JEANNE:
Ja, das ist seine Leidenschaft.
Die kann aber nicht sehr tief sein. — Ich glaube doch, daß Yges würdiger ist, um von dir geliebt zu werden.
JEANNE:
Ach, dieser — Geistesbeamte.
RAINER (erregt):
Wie kannst du eine scherzhafte Bemerkung ernst nehmen!
JEANNE:
Woher weißt du denn, daß der Prinz das gesagt hat?
RAINER:
Ich habe es gesagt, sogar in Yges’ Gegenwart. Das Wort ist mir entschlüpft, weil es so — glatt war.
JEANNE:
Ach, du warst es? Weißt du, ich bring’ die Männer immer alle durcheinander. Ihr verwechselt uns, wenn zwei Freundinnen einmal den Hut tauschen, und wir verwechseln euch, wenn einer mal sagt, was der andere gesagt haben könnte. Ich glaube, dadurch ist schon manche unglückliche Liebe geheilt worden . . .
RAINER:
Und manche unerwartete zustande gekommen.
JEANNE:
So ist es mir mit Yges und dir ergangen. — Wir verstehen uns eigentlich recht gut. Findest du nicht?
RAINER (versteht jetzt erst, was er gesagt hat, und sucht seine Verlegenheit zu verbergen):
Wir waren doch auch sehr befreundet.
Warum sind wir es nicht mehr?
RAINER:
Wie soll ich das verstehen?
JEANNE:
Beichte mir mal — soll ich da hinter den Schirm gehen?
RAINER:
Warum quälst du mich? — Willst du dich von Yges scheiden lassen?
JEANNE:
Vielleicht . . .
RAINER:
Aber wenn ich dir nun sage, daß das nichts an unseren Beziehungen ändern würde?
JEANNE:
Es würde sie ändern.
RAINER:
Du bist so zuversichtlich . . .
JEANNE:
Warum schämst du dich schöner zu sein als Yges? Warum nimmst du dir nicht die Rechte, auf die dir die Natur einen Anspruch gab? — Du bist ja unwürdig, so schön zu sein.
RAINER:
Ich bin dem Zufall nicht verpflichtet.
JEANNE:
Wenn du als Mann so leicht denken darfst, dann habe ich es als Frau schwerer.
RAINER:
Wenn du in der Koketterie eine Pflicht siehst — vielleicht wäre damals alles anders geworden, wenn du diese Pflicht weniger gut erfüllt hättest.
JEANNE:
Ich weiß, daß ich dir gefallen habe.
RAINER:
Das wäre nur möglich, wenn ich ein Laffe oder du eine Kokotte wärst.
JEANNE:
Da ich auch eine Kokotte bin, bist du vielleicht auch ein Laffe. (Plötzlich) Muß man dich denn an sämtlichen Zipfeln deiner Seele packen, um dich über einen Abgrund zu schleppen, der gar nicht da ist?
RAINER:
Für dich nicht da ist.
JEANNE:
Wenn du nun all das moralische Gepäck abwirfst, und ich dir helfe . . . was hat dich denn damals gehindert? Du weißt, ich mußte heiraten. Das sahst du selbst ein. Also warum? Leben die Gründe denn immer noch?
RAINER:
Ja . . .
JEANNE (lächelnd):
Kann ich sie nicht beseitigen?
RAINER (schweigt).
JEANNE:
Du hättest mich aber doch zum wenigsten besuchen können, wenn du Gründe hattest, mich nicht zu heiraten. Oder hattest du Furcht — hattest du Furcht? Sag’ einmal die Wahrheit —
Nein.
JEANNE:
Du lügst!
RAINER (apathisch):
Ich lüge nicht.
JEANNE:
Schau mich einmal an. (Rainer sieht auf.) In die Augen! (Er tut es.) So — fest — ganz fest — (sie steht langsam auf) ganz fest — ganz — ganz fest. (Sie ist auf ihn zugegangen. Als sie ihn küssen will, läßt die Spannung in seinem Körper plötzlich nach und sein Kopf fällt über die Stuhllehne.) Du — du, Rainer! (Sie küßt ihn. Rainer läßt es geschehen.) Lieber! Solange habe ich gewartet — solange! (Sie küßt ihn oft hintereinander, plötzlich) Gott, das ist ja — Rainer, wie glücklich du mich machst!!
