136. Roger North’s Life of Dr. John North. Über die Neuigkeitsbriefe sehe man das Examen, 133.
137. Ich ergreife diese Gelegenheit, um der Familie meines lieben und verehrten Freundes, Sir Jakob Mackintosh meinen wärmsten Dank dafür auszusprechen, daß sie mir die Materialien zur Benutzung überließ, die er zu einer Zeit gesammelt hatte, als er ein ähnliches Werk wie das vorliegende zu schreiben gedachte. Ich habe nie eine so werthvolle Sammlung von Auszügen aus öffentlichen und Privatarchiven gesehen, und ich glaube nicht, daß irgendwo noch eine zweite von gleichem Umfange existirt. Der richtige Scharfblick, mit dem Sir Jakob aus großen Massen geschichtlichen Stoffes das Werthvollste auswählte und das Werthlose unbeachtet ließ, versteht nur Derjenige zu würdigen, der nach ihm das nämliche Gebiet bearbeitet hat.
138. Life of Thomas Gent. Ein vollständiges Verzeichniß aller im Jahre 1724 vorhanden gewesenen Druckereien befindet sich in Nichol’s Literary Anecdotes of the eighteenth century. Obgleich sich binnen wenigen Jahren die Zahl der Pressen bedeutend vermehrt hatte, gab es doch in vierunddreißig Grafschaften, darunter Lancashire, noch keinen Buchdrucker.
Der „Observator.“ Die „London Gazette“ war übrigens nicht das einzige Organ, durch welches die Regierung dem Volke politische Belehrung ertheilte. Dieses Journal enthielt nur spärliche Nachrichten ohne Commentar; ein andres, ebenfalls unter dem Patronat des Hofes erscheinendes Journal, brachte dagegen nur Commentare ohne Nachrichten. Dieses Blatt, „der Observator“ betitelt, wurde von einem alten toryistischen Pamphletschreiber, Namens Roger Lestrange, herausgegeben. Es fehlte diesem Lestrange durchaus nicht an schriftstellerischer Gewandtheit und an Schlauheit; seine Diction war zwar gemein und durch einen damals im Vorzimmer und im Wirthshause für witzig geltenden Jargon verunziert, aber dennoch nicht ohne Schwung und Kraft. In jeder Zeile aber, die aus seiner Feder floß, zeigte sich sein heftiger und unedler Character. Als die ersten Nummern des „Observator“ erschienen, gab es allerdings einige Entschuldigungsgründe für seine Bitterkeit, denn die Whigs waren damals mächtig und er hatte zahlreiche Gegner zu bekämpfen, deren rücksichtslose Heftigkeit eine gleiche Sprache zu rechtfertigen schien. Im Jahre 1685 aber war alle Opposition unterdrückt, und ein edler Character würde es daher verschmäht haben, eine Partei, die nicht antworten durfte, zu beschimpfen und die traurige Lage von Gefangenen, Verbannten und beraubten Familien noch zu verschlimmern; aber dem hämischen Lestrange war selbst das Grab und das Trauerhaus nicht heilig. Im letzten Monate der Regierung Karl’s II. starb Wilhelm Innkyn, ein hochbetagter und angesehener Dissenterpfarrer, der wegen keines andren Vergehens, als weil er Gott auf die Weise anbetete, welche damals von dem ganzen protestantischen Europa allgemein angenommen war; grausame Verfolgungen zu erdulden hatte, in Newgate an Gram und Entbehrungen. Dem Ausdruck der innigen Theilnahme von Seiten des Volks konnte man nicht Schweigen gebieten, und es folgte daher dem Sarge ein Zug von hundertfunfzig Wagen. Selbst Höflinge betrauerten den Verstorbenen und sogar der gedankenlose König zeigte einige Theilnahme. Lestrange allein brach in ein rohes Freudengeheul aus, lachte über das weibische Mitleid der Trimmer, erklärte laut, daß der lästerliche alte Heuchler seine wohlverdiente Strafe erhalten, und gelobte alle Scheinheiligen und falschen Märtyrer nicht nur bis zum Tode, sondern noch über das Grab hinaus zu bekriegen.139 Dies war der Geist des Blattes, welches damals das Orakel der Torypartei und ganz besonders der Landgeistlichkeit war.
