21. Die Veränderungen im Ministerium sind angezeigt in der London Gazette vom 19. Febr. 1684/5. Burnet, I., 621; Barillon, Feb. 9.(19.) 16.(26.) & Feb. 19. (March 1.)

22. Carte’s Life of Ormond; Secret Consults of the Romish Party in Ireland, 1690; Memoirs of Ireland, 1716.

Sir Georg Jeffreys. Das große Siegel blieb in Guildford’s Verwahrung, aber eine harte Demüthigung ward ihm zu gleicher Zeit zu Theil. Es wurde der Entschluß gefaßt, einen energischen und tüchtigen Juristen der Verwaltung beizugeben, und hierzu wählte man Sir Georg Jeffreys, Oberrichter des Gerichtshofes der Kings-Bench. Die Verworfenheit dieses Mannes ist zum Sprichwort geworden. Die beiden großen Parteien Englands haben sein Andenken mit wetteifernder Heftigkeit angegriffen, denn die Whigs erblickten in ihm einen grausamen Feind, und die Tories fanden es für angemessen, die Schuld an allen den Verbrechen, durch welche sie ihren Sieg entehrten, auf ihn zu wälzen. Eine genaue und auf Wahrheit beruhende Untersuchung wird darthun, daß einige entsetzliche Geschichten, welche man von ihm erzählt, unrichtig oder übertrieben sind, doch selbst der besonnene Geschichtsschreiber kann von der beispiellosen Menge von Schändlichkeiten, welche das Andenken dieses verworfenen Richters entehren, nur wenige beseitigen.

Er war ein Mann von regsamem, kräftigem Geiste, aber von Natur zur Frechheit und wilden Leidenschaften geneigt. Kaum dem Kindesalter entwachsen, hatte er seine Praxis an den Schranken der Old Bailey begonnen, wo die Rechtsgelehrten immer eine Freiheit der Sprache ausgeübt haben, wie sie in Westminsterhall völlig unbekannt war. Hier war viele Jahre lang seine Hauptbeschäftigung, die Verhöre der verstocktesten Bösewichter der Hauptstadt abzuhalten, und seine tägliche Berührung mit lockeren Dirnen und Dieben weckte und vervollkommnete sein Talent dergestalt, daß er der ausgebildetste Rabulist wurde, den jemals sein Beruf erzeugte. Jede schonende Rücksicht für die Gefühle Anderer, jede Selbstachtung, jeder Sinn für Anstand waren ihm fremd. Er gewann eine unbeschreibliche Fertigkeit in der Ausdrucksweise, in welcher der Pöbel Haß und Verachtung ausspricht. Der Reichthum von Verwünschungen und Schmähreden, aus denen sein Wörterbuch bestand, ließ kaum auf dem Fischmarkt oder im Bärengarten etwas Ähnliches auffinden. Sein Gesichtsausdruck und seine Stimme müssen immer unliebenswürdig gewesen sein, aber diese natürlichen Vorzüge — denn als solche scheint er sie betrachtet zu haben — waren von ihm zu einer solchen Vollkommenheit ausgebildet worden, daß es nicht Viele gab, die ihn in seinen Wuthausbrüchen sehen und hören konnten, ohne heftig erregt zu werden. Frechheit und Wildheit thronten auf seiner Stirne. Der Blick seines Auges übte einen Zauber aus auf das unselige Schlachtopfer, auf das es sich richtete; doch behauptete man, seine Stirn und seine Augen hätten weniger Entsetzliches gehabt, als die verzerrten Züge seines Mundes. Sein Wuthgebrüll klang, wie Jemand sagte, der ihn oft gehört, wie der Donner des Weltgerichts. Diese Eigenschaften brachte er von der Barre mit auf den Richterstuhl. Er wurde sehr bald Gemeindesachwalter und später Syndikus von London. Als Richter bei den Sitzungen der City entwickelte er dieselben Neigungen, die ihm nach der Zeit in einer höheren Stellung einen nicht eben beneidenswerthen Nachruhm verschafft haben. Schon konnte man an ihm das abscheulichste Laster, dessen die menschliche Natur fähig ist, Vergnügen am Elend, lediglich als solchem, wahrnehmen. Es lag eine hämische Wollust in der Art und Weise, wie er den Verbrechern das Urtheil verkündigte. Ihr Jammern und Flehen schien ihm einen angenehmen Kitzel zu verursachen, und es amüsirte ihn, sie bis zu Krämpfen zu peinigen, indem er ihnen mit der weitläufigsten Ausführlichkeit die Einzelheiten der Qualen schilderte, welche sie zu erdulden hätten. Wenn er Gelegenheit fand, eine unglückliche Frauensperson zum Staupbesen zu verurtheilen, so rief er: „Henker! ich verlange, daß Ihr dieser Dame besondere Aufmerksamkeit schenkt. Peitschet derb drauf los, Mann! Haut sie, bis das Blut herunterläuft! Es ist Weihnachten, eine kühle Zeit für Madame, um sich zu entkleiden, bemüht Euch, daß ihr die Schultern warm werden.“23 Er war kaum weniger scherzhaft, als er den armen Ludwig Muggleton verurtheilte, den trunkenen Schneider, der sich für einen Propheten ausgab. „Frecher Schurke, brüllte Jeffreys, Du sollst eine leichte, eine ungemein leichte Strafe erhalten.“ Ein Theil dieser leichten Strafe war der Schandpfahl, an welchem der arme Fanatiker durch Steinwürfe beinahe getödtet wurde.24

Zu dieser Zeit war Jeffreys’ Gemüth bis zu einem Grade verhärtet, wie es bei den schlimmsten Werkzeugen der Tyrannei erforderlich ist. Bisher hatte er in Betreff seiner Beförderung im Amte nur auf die Corporation von London gerechnet. Aus diesem Grunde hatte er sich zum Rundkopf bekannt, und immer eine freudigere Aufregung gezeigt, wenn er katholischen Priestern ankündigte, daß sie lebendig aufgeschnitten werden und mit eigenen Augen ansehen sollten, wie ihre Eingeweide ins Feuer geworfen würden, als wenn er ein gewöhnliches Todesurtheil aussprach. Sobald er von der City alles erlangt hatte, was von ihr zu erwarten war, ließ er es sich angelegen sein, seine eiserne Stirn und giftgeschwollene Zunge dem Hofe zu verkaufen. Chiffinch, dem es nichts Neues war, bei ehrlosen Geschäften aller Art den Unterhändler abzugeben, war ihm dabei behülflich. Derselbe hatte manche galante und politische Intrigue geleitet, nie aber seinem Herrn einen schändlicheren Dienst erwiesen, als durch die Einführung Jeffreys’ in Whitehall. Der Überläufer erfreute sich bald der Gönnerschaft des hartherzigen und rachsüchtigen Jakob, während Karl, dessen Fehler, so bedeutend sie auch immer waren, doch in keiner Verbindung mit Unverschämtheit und Grausamkeit standen, Verachtung und Abneigung gegen ihn empfand. „Dieser Mensch“, sagte der König, „hat weder Kenntnisse, noch Verstand und Lebensart, und mehr Frechheit als zehn ausgepeitschte Bordellschwestern.“25 Aber es gab Beschäftigungen, die Niemand übernehmen mochte, der Achtung vor dem Gesetz oder Gefühl für Schande hatte, und so wurde Jeffreys in einem Lebensalter, wo ein Sachwalter sich glücklich schätzt, wenn man ihm einen bedeutenden Prozeß anvertraut, zum Oberrichter an der Kings Bench erhoben.

