Irgend etwas passiert ja jede Reise. Auch nette Damen, die den Herren gern gefällig sind, gibt es fast immer dabei, man wird als Stewardeß doch so manches gewahr. —
Ich bin ja nun auch nicht mehr so dumm. —
Diesesmal ist in Nr. 42 eine Jüdin, ein schönes, üppiges Weib, ich möchte darauf wetten, daß der Geigenvirtuose aus Nr. 10 nicht nur zu einer Tasse Tee zu ihr geht, wenn er abends um zehn Uhr immer so rasch ins Zimmer schlüpft. — —
Morgen sind wir da. Ich bin ganz unruhig vor lauter Erwartung, ob ein duftender Gruß da ist.
Dieser böse Mensch bringt mit seinen Rosen meine ganze, mühsam erzwungene Ruhe wieder in Aufruhr.
Was er wohl ist? Ob er ein Geschäft hat? Oder vielleicht Farmer? Das wäre schön! Ich mochte immer gern auf dem Lande sein, nur einmal hatte ich Sehnsucht nach der Stadt. —
Aber was fällt mir denn ein! Ich glaube, ich träume wachenden Auges. Was geht es mich an, was dieser Mann ist?
Aber seine Rosen sind doch schön.
Rote Rosen! Rot wie Rubinen oder wie Blutstropfen, die aus dem Herzen eines liebenden Weibes strömen.
Gleich bei meiner Ankunft wurde mir ein Korb gebracht.
Ich war ordentlich zufrieden als sie ankamen. Als ob ich ein Recht darauf hätte.
Das Herz ist ein sonderbares Ding, die besten Vorsätze wirft es über den Haufen. —
Ich will noch bis Oktober fahren, dann bleibe ich drüben. —
Ich werde auf dieser Reise einmal zu den Pfarrersleuten gehen in der II. Avenue; die sind lange im Lande, über dreißig Jahre, die werden mir gewiß raten.
Bis jetzt war ich noch nicht ein einziges Mal in New York; es war mir immer noch etwas unbehaglich bei dem Gedanken. Nur Hoboken und der Kirchhof auf dem Berge, das waren meine Ausgehziele.
Nach Werners Grab mochte ich die letzte Zeit gar nicht. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. – Ich habe immer das Gefühl, als ob Werner es wissen müßte, daß ich ihm untreu war, wenn auch nur in Gedanken. Doch wenn er es weiß und als verklärter Geist oder als Astralkörper um mich ist, dann wird er auch mein Inneres kennen, wird die Leidenschaften und Triebe verstehen, die die Natur in mich gelegt – und mir verzeihen. —
Der Rechtsanwalt ist diese Reise wieder hier.
Er kam gleich auf mich zu, als die Passagiere ankamen, und schien sich wirklich zu freuen.
Es kann ja sein, daß er ein ganz guter Mensch ist und absolut nichts Böses mit mir im Sinne hat, aber nach meiner schlimmen Erfahrung von damals sehe ich beinahe in jedem männlichen Wesen einen Schuft. —
Wir haben auch schon wieder allerlei Passagiere nach drüben zu, da die Heimkehr der Vergnügungsreisenden bereits wieder einsetzt. —
Abends elf Uhr.
Ich habe wieder einmal ein Stündchen auf meinem Lieblingsplätzchen gesessen. Wir haben so wunderbar schönes, klares Wetter, daß man meint, die hellen, leichten Wölkchen, die da und dort eilend am Himmel hinziehen, wären von der Hand eines gottbegnadeten Künstlers auf diesen durchsichtigen Hintergrund gemalt.
Mit sehnsüchtigen Blicken folgen ihnen meine Augen.
Was drängt und treibt in meiner Brust? Wo liegt für mich die Zukunft? Die Zukunft und das Glück?
Wenn ich nur nicht mehr so gar jung wäre! Wie ruhig und zufrieden ist meine Kollegin, sie freut sich, wenn sie so viel verdient, daß sie gut für ihre Kinder sorgen kann, weiter gehen ihre Wünsche nicht. Wäre ich wenigstens vierzig Jahre alt. Vierzig Jahre! Eine lange Wegstrecke liegt vor mir bis dahin. Werde ich sie allein zurücklegen oder –?
Die Luft ist klar und rein, ich aber stehe wie in einem dicken, undurchdringlichen Nebel.
Was verbirgt er vor mir? —
Geh schlafen, Lotte, geh schlafen! Was hilft dein Grübeln über Jugend und Alter, solange noch das Blut heiß und verlangend durch die Adern pulst.
Ach, es ist schwer, den ruhig abgemessenen Schritt der reiferen Jahre zu wandern. — —
Mr. Turner, der Rechtsanwalt, bat mich heute, ihm einen Tag zu bestimmen, an dem ich mit ihm ausgehen wolle.
Ich habe ihm gesagt, ich ginge nicht mit fremden Herren spazieren.
Er machte mir darauf den Vorschlag, noch jemand von Bord mitzunehmen, falls ich nicht mit ihm allein gehen wolle.
Wir sollten bei ihm zu Mittag essen und Nachmittags würden wir eine schöne Ausfahrt machen, in den Centralpark oder nach Coney Island hinüber. Da hätte ich nun wirklich Lust. Von Coney Island habe ich schon so viel gehört. – Aber wen soll ich mitnehmen?
Ich muß mal mit meiner Kollegin sprechen. —
Gestern abend hatten wir ein tragikomisches Erlebnis in der zweiten Kajüte. Im zweiten Salon war Konzert; ich ging über den Vorplatz, um noch einige Minuten auf Deck zu gehen; da wurde gerade der Brautchor aus Lohengrin gespielt.
Ich blieb an der Treppe stehen und hörte zu. Da kam eine Dame aus dem Salon und verwickelte mich in ein Gespräch; wir setzten uns auf das Sofa und plauderten immer weiter.
Im Salon wurde mittlerweile ein Gassenhauer oder so etwas Ähnliches gespielt, bei dem die Musiker mitsangen. Am Schluß kam immer der Refrain: Aujust, sollst mal runter kommen! Aujust! Aujust! —
Neben dem Salon am Fuße der Treppe liegt auf der Backbordseite die Herrentoilette. —
In dem Augenblick als im Salon das Singen aufhörte, flog die Tür zur Toilette auf; der Rechtsanwalt, notdürftig sein Beinkleid mit den Händen haltend, stürzt angsterfüllt einige Stufen die Treppe herauf auf uns zu und stammelt: »Feuer? Feuer im Schiff?« Dann brach er zusammen.
Im ersten Augenblick verstand ich nicht, was los war, dann begriff ich den Zusammenhang. —
Aujust – Feuer. So hatte er mißverstanden.
Der arme Kerl, er schämte sich hernach seiner Furcht, und am andern Tage war er ganz krank, er hatte einen richtigen Nervenchock gehabt. Der Vorfall kam auch vor den Kapitän, und in Zukunft dürfen solche Sachen nicht mehr gespielt werden. Obgleich die Passagiere, wenn sie in Stimmung sind, immer gerade diesen Blödsinn haben wollen. — —
Mr. Turner ist wieder wohlauf. Zuerst schien es ihm ein wenig peinlich zu sein, daß ich ihn in dieser Verfassung gesehen, aber am zweiten Tage hatte er sein ganzes Selbstbewußtsein wiedergefunden. Er läßt nicht nach mit Bitten, einen Tag mit ihm auszugehen. —
Frau Martens, meine Kollegin, will mich begleiten, und außerdem will unser Kapellmeister, der ein Landsmann von Frau Martens ist, auch noch mit.
Er sagte zwar zu mir: »Wenn der Mensch etwas Böses im Schilde führt, nützt unsere Begleitung auch nichts. Wenn er mit Ihnen allein sein will, braucht er bloß einen Schutzmann anzurufen und ihm zu sagen, daß wir ihn belästigen, und sofort werden wir beide mitgenommen. Der Rechtsanwalt gibt seine Adresse an, und der ehrenwerte Hüter des Gesetzes weiß, daß er am anderen Tage ein schönes Geschäft macht. —
Uns beide lassen sie nach einigen Stunden laufen, sie haben sich dann eben geirrt.« —
Ja, ja, in Amerika wird alles gemacht. — —
Wir gehen doch! Der Kapellmeister ist schon öfter in Coney Island gewesen und sagt, es sei sehr interessant. Und ich möchte zu gern mal hin. Seit ich hier an Bord bin, war ich noch nicht ein einziges Mal an Land, außer auf dem Kirchhof. Auch da will ich hin in diesen Tagen. Ich muß zu Werner, um in seiner Nähe meine Gefühle zu prüfen. Ich bin über mich selbst in Unruhe.
