Ich allein habe nichts zu packen und zu schreiben – ich besitze nichts, auch habe ich mich dieses Mal mit keinem Menschen bekanntgemacht. Ich bin mißtrauisch geworden. Was ich früher zu offen und zu vertrauensselig war, bin ich nun zu scheu. — —
Ich weiß nicht, wie mir ist – ein sonderbares Angstgefühl quält mich die letzten Tage. Ich will mir mit Gewalt das Glücksempfinden, das mich zu Beginn der Reise beseelte, zurückzwingen – ich kann es nicht.
Ich sollte mich freuen, der Heimat näherzukommen und kann es nicht.
Schlaflos wälze ich mich des Nachts auf meinem Lager, sonderbare beängstigende Träume quälen mich, ich habe versucht zu beten – ich kann es nicht. Will Gott nichts mehr von mir wissen, weil ich sein Dasein angezweifelt habe? Aber hatte ich nicht ein Recht dazu? Kann man an Gott und seine Allmacht glauben, wenn man so entsetzliche Dinge erlebt?
Warum läßt dieser Gott, der doch ein Gott der Liebe sein soll, zu, daß ein schuldloses, unerfahrenes Mädchen so vergewaltigt, gemartert und gepeinigt wird! Und doch will ich mir Mühe geben, aufs neue an seine Güte und Allmacht zu glauben. Ich will gut sein. Doch dann darf ich nicht mehr an das Vergangene denken. Erst wenn ich das Entsetzliche ganz aus meiner Erinnerung ausgelöscht habe, wird es mir möglich sein, den alten Kinderglauben wiederzufinden. --
Im eigenen Heim!
Wer kennt nicht den Zauber dieses Wortes?
Für mich ist es doppelt heilig: Daheim!
Ich, die Ausgestoßene, bin daheim.
Und doch ist mein Glück nicht ohne bitteren Beigeschmack, denn ich bin schon wieder allein.
Allein im eigenen Heim, ohne ihn, der es mir geschaffen.
»Du mußt dich daran gewöhnen, Lottchen! Sieh, du hast nun einmal einen Seemann zum Manne, da mußt du dir sagen, daß es unmöglich für ihn ist, zu Hause zu bleiben. Und mit der Zeit gewöhnst du dich daran. Alle Seemannsfrauen müssen sich darein finden; in vier Wochen bin ich ja wieder da und dann ist es um so schöner.« —
Er hat recht, ich muß mich daran gewöhnen. Aber schwer ist es doch. Daran habe ich gar nicht gedacht, an dieses immerwährende Alleinsein. Aber selbst wenn ich daran gedacht hätte, würde es nichts genützt haben, Werner kann eben nicht an Land bleiben. Sobald er aber Oberzahlmeister ist, kann er mich einmal mitnehmen.
Wenn ich nur nicht gar so fremd hier wäre!
Und doch, bin ich nicht kindisch mit meinen unnützen Klagen?
Ist es nicht im Gegenteil recht gut, daß ich fremd bin?
Wie furchtbar würde es für Werner sein, wenn mich jemand erkennen sollte. —
Zum Glück habe ich nicht viel Zeit zu dummen Gedanken und nutzlosen Klagen. Ich muß arbeiten, muß meine Wohnung einrichten.
Vorläufig haben wir nur Küche und Schlafzimmer. Alles in Eile und provisorisch hingestellt. Aber wenn Werner wiederkommt, soll er alles hübsch und gemütlich vorfinden, er soll sich freuen über seine Frau und sein Heim. —
Eine ganze Menge Geld hat er mir hier gelassen. Zweihundert Mark! Was kann ich dafür alles kaufen! Töpfe und Pfannen, auch einige Deckchen und Läufer, um alles recht schön zu machen. —
Die Möbel für das Wohnzimmer kaufen wir erst, wenn Werner wiederkommt, die müssen wir auf Abzahlung nehmen, Werner hatte gar kein Geld mehr. —
Eigentlich ist es schrecklich, daß er all das viele Geld für mich hat ausgeben müssen; was hätte man alles dafür kaufen können!
Eine Wut überkommt mich, wenn ich an die Rottmann denke – nur einmal möchte ich sie wiedersehen, einmal möchte ich ihr gegenübertreten, um ihr meinen ganzen Zorn, meine ganze Verachtung ins Gesicht zu schleudern.
Aber was nützt es, wenn ich gegen dieses Weib wüte, ist sie doch nicht allein schuld an diesen Zuständen. —
Nicht ein Unternehmer allein, das ganze System muß bekämpft werden. Ich will klug und reich werden, ich will Geld sammeln. Überall müssen Warnungstafeln angebracht werden.
Es muß anders werden, ganz anders. —
Eine Woche lang habe ich nicht an mein Büchlein gedacht, aber heute ist ein so kalter, stürmischer Tag, da habe ich mir Feuer im Herd angezündet, damit die Küche schön durchwärmt ist, und nun will ich mich wieder einmal mit dir unterhalten. --
Ich habe mich nun schon ganz nett und behaglich eingerichtet.
Auch außerhalb meiner kleinen Wohnung habe ich mich schon umgesehen. Die Stadt ist nicht groß, und man ist bald zu Ende mit den Sehenswürdigkeiten. Landschaftliche Reize kann ich an der flachen, eintönigen Gegend wenig entdecken. Trotz alledem wäre es unrecht, ihr jede Schönheit absprechen zu wollen.
Wie wunderschön allein ist ein Spaziergang bei Sonnenuntergang am Außendeich. Ein ganz wunderbares Schauspiel ist es, wenn der Sonnenball langsam im Wasser versinkt. Der Horizont, das Wasser, alles glüht tiefrot, um dann langsam, blasser und blasser werdend, in rosa und bläulichen Tönen zu verglimmen.
Und dann der Heimweg; hier und da auf dem Wasser ragt gespenstisch ein Mast empor, dann blitzt da und dort ein Lichtlein rot, grün oder grellweiß, das Blinklicht des Leuchtturmes alles überragend, und weit, weit unten in ununterbrochener Reihe die Lichter des Hafens.
Aber diese einsamen Spaziergänge sind nichts für mich, sie machen mich melancholisch und heimwehkrank.
Heimwehkrank nach einer Heimat, die ich nicht habe.
Meine Heimat ist jetzt hier, ist bei dem Manne, der mir einen ehrlichen Namen gab. —
Ich bin immer noch ängstlich, wenn ich auf der Straße gehe.
Wie leicht ist es möglich, daß mich jemand gesehen hat. Es ist eine Hafenstadt, und der Weg nach Amerika ist sehr kurz – über die Planken eines Dampfers. —
Nicht um mich bin ich besorgt, um ihn.
Und noch etwas anderes macht mir Sorge.
Fast hätte ich über dem letzten großen Unglück, das mich betroffen, meinen Fehltritt von zu Hause vergessen. Nicht ein einziges Mal in den letzten Wochen habe ich daran gedacht.
Aber nun, wo ich in Ruhe bin, quält es mich um so mehr. —
Muß ich es Werner sagen? Hat er ein Anrecht an das Leben, das so weit zurückliegt? So weit!
Und doch ist es noch kein Jahr her, seit ich von den Großeltern fort bin. – Mir scheinen es Ewigkeiten.
Ich bin in einem furchtbaren Zwiespalt.
Ist es meine Pflicht, es meinem Manne zu sagen oder darf ich schweigen?
Wird er nicht an mir zweifeln, wenn ich es sage? Wird er nicht denken, daß der Ort, an dem er mich getroffen, dann gar nicht so unrecht für mich gewesen sei?
Hätte ich doch einen einzigen Menschen, mit dem ich sprechen könnte! – Ich glaube nicht, daß ich den Mut habe, es ihm zu sagen; ich fürchte seine Liebe und Achtung – jawohl seine Achtung, so paradox es auch klingen mag – zu verlieren. —
Denn trotz alledem und alledem, Werner achtet mich. Er weiß, ich war unschuldig dort hingekommen; und er achtet mich deshalb, weil ich mit allen Mitteln versucht habe, herauszukommen. —
Erführe er meinen ersten, dummen, kindischen Streich – wer weiß, ob dann nicht dieses Gefühl, das mich so sehr erhebt, für immer verloren wäre.
Ich muß das Geheimnis mit mir herumtragen. — —
Der Schlaf, der mich auch in den schlimmsten Augenblicken meines Lebens nicht verlassen, scheint mich jetzt zu fliehen.
