Ich habe dich so namenlos gequält . . .

Die Frau:

Wie du dich selbst gequält hast!

Der Mann:

Sieh, es treiben

die Nebel durch den schmalen Klippenspalt . . .

die Wälder singen . . . Orgelfugen rauschen . . .

Die Frau:

Es rauscht mein Blut! — Hier will ich stehn und lauschen,

ob unserm Weh kein Echo widerhallt . . .

Gott, sei uns gut!

Der Mann:

Versuche nicht die Tiefen,

wenn du mit mir bist, denn an mir ist Fluch,

seit Kain!

Die Frau (mutig):

Wie meine Mütter einst dich riefen,

rufe ich dich: laß jenen durch ein Buch,

durch eine schemenhafte Pflicht . . . um kleiner

Hingebung willen nicht zuschanden werden!

Gott, sei uns gut! — — oder du hast auf Erden

nicht einen Spiegel mehr! . . .

Der Mann (mit ihr knieend):

Gott! mach’ uns reiner

als Morgenröte über Gipfelwiesen!

Laß deine Liebe sich mit ihrer Liebe

verschwistern! — Gott! Ich Zwerg vor ewig Riesen! . . .

Und daß mir nur ein Traum von ihren bliebe!

Die Frau:

Nimm ihm die Demut, nimm ihm alles Bange

und mach’ ihn so mit meinem Leben reich! — —

Ich sterbe gern . . .

Der Mann:

Wir sterben Wang’ an Wange . . .

Stimme aus den Wolken:

Und werdet Ihm mit Stein und Sternen gleich.

Aus der Nachfolge Jakob Böhmes

(Mit brüderlichen Grüßen zu Franz Jung)

„Gestellet für uns selbsten zum Ingedenk und Aufrichtung in dieser verwirreten, elenden und trübseligen Zeit . . .“

Jakob Böhme
De triplici vita hominis.

In fremder Straßen fremde Nacht verschlagen

In fremder Straßen fremde Nacht verschlagen

erzittre ich mit dem verirrten Kinde,

das fremde Menschen auf die Festtribüne tragen,

und der Trompeter bläst, daß es die Mutter finde.

Die Grillen zirpten und die Sterne sangen,

und Gott ging neben mir und war so gut,

und lächelnd spielt’ ich mit den goldnen Spangen

an seinem Hut.

Und fremde Schatten silberten sich seiden

aus einem großen fremden Mond,

mein Herz sprang brennend durch die dunklen Weiden

und sang: O kommt!

Kommt wieder Lampen meiner Stadt und Hallen

und hebt mein Haupt

in weiße Kissen, die sich wallend ballen,

und Lieder, die von Gottes Abschied fallen

in einen Traum, der an ihn glaubt.

Dieser Welt entgrüntes Witwentum

Witwe wurde ich der Wunder weiland,

welche Gottes Bräutigam verhieß,

und ich warf mich vom verzückten Heiland,

der die Kindlein zu sich kommen ließ.

Was entlief ich, ehe der Empfängnis

überschwenglich Rauschen mich befiel,

zirkelte Mariens Herbstbedrängnis

in ein fruchtlos spottend Frühlingsspiel?

Und verfrühte, was mir frommen konnte:

wachen Abend, den der Sommer segnet;

goldnen Mittag, den September sonnte — — —

Und von nichts als Eitelkeit umflossen,

bin ich allzu herb in mir verschlossen,

daß mein Herz vergißt, wem es begegnet.

Auch der Zweifler bleibt in Gottes Sphäre

Heile Hunger, Giftqual und Begierde

und verschütte jede Leidenschaft,

jeden Zank, der nicht zu Gottes Zierde

seine Schiedlichkeit zusammenrafft!

Aber was, noch mit sich selber streitend,

seine Fackel nach den Wolken wirft,

Schild und Schild zur Sonnenbrücke breitend,

über die der Fuß gen Eden schlürft:

sei geschürt zum ungeheuren Brande,

der in einer Flamme sich verzehrt

über Feindes-Lande, Freundes-Lande!

Und die Stadt, die sich vor Gott verstockt,

weil sie ihn noch gütiger begehrt,

gilt ihm mehr, als die ihn lächelnd lockt.

Herr, kannst du nicht die Dinge strafen

Herr, kannst du nicht die Dinge strafen,

sie widerstreben deinem Sohn:

der Kissen Eigensinn läßt ihn nicht schlafen

und in Verzweiflung treibt das Telephon.

Die Lampe macht sich launenhaft zum Feinde,

mit dem ein ungewisser Krieg beginnt,

und eine ganze drohende Gemeinde

hat Hinterhälte, wo sie Aufruhr sinnt.

Die Dunkelheit ist stumm im Bunde

mit jeder Ecke, jeder Wand,

es höhnt die Uhr mit falscher Stunde

und Rundes rinnt aus meiner Hand.

Und viel ist störrisch in Verstecken,

die Riegel geben mir nicht nach —

Herr, soll mich noch ein Stein beflecken,

ein hohles Holz mit solcher Schmach?

Oder: sind dir die Dinge näher

und mehr dein Sohn, als ich es bin,

und stelltest du sie mir als Späher

um meine Leidenschaften hin?

Damit sie mich vor dir erproben

und Spiegel meiner Schwachheit sind —

wie wird mein Bitten, wird mein Toben

an ihnen ein vertaner Wind!