Selbst seine Feinde konnten übrigens nicht in Abrede stellen, daß er manche Eigenschaften eines großen Richters besaß. Seine Rechtskunde beschränkte sich allerdings nur auf Kenntnisse, wie sie eine Praxis von nicht besonderer Wichtigkeit verleihen konnte, doch besaß er einen vortheilhaft organisirten Verstand, der ihn durch Irrwege von Sophistereien und Massen unerheblicher Thatsachen gerade auf das gesuchte Ziel hinführte. Übrigens war er selten im vollen Besitz seiner Geisteskräfte, und selbst in civilen Rechtsfallen verwirrte sein boshafter und despotischer Character sehr häufig sein gesundes Urtheil. Vor seinen Gerichtshof treten war wie der Eintritt in die Höhle eines reißenden Thieres, das unzähmbar ist und durch Liebkosungen wie durch Angriffe in gleiche Wuth versetzt wird. Er überhäufte bisweilen Kläger und Beklagte, Anwälte und Advokaten, Zeugen und Geschworne mit einer Fluth unsinniger Schimpfworte, vermischt mit Fluchreden und Schwüren. Sein Blick und Ton hatten Furcht erregt, als er noch ein junger Advokat war, der sich Praxis zu verschaffen suchte, jetzt, wo er Präsident des furchtbarsten Gerichtshofs des Reiches war, gab es in Wahrheit nur Wenige, die nicht vor ihm gezittert hätten. Selbst in nüchternem Zustande war seine Leidenschaftlichkeit entsetzlich genug, gewöhnlich aber befand sich sein Verstand unter dem Einflusse des Rausches und seine gehässigen Leidenschaften erlangten dadurch eine höhere Gereiztheit. Seine Abende verbrachte er insgemein bei Trinkgelagen, und wer ihn blos bei der Weinflasche sah, mußte ihn für einen zwar groben, plumpen, rohen und sinnlichen Menschen, zugleich aber auch für einen gemüthlichen und geselligen Mann halten. In seiner Gesellschaft befanden sich bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich Possenreißer, welche in der Mehrzahl aus den erbärmlichsten Zungendreschern, welche vor ihm praktizirten, gewählt waren, und sich zu seinem Amüsement schimpften und aufzogen. Er riß mit ihnen Zoten, stimmte in ihre Rundgesänge ein, und wenn sein Kopf erhitzt wurde, so herzte und küßte er sie in seliger Weinlaune. Wenn aber auch anfänglich der Wein auf sein Herz einen besänftigenden Einfluß auszuüben schien, so machte sich doch nach einigen Stunden eine ganz andre Wirkung bemerkbar. Oft, wenn der Gerichtshof ihn längere Zeit erwartet und sein Rausch erst halb verflogen war, betrat er seinen Gerichtssitz mit glühenden Wangen und Augen, starrend wie die eines Verrückten. Befand er sich in solchem Zustande, so thaten seine Zechgenossen von voriger Nacht wohl, wenn sie ihm fern blieben, denn die Erinnerung an die ihnen gestattete Vertraulichkeit erregte seinen Zorn und er benutzte zuverlässig jeden Anlaß, um sie mit Schimpf und Schande zu überschütten. Unter seinen vielen abscheulichen Sonderbarkeiten bestand eine in dem Vergnügen, Diejenigen, welchen er bei seinen Anfällen von trunkener Zärtlichkeit seine Gunst zugesagt hatte, nachher öffentlich anzufahren und sie zu beleidigen.

Die Dienste, welche die Regierung von ihm erwartete, leistete er nicht nur ohne Zögern, sondern eifrig und triumphirend. Der Justizmord Algernon Sidney’s war seine erste That, und was darauf folgte, stand mit derselben in völligem Einklange. Ehrenwerthe Tories beklagten die Schande, welche die Unmenschlichkeit und das unanständige Betragen eines so hochgestellten Beamten auf die Verwaltung der Rechtspflege brachte, aber die Frevelthaten, welche bei diesen Männern Entsetzen erregten gaben Anspruch auf die Hochschätzung Jakob’s, und deshalb erhielt Jeffreys nach Karl’s Tode einen Sitz im Kabinet und die Pairswürde. Letztere Auszeichnung war ein besonderes Zeichen der königlichen Gnade, denn seit der Umgestaltung der Gerichtsverfassung des Reichs — im dreizehnten Jahrhundert — war kein Oberrichter Lord des Parlaments gewesen.26

Guildford sah sich nun von seiner politischen Thätigkeit entfernt und auf sein Amt als Billigkeitsrichter beschränkt. Im Rathe wurde er von Jeffreys mit bemerkbarer Unhöflichkeit behandelt. Die Besetzung aller Justizämter befand sich in den Händen des Oberrichters, und die Rechtsgelehrten wußten wohl, daß es das beste Mittel sei, den Oberrichter zu beruhigen, wenn man den Lord Siegelbewahrer verächtlich behandelte.

23. Protokolle der Weihnachtssession von 1678.

24. The Acts of the Witnesses of the Spirit, part V. chapter V. In diesem Werke rächt sich Ludwig nach seiner Weise an dem brüllenden Teufel, wie er Jeffreys nennt, durch eine Masse von Flüchen, um welche ihn Ernulphus beneidet haben würde. Der Prozeß fand im Jahre 1677 statt.

25. Dieser Ausspruch ist in vielen gleichzeitigen Flugschriften zu finden. Titus Oates wurde nicht müde, denselben anzuführen. Man sehe sein Εἰκὼν βασιλικὴ.

26. Die besten Auskunftsquellen über Jeffreys sind die Staatsprozesse und North’s Life of Lord Guildford. Einige weniger wichtige Züge verdanke ich gleichzeitigen Flugschriften in Versen und Prosa. Dergleichen sind the Bloody Assizes, the Life and Death of George Lord Jeffreys, the Panegyric on the late Jeffreys, the Letter to the Lord Chancellor, Jeffreys’s Elegy. Man sehe auch Evelyn’s Diary, Dec. 5. 1683, Oct. 31. 1685. Es ist unnöthig, dem Leser zu empfehlen, Lord Campbell’s vortreffliches Buch zu Rathe zu ziehen.

