»Und warum gehst du nicht fort, wenn du doch kannst?« fragte ich sie.

»Gott, ich! Wo soll ich hin? Es ist immer noch besser als auf der Straße, da laufen hier in New York sowieso genug herum. Ich bin ja mal 'ne Zeitlang 'raus gewesen; solange man ein festes Verhältnis hat, mag's gehen. Hat man das nicht, dann gibt's Tage, da kann man hungern.«

Ich war ganz benommen. Das war ja schrecklich.

»Aber du kannst doch in Stellung gehen. Nicht immer so etwas,« sagte ich beschwörend.

»Du bist ein kleines Schäfchen,« lachte sie mich aus. »Das ist bei mir zu spät. Ich habe dies Leben schon zu lange gelebt. – Und – ich will auch nichts anderes mehr. Wir werden ja sehen, vielleicht geht es dir eines Tages ebenso.«

»Nein, o nein. Ich will hier nicht bleiben, lieber sterben,« rief ich verzweifelt.

»Na, na, nur ruhig, Kleines. Ich gebe dir einen guten Rat: Lerne vor allen Dingen Englisch, das ist die Hauptsache. Dann sauf' nicht zu viel, das ist auch 'ne Hauptsache. Dann halte die Augen gut offen, möglich, daß mal einer kommt, der so viel Gefallen an dir findet, daß er dich auskauft. Alles schon dagewesen. Und hübsch bist du ja, das muß dir der Neid lassen. Du hast so was Besonderes, so was Vornehmes an dir. Vielleicht hast du Glück.«

Ich faßte wieder Hoffnung. Ich war dem Mädchen so dankbar für seine Ratschläge und habe sie bisher getreulich befolgt. — — — —

Bis jetzt gehöre ich noch immer dem alten, dicken Ekel. Er scheint großes Gefallen an mir zu finden, denn er bezahlt alles, was sie verlangt.

Ich hatte einige Tage die Hoffnung, daß er mich vielleicht herausnehmen würde. Als er einmal sehr guter Laune war, bat ich ihn darum. Ich versprach, bei ihm zu bleiben, so lange er mich haben wolle – natürlich sagte ich das nur, denn ich wäre sofort ausgerissen, wenn ich das Haus hinter mir gehabt hätte. Aber er lachte mich nur aus.

»Nee, Kleine, auf den Leim kriech' ich nicht. Ich habe das hier viel besser und bequemer. Solange ich nicht will, kriegt dich kein anderer. In dieser Weise ist die Rottmann anständig, da betrügt sie nicht.« —

Bis jetzt habe ich also nur diesem einen gehört, aber wie lange wird es dauern und ich gehöre jedem, der mich will!

Der Gedanke ist mir furchtbar!

Ich liebe das Leben so sehr. Ich bin jung, und jede Kreatur hängt am Leben. Und doch – wenn ich irgendein Mittel hätte, ich würde mich töten. – Aber hier ist auch auf solche Stimmungen Rücksicht genommen, ich bin gewiß nicht die erste Anfängerin. —

Wenn ich jetzt einmal an die lieben, alten Großeltern denke, so könnte ich laut aufweinen vor Qual.

Nie wieder werde ich sie sehen, nie wieder die lieben, alten Gesichter küssen dürfen. —

Auch wenn ich Glück habe und wieder herauskomme, es soll kein bekanntes Gesicht das meine wiedersehen. – Ich will tot sein, tot für alle! — —

Es ist eine furchtbare Einrichtung, daß es Menschen gibt, denen erlaubt wird, andere Menschen gegen ihren Willen festzuhalten und Geld mit ihnen zu verdienen. — — —


Es ist schrecklich! Ich fange an, mich vor mir selbst zu fürchten. Ich habe oft den kaum zu unterdrückenden Wunsch, diesem Menschen die Hände um den Hals zu krallen und ihn so lange zu würgen, bis er tot ist. Es zuckt mir dann förmlich in den Fingern vor Begierde. —

Ob wohl einem Manne nie der Gedanke kommt, daß er eigentlich in Lebensgefahr schwebt, wenn er sich so ein geknechtetes Wesen leibeigen macht? Wäre es nicht möglich, daß in einem solchen Geschöpf einmal der Rachedurst überschäumt?

Sich und ihr ganzes zertretenes Geschlecht würde sie rächen. —

Ach, ich glaube, ich werde wahnsinnig oder schlecht. — —

Daß ein Mensch sich in kurzer Zeit so sehr verändern kann!

Noch vor einem Jahre war ich ein dummes, leidenschaftlich verliebtes Ding. Und nun? Mir ist zuweilen, als ob ich das gar nicht bin. Mir ist, als sei das alles schon eine Ewigkeit. Bin ich es wirklich, deren Herz einst aufjubelte bei den törichten Liebesworten, die man mir ins Ohr flüsterte?

Und jetzt! Ich glaube, ich kann nie wieder Liebe und Leidenschaft empfinden. – Mögen sie mit meinem Körper Schacher treiben, meine Seele gehört mir. Meine Seele bleibt rein. —

Ich bin keine Dirne und will auch keine werden. —


Ich sinne und sinne, wie aus diesem Hause herauszukommen ist, aber alle meine Bemühungen sind erfolglos.

In einem Gefängnis könnte ich nicht sicherer verwahrt sein.

Die Tür ist Tag und Nacht gut bewacht, und Neuankömmlingen wird nur unter gewissen Vorsichtsmaßregeln geöffnet.

Nur alte Bekannte, die das bestimmte Klingelzeichen geben, können ohne weiteres herein.

Ich habe mir gestern die Rückseite des Hauses angesehen, ich hoffte, vielleicht von da auf ein Nebengrundstück kommen zu können, aber auch diese Hoffnung muß ich aufgeben.

Eine glatte, hohe Mauer umgibt einen kleinen, dreieckigen Hof, und die Fenster, die nach diesem Hofe gehen, sind nicht zu öffnen, sondern haben nur oben eine kleine Luftscheibe. Jenseits der Mauer sind sehr hohe Häuser; auf der einen Seite ein kleineres, das aber, wie es scheint, unbewohnt ist.

An dem einen großen Hause laufen schmale eiserne Leitern empor, wenn ich die erreichen könnte, dann wäre Rettung möglich.

Aber die Mauer ist hoch und der Zugang zum Hofe ist bewacht. —

Das Schlimmste aber sind die Kleider! Kann ich halbnackt auf die Straße gehen?

Es ist ein raffiniert einfaches Mittel, uns unsere Straßenkleider wegzuschließen, um uns an der Flucht zu hindern. —


Heute erzählte mir die Bronja aus ihrem Leben. Bronja, so heißt die schwarze Katze. —

Sie ist verheiratet gewesen und hat sogar ein Kind, ein kleines Mädchen. Es lebt noch, bei ihren Eltern in Posen. Ihr Mann hat Gelder bei irgendeiner Kasse unterschlagen, und als es entdeckt wurde, haben sie ihn eingesperrt. Als er dann wieder freigekommen ist, sind die beiden nach Amerika gegangen, da der Mann nirgends wieder eine Stelle bekam. Bronja ging mit ihm. Sie hat ihn sehr geliebt! Das Kind sollte bei den Eltern bleiben, bis die beiden hier festen Fuß gefaßt hatten. —

Aber hier in Amerika ist es für solche verkrachten Existenzen auch schwer. Die beiden mußten sich trennen. Bronja nahm eine Stelle als Empfangsdame bei einem Arzte an, und ihr Mann ließ sich vorläufig von ihr ernähren.

Schließlich fand er eine Stelle in einer deutschen Wirtschaft als Kellner. Doch dann fing er das Trinken an und sank immer tiefer. Als er die Stelle verloren, trieb er sich überall herum, war bald da, bald dort an der Ostseite. Und jetzt sitzt er wegen Einbruchdiebstahls im Gefängnis. —

Bronja lernte in ihrer Stellung einen reichen Herrn kennen und wurde dessen Freundin – ein Wunder ist es ja nicht, denn sie ist eine Schönheit in ihrer Art.

Als ihr Gönner ihrer eines Tages überdrüssig geworden war, verlor sie allen Halt und alle Selbstachtung.

Durch den Verkehr in den Lokalen, wo der Herr sie hingeführt, war sie in der Lebewelt bekannt geworden, und es fehlte ihr nicht an Zuspruch. Sie bekam Geld, kaufte sich feine Kleider und Schmuck und war eines der am meisten gesuchten Mädchen in dem berüchtigten Viertel New Yorks. —

Eines Abends war sie noch ziemlich spät in der 14. Straße ohne Begleitung, als ihr ein Seemann in die Hände fiel. Sie geht mit ihm in eines der bekannten Häuser, wo sie sich ein Zimmer geben läßt, nachdem natürlich vorher fürchterlich getrunken worden war. – In der Nacht ist dann dem Fremden seine ganze Barschaft gestohlen worden. Bronja sagt, sie habe es nicht getan, sie sei selbst viel zu betrunken gewesen. Der Fremde schlug aber Lärm, die Polizei kam ins Haus, und Bronja wurde verhaftet.