Acht Monate sind es her, seit Werner tot ist; ich dachte damals, ich würde nie wieder lachen können, würde nie wieder an ein Vergnügen denken, und jetzt?
Ich schäme mich manchmal meiner selbst. —
Heute, am Ankunftstag, war auch wieder ein Korb Rosen für mich da. Ich hatte beinahe nicht daran gedacht über all dem Ankunftstrubel. —
Wir hatten einen Ausreißer an Bord und wußten nichts davon. Erst als bei Sandy Hook Bundesmarschall Bernhard an Bord kam, erfuhren wir, was wir für interessante Ladung gehabt hatten.
Einen Bankdirektor mit seiner Geliebten.
Dieser Bernhard ist ein schrecklicher Spürhund, er hatte die beiden sofort.
Der Herr, der unter anderm Namen in die Passagierliste eingetragen war, wurde leichenblaß, als Bernhard ihn plötzlich ganz jovial mit seinem rechten Namen anredete. Er tat mir ordentlich leid.
Nun müssen beide wieder mit zurück, aber dieses Mal nicht in der ersten Kajüte. — —
Ich habe erst heute, nachdem wir schon wieder zwei Tage auf See sind, einige Minuten Zeit, ein wenig mit dir zu plaudern. —
Ich bin also wirklich mit Mr. Turner ausgewesen. Frau Martens und der Kapellmeister sind mit mir gegangen.
Mr. Turner holte uns am Ferryboot ab und ging erst mit uns nach dem Hoffmannhaus, wo wir ein Glas Wein tranken. Dann rief er ein Auto und fuhr mit uns durch den Park. —
Ich wäre furchtbar gern mal den Broadway hinauf gefahren und hätte nach dem Hause gesehen, aber ich wagte nicht, etwas davon zu sagen.
Wer weiß auch, ob ich es gefunden hätte. Ich bin bei Nacht heraus, ich weiß nicht mal, wie es aussieht. —
Nach der Fahrt haben wir dann am oberen Broadway gegessen; geluncht, wie man hier sagt.
Mittags um eins lunchen sie und abends um sechs essen sie zu Mittag. —
Nachdem fuhren wir hinüber nach Coney Island.
Mr. Turner war sehr nett und ganz anständig zu mir. Aber – aber – ein Wolf im Schafspelz ist er doch. —
Unterwegs hat er mir erzählt, er habe keine Frau, und nun ist er doch verheiratet, deshalb hat er auch im Restaurant mit uns gegessen. Er sagt natürlich, er lebe schon seit Jahren getrennt von seiner Frau, innerlich seien sie schon längst geschieden und nur der Kinder wegen dränge er auf keine öffentliche Scheidung.
»Bis jetzt ist es mir auch gleichgültig gewesen,« sagte er im Laufe des Gesprächs. »Aber seit ich Sie gesehen, drückt mich die Fessel. Noch nie habe ich ein Weib gekannt, das all meine Sinne und Gedanken so gefangen genommen hat wie Sie. Könnten Sie mich lieben? Könnten Sie vergessen, daß ich kein freier Mann bin, und könnten Sie trotzdem Ihr Geschick in meine Hände legen? Ich würde alles für Sie tun!«
»Wie meinen Sie das? Sie sagten doch selbst, daß Ihre Frau noch lebt.«
»Ich sagte Ihnen doch, heiraten kann ich Sie nicht, so gern ich auch möchte. Aber trotz alledem, Sie sollen leben wie eine Fürstin, wenn Sie mich nur ein klein wenig wiederlieben.........
Ich bin reich, reicher als die Welt vermutet. Sie sollen alles haben, was Ihnen das Leben angenehm machen kann. Reisen, Schmuck, Toiletten, eine reizende kleine Wohnung, und nichts anderes sollen Sie mir dafür geben als sich selbst, Ihren schönen jugendlichen Körper, Ihre Liebe.«
– Nichts anderes?!! – Ah!
»Und Ihre Frau?«
»Oh, meine Frau!« sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Was geht sie mich an? Ich gebe ihr genug, daß sie ein vornehmes Leben führen kann, mehr verlangt sie nicht von mir. Das einzige, was mich an unser Haus fesselt, sind die Kinder. Keinen Augenblick würde ich mich besinnen, meine Ehe zu lösen, wenn die Kinder nicht wären.« — —
Er sprach gut, der Herr Rechtsanwalt, und vielleicht hätte er Erfolg gehabt, hätte eine andere neben ihm gesessen, ein harmloses, dummes Ding. Aber so!
Doch es hieß vorsichtig sein, ihn nicht vor den Kopf stoßen, damit unser schöner Ausflug nicht mit einem Mißton endete. —
Frau Härtens und Herr Lünsberg saßen auf der andern Seite des Fährbootes – wir waren auf der Rückfahrt von Coney Island – und unterhielten sich; sie ahnten nicht, was Herr Turner für wunderschöne Luftschlösser vor mir aufbaute.
»Sie sind sehr liebenswürdig, Herr Turner. Aber Sie werden verstehen, es ist eine Sache, die überlegt sein will. Geben Sie mir eine Reise Bedenkzeit, ich will mit mir zu Rate gehen, es ist doch immerhin eine einschneidende Frage, die Sie da an mich stellen.«
»Gewiß, gewiß, das kann ich verstehen. Nur sagen Sie mir das eine, lieben Sie einen andern Mann?«
»Nein,« sagte ich mit voller Überzeugung, »ich liebe keinen Lebenden. Der einzige, den ich geliebt, der liegt drüben in Jersey City unterm kühlen Rasen.«
Er schwieg einen Augenblick, die Erinnerung an den Tod war ihm wohl etwas unbehaglich. Dann fuhr er rasch fort:
»Dann bin ich beruhigt. Wenn mir sonst nichts im Wege steht, werden Sie mich lieben lernen. Ich werde so gut zu Ihnen sein, daß Sie gar nicht anders können.«
Ich schwieg. Was sollte ich darauf erwidern? Mochte er glücklich sein in dem Gedanken. —
Als wir in New York ankamen, war es bereits neun Uhr. Doch Mr. Turner in seiner frohen, siegesgewissen Stimmung ließ uns noch nicht los. Wir mußten noch mit ihm dinieren. Er fuhr uns zum Atlantic-Garden, einer kleinen Oase in dem Steinmeer der Großstadt, und da haben wir noch ein paar wirklich vergnügte Stunden verlebt.
New York kann also auch schön sein, wenn man es in der rechten Gesellschaft und in der rechten Beleuchtung sieht. —
Unser splendider Gastgeber ließ ein Menü zusammenstellen, das sich essen ließ. Dazu einen wirklich guten Chambertin. —
Wir waren alle in bester Stimmung, unser Kapellmeisterchen hatte sogar einen regelrechten kleinen Spitz.
Alle unsere guten Vorsätze waren vergessen, und wenn jetzt der Rechtsanwalt etwas Böses im Schilde geführt hätte, wäre es ihm nicht schwer geworden, es auszuführen. —
Aber er selbst war viel zu selig, zweimal selig: vom Wein und von der Liebe. — —
Es war ein schöner Tag, ich kann nicht anders sagen, und es hat mich nicht gereut, mitgegangen zu sein. Die Arbeit geht noch einmal so gut von der Hand, wenn man dazwischen auch einmal ein wenig Vergnügen hat. Schwarzbrot allein schmeckt auch nicht immer. —
Wir haben zur Heimreise das Schiff nicht mehr sehr voll; im August flaut es immer stark ab. Auf der nächsten Ausreise werden wir dafür um so mehr Passagiere haben; sicher sind auch alle Offizierszimmer vermietet. —
Ob wohl Mr. Siegel mitkommt? Ob er noch einen Platz erhalten hat? Ich muß doch sehen, daß ich so bald wie möglich eine Passagierliste bekomme. —
Ich bin wirklich neugierig – nur neugierig. — —
Ich will froh sein, wenn diese Reise zu Ende ist. Ich habe eine Unruhe in mir, die mich kaum schlafen läßt. —
Ist es die Ahnung vor etwas Unbestimmtem?
Wenn ich jemand hätte, der mir nahe stünde, so würde ich fürchten, es sei etwas passiert, aber so? Wessen Geschick geht mich etwas an? Nur mein kleiner Pit freut sich auf mein Kommen, sonst niemand. — —
Der übliche Rosenstrauß erwartete mich, aber kein Wort, ob er kommt. Ich bin so erregt, daß ich gar nicht weiß, wie ich die Tage hinbringen soll.