Ich liege oft stundenlang und grübele über Dinge, die ich nicht ändern kann. Ruhelos wälze ich mich hin und her. —
Ist es die Einsamkeit um mich? Ist es das geheime innere Schuldgefühl, das mich quält? Diese stillen, schwarzen Nächte erdrücken mich. Wäre doch Werner erst wieder hier! Ich eigne mich nicht zur Seemannsfrau.
Immer allein!
Abends beim Schlafengehen und morgens beim Aufstehen. —
Oft schrecke ich Nachts aus unruhigem Schlummer auf, dann ist mir, als hörte ich ruhige, schwere Atemzüge neben mir – ich fasse hinüber, aber da ist nichts, ich bin allein – immer allein. —
Letzte Nacht hatte ich einen entsetzlichen Traum.
Mir träumte, ich stand allein auf einem weiten, endlos weiten Platz und wußte nicht, wohin ich mich wenden sollte.
Da kam ein Mann in einem langen, schwarzen Mantel, den großen Hut tief in die Stirn gedrückt, so daß ich nichts von dem Gesicht sehen konnte, und faßte mich bei der Hand.
Er führte mich über Felder und Auen weit, weit, und dann zuletzt in ein großes, palastartiges Haus, viele, viele Treppen empor.
Als wir schon sehr hoch gestiegen waren, öffnete mein Führer eine Tür, ließ mich los und sagte mit dumpfer Stimme: »Gehe diesen Weg, und du wirst rein wie eine Lilie sein.«
Ich hob den Fuß und wollte vorwärts schreiten, doch mit einem entsetzten Schrei fuhr ich zurück. Vor mir breitete sich endlos, unabsehbar das Meer.
Durch den Schrei war ich erwacht, entsetzt starrte ich ins Dunkel. Ich fürchtete mich so, daß ich nicht einmal wagte, mir Licht anzuzünden. —
Was bedeutete dieser unheimliche Traum?
Was wollte dieser unheimliche Mensch?
Und dieses große Wasser? Soll ich sterben? Soll ich im Wasser sterben?
Aber ich will nicht! Jetzt nicht! Dann hätte mich das Wasser vor sieben Monaten verschlingen sollen!
Ach Werner, mein Liebster, ich sehne mich nach dir, wärest du bei mir, du würdest mich trösten.
Die Sehnsucht, das Verlangen nach dir brennt mir wie Feuer in den Adern. — —
Schon wieder einmal bin ich allein.
Selige Tage waren es, als Werner hier war, ach, wie ist er gut! So gut, daß ich fast beschämt bin.
Ich weiß nicht, wie ich ihm danken soll. —
Nun haben wir auch die Möbel für unsere Wohnstube, fein!
Wie könnt' ich glücklich sein, wenn – ja wenn die bösen Gedanken nicht wären.
Ein jedes Vergehen trägt die Strafe gleich in sich – habe ich einmal irgendwo gelesen. Wie wahr das ist, das fühle ich jetzt nur zu gut. Ich bin bestraft durch die fortwährende Angst, daß Werner auch das noch erfahren könnte.
Ich machte eine kleine Andeutung, daß ich gern einmal die Heimat sehen würde. Gleich war er bereit.
»Warum nicht, Lieb! Nächste Reise, oder Pfingsten. Fahre ruhig hin; wenn ich wiederkomme, bist du längst wieder hier. Denn zu den Großeltern willst du ja doch nicht.«
Ich könnte also reisen! Aber nein, es geht nicht! Das habe ich auch Werner gesagt; ich habe ihm gesagt, daß es Wünsche bleiben müssen.
»Mir ist es recht, Lieb,« sagte er, »ich will nur dich zufrieden wissen.«
Ich soll mir ein Hündchen kaufen, damit ich nicht mehr so verlassen bin.
Ich freue mich, ich mag Tiere so gern. Gleich heute werde ich ausgehen und mir einige ansehen, die in der Zeitung standen.
Meine einsamen Spaziergänge am Außendeich muß ich aufgeben. Es ist hier wie überall. —
Ein Weib, das allein auf einsamen Wegen geht, ist ein Stück Freiwild. Oder habe ich etwas an mir? Trage ich ein Kainszeichen mit mir herum?
Wie kann ein Mann sich einfach erlauben, einer Frau, die ruhig ihres Weges geht, seine Begleitung anzubieten!
Woher nimmt er sich das Recht? Ist das auch ein Stück Herrenmoral?
Mich kostet es leider eine schöne, liebgewordene Gewohnheit. — —
Wenn ich doch einmal nach Hause in meine Berge könnte!
Jetzt liegt wohl noch Schnee, aber nicht lange mehr, und es beginnt zu grünen und zu blühen.
Die Täler fangen früh an, sich zu schmücken, wenn auch die Berge noch lange ihre winterliche Haube aufbehalten. —
In Großmutters Garten die Schneeglöckchen und Veilchen haben es immer am eiligsten.
Wie schön würde es sein, könnte ich hingehen!
Zu schön, um wahr zu werden. — —
Nun habe ich wirklich einen kleinen vierfüßigen Hausgenossen.
Wie ist das schön! So gesellig!
Jetzt kann ich wenigstens mal ein Wort sprechen.
Pit, mein kleiner Pit versteht alles. Er ist so klug, und wenn er sich erst vollständig an mich gewöhnt hat, versteht er gewiß jedes Wort. Abends stelle ich sein Körbchen vor mein Bett – nun bin ich doch nicht mehr so allein. —
Ob Werner ihn auch mag? Ganz sicher! Er ist zu niedlich.
Wenn ich im Bett liege, kann ich ihn immer beobachten, wie er sein Bettchen für die Nacht zurecht macht. Und wenn ich seine Decke noch so schön hingelegt habe, er fängt doch noch selbst an, alles zurechtzuzerren. Er kratzt mit den Füßchen und stuppst mit dem Näschen, bis alles nach Wunsch ist, dann legt er sich sehr befriedigt hin und wirft mir einen Blick zu aus seinen blanken Äugelchen, als wollte er sagen: So gehört sich das, du verstehst auch rein gar nichts davon. —
Ich bin so zufrieden, das Leben ist doch ganz schön.
Morgen kommt Werner.
Heute will ich alles schön sauber machen, damit unser kleines Reich würdig ist, seinen Herrn aufzunehmen.
Wenn das Wetter schön ist, werde ich an den Hafen gehen, um das Schiff hereinkommen zu sehen. Pit geht mit. —
Was Werner wohl sagen wird über meinen kleinen Freund?
Noch eine Nacht, dann ist er bei mir. Ich freue mich sehr auf ihn.
Ob er sich ebenso nach mir sehnt?
Ich will ihn doch fragen, ob er auch so unruhig nach mir ist.
Werner macht so wenig Worte; es ist mir schon wiederholt aufgefallen. Seine Handlungen sind um so besser. — —
Da ist es, das Geahnte, Gefürchtete.
Meine Angst, meine Scheu vor den Menschen war berechtigt.
Wäre ich nicht mit ausgegangen! — — —
Werner kam vorgestern von See. Er war so glücklich und zufrieden, er hatte eine schöne Reise gehabt und auch gut verdient, da er hin und zurück sein Zimmer vermietet hatte. —
Gestern Abend wollte er eine Stunde mit mir in ein Café gehen. Ich hatte keine rechte Lust und bat: »Laß uns zu Hause bleiben, da ist es viel schöner.«
Er hörte nicht auf mich.
»Du mußt auch mal raus, Schatz; du wirst mir sonst noch ganz melancholisch.«
Um ihm die Freude nicht zu verderben, gab ich nach, und wir gingen nach dem Viktoria-Café.
Anfangs war es nur schwach besucht, später setzte sich an den Tisch neben uns ein Trupp Herren.
Ich kannte niemand im ganzen Lokal.
Plötzlich fühlte ich, daß mich jemand beobachtete. Mir wurde unbehaglich, ohne zu wissen, warum.
Ich wandte den Kopf etwas zur Seite und sah, daß ein Herr mich ziemlich ungeniert anstarrte.
Ich kannte ihn nicht; aber – mein schlechtes Gewissen! Ich wurde blutrot und drehte den Kopf zur Seite; wie unter einem hypnotischen Zwang mußte ich nach einiger Zeit wieder hinsehen; noch immer dieses fatale Anstarren. —
Ein bartloses Gesicht mit einigen Schmissen an der linken Backe und hellen, erbarmungslosen Augen.
Wer war es nur? —
»Laß uns gehen, Werner,« bat ich.
Werner, der nichts von meiner Not merkte, sagte: »Aber warum denn, Schatz? 's ist doch ganz nett hier!«
»Ich muß hier heraus,« sagte ich angstvoll und sah ihn flehend an. Sofort sprang er auf und beugte sich über mich.
