Schloß zurückwanderten, zog unterdessen Stülpner seinen Rock an, schnallte seinen Hirschfänger um, hing sich seine Jagdtasche über, worin sich noch unangetastet seine ganze Munition befand, und war froh, so wohlbewaffnet seine Feinde erwarten zu können.

Als er sich wieder auf seinen Posten gestellt hatte, sah er plötzlich den Offizier, den Gerichtsdirektor und die Forstbeamten, alle beritten, aus dem Schloßthore herauskommen und rief ihnen ein fürchterliches »Halt!« entgegen. Als diese Stülpnern in seiner drohenden Stellung sahen, wollten sie sofort in das Schloß zurückreiten; da fielen plötzlich zwei Schüsse, deren beide Kugeln das Hinterteil von dem Braunen des Oberförsters Pügner aus Geyer trafen.

Auf diese tollkühne That Stülpners ward sofort das Thor verrammelt und aus den Schloßfenstern auf das Wirtshaus hinabgerufen, daß das daselbst befindliche Militärkommando sogleich aufbrechen und auf Stülpnern, der seinen Posten noch immer keck behauptete, Feuer geben solle.

Stülpner hörte den Befehl ruhig an, lud seine Büchse wieder und begab sich von seinem Posten in den herrschaftlichen Bleichgarten, um hier das Militär zu erwarten. Als das Militär in Sturmschritt anrückte, schrie Stülpner mit donnernder Stimme ihnen zu:

»Hat einer Lust, auf mich Feuer zu geben, so schieß er in drei Teufelsnamen, mich schießt keiner tot!« (Dies sind seine eignen Worte, bemerkt hierzu Schönberg und fügt noch hinzu, daß Stülpner heute noch die wahnsinnige Idee behaupte, kugelfest zu sein; im Stockböhmischen habe ihm ein Mönch ein Präservativ gegeben, das allen Kugeln Trotz biete).

Ohne nur im mindesten von den Musketen Gebrauch zu machen, eilte sämtliches Militär an Stülpner vorüber und auf das Schloßthor zu, welches, nachdem alle in den Schloßhof eingetreten waren, wieder zugeschlossen und so fest wie möglich verrammelt wurde.

Stülpner, der früh 6 Uhr seinen Posten betrat, behauptete denselben bis fast zum Einbruch der Nacht, ohne daß die so zahlreiche und wohlbewaffnete Besatzung im Schlosse einen Ausfall auf ihn zu machen wagte, und begab sich hierauf, nachdem er erst bei seiner Mutter eingekehrt war, wieder nach Grießbach.

Als die Herren vom Schlosse aus Stülpnern endlich wieder abziehen sahen, wagten sie erst ihre Heimkehr anzutreten, doch ohne sich wieder zu Pferde zu setzen, sondern von dem Kommando als Schutzwache umgeben, ließen sie ihre Pferde nachführen.

So endete diese Szene, die unstreitig mit zu den tollkühnsten Handlungen gehört, die Stülpner verübte.

Viele der freundlichen Leser werden vielleicht selbst diese Tollkühnheit Stülpners, die allerdings das Glaubhafte zu übersteigen scheint, bezweifeln, doch lebten zu Schönbergs Zeiten in Scharfenstein und Umgegend noch viele, die Augenzeuge dieses tollen Vorganges gewesen waren; und dann muß man voraussetzen, daß Stülpner überhaupt nichts zu verlieren und zu gewinnen hatte, auch des unstäten Umhertreibens höchst überdrüssig war; er scheute den Tod nicht und nur zu gut wußte man, daß derjenige, welcher überhaupt Miene machte, auf ihn zu schießen, mit ihm zugleich sein Grab gefunden haben würde. Seine körperliche Stärke, seine Geistesgegenwart und seine Sicherheit im Schießen waren allbekannt. Dazu kam noch, daß das Militärkommando von Stülpners früherem Regimente Prinz Maximilian war, unter welchem er noch viele Anhänger und Bekannte hatte, welches daher nur im äußersten Notfalle den Befehl, welcher überhaupt damals in Scharfenstein nicht von dem Offizier, sondern von dem Gerichtsdirektor ausgegangen war, auf ihn zu schießen, würde respektiert haben. Wenn man daher dieses alles erwägt, wird man es gar nicht so unbegreiflich finden, daß Stülpner seinen so zahlreichen Verfolgern nicht nur glücklich entging, sondern sich sogar keck genug ihnen, zum Kampfe gerüstet, entgegen stellte und sie gleichsam auf Leben und Tod herausforderte.

