Jetzt kam der letzte Tag des Laubhüttenfestes »Simchas-Thaure« (Freude über die Thora) heran. Warum die Freude? Im Volke erzählte man: »Als die Juden auf dem Berge Sinai von Moses die Thora erhielten, verstanden sie von ihrem Inhalt nur wenig; als sie aber die heilige Schrift ganz in sich aufgenommen hatten, fanden sie darin ihr Glück und ihre Freude.« Und wahrlich, diese Thora ist ihr Stolz, ihr Volksschatz geworden für alle Zeiten, trotz der Unterdrückung, der Verfolgungen und Demütigungen, die sie erdulden mußten.

Am Simchas-Thora reißt diese Freude alle Schranken nieder. Wozu man sonst nur sehr selten Gelegenheit hat: man sieht an diesem Tage betrunkene Juden in den Straßen. Auch in unserem Hause ging es ziemlich bunt zu. Allerlei Getränke wurden bereitet, die besten Speisen mußte die gute jüdische Küche herhalten. Viele Gäste wurden zu Mittag geladen, die Kinder, auch das Gesinde erhielten volle Freiheit und die strenge Disziplin war aufgehoben. Mein Vater sah es ebenso wie alle Gäste für eine Mizwe (eine religiöse Handlung) an, sich bei Tische ein Räuschchen anzutrinken. Meine Eltern hinderten die jungen Männer nicht, wenn sie übermütig, ja ausgelassen tanzten und sangen; der Vater sang sogar munter mit. Es fehlten nur die Klänge einer Fiedel, da der Jude an den Feiertagen ein Musikinstrument nicht einmal berühren darf. Es wurden auch viele religiöse Tafellieder, die sich auf diesen frohen Tag bezogen, im Chor gesungen. Für meinen Vater hatte der Simchas-Thora-Tag noch eine besondere Bedeutung. Wie ich bereits erwähnt habe, war die Hauptbeschäftigung meines Vaters das Talmudstudium, das er um so eifriger betrieb, wenn er große Verluste in seinen Unternehmungen erlitten hatte. Er pflegte dann der Welt den Rücken zu kehren, flüchtete sich in ein Studierzimmer und lebte nur »al hathauro« und »al hoawaudo« wie der Jude sich kurz und bündig ausdrückt, d. h. nur in der Lehre der Gesetze und im Gottesdienst, was der Hauptzweck seines Lebens wurde. So machte er von Zeit zu Zeit ein Ssium (d. h. ein Werk vollenden); ein solches Ereignis wird im jüdischen Volke freudig gefeiert und bringt Ansehen und Ehre, besonders wenn es ein Ssium auf ganz Schass, d. i. ein Durchstudieren des ganzen Talmuds und aller Kommentare ist. Mein Vater pflegte seinen Ssium auf einen Simchas-Thora zu verlegen. Das bunte Treiben an diesem Tage dauerte bis zum Abend, beim Vorabendgebet aber waren alle schon wieder ernst. Der Vater machte wieder Awdolo und jetzt hieß es S'miraus, d. h. fromme Lieder singen. Der große Samowar brodelte und dampfte bereits auf dem Teetisch, und bis spät in die Nacht saßen die fleißigen Trinker gemütlich beisammen. Mit Simchas-Thora sind die sogenannten Jomim nauroim, d. h. die ernsten Tage zu Ende, wenn auch schon der nächste Schabbes Bereischis vor einem gewöhnlichen Sabbath ausgezeichnet ist, da jetzt der Anfang der Bibel wieder, der erste Abschnitt »Bereischis« vorgelesen wird. Der nächste Tag nach Simches-Thora ist Isserchag und gilt auch noch als Feiertag. Der Tisch, der volle acht Tage festlich geschmückt war, blieb auch heute bedeckt, was am Werktage sonst nach dem rituellen Gebrauch nicht geschieht. Das Mittagbrot wurde zu früher Stunde eingenommen und bestand aus kalten Speisen, die vom Vortag zurückgeblieben waren, eine Menge von guten, schmackhaften Sachen: kalte Pfefferfische, kalter Putenbraten usw. Nur der Borscht (eine Suppe aus gesäuerten roten Rüben) wurde frisch bereitet.

Die Zeit der Feste war vorüber. Langsam kam das Leben wieder ins alte Gleise. Eine Abwechslung brachte der Rausch chaudesch.

Am zehnten oder zwölften Tag jeden Monats wird der Mond, wenn er am Abendhimmel glänzt, nach jüdischem Gesetz bewillkommnet. Als Kind liebte ich es, durchs Fenster zuzusehen, wenn mein Vater sich in Begleitung von noch zehn Juden in den hellen Mondschein stellte und betete. Mit munteren Worten und die Augen gen Himmel gerichtet pries er den milden Mond. Dies geschah gewöhnlich Samstags abend.

Den »erew rausch chaudesch«, d. h. den Tag vor »Rausch chaudesch« (Neumond) pflegte man in meinem elterlichen Hause in eigener Weise zu begehen. Unter den damaligen Juden gab es viele, die an diesem Tage fasteten und besondere Gebete verrichteten. Viele Bettler, alte, kranke, in Lumpen gehüllte, halbnackte Männer und Weiber mit verzerrten Gesichtern, junge Leute, Mädchen und Kinder, kamen scharenweise an diesem Tage, ihr »Rausch chaudesch-geld« zu holen, da jeder Bußtag bei den Juden durch Almosen seine Weihe erhalten mußte. War es doch üblich, daß außer an diesem Tag viele im Volke in jeder Woche am Montag und Donnerstag zu fasten pflegten und an Arme Almosen verteilten. An diesen Tagen konnte man auch die sogenannten »Gabbettes« in Aktion sehen. Gabbettes sind fromme Seelen, gute, selbstlose Frauen, wahre religiöse Patronessen des armen jüdischen Volkes, deren Lebensaufgabe es war und in Litauen noch bis heute ist, sobald sie in ihrem eigenen Hause alles besorgt haben, mit einer zweiten Gabbette von Haus zu Haus in die Armenviertel zu gehen, um dort das Elend und die Not zu lindern. Paarweise laufen sie durch die Gassen, erbetteln von Krämern und Kaufleuten in den Buden Lebensmittel; und in alle Privathäuser kommen sie, um ein Almosen zu erbitten, Geld oder Speisen, alte Kleider usw. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft einer solchen »Gabbette«, die oft zu uns kam. Sie war ein Engel an Güte und Seelengröße. Ihr Name war Itke, die Hefterke. Sie pflegte meiner Mutter von all dem Elend und der Armut in der Stadt zu erzählen. Mit zerknirschtem Herzen und Trauer in den Zügen behauptete sie symbolisch, Perlen und Brillanten lägen in den Gassen herum, aber nur sehr wenige bemühten sich, die aufzunehmen. Sie meinte damit: Man könnte so viele Wohltaten an den Armen üben, und die wenigsten mühten sich darum. Nur diese »Juwelen« behauptete Itke, die Hefterke, kann man nach dem Tode mit ins Jenseits nehmen. Meine Mutter pflegte an Rausch chaudesch eine ansehnliche Summe Geld zu verteilen. Alte Männer und Frauen bekamen eine Münze von drei polnischen Groschen, d. h. eineundeinehalbe russische Kopeke. Je jünger der Arme war, um so weniger, bis auf einen Groschen herunter, bekam er. Den Kindern gab man nur eine »Prute«. Diese Münze war der dritte Teil eines polnischen Groschens, folglich ein Sechsteil einer Kopeke. Diese Münze pflegte in Brest-Litauen von dem jüdischen Gemeinderat mit Erlaubnis der Regierung verfertigt zu werden. Ich erinnere mich, daß diese Prute nur an Arme gegeben wurde, während sie im Geschäftsleben nicht gangbar war. Zuerst wurde sie in Blei gegossen mit der hebräischen Aufschrift »Prute achas«, d. h. eine Prute. Als aber damit Mißbrauch getrieben wurde, schaffte man sie ab, und stellte die Prute aus Pergament her. Sie trug dieselbe Aufschrift. Diese Prute hatte ungefähr die Größe eines Zolls in der Länge und eines halben Zolls in der Breite. Auch dieses Pergamentgeld wurde bald abgeschafft; und an ihre Stelle trat die Prute in Form eines mittelmäßigen, runden Knopfes aus Holz mit einer kleinen Vertiefung, die mit rotem Siegellack gefüllt war, worin das Wort Prute und der Petschaft des Gemeinderats eingedrückt waren.

Das Verteilen der Almosen war eigentlich die einzige Form, in der in unserer Familie der Erew Rausch-Chaudesch begangen wurde. Den darauf folgenden Tag aber, den Rausch chaudesch selbst betrachteten wir als einen halben Feiertag. In der Synagoge wurde das Gebet »halel« usw. gesagt, zu Hause gabs gute Speisen zu Mittag; den ganzen Tag über durfte übrigens keine Handarbeit verrichtet werden.

Der Rausch-Chaudesch spielte überhaupt eine wichtige Rolle im Leben der Juden. So war es üblich, an diesem Termine Wohnungen und Dienstboten zu mieten und »wichtige« hauswirtschaftliche Arbeiten auf diesen Tag zu verlegen — besonders aber das »Gänse setzen«, wie es damals hieß. Man pflegte 30-40 Gänse in einem engen Käfig zusammenzupferchen, so daß sie sich kaum bewegen konnten, gab ihnen sehr viel zu fressen, aber sehr wenig zu trinken. Bei dieser Kur wurden sie sehr fett. Genau einundzwanzig Tage mästete man das Geflügelvieh, damit ihr Fett sich mehre und die Leber im Leibe größer würde, dann wurden sie geschlachtet; wartete man mit dieser Prozedur nur einen Tag, so war — wie man glaubte — die ganze Mästerei vergeblich. Rausch-Chaudesch kislew wurden die Gänse eingekerkert. Am einundzwanzigsten Tage kam mit Tagesanbruch der Schlächter mit seinem Gehilfen. Er zog das große Schlächtermesser aus der ledernen Scheide, machte es unheimlich scharf, prüfte die Schärfe an seinem Nagel, und ging dann in Begleitung der Köchin und des Nachtwächters mit einer Laterne in den Gänsestall, um das Todesurteil an den Gänsen zu vollziehen. Natürlich sagte er, bevor er die erste Gans schlachtete, das vorgeschriebene Gebet. Nach einer Stunde war das Werk vollbracht. Man schleppte die geschlachteten Gänse in die Küche, wo sie ein paar arme Weiber rupften, sengten, reinigten und salzten und eine volle Stunde im Salze liegen ließen. Dann begoß man sie dreimal mit kaltem Wasser, und sie waren koscher. Der Lärm in der Küche und im ganzen Hause war groß! Eile war nötig; denn zu Chanuka brauchte man viel Schmalz, Gänseleber und besonders die schmackhaften Grieben! Da gab es schmackhafte Leber- und Griebenpasteten und das herrliche Gericht des gedämpften Gänsekleins.

