154. Galaxy, Milchstraße, im bildlichen Sinne eine glänzende Versammlung. D. Übers.
155. Siehe besonders Harrington’s Oceana.
156. Siehe Sprat’s History of the Royal Society.
157. Cowley’s Ode to the Royal Society.
„Dann geh’n wir an des Erdballs fernsten Rand,
Wo Meer und Himmel in einander fließen.
Um unsere Nachbarn in dem Sternenland,
Die ganze Mondwelt freundlich zu begrüßen.“
Annus Mirabilis, 164.
159. North’s Life of Guildford.
160. Die Glasthränen oder Glastropfen heißen im Englischen Rupert’s drops. D. Übers.
161. Pepys’s Diary, May 30. 1667.
162. Butler war meines Wissens in der Zeit zwischen der Restauration und der Revolution der einzige wirklich geistreiche Mann, der gegen die neue Philosophie, wie sie damals genannt wurde, eine heftige Feindschaft an den Tag legte. Siehe seine Satire auf die Königliche Societät und „der Elephant im Monde“.
163. Der Eifer, mit dem die Landwirthe der damaligen Zeit Versuche anstellten und Verbesserungen einführten, wird von Aubrey in seiner Natural History of Wiltshire, 1685, treffend geschildert.
164. Sprat’s History of the Royal Society.
Zustand der schönen Künste. Es ist nicht ganz leicht zu erklären, warum die Nation, die in den Wissenschaften ihren Nachbarn so weit voraus war, in der Kunst ihnen allen weit nachstand. Dennoch war es so. In der Baukunst, einer Kunst, die eine halbe Wissenschaft ist, einer Kunst, in der sich nur ein Geometer auszeichnen kann, eine Kunst, welche nur einen mittelbar oder unmittelbar vom Nutzen abhängigen Maßstab der Schönheit hat und deren Schöpfungen wenigstens einen Theil ihrer Majestät von der bloßen körperlichen Masse herleiten, konnte sich unser Vaterland allerdings in Christoph Wren eines wahrhaft großen Mannes rühmen, und das Feuer, welches London in Asche legte, hatte ihm eine in der neueren Geschichte noch nicht dagewesene Gelegenheit gegeben, sein Talent zu entfalten. Die ernste Schönheit der atheniensischen Säulenhalle und die düstre Großartigkeit des gothischen Spitzbogens war er, gleich allen seinen Zeitgenossen, unfähig zu erreichen, aber kein diesseits der Alpen Geborener hat die Pracht der palastähnlichen Kirchen Italiens mit so glücklichem Erfolge nachgeahmt. Selbst der prachtliebende Ludwig hat der Nachwelt kein Werk hinterlassen, das mit der Paulskirche einen Vergleich aushalten könnte. Aber zu Ende der Regierung Karl’s II. gab es nicht einen einzigen englischen Maler oder Bildhauer, dessen Name noch jetzt genannt würde. Diese Unfruchtbarkeit hat etwas Räthselhaftes, denn Maler und Bildhauer waren durchaus keine verachtete oder kärglich bezahlte Klasse von Künstlern, sie nahmen damals eine fast eben so hohe Stellung in der Gesellschaft ein als jetzt, ja ihr Verdienst war im Verhältniß zu dem Nationalreichthum und dem Lohne, welcher anderen Arten geistiger Arbeit gewährt wurde, sogar größer als gegenwärtig. In der That zog die freigebige Gönnerschaft, welche den Künstlern zu Theil ward, sie schaarenweise an unsere Küsten. Lely, der uns die üppigen Locken, die vollen Lippen und die schmachtenden Augen der von Hamilton gefeierten ätherischen Schönheiten hinterlassen hat, war ein Westfale. Er starb 1680, nachdem er lange glänzend gelebt, die Ritterwürde empfangen und sich von den Früchten seiner Kunst ein ansehnliches Vermögen erspart hatte. Seine schöne Sammlung von Zeichnungen und Gemälden wurde nach seinem Tode mit Erlaubniß des Königs im Bankethause von Whitehall ausgestellt und dann für die fast unglaubliche Summe von sechsundzwanzigtausend Pfund Sterling versteigert, eine Summe, welche zu dem Vermögen der damaligen Reichen in einem größeren Verhältnisse stand, als hunderttausend Pfund zu dem Vermögen eines Reichen unserer Tage.165 Auf Lely folgte sein Landsmann Gottfried Kneller, der nacheinander zum Ritter und zum Baronet erhoben wurde und der, obgleich er ein großes Haus geführt und in unglücklichen Spekulationen viel Geld verloren hatte, seiner Familie doch noch ein sehr bedeutendes Vermögen hinterlassen konnte. Die beiden Vandevelde, geborene Holländer, waren durch die englische Freigebigkeit bewogen worden, zu uns überzusiedeln, und malten für den König und den hohen Adel einige der schönsten Seestücke, die es giebt. Ein andrer Holländer, Simon Varelst, malte herrliche Sonnenblumen und Tulpen zu Preisen, wie sie bis dahin noch nie bezahlt worden waren. Verrio, ein Neapolitaner, schmückte Decken und Treppenhäuser mit Gorgonen und Musen, mit Nymphen und Satyrn, mit Tugenden und Lastern, mit nektarschlürfenden Göttern und lorbeerbekränzten, im Triumph einherziehenden Fürsten. Das Einkommen, das ihm seine Arbeiten verschafften, setzte ihn in den Stand, eine der üppigsten Tafeln in England zu führen. Für seine Malereien in Windsor allein erhielt er siebentausend Pfund, eine Summe, welche damals hinreichte, einem Gentleman von bescheidenen Ansprüchen für seine Lebenszeit ein anständiges Auskommen zu sichern, eine Summe, welche Dryden während einer vierzigjährigen literarischen Laufbahn von den Buchhändlern noch bei weitem nicht erhalten hatte.166 Verrio’s erster Gehülfe und Nachfolger, Ludwig Laguerre, stammte aus Frankreich. Auch die zwei berühmtesten Bildhauer jener Zeit waren Ausländer. Cibber, dessen ergreifende Statuen der Raserei und der Melancholie noch jetzt eine Zierde von Bedlam sind, war ein Däne. Gibbons, dessen anmuthiger Phantasie und zartem Pinsel viele unserer Paläste, Collegien und Kirchen ihre schönsten inneren Ausschmückungen verdanken, war ein Holländer. Selbst die Zeichnungen für die Münze wurden von französischen Künstlern gefertigt. Erst unter der Regierung Georg’s II. konnte sich unser Vaterland eines großen Malers rühmen, und Georg III. saß auf dem Throne, bevor es Ursache hatte, auf einen seiner Bildhauer stolz zu sein.
