Dreihundertjährige Jubelfeier der Reformation. Begründung der Evangelischen Union durch König Friedrich Wilhelm III. von Preußen. Das von deutschen Studenten am 18. Okt. veranstaltete Wartburgfest erregt Befürchtungen wegen »demagogischer Umtriebe« gegen die deutsche Bundesverfassung und die Souveränität der Bundesfürsten.
Kongreß zu Aachen. Die Großmächte beschließen, die Besatzungstruppen aus Frankreich zurückzuziehen.
Verfassungen (mit Volksvertretung in zwei Kammern, vgl. S. 339) werden 1818 in Sachsen-Weimar, Bayern und Baden, 1819 in Württemberg, 1820 in Hessen-Darmstadt eingeführt; in Preußen 1823 nur Provinzialstände.
Der russische Staatsrat Kotzebue, der regelmäßige Berichte über die nationalen Bestrebungen in Deutschland an seine Regierung sandte, von dem Studenten Sand aus politischen Gründen in Mannheim ermordet. Ministerkongreß in Karlsbad. Auf Antrag des österreichischen Ministers Metternich wird Zensur für Bücher und Zeitungen, Verbot des Turnens, Beaufsichtigung der Universitäten, Verbot der 1815 in Jena gestifteten deutschen Burschenschaft beschlossen und vom Bundestag in Frankfurt genehmigt. Die Bundesversammlung in Frankfurt wird für die oberste Gesetzgebung in Deutschland erklärt. Zentral-Untersuchungskommission in Mainz eingesetzt, um die Bundesbeschlüsse gegen widerstrebende Bevölkerungen und Regierungen durchzusetzen.
Wiener Schlußakte (s. S. 340) gegen die landständischen Verfassungen gerichtet, zur Sicherung der Souveränität der deutschen Bundesfürsten.
In Spanien Erhebung der Liberalen für die aufgehobene Verfassung von 1812, welche wiederhergestellt wird (S. 339).
Kongreß zu Troppau}
Kongreß zu Laibach} wegen der aufständischen Bewegungen in Neapel und Piemont, wo die Verfassung und alle französischen Einrichtungen nach der Rückkehr der Herrscher wieder aufgehoben worden waren, österreichische Truppen rücken in Neapel und in das Königreich Sardinien ein zur Wiederherstellung des unumschränkten Königtums. Viktor Emanuel von Sardinien dankt ab zu Gunsten seines Bruders Karl Felix.
Kongreß zu Verona wegen der spanischen und griechischen Unruhen (S. 346f.).
Französische Truppen (95000 Mann) rücken in Spanien ein, dringen unter dem Neffen Ludwigs XVIII., Herzog von Angoulême, bis Cadiz vor (31. Aug., der Trocadero erstürmt, eine befestigte Landzunge in der Bai von Cadiz) und befreien den dort gefangen gehaltenen König Ferdinand VII. Absolutismus wiederhergestellt. Grausame Reaktion, zahlreiche Hinrichtungen.
Befreiungskrieg der spanischen Kolonien in Amerika.
Der Beginn des Kampfes gehemmt durch das Erdbeben von Caracas 1812; 1813 zieht Bolivar als Befreier in Caracas ein, muß dann vor den Spaniern nach Neu-Granada entweichen, wird 1819 zum Präsidenten der Bundesrepublik Colombia erwählt, befreit 1822 Quito, 1823–1824 Peru. Chile erklärt sich 1816, Argentina 1817 unabhängig, später auch Paraguay und Uruguay. In Mexiko tritt 1821 Iturbide als Kaiser Augustin I. auf, 1823 wird das Land Bundesrepublik, ebenso die 5 Staaten von Mittel-Amerika. England (Lord Canning leitender Minister Georgs IV.) erkennt zuerst die neuen Freistaaten an und schließt mit ihnen Handelsverträge. Die Vereinigten Staaten von Amerika (Präsident Monroe) erlassen 1823 die Erklärung, keine Einmischung Europas in die politische Gestaltung Amerikas dulden zu wollen (Monroe-Doktrin). Colombia teilt sich 1830 (Bolivar †) in die drei Republiken Neu-Granada (1861 wieder Colombia genannt), Venezuela, Ecuador.