Erhebung der Kroneinnahmen ohne Parlamentsacte. Nur wenige Stunden erst war Jakob König, als schon zwischen den beiden Häuptern der Justiz Streitigkeiten ausbrachen. Die Zölle waren Karl nur auf die Dauer seines Lebens überlassen worden, und der neue Souverain konnte sie aus diesem Grunde gesetzlich nicht erheben. Ehe ein Haus der Gemeinen gewählt wurde, mußten einige Wochen vergehen, und wenn während dieser Zeit die Erhebung der Zölle sistirt wurde, so erlitt das Staatseinkommen Verluste, der regelmäßige Handelsverkehr kam ins Stocken, die Consumenten hatten keinen Gewinn davon, und die Einzigen, welche Vortheil daraus zogen, waren die glücklichen Spekulanten, deren Waarenladungen zufällig in der Zeit zwischen dem Thronwechsel und der Versammlung des Parlaments anlangten. Das Schatzamt wurde von Kaufleuten umlagert, deren Magazine mit verzollten Gütern angefüllt waren, und welche in großer Sorge schwebten, durch niedrigere Preise zu Grunde gerichtet zu werden. Unparteiische Männer mußten zugestehen, daß dies ein Fall war, wo die Abweichung einer Regierung von dem streng verfassungsmäßigen Verfahren zu rechtfertigen ist; gebietet ihr aber die Nothwendigkeit, den strengverfassungsmäßigen Weg zu verlassen, so darf sie nicht weiter von demselben sich entfernen, als die Umstände es erfordern. Guildford sah das ein, und machte einen Vorschlag, der ihm zur Ehre gereichte. Er gab den Rath, daß man die Zölle einfordere, die eingegangenen Gelder aber, getrennt von anderen Summen, im Schatzamte so lange verwahre, bis das Parlament zusammengetreten sei. Auf diese Art würde der König den Beweis liefern, daß wenn er auch den Buchstaben des Gesetzes verletze, er doch im Geiste desselben zu handeln wünsche. Jeffreys war andrer Meinung. Er rieth Jakob, ein Edict zu erlassen, worin gesagt würde, es sei Sr. Majestät Wunsch und Wille, daß die Zölle fortgezahlt würden. Dieser Rath war vollkommen nach des Königs Sinne. Der vernünftige Vorschlag des Lord Siegelbewahrers wurde als nur eines Whigs, — oder was viel schlimmer — eines Trimmers würdig, verworfen, und es erschien eine öffentliche Bekanntmachung nach der Angabe des Oberrichters. Viele glaubten, daß der allgemeine Unwille dadurch in hohem Grade erregt werden würde, es war aber nicht der Fall. Der Geist der Opposition war noch nicht wieder zu Leben gekommen, und der Hof konnte ohne alle Gefahr sich Handlungen erlauben, welche fünf Jahre früher eine Revolution hervorgerufen haben würden. In der vor kurzer Zeit noch so unruhigen Hauptstadt ließ sich kaum ein Murren hören.27

27. London Gazette, Feb. 12. 1684—85. North’s Life of Guildford, 254.

Einberufung eines Parlaments. Die Proklamation, welche die Forterhebung der Zölle ankündigte, zeigte zugleich an, daß baldigst ein Parlament zusammenkommen würde. Nicht ohne großes Bedenken hatte Jakob den Entschluß gefaßt, die Stände des Reiches zu versammeln. Allerdings war der Zeitpunkt zu einer allgemeinen Wahl ein höchst günstiger, denn seit der Thronbesteigung des Hauses Stuart waren die Wahlkörper noch nie dem Hofe so wohlgesinnt gewesen, wie jetzt; aber der Geist des neuen Herrschers war von einer Besorgniß umfangen, die selbst nach so langer Zeit noch Scham und Ärger erzeugen muß, wenn man ihrer gedenkt. Er fürchtete, daß die Versammlung des englischen Parlaments den Unwillen des Königs von Frankreich erregen könnte.

Verhandlungen zwischen Jakob und dem König von Frankreich. Dem König von Frankreich war es höchst gleichgültig, welche der zwei englischen Parteien bei den Wahlen den Sieg davon trug, denn sämmtliche Parlamente, welche seit der Restauration zusammengekommen waren, in welcher Stimmung sie auch rücksichtlich der inneren Staatsverwaltung sich befunden, hatten die emporstrebende Macht des Hauses Bourbon mit eifersüchtigem Auge betrachtet. In dieser Beziehung bestand kein großer Unterschied zwischen den Whigs und den trotzigen Landedelleuten, welche die Hauptmacht der Torypartei bildeten. Ludwig hatte deshalb weder Bestechungen noch Drohungen unterlassen, um Karl von der Zusammenberufung der Häuser abzuhalten, und Jakob, von jeher in das Geheimniß der auswärtigen Politik seines Bruders eingeweiht, war nun, nachdem er König von England geworden, gleichfalls ein Miethling und Vasall Frankreichs.

Rochester, Godolphin und Sunderland, aus welchen das innere Kabinet bestand, war es kein Geheimniß, daß ihr voriger Herrscher von dem Versailler Hofe Geld empfing. Jakob zog sie zu Rathe, ob es angemessen sei, den gesetzgebenden Körper zu versammeln. Sie gestanden zu, daß es von großer Bedeutung sei, Ludwig bei guter Laune zu erhalten, aber es schien ihnen, daß die Einberufung eines Parlaments durchaus keine Sache einer freien Wahl sein könne. Wie nachgiebig die Nation sich auch zeigte, ihre Geduld hatte Grenzen. Der Grundsatz, daß der König nicht berechtigt sei, das Geld seiner Unterthanen ohne Beistimmung der Gemeinen zu erheben, hatte in der öffentlichen Meinung feste Wurzel gefaßt, und wenn auch in einem außerordentlichen Falle selbst Whigs bereit waren, einige Wochen hindurch Zölle zu entrichten, deren Erhebung nicht gesetzlich gerechtfertigt war, so ließ sich doch nicht bezweifeln, daß selbst Tories widerspenstig werden mußten, wenn solche unbillige Besteuerung länger währen sollte, als die besonderen Verhältnisse, welche sie veranlaßt hatten. Die Häuser mußten daher unbedingt zusammentreten, und je früher sie einberufen wurden, um so besser war es. Selbst der kurze Aufschub, welcher, aus einer Mittheilung nach Versailles entstehen mußte, konnte ein Unglück herbeiführen, das nicht wieder zu beseitigen war. Unzufriedenheit und Verdacht würden sich schnell im Publikum verbreiten, und Halifax sich beschweren, daß man die Grundgesetze der Verfassung angegriffen habe. Der Lord Siegelbewahrer, als furchtsamer, pedantischer Kleinigkeitskrämer, würde ihn unterstützen. Was man mit freiem Willen hätte thun können, würde man später gezwungen thun. Gerade diejenigen Minister, denen der König die öffentliche Achtung zu entziehen wünschte, würden sich auf seine Kosten beliebt machen. Die schlechte Volksstimmung konnte auf die Wahlresultate einen wichtigen Einfluß haben. Diese Gründe ließen sich nicht widerlegen, und der König that dem Lande seinen Willen, kund, ein Parlament zusammen zu berufen. Dabei aber war er ängstlich bemüht, sich von dem Verdachte freizuhalten, als habe er vertragswidrig und unehrerbietig gegen Frankreich gehandelt. Er geleitete Barillon in ein geheimes Zimmer und bat um Verzeihung, daß er einen so bedeutungsvollen Schritt ohne vorherige Erlaubniß Ludwig’s gethan habe. „Geben Sie Ihrem Herrn die Versicherung meiner Dankbarkeit und Ergebenheit, ich weiß, daß ich ohne seinen Schutz machtlos bin. Es ist mir bekannt, welche Unannehmlichkeiten meinem Bruder dadurch entstanden sind, daß er nicht treulich zu Frankreich hielt. Ich werde Sorge tragen, daß die Häuser sich nicht in auswärtige Angelegenheiten mischen können; bemerke ich bei ihnen die Absicht, Unheil anzustiften, so werde ich sie unverzüglich heimschicken. Sagen Sie das meinem geliebten Bruder, ich hoffe, er wird es mir nicht übel deuten, daß ich ohne seinen Rath gehandelt habe, er hat ein Recht darauf, von mir um Rath gefragt zu werden, und es ist mein Wunsch, über Alles seinen Rath zu hören; bei dieser Gelegenheit aber hätte ein Aufschub von einer einzigen Woche ernste Folgen nach sich ziehen können.“ Diese schmachvollen Entschuldigungen wurden am nächsten Morgen von Rochester wiederholt, und Barillon nahm sie artig auf. Rochester, dadurch ermuthigt, bat nun um Geld. „Es wird gut angelegt werden“, bemerkte er, „Ihr Gebieter kann seine Einnahmen nicht einträglicher verwenden. Machen Sie ihn angelegentlichst darauf aufmerksam, von welcher Bedeutung es ist, daß der König nicht von seinem Volke, sondern von der Freundschaft Frankreichs abhängig sei.“28