RAINER (richtet sich auf):
Was, — was denn?
JEANNE:
Ich hab’ die Stellung für den 4. Akt! Bleib’ doch so liegen — so nach hinten mit dem Kopf über die Lehne. (Sie nimmt seinen Kopf in ihre Hände.) Mein Rainer!
RAINER (springt plötzlich auf und würgt sie):
Du — du probst mit mir?! — Jeanne! Eigne ich mich besser dazu als dein Hund? Du?!
JEANNE:
Hilfe! Hilfe! (Das Mädchen stürzt herein.)
RAINER (läßt Jeanne frei):
Sie können wieder gehen.
DAS MÄDCHEN (sieht fragend auf Jeanne).
Es ist nichts.
DAS MÄDCHEN (ab).
RAINER (will gehen).
JEANNE (umarmt ihn von hinten und wirft ihn auf die Chaiselongue):
JEANNE:
Rainer! Rainer! Glaub’ mir. Ich habe nicht gespielt!
RAINER:
Doch!
JEANNE:
Ich reiß dich auseinander! Ich küß dich tot! Du mußt mich lieben! Bleib’ bei mir! Du mußt! Du mußt!
RAINER
(kann nicht antworten, da sie sich an seinem Munde festgesaugt hat).
JEANNE:
Sag’, daß du mich liebst!
(Man hört eine Tür klappen und eine männliche Stimme. Jeanne springt auf, rennt zum Toilettentisch, ordnet ihre Haare und läuft zur Tür.)
Yges, bist du es?
YGES (hinter der Szene):
’n Tag, Jeanne!
JEANNE:
Komm hier herein, es erwartet dich jemand!
YGES (tritt ein).
(Als er Rainer bemerkt, fragt er hastig): Habe ich die Wette gewonnen?
Nein.
YGES:
Für andere Mitteilungen bin ich nicht zu sprechen.
RAINER:
Mein Gewissen gestattet es mir nicht, in diesem Tone zu antworten, trotzdem wir — bis jetzt — gleiche Rechte haben.
YGES (zu Jeanne):
Es ist wohl besser, Jeanne, wenn du uns allein läßt.
RAINER:
Mich stört die Gegenwart Ihrer Gemahlin nicht. Vielleicht überlassen wir Frau Jeanne die Entscheidung.
JEANNE:
Ich bleibe. Ich setz’ mich in die Ecke.
YGES:
Ich hoffe, daß Ihnen die unparteiliche Ehrlichkeit jedes Kontrahenten als Richter genügt.
RAINER:
Davon werden Sie sich gleich selbst überzeugen können.
YGES:
Bitte, nehmen Sie Platz. — Es ist auffallend, daß Sie mich in meiner Wohnung besuchen?
RAINER:
Im Café hätte ich Sie vielleicht nicht getroffen, und ich mußte Sie sprechen. Ihre Gemahlin hat mich unterhalten, während ich auf Sie wartete. Ich finde keinen Grund zum Verdacht. Ich sagte Ihnen schon einmal: Sie haben nicht gewonnen.
Aber wenn Ihr in diesem Tone fortfahrt, gehe ich hinaus.
YGES:
Das war mein Wunsch.
RAINER:
Frau Jeanne hat recht; ich hätte die Pflicht, bescheidener zu reden.
YGES:
Das verlange ich nur, wenn Sie die Wette verlieren.
RAINER:
Sie brauchten es nicht zu verlangen, ich wäre gedemütigt schon dadurch, daß ich sie verliere.
YGES:
Ich glaube, daß unser Vertrag eines psychologischen Kommentars nicht mehr bedarf. Um was handelt es sich?
RAINER:
Nicht um die Wette. Wenigstens nicht unmittelbar.
YGES:
Sondern . . .
RAINER (nach kleiner Pause):
Um meinen Tod.
JEANNE (unfreiwillig):
Rainer!