Zwei Tage nach diesem merkwürdigen Vorfall und mißlungenen Streifzug gegen Stülpner begegnete ihm ein Mann aus Geyer, dem er auftrug, zum Oberförster Pügner zu gehen und ihm im Auftrage Stülpners zu sagen, daß der Oberförster ja nicht glauben solle, jener Schuß am Schloßberge habe seiner Person gegolten und die Kugel hätte durch einen Fehlschuß nur sein Pferd getroffen. Stülpner hätte ihm nur zeigen wollen, daß er sich in seiner Nähe befinde und daß er überhaupt geladen hätte. Wenn sich aber künftig der Herr Oberförster noch mehr um ihn bekümmern würde, dann gäbe es Kugeln für ihn selbst, und er würde wohl wissen, daß Stülpner noch nie gefehlt habe.

Allgemeines Aufsehen mußte natürlich dieser abenteuerliche Feldzug gegen Stülpner erregen, zumal da die große und wohlgerüstete Anzahl seiner Verfolger, trotz ihrer mit so vieler Vorsicht und Mühe getroffenen Maßregeln, anstatt ihn in ihre Gewalt zu bekommen, zuletzt vor ihm selbst flüchteten. Ueberall wurde Stülpners Bravour gerühmt und verbreitet; nur der Gerichtsdirektor G., der als Urheber der ganzen Sache mit seinem treuen Gerichtsdiener so unrühmlich wieder abziehen mußte, konnte der Schadenfreude, die ihm aus den meisten Gesichtern so deutlich entgegenleuchtete, nicht entgehen, und war über das Mißlingen seines so gut ausgedachten Planes ganz niedergeschlagen und trostlos.

Er wurde es aber noch weit mehr, als Stülpner ebenfalls wie nach Geyer zum Oberförster Pügner ihm sagen ließ, daß er ihm zwar das Wiedererscheinen in Scharfenstein nicht verwehre, aber er zweifle sehr, ob er dasselbe mit gesunder Haut wieder verlassen würde. Diese Drohung schüchterte den guten Mann so ein, daß er eine Zeit lang nicht wagte, seine Wohnung zu verlassen, noch viel weniger getraute er sich nach Scharfenstein zu reisen, um daselbst Gerichtstag zu halten.

Die fürchterlichste Rache aber schwur Stülpner dem Gerichtsdiener W., welchem er es nicht vergessen konnte, daß er seine arme, schuldlose Mutter bei jener Hausvisitation so schändlich gemißhandelt und weil er auch früher immer geäußert hatte, wenn ihm nur Stülpner einmal in den Weg käme, er wolle gewiß mit ihm fertig werden. Wir werden bald hören, wie Stülpner ihn für seine Prahlerei und die Mißhandlung seiner Mutter bestraft.

Hinsichtlich des Militärkommandos that es Stülpnern leid, gestehen zu müssen, daß es sich nicht wie eine zivilisierte Truppe benommen hätte, bei der Hausdurchsuchung hatten sie von dem Boden seine sämtliche Wäsche, bestehend in drei Dutzend Hemden, zwei Dutzend Strümpfen, einem Dutzend Taschentüchern und einem Paare neuen kalbledernen Stiefeln, sowie aus der Vorratskammer alle Würste, Schinken und dergleichen mit sich genommen.

Als der Major von Einsiedel kurz darauf wieder nach Scharfenstein kam und den ganzen Hergang der Sache, von welcher er übrigens schon in Glauchau Nachricht erhalten hatte, näher erfuhr, war er über den Gerichtshalter, der dieses alles während seiner Abwesenheit unternommen, höchst unwillig und aufgebracht, zumal derselbe schon längere Zeit keinen Gerichtstag in Scharfenstein gehalten hatte.