Man ließ sie nach einiger Zeit wieder frei, da man ihr nichts nachweisen konnte. Zu allem Unglück war aber ihre Wirtin während der Zeit mit ihrem ganzen Kram, Kleidern und Wäsche und ihren paar Dollars verschwunden. Um wenigstens ein Unterkommen zu haben, ging sie in ein öffentliches Haus. —

»Diese Häuser können unsereinen immer gebrauchen, wenigstens solange man gesund und hübsch ist. Und was ist denn auch weiter dabei? Mir gefällt es! Früher, als ich mit meinem Manne noch zusammen war, war es auch nicht viel besser, wenn er besoffen nach Hause kam.«

»Aber was soll aus dir werden, wenn du älter bist?« fragte ich sie mitleidig.

»Dann mache ich's wie die Rottmann. Glaub' mir, das bringt am meisten Geld. Je feiner, desto besser. Was bringen allein die Getränke schon. Nur mit Mädchenhändlern laß ich mich nicht ein, da werde ich, glaub' ich, nie hart genug dazu. Du solltest klug sein und deinem alten Pelzhändler richtig um den Bart gehen, daß er dir ordentlich was schenkt. Nur wenn du Geld hast, kannst du hier herauskommen.«

»Und willst du nie mehr zu deinem Manne, wenn er wieder freikommt?« fragte ich sie.

»Nie wieder! Er wird mich hoffentlich nicht finden. Ich glaube nicht mehr an ihn. Und wenn er so lange in Sing-Sing gewesen ist, dann ist es überhaupt ausgeschlossen.«

Arme Bronja. — —


Den 4. Juli.

Nun bin ich schon über vier Wochen in diesem Hause und bin heute zum ersten Male in der frischen Luft gewesen. Mit »Madame« zusammen. Wir haben im Automobil eine Ausfahrt gemacht, ganz weit hinaus nach Bronxpark. Die Bronja sagt, das sei alles Berechnung von »ihr«.

Amerika feiert heute ein großes Nationalfest, da zeigt sie den Herren, was sie für gutes und schönes Material auf Lager hat.

Denn unter der Herrenwelt ist sie gut bekannt.

Sie fürchtet also wohl, daß mein Dicker bald wegbleibt. Ich wollte mich freuen, denn widerlicher kann keiner sein.

Und er hilft mir ja doch nicht heraus. — —

Ich habe also heute zum ersten Male dieses Land gesehen. Gesehen? Nein! Gesehen habe ich nichts davon. Ich wagte kaum aufzublicken. Ich meine, jeder Mensch muß es mir vom Gesicht ablesen, was ich bin. Sehr hohe Häuser sind hier, so viel wenigstens habe ich gesehen. Als ich die Bäume und Büsche im Bronxpark sah, mußte ich an zu Hause denken, und das Heimweh packte mich furchtbar.

Ich habe mich nachher sattgeweint. — — —


Den 5. Juli.

Gestern abend ist es toll hergegangen. Es war furchtbar voll, denn es ist nichts Seltenes, daß auch Herren mit fremden Mädchen kommen, ordentlich zechen und dann ein Zimmer nehmen. So auch gestern abend. Es waren sehr viele und auch sehr elegante Damen da. Aber Bronja sagt, ich steche alle aus. Wenn ich so dabei bliebe, sei ich mit zwanzig Jahren eine königliche Schönheit.

Wenn ich dann nicht schon tot bin. — —

Mir kommt es vor, als ob auch zuweilen verheiratete Frauen hierher kämen, und Bronja meint, das sei schon so. Das seien solche, denen es zu gut ginge, oder auch solche, die sich etwas Taschengeld nebenbei verdienten.

Ich möchte sie an meine Stelle wünschen. — —

Der Dicke war auch da gestern abend. Ich habe wohl bemerkt, daß die Herren sehr viel nach mir guckten, aber er wich nicht von meiner Seite. Er war ordentlich stolz, daß er der Besitzer war. Als ob er das seiner Schönheit zu verdanken hätte.

Ich dachte an Bronjas Mahnung, ich solle schön mit ihm tun – ich kann es nicht. Ich werde Gott danken, wenn er nicht mehr kommt. Ich habe gestern auch zu viel getrunken. Es läßt sich nicht ganz vermeiden, so sehr ich mich auch in acht nehme.

Und dann die Hauptsache: man kommt besser darüber weg, wenn man nicht ganz bei Sinnen ist. —

Wie soll man es sonst nur auf die Dauer aushalten?

Die Madame schimpft noch dazu immer, daß ich nicht genug trinke.


Den 16.

Gott sei Dank, das Scheusal ist fort. Vorgestern war er zum letzten Male hier. Er ist heute nach Europa gefahren.

Ich habe ihn noch einmal gebeten, fußfällig habe ich ihn angefleht, mich herauszunehmen. Ich habe die Zähne zusammengebissen und habe getan, als ob ich ihn furchtbar gern hätte, als ob mich sein Fortgehen ganz unglücklich machte – es war alles umsonst. – Da war ich zuletzt so wütend, daß ich ihm ins Gesicht gespuckt habe. Es war mir auch alles einerlei. Aber er ist doch dageblieben, der furchtbare Mensch! Ich weiß nicht, ob sich jemand das Widerliche, das in einer solch erzwungenen Vereinigung liegt, voll ausdenken kann. Ich fühle Gott sei Dank nichts dabei, das ist ein Glück für mich. Aber ich liege dann und analysiere jede Bewegung des Verhaßten, der glaubt, durch sein Geld mir meinen Körper abkaufen zu können. —

Wenn die Liebe oder der Sinnenrausch die Ursache einer Vereinigung sind, so ist sie geadelt durch das Gefühl. Hier aber! Es ist mir unfaßbar, wie Männer – Männer mit Geist und Herz – eine solch furchtbare Sünde begehen können und kraft ihres Geldes und ihrer physischen Überlegenheit diese armen Geschöpfe so foltern. —

Denn freiwillig oder nicht – die hier sind, haben alle einmal den Anfang machen müssen – und der ist furchtbar.

Gewohnheit und Alkohol tun viel – doch bis man so weit ist — —.


Den 17.

Ein Übel bin ich los und dem andern bin ich verfallen.

In meinem Haß gegen den alten dicken Kerl habe ich nicht daran gedacht, daß noch Widerlichere kommen könnten.

Jetzt muß ich jeden nehmen, der mich begehrt, und wenn es in einem Abend ein Dutzend sind.

Bronja gibt mir gute Ratschläge. Gut essen und trinken. Geld sparen und Englisch lernen.

Geld sparen – bis jetzt habe ich noch keinen Cent zu sehen bekommen. Ich brauche nichts – sagt Madame. Sie will es für mich sparen. – Die ist immer noch nicht mit mir zufrieden. Ich trinke nicht genug und animiere nicht genug zum Trinken. —

Obgleich es ja wirklich das beste ist, man kommt aus dem Alkoholdusel gar nicht heraus.

Das Schlimme ist: ich gefalle –, alle wollen mich haben. Ich möchte nur wissen, was sie an mir finden.

Einige von den Mädchen sind schon neidisch. Die dummen Gänse, als ob ich etwas dazu könnte! Ich wäre zufrieden, wenn keiner zu mir käme. Nur Bronja hält treu zu mir. Als ich ihr gestern meine Not klagte, lachte sie mich aus.

»Du bist ein kleines Schaf,« sagte sie. »Deine hoheitsvolle, unnahbare Miene und deine großartige Figur reizen die Männer. Freue dich! Denn, wenn eine keinen Anklang findet, ist es erst recht schlimm. Die schaffen sie dann fort in ein anderes Loch. Frei kommt sie deshalb doch nicht. Erst muß sie ausgenutzt sein. Die ganze Bande hier im Land steckt unter einer Decke. Die Mädchenhändler, die Wirte und, nicht zu vergessen, die wohllöbliche Polizei. Ich bin überzeugt, der Policemann, der hier an der Ecke patrouilliert, verdient mehr als ein Bankdirektor.

Er hört nichts, er sieht nichts, kurz und gut, er versteht sein Geschäft. Deshalb würde es dir auch nichts helfen, wenn du wirklich fortlaufen könntest. Keine Viertelstunde wärst du draußen. Unter dem Vorwand, dich zu beschützen und Erkundigungen einzuziehen, liefert er dich wieder dahin ab, woher du gekommen. Ich weiß ja, wie's gemacht wird. Die ganze Bande ist organisiert. Es ist die reine Aktiengesellschaft.« — — — — —


Welch seltsame Verirrungen doch das Tier im Menschen haben kann! – Es ist hier im Hause eine Wienerin, Kathinka heißt sie. Ein Monstrum von einer Frau. Sonst ist sie gar nicht außergewöhnlich groß und dick, aber einen Busen hat sie – unbeschreiblich!

Und ist es zu glauben, daß dieses Mädchen, das weder schön ist noch sonst besondere Anziehungskraft besitzt, nur wegen ihres abnormen Busens eine Art Zugnummer dieses gesegneten Hauses ist?

