In dem Rathause der Stadt Zürich waren vor mehreren hundert Jahren die Ratsherren alle versammelt. Sie erwarteten eine Antwort aus Straßburg, dessen Rat sie ein Bündnis vorgeschlagen zum Schutz und Trutz gegen ihre gemeinschaftlichen Feinde.
Endlich erschien der Bote mit einem Briefe, den der Schultheiß (Präsident) sogleich laut vorlas wie folgt:
»Geehrte Herren von Zürich.
Wir bedauern, ihren Vorschlag, mit der Stadt Zürich in ein Bündnis zu treten, nicht annehmen zu können, da unsere Städte zu weit voneinander entfernt liegen, um sich im Falle der Not schnell genug Hülfe leisten zu können.«
Als die Züricher Ratsherren diese kalte Antwort auf ihr Anerbieten vernahmen, waren sie sehr ungehalten (böse) darüber, und berieten sich, um zu wissen, was nun zu thun sei.
Auf einmal rief der Jüngste unter ihnen aus: »Meine Herren, überlassen Sie mir die Sorge, den Straßburgern eine warme Antwort auf diese kalte Abweisung zu überbringen. Ich kann versprechen, daß es nicht lange dauern wird, ehe Sie eine ganz verschiedene (andere) Antwort erhalten werden.«
Die Ratsherren überließen die Sorge dieser Antwort ihrem jungen Mitgliede, der sogleich nach Hause eilte, und seiner Frau laut zurief:
»Liebe Frau, koche so schnell als möglich deinen größten Topf voll Brei!«
Die Frau ließ sogleich ein großes Feuer anmachen, und kochte einen ungeheuer großen Topf voll Brei.
Unterdessen eilte der junge Ratsherr zu der Limmat (ein kleiner Fluß) hinunter, ließ sein bestes Schiff zurichten, rief zehn starke junge Männer zu sich und befahl ihnen, bereit zu sein, um das Schiff die Limmat und Aare entlang und Rhein abwärts zu rudern.
Als das Schiff bereit war und die Jünglinge alle an ihren Plätzen waren, sagte der Ratsherr: »Jetzt sind Sie zum Aufbrechen ganz bereit, nicht wahr? Doch muß ich schnell nach Hause gehen, um etwas zu holen, aber sobald ich wieder zurück bin, müssen wir sogleich fort.«
Der Ratsherr lief schnell in seine Küche, wo seine Frau den Brei kochte.
»Ist der Brei fertig?« rief er hastig.
»Ja, ganz fertig,« erwiderte die Frau.
Auf einen Wink des Herrn nahmen zwei starke Diener den dampfenden Topf vom Feuer, und liefen schnell damit zum wartenden Schiff, wo sie ihn niedersetzten. Der Herr sprang in das Schiff, nahm selbst ein Ruder und rief laut:
»Jetzt, junge Leute, rudert so schnell als möglich, damit wir in Straßburg ankommen, noch ehe der Brei kalt ist. Wir wollen den Herren dort zeigen, daß die Züricher im Notfalle schnell genug ihren Verbündeten Hülfe leisten können!«
Die jungen Leute ruderten eifrig. Das Schiff flog die Limmat, Aare und Rhein hinunter, und in unglaublich kurzer Zeit kam es in Straßburg an.
Der Ratsherr sprang schnell aus dem Schiffe, winkte den zwei Dienern, ihm mit dem Breitopfe zu folgen, und ging eilig in das Rathaus, wo die Straßburger Ratsherren versammelt waren.
Ohne Aufenthalt trat er in den Saal, winkte den Dienern, den noch dampfenden Breitopf auf den großen Tisch zu setzen, und dann sprach er:
»Meine Herren, Sie haben das Züricher Bündnis nicht annehmen wollen, weil Sie unsere Städte zu weit entfernt dachten, um einander in der Not schnellen Beistand leisten zu können. Sie irren sich darin, die Züricher können Ihnen schnell genug Beistand leisten, das wird Ihnen dieser Breitopf am besten klar machen. Sehen Sie, meine Herren, dieser Brei wurde auf meinem Herd in Zürich gekocht, und dennoch ist er noch warm genug zum essen!«
Als die Straßburger Ratsherren den noch dampfenden Topf voll Brei sahen, schämten sie sich ein wenig ihrer kalten Antwort. Sie waren auch über den glücklichen Einfall des Ratsherrn höchst entzückt und riefen alle: »Freund, Sie haben ganz Recht. Das Bündnis soll geschlossen werden!«
Sie schrieben sogleich einen anderen Brief, welchen sie dem jungen Ratsherrn sogleich übergaben, aber als er fortgehen wollte, rief der Schultheiß:
»Warten Sie doch, Herr Ratsherr, wir wollen erst den Brei zusammen essen!«
Er ließ sogleich Löffel und Teller herbeibringen. Der Züricher Ratsherr teilte den Brei aus, die Herren aßen alle davon, und man erzählt, daß der Brei noch so heiß war, das mehr als einer sich den Mund damit verbrannte. Der Topf wird noch jetzt im Rathause zu Straßburg aufbewahrt, zum Andenken an das alte Bündnis zwischen Zürich und Straßburg.