Der Major und sein Pächter Philipp suchten Stülpnern persönlich bei seiner Mutter auf, um ihm zu sagen, daß er den Verlust der bei jener Hausvisitation entwendeten oder zertrümmerten Gegenstände angeben solle, welche der Gerichtsverwalter gern unter der Bedingung ersetzen werde, wenn er künftighin ihn ungehindert nach Scharfenstein passieren lasse.

Stülpner ließ sich endlich durch vieles Zureden dazu bewegen und verlangte 50 Thaler Schadenersatz, indem er dem Major mit Handschlag versprach, den Gerichtsdirektor nicht weiter zu beunruhigen, sobald er dieses Geld erhalten hätte; doch nur die einzige Bedingung noch, der Gerichtsverwalter solle nie wieder seinen Gerichtsdiener mitbringen, wenn dieses geschehe, könne er nicht dafür stehen, daß er lebend nach Thum zurückkehre. Der Major versprach ebenfalls Stülpnern, daß, so lange er leben würde, kein Gerichtsfrohn bei dem zu haltenden Gerichtstage Scharfenstein betreten solle.

Nach diesem geschlossenen Friedensvertrage wurde sogleich ein Bote nach Thum abgesendet, um dem Gerichtsdirektor diese Botschaft zu überbringen. Wer war froher als dieser, durch so leichten Kauf sein Leben wieder gesichert zu sehen. Sogleich siegelte er die geforderte Summe von 50 Thalern ein und übersendete dieselbe an den Pächter Philipp, um sie Stülpnern einzuhändigen. Stülpner ärgert sich heute noch, bemerkt hierzu Schönberg, nicht 100 Thaler verlangt zu haben, vielleicht hätte er dieselben ebenso bereitwillig erhalten.

Drei Tage darauf kam schon der Gerichtsdirektor, um Gerichtstag zu halten, doch dem Vertrage gewiß, ohne seinen treuen Diener mitzubringen. Allein nach Verlauf von einem halben Jahr, als der Gerichtsdirektor eine Exekution in Scharfenstein hatte, brachte er wirklich seinen Gerichtsfrohn wieder mit, wahrscheinlich hoffte er, daß entweder Stülpner nicht anwesend sei, oder daß seine Wut gegen denselben sich abgekühlt habe. Doch er täuschte sich, denn kaum hatte Stülpner von seinem Wiedererscheinen in Scharfenstein gehört, als er sich sogleich aufmachte, um ihm aufzulauern und seine Drohung wahr zu machen.

Als daher der Gerichtsdiener wieder nach Thum zurückkehren wollte, erwischte ihn Stülpner ungefähr 300 Schritte vom Schlosse entfernt und rief ihm mit seiner gewöhnlich donnernden Stimme zu: »Bist Du der Büttel aus Thum?« worauf dieser, seinen Todfeind erblickend, mit stotternder Stimme »Ja« antwortete. Hierauf sprang Stülpner auf ihn zu und richtete erst folgende kräftige Worte an ihn: (Stülpners eigene Worte) »Du bist also der Schurke, der meine alte Mutter so schändlich gemißhandelt hat, und Du hast geprahlt, mich in Deine Gewalt zu bekommen und sei ich in einer Entfernung von zwei Stunden! Hast Du Teufelskünste, so zeige sie!« Bei diesen letzten Worten stürzte der arme Diener der Themis auch schon von Stülpners kräftiger Faust getroffen, zusammen, raffte sich aber schnell wieder auf und entfloh bis in die Nähe des Richters, wo ihn Stülpner wieder einholte, wie ein Blitz ihm sein großes, spanisches Rohr entwandt und damit so lange auf ihn losschlug, bis es zuletzt in Stücke zersprang, welche Ueberreste seines stolzen Paniers er ihm mit den Worten ins Gesicht warf: »Hier Kerl, hast Du vollends den Dank für Deine Prahlerei und für die an jenem Abende bei der Hausvisitation an meiner armen Mutter ausgeübte Mißhandlung.«

Der am ganzen Körper zerfetzte und auf dem Boden sich herumkrümmende Gerichtsdiener richtete sich endlich mit vieler Mühe wieder auf und wollte vor Scham und Wut knirschend wieder nach dem Schlosse zurückkehren, um sich daselbst Hilfe zu verschaffen; allein Stülpner, der seinen Plan sogleich erkannte, vertrat ihm den Weg mit den Worten: »Du gehst dorthin (ihm den Weg nach Thum zeigend) oder das Donnerwetter soll Dich vollends zerschlagen.« Willig und ohne ein Wort weiter zu erwidern, eilte der für seine Prahlerei so reichlich bezahlte Gerichtsdiener seiner Heimat zu, ohne sich weiter umzusehen und Scharfenstein je wieder zu betreten.