Brasilien, bisher portugiesische Kolonie, wird 1822 unabhängiges Kaisertum unter Dom Pedro I., dem Sohne Johanns VI., letzterer kehrt nach Portugal zurück (vgl. S. 327). Sein jüngerer Sohn Dom Miguel erregt Unruhen in Portugal, um die Cortes zu beseitigen, herrscht nach dem Tode des Vaters (1826) gewalttätig und grausam, wird 1834 von Dom Pedro I. vertrieben. Dieser überläßt die Regierung Brasiliens seinem Sohne Pedro II., in Portugal setzt er seine Tochter Maria da Gloria ein, deren Gemahl Ferdinand von Sachsen-Koburg wird (S. 352). Verfassung vom Jahre 1826, abgeändert 1838.
Griechischer Befreiungskrieg, vorbereitet durch die Hetärie einen 1814 von griechischen Kaufleuten in Odessa gestifteten Geheimbund zur Befreiung der Griechen von der türkischen Herrschaft. Fürst Alexander Ypsilanti (russischer General und Adjutant Kaiser Alexanders I.) an der Spitze eines Griechenaufstandes in der Moldau und Walachei (März-Juni 1821), wird geschlagen, rettet sich nach Österreich, wird 6 Jahre in Munkacz und Theresienstadt gefangen gehalten, † in Wien 1828.
Aufstand in Morea (Mainoten) und auf den Inseln. Wüten der Türken gegen die Griechen in Konstantinopel. Der Patriarch Gregorios aufgeknüpft.
Blutbad auf der Insel Chios, die Türken ermorden über 20000 Griechen. Kanaris verbrennt einen Teil der türkischen Flotte an der Küste von Chios. Der tapfere Widerstand der Griechen (Miaulis aus Hydra. Marcus Bozzaris u. a.) erregt überall Teilnahme. Freiwillige (Philhellenen) eilen aus Deutschland, Italien, Frankreich herbei; der englische Dichter Lord Byron landet mit zwei Schiffen bei der bedrohten Festung Missolunghi (1824); der Genfer Bankier Eynard organisiert die Hilfsvereine. Wilhelm Müllers Griechenlieder.
Mehemed Ali, Pascha von Ägypten, sendet dem Sultan Mahmud II. seinen Sohn Ibrahim zu Hilfe, welcher in Morea grausam wütet. Aussicht auf russische Hilfe für die Griechen erst nach dem Tode des kinderlosen Alexander I. (1. Dez.). Ihm folgt sein Bruder als
Nikolaus I., Kaiser von Rußland, nach Verzichtleistung des älteren Bruders Konstantin (S. 295).
Die Türken erobern die heldenmütig verteidigte Festung Missolunghi.
England, Rußland und Frankreich schließen auf Betreiben des englischen Ministers George Canning ein Bündnis zum Schutze der Griechen.
Aufstand der Janitscharen in Konstantinopel; sie werden auf Befehl des Sultans teils getötet, teils nach Asien abgeführt.
Schlacht bei Navarin.
Die türkische Flotte wird von der englischen, französischen und russischen zerstört (»untoward event«). Französische Truppen landen in Morea, Ibrahim zum Abzug genötigt.
Russische Truppen besetzen 1828 die Donaufürstentümer, General Diebitsch überschreitet 1829 den Balkan und besetzt Adrianopel, während in Asien General Paskjewitsch Kars und Erzerum erobert.
Im Frieden zu Adrianopel 1829 erhält Rußland die Inseln vor der Donaumündung, in Asien das Gebiet von Achalzik südlich vom Kaukasus. Den Donaufürstentümern Serbien, Moldau, Walachei wird das Recht, christliche Statthalter (Hospodare) unter türkischer Oberhoheit zu wählen, bestätigt. Die Türkei erkennt im voraus die Beschlüsse der Londoner Konferenz an, welche 1830 die Unabhängigkeit Griechenlands aussprechen.