Es ist Zeit, daß ich mit der Betreibung des England, das Karl II. regierte, zum Schluß eile. Ein Gegenstand von hoher Wichtigkeit ist jedoch noch nicht berührt worden. Ich habe noch nichts von der großen Masse des Volks gesagt, von Denen, die hinter dem Pfluge gingen, welche die Ochsen pflegten, an den Webstühlen von Norwich arbeiteten und die Portlandsteine für die St. Paulskirche herrichteten. Viel kann von ihnen auch nicht gesagt werden. Gerade über die zahlreichste Klasse haben wir die dürftigsten Nachrichten. Damals betrachteten es die Philantropen noch nicht für eine heilige Pflicht und die Demagogen erkannten es noch nicht als ein einträgliches Geschäft, sich über die Noth des Arbeiters ausführlich zu verbreiten. Die Geschichte war zu sehr von Höfen und Lagern in Anspruch genommen, als daß sie eine Zeile für die Hütte des Landmanns oder für die Dachstube des Handwerkers hätte erübrigen können. Die Presse liefert jetzt oft in einem Tage eine größere Menge von Erörterungen und Schilderungen der Lage des Arbeiters, als in den achtundzwanzig Jahren zwischen der Restauration und der Revolution veröffentlicht wurden. Man würde jedoch sehr irren, wollte man aus der Vermehrung der Klagen über diesen Gegenstand auf eine Zunahme des Elends schließen.
165. Walpole’s Anecdotes of Painting; London Gazette, Mai 31. 1683; North’s Life of Guildford.
166. Die hohen Preise, welche Varelst und Verrio bezahlt wurden, sind in Walpole’s Anecdotes of Painting erwähnt.
Lage des niederen Volks. Der wichtigste Maßstab für die Lage des gemeinen Volks ist die Höhe der Arbeitslöhne, und da im siebzehnten Jahrhundert vier Fünftel des gemeinen Volks beim Landbau beschäftigt war, so ist die Feststellung der Löhne bei der landwirthschaftlichen Industrie von ganz besonderer Wichtigkeit. Es stehen uns die Mittel zu Gebote, um in Bezug auf diesen Gegenstand zu Ergebnissen zu gelangen, die für unsren Zweck hinreichend genau sind.