Nach einem Aberglauben oder einer mystischen Tradition mußte der Schlächter von »Rausch-Chaudesch kislew« an bis »Rausch-Chaudesch adar«, also drei Monate lang, von dem von ihm geschlachteten Federvieh ein Glied, einen Fuß oder Kopf und dergleichen essen, sonst müßte er jeden Augenblick fürchten, gelähmt zu werden. Wir pflegten ihm immer das linke Füßchen jeder Gans zu überlassen. Da er jedoch diese Fülle nicht vertilgen konnte, so bereitete man aus den vielen Füßchen eine Brühe, die er verzehren mußte! —

Große Bedeutung hatte auch das Ausbraten des Gänseschmalzes. Es mußte in aller Stille geschehen, entweder noch vor Tagesanbruch oder spät am Abend, damit kein »böser Blick« darauf fiele — sonst liefe das ganze Schmalz aus dem Topfe! War aber beim Ausbraten nur eine stille Person tätig, dann kam — so glaubte man — der gute Hausgeist in Gestalt eines Zwerges und machte, daß das Schmalz über den Brattopf quillt; und schöpfte man es in ein anderes Gefäß ab, so mehrte es sich ohne Unterlaß, bis alle leeren Geschirre, selbst das große Wasserfaß, im Hause mit dem Schmalz gefüllt wären; dann erst verschwindet der Zwerg.

Aus meiner Schilderung könnte die heutige Jugend schliessen, daß das Leben in einem jüdischen Hause der alten Zeit durch seine Sitten und die Strenge seiner Gebräuche unerträglich schwer war. O nein! Die damaligen Juden hatten ihre großen Freuden, genossen viel Vergnügen, Ruhe, Behagen; aber alles nur im Kreise der Familien im eigenen Hause; kein Herumstreifen in den Ballsalons, auf Reisen, in den Bädern, über Berge, und Meere. Er lebte ruhig, gut und lange. Er gab seinem Gotte, was ihm gebührt und nahm vom Leben das, was ihm behagte. Es lag Weihe und tiefes Symbol in den Formen des Lebens, was man von den Zeremonien und Bräuchen der jetzigen Gesellschaft nicht gerade behaupten kann. Gewiß haben auch sie die Bedeutung, die Menschen aneinanderzufügen und auch den Individuen die höhere Form einer Gemeinschaft zu schaffen. Allein wer kann leugnen, dass diese Bindung armselig erscheint gegenüber jener festen, sozialen Verknüpfung, die das jüdische Gesetz vorschrieb und die das einstige jüdische Leben erreichte. Einer war für den anderen orew, d. h. Bürge, und die Formeln »Kol Jsroel chawerim« (Ganz Israel Brüder) und »Achenu benei Jsroel« hatten einen Inhalt! Es war nur konsequent, wenn damals ein Jude vor dem anderen nicht den Hut zog. Aus dem gleichen Grunde wurden jüdische »Freidenker«, wenn sie öffentlich ein religiöses Gebot verletzten, vom Volke mit Vorwürfen verfolgt. Wenn beispielsweise solch ein Freidenker am Sonnabend Abend, an dem man nur eine bestimmte kurze Strecke gehen und Stock, Schirm, Taschentuch ohne Erew nicht tragen darf, sich mit diesen »Lasten« auf der Straße zeigte, empfing man ihn mit feindlichen Blicken, weil er gegen den Grundgedanken des mosaischen Gesetzes — dem der Gemeinbürgschaft und der Verantwortlichkeit des Einzelnen gegen die Gesamtheit — verstieß. Die Sünde des Einzelnen muß eben das ganze Volk büßen.


Der Beginn der Aufklärungsperiode.

I.

Lilienthal.

Von der hohen Altersstufe aus, die ein gütiges Geschick mich hat erreichen lassen, will ich einen Rückblick auf die für die Juden Litauens kulturell bedeutsame Epoche gegen Ende der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts werfen. Ich sehe es als ein Glück an, jene Periode miterlebt zu haben, in der die großzügigen Reformen unter der Regierung Kaiser Nikolaus I. die geistige, ja sogar die physische Regeneration der Juden in Litauen herbeiführten.

Wer, wie ich, die Zeit von 1838 bis heute durchlebt, all die religiösen Kämpfe im Familienleben der litauischen Juden mitgemacht und schließlich den großen Fortschritt beobachtet hat, der darf und muß seiner Bewunderung für die Idee jener Reformgesetze Ausdruck verleihen und sie segnen. Ja, man darf sogar mit Begeisterung von ihr sprechen, wenn man die zumeist unkultivierten, armseligen Juden der vierziger Jahre mit den litauischen Juden der sechziger und siebziger Jahre vergleicht, unter denen es heute so viele vollkommen europäisch gebildete Männer gibt, die auf den verschiedensten Gebieten der Literatur, Wissenschaft und der Kunst Hervorragendes leisten und denen es an äußeren Ehren und Titeln nicht fehlt.

Die Menge ahnt oft instinktiv das Eintreten eines großen Ereignisses vorher. Im ganzen litauischen Gebiete verbreitete sich plötzlich das Gerücht, den Chedarim (jüdischen Volksschulen) stehe eine gründliche Umwandlung bevor; von den Melamdim (Volksschullehrer), die bisher im jüdischen Jargon Unterricht erteilten, werde künftighin die Kenntnis des Russischen gefordert werden, damit sie die Bibel den Schulkindern in diese Sprache übersetzen könnten.

Dieses Gerücht brachte den älteren Männern schwere Sorge. Sie dachten voll Schrecken daran, daß das Hebräische, das Wort Gottes, wohl allmählich vernachlässigt werden sollte. Die Jüngeren aber, darunter meine beiden älteren Schwager, nahmen die neue Kunde mit gespannter Erwartung auf. Aber sie wagten es nur flüsternd über die kommende Neugestaltung zu sprechen.

Die Melamdim waren einfach verzweifelt ...

Eines Tages brachte mein Vater, vom Vorabendgebet zurückkehrend, aus der Synagoge die hochinteressante Mitteilung, daß das unlängst aufgetauchte Gerücht sich bewahrheite, ein Doktor der Philologie, namens Lilienthal, sei vom Ministerium für Volksbildung (an dessen Spitze der gebildete und humane Minister Uwaroff stand) beauftragt worden, ganz Rußland zu bereisen, um das Bildungsniveau der Juden im ganzen Lande zu prüfen, sich über die Melamdim zu informieren, in deren Händen der Unterricht der jüdischen Jugend lag; in Petersburg sei ein großartiger Reformplan entworfen worden und mit den Rabbinerschulen in Wilna und Schitomir sollte innerhalb eines gewissen Zeitraums auch begonnen werden. Meinen Vater, der strenggläubig war, betrübte jedoch eine bevorstehende Reform nicht zu sehr, denn er selbst klagte stets über die schlechte Unterrichtsweise in den jüdischen Schulen von Brest und wünschte mancherlei Verbesserungen auf diesem Gebiete.

In der Tat war mit der Aufgabe, westeuropäische Bildung unter den Juden zu verbreiten, der Inspektor der Rigaer Volksschulen, Dr. phil. Lilienthal, betraut worden, weil er europäisch gebildeter Jude und zugleich mit der hebräischen Sprache vertraut war und einiges talmudische Wissen besaß.

Lilienthal hatte sein Werk damit begonnen, daß er sich zunächst mit den angesehensten, jüdischen Gelehrten in Verbindung setzte, die während ihres ganzen Lebens in engster Fühlung mit dem Volke standen. So wandte er sich an den berühmten Rabbi Reb Mendele Libawitzer, das Haupt der Chassidim-Sekte, die mehr als 100 000 Anhänger in Litauen und Kleinrußland zählte. Er hoffte, diese Autorität für seine kulturellen Reformen gewinnen zu können. Ebenso eindringlich bemühte er sich um Reb Chaim Woloshiner, den Leiter der dortigen Jeschiwa. Beide Männer berief der Minister nach Petersburg zur Beratung.

Einen Erfolg hatte Lilienthal damit nicht, denn die große Menge der Anhänger des Libawitzer Rabbi ließen aus Furcht ihren vergötterten Rabbi diesem Rufe nicht folgen, da sie erfahren hatten, daß es sich um große Reformen im Talmud- und Bibelunterricht handelte. Die Libawitzer fingen an, mit allen Mitteln gegen die Reformen zu eifern, unbekümmert um die Folgen (cf. Zeitschrift Woschod 1903).

In Petersburg war man entrüstet, aber Reb Mendele wurde nur mit einem kurzen Hausarrest bestraft. Reb Chaim Woloshiner weigerte sich auch, dem Rufe des Ministers nachzukommen. Er entschuldigte sich mit seinem hohen Alter: die Reise nach Petersburg sei für ihn zu beschwerlich. Er empfahl an seiner Stelle Reb David Bichewere. Dieser Vorschlag wurde aber nicht angenommen; und so trat Dr. Lilienthal die Reise nach dem Niederlassungsgebiete der Juden an. —

Einige Tage waren seither verstrichen, als mein Vater die Kunde brachte, Dr. Lilienthal sei bereits in Brest, unserem damaligen Wohnort, eingetroffen, und er wolle zusammen mit den jungen Leuten, meinen Schwagern, dem Doktor einen Besuch abstatten.

Meine Mutter äußerte ihr nicht geringes Erstaunen über diese Absicht; der Vater erklärte ihr kurz und bündig: Wenn er selbst die jungen Leute nicht zu Dr. Lilienthal führen werde, so fänden sie schon selbst den Weg. Ich glaube aber, das war bloß eine Ausrede: mein Vater war selbst sehr gespannt, die Bekanntschaft des Dr. Lilienthal zu machen, um so rasch wie möglich Genaueres über die bevorstehende Umwälzung im Schulwesen zu erfahren. Meiner Mutter geistiges Auge sah aber in dieser ganzen Angelegenheit tiefer und schärfer als das meines Vaters, was sich in der Folge auch bestätigt hat.