»Ist dir nicht gut, Lieb?« fragte er besorgt. —
Da stand der Herr, der wohl bemerkt hatte, daß ich fort wollte, auf und ging langsam an unserem Tisch vorüber, mich immerzu scharf und dreist anstarrend.
Auch Werner wurde aufmerksam. Er faßte sich an die Stirne, warf dann einen Blick auf mich, der zu fragen schien: »Kennst du ihn?«
Ich schüttelte den Kopf und sah ihn hilflos an. —
»Wie ist mir denn,« murmelte Werner vor sich hin, »den muß ich doch kennen!« Dann wandte er sich und schritt dem andern nach zur Toilette.
Ich wollte ihn zurückhalten, doch meine Hand fiel kraftlos in den Schoß.
Was hätte es auch genützt. Ich hatte geahnt, daß es so kommen mußte.
Die Welt ist so groß, so unendlich groß, und doch zu klein für ein wundgeschossenes Geschöpf, um sich verkriechen zu können. — —
Als Werner kam, stand ich sofort auf; schweigend half er mir in den Mantel; schweigend verließen wir das Lokal.
Als wir einige Schritte gegangen waren, nahm er meinen Arm und zog ihn unter den seinen; ich wagte kaum, ihm in die Augen zu sehen. —
»Es war ein Schiffsarzt,« sagte er nach einigen Minuten, »ich habe ihn zur Rede gestellt wegen seiner Ungebührlichkeit; er kennt dich – leider; er ist einmal drüben gewesen bei der Rottmann. Na, weine nur nicht, diesem edlen Herrn können wir ja aus dem Wege gehen. Aber meine Meinung habe ich ihm wenigstens gesagt!«
Ich antwortete nicht. Ich schluchzte krampfhaft in mein Taschentuch. Die Vorübergehenden sahen uns nach, sie hielten uns wohl für ein Liebespaar, das sich verzankt hatte. —
Als wir zu Hause ankamen, warf ich mich angekleidet aufs Bett und schluchzte jammervoll; Werner hatte Mühe, mich zu beruhigen.
»Was ist denn weiter geschehen, Liebling? Rege dich doch nicht so furchtbar auf. Was liegt an diesem Laffen? Wir beide sind zufrieden, das ist die Hauptsache.«
Du Armer! Zufrieden, ich und zufrieden! Ja, wenn die Schatten der Vergangenheit nicht so unbarmherzig auf das bißchen Licht fielen, das mich jetzt umleuchtet.
Nun mache ich auch ihn noch unglücklich! Diesen Einzigen, der mir den Glauben an die Menschheit wiedergeben konnte.
Es ist zum Wahnsinnigwerden!
Immer und immer wieder möchte ich rufen: Warum mir das alles? Warum dies übervolle Maß für mich?
Ach, könnt' ich schlafen, schlafen, um nie mehr aufzuwachen. — —
Nun bin ich wieder allein. Das bißchen Ruhe, in das ich mich nach und nach hineingeträumt habe, ist wieder hin.
Auch um Werner bin ich sehr in Sorge, er war gar nicht besonders auf dem Posten die letzten Tage; eine starke Erkältung hatte ihn befallen. Wenn er mir nur nicht ernstlich krank wird! Er freilich lachte mich aus, als ich ihn bat, zu Hause zu bleiben.
»Das würde eine schöne Geschichte werden, wenn jeder Seemann wegen einer kleinen Erkältung gleich an Land bleiben wollte; da könnten unsere Dampfer bald leer losfahren,« sagte er lachend. —
Er hat recht, aber trotzdem – was kann nicht alles passieren während einer solchen Reise. —
Und läßt sich nicht alles besser tragen, wenn man es gemeinsam trägt?
An die Schattenseiten des Seemannslebens habe ich nicht gedacht. Als ich auf dem Schiff war und dort alles wie am Schnürchen ging, als die Besatzung mit immer freundlichen Mienen auf die manchmal recht unsinnigen Wünsche der Passagiere einging, da habe ich nicht daran gedacht, daß diese Leute ein Doppelleben führen, um das sie wirklich nicht zu beneiden sind.
Ich möchte meinen Mann gerne an Land behalten; lieber wenig Verdienst, aber beisammen. —
Wie ist das zum Beispiel schrecklich mit meiner Flurnachbarin: der Mann fährt nach Ostasien; während der letzten Reise hat sie ein Töchterchen bekommen und hat es auch wieder verloren; das Kindchen ist nur sechs Wochen alt geworden.
Der Vater aber hat das Kind gar nicht gesehen.
Und das alles hat die arme Frau allein durchmachen müssen. —
Wirklich, auch eine Art Heldentum, von dem die Außenwelt nichts weiß. Ich werde Werner bitten, doch lieber im Bureau der Gesellschaft zu arbeiten, wenn er auch weniger verdient, es wird schon gehen. Oder vielleicht können wir ganz von hier fort, an einen Ort, wo niemand uns kennt.
Hier kennt mich nun doch schon ein Mensch, und nicht lange wird es dauern, so kennen mich noch mehr.
Was habe ich diesem Menschen getan, daß er mich so brandmarkt? Muß ich immer auf der Flucht vor meiner Vergangenheit sein? Wenn ich anders geartet wäre! Gleichgültiger gegen das Urteil der Menschen.
Nein, nein, das kann ich nicht – ich kann nicht leben ohne die Achtung meiner Mitmenschen. — —
Wäre doch die Reise erst zu Ende. —
Ich bin in einer furchtbaren Unruhe. Kommt es davon, daß Werner nicht ganz wohl war, oder kommt es, weil ich gar nicht aus dem Hause komme? Beides wirkt wohl zusammen.
Ich gehe auch des Morgens nicht mehr aus; wie leicht könnte mir dieser Mensch begegnen und mich auf offener Straße insultieren. – Und doch kann ich nicht immer eingeschlossen sein!
Was soll nur werden? — — —
Soeben war ein Herr vom Kontor bei mir. —
Was mag das nur zu bedeuten haben? Ich verstehe das gar nicht. Ich bin wie betäubt. —
Das Schiff ist drüben angekommen, und unter den telegraphischen Berichten, die an die Direktion gekommen sind, ist auch die Nachricht gewesen, daß mein Mann erkrankt ist und wahrscheinlich in Hoboken ins Hospital müsse; ich solle mich nicht ängstigen, wenn das Schiff ohne ihn zurückkäme, er sei drüben sehr gut aufgehoben. — —
Nicht ängstigen! – Wie ruhig er das sagt! —
Ich soll mir keine Sorgen machen, es sei nicht schlimm! Mein Mann komme vielleicht schon mit dem nächsten Dampfer. —
Sind das nun Worte – nur Worte? Was ist daran wahr? —
Was kann ich tun? Nichts!
Könnt' ich rasch hinlaufen; aber ich kann ja nicht!
Und wenn ich wirklich Geld hätte und hinfahren könnte, so wäre Werner möglicherweise schon wieder fort, wenn ich dort ankäme. —
Aber wenn man mir nun gar nicht die Wahrheit gesagt hat? Wenn es schlimm ist – viel schlimmer?
Ach, wer gibt mir Klarheit?
Ruhig warten, wenn jeder Blutstropfen kocht vor Angst. Die Hände in den Schoß legen, wenn man Berge versetzen möchte. —
Zwei Stunden später.
Ich kann nicht schlafen. Es ist eine so warme, schwüle Nacht.
Ich bin wieder aufgestanden und sitze im Nachthemd am offenen Fenster. Kein Mondstrahl durchbricht das Dunkel; der Himmel hängt wie eine große, grauschwarze Glocke über der Erde.
Nirgends ein heller Schein.
Ist diese dunkle, schwüle Nacht das Abbild meines Lebens – meiner Zukunft? — —
Mutter! Meine liebe tote Mutter, woher plötzlich der Gedanke an dich! Bist du mir nah?
Wenn du es bist, o, so gib mir ein Zeichen von deiner Nähe; sage mir, daß du bei mir bist und mich leitest. —
Ich war dir ein schlechtes, liebloses Kind, ich fühle es.
Gedankenlos ging ich neben dir – gedankenlos und ohne rechtes Verständnis nahm ich dein frühes Scheiden.
Und doch hast du so viel um mich gelitten.
Ach, Mutter, hätte ich dich jetzt, du würdest mir helfen und raten. – Mutter, komm zu mir, ich brauche dich, nie brauchte ich eine liebende Hand nötiger. Ich fühle, etwas Schreckliches steht vor mir und droht, sich auf mich zu stürzen.