139. Observator vom 29. und 31. Januar 1685. Calamy’s Life of Baxter. Nonconformist Memorial.
Seltenheit von Büchern auf dem Lande. Die Literatur, welche durch das Postfelleisen verbreitet werden konnte, bildete damals den größten Theil der geistigen Nahrung, welche den Geistlichen und Richtern auf dem Lande zu Gebote stand. Die Beförderung großer Packete von einem Orte zum andren war mit solchen Schwierigkeiten und Kosten verknüpft, daß ein umfangreiches Werk mehr Zeit brauchte, um von Paternoster Row nach Devonshire oder Lancashire zu gelangen, als gegenwärtig nach Kentucky. Wie spärlich eine Landpfarre damals selbst mit solchen Büchern versehen war, die ein Theolog am nöthigsten braucht, ist schon bemerkt worden. Die Häuser der Gentry waren nicht reichlicher versehen. Nur wenige Landedelleute der Grafschaft hatten so gute Bibliotheken, wie man sie jetzt in jedem Bedientenzimmer und in der Ladenstube jedes Krämers findet. Ein Esquire, der auf seinem Fensterbrete zwischen Angeln und Vogelflinten den Hudibras und Baker’s Chronicle, Tarlton’s Jests und die Seven Champions of Christendom liegen hatte, galt bei seinen Nachbarn für einen großen Gelehrten. Selbst in der Hauptstadt gab es damals noch weder Leihbibliotheken noch Lesezirkel; aber diejenigen Bücherfreunde, welche nicht viel kaufen konnten, hatten dort wenigstens ein Aushülfsmittel. Die Läden der großen Buchhändler in der Umgebung der Paulskirche waren den ganzen Tag mit Lesern gefüllt und ein bekannter Kunde durfte oft auch ein Buch mit nach Hause nehmen. Auf dem Lande fehlte diese Annehmlichkeit, was man lesen wollte, mußte man kaufen.140
140. Cotton scheint, wie aus seinem Angler hervorgeht, auf seinem Fensterbrete Platz genug für seine ganze Bibliothek gehabt zu haben, und Cotton war ein wissenschaftlich gebildeter Mann. Selbst als Franklin 1724 das erstemal nach London kam, waren Leihbibliotheken daselbst noch unbekannt. Von dem Zudrange zu den Buchläden im Stadtviertel Little Britain spricht Roger North in der Lebensbeschreibung seines Bruders Johann.
Weibliche Erziehung. Die Literaturschätze der Gattin und Töchter des Grundherrn bestanden gewöhnlich in einem Gebetbuche und einem Receptbuche. Indessen verloren sie in der That wenig bei ihrer ländlichen Abgeschiedenheit, denn selbst in den höchsten Ständen und unter Verhältnissen, welche die geistige Ausbildung erleichterten, genossen die Engländerinnen zur damaligen Zeit eine schlechtere Erziehung als jemals seit dem Wiederaufblühen der Wissenschaften. In früherer Zeit studirten sie die Meisterwerke des antiken Genius, in unseren Tagen kümmern sie sich zwar wenig um die todten Sprachen, sind aber dafür mit der Sprache Pascal’s und Molière’s, Dante’s und Tasso’s, Göthe’s und Schiller’s vertraut, und es giebt kein reineres und eleganteres Englisch als das, welches gebildete Frauen gegenwärtig sprechen und schreiben. Während der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts aber scheint die Bildung des weiblichen Geistes fast ganz vernachlässigt worden zu sein. Eine junge Dame, die nur die oberflächliche Kenntniß der Literatur besaß, galt für ein Wunder. Hochgeborne, vornehm erzogene und mit guten natürlichen Anlagen ausgestattete Ladies waren nicht im Stande eine Zeile in ihrer Muttersprache ohne orthographische und stylistische Fehler zu schreiben, deren sich jetzt eine Armenschülerin schämen würde.141
Die Erklärung liegt sehr nahe. Maßlose Ausschweifung, die natürliche Wirkung übertriebener Strenge, war damals vorherrschend und die Ausschweifung hatte ihre gewöhnliche Folge, die sittliche und geistige Erniedrigung der Frauen, nach sich gezogen. Ihren körperlichen Reizen pflegte man rohe und freche Huldigungen darzubringen, aber die Bewunderung und das Verlangen, welche ihre Schönheit erregte, war selten mit Achtung, wahrer Zuneigung und irgend einem ritterlichen Gefühl gepaart. Die Eigenschaften, welche sie zu Lebensgefährtinnen, Rathgeberinnen und vertrauten Freundinnen befähigten, stießen die Wüstlinge von Whitehall eher ab, als daß sie sie anzogen. Ein Ehrenfräulein, die sich so kleidete, daß ihrem Busen das vollste Recht widerfuhr, die beständig liebäugelte, wollüstig tanzte, sich durch vorlaute Keckheit auszeichnete, sich nicht entblödete, mit Kammerherren und Offizieren zu kokettiren, schlüpfrige Lieder mit bezeichnendem Ausdrucke zu singen, und sich zur Ausführung eines muthwilligen Streiches als Page zu verkleiden, hatte an diesem Hofe mehr Aussicht, gefeiert und bewundert zu werden, die Beachtung des Königs auf sich zu ziehen und einen reichen und vornehmen Gatten zu erobern, als eine Johanna Gray oder Lucie Hutchinson gehabt haben würden. Unter solchen Umständen mußte das Maaß der weiblichen Bildung nothwendig sehr niedrig sein, und es war gefährlicher, über diesem Maße zu stehen, als unter demselben. Äußerste Unwissenheit und Leichtfertigkeit wurden bei einer Dame viel eher entschuldigt, als der geringste Anflug von Pedanterie. Von den nur zu berühmten Frauen, deren Portraits wir noch jetzt an den Wänden von Hampton Court bewundern, pflegten wenige etwas Besseres zu lesen als Akrosticha, Spottlieder und Übersetzungen der „Clelia“ und des „Großen Cyrus“.
