Heute waren wir zusammen im Wald. Lou suchte Blumen, und wir beide waren allein unter dem grünen Gewölbe.
Die Luft schien geschwängert mit Wohlgerüchen, und die Ruhe, die uns umgab, hob uns über den Alltag hinaus.
»Gibt es etwas Schöneres als unseren deutschen Wald?« sagte mein Mann sinnend, nachdem er eine Weile regungslos den Blick nach oben gewandt hatte.
Mir traten die Tränen in die Augen. Wer wußte es besser als ich, wie schön er war. Mit einem Schlage stand alles vor mir. Das Forsthaus, die Großeltern, die dunkeln Tannen, alles, alles!
»Ich möchte im deutschen Walde ruhen, wenn ich einmal nicht mehr bin, Lottchen. Versprich mir, daß du mir hier oder in der Heimat ein schönes Plätzchen unter den rauschenden Tannen aussuchen willst,« fuhr er fort.
»Sprich nicht immer vom Sterben, Liebster,« sagte ich schluchzend.
»Weine nicht, Lotti. Ich will nicht mehr davon sprechen, wenn es dich aufregt. Nur versprich mir, daß du mir meinen Wunsch erfüllen willst. Willst du, Liebling?«
»Ich verspreche es dir. Du sollst unter den schönsten Tannen schlafen, die unser deutscher Hochwald hat,« sagte ich feierlich.
Wie eine Vision stieg der Platz vor mir auf. Ich kannte ihn! Oh, ich kannte ihn!
Ich sehe den Herzog fast täglich. Ich möchte vor ihn hintreten und ihm sagen, wer ich bin.
Doch wem würde es nützen! Mir? Ich brauche ihn nicht.
Meiner Lou? Auch in Deutschland duckt man sich vor amerikanischen Millionen genau so sehr wie vor Herzogskronen, das habe ich kennen gelernt.
Und wenn mein Sinn nach einer Krone stände, so könnte ich einst eine kaufen für meinen Liebling; tun es doch so viele. —
Kronen drücken schwer, das sehe ich jetzt wieder an dem Fürsten und seiner Gattin. Sie sehen beide nicht eben glücklich aus.
Und mein Kind soll glücklich sein.
Das Verhängnis kommt zusehends näher. Mein Mann hat seine Anfälle immer häufiger. Es ist mir entsetzlich, ihn so leiden zu sehen und nicht helfen zu können. Aber hier muß auch die Kunst der Ärzte Halt machen. Nur erleichtern läßt sich sein Leiden.
Rührend ist seine Mühe, mit der er mir seine Schmerzen zu verbergen sucht. —
Er fürchtet, mir wehe zu tun.
Gibt es größere Liebe? —
Wie langsam und bleiern die Stunden in die Ewigkeit rinnen!
Wie furchtbar muß ein Mensch kämpfen, ehe er die Hülle abwerfen kann, die doch zuweilen so unsäglich schwer drückt.
Stunden hatte ich bereits am Lager meines Mannes gesessen. Er schien zu schlummern, langsam und stoßweise nur ging sein Atem.
Plötzlich bewegte er sich, sah mich einen Augenblick sinnend an und sagte dann langsam und schwerfällig:
»Küsse mich, Lotti, und küsse unsere süße Lou von mir. Sie soll nicht hierherkommen jetzt. Es ist kein Anblick für ein Kind, wenn ein Mensch mit dem Tode ringt.«
Er machte eine kleine Pause und winkte abwehrend mit der Hand, als ich ihn unterbrechen wollte. Dann fuhr er fort:
»Du hast mich sehr glücklich gemacht, Lotti. Du hast die Sonne in den grauen Alltag meines Lebens gebracht, ich danke dir dafür.
Mit der Fabrik wirst du gut fertig werden, Thomas steht dir zur Seite. Es wäre mir sehr lieb, wenn du sie behalten wolltest, meine besten Jahre hat sie mir gekostet.
Mich aber laß hier in der Heimat, und willst du lieber bei mir bleiben, so sei auch dafür gesegnet.«
Erschöpft schwieg er.
Sanft strich ich ihm den Schweiß von der Stirn und drückte einen Kuß auf die Lippen, die nur Worte der Liebe und Güte für mich gehabt hatten.
»Alles soll werden, wie du es wünschest,« sagte ich tröstend, »ich werde in allem deinem Sinne gemäß handeln.«
Er lag still und ruhig in den Kissen. Die Atembeschwerden schienen etwas nachzulassen, das Atmen ging leichter.
Um zwölf Uhr wollte der Arzt noch einmal kommen. —
Ich nahm seine Hand in die meine und saß still und bewegungslos neben ihm.
Die Hand wurde kälter und kälter. Ruhig und ohne weiteren Kampf schlief er hinüber. Als der Doktor kam, war alles vorbei. —
Ich kann nicht weinen, und doch sitzt es mir in der Kehle, daß ich ersticken möchte.
Zu lange habe ich es kommen sehen, um ungefaßt dem Entsetzlichen gegenüberzustehen. —
Doch ich habe keine Zeit zum Klagen, ich muß den Platz suchen, wo mein Gatte ruhen soll im rauschenden Tannenwald.
Mein armes Kind, sie ist ganz aufgelöst.
Ihr junges Herzchen ist gebrochen von dem ersten, schweren Leid.
Ihr Vater! Ihr einziger, lieber Vater!
Sie kann es nicht fassen. —
Die Natur ist grausam in ihrer ausgleichenden Arbeit. —
Ich will heute noch nach Jagdhaus Finsterberg, zu den Großeltern. Dort in ihrem Walde soll mein Mann ruhen. —
Ich habe keine Zeit zu müßigem, tatenlosem Jammern. —
Ob ich mein Kind mit mir nehme?
Nein! Ich will noch warten! Den ersten Ansturm will ich allein ertragen.
Später vielleicht – vielleicht kann ich mein Kind in die Arme der Großeltern legen. —
Unser Chauffeur hat gute Tage gehabt. Seit Wochen ist das Auto nicht aus der Garage gekommen, heute soll es mich hinübertragen in die Heimat, in das dunkle, heimliche Grün des Waldes.
Ob ich unvermutet vor sie hintrete?
Nein, ich würde sie zu sehr erschrecken, den Tod könnten sie davon haben!
Den Tod! Mich friert trotz der Sonnenglut.
Wenn ich niemand mehr fände? Wenn fremde Gesichter mir entgegensähen! — —
Ich bin nervös; die lange, aufreibende Pflege hat mich selbst auch krank gemacht. Und doch darf ich nicht schwach werden. Ich muß meine Kräfte hochhalten, bis ich dich gebettet habe, du guter, du treuer Weggenoß.
Wie ein Zwang ist es über mir, seit er den Wunsch geäußert.
Ich muß ihn unter die Tannen der Heimat betten.
Ich bin inkonsequent, ich weiß es. Nie wieder wollte ich in der Heimat weilen als die, die ich wirklich bin.
Und doch fühle ich schon jetzt eine Freudigkeit, eine Zuversicht in mir, wie seit langem nicht.
Es muß also doch wohl das Rechte sein, trotz der scheinbaren Inkonsequenz. —
Umstände ändern die Sache.
Nun ist auch das vorüber.
Mein Wagen trägt mich rasch wieder zu meinem Kinde, das ich schon morgen den Großeltern bringen will.
Wenn ich alles überdenke, dann weiß ich selbst nicht, wie es gekommen ist.
Unter dem Vorwande, Grüße von einer Dame aus Amerika überbringen zu wollen, bat ich um eine Unterredung.
Ich vermochte kaum zu sprechen vor Aufregung, als ich endlich den lieben Alten gegenübersaß.
Wiederholt fing ich an, ohne doch ein Wort über die Lippen zu bringen. Wohl sah ich den prüfenden Blick des Großvaters, die nervös zitternden Hände der Großmutter.
Und als mir dann statt aller Worte Tränen aus den Augen stürzten, da war es auch um die Zurückhaltung der Großmutter geschehen.
Mit dem schluchzenden Ruf: »Lottchen, du bist es, Lottchen, mein Kind!« hielt sie mich umschlungen, und ich schluchzte den Jammer meiner Seele an ihrer treuen Brust aus.
Wäre ich doch schon früher zu ihnen gegangen!