Löhne der Feldarbeiter. Sir Wilhelm Petty, dessen bloße Aussage schon großes Gewicht hat, versichert uns, daß ein Feldarbeiter, der mit Kost vier Pence und ohne Kost acht Pence Tagelohn erhielt, sich noch nicht am schlechtesten stand. Vier Schillinge, war daher nach Petty’s Berechnung beim Landbau ein sehr guter Wochenlohn.167
Wir haben mehr als hinlängliche Beweise dafür, daß diese Berechnung nicht weit von der Wirklichkeit abweicht. Zu Anfang des Jahres 1685 setzten die Richter von Warwickshire kraft einer ihnen durch einen Erlaß der Königin Elisabeth ertheilten Vollmacht in ihrer Quartalsitzung eine Lohntaxe für die Grafschaft fest und bestimmten, daß jeder Arbeitgeber, der mehr als die festgesetzten Löhne bewilligte, sowie jeder Arbeiter, der mehr annähme, bestraft werden solle. Der Lohn des gemeinen Feldarbeiters wurde vom März bis zum September genau auf den von Petty angegebenen Betrag festgesetzt, nämlich auf vier Schillinge wöchentlich, ohne Kost. Vom September bis zum März sollte der Lohn nur drei Schillinge 6 Pence betragen.168
Die Löhne des Landmanns waren jedoch damals, wie auch jetzt, in den verschiedenen Theilen des Landes sehr verschieden. In Warwickshire betrugen sie wahrscheinlich ungefähr die Durchschnittssumme, in den Grafschaften zunächst der schottischen Grenze waren sie noch niedriger; allein es gab auch begünstigtere Districte. In dem nämlichen Jahre — 1685 — ließ ein Gentleman von Devonshire, Namens Richard Dunning, ein kleines Schriftchen erscheinen, in welchem er die Lage der Armen dieser Grafschaft beschrieb. Es kann nicht bezweifelt werden, daß er von seinem Gegenstande die genaueste Kenntniß hatte, denn schon nach wenigen Monaten erlebte die Schrift eine neue Auflage und wurde von den zur Quartalsitzung in Exeter versammelten Magistratsbeamten der Beachtung aller Gemeindevorstände dringend empfohlen. Nach ihm betrug der Wochenlohn des Feldarbeiters in Devonshire ungefähr fünf Schillinge ohne Kost.169
Noch besser standen sich die Arbeiter in der Umgegend von Bury St. Edmund’s. Die Magistratsbeamten von Suffolk versammelten sich dort im Frühjahr 1682, um eine Lohntaxe festzustellen, und sie beschlossen, daß der Arbeiter, wenn er nicht beköstigt würde, im Winter fünf und im Sommer sechs Schillinge wöchentlich erhalten sollte.170
Im Jahre 1661 hatten die Richter von Chelmsford den Wochenlohn des Arbeiters in Essex, wenn er nicht beköstigt wurde, auf sechs Schillinge im Winter und sieben im Sommer festgesetzt. Dies scheint der höchste Lohn zu sein, der zwischen der Restauration und der Revolution für Feldarbeit im Königreiche bewilligt wurde, und es ist hierbei noch zu bemerken, daß in dem Jahre, wo diese Bestimmungen getroffen wurden, die Lebensmittel unmäßig theuer waren. Der Quarter Weizen kostete siebenzig Schillinge, ein Preis, bei dem man selbst heutzutage von Hungersnoth sprechen würde.171
Diese Thatsachen stehen im vollkommensten Einklange mit einem anderen Factum, das Beachtung verdient. Es liegt auf der Hand, daß in einem Lande, wo Niemand zum Militairdienst gezwungen werden kann, die Reihen einer Armee sich nicht füllen werden, wenn die Regierung einen erheblich geringeren Sold bietet, als der Lohn eines gewöhnlichen Landarbeiters beträgt. Gegenwärtig beträgt die Löhnung eines Gemeinen, einschließlich des Biergeldes, bei der Linie sieben Schillinge und sieben Pence die Woche. Dieser Sold, verbunden mit der Aussicht auf eine Pension, zieht jedoch die englische Jugend nicht in hinreichender Zahl an, und man sieht sich genöthigt, den Ausfall durch ausgedehnte Werbungen unter der ärmeren Bevölkerung von Munster und Connaught zu decken. Im Jahre 1685 betrug die Löhnung des gemeinen Infanteristen nur vier Schillinge acht Pence die Woche, und dennoch ist es erwiesen, daß es der Regierung in jenem Jahre nicht schwer wurde, binnen sehr kurzer Zeit viele Tausend englische Rekruten zu erhalten. In der Armee der Republik hatte die Löhnung des gemeinen Fußsoldaten sieben Schillinge betragen, das heißt so viel, als unter Karl II. ein Korporal bekam,172 und dieser Sold erwies sich als hinreichend, um die Reihen des Heeres mit Männern zu füllen, welche entschieden über der großen Masse des Volks standen. Im Ganzen scheint man daher mit gutem Grunde annehmen zu können, daß unter der Regierung Karl’s II. der gewöhnliche Lohn des Bauern nicht über vier Schillinge die Woche betrug, daß aber in einigen Gegenden des Landes fünf Schillinge, sechs Schillinge, und während der Sommermonate selbst sieben Schillinge bezahlt wurden. Gegenwärtig würde der Zustand eines Districts, in welchem der Arbeitsmann nur sieben Schillinge wöchentlich verdiente, für höchst traurig gelten. Der durchschnittliche Lohn ist bedeutend höher, und in wohlhabenden Grafschaften steigt der Wochenlohn des ländlichen Arbeiters auf zwölf, vierzehn und sogar sechzehn Schillinge.
167. Petty’s Political Arithmetic.
168. Stat. 5. Eliz. c. 4. Archaeologia vol. XI.
169. Plain and easy Method showing how the Office of Overseer of the Poor may be managed, by Richard Dunning; 1st edition, 1685, 2d edition, 1686.