Daß ich an ihnen Demut lerne

und die Geduld, die bei dir thront,

damit ein Hauch von deinem Sterne

mit mir im gleichen Raume wohnt.

Damit ich ohne Überheben

behüte, was mir Nachbar bleibt,

und weiß: der Dinge Dämmern und mein Leben

sind deiner Einsamkeit gleich einverleibt.

Ich nahm den sehr verhaßten Pfad — —

Ich nahm den sehr verhaßten Pfad, wo zwischen

modernden Teichen dich ein Hohlweg fängt;

wo Dunst von Unrat und verwesten Fischen

als Wolke über deinem Atem hängt;

wo immer Nacht ist; wo sich die Gedanken

wie Kröten ducken in das düstre Moor

und deine Wünsche sich mit widrig kranken,

geifernden Gliedern klammern an das Rohr.

Dort suchte ich das Letzte zu erschleichen,

ob es mir irgend noch beschieden sei,

in deiner frechsten Fratze zu erbleichen,

Mißton zu spein aus deinem Eulenschrei.

Ich suche dich in deiner letzten Öde,

in deiner Scham, in der dich keiner liebt,

ich aber suche noch die glücklos blöde

Grimasse, die dein Angesicht verschiebt,

und ich will lieben deine scheelste Schande,

der ich in deinem Stolz nicht leuchten darf,

und den sein Schicksal aus dem Morgenlande

erträumter Heimat als Enterbten warf.

Leicht ist es, dich im lichten Laub zu finden, —

ich will dich, wo du heillos häßlich bist,

feindselig und entstellt, mit gierig blinden,

tappenden Gesten abgefeimter List

Nachstellungen ersinnst und Hinterhälte

und nicht das eigne Königtum mehr kennst,

wo eine künstlich hingehaltne Kälte

die Flamme leugnet, drin du qualvoll brennst.

Ich suche dich in deinem schlimmsten Flecken,

dort, wo du wertlos und voll Ekel sinkst,

will ich für meine Demut dich entdecken,

daß du mit mir aus einem Scherben trinkst,

die schale Fäulnis trinkst, und doch derselben

lechzenden Durstbegierde einverleibt

dein Mund und meiner, und in schmutzig gelben

Lehmfurchen meine Spur an deiner bleibt;

mit dir ein Schade sein und ein Gebrechen,

die letzte Gnade, die ich mir erbat,

mit dir die lästerlichsten Zoten sprechen,

mit dir der Helfer widerlichster Tat:

doch irgendwie in deine Schlucht zu schlüpfen

und teilzuhaben, sei es, wo zuletzt

du dich verlierst, mich innig zu verknüpfen

dem Netz, in das der gleiche Haß uns hetzt,

ist Gnade vor der einsam blauen Lichtung,

wo Reinheit Rache wird am fernen Mond,

und noch mit dir Verrat und Selbstvernichtung

ist mehr als Ewigkeit, die einsam thront.

Veracht’ ich mich, um Gott mehr zu gefallen?

Veracht’ ich mich, um Gott mehr zu gefallen?

Mach’ ich ein Fest aus abgeschriebnen Federn?

Wein’ ich mich sacht in Schlaf . . . und werden Zedern

entrücken mich in endlos grüne Hallen?

Fühl’ ich, wie du mich trägst? Schöpft aus der Quelle

die Hand, die mich behütete, ein Leben,

das nie vergeht? Und kehrt nicht zaghaft eben

der Zweifler in das Dunkel der Kapelle?

Soll meinen Schlummer fremder Atem kräuseln,

der Irrtum dessen, dem ich mich entäußre

und dienen will, wenn mich Erkenntnis stäupt?

Du tust mich in dein Rechnen, und betäubt

erduld’ ich es, und, ob mein Stolz sich sträubt,

ist nur mein Herz noch Uhrwerk im Gehäuse.

Himmelfahrt

Brand in Inbrunst himmlischer Essenz

brach aus seines Hingangs Heiligkeiten,

Strahl des ersten Blütenlichts im Lenz

und der Schatten schräg an seinem Schreiten.

Und das Feuer unter seines Fußes

hingewölbter Schwinge ward Figur,

und der Mondschein des Mariengrußes

spiegelte die Perlen auf der Schnur.

Da er zögert im Triumph der Zeichen,

lockt verfänglich Satans letzte Lust:

sich dem Gärtner Gottes zu vergleichen.

Und er strauchelt fast . . . und bleibt gebückt . . .

bis sein Gang, sein Lächeln, seiner Brust

tiefe Melodie ihn weit entrückt.

Des Erlösers letzter Sieg

Seine stillen Augen sind Kristalle,

die des Tages dunkles Kreuz bewahren

aufgehängt in seinen hellen Haaren

schaukelt klingend unsers Abends Halle . . .

Aber als ein Sturm mit den Gestirnen

unsanft spielt, birst seines wolkenbleichen

Angesichtes Schild und züngelt Zeichen,

die bedrohn, und Wunder, welche zürnen.

Aus der Brust, die plötzlich aufgebrochen

rot Vulkan ist, sprengt das Herz Verbluten

unter den entbrannten Dornenruten

seiner schmerzhaft steilgebäumten Knochen.

Doch zwei Hände bleiben, die erblindet

auf dem grünen Hirtenstabe rasten,

daß zur Nacht, die zärtlich sie betasten,

alles wieder seinen Frieden findet.