Keine Frage nach dem, was ich gefürchtet! Ihnen war es genug, daß ich da war. —
Ach, ich bin so froh, so glücklich! Ich habe einen Platz gefunden, wo ich meinen Schmerz ausweinen kann. — —
Zeit zu langem Reden hatten wir nicht, dafür wird später übergenug Muße sein. Ich mußte vor allem meine Bitte anbringen, mir ein Plätzchen zu geben für meinen armen, toten Gatten.
Der Großvater wurde ernst.
»Das kann ich nicht, Liebling. Ich habe hier keine Rechte zu vergeben. Hier hat nur der Herzog zu bestimmen.«
Der Herzog? Oh, mein Gott! Daß ich daran nicht gedacht!
Mein Kopf brannte, meine Augen glühten.
»Der Herzog! So gehe ich zum Herzog!« rief ich aus.
»Du wolltest?« rief der Großvater.
»Weißt du, zu wem du gehst?« fragte die Großmutter.
»Ich weiß es. Und eben deshalb hoffe ich keine Fehlbitte zu tun. Und warum sollte ich nicht gehen? Nicht ich bin es, die sich hier zu schämen hat.«
Der Großvater neigte das Haupt.
»Mach' was du willst, Kind. Ich bin alt, ich habe nicht mehr viel zu verlieren.«
»Ach, Großvater! Was sollte dir denn passieren? Und wenn der hohe Herr wirklich unzufrieden sein sollte, so kommst du mit mir.«
»Nein, nein, mein Kind! Alte Bäume verpflanzt man nicht mehr. Bring' uns dein Kind, damit wir uns an ihm freuen können. Aber bald!«
»So komm mit und hole sie!« sagte ich rasch. »Du würdest auch mir eine Stütze sein in diesen Tagen.« — — —
Er ist mitgekommen, und Lou ist ganz glücklich über den prächtigen, alten Großvater. —
Morgen gehe ich zum Herzog. Sonderbares Gefühl! Ob sich etwas regt in seiner Brust bei meinem Anblick?
Ob ich meiner Mutter gleiche?
Ich weiß nicht, soll ich ihn hassen oder lieben? —
Keines von beiden! Er ist mir gleichgültig.
Wenn er mir meinen Wunsch erfüllt, bin ich zufrieden.
Sonderbar: mein Vater! Es verbinden sich mir gar keine lieben, herzlichen Gefühle mit diesem Wort.
Eine unharmonische Kindheit, eine schmutzige, traurige Jugend, und doch – wie wunderschön ist es, einen Vater zu haben. Einen Vater, wie er meiner Lou starb. —
Auch dieser Schritt ist getan: ich habe mein Ziel erreicht.
Ich habe an gar nichts gerührt. Ich habe nur gebeten. Als die Enkelin des alten Försters Ruhland. —
Um den letzten, innigen Wunsch meines sterbenden Gatten zu erfüllen, sei ich hier, ich wisse keinen schöneren und passenderen Platz als den in der Heimat, die ich nie vergessen könne. —
»Förster Ruhland hatte nur ein Kind, eine Tochter?« fragte der Fürst mit unterdrückter Stimme.
»Nur eine Tochter, Hoheit. Sie war meine Mutter.«
»Ihre Mutter!« flüsterte er. »Wie alt sind Sie, gnädige Frau?«
»Wie alt? Ich bin schon sehr alt! Geboren bin ich im Juni 1872.«
»Achtzehnhundertzweiundsiebzig,« murmelte er und stützte sich schwer auf die Lehne seines Sessels.
Dann ruhten seine Augen einige Minuten forschend auf meinem Gesicht.
»Ihr Wunsch ist Ihnen erfüllt. Suchen Sie sich den schönsten Platz aus, gnädige Frau – oder darf ich »liebes Kind« sagen? Sie sind doch die Enkelin meines alten, treuen Ruhland....... Ich werde mich bei der Beerdigung Ihres Gatten vertreten lassen.«
Er reichte mir die Hand, und ich drückte dankbar meine Lippen darauf. Ein sonderbares Gefühl arbeitete in mir. Ich hatte ihn hassen wollen. Und nun? Dieser Mann war nicht schlecht, er hatte im jugendlichen Leichtsinn gesündigt. — —
Und jetzt war er nicht glücklich.
Kronen drücken schwer. — — —
»Die Schrulle eines Millionärs« nennen sie hier den Wunsch meines Gatten.
Mein lieber, einfacher Mann. Kann ein Mensch anspruchsloser sein? Er beanspruchte so wenig für sich von seinem Reichtum.
Ist er nicht ganz natürlich dieser Wunsch nach einem stillen, einsamen Ruheplätzchen, wenn man ein so arbeitsreiches, unruhiges Leben hinter sich hat? —
Nun haben wir ihn gebettet. Nichts wird ihn stören als der Schrei eines Nachtvogels oder das Brüllen der Hirsche in ihrer Kampfzeit.
Die Vögel in den Zweigen singen ihm das Schlummerlied. Ihm ist wohl, für uns ist es hart. Wer sich zu der Religion flüchten kann mit seinem Schmerz, der ist wohl daran.
Ach, ich beneide mein Kind, das voller Inbrunst und Hingebung am Grabe des geliebten Vaters betet.
Nun ist wieder Ruhe um mich her.
Wir bleiben noch einige Tage hier bei den Großeltern.
Lou würde am liebsten immer hier bleiben, hier, bei dem toten Vater und bei den lieben alten Leuten.
Nur mir wühlt die Unruhe im Blut.
Eine Aussprache ist unvermeidlich, und ich – ich fürchte sie.
Die Großeltern haben mir das Geständnis leicht gemacht.
Sie schienen zu ahnen, was hinter mir lag.
Ich hatte den Brief vergessen, den ich am Vorabend jenes unseligen Ankunftstages an sie geschrieben hatte. Dieser Brief war das letzte Lebenszeichen von mir. —
War es verwunderlich, daß sie ahnten, in welche Hände ich gefallen?
Sie haben Erkundigungen angestellt, der Onkel in Amerika hat mit Hilfe des deutschen Konsuls alles mögliche versucht – ohne Erfolg.
Mich hatten sie fest und sicher hinter den Mauern jenes verfluchten Hauses. — — — —
Und während meine Lou, mein Liebling, draußen im Walde umherstreift, rollt sich noch einmal die Vergangenheit mit all ihren Schrecknissen vor mir auf. — — —
Wir haben uns ausgesprochen und alles ist – oder vielmehr soll begraben sein.
Zu vergeben hatten sie mir im Grunde nichts – der alte Fluch hatte sich auch an mir erfüllt. —
Die Sünden der Väter. — —
Mir liegt auch alles so weit ab jetzt, der erneute schwere Verlust läßt mir alles klein erscheinen.
Ich habe kein rechtes Glück in der Welt. Alles wird mir genommen.
Ich muß daran denken, wie hoffnungsfreudig ich war, als mein Mann damals um mich warb. Noch einmal lag das Leben schön und begehrenswert vor mir. Nun liegt auch das wieder eingesargt drüben unterm Rasen. — —
Habe ich mein Gelöbnis gehalten?
War ich ihm ein gutes, treues Weib?
Ein guter Kamerad?
Ich war es! Ich habe meine Pflicht erfüllt. Nicht einmal den Mangel an Liebe hat er empfunden.
Ich habe ihn sehr hoch geschätzt, er war der Besten einer. —
Daß ich ihm keinen Sohn schenken konnte, einen Erben für sein Lebenswerk!
Trotzdem ich zuerst erfreut darüber war, keinem Jungen das Leben geschenkt zu haben, hat es mich die letzten Jahre doch oft betrübt. So sehr er auch sein Mädchen geliebt, ein Sohn hat ihm doch gefehlt.
Dort kommt der Mond langsam über die Wipfel der Tannen und wirft sein blasses, kaltes Licht auf das schmale Bett da drüben.
Wo stand ein Bett wie dieses, so schmal, so kalt und schmucklos!
Und ich lag darin – vor langen, langen Jahren – oder war ich es nicht? War es mein Schatten?
Morgen werde ich vor die Großmutter hintreten und Rechenschaft über jene Tage fordern. —
Was man dem Kinde damals vorenthielt, der reifen, geprüften Frau wird man es nicht mehr weigern.