170. Cullum’s History of Hawsted.
171. Ruggles on The Poor.
172. Siehe in Thurloe’s State Papers das Memorandum der holländischen Deputirten, vom 2.(12.) August 1653.
Löhne der Fabrikarbeiter. Der Lohn der in den Fabriken beschäftigten Arbeiter ist stets höher gewesen, als der der landwirthschaftlichen Arbeiter. Im Jahre 1680 bemerkte ein Mitglied des Hauses der Gemeinen, daß es wegen der hohen Arbeitslöhne, die in unsrem Lande bezahlt würden, unseren Geweben unmöglich sei, mit den Erzeugnissen der indischen Webstühle zu concurriren. Anstatt wie ein Eingeborner von Bengalen für eine Kupfermünze zu arbeiten, verlange ein englischer Fabrikarbeiter täglich einen Schilling.173 Man hat noch andere Beweise dafür, daß der englische Fabrikarbeiter damals auf einen Tagelohn von einem Schilling Anspruch machen zu können glaubte, daß er aber oft gezwungen war, für einen geringeren Lohn zu arbeiten. Das gemeine Volk jener Zeit pflegte sich noch nicht zum Behuf öffentlicher Besprechungen zu versammeln, Reden zu halten oder beim Parlament zu petitioniren. Keine Zeitung vertrat seine Sache, nur in rohen Liedern sprach seine Liebe und sein Haß, seine Freude und sein Kummer sich aus. Einen großen Theil seiner Geschichte kann man nur aus seinen Balladen lernen. Eins der merkwürdigsten von den Volksliedern, welche zur Zeit Karl’s II. in den Straßen von Norwich und Leeds gesungen wurden, kann man noch heute auf dem ursprünglichen Druckbogen lesen. Es ist ein heftiger und bitterer Wehschrei der Arbeit gegen das Kapital, es schildert die guten alten Zeiten, als noch jeder Arbeiter in den Wollenmanufacturen so gut lebte wie ein Pächter. Aber diese Zeiten waren vorbei. Sechs Pence den Tag waren jetzt das Höchste, was bei angestrengter Arbeit am Webstuhle verdient werden konnte. Wenn die Armen sich beklagten, daß sie von so kargem Lohne nicht leben könnten, antwortete man ihnen, daß es ihnen freistehe, denselben anzunehmen oder nicht. Für so jämmerlichen Lohn mußten die Erzeuger des Reichthums vom frühen Morgen bis zum späten Abend arbeiten, während der Meister Tuchmacher unter Essen, Schlafen und Müßiggehen durch ihre Anstrengungen reich wurde. Ein Schilling den Tag, erklärt der Dichter, sei der Lohn, der dem Weber von Rechtswegen zukomme.174 Wir können daraus schließen, daß unter der der Revolution vorausgehenden Generation ein in der großen Hauptmanufactur Englands beschäftigter Arbeiter sich für gut bezahlt hielt, wenn er sechs Schillinge die Woche verdiente.
173. Der Redner war John Basset, Abgeordneter von Barnstaple. Siehe Smith’s Memoirs of Wool, chap. 68.
174. Diese Ballade befindet sich im Britischen Museum. Das Jahr ist nicht angegeben, aber das Imprimatur von Roger Lestrange bezeichnet das Datum hinreichend genau für meinen Zweck. Ich will einige Strophen hier anführen. Der Meister Tuchmacher wird folgendermaßen redend eingeführt:
In früheren Zeiten zahlten wir einen Lohn,
Daß der Arbeiter lebte wie des Pächters Sohn,
Doch mögen sie wissen, daß sich ändert die Zeit.
— — — — — — — — — —
Hart soll er arbeiten für sechs Pence den Tag,
Obwohl ihm ein Schilling zukommen mag.
Und murrt er und sagt, der Lohn sei zu klein,
So hat er die Wahl, ob ja oder nein.
So werden wir reich und pflegen uns gut
Von des Armen saurem Schweiß und Blut.
Das Tuchgeschäft hoch! Es geht ja ganz brav!
Doch wir denken nicht d’ran uns zu plagen wie ’n Sklav’.
Unser Arbeiter schwitzt, wir freu’n uns der Welt
Und gehen und kommen wie’s uns gefällt.
Arbeit der Kinder in den Fabriken. Es mag hier erwähnt werden, daß der Gebrauch, Kinder frühzeitig zur Arbeit zu verwenden, ein Gebrauch, den der Staat als rechtmäßiger Beschützer Derer, die sich selbst noch nicht beschützen können, in unsrer Zeit mit weiser Menschenfreundlichkeit verboten hat, im siebzehnten Jahrhundert in einer Ausdehnung herrschte, welche bei Vergleichung mit dem Umfange des Fabrikwesens kaum glaublich erscheint. In Norwich, dem Hauptsitze der Tuchmanufactur, wurde ein sechsjähriges Kind schon für arbeitsfähig gehalten. Verschiedene Schriftsteller jener Zeit, darunter manche, die für große Menschenfreunde galten, erwähnen rühmend, daß in dieser Stadt allein Knaben und Mädchen von zartem Alter einen Reichthum erzeugten, der das zu ihrem Lebensunterhalt Erforderliche um zwölftausend Pfund Sterling jährlich übersteige.175 Je sorgfältiger wir die Geschichte der Vergangenheit prüfen, um so mehr Grund finden wir, von der Meinung Derer abzuweichen, welche glauben, unsre Zeit sei fruchtbar an neuen socialen Übeln gewesen. Die Wahrheit ist, daß diese Übel, mit kaum einer Ausnahme, alt sind. Neu ist nur die Einsicht, welche dieselben erkennt, und die Humanität, die sie beseitigt.