RAINER:
Ich komme zu Ihnen, Yges, um Sie zu bitten, den Vertrag zu lösen, den wir geschlossen haben. Trotzdem ich mein Recht auf den eigenen Tod nicht verkauft habe . . . ich fühle mich unfrei. Verstehen Sie mich, ich will Sie nicht betrügen, da ich Ihnen einen Anspruch auf mein Leben gegeben habe.
Ich habe kein größeres Interesse an Ihrem Leben, als Sie es selbst haben müßten.
RAINER:
Yges — ich habe Ihnen während der vielen Jahre unserer Freundschaft den Einblick in meine Seele wie ein Kaufmann in seine Geschäftsbücher gestattet. Ich hatte den Ehrgeiz Ihnen über meine Einnahmen und Ausgaben Rechenschaft ablegen zu können. Sie sollten das Recht haben zu urteilen, ob ich mit meinem menschlichen Vermögen gut gewirtschaftet habe oder nicht. Ich wollte nicht an meine Ehrlichkeit glauben, wenn Sie sie nicht bestätigen konnten. Sie konnten es nicht. Ich habe mich erboten Ihnen Ihren Irrtum nachzuweisen. Aber ich erkannte vor einer Stunde, daß es zwecklos ist. Was ich nur verwickelt glaubte, ist — ist wirr.
YGES:
Das würde also meine Vermutung bestätigen.
RAINER:
Ja und nein. Richtungslos habe ich nicht gelebt. Ich kenne mein Ziel, aber ich kenne mich selbst nicht mehr.
YGES:
Hm — also Sie kennen Ihren Beruf, aber Sie wissen, daß Sie sich dazu nicht eignen. (Er lacht.)
RAINER:
Das habe ich nicht gesagt. Sie können mich verstehen, Yges!
YGES:
Nein. Sie sind lebensüberdrüssig. Weiter nichts. Sie haben kein Recht auf den Tod. Sichtbare Gründe, die Ihr Verlangen rechtfertigen, kann ich nicht finden. Ich habe nichts anderes behauptet, als daß Sie Ihren Beruf nicht kennen. Würde ich die Wette rückgängig machen, so würde der Verzicht zugleich mein Gewinn sein. (Lächelnd) Ich will Sie nicht betrügen.
RAINER (leise):
Dann verachten Sie mich.
YGES:
Ich habe kein Recht dazu.
RAINER:
Wenn — ich Ihnen aber nun — das Recht gebe?
YGES:
Dann habe ich die Wette gewonnen.
RAINER:
Nein. Ich habe nicht aus unsauberen Motiven Anarchie gepredigt. Ich kann die Verantwortung für meine Politik tragen. Ich habe keine Gelegenheit gesucht . . . (er sieht auf Jeanne und schweigt) Yges, warum gönnen Sie mir nicht meinen Tod? Verstehen Sie doch! Es ist niemand auf der Welt, der meine Leiche waschen könnte. Ich muß es selbst tun, bevor ich sterbe. Verstehen Sie doch, ich kann nicht dulden, daß Sie mir Feigheit nachrufen.
YGES:
Verwischen Sie die Klarheit der Situation nicht durch Sentimentalität! Warum wollen Sie sich und die Politik an den Nagel hängen, — etwas tun, was ich nur verlangt haben würde, wenn Sie die Wette verlieren?
RAINER (schweigt).
YGES:
Ich wollte niemals etwas anderes als Ihren Hochmut niederreißen und Ihre Armseligkeit Ihnen und Ihrer Glaubensgemeinde dokumentieren! — Wollen Sie mir zuvorkommen?
Ich habe noch nicht erkannt, daß meine Ideale falsch sind.
YGES:
Der „Rote Pfad“ wird also auch nach Ihrem Tode erscheinen?
RAINER (nach kurzer Überlegung):
Ja.
YGES:
Und warum wollen Sie nicht mehr als Herausgeber verantwortlich zeichnen?
RAINER:
Ich fühle mich nicht mehr berechtigt, als Pfeil auf einem Bogen zu liegen, den andere spannen.
YGES:
Und warum „unterschätzen“ Sie sich? Der Glaube an Ihr Unrecht berechtigt Sie ebensowenig wie mich, diese Vermutung als Tatsache zu behandeln. Wenn ich das getan hätte, wäre die Wette unnötig gewesen.