Ich will Aufschluß über Leben und Tod meines Kindes. —
In all den langen Jahren bin ich das quälende Bewußtsein nicht losgeworden, daß ich damals nicht die Wahrheit erfahren habe.
Ich bin jetzt auf einem Punkt angelangt, daß ich auf nichts und niemand mehr Rücksicht nehme.
Noch kurze Zeit, und das große Wasser liegt wieder zwischen mir und der Heimat.
Ich kann nicht schlafen. Die Geister der Vergangenheit umschweben mich und lassen mich nicht zur Ruhe kommen. —
Bist auch du mir nahe, teure Mutter? Und du, Werner, mein Geliebter, mein Retter?
Seid ihr zufrieden mit mir, so gebt mir ein Zeichen!
Fern, ganz fern und schwach tönt feines Klingen im Dunkel des Waldes, wie eine Stimme aus dem Jenseits.
Oder fiel ein Stern klingend vom Himmel?
Ich will schlafen und träumen, vielleicht kommen im Traum die Lieben zu mir, die mir das Wachen versagt. — —
Meine Ahnung hat mich nicht betrogen, ich habe einen Sohn!
Er lebt, ist gesund, und ich – ich wußte es nicht!
Warum hat man es mir verheimlicht? —
Sie haben es gut mit mir gemeint, sagen die Großeltern. Ich sollte, selbst noch ein Kind, nicht diese Bürde tragen. —
Später, wenn ich älter geworden, wenn die Umstände danach waren, hätten sie mir die Wahrheit sagen wollen.
Und dann sei ich verschollen gewesen. —
Sie haben es gut gemeint! Gewiß, ich muß wohl noch dankbar sein. —
Aber nun? Wo ist mein Kind? Jetzt hält mich nichts mehr zurück, führt mich hin! —
Sie schweigen – sind verlegen – was soll das bedeuten? —
Und so erfahre ich denn das Unglaubliche, das Unfaßbare!
Mein Sohn, mein Kind, ist auf Gut Koppenbruch, bei Rudolph Schönewald, seinem Vater!
Es ist kaum auszudenken, und doch ist es wahr!
Es klingt gleich einem Märchen, und doch ist es Wahrheit. Der Mann, der vor allen anderen daran schuld ist, daß ich in dieses Labyrinth geriet, der es ablehnte, der Mutter seines Kindes einen ehrlichen Namen zu geben, dieser Mann nimmt den Sohn eben dieser Frau an Kindes Statt an, weil seine Gattin ihm keinen Erben geschenkt.
Meinen Sohn! — —
Meine Gedanken wandern hinweg, weit fort, zu den Tagen, wo mein Mann hoffte – vergebens hoffte, daß ihm ein Erbe für sein Lebenswerk geboren würde.
Er hoffte vergebens!
Und Rudolph Schönewald sollte sich in meinem Sohne den Erben heranziehen?
Das Kind der Frau, die er verschmäht, weil sie nicht Geld genug hatte, um die Gattin eines Gutsbesitzers zu werden!
Nein! Ich werde es nicht zugeben! Ich selbst will mein Kind zu mir nehmen, und keine Macht der Welt wird mich daran hindern. —
Vor acht Jahren erst hat er den Knaben zu sich genommen, als ihm selbst keine Hoffnung geblieben, daß ihm ein Erbe geboren würde.
Die Großeltern haben es als die glücklichste Lösung der ganzen Angelegenheit betrachtet.
Kann ich sie tadeln?
Nein, gewiß nicht!
Die Mutter verschollen, sie selbst alt und gebrechlich, ist es da nicht zu begreifen, wenn sie es als ein Glück ansahen, daß der Knabe auf diese Weise gewissermaßen zu seinem Rechte kam? —
Seine Gattin weiß natürlich nichts von der Herkunft ihres Adoptivsohnes. Für sie ist es ein entfernter Verwandter. —
Nun aber bin ich da, und sofort werde ich Schritte tun, um mir mein Kind zurückzuholen. —
Wem bin ich Rechenschaft schuldig? Niemand.
Meiner Lou?
Fürchte ich die fragenden Augen meines Töchterchens?
Es wird sich ein Ausweg finden; später, wenn sie es besser versteht, soll sie alles erfahren, die ganze Wahrheit.
Nur jetzt noch nicht, noch ist sie nicht reif genug dafür. —
Ich habe an Rudolph Schönewald geschrieben und ihn ersucht, mir Zeit und Ort anzugeben, wo ich mein Kind in Empfang nehmen kann, um es mit nach Amerika zu nehmen. —
Wer mir gesagt hätte, daß ich noch einmal an diesen Mann schreiben würde! Ich versuche vergebens, mir sein Bild ins Gedächtnis zurückzurufen.
Weit, weit ab, in fernem, undurchdringlichem Nebel liegen jene heißen, schwülen Tage, in denen zuerst meine Sinne erwacht. —
Nichts regt sich mehr in mir, was für diesen Mann spricht. Nur ein Gefühl der Genugtuung beschleicht mich bei dem Gedanken, ihm wehe zu tun. —
Er wird den Knaben liebgewonnen haben. Er wird ihn mir nicht geben wollen. Aber er muß! Das Recht ist auf meiner Seite.
Und wäre es nicht so, dann würde ich mich nicht scheuen, noch einmal die Hilfe des Herzogs in Anspruch zu nehmen. — —
Was ist es, das mich so rastlos macht, seit ich den Brief geschrieben?
Ist es die Sehnsucht nach dem Kinde, das ich nicht kenne?
Nein! Vor mir selbst will ich wahr sein!
Gewiß, ich sehne mich nach dem Knaben. Wie wird er sein? Werde ich ihn lieb haben – und er mich?
Er wird mich lieben lernen.
Ob man ihm je von seiner Mutter sprach?
Ich wage gar nicht zu fragen, wem er ähnlich sieht.
Nur nicht jenem Menschen, dem ich jetzt mit Freuden die größte Enttäuschung seines Lebens bereite.
Vielleicht nicht nur eine Enttäuschung, vielleicht einen Schmerz, einen wirklichen, großen Schmerz. —
Ja, das ist es! Ich freue mich darüber! Ich will ihm wehe tun! —
Ist das schlecht?
Es ist nur menschlich! Wer hat nach meinen Gefühlen gefragt? —
Heute früh war er da!
So rasch hatte ich die Wirkung meines Briefes nicht erwartet. —
Ich war sehr erschrocken, als mir Rudolph Schönewald gemeldet wurde. Ich warf einen Blick in den Spiegel und erschrak noch mehr über das blasse Gesicht, das mir aus der schwarzen Umrahmung doppelt blaß entgegenschien.
Es klopfte an die Tür. Ich trat einen Schritt vor – es war mir nicht möglich, »Herein« zu rufen – da stand er auch schon vor mir. —
Was hatte ich mir alles vorgenommen! Was wollte ich diesem Manne ins Gesicht schleudern, jahrelang angehäuften Groll, Verachtung, alles, alles – und nun sagte ich gar nichts.
Er stand vor mir, den Hut in der Hand, das blonde Haar an den Schläfen stark gelichtet, mit unsicheren, ängstlichen Augen, und sagte ebenfalls nichts.
So mußte ich anfangen.
»Sie wünschten mich zu sprechen, Herr Schönewald?«
»Ja – Sie schrieben mir, gnädige Frau, und – da – ich – dachte —«
Er stotterte und schwieg.
»Da wollten Sie mir meinen Jungen selbst bringen, nicht wahr?« sagte ich kühl. Ich hatte mich gefaßt und mich darauf besonnen, wer vor mir stand. —
Er zog sein Taschentuch heraus und wischte sich den Schweiß von der Stirn, dann sagte er:
»Warum wollen Sie mir das antun, gnädige Frau? Sie kennen den Jungen gar nicht, und ich, ich habe ihn lieb.«
»Sie hätten ihn seinerzeit für immer haben können, nun ist es zu spät. Uneheliche Kinder gehören, soviel ich weiß, der Mutter. Und ich gedenke mein Recht geltend zu machen.«
»Aber ich habe ihn adoptiert!«
»Ohne meine Einwilligung!«
»Er wird nicht von mir wollen, haben Sie Erbarmen!«
»Haben Sie Erbarmen gehabt? Ich tue nur, was die Bibel lehrt: Auge um Auge, Zahn um Zahn.«
»So kann Sie nichts von Ihrem Vorhaben abbringen?«
»Nichts! Es ist nutzlos, weiter darüber zu reden. Adieu!«
Er ging. Merkwürdig gebückt, trotz seiner noch jungen Jahre. —
Mir ist so wohl! Es ist ein schönes Gefühl, wenn man so abrechnen kann. — — —
Nur dürfte der Grund zu dieser Abrechnung nicht das Schicksal meines Kindes sein.