Mutter, hilf mir! — — — —
Noch einmal habe ich versucht, zu schlafen, ich kann es nicht. Der Morgen dämmert schon im Osten, und noch fand ich keinen Schlaf. – Auch mein kleiner Freund findet keine Ruhe. Oder ist es nur meine Aufregung, die sich ihm mitteilt?
Sonst liegt er die ganze Nacht still in seinem Körbchen, und jetzt läuft er ruhelos umher und heult zuweilen so seltsam schauerlich. Ich glaube, ich fürchte mich.
Aber wovor?
Ich wünschte, ich wäre anders geartet; wäre gleichgültiger, dann könnte ich ruhig schlafen und säße nicht um vier Uhr morgens am Fenster meines Schlafzimmers und starrte mit brennenden, übernächtigen Augen in den langsam heraufsteigenden Tag. —
Mein Traum, mein Traum; sollte das seine Lösung sein? Stehe ich jetzt vielleicht vor der endlosen Wasserwüste, die mir mein Alles verschlungen hat? —
Ich fürchte, ich bin krank, sonst würde ich mich nicht so entsetzlich ängstigen – um ein Nichts vielleicht.
Mein Mann ist wohl längst wieder gesund, und wenn ich ihm meine Sorgen erzähle, wird er mich schelten, daß ich so wenig Seemannsfrau bin. Ich werde versuchen, noch eine Stunde zu schlafen. — —
Wenn ich oft noch im Zweifel war, ob ich Werner wirklich liebte, so wie man sich Gattenliebe untereinander vorstellt, so sind diese Zweifel jetzt geschwunden.
Wäre es nur Dankbarkeit gewesen, ich würde nicht so um sein Leben zittern.
Werner, Werner, mein Lieb, mein Alles, wo bist du? Wie lange hörte ich nichts von dir! Bist du noch krank? Rufe mich, und ich eile zu dir, um dich zu pflegen, und wenn ich durch Welten von dir getrennt wäre. – Ich muß Gewißheit haben, ich ertrage keine Nacht mehr wie die vergangene. —
Und doch, was kann ein Weib tun in meiner Lage! Was kann sie tun? Ein Telegramm wird mir Erlösung und Gewißheit bringen. —
Nun habe ich Gewißheit. Entsetzliche Gewißheit!
Nun liegt es wieder vor mir, das Leben, unnütz und von niemand gewollt. Was soll ich damit?
Wem frommt es?
Nun er tot ist!
Tot, der einzige Mensch, der mich geliebt, der an mich geglaubt, der mich dem Schlamm entrissen hat.
Ach Mutter, Mutter, warum hast du mich geboren? Wo bist du, um dein Kind zu schützen?
Gib ihn mir wieder, Gott, aus deinem Himmel oder nimm auch mich zu dir!
Ich kann nicht mehr – würde ich doch krank – könnte ich sterben –.
Heute habe ich die Sachen meines Mannes bekommen. —
Gestern kam sein Schiff zurück – ohne ihn – ohne ihn!
Nur die paar armseligen Sachen bezeugen mir, daß er gewesen. —
Ein kleiner Kasten mit seinen intimen, kleinen Sachen: Briefe – sein Taschenbuch – seine Brieftasche – eine Photographie – meine eigene.
Bin ich das wirklich? Dies unschuldige Gesichtchen mit den großen, fragenden Augen? Nein, ich bin es nicht.
Seine Börse, das alte, abgegriffene Ding, von dem er sich nicht trennen mochte. Sonst nichts, nichts!
Kein letzter Gruß, kein Zeichen, daß er mein gedacht in seiner letzten Stunde.
In seinem Taschenbuch nichts. Aufzeichnungen, mir unverständlich. —
Ist das alles? Ist das das Ende? Es ist unmöglich!
Ein Wort, ein letztes Wort!
Laß mich wissen, ob du noch immer in Liebe mein gedacht.
Der Gedanke läßt mich nicht los, foltert mich bis zu körperlicher Pein, daß du freiwillig gingst.
Jene Begegnung im Café – war sie dir so furchtbar?
Konntest du die Verachtung nicht ertragen, die dein Weib traf?
Erbarme dich, du Unbarmherziger da oben, und gib mir Gewißheit. —
Ah, ein Brief!
Ich kann ihn kaum öffnen, so zittern mir die Finger. Ein Brief von ihm, mit zitternder Hand geschrieben:
»Gott schütze Dich, Liebling! Ich fürchte, ich bin sehr krank. – Wenn wir uns nicht wiedersehen sollten? – Lotti, mein süßes Weib, ich habe Dich sehr geliebt. Bleibe gut, wenn ich von Dir gehen sollte. Du bist ein seltenes Geschöpf, laß Dich nicht zerbrechen, laß den Gedanken an mich Dein Leitstern sein, damit Du nicht wieder untergehst. Möchtest Du nicht doch zu Deinen Großeltern gehen? —
Lottchen, Liebling, seit ich erwachsen bin, habe ich nicht oft an meinen Gott gedacht – ich hatte ihn fast vergessen; heut' ist er mir nah, darum bin ich gefaßt. Er wird auch Dich beschützen. Was er tut, ist gut. Ich umarme Dich im Geiste und küsse Deinen süßen, warmen Mund und Deine strahlenden Augen.
Gott schütze Dich!
Dein Werner.«
Ist das das Ende von meinem Paradies? Es ist ja nicht möglich – nicht möglich!
Er kann mich nicht verlassen haben!
Ist all das warme pulsierende Leben tot? Hinweggeweht?
Wo ist es? Wo ist sein lieber Körper? Wo ist das, was von ihm übrig blieb? – Ich will zu ihm. Wenn ich sonst nichts kann, so will ich an seinem Grabe knien und will ihm mein Leid klagen.
Zu ihm, zu ihm! Das soll jetzt meine Aufgabe sein! —
Ich bin matt bis zum Sterben, und doch ist eine Zentnerlast von mir genommen. —
Er ging nicht freiwillig; eine bösartige Mandelentzündung hat ihn dahingerafft. —
Die besten Menschen sterben früh, heißt es. An ihm hat es sich bewahrheitet.
Er war der Besten einer. — —
Ich nehme sein Kopfkissen, so wie ich es bekommen, und lege mein müdes Haupt darauf. Ich will darauf schlafen heute nacht. Vielleicht kommt er zu mir und hält geheime Zwiesprache mit mir.
Ich werde inbrünstig flehen, daß er zu mir kommt.
Ich grabe meinen Kopf in das Kissen, auf welchem er geruht, und denke an ihn und seine große Liebe, und er wird kommen und wird mir raten, wohin ich mein Lebensschifflein steuern soll. – Zur Großmutter gehe ich nicht; weiß ich doch nicht einmal, ob sie noch lebt. — —
Er ist nicht gekommen. All mein Bitten, all mein Flehen war umsonst. Niemand kommt wieder, der in jene geheimnisvollen Fernen ging. —
Ich bin allein mit meinem Gram und meiner Liebe.
Er ist tot, und ich habe ihn verloren.
Ich habe oft darüber gelächelt, wenn ich hörte, daß es Leute gibt, die vermeinen, sich mit ihren toten Lieben in Verbindung setzen zu können, jetzt verstehe ich sie. Auch dieser Wahn ist ein Trost. – Nur zu mir kommt niemand, weder die Mutter noch er.
Und doch wird er unvergessen sein. Er soll leben in meiner Erinnerung und in meinem Herzen.
– Der Tote ist tot und nur der Lebende hat Rechte, sagt man ja wohl. Bei mir soll auch der Tote sein Recht behalten. — —
Ich bin so fremd hier geblieben, und das rächt sich jetzt. Kein Mensch kommt zu mir, niemand sagt mir ein liebes, tröstendes Wort.
In solchen Zeiten merkt man doch, daß es gut ist, wenn der Mensch zum Menschen geht.
Nur vom Kontor kommt ab und zu ein Herr zu mir. Er hat mir auch Werners noch ausstehendes Gehalt gebracht und zudem eine kleine Summe, die jede Witwe beim Tode ihres Mannes von der Gesellschaft erhält.
Ich bin also nicht ganz mittellos, für einige Monate hätte ich zu leben. Aber was dann?
Die Frage wird immer dringender. Das Leben ist brutal in seinen Forderungen.
In meinen Schmerz und in meine Trauer drängt sich gewaltsam die Sorge ums tägliche Brot. —
Als ich heute Herrn Rehm meinen Wunsch andeutete, daß ich so gern nach drüben an das Grab meines Gatten möchte, macht er mir einen Vorschlag, der mir zuerst ganz ungeheuerlich, bei längerem Nachdenken aber gar nicht so übel erscheint.
Er meint, ich solle bei der Kompanie als Stewardeß fahren. —
Ein verlockender Vorschlag.