Warum beunruhigt mich dieser Mann so mit seinen Blumen?
Eine leichtsinnige Tändelei sieht ihm nicht ähnlich.
Dieser breitschultrige, kräftige Mann mit den scharfen Zügen hat mir nicht den Eindruck gemacht, als ob er seine Zeit mit Nichtigkeiten hinbrächte.
Wäre es doch schon Mittwoch! Die Tasche habe ich noch nicht ein einziges Mal gebraucht, wann sollte ich auch? Noch bin ich in Trauer um meinen Gatten, und meine schwarzen Kleider vertragen keine so prunkvollen Beigaben. — —
Morgen fahren wir ab. Ich bin in einer Unruhe, für die ich mir selbst am liebsten die Erklärung schuldig bliebe.
Ich kann nicht sagen, daß ich mich glücklich fühle, im Gegenteil, mir ist ganz miserabel zumute. --
Ich habe mir die Passagierliste beim Obersteward durchgesehen, sein Name ist nicht darin. —
Aber was geht es schließlich auch mich an, mit welchem Schiff Mr. C. W. Siegel aus Chikago nach Hause fährt.
Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten, Lotte, und schäme dich! Jawohl, schäme dich! Schreib' es ruhig nieder, damit du es schwarz auf weiß vor dir hast. Gefällt es dir? Ganz ohne beschönigendes Mäntelchen? Denkst schon wieder an einen Mann und läßt dich durch den Gedanken an ihn beunruhigen, noch ehe dein Gatte ein Jahr tot ist!
Er, der so gut zu dir war und den du nie vergessen wolltest! —
Gewiß, ich schäme mich. Aber gibt es nicht doch eine Entschuldigung für mich? Ist es nicht natürlich, wenn ich in meinem Alter den Wunsch habe, noch einmal wieder in andere Verhältnisse zu kommen. Und daß ich dies nur an der Hand eines guten, starken Mannes kann, weiß ich jetzt. Hätte ich etwas Tüchtiges gelernt, dann wäre es etwas anderes, aber so?
Ich möchte recht stark und selbständig sein. Ein Weib wie Katharina die Zweite oder, um in der Jetztzeit zu bleiben, wie Henriette Goldsmith. Zielbewußt und kraftvoll.
Vielleicht werde ich es noch. Schicksal und Schicksalsschläge schmieden Charaktere.
Und ich will mir Mühe geben, ein ganzer Mensch zu werden. —
Die Männer sind besser daran als wir Frauen, schon von klein auf wird mehr Selbstbewußtsein in sie hineingepflanzt. —
An uns rächt sich die alte Vernachlässigung. —
Nur ein Mädchen!
Ich habe mir immer gewünscht, ein Mann zu sein, nun will ich mein Bestes tun, um ein kraftvolles, selbstbewußtes Weib zu werden. —
Er ist doch da. Und ich habe mich gefreut, als ich ihn das Fallreep heraufkommen sah, als ob mir Gott weiß was widerfahren wäre. —
Wenn ich mir selbst Rechenschaft ablegen sollte, warum ich mich so gefreut, so kann ich es nicht sagen, und doch ist es so; dich, mein kleines Buch, brauche ich ja nicht zu belügen.
Es war mir, als würde ein Druck von meinem Herzen genommen.
Auch seine Augen leuchteten auf, ich sah es wohl, bin dann aber rasch nach unten gegangen in mein Zimmer.
Mittags ein Uhr gingen wir in See, und jetzt ist es vier Uhr.
Ich habe eine abergläubische Furcht, aus der Kabine zu gehen, und doch muß ich mich jetzt nach meinen Passagieren umsehen. Also geh' an die Arbeit, Lotte, wovor fürchtest du dich? Fürchtest du dich vor etwas, das du herbeigesehnt?
Das Herz ist ein sonderbares Ding, es will oft ganz etwas anderes als – als – Lotte, Lotte – sag' ruhig die Wahrheit. —
Mr. Siegel hat meine Gewohnheit nicht vergessen.
Nachdem ich ihn den ganzen Nachmittag nicht gesehen, stand er auf Deck, als ich etwas nach neun Uhr nach oben ging. —
Um die Wahrheit zu sagen – ich hatte es erwartet. Es wäre widersinnig gewesen, wenn er mich nicht gesucht hätte. —
Die Rosengaben wären dann nur einer Laune entsprungen, und danach sieht er mir nicht aus. —
Als ich die Treppe zum Bootsdeck heraufkam, war ich vom Licht noch etwas geblendet und konnte die dunkle Gestalt an der Ecke des Skylights nicht gleich entdecken. —
»Guten Abend, Frau Lotti,« scholl eine gedämpfte Stimme aus dem Halbdunkel.
Ich war im Augenblick doch etwas erschrocken.
»Oh! Sie sind es, Mr. Siegel! Wie geht es Ihnen?«
»Ausgezeichnet! Und Ihnen? Haben Sie zuweilen an mich gedacht?«
»Dafür haben Sie ja gesorgt. Ich muß mich wohl bedanken für die schönen Blumen – aber – warum haben Sie das getan? Warum —«.
»Warum? Das fragen Sie noch? Aber ich will es Ihnen erklären, wenn es einer Erklärung bedarf, wenn Ihnen Ihr Herz nicht selbst die Antwort gibt. Sagen Sie mir die Wahrheit, Frau Lotti, muß ich Ihnen wirklich mein Tun mit dürren Worten erklären?«
Ich wurde über und über rot, es war gut, daß es dunkel war, so sah er meine Verlegenheit nicht. Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte.
Es ist schrecklich! Vorläufig bin ich noch weit von meinem Ideal entfernt. —
Mr. Siegel fuhr fort: »Sagen Sie mir nur das eine: Haben Sie zuweilen an mich gedacht?«
»Das mußte ich schon. Ihre schönen Rosen sorgten dafür, daß ich den Spender nicht vergaß.«
»Und haben sie Ihnen Freude gemacht?«
»Gewiß, das heißt bedingungsweise. Um die Wahrheit zu sagen, haben sie mich mehr beunruhigt als erfreut. Kurz und gut – Sie hätten es nicht tun sollen, Mr. Siegel.« —
Ich hatte meine Verlegenheit überwunden und sprach nun ruhig und sachlich.
Einen Augenblick schwieg er und sah mich forschend an, dann sagte er kurz und ohne Umschweife: »Wollen Sie meine Frau werden?«
Das war kurz und bündig.
Einen Augenblick blieb es still zwischen uns, dann sagte ich langsam: »Wissen Sie denn auch, wen Sie zu Ihrer Frau begehren?«
Einen Moment stutzte er, dann sagte er: »Ich frage nicht nach dem Woher. Ich verlasse mich auf meine Augen und auf meinen Instinkt. Ich habe mich bis jetzt noch nie geirrt, wenn ich mir jemand für eine wichtige Sache ausgesucht habe. Ich nehme auch hier die Verantwortung auf mich.«
»Und daß ich nach Woher und Wohin fragen könnte, daran denken Sie wohl nicht? Leiden Sie auch an der allgemein verbreiteten Einbildung der Herren, wonach ein Weib froh sein muß, wenn ein Mann es begehrt?«
»Aber, teure Frau, Sie tun mir unrecht. Im Gegenteil, ich würde es als ein ganz unerhörtes Glück betrachten, wenn Sie mich nur ein wenig, ein ganz klein wenig lieben könnten. Und alles, was Sie über meine Person wissen müssen, das sollen Sie erfahren.
Ich bin kein Mann von vielen Worten, aber das muß ich Ihnen sagen: vom ersten Sehen an stand es bei mir fest: Die soll es sein. – Ich glaube, Sie können ein guter Kamerad sein, Frau Lotti! Nicht wahr?«
Ich stand wortlos da.
Was sollte ich sagen? Hier war Erlösung aus dem jetzigen Verhältnis. Aber – noch liebte ich diesen Mann nicht, so sehr ich mich auch auf ihn gefreut hatte. Noch liebte ich ihn nicht, das war mir klar. Er ist mir sehr sympathisch, er hat ein schönes Organ, und überhaupt sein ganzes Wesen ist mir überaus angenehm.
Er ist nicht hübsch, kein sogenannter schöner Mann. Aber das ist auch nicht nötig; meist sind schöne Männer unausstehlich eitel. —
»Haben Sie keine Antwort für mich, Frau Lotti?« fragte die Stimme neben mir.
»Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Geben Sie mir Zeit. Und dann – Sie wissen, daß mein Mann erst seit elf Monaten tot ist, ich habe ihn sehr geliebt.«
»Ich weiß es. Ich bin nicht eifersüchtig auf den Toten. Ich gönne ihm gern Ihr schmerzliches Gedenken. Sie selbst aber gehören dem Leben, dem roten, leuchtenden, vollpulsierenden Leben.«
Er griff nach meiner schlaff herniederhängenden Hand und drückte einen feurigen Kuß darauf.
Hastig zog ich sie zurück.
»Lassen Sie mich jetzt allein, Mr. Siegel. Ich muß noch ein Stündchen allein mit dem Meere sein. Morgen, übermorgen, sprechen wir weiter darüber.«
»Lassen Sie mich nicht zu lange warten, teure Frau. Ich warte, warte mit Ungeduld.«
Als er gegangen, lehnte ich mich über die Reeling und sah in das schäumende Wasser. Wie Myriaden kleiner Fünkchen brach es sich in den Wellen am Bug des Schiffes. —
Auch das Meer hat seine Sterne! Oder sind es Sterne, die vom Himmel gefallen sind?
Gefallene Sterne?
Gefallene Sterne – und doch leuchten sie noch.
Könnte ich es als Sinnbild betrachten! Als Sinnbild meines Lebens?.........
Was für eine Antwort werde ich diesem Manne geben? Was für eine Antwort darf ich ihm geben?
Ist es Betrug, wenn ich sein Weib werde, ohne ihm zu sagen, was hinter mir liegt?
Hat er ein Recht auf meine Vergangenheit?
— – Nein, er hat kein Recht darauf. — —
Ich weiß, ich stehe im Widerspruch mit unseren herrschenden Anschauungen, ich weiß, ich muß diesen Entschluß mit meiner Ruhe erkaufen. —
Sei es drum!
Nie würde es dem Manne einfallen, dem Weibe, das er erwählt, vor der Hochzeit alle dunklen Punkte seiner Vergangenheit aufzudecken. Er fühlt sich viel zu wohl in der Rolle des Helden, zu dem man hinaufsieht, um diesen Nimbus von selbst zu zerstören. --
Warum soll ein Weib nicht dieselben Rechte haben?
Gleiches Recht für alle!
Der Mann ist aus genau demselben Stoff wie die Frau. Das, was er als Vorrecht für sich in Anspruch nimmt, hat er sich selbst angemaßt. Ich will dieselben Rechte beanspruchen. —
Das Weib befindet sich dem Manne gegenüber sowieso in ständiger Notwehr – und da sind alle Mittel erlaubt. — —
Liebe und Glück! Sind sie immer zusammen, diese beiden?
Oder kann ich auch ohne Liebe ein wenig Glück in der Ehe finden? Ich bin schon jetzt entschlossen, den Antrag dieses Mannes anzunehmen. Ich bin ihm zugetan und ich glaube, er ist ein Mann, den man achten muß. Daß ich zu ihm aufsehe, wie zu einem Halbgott, wie man es so oft in überschwenglichen Romanen liest, das verlangt er nicht von mir. – Und ich würde es auch nicht tun. —
Mr. Siegel schickt mir soeben einen Brief. —
Nicht eigentlich einen Brief, es sind vielmehr Aufzeichnungen über sein Leben und Wirken. Kurz und prägnant, ganz wie er selbst. —
Als sechzehnjähriger Junge aus Deutschland ausgewandert, hat er in Amerika so ziemlich alles versucht, was Arbeit heißt, bis er durch Zufall nach Chikago verschlagen worden ist.
Mit fünf Cents in der Tasche ist er dort angekommen, heute besitzt er eine große Fleischkonservenfabrik und beschäftigt bereits über hundert Personen.
Das ist gewiß etwas! Für mich ist es die erste Staffel auf der Leiter. – Ich bin mir bewußt, daß wir, falls ich die Gattin dieses Mannes werde, auf dieser Staffel nicht stehen bleiben werden. —
Hat mich das Leben um das Schönste betrogen, so soll es mir dafür etwas anderes geben: Reichtum.
Und dieser Mann ist dazu wie geschaffen, mit ihm muß es sich gut und sicher wandern lassen. —
Aber noch will ich warten. Ein Jahr wenigstens will ich den Witwenschleier tragen.
Obgleich – wenn ich mir gegenüber ehrlich sein will – es ja doch nur äußerlich ist. In Wirklichkeit war ich dem Toten doch schon längst untreu. Denn auch der Gedanke an einen anderen Mann ist Treulosigkeit. --
Heute, am Tage vor der Ankunft in New York habe ich mich mit Mr. Siegel ausgesprochen.
Ich bin sehr zufrieden, ich glaube, daß ich diesen Schritt nicht bereuen werde.
Mr. Siegel ist ein Mann von außergewöhnlicher Regsamkeit, den das Leben ganz gehörig zwischen die Scheren genommen hat.
Daß er sich nicht hat unterkriegen lassen, ist ein gutes Zeichen. Wir passen in gewisser Weise sehr gut zusammen, auch ich habe mich nicht zermalmen lassen.
Nur darf er das nicht wissen. —
Hoffentlich fragt er mich nie nach meiner Vergangenheit. Sagen würde ich ihm doch nichts, aber es ist gut, wenn ich nicht zu lügen brauche. —
Wir haben soeben einen recht heftigen Gewittersturm gehabt.
Niemand dachte mehr an schlechtes Wetter so kurz vor der Ankunft, und alles freute sich schon auf morgen, da kam noch einmal ganz unerwartet die Seekrankheit. Beim Diner waren fast alle Plätze leer, sogar die Herren konnten nicht widerstehen. —
Ich bin nachher noch auf Deck gewesen, es war wunderbar klare, schöne Luft, nachdem es ausgetobt.
Mr. Siegel suchte mich auf und hat allerlei mit mir besprochen.
Ich soll, wenn ich jetzt nach Deutschland komme, meine überflüssigen Sachen verkaufen und als Passagier mit der »Nirwana« zurückkommen. —
Das erstere werde ich tun, das letztere nicht, wozu?
Ich fahre als Stewardeß und mustere in New York ab, wozu unnütz Geld ausgeben?
Vorläufig habe ich sowieso nicht allzu viel, und es widerstrebt mir, etwas von ihm anzunehmen, bevor ich sein Weib bin.
Auf der Rückreise können sie mich an Bord ganz gut entbehren, wir haben nach draußen zu jetzt doch wenig Passagiere. —
Aber meinen süßen, kleinen Pit muß ich mitnehmen. Ob er wohl seekrank wird?
Gestern bin ich noch einmal an Werners Grab gewesen. Ich habe Abschied genommen auf lange Zeit, vielleicht für immer.
Es war, trotz aller schlimmen Erfahrungen, ein seliges Stück meiner Jugend, das da oben auf dem stillen Friedhof auf der Höhe ruht. Die schmerzlichen Tränen, die ich geweint, bringen es mir nicht zurück.
Und doch, wie wandelbar ist der Mensch!
Wer mir vor elf Monaten gesagt hätte, daß ich einmal wieder so ruhig über alles denken würde, ich hätte ihn für roh und gefühllos gehalten. Und nun? Ja, ja, es ist schon so, das Leben ist brutal. —
Zum letzten Male zu Hause.
Noch einmal bin ich um den Außendeich gegangen. --
Es wird Herbst. Kalt und unfreundlich bläst der Wind über das Wasser. Die Sonne hat ihre strahlende Glut verloren, fahl und glanzlos versinkt sie in den Wellen.
Lange starre ich in die verglimmenden Farben.
Könnte ich schauend vergessen, was mir das Leben getan!
Doch Kopf hoch! Ich werde es vergessen, denn ich muß. Das Leben ist zu hart, um nur zu schauen und zu träumen. —
Das alles sage ich mir, und doch wende ich mich traurig um und lenke meine Schritte heimwärts. —
Wie das Laub zu meinen Füßen starb mein schöner Sommertraum. —
Die letzte Reise!
Eigentlich ist es mir trotz alledem etwas wehmütig zu Sinn. Es war doch ein interessanter Abschnitt meines wechselvollen Daseins. – Was für Gestalten gehen an einem vorüber! In wie manches Schicksal sieht man hinein!
Glück und Unglück, Haß und Neid, Liebe und Abneigung, Gleichgültigkeit und Verachtung – wie nahe kommt es einem, und wie eng zusammengedrängt ist es zwischen den Wänden dieser schwimmenden Riesen. Mancher Bund wird geschlossen und manches noch so fest scheinende Band löst sich.
Kaleidoskopartig wechselt es von Reise zu Reise.