141. Ein Beispiel mag genügen. Die Königin Marie hatte gute natürliche Anlagen, war von einem Bischofe erzogen, eine Freundin der Geschichte und Poesie und wurde von den ausgezeichnetsten Männern als eine hochgebildete Frau betrachtet. Zu der Bibliothek im Haag befindet sich eine prachtvolle Bibel, die ihr bei der Krönung in der Westminsterabtei überreicht worden war. Auf dem Titelblatte dieser Bibel stehen folgende von ihr eigenhändig geschriebene Worte: „This book was given the King and I, at our crownation. Marie R.“
Literarische Bildung der Gentlemen. Die literarischen Kenntnisse selbst der vollendetsten Gentlemen jener Zeit scheinen bei weitem nicht so solid und gründlich gewesen zu sein, als in früheren oder späteren Zeiten. Griechische Gelehrsamkeit wenigstens blühte unter der Regierung Karl’s II. bei uns nicht, wie sie vor dem Bürgerkriege geblüht hatte und lange nach der Revolution wieder blühte. Es gab wohl auch Gelehrte, denen die ganze griechische Literatur von Homer bis Photius genau bekannt war, aber solche Gelehrte fanden sich fast ausschließlich nur unter den Geistlichen der Universitätsstädte, ja selbst dort waren ihrer nur wenige, und diese wenigen nicht gebührend geschätzt. In Cambridge wurde es durchaus nicht für nöthig gehalten, daß ein Theolog die Bibel in der Ursprache lesen konnte.142 Auch in Oxford stand die Gelehrsamkeit auf keiner höheren Stufe. Als sich unter der Regierung Wilhelm’s III. das ganze Christchurch-Kollegium wie ein Mann erhob, um die Ächtheit der Briefe des Phalaris zu vertheidigen, stand diesem großen Kollegium, welches damals als der Hauptsitz der Philologie im ganzen Lande betrachtet wurde, nicht soviel attische Gelehrsamkeit zu Gebote, als sie heutzutage mancher Gymnasiast besitzt. Nach dem allen wird man leicht denken können, daß eine todte Sprache, welche die Universitäten vernachlässigten, von den Laien nicht viel studirt wurde. Zu einer früheren Zeit hatten die Poesie und die Beredtsamkeit Griechenlands einen Raleigh und Falkland entzückt, zu einer spätern Periode entzückten sie einen Pitt und Fox, einen Windham und Grenville; während der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts aber gab es in England kaum einen bedeutenden Staatsmann, der eine Seite von Sophokles oder Plato mit Genuß lesen konnte.
Gute Lateiner gab es dagegen in Menge. Allerdings hatte auch damals die Sprache Roms ihren Character als Weltsprache noch nicht ganz verloren und war in manchen Ländern Europa’s dem Reisenden und Diplomaten noch unentbehrlich. Die Fertigkeit, sie gut zu sprechen, war daher viel häufiger als zu unsrer Zeit, und es fehlte weder Oxford noch Cambridge an Dichtern welche bei einer feierlichen Gelegenheit glückliche Nachahmungen der Verse, in denen Virgil und Ovid die Größe des Augustus gepriesen hatten, am Fuße des Thrones niederlegen konnten.
142. Roger North erzählt uns, daß sein Bruder Johann, welcher Professor der griechischen Sprache in Cambridge war, sich über die allgemeine Vernachlässigung dieser Sprache unter der Universitätsgeistlichkeit bitter beklagte.
Einfluß der französischen Literatur. Doch auch das Latein wurde durch einen jüngeren Nebenbuhler verdrängt. Frankreich behauptete damals fast in jeder Beziehung den Vorrang. Sein militairischer Ruhm hatte den Höhepunkt erreicht, es hatte wichtige Coalitionen besiegt, Verträge dictirt und große Städte und Provinzen unterworfen; es hatte den kastilianischen Stolz gezwungen, ihm den Vorrang zuzugestehen, es hatte italienische Fürsten sich unterthan gemacht, sein Verfahren war in allen Angelegenheiten der feinen Lebensart, vom Zweikampfe bis zur Menuett maßgebend; es bestimmte, welchen Schnitt der Rock eines Gentleman haben, wie lang seine Perrücke, ob seine Absätze hoch oder niedrig und ob sein Hutband breit oder schmal sein müsse. In der Literatur gab es der Welt Gesetze, ganz Europa war des Ruhmes seiner Schriftsteller voll, kein andres Land hatte einen tragischen Dichter wie Racine, einen komischen wie Molière, einen so liebenswürdigen Tändler wie Lafontaine, einen so gewandten Redner wie Bossuet aufzuweisen. Der literarische Ruhm Italiens und Spaniens war untergegangen, der von Deutschland war noch nicht aufgegangen. Das Genie der ausgezeichneten Männer, welche die Hauptstadt Frankreichs zierten, strahlte daher in einem Glanze, welcher durch den Contrast noch mehr hervorgehoben ward. In der That, Frankreich übte damals eine Weltherrschaft aus, wie selbst die römische Republik sie nie erreicht hatte, denn als Rom in politischer Beziehung herrschte, war es in den Künsten und Wissenschaften Griechenlands demüthiger Schüler; Frankreich hatte auf die benachbarten Länder zu gleicher Zeit den Einfluß, den Rom auf Griechenland, und den, welchen Griechenland auf Rom ausübte. Das Französische erhob sich rasch zur Weltsprache, zur Sprache der feinen Gesellschaft und zur Sprache der Diplomatie. An mehreren Höfen sprachen die Fürsten und der Adel sie besser und eleganter als ihre Muttersprache. Auf unsrer Insel war jedoch diese sklavische Unterordnung noch nicht so weit gediehen als auf dem Continent, weder unsere guten noch unsere schlechten Eigenschaften waren fremden