Ich komme umsonst an das Ziel meiner Wünsche, und wenn es mir auf dem Schiff nicht gefällt, so kann ich zu jeder Zeit wieder abgehen; eine passende Stelle wird sich finden.
Ein unangenehmes Gefühl beschleicht mich zwar, wenn ich an New York denke, doch die Verlockung ist zu groß. Und bin ich jetzt nicht gefeit gegen alles?
Ein Fall wie der im vergangenen Jahre bei meiner Ausreise kann mir nicht wieder passieren. — —
Nur meine Jugend! Werde ich einem so verantwortungsvollen Posten gewachsen sein? — —
Die Würfel sind gefallen. Ich komme auf einen neugebauten Dampfer, der noch im Herbst seine erste Reise macht. —
Nun habe ich wieder alle möglichen neuen Sorgen.
Die Wohnung aufgeben, ein Zimmer mieten, was nicht so leicht sein wird, denn ich will meinen kleinen Pit behalten, und muß mir Leute aussuchen, die gut zu ihm sind.
Er ist so klug; alles versteht er. Und wenn ich ihm erzähle, daß Frauchen ausgehen muß, dann weint er wie ein Kind. Er kuschelt sich in meinem Schoß wie ein Igel zusammen. Es ist doch etwas Lebendes, das ich um mich habe. Hoffentlich finde ich gute Pflege für ihn. Es gibt mir wirklich ein wenig das Gefühl des Gehobenseins, wenn ich mir sage, ich habe für etwas zu sorgen, ich muß Geld verdienen – und wenn es auch nur ein Hund ist.
Nur ein Hund – man sagt das so – und welch ein Trost war er mir! Wenigstens ein Geschöpf, das mich lieb hatte, das mein war und nicht mit unbarmherzigem Forschen nach meiner Vergangenheit fragte.
Oft sind Tiere besser als Menschen.
Eine neue Phase meines Lebens.
Seit drei Tagen bin ich auf der »Nirwana« als Stewardeß. —
Noch kann ich nicht viel sagen, es wäre verfrüht, schon jetzt über irgend etwas urteilen zu wollen.
Der Dienst ist nicht so schwer wie ich gedacht. Kranke Damen bedienen, ihnen etwas zu essen bringen und sonstige intimere Hilfeleistungen, bei denen sie keine männliche Bedienung brauchen können, ab und zu ein Bad fertig machen und den Damensalon in Ordnung halten, das wären so bis jetzt meine Pflichten. Ob noch andere dazu kommen, muß ich abwarten.
Das einfache schwarze Kleid, das ich trage, habe ich durch einen weißen Kragen etwas freundlicher gestalten müssen.
Ich gebe zu, daß das nötig war, man muß doch leicht kenntlich sein zwischen den vielen Passagieren, aber es hat so was Zofenmäßiges an sich, und das mag ich nicht. —
Meine Kollegin, mit der ich die Kabine teile, ist eine ältere Frau, die Witwe eines früheren I. Offiziers der Gesellschaft. Sie hat vier Kinder großzuziehen, und da sie bei dem Tode ihres Mannes vollständig ohne Mittel zurückgeblieben ist, so hat sie die günstige Gelegenheit benutzt. Sie hat recht, was soll eine Frau anfangen, die nichts weiter gelernt hat als einen Haushalt zu führen, wenn sie in eine derartige Situation gerät? Die Beschäftigung hier kommt der häuslichen am nächsten. —
Und von den weißen Häubchen kann man auch eine andere Auffassung haben. Auch Krankenschwestern tragen Häubchen. —
Ja, ja, Frau Marie hat ganz recht, alles hat seine zwei Seiten. —
Alles hat seine zwei Seiten, das merke ich auch im Dienst.
Ich bin in Trauer um meinen Mann, der kaum zehn Wochen tot ist, aber das hält die Männer nicht ab, mich mit begehrlichen Blicken zu verfolgen.
Ich tue doch nun gewiß nichts, um sie zu ermuntern, aber auch gar nichts. Ich war so ruhig, so zufrieden. Mein schwarzes Kleid schien mir Schutz genug zu sein.
Oft muß ich denken, ob ich wohl etwas Besonderes an mir habe, das die Männer reizt? Ich bin doch nicht anders in meinem Auftreten als andere Frauen auch.
Haben die Männer eine besonders feine Nase für gewisse Dinge? Es ist doch beinahe ein Jahr, daß ich aus jener Atmosphäre heraus bin. —
Aber nein, ich brauche keine Angst zu haben, niemand weiß etwas, niemand kann etwas wissen. —
Ich habe meiner Kollegin meine Not geklagt. Sie sagt, das mache meine Jugend und Schönheit. —
Also muß ich wirklich schön sein, wenn sogar die Geschlechtsgenossinnen es unumwunden zugeben.
Ich könnte stolz darauf sein, denn Schönheit ist bekanntlich die größte Macht eines Weibes. Aber Schönheit ist auch eine Gefahr, und für mich war sie die letztere. —
Gewiß, wer klug ist und seine Waffen und Mittel zu gebrauchen versteht, aber ich war bislang eben nicht klug. – Doch werde ich mir jetzt Mühe geben, es zu sein.
Ich bin jetzt alt genug, habe genug durchgemacht, und wenn ich wirklich noch etwas Gutes und Nützliches aus meinem Leben zimmern will, so ist es Zeit. —
Ich muß für mich selbst denken und handeln, ich muß das Andenken meines Mannes ehren.
Mittwoch sind wir in New York, an seinem Grabe werde ich beten. Nicht zu Gott, dem Unsichtbaren, der mich bisher immer verlassen, nein, zu ihm, zu Werner, zu meinem Retter. — —
Gestern war ich endlich bei ihm.
Sie haben ihn schön gebettet, und noch waren die Schleifen und Kränze nicht zerstört, die man ihm von allen Seiten dargebracht hatte.
Lange habe ich an seinem Grabe gekniet und leise Zwiesprache mit ihm gehalten. Er hat mich gehört und verstanden.
Mir war ganz anders zu Sinn, so froh, so voller Zuversicht ging ich auf den Weg.
Er wird mir beistehen, sein Geist wird um mich sein. — —
Wir haben nicht viel Passagiere, ich bin also nicht sehr beschäftigt. Ich bin froh, daß die Tage in New York vorüber sind, ich hatte doch immer noch etwas Furcht, obgleich es ja Unsinn ist. —
Und wenn mich wirklich jemand erkannt hätte, was wollten sie mir tun? Überhaupt, wo drüben die Frauen so viel Rechte haben – das heißt – wenn sie frei sind und Gebrauch davon machen können; denn ich habe damals sehr wenig davon bemerkt. —
Ich habe mich schon ganz nett eingearbeitet. Der Kapitän ist ein vornehmer alter Herr, der mir immer sehr freundlich zunickt, wenn er mir mal begegnet.
Auch der Obersteward, mein direkter Vorgesetzter, ist ganz nett. Sie haben alle Mitleid mit mir, weil ich nach so kurzer Ehe und so jung schon auf mich selbst angewiesen bin.
Überhaupt finde ich, die Männer können unter Umständen ganz nett sein, wenn sie nur nicht immer gleich das Weibchen in der Frau suchen würden. — —
Unter den Passagieren ist ein Rechtsanwalt aus Patterson; schon am dritten Tage machte er mir einen regelrechten Heiratsantrag. Er will meinetwegen wieder mit der »Nirwana« zurück, dann will er mich auf einen Tag abholen, will mir sein Haus zeigen usw. Ich sage zu allem ja. Er kann lange warten; lieber gehe ich nach der Reise gar nicht an Land. —
Gebranntes Kind scheut's Feuer. —
Auf Steuerbordseite in Nr. 65 wohnt ein berühmter Sänger mit seiner Frau. Er ist in Amerika auf einer Gastspieltournee gewesen.
Gestern hatten wir etwas hohe See, da war seine Frau krank, und ich mußte verschiedene Male zu ihr ins Zimmer.
Gegen Abend traf ich auch den berühmten Mann. Er war sehr freundlich und sagte dann zu seiner Frau: ich sei viel zu schade für dieses Leben hier, ob ich kein Talent hätte, um zur Bühne zu gehen. Ich hätte eine wundervolle elegante Figur und sei sehr schön. —
Seine Frau schalt ihn aus und sagte, er solle mir keine Dummheiten in den Kopf setzen. —
Eifersüchtig scheint sie aber nicht zu sein.
Sie hat mich dann gefragt, wie es komme, daß ich so jung schon einen solchen Platz einnehme, da habe ich ihr von meiner kurzen Ehe und von meinem Verlust erzählt; das, was vorherging, habe ich verschwiegen.