Das ist der bittere Nachgeschmack.
Aber das weiß nur ich allein. — —
Ich will heute nachmittag nach Nauheim fahren und alles zur Abreise vorbereiten. Wenn ich meinen Sohn bei mir habe, will ich so bald als möglich nach drüben.
Es ist auf alle Fälle besser, diese Entfernung zwischen ihn und seinen Vater zu legen. —
Mir ist ganz sonderbar zumute, wenn ich mir vergegenwärtige, wie es werden wird.
Wenn er nicht zu mir will? Möglich wäre auch das.
Wie soll er diese so plötzlich aufgetauchte Mutter lieben?
Aber er ist noch jung, ist aufnahmefähig für alles Neue und Absonderliche.
Lou ist fünfzehn Jahre und er achtzehn. —
Achtzehn Jahre! Was hatte ich mit achtzehn Jahren schon alles hinter mir! — —
Die Großeltern gehen mit sonderbar vorwurfsvollen Blicken einher. Sie scheinen nicht mit meinem Tun zufrieden. —
Bis zu seinem zehnten Jahre ist der Knabe hier bei ihnen gewesen.
Ich glaub' es wohl, daß sie ihn ungern hergegeben haben, daß sie nur das Wohl des Knaben im Auge hatten.
Sie können mich nicht begreifen, daß ich ihn nicht dort lasse, wo nach ihrer Meinung sein rechter Platz ist.
Sind es nur Rachegefühle, die mich leiten?
Gilt mir das Wohl meines Kindes nicht in erster Linie?
Wenn ich ganz wahr gegen mich sein will, so weiß ich es selbst nicht einmal.
Ich will mein Kind haben, will es umarmen, herzen, küssen, und fürchte mich doch vor diesem Augenblick.
Das aber weiß ich gewiß, daß mich ein wohliges Gefühl beschleicht, wenn ich an den Schmerz denke, den ich dem Vater dieses Kindes zufüge.
Lou will im Walde bleiben, bis alles fertig zur Abreise ist.
Mich trägt mein Wagen schnell zur Stadt; es ist schön, so schnell zum Ziele zu kommen.
Ich lehne mich im Wagen zurück und lasse meine Augen über die alten, vielhundertjährigen Bäume gleiten. Es träumt sich gut unter euch. Und du wirst still und friedlich ruhen, mein treuer Freund.
Ich aber will dir noch jetzt den Mann erziehen, den du dir für deine Werke so oft gewünscht hast. —
Die Dämmerung zieht herauf. Die Stimmen der spielenden Kinder tönen von der Straße zu mir ins Zimmer.
Selige Tage der Kindheit.
So gut es meine Lou hat, etwas hat sie nicht kennen gelernt.
Diese wundervollen Spiele an lauen Sommerabenden, wenn jeder Augenblick vorm Zubettgehen noch im Spiel mit den Nachbarskindern ausgenutzt wird. —
Auch Millionäre können ihren Kindern nicht alles geben. — —
Nun ist alles erledigt. Ich bin wieder im Walde und erwarte nur noch meinen Jungen.
Großvater ist gestern hingefahren, ihn zu holen.
Schönewald hat an ihn geschrieben, es ginge über seine Kraft, selbst den Jungen aus seinem Hause zu bringen.
Ich will es glauben, es ist vielleicht auch besser so.
Großvater kann ihn wenigstens etwas vorbereiten unterwegs.
Und Lou? Ich muß es ihr endlich sagen, daß sie einen Kameraden bekommt, einen Bruder!
Wird es mir doch zu schwer, das rechte Wort zu finden — —
Nun ist es gesagt! Sie ist doch noch ein rechter Kindskopf.
Sie freut sich! Freut sich unbändig über den Bruder, und fragt nicht nach dem Wie und Wo.
Schon immer hat sie sich einen Bruder gewünscht, mit dem sie Spaziergänge und Streifzüge unternehmen könne.
Es ist gut so. Später, wenn sie vernünftiger ist, werde ich es ihr besser erklären können.
Nun ist er da!
Mein Junge! Mein großer, schöner Junge! Ach, ich bin doch glücklich. So hatte ich ihn mir nicht vorgestellt, so groß und hübsch. Ein rechter Herr schon!
Ach, und gottlob nichts, aber auch gar nichts von dem, was ich gefürchtet. Sein Aussehen ruft mir keine unangenehmen Erinnerungen wach. Dunkelbraunes Haar, schöne Nase, etwas gebogen, und prächtige, dunkle Augen.
Aber so scheu, so ungelenk ist der große Bursche, immer und immer wieder guckt er sich die neue Mutter an. —
Ich war ganz aufgeregt. Ich habe gelacht und geweint, und all meine Ruhe war verflogen. Hätte ich ihn doch schon früher gehabt, meinen Jungen! Wird er sich jetzt noch an mich gewöhnen?
Früher? Aber ich vergesse ja ganz, daß mein Mann von der Existenz dieses Kindes gar nichts hätte wissen dürfen.
So war es also gerade die rechte Zeit. —
Ja, ja, ich finde mich durch mein eigenes Leben bald nicht mehr hindurch.
Morgen reisen wir ab. Ich freue mich diesmal sehr auf die Reise.
Die letzten Tage waren unerträglich.
Der Knabe ist mir fremd, und alle meine Annäherungsversuche waren erfolglos. Noch ist kein gemeinsames Band zwischen uns. Nur mit Lou ist er bereits gut Freund.
Doch ist wenigstens sein Name mir vertraut. Sie haben ihm Großvaters Namen gegeben.
Konrad, ein schöner Name, und so echt deutsch.
Und ich will seinen Träger zum Amerikaner machen!
Ob es mir gelingen wird?
Ich hoffe es, ist er doch noch jung. —
Ich glaube überhaupt, es ist in erster Linie die Freude an der Reise, an dem Unbekannten, die ihn bewogen hat, so rasch und widerstandslos einzuwilligen.
Steckt doch in jedem jungen Menschen der Hang zum Abenteuerlichen.
Mag es sein, ich muß es hinnehmen. Später, im steten Umgang, und drüben, wo er ganz auf mich angewiesen ist, werden wir schon das heimliche Band finden, das uns verbindet.
Es muß gelingen! Es war mir ein unerträglicher Gedanke, die Fabrik und die großen Viehzüchtereien in fremde Hände zu legen, wenn ich einmal gehe. —
Lou? Sie wird heiraten, und ich möchte ihr keinen Mann aufzwingen aus Rücksicht aufs Geschäft.
Ergibt es sich von selbst, daß sie eine passende Heirat macht, dann um so besser; es ist Platz für zwei Herren. —
Auch die großen Weideflächen brauchen Aufsicht, und wir könnten etwas mehr Ruhe walten lassen.
Aber Ruhe in Amerika, und noch dazu in einem Geschäft – das ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit.
Es wäre deshalb doppelt gut, wenn die Arbeit geteilt würde. —
Auf See.
Wieder einmal die goldene Klarheit eines schönen Herbsttages auf See. Die Luft ist mild und wunderbar rein.
Erquickende Tage, erquickende Nächte, noch einmal ist es eine Zeit für mich, von der ich sagen kann, das Leben ist doch lebenswert. —
Der Kinder wegen nehmen wir die Mahlzeiten im großen Salon, was wir in den letzten Jahren wegen meines Mannes Krankheit nie getan haben. Die schön geschmückten Tische, der Luxus der Ausstattung, die harmonisch abgestimmten Farben, das ist stets wie ein Fest.
Wir sitzen am Kapitänstisch, sind also bevorzugt, gewissermaßen. —
Mein Junge kommt aus der Verwunderung gar nicht heraus. Er staunt noch immer die Annehmlichkeiten des Reichtums als etwas Unwirkliches an. Lou ist das gewöhnt, sie nimmt es als selbstverständlich hin.