Ursprungs. Doch auch bei uns huldigte man der literarischen Überlegenheit unserer Nachbarn, wenn auch ungeschickt und ungern. Die wohlklingende toskanische Sprache, die allen vornehmen Herren und Damen am Hofe Elisabeth’s so geläufig war, kam aus der Mode. Ein Gentleman, der den Horaz oder Terenz citirte, galt in feiner Gesellschaft für einen prahlerischen Pedanten; verzierte er aber seine Unterhaltung mit französischen Brocken, so war dies der beste Beweis, den er von seinen Talenten und seiner Bildung geben konnte.143 Neue Regeln der Kritik, neue Muster des Styls kamen in die Mode. Die gesuchte Gespreiztheit, welche Donne’s und Cowley’s Verse verunziert hatte, verschwand aus unsrer Poesie. Unsre Prosa verlor zwar an edlem Schwunge, an kunstvollem Satzbau und an wohllautender Abwechselung im Vergleich mit der einer früheren Periode, aber sie wurde klarer, gefälliger und besser geeignet zur Polemik und zum Erzählen. Es ist unmöglich, in diesen Veränderungen den Einfluß französischer Muster und französischen Beispiels zu verkennen. Selbst große Meister unsrer Sprache verschmähten es nicht in ihren werthvollsten Werken sich französischer Ausdrücke zu bedienen, wo ebenso bezeichnende und wohlklingende englische ganz nahe lagen144 und aus Frankreich wurde die Tragödie in Versen bei uns eingeführt, eine exotische Pflanze, welche in unsrem Boden siechte und bald einging.
143. Butler sagt in einer sehr beißenden Satire:
Citirst Du Griechen und Lateiner,
So bist Du der Pedanten einer;
Doch flechtest Du französ’sche Brocken ein
Gilt’s für verdienstlich und für fein.
144. Das gröbste Beispiel dieser Art, dessen ich mich entsinne, kommt in einem Gedicht auf die Krönung Karl’s II. von Dryden vor, der es gewiß nicht durch Wortarmuth entschuldigen konnte, daß er einer fremden Sprache Worte entlehnte:
Hither in summer evenings you repair
To taste the fraicheur of the cooler air
(Hier bringst im Sommer Du die Abendstunden hin,
Um kühle, frische Luft mit Wonne einzuzieh’n.)
Unsittlichkeit der schönen Literatur Englands. Unsere Schriftsteller würden wohl gethan haben, wenn sie auch den Anstand nachgeahmt hätten, den ihre großen französischen Zeitgenossen mit wenigen Ausnahmen beobachteten, denn die Unsittlichkeit der englischen Schauspiele, Satiren, Lieder und Romane jener Zeit ist ein arger Flecken auf unsrem Nationalruhm. Die Quelle des Übels ist leicht zu finden. Die Schöngeister und die Puritaner standen nie auf freundlichem Fuße mit einander, es fand keine Sympathie zwischen diesen beiden Klassen statt. Sie betrachteten das ganze System des menschlichen Lebens aus verschiedenen Gesichtspunkten und in verschiedenem Lichte. Der Ernst der einen war der andern Spott, die Vergnügungen jeder von beiden waren der andren ein Greuel. Dem finstren Rigoristen dünkte selbst das unschuldige Spiel der Phantasie ein Verbrechen, und den leichteren und lebenslustigeren Characteren bot das feierliche Wesen der eifernden Brüder reichen Stoff zu Spötteleien. Von der Reformation bis zu dem Bürgerkriege hatte fast jeder mit einem feinen Scharfblicke zur Auffindung des Lächerlichen begabte Schriftsteller eine Gelegenheit ergriffen, um den glatthaarigen, näselnden und weinerlichen Heiligen, die ihre Kinder nach dem Buche Nehemia tauften, die beim Anblick des Hans im Grünen145 im Stillen seufzten und die es für gottlos hielten, am Weihnachtstage Rosinensuppe zu essen, etwas anzuhaben. Es kam jedoch eine Zeit, wo auch an die Lacher die Reihe kommen sollte, ein ernstes Gesicht zu machen. Nachdem die strengen, abstoßenden Zeloten zwei Generationen hindurch reichen Stoff zu Witzeleien geliefert hatten, erhoben sie sich mit bewaffneter Hand, siegten, herrschten und traten mit schadenfrohem Lächeln die ganze Schaar der Spötter unter die Füße. Die Wunden, welche der heitere Muthwille geschlagen, wurden mit der finstren, unerbittlichen Rachgier vergolten, welche Frömmlern eigen ist, die ihren Groll für Tugend halten. Die Theater wurden geschlossen und die Schauspieler gestäupt. Die Presse ward unter die Aufsicht strenger Censoren gestellt, die Musen von ihren Lieblingssitzen, Cambridge und Oxford vertrieben. Cowley, Crashaw und Cleveland wurden ihrer Lehrstühle entsetzt, der junge Candidat für akademische Würden mußte nicht mehr ovidische Briefe oder virgilische Hirtengedichte schreiben, sondern er wurde von einer Synode finstrer Supralapsarier genau über Tag und Stunde seiner Wiedergeburt befragt. Ein solches System mußte natürlich eine Menge Heuchler hervorbringen. Unter dem schlichten Rocke und hinter der Maske des strengen Ernstes verbarg sich viele Jahre lang das glühende Verlangen nach zügelloser Freiheit und Rache. Dieses Verlangen wurde endlich gestillt. Die Restauration befreiete Tausende von Geistern von einem unerträglich gewordenen Joche. Der alte Kampf begann von neuem und zwar mit nie gekannter Erbitterung; es war kein Kampf des Scherzes mehr, sondern ein Krieg auf Tod und Leben. Der Rundkopf hatte von Denen, die er verfolgt, keine bessere Behandlung zu erwarten, als ein grausamer Sklaventreiber von aufständischen Sklaven, welche die Spuren seiner Halseisen und seiner Peitschen noch an sich tragen.