Betty war ein kleines Mädchen, die einzige Tochter einer armen Witwe.
Die Witwe hatte nur ein ärmliches Häuschen und zwei Ziegen, und Betty mußte diese zwei Ziegen täglich in dem Birkenwalde weiden, da die Mutter keine Wiese besaß.
Jeden Morgen nahm Betty ein Körbchen mit Brot, und eine Spindel, und ging fort mit ihren Ziegen; und jeden Morgen rief ihr die Mutter nach:
»Die Spindel muß diesen Abend voll sein!«
Betty ging immer munter fort, und als sie in den Wald kam, ließ sie die Ziegen weiden, und spann fleißig, bis die Mittagsstunde herankam. Dann aß sie ihr Brot, suchte einige Wald-Erdbeeren, und tanzte lustig einige Minuten, ehe sie das Spinnen wieder aufnahm.
Eines schönen Sommertages, nachdem sie gegessen, und gerade als sie ihren Mittagstanz begonnen, sah sie ein wunderschönes Mädchen im weißen Kleide vor sich stehen.
Das Mädchen hatte langes, goldenes Haar, und darauf war ein Kranz von Waldblumen. Betty war sehr erstaunt dieses Mädchen zu sehen, doch als diese sie fragte, ob sie gern tanze, vergaß sie alle Furcht und antwortete fröhlich:
»Ach ja! ich tanze so gern, daß ich den ganzen Tag nichts anderes thun möchte!«
»Das ist gut!« rief das schöne Mädchen. »Ich tanze auch gern. Kommen Sie, wir wollen zusammen tanzen!«
Sie nahm Betty bei der Hand, und bald gingen sie lustig im Kreise herum, und Betty tanzte so leicht, und wurde weder müde noch außer Atem, denn die kleinen Vögel kamen alle und sangen lustige Tanzmusik.
Betty vergaß alles in ihrer Tanzlust, und erst als die Sonne am Horizonte heruntersank, die Vögel fortflogen und das Mädchen aufhörte zu tanzen, dachte sie an ihre Ziegen und an ihre unvollendete Arbeit.
Das Mädchen mit den goldenen Locken war plötzlich verschwunden, und Betty war wieder ganz allein in dem Birkenwalde mit ihren Ziegen. Es war Zeit nach Hause zu gehen, und Betty packte ihren ungesponnenen Flachs und die Spindel, die nicht halb voll Faden war, in das Körbchen, und brachte die Ziegen nach Hause. Sie war aber so reuig, so lange getanzt zu haben, daß sie nicht wie gewöhnlich laut singen konnte, und die Mutter fragte, ob sie vielleicht krank sei.
»Nein, Mutter, ich bin nicht krank!« erwiderte Betty. Sie steckte Spindel und Flachs ein und dachte bei sich selbst:
»Es ist gut, daß die Mutter den Faden nicht sogleich windet. Morgen muß ich sehr fleißig sein und viel spinnen, denn heute bin ich sehr träge gewesen!«
Am folgenden Morgen ging Betty wieder in den Birkenwald mit ihren Ziegen, und spann fleißig bis Mittag, dann aß sie ihr Stück Brot, pflückte schnell einige Erdbeeren, und schickte sich soeben zu einem kurzen Tanze an, als das goldlockige Mädchen plötzlich wieder erschien, und sie wieder zum Tanze aufforderte.