RAINER (schweigt).
YGES:
„Ich schätze Ihre Überzeugung“, — doch ich suche die Wahrheit! Geben Sie mir Tatsachen! Ich muß Sie gegen Sie selbst in Schutz nehmen, denn ich weiß nicht, warum Sie sich verachten müßten.
RAINER (sieht ihn dankbar an).
YGES:
Ich kenne keine Sympathien oder Antipathien, mein Urteil über Sie mache ich allein abhängig von einer wissenschaftlich begründeten Erkenntnis — wenn sie mir möglich ist.
Ich danke Ihnen, Yges.
YGES:
Da die Wette noch unentschieden ist, ist es nur notwendig, daß ich auf Ihre Selbstanklagen weder mit Achtung noch mit Verachtung reagiere. — Geben Sie mir Tatsachen!
RAINER (stockend):
Ich habe Sie verachtet und gehaßt . . .
YGES:
Auch meine Selbsterziehung hat es noch nicht vermocht, daß meine rechtlosen Gefühle ihre Ansprüche aufgegeben haben. Sie mögen mich hassen, wenn Sie nur nicht handeln. Was Sie tun, untersteht Ihrer Verantwortung, nicht, was Sie fühlen. Erinnern Sie sich an den zweiten Teil unserer Wette, Sie werden vielleicht jetzt die Bedeutung verstehen, die ich ihm gebe.
RAINER:
Ich habe gehandelt.
YGES (triumphierend):
Jetzt verstehe ich, warum Sie die Anwesenheit meiner Frau wünschten.
RAINER:
Sie verdächtigen mich zum dritten Male. Mein Verhältnis zu Frau Jeanne ist dasselbe geblieben wie zur Zeit unserer Freundschaft. Ich wiederhole es.
YGES:
Dann haben Sie wohl noch eine feinere Rache gefunden.
RAINER (leise und bestimmt):
Ich hatte die Absicht, Sie zu töten.
YGES (erregt):
Mich?
Ich hatte einen Golem nach Ihrem Bilde geknetet.
JEANNE:
Rainer! Du?!
YGES (sieht flüchtig, aber scharf auf Jeanne):
(Zu Rainer) Was ist das?
RAINER (zögernd):
Eine Wachsfigur . . .
YGES:
Was macht man mit einem solchen Menschen aus Wachs?
RAINER:
Man setzt ihn auf einen glühenden Ofen . . .
YGES:
Und?
RAINER:
Und blickt ihn starr an und denkt nur an seinen Haß . . .
YGES:
Und?
RAINER:
Und quält ihn mit Nadeln und schneidet ihm die Glieder vom Rumpf.
YGES:
Und dann?
RAINER (erregt):
Dann — dann stirbt er! (Pause.)
YGES (steht auf und lehnt sich mit dem Rücken gegen die Tür).
RAINER (bittend):
Yges!
Das Glück klebt ja noch in Ihren Augen. Sie bereuen nicht!
RAINER:
Würde ich Sie sonst darum gebeten haben, unsern Vertrag zu lösen, damit ich tun kann, was ich jetzt tun muß? (Yges schweigt.) Gonn hat mir einmal erzählt, daß der Wahnsinn bei vielen Menschen nur in besonderen Augenblicken durchbricht. Zu anderen Zeiten ist es unmöglich, den Kranken von einem gesunden Menschen zu unterscheiden —
YGES (unterbricht ihn):
Plaidieren Sie für mildernde Umstände?
RAINER (verzweifelt):
Wie soll ich es mir erklären, daß ich Sie foltern konnte?!
YGES:
Ich habe also doch recht gehabt! Ihr Haß auf mich ist die Feder Ihrer Unternehmungen. Keine „neue Erkenntnis“ hat Sie gezwungen, die Tendenzen des „Prologs“ fallen zu lassen. Nur einer Laune — Ihrem ganz unbegründeten Haß auf mich — haben Sie alles geopfert. Oder hatten Sie Gründe? Mir danken müßten Sie, Ihre Sehnsucht war es, den jüngsten Tag zu erleben, an dem gerichtet wird. Ich habe ihn verwirklicht. Gründe, mich zu hassen, gibt es nicht, und nur, wer unrein ist, hat Grund, mich zu fürchten. Das haben Sie mir bewiesen.