Barillon säumte nicht, Ludwig mit den Wünschen der englischen Regierung bekannt zu machen, aber Ludwig war ihnen bereits zuvorgekommen. Kaum hatte er den Tod Karl’s erfahren, so beeilte er sich, Wechsel auf England, im Werthe von fünfhunderttausend Livres, anzuschaffen, eine Summe, die etwa siebenunddreißigtausendfünfhundert Pfund Sterling gleichkam. Solche Wechsel waren zu jener Zeit in Paris nicht leicht im Laufe eines Tages aufzubringen, nach wenigen Stunden aber war das Geschäft schon besorgt, und ein Courier ging nach London ab.29 Sobald Barillon die Rimessen erhielt, eilte er mit seinen angenehmen Neuigkeiten nach Whitehall. Jakob schämte sich nicht, Thränen der Freude und Dankbarkeit zu vergießen, oder zu thun, als vergösse er solche. „Niemand, außer Ihrem König, begeht so edle und freundliche Handlungen,“ sagte er. „Ich kann ihm niemals meine Dankbarkeit zur Genüge beweisen, geben Sie ihm die Versicherung, daß meine Ergebenheit erst mit meinem Tode endigen wird.“ Rochester, Sunderland und Godolphin kamen, Einer nach dem Andern, den Gesandten zu umarmen und ihm ins Ohr zu raunen, daß er ihrem königlichen Herrn neues Leben gegeben habe.30

Obgleich Jakob und seinen drei Räthen die von Ludwig bewiesene Schnelligkeit recht wohlgefiel, so erreichte doch der Betrag des Geschenks keineswegs ihre Erwartung. Da sie durch zudringliche Bettelei anstößig zu werden besorgten, so deuteten sie ihre Wünsche nur leise an. Sie versicherten, es sei nicht ihre Absicht, mit einem so edelmüthigen Wohlthäter wie der König von Frankreich zu feilschen, und sie wären entschlossen, gänzlich seiner Freigebigkeit zu vertrauen. Zugleich machten sie den Versuch, ihn durch ein großes Opfer der Nationalehre sich geneigt zu machen. Es war kein Geheimniß, daß es ein Hauptzweck seiner Politik war, die belgischen Provinzen mit seinem Gebiete zu vereinigen. England hatte durch einen Vertrag mit Spanien, der abgeschlossen werden war, als Danby das Schatzmeisteramt verwaltete, die Verpflichtung übernommen, jedem Versuche Frankreichs auf jene Provinzen sich zu widersetzen. Die drei Minister erklärten Barillon, daß ihr Herr durch jenen Vertrag sich nicht mehr für gebunden erachte, da er durch Karl abgeschlossen worden sei. Für diesen könne er gültig gewesen sein, sein Bruder aber fühle sich nicht durch ihn verpflichtet. Der allerchristlichste König möge daher ohne jede Besorgniß vor Einspruch von Seiten Englands beliebige Schritte thun, Brabant und Hennegau seinem Reiche einzuverleiben.31

28. Die Hauptquelle für Barillon’s Depesche vom 9.(19.) Febr. 1685. Sie befindet sich im Anhange zu Fox’ History. Man sehe auch Preston’s Brief an Jakob d. d. 18.(28.) April 1685 bei Dalrymple.

29. Ludwig an Barillon, 16.(26.) Febr. 1685.

30. Barillon, 16.(26.) 1685.

31. Barillon, 18.(26.) Febr. 1685.

Churchhill als Gesandter nach Frankreich geschickt. Zu gleicher Zeit wurde bestimmt, daß eine außerordentliche Gesandtschaft abgeschickt werden sollte, um Ludwig der Dankbarkeit und Ergebenheit Jakob’s zu versichern. Mit dieser Sendung beauftragte man eine Persönlichkeit, welche noch keine besonders hohe Stellung einnahm, deren Ruf aber, seltsam aus Schande und Ruhm hervorgegangen, zu einer späteren Periode die ganze gebildete Welt erfüllte.

Seine Geschichte. Bald nach der Restauration, in den fröhlichen, sittenlosen Zeiten, welche durch die Feder Hamilton’s so lebhaft geschildert worden ist, fühlte sich Jakob, jung und feurig im Genuß, von Arabella Churchhill angezogen, einer Ehrendame seiner ersten Gemahlin. Das Fräulein war nicht schön, aber Jakob’s Geschmack auch nicht wählerisch, und so wurde sie seine erklärte Maitresse. Sie war die Tochter eines armen Ritters, welcher nach Whitehall kam und sich durch Herausgabe einer längst verschollenen, schwerfälligen und gezierten Folioschrift blamirte. Die Verlegenheiten der Churchhills waren dringender Art, ihre Loyalität glühend, und ihre einzige Empfindung bei Arabella’s Entehrung scheint ein freudiges Erstaunen gewesen zu sein, daß ein so einfaches Mädchen so hoher Auszeichnung würdig befunden wurde.