Graf Capodistrias (1814–22 russischer Minister) führt vorläufig als Präsident die Verwaltung; er wird 1831 in Nauplĭa, dem Sitz der Regierung, ermordet. Darauf erheben die Schutzmächte (England, Rußland, Frankreich) zum König von Griechenland den Sohn König Ludwigs I. von Bayern, Otto I., welcher 1832–1862 regiert, dann durch einen Aufstand vertrieben wird († 1867). Athen erhebt sich als Residenzstadt zu neuer Bedeutung.
Rußland beginnt, nachdem 1795 Derbent (S. 278) abermals besetzt, 1801 Georgien (S. 297) zur Provinz gemacht, 1813 die Südwestküste des Kaspischen Meeres mit Baku, 1827 Eriwan den Persern entrissen ist, langwierige Kämpfe zur Unterwerfung der Kaukasusvölker.
In England, wo 1820–1830 Georg IV. regiert, unter dem Ministerium des Herzogs von Wellington nach Aufhebung der Testakte (S. 270) Emanzipation der Katholiken, d. h. Zulassung derselben zum Parlament und zu Staatsämtern. Nach lebhaften Verhandlungen folgt 1832 unter König Wilhelm IV. (1830–1837) die Parlamentsreform; 56 kleine Orte verlieren das Wahlrecht, eine Anzahl von Grafschaften und größeren Städten wählt dafür fortan mehr Vertreter ins Unterhaus.
Abermals geht von Frankreich eine Erschütterung der europäischen Verhältnisse aus, die jedoch leichter überwunden wird als die frühere. König Karl X. (1824–1830, Bruder Ludwigs XVI. und XVIII., früher Graf von Artois, s. S. 307) regiert wie sein Bruder, der Talleyrand entlassen, den Marschall Ney zum Tode und alle Mitglieder der Familie Bonaparte nebst den »Königsmördern« zur Verbannung verurteilt hatte, und erregt durch sein Streben nach Herstellung des unbeschränkten Königtums wachsende Mißstimmung, die auch durch einen Erfolg der auswärtigen Politik, die Eroberung des Seeräuberstaates Algier (Juni und Juli 1830) nicht vermindert wird.
Pariser Julirevolution. Durch das ultraroyalistische Ministerium Polignac wird der König am 25. Juli 1830 zur Unterzeichnung von 5 Ordonnanzen (Verfügungen) bewogen, welche 1. die letzten oppositionellen Kammerwahlen für ungültig erklären, 2. das Wahlgesetz zu einem Privilegium der reichsten Grundbesitzer machen (262 Abgeordnete statt der früheren 430) und 3. die Preßfreiheit aufheben. Diese Verletzung der Verfassung erregt einen Aufstand in Paris. Nach dreitägigem Straßenkampf (27.–29. Juli) ziehen die Truppen sich zurück. Karl X. dankt ab zu Gunsten seines Enkels, des 1820 geborenen Herzogs Heinrich von Bordeaux, Graf von Chambord, dessen Vater, der Herzog von Berry, 1820 (Febr.) ermordet worden war; aber durch Beschluß der Pairs und Deputierten wird auf den Thron erhoben der Sohn Philipp Egalités, Herzog Ludwig Philipp von Orléans aus der jüngeren Linie des Hauses Bourbon (s. S. 349) als
Ludwig Philipp I., König der Franzosen.
Belgischer Aufstand. Das vom Wiener Kongreß geschaffene Königreich der Niederlande hat keinen Bestand; die Belgier, durch Sprache, Konfession und Beschäftigung verschieden, fühlen sich unter der holländischen Regierung zurückgesetzt und hoffen auf Frankreichs Hilfe.
Aufstand in Brüssel, bald auch im ganzen Lande. Prinz Friedrich, der zweite Sohn König Wilhelms I., wird gezwungen, mit den holländischen Truppen Brüssel zu verlassen; General Chassé behauptet die Citadelle von Antwerpen, indem er die Stadt beschießen läßt. 18. Nov. Unabhängigkeitserklärung des belgischen Nationalkongresses. Provisorische Regierung.
