Ein Mann ging einmal in den Wald, um Holz zu spalten. Er spaltete lange und kam immer weiter in den Wald hinein. Endlich kam er an einen Platz, wo er einen großen Lärm hörte.
»Was ist das?« sagte der Mann erstaunt. »Ich höre einen großen Lärm. Was kann es sein?«
Er suchte überall und fand bald einen großen Drachen, der unter einem großen Steine lag, und der nicht fortkommen konnte.
»Ach, lieber Mann,« sagte der Drache, »helfen Sie mir, bitte, bitte! Ich bin hier schon hundert lange Jahre!«
Der Mann sagte: »Es ist schade, daß Sie da unter dem Steine bleiben müssen. Ich will Ihnen helfen!«
Der Mann nahm eine lange Stange und nach vieler Mühe konnte er den großen Stein aufheben, und der arme Drache kroch hinaus.
Da war der arme Drache glücklich, wieder frei zu sein, aber da er seit hundert Jahren nichts gefressen hatte, war er sehr hungrig. Er sah überall hin, aber er sah nichts, das er fressen konnte, als seinen Erlöser. Er war dankbar, aber er war so hungrig.
Endlich sagte der hungrige Drache: »Da ich nichts anderes zu fressen finde, so werde ich Sie fressen müssen, obgleich Sie mich erlösten.«
»Ach!« bat der Mann, »das ist doch nicht recht, Drache, ich habe Sie ja erlöst. Ich habe Ihnen viel Gutes gethan. Sie können doch nicht so undankbar sein!«
»Ach!« sagte der Drache, »Undank ist der Welt Lohn!« und der Drache machte den großen Mund auf, um den Mann zu fressen.
Da bat der Mann so inbrünstig um sein Leben, daß der Drache endlich sagte: »Nun, guter Mann, wir wollen zusammen durch den Wald gehen. Wir werden bald jemandem (einem Manne) begegnen, der soll entscheiden (sagen), ob ich Sie fressen kann, da ich doch so hungrig bin und seit hundert Jahren nichts zu essen gehabt, oder ob Sie frei gehen sollen.«
Der Mann und der Drache gingen zusammen durch den Wald. Bald begegneten sie beide einem Hunde.
»Da ist ein Hund, er soll entscheiden!« sagten sie beide. Sie kamen zu dem Hunde und fragten: »Ist es recht, daß der Drache seinen Erlöser frißt, oder soll er vor Hunger sterben?«
»Das weiß ich nicht,« sagte der alte Hund traurig. »Ich habe meinem Herrn ehrlich (gut) gedient, seitdem ich ein sehr kleiner Hund war. Nachts habe ich immer gewacht, so daß niemand (kein Mann) seine Ruhe störe; aber jetzt, da ich alt bin und weder hören noch sehen kann, will er mich töten. Darum lief ich fort! Er ist sehr undankbar, aber Undank ist der Welt Lohn.«
»Ja, das ist der Welt Lohn. Niemand ist dankbar, so brauche ich auch nicht dankbar zu sein,« sagte der Drache zu dem Manne. »Ich habe Recht und ich will Sie sogleich fressen.«
Der Drache sprang nach dem Manne und wollte ihn fressen, aber der Mann bat wieder so inbrünstig, daß er endlich sagte: »Nun, wir wollen weiter gehen. Der Hund war blind (konnte nicht sehen). Vielleicht kann ein blinder Hund nicht gut entscheiden. Wir wollen durch den Wald gehen. Wir begegnen sicher jemandem, der besser entscheiden kann.«
Sie gingen beide weiter und begegneten bald einem alten, lahmen Pferde.
»Pferd!« rief der Drache, »Pferd, kommen Sie hierher und entscheiden Sie, ob ich meinen Erlöser fressen soll, oder ob ich vor Hunger sterben soll?«
Das lahme Pferd antwortete: »Nun, ich kann nicht entscheiden. Ich habe meinem Herrn ehrlich Jahre lang gedient. Ich habe den ganzen Tag gearbeitet, und jetzt, da ich alt und lahm bin, sagt der Herr, daß ich nichts mehr wert sei und daß ich sterben soll. Er ist sehr undankbar, aber Undank ist der Welt Lohn!«
»Ja, alle Leute sind undankbar, und darum kann ich auch undankbar sein. Das ist der Welt Lohn!« sagte der Drache, und wieder wollte er den Mann fressen. Aber der Mann bat so inbrünstig um sein Leben, daß der Drache endlich sagte:
»Nun, vielleicht kann ein lahmes Pferd nicht viel besser entscheiden als ein blinder Hund. Wir wollen weiter gehen und einen anderen Richter suchen.«
Sie gingen beide durch den Wald und begegneten bald einem schlauen Fuchse.
»Aller guten Dinge sind drei!« sagte der Mann. »Wir wollen den Fuchs fragen. Er wird uns sagen können, ob Sie nicht dankbar sein sollten.«
Der schlaue Fuchs hörte alles, was sie beide sagten, dann sagte er langsam:
»Ja, ich verstehe. Ich verstehe, aber ich muß noch mit dem Manne allein sprechen.«
Er nahm den Mann bei Seite und sagte ihm leise:
»Nun, guter Mann, was geben Sie mir, wenn ich Sie von dem Drachen erlöse?«
»Ach, lieber Fuchs!« sagte der Mann. »Sie können jeden Donnerstag kommen, und das Beste in meinem Hühnerhof haben.«
»Gut,« sagte der Fuchs. »Das ist mir recht, ich will Sie erlösen.«
Der schlaue Fuchs ging wieder zu dem Drachen und sagte langsam: »Ich kann nicht gut entscheiden, bis ich weiß, wie es kommt, daß Sie, ein so großes Tier, hundert Jahre unter einem Steine bleiben mußten. Wie sind Sie unter den Stein gekommen?«
»Nun,« antwortete der Drache, »das kann ich in einem Augenblick klar machen. Ich war auf dem Berge eingeschlafen. Da kam eine Steinlawine, und der große Stein ist auf mich gefallen, so daß ich hundert Jahre still bleiben mußte und nicht frei werden konnte.«
»Das kann ich noch nicht gut verstehen. Ich muß den Platz sehen, wo Sie so lange unter dem Steine lagen,« sagte der schlaue Fuchs.
»Nun dann, kommen Sie!« sagte der Drache, und er ging, von dem Fuchse und dem Manne gefolgt, zu dem Platze, wo er so lange gefangen war.
»Ach!« sagte der Fuchs, »es ist unmöglich (kann nicht sein), daß Sie, ein großes Tier, da unter dem Steine waren!«
»Ach ja! da war ich hundert Jahre. Sehen Sie, lieber Fuchs, ich lag so!« und der Drache legte sich wieder in das Loch (Höhle). Der Mann und der schlaue Fuchs ließen den Stein wieder fallen, und der Drache war wieder fest gefangen.
Der Drache jammerte bitterlich, aber der Fuchs sagte:
»Jammern Sie nicht so sehr, lieber Drache, Sie sind gefangen und Sie haben Hunger, aber Undank ist der Welt Lohn.«
Und der schlaue Fuchs ging mit dem Manne fort. Der Mann dankte dem Fuchse tausendmal und ging glücklich nach Hause.
Am Donnerstag kam der schlaue Fuchs. Er ging in den Hühnerhof und fraß so viele Hühner (Hahn und Henne), daß er nicht mehr laufen (gehen) konnte. Dann legte er sich im Hühnerhof nieder und sagte: »Der Mann ist mein Freund, hier kann ich gut schlafen.«
Aber am Morgen früh kam das Hühnermädchen. Sie sah den schlafenden Fuchs. Sie nahm einen Stock, der Mann nahm auch einen Stock, und beide schlugen den armen Fuchs so sehr, daß sie ihn fast töteten.
Der Fuchs sprang endlich aus dem Hühnerhof und sagte traurig:
»Ja, ja, es ist wahr, alle Menschen (Männer) sind undankbar, Undank ist der Welt Lohn.«
Es war einmal ein König, der eine wunderschöne Tochter hatte. Sie war schön, aber sie war immer so traurig, daß sie nie lachte, und so hochmütig, daß sie immer »nein« sagte, wenn ein Prinz kam, um sie zu heiraten. Der König war nicht zufrieden und zuletzt sagte er: »Meine Tochter muß heiraten, und ich werde sie dem Manne geben, der sie lachen machen kann.«
Als die Freier (die Männer, welche die Prinzessin heiraten wollten) dieses hörten, wollten sie alle die Prinzessin lachen machen, und sie kamen alle, einer nach dem anderen, und doch lachte die Prinzessin nicht. Diese jungen Freier waren alle so komisch, daß der König, die Königin und alle ihre Diener sehr lachen mußten, nur die traurige Prinzessin lachte nicht.