Den Jubel der jungen Männer zu schildern, daß sie bald den interessanten Dr. Lilienthal besuchen sollten, ist unmöglich. Besonders glücklich war mein älterer Schwager, der neben hervorragender Begabung und ungewöhnlichen talmudischen Kenntnissen einen unermüdlichen Fleiß besaß. Im Alter von vierzehn Jahren hatte er fast das gesamte Wissen eines Rabbiners inne. — — —

Der Besuch bei Dr. Lilienthal war vorüber. Mein Vater hat viel, sehr viel erfahren: Erstens: Kein Chasid darf Melamed sein, zweitens: Jeder Melamed ist verpflichtet, die russische Sprache in Wort und Schrift zu beherrschen und deutsch lesen zu können; ferner ist der Melamed verpflichtet, die Bibel und alle Propheten ohne Ausnahme genau zu kennen und endlich darf der Melamed mit den Schülern, die bereits im Talmud Unterricht erhalten, die folgenden Abschnitte nicht durchnehmen: Baba Mezia (Feldschaden), Baba Kama (Wechselrecht), Baba Basra (Baugesetze).

Dr. Lilienthal hielt sich einige Zeit in Brest auf und besuchte auch seinem Auftrag gemäß viele Chedarim. Er war entsetzt und niedergedrückt von dem verwilderten Aussehen der Melamdim, aber überrascht und entzückt von der semitischen Rassenreinheit der Zöglinge, insbesondere von ihren schwarzen, klugen Augen. Er war auch Zeuge einer Szene, die ihn tief bewegt hat, denn er überzeugte sich, von welch großer Wichtigkeit für jeden Juden, selbst für die ärmsten, der Unterricht der Kinder ist. Dr. Lilienthal besuchte eines Tages ein Stadt-Cheder und bemerkte, daß sowohl der Melamed, als auch die Schüler aufgeregt ein unbestimmtes Etwas erwarteten. Bald darauf trat in das Cheder ein ärmlich gekleideter Jude ein, der seinen Knaben im Alter von etwa sechs Jahren, in einen großen Talles[Q] ganz eingewickelt, auf dem Arm trug. Dem Vater folgte die Mutter auf den Fersen. Beide weinten vor Freude und aufrichtiger Dankbarkeit gegen Gott, daß er sie diesen schönen, bedeutungsvollen Augenblick hatte erleben lassen, ihren Sohn zum erstenmal in das Cheder bringen zu können. Die Schar der Schüler stürmte von draußen herein, um dem Vorgang gaffend beizuwohnen. Der Melamed rief den Fremden ein lautes Scholem aleichem (Friede mit euch!) entgegen, stand von seinem Sitz auf und nahm den Helden dieser Szene in seine Arme, seinen neuen Schüler. Nun wurde der Kleine auf den Tisch gestellt, und er weinte beinahe vor Überraschung und Aufregung. Hierauf setzte man ihn auf die nächste Bank, und da erhielt er vor allem Kuchen, Nüsse, Rosinen und Naschwerk, wovon die glückliche Mutter eine Schürze voll mitgebracht hatte. Alle Zuschauer gratulierten den glückseligen Eltern zum ersten Schulgang ihres Sohnes. Der Melamed setzte sich zu dem Kleinen, ergriff das auf eine Kartontafel aufgeklebte gedruckte Alef-Beis (Alphabet), legte es vor den Kleinen hin, nahm sodann das große Deitelholz zur Hand, und nun segnete er den Anfang des Unterrichts mit dem Wunsche ein: Der Junge möge zu Thora-Lernen (d. h. Gelehrsamkeit), zu Chupe (Trauung) und zu Maassim-towim (guten Taten) erzogen werden. »Amen« sagten die Eltern und alle Umstehenden. Hierauf zeigte der Melamed dem angehenden Schüler zum ersten Male das »Alef« (»A«), und nachdem der Junge das wie ein Papagei einige Male nachgesagt hatte, auch das »Beis« (»B«) und dann auch das »Gimel« (»G«). Die freudestrahlende Mutter hatte alle Anwesenden vergessen. Sie fühlte sich in den Himmel versetzt. Mit vollen Händen verteilte sie die mitgebrachten Leckerbissen, wobei ein Malach (Engel) dem künftigen Gelehrten für jeden Buchstaben das Beste und Schmackhafteste von der Höhe herab, gerade vor seine Nase warf. In solcher Weise begann der Knabe mit seinem sechsten Lebensjahr seine Schulpflicht zu erfüllen.....

Während seines Brester Aufenthaltes versammelte Dr. Lilienthal täglich viele junge Leute um sich, denen er von der Notwendigkeit sprach, sich westeuropäische Bildung anzueignen. Er gab ihnen nützliche Ratschläge, schilderte ihnen in schönen Bildern ihre eigene Zukunft als Männer der Bildung und gewann sich damit die Herzen der empfänglichen Jugend, die wohl auf religiösem Gebiete den Bräuchen der Eltern treu blieb, sonst aber neue Bahnen einschlug und sich immer mehr von den kulturellen Anschauungen der älteren Generation entfernte — das charakteristische Merkmal der Lilienthalschen Epoche!

Von Brest reiste Dr. Lilienthal sodann nach Wilna, um auch dort seine Mission zu erfüllen. Eine Deputation der Gouvernementsstadt Minsk begrüßte ihn und lud ihn zu sich ein. Dr. Lilienthal leistete der Einladung Folge und ging nach Minsk, wo er von den angesehensten Juden mit den größten Ehren empfangen wurde. Gleich nach seiner Ankunft wurde eine Assiphe (allgemeine Versammlung) einberufen, in der er wichtige Fragen beantworten sollte. Die Herren S. Rapaport und O. Lurie führten in der Versammlung das Wort. Die wichtigste Frage war: Was beabsichtigt der Minister für Volksbildung eigentlich mit der Reform? Sollten am Ende alle Juden Rußlands lediglich zur Taufe vorbereitet werden? Dann würden sich alle Juden wie ein Mann gegen diese Reformen auflehnen und sie zum Scheitern bringen. Denn nähme man dem Juden seine Religion, so wankte der feste Boden unter seinen Füßen und er sei verloren. Seine eigenen Kinder würden sich gegen ihn empören. Dr. Lilienthal war entsetzt. Er schwur bei einer Sepher-Thora (heiligen Rolle), daß er den Juden Volkstum und Religion erhalten wolle und die Taufe verabscheue. Vor Aufregung weinend, versicherte er immer wieder, daß er nur das Beste für die Juden anstrebe. Schließlich gelang es ihm, die Versammelten zu beruhigen.

Auch nach der Stadt Woloschin, in der damals die Jeschiba (Talmudische Hochschule) in höchster Blüte stand, kam er in Erfüllung des ministeriellen Auftrages.

Jeschiba ist eine Lehranstalt für erwachsene Jünglinge, die in dem Talmudwissen bald zur höchsten Stufe gelangt und zur Rabbinerstelle reif sind. Solche Talmudlehranstalten gab es damals drei, in Woloschin, in Mir und in Minsk. Für diese Anstalten wird noch bis jetzt von der gesamten Judenschaft gesammelt. In einer jeden dieser Anstalten bekamen dann mehr als 200 Jünglinge ihren Unterricht. Ein besonders großes Gebäude mit einigen großen, geräumigen Zimmern! Ein »Haupt«, eine Art Direktor, ein großer Talmudist, ein religiöser, kluger, sehr ehrlicher Mann leitet diese Anstalt, während viele Melamdim — erprobte Talmudisten — den jungen Leuten Unterricht erteilen. Das Kontingent der Schüler besteht aus allen Klassen des jüdischen Volks, meistens aus der mittleren Klasse, deren bares Kapital das geistige Vermächtnis ausmacht. Diese leben meistenteils auf Kosten der Anstalt. Junge Leute aus reichen Kreisen sind hier auch zahlreich vertreten, meist sind es schon verheiratete Männer, die, Väter einiger Kinder, auf eigene Kosten hier leben. Mein Vater selbst hatte schon drei Kinder, während er in der Woloschiner Jeschiba das ganze Jahr »lernte«. Nur zu den Feiertagen kam er nach Hause.

In Woloschin musste Lilienthal, um die Gemüter zu besänftigen, wiederholt beschwören, daß er allen Bestrebungen, die Juden der Taufe näher zu führen, fern stünde. — — — — — — — — — — — —

In aller Stille nahm unter den Juden Rußlands die Kulturbewegung ihren Anfang. Die Jugend regte sich energisch; die geistige Arbeit begann. Es kostete wenig Zeit und verhältnismäßig geringe Mühe, die angedeuteten Reformen durchzuführen. Eine erfrischende Luft wehte durch die jüdische Gesellschaft der Stadt Brest, wie aller anderen russisch-jüdischen Orte.

Ich habe schon erzählt, wie groß der Jubel meiner Schwager über die bevorstehenden Reformen war. Aber sie mußten an sich halten, um sich nicht zu verraten und meine Mutter nicht zu verletzen, die ihr prophetisches Urteil über diese Wandlung hatte. Indessen waren meine Schwager nicht die einzigen in Brest, die sich für die westeuropäische Kultur begeisterten. Es gab auch eine Gruppe von mehr als 20 jungen Männern, welche die Lilienthalsche Bewegung sehr ernst nahmen und in ihrem Kreise eifrig für die Sache wirkten — stießen sie auf einen beschränkten Menschen, so waren sie der Ansicht, daß es schließlich auch genügen würde, wenn dieser wenigstens eine Adresse in russischer Sprache schreiben könnte.

Man darf nicht vergessen, daß die Kenntnisse meiner Schwager und ihrer Zeitgenossen in den europäischen Sprachen jener Zeit sehr begrenzt waren und in Lesen, Schreiben, ein wenig Russisch und Polnisch bestanden. Die deutsche Sprache war ihnen geläufiger. Sie hatten eine Ahnung von der klassischen Literatur dieser Sprachen und mancher Wissenschaften. Die niedere, jüdische Klasse aber verstand weder zu schreiben, noch zu lesen oder eine europäische Sprache zu sprechen; sie sprachen ein dürftiges Polnisch, und ein Kauderwelsch von Deutsch und Russisch wurde von der jüdischen Kaufmannschaft notgedrungen gebraucht; während der Pöbel ein Gemisch von Polnisch, Russisch, Lettisch sprach, dessen sie sich auf den Märkten mit den Dorfbewohnern bedienten.