Die Londoner Konferenz der Großmächte (Lord Palmerston englischer Minister) bewirkt Einstellung der Feindseligkeiten und erkennt den neuen Staat an (Jan. 1831), der sich eine freisinnige monarchische Verfassung gibt. Nachdem Ludwig Philipp die auf seinen zweiten Sohn gefallene Königswahl abgelehnt hat, wird zum König der Belgier gewählt
Leopold I. von Sachsen-Koburg (S. 352), der sich mit einer Tochter Ludwig Philipps vermählt. Fortgang des Kampfes mit Holland bis 1833. Einmarsch eines französischen Heeres. Belagerung und Einnahme der Citadelle von Antwerpen. Friede 1839.
In Deutschland wird 1830 Herzog Karl von Braunschweig vertrieben († 1873 in Genf); sein Bruder Wilhelm übernimmt nach einem Beschluß des Bundestages die Regierung. Unruhen in Sachsen und Kurhessen; in beiden Ländern wird 1831 eine neue Verfassung verkündet, in Hannover 1833.
Polnischer Aufstand. Erhebung in Warschau (1830, 29. Nov.). Ein Mordversuch gegen den Großfürsten Konstantin, Bruder des Kaisers Nikolaus (S. 347), mißlingt. Provisorische Regierung mit Fürst Adam Czartoryski an der Spitze. Kaiser Nikolaus durch den Reichstag abgesetzt (1831, Jan.). Ein russisches Heer von 118000 Mann unter General Diebitsch dringt in Polen ein; blutige Gefechte bei Grochow (19.–25. Febr. 1831), wo die Polen der russischen Übermacht lange Widerstand leisten, sich aber doch zuletzt auf Praga zurückziehen müssen. Der Aufstand verbreitet sich über Litauen und Podolien. Diebitsch siegt in der Schlacht bei Ostrolenka (26. Mai), stirbt aber bald darauf an der Cholera. Uneinigkeit der Polen, Bluttat der demokratischen Partei in Warschau. Dadurch wird dem neuen russischen Oberfeldherrn Paskjewitsch das Vordringen erleichtert, er erobert Warschau (Sept. 1831). Bald wird der Aufstand im ganzen Lande unterdrückt. Polen verliert die von Kaiser Alexander I. 1815 verliehene Verfassung und wird fortan als russische Provinz mit Strenge regiert.
Aufstände in Modĕna, Parma und der Romagna, mit österreichischer Hilfe unterdrückt.
In Spanien Bürgerkrieg nach dem Tode Ferdinands VII. Durch Espartero siegt nach blutigem Kampfe die Verfassungspartei (Christinos) für die unmündige Königin Isabella II. (1833–1868) und deren Mutter Marie Christine (von Neapel) über die »Karlisten«, d. h. die Anhänger des Prinzen Don Carlos (Bruder Ferdinands VII.), welcher 1839 zur Flucht nach Frankreich genötigt wird († 1855 in Triest). Verkündigung einer Verfassung.
Espartero Regent (1841–1843), dann sein persönlicher Feind Narvaez; dieser ruft die von Espartero vertriebene Königin Marie Christine zurück und verstärkt durch die abgeänderte Verfassung (1845) die königliche Gewalt.
Aufstandsversuch in Frankfurt a. M. gegen den deutschen Bundestag. Hierdurch und durch das im Jahre vorher von der demokratischen Partei in Rheinbayern veranstaltete Hambacher Fest werden wiederum (S. 345) die Einsetzung politischer Untersuchungskommissionen, Verhaftungen und Verurteilungen herbeigeführt.
Gründung des deutschen Zollvereins, angeregt durch das preußische Zollgesetz von 1818, welches alle Zollgrenzen im Innern des Landes aufhob und alle Zollstellen an die Grenzen verlegte. Besondere Vereine der kleineren Staaten, namentlich der 1828 gegründete mitteldeutsche Handelsverein haben keinen Bestand. Nach und nach werden Verträge mit Preußen abgeschlossen.