Nahe bei dem Palaste wohnte ein armer Mann. Er hatte drei Söhne, und als diese hörten, daß der König die Hand der Prinzessin dem Manne geben wolle, der sie lachen machen konnte, wollten sie alle drei in den Palast gehen.
Der Vater sagte: »Sie können doch nicht alle drei auf einmal als Freier dahin gehen.«
»Der älteste Sohn kann zuerst gehen, und wenn er die Prinzessin nicht lachen machen kann, dann kann der zweite gehen. Wenn es ihm auch nicht glückt, kann der dritte zuletzt auch gehen.«
Der älteste Sohn machte sich zuerst auf den Weg. Er kam bald zu dem Palaste. Da stand er vor dem König und sagte stolz:
»König, ich bin gekommen, um Ihre Tochter lachen zu machen, denn ich will sie zur Frau haben.«
»Nun, Sie sollen sie zur Frau haben, junger Mann, wenn es Ihnen gelingt, sie lachen zu machen, aber viele Freier haben es schon versucht, und sie konnten es nicht thun. Wenn Sie es auch nicht thun können, werde ich Sie bestrafen, denn ich bin der Freier müde, die nichts thun können.«
»Das ist mir recht,« sagte der erste junge Mann, und er ging vor die Prinzessin und sagte:
»Als ich einmal Soldat werden sollte, mußte ich das Exerzieren lernen, aber da ich sehr ungeschickt bin, mußten Soldaten und Offiziere sich beinahe halb tot lachen, wenn ich exercierte.«
Dann brachte man eine Uniform und ein Gewehr, und der junge Mann exercierte. Er war so ungeschickt, daß es zum totlachen war. Aber, obgleich der König, die Königin und alle Ihre Diener laut lachten, lachte die Prinzessin doch nicht, und als der König das sah, war er sehr böse und bestrafte den Jüngling.
Dann kam der zweite Jüngling. Er war Schullehrer. Er kam zum König und sagte:
»Ich möchte Ihre Tochter heiraten und ich weiß, daß ich sie lachen machen kann, denn meine Schüler lachen ja immer, wenn ich Psalmen singe.«
Der König sagte: »Das ist gut, Schullehrer; aber wenn Sie die Prinzessin nicht lachen machen können, so werden Sie bestraft.«
»Das ist mir recht,« antwortete der Schullehrer, und er kam vor die Prinzessin und begann Psalmen zu singen. Er sang so schlecht und sah auch so komisch aus, daß alle laut lachen mußten.
Alle lachten laut, nur die Prinzessin nicht, und da sie nicht lachen wollte, sagte der König:
»Bestrafen Sie den Schullehrer, er kann meine Tochter mit seinem Singen nicht lachen machen.«
Der arme Schullehrer wurde bestraft, und ging traurig nach Hause. Dann machte sich der dritte Jüngling auf den Weg. Er kam auch zum Palaste, aber er sagte nicht, wie seine Brüder, daß er die Prinzessin lachen machen wolle, ach nein, er war viel zu klug. Er fragte nur, ob der König nicht einen Diener brauche.
Der König sagte: »Ja, ich brauche einen Mann, um Holz und Wasser in die Küche zu tragen.«
»Das ist mir schon recht!« antwortete der Jüngling. »Ich will Holz und Wasser in die Küche tragen.«
Eines Tages, als er Wasser holen wollte, sah er einen großen Fisch in dem Brunnen. Der Fisch lag so still im Wasser, daß der Jüngling ihn in seinem Eimer fangen konnte. Als er mit dem Fische in dem Eimer nach Hause ging, begegnete er einer alten Frau, die eine goldene Gans an einer Schnur führte.
»Guten Tag, gute Frau. Sie haben da eine wunderschöne Gans, und ihre Federn sind auch wunderschön.«
»Ja,« sagte die alte Frau, »meine goldene Gans ist schön, aber Ihr Fisch ist noch schöner.«
»Ach!« sagte der Jüngling. »Ich will Ihnen den Fisch für die goldene Gans geben.«
»Das ist mir schon recht,« antwortete die Frau. »Ich gebe Ihnen meine goldene Gans. Sie ist eine wunderschöne Gans. Wenn jemand sie streichelt (die Hand auf die Gans legt), rufen Sie nur laut: Halten Sie fest, wenn Sie mitkommen wollen, und dann werden die Leute mitgehen müssen.«
»Nun,« sagte der Jüngling, »das ist schön, die Gans ist viel besser als mein Fisch.«
Der Jüngling gab der alten Frau seinen Fisch und führte die Gans an der Schnur. Er war nicht weit gegangen, da begegnete er einer anderen alten Frau. Sie bewunderte (sagte: »Ach, wie schön«) die goldene Gans und sagte:
»Ach, ich möchte die schöne Gans streicheln!«
»Thun Sie es, gute Frau!« antwortete der Jüngling. Die alte Frau streichelte die Gans, und der Jüngling rief laut: »Halten Sie fest, gute Frau, wenn Sie mitkommen wollen!«
Da konnte sich die Frau nicht mehr von der goldenen Gans losreißen, und sie mußte mitgehen.
Der Jüngling ging weiter, von der Gans und von der jammernden alten Frau gefolgt.
Bald begegneten sie einem bösen Manne. Er stieß mit dem Fuße nach der Gans. Dann rief der Jüngling laut:
»Halten Sie fest, böser Mann, wenn Sie mitkommen wollen!«
Und der Mann mußte mitgehen, auf einem Fuße springend, denn er konnte den anderen Fuß nicht losreißen.
So kamen sie alle vier in den Hof vor dem Palaste. Da war der Schmied. Er sagte: »Ich bin so stark, ich kann den Jüngling, die goldene Gans, die alte Frau und den bösen Mann, der nur auf einem Fuße geht, sicher festhalten. Ich will sie halten, denn wenn sie so vor die Prinzessin kommen, wird sie sicher lachen, und dann kann sie nicht meine Frau werden.«
Der Schmied nahm seine große Zange und hielt den Mann damit. Aber da rief der Jüngling laut:
»Halten Sie fest, Freund Schmied, wenn Sie mitkommen wollen.«
Der starke Schmied konnte sich nicht mehr losreißen. Die Zange hielt ihn fest, und er mußte dem Jüngling, der Gans, der alten Frau und dem bösen Manne, der nur auf einem Fuße gehen konnte, folgen.
Als dieser Zug an den Fenstern des Palastes vorbei ging, sah ihn die traurige Prinzessin. Es war so komisch, daß alle laut lachten, und die Prinzessin lächelte.
Der Jüngling sah, daß die Prinzessin lächelte, aber er war mit einem Lächeln nicht zufrieden, und er sagte zu sich selbst:
»Ein Lächeln ist nicht genug. Die Prinzessin muß laut lachen. Sie muß sich halb zu Tode lachen!«
Dann ging der Zug an der Küche vorbei. Da war die Köchin. Sie war eine sehr dicke Frau, und als sie den Zug sah, lachte sie auch laut.
»Ach,« sagte sie, »die Leute sind komisch, aber die Gans ist wunderschön. Ich möchte die Gans streicheln. Junge,« rief sie laut, »kann ich Ihre wunderschöne goldene Gans ein wenig streicheln?«
»Ach,« sagte der Schmied, »streicheln Sie mich lieber, dicke Köchin!«
Als die Köchin das hörte, war sie sehr böse, denn sie wollte nicht dick genannt sein, und sie nahm einen sehr großen Löffel und schlug auf den Schmied. Dann rief der Jüngling laut:
»Halten Sie fest, dicke Köchin, wenn Sie mitkommen wollen,« und jetzt mußte die dicke Köchin auch nachfolgen, und sie war so böse und schrie so laut, daß der König, die Königin und alle ihre Diener sich halb totlachen mußten. Und als die traurige Prinzessin den komischen Zug sah, mußte sie auch laut lachen. Sie lachte so laut und so lange, daß der König endlich sagte:
»Jetzt haben Sie für einmal genug gelacht, liebe Tochter, und jetzt sollen Sie den Jüngling sogleich heiraten, der Sie lachen machte.«
Die Prinzessin sagte nicht »nein,« und bald kam die Trauung. Das war ein schönes und ein großes Fest. Die Leute tanzten alle und sangen viel. Die Prinzessin sang, tanzte und lachte auch, und der Jüngling war sehr froh, denn er hatte eine schöne Frau, ein reiches Land, und zuletzt ward er auch König.
