Meine chinesische Visitenkarte

1. Oktober 1902. Den Vormittag benutzte ich, um mir Kalgan selbst etwas näher anzusehen. Kalgan, eine verhältnismäßig große Stadt, deren Einwohnerzahl sich wie die aller bedeutenderen chinesischen Städte außerordentlich schwer schätzen läßt, ist die Zentrale für Pelzhandel und für Pelztransithandel nach Rußland. In seinem Äußern weicht der Ort wohl kaum irgendwie von dem Aussehen anderer chinesischer Städte ab. Wie alles in China konservativ streng durchgeführt ist, so auch der Baustil. Und sähe man nicht hier in den Straßen die vielen in Felle gekleideten Mongolen, so könnte man sich ebenso gut im Süden Chilis oder Schansis zu befinden glauben. Kalgan hat eine innere, von hohen Mauern umgebene Stadt, und um diese herum eine äußere Stadt. Man muß nun nicht glauben, daß der Haupthandel und Verkehr sich im Stadtinnern abspielt; hier ist es gerade die äußere, und zwar hauptsächlich die südliche und westliche Vorstadt, in der die Hauptverkehrsstraßen mit ihrem höchst lebhaften Treiben liegen. Mir kam es vor, als ob im Innern des Mauervierecks der wohlhabende Patrizier säße; hier herrschte Ruhe und man sah nur große, schöne, ganz massiv aufgeführte Bauten. In dem Teil, wo der Deutsche Schmelzer sich Grund und Boden erworben und seine Hotelbauten aufgeführt hat, wird in einigen Jahren die Bahn Peking-Kalgan ihren wohl auch nur vorläufigen Endpunkt finden, denn wenn sie erst einmal gebaut sein wird, wird es auch nicht mehr allzulange dauern, bis ihre Fortsetzung durch die Wüste Gobi Anschluß an die transsibirische Bahn findet.

Ich ging vom Hotel, das an der Westfront liegt, durch die Hauptverkehrsstraße an der Südfront. Hier herrschte ein sehr interessantes Treiben. Auf offenem, tagaus, tagein fortbestehendem Markte, der sich auf beiden Seiten der Fahrstraße hinzieht, wurden alle möglichen und unmöglichen Dinge feilgeboten. Da sah man Felle aller Art, Gemüse, Obst, Fleisch, alte Kleider, ebensolche neue und hauptsächlich Schundwaren europäischen Ursprungs jeder erdenklichen Gattung. Letztere scheinen einen ganz erheblichen Absatz zu finden, ich sah meist solche deutscher Fertigung, aber auch sehr viele amerikanische, weniger englische. Hauptsächlich waren Garne, Nähnadeln, bedruckte Kattune, Bänder vertreten, dann kleinere Blechwaren etc., auch Löffel, Lampen und anderes mehr. Dazwischen arbeiteten auf offener Straße Beschlag- und Kesselschmiede, Handwerker jeder Art, Garküchen verbreiteten ihre angenehmen Gerüche, die mich nicht mehr störten; man gewöhnt sich eben an alles hier in China.

Plötzlich kam noch mehr Leben in das allgemeine Treiben. Der Präfekt selbst kam im Karren angefahren, mit einem großen Haufen von Beamten und Dienern zu Pferd und zu Fuß um ihn herum. Vor der Gruppe einige schreiende und die Menge mit Hieben traktierende Polizisten. Alles flüchtete schleunigst; chinesische Brötchen und Äpfel kollerten im Staube, Gassenjungen stahlen sie eilends, die Verwirrung benutzend — kurzum, es war für mich ein recht spaßiger Anblick. Neben der Karre ritt mein Beamter von gestern abend, der den Präfekten sofort auf mich aufmerksam machte. Ich bekam nur einen etwas erstaunten Seitenblick, dann war der ganze, sich schnell vorwärts bewegende Zug schon vorüber, und das Leben auf der Straße hatte sein altes Bild wiedergewonnen; nur der schimpfende Obstverkäufer erinnerte noch daran, daß irgend etwas Besonderes vorgefallen war.

Ich ging weiter, vorbei am schönen, halb europäisch erbauten Yamen — einer Mission —, nach Norden durch ein an mittelalterliche deutsche Bauten erinnerndes doppeltes Tor in die innere Stadt. Hier interessierte mich besonders ein hochgelegener Tempel, von dessen oberer Plattform aus man einen herrlichen Rundblick über die ganze Ebene und die zu Füßen liegende Stadt hat. Der schmierige, uns öffnende Priester bekam sein Trinkgeld, mit dem er nicht zufrieden zu sein schien; es war nur Kupfergeld. Vom Europäer erwartet er Silber, denn hier gilt eben jeder Europäer von vornherein als reicher Mann. Es war recht heiß geworden, so daß ich an den Rückweg dachte. Vorbei am offiziellen, übrigens total verkommenen Yamen, kam ich durch ein anderes hohes Tor, in dem die Wahrzeichen chinesischer Justiz, die Verbrecherköpfe in Kästchen, diesmal gleich fünf an der Zahl und ganz frisch abgeschlagen, hingen. Eine ganze andere Anzahl solcher Kästen barg nur noch die Schuhe der hingerichteten Verbrecher, die Köpfe sind wohl begraben worden oder haben vielleicht einen sonstigen Liebhaber gefunden. Chinesische Schädel sind sehr gesucht und verhältnismäßig schwer zu haben. Noch einmal passierte ich einen kurzen Teil der Hauptstraße; mir fiel dabei auf, daß trotz der glühenden Hitze die Mongolen, kenntlich an der Gesichtsbildung, sämtlich in enge Pelze, richtiger wohl Felle, gehüllt waren. Sie machten meist einen überaus stumpfen, schmierigen Eindruck. Im Hotel erwartete mich bereits das fertige Frühstück und zum Dessert die schon erwähnte Rechnung. Man wundert sich nicht mehr so leicht in China über irgend etwas ungewohntes Neues, über diese Rechnung aber war ich denn doch etwas sehr erstaunt. Doch was halfs; im europäischen Gasthause wird nicht gehandelt. Ich berappte, ließ satteln und packen und zog ab gen Süden nach der großen Straße auf Tatung-fu zu.

Zuerst gings durch Vorstädte, dann entlang einer Hügelkette, an der Dörfer lagen. Dem Reisenden fällt hier recht unangenehm auf, daß die Chinesen einfach den Weg als Leitung ihrer Bewässerung benutzen. Das mag ja für den Bauern sehr praktisch sein, für den Reisenden ist es alles andere als angenehm. Weiter fiel mir auf, daß in dieser Gegend auch die Männer silbernen Schmuck trugen, meist übrigens nur in einem Armbande bestehend. Auch hier war alles bei der Ernte, so daß man nicht in Verlegenheit kam, wenn man bei einer der vielfachen Wegkreuzungen nach der Route fragte. Nur einmal wurde ich, scheinbar absichtlich, falsch gewiesen; die Leute schienen das als einen recht guten Witz zu betrachten, denn nachdem ich die angegebene Richtung eingeschlagen hatte, wollten sie sich vor Lachen ausschütten. Ich hatte gleich die richtige Ahnung, daß ich falsch ritt und machte sofort kehrt, worauf alles mit echt chinesischer Feigheit so schnell wie möglich ausriß, ohne daß ich auch nur ein Wort gesagt hatte.

