Die Eigenschaften von Grundriß und Aufriß, die hier zu erörtern sind, betreffen wesentlich die in der Zeichnungsebene vorhandene Gesamtfigur, die sich durch Umlegen der einen Ebene in die andere ergibt. Sie sind dadurch bedingt, daß Grundriß und Aufriß als Projektionen einer und derselben Raumfigur Σ nicht unabhängig voneinander sind. Sie sind durchaus elementarer Natur. Nur insofern haftet ihnen eine gewisse Schwierigkeit an, als man genötigt ist, bald die tatsächliche Lage der Figur Σ zu den Projektionsebenen, bald die in der Zeichnungsebene vorhandene Gesamtfigur in Betracht zu ziehen und miteinander zu vergleichen; vielfach hat man von der einen zur anderen überzugehen und von den Eigenschaften der einen auf die der anderen zu schließen. Es ist dringend zu empfehlen, sich neben dem zeichnerischen Bilde stets auch die Lage der zugehörigen Figur Σ vorzustellen, bis man den übergang von dem einem zum anderen leicht ausführen kann.
Ich beginne mit Punkt, Gerade und Ebene und ihren gegenseitigen Beziehungen. Zweierlei kommt hier in Betracht. Erstens sind die Eigenschaften der einzelnen Figuren zu entwickeln; zweitens kann es sich darum handeln, Zeichnungen und Konstruktionen für gegebene geometrische Gebilde herzustellen.
1. Die Gerade. Das erste unmittelbar ersichtliche Resultat lautet, daß zwei beliebig in den Projektionsebenen π1 und π2 angenommene Geraden g1 und g2 stets die Projektionen einer eindeutig bestimmten Raumgeraden g darstellen (Fig. 40). Sie ist Schnittlinie der beiden Ebenen, die man durch g1 und g2 senkrecht zu π1 und π2 konstruiert. Diese beiden Ebenen heißen auch projizierende Ebenen der Geraden g; wir werden sie durch γ1 und γ2 bezeichnen.
Jede Gerade g ist durch zwei Punkte bestimmt; man kann hierzu insbesondere ihre Schnitte mit den Projektionsebenen wählen, die wir wieder ihre Spuren nennen und jetzt durch G1 und G2 bezeichnen wollen (Fig. 41). Da G1 in π1 liegt, so fällt die zweite Projektion von G1 auf die Achse a; sie möge G10 heißen.51 Ebenso fällt die erste Projektion von G2 auf die Achse (Fig. 42); sie heiße G20. Daher sind G1G20 und G2G10 die Projektionen der Geraden.
Hieraus ergibt sich unmittelbar die Lösung der Aufgabe, die Spuren einer gegebenen Geraden zu zeichnen, deren Projektionen g1 und g2 gegeben sind. Man hat nur ihre Schnittpunkte mit der Achse zu konstruieren und in ihnen die Lote zu errichten; sie schneiden g1 und g2 in den Spurpunkten.
Wir betrachten endlich die Projektionen einiger Geraden ausgezeichneter Lage. Man erkennt unmittelbar die Richtigkeit folgender Tatsachen:
Ist g zur Achse parallel, so sind auch g1 und g2 zur Achse parallel.
Ist g zur Grundrißebene π1 parallel, so ist g1 zu g parallel, während g2 zur Achse parallel ist; analog ist es, wenn g zu π2 parallel ist.
Die Grundrißprojektion einer Vertikalen v reduziert sich auf einen Punkt, nämlich auf ihre Spur in π1, während v2 zur Achse senkrecht ist. Analog steht die erste Projektion einer auf π2 senkrechten Geraden n auf der Achse senkrecht, während sich n2 auf die Spur von n in π2 reduziert.
2. Die Ebene. Eine Ebene kann entweder als begrenztes Flächenstück oder aber als unbegrenztes Raumgebilde in Frage kommen. Im ersten Fall sind die Projektionen des Flächenstücks durch die Projektionen seiner Begrenzung unmittelbar gegeben.
Um im zweiten Fall die Ebene ε zeichnerisch zu bestimmen, genügt es, ihre Schnittlinien mit den Projektionsebenen zu kennen (Fig. 43 und 44). Wir nennen sie ihre Spuren und bezeichnen sie durch E1 und E252 . Es ist klar, daß sie sich auf der Achse schneiden, und zwar in dem Punkt, der zugleich Schnittpunkt der drei Ebenen π1, π2, und ε ist. Wir bezeichnen ihn durch E0. Auch ist ersichtlich, daß zwei beliebige, sich auf der Achse schneidende Geraden E1 und E2 stets Spuren einer eindeutig durch sie bestimmten Ebene sind.