RAINER:
Ich habe nicht aus persönlichen Motiven Sie und Ihre Richtung geschädigt. Ich bin nur nicht Literat geblieben und mußte die Forderungen erfüllen, zu denen mich mein neuer Beruf als Volksmann verpflichtet. Ich gebrauche mein Vermögen für meine Zwecke — man hat mich als Kandidaten für das Parlament aufgestellt — und ich könnte es auch sonst nicht verantworten, Ihre Literatur — nicht zu bekämpfen.
YGES:
Was hat die Literatur mit der Politik zu tun?
RAINER:
Die Sache mit der Sache — nichts. Aber sehr wohl dadurch, daß ich bin. Sie feiern im Literaten die Wiederkunft des Heiligen, der allein mit den Problemen der Ewigkeit lebt — unbekümmert um die sozialen Probleme der Zeit. Für mich aber ist die Zeit das Bergwerk, in dem ich Kohlen schlage, um für den Tag zu sorgen.
YGES:
Sind Sie davon „überzeugt“?
RAINER:
Ja, deshalb mußte ich mich von Ihnen trennen.
YGES (martert Rainer mit jedem Wort):
Tatsache ist aber, daß Sie durch die Annahme meiner Wette schon bewiesen haben, daß es für Sie wie für einen Heiligen nichts Wichtigeres gibt als das Wunder seines zeitlosen Ichs.
RAINER (sieht mit einem unbegreiflichen Entsetzen auf Yges).
YGES:
Ihr soziales Gewissen muß sehr schwach sein, wenn es Ihnen gestattet, Ihre Pflichten der „Zeit“ gegenüber zu vernachlässigen. Die „Zeit“ hat nur ein Interesse an Ihrem Arbeitswert, und den Anspruch darauf gestehen Sie ihr zu. Wie wollen Sie es begründen, daß Sie ihn ihr nehmen? (Rainer schweigt.) Sie wollen nicht mein Schüler sein. Aber zu meinem Gegner sind Sie noch nicht geworden. Sie haben mich um den Genuß einer Laune verkauft. Ein Abtrünniger sind Sie, der seinen Verrat legitimieren will. Aber eine Genugtuung habe ich, daß Sie jetzt zerplatzen an Möglichkeiten! — Wollen Sie den Tag von heute durchstreichen und sich selbst belügen, daß nichts geschehen sei? Es wird Ihnen nicht schwer fallen. Oder wollen Sie unwahr ehrlich sein und sich erschießen? Aber ihre Freunde werden Sie verachten, daß Sie über Ihren Arbeitswert den ethischen setzen. Oder wollen Sie den „Prolog“ wieder herausgeben? Aber Sie werden keine Mitarbeiter finden. Oder wollen Sie mein Sklave werden? — Wollen Sie das? — Sie haben die Wette nicht verloren — wenigstens nicht juristisch, wenn auch dem Sinn nach. Meine Behauptung, daß Sie unsere Ehe brechen würden, sollte ja nur ein Beispiel dafür sein, daß Sie es nicht unterlassen werden, mich, wo es nur dankbar ist, zu ärgern, zu schädigen, zu verleumden und zu bespotten. Ich habe vergessen, daß Sie mich auch töten könnten. Um Ihrer Verpflichtung zu entschlüpfen, haben Sie eine Hintertür gefunden. Ich überlasse es Ihnen, sie zu benutzen.
JEANNE (steht auf):
Komm, Rainer, wir gehen!
YGES (beherrscht sich durch ein Lächeln):
Wie gut, daß Sie es sich erst dreimal verbeten haben, daß ich Sie verdächtige! Beim vierten Male behalte ich desto sicherer recht!
RAINER (tonlos):
Ihre Frau hat mich geküßt, und dann sprach sie von einem Prinzen . . .
JEANNE (zeigt Rainer ihre Verachtung).