Gegen 5 Uhr kam ich nach Tapingtschwang, dem in Aussicht genommenen Nachtquartier. Ob es das richtige auf meiner Karte angegebene war, ließ sich nicht feststellen, da derselbe Name hier in der Gegend sehr häufig ist. Das Hauptgasthaus war stark überfüllt, so daß ich in ein anderes, weniger volles einzog. Wie man mir später erzählte, erfreute es sich keines besonders guten Rufes in der Gegend, doch war mir das gleichgültig, denn ich hatte wenigstens ein Zimmer für mich und meinen Mafu allein. Spät abends kam noch eine chinesische Partei an und hätte gern in meinem Zimmer mit genächtigt, ich winkte aber ab, so daß sie wieder abzogen. Zu essen bekam man nichts, so daß ich zum ersten Male zu den wenigen mitgenommenen Konserven griff. Die ganze Nacht war Katzenmusik und Hundegebell, dazu fehlte alles Papier an den Fenstern, und als ich gegen Morgen gerade anfing einzuschlafen, wurden meine Ponies, die den neuen Schimmel nicht leiden konnten, lebendig und fingen an, sich unter fürchterlichem Gequietsche zu keilen und zu beißen, so daß ich heraus mußte, um sie auseinander zu binden. Natürlich hatte gerade der beste Pony, Dr. H., einige gottlob nur leichte Hautwunden bei dem Gefecht davongetragen. Es war jedenfalls eine recht geruhsame Nacht.

2. Oktober. Nachdem ich mich mit dem Wirt auseinandergesetzt hatte, marschierten wir gegen 7½ Uhr ab. Zuerst ging es durch hügeliges Gelände mit reicher Bebauung und vielen Ansiedelungen. Nach und nach vereinigten sich alle Wege in einer von den üblichen baumlosen, steil ansteigenden Bergen eingefaßten Schlucht, in der der Tai-schui, ein rasch fließender Gebirgsbach, hinströmt, den man unzählige Mal durchschreitet und der sich oft in mehrere Arme teilt. Viele Maultierkarawanen gingen mit Waren beladen nach dem Innern; man sah keine Kamele mehr. Uns entgegen kamen Maultiere mit Kohlen, sie trugen rechts und links am Packsattel je ein großes Stück. An den steilen Wänden waren kleine Tempel wie Schwalbennester angeklebt, nur noch vereinzelt tauchten Dörfer auf, die Bebauung nahm mehr und mehr ab. Vor Taipingtschwang machten wir in einem Gasthause Mittagsrast, dann gings weiter, und bei dem Orte selbst hatten wir die Paßhöhe erreicht. Der Weg senkte sich schnell und wir gelangten in ein breites, reich angebautes Tal. Die Wege sind nun im Löß bis zehn Meter tief eingeschnitten, die Ränder haben oft verdächtige Neigungen.

Vor Hwai-an kam uns ein Mann entgegen, angeblich aus Yang-liu-tsing. Er hatte an der rechten Hand und am Arm schrecklich eiternde Wunden und bat mich in herzzerreißenden Worten um Hilfe. Wir waren bald an der ganz nett gelegenen Stadt und kamen in einem Gasthause leidlich unter. Der kranke Chinese quälte mich solange, bis ich ihm mit meinen Desinfektionsmitteln seine Wunden auswusch und verband. Um uns herum hatte sich bald eine größere Volksmenge versammelt, die jede Handhabung mit hohem Interesse verfolgte. In der Stadt hatte sich bald das Gerücht von der Ankunft eines europäischen Arztes verbreitet, und noch spät am Abend, als ich schon meine müden Glieder auf dem harten Kang ausgestreckt hatte, wurde ich herausgeklopft, um einer Frau beizustehen, die einer schweren Entbindung entgegensah. Leider war ich aber am Ende meiner Kenntnisse angelangt und mußte dankend ablehnen.

Die Nacht war recht kalt, so daß ich mehrfach aufwachte. Der nächste Tag führte uns zuerst auf recht guten Wegen bis Lin-tsui-tun. Von da ab bis zu dem auf den Karten vermerkten Passe, der sich wenig als solcher markiert, war es recht steinig. Die Hohlwege wurden immer schärfer eingeschnitten. Dicht vor der Wasserscheide liegt ein höchst romantisches Dorf Dju-hsia-örr, hinter der Wasserscheide ein weiterer Flecken Tsiörrling, in dem wir Mittagsrast machten. Wiederum ging es durch tiefe Lehmschluchten, deren Ränder in Absätzen bebaut waren, es gab sogar einige Baumschulen. Aus den Schluchten heraus bekam man zuweilen Einblick in eine sich weithin erstreckende Ebene, in der man den Yang-ho fließen und die Stadt Tientschönn liegen sah.

Gegen 4 Uhr erreichten wir den Ort, der sich durch nichts von andern, ebenso großen Städten unterscheidet. Der Wirt im Gasthause war höchst frech; zuerst wollte er uns in ein kleines Zimmer zusammen mit allem möglichen Gesindel stecken, ich wurde ihm recht deutlich und nahm mir einfach ein besseres Zimmer. Wiederum griff ich meine Konserven an; die mit Recht so beliebte Erbswurst schmeckte vorzüglich und dementsprechend schlief ich auch endlich einmal gut ein. Gegen Morgen wachte ich infolge der Kälte auf. Die Rechnung war recht milde, wofür dem sonst unliebenswürdigen Wirt, den ich um 7 Uhr von seinem Kang holen mußte, viel verziehen wurde. Heute, am 4. Oktober, ging es weiter durch ein mehrfach von kleinen Bächen durchschnittenes Gelände; rechts fließt der Yang-ho, der wenig Wasser hat, noch weiter zur Rechten sieht man auf den hohen Bergen die große Mauer entlang laufen. Die Leute bauen hier Kartoffeln, ab und zu sieht man auch Birkenkulturen.

Gegen 11½ Uhr waren wir in Yangkau, in dessen Gasthäusern man nur unter den denkbarsten Schwierigkeiten Tee bekommen konnte. Mein Essen beschränkte sich auf einige gekochte Eier; nicht einmal Früchte waren aufzutreiben. In der Stadt war eine große Begräbnisfeier mit obligater Musik, Klagegeschrei und Verbrennung von Papiergegenständen. Unser Wirt empfahl uns Wangkwantun als Nachtquartier, wohin wir denn auch aufbrachen. In der Stadt ist nur noch die knappe Hälfte mit Häusern bebaut. Die alten Ehrenbogen, der Yamen, der Mittelbau, alles verfällt. In letzterem hängen die üblichen Kästen für Verbrecherköpfe; augenblicklich scheint gute Zeit hier zu sein, denn man sieht keine Köpfe, sondern nur die zum Andenken an abziehende Mandarinen aufbewahrten Schuhe. Weiter nach Süden begegneten wir unserer Begräbnisgesellschaft, die in ihrer lustigen Stimmung einen merkwürdigen Eindruck machte.

Die Landschaft wurde mehr und mehr herbstlich. Die Leute waren bei der Kartoffelernte, jedoch schien diese schon fast zu Ende zu sein. Überall sah man zufriedene und ruhige Gesichter. In den meisten Dörfern spielte sogar eine Theatertruppe; die Leute müssen eine gute Ernte gehabt haben.

Gegen fünf Uhr kamen wir in Wangkwantun an, in dessen recht ansehnlichem Gasthaus Mann und Pferd gute Unterkunft fanden. Wir versuchten unsere Kochkunst und bekamen nach ziemlicher Anstrengung ein deutsches Beefsteak und Bratkartoffeln recht gut fertig. Bei bedecktem Himmel gings am 5. Oktober durch sandige Schluchten und weiches Gelände weiter. Gegen Mittag fing es an zu regnen; da jedoch die Nester, die wir passierten, zu trostlos aussahen, marschierte ich, trotzdem der Regen allmählich in einen regelrechten Landregen überging, weiter, und als die hohen Mauern von Tatung-fu in Sicht kamen, war ich trotz des Regenmantels vollkommen durchgeweicht.