Österreich, wo 1835–1848 Kaiser Ferdinand I. regiert, bleibt ausgeschlossen. Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Mecklenburg-Strelitz und Schaumburg-Lippe bilden 1834 den Steuerverein und treten dem deutschen Zollverein erst 1851 bei. Der Zollanschluß der Hansestädte Bremen und Hamburg erfolgt erst 1888.
Nach dem Tode Wilhelms IV., Königs von England (1830–1837), folgt in Hannover nach dem salischen Gesetze (s. S. 207) sein Bruder Ernst August (1837–1851), welcher die 1833 für Hannover verkündigte Verfassung aufhebt, weil sie ohne seine, des damaligen Thronerben, Zustimmung zustande gekommen sei. Absetzung der 7 dagegen protestierenden Göttinger Professoren (Jakobund Wilhelm Grimm, Dahlmann, Gervinus, Ewald, Albrecht und Weber). Abgeänderte Verfassung 1840.
Streit der preußischen Regierung mit den Erzbischöfen von Köln und Gnesen-Posen, besonders wegen der konfessionellen Erziehung der Kinder aus gemischten Ehen.
Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen, bei seinem Regierungsantritt mit großen Erwartungen begrüßt. Amnestie für politische Vergehen, Freilassung der verhafteten Erzbischöfe von Köln und Gnesen-Posen. 1847 Berufung des ersten vereinigten Landtags nach Berlin (s. Anhang).
Viktoria, Königin von England, Nichte Wilhelms IV., 1840 vermählt mit Albert von Sachsen-Koburg (prince-consort, † 1861). Vgl. die Stammtafel S. 352. In Irland vergebliche Bestrebungen für den Widerruf (repeal) der seit 1801 bestehenden parlamentarischen Vereinigung mit England (O’Connell, † 1847). In England Bewegung für den Freihandel (Richard Cobden in Manchester); die Abschaffung der beschränkenden Korngesetze wird 1846 erreicht.
Krieg gegen Afghanistan 1839–1842; durch zwei Kriege gegen die Sikhs (1845–1849) wird das Pendschab-Gebiet unterworfen. Krieg gegen China 1810 wegen Verbots der Opiumeinfuhr aus Indien (Opiumkrieg); 1842 werden fünf chinesische Häfen den Europäern geöffnet, der Opiumhandel gestattet, die Insel Hongkong an England abgetreten. In Hinterindien erwirbt England durch Kriege gegen das Reich Birma 1826 die Küste von Arakan und die Landschaft Assam, 1853 das Mündungsgebiet des Irawadi (Pegu), 1886 ganz Birma (s. § 13).
In Frankreich versucht während der Regierung Ludwig Philipps der Neffe Napoleons I., Louis Napoleon,[57] 1836 in Straßburg und 1840 in Boulogne einen Aufstand. Er wird das erstemal auf einem französischen Kriegsschiff nach Amerika geschickt, das zweitemal zu lebenslänglicher Haft verurteilt, entkommt aber 1846 aus der Festung Ham.
Beginn der Befestigung von Paris unter dem Ministerium Thiers aus Anlaß einer Kriegsgefahr, welche dadurch entstanden war, daß Frankreich sich des aufständischen Mehemed Ali von Ägypten (s. S. 347) gegen den Sultan annahm. Frankreichs Kriegsdrohung gegen Deutschland erregt das Nationalgefühl gewaltig. Nik. Beckers Rheinlied, Schneckenburgers »Wacht am Rhein«. Bündnis der 4 anderen Großmächte; Frankreich gibt nach, an Stelle von Thiers tritt Guizot (Okt. 1840). Mehemed Ali, dessen Sohn Ibrahim die Türken 1839 bei Nisib in Syrien besiegt hatte, muß auf Verlangen Englands (Lord Palmerston) Syrien räumen und behält nur die erbliche Herrschaft über Ägypten unter Oberhoheit der Pforte.
Die Überreste Napoleons I., durch den Prinzen von Joinville, dritten Sohn Ludwig Philipps, von St. Helena nach Paris gebracht, werden dort im Dom der Invaliden feierlich beigesetzt.