Tiefgreifend konnten die Umwälzungen erst werden durch die Begründung in neuem Geiste geleiteter Rabbinerschulen. So entstanden die Schulen in Wilna und Schitomir. Die ersten Schüler waren zumeist junge Leute, die sich alle Mühe gegeben hatten, bei Eröffnung der Schulen aufgenommen zu werden. Nur selten war ihnen der Eintritt in diese Schulen ohne Kämpfe in der Familie möglich. Wem es nicht leicht wurde, der riß sich von Weib und Kind los und flüchtete sich nach Deutschland, wo er oft mit harter Not Medizin, Pharmacie, Philologie oder anderes mit glänzendem Resultate studierte. Die Stadt Rossieni in Kurland kann mehr als 10 solcher Ritter vom Geiste nennen, Ärzte, Juristen, Apotheker, Philosophen und Dichter, die teils in Rußland, teils im Auslande studiert hatten. Noch jetzt lebt und wirkt in Rußland ein Professor der orientalischen Sprachen, der seine Jugend beim Talmudfolianten verbracht hat und sich später in dieser Weise ausgebildet hat. Freilich er und seine Kinder sind getauft. Auch den jüdischen Astronomen Ch. S. Slonimsky haben seine bedeutenden, talmudischen Kenntnisse nicht gehindert — vielleicht haben sie sogar dazu beigetragen, in der Mathematik berühmt zu werden. — Die Mehrzahl der Zöglinge in den neuen Rabbinerschulen waren früher Talmudisten. Sie lernten leicht, und die meisten erhielten beim Abgang von der Schule die goldene Medaille, ebenso diejenigen, die später die Universität besuchten! Das Studium des Talmuds ist eben eine in jeder Hinsicht gute, geistige Übung, wozu noch die Wißbegier, der temperamentvolle Charakter und der geistige Schwung des damaligen Juden kamen. — — — — — — — — — — — —

Einen Tag nach dem Besuch bei Dr. Lilienthal finden wir die jungen Leute, meine Schwager, in ihrem Studierzimmer nachdenklich beieinander sitzend. »Die Bücher werden schon zu finden sein«, sagte mein wißbegieriger, älterer Schwager. »Wir müssen nur darauf bedacht sein, vom Talmudlernen Zeit für unser neues Studium zu erübrigen, ohne die Aufmerksamkeit der Eltern zu erregen ...«, worauf der andere in seiner phlegmatischen Weise antwortete: »Ja, gewiß! Wenn du zu studieren beginnst, halte ich auch mit.« Dr. Lilienthal hatte ihnen in erster Linie das Studium der russischen Sprache empfohlen; dann, als gleichfalls sehr wichtig, Naturgeschichte, sowie die deutsche Literatur.

Einige Zeit darauf gab es mehrere störende Zwischenfälle, die der Komik nicht entbehrten. Meine Mutter war seit dem Besuche der jungen Leute bei Dr. Lilienthal fest überzeugt, daß ein neues, fremdes Element in ihr Haus, ebenso wie bei den anderen Juden in Rußland, eingezogen sei, wobei das Wort Gottes wirklich hintenangesetzt werden sollte. Und sie ward sehr traurig. Unauffällig, aber scharf beobachtete sie das Verhalten und die Handlungen der jungen Leute. Die Schwager hatten sich die nötigen Lehrbücher verschafft und zu studieren begonnen, was natürlich auf Kosten des Talmudstudiums geschehen mußte. Äußerlich blieben sie ruhig und schienen sich wie gewohnt, mit dem Talmud zu beschäftigen. Doch konnte ein aufmerksamer Beobachter unter den großen Talmudsfolianten nicht selten einen Band von Schillers oder Zschokke-Werken entdecken; im letzteren erfüllte besonders die idyllische Lebensweise Engelberts die jüdische Jugend mit Begeisterung, während die Prinzessin von Wolfenbüttel — zumal bei den jüdischen Frauen — Sympathie und Mitleid erregte. Und Schillers Marquis Posa galt allen jüngeren Männern als Vorbild. Die nüchterne, russische Grammatik war auch zur Hand, und in der Büchersammlung fehlte auch eine Naturgeschichte nicht.

Mein Vater ließ seit dem Besuche bei Dr. Lilienthal keine Gelegenheit unbenützt vorübergehen, von ihm und seiner wichtigen und großen Aufgabe zu sprechen. Es tat ihm ordentlich wohl, mit jedem Gast und besonders mit den jungen Leuten, meinen Schwagern, die großartigen Reformen zu erörtern. Er geriet in Eifer bei solchen Gesprächen, lobte, daß endlich auf dem Gebiete des Unterrichts der jüdischen Jugend Ordnung geschaffen werden sollte, grollte aber doch, daß Dr. Lilienthal so gottlos gesprochen habe, daß man die früher erwähnten Talmudabschnitte der jüdischen Jugend entziehen müsse, und man sich gegebenenfalls nicht nach den Talmudgesetzen richten solle.

... Es war eines Morgens in dem denkwürdigen Sommer des Jahres 1842, als meine Schwager, ohne zu ahnen, daß jemand sie hören könnte, die neuen Bücher aus ihrem Versteck holten, auf den offenen Talmudfolianten legten und im Vereine mit dem dritten, Reb Herschel, einem Melamed aus der Kehila Orlo, der genial war und große talmudische Kenntnisse besaß, laut schreiend über einen Satz im »Don Carlos« disputierten. Um einer immerhin möglichen Überraschung vorzubeugen, lasen und sprachen sie genau in derselben singenden Weise, in der sie sonst den Talmud zu lernen pflegten. Meine Mutter schien seit dem Erscheinen Dr. Lilienthals wie von einem Gespenst verfolgt, und nun wollte sie in das Studierzimmer der jungen Leute gehen in der Hoffnung, sich überzeugen zu können, daß ihre quälenden Gedanken doch unbegründet seien, und daß der Teufel in Gestalt Dr. Lilienthals sich doch noch nicht völlig ihrer Schwiegersöhne bemächtigt hätte. Sie blieb unten an der Treppe, die zum Studierzimmer führte, lauschend stehen. Dann stieg sie die Treppe hinan, blieb wieder stehen, lauschte und hörte mit Freude, wie fleißig drin gelernt wurde. Als sie aber das Ohr der geschlossenen Tür näherte und aufmerksamer horchte, erfaßte sie Schreck und Erstaunen. Ein furchtbarer Ausdruck von Enttäuschung und Ärger verstörte ihre Gesichtszüge. Von »Omar abaje«, mit welchen Worten viele Traktate des Talmud beginnen, hörte sie nichts. Bloß Marquis Posa, Herzog Alba usw.

»Sind es also wirklich nur die sündigen Büchlech, mit denen sich die jungen Leute befassen?« dachte sie mit einem großen Weh im Herzen.

Es verstrich eine geraume Zeit, ehe meine Mutter sich fassen konnte. Dann ergriff sie mit zitternder Hand die Klinke, öffnete die Tür und blieb wortlos vor Ärger auf der Schwelle stehen. Beim Geräusche der sich öffnenden Türe wandten die drei Überraschten die Köpfe um, und sie hätten sicherlich aufgeschrieen, wenn ihnen der Atem nicht versagt hätte. Ihre erste Bewegung war, daß sie sämtliche Bücher unter den Tisch gleiten ließen; sie wollten ja der Mutter nicht trotzen. Es tat ihnen sogar weh, daß diese »Büchlech« ihr soviel Kummer bereiteten. Allein der Reiz des Neuen, das Anziehende im Studium der fremden Sprachen und der Wissenschaften nach dem Einerlei des Talmudlernens war von einem unwiderstehlichen Zwange. Meine Mutter gewann zuerst wieder die Herrschaft über sich und rief laut: »O Himmel, ich soll in meinem eigenen Hause das Wort Gottes so verhöhnt sehen! In demselben Nigen (Tonfall), in dem ihr den Talmud lernt, verhöhnt ihr ihn jetzt durch das Lesen dieser apikorssischen (abtrünnigen) Büchlech!! Und auch Ihr, Reb Herschel, Ihr habt es auch nötig?! Was wollt Ihr damit in Eurer Kehile Orlo machen! Ihr wollt auch ein Apikaures (Abtrünniger) werden, wie meine jungen Leute?« Sie war bei dieser Rede so aufgeregt, daß ihre Füße ihr schier den Dienst versagten. Die jungen Männer blieben stumm; ihre nach links dem Fenster zugewendeten Köpfe waren unbeweglich. Da keine Antwort, folglich auch kein Widerspruch kam, beruhigte sich die Mutter einigermaßen, und sie entfernte sich schweigend.

Es verging nicht lange Zeit, da überraschte sie meinen älteren Schwager allein bei dem neuen Studium. Es war am frühen Morgen desselben Sommers. Der Berg in der Nähe unseres Hauses stand noch in düsterem Nebel. Ich befand mich zufällig im Hof und sah meine Mutter aus dem Hause kommen. Sie ging zum großen Tor hinaus. Ich folgte ihr. Sie machte einige Schritte an dem Gitter des Blumengartens entlang, der sich an dem Hause befand und blieb erstaunt stehen. »Wer steht dort?« sprach sie wie zu sich selbst — oder war es an mich gerichtet? Sie machte noch ein paar Schritte und sagte mit lauter Stimme: »Doch, doch, ich glaube David (mein älterer Schwager) ist es! Was tut er dort?«, rief sie aus und näherte sich rasch dem Winkel des Gartens, wo eine große alte Pappel stand. Sie hatte sich nicht geirrt: es war David. Mein Schwager hatte nur einen leichten Chalat (Schlafrock) an, dessen Gürtelenden lose übereinander geworfen waren, statt zu einer Schleife gebunden zu sein; seine Brust war entblößt, das Haar zerzaust, eine Peje (Ohrlocke) war ganz hinter das Ohr geraten, während die andere sich auf der Wange wie eine kleine Schlange bewegte; das schwarze Sammetkäppchen zeigte reichliche Spuren der Daunenkissen, die nackten Füße staken in den Pantoffeln. Der Morgennebel lag auf der vor Kälte und Nässe zitternden Gestalt. Die rechte Hand arbeitete kräftig, sie beseitigte die Rinde der Pappel und holte kleine Insekten heraus, die mein Schwager nicht ohne Ekel in ein Kästchen mit einem Glasdeckel warf. Der Anblick muß recht komisch gewesen sein, denn meine Mutter rief halb verwundert, halb belustigt: »Wos tust du do?«

»Gur nischt« (gar nichts), gab er lakonisch zur Antwort, ohne sich in seiner Arbeit stören zu lassen.