Was wohl der Kapitän und all die hohen Herrschaften sagen würden, speziell der deutsche Gesandte Graf B., der mir gegenüber sitzt, wenn ich ihnen verriete, daß ich vor nun sechzehn Jahren auf genau solchem Schiff als Stewardeß tätig war?
Das Geld ist doch eine große Macht. — —
Ich kann mich nicht überwinden, ich muß auch diesmal wieder nach alter Gewohnheit des Abends ein Stündchen auf Deck.
Heute abend traf ich Konrad, allein und auf meinem alten Plätzchen. Es berührt mich sonderbar; begegnen wir uns hier in einem Empfinden?
Ich legte den Arm um ihn und sah ihm in die Augen.
Heimweh? Armer Junge! Ich hätte es mir denken können......
»Nächstes Jahr gehen wir wieder nach draußen, mein Junge! Wenn du brav lernst, dann sollst du als Belohnung eine Europareise haben. Auch Lou wird gern wieder mitgehen, meinst du nicht auch?«
Es leuchtete freudig auf in seinem von Tränen verdunkelten Blick.
Ich selbst habe auch den Wunsch, schon nächstes Jahr wieder an mein geliebtes Grab zu eilen. Bin ich doch jetzt, durch die Umstände gezwungen, viel zu früh fortgegangen.
Ich habe mich entschlossen, erst noch einige Wochen in New York zu bleiben. Es ist besser für Konrad, er muß erst einigermaßen die Sprache beherrschen.
Wir haben schon unterwegs nur noch Englisch mit ihm gesprochen. Ich glaube, es wird ihm leicht werden. Nur muß er einen tüchtigen Lehrer haben. Wir beide, Lou und ich, wir sind nicht energisch genug. Wenn er es gar nicht verstehen kann, dann sprechen wir doch immer wieder Deutsch. Am besten ist es aber, wenn er überhaupt kein Wort Deutsch mehr hört.
Ich werde den Doktor aufsuchen, er wird mir raten. —
Nun bin ich doch schon zu Hause. Aus den Wochen in New York sind nur einige Tage geworden. Aber ich bin allein mit Lou, denn Konrad ist in New York geblieben.
Doktor Curtis hielt es für das beste, und ich muß ihm recht geben. Hätte ich doch auch nicht gedacht, daß es sich so wunderschön einrichten ließe. —
Doktor Curtis ist verheiratet, schon seit vierzehn Jahren.
Er hat eine liebe, kleine Frau und ein Töchterchen, das an Ausgelassenheit meiner Lou nichts nachgibt.
Ich habe ihn in alles eingeweiht, was Konrad betrifft. Und er meint, daß es auf alle Fälle besser ist, wenn der Junge erst noch einige Zeit für sich hat. Eine Zeit des Besinnens, der Einkehr.
Er wächst auch leichter in das Fremde hinein, das ihn dort erwartet, wenn er die Sprache schon einigermaßen beherrscht. —
Ich bin zuweilen voller Hoffnung für die Zukunft, zuweilen bin ich wieder ganz mutlos. —
Und doch – war der Abschied von meinem großen Jungen nicht ganz vielversprechend? Kann ich mehr verlangen? — —
Ich will arbeiten, dann vergehen die Grillen. Zu lange hat der Herr gefehlt, ich muß viel nachholen. —
Nach dem Westen will ich erst, wenn Konrad hier ist, es soll mein erstes Alleinsein mit ihm werden.
Lou muß diesmal in Chikago bleiben, obgleich sie für ihr Leben gern in den Ranchos herumwirtschaftet; sie muß diesmal verzichten.
Ich muß die Gelegenheit wahrnehmen, um endlich das Vertrauen meines Jungen zu gewinnen. —
Auch im Betrieb habe ich bereits vorgearbeitet. Den alten Thomas habe ich ins Vertrauen gezogen. Es schien mir, als ob er im Anfang etwas verstimmt sei, doch es wird sich geben, er ist ein treuer Diener.
Auch ihm ist am letzten Ende ein Herr lieber als mehrere.
Und was wäre uns schließlich weiter übrig geblieben als eine Aktiengesellschaft? Denn ganz will ich meine Kräfte nicht aufreiben und ich möchte auch gern endlich an die Verwirklichung meiner lange gehegten Pläne gehen. —
Nun ich allein bin, komme ich erst wieder so recht zu mir selbst und denke die letzten Monate noch einmal in Ruhe durch.
Der Tod meines Mannes – es ist, als ob schon eine Ewigkeit seitdem verflossen wäre.
Zuweilen bin ich über mich selbst verwundert, daß mich das alles nicht tiefer getroffen hat.
Gewiß, es war mir sehr schmerzlich, es hat sehr wehgetan, ein Stück meines besseren Ich ist von mir gegangen. Und doch – ich meine, andere Frauen empfinden viel tiefer, sind viel untröstlicher. Ich glaube, in mir ist eine Saite zerbrochen, die nie mehr klingen kann. —
Es ist schade, man wird so hart und liebt die Menschen so wenig. Die Menschheit im allgemeinen will ich damit sagen – denn im besonderen habe ich einige recht innig in mein Herz geschlossen.
Und doch muß ich noch zufrieden sein. Denn besser hart und kalt als untergehen im Sumpf. —
Ich habe eine lange Pause in meinen Aufzeichnungen gemacht. Monate sind seitdem vergangen, nun bin ich mit Konrad im Westen.
Ich freue mich über meinen Entschluß, hier geht das Herz des Jungen so recht auf. —
Heimweh und Fremdheit sind verschwunden, das Kind hat sich zur Mutter gefunden.
Wenn wir abends nach stundenlangem Umherstreifen müde und hungrig in unser Blockhaus kommen, wo uns ein einfaches, aber leckeres Mahl erwartet, dann sind wir so glücklich, daß wir mit keinem Könige tauschen möchten.
Am meisten freut sich Konrad über die schöne Büchse, die ich ihm geschenkt. Er ist schon so geübt und ein so passionierter Jäger, daß ich manchmal glaube, er würde am liebsten immer hier bleiben. Aber das geht nicht. Chikago bleibt vorläufig die Hauptsache.
Nur manchmal einige Wochen der Erholung hier im Westen, das will ich ihm versprechen. —
Ein Jahr ist Konrad nun schon bei uns, und, Gott sei Dank, er scheint nicht mehr nach Hause zu denken, wenigstens sagt er nie etwas davon.
Wir kommen sehr gut miteinander aus. Natürlich ist das Verhältnis nicht so, wie zwischen mir und Lou, das kann ich auch nicht verlangen, aber ich darf zufrieden sein. — —
Heute kam ein Brief vom Großvater mit einer Einlage, einem amtlichen Schriftstück. Konrad muß Soldat werden. Wer hätte daran gedacht? —
Was nun?
Ich will zum Konsul gehen, er wird mir helfen. — —
Es ist alles nicht so schlimm. Der Junge hat zum Glück sein Einjährigenzeugnis, braucht also nur ein Jahr zu dienen.
Er läßt sich nun noch vorläufig zwei Jahre zurückstellen und fährt dann im August oder September hinüber, damit er im Oktober eintreten kann. Er ist jetzt neunzehn Jahre, also auch noch jung genug, wenn er mit zweiundzwanzig Jahren wieder zurückkommt.
Es ist gut, daß er als Einjähriger dienen kann; im anderen Falle hätten wir doch wohl vorgezogen, nicht auf die Zuschrift zu antworten. Besser ist es natürlich so, dann ist ihm wenigstens später der Aufenthalt in Deutschland zu jeder Zeit gestattet.
Lou macht die Sache am meisten Spaß.
Es ist ihr ganz was Neues, daß ihr Bruder Soldat sein soll, und sie will ihn durchaus besuchen während seiner Dienstzeit.
Dieser Wunsch soll ihr erfüllt werden. Nach Ablauf seines Dienstjahres werden wir uns unseren Jungen wieder holen.
Schon lange habe ich Sehnsucht nach dem stillen Plätzchen unter den dunkeln Tannen. Nur die Arbeit hält mich zurück. —
Zwei Jahre später.
Nun ist Konrad schon seit Wochen fort, und wir merken beide so recht, wie sehr wir ihn lieben, wie sehr er uns fehlt.