Als ausgezeichnete Lagen einer Ebene haben wir solche zu betrachten, die zu einer Projektionsebene oder zur Achse parallel oder senkrecht liegen; über sie ergibt sich leicht das Folgende:
Ist die Ebene ε zur Grundrißebene γ parallel, so verschwindet E1 ins Unendliche, und E2 ist zur Achse a parallel. Analog ist es, wenn ε zur Ebene β parallel ist.
Steht ε auf der Grundrißebene senkrecht, so ist E2 auf der Achse senkrecht, und die Gerade E1 liefert mit der Achse den Neigungswinkel von ε und β (Fig. 45 und 46).
Ist ε zur Aufrißebene senkrecht, so ist E1 auf a senkrecht, während E2 mit a den Neigungswinkel von ε und β bestimmt.
Steht ε auf der Achse a senkrecht, so sind E1 und E2 auf a senkrecht, beide Schnittlinien liegen also in einer Geraden.
Ist endlich ε zur Achse parallel, so sind auch E1 und E2 zur Achse a parallel.
3. Punkt und Gerade. Liegt ein Punkt P auf der Geraden g, so liegt die Projektion P1 auf g1 und ebenso P2 auf g2 was der Vollständigkeit halber erwähnt werden möge.
Wird P1 auf g1, aber P2 nicht auf g2 angenommen, so heißt dies nur, daß P in der projizierenden Ebene γ1 enthalten ist, die durch g1 geht und auf der ersten Projektionsebene π1 senkrecht steht (Fig. 40). Analog ist es, wenn P2 auf g2, aber P1 nicht auf g1 liegt.
4. Zwei sich schneidende Geraden. Ist P Schnittpunkt zweier Geraden g und f, so müssen sich (Fig. 47) die ersten Projektionen g1 und f1 in P1 schneiden, ebenso g2 und f2 in P2. Die Verbindungslinie der Schnittpunkte (g1,f1) und (g2,f2) kreuzt daher die Achse senkrecht. Hierauf ist Bedacht zu nehmen, wenn die Projektionen zweier sich schneidender Geraden gezeichnet werden sollen. Beispielsweise können g1,f1 und g2 beliebig gewählt werden; damit ist P1 = (g1,f1) bestimmt, also auch der Punkt P2 auf g2 und durch ihn kann f2 noch beliebig gezeichnet werden53 .
Ein besonderer Fall ist der, daß die beiden Geraden in eine Ebene fallen, die auf einer Projektionsebene senkrecht steht. Ist dies z. B. die Grundrißebene, so sind g1 und f1 identisch. Die Projektionen g2 und f2 liefern dann in ihrem Schnittpunkt (g2, f2) die Projektion P2, woraus sich weiter P1 auf g1 = f1 ergibt.
Sei endlich ε die durch g und f bestimmte Ebene. Ein sie darstellendes Flächenstück (Viereck) ergibt sich unmittelbar, indem man auf g und f die Punkte G', G'' und F', F'' beliebig annimmt. Um ferner die Spur von ε zu zeichnen, beachte man, daß wenn eine Gerade g in einer Ebene ε liegt, die Spuren von g auf den Spuren von ε (Fig. 48) liegen.
Man erhält daher in den Geraden F1G1 und F2G2 die gesuchten Spuren E1 und E2.
5. Zwei sich schneidende Ebenen. Schneiden sich die Ebenen ε und δ in der Geraden g, so sind (Fig. 49) die Spuren G1 und G2 von g mit den Punkten identisch, in denen die Spuren E1, D1 und die Spuren E2, D2 einander schneiden. Sind also ε und δ durch ihre Spuren gegeben, so können die Projektionen ihrer Schnittlinie g gemäß § 8 unmittelbar gezeichnet werden. Man hat von den Schnittpunkten (E1, D1) und (E2, D2) die Lote auf die Achse zu fällen und deren Fußpunkte mit den Spuren zu verbinden.
6. Eine Gerade in einer Ebene. Um die Projektionen einer Geraden g zu zeichnen, die in einer Ebene ε liegt, kann eine dieser beiden Projektionen beliebig angenommen werden; die andere ist bestimmt. Wird nämlich g1 beliebig gewählt, so wird damit festgesetzt, daß g in der durch g1 gehenden projizierenden Ebene γ1 liegt (Fig. 40), also Schnitt von γ1 und ε ist. Durch g1 ist also g und damit auch g2 bestimmt. Analog ist es, wenn man g2 beliebig wählt.