Langwierige Kriege in Algier (S. 348) zur Eroberung des inneren Landes (Marschall Bugeaud, General aus Napoleons Schule). Abd-el-Kader, Anführer der Araber und Kabylen, wird 1847 gefangen, 1852 nach Kleinasien entlassen.
Der Freistaat Krakau wird wegen erneuter polnischer Aufstandsversuche durch Beschluß der Schutzmächte (S. 341) dem Kaiserreich Österreich einverleibt.
Sonderbundskrieg in der Schweiz. Sieben katholische Kantone sagen sich von der Eidgenossenschaft los, werden aber von den Bundestruppen unter General Dufour besiegt. Darauf (1848) Umgestaltung des Staatenbundes (S. 341) souveräner Kantone zu einem Bundesstaat (Föderativrepublik von 25 Staaten, vgl. S. 302). An die Stelle der bisherigen Tagsatzung, in der abwechselnd Zürich, Bern und Luzern Vorort gewesen war, tritt die Bundesversammlung in Bern, bestehend aus 1. Ständerat (44 Vertreter der einzelnen Kantone), 2. Nationalrat (Vertreter der ganzen Schweizer Bevölkerung, nach Maßgabe der Volkszahl gewählt). Die vollziehende Gewalt übt der von der Bundesversammlung gewählte Bundesrat (7 Mitglieder, auf 3 Jahre gewählt). Bundesgericht, einheitliches Militär-, Post-und Münzwesen (s. § 14).
In Frankreich führt die Unzufriedenheit mit der Politik des Ministeriums Guizot und den noch bestehenden Beschränkungen des Wahlrechts zur
Pariser Februarrevolution. Straßenkampf gegen die Truppen; Barrikaden erbaut. Die Nationalgarde bleibt untätig, die Truppen geben den Kampf bald auf. Ludwig Philipp flieht nach England († 1850). Seine Thronentsagung zu Gunsten seines Enkels, des Grafen von Paris (S. 349), wird nicht beachtet, sondern die Republik proklamiert. Die Deputiertenkammer wählt eine provisorische Regierung. Lamartine als Mitglied derselben hindert Verwüstung und Plünderung. Eine Nationalversammlung wird nach Paris berufen, um die Verfassung der Republik festzustellen. Die Forderungen der Sozialisten (Louis Blanc) führen zur Einrichtung von Nationalwerkstätten in Paris, in denen jedem französischen Bürger vom Staate Arbeit und Lohn geboten werden soll. Diese erweisen sich jedoch bald als kostspielig und zwecklos.
Blutiger Straßenkampf in Paris nach Schließung der Nationalwerkstätten. General Cavaignac erhält durch Beschluß der Nationalversammlung diktatorische Gewalt und wirft den Aufstand der Arbeiter nieder (gegen 10000 getötet, viele deportiert).
Prinz Louis Napoleon (S. 353) wird infolge der Furcht aller Besitzenden vor dem Sozialismus und unter dem Einfluß der Geistlichkeit durch Volksabstimmung (Plebiscit) mit fast 6 Millionen Stimmen zum Präsidenten der französischen Republik erwählt. Seine Regierung findet Beifall, doch weigert sich die Nationalversammlung, die Verfassung abzuändern, welche die Wiederwahl desselben Präsidenten erst nach 4 Jahren gestattet.
Staatsstreich Louis Napoleons. Er läßt die angesehensten Mitglieder der Nationalversammlung verhaften, erklärt diese für aufgelöst, fordert wiederum Volksabstimmung, läßt Aufstandsversuche in Paris am 3. und 4. Dez. blutig niederwerfen. Er wird mit mehr als 7 Mill. Stimmen zum Präsidenten auf 10 Jahre erwählt. Am 14. Jan. 1852 verkündet er eine neue, der des ersten Kaiserreiches ähnliche Verfassung (Senat, gesetzgebender Körper, s. S. 318). Feierliche Friedensversicherungen gegenüber den europäischen Staaten, besonders durch eine Rede in Bordeaux (»L’Empire c’est la paix«). Auf Grund eines Senatsbeschlusses und einer dritten Volksabstimmung besteigt er als
Napoleon III., Kaiser der Franzosen (1852–1870) den Thron und wird bald von allen Mächten anerkannt.