Der Krieg zwischen Verstand und Puritanismus wurde bald ein Krieg zwischen Verstand und Moralität. Die durch eine lächerliche Karrikirung der Tugend hervorgerufene Erbitterung verschonte auch die wirkliche Tugend nicht mehr. Alles was der näselnde Rundkopf mit Ehrfurcht betrachtet hatte, wurde verhöhnt, und was er verdammt hatte, ward begünstigt. Weil er gegen die geringfügigsten Kleinigkeiten Bedenken erhoben hatte, würde jeder Gewissensskrupel ins Lächerliche gezogen. Weil er seine Fehler mit der Maske der Frömmigkeit verhüllt hatte, so wurde Jedermann dazu aufgemuntert, mit cynischer Frechheit die abscheulichsten Laster dem Blicke des Publikums preiszugeben. Weil er unerlaubte Liebe mit herzloser Strenge bestraft hatte, wurden jungfräuliche Unschuld und eheliche Treue schamlos verspottet. Dem scheinheiligen Jargon, der sein Schibboleth war, wurde ein anderer, nicht minder widerlicher und häßlicher Jargon gegenübergestellt. Wie er den Mund nicht öffnete, ohne sich biblischer Worte zu bedienen, so öffnete die neue Brut von Schöngeistern und Gentlemen nie den Mund, ohne Zoten hervorzubringen, deren sich jetzt ein Lastträger schämen würde, und ohne den Schöpfer anzurufen, daß er die Heuchler verfluchen, verderben, vernichten und verdammen möge.
Es ist daher kein Wunder, daß unsre schöne Literatur, als sie zugleich mit der früheren bürgerlichen und kirchlichen Verfassung wieder auflebte, eine beispiellose Unsittlichkeit zur Schau trug. Nur wenige ausgezeichnete Männer, die einer früheren und besseren Periode angehörten, blieben frei von der allgemeinen Ansteckung. Waller’s Poesien athmeten noch immer die Gefühle, welche ein ritterlicheres Geschlecht beseelt hatten. Cowley, der sich als treuer Anhänger des Thrones und als Gelehrter auszeichnete, erhob muthig seine Stimme gegen die Unsittlichkeit, welche die Literatur wie die Loyalität schändete. Ein noch größerer Dichter, durch Leiden, Gefahren, Armuth, Schmähungen und Blindheit zu gleicher Zeit hart geprüft,146 ließ, nicht achtend des wüsten Lärms, der rings um ihn tobte, einen so erhabenen und heiligen Gesang ertönen, daß er die Lippen der hehren Tugenden nicht entweiht haben würde, die er mit seinem geistigen Blicke, den kein Ungemach verdunkeln konnte, ihre amaranthnen und goldenen Kronen auf das Jaspispflaster herabwerfen sah. Butler’s starker und fruchtbarer Genius entging zwar nicht ganz der herrschenden Ansteckung, nahm aber die Seuche nur in milderer Form in sich auf. Aber dies waren Männer, deren Geist in einer vergangenen Welt gebildet worden war. An ihre Stelle trat bald eine jüngere Generation von Schöngeistern, und der vorherrschende Character dieses Geschlechts, von Dryden bis herab zu Durfey, war eine gefühl- und schamlose, prahlerische und dabei geschmacklose, inhumane Unzüchtigkeit. Der Einfluß dieser Schriftsteller war ohne Zweifel schädlich; aber er hätte noch weit schädlicher werden können, wenn sie minder verderbt gewesen wären. Das Gift, welches sie gaben, war so stark, daß es nach kurzer Zeit mit Ekel wieder ausgeworfen wurde. Keiner von ihnen verstand die gefährliche Kunst, Bilder unerlaubter Lust in ein anziehendes und edles Gewand zu kleiden, keiner von ihnen sah ein, daß auch die Wollust ein gewisses Decorum verlangt, daß Verhüllung lockender sein kann als Nacktheit, und daß die Phantasie durch leise Andeutungen, die sie zu eigner Thätigkeit reizen, mächtiger erregt wird, als durch plumpe Schilderungen, die sie gedankenlos in sich aufnimmt.