Sie selbst ist dabei kreuzfidel und spart sich Geld.

»Es gibt halt Mannsleut', die gern auf'm Fettpolster liegen, wann's viel getrunken haben,« sagt sie lachend. — — —

Wenn ich doch auch erst etwas gleichgültiger werden könnte. – Aber nein – ich will es gar nicht werden. Ich will nicht jeden moralischen Halt verlieren. Ich muß hier wieder fort oder sterben. – Ich darf gar nicht denken – nicht nach Hause an die alten Leute, dann schäme ich mich furchtbar, obgleich ich schuldlos an meiner Schande bin.

Ich habe nun schon wiederholt versucht, einen meiner Käufer für meine Lage zu interessieren. Keiner glaubt mir. Sie lachen und sagen: Das sagt jede. — — —


Den 22.

Wie soll ich es ertragen!

Gestern abend war es wieder einmal recht voll, aber es wurde der Alten nicht genug verzehrt. Hauptsächlich Mixed-drinks sollen viel verkauft werden, denn daran wird verdient.

An mir ließ sie ihre Wut wieder aus, weil an meinem Tisch am wenigsten verzehrt worden war. Ich war bis elf Uhr schon viermal oben im Zimmer gewesen und hatte keine Lust mehr. —

Sie hat mich nun beobachtet. Und behauptet, ich sei viel zu unfreundlich. Kurz und gut, sie hat mir gedroht, wenn ich mich nicht bessere, käme ich nächste Woche ins Hafenviertel, an den Eastriver, da haben sie auch noch ein Haus.

Bronja kennt es. Es sei fürchterlich dort. Heizer und Kohlenzieher, betrunkene Seeleute aus aller Herren Länder. Kein weißbezogenes Bett, schmutzige Schlafsofas und dazu an manchem Tage zwanzig Besucher. Krankheiten unausbleiblich. Kontrolle gibt's nicht. —

Übrigens gibt es die auch hier nicht, denn ich habe noch nie einen Arzt gesehen. —

Aber das tue ich nicht, nein, das nicht! Dann wird sich schon ein Weg finden, wie ich ein Ende machen kann. —

Ich bete zu Gott, aber ich glaube, es gibt gar keinen mehr.

Wenn es wirklich einen allmächtigen Gott im Himmel gäbe, dann könnte er nicht zugeben, daß so furchtbare Dinge auf seiner Erde geschähen.

Bronja tröstet mich.

»Sei nur nicht bange, du kommst hier nicht fort, sie will dich nur erschrecken. Aber du solltest wirklich ein klein wenig mehr trinken. Es ist besser. Du brauchst deshalb immer noch nicht zu saufen. Du kommst aber viel besser über alles fort.«

Ich will es tun, ja, ich will es tun. Später, wenn ich wieder frei bin, werde ich desto enthaltsamer sein.

Ich mochte früher nie Bier und Wein, nur der Champagner hat mir geschmeckt – zu meinem Verhängnis.

Hätte ich an Bord nicht zu viel Sekt getrunken, so hätte ich mich nicht von dieser Bande umgarnen lassen.

Überhaupt der Alkohol. Ich habe nun schon manche hier kennen gelernt – wir sind für beständig fünfundzwanzig bis achtundzwanzig, ohne die Vorübergehenden – und es sind wenige darunter, bei denen der erste Fehltritt – der erste Fall – nicht im Alkohol geschehen ist. —

In der Bibel ist die verbotene Frucht der Apfel – wollten doch alle nur Äpfel essen, es wäre besser.

Es ist vielleicht auch nicht recht berichtet, es war vielleicht auch schon der Sekt.


Seit vierzehn Tagen ist eine Neue da. Ein kleines zartes Ding von kaum Mittelgröße.

Solange sie nichts getrunken hat, sieht sie immer so traurig aus, aber abends ist sie die Schlimmste. Sie trinkt wie ein Irländer und kann furchtbar viel vertragen.

Sie hat mir vor einigen Tagen ihre Geschichte erzählt.

Sie ist glücklich verheiratet gewesen. Ihr Mann, der für eine große Firma jedes Jahr zweimal nach Berlin reiste, um Herrenstoffe einzukaufen, war gut und lieb zu ihr.

Im vergangenen Herbst, als sie wieder für einige Wochen allein war, ging sie mit einer befreundeten Familie zu einem Picknick.

Ein Herr, der mit von der Partie war, hatte sich den ganzen Tag sehr aufmerksam gegen sie gezeigt. Am Tage haben sie noch fast nichts getrunken, doch abends, als sie in einem Auto nach Hause fuhren, sind sie noch am Broadway in einem Hotel eingekehrt, um zu Abend zu essen. Bis in die Nacht hinein ist gegessen und getrunken worden. — —

Als sie am andern Morgen aufwachte, lag der Herr neben ihr im Bett. – Ihr Mann hat es erfahren, und sie sind geschieden.

»Hat mich der Alkohol hineingebracht, soll er mich auch wieder herausbringen, ich sauf' mich tot,« sagt sie lachend.

Aber dabei könnte man weinen. — — —


Ich bin krank, und ich möchte sagen, Gott sei Dank. Zumal auch der Arzt sagt, daß es nicht schlimm sein soll. Nur einige Tage Ruhe.

Der Doktor war erst recht ungezogen zu mir. So barsch und grob, daß mir die Tränen in die Augen traten.

Ich drehte mein Gesicht nach der Wand, damit er – und hauptsächlich die Madame – nichts sehen sollten.

Denn sie ist nicht aus dem Zimmer gegangen, solange der Arzt da war. Wahrscheinlich fürchtete sie, daß ich etwas sagen würde. —

Nachher war er ganz nett und manierlich.

Ich schämte mich aber doch ganz fürchterlich.

Es sei nicht so schlimm. Überreizung – was Wunder. Einige Tage Ruhe, dann sei alles wieder gut.

Er kommt noch einmal wieder. — —

Wenn er dann doch allein ins Zimmer käme. Ich würde ihn bitten, mir herauszuhelfen. Aber er wird's auch nicht wollen. Die Menschen machen sich nicht gern Unannehmlichkeiten mit Leuten, die sie nichts angehen. —

Wenn ich so allein hier liege, mache ich mir allerlei Gedanken.

Dumm bin ich doch gewesen, sehr dumm.

Wie kann man als junges Mädchen mit einem wildfremden Menschen in die Welt hineingehen! Wenn ich auch erst sechzehn Jahre alt bin, so viel hätte ich doch bedenken müssen. Freilich, besser wäre es gewesen, ich hätte schon früher etwas von solchen Sachen gelesen, dann wäre mir vielleicht doch der Gedanke gekommen, könnten das womöglich auch solche Menschen sein? — —

Aber soviel weiß ich, komme ich je hier aus diesem Hause – und ich habe den festen Glauben daran – dann soll das, was ich hier erlebt, nicht umsonst gewesen sein. — —

Ich freue mich jetzt so, daß ich mein Tagebuch habe; da kann ich doch so recht mein Herz ausschütten. Etwas muß der Mensch haben. Briefe kann ich nicht schreiben, und ich glaube auch kaum, daß ein Brief von mir aus dem Hause gelassen würde.

An wen sollte ich auch schreiben?

Für die Großeltern bin ich tot, und hier im Lande habe ich keine Seele, die sich um mich sorgt.

Was mögen wohl die lieben, alten Leute für Kummer gehabt haben, als sie erfahren haben, daß ich nicht bei den Verwandten angekommen bin? Vielleicht haben sie gedacht, ich bin kurz vorher über Bord gefallen. Denn ich bin doch spurlos verschwunden. Nur Frau Fröhlich und ihr sauberer Neffe könnten Auskunft geben, und die werden sich hüten.


Ich möchte nur wissen, wo mein Koffer ist. Die Rottmann sagte doch damals, sie hätte ihn holen lassen.

Mich wundert nur, daß die beiden ihn nicht behalten haben, jedenfalls ist ihnen der Inhalt zu gewöhnlich gewesen. —

Wie froh wäre ich, könnte ich meine Wäsche anziehen, die darin war. Wie gern würfe ich den ganzen Plunder von mir.

Damit will ich nicht sagen, daß ich die feinen Sachen nicht mag, ganz gewiß nicht! Schön ist es, so zarte Stoffe zu tragen – aber unter diesen Umständen! Ja, wenn ich reich wäre – recht reich –, dann würde ich auch feine seidene Hemden tragen und mich an meiner Schönheit freuen – aber so!

Ich sei schön, sagen sie – und wenn ich mich zuweilen im Spiegel betrachte, komme ich mir so unrein vor, so fleckig, so – pfui Teufel, habe ich dann einen merkwürdigen Geschmack auf der Zunge. —

Dann hätte ich auch Lust, mir dicken Puder an Gesicht und Hals zu schmieren, wie sie's alle hier machen. — — —


Ich hab's gewagt!

Also, der Doktor war wieder da. Die Madame stand dabei, und trotzdem habe ich sie angeführt. —

Ach, ich bin so froh, so glücklich, vielleicht hilft es was.