Tatung-fu liegt tief im Tale, man steigt von einer Hügelreihe herunter. Die etwa einen halben Kilometer breite Ebene vor Tatung-fu wird vom Yü-ho durchflossen, zur Zeit war die Ebene ein großer See. Zuerst kommt man durch eine Art gemauerter Vorstadt, in der auch große Gasthäuser liegen, die sämtlich überfüllt waren. Das Tor, durch das wir in die eigentliche Stadt einritten, zeigt mächtige, an unsere mittelalterlichen Städtebefestigungen erinnernde Bauformen. Nirgends war ein Quartier zu bekommen; augenscheinlich wollte man den fremden Teufel nicht aufnehmen. Schließlich fand ich in einer außerhalb der Mauer gelegenen kleinen Herberge ein schlechtes Zimmer, ich war aber trotzdem froh, daß die sehr müden Pferde endlich unter Dach und Fach kamen.

Um meine recht durchweichten Sachen in Ordnung zu bringen, machte ich am 6. Oktober einen Ruhetag, der Mann und Pferd auch sehr not tat. Den Nachmittag benutzte ich, um die Stadt etwas anzusehen. Es war das gewöhnliche Bild, alles Zerfall und Schmutz; die Straßen laufen überall rechtwinklig zu einander. Im Südwesten ist ein großer Tempelkomplex, und nur in der Hauptstraße fällt eine sehr schöne Mauer auf, die in blauen, braunen und gelben Porzellanziegeln kämpfende Drachen darstellt. Das Volk benahm sich im allgemeinen anständig gegen mich. Aus den gegenseitigen Zurufen zu schließen, hielt man mich für einen Amerikaner, wohl infolge des Hutes, der dem der amerikanischen Truppen sehr ähnlich sieht.

Am nächsten Morgen hatten wir dichten Nebel und verfehlten zuerst mehrfach den Hauptweg, bis wir schließlich an den chinesischen großen Meilensteinen erkannten, daß wir auf der rechten Straße waren; so gings weiter bis Hweijönn, wo wir vom großen Wege nach Südosten auf Ying tschau zu abbogen. Gegen Abend versuchte ich in verschiedenen Dörfern Quartier zu erhalten; es war nicht möglich, die Leute weigerten sich überall, uns aufzunehmen. Jeder wies uns nach dem nächsten Dorf, bis mir dies schließlich zu bunt wurde und ich mit der Mauserpistole in der Hand einen Mann aufgriff und mit dem strengen Befehl festhielt, uns zu einem Gasthause zu bringen. In Anbetracht der drohenden Waffe versprach er denn auch, sofort sein möglichstes zu tun. Es ging noch ein Dorf weiter. Ich sah schon von weitem das Gasthaustor offen; die Leute wollten es gerade schließen und ich ritt schnell im Galopp hinein, um mich nicht wieder hinausweisen zu lassen. Der Gasthausbesitzer fing sofort mit unserm Führer einen großen Zank an; für kein Geld war etwas zu bekommen, weder Pferdefutter, noch irgend etwas für uns zu essen, nicht einmal Geld zu wechseln war möglich. Da es schon dunkelte, beschloss ich trotzdem zu bleiben und schickte meinen Mafu mit Paß und Visitenkarte zum Ortsvorsteher, um dessen Unterstützung zu erbitten. Natürlich ließ sich dieser verleugnen, und als ich selbst hinging, war er verduftet. Der Besitzer des Gasthofes fand sich allmählich in die Situation und wurde schließlich ganz freundlich. Wir schliefen alle in einem großen Zimmer mit der Familie zusammen, die von den ältesten bis zu den jüngsten Mitgliedern einen unglaublich schlechten Tabak rauchte. Die armen Pferde bekamen nur Stroh zu fressen. Gegen 6 Uhr marschierten wir am 8. Oktober ab; der Wirt bekam die Cash, die wir in unserem Gepäck auftreiben konnten. Vor der Tür hatte sich eine große Volksmenge angesammelt, die uns laut höhnte; da sie nicht Platz machen wollten, zog ich die Mauserpistole heraus, worauf alles mit lächerlicher Schnelligkeit verschwand.

Wir marschierten weiter durch Wiesengelände nach dem 20 Kilometer entfernten Yingtschau. Die Dörfer sind auch hier alle gleich; jedes hat einen zweistöckigen Tempel und eine Art Ringwall, in den sich die Bewohner in unruhigen Zeiten zurückzuziehen pflegen. Alle Leute, klein und groß, rauchen die Pfeife mit langem Rohr und kleinem Kopf. Wir passierten den vom Regen stark angeschwollenen San-Kan Ho und wurden bis an die Knie naß.

Schon von weitem fällt die hohe Pagode von Yingtschau auf. Im Gasthause waren die Leute sehr freundlich, wenn auch entsetzlich neugierig. Die Pferde bekamen Futter und wir Essen; ich flickte zur allgemeinen Freude meine zerrissenen Reithosen. Mein Mafu wurde zu seiner großen Genugtuung vielfach, infolge seines Anzuges, für einen Europäer gehalten. Gegen Mittag ritten wir nach Südwesten durch Wiesengelände weiter und erreichten gegen Abend den Mantau Schan. Unser heutiges Ziel Hsiautschikau liegt ganz versteckt in einer Talschlucht und ist in seiner Art mit einer dreifachen Mauer stark befestigt. Wir kamen ganz gut unter, hatten jedoch den ganzen Abend eine Menge neugieriger Leute im Zimmer, während draußen auf der Straße eine größere Ansammlung fortwährend laut nach dem Europäer rief, bis mein Mafu hinausging und sie beschimpfte, worauf sie abzogen. Am Abend wimmelte dann mein Mafu mit lächerlicher Geschicklichkeit alle die hinaus, die noch mit uns auf demselben Kang schlafen wollten, so daß wir schließlich allein waren. Die ganze Nacht über tobte ein starker Sturm.

Zum Abmarsch am 9. Oktober war wiederum die ganze Stadt versammelt, die Leute benahmen sich aber anständig. Es ging weiter in die Berge hinein. Gleich am Nordtor mußten wir absitzen und führen, da der Weg gänzlich aufhörte. Gott sei Dank trafen wir einige Maultiertreiber, die uns zurechtwiesen, wir waren gerade auf einen falschen Weg am Eingange der Schlucht geraten. Die Straße führte zuerst in dem in der Talsohle fließenden Bach entlang; der Eingang der Schlucht wird durch Warttürme gesichert. Man konnte von hier aus sehen, wie gut die kleine Festung den Taldurchgang sperrt. Der Weg ist auch fernerhin sehr steinig, es herrschte so gut wie gar kein Verkehr; rechts und links sind fast senkrecht aufsteigende, gänzlich vegetationslose Wände. Nach ungefähr einer Stunde Marsch gelangten wir zu einer kleinen Ansiedlung, hinter der sich das Tal teilte. Wir marschierten links ab, jetzt am Hang der steilen Talwände entlang auf einem ganz schmalen Maultierpfade. Mehrfach mußten wir das Packpferd abpacken, da wir sonst Gefahr liefen, daß das Tier abstürzte. Einmal trafen wir einen Mönch aus Wutaischan, an den mein Mafu sofort die neugierige Frage richtete, ob es dort sehr kalt sei. Zu seiner Beruhigung meinte der Mönch, es sei dort auch nicht anders als hier. Weiterhin trafen wir einige Maultiertreiber, die uns wie übermenschliche Wesen anstaunten; sie hatten noch nie einen Europäer gesehen. Der letzte Aufstieg war ganz besonders steil, und als wir um 11½ Uhr die Paßhöhe erreicht und einen Einblick in das jenseitige Tal hatten, war ich sehr froh.