Der Major von Einsiedel, der Rittmeister von Zinsky, der Gerichtsverwalter G., der Pächter Philipp, sowie noch mehrere anwesende Gäste sahen, durch das klägliche Geschrei des Gerichtsdieners und durch das kräftige Accompagnement Stülpners aufmerksam gemacht, diese Szene vom Schlosse aus mit an, und alle, mit Ausnahme des Gerichtsdirektors, der das Gesicht ungeheuer dabei verzog, aber seinem treuen Diener keine Hilfe zu senden wagte, teils aus Furcht vor Stülpnern selbst, teils weil er ihn trotz der dringenden Vorstellung des Majors mitgebracht hatte, freuten sich herzlich, daß der wegen seines brutalen, habsüchtigen Benehmens allgemein verhaßte Gerichtsfrohn seine schon längst verdiente Strafe so reichlich hier erhielt.

So endeten denn alle diese Ereignisse, die, obgleich anfangs so drohend und hinsichtlich der angewendeten Mittel so gefahrvoll für Stülpnern erscheinen mußten, zuletzt doch zu seinem Ruhme und bezweckten endlich für ihn noch das Gute, daß er seit der Zeit von seinen Feinden nicht wieder beunruhigt wurde, da sie wohl einsahen, daß Stülpner nicht mit sich spaßen lasse.

Ueberdies verhielt er sich auch in Bezug auf seine frühere Lebensart seinem Versprechen gemäß ruhig und blieb wie zuvor größtenteils bei seiner Mutter in Scharfenstein, wo er ganz sorglos umherging und von da auch oft Ausflüge in die Umgegend machte. So reiste er während dieser Zeit in seinem Jägerkostüme dreimal nach Chemnitz, wo er in der Regel der Wachtparade seines früheren Regiments ganz nahe beiwohnte und jedesmal seinen alten Gönner, den Major von Gundermann, mit besuchte, von welchem er stets reichlich beschenkt (er erhielt bei jedem Besuch vier Laubthaler) und gut bewirtet, wieder schied, ohne in dem so volkreichen Chemnitz, obgleich er von allen erkannt, verfolgt zu werden.

Inzwischen wurde an seiner Begnadigung von seiten des Majors von Einsiedel und des Rittmeisters von Zinsky, wozu sich noch ein dritter Menschenfreund, der Kammerherr von Nostiz gesellte, thätig gearbeitet. Doch obgleich schon sechzehn Bittgesuche nach Dresden an die Regierung deshalb eingesandt worden waren, so schien doch immer das gehoffte Resultat noch nicht zu erfolgen. Endlich wendete sich Stülpner noch mit zwei Bittschreiben an den würdigen Pater Herz, dem damaligen Beichtvater unseres höchstseligen Königs Friedrich August.

Der Pater Herz antwortete Stülpnern eigenhändig wieder, daß er, was in seinen Kräften stünde, gern zur Erleichterung und Begünstigung seines Geschickes thun wolle, nur müsse er erst die dazu günstige Gelegenheit abwarten. Als daher einst bei der damals noch kurfürstlichen Tafel Friedrich August gut gelaunt war, leitete Pater Herz absichtlich das Gespräch auf Stülpnern und bat um dessen Begnadigung. Da sämtliche anwesende hohe Gäste schon im voraus zu Gunsten Stülpners gestimmt, sich ebenfalls mit für ihn verwendeten und besonders hervorhoben, daß Stülpner durch Mangel an Erziehung, durch Unwissenheit und allerlei Umstände zu seiner unerlaubten Lebensart verleitet worden wäre, er aber durchaus kein gefährlicher Mensch sei, sondern die schönsten Beweise von dem Gegenteil an den Tag gelegt habe, so konnte der stets wahrhaft großmütige und nachsichtsvolle Fürst diesen Bitten nicht länger mehr widerstehen und gab sogleich nach aufgehobener Tafel Befehl, den über Stülpnern geschleuderten Bannfluch aufzuheben.