YGES (sehr ruhig):
Nicht nur verlogen sind Sie, sondern auch dumm. Jetzt haben Sie sich sogar Jeannes Hilfe verscherzt. (Boshaft) Was werden Sie nun tun?
RAINER:
Das — zu dem ich mich verpflichtet habe — wenn ich die Wette verliere.
YGES (läuft mit großer Schnelligkeit zum Schrank und entnimmt ihm ein Livree):
Hier ist die Livree, die du als mein Sklave tragen wirst. Du erhältst ein eigenes Zimmer und ißt mit dem Mädchen. Sonstige Ansprüche zu stellen, hast du nach unserer Vereinbarung nicht das Recht. — Kleide dich um, sofort und schnell!
RAINER (nimmt die Kleider, die Yges auf die Chaiselongue geworfen hat, und geht in das Nebenzimmer).
JEANNE:
Würdest du auch ihm gedient haben, wenn du verloren hättest?
YGES:
So lautete nicht die Abmachung.
JEANNE:
Wie lautete sie denn?
YGES (schweigt).
JEANNE:
Ich verstehe ja noch nicht ganz, um was es sich handelt. Aber so viel weiß ich, daß bei einer solchen Wette vorher bestimmt wird, was jeder zu leisten hat, wenn er verliert.
YGES:
Ich habe mich verpflichtet, ihm 2000 Stimmen für seine Kandidatur zu gewinnen.
RAINER (tritt ein).
YGES (setzt sich in einen Fauteuil im Erker):
Gewöhn’ dich daran zu klopfen, wenn du eintrittst. — Jeanne, mach bitte Licht! Ich möchte sehen, ob es wahr ist, daß Kleider Leute machen. (Jeanne geht zum Erkerfenster, um die Rouleaux: herunter zu lassen.) Ach so, die Leute! Wenn du doch auch solch Mitleid mit mir haben wolltest, Jeanne, wie mit deinem — Diener!
JEANNE (hat, während Yges dies sagt, die Gardienenschnur zu einer Schlinge gelegt und wirft sie ihm schnell um den Hals. Yges will aufspringen, fällt aber zurück und stirbt. Rainer will hinzuspringen, wendet sich aber dann plötzlich ab).
JEANNE (umarmt ihn):
Rainer! Mein armer Rainer! (Sie küßt ihn.) Küß mich wieder!
RAINER (hastig):
Mach doch Licht!
JEANNE:
Küß mich!
RAINER:
Warum hast du das getan?
JEANNE (küßt ihn).
RAINER:
Er bewegt sich noch!
JEANNE:
Ach, das ist die Gardine. — Siehst du?
RAINER:
Mach doch Licht, es ist hier so dunkel.
Ich kenne mein Zimmer, ich werde dich führen. Komm!
RAINER:
Warum hast du das getan? (Jeanne küßt ihn.)
JEANNE:
Küß mich! (Rainer tut es) — — noch einmal! — auch dahin — und dahin —
RAINER:
Da steht jemand, da!
JEANNE:
Das ist doch der Ofen!
RAINER:
Der Ofen . . .?
JEANNE:
Faß ihn doch an!
RAINER:
JEANNE:
Bleib’ mal so stehen — so — wie blaß und krank du aussiehst!
RAINER (schreit):
Ich habe zugesehen — ich habe ihn getötet!
JEANNE (küßt ihn):
Ganz ruhig — so — ganz, ganz ruhig bleiben — sei lieb — komm!
RAINER:
Warum hast du denn das getan?
JEANNE:
Komm! komm! (sie zieht ihn hinter den Bettschirm; man hört die Betten) Lieber! Lieber!
Nein!!
JEANNE:
Komm, komm — mein Prinz!
RAINER (befreit):
Jeanne! Jeanne! Jeanne!
JEANNE:
Du! Warum hast du mich nicht geheiratet?
RAINER:
Frag’ nicht mehr nach der Vergangenheit! (Es klopft.)
JEANNE (schreit auf):
Mein Mann! (Sie lacht nervös über ihren Irrtum.)
RAINER (leise):
Ist der Riegel vor?
JEANNE:
Nein, wo ist denn das Mädchen?
RAINER (springt auf und läuft zur Tür):
Wer ist da?