»Schönes Fräulein,« sagte Betty. »Sie müssen mich heute entschuldigen. Ich kann nicht mit Ihnen tanzen, denn ich muß viel spinnen, sonst wird meine Mutter böse!«
»Ach, liebes Kind, kommen Sie nur, tanzen Sie nur getrost mit mir, das Spinnen werde ich besorgen.«
Und das schöne Mädchen faßte sie bei der Hand, und tanzte wieder lustig mit ihr im Kreise herum, während die Vöglein alle die schönste Tanzmusik sangen.
Sie tanzten so unermüdlich von Mittag an, bis es beinahe Zeit zum Sonnenuntergang war. Da hielt das Mädchen plötzlich inne, und jetzt dachte Betty wieder zum erstenmal an ihren ungesponnenen Flachs und weinte bitterlich.
»Weinen Sie nicht, mein Kind,« rief das schöne Mädchen. »Ich will das schon besorgen.«
Sie nahm die Spindel und spann so blitzschnell, daß aller Flachs gesponnen war, als die Sonne am Horizonte hinunterging.
»Da, mein Kind,« rief sie freudig. »Sehen Sie nur, die Spindel ist ganz voll!«
Mit diesen Worten reichte sie Betty die Spindel. Dann verschwand sie plötzlich, und nun ging Betty glücklich singend nach Hause. Da fand sie ihre Mutter in sehr böser Laune, denn sie hatte den Faden winden wollen, und hatte die halb volle Spindel gefunden. Sie schalt das Kind und sagte:
»Betty, du bist ein faules Kind. Gestern hast du deine Spindel nicht voll gesponnen.«
»Ja, Mutter,« erwiderte sie entschuldigend, »gestern habe ich zu lange getanzt, aber siehe, heute ist meine Spindel voll prächtigen Fadens!«
Die Mutter sah die volle Spindel an und schalt nicht mehr.
Am dritten Morgen ging Betty wieder in den Wald mit Ziegen und Spindel, spann wieder fleißig den ganzen Morgen, und aß ihr Mittagsbrot und Erdbeeren wie gewöhnlich. Als sie sich zum Tanzen schickte, kam das schöne Mädchen plötzlich wieder und sagte freundlich:
»Kommen Sie, Betty, wir wollen wieder zusammen tanzen!«
Sie tanzten lustiger als je, eine Stunde nach der anderen, und fühlten keine Müdigkeit, so lange die kleinen Vögel fröhliche Tanzmusik sangen.
Endlich hörten die Vögel auf zu singen und die Mädchen zu tanzen, und Betty rief wieder traurig:
»Ach, da geht die Sonne schon unter, und meine Arbeit ist nicht fertig! Meine Mutter wird tüchtig schelten! Sie wird wieder sagen, daß ich träge gewesen sei!«
»Nein, liebes Mädchen, Ihre Mutter soll Sie nicht schelten. Ich will Ihnen helfen. Geben Sie mir Ihren Korb!«
Das schöne Mädchen nahm den Korb, ging weiter in den Wald hinein, und kam bald damit wieder:
»Da, Betty,« sagte sie. »Ich habe etwas in Ihren Korb gelegt, das die Mutter entschädigen wird für den Faden, den Sie heute nicht gesponnen haben. Öffnen Sie den Korb erst, wenn Sie nach Hause kommen!«
Das schöne Mädchen verschwand wieder, und Betty ging nach Hause. Unterwegs dachte sie:
»Mein Korb ist eben so leicht, als ob er leer wäre. Es kann ja unmöglich etwas darin sein!«
Sie konnte nicht warten, bis sie nach Hause kam, um den Deckel ein wenig zu heben, sah aber nichts als dürre Birkenblätter!
Da fing sie an zu weinen, warf zwei Hände voll Birkenblätter aus dem Korbe, und ging traurig nach Hause.
Als sie dorthin kam, rief ihre Mutter laut:
»Ums Himmelswillen, Kind, was ist los mit der Spindel, die du mir gestern heimgebracht hast? Sie ist sicher verhext, denn ich habe heute den ganzen Tag gewunden, und der Faden kam nicht zu Ende, bis ich laut rief: ›Ein böser Geist muß dies gesponnen haben!‹«
Dann erzählte Betty ihrer Mutter alles, was ihr in dem Birkenwalde begegnet war, und die Mutter sagte:
»Ach, das war eine Waldfrau, oder ein Moosweiblein! Sie sind gute Geister. Sie thun uns nichts zu leide, und wäre ich nur nicht ungeduldig gewesen, so hätte ich ein ganzes Zimmer voll Faden gehabt. Die Waldfrauen sind den guten Mädchen immer behülflich!«
Da dachte Betty: »Vielleicht hat sie noch eine Spindel Faden unter die dürren Blätter versteckt? Ich muß suchen!«
Wieder hob sie den Deckel des Korbes auf, und siehe, da waren statt dürrer Birkenblätter lauter schöne Goldmünzen.