Wie öffentlich Stülpner früher für vogelfrei erklärt worden war, ebenso öffentlich wurde er aufgefordert, daß er bei einer freiwilligen Rückkehr zu seinem Regimente als Wilddieb nicht weiter bestraft werden solle.

Welche Freude für den Geächteten, als er sich von der Wahrheit dieser Versicherung überzeugen durfte. Ihm war, als wenn sich eine drückende Last von ihm gewälzt, als wenn Sklavenketten seinen Gliedern entfallen wären, da er frei wieder in sein Vaterland zu seinen Verwandten und Freunden zurückkehren durfte.

Ungesäumt verließ Stülpner jetzt die Wohnung seiner Mutter, wo er sich seit der neuen Gestaltung seines Schicksales aufgehalten hatte und eilte in das Stabsquartier seines Regiments, um sich als freiwillig zurückkehrender Deserteur zu melden. Daselbst angelangt, trat er, ohne irgend eine Strafe weiter zu erhalten, wieder in die Reihe seiner Musketiere ein. Mit Eifer und musterhafter Ordnungsliebe unterzog er sich der ihm obliegenden Pflichten und gewann durch ein bescheidenes und stilles Betragen in kurzer Zeit das Vertrauen und Wohlwollen seiner Vorgesetzten, sowie die Liebe seiner Kameraden wieder.

Im gesellschaftlichen Umgange war er zurückhaltend und einsilbig, denn er bemerkte nur zu oft, daß er der Gegenstand der Neugierde war und schlich sich öfters aus der Gesellschaft fort, die um seinetwillen sich versammelt hatte.

Er selbst schwieg stets von seinen Thaten, ob sie doch gleich so viel Aufsehen erregt hatten und nur von seinen Oberen aufgefordert, brachte er es über sich, davon zu erzählen. Weder prahlend noch furchtsam sprach er dann, aber offen und wahr, und gab über manche vorher unbegreifliche Dinge Aufschluß. Vergeblich versuchte man von ihm etwas von seinen Mitschuldigen und den Abnehmern seiner Beute zu erfahren, worüber er stets die größte Verschwiegenheit bewahrte und gewöhnlich mit den Worten das Gespräch abbrach: »Ich habe sie nicht gekannt,« oder: »Ich will und werde sie nicht nennen.«

Ueberhaupt leuchtete aus seinem ganzen Benehmen hervor, daß er einen unerschütterlichen Ernst und eine nicht gewöhnliche Gewalt über sich besaß, sowie eine gewisse Abneigung gegen das Gewöhnliche während seines abenteuerlichen und verhängnisvollen Lebens gewonnen hatte.

Kurz nachdem Stülpner wieder zu seinem Regimente zurückgekehrt war, verehelichte er sich mit der Tochter des Richters Wolf aus Scharfenstein, mit welcher er schon seit mehreren Jahren in näherer Verbindung gestanden, aber wegen seines frühern, unstäten und unerlaubten Lebenswandels die Einwilligung der Eltern zur Trauung nicht erhalten hatte. Jetzt, da er wieder auf freien Fuß gestellt war und sich eifrig bestrebte, durch rege Thätigkeit und treue Pflichterfüllung seine begangenen Vergehen wieder gut zu machen, konnte der alte Wolf (seine Gattin war kurz vorher gestorben) den wiederholten Bitten der Tochter seine Genehmigung zur Verbindung mit ihrem Karl zu geben, nicht länger mehr widerstehen. Stülpners Gattin blieb in der Behausung ihres Vaters, da das geringe Traktement in der Garnison nicht ausreichte, sie hinlänglich versorgen zu können, und beschenkte ihn nicht lange darauf mit einem munteren Knaben.