Der Abstieg auf der Südseite war leichter, da es auf lehmigen Wänden hinabging, und nach einer Stunde waren wir im Tal und einen letzten einsamen Kegel umgehend, an einem Gehöft vorbei, im Dorf Paimatschwang. Die Leute waren auch hier wieder frech und zudringlich, es war keine Unterkunft zu erlangen, bis sich schließlich ein alter Mann unserer erbarmte und uns natürlich zu dem Gehöft führte, das wir gerade passiert hatten, so daß wir den letzten Teil des Weges umsonst gemacht hatten. Es gab kein Pferdefutter, die Tiere bekamen noch nicht reife, als Häcksel geschnittene Gerste. Hier wohnt ein hübscher Menschenschlag, der auffallend große dunkle Augen und dunkle Haare hat und gegenüber den Chinesen der Ebene sehr viel kräftiger aussieht. Beim Weitermarsch ging es in der Talsohle entlang, zusammen mit freundlichen Maultiertreibern, die uns führten, dann weiter über die südlichen Berge. Um 3½ Uhr passierten wir noch eine Paßhöhe und gewannen den Einblick in das wirklich imponierende etwa 1500 m hohe Wutai-Gebirge. Ein eisiger Wind pfiff uns entgegen, die Sonne war hinter Wolken verschwunden, und vor uns lag noch ein endloser Abstieg auf Serpentinen. Ich wollte eigentlich nach Schachoa, an der großen Straße nach Pautingfu, und bekam es allmählich mit der Angst zu tun, als immer noch kein Haus in Sicht kam. Gegen 4¾ Uhr passierten wir rechts einen Tempel, der genau wie ein Schweizerhäuschen aussah, eine halbe Stunde später fanden wir endlich im Tale eine Ansiedlung mit einem Gasthause, Cho-cho. Es war zwar alles etwas teuer, und außerdem war das Unterhandeln mit Schwierigkeiten verknüpft, da die Leute dieser abgelegenen Gebirgsgegend einen ganz merkwürdigen Dialekt sprechen; ich war aber froh, daß ich untergekommen war und bezahlte daher gern etwas mehr. Am Abend nahm ich zum Entsetzen der versammelten Dorfjugend ein Bad in dem eiskalten, an dem Gasthaus vorüberfließenden Bach.

Der 10. Oktober brachte uns morgens nach dem ungefähr 15 Kilometer entfernten Schachoa. Wir marschierten zwischen senkrechten, bis 150 Meter hohen Lehmwänden, in denen große Höhlen sind, die von den Bauern als Scheunen, zum Teil auch als Wohnungen benutzt werden. Das Wu tai-Gebirge war heute ganz in Wolken. Gegen 9½ Uhr waren wir in Schachoa, das inmitten von Bäumen hübsch gelegen ist. In einem der großen Gasthäuser bekamen wir alles, was wir haben wollten, und Sattler wie Schneider wurden in Nahrung gesetzt. Entsetzlich war die Neugierde der Menschen; sie bohrten sich mit nassen Fingern stets kleine Löcher in die Papierfenster, bis ich, rücksichtslos das Fenster durchstoßend, einen mit dem Stock mitten auf die Nase traf. Daraufhin erfolgte allgemeiner Rückzug auf zwanzig Schritte. Meine Ponies waren recht pflastermüde, aber da uns gerade ein von Wu tai kommender Lama erzählte, daß in einer Entfernung von ungefähr 20 Kilometer eine gute Herberge läge, beschloß ich trotzdem, weiter zu marschieren. Die ganze Stadt begleitete uns bis hinaus. Im schönsten Sonnenschein ging es durch die vielleicht sieben Kilometer breite, leicht gewellte Ebene, aus der dann das Gebirge schroff und ganz plötzlich aufsteigt. Alle Steine, die die Leute von den Feldern aufsammeln, werden auf die Wege geworfen, so daß sich diese in einem für die Pferdebeine wenig angenehmen Zustande befinden.

Ich konnte mich hier mit den Leuten überhaupt nicht verständigen, meinem Mafu gelang es auch nur mit großen Schwierigkeiten; er mußte alles erst ein- bis zweimal wiederholen. Ein lustiger Chinese, der scheinbar einen zu viel getrunken hatte, bot uns Schnaps an. Es scheint hier jeder sein Schnäpschen täglich zu nehmen, wenigstens versicherte es der Chinese. Wir trafen merkwürdig viele Leute mit weißen Trauerabzeichen; die Cholera soll hier im Volke ziemlich gehaust haben.

Gegen 4 Uhr waren wir in Tung-hsi-nien, einem einzelnen Gehöft, das einen recht verlodderten Eindruck machte. Neben dem Gehöft liegt ein schöner Besitz eines reichen Chinesen. Wir sollten im Kulischlafzimmer unterkommen, ich nahm aber lieber in der Kartoffelkammer Platz; jedoch auch hier erwischte mich das Ungeziefer. In der Gegend wird ein ganz leidlicher Hafer gebaut; das ganze Plätzchen ist wirklich idyllisch in dieser Felswüste gelegen.

Am nächsten Morgen, den 11. Oktober, gings ohne Frühstück weiter. Im Steingeröll liegen zuweilen kleine Felder, die unter unendlicher Mühe dem felsigen Boden abgerungen sein müssen; rings herum haben sie hohe Steinwälle. Zu beiden Seiten des Tales steigen fast senkrechte Wände Hunderte von Metern empor, im Grunde fließt ein Bach, den wir oft kreuzten. Ganz vereinzelt tauchten von weitem dürftig bewaldete Kuppen auf. Der Himmel bezog sich mehr und mehr, und da es anfing leicht zu regnen, zog ich es um 10½ Uhr vor, in der hübsch gelegenen Herberge von Sze-ping einzukehren. Wir hatten gerade den zehn Kilometer langen, hohen, beschwerlichen Paß vor uns. Bis auf unreif geschnittenen, unausgedroschenen Hafer gab es für die Pferde nichts zu fressen. Nach langem Parlamentieren bekam ich für uns etwas Mehl und sieben Eier, so daß der Mafu wenigstens Brot backen konnte. Den Pferden gab ich als Zusatz noch gestampfte Kartoffeln, die sie zwar nicht gern fraßen, aber schließlich doch nahmen. Der Erfolg war denn auch, daß sie am Abend unglaublich dicke Bäuche hatten.

Es regnete den ganzen Tag weiter, und dem Regen hatte ich es wohl zu verdanken, daß ich nicht weiter belästigt wurde. Das Dorf hatte sowieso nicht viele Einwohner, und diese mußten mich schließlich alle gesehen haben. Am Abend kam der Wirt und machte mich darauf aufmerksam, daß die Sze-pinger recht gerne stehlen und schon einmal in demselben Zimmer einen Reisenden, jedenfalls wohl keinen Europäer, ausgeplündert hätten. Ich sagte ihm, er möchte den lieben Mitbewohnern mitteilen, daß ich sofort schießen würde, sowie einer es wage, nachts durch Tür oder Fenster hereinzuklettern. Natürlich legte ich vorsichtshalber meine Mauserpistole neben mein Lager, hatte aber nicht nötig, irgendwie davon Gebrauch zu machen.