175. Chamberlayne’s State of England; Petty’s Political Arithmetic, chap. VIII; Dunning’s Plain and Easy Method; Firmin’s Proposition for the Employing of the Poor. Es muß bemerkt werden, daß Firmin ein ausgezeichneter Philantrop war.
Löhne verschiedener Klassen von Handwerkern. Wenn wir von den Tuchwebern zu einer andren Klasse von Arbeitern übergehen, so werden unsere Untersuchungen zu den nämlichen Resultaten führen. Die Commissare des Greenwich-Hospitals zeichneten mehrere Generationen hindurch die Löhne auf, welche verschiedenen bei den Reparaturen des Gebäudes beschäftigten Handwerkern bezahlt wurden. Aus diesen werthvollen Aufzeichnungen ergiebt sich, daß im Laufe von hundertzwanzig Jahren der Tagelohn des Ziegeldeckers von einer halben Krone auf vier Schillinge zehn Pence, der des Maurers von einer halben Krone auf fünf Schillinge drei Pence, der des Zimmermanns von einer halben Krone auf fünf Schillinge fünf Pence, und der des Bleideckers von drei Schillingen auf fünf Schillinge sechs Pence gestiegen ist.
Daraus geht klar hervor, daß die Arbeitslöhne, nach dem Geldbetrage, im Jahre 1685 nur halb so hoch waren als gegenwärtig, und nur wenige für den Arbeiter wichtige Artikel waren 1685 nur halb so theuer als jetzt. Das Bier war allerdings damals viel wohlfeiler als jetzt. Auch das Fleisch war wohlfeiler, aber immer noch so theuer, daß Tausende von Familien kaum den Geschmack desselben kannten.176 Der Preis des Weizens hat sich wenig geändert. Während der zwölf letzten Regierungsjahre Karl’s II. war der Durchschnittspreis des Quarters funfzig Schillinge. Daher war ein Brod, wie es gegenwärtig die Bewohner eines Zuchthauses bekommen, damals selbst auf dem Tische eines Freisassen oder eines Ladenkrämers eine Seltenheit. Die große Mehrzahl der Nation lebte von Roggen, Gerste und Hafer.
Die Erzeugnisse der tropischen Gegenden, die Erzeugnisse des Bergbaues und die Erzeugnisse des Maschinenwesens waren unzweifelhaft theurer als gegenwärtig. Zu den Bedürfnissen, welche der Arbeiter 1685 theurer bezahlen mußte als seine Nachkommen im Jahre 1848, gehörten unter anderen Zucker, Salz, Kohlen, Lichter, Seife, Schuhe, Strümpfe und überhaupt alle Bekleidungsstücke und alles Bettzeug. Man darf hinzusetzen, daß die Kleider und Bettdecken in früherer Zeit nicht nur theurer, sondern auch weniger haltbar waren als die neueren Fabrikate.
176. King veranschlagt in seinen National and Political Conclusions das gemeine Volk Englands auf ungefähr achthundertachtzigtausend Familien. Nur die Hälfte von diesen Familien genoß seiner Aussage nach zweimal wöchentlich animalische Nahrung, die andre Hälfte gar keine, oder höchstens einmal die Woche.
Zahl der Armen. Man darf nicht vergessen, daß diejenigen Arbeiter, welche im Stande waren, sich und ihre Familien durch ihrer Hände Arbeit zu ernähren, nicht die bedürftigsten Mitglieder des Gemeinwesens waren. Unter ihnen stand noch eine zahlreiche Klasse, welche ohne fremde Unterstützung nicht leben konnte. Es wird kaum einen besseren Maßstab für die Lage des gemeinen Volks geben als das Verhältniß, in welchem die erwähnte Klasse zu der Einwohnerzahl steht. Aus den amtlichen Armenlisten geht hervor, daß gegenwärtig die Männer, Frauen und Kinder, welche Unterstützung erhalten, in schlechten Jahren ein Zehntel und in guten ein Dreizehntel der Bewohner Englands bilden. Gregor King schätzte sie zu seiner Zeit auf mehr als ein Fünftel; und diese Schätzung, die wir bei aller Achtung vor seiner Autorität kaum anders als übertrieben nennen können, wurde von Davenant für höchst verständig erklärt.