STIMME:
Ich! Gonn! Ich muß dich sprechen!
RAINER:
Warte! (Zu Jeanne) Es ist besser, wenn wir ihn herein lassen.
JEANNE:
Aber mach schnell. (Sie springt auf und läuft aus dem Zimmer. Rainer zündet Licht an und versteckt die Livree.) (Gonn tritt ein und drückt Rainer ein Paket in die Hand.)
Ich konnte es nicht lassen, dir noch einmal zu helfen. Aber diesmal garantiere ich für den Erfolg.
RAINER:
Wem gehört das Geld?
GONN:
Dir.
RAINER:
Ich habe dir nur 1000 Mark geborgt.
RAINER:
Die habe ich für dich gesetzt. Um 7 Uhr habe ich die Renndepeschen gelesen, um ½ 8 war ich beim Buchmacher. — Ich schenke dir natürlich nicht das Geld.
RAINER:
Ich gehe keine Verpflichtungen mehr ein.
GONN:
Wenn nun aber dadurch der Wette die Voraussetzung genommen wird?
RAINER:
Ich verstehe dich nicht. —
GONN:
Die Wette ist eine geschickte Spekulation Yges’. Nicht wahr? Er hat sie nicht aus denselben Gründen vorgeschlagen, aus denen du sie angenommen hast. Er wollte sich dafür rächen, daß du ihn zwangst, als Phonograph ohne Trichter, als Ausrufer ohne Klingel zu leben. Wenn ich dir nun dieses Geld zur Verfügung stelle, damit er eine neue Zeitschrift gründet, vielleicht unter dem alten Namen?
Aber damit wäre doch nichts gebessert.
GONN:
Glaubst du wirklich, daß er deine „Verlogenheit“ entdeckt hätte, wenn er seinen Scharfsinn weiter dazu hätte verwenden dürfen, Literaturpolitik zu treiben? Damals fehlte dir Geld, um ihm den „Prolog“ zu schenken. Das hast du mir selbst gesagt. Heute habe ich es dir verschafft, und sämtliche Konflikte und Wetten sind nun, hoffe ich, ebenso nichtig und wertlos wie das Mittel, durch das ich sie beseitigt habe. (Er streckt ihm die Hand entgegen.) Aber — wie siehst du denn aus?
RAINER:
Ich habe im Dunkeln gesessen — Jeanne mußte sich anziehen — zum Theater. Das Licht blendet mich noch.
GONN:
Wo hast du denn deinen Rock?
RAINER (lächelnd):
Ach, — Jeanne ärgerte es, daß mir ein Knopf am Jackett fehlte. Sie wird gleich kommen. Yges wird auch bald kommen. Jaa — was ich dir sagen wollte —
GONN:
Was verwirrt dich? Mein Vorschlag ist gut und diesmal ohne Gefahr für dich.
RAINER:
Er nimmt kein Geld. Der Gewinn wäre auch nicht selten genug.
GONN:
Er nimmt es.
RAINER (schweigt).
Rainer, es gibt nur zwei Mächte auf dieser Erde: die Seele und das Geld. Wer beide verachtet, ist verloren.
RAINER (zögernd):
Ich möchte mich — chemischer von ihm scheiden.
GONN:
Das wolltest du schon vor zwei Stunden, und ich half dir es zu tun; aber da du ihm scheinbar trotz alledem diese Absicht beichten willst, muß ich annehmen, daß deine Wahlverwandtschaft zu ihm stärker ist als dein Wille.
RAINER (entschlossen):
Nein! — Würdest du mir noch einmal helfen, wenn ich es — endgültiger tue?
GONN (nach kurzer Überlegung):
Wenn du mich nicht noch einmal im Stich läßt —
RAINER (schiebt den Sessel beiseite, hinter dem Yges liegt). (Gonn schweigt lange.)
GONN:
War das die einzige Möglichkeit?
RAINER:
Ja. Ich hatte die Wette verloren.
GONN:
Dann allerdings. . . (Er drückt Rainer die Hand.)
JEANNE (tritt ein. Sie trägt ein Straßenkostüm).
GONN (erschrickt, als er Jeanne bemerkt).