Am nächsten Morgen hatte der Regen aufgehört, mir fiel jedoch auf, daß die gesamte Maultiertreibergesellschaft, die, Stangenholz nach der Ebene bringend, mit uns in derselben Herberge übernachtet hatten, wohl die Packsättel aufgelegt, hatten, jedoch die Lasten noch im Hause unter Dach und Fach stehen ließen und gar keine Anstalt machten, aufzubrechen, obwohl sie sonst um diese Zeit längst unterwegs zu sein pflegten. Auf mein Befragen zeigten sie nordwärts auf den Himmel. Der Mafu erklärte mir bald, daß sie aus Furcht vor dem im Paß zu erwartenden Nebel nicht abzogen. Ich riskierte es, zu marschieren und geriet natürlich gerade mitten im Paß in den Nebel. Gott sei Dank ohne den Weg zu verfehlen. Wir mußten die Pferde führen, zumal die Straße sehr schlecht und kaum zu erkennen war, da der gestrige Regen alle Spuren fortgewischt hatte. Bei dem oftmaligen Kreuzen des heute ziemlich viel Wasser führenden Baches wurde man unten herum bald ganz naß, da die Steine, auf denen man sonst übergeht, unter Wasser waren. Die Berge sind nicht mehr so schroff, und man sieht öfter bewaldete Kuppen; an einigen Hängen war merkwürdig hoch hinauf Hafer angebaut, der jetzt noch nicht reif war. Nach zwei Stunden begann der Aufstieg zum Paß, nach einer ferneren Stunde kam es aus Norden wie eine dicke weiße Wand, und binnen fünf Minuten waren wir im undurchdringlichsten Nebel; wir konnten nicht mehr fünf Schritte weit sehen. Ich ging, die beiden Reittiere führend, voran, immer dicht vor mich hin auf den Weg sehend. Ein paar Mal waren wir doch von den sich von fünf zu fünf Metern folgenden Serpentinen abgekommen, fanden uns aber immer wieder zurecht; ein Absturz wäre wenig angenehm gewesen. Allmählich löste sich der Nebel in Regen auf, und als wir noch höher kamen, wurde Hagel und Schnee daraus. Gegen 11¼ Uhr hatten wir die Paßhöhe erreicht. Wir merkten es schon vorher, denn der Wind sprang nach Süden um, also mußten wir oben sein. Es herrschte eisige Kälte, aber von Zeit zu Zeit hatten wir kurze Durchblicke.

Ich machte kurze Rast und nahm mein karges Frühstück, aus einigen harten Eiern und Äpfeln bestehend, zu mir, dann gings an den Abstieg. Gegen 12 Uhr verzog sich der Nebel, und nach ganz kurzer Zeit schien die schönste Sonne. Vor uns lag das Wu tai schan-Tal. Von weitem sah man rote Tempelmauern und zwischen hohen Bäumen gelegene weiße Pagoden; näherkommend unterschieden wir viele auf Hügeln verstreute Tempelgruppen, die sich um einen Kessel, in dem die Stadt liegt, gruppierten. Auf einem vorspringenden Rücken lag eine lange Gruppe von Gebäuden mit gelben und blauen Porzellandächern und goldenen Knäufen, es war die Wohnung des Ta-lamas. An den Berghängen lagen unzählige große und kleine flaschenförmige Pagoden; es waren die Gräber der hier verstorbenen Mönche oder Pilger. Überall und überall entdeckten wir weitere Tempelgruppen, und schließlich sahen wir, daß alle das Tal umgebenden Höhen von Tempeln gekrönt waren, was ein ganz reizendes Bild bot.

Ein freundlicher Chinese führte uns zu dem Gasthaus, in dem die Leute sehr entgegenkommend waren; auch hier hielt man mich für einen Amerikaner. Wir bekamen alles, was wir wünschten; ein Schuster flickte meine infolge des vielen Watens durch die Bäche in Brüche gehenden Stiefel. Nach dem Essen ging ich in die Stadt. Über den das Tal durchströmenden Bach geht eine breite Brücke, links liegt ein ummauerter Hain mit Lamagräbern, weiterhin die Ställe der Priester, jedoch ohne Tiere. Es folgen rechts wiederum Tempel, die Anlage ist unregelmäßig; wahrscheinlich ist sie zu verschiedenen Zeiten entstanden. Die Wohnungen der Priester sind höchst schmutzig und verkommen, auch sieht man sehr viele Kranke, besonders scheint eine Augenkrankheit verbreitet zu sein. Sämtliche Straßen sind mit Steinen gepflastert. Ich trat in einen der Tempelhöfe, um mir die Anlage anzusehen. An sich ist sie regelmäßig, die Tempel im Innern wundervoll reich ausgestattet, auf der letzten Terrasse liegt ein über und über vergoldetes Tempelchen, ganz aus Metall erbaut. Ein uralter Priester öffnete es und zeigte uns stolz, wie tadellos sauber es überall darin war. Vor dem Tempelchen steht eine ganz vergoldete Pagode aus übereinander stehenden Kegeln. Ich hatte kein Geld bei mir, es wurde auch kein Trinkgeld gefordert, aber als ich nichts gab, laut hinter mir hergeschimpft. Es regnete wieder sehr viel. Am Abend nach der Rückkehr besuchten mich viele der Priester, beständig Gebete murmelnd und den in den Händen befindlichen Rosenkranz drehend.

Wutaischan ist einer der Hauptwallfahrtsorte der Mongolen; es wird zu jeder Jahreszeit von diesen besucht. Sie beklagen sich meist sehr darüber, daß sie von den Chinesen, deren Land sie zu passieren gezwungen sind, rücksichtslos ausgebeutet werden. Natürlich müssen sie in allen Herbergen Pferdefutter und womöglich noch fürs Tränken zahlen, was draußen in ihrer freien Steppe nichts kostet. Viele alte Leute nehmen ihre letzten Kräfte zusammen, um noch nach Wutaischan zu wandern, hier zu sterben und dann in der geheiligten Erde begraben zu werden. Andere vermachen ihr ganzes Vermögen den Tempeln, um dort leben zu können und so nach dem Tode einen höheren Grad von Glückseligkeit zu erlangen.

Am 13. Oktober morgens regnete es zur Abwechslung wieder einmal. Ich schickte meinen Mafu mit Visitenkarte und Paß zur Polizei, um bei dem Ta-lama einen Besuch machen zu können, mußte mich jedoch gedulden, da es den ganzen Vormittag regnete und schneite und außerdem der Polizeipräfekt ein Langschläfer zu sein schien, der mich ziemlich lange auf seine Karte warten ließ. Gegen drei Uhr nachmittags hörte es auf zu schneien; der Schnee war jedoch liegen geblieben und die Berge ringsum ganz weiß. Die Wolken fingen an zu treiben, und bisweilen hatte man schon Durchblicke. Ich machte mich sofort auf den Weg zu der vorher erwähnten, hochgelegenen Haupttempelgruppe, an deren Eingang ich gleich von einer ganzen Schar Lamas in Empfang genommen wurde. Bereitwilligst wurde mir alles geöffnet und gezeigt. Um alle Tempel herum standen Schiefertafeln mit dankender Erwähnung von Geld spendenden Gläubigen, meistens von Mongolen. Auch hier ist das Tempelinnere außerordentlich prunkvoll, und man sieht wundervolle alte Bronzen und Cloisonnées. Die Priesterwohnungen sind teils recht üppig, teils gleichen sie geradezu Schweineställen.

Schließlich wurde ich noch vom Ta-lama in seiner recht schönen Wohnung empfangen, jedoch Seine Herrlichkeit schien schlechter Laune zu sein, denn trotz meiner vorherigen Anmeldung durch Karte wurde mir nicht einmal Tee angeboten. Der Ta-lama war ein fetter kleiner Mann, in einem dick wattierten, gelben, gesteppten Anzug. Ich beschränkte meine Aufwartung auf nur wenige Minuten und ging dann weiter durch endlose, unendlich schmutzige Gänge, an denen die Lamas in jedem Alter wohnen. Auch Tempelschüler sah ich, die alle, im Gegensatz zu den Priestern, ein frisches und gesundes Aussehen hatten. In einer ziemlich hoch gelegenen Bergspalte wurde mir noch das nie schmelzende Eis gezeigt, das Wunder bewirken und jede Krankheit heilen soll.