Wir sind nicht ganz ohne die Mittel, um selbst eine Schätzung zu machen. Die Armensteuer war unzweifelhaft die drückendste Abgabe, die zu jener Zeit auf unseren Vorfahren lastete. Sie wurde unter Karl II. auf nahe an siebenhunderttausend Pfund Sterling jährlich berechnet; das war weit mehr als der Ertrag der Accise und Zölle und nicht viel weniger als die Hälfte des Gesammteinkommens der Krone. Die Armensteuer nahm mit reißender Schnelligkeit zu und stieg in kurzer Zeit auf acht- bis neunhunderttausend Pfund, das heißt auf ein Sechstel ihres jetzigen Betrags. Die Einwohnerzahl war damals nur ein Drittel so stark als gegenwärtig. Das Minimum des Arbeitslohnes, in Gelde geschätzt, war die Hälfte von dem was es jetzt ist, und wir dürfen daher kaum annehmen, daß die einem Armen gewährte Unterstützung im Durchschnitt mehr als die Hälfte von dem betrug, was ihm gegenwärtig zu Theil wird. Daraus scheint zu folgen, daß damals ein größerer Theil des englischen Volks Gemeindeunterstützung erhielt als jetzt. Man muß gegen solche Schätzungen immer mißtrauisch sein, jedenfalls aber ist es noch durch nichts bewiesen worden, daß der Pauperismus während des letzten Viertels des siebzehnten Jahrhunderts eine minder drückende Last oder ein kleineres sociales Übel war als er es in unsrer Zeit ist.177
In einem Punkte muß man indessen zugestehen, daß der Fortschritt der Civilisation das physische Wohlsein eines Theils der ärmsten Klasse vermindert hat. Es ist schon erwähnt worden, daß viele tausend Quadratmeilen, die jetzt eingehegt und angebaut sind, damals Sumpf, Wald und Heide waren. Von diesem wilden Land war ein großer Theil rechtliches Gemeingut, und vieles von dem, was nicht Gemeingut war, hatte einen so geringen Werth, daß die Eigenthümer es factisch Gemeingut sein ließen. Auf solchen Landstrecken wurden unbefugte Ansiedler in einer jetzt nicht gekannten Ausdehnung geduldet. Der dort wohnende Landmann konnte sich mit wenig oder gar keinen Kosten zuweilen eine schmackhafte Zuspeise zu seiner harten Kost verschaffen und sich für den Winter mit Brennholz versorgen. Auf dem Platze, der gegenwärtig ein Obstgarten mit blühenden Äpfelbäumen ist, hielt er eine Heerde Gänse. Er fing wildes Geflügel auf dem Sumpfe, der jetzt schon längst ausgetrocknet und in Korn- und Rübenfelder abgetheilt ist. Er stach Torf unter den Ginsterbüschen auf dem Moore, der jetzt eine Wiese mit blühendem Klee ist, berühmt durch ihre Butter und ihrem Käse.
177. Vierzehnter Bericht der Armengesetz-Commission, Anhang B, Nr. 2, Anhang C, Nr. 1, 1848. Von den beiden oben erwähnten Schätzungen war die eine von Arthur Moore, die andre, einige Jahre später vorgenommene von Richard Dunning. Moore’s Schätzung findet man in Davenant’s Essay on Ways and Means, die Dunning’sche in Sir Friedrich Eden’s werthvollem Werke über die Armen. King und Davenant schätzen die Armen und Bettler im Jahre 1696 auf die unglaubliche Zahl von 1,330,000 bei einer Bevölkerung von 5½ Millionen. Im Jahre 1846 belief sich nach den amtlichen Listen die Zahl Derer, welche Unterstützung erhielten, nur auf 1,332,089 bei einer Bevölkerung von ungefähr 17 Millionen. Hierbei ist auch zu bemerken, daß in den amtlichen Listen ein Armer sehr leicht mehr als einmal gezählt wird. — Ich möchte dem Leser rathen, De Foe’s Flugschrift, betitelt: Giving Alms no Charity, zu lesen und die Listen von Greenwich in M’Culloch’s Commercial Dictionary unter dem Artikel Prices nachzusehen.
Welchen Nutzen die Fortschritte der Civilisation dem gemeinen Volke brachten. Die Fortschritte des Landbaues und die Zunahme der Bevölkerung mußten den Landmann dieser Vortheile nothwendig berauben; dafür aber läßt sich eine lange Liste anderer Vortheile anführen. Ein großer Theil der Segnungen, welche Civilisation und wissenschaftliche Bildung in ihrem Gefolge haben, kommt allen Ständen zu Gute und würde im Fall der Entziehung von dem Arbeiter eben so schmerzlich vermißt werden, als von dem Peer. Der Marktort, den der Bauer mit seinem Karren jetzt in einer Stunde erreichen kann, war vor hundertsechzig Jahren eine Tagereise weit entfernt. Die Straße, die dem Handwerker jetzt die ganze Nacht hindurch einen sicheren, bequemen und glänzend erleuchteten Spaziergang darbietet, war vor hundertsechzig Jahren nach Sonnenuntergang so dunkel, daß er die Hand nicht vor den Augen hätte sehen können, so schlecht gepflastert, daß er beständig in Gefahr geschwebt hätte, den Hals zu brechen, und so schlecht bewacht, daß er keinen Augenblick sicher gewesen wäre, überfallen und seines kleinen Verdienstes beraubt zu werden. Jeder Maurer, der von einem Gerüste herabfällt, jeder Gassenkehrer, der von einem Wagen überfahren wird, hat jetzt die Gewißheit, daß seine Wunden so zweckmäßig verbunden und seine Glieder so geschickt eingerichtet werden, wie es vor hundertsechzig Jahren ein vornehmer Lord wie Ormond, oder ein Handelsfürst wie Clayton für all’ seinen Reichthum nicht haben konnte. Manche schreckliche Krankheiten sind durch die Wissenschaft ausgerottet, manche andere durch polizeiliche Maßregeln beseitigt worden. Die Dauer des menschlichen Lebens hat sich im ganzen Königreiche und namentlich in den Städten verlängert. Das Jahr 1685 galt für kein ungesundes, und doch starb in diesem Jahre mehr als einer von dreiundzwanzig Bewohnern der Hauptstadt.178 Gegenwärtig stirbt erst von vierzig Einwohnern der Hauptstadt im Jahre einer. Der Unterschied in gesundheitlicher Beziehung zwischen dem London des neunzehnten und dem London des siebzehnten Jahrhunderts ist weit größer als der zwischen dem heutigen London in gewöhnlicher Zeit und zur Cholerazeit.