So schien sich denn das Schicksal, das Stülpnern zeither immer so hart verfolgt hatte, wieder mit ihm auszusöhnen und ihm nach so vielen sturmbewegten und gefahrvollen Tagen wieder heitere Stunden gewähren zu wollen. Denn wenn er sich auch jetzt als Ehegatte und Familienvater oft kümmerlich behelfen mußte, da der geringe Sold kaum für ihn hinlangte und er außer seiner Dienstzeit sich allen möglichen Handarbeiten unterzog, um seiner Familie einiges zufließen zu lassen, so befand er sich doch glücklich in seiner Lage und man hörte nie eine Klage über seine Lippen kommen.

Hierzu kam noch, daß man ihm einige Hoffnung auf Erlangung einer Försterstelle in den weitläufigen Waldungen seines Gerichtsherren unter der Bedingung gemacht hatte, daß er zuvor noch einige Jahre im Militärdienste ausharre und jeden auf ihm ruhenden Verdacht vertilge. Diese für ihn so günstige Aussicht ließ ihn daher jetzt gern alle Mühseligkeiten seiner oft drückenden Lage überwinden.

So waren denn wieder einige Jahre für Stülpner verflossen, ohne daß seine so sehnliche Hoffnung nach einem gewissen Brote sich erfüllt hätte; denn so sehr man sich auch überzeugte, daß Stülpner einen solchen Posten am besten verwalten würde und ganz dafür geeignet sei, so sehr man hoffen konnte, was auch Stülpners ernstlicher Wille war, seine begangenen Fehler durch treue und geschickte Verwaltung einer solchen Stelle in etwas wieder gut zu machen, so blieb doch immer dieser sein inniger Wunsch noch unerfüllt. Denn wenn auch das hier und da noch nicht erloschene Mißtrauen ihm nicht die größten Hindernisse in den Weg legte, so waren es doch die Forstbeamten, die ihn aus leicht zu erratenden Gründen nicht gern auf diese Art angestellt sehen wollten.

Während so sich Stülpner immer noch der täuschenden Hoffnung hingab, bald durch eine lebenslängliche Anstellung der kümmerlichen Sorge für seine Familie, die unterdessen durch die Geburt eines Mädchens vermehrt worden war, überhoben zu werden, türmten sich auf einmal am südlichen Horizonte eine Menge schwarzer Gewitterwolken auf, die durch ihr schnelles Herannahen und Herabstürzen auf unsern vaterländischen Boden so manche schöne Hoffnungen zertrümmerten.

Das Jahr 1806 nämlich war es, wo der Welterstürmer Napoleon mit seinen Siegesscharen auch unser Vaterland heimsuchte und in kurzer Zeit ganz Deutschland damit überflutete.

Unter den 20000 Mann Sachsen, welche im September 1806 in Thüringen einmarschierten, um sich dem linken Flügel des preußischen Heeres anzuschließen, befand sich auch das Chemnitzer Regiment, und unter ihm Stülpner. Auf der Flucht nach der unheilvollen Doppelschlacht von Jena und Auerstädt ward Stülpner, der während der Schlacht als Scharfschütze treue Dienste geleistet hatte, von seinem Regimente versprengt und auf der Retirade nach Weimar gefangen genommen. Mit einer Menge ebenfalls gefangener Preußen wurde er nun von französischen Husaren nach Querfurt transportiert und daselbst auf dem Schlosse in Verwahrung gebracht. Stülpner hatte schon mehrere Tage gehungert und in Querfurt wurde ihm auch nur ein wenig Brot und Wasser verabreicht, er beschloß deshalb auch hier durch die Flucht seiner Gefangenschaft zu entgehen. Vermittelst einiger Stricke, die er sich zu verschaffen gewußt hatte, ließ er sich zwei Tage nach seiner Ankunft in Querfurt während einer stürmischen Nacht mit noch vier anderen Kameraden drei Stockwerk hoch von seinem Gewahrsam herunter und entkam mit seinen Gefährten glücklich bis nach Merseburg, inzwischen aber war die Neutralität Sachsens erklärt worden. Von hier aus nahm er in gerader Richtung seinen Weg in die Heimat zu seiner Familie, die ihn zwar mit großer Freude, aber zugleich auch in Trauer empfing. Acht Tage vor seiner Ankunft in Scharfenstein war seine Mutter in einem Alter von 89 Jahren an Altersschwäche gestorben, ihr innigster Wunsch, vor ihrem Hinscheiden ihren Karl noch einmal zu sehen, war ihr nicht erfüllt worden. Stülpnern betrübte diese Nachricht sehr, hing er doch an der Mutter mit großer Liebe; jetzt besuchte er ihren einfachen Grabeshügel und weihte ihr Thränen wahrer kindlicher Liebe.