Der Ritter von Eichenfels hatte ein schönes Schloß. Das Schloß von Eichenfels war nahe an einem großen Walde. Der Ritter wohnte in diesem schönen Schlosse mit seiner wunderschönen Frau, der Gräfin Adelheid von Eichenfels, und mit seinem Sohne, dem kleinen Grafen Heinrich von Eichenfels.
Die Eltern waren sehr glücklich, denn sie liebten einander sehr, und sie liebten auch den kleinen Sohn, der noch nicht groß genug war, um viel zu sprechen.
Aber da kam ein trauriger Tag. Die Gräfin lachte nicht mehr, nein, sie weinte. Die schöne Gräfin war so traurig, weil der Ritter fortgehen mußte. Es war Krieg im Lande, und der König hatte gesagt: »Ich muß alle meine Soldaten haben.«
Der Ritter mußte auch in den Krieg gehen, und seine Frau blieb allein im Schlosse, mit dem kleinen Kinde und mit den Dienern.
Eines Abends, als sie bei der Wiege des schlafenden Kindes saß, kam ein Bote. Er sagte, daß der Ritter von Eichenfels verwundet sei, und daß seine Frau sogleich fortreisen solle, da er sie noch einmal sehen möchte, bevor er sterbe.
Die arme Gräfin war sehr traurig, und sie sagte weinend: »Ich muß schnell zu meinem armen, verwundeten Manne gehen, aber ich kann das kleine Kind doch nicht mitnehmen. Es muß hier im Schlosse Eichenfels bleiben, bis ich nach Hause kommen kann.«
Dann rief sie das Kindermädchen und sagte:
»Margarethe, ich muß noch diesen Abend fortreisen. Ihr Herr liegt schwer verwundet. Er will mich noch einmal sehen, aber da ich das liebe Kind doch nicht mitnehmen kann, so lasse ich es Ihnen, hier im Schlosse. Wachen Sie Tag und Nacht, Margarethe. Hüten Sie es treu. Lassen Sie es nie aus Ihren Augen, damit ich es wohl und glücklich finde, wenn ich nach Hause komme.«
Margarethe versprach, daß sie das Kind sehr gut hüten wolle, daß sie es nie aus den Augen lassen werde, und nachdem die arme Gräfin es tausendmal geküßt hatte, reiste sie schnell fort zu ihrem verwundeten Manne.
Das Kindermädchen wachte sehr treu, ein, zwei, drei Tage, und das Kind war so wohl und so glücklich. Es lachte immer und weinte nie. Am vierten Tage, um drei Uhr, als das Kind in der Wiege lag, und fest eingeschlafen war, hörte Margarethe schöne Musik im Hofe. Das Kindermädchen war noch sehr jung, und als es die wunderschöne Tanzmusik hörte, war es sehr froh, da es so gern tanzte.
Der Herr und die Herrin waren nicht zu Hause, die Diener hatten nichts zu thun, so fingen sie an, in dem Hofe lustig zu tanzen. Margarethe stand am Fenster und sah sie tanzen.
Bald öffnete sich die Thür des Kinderzimmers sehr leise, und ein junger Diener trat leise herein.
»Margarethe,« sagte er dem Kindermädchen, »kommen Sie in den Hof und tanzen Sie mit mir. Niemand kann so gut tanzen als Sie!«
»Ach,« sagte Margarethe traurig. »Ich kann nicht kommen. Das Kind schläft, und ich habe der lieben Gräfin versprochen, das Kind nicht einen Augenblick aus den Augen zu lassen.«
»Margarethe, kommen Sie doch!« bat der junge Diener. »Das Kind schläft ja fest. Kommen Sie nur eine Minute. Wir wollen nur einen Tanz zusammen tanzen. Sie werden bald wieder hier sein, und da das Kind immer zwei Stunden schläft, wird es sicher noch nicht aufwachen. Hier in der Wiege ist es doch sicher, so kommen Sie!«
Margarethe tanzte so gern, daß sie endlich in den Hof ging, um nur einen Tanz mit dem Diener zu tanzen, und ließ das schlafende Kind im Kinderzimmer allein.
Die Musik war so schön, daß sie einen zweiten und dritten Tanz tanzte, und das schlafende Kind vergaß, bis die Musikanten fortgingen. Dann sagte sie:
»Ach, das liebe, schlafende Kind habe ich vergessen. Ich muß schnell in das Kinderzimmer gehen. Vielleicht ist es schon aufgewacht, vielleicht weint es bitterlich, es ist ja allein!«
Margarethe sprang die Treppen hinauf. Alles war still. Sie trat leise in das Kinderzimmer, aber da blieb sie erstaunt still stehen.
Alles lag auf dem Boden! Eine zweite Thür, die zu einer anderen Treppe führte, war weit offen, und die Wiege war leer!
Margarethe dachte zuerst: »Das Kind ist aus der Wiege gefallen!« Sie suchte es, aber da sie es nicht finden konnte, schrie sie laut vor Angst.
Die Diener kamen alle, suchten alle, aber sie konnten weder das Kind finden, noch das Bild der schönen Gräfin, das auf dem Tische gelegen.
»Ach,« sagte Margarethe laut weinend. »Das Kind ist fort! Ach, warum habe ich es allein gelassen? Warum bin ich in den Hof gegangen?«
Die anderen Diener sprachen alle zusammen und sagten: »Das Kind wurde gestohlen! Die Musikanten waren Räuber! Sie haben Tanzmusik gespielt, und als sie sahen, daß wir alle im Hofe waren, ist einer von ihnen in das Kinderzimmer gekommen, hat das schlafende Kind aus der Wiege genommen, und ist durch die andere Thür und die kleine Treppe in den Wald entkommen!«
Da sie alle in dem Schlafzimmer waren, hörten sie nicht daß ein Wagen schnell heranfuhr. Es war der Wagen der schönen Gräfin. Ihr Mann war nicht tot, nein, er war genesen, und da er in einigen Tagen wieder fechten konnte, hatte er seine Frau nach Hause geschickt, so daß das liebe Kind nicht länger allein mit den Dienern bliebe.
Die Gräfin war sehr erstaunt, niemand in dem Hofe zu finden, aber sie sprang schnell die Treppen hinauf, um das liebe Kind zu küssen, und trat schnell in das Kinderzimmer.
Da sah sie die traurigen Diener, das weinende Kindermädchen und die leere Wiege! Sie wurde totenblaß und rief ängstlich:
»Ach, was ist geschehen? Was ist geschehen? Wo ist mein Kind? Sprechen Sie doch, wo ist das liebe Kind?«
Die Diener konnten zuerst kein Wort sprechen, aber endlich erfuhr die arme Mutter alles.
»Ja, ja, das Kind ist gestohlen worden,« sagte sie. »Die Musikanten sind Kinderräuber. Nehmen Sie Pferde, reiten Sie schnell in den Wald und suchen Sie mein Kind überall. Sie werden es sicher noch finden. Die Leute, die es gestohlen haben, sind arm, sie haben keine Pferde, sie können noch nicht weit von hier sein. Gehen Sie, gehen Sie schnell!«
Die Diener liefen und ritten alle in den Wald. Sie suchten überall, aber sie konnten weder Kind noch Musikanten finden.
Das Kindermädchen und die Gräfin suchten auch, aber sie konnten weder Kind noch Musikanten finden.
Dann weinte die arme Gräfin bitterlich und war sehr traurig. Tag und Nacht dachte sie an das liebe Kind, und oft sagte sie:
»Die Leute haben das Kind sicher gestohlen, um viel Geld zu haben. Warum kommen sie nicht? Ich würde alles hingeben, um das liebe Kind wieder hier, in meinen Armen, zu halten. Ach! wenn mein lieber Mann nur hier wäre! Aber, ich kann ihm nicht sagen, daß unser Sohn gestohlen ist. Er ist verwundet, und sobald er hergestellt ist, muß er für den König und das Vaterland streiten. Ja, ich muß warten, bis der Krieg zu Ende ist, oder bis die Räuber mein Kind zurückbringen!«
Als das Kindermädchen ihre arme Herrin so bitterlich weinen sah, wurde sie immer unglücklicher, und endlich sagte sie zu sich selbst:
»Hier kann ich nicht länger bleiben. Ich kann das Weinen der armen Gräfin nicht sehen. Ich habe das Kind allein gelassen. Das war nicht recht. Ich bin bestraft, ja, ich bin bestraft! Ich kann nie wieder glücklich sein, bis das Kind seiner Mutter zurückgegeben ist. Aber ich kann nicht hier im Schlosse bleiben und meine Herrin trauern sehen, ich muß fort.«
Das arme Kindermädchen ging fort, um ihr Brot weit von dem Schlosse Eichenfels zu verdienen.