»Ach Mutter, siehe doch diese schönen Goldmünzen an!« rief das entzückte Mädchen.
Die Mutter war auch entzückt und sagte:
»Es ist gut, mein Kind, daß du nicht alle Birkenblätter fortwarfst! Hier haben wir Gold genug, um uns ein kleines Gut zu kaufen!«
Betty und ihre verwitwete Mutter kauften nun wirklich ein kleines Gut. Sie kauften auch viele Kühe, Pferde, Ochsen, Schafe, Ziegen, Hühner, Gänse und Enten, und wurden sehr reich. Betty mußte das Vieh nicht mehr hüten, aber sie ging oft in den Wald, denn sie hoffte immer die schöne Waldfrau noch einmal dort zu sehen. Diese Hoffnung aber war immer vergebens, und Betty wurde sehr alt, ohne ihr schönes Mädchen je wiedergesehen zu haben.
Ein Jäger hatte vier Söhne, die alle ihr Glück in der Welt suchen wollten, und die zu ihrem Vater sagten:
»Vater, wir sind jetzt alle mehr als sechszehn Jahre alt; wir möchten in die Welt gehen, um unser Glück zu suchen. Bitte, gieb uns ein wenig Geld für die Reise.«
Der Vater gab jedem zwanzig Florin und ein Pferd. Sie ritten munter über Berg und Thal, und kamen endlich auf einen Berg, wo vier Wege zusammenkamen.
Hier rief der älteste Bruder laut:
»Meine Brüder, wir wollen hier auseinandergehen. Jeder soll einen verschiedenen Weg einschlagen, um sein Glück zu finden. Wir wollen unsere Messer in diesen Birkenbaum stecken, und über Jahr und Tag wollen wir uns hier versammeln. Wenn einer von uns nicht kommt, und ein Messer verrostet ist, werden wir wissen, daß dessen Eigentümer tot ist.«
Die vier Brüder verabschiedeten sich. Jeder ging seines Weges, und als sie an günstige Orte kamen, lernten sie jeder ein Handwerk. Der Älteste wurde Schuster, der Zweite Dieb, der Dritte Astrolog und der Vierte Jäger.
Als Jahr und Tag herum waren, kamen sie alle an den Kreuzweg, fanden ihre Messer ohne Rost, und gingen fröhlich nach Hause.
»Gott sei dank!« rief der Älteste. »Hier kommen wir alle wohlbehalten nach Hause, mein Vater.«
»Nun,« sagte der Vater, »erzählt mir jetzt alle euere Erlebnisse. Welches Handwerk hast du gelernt, mein ältester Sohn?«
»Ich bin Schuster geworden. Aber ich bin nicht wie die anderen Schuster, mein Vater. Ich kann alles ausbessern, und dafür brauche ich nur die Worte: ›Bessere dich aus,‹ zu sagen.«
Der Vater, der einen sehr alten Rock hatte, gab ihn dem Sohne und sagte:
»Zeige mir einmal, wie du es machst, mein Sohn, hier ist mein abgetragener Rock.«
Der älteste Sohn nahm den Rock, rief laut: »Bessere dich aus, Rock,« und augenblicklich war der Rock da, ebenso gut wie neu.
Dann fragte der Vater den zweiten Sohn:
»Nun, mein Sohn, welches Handwerk hast du gelernt?«
»Mein Vater, ich bin Dieb geworden; aber ich bin kein gewöhnlicher Dieb, denn ich brauche ja nur an ein Ding zu denken und da kommt es von selbst zu mir.«
Durch die Fensterscheiben sah der Vater einen Hasen vorbeispringen. Er sagte:
»Mein Sohn, da ist ein Hase. Ich möchte ihn zum Mittagessen haben. Sieh, ob du ihn stehlen kannst.«
Der Sohn dachte an den Hasen und rief: »Ich möchte den Hasen hier haben.« Und augenblicklich lag der Hase auf dem Tische.