Weil ich mir denken konnte, daß die Alte wieder dabeistehen würde, hatte ich schon vorher ein kleines Stückchen Papier ganz eng beschrieben. Alles hatte ich darauf geschrieben, was wichtig war. —

Ich flehte den Doktor an, mir zu helfen. —

Als er mich nun wieder untersuchte und gerade mit einem Arm über mich hinreichte, habe ich ihm das Röllchen in die Hand geschoben. Er verstand meine Absicht sofort, schloß die Hand und fuhr in seiner Untersuchung fort. — —

Die Alte hat nichts bemerkt, und ich bin so froh, so glücklich. Wenn er mir doch helfen wollte! Er brauchte ja nur zur Polizei zu gehen. — —

Ich glaube, ich kann nicht eher wieder ruhig schlafen, ehe ich nicht weiß, ob ich mich an keinen Unwürdigen gewandt habe.


Den 4. August.

Gestern war ich wieder im Salon. Ich bin wieder gesund, nun kann die Tierquälerei von neuem beginnen.

Tierquälerei! – Ich sage das so leichtsinnig – ein Tier würde sich nicht gefallen lassen, was ich mir gefallen lassen muß. Und was das beste ist, sein Artgenosse würde es auch nicht in dieser Weise mißbrauchen.

Die Tiere sind klüger und besser als die Menschen.

Ich komme auf ganz, ganz dumme Gedanken.

Früher habe ich zu wenig nachgedacht und jetzt denke ich zuviel. Wäre ich früher mehr zum Nachdenken gezwungen gewesen, so brauchte ich jetzt meine Gedanken nicht auf diese Weise spazieren zu führen. — —


Von dem Doktor habe ich noch nichts gehört, aber eine andere interessante Bekanntschaft habe ich gemacht. Ein junger Landsmann war da, ein lieber Mensch. Er gefiel mir gleich, als er kam, und weil ich gerade allein saß, ging ich sofort zu ihm. Er bestellte eine Flasche Rüdesheimer. »Aber echten,« rief er mir noch zu.

Wir kamen ins Gespräch und plötzlich entdeckten wir, daß wir Landsleute waren. Gar nicht weit voneinander zu Hause.

In meiner Freude und Aufregung vergaß ich ganz, daß ich ja nie jemand hatte sagen wollen, wer ich war.

Er ging dann mit mir nach oben, und da – als wir allein waren – faßte ich mir ein Herz und erzählte ihm alles, mein ganzes Unglück.

Er glaubte mir gleich und lachte gar nicht über mich.

Ich habe ihn auch gefragt, ob er mir nicht heraushelfen könne.

Er meinte, leicht würde es nicht sein, ich sei noch zu kurze Zeit hier, und die Besitzer dieser Häuser müßten die Schlepper wohl gut bezahlen und wollten dann natürlich ihr Geld auch wieder heraus haben. Gutwillig würde mich die Rottmann nicht gehen lassen, auch wenn sie Geld geboten kriegte.

Er will sich alles überlegen.

Mit der Polizei sei nichts zu machen, da müsse man Geld haben, sehr viel Geld. Denn da hieße es, wer am besten bezahlt, wird am besten bedient. Und die Rottmann kenne ihre Leute, die würde schon anständig bezahlen. — — — —

Das ist ja ganz schrecklich! Das sieht ja trostlos für mich aus. Aber mein neuer Freund kommt wieder – heute noch nicht, damit es nicht auffällt, aber morgen. Dann werden wir weiter beraten.

Ich habe jetzt Hoffnung.

Dem kann ich vertrauen, er hat ein so gutes Auge.

Als ich ihm sagte, wie alt ich sei, da sah er mich so mitleidig an und sagte: »Du armes Ding.« Da mußte ich natürlich weinen. Das Mitleid mit mir selbst trieb mir die Tränen in die Augen.

Und habe ich nicht wirklich ein Recht, über mich zu weinen?

Gibt es ein zweites Geschöpf, das so unglücklich, so armselig ist wie ich! Mit noch nicht siebzehn Jahren eine Dirne, eine Verworfene!

Und doch bin ich das Kind eines Fürsten!

Aber das ist ja gerade mein Unglück. —

Ich fühle einen Haß in mir, ich kann es gar nicht sagen. Ich weiß nur nicht, wen ich mehr hassen soll: die Rottmann, Herbert Smith, Rudolph Schönewald oder den Urheber meines Daseins.

Ich bin überhaupt zuweilen ganz wirr von all dem Denken. – Ich bin wohl auch noch zu jung und habe zu wenig praktischen Verstand.


Ich habe jetzt doch wenigstens etwas Schönes, an das ich denken kann. Ich freue mich so darauf, daß mein neuer Freund wiederkommt.

Ob er Wort hält?

Wenn ich daran denke, daß er nicht kommen könnte, dann wird mir siedendheiß vor Angst. — —


Er war da! Schon am zweiten Abend kam er wieder. —

So früh er aber auch kam, ich war schon vergeben.

Aber ich hatte dann doch noch Glück, ich konnte mich freimachen und zu ihm gehen.

Er hatte keine andere angenommen.

Ich konnte ihm an den Augen ansehen, wie widerlich es ihm war, daß ich direkt aus den Armen eines anderen Mannes zu ihm kam.

Aber ich kann's doch nicht ändern, ist es mir doch nicht weniger widerlich.

Es war trotzdem ein so glücklicher Abend. —

Wir saßen noch nicht lange zusammen, da kam der Doktor – mein Doktor.

Er ging nicht gleich zu mir, er saß erst eine Zeitlang bei Lizzi und hat mit der eine Flasche Wein getrunken. Dann trat er ganz harmlos auf uns zu und rief schon von weitem: »Ah, da ist ja auch meine Patientin! Wie geht's uns denn?«

Dann hat er sich zu uns gesetzt. Wie bin ich glücklich! Wie ist es gut, daß ich ihn gebeten habe. Der ist klug und kennt die hiesigen Verhältnisse. Er spricht ganz nett Deutsch, da seine Eltern geborene Deutsche sind.

Er sagt, auf geradem Wege, mit der Polizei, sei gar nichts zu machen. Wir müßten überhaupt äußerst vorsichtig sein. Wendeten wir uns an die Polizei, so bekomme die Rottmann sofort einen Wink, und wenn dann die Polizei offiziell ins Haus komme, sei ich verschwunden.

Entweder würde ich versteckt oder ich sei schon an ein anderes Haus verschickt, was noch viel schlimmer sei. Denn dieses Haus hier am Broadway sei noch eines der besten.

Herr Werner, mein neuer Freund, fragte, ob ich nicht herauszukaufen sei. Da meinte der Doktor, auch das habe wenig Aussicht.

Erstens würde sie einen unverschämten Preis fordern, und zweitens sei noch die Frage, ob sie es überhaupt tue.

Ich verdiene ihr vorläufig doch ein gutes Stück Geld, und so sehr junge Mädchen bekäme sie auch nicht alle Tage. — —

Aber er hat doch einen Plan. Sie wollen mich entführen. —

Wenn Herr Werner jetzt wieder kommt, will er all sein Geld mitbringen, das er auf der Sparkasse hat. Aber es soll nicht für die Rottmann, sondern zu andern Zwecken verwendet werden.

Geld müßten wir in Händen haben, sonst sei nichts zu machen.

Der Doktor will alles besorgen in der Zeit, da Werner fort ist, und er will währenddem auch noch einige Male wiederkommen.

Ich hätte laut aufjubeln mögen, dabei mußte ich ein gleichgültiges Gesicht machen. — —

Werner ging mit mir nach oben, und der Doktor wartete unten, bis wir wiederkamen.

Ich habe Werner fast erdrückt vor Zärtlichkeit, und gern gab ich mich ihm an diesem Abend. —

Ich hab' ihm soviel gelobt, heiraten darf er mich nicht – obgleich er eine Andeutung machte – dazu bin ich zu schlecht. Aber dienen will ich ihm, dienen wie eine Magd, damit ich die Schuld abtrage. —

Ich hätte so gern einmal aufgejubelt, nur einmal – aber ich mußte still sein. — —

Als wir nach unten kamen, saß der Doktor noch da. Er ist dann zum Schein mit mir nach oben gegangen. Er hat sein Geld aber umsonst bezahlt, wir haben nur noch ein wenig geplaudert. —

Die beiden Herren sind dann zusammen fortgegangen, sie wollten nach Lüchow, um noch ein Glas Pilsener zu trinken und alles Nötige zu besprechen. — —

Die »Augusta Viktoria« fährt morgen, und mein Freund kommt nicht wieder. Aber nächste Reise! Ob ich es wohl aushalte?

Und dabei muß ich so gleichgültig tun, damit nichts auffällt, sonst bin ich womöglich fort, wenn das Schiff wiederkommt. —

Aber wenn ich allein im Zimmer bin und an die Zukunft denke, dann krieche ich oft unter die Bettdecke, balle das Taschentuch vor dem Munde zusammen und schreie laut auf; und wenn es auch nur ein undeutliches Grunzen wird, ich habe mich doch erleichtert. — —


Den 20. August.