Der arme kleine Heinrich weinte auch, denn eine böse alte Frau war leise in sein Zimmer gekommen, als die Diener im Schloßhofe lustig tanzten. Die Frau hatte das schlafende Kind auf den Arm genommen, und hatte auch viele schöne Dinge genommen. Auf dem Tische lag ein kleines Bild der Gräfin, das mit Perlen und Diamanten besetzt war. Das hatte die böse Frau schnell genommen. Dann war sie leise, leise die Treppen hinunter gegangen. Durch eine kleine Thür in der Schloßmauer war sie ungesehen in den Wald gekommen, und war schnell, sehr schnell, den Berg hinaufgegangen.
Die Räuber hatten eine alte Grube in dem Berge gefunden, und da wohnten sie. Sie blieben in der Grube während des Tages und kamen nur Nachts heraus, um zu stehlen.
Die alte Frau kam bald an einen Platz, wo die Gebüsche sehr dicht waren. Sie kroch durch die Gebüsche und kam endlich zu einer kleinen Thür. Sie öffnete die Thür mit einem Schlüssel und ging in den Berg hinein. Dann machte sie die Thür wieder fest zu und zündete eine kleine Lampe an. Jetzt konnte man sehen, daß sie in einem Gange stand.
Der Gang war finster, und die kleine Lampe gab nicht sehr viel Licht. Die Frau ging mit der Lampe den Gang entlang und endlich kam sie an einen Platz, wo viele Gänge zusammenkamen. Da war ein weiter Raum. Hier waren viele, viele Dinge, Beute, welche die Räuber gestohlen hatten.
Das Kind wachte endlich auf und weinte laut. Die böse Frau gab ihm ein wenig Milch, und dann ließ sie es weinen, so viel es wollte.
Der arme kleine Heinrich, der immer in einem schönen hellen Zimmer gewesen, und immer freundliche Leute gesehen, konnte natürlich nicht verstehen, warum alles so finster war, und warum man seines Weinens nicht achtete.
Aber da er ein sehr gutes Kind war, weinte er nicht lange. Er sah das Bild seiner schönen Mutter, das die alte Frau auf den Boden geworfen hatte, zu den anderen Dingen, welche die Räuber gestohlen hatten. Der kleine Heinrich sah das Bild, nahm es in seine kleinen Hände, küßte es vielmals und lispelte: »Mutter, Mutter!«
Nach einiger Zeit kamen die Musikanten auch.
»Nun, Alte,« sagten sie. »Sie haben das Kind gestohlen. Das haben wir gut gemacht. Jetzt, in zwei oder drei Wochen, werden wir viel Geld für das Kind bekommen. Haben Sie noch etwas gestohlen?«
»Ja wohl,« sagte die alte Frau. »Ich habe das Bild da gestohlen. Sehen Sie, es ist mit Perlen und Diamanten besetzt. Es ist sehr viel wert.«
Der älteste Räuber nahm das Bild aus der Hand des Kindes, das sogleich wieder zu weinen begann und laut: »Mutter, Mutter!« schrie.
Der Räuber sagte endlich, als er des Schreiens müde war:
»Nun, böses Kind, Du sollst die Mutter wieder haben!« und er gab ihm das Bild wieder. Das Kind weinte nicht mehr, es küßte das Bild und lachte.
Der kleine Heinrich blieb einige Wochen in der Grube. Eines Abends kamen die Räuber traurig nach Hause und sagten:
»Nun, es ist doch schade, daß wir das Kind gestohlen haben. Wir werden es hier behalten müssen, denn der Bürgermeister hat soeben beschlossen, daß Kinderräuber jetzt mit dem Tode bestraft werden sollen. Das Kind soll nie wissen, woher es kommt. Es soll denken, daß es unser Kind ist, und wenn es groß genug ist, soll es auch Räuber werden. Aber jetzt muß es fünf oder sechs Jahre hier im Berge bleiben.«
Da die alte Frau doch zu alt war, um viel hinaus zu gehen, blieb sie auch im Berge mit dem Kinde. Der kleine Heinrich spielte, aß, trank und schlief da im Berge, und da er nichts anderes kannte, war er immer zufrieden. Die alte Frau, die ihm nicht nachgehen wollte, lehrte ihn die Finsternis fürchten, und so blieb er immer bei der Lampe und ging nie in die vielen Gänge. Als er größer wurde, spielte er oft mit dem jüngsten unter den Räubern, einem guten jungen Mann, der auch als Kind entführt (gestohlen) worden war, und rauben mußte, obgleich er es nicht gern that.
Dieser Jüngling war dem Kleinen gut, und jeden Morgen, wenn er wieder in die Höhle kam, brachte er dem Knaben ein Spielzeug. Er brachte ihm ein hölzernes Lamm, eine Schere und bunte Papiere, und lehrte ihn, Blätter und Blumen daraus zu schneiden.
Das Kind wurde sieben Jahre alt, und doch wußte es nichts von der schönen Welt draußen. Es kannte nichts als die Höhle, die Räuber, die alte Frau und das Leben im Berge.
Die alte Frau war jetzt so alt geworden, daß sie immer schlafen wollte, und wenn die Räuber fortgingen, war Heinrich so gut als allein. Oft sagte er zu dem Jüngling: »Ich möchte doch einmal mit Ihnen gehen, wenn Sie ein Licht nehmen und dort in die Finsternis gehen! Das Licht wird immer kleiner und kleiner, so klein, daß ich es endlich nicht mehr sehen kann.«
»Ach,« sagte der Jüngling. »Sie können nicht mitkommen. Bleiben Sie nur hier und machen Sie viele schöne Papierblumen.«
Eines Tages, als die alte Frau fest eingeschlafen war, und die Räuber alle fort waren, nahm der kleine Heinrich ein Licht und sagte zu sich selbst: »Ich will auch da in die Finsternis gehen! Ja, ich will gehen. Ich werde die Räuber bald finden!«
Er ging. Der Gang war sehr finster und sehr lang. Endlich kam er an einen Platz, wo zwei Gänge zusammenkamen. Da er nicht wußte, welchen Gang er nehmen sollte, nahm er den rechts, und ging wieder weiter. Aber das Licht war klein und endlich erlosch es.
Der arme kleine Heinrich konnte zuerst nichts sehen. Er war allein, und alles war so finster. Endlich aber sah er ein kleines mattes Licht. Er dachte: »Ach, da sind die Räuber, ich muß ihnen schnell nachlaufen.« Er lief schnell. Das Licht wurde immer größer, aber es war immer sehr matt. Endlich kam Heinrich dahin, wo der Gang ins Freie führte. Das Loch war klein, aber er kroch schnell hinaus und sah die Welt, die wunderschöne Welt zum erstenmal.
»Ach,« sagte er erstaunt. »Hier ist eine wunderschöne Höhle, viel schöner als die unsrige!«
Es war sehr früh Morgens. Das Kind sah Gras und Bäume zum erstenmal, und dann sah es auch den Sonnenaufgang.
»Ach,« sagte der kleine Heinrich erstaunt. »Sehen Sie doch die große Lampe! Und da ist viel Gras! Ich habe nie so viel Gras gemacht. Ich kann es auch nicht so schön machen.«
Endlich sah er ein Lamm, ein kleines, neugeborenes Lamm.