Als der Vater den dritten Sohn fragte, welches Handwerk er gelernt, sagte er:
»Nun, Vater, ich bin Astrolog geworden. Aber ich bin kein gewöhnlicher Astrolog, denn ich brauche den Himmel nur anzuschauen, und ich kann sogleich alles sehen, was auf Erden geschieht.«
Der Vater fragte den vierten Sohn, was er Schönes gelernt, und er erwiderte:
»Nun, Vater, ich bin Jäger geworden!«
»Ach, das ist recht! das ist ein ehrliches Geschäft!« rief der Vater. »Ich bin ja auch Jäger!«
»Ja, mein Vater!« erwiderte der Jüngste, »aber ich bin nicht Jäger wie du, sondern wenn ich das Wild sehe, brauche ich nur zu rufen: ›Du sollst sterben!‹ und es ist augenblicklich tot.«
Der Vater, der wieder einen Hasen sah, antwortete:
»Töte den Hasen, so werde ich dir glauben.«
Der Sohn rief sogleich: »Du sollst sterben, Hase!« und der Hase war tot.
Der Vater konnte ihn aber nicht sehen. Dann schaute der Astrolog den Himmel an, und sagte:
»Mein Vater, der Hase liegt dort, hinter dem Busche!«
»Das ist schon gut!« sagte der Vater, »aber wie können wir ihn hierher bringen?«
»Er soll hier sein!« rief der Dieb, und er war sogleich da.
Der Hase war in einen Dornenstrauch (Busch) gefallen und sein Pelz war zerrissen. Der Vater sagte:
»Schade, daß der Pelz so zerrissen ist!«
»Bessere dich aus!« rief der Schuster dem Pelze zu, und augenblicklich war er wieder ganz.
Der Vater war mit seinen vier Söhnen sehr zufrieden, und sagte:
»Nun, jetzt ist es klar, daß ihr nun euer Brot verdienen könnt, da ihr euere Handwerke doch so gut gelernt habt!«
Die vier Brüder hörten bald, daß der König des Landes sehr traurig sei, denn er hatte seine einzige Tochter verloren. Er ließ überall bekannt machen, daß er sein Reich und seine Tochter demjenigen Manne geben würde, welcher sie finden und heimbringen würde. Die Brüder sagten zugleich:
»Wir wollen in den Palast gehen und dem König sagen, daß wir seine Tochter finden und heimbringen werden!«
Sie gingen alle vier in den Palast, und als der König hörte, daß sie die Prinzessin finden und heimbringen wollten, war er sehr froh. Als die Nacht heranbrach, schaute der Astrolog den Himmel an, und sah, daß die Prinzessin von einem Drachen entführt worden sei, und daß er sie auf eine Insel jenseits des Roten Meeres gebracht, wo sie ihn jeden Tag während einiger Stunden liebkosen mußte.
Die vier Brüder stiegen in einen Wagen und fuhren nach dem Roten Meere.
Als sie an das Ufer kamen, stiegen sie in ein Boot, und ruderten zu der Insel, wo die Prinzessin war. Sie spazierte langsam an der Küste des Roten Meeres. Der Dieb sah sie zuerst und rief laut:
»Die Prinzessin soll hier sein!« und augenblicklich saß sie in dem kleinen Boote bei ihnen.
Dann kam der böse Drache, und die Prinzessin schrie laut vor Schreck, denn er wollte sie alle töten. Aber der Jäger sagte:
»Der Drache soll sterben!« und sogleich fiel er tot in das Wasser. Eine seiner Krallen aber riß ein Loch in das Schiff, und sie wären alle ertrunken, hätte der Schuster nicht laut gerufen:
»Bessere dich aus, Schiff!«
Das Schiff wurde augenblicklich wieder ganz. Sie kamen glücklich in den Wagen, aber da fingen die Brüder an zu zanken.
»Die Prinzessin soll mein Weib werden!« rief der Astrolog. »Ich habe sie ja entdeckt!«
»Nein, sie soll mein Weib werden!« rief der Dieb, »denn ich habe sie gestohlen!«
»Ach nein; sie soll meine Frau werden!« rief der Jäger. »Ich habe den Drachen getötet.«
»Still!« rief der Schuster, »sie soll meine Gemahlin werden, denn ich habe das Loch in dem Boote ausgebessert, und wäre ich nicht da gewesen, wäret ihr alle ertrunken!«
Als sie in den Palast kamen, sagten sie dem König, daß er zwischen ihnen entscheiden solle, und er sagte:
»Nun, ich habe die Prinzessin dem Manne versprochen, der sie finden würde. Darum soll sie den Astrologen heiraten. Aber da Sie alle redlich mitgeholfen, soll jeder von Ihnen ein Viertel (¼) meines Reiches zu eigen haben.«
Die vier Brüder waren mit dieser Entscheidung zufrieden, und lebten glücklich, jeder in seinem eigenen Reiche. Der alte Vater wohnte im Frühling bei dem Schuster, im Sommer bei dem Diebe, im Herbst bei dem Jäger, und im Winter bei dem Astrologen, und überall war er gut aufgehoben, und hatte alles was er sich nur wünschen konnte, so lange er lebte.
ab, off, from; auf und ab, up and down.