Noch wichtiger sind die Vortheile, welche allen Klassen der Gesellschaft, und namentlich den niederen durch den mildernden Einfluß der Civilisation auf den Nationalcharacter erwachsen sind. Der Grundzug desselben ist allerdings viele Menschenalter hindurch insofern der nämliche geblieben, als man überhaupt sagen kann, daß der allgemeine Character des Einzelnen, nachdem er ein gebildeter und verständiger Mann geworden, noch derselbe ist als zu der Zeit, da er ein unerfahrener und gedankenloser Schulknabe war. Es ist eine erfreuliche Erscheinung, daß der englische Volksgeist, während er gereift ist, sich zugleich auch gemildert hat und daß wir im Laufe der Zeit nicht nur ein weiseres, sondern auch ein sanfteres Volk geworden sind. Es giebt kaum ein Blatt der Geschichte oder der leichteren Literatur des siebzehnten Jahrhunderts, welches nicht einen Beleg dafür enthielte, daß unsere Vorfahren weniger human waren als ihre Nachkommen es sind. In den Werkstätten, in den Schulen und in den Familien herrschte eine ungleich strengere, obwohl keineswegs wirksamere Zucht als gegenwärtig. Dienstherren von guter Herkunft und Erziehung pflegten ihre Untergebenen zu schlagen; Lehrer und Erzieher kannten kein andres Mittel, um ihren Zöglingen Kenntnisse beizubringen, als Schläge, und Ehemänner ganz achtbaren Standes schämten sich nicht, ihre Gattinnen zu schlagen. Die Erbitterung feindlicher Parteien war so heftig, daß wir es kaum begreifen können. Whigs murrten darüber, daß man Stafford sterben ließ, ohne vorher seine Eingeweide vor seinen Augen zu verbrennen. Tories schmähten und insultirten Russell, als er vom Tower nach dem Richtplatze in Lincoln’s Inn Fields fuhr.179 Eben so wenig Mitleid zeigte der Pöbel gegen Verurtheilte niederen Standes. Ein Verbrecher, der an den Pranger gestellt wurde, konnte von Glück sagen, wenn er unter dem Hagel von Ziegel und Pflastersteinen mit dem Leben davon kam.180 Wenn er an den Karren angebunden wurde, um gestäupt zu werden, drängte sich der Haufe um ihn und ermahnte den Henker, ihm tüchtig aufzuzählen, damit er ordentlich heulte.181 Gentlemen unternahmen an Gerichtstagen Lustfahrten nach Bridgewell, um die unglücklichen Weiber auspeitschen zu sehen, welche dort Hanf brechen mußten.182 Ein Mann, der zu Tode gepreßt wurde, weil er sich weigerte, vor Gericht zu antworten, oder eine Frau, die wegen Falschmünzerei verbrannt wurde, erregten weniger Theilnahme als jetzt ein wundgeriebenes Pferd oder ein übermäßig angestrengter Ochse; Kämpfe, im Vergleich mit denen ein Boxerkampf ein edles und humanes Schauspiel ist, gehörten zu den Lieblingsbelustigungen eines großen Theiles der Bewohner. Massen von Zuschauern versammelten sich, um Gladiatoren einander mit tödtlichen Waffen in Stücke hauen zu sehen und brachen in Jubelgeschrei aus, wenn einer der Kämpfer einen Finger oder ein Auge verlor. Die Gefängnisse waren irdische Höllen, Herde aller nur denkbaren Laster und Krankheiten. Bei den Assisen brachten die abgezehrten und leichenhaft aussehenden Angeklagten aus ihren Kerkern einen Pestgestank mit in das Gerichtszimmer, der sie zuweilen an den Richtern, Anwälten und Geschwornen empfindlich rächte. Aber gegen all’ dieses Elend blieb die Gesellschaft vollkommen gleichgültig. Nirgends fand man die mitleidige, nie ruhende Theilnahme, welche in unsrer Zeit dem Kinde in den Fabriken, wie der Hinduwittwe und dem Negersklaven einen kräftigen Schutz gewährt, die die Mundvorräthe und Wasserfässer jedes Auswandererschiffes untersucht, der jeder Peitschenhieb auf den Rücken eines betrunkenen Soldaten weh thut, die es nicht dulden will, daß der Dieb auf den Gefangnenschiffen schlecht genährt oder übermäßig angestrengt wird und die sich wiederholt selbst für das Leben des Mörders verwendet hat. Allerdings muß, wie jedes andre Gefühl, das Mitleid unter der Oberherrschaft der Vernunft bleiben und es hat, wenn es sich von dieser Herrschaft lossagt, schon oft nachtheilige und selbst beklagenswerthe Folgen gehabt. Aber je genauer wir die Annalen der Vergangenheit studiren, um so freudiger werden wir erkennen, daß wir in einem Zeitalter des Erbarmens leben, in einem Zeitalter, in welchem jede Grausamkeit verabscheut und selbst wohlverdienter Schmerz nur mit Widerwillen und lediglich aus Pflichtgefühl zugefügt wird. Durch diese große sittliche Veränderung hat unzweifelhaft jede Klasse viel gewonnen, am meisten aber die ärmste, die abhängigste und wehrloseste Klasse.