Revolutionäre Bewegungen in Deutschland und Österreich. Eine badische Volksversammlung bei Mannheim (27. Febr.) fordert Preßfreiheit, Schwurgerichte, Vereinsrecht, Volksbewaffnung, deutsches Parlament. Ähnliche Versammlungen finden in Württemberg, Hessen-Darmstadt, Nassau u. a. Staaten statt. Die Regierungen zeigen sich nachgiebig; der Bundestag in Frankfurt hebt die Zensur für Druckschriften auf.
Aufstand in Wien. Metternich, seit 1809 leitender Minister Österreichs, wird vertrieben. Bürgerwehr und Studenten herrschen in der Stadt.
Straßenkampf in Berlin, obwohl der König Friedrich Wilhelm IV. schon aus freien Stücken eine Verfassung und Preßfreiheit versprochen hatte. Die unbesiegten, aber ermatteten Truppen verlassen auf Befehl des Königs am 19. ihre Stellungen und marschieren aus der Stadt. Bildung einer Bürgerwehr. Berufung einer preußischen Nationalversammlung nach Berlin. Prinz Wilhelm geht auf Befehl seines Bruders nach England.
Infolge wiederholter Unruhen in München dankt König Ludwig I. († 1868) zu Gunsten seines Sohnes Maximilian II. (1848–1864) ab.
Zweiter Aufstand in Wien, welcher die Einberufung eines österreichischen Reichstags erzwingt. Kaiser Ferdinand I. verläßt Wien und geht nach Innsbruck.
Slavenkongreß in Prag, von den Tschechen (Palacki) ausgeschrieben, um die Bestrebungen der slavischen Völker Österreichs gegen das Deutschtum zu vereinigen. Im Anschluß daran tschechische Erhebung in Prag, besiegt durch Fürst Windischgrätz.
Einnahme des aufständischen Wien durch kaiserliche Truppen (Windischgrätz, Jellachich Ban von Kroatien). Robert Blum, Mitglied des Frankfurter Parlaments, und viele andere werden erschossen. Der Reichstag wird nach Kremsier verlegt. Fürst Felix Schwarzenberg übernimmt das Ministerium.
Die preußische Nationalversammlung in Berlin wird auf Befehl des Königs (Ministerium Brandenburg-Manteuffel) vertagt und zum 27. Nov. nach Brandenburg berufen.
General Wrangel rückt, ohne Widerstand zu finden, in Berlin ein. Erklärung des Belagerungszustandes, Entwaffnung der Bürgerwehr. — Da die Nationalversammlung in Brandenburg nicht in beschlußfähiger Zahl zusammenkommt, befiehlt der König
Auflösung der Nationalversammlung und Verkündigung einer preußischen Verfassung, welche nach Beratung durch die neu zu wählenden Kammern in Gültigkeit treten soll.
Aufstand in Oberitalien gegen Österreich.
Beginn der Erhebung in Mailand (18. März 1848) die österreichischen Truppen ziehen sich nach der Festung Verona zurück. König Karl Albert von Sardinien (1831–1849), welcher Italien befreien will, wird bei Custozza (25. Juli) von dem Feldmarschall Radetzki vollständig geschlagen. Mailand von den Österreichern wieder eingenommen.
Waffenstillstand bis 20. März 1849, darauf erzwingt Radetzki durch die Siege bei Mortara (21. März) und Novara (23. März) den Frieden. Karl Albert dankt zu Gunsten seines Sohnes Viktor Emanuel (1849–1878) ab. Einnahme von Brescia nach furchtbarem Straßenkampf; Grausamkeit des Generals Haynau gegen die Gefangenen.
In Venedig nach Abzug der österreichischen Besatzung (1848, März) erst provisorische Regierung im Namen des Königs von Sardinien, dann nach der Niederlage des italienischen Heeres Republik (Präsident Manin). Belagerung und Einnahme Venedigs durch die Österreicher (August 1849). Das ganze lombardo-venetianische Königreich ist der Herrschaft Österreichs wieder unterworfen.