Sogar der alte Thomas stöhnt zuweilen und sagt: »Wenn doch der junge Herr erst wieder hier wäre! He is the smartest young chap, I ever saw.«
– Das will gewiß viel sagen. —
Den 10. Juli.
Wir sind schon auf der Reise, wir können es gar nicht mehr erwarten, wir müssen unsern Jungen besuchen.
Lou zumal ließ keine Ruhe mehr.
»I should like to see the boy in this funny uniform« ist ihr ständiger Ausspruch.
Er dient in Hannover, und ich freue mich, die Stadt bei dieser Gelegenheit kennen zu lernen. —
Meine Lou ist eine erwachsene junge Dame geworden, und ich habe es beinahe nicht bemerkt.
Es wird mir schwer, mich darein zu finden, für mich ist sie noch immer das Kind, mein kleiner Liebling, mein Wildfang. —
Aber was hilft es mir? Sie ist neunzehn Jahre, und ich denke mit Schrecken daran, daß eines Tages ein Mann kommt und sie mir fortnimmt.
Elternlos! Man zieht die Kinder für andere groß, um im Alter einsamer zu sein als je zuvor. —
Ich werde in Cherbourg den Dampfer verlassen und mich einige Wochen in Paris aufhalten. Wir müssen neue Kleider haben, damit mein Junge mit seiner Schwester Staat machen kann. Und für Lou will ich eine gewandte Zofe engagieren, die auch mir etwas behilflich sein kann. Meine alte Hannah wird zu steif, ich konnte sie diesmal gar nicht mitnehmen. Ich muß die alte, treue Seele sowieso etwas entlasten. Wenn wir nach Hannover kommen, muß Lou als vollendete Dame auftreten, und diese Französinnen verstehen ihr Geschäft. — —
Das Wiedersehen zwischen Konrad und uns beiden war sehr herzlich.
Gott sei Dank, der Junge hat mich doch lieb!
Kein Gedanke daran, daß er wieder in Deutschland bleiben möchte, wie ich oft im stillen befürchtet.
Nun kann ich ruhig sein, dies war der Prüfstein. —
Wir haben es gut getroffen. Das Regiment, bei dem Konrad dient, hat irgendeine Gedenkfeier. Es gibt allerlei Festlichkeiten und Aufführungen, und Konrad freut sich, seine schöne Schwester überall zeigen zu können. —
Lou ist natürlich ganz Feuer und Flamme.
Ich selbst bin davon weniger erbaut, doch ich muß dem Kinde auch etwas gönnen; habe ich doch drüben viel zu zurückgezogen gelebt.
Ich wollte Lou recht lange ihre Kindheit erhalten.
Wenn ich daran denke, was ich in dem Alter hinter mir hatte, dann überläuft's mich heiß und kalt.
War ich denn das wirklich?
Ich wollte, es wäre ein Traum gewesen. —
Konrad ist befördert worden. Ich verstehe nicht viel davon, aber hier scheinen sie ja großes Gewicht auf diese Auszeichnung zu legen. – Es hat wenig Zweck, aber mag es sein, den Jungen freut's. —
Alle die Einladungen und Festlichkeiten habe ich gestern mit einem Diner im Bristol erwidert.
Einige Kameraden, die Konrad besonders nahegetreten waren, einige Offiziere des Regiments mit ihren Damen und sogar der Herr Oberst waren erschienen. —
Wir sind ja Amerikaner, und anscheinend schweben unsere paar Millionen tausendfach vergrößert um uns.
Ich könnte mir sonst die übergroße Liebenswürdigkeit von allen Seiten nicht erklären.
Alles ist sehr gut gelungen. Der Wirt hatte alles aufgeboten, da ich ihm in pekuniärer Beziehung keinerlei Beschränkung auferlegt hatte. —
Und doch bin ich verstimmt heute.
Lou ist wie ausgewechselt in den letzten Wochen. Ich fürchte, ich fürchte, es hängt mit dem Oberleutnant von Foltmer zusammen. — —
In aller Frühe schon kam ein Strauß dunkelroter Rosen. —
Ich weiß, was diese Rosen für eine Sprache reden.
Mir rufen sie die Jahre der Vergangenheit mit Allgewalt zurück.
Lou selbst wurde wie ein Röschen so rot. Es ist Zeit, daß wir abreisen, ehe es zu spät ist. —
Hätte ich nur nicht versprochen, noch zu dem Feste zu gehen, das der Oberst nächste Woche auf seinem Gut in Wolfshagen geben will. —
Es ist nur dreißig Minuten von Hannover, und es werden sehr viele aus der Stadt dasein. Gewiß auch dieser Foltmer.
Er scheint ja ein ganz netter Mensch zu sein, aber er sollte sich nicht um meine Lou kümmern, dann wäre er mir noch viel angenehmer. Auf alle Fälle werden wir nach dem Fest gleich abreisen.
Ich will das Glück meines Kindes; doch es wäre mir lieber, wenn sie es jenseits des großen Wassers finden würde. — —
Meine Befürchtungen waren nicht unbegründet.
Und der Herr Oberst oder vielmehr seine Gattin scheinen mit den Wünschen des jungen Offiziers vertraut zu sein.
Schon als er Lou den Arm bot, um sie zu Tisch zu führen, sah ich, wie es in ihren Augen aufleuchtete. Bei Tisch konnte ich wenig von ihr sehen; da mich der Oberst zu Tisch geführt, war ich ziemlich weit von ihr entfernt. Als aber die Tafel aufgehoben war, und ich sie zuerst wiedersah, da strahlten ihre großen Augen wie zwei Sonnen.
Glückliches Kind! — —
Ich kam einen Augenblick in Versuchung, den Leuten da zuzurufen, wen sie als hochgeehrten Gast hier in ihrer Mitte hatten. —
Schrecklich! Daß mir in den schönsten Augenblicken meines Lebens immer wieder diese Gedanken kommen.
Es ist wie ein unerträglicher Zwang. — —
Lou schläft noch, doch ich sitze schon seit Stunden hier am Fenster. Wir wollen mit Schluß dieser Woche abreisen. Einen Platz auf dem Dampfer habe ich bestellt, wir werden uns aber erst in Cherbourg einschiffen, um vorher noch ein oder zwei Tage für Paris zu haben. —
Doch schon zu spät!
Als Lou erwachte, flüsterte sie mir verschämt ins Ohr, daß Oberleutnant Foltmer mir heut' früh einen Besuch machen wolle. —
Also doch! Und so rasch!
Das lag nicht in meiner Berechnung.
Soll ich alles widerstandslos gehen lassen, wie es will, oder soll ich ihn gar nicht empfangen?
Doch nein, das darf ich nicht tun. Will ich denn nicht das Glück meines Lieblings? Darf ich es ihr wehren, wenn sie es an der Seite dieses Mannes zu finden hofft?
Ich werde mich eines Tages damit abfinden müssen, daß sie von mir geht. Nicht für uns erziehen wir unsere Kinder. —
Aber es ist trotzdem so schwer, auch wenn ich es mir täglich vorsage.
Ich will mich nicht unnütz quälen, ich will abwarten, was mir der Oberleutnant zu sagen hat.
Es wäre ja immerhin möglich, daß ich mich irre.
Und doch – Lou war sonst so ganz anders.
Das Kindliche, das harmlos Fröhliche ist verschwunden, das Weib in ihr ist erwacht.
Ich werde trotz alledem sehr vorsichtig sein. Ich werde mich nicht überrumpeln lassen. Ich muß wissen, ob der Charakter dieses Mannes Garantien bietet.
Ist es nicht auch möglich, daß die überseeischen Reichtümer ihn locken? Man sagt, daß Offiziere viel Geld gebrauchen können. — —
Meine Lou ist so glücklich, anscheinend ist der Oberleutnant ein tüchtiger Mann; er ist selbst sehr wohlhabend, da fällt wohl von selbst der Gedanke fort, ihn für einen Mitgiftjäger zu halten.
Er ist der Sohn eines Großindustriellen, der erst neuerdings geadelt worden ist.
Ich freue mich, daß er aus denselben Kreisen stammt wie Lou; es paßt besser als wenn er der Abkömmling irgendeines verarmten, feudalen Geschlechts wäre, um nun mit den Millionen seiner Frau sein Wappen neu zu vergolden.
Nur daß ich mein Kind in Deutschland lassen soll, das wird mir schwer.
