|
Die armen Wickelkinder nun, Die werden sich wohl Schaden thun? Bewahre! Nein! So geht es nicht, Daß man sich Arm’ und Beine bricht! Wie sie am Boden eben sind, Da wachsen sie im Nu, geschwind Empor zu muntern, lust’gen Jungen, Wie je nur durch das Feld gesprungen, In Kleidern, wie vorher, genau, Eins gelb, eins grün, das dritte blau. Sie halten sich für große Leute Und springen ellenhoch vor Freude. Die Störche stehen starr und schauen, Sie können kaum den Augen trauen; Sie sperren auf die Schnäbel weit Ob solcher Wunderbarlichkeit. Dann klappern sie ihr Storchenlied Und fliegen, daß kein Mensch sie sieht. |
|
Es brachten die drei Burschen dann Den schönsten Weihnachtsbaum heran; Der war behangen und geschmückt Mit Allem, was das Aug’ entzückt. Ein Kerzenlicht auf jedem Ast! Schier brach er von der süßen Last. Goldglöckchen hingen mitten drein, Und Vöglein flogen aus und ein. Wer’s sehen konnte, meinte, dies Sei wohl ein Stückchen Paradies. Die Buben aber setzten breit Sich zu des Baumes Herrlichkeit, Sie aßen hungrig alle drei Die Schüssel leer mit Hirsebrei. Die goldnen Glocken klangen, Die bunten Vögel sangen:
„Auf den Feldern, In den Wäldern Manch ein Baum gar prangend steht, Der von linden Frühlingswinden Wird mit Blüthen übersät; |
Der in Hülle Und in Fülle Goldne Frucht am Zweige trägt; Wo in süßen Wechselgrüßen Nachtigall und Finke schlägt.
Aber saget, Ob wohl raget Je ein Baum so voller Pracht, Wie der reiche, Dessen Zweige Strahlen in der heil’gen Nacht!
Und noch wahrer Und noch klarer Als die Lichtfluth euch entzückt, Glänzt auf’s Neue All die treue Liebe, die den Baum geschmückt.“ |
|
Der König sprach in mildem Ton Zu Reinhold jetzt: „Du guter Sohn! Die Sündfluth ist vorüber zwar, Doch böse Buben sind nicht rar; Die sind noch lang’ nicht all geworden Und finden sich an vielen Orten. Ein sauber Pröbchen kann ich dir In meinen Pagen zeigen hier. Die Kerlchen sind dir wohlbekannt, Hofschlingel werden sie genannt.“ Der König winkt’; da kam herbei Die ganze Struwwelpeterei. |
Zuerst zeigt’ Struwwelpeter sich, Dann kam der böse Friederich; Der Daumenlutscher lutschte sehr, Der Zappelphilipp hinterher Kam mit dem Tischtuch auf dem Rücken; Hans aber wollt’ sich gar nicht bücken, Weil stets sein Blick in Lüften hing; Dann Robert mit dem Schirme ging. Verhungert ganz und sehr elend Kam Suppenkaspar noch am End’. Die Tintenbuben sprangen munter Den Zug hinauf bald, bald hinunter. |
|
Reinhold stand jetzt ganz verlassen In den öden, stillen Gassen. Da erschien in lichtem Glanz Mit der Lilie und dem Kranz Jener Knabe, wunderbar, Der zuerst sein Führer war. Und mit freundlichem Gesicht Jetzt der Engel zu ihm spricht:
„Laß uns gehn! Das Spiel ist aus. Lieber Reinhold, komm’ nach Haus, Daß die Mutter nicht erwacht Und um dich sich Sorge macht! Doch von all’ den schönen Dingen, Die du heute hier geschaut, |
Will ich dir ein Abbild bringen, Wenn der frühe Morgen graut.“
Durch die grünen Wiesen schreiten Leicht hinwandelnd nun die Beiden; Aber Kirche, Stadt und Baum Werden klein, man sieht sie kaum; Winzig Alles ganz und gar, Wie es in dem Kästchen war.
Reinhold tritt beim Lampenschimmer In die Hütte, in sein Zimmer. Ruhig schläft das Mütterlein; Auf den Zehen tritt er ein. Leise legt er schnell sich nieder, Und der Schlaf umfängt ihn wieder. |
|
Als der frühe Morgen graut Und durch’s kleine Fenster schaut, Da erwachen Beide schon, Und die Mutter sieht den Sohn, Der noch eben krank gewesen, Heiter, blühend und genesen. Schönste aller Weihnachtsgaben, Die ein Mutterherz kann haben! Doch in herrlicher Verklärung Glänzt die prächtige Bescheerung. Hundertfacher Kerzenschein Füllt das kleine Zimmerlein. Alles hat in später Nacht Hier der Engel hergebracht; Weihnachtsbaum in vollem Prangen, Wunderherrlich ausgeschmückt, Und mit Allem reich behangen, Was nur Aug’ und Herz entzückt. Da ist auch der Struwwelpeter, Und der lustige Trompeter; Nüsseknacker steht dabei, Hanselmänner sind es zwei, Arche Noäh, Storch und Hahn, Häuser, Kirch’ und Baum daran, |
Reiterei und Fußsoldaten, Die Kanone scharf geladen, Und daneben auf der Erd’ Steht sogar das Schaukelpferd. Reinhold und die Mutter seh’n Staunend all’ die Sachen steh’n.
Auch die Katze und die Maus Gingen heute leer nicht aus. Kätzlein hatte Milch zu lecken; Mäuslein aber in den Ecken An dem Honigkuchen frißt, Drauf ein M von Zucker ist.
Und am Baum die Glocken klingen, Und die gold’nen Vögel singen:
„Nicht grämen sollt ihr euch und sorgen! Gott sendet seine Engel aus. Wen er beschützt, der ist geborgen, Und Frieden wohnt in seinem Haus.
Und heilend auf die tiefsten Wunden Legt mild die Hand er allemal, Und mitten in den trübsten Stunden Trifft euch der Freude Sonnenstrahl.“ |
Krebs-Schmitt Nachf. Aug. Weisbrod, Frankfurt a. M.