Sie sagte, ich sei sehr tapfer. Ob ich gar keine Angehörigen mehr habe? Ich sagte: Nein.
Wozu soll ich mehr sagen? Ich muß lernen, Herz und Zunge im Zaume zu halten. — —
Ich habe mir in der Bibliothek etwas zu lesen geholt. Die Abende sind so lang, wenn man nicht genug zu tun hat, und für Handarbeiten war ich nie.
Es ist ein englisches Buch und heißt: Wenn die Liebe stirbt.
Eigentlich schrecklich, dieses langsame gegenseitige Erkalten zwischen zwei Menschen, die sich einst so heiß geliebt.
Ist das immer so? Und muß das sein?
Dann müßte ich ja glücklich sein, daß Werner von mir gegangen ist. Unsere Liebe war neu, groß, noch täglich im Wachsen.
Sie war wie ein Sonnenaufgang.
Zuerst war ich noch furchtsam und glaubte nicht an mein Glück, bis es dann strahlend wie das Sonnenwunder vor mir stand.
Aber doch – etwas länger hätte es schon währen dürfen. — —
Wieder zu Hause. Ich habe mich so über meinen kleinen Pit gefreut, daß ich wohl geweint habe. Wie war das Tier glücklich! Es konnte mir gar nicht genug seine Freude und Liebe zeigen; den ganzen Abend ist es nicht von meinem Schoß gegangen. Und fein war Pit! Frau Meyer hatte ihm extra ein blaues Schleifchen umgebunden. — —
Ich könnte nun eigentlich ganz zufrieden sein; verdient habe ich auch ganz schön – aber trotzdem, bleiben werde ich nicht in dieser Stellung. Ich betrachte sie nur als Übergang.
Ich werde mir etwas Geld sparen, da ich meine Kost an Bord habe, brauche ich ja wenig, und ich will mich offenen Auges umsehen, um vor allen Dingen einige Bekanntschaften zu machen. —
Wenn ich mit einer älteren Dame aus der ersten Kajüte gehen könnte, wäre es das beste.
Ich muß doch wieder drüben bleiben, so böse mir auch das erste Mal die Neue Welt mitgespielt hat. Nur drüben ist die Möglichkeit für mich, hoch zu kommen.
Man wird doch nicht so sehr nach dem Woher und Wohin gefragt wie in Deutschland. —
Weihnacht auf See.
Es war wunderschön. In jedem Salon war ein Baum auch im Zwischendeck und in den Mannschaftsräumen.
Im ersten Salon ging der Baum bis hinauf durch das große Skylight.
Die Musik spielte überall den Weihnachtschoral, der Kapitän hielt eine kleine Ansprache, es war wirklich wunderschön.
Ich habe natürlich geweint, ganz furchtbar, ich mußte der beiden vergangenen Weihnachten gedenken. —
Als alles vorüber war, habe ich mir ein Tuch umgeworfen und bin noch für einige Augenblicke auf Deck gegangen.
Die Nacht war kalt und klar. Kein Wind und kein Schnee, hoch und rein wölbte sich der Himmel über der unendlichen Weite. —
Es sind meine schönsten Augenblicke, die ich mir auch beim schlechtesten Wetter nicht nehmen lasse.
Auf dem Bootsdeck ist ein wunderschönes Plätzchen zwischen dem Maschinenskylight und dem Rauchzimmer. Hier ist es stets geschützt, auch bei dem schlechtesten Wetter.
Hier kann ich Ich sein. Hier auf diesem stillen Plätzchen, um mich die Unendlichkeit, läßt es sich träumen. Mir ist dann, als ob meine Seele Schwingen bekäme und über die Wellen eilte, um gleichgestimmte Genossen zu suchen. —
Wenn schlechtes Wetter ist, schlinge ich den Arm um den eisernen Pfeiler und lasse mich von den Wellen hin und her wiegen.
Es ist ein Gefühl des Gehobenseins in mir. Losgelöst von aller Erdenschwere schwebe ich mit meiner Seele über die unendlichen Weiten. —
Heut' ist niemand auf den Decks. Was noch nicht schläft, sitzt in den Rauchzimmern und feiert Weihnachten. — —
Auch ich feiere Weihnacht – heimlich und still mit meinem Liebsten. Ob er wohl um mich ist heute? Und du, Mutter?
Ob die abgeschiedenen Seelen sich begegnen im unendlichen Raum?
Dann müßten jene beiden, die mir die liebsten waren auf dieser Welt, zusammen sein. —
Ich muß so viel an das denken, was hinter jenem undurchdringlichen Vorhang liegt, seit er von mir ging. Und doch werde ich auch mit all meinem Grübeln nichts erforschen.
Ist es nicht, als ob jemand auf mich zuschritte, als ob eine strahlende Gestalt auf dem hellen Streif stünde, der über dem Wasser liegt? – Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Kinderglaube – du bist so tröstlich. —
Ich bin müde, so müde! Ich will schlafen gehen. —
Ich weiß nicht – ich war immer so gesund und stark. Hunger und Schlaf verließen mich auch in den schlimmsten Lagen meines Lebens nicht, und nun? Ich grüble und habe schlaflose Nächte.
Was ist mit mir?
Wir haben diese Reise einen Pfarrer an Bord, einen behäbigen Herrn in mittleren Jahren.
Leider widmet er meiner Person mehr Aufmerksamkeit als mir lieb ist. Er scheint zu glauben, daß die Pflichten einer Stewardeß, noch dazu wenn sie jung und hübsch ist, sich auch auf ein anderes Gebiet erstrecken.
Er ist strenger Temperenzler – nur Champagner trinkt er ziemlich viel – because the Doctor says so.
Gestern abend ist er mir auf Deck gefolgt und hat mir einen kleinen Vortrag über seine Gesundheit gehalten, und was ihm außer dem Champagner der Arzt noch verordnet hat.
Dann lud er mich zu einem Glase Sekt ein. Ich lehnte ab, auch sein anderes Angebot mußte ich leider ablehnen.
Ich fühlte ganz und gar kein Bedürfnis, bei dem geistlichen Herrn als Medizin zu fungieren. —
Aber natürlich ist mir mein Erholungsplätzchen für diese Reise verleidet. —
Wir legen auf – vielmehr das Schiff legt auf —: vier Wochen. Ich könnte mich eigentlich auch ein wenig freuen und im Grunde meines Herzens tue ich es wirklich, denn es ist doch ganz schön, wenn man wieder einmal ganz sich selbst gehört, nur wird diese Auflegezeit wieder ein kleines Loch in meine Ersparnisse reißen.
Ein paar hundert Mark habe ich doch schon zusammen, zum Drübenbleiben langt es aber noch nicht. Und die Gelegenheit, mit einer Dame zu gehen, hat sich noch nicht geboten. —
Ich werde in diesen Wochen allerlei ordnen. Vor allen Dingen muß ich Werners Sachen einmal gut durchsehen. Ich muß mich über mich selbst wundern, daß ich so ruhig sein kann bei diesem Gedanken. Vor einigen Monaten hätte ich nichts anrühren können ohne vor Schmerz zu vergehen. Und nun! Sein liebes Bild rückt in immer weitere Fernen.
Die Zeit ist doch die beste Trösterin. Nie hätte ich geglaubt, als ich mein Haupt verzweiflungsvoll in sein Kissen grub, daß ich einmal wieder so ruhig an ihn denken könnte.
Oder bin ich gar nicht fähig, die rechte Liebe zu empfinden und Treue zu halten? Bald werde ich an mir selbst irre.
Ist ein Weib wirklich ein so sonderbares, unergründliches Geschöpf, wie die Buddhisten sagen?
Sind andere Frauen besser oder sind sie nur klüger?
Es ist totenstill im Hause. Die Wirtsleute sind aus, und ich bin ganz allein. Pit liegt auf meinem Schoß, und ich freue mich der Nähe des kleinen, warmen Geschöpfes.
Soeben las ich in einem französischen Buche den Satz: Glücklich sein ist eine Kunst. – Eine Kunst? Ich habe geglaubt, es sei ein Geschenk der Götter.
Ich bin leider kein Liebling der Götter! — —
Ich werde aufatmen, wenn die Auflegezeit vorüber ist. Ich bin nicht geschaffen für ein stilles, ruhiges Leben ohne Zweck und Ziel. —
Als Werner noch lebte, drehte sich alles um ihn. Was ich tat, tat ich für ihn und freute mich immer, wenn alles recht schön bei seiner Heimkehr war.
Jetzt hab' ich niemand, für den ich sorge, nur meinen kleinen, süßen Pit, und der braucht so wenig.