Ob Foltmer gern Soldat ist? Ob er sich vielleicht entschließen könnte, die glänzende Uniform auszuziehen?
»This funny uniform«, jetzt sagt's der Schlingel nicht mehr. —
Mit der Abreise ist es nun doch nicht so schnell gegangen. Wir haben erst noch einen Besuch bei Foltmers Eltern gemacht. Ich bin mit einigem Widerstreben hierhergegangen, konnte aber auch keinen triftigen Grund für eine Ablehnung finden. —
Mit offenen Armen, äußerst liebenswürdig hat man uns aufgenommen.
Sonderbar, lebten wir hier in Deutschland, so wäre gewiß des Fragens kein Ende gewesen nach der Familie, der Herkunft und so weiter.
Nun wir aber Fremde sind, fragt man uns nicht.
Ich bin, trotzdem ich nie wieder für immer in Deutschland leben möchte, im Herzen gut deutsch geblieben, und da verdrießt es mich doch manchmal, daß der Deutsche alles, was aus dem Ausland kommt, als etwas Besonderes ansieht. —
Im übrigen freue ich mich doch, hierher gekommen zu sein. Wenn der Betrieb auch nicht an die amerikanischen Verhältnisse heranreicht, so muß ich doch gestehen, daß ich gestaunt habe über die Einrichtungen, deren endgültige Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen ist. Aber die Automobilfabrikation ist hier ja auch noch lange nicht so weit wie drüben bei uns. — —
Der Abschied des Brautpaares war recht schwer. Ich habe mich täglich mehr davon überzeugt, daß mein Kind wirklich von Herzen um seiner selbst willen geliebt wird. Was bei diesem lieben, sonnigen Geschöpf ja auch kein Wunder ist.
Am liebsten hätte Foltmer schon jetzt geheiratet.
Aber da war ich unerbittlich. Ein Jahr müssen sie noch warten.
Es wäre überhaupt mein größter Wunsch, daß Foltmer erst einmal zu uns nach Chikago käme, vielleicht ließe er sich dann dazu bewegen, seinen Abschied zu nehmen.
Wir werden sehen. — — – Nach einem kleinen Abstecher in die Heimat zu den Großeltern wollen wir am 28. Oktober mit dem »Kaiser Wilhelm« wieder nach New York. — —
Es ist wie ein Verhängnis auf dieser Reise. Nicht allein, daß mein Liebling, meine Lou, mich verlassen will, hat sich jetzt auch Konrad noch verlobt. Und gerade jetzt, wo ich mich so gefreut habe über seine Heimkehr.
Eigentlich habe ich mir schon in Deutschland Gedanken gemacht über Konrads Sehnsucht nach Amerika, die mir, offen gestanden, etwas unnatürlich war – nun habe ich die Erklärung dafür. —
Helen Curtis war der Magnet. Helen, das Töchterchen meines alten Freundes. —
So leid es mir einerseits tut, daß ich den Jungen, den ich so spät erst gefunden, nun schon wieder an eine andere verlieren soll, so sage ich mir doch auch, daß es sich gar nicht glücklicher hätte gestalten können.
Schon damals, als Konrad im Hause des Doktors gewesen ist, haben sich die ersten Anzeichen der jungen, knospenden Liebe bemerkbar gemacht.
Im vergangenen Jahre, ehe er nach Deutschland fuhr, um seiner Militärpflicht zu genügen, war er noch einige Tage als Gast am Madison Square, und schon damals haben die beiden sich ausgesprochen.
Doktor Curtis ist sehr zufrieden. Er setzt große Hoffnungen in Konrads Können und ist überzeugt, daß er noch einmal einer der ersten Männer unserer Industrie sein wird. —
Schon im Frühjahr möchte Konrad heiraten. Mir ist es etwas zu rasch, aber der Doktor meint, allzu langes Warten sei nicht nach seinem Geschmack. Wenn ich aber triftige Gründe habe, so wolle er sie selbstverständlich respektieren.
Die habe ich nicht, und ich könnte mir auch keine Liebere als Ersatz für meine Lou wünschen als die zierliche, blonde Helen. —
Es gibt Arbeit daheim, und das ist gut.
Wenn Konrad heiraten will, so muß ich zuvor genau wissen, was ich Lou als der Tochter ihres Vaters schuldig bin.
Mein Gerechtigkeitsgefühl läßt es nicht zu, daß ich meinen Sohn, der doch meinem Gatten völlig fremd war, als seinen Erben hier hinsetze.
Ich habe mit Thomas darüber gesprochen, und er billigt meine Ansicht vollständig.
Ist mir doch sogar, als ob er seit der Zeit merklich wärmer gegen Konrad sei.
Ich habe immer das Gefühl gehabt, als empfände er es als ein Unrecht gegen Lou, daß ich Konrad als zukünftigen Herrn hierhergebracht habe. —
Der gute Alte!
Ich habe selbst zu viel Unrecht erlitten, um leichtsinnig mit den Rechten anderer zu spielen.
Lous Anteil soll ihr ungeschmälert werden, und nur das, was mein Rechtsanteil an dem Vermögen meines Mannes ist, soll die Basis bilden, auf der Konrad weiterbauen kann. Habe ich mich nicht in ihm getäuscht, so wird er ganz im Sinne meines Mannes weiterarbeiten und wird in nicht zu ferner Zeit auf eigenen Füßen stehen können.
Vier bis fünf Jahre werde ich noch allein Herrin der Werke bleiben, bis dahin wird es sich gezeigt haben, ob ich mich ohne Sorgen zur Ruhe setzen kann. —
New York, Dezember 1906.
Ich sitze in meinem Arbeitszimmer. Das Haus ist still, wie ausgestorben.
Nach Jahren halte ich mein altes Tagebuch wieder einmal in den Händen.
Erinnerungen! Die lieben Gäste der Einsamkeit.
Sind es auch mir liebe Gäste?
Sie sind es! Aus vollem, aufrichtigem Herzen kann ich es sagen. Die Einsamkeit, die viele Menschen lastend empfinden, mir ist sie eine Erholung; ein köstliches Insichselbstversenken. —
Auch die bösen Erinnerungen meiner frühesten Jugend schrecken mich nicht mehr, obgleich es ein köstlich Ding sein muß, beim Rückblick auf die durchwanderte Strecke nur Gutes und Schönes zu sehen.
Doch ich will nicht ungerecht sein; es ist wohl wenigen beschieden, nur Rosen im Garten des Lebens zu pflücken. —
Als ich vor sechs Jahren am Sterbebette der Großmutter stand – und sie mir sagte: »Du hast alles wieder gut gemacht, mein Kind,« da habe ich mich sehr gefreut. Die Anerkennung aus diesem Munde tat mir wohl.
Auch ich selbst habe das Bewußtsein, daß ich vor dem strengsten Richter bestehen könnte, wenn die Abrechnung kommt. —
Ich wohne nun in New York und widme mich ganz meinen schon lange gehegten Lieblingsplänen, der Bekämpfung des Mädchenhandels. —
Wo fände sich ein dankbareres Feld als gerade hier?
Und doch, es ist schwer zu arbeiten: bei so wenig Entgegenkommen von Seiten der Behörden, besonders der Polizei. —
Ich weiß nicht, wie schlimm es in anderen Großstädten ist, ich weiß nur, daß es hier sehr schlimm ist.
Ich habe jetzt gelernt, daß da, wo ich einst war, noch der Himmel unter diesen Höllen ist.
Ein Gang durch die Bowery, Hell's Kitchen, the Stovepipe und wie diese entsetzlichen Orte alle heißen, hat mir gezeigt, wie schlimm ich es hätte treffen können.
Fürchterliche Zustände herrschen auch in den sogenannten Teehäusern des Chinesenviertels. Das sind die Orte, wo mit Vorliebe halbwüchsige Kinder hinverschleppt werden.
Ein Wesen, das dahinein kommt, findet wohl nie wieder den Weg zurück. —
Mit einem zuverlässigen Detektiv als Führer, in einen Herrenmantel gehüllt, habe ich selbst es gewagt, in ein solches Haus zu gehen, in dem kein Mensch ohne das bestimmte Paßwort Einlaß findet.
Durch einen engen Torweg gelangten wir in einen engen, schmutzigen Hof. Am Ende des Hofes stiegen wir eine steile Treppe hinan und kamen in einen schmalen, niedrigen Gang, der fast ganz dunkel war; nur am Ende brannte eine gedämpfte rote Ampel.