Ihr Einfluß war von nicht geringem Nutzen für ihre Anverwandten, keiner von ihnen gelangte aber zu so besonderem Glück wie ihr ältester Bruder, Johann, ein schöner junger Mann, der eine Offiziersstelle in der Garde zu Fuß bekleidete. Er avancirte rasch, am Hofe wie im Heere, und machte sich bald als ein Mann von Welt und Heiterkeit bemerkbar. Er besaß eine stattliche Gestalt, ein hübsches Antlitz und ein äußerst einnehmendes Betragen, jedoch mit solcher Würde gepaart, daß es dem naseweisesten Gecken nicht in den Sinn kam, sich Freiheiten gegen ihn zu erlauben, und dabei wußte er sein Temperament in den unangenehmsten und aufregendsten Fällen vollkommen zu beherrschen. Doch hatte, er eine so mangelhafte Erziehung genossen, daß er die gewöhnlichsten Worte seiner Muttersprache nicht richtig zu schreiben wußte, aber sein durchdringender, kräftiger Verstand ersetzte in hohem Grade die fehlende Büchergelehrsamkeit. Er war nicht gesprächig, aber bei der Nothwendigkeit öffentlich zu reden, wurde seine kunstlose Beredtsamkeit von den geübtesten Rhetoriken bewundert. Während vieler von Sorge und Gefahr begleiteten Jahre hat er auch in den kritischesten Augenblicken den vollkommenen Gebrauch seiner seltenen Urtheilskraft nicht einmal verloren.

Als er dreiundzwanzig Jahre alt war, stieß er mit seinem Regimente zu den französischen Truppen, welche damals gegen Holland operirten. Seine fröhliche Tapferkeit zeichnete ihn unter den Tausenden wackerer Soldaten aus, seine militairische Tüchtigkeit gewann ihm die Achtung der älteren Offiziere. Turenne, der damals das höchste militairische Ansehen genoß, dankte ihm einst öffentlich vor der Fronte des Heeres und gab ihm viele Beweise von Achtung und Vertrauen.

Unglücklicherweise waren die glänzenden Eigenschaften Churchhill’s mit Fehlern der schmutzigsten Art verbunden. Einige Neigungen, welche bei der Jugend besonders widerwärtig sind, begannen sich bei ihm sehr zeitig zu entwickeln. Selbst bei seinen Lastern ließ er den Vortheil nicht aus den Augen, und bezog bedeutende Stipendien von Damen, welche sich durch die Geschenke freigebigerer Liebhaber bereicherten. Einige Zeit war er ein Gegenstand der heftigen aber vergänglichen Liebe der Herzogin von Cleveland. Als er einst vom König bei ihr angetroffen wurde, war er genöthigt, aus dem Fenster zu springen, und sie belohnte ihm diese ritterliche Galanterie mit einem Geschenk von fünftausend Pfund. Mit diesem Gelde kaufte sich der junge kluge Held sofort eine Leibrente von fünfhundert Pfund jährlich, welche durch Grundbesitz gesichert war.32 In seinen geheimen Schubfächern befanden sich bereits Haufen von Goldstücken, welche nach funfzig Jahren, als er Herzog, Reichsfürst und der reichste Unterthan in Europa war, noch unberührt lagen.33

Nach beendigtem Kriege wurde er dem Hofstaate des Herzogs von York zugeordnet, ging mit seinem Gönner nach den Niederlanden und Edinburg und erhielt für seine Dienste eine schottische Pairschaft und den Befehl über das einzige Dragonerregiment, welches damals im englischen Heere sich befand.34 Seine Gemahlin war im Hofstaate der jüngeren Tochter Jakob’s, der Prinzessin von Dänemark, angestellt.

Lord Churchhill ging nun als außerordentlicher Gesandter nach Versailles. Er war beauftragt, die warme Dankbarkeit der englischen Regierung für das so freigebig gespendete Geld auszusprechen. Vorher hatte man den Plan gehabt, Ludwig um eine viel größere Geldsumme zu ersuchen, aber bei weiterem Nachdenken die Besorgniß gehegt, solch unzarte Gier könnte dem Wohlthäter, dessen unerbetene Freigebigkeit sich so glänzend gezeigt, unangenehm berühren, deshalb bekam Churchhill Befehl, blos den Dank für das Geschehene auszudrücken und über die Zukunft zu schweigen.35

Wahrend Jakob und seine Minister jeden Schein von Zudringlichkeit zu vermeiden suchten, wußten sie doch sehr verständlich anzudeuten, welche Wünsche und Hoffnungen sie noch hegten. Sie besaßen an dem französischen Gesandten einen gewandten, thätigen, wohl auch nicht uneigennützigen Unterhändler. Ludwig machte einige Schwierigkeiten, vermuthlich zu dem Zwecke, den Werth seiner Geschenke zu erhöhen, in einigen Wochen aber erhielt Barillon von Versailles fernere fünfzehnhunderttausend Livres, und bekam den Auftrag, diese Summe, welche ungefähr einhundertzwölftausend Pfund Sterling betrug, vorsichtig zu vertheilen. Er sollte der englischen Regierung dreißigtausend Pfund zur Bestechung von Mitgliedern des neuen Hauses der Gemeinen einhändigen, und den Rest für irgend einen außerordentlichen Fall, wie eine Auflösung des Parlaments oder eine Revolution, aufbewahren.36

Die Nichtswürdigkeit dieser Verhandlungen ist allgemein anerkannt, aber ihre wahre Natur scheint oft Mißdeutungen unterlegen zu haben, denn obgleich die auswärtige Politik der letzten zwei Könige der Stuart’schen Dynastie niemals, seit die Correspondenz Barillon’s zur Kenntniß des Publikums gekommen ist, einen Vertheidiger unter uns gefunden hat, so existirt doch noch immer eine Partei, welche es sich angelegen sein läßt, ihre innere Politik zu beschönigen. Es besteht aber kein Zweifel, daß zwischen ihrer inneren und auswärtigen Politik ein nothwendiger und nicht zu trennender Zusammenhang stattfand. Hätten sie nur einige Monate lang die Ehre des Landes nach Außen vertreten, so mußten sie sich entschließen, das ganze System ihrer inneren Verwaltung einer Änderung zu unterwerfen. Sie zu rühmen, weil sie sich sträubten, in Übereinstimmung mit den Ansichten des Parlaments zu regieren, und sie doch zu tadeln, weil sie den Befehlen Ludwig’s Folge leisteten, ist ein Widerspruch, denn sie hatten nur die Wahl, von Ludwig oder vom Parlamente abhängig zu sein.

Um gerecht zu sein, muß man sagen, daß Jakob gern einen dritten Weg eingeschlagen haben würde, aber es war keiner aufzufinden. Er wurde Frankreichs Sklave, aber man würde sich irren, wollte man glauben, er sei ein zufriedener Sklave gewesen. Er hatte Verstand genug, bisweilen sich selbst über solche Beugung unter das französische Joch zu zürnen und eine Befreiung davon zu wünschen, welche Absicht von den Agenten der fremden Mächte aufs Eifrigste unterstützt wurde.

32. Dartmouth’s Note in Burnet, I. 264; Chesterfield’s Letters, Nov. 18. 1748. Chesterfield ist ein unverwerflicher Zeuge, denn die Leibrente ruhte auf dem Gute seines Großvaters Halifax. Ich hoffe, daß ein Zusatz zu dieser Geschichte, der sich bei Pope findet, keine Wahrheit enthält:

Der Ritter, dem sie diese Summe gab,

Schlug später eine halbe Kron’ ihr ab.

Curll nennt dies ein Stück wandernden Skandal.