»Da ist ein Lamm!« rief er erstaunt, »aber es ist viel größer als mein Lamm. Ich will mit ihm spielen!«
Aber als er das Lamm nehmen wollte, stand es auf und sagte: »Bää!«
»Ach,« sagte Heinrich erstaunt, »das ist schön! Lamm, du bist nicht wie mein Lamm. Du kannst sprechen und aufstehen! Mein Lamm kann weder sprechen noch aufstehen. Du bist ein schönes Spielzeug.«
Er stand da und der Schäfer, der ihn aus dem Berge hatte kommen sehen, sah ihn erstaunt an. Heinrich sah den Schäfer, sprang zu ihm und rief:
»Ach, Räuber, ist das Ihre Höhle?«
»Ich bin kein Räuber!« sagte der Schäfer. »Dieses ist keine Höhle. Wer bist du? Woher kommst du?«
»Ich bin durch den Gang von unserer finsteren Höhle hier in diese schöne Höhle gekommen. Aber hier ist es viel schöner und lichter als bei uns. Ihre Lampe ist auch viel größer. Haben Sie das Gras allein gemacht? oder haben die anderen Räuber Ihnen geholfen?«
Der Schäfer, der schon oft von Räubern gehört hatte, fürchtete sich sehr, als er das Kind so sprechen hörte. Er sah das Kind wieder an und dachte: »Das Kind kann kein Räuberkind sein. Es muß ein entführtes Kind sein. Vielleicht kommen die Räuber bald es fortzunehmen. Hier kann es nicht bleiben.«
Er nahm das Kind auf einen Arm, das Lamm auf den anderen, und lief schnell fort. Bald kam er vor eine kleine Hütte. Hier wohnte ein Einsiedler. Der Einsiedler wohnte hier allein. Er war sehr gut, er liebte Gott, und alle Menschen liebten ihn, denn er war immer froh ihnen helfen zu können.
Der Schäfer trat schnell in den kleinen Garten vor der Hütte.
Da war der gute Einsiedler. Er saß unter einem Baume. Er hatte sein Gebetbuch in der Hand. Der Schäfer sagte ihm, wie er das Kind aus der Erde hätte kommen sehen, und wie das Kind nur von der Höhle und den Räubern spräche.
Der Einsiedler hörte alles, und als der Schäfer zu Ende war, sagte er ruhig:
»Ja, das Kind kann kein Räuberkind sein. Es ist zu fein geformt. Es muß das Kind reicher Leute sein. Die Räuber müssen es gestohlen haben, als es sehr jung war. Ich will das Kind hier in meinem Hause behalten. Hierher kommen die Räuber sicher nicht, denn sie wissen, daß ich weder Gold noch Silber habe, und daß sie hier nichts zu stehlen finden.«
Der Schäfer dankte dem Einsiedler, ließ das Lamm dem kleinen Heinrich und ging fort.
Heinrich spielte mit dem Lamme und der Einsiedler sagte langsam:
»Armes Kind, Sie sehen sehr blaß und unwohl aus, aber da Sie vielleicht schon lange in dem Berge wohnten, ist es sehr natürlich. Mein Kind, haben Sie weder Vater noch Mutter?«
»Ach ja,« sagte das Kind, »ich habe eine schöne Mutter. Sehen Sie, hier ist meine Mutter!« und das Kind gab dem Einsiedler das schöne Bild, das es mitgebracht hatte.
Der Einsiedler sah die wunderschöne Frau und sagte erstaunt: »Das ist eine wunderschöne Frau! Sie muß eine Königin oder eine Gräfin sein. Ja, sie ist die Mutter des Kindes. Das kann ich sehen. Das Kind hat dieselben Augen und denselben Mund! Nun, da wir das Bild haben, werden wir die Eltern des Kindes vielleicht finden können. Sie müssen sehr traurig sein, das schöne Kind verloren zu haben!«
Das Kind spielte lange mit dem Lamme. Endlich sah es die schönen Blumen in dem Garten des Einsiedlers, und sagte erstaunt: »Ach, wie haben Sie alle die schönen Blumen da gemacht? Sie haben mehr und schöneres Papier als ich!«
Der Einsiedler sagte: »Ich habe die Blumen nicht gemacht. Der liebe Gott hat sie alle gemacht!«
»Ist er der Führer der Räuber?« fragte das Kind.
»Ach, nein,« sagte der Einsiedler. »Haben Sie nie von Gott gehört, mein Kind?«
»Nein, er ist nicht in unserer Höhle,« antwortete das Kind. Als der Einsiedler das hörte, dachte er: »Hier muß das Kind bleiben den ganzen Sommer, bis es wieder frisch und wohl ist, und bis es gelernt hat, Gott zu ehren, und gut zu sprechen, denn es spricht nicht gut. Das Sprechen hat es sicher von den Räubern gelernt, denn es sagt oft sehr schlechte Worte.«
Der Einsiedler führte Heinrich in die Hütte. Da war alles sehr schön, aber sehr klein. Der Einsiedler setzte Honig und Brot, Früchte und Wein auf den Tisch, und das Kind sagte:
»Wie viele gute Dinge Sie hier zu essen haben. Sie haben sicher heute eine gute Beute heimgebracht.«
»Ich bin kein Räuber,« sagte der Einsiedler. »Diese Früchte und dieser Wein kommen aus meinem Garten. Das Brot kommt von meinem Korn, der Honig von meinen Bienen, Gott hat mir alles gegeben!«
Als sie mit dem Essen zu Ende waren, nahm der Einsiedler eine Kanne voll Wasser. Er wollte seine Blumen begießen, aber das Kind sagte:
»Ach, guter Mann, thun Sie das nicht! Sie werden die schönen Blumen verderben. Ich habe eine Blume einmal in das Wasser fallen lassen und sie war nie wieder schön.«
»Ja,« sagte der Einsiedler. »Papierblumen sind nicht wie diese Blumen. Diese Blumen hat der liebe Gott gemacht. Sie wachsen aus der Erde, und sie müssen immer viel Wasser zu trinken haben. Darum muß ich sie jeden Tag begießen!«
Das Kind ging mit dem Einsiedler überall hin und sah viele schöne Dinge, und hörte vieles, das es nicht verstehen konnte. Endlich sank die Sonne am Horizonte nieder. Das Kind sah es und schrie laut:
»Ach, sehen Sie, die schöne Lampe ist in ein Loch gefallen! die schöne Lampe ist in ein tiefes Loch gefallen!«
»Nein,« sagte der Einsiedler. »Das ist nur der Sonnenuntergang. Morgen kommt die Sonne wieder. Aber jetzt mußt du zu Bette gehen, liebes Kind, du mußt müde sein!«
Das Kind sah das Bett, wunderte sich, legte sich darauf und schlief bald fest ein, aber der Einsiedler betete noch lange um Gottes Hülfe.
Das Kind blieb da, in der Einsiedelei, den ganzen Sommer. Es lernte viel, wurde stark und gesund, und konnte bald sehr gut Deutsch sprechen. Der Einsiedler lehrte es viel von Gott und von der Welt, die Er geschaffen hat.
Als der Sommer vorüber war, und der Herbst herankam, sagte der Einsiedler zu dem Knaben:
»Morgen gehen wir in die Welt, um deine Eltern zu suchen. Gott gebe, daß wir sie bald finden, denn ich bin schon sehr alt, und ich möchte dich doch bei deinen Eltern wissen, bevor ich sterbe.«
Sie reisten ein, zwei, drei Tage, und der kleine Heinrich war sehr erstaunt, andere Kinder zu sehen, und Frauen, die nicht so alt als die alte Räuberin, noch so schön als seine Mutter waren.
Sie gingen durch Städte und Dörfer, und kamen endlich zu einer großen Wiese, wo ein Mädchen Gänse hütete. Das Mädchen war nicht froh, sie weinte bitterlich, und der gute Einsiedler trat zu ihr und sagte:
»Mein Kind, warum weinen Sie so sehr? Kann ich Ihnen nicht helfen?«
»Ach nein,« schluchzte das Mädchen. »Niemand kann mir helfen! Ich bin so unglücklich, weil ich meiner Herrin nicht Wort gehalten habe. Ich hatte ihr versprochen, ihren Sohn gut zu hüten. Aber als das Kind schlief, habe ich es einmal allein gelassen, um in dem Hofe mit anderen Dienern zu tanzen. Das Kind wurde gestohlen, und meine Herrin ist jetzt allein und so traurig! Ich werde nie glücklich sein, bis das Kind wieder nach Hause kommt, und ich habe schon sechs Jahre lang Tag und Nacht Gott gebeten, das Kind wieder heimzubringen.«
Der alte Einsiedler, der allem erstaunt zugehört hatte, sagte:
»Nun, mein Kind, vielleicht hat Gott Ihr Gebet endlich erhört! Sehen Sie dieses? Kennen Sie diese schöne Frau?« und der Einsiedler zeigte ihr das Bild.