Wieder auf der Fahrt. Ich bin froh, daß die einsamen Tage vorüber sind. Es geht auf das Frühjahr zu, und wie alle an Bord sagen, gibt es nun bald viel zu tun. Schon mit dieser Reise beginnt der Passagierandrang von drüben.
Mir ist es recht. Denn erstens habe ich dann keine Zeit zum Grübeln, und die Unruhe in mir wird durch die Arbeit zum Schweigen gebracht, und zweitens verdiene ich hoffentlich bald recht viel Geld und komme meinem Ziele immer näher. — —
Seit Tagen fühle ich mich nicht recht wohl. Es ist eine Hitze im Schiff zum Ersticken, an Schlaf ist kaum zu denken.
Dazu diese Unruhe in mir! Ich fühle mich so unsicher, eine unbestimmte Sehnsucht quält mich, wonach? — — —
Ich will meinen Schlafrock überwerfen, um noch ein Stündchen auf Deck zu gehen. — —
Das hilft immer. Es ist etwas Großes um diese unendliche Einsamkeit. Nur das Stampfen der mächtigen Riesen im Innern des Schiffes stört. Wie schön muß es auf einem Segler sein!
Ich bin in einer schrecklichen Stimmung in diesen Tagen.
Unzufriedenheit, Mitleid mit mir selbst und ein unbestimmtes Sehnen liegen mir wie eine Krankheit in den Gliedern.
Und habe ich nicht recht, Mitleid mit mir zu haben? Ist es nicht wirklich etwas Bedauernswertes, so ein einsames, verlassenes, junges Geschöpf, wie ich es bin?!
Ein wenig Liebe, ein wenig Güte und Selbstlosigkeit würden mir gut tun, aber wo sie finden?
Man sagt: die Jugend ist nur glücklich in der Erwartung all des Großen und Schönen, was das Leben bringen soll, und das Alter ist glücklich, daß alles vorüber ist. —
Ich habe nicht bemerkt, daß ich jung war, soll ich mir wünschen, alt zu sein? — —
Ich habe eine neue Bekanntschaft gemacht.
Ein Deutschamerikaner, der zu Besuch nach der alten Heimat geht. Vom ersten Tage an habe ich bemerkt, daß er nach mir sah, wenn ich über Deck oder durch den Salon ging.
Schon zu verschiedenen Malen hat er versucht, mit mir zu sprechen. Seine Augen hängen voll unverhohlener Bewunderung an meinem Gesicht. Wenn er jetzt wieder mit mir anfängt, werde ich ihn fragen, warum er ohne seine Frau reist.
Ich muß auf der Hut sein, nicht noch einmal darf ich das Recht zu Selbstvorwürfen haben. —
Mr. Siegel ist nicht verheiratet. Ich habe ihn gefragt, als er heute mit mir zu sprechen anfing.
Ich glaube, er hatte mich abgefangen, als ich von der alten Frau Fletcher kam. Sie ist so krank, daß sie gar nicht aus dem Bett kann, ich muß sie nun immer für die Nacht fertig machen und tue das meist so gegen neun Uhr. —
Als ich nun vorhin von der alten Dame kam, stand Mr. Siegel vor dem Salon und wartete.
Er fragte sofort, warum ich ihm aus dem Wege gehe.
Er scheint ziemlich gerade auf sein Ziel los zu steuern.
Ich sagte ihm, daß ich mich nicht entsinnen könne, ihm aus dem Wege gegangen zu sein, ich wüßte aber auch nicht, daß es zu meinen Pflichten gehöre, mich mit den Herren zu beschäftigen. — —
»Sie wissen ganz genau, was ich von Ihnen will. Sie wissen, daß ich Sie suche vom ersten Tage an. Sie müßten kein Weib sein, wenn Sie das nicht bemerkt hätten.«
»Und wenn ich es bemerkt hätte? Was dann?«
»Dann müssen Sie einen Grund haben, mir auszuweichen. Bin ich Ihnen unsympathisch?«
»Das weiß ich nicht! Darüber nachzudenken hatte ich keine Gelegenheit. Im übrigen kann es Ihnen ja auch gleichgültig sein, ob ich Sie gern oder weniger gern mag. In einigen Tagen sind wir in Europa, dann gehen Sie fort und denken nicht mehr an uns hier. Und für uns kommen andere Passagiere, so daß auch wir nicht mehr lange über die Fortgegangenen nachdenken können.«
»Ich werde aber an Sie denken! Und damit auch Sie mich nicht so rasch vergessen, gebe ich Ihnen hier ein kleines Andenken. In zwei Monaten komme ich zurück, ich hatte eigentlich schon einen Platz auf dem »Moltke« belegt, aber das mache ich sofort rückgängig. Ich fahre wieder mit diesem Dampfer.«
»Das wird wahrscheinlich nichts werden; wir sind ausverkauft bis zum Herbst hinein.«
»Das ist mir einerlei, und wenn ich im Rauchzimmer auf dem Sofa schlafen soll, ich komme schon mit.«
Es kamen Passagiere, und ich lief durch den Salon, unwillkürlich das lange, flache Kästchen, das Mr. Siegel mir in die Hand gedrückt hatte, unter der Schürze verbergend.
Ich lief in mein Zimmer; ich war neugierig, was es war.
Eine wunderhübsche kleine Tasche aus rötlichem Leder mit altsilbernen Beschlägen – so wie sie die Damen in Amerika statt des Portemonnaies tragen, war in dem Kasten. Wunderhübsch! Ja, aber – warum habe ich es angenommen? Ich darf das Ding doch nicht behalten, auf keinen Fall! Und wie kommt dieser Mensch dazu, mir ein solches Geschenk zu machen? Ob er die Tasche an Bord gekauft hat? Oder drüben?
Einerlei, was geht es mich an. Sofort morgen früh werde ich mich erkundigen, wo er wohnt, und werde ihm die Tasche durch seinen Zimmersteward wieder zurückgeben lassen.
Schade! Sie ist reizend! — — — —
Ich war noch ein Stündchen auf Deck. Ach, es ist wundervoll.
Allein mit der Natur! Gibt es etwas Erfrischenderes als diese herbe, kräftige Seeluft? Wenn man barhäuptig dasteht und sich anblasen läßt?
Ich fühle mich dann wie ein Mann, stark, kräftig, unternehmungslustig. Ach ja, ein Mann! Ich möchte ein Mann sein. Ein Seemann!
Fechten mit Sturm und Wetter. Die Kräfte messen an den Aufgaben, die Natur und Technik uns stellt. —
Aber ich bin nur ein Weib – ein schwaches Weib – wie man sagt.
Warum sind wir schwächer als die Männer?
Und sind wir es denn wirklich?
Könnte ich nicht ebensogut mit Ölrock und Südwester da oben stehen, wie der vierte Offizier, dieser kleine dicke Junge, der aussieht wie ein recht gut gefüttertes Muttersöhnchen?
Aber nein, ich bin ein Mädchen, ich muß recht schön hier unten bleiben, muß zufrieden sein, wenn ein Mann sich herbeiläßt, mir seine Aufmerksamkeit zu schenken. —
Der Teufel hole sie alle! Was will nun dieser Siegel wieder von mir? Warum stört er meine Ruhe?
Ich könnte ihn schon leiden, er ist ein rechter Mann. —
Ein offenes, schönes Auge, kurzes, starkes Haar und einen wunderhübschen Mund, eigentlich viel zu schön für einen Mann.
Auch seine ganze Art und Weise gefällt mir.
Wie alt er wohl sein mag? Nicht mehr sehr jung. Fünf-, sechsunddreißig? Viel zu alt für mich mit meinen achtzehn Jahren. – Lotte, Lotte, wohin verirrst du dich! Geh schlafen, dann vergehen dir die dummen Gedanken. — —
Der Steward hat mir die Tasche wiedergebracht, Mr. Siegel kenne sie nicht; es sei wohl ein Irrtum. —
Nun liegt sie wieder in meiner Koje. Was mache ich damit? Ich kann das hübsche Ding doch nicht einfach über Bord werfen! Der Mann zwingt mich wirklich dazu, an ihn zu denken. —
Morgen kommen wir an. Mr. Siegel hat mich diese Tage nicht wieder angesprochen, nur heute abend war er mir auf Deck gefolgt.
Er muß doch also gewußt haben, daß ich abends immer noch nach oben gehe. Nett von ihm, daß er mich bis jetzt nicht gestört hat. Er will allen Ernstes mit uns zurück und hofft, daß ich dann etwas liebenswürdiger zu ihm bin.