Vorbei! —
Meinen kleinen Pit darf ich leider nicht bei mir haben. Er ist ganz oben auf dem obersten Deck in der Hundevilla. Noch zwei kleine reizende Kerls sind bei ihm und eine prachtvolle siamesische Katze, die einer älteren Dame gehört.
Gesellschaft hat er also genug. Trotzdem sitzen alle Bewohner der Villa verdrossen in ihrem Käfig, und Pit ist immer halb wahnsinnig, wenn ich hinaufkomme und ihn ein halbes Stündchen auf Deck lasse.
Um zehn Uhr waren wir am Pier; Mr. Siegel war schon da und winkte von weitem.
Als die Passagiere gelandet, kam er sofort an Bord und brachte mir einen Strauß roter Rosen, dieselbe Farbe wie immer.
Ich freute mich doch sehr, ihn zu sehen; obgleich ich keinen Augenblick daran gezweifelt habe, daß er Wort halten würde, war es mir doch immer, als ob es gar nicht wahr sein könnte. —
Heute nachmittag mustere ich ab und morgen gehe ich vom Schiff.
Mr. Siegel war beim Kapitän und hat mit ihm gesprochen, er wird morgen mit uns fahren und unser Trauzeuge sein.
Es war mir sehr angenehm, denn trotz aller Vernunftgründe beschlich mich zuweilen doch ein unangenehmes Gefühl, wenn ich an meine erste amerikanische Trauungsfahrt dachte. —
Dies ist nun die dritte, der Himmel mag mir beistehen, daß es zum Guten ausfällt.
In der kleinen evangelischen Kirche auf dem Berge sind wir getraut. Nach der Trauung sind wir alle – Kapitän Heymann, Pastor Morris, seine Frau und wir beide – nach New York gefahren, wo Mr. Siegel, vielmehr mein Mann, im Astoria ein exquisites kleines Diner bestellt hatte. Wir waren recht vergnügt zusammen, und Kapitän Heymann hielt sogar noch eine launige Rede, in der er bedauerte, daß er nicht jede Reise eine junge, hübsche Stewardeß zu verheiraten habe. —
Ich fürchte nur, es wird auch nicht oft einen Mr. Siegel geben. —
Nach dem Essen, als wir allein waren, bat ich meinen Mann, noch eine kleine Ausfahrt mit mir zu machen. —
Ich bin mir selbst nicht klar über das, was in mir vorging.
Ein beinahe krankhaftes Verlangen beherrschte mich, jenes Haus einmal wiederzusehen.
Wie es den Verbrecher unwiderstehlich an den Ort seiner Schandtat treibt, so geht es mir mit jenem Hause.
Langsam fuhren wir am Broadway hinauf, durch den Centralpark und die fünfte Avenue wieder herunter.
Aufmerksam habe ich jedes Haus geprüft, ich konnte es nicht finden. Manchmal meinte ich wohl, das muß es sein, dann wurde ich wieder irre. Alle Häuser haben Fenster, und ich meine, dieser Kerker habe nach der Straße zu keine Fenster gehabt. —
Auch an den Doktor muß ich denken; wüßte ich nur seinen Namen und seine Adresse, so würde ich ihn von meinen veränderten Verhältnissen in Kenntnis setzen.
Auch Werners Tod hätte ich ihm melden müssen, er hat es um mich verdient. Es ist schade, daß ich nicht weiß, wie er heißt. — —
Heute Abend fahren wir weiter. —
Leb' wohl für einige Zeit, mein treuer Weggenoß; möchte es nur Gutes sein, was ich dir ferner anzuvertrauen habe. — — —
Sechs Wochen später.
Wir sind noch für drei Wochen in dem idyllisch gelegenen Seebad Bar Harbour gewesen. Wie ein kleines Paradies ist dieses Fleckchen Erde, und ich war glücklich, restlos glücklich.
Keine Angst, keine Sorgen, ein Gatte, der mir jeden Wunsch an den Augen absieht – es ist doch schön auf der Welt. —
Schön, solange man jung ist. Auch ohne die vielgepriesene Liebe.
Chikago, den 28. Oktober.
Mein Gatte muß doch reicher sein als ich gedacht. Das »kleine Häuschen«, das er nach seiner Rückkehr von Europa gekauft, ist ein ganz stattlicher Bau und liegt in einem prachtvollen, alten Garten am Lake Shore Drive. Das Haus hat früher einem reichen Schweinezüchter gehört, und mein Mann hat es hauptsächlich meinetwegen gekauft, da ihm sein altes Haus an Sheridan Road nicht hübsch genug war.
Ich bin ihm sehr dankbar, wir leben in glücklichster Gemeinschaft und kein Schatten trübt unser Leben.
Ich will ihm eine treue und gute Gefährtin sein. Nie soll er empfinden, daß nicht mein volles Herz ihm gehört. —
Ich habe dich lange nicht in Händen gehabt, kleines Buch. Mein Leben läuft so glatt und ereignislos dahin, daß ich kaum etwas aufzuzeichnen habe. Ich lebe, wie eine Amerikanerin der besseren Stände lebt. —
Mit meinem Manne verbindet mich innigste Freundschaft.
Er bespricht alles mit mir und freut sich, daß ich seinem Wirken und Schaffen so lebhaftes Interesse entgegenbringe. —
Und mir wiederum macht es Freude, daß ich teilhaben darf an seiner Arbeit. —
Trotzdem bin ich nicht voll befriedigt, ich habe noch zu viel unausgefüllte Zeit.
Ja, wenn ich ein Kind hätte! Ob ich vergebens auf dies höchste Glück warte? Auch mein Mann würde sich freuen, und ich würde ihm doch so gern einmal eine recht große Freude machen. —
Ich muß jetzt oft wieder an den 20. Februar vor zwei Jahren denken. Welches Glück empfände mein Mann, wenn ich ihm einen Knaben schenkte, und wie unwillkommen war das arme Kind damals! Ob es wirklich tot ist?
Ich habe ein so sonderbares Gefühl, eine Art Unterbewußtsein, das mir sagt, mein Kind lebt. —
Wer gibt mir Gewißheit? —
Ich bin einige Monate recht faul gewesen. —
Im Unglück und in der Einsamkeit habe ich mich immer zu dir geflüchtet, jetzt, in meinem wohleingerichteten Leben vergesse ich dich oft, kleiner Freund.
Eine Entschuldigung habe ich wenigstens: ich hatte keine Zeit.
Wir sind einige Monate auf Reisen gewesen. Drei Wochen in Ägypten und drei Wochen in Italien, von wo aus wir einen kleinen Abstecher nach Paris gemacht haben. —
Mein Mann ist zu gut, die ganze Welt möchte er mir zeigen, er weiß gar nicht, was er mir alles Liebes erweisen soll. Und ich stehe so bettelarm daneben und kann ihm gar nichts geben, nicht einmal ein ganzes volles Herz. —
Ob er nie etwas vermißt? Glühende Küsse, stürmische Umarmungen?
Ich bin ihm sehr gut – aber ich bin mir zuweilen selbst ein Rätsel. Nichts treibt mich zum Manne.
Ich bin doch jung, sehr jung!
Aber nie mehr seit jenen heißen, schwülen Sommernächten auf dem heimatlichen Gut fiebert mein Blut dem Manne entgegen. —
Auch bei aller Liebe zu Werner, es war nichts Stürmisches, kein leidenschaftliches Begehren in meiner Liebe.
Ruhig und still wie ein linder Sommerabend.
Oft denke ich, ich habe zu früh vom Baume der Erkenntnis gegessen. Vielleicht war mein Körper doch noch nicht entwickelt genug, um den Anforderungen ohne Schaden gerecht zu werden, die das Mutterwerden an das Weib stellt. — —
Oder ist es das verdorbene, degenerierte Blut des Vaters, das dies sonderbare Wesen aus mir gemacht hat?
Ich erzähle dir wieder allen möglichen Unsinn, du mein kleiner, verschwiegener Freund; und ich wollte dir doch nur sagen, daß ich sehr, sehr glücklich sein könnte, wenn —
Mein kleiner, süßer Pit. Ich hatte ihn zurückgelassen, nun war er wie von Sinnen, als ich heimkam, und ging mir nicht vom Schoß. Ich werde ihn jetzt immer mitnehmen, wenn ich auf Reisen gehe. —
Heute ist mein zwanzigster Geburtstag; ich wollte, es wäre der vierzigste. Ich fühle mich auch viel eher wie vierzig. —
Ich weiß nicht, ich kann in der letzten Zeit gar nicht so recht von Herzen froh sein. Ich bin im Gegenteil sonderbar trüb gestimmt.