Der Geist der antipuritanischen Reaction weht fast durch die ganze schöne Literatur der Regierungsepoche Karl’s II. Die wahre Quintessenz dieses Geistes aber findet sich im komischen Drama. Die Schauspielhäuser, welche die rücksichtslosen Fanatiker in den Tagen ihrer Herrschaft geschlossen hätten, waren wieder gefüllt und zu ihren früheren Reizen hatten sich neue und mächtigere gesellt. Scenerien, Kostüme und Dekorationen, die zwar heutzutage für dürftig und geschmacklos gelten würden, die aber dem Blicke Derer, welche zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts auf den schmutzigen Bänken der „Hoffnung“ oder unter dem Strohdache der „Rose“ gesessen hatten, von unglaublicher Pracht erschienen sein würden, entzückten die Augen der Menge. Der Zauber des schönen Geschlechts wurde herbeigerufen, um den Zauber der Kunst zu unterstützen, und der junge Schauspieler sah mit einer den Zeitgenossen Shakespeare’s und Jonson’s unbekannten Gefühlserregung liebende und muthige Heldinnen durch holde Damen dargestellt. Von dem Augenblicke ihrer Wiedereröffnung an wurden die Theater Pflanzstätten des Lasters, und das Übel griff immer weiter um sich. Die Unsittlichkeit der Darstellungen verscheuchte bald die anständigen Leute, und die Frivolen und Schamlosen, welche zurückblieben, verlangten mit jedem Jahre stärkere Reizmittel. So verdarben die Künstler die Zuschauer und umgekehrt die Zuschauer die Künstler, bis endlich die Unsittlichkeit der Bühne einen Grad erreichte, der Jeden in Erstaunen setzen muß, welcher nicht berücksichtigt, daß äußerste Erschlaffung die natürliche Folge höchster Anspannung ist und daß nach dem regelmäßigen Laufe der Dinge auf ein Zeitalter der Heuchelei ein Zeitalter der Schamlosigkeit folgen mußte.
Nichts characterisirt jene Zeit besser als das angelegentliche Bestreben der Dichter, ihre lockersten Verse Frauen in den Mund zu legen. Am weitesten trieb man die Frechheit in den Epilogen, welche fast stets von den beliebtesten Schauspielerinnen gesprochen wurden, und es war ein Hochgenuß für das verderbte Publikum, die unanständigsten Zeilen aus dem Munde eines schönen Mädchens zu hören, von der man annehmen kennte, daß sie ihre Unschuld noch nicht verloren hatte.147
Unser damaliges Theater entlehnte viele seiner Intriguen und Charactere den Spaniern, den Franzosen und den alten englischen Meistern; aber was unsere dramatischen Dichter berührten, das beschmutzten sie auch. In ihren Nachahmungen wurden die Häuser der ehrenwerthen und hochherzigen kastilianischen Herren Calderon’s Pfühle des Lasters, Shakespeare’s Viola eine Kupplerin, Molière’s Menschenfeind ein Ehrenräuber, Molière’s Agnes eine Ehebrecherin. Nichts war so rein und heroisch, daß es bei der Verarbeitung durch jene schmutzigen und gemeinen Hände nicht schmutzig und gemein geworden wäre.
So stand es mit dem Schauspiel, und das Schauspiel war derjenige Zweig der schönen Literatur, in welchem der Dichter die meiste Aussicht hatte, sich mit der Feder seinen Unterhalt zu erwerben. Bücher wurden so wenig gekauft, daß selbst ein Mann mit dem berühmtesten Namen für das Verlagsrecht des besten Werkes nur ein geringes Honorar erwarten durfte. Es giebt keinen sprechenderen Beleg für diese Behauptung, als das Schicksal von Dryden’s letztem Geistesproducte, seinen Fabeln. Dieser Band erschien zu einer Zeit, wo Dryden allgemein als der erste lebende Dichter Englands anerkannt war. Derselbe enthält ungefähr zwölftausend Zeilen. Der Versbau ist wunderschön, die Erzählungen und Schilderungen voll Leben. Noch heutzutage entzücken „Palamon und Arcite“, „Cymon und Iphigenia“, „Theodora und Honoria“ jeden Kritiker wie jeden Schulknaben. Die Sammlung enthält auch das „Fest Alexanders“, die herrlichste Ode in unsrer Sprache. Dryden erhielt für das Verlagsrecht funfzig Pfund Sterling, das heißt weniger als heutzutage zuweilen für zwei Beiträge für eine Zeitschrift bezahlt wird.148 Dessenungeachtet scheint das Honorar im Verhältniß nicht niedrig gewesen zu sein, denn das Buch ging nur langsam und erst zehn Jahre nach dem Tode des Verfassers wurde eine zweite Auflage nöthig. Wer für die Bühne schrieb, konnte mit weit geringerer Anstrengung viel größere Summen erwerben. So erhielt Southern für ein einziges Stück siebenhundert Pfund;149 Otway schwang sich durch den Erfolg seines „Don Carlos“ aus tiefster Armuth zu vorübergehendem Reichthum empor;150 Shadwell bekam für eine einzige Vorstellung seines „Squire of Alsatia“ hundertdreißig Pfund,151 Die Folge davon war, daß