»Wos is do im Kästchen auf der Erd?« fragte die Mutter weiter.

»Gur nischt!« meinte der überraschte Naturforscher.

»Warum biste so früh do?« forschte meine Mutter.

»Früh! S'es gur nischt früh!« antwortete der junge Mann in der Hoffnung, sich so aus der Affaire zu ziehen. Aber das nützte nichts, denn die Mutter beugte sich über das Gitter und entdeckte nicht ohne Ärger auch ein Buch neben dem Kästchen. Nun begriff sie, daß beides einem und demselben Zwecke diente, und sie verwünschte im Stillen Dr. Lilienthal. Ein verzweifelter, vielsagender Seufzer entrang sich dem tiefbetrübten Herzen meiner armen Mutter. Sie blieb eine Weile starr, die Dinge vor sich anblickend. Dann wandte sie sich nach rechts und trat in den Garten. Der halbnackte Naturforscher erriet ihre Absichten und suchte rasch das Weite, indem er alles als Beute zurückließ. Bei der Flucht verlor er einen Schuh, die anderen notwendigen Kleidungsstücke hielt er mit beiden Händen fest. Meine Mutter näherte sich rasch der Pappel, blickte in das Kästchen und entdeckte darin zu ihrem unbeschreiblichen Erstaunen eine gewöhnliche Fliege, einen Maikäfer, ein Marienkäferchen (»Gottes Kühele«), eine Ameise, einen Holzwurm und noch viele andere Insekten auf Stecknadeln gespießt. Sie traute ihren Augen nicht, und ihr Achselzucken deutete mehr als gesprochene Worte es hätten tun können, auf die Frage hin: »Wozu braucht ein Mensch solches Gewürm?« Sie erschrak aber förmlich, als sie das Buch in die Hände nahm und darin neben den Erklärungen auch die Abbildungen von einigen Insekten erblickte. Der Zufall wollte es, daß ihr Blick auf einem »häuslichen Insekt« haften blieb, das gemütlich hingestreckt dalag — sie schüttelte sich vor Ekel. — Daß die jungen Leute Deutsch und Russisch lernen wollten, leuchtete ihr am Ende ein. Sie begriff schließlich das Vergnügen an Lektüre, sie selbst war in der hebräischen Literatur sehr belesen; allein, daß sich jemand und gar ihre Schwiegersöhne dafür interessierten, wie sich die Ameise fortbewegt, oder wieviele Füße der Maikäfer oder welche Augen ein grüner Wurm hat, das konnte sie nicht verstehen! Sie ergriff die Trophäen des am frühen Morgen gewonnenen Treffens und kehrte auf demselben Wege ins Haus zurück, den wenige Minuten vorher der flüchtige Held genommen und auf dem er den einen Schuh als Zeichen seiner Niederlage zurückgelassen hatte. Sie nahm auch den Schuh mit, brachte alles ins Speisezimmer und plazierte alles auf dem Fensterbrett. Inzwischen war mein Vater aufgestanden; als er von der Sache erfuhr, lachte er herzlich. —

Solche Szenen spielten sich nicht bloß in unserem Hause ab: alle anderen Genossen meiner Schwager hatten ähnliche oder noch größere Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten zu erdulden. — Meinem Schwager David waren solche Verfolgungen doch zu bunt geworden. Als man ihn einmal zum Mittagessen rief, meldete er sich krank, und er reiste noch an demselben Abend, ohne irgend jemand, selbst seiner Frau, etwas zu sagen, zu seinem Vater, der Rabbiner war, nach Semjatitcz, einem Städtchen in Polen. Dort hielt er sich einige Zeit auf; darüber freuten sich im Anfang meine Schwestern und meine Eltern, denn sie wußten ihn nun fern von der stetig anwachsenden Lilienthalschen Bewegung. Später hatte man große Mühe, ihn zur Rückkehr nach Brest zu bewegen.

Meine Schwager suchten nun nach Mitteln, solchen Szenen, wie ich sie oben geschildert habe, vorzubeugen, und sie wählten sich ein stilles Plätzchen, das zwischen den Hügeln, unserem Hause genügend fern, lag. Dort versammelten sich die Gesinnungsgenossen, um über manches Buch zu debattieren, Beschlüsse über die brennende Frage der Bildungsbestrebungen zu fassen. Trotz alles fleißigen Bemühens und einer ungewöhnlichen Wißbegierde unter dieser Jugend ging in der ersten Periode aus Brest doch keine einzige hervorragende Persönlichkeit hervor, obgleich wir den großen Verdiensten meiner Schwager und ihrer Zeitgenossen Gerechtigkeit widerfahren lassen und sie als Pioniere, die manche Wege ebneten, bezeichnen müssen: Hierdurch wurde der kommenden Generation die Möglichkeit zu studieren bedeutend erleichtert und manches Vorurteil beseitigt.

Die erwähnten drei jungen Leute waren wohl die ersten in Brest, welche ihre jugendkräftigen Hände nach dem Apfel der Erkenntnis, den ihnen Lilienthal reichte, ausstreckten und ihn mit Lust ergriffen. Mein älterer Schwager bemühte sich trotz seines großen Fleißes und aller Fähigkeiten vergeblich, die Stelle, wo er in den Apfel beißen sollte, zu finden — an seiner asiatischen Erziehung scheiterten alle europäischen Versuche. Er hätte mit seinen talmudischen Kenntnissen viel Höheres für sich und die Gesellschaft leisten können. Mein jüngerer Schwager konnte vom Apfel genießen und ward in kurzer Zeit ein nach damaligen Begriffen gebildeter Mann, während Reb Herschel, der Melamed, nach dem erwähnten Apfel der Erkenntnis seine plebejischen Hände ausstreckte, ihn ergriff und einen tiefen Biß tat.... Es dauerte nicht lange, so verwandelte er sich aus einem »Orler Menschen« in einen interessanten, gebildeten Herrn Hermann Blumberg. Mit einem Worte: die jüdische Jugend von Brest genoß von dem Apfel der Erkenntnis mehr oder weniger; aber ein jeder hat doch davon gekostet, und der Samen, den Dr. Lilienthal in Brest ausgestreut, hat je nach der Beschaffenheit des Bodens ansehnliche Früchte getragen. Die ersten Bildungspioniere in Brest beherrschten nur das erste Dezennium jener Epoche und waren zur kulturellen Unfruchtbarkeit verdammt, da sie leider, wie ich mich erinnern kann, sich als Muster unter den Weisen des alten Griechenlands Epikur und seine Ethik erwählt hatten....

Wenn aber Dr. Lilienthal so reiche Erfolge hatte, so geschah es nur, weil der geistige Boden in Rußland sehr gut vorbereitet war: Das jüdische Kind männlichen Geschlechtes (nicht aber die Mädchen) wurde damals von frühester Jugend an zum Lernen angehalten und später, im Knabenalter schon, mit scholastischem Gespinst, mit vielen talmudischen Spitzfindigkeiten und ernster Lebensanschauung bekannt gemacht. Da kein anderes Studium ablenkte, so konnte der jugendliche Schüler sich täglich dem Studium des Talmuds ganz hingeben. Unterhaltung fand er auch nur zu Hause im Familienkreise (daher auch die Anhänglichkeit), sowie in dem bescheidenen Familienleben seiner Kameraden. Die zahllosen Vergnügungen von heute kannte die damalige Jugend nicht. Und so war damals der Jude schon in seinem Jünglingsalter in geistiger Hinsicht ein ganzer, wenn auch einseitiger Mensch. Mit Leib und Seele hing er an seiner Tradition und seiner Religion, die für ihn die Moral, die Ethik — die ganze Welt in sich schlossen. Seine Bibel bot ihm hinreichendes Wissen in der Weltgeschichte bis zum grauen Altertum hinauf und bis zu der christlichen Aera herunter; seine Propheten adelten seinen Geist, ergötzten seine Seele, verliehen ihr Schwung, erfüllten sie mit Begeisterung, und der Stolz des Kindes und so auch des jüdischen Mannes, das Selbstbewußtsein, faßte schon in seiner Jugend Wurzel — was die Andersgläubigen mit Dünkel und Frechheit zu bezeichnen pflegen. Die Ethik der jüdischen Weisen, ihre kernige und zugleich erhabene Lebensanschauung machten den damaligen Juden frühzeitig zum Denker und Philosophen, der auch die Schönheit in seiner Religion fand. Das jüdische Volk lebte damals wie auf einer Insel, fern von der übrigen Welt, aber nicht wild wie die Insulaner. Es war hier auf der Insel glücklich, wo es für sich allein die Welt des Geistigen besaß: seinen Glauben, seine Tradition, die ihm allen Genuß im zeitlichen Leben gewährte. Und die Hoffnung auf ein künftiges Leben ließ ihn die Leiden des gegenwärtigen ertragen. Aus diesem geistigen Reich konnte ihn keine menschliche Macht verjagen. Hier war er Herr und Meister.

Die Sturm- und Drangperiode des damaligen jüdischen Jünglings vollzog sich auf der Schulbank. Keine Revolution, keine Liebesabenteuer rissen ihn von seinem beschaulichen Wege fort; auch das Geschäft nicht, denn es galt den Eltern als heilige Pflicht, für den Sohn bis weit über die Jünglingsjahre, selbst nachdem er schon Ehemann und Familienvater war, zu sorgen, da es höchstes Glück war, wenn der junge Ehemann ununterbrochen den Talmud studierte. Unter diesem Gesichtspunkte wählten wohlhabende Leute für ihre Töchter und ihre Söhne: die Braut mußte vor allem hübsch von Gestalt, klug und gesittet sein. In erster Reihe aber eine »Bas towim«, d. h. die Tochter eines gelehrten und religiösen Mannes. Ich kann beteuern, daß die Wahl der Eltern, die nicht von dem Gott Mammon beirrt war, selten ein Fehlgriff war. Im großen und ganzen gab es damals, wie ich mich zu entsinnen weiß, viele sehr glückliche Ehen, in denen die Sittlichkeit der jungen Eheleute dem Bunde Weihe verlieh und für immer die Treue sicherte. Keine Enttäuschungen, keine Übersättigung, kein Hasten nach Veränderung störten die Eintracht des Paares, und der wahre göttliche Funke der Liebe nährte die heilige Flamme auf dem häuslichen Herd, die Flamme, die kein Sturm im Leben auszulöschen vermochte. Und in den trüben Tagen des Herbstes oder gar in den kalten, kurzen, einsamen Wintertagen — im hohen Alter, wenn das Feuer längst ausgebrannt ist, wärmt und erhält dieser unter der Asche noch glimmende Funke die oft frierende Seele.