Aufstand der Ungarn gegen Österreich. Die Ungarn (Magyaren) verlangen und erhalten ein eigenes Ministerium (1848, April). Graf Batthyany Ministerpräsident, Kossuth (spr. Kóschūt) Finanzminister. Reichstag in Pest unter Vorsitz des Erzherzogs Stephan als Palatin. Der Widerstand der slavischen Bevölkerung und der Nebenländer der Krone Ungarn (Kroatien, Siebenbürgen) gegen die magyarischen Ansprüche, ihre Forderung politischer Gleichberechtigung werden vom Wiener Hofe unterstützt. Jellachich, zum Ban von Kroatien ernannt, fällt mit Heeresmacht in Ungarn ein; Erzherzog Stephan legt sein Amt nieder. Graf Lamberg, kaiserlicher Statthalter von Ungarn, wird in Pest ermordet (Sept.); der Kaiser verfügt die Auflösung des Reichstages.
Nach Abdankung Ferdinands I. (2. Dez. 1848) besteigt den Thron sein Neffe (S. 282)
Franz Joseph I., Kaiser von Österreich. Der ungarische Reichstag erkennt den Thronwechsel nicht an. Fürst Windischgrätz rückt mit einem österreichischen Heere in Ungarn ein. Kossuth zieht sich mit den magyarischen Behörden nach Debreczin zurück, Windischgrätz besetzt Pest (1849, Jan.), besiegt ein ungarisches, von dem polnischen General Dembinski geführtes Heer bei Kapolna (Febr.). In Siebenbürgen ist der polnische General Bern, welchem Kossuth ein Kommando übergeben hatte, siegreich gegen österreichische Truppen und die von diesen zu Hilfe gerufenen Russen. Der ungarische General Görgey überschreitet mit 50000 Mann die Theiß, entsetzt die belagerte Festung Komorn. Windischgrätz von der Regierung in Wien abberufen, Pest geräumt; in Ofen bleibt eine österreichische Besatzung. Infolge der Verkündigung einer
Gesamtverfassung für Österreich, welche die alte ungarische Verfassung aufhebt, spricht auf Kossuths Antrag der Reichstag die Absetzung des Hauses Habsburg-Lothringen aus. Kossuth wird als »Gouverneur« zum Haupt der magyarischen Regierung ernannt. Görgey erstürmt Ofen (21. Mai); Kossuth und der Reichstag halten einen pomphaften Einzug in Pest. Unterdes wird bei einer Zusammenkunft der Kaiser von Österreich und Rußland in Warschau die russische Intervention verabredet und ein gemeinsamer Kriegsplan für die Unterwerfung Ungarns festgestellt.
Ein russisches Heer von 80000 Mann unter Paskjewitsch überschreitet die Karpathen (Juni), ein zweites rückt von der Walachei aus vor, von Westen her die Österreicher unter Haynau. Die magyarische Regierung zieht sich nach Szegedin zurück. Kossuth legt bald darauf die Regierungsgewalt nieder, die Diktatur wird Görgey übertragen. Dieser entschließt
sich zur Kapitulation von Vilagos und streckt mit 25000 Mann vor dem russischen General Rüdiger die Waffen. Die meisten andern ungarischen Führer ergeben sich auf Gnade und Ungnade; nur Klapka, der Komorn verteidigt, erhält eine ehrenvolle Kapitulation. Kossuth, Bem, Dembinski retten sich auf türkisches Gebiet. Haynau verhängt über die gefangenen Häupter des Aufstandes ein furchtbares Strafgericht. Graf Batthyany nebst vielen anderen hingerichtet, ihre Güter eingezogen. Aufhebung der ungarischen Verfassung, Siebenbürgen und Kroatien werden von Ungarn getrennt.
Die Gesamtverfassung für Österreich, welche nie wirklich ins Leben getreten war, wird am 31. Dez. 1851 für aufgehoben erklärt.