Abend, m. -s, Abende, evening; abends, in the evening; eines Abends, one evening.
aber, but, however.
abgegangen, see abgehen.
abgehen, imp. ging ab, p.p. abgegangen, to go away, to go down.
abgetragen, worn out.
ablösen, imp. löste ab, p.p. abgelöst, to relieve (a guard).
abwärts, downward.
Abweisung, f. refusal, rebuff.
abzulösen, see ablösen.
Ach, ah, oh.
acht, eight.
achten, imp. achtete, p.p. geachtet, to heed, to honor.
achtete, see achten.
all, -e, -em, -en, -er, -es, all, each, every; aller guten Dinge sind drei, all good things go by threes (lit. of all good things there are three).
Ähre, f. Ähren, ear of grain.
allein, alone, only.
alles, everything.
als, as, than, but, when.
alt, -e, -em, -en, -er, -es, pos. alt, comp. älter, super. der älteste, old.
Alte, f. old woman.
älter, see alt.
älteste, -m, -n, -r, -s, see alt.
am = an dem, on the, at the, in the.
an, on, of, to.
Andenken, n. remembrance, memory.
andere, -m, -n, -r, -s, other, else.
ändern, imp. änderte, p.p. geändert, to change, to alter.
Andernacher, people of Andernach.
Änderung, f. Änderungen, alteration, change.
Anerbieten, n. offer.
anfangen, imp. fing an, p.p. angefangen, to begin.
angekommen, see ankommen.
Anger, m. pasture, green.
Angriff, m. Angriffe, attack.
Angst, f. Ängste, anxiety, anguish.
ängstlich, -e, -em, -en, -er, -es, anxious, anxiously.
ankommen, imp. kam an, p.p. angekommen, to arrive, to come.
anlangen, imp. langte an, p.p. angelangt, to arrive, to reach.
anmachen, imp. machte an, p.p. angemacht, to light, to make.
annehmen, imp. nahm an, p.p. angenommen, to accept, to take.
anschauen, imp. schaute an, p.p. angeschaut, to gaze at.
ansehen, imp. sah an, p.p. angesehen, to see, to view, to gaze at.
anstellen, imp. stellte an, p.p. angestellt, to prepare.
Antwort, f. Antworten, answer.
antworten, imp. antwortete, p.p. geantwortet, to answer, to reply.
antwortete, see antworten.
anzulangen, see anlangen.
anzünden, imp. zündete an, p.p. angezündet, to light, to set fire to.
anzuschauen, see anschauen.
Arbeit, f. Arbeiten, work.
arbeiten, imp. arbeitete, p.p. gearbeitet, to work.
arbeitete, see arbeiten.
ärgerlich, -e, -em, -en, -er, -es, angry, irritated.
ärgern, imp. ärgerte, p.p. geärgert, to vex, to fret.
ärgerst, see ärgern.
arm, -e, -em, -en, -er, -es, poor, pos. arm, comp. ärmer, super. der ärmste.
Arm, m. -e, -es, Arme, arm.
ärmlich, -e, -em, -en, -er, -es, poor, poverty-stricken.
Astrolog, m. -en, Astrologen, astrologer.
aß, aßen, see essen.
Atem, m. breath.
atmen, imp. atmete, p.p. geatmet, to breathe.
Au' = Aue, f. Auen, meadow.
auch, also, too.
auf, on upon, at; — einmal, all at once, suddenly; auf und ab, up and down.
aufbewahren, imp. bewahrte auf, p.p. aufbewahrt, to preserve, to keep.
aufbewahrt, see aufbewahren.
Aufbrechen, n. departure.