Am 14. Oktober morgens hatten wir eine ganz infame Kälte, die Berge ringsum waren mit Schnee bedeckt und unten alles fest gefroren. Ich bezahlte meine recht hohe Rechnung und marschierte durch die Stadt ab. Auch weiterhin liegen an den Hängen überall Tempel und Grabsteinpagoden. Der Anstieg zum Tse-ko-ling-Paß ist sehr steil, und da das Packtier infolge des Glatteises mehrfach versagte, wurde ein mehrmaliger Halt notwendig. Bald waren wir im Schnee und erreichten gegen 11½ Uhr die Paßhöhe, auf der eine hohe Pagode erbaut ist. Auch der Abstieg war sehr steil, und recht allmählich erreichten wir ein steiniges Flußtal, in dessen Grunde ein infolge des Regens ziemlich wasserreicher Bach floß. Wir passierten wenige kleine Dörfer. Bewunderungswürdig ist es, mit welcher Geduld jedes Fleckchen Erde bis hoch hinauf ausgenutzt ist. Die Felsen traten immer näher zusammen und der Weg wurde immer schlechter. Schließlich marschierten wir eigentlich ununterbrochen im Bache. Bei einer besonders schlechten Passage sprang mir mein Pony aufs rechte Bein und trat mir den Absatz herunter. Ich mußte ihn abschneiden, was für das Fortkommen recht störend war. Die Sonne war hinter den hohen Bergen längst verschwunden und vergoldete nur noch die schneebedeckten hohen Kuppen, und noch immer war das ersehnte Yie-tou nicht in Sicht. Wir marschierten so schnell wir konnten, ohne Rücksicht auf Bach und Steine, so daß wir bald bis über die Knie durchnäßt waren; bald trat die Dämmerung ein, und der Vollmond leuchtete uns auf unserm ferneren Wege. Endlich gegen 6 Uhr waren wir an einer Talverbreiterung angelangt und hatten vor uns Yie-tou, das im Mondschein ein entzückendes Bild bot. Die ganze Nacht über war ein ewiges Kommen und Gehen von Maultieren und Eseltreibern mit ihren schellenbehangenen Schutzbefohlenen.

Am 15. Oktober gings weiter nach Nankau, das das breite Quertal abschließt. Ich mußte dorthin, um meine Stiefel reparieren zu lassen, und, o Schreck, wir konstatierten bei dieser Gelegenheit, daß wir uns stark vermarschiert hatten und statt am Westrande am Nordrande des Wu tai schan, östlich von Taitschau, angelangt waren. Wir waren also hinter Wutaischan über den falschen Paß gegangen. Zu ändern war das natürlich nicht mehr, ich konnte nur feststellen, daß die Karte wieder einmal falsch gezeichnet war.

Am 16. Oktober marschierten wir auf dem alten Wege nach Yie-tou zurück und bogen von dort in ein anderes Quertal ab. Wir passierten einen Paß, dessen letzter Anstieg sehr steil mit Felssteinen gepflastert ist; die Krönung des Passes ist ein Tempel, durch den man mitten hindurchreitet. Der Abstieg ist ebenso wie der Aufstieg. Ein Pony verlor sein Eisen, so daß wir ihn nur noch führen konnten, da er stark lahmte. Wieder zogen wir von Dorf zu Dorf, ohne ein Gasthaus finden zu können; endlich kamen wir gegen Abend in Jin-tsia-pu, einem kleinen Neste, bei einem alten Mann unter. Die Leute sind hier ganz unglaublich neugierig; trotz mehrfachen Hinausbringens der ganzen Gesellschaft war binnen kürzester Zeit das ganze Zimmer wieder voll. Es schleicht sich immer einer nach dem andern herein und baut sich auf, um mich mit möglichstem Stumpfsinn anzustarren; jede Bewegung wird beobachtet und bekrittelt und alles befühlt. Vorgestern sollen übrigens drei deutsche Offiziere auf dem Wegs nach Wutaischan hier durchgekommen sein. Am 17., als ich mich gerade erheben wollte, fand ich schon wieder den ganzen Hof voller Neugieriger. In Ermanglung von etwas anderm goß ich mit meinem Waschwasser um mich, was unbedingt zur Abkühlung der Neugierigen beitrug, denn wenigstens für die Zeit des Anziehens hatte ich die Gesellschaft in respektvoller Entfernung. Nachher gab es ein großes Theater, als der Gasthausbesitzer kein Silber wechseln wollte; er spekulierte jedenfalls auf das gezeigte Zweitaelstück. Als ich dieses jedoch ruhig einsteckte und Miene machte, ohne Bezahlung abzuziehen, war sofort kleines Geld da.

Nach Passieren weiterer drei Dörfer fanden wir endlich einen Schmied, der den lahmen Pony, der bisher stets deutsche Eisen getragen hatte, nun auf chinesische Art beschlug. Nach chinesischer Sitte schlug er ihm vorn die Zehe ab, außerdem schien er ihn vernagelt zu haben, denn das Tier ging schließlich noch lahmer als es schon vorher gewesen war. Der alte Meister beschlug es nun noch einmal selbst und behauptete, die Lahmheit würde sich nach kurzer Zeit verlieren. Er behielt Recht, denn nach weiteren drei Kilometern war tatsächlich die Lahmheit weg.

Nach 2½ stündigem Marsch über mehrere Gebirgsketten kamen wir in Wutai Hsien an, das einen merkwürdig sauberen Eindruck machte. Hier wollte uns wieder mal kein Gasthaus aufnehmen, bis schließlich ein Mann uns half, der die vor zwei Tagen hier weilenden deutschen Offiziere gesehen hatte und dem Gastwirt versicherte, daß die Deutschen anständige Menschen wären. Am Abend würdigte mich ein Pekinger Kaufmann der Ehre, mich anpumpen zu wollen, jedoch mit krassem Mißerfolg.

Am 18. Oktober ging es weiter durch fruchtbare Täler über mehrere Pässe nach Tung-ye-tschönn. Wir kreuzten den ungefähr hundert Meter breiten, ganz flachen Hu-to-ho, der zur Bewässerung in unzählige kleine Rinnen abgeleitet wird. Es ging noch über einen letzten Paß, und die ersten Karren zeigten uns an, daß die Ebene vor uns lag. Die Tragetiere mit ihren buntbeputzten Trensen und Halftern verschwanden, ebenso die Steinhäuser, und bald hatten wir den Anblick der üblichen schmierigen Nester mit ihren Lehmbuden. Auch hier war überall die Menge sehr neugierig und nur durch energisches Gießen mit Wasser vom Leibe zu halten. In den Feldern standen merkwürdig viele Peifangs (Grabsteine); sie haben alle dieselbe Form: ein hohes Rechteck mit am Kopf gegeneinander gewandten Drachen mit offenen Rachen. Ich schoß auf 110 Schritte einen großen Bussard. Gegen 5 Uhr waren wir in Tinghsiang, wo die auf der Karte verzeichnete christliche Mission nicht vorhanden ist.