33. Pope in Spence’s Anecdotes.

34. Man sehe die geschichtlichen Nachrichten von dem ersten, oder königlichen Dragonerregimente. Die Ernennung Churchhill’s zum Befehlshaber dieses Regiments wurde als Beispiel unsinniger Parteilichkeit verschrieen. Ein Spottgedicht jener Zeit, das ich nicht gedruckt gesehen zu haben mich erinnere, von dem aber ein Manuscript im britischen Museum sich befindet, enthält folgende Zeilen:

Schneidet mit Löffeln ins Fleisch

So zeigt das mehr Verstand,

Als daß Churchhill sollte sein

Der Dragoner Commandant.

35. Barillon, 16.(24.) Febr. 1685.

36. Barillon, 6.(16.) April, Ludwig an Barillon, 14.(24.) April.

Stimmung der Regierungen des Continents in Bezug auf England. Sein Regierungsantritt hatte an jedem Hofe des Festlandes Hoffnungen und Befürchtungen hervorgerufen, und der Beginn seiner Regierung wurde von Fremden mit nicht weniger Aufmerksamkeit beobachtet, als von seinen eigenen Unterthanen. Eine einzige Regierung wünschte, daß die Unruhen, welche England drei Menschenalter hindurch erschüttert hatten, niemals aufhören möchten; alle übrigen Regierungen aber, republikanische wie monarchische, protestantische wie katholische, hofften, daß diese Zerwürfnisse bald ein glückliches Ende nehmen möchten.

Die Natur der langen Streitigkeiten zwischen den Stuarts und ihren Parlamenten wurde freilich von den auswärtigen Diplomaten nur sehr unvollkommen begriffen, aber keinem Staatsmanne konnte die Wirkung verborgen bleiben, welche diese Streitigkeiten auf das Gleichgewicht der europäischen Mächte ausübten. Nach dem gewöhnlichen Gange der Dinge würden die Sympathien der Höfe von Wien und Madrid ohne Zweifel einem Fürsten gehört haben, der gegen Unterthanen, und namentlich einem katholischen Fürsten, der gegen ketzerische Unterthanen kämpfte, aber alle diese Sympathien wurden jetzt durch ein mächtigeres Gefühl beherrscht. Die Besorgniß und der Haß, welche durch die Macht, die Ungerechtigkeit und den Stolz des französischen Königs hervorgerufen worden waren, befanden sich auf dem Culminationspunkte. Seine Nachbarn konnten wohl in Ungewißheit sein, ob es nachtheiliger sei, mit ihm in Krieg oder in Frieden zu leben, denn im Frieden hörte er nicht auf, sie zu berauben und zu verhöhnen, und Krieg hatten sie schon ohne allen Erfolg mit ihm geführt. In dieser bedrängten Lage richteten sie ihren Blick mit banger Erwartung auf England. Ließ sich annehmen, daß es nach den Grundsätzen der Tripleallianz oder denen des Vertrages von Dover handeln würde? Von dieser Entscheidung hing das Schicksal aller seiner Nachbarn ab. Mit Englands Beistand war es noch möglich, Ludwig Widerstand zu leisten, aber man konnte auf keine Hülfe von ihm rechnen, so lange es nicht mit sich selbst einig war. Bevor der Kampf zwischen dem Throne und dem Parlamente begann, war es eine Macht ersten Ranges; von dem Tage an, wo die Streitigkeiten ausgeglichen wurden, trat es wieder in die Reihe der Mächte höchsten Ranges, so lange aber der Zwiespalt fortdauerte, war es zu Unthätigkeit und Abhängigkeit verdammt. Zu den Zeiten der Plantagenets und Tudors war es groß gewesen, unter den Fürsten, welche nach der Revolution auf dem Throne saßen, war es wiederum groß, aber unter den Königen aus der Dynastie der Stuarts zeigte es auf der Karte von Europa eine leere Stelle. Während eine Gattung von Kräften versiegt war, hatte es eine andre noch nicht gewonnen. Die Art von Macht, welche es ihm im vierzehnten Jahrhunderte möglich machte, Frankreich und Spanien zu demüthigen, war verschwunden; die Art von Macht, welche im achtzehnten Jahrhundert Frankreich und Spanien wiederum niederwarf, noch nicht geschaffen. Die Regierung war nicht mehr eine beschränkte Monarchie, wie im Mittelalter, sie war auch noch nicht eine beschränkte nach der neueren Einrichtung geworden. Sie besaß die Mängel zweier verschiedener Systeme, aber nicht die Kraft eines derselben. Die Elemente dieser Staatseinrichtung, anstatt vereinigt zu wirken, hinderten und vernichteten sich gegenseitig. Überall herrschte Unschlüssigkeit, Hader und Unordnung. Das hauptsächliche Streben des Souverains zielte dahin, die Prärogative des gesetzgebenden Körpers zu beeinträchtigen, und das Streben des gesetzgebenden Körpers ging nach Übergriffen in die Hoheitsrechte des Souverains. Der König bediente sich unbedenklich auswärtiger Unterstützung, welche ihn von dem Elend frei machte, von einem aufrührerischen Parlamente abhängig zu sein. Das Parlament verweigerte dem König die Mittel, die Ehre der Nation nach Außen hin kräftig zu vertreten, weil es mit gutem Grunde befürchtete, diese Mittel möchten benutzt werden, um im Inlande Despotismus zu erzeugen. Die Folge dieses gegenseitigen Mißtrauens war, daß unser Vaterland trotz seiner bedeutenden Hülfsquellen eine so untergeordnete Stellung in der Christenheit einnahm wie das Herzogthum Savoyen, oder das Herzogthum Lothringen, und gewiß noch weniger Geltung hatte, wie die kleine Provinz Holland.

Frankreich hatte die begründetsten Ursachen, den Stand dieser Verhältnisse so lange wie möglich zu erhalten,37 während alle übrigen Mächte dringend wünschen mußten, ihn beendigt zu sehen. Ganz Europa war von dem Wunsche durchdrungen, daß Jakob im Einverständniß mit dem Gesetz und der öffentlichen Meinung regieren möchte. Selbst vom Escurial langten Zuschriften an, welche in ernster Weise die Hoffnung aussprachen, daß der neue König in gutes Vernehmen mit seinem Volke und seinem Parlamente treten werde.38 Auch der Vatikan sandte Warnungen gegen unweisen Eifer für den katholischen Glauben. Benedikt Odescalchi, welcher unter dem Namen Innocenz XI. auf dem päpstlichen Stuhle saß, empfand in seiner Stellung als weltlicher Souverain alle die Befürchtungen, mit denen andere Fürsten die Überhandnahme der französischen Macht betrachteten. Er hatte auch seine besonderen Gründe zur Besorgniß. Es war ein wohlthätiger Umstand für den Protestantismus, daß in dem Moment, wo der letzte katholische König von dem Throne Englands Besitz nahm, die katholische Kirche durch Uneinigkeit geschwächt und von einem Schisma bedroht war. Ein ähnlicher Kampf, wie im elften Jahrhundert die Kaiser und Päpste mit einander führten, war zwischen Innocenz und Ludwig ausgebrochen. Ludwig, dem Katholizismus bis zur Bigotterie ergeben, aber mit eiserner Consequenz an seiner königlichen Autorität haltend, beschuldigte den Papst der Eingriffe in die weltlichen Rechte der französischen Krone, und erhielt wiederum vom Papste den Vorwurf, daß er sich Eingriffe in das geistliche Amt der Schlüssel erlaubt habe. Welchen Hochmuth der König auch immer besaß, er fand hier einen noch entschlosseneren Geist, als den seinigen. Innocenz war in seinem Privatleben ein höchst sanfter und gutmüthiger Mann, wenn er aber amtlich vom Stuhle Petri sprach, so geschah es in einem Tone, wie ihn Gregor VII. und Sixtus V. zu gebrauchen pflegten. Der Streit wurde heftiger, Beauftragte des Königs wurden in den Bann gethan; Anhänger des Papstes verwiesen. Der König erhob die Vertheidiger seiner Autorität zu Bischöfen, der Papst versagte ihnen die Bestallung. Sie bewohnten die bischöflichen Paläste und bezogen die Einkünfte, aber sie waren nicht berechtigt, das bischöfliche Amt zu verrichten. Noch vor der Beendigung des Streites befanden sich in Frankreich dreißig Prälaten, welche nicht firmeln oder die Weihen ertheilen durften.39