Aufenthalt, m. ceasing, pause, stay.
auffordern, imp. forderte auf, p.p. aufgefordert, to invite, to ask.
aufforderte, see auffordern.
aufgegangen, see aufgehen.
aufgehen, imp. ging auf, p.p. aufgegangen, to go up, to rise.
aufgehoben, see aufheben.
aufgeregt, -e, -em, -en, -er, -es, excited.
aufgestellt, see aufstellen.
aufgewacht, see aufwachen.
aufheben, imp. hob auf, p.p. aufgehoben, to raise (a siege), to lift, to take care of.
aufhören, imp. hörte auf, p.p. aufgehört, to cease.
aufhörte, see aufhören.
aufmachen, imp. machte auf, p.p. aufgemacht, to open.
aufnahm, see aufnehmen.
aufnehmen, imp. nahm auf, p.p. aufgenommen, to take up.
aufs = auf das, on the.
aufschlagen, imp. schlug auf, p.p. aufgeschlagen, to build up, to open.
Aufschub, m. postponement, delay.
aufstehen, imp. stand auf, p.p. aufgestanden, to stand up, to rise.
aufstellen, imp. stellte auf, p.p. aufgestellt, to post (sentinels), to set up.
auftauchen, imp. tauchte auf, p.p. aufgetaucht, to rise up suddenly.
aufwachen, imp. wachte auf, p.p. aufgewacht, to wake by one's own volition.
aufwecken, imp. weckte auf, p.p. aufgeweckt, to be awakened, to awaken.
aufweckte, see aufwecken.
Auge, n. -s, Augen, eye; Aug', p. 93, poetical for eye.
Augenblick, m. -e, -es, Augenblicke, -n, moment.
augenblicklich, instantaneously, immediately.
aus, out of, through, by, from.
ausbessern, imp. besserte aus, p.p. ausgebessert, to mend.
auseinandergehen, to part.
ausführen, imp. führte aus, p.p. ausgeführt, to carry out.
ausgebessert, see ausbessern.
ausgesprochen, see aussprechen.
ausrufen, imp. rief aus, p.p. ausgerufen, to call out, to exclaim.
aussehen, imp. sah aus, p.p. ausgesehen, to appear, to look out.
aussprechen, imp. sprach aus, p.p. ausgesprochen, to express.
austeilen, imp. teilte aus, p.p. ausgeteilt, to portion out, to serve.
außer, except.
Bach, m. -e, -es, Bäche, brook.
backen, imp. buk, p.p. gebacken, to bake, to cook.
Bäcker, m. baker.
Bäckersjungen, m. baker boys.
Backhaus, n. baking-house.
bald, soon.
Bank, f. Bänke, bench.
bat, see bitten.
bauen, imp. baute, p.p. gebaut, to build.
Baum, m. -e, -es, Bäume, tree.
baute, see bauen.
Bayonet, n. Bayonette, bayonet.
bedauern, imp. bedauerte, p.p. bedauert, to pity.
bedrohen, imp. bedrohte, p.p. bedroht, to threaten.
bedrohte, see bedrohen.
befahl, see befehlen.
Befehl, m. -es, Befehle, order.
befehlen (ich befehle, du befiehlst, er befiehlt, wir befehlen, etc.), imp. befahl, p.p. befohlen, to command.
befolge, see befolgen.
befolgen, imp. befolgte, p.p. befolgt, to obey.
befohlen, see befehlen.
begann, see beginnen.
begegnen, imp. begegnete, p.p. begegnet, to meet.
begegnet, see begegnen.
begegnete, see begegnen.
begießen, imp. begoß, p.p. begossen, to water.
beginnen, imp. begann, p.p. begonnen, to begin.
begonnen, see beginnen.
begreifen, imp. begriff, p.p. begriffen, to understand.
begriffen, see begreifen.
behalten, imp. behielt, p.p. behalten, to keep, to preserve.
behaupten, imp. behauptete, p.p. behauptet, to assert.
behauptet, see behaupten.
behülflich, helpful.
behüten, imp. behütete, p.p. behütet, to watch over, to guard, to preserve.
behütete, see behüten.
bei, by, with.
beide, -m, -n, -r, -s, both.
beinahe, nearly, almost.