Um die zweite Projektion g2 zu zeichnen, haben wir wieder zu unterscheiden, ob die Ebene ε durch ihre Spuren oder als begrenztes Flächenstück gegeben ist. Im ersten Fall kann man folgendermaßen verfahren (Fig. 50). Da, wie oben erwähnt, die Spuren von g auf den Spuren von ε liegen, erhält man im Schnitt von g1 mit E1 die Spur G1 von g; errichtet man dann im Schnitt von g1 mit der Achse das Lot, so erhält man in seinem Schnitt mit der Spur E2 die Spur G2 von g und damit auch g2. Wenn dagegen die Ebene als begrenztes Flächenstück Φ gegeben ist, und Φ1 und Φ2 dessen Projektionen sind, so zeichne man wieder (Fig. 51) g1 in π1 beliebig, und hat sofort in den Schnittpunkten A1 und B1 von g1 mit Φ1 die ersten Projektionen der Schnittpunkte von g mit Φ und daraus in bekannter Weise die zweiten Projektionen, also auch die Gerade g2.54
7. Ein Punkt in einer Ebene. Soll ein in einer Ebene ε liegender Punkt gezeichnet werden, so kann wieder eine Projektion beliebig angenommen werden; es sei P1. Um P2 zu zeichnen, benutzt man am besten eine in ε liegende Gerade g, die durch P geht. Man nehme also (Fig. 52) die Projektion g1 so an, daß sie durch P1 geht, konstruiere gemäß 6. die Projektion g2 und erhält auf ihr gemäß 3. die Projektion P2.55
8. Kreuzungspunkt einer Geraden mit einer Ebene. Die Bestimmung des Kreuzungspunktes K einer gegebenen Geraden g mit einer gegebenen Ebene ε ist die wichtigste Aufgabe, die hier zu erörtern ist. Wir lösen sie, indem wir sie auf die Aufgabe 4. zurückführen, also eine zweite durch den Punkt K gehende Gerade zu Hilfe nehmen. Wir wählen dazu am besten die Schnittlinie f von ε mit der projizierenden Ebene γ1; die auf π1 längs g1 senkrecht steht. Für sie ist gemäß 4. f1 = g1; es handelt sich also nur noch darum, die zweiten Projektionen dieser Geraden f zu konstruieren.
Wir betrachten zunächst den Fall, daß ε als begrenztes Flächenstück Φ gegeben ist. Da f1 = g1 ist, hat man in den Schnittpunkten von g1 mit Φ1 zugleich die ersten Projektionen der Schnittpunkte von f mit Φ, und da ihre zweiten Projektionen auf Φ2 liegen, so ist damit auch f2 zeichnerisch bestimmt.
Ist z. B. Φ ein Parallelogramm ABCD, so hat man (Fig. 53) die Schnittpunkte P1 und Q1 von g1 mit A1B1C1D1 zu zeichnen, sodann auf A2B2C2D2 die zweiten Projektionen P2 und Q2, und dann den Schnittpunkt K2 von g2 mit P2Q2 = f2. Aus ihm erhält man endlich gemäß 3. auch den Punkt K1 auf g1.
Ist dagegen die Ebene ε durch ihre Spuren gegeben, so konstruiere man (Fig. 54) zunächst die Spuren von γ1; ihre erste Spur C1 ist gemäß 4. ebenfalls mit g1 identisch, ihre zweite C2 ist zur Achse a senkrecht. Die Projektion f2 ergibt sich nunmehr gemäß 5., indem man f als Schnitt von ε und γ1 ansieht; es ist also F1 = (C1,E1) und F2 = (C2,E2).
Übrigens wird man es meist nur mit dem ersten Fall zu tun haben. Um z. B. ein Parallelepipedon zu zeichnen, das von einer Geraden gekreuzt wird, können wir folgendermaßen verfahren. Die beiden Flächen, in denen die Kreuzung erfolgen soll, wählen wir beliebig aus, es seien (Fig. 55) ABCE und ABDF. Wir zeichnen dann am einfachsten in A1B1D1F1 irgendeine Gerade, z. B. die Diagonale B1D1, nehmen auf ihr K1 beliebig an und zeichnen K2 auf B2D2. Ebenso verfährt man mit den Projektionen A1B1C1E1 und A2B2C2E2. Damit hat man auch g1 und g2 als Verbindungslinien der Kreuzungspunkte.