Ich möchte schreiben und kann nicht. Ein geheimnisvolles Glücksgefühl keimt leise, ganz leise in meinem Innern. —
Ich habe nie leicht geweint. Es war mir immer unsympathisch, wenn Frauen um jede Kleinigkeit in Tränen zerflossen. Aber jetzt bin ich selbst die reine Trauerweide. Um nichts muß ich weinen. —
Pit tröstet mich, er will mir immer die Tränen von den Wangen küssen. Sonderbar, gerade als ob er wüßte, daß Tränen an den Wimpern etwas Schmerzliches bedeuten. —
Und müde bin ich, so müde. —
Mein Mann ist von einer Aufmerksamkeit, die geradezu rührend ist. Ob er etwas ahnt? Noch habe ich ihm nichts gesagt, die Enttäuschung wäre sonst zu groß. Später. — —
Weihnachten!
Ich bin beschenkt worden wie eine Fürstin, und doch sagt mein Mann, ich habe ihm noch viel mehr gegeben.
Er ist außer sich vor Glück. Aber ich glaube, er wünscht sehr, daß es ein Junge ist. Ich nicht, ich möchte viel lieber ein Mädchen. Jungens gehören der Mutter nie so lange wie ein Mädchen. —
Und doch sollte ich andererseits gar nicht den Wunsch haben, der Welt ein solches Wesen zu schenken. Wie leicht kann ihm einmal mein eigenes Schicksal zustoßen. —
Aber nein! Das sind Hirngespinste.
Ich werde dafür sorgen, daß meine Tochter einst gewappnet ins Leben tritt. Meine Tochter! Meine Tochter! Welch süßer Klang in meinem Ohr!
Heute bin ich zum ersten Male wieder vollständig außer Bett, und da sollst du, mein geduldiger Freund, auch sogleich mein neues Glück erfahren.
Ich bin Mutter!
Weißt du, was dieses Wort bedeutet? Was es für mich bedeutet?
Und auch mein innigster Wunsch ist erfüllt. Es ist ein Mädchen, ein kleines, süßes Mädchen.
Ob mein Mann enttäuscht war? Ich weiß es nicht, gefühlt habe ich es nicht. Seine Liebe und Fürsorge gehen ins Ungemessene. —
Und ich? Muß ich dir sagen, wie glücklich ich bin? Das süße, kleine Geschöpf, dem ich jetzt alles bin!
Mein Mann wollte eine Amme, um mich zu schonen, aber ich gebe mein Kind keiner fremden Person; das höchste Glück, das kleine Wesen an der Brust zu haben, gönne ich niemand. —
Drollig ist es, Pit zu beobachten. Er ist richtig eifersüchtig. Wenn ich das Kind auf dem Schoß habe, weint und jammert er, kratzt an meinem Kleid und geberdet sich ganz unsinnig. Lege ich das Kind in sein Bettchen, so springt er mit einem Seufzer der Erleichterung auf meinen Schoß und kuschelt sich umständlich zurecht, dabei fortwährend entrüstete Blicke nach dem kleinen Eindringling werfend.
Mein Mann findet, daß mich die Pflege des Kindes zu sehr anstrengt. Ich soll es nicht mehr stillen oder soll an einen schönen Platz aufs Land, wo ich gute, frische Milch und reine Luft habe.
Ich gehe also lieber aufs Land, damit ich meinen kleinen Liebling noch länger ganz für mich allein habe.
Das Kind entwickelt sich prächtig, und mein Mann ist ganz vernarrt. Seine Enttäuschung über den ausgebliebenen Thronfolger hat er verschmerzt. Oder hofft er noch? —
Nein, ich möchte keinen Jungen haben. Ein Junge, der mir aus den Händen wächst und vielleicht auch einmal Wege geht, auf denen die Weiblichkeit durch den Schlamm gezogen wird. — —
Mowbray, Rocky Mountains, den 6. Juni.
Ich habe heute eine Begegnung gehabt, die mich bis ins Innerste erschüttert hat. Alles, die ganze Vergangenheit ist mit einem Schlage wieder lebendig geworden. —
Ich habe den Doktor getroffen, meinen Doktor!
Er ist für einige Wochen hier zur Erholung. —
Nun weiß ich auch seinen Namen. Curtis heißt er.
Doktor Curtis freute sich sehr, als er mich sah, war aber natürlich ebenso sehr verwundert, mich hier im Westen zu sehen.
Zuerst war ich natürlich doch etwas beunruhigt, aber ich brauche ihn nicht zu fürchten, er ist ein anständiger Mensch, und niemand wird etwas durch ihn erfahren. Warum hätte er sich auch wohl so viel Mühe mit meiner Rettung gegeben?
Ich bin jetzt auch lange nicht mehr so in Sorge wegen meiner Vergangenheit; wer soll mich hier wohl erkennen? In einer Hafenstadt ist es doch schon anders. —
Lange haben wir auf der Bank gesessen, meine ganze Geschichte habe ich ihm erzählt, und herzliche Worte sprach er über den armen Werner.
Auch über die schrecklichen Verhältnisse in diesen Häusern, hauptsächlich in den Hafenstädten, haben wir gesprochen. Eine Änderung wäre nur mit Hilfe der Regierung und einer eingreifenden Gesetzgebung möglich.
Der Doktor ist nie wieder bei der Rottmann gewesen. Auf meine Bitte will er nach seiner Heimkehr einmal hin. Wenn die Bronja noch da ist und sie will heraus, soll er ihr behilflich sein.
Ich habe Geld genug, und mein Mann gibt mir gern ein paar tausend Dollars, wenn ich ihn darum bitte, ohne zu fragen wofür.
Nur meinen Namen darf der Doktor nicht nennen. — —
Ich bin ganz allein im Wald. Mein Töchterchen ist mit der Wärterin im Garten; ich war so unruhig, ich mußte eine Strecke laufen. —
Hier ist es himmlisch, die Unruhe fällt von mir wie ein schwerer, stickender Dunst.
Wie ein Dom wölben sich die Jahrhunderte alten Bäume über mir. Die Hände eines Künstlers hätten es nicht schöner schaffen können. Wie sanft spielt das grünliche Licht in den Zweigen. Von Baum zu Baum winden sich Schmarotzerpflanzen mit leuchtenden Blumen. Eine fast tropische Überschwenglichkeit herrscht. Der Fuß versinkt wie in dicken Teppichen.
Kann man sich unglücklich fühlen in solcher Umgebung? — —
Der Doktor ist abgereist, er wird mir schreiben, sobald er mir etwas zu berichten hat.
Auch ich werde mich zur Heimkehr rüsten, ich sehne mich nach meinem Heim und seinem Herrn.
— — — — — — — — — — — —
Lange Jahre sind es her, seit ich nicht mehr in mein Büchlein geschrieben habe. Oft hatte ich es in Händen und ließ die eng beschriebenen Seiten durch die Finger gleiten, doch nichts, was mir des Aufzeichnens wert schien, ist in diesen Jahren durch mein Leben gegangen. —
Einfache tägliche Erlebnisse, kleine Freuden, kleine Leiden. —
Mein Töchterchen wächst heran und verspricht körperlich und geistig das Beste. Meinem Manne bin ich in den letzten Jahren immer unentbehrlicher geworden bei seinen ausgedehnten Geschäften, und das erfüllt mich mit ganz besonderem Stolz. Es zeigt mir, daß ein Weib doch auch zu etwas anderem zu gebrauchen ist, als nur zu inhaltlosen Tändeleien.
Ich habe also in gewisser Weise erreicht, was ich erreichen wollte, und könnte dich nun endgültig zur Seite legen, mein kleiner papierener Freund.
Aber – ich kann es doch nicht. Es ist mir wie ein Unrecht, das ich an dir begehe. —
Und dann, ich möchte, falls ich früher sterbe als mein Mann, das Buch in seine Hände legen, damit er sieht, wen er an sein Herz genommen hatte. Stirbt mein Mann vor mir, so soll meine Tochter die Aufzeichnungen ihrer Mutter lesen, sie wird daraus ersehen, wie viel ein Weib ertragen kann, ohne daß es seelisch zugrunde geht. —
Der Vollständigkeit halber will ich noch erwähnen, daß Bronja wieder in ihrer Heimat ist. Der Doktor hat ihr zweitausend Dollars gegeben, hat ihr ein Billett besorgt und sie auch nach dem Dampfer gebracht. Sie hat so große Sehnsucht nach ihrem Kinde gehabt.
Mögen die guten Wünsche, die sie für die unbekannte Wohltäterin ausgesprochen, sich an ihr selbst erfüllen! —
Wir gehen in diesem Frühjahr nach Europa. Mein Mann ist gar nicht recht wohl; ein Herzleiden, das er schon längere Jahre hat, macht ihm viel zu schaffen.