Beistand, m. assistance.
bekannt, known; p. 90, l. 18, ließ bekannt machen, had it proclaimed.
bekommen, imp. bekam, p.p. bekommen, to receive, to get.
belagern, imp. belagerte, p.p. belagert, to besiege.
belagert, see belagern.
belieben, imp. beliebte, p.p. beliebt, to take pleasure in, to please.
beliebt, see belieben.
bellen, imp. bellte, p.p. gebellt, to bark.
bellt, see bellen.
bellte, see bellen.
belohnen, imp. belohnte, p.p. belohnt, to reward.
belohnten, see belohnen.
bequemen (sich), imp. bequemte, p.p. bequemt, to accommodate one's self; p. 98, l. 6, to make up his mind (to go).
beraten, imp. beriet, p.p. beraten, to advise, to assist.
bereit, ready.
Berg, m. -e, -es, Berge, -n, mountain.
Bericht, m. Berichte, report, news.
berieten, see beraten.
besaß, see besitzen.
beschauen, imp. beschaute, p.p. beschaut, to view.
beschließen, imp. beschloß, p.p. beschlossen, to decide.
beschlossen, see beschließen.
besehen, imp. besah, p.p. besehen, to view, to examine.
besetzen, imp. besetzte, p.p. besetzt, to besiege, to set, to trim.
besetzt, see besetzen.
besitzen, imp. besaß, p.p. besessen, to own, to possess.
besorgen, imp. besorgte, p.p. besorgt, to take care of, to execute.
besser, better.
bessern … aus, see ausbessern.
beste, -m, -n, -r, -s, see gut.
bestimmte, -m, -n, -r, -s, appointed, designated.
bestrafen, imp. bestrafte, p.p. bestraft, to punish.
bestraft, see bestrafen.
beten, imp. betete, p.p. gebetet, to pray.
beteten, see beten.
Beute, f. booty, prey, spoil.
Bett, n. -e, -es, Betten, bed.
bevor, before, ere.
bewaffnen, imp. bewaffnete, p.p. bewaffnet, to arm.
bewaffnet, see bewaffnen.
bewundern, imp. bewunderte, p.p. bewundert, to admire.
bewunderte, see bewundern.
bezeichnen, imp. bezeichnete, p.p. bezeichnet, to mark, to point out, to distinguish.
bezeichnete, see bezeichnen.
Biene, f. Bienen, bee.
Bienenstock, m. Bienenstöcke, beehive.
Bild, n. -e, -es, Bilder, image, picture, statue.
bilden, imp. bildete, p.p. gebildet, to form, to make, to compose.
bin, am, see sein.
Birkenbaum, m. birch tree.
Birkenblätter, n. birch leaves.
Birkenwald, m. -e, Birkenwälder, birch woods.
bis, until.
bist, art, see sein.
bitte, please.
bitterlich, bitterly.
blasen, imp. blies, p.p. geblasen, to blow.
blasse, -m, -n, -r, -s, pale.
blaß, pale.
Blatt, n. -es, -e, Blätter, leaf.
blau, blue.
bleiben, imp. blieb, p.p. geblieben, to remain.
bleibst, see bleiben.
Blick, m. Blicke, look, glance.
blieb, see bleiben.
bliebe, see bleiben.
blieben, see bleiben.
blies, see blasen.
blind, -e, -em, -en, -er, -es, blind.
blitzschnell, quick as lightning.
blühen, imp. blühte, p.p. geblüht, blüh'n, poetical, to bloom.
blüht, see blühen.
Blümchen, n. little flower.
Blume, f. Blumen, flower.
Boden, m. floor.
Bombe, f. Bomben, bombshells.
Boot, n. -e, -es, Boote, boat.
böse, -n, -m, -r, -s, bad, angry, cross.
Bote, m. Boten, messenger.
brachte, see bringen.
brauche, see brauchen.
brauchen, imp. brauchte, p.p. gebraucht, to need, to want, to require.
braucht, see brauchen.
brauchte, see brauchen.
braun, -e, -em, -en, -er, -es, brown.
brechen (ich breche, du brichst, er bricht, wir brechen, etc.), imp. brach, p.p. gebrochen, to break.
Brei, m. porridge.
Breitopf, m. -es, Breitöpfe, porridge pot.
bricht, see brechen.
Brief, m. -es, Briefe, letter.
bringen, imp. brachte, p.p. gebracht, to bring.
Brot, n. bread.
Bruder, m. -s, Brüder, brother.
Brunnen, m. well.
Buch, n. -e, -es, Bücher, book.
Bündnis, n. Bündnisse, alliance.
bunt, -e, -em, -en, -er, -es, many-colored, gay.
Bürgermeister, m. mayor.
Busch, m. -es, Büsche, bush.