Hätte zu damaliger Zeit ein andrer Fürst als Ludwig eine solche Streitigkeit mit dem Vatikan gehabt, so hätte er darauf rechnen können, daß alle protestantischen Regierungen für ihn Partei nehmen würden, aber die Besorgniß und der Mißmuth, welche der Ehrgeiz und Übermuth des Königs von Frankreich hervorgerufen hatte, waren so bedeutend, daß Jeder, der muthig genug war, ihm mannhaften Widerstand entgegenzusetzen, der allgemeinen Billigung gewiß sein durfte. Selbst Lutheraner und Calvinisten, welche gegen den Papst den tiefsten Haß fühlten, konnten nicht umhin, ihm gegen einen Tyrannen, der eine Universalmonarchie herzustellen beabsichtigte, glücklichen Erfolg zu wünschen. Auf gleiche Art billigten in unsrem Jahrhunderte Viele, welche in dem Papste den Antichrist erblickten, den Widerstand, den derselbe der ungeheuren Macht Napoleon’s entgegenstellte.

Die Erbitterung Innocenz’ gegen Frankreich veranlaßte ihn, die englischen Angelegenheiten mit Milde und Unbefangenheit aufzufassen. Die Rückkehr des englischen Volkes zur Heerde, die er hütete, würde ihn ohne Zweifel sehr glücklich gemacht haben, er war aber ein zu einsichtsvoller Mann, um zu erwarten, daß eine so kühne und trotzige Nation durch die gewaltthätige und verfassungswidrige Handhabung der königlichen Autorität in den Schooß der katholischen Kirche zurückgeleitet werden könne. Es war leicht vorauszusehen, daß ein Versuch Jakob’s, die Interessen seiner Religion durch ungesetzliche und unpopuläre Mittel zu unterstützen, mißlingen würde, daß der Haß, den die ketzerischen Insulaner gegen den wahren Glauben hegten, heftiger und stärker als jemals emporlodern und sich bei ihnen eine nicht zu trennende Verbindung zwischen Protestantismus und bürgerlicher Freiheit, zwischen Katholizismus und Willkürherrschaft bilden müsse. Zu gleicher Zeit würde der König für sein Volk ein Gegenstand der Abneigung und des Verdachts sein. Wie zur Zeit Jakob’s I., Karl’s I. und Karl’s II. würde England als eine Macht dritten Ranges dastehen, und Frankreich rücksichtslos über die Alpen und den Rhein hinaus seine Herrschaft ausüben. In anderer Hinsicht war es nicht unwahrscheinlich, daß Jakob bei klugem und gemäßigtem Benehmen, bei strenger Achtung vor dem Gesetz und wenn er sich bemühte, das Vertrauen des Parlaments zu erlangen, seinen Glaubensgenossen bedeutende Erleichterungen verschaffen konnte. Die Strafgesetze mußten sofort fallen, und die Gesetze, welche die Unfähigkeit zu bürgerlichen Ämtern bestimmten, bald nachfolgen. Indessen konnte der englische König und sein Volk an die Spitze der europäischen Coalition treten und den Gelüsten Ludwig’s einen unübersteiglichen Damm entgegenstellen.

Innocenz wurde in seiner Ansicht durch die vornehmsten Engländer, welche an seinem Hofe lebten, unterstützt. Der bedeutendste unter ihnen war Philipp Howard, Abkömmling einer der edelsten Familien Britanniens, von einer Seite Enkel des Earl von Arundel, von der anderen des Herzogs von Lennox. Philipp war schon seit langer Zeit ein Mitglied des heiligen Collegiums, wurde gewöhnlich als der Cardinal von England bezeichnet, und war in Betreff aller Angelegenheiten, welche sein Vaterland betrafen, der wichtigste Rathgeber des heiligen Stuhles. Das Geschrei fanatischer Protestanten hatte ihn in die Verbannung getrieben, und ein Mitglied seiner Familie, der unglückliche Stafford, war als ein Opfer ihrer Wuth gefallen. Aber weder die eigenen Leiden des Cardinals, noch die seines Hauses hatten sein Gemüth so erbittert, daß er unbesonnene Rathschläge gegeben hätte, daher rieth jede Zuschrift, welche vom Vatikan nach Whitehall gesandt wurde, zu Geduld, Mäßigung und Rücksicht auf die Vorurtheile des englischen Volks.40

37. Es ließe sich die halbe Correspondenz Barillon’s als Beweis dieser Behauptung abschreiben, ich werde jedoch blos eine Stelle angeben, worin die Absichten, welche die französische Politik rücksichtlich Englands leiteten, kurz und mit völliger Klarheit ausgesprochen sind. „On peut tenir pour une maxime indubitable, que l’accord du Roy d’Angleterre avec son Parlament, en quelque manière qu’il se fasse, n’est pas conforme aux intérèts de V. M. Je me contente de penser cela sans m’en ouvrir à personne, et je cache avec soin mes sentiments à cet égard.“ — Barillon an Ludwig, 28. Febr. (10. März) 1687. Daß dieses das wirkliche Geheimniß der ganzen Politik Ludwig’s in Bezug auf unser Vaterland war, wußte man in Wien recht gut. Kaiser Leopold schrieb am 30. März (9. April) 1689 an Jakob: Galli id unum agebant, ut, perpetuas inter Serenitatem vestram et ejusdem populos fovendo simultates, reliquae Christianae Europe tanto securius insultarent.

38. Que sea unido con su reyno, y en todo buena intelligencia con el parlamento. Depesche des Königs von Spanien an Don Pedro Ronquillo vom 16.(26.) März 1685. Diese Depesche ist in den Archiven von Simancas aufbewahrt, welche eine Menge Papiere enthalten, die sich auf englische Angelegenheiten beziehen. Copieen der interessantesten derselben besitzt Herr Guizot, welche er mir geliehen hat. Es macht mir ein besonderes Vergnügen, heute diesen Beweis der Freundschaft eines so großen Mannes erwähnen zu können.