Nachdem er sich einigermaßen bei den Seinen in Scharfenstein von den überstandenen Strapazen erholt hatte, ging er nach Chemnitz zu seinem Regimente zurück, das nach der Jenaer Schlacht und nach der erklärten Neutralität Sachsens wieder sein Standquartier, leider sehr geschwächt, bezogen hatte; viele von den braven Musketieren waren in der Schlacht geblieben, viele tödlich verwundet worden.

Nach achtzehnjähriger Dienstzeit forderte Stülpner seinen Abschied, der ihm jedoch nicht gewährt wurde, weil man bei dem nahe bevorstehenden Kriege solche tüchtige Scharfschützen und brave Leute nicht entbehren konnte. Stülpner war hierüber sehr unzufrieden, nahm auf sechs Wochen Urlaub in seine Heimat und da man ihm das Versprechen, nach höchstens vierjähriger Dienstzeit nach seiner freiwilligen Stellung ihn wieder zu verabschieden, nicht gehalten hatte, so glaubte er nun auch nicht so pflichtgetreu handeln zu müssen; er desertierte abermals nach Böhmen, wo er sich in der Nähe von Sebastiansberg auf dem St. Christoph Hammer eine Schenke pachtete und seine Familie dahin nachkommen ließ.

Hier lebte Stülpner fünf Jahre lang in stiller Zurückgezogenheit mit den Seinigen, deren Zahl sich unterdessen noch durch die Geburt eines Knaben vermehrt hatte und befand sich ganz erträglich. Sein abenteuerliches Leben zog immer viele Gäste herbei, die bei dem Anhören seiner Thaten und seiner erlittenen Schicksale beim Bierkruge so manchen Kreuzer sitzen ließen. Mit dem Jahre 1813 zogen die Oesterreicher nach Sachsen gegen Napoleon, Sachsen erließ Generalpardon, was Stülpner veranlaßte mit seiner Familie in seine Heimat Scharfenstein zurückzukehren und seinen Abschied zu fordern, der ihm diesmal auch gewährt wurde.

Im Spätherbste desselben Jahres durchstreiften eine Menge Kosaken, spottweise Bauernkosaken genannt, unser Gebirge, die überall plündernd eindrangen und einstmals auch wohl 200 Mann stark nach Scharfenstein kamen, um alles, was sie fortbringen konnten, mit sich zu nehmen. Auch Stülpners Familie blieb nicht verschont, das Raubgesindel trug ihr sämtliche Habseligkeiten weg. Enrüstet über diese Frechheit eilte Stülpner zwei Nachzüglern nach und warf sie, nach einigen unsanft ausgeteilten Rippenstößen in die Zschopau, um ihnen hier ein russisches Dampfbad zu bereiten. Kurz darauf befreite er das Dorf Grießbach, wo auch eine Menge Kosaken plünderten, mit Hilfe eines ungarischen Husarenunteroffiziers, der auf dem Schlosse Scharfenstein als Salvegarde lag, von diesen Räubern, und hatte sich durch seine längst anerkannte Bravour und Kühnheit einen solchen Ruf erworben, daß er überall in der Umgegend, wo solche Plünderungen verübt wurden, zu Hilfe herbeigerufen wurde und durch seine Geistesgegenwart und derben Fäuste so manche Mißhandlung der armen Einwohner sowie den Verlust ihres Eigentums verhinderte.

Im Jahre 1814 kaufte sich Stülpner ein Haus in Großolbersdorf, welches später seine Tochter besaß, die an den Holzhändler Schönherr verheiratet war. Nachkommen dieses Schönherr, also Enkelkinder und Urenkel Stülpners, leben heute noch in Marienberg, in Lauterbach und in Lauta.