Ich habe ihm gesagt, daß ich niemals anders zu ihm sein würde. Überhaupt solle er mich in Ruhe lassen. Die Männer seien alle schlecht, er auch – gewiß, er auch! —
»Liebes Kind, wer sagt Ihnen, daß die Männer so schlecht sind? Haben Sie so früh schon böse Erfahrungen gemacht?«
Ich antwortete nicht. Ich wurde ganz verlegen – – wenn er wüßte – –!
»Ich habe gehört, daß Ihnen Ihr Mann nach kurzer Ehe gestorben ist. War er nicht gut zu Ihnen? Undenkbar!«
»Oh, mein Mann!« rief ich, und stockte, in diesem Ausruf lag schon viel zu viel. —
»Ich will Ihnen jetzt Lebewohl sagen,« fuhr Mr. Siegel fort. »Lebewohl und auf Wiedersehen. Denn ich werde Sie wiedersehen. Und versuchen Sie einstweilen, ohne Vorurteil an mich zu denken. Ich war bis jetzt noch nie schlecht gegen eine Frau. – Ich hatte keine Zeit, mich mit ihnen zu beschäftigen, weder im Guten noch im Bösen. Jetzt habe ich Zeit, da dürfen Sie es mir nicht verdenken, wenn ich mich freue, daß mir ein solches Prachtexemplar in die Hände läuft. Doch nun Adio. Auf Wiedersehen in acht Wochen.«
Er gab mir nicht die Hand, er zog nur seinen Hut und blieb stehen, bis ich die Treppe zum Bootsdeck hinauf war. —
Zwei Stunden später.
Ich kann wieder mal nicht schlafen. Ich liege und simuliere und grüble, bis mir die Schläfen hämmern.
Diese Männer! Warum beunruhigt mich nur das alles? Was will er von mir?
Welche Frage! Was sie alle von uns wollen. Außer ihm, außer Werner.
Schütze du mich, Liebster, schütze mich vor mir selbst, vor meinen eigenen, jungen, sehnsüchtigen Gedanken. --
Herrn Siegel habe ich nicht mehr gesehen bei der Ankunft. Es war solch ein Trubel. Die Empfangs- und Zollhalle ist viel zu klein bei so vielen Passagieren.
Ein prachtvoller Rosenstrauß wurde mir heute früh von einem Gärtnerburschen gebracht.
Nur eine Karte war dabei. »C. W. Siegel« – sonst nichts.
Herr Siegel sorgt also dafür, daß ich ihn nicht vergesse. —
Mein kleiner Pit freut sich immer, wenn ich komme. Es ist merkwürdig, wie anhänglich so ein Tier ist.
Es ist für mich ein Trost, doch etwas zu haben, was mir ganz und gar gehört; ich möchte mich nie von ihm trennen, ist es doch auch noch ein Stück Erinnerung an mein kurzes Eheglück. —
Seit drei Tagen sind wir wieder auf See.
Ich habe diesesmal ein kleines, dreijähriges Mädchen in meinem Zimmer, ein reizendes, kleines Ding.
Die Mutter ist in New York und erwartet dort ihren Liebling.
Eine ältere Dame brachte das Kind in Southampton an Bord. Ich habe sehr viel zu tun, jede freie Minute muß ich dem Kinde widmen. Es ist nur gut, daß wir nach drüben zu jetzt nicht so viel Passagiere haben, so bleibt mir doch etwas mehr Zeit für die Kleine. —
Tagsüber setze ich die Kleine oft ein Stündchen in den Damensalon. Die Damen beschäftigen sich dann alle gern ein wenig mit ihr, und ich kann in dieser Zeit etwas anderes erledigen. Auch ein Herr ist zwischen den Passagieren, der sich oft eine ganze Weile mit dem Kinde beschäftigt.
So nett und lieb spielt er mit ihm, wie ich es einem Manne gar nicht zugetraut hätte. Heute Nachmittag habe ich ihm eine Zeitlang zugesehen, ohne daß er mich bemerkte. —
Mir kam Werner in den Sinn. Wie schön, wenn mir dieses Glück beschieden gewesen wäre. —
Vorbei – für mich scheint kein ruhiges Glück im Schoße der Zeit zu harren. —
Heute morgen um zehn Uhr waren wir bei Sandy Hook Feuerschiff und sollten schon gegen zwölf Uhr am Pier in Hoboken sein.
Aber es wurde nachmittags zwei Uhr, ehe wir anlegten. Wie auf Bestellung kam ein Nebel, dick wie ein Londoner Novembernebel.
Wir mußten warten, bis es sich wenigstens ein klein wenig aufgeklärt hatte, um durch die hier stets massenhaft aus- und einfahrenden Schiffe durchzukommen.
Schrecklich ist so eine Verzögerung. Die Passagiere stellen sich dann an, als wäre der Kapitän und die ganze Schiffsbesatzung für das Wetter verantwortlich, und sie verlören durch die kleine Verzögerung mindestens ein halbes Vermögen.
Unangenehm ist das Warten ja, aber am unangenehmsten doch für die am Pier stehenden Angehörigen. Diesesmal speziell für die in Angst und Sorge wartende Mutter der kleinen Elsie.
Sie stand unten, als das Schiff anlegte. Ich hatte das Kind auf dem Arm und lehnte mich an die Reeling. Durch ihr heftiges Winken wurde ich aufmerksam und zeigte der Kleinen die Mutter, doch das Kind schien sie nicht mehr zu kennen.
Der Steg war noch nicht fest, da versuchte die Mutter als erste heraufzulaufen; man hielt sie fest. Der erste Offizier, der am Fallreep stand, hatte Mitleid mit der Ärmsten und holte sie herauf.
Nie werde ich den Schrei vergessen, mit dem sie auf mich zustürzte. Sie wollte mir das Kind aus dem Arm nehmen, brach aber buchstäblich vor meinen Füßen zusammen. —
O, Mutterliebe, du rätselvolles Heiligtum, wirst du auch mir noch aufgehen? — —
Den Bemühungen des Arztes gelang es bald, die junge Frau zur Besinnung zu bringen. Sie saß dann noch ein Stündchen im Damensalon, ihr kleines Mädchen neben sich, und freute sich, es glücklich hier zu haben.
Sie wußte gar nicht, wie sie mir danken sollte, daß ich ihr ihren Liebling gebracht.
Als sie fortging, wollte sie mir etwas geben – Geld – ich habe es nicht genommen. So gern ich Geld verdiene, hier war es mir unmöglich, etwas zu nehmen. Die Frau sah überdies nicht danach aus, als ob sie mit Glücksgütern allzu reichlich gesegnet sei. —
Sie will mich in den nächsten Tagen noch einmal besuchen. Darauf freue ich mich.
Mr. Siegel hatte ich ganz vergessen über meinem kleinen Passagier. Heute wurde ich wieder an ihn erinnert.
Ein Korb wundervoller Rosen wurde für mich abgegeben. Alle tiefdunkelrot. – Der Brief, der die Bestellung enthalten hat, muß mit uns gegangen sein.
Es ist doch wirklich zu reizend von ihm! Aber – Vorsicht! War nicht Herbert Smith auch sehr aufmerksam?
Wir sind in Amerika, im Lande der Freiheit!
Man hüte sich also!
Wir haben noch mehr Passagiere auf der Rückfahrt als wir erwartet hatten. Alles drängt aus diesem Fegefeuer fort. Uns wird es schon die paar Tage zu viel.
Im Pier ist aber die Hitze auch zeitweise unerträglich.
Kein Luftzug, dazu nachts diese hochbeinigen Plagegeister, die Moskitos. —
Am Tage vor der Abfahrt war ein Kohlenzieher an Land gewesen und hatte des Guten etwas zuviel getan; in seinem Dusel legt er sich zwischen die Warenballen im Pier und schläft ein.
Am andern Morgen konnte er nicht aus den Augen sehen, so zerstochen war er. Sein Gesicht sah aus wie eine riesige Melone. —
Bald sind wir wieder daheim. —
Ich bin wirklich begierig, ob mich auch da wieder ein blühender Gruß erwartet. Es würde mir etwas fehlen, wenn dem nicht so wäre..........
Dieser Mann kennt die Frauen, obgleich er sagt, daß er bis jetzt noch keine Zeit für sie gehabt habe. —
Ich kann mich gar nicht mehr darauf besinnen, was er für Augen hat. In den Augen liegt das Herz........
Ich bin eine zu schlechte Menschenkennerin, da wird es mir wohl mit den Augen ebenso gehen. —
Wir haben nichts Besonderes an Bord diese Reise. Nach und nach habe ich mich auch schon so eingelebt, daß ich gar nicht mehr nach dem Einzelnen hinsehe.