Die Geschäfte bringen zuviel Aufregung, er muß deshalb einmal vollständig ausspannen. —
In Bad Nauheim werde ich dafür sorgen, daß ihm jede Aufregung fern bleibt.
Wir sind reich, sehr reich.
Daran, daß ich mir in keiner Weise Beschränkungen aufzulegen brauchte, merkte ich schon früher, daß wir über reiche Mittel zu verfügen hatten. In den letzten Jahren, wo ich mich um alle geschäftlichen Angelegenheiten kümmere, weiß ich, daß wir nicht mehr zu arbeiten brauchten. Aber es geht mir genau wie meinem Manne, ich könnte mich nicht darein denken, daß alles, sein ganzes Lebenswerk, für andere geschaffen sein sollte.
Und ist nicht die Arbeit eine herrliche Trösterin?
Lou freut sich furchtbar auf unsere Reise. Sie ist nun zehn Jahre alt und hat schon einiges Verständnis dafür. —
Doch für mich gibt es nun wieder allerlei heikle Punkte.
Das Fragen nimmt kein Ende.
»Wo ist deine Heimat, Pa?«
»Bist du in einem Dorf zu Hause oder in einer Stadt, Ma?«
Was soll ich antworten? Ich fürchte auch, mein Mann denkt sich etwas dabei, wenn ich zu sehr ausweiche.
Ich selbst fiebere förmlich bei dem Gedanken, daß ich von Bad Nauheim aus in einigen Stunden da sein kann, wo das stille alte Haus der Großeltern im dunkeln Tannenwald träumt.
Ob ich es einmal wage? Unerkannt könnte ich sie vielleicht sehen. – Ach, ich glaube, ich würde mich verraten, wenn ich sie vor mir sähe. – Und Prinz, der alte Hühnerhund! Er würde mich sofort erkennen, wenn er noch lebt. — —
Dienstag, den 28. Mai sind wir mit der »Spree« von New York abgefahren. Mein Mann hat ein hübsches Pullmanset für uns belegt, und wir sind ganz begeistert von der Bequemlichkeit und Eleganz der Einrichtung. Man merkt kaum, daß man auf See ist.
Lou ist ganz und gar aus dem Häuschen. Ihr Vater erfreut sich, glaub' ich, zum ersten Male vollkommen ohne irgendwelche Ablenkung an ihrer frischen, kindlichen Heiterkeit.
Ich finde, er erholt sich schon jetzt von Tag zu Tag.
Mir selbst geht es sonderbar. Von der ersten Stunde an, da ich das Schiff betrat, ist mir so sonderbar unruhig zu Sinn.
Ich suche etwas und weiß nicht was. —
Gleich am ersten Abend bin ich ein Stündchen auf Deck gewesen.
Wie wunderbar ist die reine, salzige Luft! Welch wunderbare Farben verglimmen am Horizont und wecken tausend Erinnerungen, süße und schmerzliche, in meiner Brust!
Sonnenuntergang! Der ganze Horizont ist von einem satten, tiefen Rot. Der Himmel scheint wie ein einziger großer ausgehöhlter Rubin über uns zu hängen.
Das Wasser ist so ruhig wie ein See, nur hie und da tanzen rotgoldene Lichter; gibt es Schöneres?
Doch alles Schöne ist vergänglich. Kaum eine halbe Stunde, und grau und fahl, gespensterhaft liegt die unabsehbare Fläche vor mir. —
Mich friert trotz des warmen Wetters.
Es macht traurig, immer an die Vergänglichkeit alles wahrhaft Schönen erinnert zu werden. — —
Bad Nauheim.
Deutschland bekommt mir nicht. Mein Mann erholt sich von Tag zu Tag, und ich verzehre mich selbst vor Unruhe.
Die Luft hier ist erfüllt von Erinnerungen.
Diese ganzen Jahre hatte ich alles vergessen, die Heimat, die Großeltern und – die Schuld!
Nun wacht alles wieder auf, und ich stehe schwindelnd am Wege und weiß nicht, wohin er mich führen wird.
Ich sehe ein, daß eine Schuld wie ein Schmutzfleck auf der Vergangenheit liegt, der sich nie wieder auslöschen läßt.
Mag man zuweilen glauben, daß er verblaßt, mag man sein Vorhandensein für einige Zeit vergessen, er kommt wieder. —
Ich kann es nicht mehr aushalten, ich muß hin!
Ich muß wenigstens versuchen, die alten Leute von weitem zu sehen.
Ob sie noch leben? Aber warum nicht? Vierzehn Jahre sind es her, seit ich von ihnen ging, und die Leute in meiner Heimat werden alt. —
Ob ich es wage und unter dem Deckmantel einer Fremden das Jagdschloß besehe?
Werde ich mich beherrschen können?
Ich war da!
Unter dem Vorwand, etwas in Frankfurt besorgen zu wollen, bin ich hingefahren.
Ich habe meinen Mann belogen; diesen besten, gütigsten aller Männer habe ich belogen! So gebiert noch nach Jahren die alte Schuld neue Konflikte und Verwicklungen.
Ich bin froh, daß ich es getan. Ich werde Ruhe finden, nun ich die alten lieben Großeltern gesehen. --
Und doch hätte ich aufschreien können, als ich die gebückte Gestalt des Großvaters an mir vorübergehen sah.
Ob sie sich gewundert haben über die fremde Frau, die so gern das alte Jagdschloß sehen wollte, und die gar so dicht verschleiert war?......
Wie glücklich würde es mich machen, wenn ich ihnen meine Lou bringen könnte, mein prächtiges, liebes Mädchen!
Und wie würden sie sich freuen!
Aber das ist alles für mich unmöglich, es ist ein verlorenes Paradies, in das ich mit brennenden, sehnsüchtigen Augen starre.
Und warum? War es nur meine Schuld, daß ich diesen Weg der Lüge und der Verstellung wandern muß?
Morgen fahren wir nach E., um von da aus die Heimat meines Mannes zu besuchen.
Lou freut sich königlich. Sie denkt sich wohl das Häuschen, in dem ihr Vater geboren, als eine niedliche, kleine Villa. —
Hoffentlich ist sie nicht zu sehr enttäuscht. — —
Seit fünf Tagen sind wir auf Capri. Der Arzt hält die Fahrt von hier aus für besser. Ich freue mich über das gute Aussehen meines Mannes; hoffentlich hält es an.
Am Siebzehnten fahren wir von Genua aus mit der »Prinzeß Irene« wieder nach Hause. —
Die letzten Tage in Deutschland sind uns wie im Fluge vergangen. —
Die paar Stunden, die wir in der Heimat meines Mannes zugebracht haben, waren auch für mich eine Erquickung.
Lou war gar nicht enttäuscht. Im Gegenteil, alles war ihr neu und köstlich.
Und ich?
Ich beneide meinen Mann um seine arme, aber fleckenreine Vergangenheit. Welch ein Triumph war es für den armen, herumgestoßenen Waisenknaben, daß er so vor seine Landsleute hintreten konnte! —
Ich bin des Reisens müde und freue mich, heimzukommen.
Heim? Wohin zieht es mich?
Bald reißt die alte Heimat an meinem Herzen, bald die neue.
Ich habe Heimweh und bin nirgends zu Hause. —
Und doch ist meine Heimat da drüben in dem Lande, das mich trotz aller Schuld der bürgerlichen Gesellschaft wiedergegeben hat.
Nach zwei Jahren.
Amerika hat nicht gehalten, was Europa versprochen.
Das Befinden meines Mannes ist wieder ebenso schwankend wie vor unserer Reise.
Er muß sich schonen, und um ihm dazu Gelegenheit zu geben, habe ich nach und nach die Geschäfte fast ganz in meine Hände genommen. Es war ein schweres Stück Arbeit, aber es ist mir gelungen.
Der alte Thomas, der schon seit Jahren meines Gatten rechte Hand ist, bespricht alles mit mir. Und nur wenn etwas ganz besonders Wichtiges vorliegt, müssen wir erst seinen Rat einholen.
Aber wir sorgen schon dafür, daß es keine aufregenden Sachen sind, die wir mit ihm besprechen. —
Oft sagt mein Mann zu mir: »Du hast mich schon gar nicht mehr nötig, Liebling. Du bist so entschlossen und umsichtig, wie nur je ein Mann es sein könnte.«
Das macht mich stolz. Es erfüllt mich mit ungeahnter Befriedigung, daß ich meine Kräfte so entfalten kann. Daß ich diesem Manne, der mich genommen, ohne viel zu fragen, einen Teil der Schuld abtragen kann.