»Ach ja, das ist meine liebe Herrin!« rief das Mädchen. »Und das ist das Bild, das mit dem Kinde gestohlen wurde! Sagen Sie mir, wie ist es in Ihre Hände gekommen?«
Der alte Mann sagte ihr, wie ein kleiner Knabe, sieben Jahre alt, aus dem Berge kam, und daß er das Bild »Mutter« nannte.
»Gott sei Dank!« rief das Mädchen. »Das Kind ist gefunden! Wo ist es, ich muß es sehen.«
Der Einsiedler zeigte ihr das Kind und sie sagte:
»Ja, ja, das ist der kleine Graf Heinrich von Eichenfels. Er ist wie seine schöne Mutter!« und sie küßte Heinrich und weinte vor Freude.
Dann sprach der Einsiedler noch lange mit ihr, und sie sagte, daß sie mit ihm gehen wolle, um das Kind nach Hause zu bringen.
»Es ist weit von hier,« sagte sie. »Drei Tage werden wir reisen müssen, aber kommen Sie jetzt zu meinem Herrn!«
Das Mädchen führte den Einsiedler und Heinrich zu ihrem Herrn, und er sagte sogleich: »Ja, gehen Sie, gutes Mädchen, führen Sie das Kind zu Ihrer armen Herrin. Sie hat lange genug geweint, gehen Sie schnell!«
Der Einsiedler, Heinrich und Margarethe machten sich auf den Weg zu dem Schlosse Eichenfels. Sie gingen zwei lange Tage, und als der dritte zu Ende ging, waren sie noch weit von dem Schlosse, denn der Einsiedler war so alt, daß er nicht schnell gehen konnte. Als die Nacht herankam, waren sie in einem dichten Walde, und da es zu finster war, um weiter zu gehen, traten sie in ein kleines Gasthaus im Walde ein.
Margarethe sagte zu dem Einsiedler: »Hier möchte ich lieber nicht übernachten, die Leute sind nicht gut, und vielleicht kommen die Räuber hierher und nehmen uns das Kind wieder.«
Aber der Einsiedler antwortete:
»Mein Kind, wir sind ja alle in Gottes Hand, und Er wird uns helfen.«
Margarethe legte das Kind ins Bett, aber der alte Einsiedler konnte nicht schlafen. Er setzte sich an den Tisch, nahm sein Gebetbuch und betete lange.
Alles war sehr still. Es wurde acht Uhr, neun Uhr, zehn Uhr. Dann hörte man einen großen Lärm. Jemand klopfte laut an die Thür. Niemand wollte öffnen. Alle fürchteten sich, und Margarethe rief ängstlich: »Es sind die Räuber! Sie wollen das Kind wieder nehmen!«
Dann sagte der Einsiedler: »Still! ich will die Thür öffnen, und Gott wird uns helfen!«
Er öffnete die Thür. Da traten viele Soldaten ein, und sie sagten:
»Der Krieg ist zu Ende. Wir kommen nach Hause. Unser Herr kommt auch! machen Sie alles bereit, Herr Wirt.«
Der Wirt, der sehr froh war zu hören, daß der Krieg zu Ende war, machte alles schnell bereit, und nach kurzer Zeit trat ein schöner Ritter auch herein. Er setzte sich an den Tisch zu dem Einsiedler und sagte:
»Nun, ich bin doch froh, wieder einen guten Mann Gottes zu sehen. Seit sechs Jahren habe ich nichts als Soldaten gesehen. Aber jetzt bin ich auf dem Wege nach Hause. Nicht sehr weit von hier ist mein Schloß!«
»Ach, wie heißen Sie denn?« fragte der Einsiedler.
»Ich bin der Ritter von Eichenfels!« antwortete der Ritter.
»Haben Sie Frau und Kind?«
»Ja, ich habe eine schöne Frau. Ich habe auch einen kleinen Sohn daheim gelassen. Er war so schön und zuerst konnte meine Frau nicht genug von ihm schreiben. Aber seit sechs Jahren schreibt sie nichts mehr von ihm. Ihre Briefe sind sehr traurig, und ich fürchte, daß mein Kind krank oder tot ist. Ich habe Angst, viel Angst. Aber wir wollen nicht mehr davon sprechen. Morgen bin ich zu Hause, und dann weiß ich alles. Sagen Sie mir, lieber, guter Einsiedler, warum Sie hier in dem wilden Walde reisen?«
Der Einsiedler erzählte dem Ritter, daß er ein gestohlenes Kind seinen Eltern zuführen wolle, und endlich sagte er:
»Hier ist das Bild der Mutter des Kindes!« und gab dem Ritter das Bild.
»Ach, das ist ja meine Frau!« rief der Ritter erstaunt.
»Ja,« sagte der Einsiedler, »und das Kind ist Ihr Kind!«
»Wo ist es? Ich muß es sehen!« sagte der glückliche Vater.
Er folgte dem Einsiedler in das Schlafzimmer, sah das schlafende Kind und weinte vor Freude. Nach einer Minute aber dachte er an seine arme Frau, und sagte traurig.
»Ach, meine arme Frau! Sie hat nur nichts gesagt, weil sie wußte, daß ich bei dem König bleiben mußte, bis der Krieg zu Ende war. Sie muß viel geweint haben, und jetzt weiß sie noch nicht, daß das liebe Kind gefunden ist. Ich muß sogleich zu ihr gehen!«
»Nein,« sagte der Einsiedler, »bleiben Sie hier bei Ihrem Sohne. Geben Sie mir ein Pferd. Ich will allein gehen, und der Gräfin schonend sagen, daß das Kind gefunden ist, und daß Sie beide nach Hause kommen. Es muß ihr schonend gesagt werden, sonst wird sie vor Freude sterben.«
»Ja, Sie haben recht!« sagte der Ritter. Er gab dem Einsiedler ein Pferd, und der alte Mann ritt so schnell, daß er um elf Uhr Morgens in den Schloßgarten trat.
Die Gräfin saß allein in ihrem Garten auf einer Bank und weinte. Der Einsiedler ging zu ihr hin und sagte:
»Gute Frau, warum weinen Sie?«
»Ich weine, weil mein Mann heute nach Hause kommt!« schluchzte die arme Frau.
»Lieben Sie Ihren Mann denn nicht?« fragte der Einsiedler erstaunt.
»Ja wohl! Über alles liebe ich ihn! Aber er kommt glücklich nach Hause, er denkt seinen Sohn zu finden, und hier ist kein Sohn mehr!«
»Ist der Knabe tot?« fragte der Einsiedler.
»Nein, er wurde vor sechs Jahren entführt!« sagte die arme Mutter. »Vielleicht ist er Räuber geworden, denn ich habe kein Wort von ihm gehört, und ich hätte doch viel Geld gegeben, um ihn wieder zu haben.«
»Ach, vielleicht finden Sie das Kind noch!« sagte der Einsiedler. »Hören Sie, schöne Frau, ich kenne ein Kind, das wie Ihr Knabe sehr jung gestohlen wurde. Es wohnte sechs Jahre lang in einer Höhle, es war bei bösen Männern, aber Gott war auch da. Gott hat das Kind aus dem Berge geführt. Ich habe den Knaben seinem glücklichen Vater wiedergegeben.«
»Ach,« schluchzte die schöne Frau, »wie froh die armen Eltern sein mußten. Was sagte die Mutter, als sie ihr Kind wieder sah?«
»Das kann ich noch nicht sagen,« antwortete der Einsiedler. »Die Mutter weiß noch nicht, daß ihr Kind gefunden ist.«
»Ach, guter Einsiedler, gehen Sie schnell, sagen Sie es der armen Mutter!«
Der Einsiedler blieb still stehen und sagte:
»Danken Sie Gott, gute Frau, Er hat Ihnen viel Gutes gethan!«
Da verstand die Gräfin, daß sie die glückliche Mutter und daß ihr Kind gefunden sei.
Nach kurzer Zeit kam der Ritter mit dem kleinen Heinrich, und die Freude war groß im Schlosse von Eichenfels.