Am nächsten Morgen hatten wir beim Aufstehen ganz dicken Nebel, aber trotzdem marschierte ich gegen 8 Uhr ab, die Richtung nach dem Kompaß nehmend. Wir sahen in den Feldern sehr viele Wildgänse, an die man im Nebel auf ganz kurze Distanz herankam, wobei ich einmal eine schoß. Gegen 11 Uhr verschwand der Nebel, und wir stellten fest, daß wir auf dem richtigen Wege waren. Bald lag Hsintschau vor uns. Wir mußten durch die ganze Stadt hindurch, in deren Hauptstraße eine ganze Menge Verbrecher im Holzkragen, mit Halsring und mit vier Meter langer, schwerer, eiserner Kette auffiel. Es war Markttag und die Straßen sehr belebt; das Volk nahm jedoch kaum Notiz von mir, und nur einige Straßenjungen liefen hinter uns her. Ich ritt zur Mission, in der ich jedoch nur einen chinesischen Pater antraf. Nach zweistündiger Ruhepause gings auf dem breiten, sehr zerfahrenen Hauptwege nach Taiyuanfu weiter. Wir blieben in Ma Hweitschönn über Nacht, dessen Gasthäuser mit einer Schwadron belegt waren, die auf die Ankunft der Frau des Hsintschauer Taotais wartete, um sie in Empfang zu nehmen und weiter nach Hsintschau zu eskortieren. Die hohe Dame hatte einen Ausflug nach Taiyuanfu gemacht; am Abend brachte ein reitender Bote jedoch die Nachricht, daß in Taiyuanfu schwerer Regen gefallen sei und die Taitai nicht komme.

Mein Pony war leider wieder sehr lahm und am nächsten Morgen, dem 20. Oktober, immer noch nicht besser, so daß ich ihm die Eisen abnehmen ließ, was wenigstens momentan Besserung schaffte. Die Leute im Gasthaus hatten mir versichert, daß der Weg sandig wäre, natürlich fiel ich herein, denn nach kurzer Zeit wurde er ganz steinig und schließlich gings über Felsboden. Gegen Mittag passierten wir die Taitai des Mandarins in Begleitung einiger weniger Soldaten; sie mußte nun ohne ihre Ehreneskorte in Hsintschau einziehen. Wir mußten den ganzen Weg die recht müden Ponies führen und noch mehrfach Pausen einlegen, da mein "Franz" über und über schwitzte. Allmählich gings wieder in tief eingeschnittene Lehmschluchten; das Gelände wurde sonst flacher, die Berge traten mehr und mehr zurück. Am Abend kamen wir in Hwangtuschei ganz gut unter.

Gedenkstein der 1900 ermordeten Missionare

Am 21. Oktober ging es ganz früh weiter. "Franz" war etwas besser, er lahmte zwar noch, aber nicht mehr so schlimm wie gestern. Die Straße wurde immer ausgefahrener, der Verkehr stärker, man merkte, daß man sich der Hauptstadt näherte. Dorf reihte sich in kurzen Zwischenräumen an Dorf, sehr viele Wohnungen waren direkt in die hohen Lehmwände hineingebaut. Viele dieser sogenannten Wohnungen waren infolge des schweren Regens eingestürzt, andere verlassen, man sah recht viel Elend und viele Bettler an der Straße. Gegen drei Uhr nachmittags kam eine hohe Pagode und bald darauf die Stadtmauer von Taiyuanfu in Sicht. Man hörte den langen Pfiff einer Dampfpfeife, die die Leute zur Arbeit rief, es mußte also eine Fabrik hier sein. Wir ritten in die Stadt; gleich am Tore fragte uns ein Polizist in bescheidener Weise nach Namen und Nation. Die Einwohner schienen hier an die Fremden gewöhnt zu sein, denn sie kümmerten sich eigentlich gar nicht um uns. In der Stadt war verhältnismäßig wenig Leben, jedoch scheint starke Garnison darin zu liegen, und ganz wie bei uns in Deutschland hörte man die Hornisten Signale üben. Mitten in der Stadt am Futai-Yamen kamen wir an einer steinernen Erinnerungstafel vorbei, auf der 26 Namen von den im Jahre 1900 hingemordeten Missionaren verzeichnet sind. Die Stadt ist durch eine hohe Mauer mit Toren in eine nördliche und eine südliche Hälfte geschieden. Wir kamen am mittleren Tor in einer großen Herberge unter und hatten bald alles, was wir brauchten. Nebenan war der Yamen, und sobald ein Mandarin kam oder ging, wurden am Tore drei Kanonenschläge gelöst. Da das Geschieße den ganzen Nachmittag ging, müssen hier wohl sehr viele Mandarinen sein.

Taiyuanfu. — Beim Barbier

Den 22. Oktober benutzte ich, um Stiefel und Kleider flicken zu lassen; dann sah ich mir zu Fuß die Stadt an und entdeckte sogar einen Uhrmacher, der meine zerbrochene Uhr reparieren wollte; als Lohn sollte ich ihm eins meiner Reittiere borgen, er wollte damit einen Ausflug in die Berge machen, eine Idee, die mir weniger zusagte. Nachmittags ließ ich mich zur chinesischen Post führen, wo mir ein gut Englisch sprechender Chinese meinen Einschreibebrief nach Deutschland abnahm. Dann gings weiter zu einer Mission, in der ich jedoch keinen Europäer fand. Ein kleiner Junge führte mich weiter; unterwegs traf ich eine Europäerin, der ich mich in der Annahme vorstellte, eine Missionarin vor mir zu haben. Sie führte mich in einen schönen großen Yamen, in dessen einem, europäisch eingerichteten Raum mich eine Engländerin sehr liebenswürdig bewillkommnete und mich zu einer Tasse Tee einlud. Ich glaubte immer noch, bei Missionaren zu sein; bald kamen einige Herren dazu, darunter ein Deutsch sprechender Schwede, ein Herr Nieström, und es stellte sich heraus, daß ich bei den Professoren der hiesigen chinesischen Universität war, von deren Existenz ich keine Ahnung hatte. Ich wurde festgehalten und mußte versprechen, umzuquartieren. Infolgedessen ritt ich zurück, packte meine Sachen in eine Karre und fuhr wieder zum Yamen der Europäer, wo man mir zwei sehr hübsche Zimmer anwies, in dessen einem sogar ein Bett stand, mir ein lang entbehrter Anblick. Ich glaube, daß ich dieses nur der außerordentlichen Liebenswürdigkeit eines der Herren verdankte. Später wurde ich herumgeführt und es wurden mir die Empfangs- und Schulräume gezeigt. Das europäische Essen tat meinem etwas strapazierten Magen sehr wohl.

Tempel in Taiyanfu zum Gedächtnis der 1900 ermordeten Missionare erbaut an der Stelle, wo sie hingerichtet wurden.
Herr und Frau Duncan und Herr Swallow von der Schansi-Universität in Taiyuanfu.

Am 23. Oktober ritten wir gemeinsam aus, um uns die Stadt anzusehen. In der Hauptstraße marschierte viel Militär; es war heute die Feier des Herbstanfanges. Um 11 Uhr begann die große Prozession. Zuerst kam viel Infanterie mit noch mehr Fahnen; die Offiziere waren sauber und gut angezogen, rauchten jedoch im Glied Zigaretten; dann kam die rot bekleidete Leibwache des Taotai sogar mit Musik, allerdings übler Sorte. Es folgten sehr viele Mandarinen, von denen ich bis gegen sechzig zählte. In offenen Sänften wurden eigentümliche Rüstungen getragen, wieder kamen viele Fahnen, Ehrenschirme, Gongschläger, Trompetenbläser usw. Wir ritten weiter; ich entdeckte in der Stadt einen großen Bazar mit europäischem Kleinkram, meist "made in Germany". Nach dem Frühstück ritten wir nach den Militärlagern im Südwesten der Stadt, wo die Soldaten selbst neue Kasernements bauen. Hier benimmt sich alles auffallend anständig gegen den Europäer; jeder einzelne Soldat erweist ihm den Gruß. Sie haben keine europäischen Instrukteure, jedoch einen Chinesen, der früher in Wutshang von den Deutschen gedrillt ist. Wir ritten noch zu zwei hohen Pagoden, mit schöner Aussicht, dann zurück zum Neubau der Universität, zum Rathaus der Kaiserin-Witwe und zur niedergebrannten alten Mission; dann verweilten wir kurze Zeit bei amerikanischen Missionaren und schließlich hatte ich den ungewohnten Anblick, chinesische Studenten Fußball spielen zu sehen.