Schrecklich ist es doch, was das Leben aus all diesen Mädchen gemacht hat. Sie betrachten ihr Handwerk als etwas ganz Selbstverständliches. Alle wollen Geld verdienen, und die Wenigsten haben etwas. —

Bronja sagt auch, daß es nur sehr Wenige gibt, die sich hier wieder herausarbeiten. Die weitaus Meisten enden an der Ostseite, am Fluß unten, in den Verbrecherkellern.

Wenn sie zu nichts sonst mehr taugen, dann verdienen sie immer noch einige Cents für ihre Zuhälter, bis sie eines Tages abgefangen werden oder bei einer Schlägerei umkommen. —

Mir ist das unbegreiflich. Es muß herauszukommen sein, wenn der feste Wille da ist.

Ich glaube nur, die meisten der Mädchen wollen auch nicht ernstlich. Das faule Leben, das Saufen – denn trinken kann man es wirklich nicht mehr nennen – gefällt ihnen. Des Nachts wird gefeiert dann bis in den Nachmittag hinein geschlafen und dann geht's von neuem los. – Viele sind auch schon nach kurzer Zeit derart verdorben, daß sie für ein anständiges bürgerliches Leben gar nicht mehr zu gebrauchen sind. Auch die Mädchen untereinander sind oft widerlich. Das ist ein Küssen und Umarmen, als ob sie noch nicht genug an dem aufgezwungenen Verkehr hätten. —

Ich bin nicht genug in die Geheimnisse des Geschlechtslebens eingeweiht, aber so viel merke ich doch, daß da etwas vorgeht, was nicht sein darf. Etwas Unerlaubtes, Anormales.

Die Rottmann paßt aber auf, und ich habe schon verschiedene Male gehört, wie sie die eine aus dem Zimmer der anderen holte. Ich glaube sogar, sie schlägt sie, schimpfen tut sie wenigstens genug.

Mir ist die ganze Sache überaus widerlich!

Überhaupt mag ich das ewige Küssen untereinander nicht. Die Ulli ist darin schrecklich. —

Kürzlich fragte sie mich sogar, ob ich nicht ihre Freundin sein wolle. Ich habe mich bestens bedankt.

Ich bin mit Bronjas Freundschaft vollständig zufrieden. —


Gestern habe ich wieder etwas erlebt – eine traurige Abwechslung in diesem Geist und Körper mordenden Einerlei.

Ich glaube, wenn ich noch lange in diesem Hause bin, dann bleibt mir kein Abgrund der Natur verborgen.

Zu den ständigen Besuchern gehört ein Herr Vaillant, der Besitzer eines großen Warenhauses. Die Mädchen sagen alle Bobbi zu ihm. Wenn er kommt, dann ist ordentlich was los. Er läßt immer so viel anfahren, daß sich bald alles auf dem Teppich wälzt. —

Gestern wollte er nun haben, die Sofia und die kleine, zarte Mary sollten im Evakostüm vor ihm tanzen.

Es reize ihn nichts mehr, und nun wolle er sehen, wer mehr Reiz auf ihn ausübe, die große, stattliche Sofia, oder die kleine, zierliche Mary.

Jede bekam zehn Dollar extra.

Erst natürlich ordentlich getrunken und dann ging es los. —

Die Rottmann saß an der Seite, mit einem alten verkommenen Kerl – es soll ein früherer Lehrer sein, jetzt führt er ihr die Bücher. Ihre Augen funkelten wie bei einer Katze; wenn ich es nicht zu unglaublich fände, so möchte ich sagen, daß sie selbst das ekle Schauspiel mit lüsternen Blicken betrachtete.

Die beiden Mädchen hatten sich bei ihrem Tanzen und Drehen derartig erhitzt und aufgeregt, daß ihnen die Haare wirr ums Gesicht flogen. Plötzlich stieß die kleine Mary einen Schrei aus und stürzte hin.

Dann lachte und schrie sie immerzu. Sie hatte Krämpfe. Es war schrecklich! – Die allgemeine Lust wurde aber nicht dadurch gestört. —

Mary wurde weggetragen und Bobbi ging mit Sofia nach oben. —

Sie habe noch zehn Dollar Strumpfgeld von ihm bekommen, sagte sie uns später. —


Den 28.

Jetzt sind es schon beinahe drei Wochen, seit ich Werner kenne. Ich verfolge im Geiste seine Reise nach Deutschland. Zwölf bis vierzehn Tage dauert die Fahrt, dann die Zeit, da das Schiff im Hafen liegt, und endlich die Herreise. —

Ich habe zuweilen solche Angst, daß Werner nicht wiederkommt.

Wenn auch diese Hoffnung scheitert, dann glaube ich an nichts mehr. – Aber nein, diese Augen können nicht lügen. Er ist ein guter Mensch, einer von den Wenigen, die es gibt. — — — — —

Der Doktor hat auch nicht Wort gehalten. Noch nicht ein einziges Mal war er hier, und ich hatte doch so darauf gehofft. Er wird mich vergessen haben oder er will nicht kommen. —


Mir kommt es vor, als ob wieder irgend etwas im Hause vor sich ginge. Wenn mich nicht alles täuscht, sind wieder Neue eingebracht worden. Das alte, schreckliche Geschöpf, das mir am ersten Morgen mein Frühstück brachte, begegnete mir heute früh auf der Treppe. Ich habe es Bronja erzählt, und die meint, das würde wohl so sein. Wenn neu Aufgegriffene ankommen, dann muß immer diese Person die Bedienung besorgen. Sie ist der Rottmann ergeben auf Tod und Leben, weil sie sonst nirgends mehr hin kann. Sie ist unheilbar geschlechtskrank. – Die Rottmann behält sie aber, weil sie für diese Henkersdienste jemand haben muß, der verschwiegen und ihr blindlings ergeben ist.

Und dieses Mädchen – anstatt jede Geschlechtsgenossin zu warnen und ihr Gelegenheit zu geben, aus diesem Hause wieder hinauszukommen – hilft mit einer wahren Wollust dabei, sie zu verderben. —

Sonderbare Seelenabgründe sind es, die das Leben zeitigt. —


4. September.

Ich habe richtig vermutet. Gestern waren zwei Neue im Salon. —

Die armen Dinger! Ich bin überzeugt, es sind ein paar arme Dienstmädchen vom Lande oder so was Ähnliches. Sie waren so schüchtern und linkisch, und an ihren Händen und Armen konnte man noch sehen, daß sie bis jetzt wenig gepflegt worden waren.

Mein eigenes Unglück steht mir mit erneuter Klarheit und Stärke wieder vor Augen. Könnte ich doch mit ihnen sprechen, sie fragen, ob sie sich in ihr Schicksal ergeben, oder ob sie auch versuchen wollen, hier wieder fortzukommen.

Aber ich darf noch nicht einmal gleich zu ihnen hingehen, sonst erwecke ich das Mißtrauen der Rottmann, und ich muß jetzt doppelt auf der Hut sein. —

Die Viola sagte kürzlich zu mir, ich sei noch gut behandelt worden, wenn ich bloß hätte hungern müssen. Sie selbst sei noch viel schlimmer hereingefallen. —

Vor fünf Jahren hatte sie eine Stelle als Erzieherin nach New Orleans angenommen.

Alles sei sehr schön abgemacht gewesen, freie Überfahrt auf einem französischen Dampfer. Drüben sei sie von einem Diener in Livree abgeholt worden, kurz und gut, alles habe sich aufs feinste angelassen. Auch beim Betreten des Hauses sei ihr noch kein Zweifel gekommen.

Aber dann! Schon am ersten Abend wollte man sie einkleiden, und da waren ihr plötzlich die Augen geöffnet worden.

Sie hatte dann sofort gewußt, wo sie war, da sie schon öfter derartige Sachen gelesen hatte.

Sie hat geweint, gebeten, gedroht und Gott weiß was versucht, es hat alles nichts genützt. Und als sie sich geweigert hat, »Dienst« zu tun, da hat sie ein Kerl – jedenfalls der extra dafür angestellte Bändiger – gebunden und geknebelt und derart mit einem Gummischlauch geschlagen, daß sie tagelang nicht hat liegen können ohne die fürchterlichsten Schmerzen.

Als sie nach sechs Tagen wieder aufstehen konnte, hat die Madame gesagt: »Na, mein Kind, hast du dich besonnen?« Da hat sie schaudernd zu allem ja gesagt.

Sie sagt, nie in ihrem Leben würde sie diese Züchtigung vergessen; sie habe das Gefühl gehabt, als hinge ihr das Fleisch in Streifen vom Körper. —

Also ist es mir im Verhältnis noch gut ergangen. — —

Die Viola will aber auch nicht beim Gewerbe bleiben. Sie spart sich etwas Geld und will dann sehen, ob sie nicht heiraten kann.

Irgend jemand, und wenn es der geringste Arbeiter ist, nur damit sie wieder in anständige Umgebung kommt.

Sie spricht nie von ihren Eltern oder ihrer Heimat.