Nun muß ich die Geschäfte Thomas überlassen und mich ganz meinem Manne widmen. Werde ich ihn mir erhalten? Er ist sehr krank.
Meine Lou, mein liebes, gutes Kind; sie ist mir ein rechter Trost in diesen schweren Tagen.
Wie liebt sie ihren Vater! Sie weicht kaum von seinem Lager. Ich hätte dem kleinen, lustigen Vogel gar nicht so viel tiefes Gefühl zugetraut. —
Das Schlimmste ist vorüber.
Es waren lange, schwere Wochen, aber noch einmal haben wir gesiegt. Und nun gehen wir wieder nach Europa; noch einmal soll Nauheim seine Wunderkraft beweisen.
Lou freut sich wieder sehr auf die Fahrt, wenn auch die Freude etwas gedämpft wird durch des guten Vaters Krankheit. —
Wieder einmal bin ich auf meiner geliebten See. Sie zeigt sich mir diesmal nicht von der besten Seite. Wir haben Sturm und Regen, und der Wind rast über Deck, daß es kaum möglich ist, nach oben zu gehen. —
Ich habe eine Begegnung gehabt, die alles, was langsam zur Ruhe gekommen war, wieder in Aufruhr gebracht hat.
Ich müßte mich sehr irren, wenn nicht Smith, Herbert Smith, an Bord wäre. Er trägt einen kurz verschnittenen Vollbart, und doch habe ich ihn sofort erkannt.
Wie ein elektrischer Schlag ging es durch meinen Körper. Und auch er muß mich erkannt haben, denn ein leichter Schreck huschte über seine Züge.
Das Geschäft muß sehr viel einbringen, denn er fährt erste Kajüte. —
Was soll ich tun?
Soll ich diesen Menschen ungehindert seines Weges ziehen lassen?
Ist es nicht vielmehr meine Pflicht, ihn zu entlarven?
Alles in mir ist in Aufruhr. Wird man mir glauben?
Nein, man wird mir nicht glauben, oder doch nur dann, wenn ich mich selbst preisgebe.
Und mein Mann! Wie würde er es ertragen?
Ach, und mein Kind, meine Lou!
Nein, ich kann es nicht, jetzt noch nicht!
Ich kann in den reinen Augen meines Kindes nicht als eine Verworfene dastehen! —
Ein Vorfall kam mir ins Gedächtnis, den ich vor einigen Jahren erlebte.
Quälende Selbstvorwürfe peinigten mich; ich fühlte mich unsäglich elend und unglücklich und weinte still in meinem Zimmer.
Da kam Lou zu mir herein, und als sie meine Tränen sah, war sie ganz Mitleid. Stürmisch umschlang sie meinen Hals.
»Mama, süße Mama, warum weinst du?« rief sie zärtlich.
Ich schüttelte mit dem Kopfe, ich konnte kein Wort hervorbringen vor lauter Schluchzen.
Als ich mich etwas gefaßt hatte, sagte ich:
»Laß mich, Kind, laß mich allein!«
»Mama, sei gut; sage mir, warum du weinst. Wer hat dir etwas zuleide getan?«
»Niemand, Liebling. Mama muß an früher denken. Damals als sie noch nicht ihren Liebling, ihre Lou, hatte.«
»Darüber brauchst du doch nicht zu weinen, süße Ma!«
»Aber Mama hat damals sehr viel Schweres durchgemacht, und darüber muß sie weinen.«
»Aber du sollst nicht weinen, Ma. Wer hat dir etwas getan? Ich werde es Pa sagen. Niemand darf dir etwas tun!«
»Aber die Mama war nicht gut gewesen und hatte Strafe verdient, Liebling.«
»Aber Mama! Wenn das der Papa hörte! Du bist doch meine liebste, beste, einzigste Mama.«
»Hast du mich denn so lieb, mein Engel?«
»So lieb!« jauchzte das kleine Geschöpf und umschlang mich mit ihren Armen. — —
Nein, ich kann es nicht von mir wälzen. Um des Kindes willen nicht.
Was sollte aus ihr werden, wenn sie den Glauben an die Mutter verlieren müßte? — — —
Meinem Manne geht es schlecht. Er leidet stark an Atemnot.
Wären wir erst in Nauheim. Ich darf ihn nicht verlieren, jetzt noch nicht. Ich würde wieder ganz einsam sein – denn noch kann mir mein Kind, meine Lou, den Gatten nicht ersetzen. —
Ich habe mich nie nach einer Freundin gesehnt, mein Gatte war mir alles.
Doch sollte er von mir gehen, und ich allein die Strecke wandern müssen, die ich noch vor mir habe, so werde ich Trost in der Arbeit und bei meinem Kinde suchen.
Nur jetzt laß ihn mir noch, noch ist es zu früh. —
Wenn es wahr ist, daß die Ehen am glücklichsten sind, in denen die Liebe des Mannes größer ist als die der Frau, so mag es davon kommen, daß die unsere so überaus glücklich war.
Sicher muß aber auch die Frau danach sein, wenn eine solche Ehe wirklich glücklich sein soll.
Was ihr an Liebe fehlt, muß sie durch Pflichtgefühl ersetzen. —
Mein Mann erholt sich nicht wieder. Der Arzt läßt mir keine Hoffnung.
Es kann noch Monate währen, es kann auch plötzlich kommen, ich muß auf alles gefaßt sein. —
Es ist Arterienverkalkung dazugekommen.
Der Ärmste, er hat in seiner Jugend zu viel gearbeitet und entbehrt.
Ich bin jetzt ganz gefaßt und zeige meinem Manne immer ein fröhliches Gesicht; er darf nicht ahnen, wie es um ihn steht.
Ob er wirklich nichts ahnt? – Seine sonderbaren Reden machen mich manchmal stutzig.
»Du hast mich sehr glücklich gemacht, Liebling,« sagte er kürzlich zu mir.
»Tu' ich es denn jetzt nicht mehr, Liebster?« fragte ich scherzend.
»Immer! Aber wenn ich einmal von dir gehen sollte, Lotti, wirst du mich auch nicht so bald vergessen?«
»Ich dich vergessen? Wie redest du nur? Du bleibst noch lange bei uns. Denk' an Lou! An deine Lou! Du mußt noch bei uns bleiben! Hörst du?«
Tränen liefen mir über die Wangen, und auch ihm verging vor Rührung die Stimme. »Wie gerne möchte ich! Und doch, kann ich nicht ohne Sorge gehen? Ruht nicht mein Lebenswerk in guten Händen? Du bist ein ganzer Mensch geworden, meine Lotti.«
»Du warst mein Lehrer, ich war in guten Händen.«
Ich möchte gern wieder einmal in meinen Wald, darf aber nicht wagen, meinen Mann zu verlassen.
Gestern hatte ich eine Begegnung, die mich gleicherweise erschreckte und erfreute.
Der Herzog ist hier, der Herzog von B.
Das also ist mein Vater! Dieser blasse, schmale Herr!
Ich hab' ihn mir anders vorgestellt. Als einen ritterlichen, sieghaften Mann. —
Er wird anders gewesen sein, als meine Mutter ihn geliebt hat. Nun ist er krank, herzleidend natürlich.
Er hat keine Kinder und eine kalte, unsympathische Gattin.
Das ist die Strafe! Die gerechte Strafe für meine zerstörte Jugend und den frühen Tod meiner Mutter.
Ich möchte ihn hassen – und doch – ich kann es nicht. — —
Gestern hat er mit Lou gesprochen, mit meiner Lou.
Ob wirklich etwas daran ist, an dem Märchen von der Stimme des Blutes? Ich glaub' es nicht. Wenn ihm Lou gefällt, so ist das nur natürlich. Jedermann mag das entzückende, natürliche Geschöpfchen gern.
Wir saßen gestern abend auf der Terrasse, mein Mann und ich.
Wenn es nicht so sonderbar wäre, so möchte ich sagen, mein Mann ist mir jetzt teurer als je zuvor.
Es ist ein solch inniges Verhältnis zwischen uns, wie es kaum zwischen jungen Liebesleuten sein kann.
Ich mag gar nicht von seiner Seite gehen.
Ist es das nahe Scheiden, das uns so innig vereint? Hat uns etwas, das mehr ist als Liebe, zusammengeführt?
Der Rückblick auf meine Ehe läßt mich keinen Augenblick den Schritt bereuen, den ich getan, trotzdem es ohne Liebe geschah.
Könnte ich ebenso sagen von dem, was früher geschah! — — —