Jedermann, der von dem Ertrage seiner Geistesproducte leben mußte, Theaterstücke schrieb, gleichviel ob er inneren Beruf dazu hatte oder nicht. So auch Dryden. Als Satyriker wetteiferte er mit Juvenal, als didactischer Dichter hätte er, bei Sorgfalt und Studium, vielleicht Lucretius an die Seite gestellt werden können, und außerdem ist er unter den lyrischen Dichtern, wenn nicht der erhabenste, doch der glänzendste und ergreifendste. Aber die Natur, die ihn mit so vielen seltenen Gaben reich ausgestattet, hatte ihm das dramatische Talent versagt. Dennoch vergeudete er die ganze Kraft seiner besten Jahre an dramatische Werke. Er war zu einsichtsvoll, um nicht zu erkennen, daß ihm die Fähigkeit mangelte, Charactere durch den Dialog zu zeichnen, und er that sein Möglichstes, um diesen Mangel bald durch überraschende und ergötzliche Wendungen, bald durch edle Deklamation, bald durch wohllautende Verse; bald durch schlüpfrige Zweideutigkeiten, zu verdecken, welche dem Geschmack eines profanen und sittenlosen Publikums nur zu wohl entsprachen. Dennoch erlangte er nie einen dramatischen Erfolg, ähnlich denen, welche die Anstrengungen einiger Männer belohnten, die an Talent überhaupt tief unter ihm standen. Er schätzte sich glücklich, wenn er hundert Guineen für ein Stück erhielt, ein karger, aber jedenfalls höherer Lohn, als ihm jede andre literarische Arbeit von gleichem Umfange eingebracht, haben wurde,152
Die Unterstützung, welche den Schöngeistern jener Zeit von Seiten des Publikums zu Theil wurde, war so gering, daß sie sich gezwungen sahen, ihr Einkommen zu erhöhen, indem sie die Börsen der Großen in Contribution setzten. Jeder reiche und gutherzige Lord wurde daher von den Autoren mit so zudringlicher Bettelei und so kriechender Schmeichelei belästigt, wie sie unsrer Zeit unglaublich erscheinen müssen. Von dem Gönner, dem ein Werk gewidmet wurde, erwartete der Verfasser, daß er ihn mit einer goldgefüllten Börse belohnen werde. Das für die Widmung eines Buches bewilligte Geschenk war oft bedeutender, als die Summe, welche irgend ein Verleger für das Verlagsrecht bezahlt haben würde. Es wurden daher oft Bücher lediglich um der Zuneigung willen gedruckt. Dieser Handel mit Lob hatte die Wirkung, welche davon zu erwarten war. Eine an Unsinn, ja zuweilen an Gottlosigkeit streifende Schmeichelei war keine Schande für den Dichter, die Welt verlangte keine Unabhängigkeit, Wahrhaftigkeit und Selbstachtung von ihm, kurz, er war in moralischer Beziehung ein Mittelding zwischen einem Kuppler und einem Bettler.
Zu den anderen Fehlern, welche den literarischen Character schändeten, kam gegen das Ende der Regierung Karl’s II. die maßloseste Heftigkeit des Parteigeistes. Die Schöngeister als Stand waren durch ihren alten Haß gegen den Puritanismus bewogen worden, auf die Seite des Hofes zu treten, und hatten sich als nützliche Bundesgenossen erwiesen. Dryden insbesondere hatte dem Hofe gute Dienste geleistet. Sein „Absalom und Achitophel“, die größte Satire der neueren Zeit, hatte die Hauptstadt in Erstaunen gesetzt, mit beispielloser Schnelligkeit selbst in ländliche Bezirke den Weg gefunden und allenthalben, wo sie erschien, die Exclusionisten tief gekränkt und den Muth der Tories gehoben. Wir dürfen jedoch über die Bewunderung, die wir der edlen Diction und dem schönen Versbau zollen, die wichtige Unterscheidung zwischen Gutem und Bösem nicht außer Acht lassen. Der Geist, von welchem Dryden und viele seiner Standesgenossen damals gegen die Whigs beseelt waren, verdient hämische Bosheit genannt zu werden. Die servilen Richter und Sheriffs jener schlimmen Zeit konnten das Blut nicht so schnell vergießen, als die Dichter danach schrieen. Das Verlangen von mehr Opfern, abscheuliche Späße über den Strang und bittere Verhöhnung Derjenigen, welche, nachdem sie dem Könige in der Stunde der Gefahr treu zur Seite gestanden, ihm jetzt zu einer nachsichtigen und großmüthigen Behandlung seiner besiegten Feinde riethen, wurden auf offener Bühne ausgesprochen, und zwar, damit das Maß der Schuld und Schande voll werde, von Frauen, in denen man so jeden Funken von Mitgefühl zu ersticken suchte, nachdem sie schon längst gelernt hatten, alle Sittlichkeit von sich zu werfen.153
145. Jack in the Green, ein Scherz der Essenkehrer, den sie am 1. Mai vorzunehmen pflegen und welcher darin besteht, daß sie den Längsten von ihnen in ein mit Blumen und grünen Zweigen umgebenes taugliches Korbgeflecht stecken, so daß man fast nichts von ihm sieht. D. Übers.