Am Abend, als die Eltern alles gehört hatten, sagte der Einsiedler:
»Und jetzt, Ritter von Eichenfels, sollten Sie die Räuber gefangen nehmen lassen!«
»Das habe ich schon gethan!« sagte der Ritter. »Diesen Morgen früh sind meine Soldaten fortgegangen. Sie werden den Berg umringen, dann werden einige Soldaten in die Höhle gehen, und sie werden Räuber und Beute hierher bringen. Ach, da kommen sie ja schon!«
Sie gingen alle hinaus und sahen die Soldaten, welche die Räuber führten. Die Räuber waren alle festgebunden, und vier Wagen voll Beute folgten ihnen. Sie waren sehr erstaunt, den kleinen Heinrich da zu sehen.
Der Ritter sagte: »Die Räuber haben gestohlen und gemordet, sie müssen des Todes sterben! Nur der Jüngling da soll nicht sterben, denn ich weiß von meinem Sohne, daß er nie stehlen wollte, und daß er ehrlich werden wollte. Er soll dem kleinen Heinrich dienen, und hier in meinem Schlosse soll er lernen, ein ehrlicher Mann zu werden.«
Der Graf und die Gräfin von Eichenfels belohnten den Schäfer, der Heinrich gefunden hatte, und, da der Einsiedler weder Gold noch Silber nehmen wollte, ließen sie ihm eine Einsiedelei bauen.
Heinrich wurde groß, aber er vergaß nie die Höhle und die Jahre, die er im Berge verlebt hatte. Er vergaß auch nicht, was der gute Einsiedler ihm gelehrt hatte, und oft sagte er zu seinen Kindern:
»Ach, die Welt ist wunderschön, und dem Schöpfer von allem, dem guten Gott, sollten wir jeden Tag danken, daß wir nicht in Finsternis leben müssen, sondern die Sonne und die schöne Natur immer genießen können.«
In Düsseldorf am Rheine wohnte einmal ein Künstler. Er war sehr geschickt, so geschickt, daß der Kurfürst ihm sein Reiterbild in Erz gießen hieß. Der Künstler war sehr froh, und arbeitete Tag und Nacht.
Endlich war das Reiterbild fertig und Meister Grupello, der Künstler, stellte es auf dem Marktplatze auf.
Als es ganz fertig war, kam der Kurfürst Johann Wilhelm, mit allen seinen Höflingen, um es zu besehen.
Der Künstler ließ die Hülle fallen, damit alle das Reiterbild sehen konnten. Der Kurfürst, erstaunt über die Schönheit dieses Bildes, reichte dem Künstler die Hand und sagte freundlich:
»Nun, Herr Grupello, das haben Sie sehr gut gemacht. Mein Bild ist sehr schön. Es ist wirklich tadellos! Sie sind ein großer Künstler, und das Bild macht Ihnen große Ehre!«
Der Künstler war über dieses Lob höchst erfreut, aber die Höflinge, die schweigend (ohne ein Wort zu sagen) dagestanden, waren eifersüchtig. Der Fürst hatte ihnen nie so freundlich die Hand gegeben, und hatte sie noch nie so gepriesen, und sie dachten alle:
»Wie können wir diesen stolzen Künstler demütigen?«
Da der Fürst sein Bild tadellos gefunden, konnten sie nichts daran zu tadeln finden, aber endlich sagte der Eine:
»Ja, Herr Grupello, das Bild des Kurfürsten ist wirklich tadellos. Das Pferd dagegen ist nicht ganz richtig. Sehen Sie, der Kopf ist ein wenig zu groß, er ist nicht ganz natürlich!«
»Nein,« sagte der Zweite, »das Pferd ist nicht so gut gelungen (so schön) wie der Reiter. Sehen Sie doch den Nacken an, Herr Grupello!«
»Ja, und der rechte Fuß da ist auch nicht richtig,« sagte der Dritte.
Der Vierte lobte das Bild auch; aber er tadelte den Schwanz des Pferdes.
Der Fünfte fand auch etwas an dem Pferde zu tadeln, und, nachdem sie alle ihre Meinung ausgesprochen, sagte der Künstler zu dem Kurfürsten:
»Herr Fürst, Ihre Höflinge sind mit meinem Werke nicht ganz zufrieden, Sie tadeln dies und jenes an dem Pferde. Wollen Sie mich gütigst noch einige Tage ungestört an dem Bilde arbeiten lassen?«
»Gewiß, Herr Grupello,« erwiderte der Kurfürst freundlich. »Thun Sie was Sie wollen.«
Der Künstler ließ eine Plankenwand um das Reiterbild aufschlagen, und als die Höflinge vorübergingen, hörten sie den Schall des Hammers.
»Ach,« dachten sie alle zuversichtlich. »Ich habe dem Künstler einen gar guten Rat gegeben. Das Pferd war gar nicht gelungen. Er hat es selbst gesehen, und jetzt ändert er es. Dank meinem Kunstsinn wird das Bild wirklich tadellos sein.«
Als die bestimmte Zeit vorüber war, kamen Kurfürst und Höflinge, um das Reiterbild ein zweites Mal zu beschauen. Die hohe Plankenwand war verschwunden, und als die Hülle wieder fiel, sprach der Kurfürst wieder seine Freude daran aus. Dann rief er die Höflinge, einen nach dem anderen, und fragte sie nach ihrer Meinung darüber.
Der Erste, der den Kopf getadelt hatte, sagte jetzt vergnügt: »Ach, Herr Kurfürst, das Bild ist jetzt ganz tadellos, und sehen Sie doch den Kopf des Pferdes an, jetzt ist er nicht mehr zu groß, sondern ganz natürlich.«
Der Zweite sagte: »Ja, das Reiterbild ist jetzt ganz tadellos. Der Nacken des Pferdes ist jetzt sehr graziös.«
Der Dritte sagte: »Seitdem Sie den rechten Fuß geändert, Herr Grupello, ist Ihr Bild tadellos.«
Alle waren jetzt höchst zufrieden, und der Kurfürst sagte es dem Künstler, der schweigend dagestanden.
»Herr Grupello, alle diese Herren sind jetzt mit Ihrem Werke zufrieden und alle loben Ihre Änderungen an dem Pferde.«
»Herr Kurfürst,« erwiderte der Künstler gelassen, »ich bin recht froh, daß alle mit meinem Bilde so zufrieden sind, aber ich muß gestehen, daß ich nichts daran geändert habe. Ein Gußbild kann nicht geändert werden.«
»Dennoch habe ich Sie tüchtig hämmern hören!« erwiderte der Kurfürst erstaunt. »Worauf schlugen Sie denn?«
»Auf den Ruf Ihrer Höflinge, Herr Fürst, die das Bild nur aus Eifersucht tadelten, und der, denke ich, ist jetzt ganz vernichtet!«
Die Höflinge konnten kein Wort erwidern, und schlichen alle fort.
Das Reiterbild steht noch heute mitten auf dem Marktplatze von Düsseldorf, wo es jedermann bewundern kann.
Die Andernacher, sowie die Einwohner von Bonn, schlafen lange, und des Morgens stehen nur die Bäcker früh auf, damit das frische Brot zum Frühstück bereit sei.
Es war einmal Krieg zwischen Andernach und Linz, darum haben sich noch heute diese Städte nicht gern. Da die Linzer sehr gut wußten, daß die Andernacher immer bis spät schliefen, beschlossen sie, die Stadt einmal früh Morgens zu überfallen. Alle ihre Pläne waren sehr gut gelegt, und sie glaubten, daß sie jetzt siegen würden. Um Mitternacht am bestimmten Tage verließen sie Linz und gingen leise gegen Andernach zu, wo sie früh anzulangen, und leicht ungesehen durch die unbewachten Thore der Stadt zu dringen dachten.
Unterdessen hatten die Andernacher Bäcker ihr Brot gebacken, und als ihre Arbeit fertig war, legten sich die Bäcker auch nieder, um ein Morgenschläfchen zu genießen.
Als die Linzer sich der Stadt näherten, schliefen alle Einwohner fest, außer zwei Bäckersjungen. Diese allein schliefen nicht. Sie waren leise aus dem Backhause gegangen, denn sie hatten die Bienenstöcke des Thorwärters auf dem Turme entdeckt, und wollten den vortrefflichen Honig versuchen. Ohne Lärm zu machen, schlichen sie die Treppen des Turmes hinauf, und als sie oben angekommen, stellten sie sich an, ein schönes Stück Honig zu nehmen.