Wenn an diesem geheiligten Eheleben die Aufklärung rüttelte und manches kostbare Gut zerbrach, so vergesse man nicht, daß das zu starke Licht der europäischen Bildung zu schnell ohne die milde Vermittlung der Dämmerung hereinbrach und die verblüffte Jugend blendete. Waren doch die ersten Adepten der Bildung schon gereifte Männer, die bis zu diesem Augenblick ein fast asketisches Leben geführt hatten. —


II.
Jeschiwa Bochurim.[R]

Die Jeschiwa-Bochurim bildeten gegen Ende der dreißiger Jahre das lernende Proletariat in Brest, wie in ganz Litauen. Ihre religiöse und geistige Erziehung war systematisch geregelt. Die jüdische Gesellschaft trug unter Aufwand von vielen Kosten dafür Sorge. Dagegen blieb ihre körperliche Pflege ganz problematisch, weshalb schwächliches, verkümmertes Aussehen für den Jeschiwa-Bocher charakteristisch war. Sie waren in ihrer täglichen Nahrung, ihrer Kleidung und ihrem Obdach ganz auf den glücklichen Zufall und auf die Gnade der Mitbürger angewiesen. Es wurde ihnen im besten Falle Mittagessen verabreicht, aber auch das nicht an jedem Tag der Woche. Für die anderen Mahlzeiten sorgte der, »welcher den Sperlingen in der Luft die Nahrung spendet«. Ihr Obdach fanden sie in den Bothemidroschim, die Lehrhäuser und Synagogen zugleich waren. Auf den harten Holzbänken, die Fäuste unter dem Kopf, schliefen sie im Sommer und in der Nähe des geheizten Ofens im Winter den Schlaf des Gerechten. Ihre Kleidung erhielten sie von mildtätigen Bürgern stets zu unrechter Zeit: zu Beginn des Sommers wattierte Winterkleider, im Spätherbst sommerliche Kleider und Stiefel. So froren sie im Winter und schwitzten doppelt soviel wie die Reichen im Sommer. Auf diese Weise fristeten sie ihr Dasein jahrein, jahraus, mit Eifer und Ausdauer ihren Talmud studierend, bis zu ihrem 20. Lebensjahr. Dann heirateten sie, mitunter sehr günstig, denn sie wurden von den reichen Bürgern geehrt und begehrt, da sie im Volke als gute Talmudisten und ehrenwerte, fromme Menschen galten.

Diese Bochurim pflegte man ihren rabbinischen Kenntnissen nach in drei Klassen einzuteilen. In meinem Elternhause erhielt jeden Tag ein anderer Angehöriger dieser drei Klassen das Mittagmahl. Der älteste von ihnen hieß mit dem Eigennamen Schamele, er gehörte schon als tüchtiger Talmudist zu den Jeschiwa-Bochurim, der höchsten dritten Klasse. Das war ein ruhiger, pfiffiger, aber schwerfälliger, blonder Junge mit gutmütigen, blauen Augen. Er trug Sommer und Winter ein und denselben langschößigen, an den Ellbogen zerrissenen Kaftan. Der zweite Bocher zählte zu den Orem-Bocherim, da er den Unterricht in der Bibel und in den leichteren Talmudteilen von den städtischen Melamdonim, und zum Teil von den gesetzkundigen, jungen und alten Talmudisten in den Bothemidroschim erhielt. Er hieß Fischele und bildete den leibhaftigen Gegensatz zu dem Schamele, denn er war beweglich, schwarzäugig, und schien immer aufgeregt und somit den Spitznamen Fischele zu rechtfertigen. Der dritte hieß Motele, er gehörte der jüngsten, niedersten Klasse an und war Wanderbocher. Das war ein von Natur stiller, bedachter, ruhig räsonnierender Jüngling, der richtige Typus des Wanderbochers.

Die meisten dieser Jünglinge kamen aus den Städtchen und Dörfern der Umgebung nach Brest, um dort zu lernen. Sie besaßen viel Mutterwitz, waren ruhig und verrichteten jeden Dienst in den Häusern, in denen sie ihr Mittagbrot bekamen. Sie waren vorzüglich geeignet, in der geistigen Gärungsperiode der Lilienthalschen Bewegung die Korrespondenz und die aufklärerischen (apikurssischen) Bücher zu den jungen Leuten in die Stadt zu bringen.

Man konnte oft den einen oder anderen von ihnen in der Dämmerstunde, wie eine Katze spähend, sich leise in unseren Hof mit einem Packet dieser geistigen »Kontrebande« schleichen und direkt auf der zum Studierzimmer meiner Schwager führenden Treppe in der Dunkelheit des Vorabends verschwinden sehen. Hätte das wachsame Auge meiner Mutter sie erblickt, so wäre es ihnen böse ergangen; an dem Tage wären sie bei uns sicher nicht satt geworden.

Fischele hatte sich allmählich als Autodidakt zu einem sehr guten Pädagogen ausgebildet. Er pflegte halb scherzhaft, halb im Ernst zu bitten, man soll ihm helfen: aus einem Orembocher ein Oremmann (armer Mann) zu werden. Bald heiratete er ein braves Mädchen und fand als gebildeter Mann in der höheren, jüdischen Gesellschaft eine gute Aufnahme. Dagegen hat Schamele, wie wir später erfahren haben, sein Leben nicht an großen Talmudfolianten beschlossen.

Die Lilienthalsche Bewegung hatte eben selbst in den orthodoxen Kreisen des niederen, jüdischen Volkes tiefe Spuren hinterlassen, und die Jugend auf neue Bahnen gelenkt. Schon nach einem Dezennium sah man die meisten Kinder des niederen Volkes, wie auch der Handwerker auf den Schulbänken, und die europäische Bildung wurde Gemeingut der jüdischen Bevölkerung. Die gemeinsame Bildung bewirkte eine Verschmelzung, eine Gleichstellung von Patriziern und niederen Leuten. Der Fachmann, der Arzt, der Advokat usw. trat an die Stelle des traditionellen Mijuches (Aristokratie).

Indes hörte das althergebrachte Studium des Talmuds nicht auf, es wurde nur in ganz anderer Weise hochgeschätzt; und Ende der sechziger Jahre fand ich in demselben Lande die früher geschilderten drei Bochurim von ganz anderem Aussehen. Ihr Aeußeres ließ Ende der sechziger Jahre wenig zu wünschen übrig. Ein jeder dieser Bochurim konnte bereits russisch lesen und schreiben, hatte einen Begriff von der Weltgeschichte. Aber er blieb seiner alten Religion treu und hatte volles Vertrauen zu Gott, daß eine bessere Zeit für sein Volk kommen werde. Aus der Mitte dieses lernenden Proletariats wuchsen die Rabbiner für die kleinen litauischen Städtchen heraus, sowie die Dajanim (Volksrichter) und die More horoes (Gesetzeskundigen), welche über Trefe und Koscher und rituell-hygienische Fragen zu entscheiden hatten, ferner die Magidim (Volksprediger), die Schochtim (Vieh- und Geflügelschächter), die Chasonim (Kantoren) und endlich die Batlonim, arme Talmudisten jeden Alters, welche man bei frohen oder traurigen Ereignissen Psalmen, Hymnen oder Mischnajis aus dem Talmud rezitieren oder bei einem Toten Tag und Nacht lesen lässt.

Aus einem Orembocher wurde zumeist ein Melamed, der aber vorher noch als Oberbehelfer in einem Cheder (Schule für kleine Kinder) einige Jahre als Repetitor fungieren mußte.

Von allen diesen Funktionären sonderte sich ein kleiner Bruchteil, der sich Pruschim (Abgesonderte) nannte, junge und alte Männer, deren einziger Lebenszweck war, sich ungestört mit Leib und Seele den Talmudstudien hinzugeben. Sie verbrachten, getrennt von Weib und Kind — ihrer Heimat und der Welt fern — ihr ganzes Leben damit, alle Feinheiten dieser Lehre, alle Spitzfindigkeiten der Scholastik zu ergründen und mit anderen über die verschiedenen Auslegungen zu diskutieren. Diese Asketen lebten im Krähwinkel Eschischok im Wilnaer Gouvernement lediglich von der Mildtätigkeit der Bürger, vornehmlich von der Güte der braven Frauen, die ihnen Speis und Trank in die Lehrhäuser schickten, was sie als heilige Pflicht und als gottgefälliges Werk betrachteten. Eine solche Frau besaß kaum 50 Rubel im Vermögen, womit sie Handel trieb, und ihre Kinder wie ihren Mann ernährte, der gleichfalls Tag und Nacht dem Talmudstudium als dem einzigen Zwecke seines Lebens opferte. Das mächtige Wort Talmud-Thora, d. h. die Lehre des Talmuds befördern, »lernen«, stand damals bei dem ganzen jüdischen Volke, wie heute leider nur noch bei einem sehr, sehr geringen Teil, auf der gleichen Stufe mit den eigenen, wirtschaftlichen Sorgen.

Der Typus des Wanderbochers bot freilich das stärkste Interesse. Er hatte das Geblüt des Famulus Wagner: stets dürstete er danach, Neues zu lernen. Solch ein Wanderbocher pflegte, notdürftig bekleidet, zu Fuß von einer Kartzma (Herberge) zur anderen auf der großen Landstraße zu gehen, in jener guten alten Zeit der 40er und 50er Jahre, ehe es Eisenbahnen in Rußland gab. Manchmal gelang es ihm, sich auf eine »Baued« (ein- oder zweispänniges Fuhrwerk, das von einer über Reifen gespannten Leinwand bedeckt war) »heraufzuchappen«, wo der jüdische Fuhrmann ihm willig auf dem Bock die Hälfte seines Platzes einräumte. In der Baued selbst, unter der Leinwanddecke, befand sich ein sehr gemütliches Publikum jeglichen Alters, Standes und Stammes. Das Fuhrwerk bewegte sich langsam vorwärts, da die hungrigen, übermüdeten Pferde nur schwach ziehen konnten. Die Passagiere hatten daher Zeit, gemütlich zu plaudern, und der halberfrorene Wanderbocher hörte diese wahren und erdichteten Erzählungen mit gespannter Aufmerksamkeit an und nahm alles in sich auf. Wieviel Romantik schloß eine solche Reise für ein junges, empfängliches Gemüt in sich! Sie machte grüblerisch und versonnen.

