Eine zweite allgemeine Methode, zu der wir jetzt übergehen, besteht in der Einführung neuer Projektionsebenen. Sie läuft der Einführung neuer Koordinatenebenen in der analytischen Geometrie parallel; doch gehen wir hier so vor, daß wir schrittweise immer nur je eine neue Projektionsebene annehmen, und zwar so, daß die neue Ebene auf einer der vorhandenen senkrecht steht. Ein zweiter wichtiger Gesichtspunkt ist der, daß wir die neuen Projektionsebenen möglichst den darzustellenden Strecken und Winkeln parallel wählen; ist dies erreicht, so stellen sich deren Projektionen in ihrer natürlichen Größe dar.
Wie man in der analytischen Geometrie zuvörderst die Formeln für die Transformation der Koordinaten zu behandeln hat, entsteht hier zunächst die Aufgabe, die Projektionen in den neuen Projektionsebenen aus den alten herzustellen. Wir gehen dazu von Grundriß und Aufriß aus, und denken uns eine Projektionsebene π3, die auf der Grundrißebene π1 senkrecht steht, während sie mit π2 einen beliebigen Winkel bilde. (Fig. 66). Es sind dann auch π1 und π3 zwei Ebenen, die als Grundriß- und Aufrißebene benutzt werden können, und wir haben, wenn P3 die Projektion eines Punktes P in π3 ist, P3 aus P1 und P2 abzuleiten.
Sei dazu O der Schnitt der drei Ebenen, sei jetzt a12 die Achse für π1 und π2, und a13 diejenige für π1 und π3 so daß O zugleich Schnitt von a12 und a13 ist. Wir denken uns nun auch die Ebene π3 in die Ebene π1 umgelegt (Fig. 67), und zwar durch Drehung um a13, so besteht auch für die Projektionen P1 und P3 der Satz I von § 10; und man hat, wenn jetzt die Schnittpunkte von P1P2 und P1P3 mit den Achsen durch P12 und P13 bezeichnet werden, unmittelbar die Gleichung
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PP1 = P2P12 = P3P13.
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Diese einfache Gleichung ist die einzige Tatsache, die hier in Frage kommt59 . Wir schließen aus ihr sofort, daß die Projektion P3 aus P1 und P2 zeichnerisch bestimmbar ist; man hat nur von P1 auf a13 das Lot P1P13 zu fällen, und auf ihm P3 so zu bestimmen, daß P3P13 = P2P12 ist. Dies pflegt man so auszuführen, daß man (Fig. 67) in O auf a12 und a13 je ein Lot n2 und n3 errichtet, zu a12 durch P2 eine Parallele bis n2 zieht, dann den bis n3 reichenden Kreisbogen schlägt, und durch seinen Endpunkt wieder die Parallele zu a13 zieht60. Wir sprechen das gefundene Resultat folgendermaßen als Satz aus:
I. Wählt man die Projektionsebene π3 senkrecht auf π1, so ergibt sich die Projektion P3 aus P1 und P2 in der Weise, daß man von P1 auf die Achse a13 der Ebenen π1 und π3 ein Lot P1A13 fällt und auf ihm die Strecke A13P3 gleich A12P2 abträgt, wenn A12 Schnitt der Achse a12 mit P1P2 ist.
Die Einführung einer dritten Projektionsebene π3 kann zunächst den Zweck haben, zu bewirken, daß die Raumfigur Σ eine vorgegebene Lage zu den Projektionsebenen besitzt. Dies wollen wir zunächst an einigen einfachen Beispielen ausführen.
1. Die Projektion des in Fig. 37 gezeichneten Oktaeders auf einer zur Aufrißebene senkrechten Ebene π3 herzustellen. Die Ausführung erfolgt unmittelbar nach dem eben gegebenen Konstruktionsschema und bedarf keiner weiteren Erläuterung (Fig. 68).
2. Die zweite oben gegebene Darstellungsart des Dodekaeders so vorzunehmen, daß man die Ebene π3 auf π1, senkrecht wählt. Auch diese Aufgabe ist unmittelbar nach dem angegebenen Schema zu behandeln (Fig. 69)61.
Die Einführung neuer Projektionsebenen laßt sich wiederholen; man kann eine Ebene π4 einführen, die auf einer der Ebenen π1 oder π3 senkrecht steht, und kann dies beliebig lange fortsetzen. Man erhält dadurch Grundriß- und Aufriß- projektionen für immer neue Stellungen einer Figur zu den Projektionsebenen. Dabei ist zweierlei zu bemerken. Erstens bedarf es nur zweier Schritte, um eine gegebene Ebene ε zur Projektionsebene zu machen. Ist nämlich E1 die Spur von ε in π, so wähle man π3 senkrecht auf E1, und kann nun, da π3 auf ε senkrecht steht, ε als Ebene π4 einführen. Zweitens beachte man, daß bei der Einführung von π4 ein praktischer Fortschritt nur so entsteht, daß man π4 senkrecht zu π3 annimmt, so daß π3 und π4 die neue Grundrißebene und Aufrißebene darstellen. Würde man nämlich π4 senkrecht auf π1 wählen, so ist π3 überflüssig; man hätte von vornherein π4 statt π3 als neue Ebene benutzen können.
Welche Ebenen man in den einzelnen Fällen einführt, hängt ganz von der Natur der Aufgabe und von dem Zweck ab, den man erreichen will. Ihre Wahl muß getroffen sein, ehe man an die zeichnerische Darstellung geht; die Vorstellung der Figur mit allen ihren Projektionsebenen und die richtige Auswahl dieser Ebenen ist das Problem, das in jedem einzelnen Fall zu lösen ist; die Herstellung der neuen Projektionen ist ein mechanisches Verfahren, das immer in der gleichen Weise erfolgt.
Ich erörtere schließlich noch kurz den Fall, daß man eine neue Projektionsebene einführt, die zu einer vorhandenen parallel ist. An dem Satz I wird dann nichts geändert. Sei z. B. π3 || π2 (Fig. 70), so daß a12 und a13 parallel sind, so besteht immer noch die Gleichung 1); die einzige Modifikation die auftritt, ist die, daß P1P2 und P1P3 in dieselbe Gerade fallen. Man erhält also auch hier P3 so, daß man P13P3 = P12P2 macht (Fig. 71).62
Ich schließe mit folgender Bemerkung. Wie in der analytischen Geometrie können auch hier für die Behandlung der einzelnen Probleme zwei grundverschiedene Gesichtspunkte maßgebend sein. Man kann die Koordinatenebenen und die Projektionsebenen so einfach wie möglich, man kann sie aber auch so allgemein wie möglich wählen. Beides hat seine Berechtigung; das zweite dient mehr den theoretischen, das erste mehr den praktischen Zwecken. An dieser Stelle steht jedoch der praktische Zweck im Vordergrund; die Aufgabe, die sich in so engem Rahmen allein behandeln läßt, kann nur dahin gehen, auf die einfachste Weise zum Entwerfen richtiger Bilder zu gelangen. Demgemäß haben wir die Lage der Gegenstände zu den Projektionsebenen stets so angenommen, daß ihre zeichnerische Herstellung so leicht wie möglich ausfällt, haben uns überdies auf Aufgaben einfacherer Art beschränkt, und die übrigen Probleme nur in aller Kürze gestreift.