Ich glaube aber, sie ist aus ganz guter Familie, man merkt es an der Sprache. —


Gestern war Marys Geburtstag. Als die letzten Besucher in der Nacht oder vielmehr gegen Morgen fortgingen, war es eben nach fünf Uhr.

»Nun wird Geburtstag gefeiert,« sagte Mary. »Keine darf zu Bett, ich halte alle frei.« —

Da haben wir denn gefeiert! Gegen neun Uhr hatte Mary schon eine Zeche von dreißig Dollar und noch dachte keine ans Schlafengehen. Auch ich habe tüchtig mitgetrunken – man wird wirklich so langsam in den Strudel gezogen. Es wird höchste Zeit, daß ich fortkomme. – Zuletzt konnten wir uns kaum noch auf den Beinen halten, und die Alte, die sich sonst immer freut, wenn gut verzehrt wird, gab nichts mehr heraus.

Wir sollten zu Bett, damit wir abends wieder frisch wären. —

Ja, ja, das Geschäft! Das ist die Hauptsache. Ob dabei sonst etwas zugrunde geht, das kümmert sie wenig. —

Heut' tut mir die arme Mary leid, sie hat sicher den Verdienst von einigen Wochen geopfert und niemand genützt. — —


Ich glaube, ich liebe Werner. Ich sehne mich so nach ihm, daß ich es bald nicht mehr aushalte. Oder ist es die Sehnsucht nach Freiheit? Ich weiß es wirklich nicht. Meine Gedanken gehen zuweilen ganz absonderliche Wege.

Wenn er mich liebte! Wenn er mich doch heiratete! Ich selbst mag ihn gern leiden – sollte es Liebe sein? Es wäre ein großes Glück für mich. Aus aller Not und allem Schlamm wäre ich heraus. Und niemand kennt mich dort, wo er mich hinführt, niemand weiß, woher ich komme. —

Aber nein, das darf nicht sein. Ich darf seine Güte nicht mißbrauchen. Es wäre schlechter Lohn für ihn – und vielleicht auch für mich, wollte ich den lockenden Stimmen meines Innern nachgeben. —

Das Bewußtsein, wo ich gewesen – von welchem Ort er mich geholt, würde in jede Stunde, auf jede harmlose Freude einen Schatten werfen.

Meine Träume aber kann mir niemand rauben. Sie sind so tröstend, aber ach so unwirklich, wenn ich meinen jetzigen Aufenthalt bedenke.

Die Nächte sind so heiß – so wollüstig – so voll prickelnder Unruhe. Ist es Sünde, wenn ich an den fernen Freund denke, wenn mein Blut aufgepeitscht wird durch aufreizende Getränke und die Berührung heißer, sinnenzuckender Körper?

Ist es Sünde, wenn ich ihn vor mein geistiges Auge zaubere, um damit die erzwungene Umarmung erträglicher zu machen? —

Ich liebe ihn! Ganz gewiß, ich liebe ihn. — — —


Noch zwei Tage, dann muß Werners Schiff wieder hier sein, und meine Erlösung ist nahe. Dann ist alles überstanden, auch diese letzten ekelhaften Episoden sind vergessen.

Den Gedanken, was werden soll, wenn Werner nicht Wort hält, kann ich gar nicht ausdenken. Ich habe dann ein Gefühl, als ob mir jemand die Kehle zuschnürt. Heiß und kalt überläuft es mich.


Der Doktor war hier. Er ist doch treu. —

Aber klug ist er, das muß ich sagen; na, er muß es ja am besten wissen, er kennt die Verhältnisse hier im Lande und wird schon alles gut einrichten.

Zuerst kümmerte er sich scheinbar gar nicht um mich, trank mit der Mary ein Flasche Wein und kam dann erst zu mir.

Er hatte einen Brief für mich – von Werner – nur einige Zeilen.

Ich bin so glücklich, obgleich es nun noch etwas länger dauert.

Werner schreibt mir, daß sein Schiff zehn Tage überliegt, aber dann holt er mich bestimmt, ich soll ihm vertrauen.

Der Doktor war sehr vorsichtig, er gab mir den Brief erst, nachdem er mit mir im Zimmer war, und als ich ihn gelesen, mußte ich ihn zerreißen, und er steckte die Stückchen in die Tasche. —

Er selbst hat Werner geraten, nicht an mich direkt zu schreiben, denn es hätte auffallen müssen, wenn ich einen Brief von Europa bekommen hätte.

Er hat recht, daran habe ich gar nicht gedacht. Überhaupt habe ich mir noch gar nicht überlegt, daß ja niemand meinen Familiennamen weiß. Man vergißt ihn hier beinahe. Man ist wie im Zuchthaus – nur eine Nummer.

Ich hatte überhaupt meinen guten Tag heute, nur anständigen Besuch. Von einem habe ich sogar ein wunderschönes Geschenk bekommen, eine reizende, brillantenbesetzte Uhr.

Ich war ganz sprachlos.

Ich habe sie später Bronja gezeigt, die hat aber meine Freude mächtig gedämpft.

»Der hat sie sicher erst gestohlen,« sagte sie trocken. »Denn sonst verschenken sie nicht so leicht so kostbare Dinger.«

Meinetwegen, ich freue mich trotzdem.

Aber recht könnte Bronja schon haben, etwas sonderbar ist es. Kennt mich nicht weiter und schenkt mir gleich eine Uhr?

Na einerlei!


Es gibt auch kleine Lichtblicke im Dunkel unserer Existenzen. Wenigstens muß ich es so nennen, wenn ich jemand sagen höre, daß er gern hier ist.

Die Lilly wenigstens sagt, ihr gefiele das Leben ganz gut und sie wünsche sich auch nie etwas anderes. —

Geschmacksache ist es natürlich, aber ihr bekommt es ja auch anscheinend, denn sie wird dick und fett dabei. —

Wie ein Roman hört sich's an, wenn sie ihre Geschichte erzählt. — —

In einem kleinen mährischen Dörfchen im Armenhaus groß geworden, wird sie von Deutsch-Amerikanern, die zu Besuch in der Heimat weilen, als Mädchen für alles mit nach Amerika genommen.

Sie, die bis dahin kaum satt zu essen bekommen, blüht bei der guten Kost auf wie eine Rose. —

Sie hatte es gut in ihrer Stelle. Der Mann, der eine gutgehende Bäckerei in Pittsburg hatte, hielt die Familie gut – aber – aber. – Die Frau war ziemlich verblüht – war wohl auch nie eine Schönheit gewesen – und nun gar – neben der üppig aufblühenden achtzehnjährigen Lilly!

Was Wunder, daß die Augen des Mannes immer häufiger und unruhiger auf Lilly hafteten. —

Lilly schlief mit der ältesten Tochter ihrer Herrschaft in einem Bett, einem jener breiten amerikanischen Betten, in denen bequem ein halbes Dutzend Kinder liegen könnte.

Die Sommernächte waren schwül und heiß. Die gute Kost hatte alles in ihr zur Entfaltung gebracht, die Sinne forderten ihr Recht.

Und eines Nachts – genau als ob es in ihren wollüstigen Traum paßte, kommt ihr Dienstherr und nimmt sich, was ihm ohne Widerstreben gegeben wurde. —

Wie eine Frucht, die sich überreif vom Baume löst, so fällt Lillys Jungfräulichkeit dem alternden Manne in den Schoß. —

Die Tochter daneben ist nicht einmal gestört worden in ihrem kindlichen Schlummer. — —

Doch die inbrünstige Umarmung hatte Folgen – was nun?

Der Mann war nicht schlecht, er versprach für Lilly zu sorgen.

Als die Frau merkte, was los war, mußte sie aus dem Hause. —

Als ein Glück betrachteten es beide, daß der Geselle, ein häßlicher, pockennarbiger Ungar, der Lilly schon immer gern gesehen hatte, ihr aber nicht hübsch genug gewesen war, nun aufs neue um sie warb. – Lilly war froh, mit seinem Namen ihre Schande zudecken zu können. – Der Meister gab eine gute Aussteuer und Lilly wurde Frau Allasch. Sie eröffneten einen Laden, und alles wäre gut gewesen, wenn nicht der junge Ehemann so eifersüchtig gewesen wäre. Er war sich wohl bewußt, daß er Lillys Besitz nicht nur seiner Schönheit zu danken hatte. —

Es gab häßliche Szenen, und da zudem das Kind kurze Zeit nach der Geburt gestorben war, ließ Lilly eines Tages ihren pockennarbigen Herrn Gemahl sitzen und fuhr nach New York. —

Hier ist sie zuerst in einem deutschen Haushalt in Brooklyn in Stellung gewesen, es hat ihr aber gar nicht gefallen.

»Die Deutschen wollen nichts bezahlen, aber arbeiten soll man wie ein Pferd,« sagt sie. —

Dann war sie in einem Hotel in der 8. Straße Zimmermädchen, und da hat sie so nach und nach Geschmack am leichten Leben gefunden.