Aus einem solchen Wanderbocher pflegte sich in der Regel ein Maggid zu entwickeln. In seinen Kinderjahren hatte er in seiner einheimischen Talmud-Thora gelernt, einer jüdischen Volksschule, wie sie von jeder größeren Gemeinde unterhalten wurde. Arme Kinder und hauptsächlich Waisen wurden dort schon mit acht Jahren aufgenommen, um Unterricht in der hebräischen Sprache, im Beten und in der heiligen Schrift zu erhalten. Aus dieser Schule entsprangen die oben geschilderten drei Arten Bocherim. In seinen Jünglingsjahren begann so mancher das Wanderleben. Nachdem er als Orembocher den Unterricht schon im Talmudstudium erhalten hatte, zog er in die nächste Jeschiwa, wo für seine weitere Ausbildung, für Wohnung und Kleidung unentgeltlich gesorgt war. Denn auch für diese Anstalten spendeten die Juden aus allen Gegenden viel Geld. Er blieb solange da, als er wollte. Niemand hinderte ihn aber, eine zweite Lehranstalt aufzusuchen, wenn es ihn drängte, noch andere Lehrer zu hören, andere Satzungen und Kommentare kennen zu lernen, denn unerforschlich wie der Meeresgrund ist die talmudische Wissenschaft, meinte der Jude von damals. An dem neuen Orte lernte er andere Menschen, Sitten und Gebräuche kennen. Der Weg dahin war weder sehr weit, noch sehr beschwerlich, während des Sommers konnte er ja notdürftig bekleidet und barfuß gehen, wenn ihm nicht manchmal ein glücklicher Zufall in Gestalt eines Fuhrmanns zu Hilfe kam und ihn zu einer Herberge brachte. Da erholte er sich bei dem jüdischen Arendar (Pächter) im Dorfe einige Zeit, hörte von den verschiedenen Besuchern der Schänke abenteuerliche Geschichten, Wahrheit und Dichtung, erzählen und zog, um manche Erfahrung reicher, von dannen.

Diese drei Arten von Bochurim kann man mit Recht als die Ritter vom Geiste betrachten. Ihr Lebelang hatten sie mit Not, Hunger zu kämpfen und — sie unterlagen nicht.

Die tiefe Kenntnis des Volkslebens, seiner Not und seiner Freuden, seiner Sitten und Gewohnheiten, vor allem seines Vorstellungskreises praedestinierten den Wanderbocher gerade zu einem Maggid, und sie erklärt auch, weshalb der Volksprediger von dem niederen, jüdischen Volk verehrt, ja geliebt wird, und so machtvollen Einfluß ausüben kann.

Unter ihnen gab es hervorragende Erscheinungen, wie z. B. Ende der 40er Jahre der Minsker Magid R. N. K., und der 70er Jahre der Kelmener Magid R. N. Der erstere war ein hervorragender Talmudist und von strengstem Charakter und hielt jedem die Wahrheit vor; der letztere war milder, weltlicher.

Aber sie blieben Wandersleute, die jeden Sabbath in einer anderen Stadt predigten. Sie waren nicht reich und meist auf die Gastfreundschaft angewiesen. Not brauchten sie da nicht zu leiden, ist es doch eines der wichtigsten Grundsätze, daß jeder wohlhabende Balhabajis (Hausherr) an einem Sabbathtisch einen Gast zu sich lade. Diese Gäste fanden sich gewöhnlich Freitag, am Vorabend des Sabbathfestes ein, an dem alle Arbeit und auch das Wandern ruht. Die Mäßigkeit im Essen und Trinken während der ganzen Woche weicht üppigem Geniessen. Da ein solcher Gast eilig und spät abends in einem Ort, wo Juden wohnen, eintrifft und keine Zeit hat, nach einer Herberge zu suchen, so richtet er seine ersten Schritte zur Synagoge, um zu beten. Die Pflicht des Schammes (Synagogendieners) ist es, diese wegen ihrer Neuigkeiten gern gesehenen Fremdlinge für den Sabbath den Bürgern der Stadt zuzuteilen. Nun geschah es einmal, daß der erwähnte Minsker Magid in ein Städtchen kam, um da am Sonnabend zu darschenen (predigen). Er traf am Vorabend, Freitag spät ein, nahm den Weg zur Synagoge, wo die jüdische Gemeinde bereits sabbathlich ruhig und reinlich — manche noch mit nassem Haar von der Badestube her — zum Beten versammelt war. Der Magid betete mit und war fest überzeugt, daß nach Beendigung des Gottesdienstes auch er ein Plät[S] (Einladung) erhalten würde. Aber wie groß war sein Erstaunen, ja sein Schreck, als er bemerkte, daß alle anderen Fremdlinge unter die Bürger verteilt wurden und nur er übersehen worden war.

Alle Bürger standen bereits eng aneinander gedrückt wie Schafe an der kleinen, schmalen Ausgangstür. Er sah sich bald ganz allein im Bethaus, ohne Nahrung und ohne Kidusch. Seine verzweifelte Lage flößte ihm Mut ein. Er sprang hurtig auf die »Bieme« (die in der Synagoge befindliche Erhöhung), klopfte energisch mit der Faust auf ein großes Gebetbuch und rief laut: »Raboissai (Meine Herrschaften)! Wartet, bleibt, ich will euch etwas Interessantes erzählen!« Im Nu wandten sich die Köpfe dem Sprecher zu — sie hatten ihn früher nicht bemerkt. »Ich bin ein Oirach« (Gast), fing er an, »vor Abend hier eingetroffen und wie ich sehe, sind die hiesigen Hunde gastfreundlicher als die hiesigen Balbatim (Hausherren)!«

Diese Worte hatten natürlich die gewünschte Wirkung. Alle waren im ersten Augenblick stumm vor Erstaunen. Und er fuhr fort: »Ich werde euch erzählen, höret: Als ich mich spät vor Abend dem Städtchen näherte, empfingen mich viele Hunde mit lebhaftem Gebell. Jeder riß mich zu sich, jeder wollte mich für sich allein haben. Hier aber sind viel mehr Menschen als dort Hunde versammelt, und niemand fällt es ein, mich zu sich zu laden, geschweige, sich um mich zu reißen.« Diese Worte brachten die Menge in Wut, und einer von der Versammlung trat hervor und schrie: »Wer ist dieser Mensch, daß er sich untersteht, uns mit Hunden zu vergleichen? Woher bist du gekommen, Elender?« Ein reich gefülltes Maß an nicht gerade duftigen Liebesworten ergoß sich über den Magid. Der aber blieb die Antwort auch nicht schuldig, er rief: »Wartet, wartet nur ein wenig, hört nur bis zu Ende, ich bitte sehr.« Alle wurden wieder still. »Ich bin noch nicht zu Ende. Als die Zudringlichkeit der Hunde mir ein wenig unbequem wurde, beugte ich mich zur Erde, griff nach einem Stein und schleuderte ihn mitten unter die Meute, das wirkte im ersten Augenblick sehr gut. Der Eifer, mich zu besitzen, wich, und die Hunde suchten das Weite. Nur wußte ich anfangs nicht, welche von ihnen mein Stein getroffen hätte, bald aber sah und hörte ich, wie ein Hund rasch, aber auf einem Fuß hinkend und jämmerlich heulend, mit der übrigen Gesellschaft die Flucht ergriff. Nun begriff ich, daß mein Stein ihn getroffen hatte.«

Diese Worte regten die Gemeinde noch mehr auf. Man drang in den Redner, seinen Namen zu nennen, und die Versammelten waren nicht wenig beschämt, in ihm den berühmten Magid zu erkennen und suchten durch freundliche, ehrerbietige Behandlung alles gut zu machen. Am Sonnabend nachmittag predigte er in der Synagoge vor der ganzen, versammelten Gemeinde, welche mit Vergnügen und Andacht der Rede dieses frommen Mannes lauschte. Er tadelte so manches, verkündete für manche Sünde die Hölle, und das Volk weinte. Zugleich versprach er für die guten Taten das Paradies in dieser Welt, wie im künftigen Leben, und das Volk jubelte, da er mit so großem Wissen die Herzen rührte und die edelsten Regungen hervorzurufen verstand. Er mahnte auch in freundlicher Absicht zur Ehrlichkeit im Handel, riet, gutes Maß und Gewicht zu geben, empfahl den Handwerkern Fleiß, tadelte dagegen Faulheit und Hochmut, wobei er sehr gute Volkswitze erzählte, und forderte das Volk auf, den Sabbath zu ehren, Gott für diese Gabe zu danken, da an diesem Tage jeder Jude frei von Sorge ausruhen, sich dem geistigen Genuß ergeben, sich Gott, seinem Schöpfer, nähern könne, was er die ganze Woche über durch Arbeit und Sorge zu tun verhindert sei....

Sonntag verreiste dieser verehrte, populäre Prediger, von vielen Bewohnern des Städtchens ein Stück Weges begleitet.


In der Neustadt.

I.
Es war ein schönes Bild ...

Es war ein schönes Bild, als Kaiser Nicolaus I. inmitten einer glänzenden Suite stand. Seine von Gesundheit strotzende, hohe Figur ragte über seine Umgebung hoch hervor. Seine militärische Paradeuniform, der fest anliegende Frack mit hochrotem Tuchbesatz und Manschetten, die Brust mit vielen Ordenssternen dekoriert, die massiven Epaulettes, die blaue, breite Schärpe quer über der Brust, das Portepee mit dem Degen an der linken Seite, der quer auf dem Kopf sitzende Dreispitzhut mit dem wuchtigen, weißen Federbusch verlieh der martialischen Gestalt ein ganz außergewöhnliches Aussehen. Sein Gesicht mit den regelmäßigen Zügen, dem glattrasierten Doppelkinn, mit dem vollen, blonden Backenbart drückte eine wohlwollende, ja eine freudige Erregung aus, auch die energisch blitzenden, grauen Augen leuchteten, während die stramme militärische Haltung das hohe Selbstbewußtsein ausdrückte. Zu seiner Rechten stand der Kronprinz Alexander II., der damals, im Jahre 1835, noch ein junger Mann war. Er war von hohem, massigen Körperbau und hatte im Gegensatz zu Kaiser Nicolaus I., der lichtblondes Kopf- und Barthaar hatte, rabenschwarzes Haar, einen schmalen schwarzen Lippenbart und Augen von gleicher Farbe. Sein ganzes Wesen umleuchteten Milde und Freundlichkeit; keine Spur von dem Selbstbewußtsein seines kaiserlichen Vaters! — Der Kronprinz hatte schon damals, wie ich mich noch jetzt gut erinnern kann, alle Herzen der umstehenden Menschenmenge für sich gewonnen. Und diese Sympathie rechtfertigte er 1861 als Befreier der Leibeigenen.