Interessant war mir am Abend, mit Herrn Duncan über unsere Unternehmung gegen die Schansi-Pässe zu sprechen. Er zollte der deutschen Unternehmung auf die Pässe und der Erstürmung derselben hohes Lob. Die Chinesen hatten diese Pässe für absolut uneinnehmbar gehalten und sind daher, nachdem man sie praktisch vom Gegenteil überzeugt hat, jetzt in Schansi viel willfähriger. Er meinte, falls diese Pässe nicht genommen worden wären, würde in Schansi jetzt nichts für die Fremden getan werden, sondern im Gegenteil, man würde ihnen die Aufnahme gänzlich verweigern.

Die liebenswürdige Frau Duncan packte mir am 24. früh noch Gott weiß was ein, dann ritt ich ab in Begleitung von zwei der jüngeren Herren der Universität. Die Dörfer am großen Wege waren alle ganz leer, die Einwohner waren fast sämtlich an der Cholera gestorben oder vor ihr geflohen. Der Verkehr war ziemlich lebhaft, und man sah hauptsächlich die von zwei Maultieren getragenen Gebirgs-Sänften. Am Abend waren wir in Schetienyi; unterwegs hatte mein lahmer Pony wieder ein Eisen verloren und war noch lahmer als vorher. Im Orte fand sich ein Schmied, der behauptete, Roßarzt zu sein und ganz besondere Eisen machen zu können. Ich traute dem Frieden zwar nicht, ließ ihn aber doch machen; er wollte die Eisen am nächsten Morgen bringen und dem lahmen Pony aufschlagen. Am 25. Oktober morgens kam denn richtig der Schmied und schlug Franz die neuen Eisen auf, mit denen er allerdings viel besser laufen konnte als bisher. Ich muß zugeben, daß der Mann in seiner Art ganz geschickt verfuhr; im übrigen war es der erste chinesische Schmied, der die Tiere nicht nach Schema F behandelte. Leider brach unterwegs ein Eisen entzwei, so daß ich am Abend ganz genau so dasaß wie am Tage vorher. Es geht hier durch hohe Lößberge; Mittagsrast machten wir in Tai-ngan-yi, wo gerade sehr lebhafter Gemüsemarkt war. Es kümmerte sich kein Mensch um uns in den Straßen, so daß das Durchkommen sehr erschwert wurde. Abends gelangten wir noch bis Cho-mönn, dicht vor Schauyang.

Die Gasthäuser waren noch nicht sehr voll, füllten sich aber im Laufe des Abends derartig, daß mehrfach nach Unterkunft suchende Leute ins Zimmer guckten; zuletzt war alles dicht besetzt. Ein Blick in die Küche belehrte mich, daß Fritz — mein Mafu — zwei Etagen hoch von neugierigen Menschen belagert war. Maultiere fraßen bei meinen Ponies aus den Krippen mit; den Treibern gefiel jedenfalls mein gutes Futter recht gut. Ich mußte mir das erst sehr energisch verbitten.

Man konnte hier so recht das Leben und Treiben der großen Verkehrsstraße beobachten, da im Laufe des Abends mehrere Reisende von Rang eintrafen. Zuerst kamen einige Bediente, die vorausgeritten waren; sie besahen die Zimmer, wählten eins aus, ließen die Löcher in den Fenstern frisch verkleben und den Kang heizen. Später kamen dann die Karren und Sänften unter entsetzlichem Geschrei und Peitschengeknalle der Treiber in den Hof gefahren und machten vor den betreffenden Zimmern Kehrt; es wurden Böcke unter die Deichseln geschoben und die Zugtiere aus dem Geschirr herausgenommen, letzteres verblieb an den Wagen. Den Tieren wurden die wie eine Mettwurst aussehenden Unterkumte abgenommen, sie wälzten sich dann im größten Schmutz. Ob dies ein Vorbeugungsmittel gegen Erkältung ist oder eine Art Massage, ist mir nicht recht klar geworden; jedenfalls ließ sich bei dieser Gelegenheit feststellen, daß eigentlich alle stark durchgezogen waren, und zwar so, daß handgroße Stücke Fleisch zu sehen waren. Die Tiere wurden dann mit geschnittenem Stroh und Kleie abgefuttert, und zwar werden sie zu diesem Zweck nicht angebunden. Am Abend fangen sie dann an herumzuwandern und stören natürlich über Nacht mit europäischen Nerven begabte Reisende im Schlaf. Unterdessen erhebt die Herrschaft ein fürchterliches Geschrei nach dem Schanguida, dem Geschäftsführer des Gasthauses. Bald schreit einer hier, bald schreit einer dort, der arme Kerl läuft den ganzen Abend herum, sei es mit heißem Wasser für den Tee, sei es, um die elenden Oellampen anzustecken, oder um Oel auf die Lampen zu gießen, oder um Essen zu kochen. Manchmal wandert der Schmied herum, sich mit seinen eigentümlich klingenden Tönen anmeldend. Verkäufer von Obst und Backwerk rufen ihre mehr oder weniger wohlschmeckenden Sachen aus. Um 9 Uhr schließlich tritt meist Ruhe ein. Alles futtert; die Treiber schnarchen auf dem allgemeinen Kang, man hört nur noch das Geklingel der Maultierglocken, oder ab und zu beißen sich zwei fremden Parteien angehörende Tiere um das Futter, bis um 2 Uhr nachts der Krach von neuem losgeht, wenn die ersten wieder weitermarschieren.

Am 26. Oktober passierten wir Schauyang, wo ich das Unglückstier Franz wieder einmal beschlagen lassen mußte. Schauyang ist eine Stadt mit Kavallerie-Garnison; hinter der Stadt fing der steinige Weg von neuem an. Ich schloß mit dem Polizeioffizier des Bezirkes Freundschaft, indem ich nämlich einen Pony, der ihm weggelaufen war, wieder einfing. Er wollte mir sofort Kavalleristen zur Begleitung mitgeben, was ich jedoch dankend ablehnte. Im Gespräch erzählte er mir, daß am Abend vorher ein Leopard mehrere Schafe aus einer Herde gerissen hatte. Ich nahm mir vor, morgen früh zu sehen, ob ihm vielleicht beizukommen sei; leider hatte ich zu wenig Zeit, um mehrere Tage für die Jagd auf das scheue Tier zu verwenden. Die Wege wurden immer schlechter, der Verkehr immer stärker, und da ich wegen Unterkunft Sorge bekam, schickte ich den Mafu so schnell wie möglich voraus, um ein Zimmer für uns zu besorgen. Ich hatte recht, denn wir erhielten gerade noch im letzten Gasthaus ein kleines Zimmerchen. Noch am Abend versuchte ich, im Ort Leute zu finden, die mich auf den Leoparden bringen sollten; aber, wie stets, konnte keiner Auskunft geben. Am 27. Oktober morgens, schon ganz früh, setzte ich mich mit dem Hirten der Herde, die der Leopard angegriffen hatte, in Verbindung, jedoch auch dieser hatte keine Ahnung über den Verbleib des Tieres, so daß ich lieber weitermarschierte, da die Zeit drängte.