Da, auf einmal, hörten die Jungen ein kleines Geräusch (Lärm). »Ach!« flüsterte der eine dem anderen zu. »Der Wärter kommt! Er wird uns sicher bestrafen.«
Zitternd hörte auch der andere dem Lärme zu, und sagte nach einem Augenblick:
»Es kann doch nicht der Wärter sein. Er war fest eingeschlafen! Er käme die Treppen herauf. Das Geräusch kommt nicht von der Treppe! Es scheint da draußen zu sein.«
Leise, sehr leise, denn er wollte in seinem Honigstehlen nicht ertappt werden, schlich er zum Rande des Turmes, und sah neugierig hinunter. Da standen die Linzer, ganz bewaffnet, und der Bäckersjunge sah, daß sie ihre Leiter aufstellen wollten, um über das Stadtthor hinweg in die Stadt zu steigen, die schlafenden Einwohner zu überrumpeln.
Die Bäckersjungen, welche die Gefahr sogleich begriffen hatten, standen einen Augenblick verdrossen da.
Was sollten sie thun? Sie konnten die Einwohner unmöglich schnell genug aufwecken, und hatten keine Waffen, um den Feind zurückzustoßen.
Auf einmal dachte der eine Bäckersjunge an die Bienenkörbe da droben. Er winkte leise seinem Kameraden. Beide hoben dann einen Korb sorgsam auf, trugen ihn an den Rand des Turmes, und auf einmal schleuderten sie ihn auf die Linzer, die am Fuße des Turmes versammelt standen.
Im Fallen zerbrach der Bienenkorb in Stücke, die Bienen flogen wild umher und stachen die Linzer, bis sie laut schreien mußten.
Während die aufgeregten Bienen das Stadtthor verteidigten, eilten die Bäckersjungen die Treppen hinunter, liefen schnell dem Rathause zu, zerrten an der großen Glocke, und weckten die trägen Andernacher aus ihrem langen Morgenschlaf.
Alle liefen jetzt ans Thor, um die bedrohte Stadt zu verteidigen, aber ihr Beistand war nicht mehr nötig, denn die Bienen hatten so wacker gestochen, daß die Linzer sich in Eile geflüchtet hatten.
Aus Dankbarkeit ließen die Einwohner von Andernach die Bilder der zwei Bäckersjungen aus Stein hauen, und stellten sie unter das Stadtthor, das sie so gut verteidigt hatten. Hier kann man sie noch sehen, denn die Andernacher haben die Heldenthat noch nicht vergessen, und sprechen oft von dem glücklichen Einfall der Bäckersjungen.
Die Linzer kamen nie wieder, um die Stadt zu überrumpeln, und sie sagen noch heutzutage, daß die Bienen früh Morgens wachen, während die Andernacher ruhig schlafen.
Philippsburg wurde einmal während eines Krieges von den Franzosen belagert. Viele Bomben flogen hin und her, und obgleich die Reichstruppen in der Festung waren, gedachten die Franzosen, sie dennoch überrumpeln zu können.
Der Kommandant wachte Tag und Nacht, damit die Franzosen keine unbewachte Stelle finden würden, und zahlreiche (viele) Schildwachen waren überall auf den Mauern aufgestellt. Es waren mehrere Rekruten unter den Reichstruppen, und unter diesen war auch ein sehr einfältiger junger Mann.
Als die Reihe an ihn kam, Schildwache zu stehen, stellte ihn der Hauptmann (Offizier) an einen sehr unbedeutenden Ort, und dachte bei sich selbst:
»Nun, der Feind wird nur an der anderen Seite Angriffe machen. Hier kann man diesen einfältigen Jüngling wachen lassen, denn die Stelle könnte eben so gut unbewacht bleiben.« Dennoch sagte der Hauptmann streng:
»Sehen Sie, Junge, hier ist Ihr Posten. Hier müssen Sie ohne Aufenthalt auf- und abgehen, und wenn jemand die Schanze (Mauer) hinaufzusteigen sucht, sollen Sie ihn sogleich hinunterstürzen.«
Nachdem er diesen Befehl gegeben, entfernte sich der Hauptmann, und der Jüngling ging langsam auf und ab, wie ihm befohlen war.
Die Franzosen, welche die schwach behütete Stelle entdeckt, und einen kecken Plan gemacht hatten, um die Festung zu überrumpeln, kamen jetzt mit ihren Leitern und wollten geräuschlos (ohne Lärm) hinaufklettern.
Als der Rekrut an das ihm bezeichnete Ende seines Ganges kam, drehte er sich langsam um, und schritt wieder die Mauer entlang. Da sah er auf einmal einen Kopf über die Mauer herauftauchen, und sah zwei schwarze Augen und einen sehr spitzigen Schnurrbart. Seiner Pflicht getreu, stieß der Rekrut den Mann hinunter, und dieser fiel lautlos in den Graben, während der Rekrut seinen Weg ungestört fortsetzte.
Ein zweiter Franzose wollte jetzt hinaufklettern, und sein Kopf tauchte über die Schanze auf, als der Rekrut wieder an die Stelle kam. Da der junge Soldat denselben schwarzen Schnurrbart, und dieselben schwarzen Augen sah, dachte er:
»Der Kerl da ist wieder hinaufgeklettert!« und er nahm sein Bajonet und stieß ihn wieder hinunter.
Da der Hauptmann ihm geboten, ohne Aufenthalt auf und ab zu gehen, blieb er keinen Augenblick still, und ging wieder die Mauer entlang, ohne einen Blick über die Schanze zu werfen.
Als er sich zum drittenmal umdrehte, und wieder an denselben Ort kam, sah er wieder zwei schwarze Augen auftauchen.
»Ei,« dachte der Rekrut, »der Franzose ist doch zu keck! Schon zweimal habe ich ihn hinuntergestoßen, und da ist er schon wieder! Er ist ja wie eine Katze!« und diesmal stieß er ihn noch heftiger hinunter.
Dennoch blieb der Rekrut keinen einzigen Augenblick still, sah weder über die Schanze hinweg, noch rief er den anderen Schildwachen zu, sondern ging ungestört seines Weges. Als er zum viertenmal dahin kam, sah er wieder einen Kopf auftauchen und stieß den Mann wieder heftig zurück. So ging es auch zum fünften, sechsten, siebenten, achten, neunten und zehntenmal, und der Rekrut wurde immer böser und stieß immer heftiger.
Als er zum elften und zwölftenmal zwei schwarze Augen und einen schwarzen Schnurrbart auftauchen sah, dachte er noch ärgerlicher als zuvor:
»Ach, wird der Franzose seines ewigen Kletterns nie müde werden? Ich bin des Stoßens müde! Schon zwölfmal habe ich ihn hinuntergestoßen. Hoffentlich wird er nicht wiederkommen!«
Der Rekrut ging jetzt ungestört auf und ab, denn die erschrockenen Franzosen waren fortgelaufen.
Endlich kam der Hauptmann wieder, um die Schildwache abzulösen, und fragte nachlässig:
»Ist nichts zu rapportieren?«
»Nein, nichts,« erwiderte der Rekrut langsam. »Ich bin hier ohne Aufenthalt auf- und abgegangen, wie Sie befohlen, Herr Hauptmann. Niemand ist gekommen, außer einem Franzosen mit blassem Gesichte. Er hatte zwei kohlenschwarze Augen und einen spitzigen Schnurrbart. Er hat dort über die Mauer klettern wollen, und da Sie doch gesagt hatten, daß ich jeden zurückstoßen sollte, der hinaufzuklettern suchte, habe ich ihn rasch hinuntergestoßen. Der Kerl wäre so gern über die Mauer gekommen, daß ich ihn zwölfmal habe zurückstoßen müssen!«
Der Hauptmann, der diesem Bericht erstaunt zugehört hatte, sah jetzt über die Schanze hinweg in den Graben hinunter, wo nicht nur ein Franzose, sondern ein Dutzend derselben tot lagen am Fuße einer langen Leiter. Der dumme Rekrut hatte zwölf Franzosen getötet, und ganz unbewußt die Festung allein gegen einen Angriff verteidigt.
Als der Kommandant der Festung dieses hörte, sagte er: »Ich habe feierlich versprochen, jedem Soldaten einen Gulden zu geben für jeden Franzosen, den er von den Mauern hinunterstoßen würde. Obgleich dieser Rekrut behauptet (sagt), daß er nur einen Franzosen zwölfmal zurückgestoßen, soll er zwölf Gulden bekommen, denn zwölf Feinde liegen am Fuße der Leiter tot. Ich muß auch hinzufügen, daß es mir gar lieb wäre, wenn alle meine Rekruten meine Befehle ebenso pünktlich ausführen würden.«