JEANNE (ruhig):
Du wirst uns behilflich sein?
Nur dir! Rainer wird nicht fliehen!
RAINER:
Soll Jeanne steckbrieflich verfolgt werden und ich mich zum Abgeordneten wählen lassen?
GONN:
Ja.
JEANNE:
Komm, Rainer.
GONN (erregt):
Ich denunziere dich lieber, als daß ich dulde, daß du uns Bettgenüssen opferst!
RAINER:
Ich habe der Bewegung die Richtung gegeben. Ich bin überflüssig.
GONN (geschäftlich):
Ich werde der Partei davon Mitteilung machen. (Er will gehen.)
RAINER (zu Jeanne):
Ich bitte dich, — auf wenige Minuten! (Jeanne geht hinaus.)
GONN:
Wenn du fliehst, kann mich nichts mehr davon überzeugen, daß die Utopie für dich mehr als eine Laune war. — Tust du es, ja oder nein? Alles übrige interessiert mich nicht.
RAINER:
Ich liebe diese Frau.
GONN:
Ja oder nein?
RAINER:
Ich liebe Jeanne . . .
Warum?
RAINER (überrascht):
Gründe gibt es dafür nicht.
GONN:
Du kannst Jeanne doch nicht — sinnlos lieben.
RAINER (lächelnd):
Woher weißt du, daß der Meeresgrund des Ozeans kein Loch hat? Würde die Liebe da sein wie das Meer, wenn nicht ein festgefügter Grund sie tragen würde?
GONN (überrascht):
Das ist — falsch.
RAINER:
Damals, wie heute, finde ich keine tieferen Gründe, sie nicht zu heiraten. Damals habe ich es nicht getan. Heute tue ich es. Und beide Male bin ich mit mir zufrieden.
GONN (gehässig):
Nur mit dem Unterschied, daß es dich damals befriedigte, stolz zu sein, und heute nicht.
RAINER:
Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, — daß ich Jeanne liebe . . .
GONN:
Du glaubst wohl, daß dieses Wörtchen genügt, um der Sache eine Bedeutung zu geben. Liebe! Etwas, was seine Bedeutung seiner Popularität verdankt!
RAINER:
Vielleicht. Aber die Popularität mindert nicht ihren Wert.
Wert!
RAINER:
Ja, Wert! Das versteht deine Armut nicht!
GONN (verächtlich):
Vielleicht lernst du mich ihn schätzen.
RAINER:
Gern. Hör’ gut zu, Gonn! Ich brauchte nicht zu fliehen und auch nicht zu dulden, daß Jeanne den Verdacht auf sich lenkt! Sie hat es getan! Ich bin unschuldig! Und trotzdem — (Jeanne stürmt herein).
JEANNE:
Das ist nicht wahr — das ist nicht wahr — er hat es getan! Glaub’ ihm nicht, Gonn! Er mußte es ja tun! Yges hat ihn gemartert und in seine Seele geschlagen, daß es klatschte! Und dann mußte er eine Livree anziehen, die Yges für ihn schon gekauft hatte! Denk’ dir, die hatte er schon gekauft . . .
GONN (zu Rainer):
Und diese Erniedrigung war noch nicht tief genug, um dich hochzuschnellen? Du bist ja noch weniger, als ein Gummi!
JEANNE:
Aber Rainer hat es getan! Ich schwöre, daß er es getan hat!
GONN (blickt auf Rainer, während er zu Jeanne sagt):
Ich glaube dir nicht, du hast schon mal einen Meineid geleistet!
JEANNE (zu Rainer, mit einem verächtlichen Blick auf Gonn):
Er will dich moralisch erpressen! Du sollst mich verachten lernen!
GONN (versucht sich zu beherrschen).
JEANNE:
Komm, Rainer!
RAINER (zu Gonn):
Willst du mir deinen Paß geben — für den Notfall? (Gonn gibt ihm das Schriftstück.) Danke. (Jeanne geht zur Tür.)
GONN:
Sage mir nur noch das: Verachtest du dich nicht selbst? (Rainer sieht flüchtig zu Gonn auf, dann verläßt er mit Jeanne das Zimmer.)