178. Die Zahl der Todesfälle betrug 23,222. — Petty’s Political Arithmetic.
179. Burnet I. 560.
180. Muggleton’s Acts of The Witnesses of the Spirit.
181. Tom Browne schildert eine solche Scene in Worten, die ich nicht anzuführen wage.
182. Ward’s London Spy.
Täuschung, welche die Menschen verleitet, das Glück früherer Geschlechter zu überschätzen. Das Gesammtergebniß der dem Leser vorgeführten Thatsachen dürfte kaum zweifelhaft sein. Trotz der augenfälligsten Beweise aber werden sich noch immer Viele das England der Stuarts als ein glücklicheres Land vorstellen als das England ist, in dem wir leben. Es mag auf den ersten Blick sonderbar scheinen, daß eine Gesellschaft, die mit rastloser Eil vorwärts schreitet, dennoch beständig mit schmerzlicher Sehnsucht zurückblickt. Aber wie unvereinbar diese beiden Neigungen auch scheinen mögen, so lassen sie sich doch leicht auf gleichen Ursprung zurückführen. Beide entspringen aus unsrer Unzufriedenheit mit dem Zustande, in dem wir uns eben befinden, und diese Unzufriedenheit spornt uns an, vergangene Generationen zu überflügeln, verleitet uns aber zu gleicher Zeit auch, ihr Glück zu überschätzen. In gewissem Sinne ist es thöricht und undankbar von uns, daß wir beständig unzufrieden sind mit einem Zustande, der sich beständig bessert. Aber eben weil beständige Unzufriedenheit herrscht, findet beständige Besserung statt. Wenn wir mit der Gegenwart vollkommen zufrieden wären, würden wir aufhören zu sinnen, zu arbeiten und in Hinblick auf die Zukunft zu sparen. Da uns aber die Gegenwart nicht befriedigt, ist es auch natürlich, daß wir eine zu günstige Meinung von der Vergangenheit haben.
Wir sind in der That in einer Täuschung befangen, ähnlich der, welche den Reisenden in der arabischen Wüste irre führt. Unter den Füßen der Karawane ist Alles trocken und kahl, und vor und hinter ihr in weiter Ferne schimmern erquickende Wasserspiegel. Die Pilger eilen vorwärts und finden nichts als Sand, wo sie vor einer Stunde einen See gesehen hatten. Sie wenden sich um und erblicken einen See da, wo sie vor einer Stunde durch den Sand wateten. Eine ähnliche Täuschung scheint die Nationen durch alle Stadien der langen Reise aus Armuth und Barbarei zu den höchsten Stufen des Wohlstandes und der Civilisation zu begleiten. Verfolgen wir aber das Trugbild entschlossen nach rückwärts, so werden wir es bis in die Regionen des sagenhaften Alterthums zurückweichen sehen. Man pflegt jetzt das goldene Zeitalter Englands in eine Zeit zu versetzen, wo der vornehmste Mann Bequemlichkeiten entbehrte, deren Mangel einem modernen Lakaien unerträglich sein würde, wo der Landwirth und Krämer zum Frühstück ein Brod aßen, dessen bloßer Anblick in einem Arbeitshause der Neuzeit eine Meuterei hervorrufen würde, wo die Menschen in der reinsten Landluft früher starben, als jetzt in den verpestetsten Gäßchen unserer Städte, und wo sie in den Gäßchen der Städte früher starben als jetzt auf der Küste von Guiana. Auch wir werden einst übertroffen, auch wir werden einst beneidet werden. Es kann wohl kommen, daß im zwanzigsten Jahrhundert der Landmann von Dorsetshire sich mit fünfzehn Schillingen die Woche für schlecht bezahlt hält, daß der Zimmermann in Greenwich zehn Schillinge den Tag verdient, daß der Arbeiter eben so wenig gewohnt ist, zu Mittag das Fleisch zu entbehren, als er jetzt gewohnt ist, Roggenbrod zu essen, daß Gesundheitspolizei und arzneiwissenschaftliche Entdeckungen die durchschnittliche Dauer des menschlichen Lebens noch um mehrere Jahre verlängern, daß zahlreiche Annehmlichkeiten und Genüsse, die jetzt unbekannt oder doch nur Wenigen zugänglich sind, jedem fleißigen und strebsamen Arbeiter erreichbar werden. Und doch wird man auch dann vielleicht sagen, daß die Zunahme des Wohlstandes und die Fortschritte der Wissenschaft nur der Minderheit auf Kosten der Mehrheit zu Gute gekommen seien, und wird von der Regierung der Königin Victoria sprechen als von einer Zeit, da England wirklich das glückliche England war, wo das Band brüderlicher Sympathie alle Klassen umschlang, wo der Anblick des Reichen das Auge des Armen nicht verletzte und der Arme den Glanz des Reichen nicht beneidete.