In Großolbersdorf blieb Stülpner 5 Jahre, wanderte dann, von seinem unruhigen Geist immer wieder fortgetrieben, abermals nach Böhmen, wo er sich in Preßnitz niederließ und mit glücklichem Erfolg Paschhandel betrieb.

Stülpner blieb bis zum Jahre 1828 in Böhmen, wo ihn das große Unglück traf, durch den Staar ganz zu erblinden. In dieser für ihn höchst traurigen Lage brachte er bis 1831 zu, wo er sich in Mittweida einer Operation unterwarf, aber nur auf dem linken Auge die Sehkraft wieder erlangte.

Als er im 73. Lebensjahre stand, entwirft Schönberg über seine Persönlichkeit folgende Beschreibung: Stülpner ist zwar noch rüstig und gesund und bietet allen Elementen Trotz, doch seine Hand, vermittelst welcher er sonst seine tödliche Kugel so sicher zu dem verfolgten Ziele sendete, zittert, und seine Sehkraft ist so geschwächt, daß er stets einen Blendschirm tragen muß, und ist deshalb nicht vermögend, durch irgend eine Handarbeit seine kümmerliche Existenz zu fristen. Er besitzt noch alle Zähne, die wohl erhalten sind, und seine Sprache ist, vorzüglich wenn er bei dem Erzählen seiner Thaten in jugendliche Hitze gerät, noch so kräftig und donnernd, daß oft die Fensterscheiben davon erklirren möchten. Ebenso ist seine ganze Haltung noch gravitätisch genug, um mit einer spanischen Grandezza darin wetteifern zu können. Seine Länge beträgt 76 sächsische Zoll und seine braune männliche Physiognomie verrät sogleich das ihm angeborene treuherzige Wesen, aber auch, wenn er gereizt wird, seine leicht aufbrausende Hitze. Die Aussprache Stülpners gleicht dem höhern erzgebirgischen Provinzialdialekt.

In seinem hohen Alter ist Stülpner, da er vollständig erwerbsunfähig geworden war und kein Vermögen besaß, ganz und gar auf die Unterstützung anderer Menschen angewiesen gewesen, doch ist es falsch, wie man hier und da hört, daß er bettelnd umhergezogen und zuletzt im Armenhaus gestorben sei. Unter den Jagdgenossenschaften hatte man an verschiedenen Orten Sammlungen für Stülpner veranstaltet. Herr Pastor Maximilian Lindner in Großolbersdorf schreibt mir: »Der Wilddieb und Abendteurer Karl Stilpner (nicht »Stülpner,« wie sich jetzt die Nachkommen seines Bruders, in Scharfenstein wohnhaft, schreiben), hatte sich zwar gar nichts für sein hohes Alter erspart, aber so oft er sich bei seinem Schwiegersohne hier besuchsweise aufhielt und da schon halb erblindet war, ist er nicht von fremden Leuten unterstützt worden. Sein Lebensabend in Scharfenstein wurde ihm, dem ehemaligen herrschaftlichen Holzwärter, von der immer sehr gnädigen Familie von Einsiedel auf Schloß Scharfenstein, einer stillen Beschützerin, durch ansehnliche Spenden dergestalt erleichtert, daß es ihm an Nahrung und Kleidung nicht mangelte.«

Laut Kirchenbuch zu Großolbersdorf ist Karl Stülpner am 24. September 1841 in Scharfenstein an Entkräftung gestorben und am 27. desselben Monats auf dem Gottesacker zu Großolbersdorf christlich beerdigt worden.

Ueber Stülpners Sohn teilt mir gütiger Weise Herr Pastor Lindner weiter mit: »Stülpners Sohn, in Böhmen geboren, diente als Jüngling von ungefähr 18 Jahren bei Fabrikdirektor Leonhardt in Scharfenstein. Im Jahre 1845 habe ich mit Herrn Leonhardt diesen Stülpner als Soldat in Theresienstadt gesehen. Im Jahre 1875 oder 1876 hat mich dieser Stülpner hier besucht und befand sich in schlechtem Zustande. Wo er sich jetzt aufhält, ist mir unbekannt.«

Ende.