39. Wenige englische Leser werden ein tieferes Eingehen in die Geschichte dieses Handels beanspruchen. Übersichten finden sich in Cardinal Bausset’s Leben, Bossuet’s und in Voltaire’s Zeitalter Ludwig’s XIV.

40. Burnet, I. 661 und Brief von Rom; Dodd’s Church History, part. VIII, book I, art. 1.

Innerer Kampf Jakob’s II. In Jakob’s Seele fand ein heftiger Kampf statt. Man würde ihm Unrecht thun, wollte man glauben, daß ein Abhängigkeitszustand seiner Gemüthsart zugesagt hätte. Er liebte Ansehen und Beschäftigung und besaß einen hohen Begriff von seiner persönlichen Würde, ja es fehlte ihm nicht gänzlich eine Empfindung, welche Ähnlichkeit mit Vaterlandsliebe hatte. Tief quälte ihn der Gedanke, daß das von ihm beherrschte Königreich weit weniger Bedeutung in der Welt habe, als viele Staaten, welche geringere natürliche Vortheile besaßen, und er hörte mit Eifer auf die Rede der fremden Gesandten, wenn sie in ihn drangen, die Würde seines Ranges zu behaupten, sich an die Spitze eines großen Bündnisses zu stellen, der Schutzherr gekränkter Nationen zu werden und den Stolz jener Macht zu demüthigen, welche der Schrecken des Continents war. Solche Ermahnungen erregten in seiner Brust Regungen, wie sie sein leichtfertiger und üppiger Bruder nie gefühlt hatte. Jedoch wurden diese Regungen gar bald durch ein stärkeres Gefühl verdrängt. Eine kräftige, auswärtige Politik setzte natürlich eine versöhnliche innere voraus. Es war nicht denkbar, der Macht Frankreichs entgegentreten und zugleich die Freiheiten Englands angreifen zu wollen. Die ausübende Gewalt war nicht im Stande, ohne den Beistand der Gemeinen etwas Wichtiges zu unternehmen, und dieser Beistand war nur dadurch zu erreichen, daß sie in Übereinstimmung mit der Ansicht des Hauses handelte. So fand Jakob, daß die zwei Dinge, nach denen er vorzugsweise strebte, sich nicht zu gleicher Zeit besitzen ließen.

Schwankungen seiner Politik. Sein andrer Wunsch war, im Auslande gefürchtet und geachtet, sein erster aber im eigenen Lande unumschränkter Gebieter zu sein. Zwischen den nicht zu vereinigten Zielpunkten, nach denen sein Sinn strebte, schwankte er lange unentschlossen hin und her. Der Kampf, der ihm am Herzen nagte, gab seinen öffentlichen Handlungen einen seltsamen Anstrich von Unentschlossenheit und Falschheit. Wer ohne nähere Kenntniß der Sache die Irrgänge seiner Politik zu durchschauen versuchte, war nicht im Stande, sich zu erklären, wie derselbe Mann in der nämlichen Woche so hochmüthig und so erniedrigend sich betragen konnte. Selbst Ludwig wurde durch das wunderliche Benehmen eines Bundesgenossen, der in wenigen Stunden von Huldigungen zu Trotz und von Trotz zu Huldigungen überging, aus der Fassung gebracht. Jetzt aber, wo das ganze Verfahren Jakob’s klar vor uns liegt, scheint diese Unschlüssigkeit eine ganz einfache Deutung zuzulassen.

Als Jakob die Regierung antrat, war er in Ungewißheit, ob das Königreich sich gutwillig seiner Gewalt fügen werde. Die Ausschließungsmänner, welche vor kurzer Zeit noch so große Macht besaßen, konnten die Waffen gegen ihn ergreifen, er konnte französisches Geld und französische Truppen sehr nothwendig brauchen müssen, und so ließ er sich bestimmen, einige Tage lang die Rolle eines Schmeichlers und Bettlers zu spielen. Er bat demüthig um Verzeihung, daß er sich erlaubt habe, sein Parlament ohne Genehmigung der französischen Regierung zusammen zu berufen. Er bat dringend um französische Subsidiengelder, vergoß Freudenthränen über die französischen Wechsel und schickte eine außerordentliche Gesandtschaft nach Versailles, welche die Versicherung seiner Dankbarkeit, Ergebenheit und Unterwerfung überbringen sollte. Die Gesandtschaft war jedoch kaum abgegangen, als auch schon seine Gesinnungen sich änderten. Man hatte ihn aller Orten ohne einen einzigen Aufstand, ohne jede aufrührerische Kundgebung zum König ausgerufen, aus jedem Winkel der Insel kamen Nachrichten, daß das Volk ruhig und gehorsam sei, und sein Muth nahm überhand. Das unwürdige Verhältniß, in welchem er zu einer fremden Macht stand, schien ihm jetzt unerträglich, er wurde anmaßend, rechthaberisch, großprahlerisch und streitsüchtig. Er sprach in einem so hohen Tone über die Würde seiner Krone und das Gleichgewicht der Macht, daß sein ganzer Hof nichts Geringeres vermuthete, als eine vollständige Revolution in der auswärtigen Politik des Königreichs. Er gab Churchhill Befehl, eine genaue Darstellung des Ceremoniells in Versailles einzusenden, damit der französische Gesandte zu Whitehall nur dieselben Ehren empfangen möchte, welche der englischen Gesandtschaft am französischen Hofe zu Theil geworden waren. Die Kunde von dieser Sinnesänderung wurde zu Madrid, Wien und im Haag mit großer Freude aufgenommen.41 Anfänglich fand Ludwig die Sache nur spaßhaft. „Mein guter Bundesgenosse spricht stolz“, sagte er, „aber er hat eben so große Liebe zu meinen Pistolen, wie sein Bruder sie jemals hatte.“ Bald jedoch erregte das veränderte Betragen Jakob’s, und die Erwartungen, welche daraus für die beiden Zweige des Hauses Österreich hervorgingen, ernstere Aufmerksamkeit. Ein interessanter Brief des französischen Königs ist auf unsre Zeiten gekommen, worin derselbe den starken Verdacht ausspricht, daß er betrogen sei, und daß die Summen, welche er nach Westminster gesandt, gegen ihn benutzt werden könnten.42

Zu dieser Zeit hatte sich England von der Bestürzung und den Befürchtungen erholt, welche durch den Tod des gutmüthigen Karl hervorgerufen worden waren. Die Tories bekannten offen ihre Anhänglichkeit an den neuen Herrscher und die Whigs wagten nicht, ihren Haß zu zeigen. Die große Masse, welche nicht bleibend einer Partei angehört, sondern heute dem Whiggismus, morgen dem Toryismus huldigt, stand noch immer auf Seiten der Tories. Die Reaction, welche nach der Auflösung des Oxfordparlaments eintrat, hatte ihre Kraft noch nicht erschöpft.