Am Ende des Ganges, da wo die rote Ampel brannte, mußten wir um eine Ecke biegen und anscheinend denselben Weg zurückgehen. Dann, nach einer kleinen Biegung nach rechts, standen wir vor einer schweren eichenen Tür.
In ungefähr Kopfhöhe war eine kleine Klappe in der Tür, nicht größer als zwanzig Zentimeter im Geviert. —
Ich klopfte und wartete.
Da öffnete sich geräuschlos die Klappe, ein verwittertes Gesicht mit scharfen, stechenden Augen wurde einen Augenblick sichtbar, dann, ehe ich noch ein Wort sagen konnte, hatte sich die Öffnung schon wieder geschlossen.
»Lassen Sie mich einmal klopfen,« flüsterte mein Begleiter, »dieser Tsung Lee ist vorsichtig. Er hat sofort gemerkt, daß Sie ein Fremder sind.«
Ich trat zurück und ließ ihn vortreten.
Ein kurzes, dreimal wiederholtes Klopfen wurde hörbar, die Klappe flog auf, einige leise geflüsterte Worte trafen mein Ohr, dann bewegte sich die schwere Tür lautlos in ihren Angeln und wir traten ein. Wir standen in einem Raum, in dem ich im ersten Augenblick gar nichts unterscheiden konnte. Ein ungewisses Dämmer herrschte, und ich hörte nirgends einen Laut. —
»Sie scheinen uns noch nicht recht zu trauen,« flüsterte mein Begleiter. »Man ist hier sehr vorsichtig. Dafür bieten diese Häuser aber auch, was man an keinem Platze der Welt schöner haben kann. Hier findet jeder seine Rechnung. Sogar der — —«
Ein Geräusch ließ ihn verstummen. Wir drehten uns nach der Seite, ein blaßgrüner Vorhang ging auseinander, und dahinter, auf schwellendem Diwan, wie aus der Erde gestiegen, lag, von rosigem Licht umflossen ein Weib, vielmehr ein Kind noch, und streckte die Arme nach uns aus. Ich wollte darauf zutreten um mit dem Kinde zu sprechen, mein Begleiter hielt mich zurück.
»Warten,« flüsterte er, »es kommt noch besser.«
Und es kam besser. —
Die armen Wesen! Ich bin gewiß, nicht ein einziges von all den armen Kindern hat gewußt, was man mit ihm vorhatte, wohin man es bringen würde. Das alte Lied, das alte Leid. —
Wir verließen das Haus auf einem anderen Wege, nicht ohne vorher fünfzig Dollars für den Besuch bezahlt zu haben.
Die ganze Einrichtung dieser Häuser läßt unschwer erkennen, daß es vollständig ausgeschlossen ist für jemand, der wider seinen Willen darin festgehalten wird, zu entkommen.
Auch die Polizei würde nie etwas anderes finden, wenn sie wirklich suchen würde, als eine harmlose Teestube im unteren Stock.
Alles, was nicht gesehen werden soll, wird über die Leiter entfernt.
Aber der Polizei ist all dies bekannt!
Es ist ihr bekannt, daß gerade diese Pesthöhlen in Chinatown das Schlimmste sind, was es in diesem Genre geben kann. Und doch werden sie geduldet.
Ich habe die Aufzeichnungen in meinem Tagebuch noch einmal durchgelesen und, obgleich mein Blut jetzt ruhiger und schwerer durch die Adern fließt, stimme ich auch jetzt noch meinen damaligen Ausführungen zu: Daß ein Hauptteil der Schuld an den unseligen Verhältnissen auf dem Gebiete der Prostitution auf Seiten des Mannes liegt. – Die Konjunktur richtet sich hier, wie überall, nach Angebot und Nachfrage.
Hier allein liegt der Kern des Übels. Würden die Männer jene Häuser nicht so frequentieren, so wäre ihre Existenzmöglichkeit stark beschränkt. Der Mädchenhandel, diese Pestbeule unserer Kultur, müßte naturgemäß von selbst aufhören. —
Nun habe ich so oft die Entgegnung hören müssen: der Mann kann nicht anders, er muß in diese Häuser gehen, will er nicht seine Gesundheit arg gefährden.
Zugegeben, dem wäre so, warum heiratet er nicht, wenn er nicht ohne geschlechtlichen Verkehr leben kann?
Und ist es anderseits nicht wieder eine sehr einseitige Auffassung der Herren, daß auf Kosten ihres Wohlbefindens, auf Kosten ihrer Genußsucht, die andere Hälfte der Menschheit Opfer bringen muß? Wer fragt die unverheiratete Frau danach, ob sie geschlechtlichen Verkehr nötig hat?
Im Gegenteil, sie ist verfemt, ausgestoßen aus der Gesellschaft, wenn sie ihren Sinnen gehorcht.
Und hat doch nur dasselbe getan, wozu der Mann volle Berechtigung hat. —
Aber angenommen, man könnte wirklich nicht ohne öffentliche Häuser auskommen – was ich, wie gesagt, bestreite – so wäre es immerhin das Beste und meiner Meinung nach einzig Richtige, wenn sie verstaatlicht würden.
Man komme nicht mit Einwänden, daß es nicht geht. Es geht alles! Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. —
Natürlich müßten internationale Abkommen getroffen werden, deren wir ja auf allen anderen Gebieten übergenug haben.
Nur auf diesem Gebiet, wo es sich um die Frau handelt, um die eigentliche Trägerin der Zukunft, da ist man lässig.
Würden alle, aber auch alle derartigen Pesthöhlen plötzlich aufgehoben, und diejenigen, die freiwillig ihren Körper den Lüsten des Mannes zur Verfügung stellen wollen, in staatlich verwaltete Häuser gesteckt, wo es keinen Sekt, sondern nur alkoholfreie Getränke geben dürfte, man würde staunen, wie sehr die Unsittlichkeit abnehmen würde.
Hier allein wäre der Weg für die Regierungen, um Abhilfe zu schaffen. Dem Mädchenhandel wäre damit ein für allemal der Nährboden entzogen.
Warum wird dieser Weg nicht beschritten?
Doktor Curtis, mein alter Freund, ist mir ein treuer Helfer in meinen Bestrebungen. Er findet da, wo die Frau nur verschlossene Türen finden würde, immer noch einen Weg.
Der größte Erfolg unserer Bestrebungen, die Aufhebung eines der schlimmsten Nester – des sogenannten Katzenkellers in der unteren Bowery – ist sein Werk.
Wenn die Mächtigen dieser Erde lässig sind, so müssen die Frauen sich selbst helfen, sie müssen kämpfen für diese Ärmsten der Frauen.
— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —
Der sehnlichste Wunsch meiner Jugend hat sich erfüllt. Ich habe die Mittel und auch die Zeit, mich jenen Unglücklichen zu widmen.
Meine Kinder sind glücklich. Bei Konrad durfte ich im vergangenen Frühjahr das erste Enkelchen bei der Taufe halten, und auch mein Liebling, meine Lou, die eine prächtige deutsche Offiziersfrau ist, hat bereits einen Jungen und ein Mädchen. —
Aber sie alle brauchen mich nicht. Ich kann meine Kraft und meine Zeit ungehindert den Unglücklichen widmen, die mich nötig haben.
Wir leben in einer Zeit, in der man von Überkultur redet. Die Nordstaaten haben Millionen geopfert, um die Neger zu befreien. In den Augen der humanen Amerikaner war die geduldete Sklaverei eine Schande.
Was aber sind die allein hier in New York lebenden 35 000 unglücklichen Geschöpfe anderes?
Der farbige Sklave hatte es tausendmal besser als sie.
Ich darf mich nicht allzu tief in diese Abgründe menschlicher Schwächen versenken. Mein ganzes Blut empört sich gegen das unheilvolle System. Nur das Weib kann dem Weibe helfen. Gemeinsam müssen sie vorgehen gegen diese Schurken, die sich in so unerhörter Weise gegen die heiligsten Güter der Menschheit versündigen. Die da Wucher treiben mit Körper und Seele ahnungsloser Geschöpfe. —
Denn sie gehören ja doch zu uns, diese Armen – trotz alledem und alledem. — —
Ende.
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