Sie fühlt sich ganz wohl dabei und legt sich sogar noch Geld zurück. Doch ich glaube, es gibt nicht viele Lillys. — —

Ich muß oft darüber nachdenken, was zu tun ist, um solch armen Teufeln zu helfen, die in diese Häuser verschleppt werden.

Das einzig Richtige würde sein, wenn diese Häuser gesetzlich nicht geduldet würden. Es würde trotz alledem noch genug derartige Mädchen geben, wie man an Lilly sehen kann.

Aber Leute wie die Rottmann, die sich von der Schande und dem Elend anderer mästen, die dürfte es nicht geben. – Und wenn es wirklich nicht ohne diese Häuser geht, dann sollte der Staat sie bauen, genau wie er Gefängnisse, Zuchthäuser und Idiotenanstalten baut. —

Doch ich phantasiere. Mit meinen siebzehn Jahren fange ich an und will die Welt verbessern. —

Man hört so vieles in diesem Hause, so manches Schicksal geht an einem vorüber, und immer, oder doch zum weitaus größten Teil, ist an dem ersten Fall die Hauptschuld auf seiten des Mannes und des Alkohols.

Mag die Gefallene später werden wie sie will – zuerst ist sie verführt worden. —


Ich fühle mich seit einigen Tagen gar nicht wohl. Ist es die Unruhe wegen Werner, die mich quält, oder steckt mir eine Krankheit in den Gliedern? Das Essen will mir gar nicht schmecken, obgleich es im allgemeinen ganz gut ist.

Auch Bronja meint, daß es in dieser Weise bei der Rottmann recht anständig sei. Es gibt reichlich und gut zu essen und wenigstens einmal am Tage – abends um sechs Uhr – eine gemeinsame Tafel.

Wie ich von den anderen schon gehört habe, gibt es Häuser, wo die Mädchen noch nicht einmal ausreichend beköstigt werden und wo sie sich noch zum Teil von ihrem eigenen Geld unterhalten müssen. — —


Ich werde immer unruhiger. Wenn ich richtig rechne und sonst nichts dazwischen kommt, muß das Schiff bald ankommen.

Ich bin förmlich wie im Fieber, es kann nicht allein die Sehnsucht nach Freiheit sein.

Wenn ich an Werner denke, überläuft mich ein so sonderbares Gefühl, ein traumhaftes Glücksempfinden überkommt mich, das ich aber immer rasch wieder abschüttele. —

Ich bin abergläubisch geworden, ich fürchte, wenn ich schon zu fest an mein Glück glaube, so zerrinnt es wie eine Fata Morgana vor meinem sehnsüchtigen Blick. — —

Die beiden zuletzt Angekommenen habe ich auch einmal unbeobachtet gesprochen. Es sind ein paar Süddeutsche. Sie haben sich unterwegs bereden lassen, als Kellnerinnen hierher zu kommen. Anfangs sind sie ziemlich unglücklich gewesen, ergeben sich aber jetzt in ihr Schicksal. Die eine, die Sepha, anscheinend die Schlauere, sagt: »Mir werden uns halt a Geld sparen und hernach gehn m'r wieder ham, da waß ka Mensch net, wo m'rs Geld her ham.« —

Auch ein Standpunkt. — —


Ich habe heute die Madame um Geld gebeten und habe ihr gesagt, daß die Mädchen alle ihr Geld selbst aufbewahrten, nur ich bekäme keinen Pfennig.

»So, Geld willst du haben? Dann komm mal mit ins Garderobenzimmer, da will ich dir zeigen, wo dein Geld ist,« war die Antwort. —

Ach ja, das Garderobenzimmer. Ein riesenhaftes Kapital steckt in diesem Raum. Alle vierzehn Tage heißt es: es müssen neue Kleider angeschafft werden, in diesen vertragenen Fähnchen kannst du nicht jeden Abend dasitzen. —

Ich habe Kleider über Kleider, und doch nicht ein einziges, um als anständiger Mensch auf die Straße gehen zu können. — —


Heute war der Doktor wieder da, und morgen kommt Werner!

Ich bin wie von Sinnen. Ich muß wenigstens mein Buch zum Vertrauten machen, sonst, glaube ich, sprengt es mir die Brust.

Heute abend muß ich wieder unter die Decke kriechen und mein Glück in diese kleine Welt hinausschreien. —

Ach, wenn es doch gelingen wollte! —

An ein Scheitern darf ich gar nicht denken, dann stockt mein Herzschlag. Es muß gelingen oder – ich werde wahnsinnig. —

O, guter Gott, guter Gott, ich will wieder an dich glauben, wenn du mir diesmal hilfst – nur dies eine Mal hilf mir, ich bin doch auch dein Geschöpf. —

Ich muß aufhören mit Schreiben, meine Sinne verwirren sich, ich glaube, ich habe in Wirklichkeit Fieber.

Wenn ich doch ein Mittel hätte, um schlafen zu können, ich werde sonst morgen ganz krank und elend sein, und vielleicht habe ich meine Kräfte nötig. —

Ob auch kein Mensch etwas ahnt? Hat mich nicht die Rottmann vorhin so sonderbar angesehen? Oder bilde ich es mir nur ein?

Wenn es mißlingt, gibt es ein Unglück! Mir ist dann alles einerlei – ich könnte das Weib kalten Blutes ermorden.

Mag man mich dann ins Gefängnis stecken, wenigstens ist eines dieser Scheusale weniger auf der Erde. — —

Ich kann nicht mehr – ich glaube, ich bin krank.


IV.
Sonnenaufgang.

Auf See, den 2. November.

Seit fünf Tagen habe ich dich nicht geöffnet, mein kleiner Tröster in der Not.

Jetzt will ich dir aber auch sehr vieles, sehr Schönes und sehr Wichtiges erzählen. —

Ich bin auf der Fahrt nach Deutschland.

Das sagt eigentlich alles. Trotzdem will ich ausführlich erzählen, wie alles zugegangen ist; ist es mir doch selbst noch wie ein Märchen.

Als Werner kam, hielt er sich nicht lange unten auf, sondern ging gleich mit mir hinauf. Die Flasche Wein, die er hatte bringen lassen, blieb fast unberührt stehen. Er rief dem Charly zu, er solle alles so stehen lassen, er käme gleich wieder.

Oben teilte er mir hastig seinen Plan mit. Ich mußte rasch zu mir stecken, was ich gerne mitnehmen wollte.

Es war wenig genug. Dich, mein kleines Buch, steckte Werner in die Brusttasche, dann saßen wir atemlos und warteten.

Das Schlimmste war, daß ich keine Kleider hatte. Ich mußte in dem dünnen, spitzenübersäten Kunstwerk, das meinen Körper mehr preisgab als verhüllte, auf die Straße.

Alles war auf die Minute festgelegt.

Werner war um zehn Uhr gekommen, bis um einhalb elf Uhr kamen vier junge Männer, die in den großen Salon gingen. Bis drei viertel elf kamen vier, die in den kleinen Salon hinter der Bar gingen.

Alle diese Leute waren vom Doktor angeworben und wurden mit dem Gelde Werners bezahlt. —

Fünf Minuten vor elf mußten die im kleinen Salon untereinander Streit anfangen, einer davon mußte einen blinden Schuß abgeben, zu gleicher Zeit mußten die im großen Salon so agieren, daß alles nach dem kleinen Salon hinstürzte.

Und genau auf die Minute – elf Uhr – gab der Doktor an der Eingangstür das bekannte Einlaßzeichen, so daß der Portier wußte, es war ein eingeweihter Besucher.

Genau in diesem Augenblick kamen wir, Werner und ich, die Treppe herunter. Die Tür durfte nicht wieder ins Schloß fallen. Ein Auto stand draußen, und fort ging es – ich war frei!!!

Alles klappte. Der Doktor hatte noch einen handfesten Kerl bei sich, und als der Schließer auf mich zustürzen wollte, faßte ihn der Begleiter des Doktors an der Kehle und sagte leise aber bestimmt: »Keep quiet! Einen Laut und du bist ein toter Mann!«

Der Doktor sprang zurück und war mit einem Satz bei uns im Auto, dann ging es vorwärts.

Wir sind erst ganz nach oben bis zur 128. Straße gefahren, um etwaige Verfolger irrezuführen, dann ging es durch den Zentralpark und an der anderen Seite herunter nach Hoboken.

Es war bereits nach Mitternacht, als wir im Zentralhotel ankamen.

Der Doktor hatte an alles gedacht. Im Auto lag ein Mantel, in den ich schlüpfen mußte, damit meine Kleidung bei den Hotelbediensteten nicht auffiele und etwaigen Nachforschungen Vorschub geleistet würde. Ich bekam ein Zimmer, Werner ließ sich eines daneben geben, dann schloß er mich ein und, ich war allein – allein und in Freiheit.

Am anderen Morgen – Werner hatte einen Tag Urlaub genommen – telephonierte er an ein Konfektionsgeschäft und ließ mir etwas anständige Garderobe kommen.

Unter dem Vorwand, daß ich mit dem Schiff gekommen sei und unglücklicherweise meinen Koffer eingebüßt habe, wurde ich vollständig neu ausgestattet.