Umgeben von zahlreichen Generälen, Adjutanten, Ingenieuren, standen die Fürsten auf dem sogenannten Tatarischen Berge. Der glatte, grüne Rasen lag wie ein Samtteppich vor ihren Füßen; und die dunkelblaue Himmelskuppel überwölbte dieses imposante Bild. Die Sonne übergoß es mit einem Meer von Licht, das sich in den Brillantenorden der goldgestickten Beamtenuniformen in tausend Regenbogenfarben brach.

Dieses glänzende Schauspiel erschien uns Kindern wie ein Luftgebilde, da wir neben unserem elterlichen Hause, etwa hundert Faden von dem obengenannten Berge entfernt, standen. — Der Kaiser Nikolaus I. zeigte mit seiner rechten Hand nach verschiedenen Richtungen. Aus den eifrigen Debatten der Herrschaften konnte die umstehende Menge ahnen, daß eine wichtige Frage besprochen wurde: bald wurde ein General, bald ein Adjutant vom Berge heruntergeschickt, der unser Haus beschaute und musterte, die grüne Wiese, die um Haus und Garten lag, mit einem Saschen (russisches Maß = 1 Faden) maß und dann zum Rapport auf den Berg zurückeilte.

Die gaffende Volksmenge erschöpfte sich in tausend Vermutungen und gab jeder Handbewegung des Kaisers tausend Bedeutungen, — nur nicht die richtige. Endlich erfuhr man, daß das ganze Terrain der alten Stadt Brest für eine Festung erster Klasse von Kaiser Nicolaus I. bestimmt worden war! Die ganze Tragweite dieses Projektes sollte jedem Stadtbürger bald klar werden.

Wenige Monate nach der oben geschilderten Begebenheit wurden die Hausbesitzer der Stadt Brest-Litauen durch einen kaiserlichen Ukas benachrichtigt, daß alle durch eine eigens zu diesem Zwecke eingesetzte Kommission ihre Häuser abschätzen lassen sollten. Die Regierung würde eine Abstandsumme zahlen und außerdem ein Terrain vier Werst, das ist 1,5-2 englische Meilen, von der Altstadt entfernt zur Verfügung stellen. Die Nachricht wurde mit Schrecken aufgenommen. Eine gewisse Ahnung schlich sich in die Gemüter der Bürger, daß ihr Ruin bevorstand! — Für meine Eltern wurde dieses Projekt zur Katastrophe!... Denn nicht nur unser prächtiges Haus, sondern auch die große Ziegelfabrik, die zwei Werst hinter der Stadt stand, sollte niedergerissen werden. Diese Ziegelei warf jeden Sommer große Summen ab, da mein Vater die Lieferung vieler Millionen Ziegelsteine für die schon begonnenen, großen Kasernenbauten übernommen hatte. — Nur schwer konnte mein Vater den ersten Schreck über den neuen Befehl verwinden. Aber er beruhigte sich wie die übrigen Hausbesitzer der Stadt bei der kaiserlichen Versicherung, daß die Regierung für alle Schäden aufkommen würde. — Die Abschätzungskommission, welche die Regierung einsetzte, sollte den Wert aller Häuser der Stadt Brest-Litowsk bestimmen, und die Regierung versprach sehr ehrlich und gut zu bezahlen. — Da schickte der Teufel einen seiner Höllenboten in Gestalt eines Winkeladvokaten. Jude von Geburt, war er sehr befähigt, Prozesse zu führen, Bittschriften in russischer Sprache abzufassen, was in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts in dem noch vorwiegend polnischen Litauen nur wenige Begnadete vermochten. Bei diesen guten Eigenschaften aber war dieser Mensch ein Ausbund der gemeinsten Gewissenlosigkeit. Dieses Subjekt wußte bald das Vertrauen der gesamten Hausbesitzer, wie auch der Schatzkommission zu gewinnen, und alle beeilten sich, ihr Hab und Gut, das zumeist in dem Besitz ihres Hauses bestand, in seine Hände zu legen, damit er ihre Interessen vor der Kommission vertreten sollte. — Es dauerte jedoch nicht lange, so entzweite er sich mit beiden Parteien und denunzierte bei einer höheren Instanz, daß alle Schätzungen der Kommission falsch seien! Daß in dieser Denunziation ein Kern Wahrheit lag, bezweifle ich nicht. Die Interessen meiner armen Eltern aber wurden durch diesen Racheakt unschuldigerweise schwer getroffen. Da mein Vater seine Sache vor der Abschätzungskommission selbst vertrat, und der Winkeladvokat nicht auf seine Kosten kam, so wurde auch mein Vater ein Opfer der Angebereien. Es dauerte nicht mehr lange, als von einer höheren Regierungsinstanz der Befehl erging, die Abschätzung der Häuser einzustellen, bis eine neue Untersuchungskommission kommen würde! Da erhob sich ein allgemeines Jammern! Ein jeder Hausbesitzer wußte nun schon, daß er seine Besitzung verlieren würde. Und jetzt hörten wir Kinder kein anderes Gespräch mehr im Hause, sei es unter den Familienmitgliedern oder mit Gästen, als über das bevorstehende Niederreißen unseres prächtigen Hauses und der Ziegelei. Und jedes Wort war getränkt mit der Wut über den verruchten Winkeladvokaten David, »den Schwarzen«, der über die Stadt Brest-Litauen so schwere Not heraufbeschworen hatte. Infolge der Denunziation von Rosenbaum (das war sein Familienname) kam nach kurzer Zeit ein zweiter Befehl, daß jeder Hausbesitzer sein eigenes Haus auf eigene Kosten demolieren sollte, um noch schneller Platz zu schaffen, andernfalls würde er zu einer Geldstrafe verurteilt. Man setzte einen sehr nahen Termin an, bis zu dem die Häuser niedergerissen sein mußten. Die Zeit reichte kaum aus, eine Wohnung in der Neustadt zu beschaffen. Von Neubauten konnte natürlich nicht mehr die Rede sein. Die Reichen waren nicht weniger ratlos als die Armen. Wer bares Geld auftreiben konnte, beeilte sich und zahlte das Dreifache, um sich eine neue Wohnung zu mieten. Aber ihrer waren nur ein Vierteil der großen Zahl Einwohner der alten Stadt Brest-Litauen; die große Masse blieb tatsächlich ohne Obdach!

Die Beratungen über den Kauf eines Hauses in der Neustadt Brest-Litauen und der bevorstehende Umzug gaben uns Kindern viele Anregungen und Beschäftigung. Mich fror bei dem Gedanken, daß ich mich bald von meinen getreuen Gespielinnen im Cheder und in unserer Nachbarschaft aus der Vorstadt (Samuchawicz) trennen müsse, mit denen wir so traulich gespielt, und daß ich nun die trauten Winkel in ihren Häusern und dem unsrigen verlassen sollte. Ich hatte so stark wie jeder Erwachsene in unserem Hause das Gefühl, daß das ganze Leben meiner geliebten Eltern eine totale Umwälzung erfahren müsse. Wir hofften jedoch, daß, wenn die Untersuchung die Verlogenheit der Denunziation erwiese, alle Schäden ersetzt würden.

Allein diese Untersuchung dauerte nicht mehr und nicht weniger als fünfzehn Jahre!... Zeit genug, einen Teil der Hausbesitzer aus ihren eigenen Wohnungen zu verjagen, zu berauben und ins größte Elend zu stürzen!

Viele wurden zu Bettlern, viele wanderten aus!

Noch jetzt steht mir eine herzzerreißende Szene jener traurigen Zeiten vor Augen, die mich mit Schauder erfüllt! Es war an einem Herbsttage jenes schrecklichen Jahres 1836, als der bewölkte Himmel wie zerschmolzenes Blei über der Erde und über den Seelen der Stadtbürger von Brest-Litauen hing. Der Nordwind blies kalt und jagte den Straßenstaub, der die gelben, abgefallenen Blätter der Bäume wirbelnd vor sich her trieb, den Fußgängern in die Augen. Ich befand mich gerade mit meiner Mutter auf dem Heimwege nach der Vorstadt (Samuchawicz). Wir mußten die kleinen, armseligen Häuschen der Nachbarschaft passieren. Da hörten wir ein Durcheinandersprechen von Jüdisch und Russisch, ein Zanken in Russisch, ein Schimpfen in jüdischem Jargon und ein lautes Weinen. Meine Mutter trat, mich an der Hand führend, näher. Es war eine ergreifende Tragödie, die sich vor uns abspielte. Der festgesetzte Termin für die Räumung war abgelaufen. Da aber die Einwohner des Hauses noch kein Obdach gefunden hatten, so glaubten die Unglücklichen, daß sie noch in ihrem alten Heim würden bleiben können. Aber sie irrten sich. Die Polizei schickte ihre Beamten mit dem Befehl, auf die Räumung zu drängen und im Falle des Widerstandes die Hausbesitzer buchstäblich aus ihren Häusern zu verjagen! Dieser harte Befehl wurde gerade ausgeführt, als wir in das Häuschen eintraten. Die Wirtin, eine kranke, abgehärmte, magere Frau mit verzerrtem Gesicht packte ihr Hab und Gut in einen alten, grün angestrichenen Kasten. Ihr hochbetagter Mann hielt das kleinste Kind auf seinem Arm. Neben ihm standen noch zwei Kinder, ein Junge von etwa neun Jahren und ein Mädchen von sechs Jahren, deren Händchen und nackte Füße blaurot gefroren zitterten, denn die dürren Leiber waren nur mit Lumpen bedeckt. Auf dem Tische lag ein halber Laib Brot. Im Ofen brannten, vielmehr räucherten, einige Holzscheite, auf denen das armselige Mahl kochte. Die Familie wollte gerade essen, da erschien der Höllenbote und erklärte, daß hier für die Einwohner kein Raum mehr sei. Ja selbst diesen einen Tag sollten sie nicht wagen, hier zu bleiben.