Ein einfaches, dunkelblaues Kostüm, ein Reisehut und Stiefel waren das Nötigste. Dann bekam ich noch ein einfaches Straßenkleid, und die bürgerlich einfache Dame war fertig.

Ich nahm alles widerspruchslos an. Es waren Wohltaten, die ich vielleicht nie würde vergelten können; ich mußte sie annehmen.

Vorläufig dachte ich nur an den Augenblick. —

Als ich mit allem fertig war, und wir in meinem Zimmer beim Lunch saßen, sagte Werner: »Heute nachmittag fahren wir nach New York hinüber zu Pastor Schneider und lassen uns trauen.«

»Nein, o nein!« rief ich, »tun Sie das nicht!«

»Nun, nun,« sagte Werner, »warum denn nicht?«

»Sie – werden es später bereuen, bitter bereuen. Ich darf Ihre Güte so nicht ausnutzen. Das Mitleid mit meiner verzweifelten Lage hat Sie handeln lassen, aber nun ist es genug.«

»Und meinen Sie, ich hätte dies alles getan, wenn ich nicht von Anfang an die Absicht gehabt hätte, Sie zu heiraten? Ich weiß alles, was Sie mir sagen wollen; ich weiß, daß Hunderte von jenen Mädchen nicht verdienen, daß ein anständiger Mann auch nur den Finger um sie rührt, ich weiß aber auch, daß Sie keine von denen sind. Sie haben Unglück gehabt – es wird bei Ihnen liegen, zu beweisen, daß es unverdientes war.« — —

Es ist nicht schwer für einen jungen Mann, ein junges Mädchen, das ihm sowieso schon zugetan ist, zu bereden, ihn zu heiraten, ihr plausibel zu machen, daß sie nicht zu schlecht für ihn ist.

Ich erinnerte mich so mancher, mit der ich zusammen war, die sich keinen Augenblick besonnen haben würde. Ich dachte auch an manche, die wirklich besser war, als so viele verheiratete Damen, die geachtet dastanden und doch innerlich nichts taugten, und all meine großen und festen Vorsätze schmolzen dahin wie Butter an der Sonne. — – Wenn ich von jetzt ab ein tadelloses Leben führte, war dann nicht alles gut? Was aber, wenn später bei Werner die Reue kam?

»Sie werden es später bereuen, lieber Freund! Gesetzt den Fall, es käme durch irgendeinen Zufall heraus, wo Sie mich hergeholt haben, ich könnte es nicht ertragen, Schande über Sie gebracht zu haben!«

»Das brauchen wir nicht zu befürchten. Kein Mensch von unserem Schiff ist drüben in jenem Hause gewesen, keiner hat Sie gesehen.«

»Und wenn doch? Sie kennen die Menschen nicht, mein Freund! Ich will Ihre Freundin sein, Ihre Dienerin, alles will ich für Sie tun, und wenn Sie mich nicht mehr wollen, dann schicken Sie mich fort – dann –« Ich fing an zu weinen. Das ganze Elend meiner jungen Jahre kam mir mit Allgewalt zum Bewußtsein.

Wäre es nicht besser, ich wäre tot? Wem nützte mein Dasein?

»Weine nicht, Liebling! Du mußt mein Weib werden. Es ist unmöglich, wie du dir das denkst. Ich kann so nicht neben dir leben, ich habe dich lieb – komm, sei vernünftig und gib nach. Magst du mich denn nicht auch ein wenig leiden? Ich schwöre dir, ich rühre dich nicht eher wieder an, bis du mein Weib bist; bedenke – ich bin ein Mensch von Fleisch und Blut – und ich liebe dich – quäle mich nicht länger.«

»Wenn ich nur wüßte, daß es zu deinem Glücke wäre, daß ich dadurch nur etwas von der großen Schuld abtragen könnte, wie gern würde ich dir gehören. Aber deine Zukunft, dein Glück!« entgegnete ich, nur noch schwach widerstrebend.

»Mein Glück und meine Zukunft bist du! Laß die Menschen sagen und tun was sie wollen, wenn nur wir beide zufrieden sind. Komm, sag' ja!«

»Aber — — —«

»Kein Aber mehr, Liebling,« sagte da Werner und nahm mich in seine Arme. Und jauchzend flog ich an seinen Hals, und er vergrub sein Gesicht in meinen Haaren.

»Mein Liebling, mein alles!« flüsterte er, und küßte mich immer und immer wieder. »Wie schön du bist! Und jetzt bist du mein! Jetzt gehört diese Schönheit, dieser entzückende Körper mir – mir ganz allein!«

Willenlos hing ich in seinem Arm. Mein ganzes Herz schlug ihm entgegen. Wie war er gut! Das war endlich ein Mann von jener Sorte, die wir nötig haben. Nun war auch für mich die Sonne eines besseren Tages aufgegangen.

Ja, ich wollte sein Weib sein, und mein ganzes ferneres Leben sollte ein einziges Dankgebet – ein einziges Opferfeuer für meinen Retter sein. — — —

Zwei Stunden später waren wir Mann und Frau.

Der alte, würdige Pfarrer und seine Gattin nahmen uns sehr liebevoll auf. Werner kannte das Ehepaar schon seit langem, da sie schon wiederholt mit seinem Schiff gefahren waren.

Nach der Trauung hatten wir ein schönes Diner bei Reißenwebers, und fuhren dann wieder nach Hoboken.

Ich hatte große Angst, und Werner mußte ein geschlossenes Auto nehmen, weil ich immer noch Sorge hatte, daß ich entdeckt würde. —

Auch als wir wieder im Hotel waren, wollte die Ruhe noch nicht kommen; erst hier auf dem Schiff, als einige Meilen Wasser zwischen mir und jener Stadt mit den hohen Häusern lagen, konnte ich aufatmen.

Also wirklich und wahrhaftig frei! Frei, und so Gott will, ein anständiger Mensch! — — —


Es gefiel mir erst sehr auf dem Schiff, aber das hat nicht lange gedauert. Wir hatten Sturm, und ich bin tüchtig seekrank gewesen, jetzt geht es aber wieder.

Ich fahre in der zweiten Kajüte, und Werner hat dafür gesorgt, daß ich allein im Zimmer bin. Ich freue mich sehr darüber, ich mußte immer wieder an meine Herfahrt denken und an meine Zimmernachbarin, diese alte Seelenverkäuferin.

Ich bin aber doch auch zu dumm gewesen, jetzt könnte mir das nicht wieder passieren, jetzt kenne ich den Geruch.

Ich bilde mir immer ein, ich selbst rieche auch noch nach diesem verfluchten süßlichen Zeug, mit dem die ganze Luft in jenem Hause durchtränkt war. Es kann aber gar nicht möglich sein – denn ich habe nichts mehr von jenem Zeug am Leibe und habe schon drei Bäder genommen – und doch – sehen mich nicht auch die Männer mit besonderen Blicken an?

Werner, dem ich meine Befürchtungen mitteilte, lachte.

»Ich glaub' es wohl, daß sie dich angucken, Süßes! Du weißt wohl gar nicht, wie schön du bist!« —

Ich bin sehr glücklich! Werner und ich machen Pläne – wonnige Pläne für die Zukunft.

Eine kleine Wohnung werden wir uns mieten, drei Zimmer nur, denn Werner verdient noch nicht viel – aber wir werden trotzdem glücklich sein – so glücklich.

Wir brauchen niemand, ganz allein für uns beide wollen wir sein. Ich werde sehr viel zu tun haben für die erste Zeit, die ganze Wohnung muß eingerichtet werden, und ich habe doch so gar nichts.

Ärmer als ich ist wohl nie ein Mädchen in die Ehe gegangen. Alles verdanke ich der Güte dieses Mannes – es wird mir schwer – »meines Mannes« zu sagen, es ist mir, als ob ich noch kein Recht dazu hätte.

Und doch habe ich es, er selbst hat es mir gegeben. —

Wenn ich alles recht überdenke, dann möchte ich seine Hände küssen, er macht vieles wieder gut, was andere gesündigt. —

Wenn ich doch nicht immer wieder ins Grübeln kommen wollte! Wenn ich mich doch uneingeschränkt der Stunde freuen könnte!

Aber ich kann es nicht. Eine Angst verzehrt mich, für die ich keinen Namen habe.

Bald sind wir in Deutschland – wenn ich nach der Heimat könnte! Nur einmal meinen Kopf im Schoße der lieben alten Frau zu vergraben.

Aber nein, fort mit diesen Gedanken – ich bin tot – muß tot sein!

Würden sie mich nicht fragen? Würde ich der Großmutter in die lieben, alten, reinen Augen sehen können?

Ach, hätte ich doch meine Mutter noch! Zu ihr könnte ich kommen! – Hätte ich meine Mutter noch, dann wäre alles anders, und ich brauchte nicht so vor sie zu treten. — —


Morgen kommen wir an. Man merkt es an der Unruhe unter den Passagieren. Alle haben zu packen, zu schreiben und zu besprechen; wie in einem Bienenkorb ist es.