146. Milton. Der Übers.
147. Jeremias Collier hat diese schmachvolle Unsitte mit gewohnter Kraft und Schärfe gegeißelt.
148. Der Contract findet sich in Sir Walter Scott’s Ausgabe von Dryden’s Werken.
149. Siehe Shiels’s Life of Southern.
150. Siehe Rochester’s Trial of the Poets.
151. Aus einem Bericht über die englische Bühne.
152. Life of Southern by Shiels.
153. Sollte dieser oder jener Leser meine Ausdrücke zu stark finden, so rathe ich ihm, Dryden’s Epilog in seinem „Herzog von Guise“ zu lesen und dabei im Auge zu behalten, daß derselbe von einer Dame gesprochen wurde.
Zustand der Wissenschaft in England. Es ist eine bemerkenswerthe Thatsache, daß, während die leichtere Literatur Englands auf diese Art ein wunder Fleck und eine Schmach der Nation wurde, der englische Genius in der Wissenschaft eine Umwälzung bewirkte, die bis an’s Ende aller Zeiten zu den glänzendsten Leistungen des menschlichen Geistes gezählt werden wird. Bacon hatte den guten Samen zu ungünstiger Zeit in einen trägen Boden gesäet. Auch hatte er keine frühzeitige Ernte erwartet und in seinem letzten Testamente seinen Ruhm feierlich dem nächsten Zeitalter vermacht. Während einer ganzen Generation war seine Philosophie trotz aller Unruhen, Kriege und Verbannungen in einigen wenigen reich begabten Köpfen langsam gereift. Während Parteien um die Herrschaft über einander kämpften, hatte sich eine kleine Schaar von Weisen mit lobenswerther Verachtung von dem Kampfe zurückgezogen und sich dem edleren Zwecke gewidmet, die Herrschaft des Menschen über die Materie zu erweitern. Sobald die Ruhe wieder hergestellt war, fanden diese Lehrer ohne Mühe aufmerksame Zuhörer, denn die Schule, durch welche die Nation gegangen war, hatte den öffentlichen Geist in eine Stimmung versetzt, die ihn zur Aufnahme der Verulamischen Lehren wohl geeignet machte. Die bürgerlichen Unruhen hatten die Fähigkeiten der gebildeten Klassen geweckt und eine rastlose Thätigkeit und eine unersättliche Wißbegierde hervorgerufen, wie sie unter uns nie zuvor gekannt war. Jene Unruhen hatten jedoch auch die Wirkung gehabt, daß politische und religiöse Reformpläne in der Regel mit Argwohn und Verachtung angesehen wurden. Zwanzig Jahre lang hatten sich rührige und scharfsinnige Männer vorzugsweise damit beschäftigt, Verfassungen mit und ohne höchste Beamten, mit erblichen Senaten, mit durch das Loos zu wählenden Senaten, mit jährlich wechselnden Senaten oder mit bleibenden Senaten zu entwerfen. Nichts war bei diesen Plänen vergessen. Alle Einzelnheiten, die ganze Nomenclatur, das ganze Ceremonial der imaginären Regierung war vollständig ausgeführt: Polemarchen und Phylarchen, Tribus und Galaxien,154 der Lord Archon und der Lord Strategus, welche Wahlurnen grün und welche roth, welche Kugeln von Gold und welche von Silber sein, welche Beamten Hüte und welche schwarze Sammtkappen mit Troddeln tragen, wie das Scepter gehalten werden und wann die Herolde sich entblößen sollten; alle diese und noch hundert andere derartige Kleinigkeiten waren von Männern nicht gewöhnlicher Fähigkeiten und wissenschaftlicher Bildung ernstlich erwogen und festgestellt.155 Aber die Zeit für solche Träume war vorüber, und wenn wirklich noch hier und da ein zäher Republikaner sich damit beschäftigte, so bewog ihn doch die Furcht, öffentlich ausgelacht und des Hochverraths angeklagt zu werden, in der Regel zur sorgfältigsten Geheimhaltung seiner Phantasiegebilde. Es war jetzt unpopulär und gefährlich, nur ein Wort gegen die Grundgesetze der Monarchie laut werden zu lassen, aber kühne und erfinderische Köpfe konnten sich dafür entschädigen, indem sie auf die bisherigen Grundgesetze der Natur mit mitleidiger Geringschätzung herabsahen. Der in dem einen Bette gedämmte Strom suchte sich gewaltsam ein andres; der revolutionäre Geist konnte in der Politik nicht mehr thätig sein und fing daher an, sich mit noch nicht dagewesener Kraft und Regsamkeit in jedem Zweige der Naturwissenschaften zu rühren. Das Jahr 1660, die Epoche der Wiedereinsetzung der alten Verfassung, ist zugleich auch der Zeitpunkt, mit dem der Einfluß der neuen Philosophie beginnt. In diesem Jahre wurde die königliche Societät gegründet, welche das Hauptwerkzeug einer langen Reihe von rühmlichen und heilsamen Reformen werden sollte.156 Binnen wenigen Monaten wurde die Experimentalwissenschaft allenthalben Mode. Die Transfusion des Blutes, das Wägen der Luft und die Fixirung des Quecksilbers nahmen im Geiste des Publikums die Stelle ein, welche bis vor Kurzem die Controversen der Rota ausgefüllt hatten. Ideen über vollkommenere Verfassungsformen machten Träumen von Flügeln, mit denen man vom Tower bis zur Abtei fliegen konnte, und von doppelkieligen Schiffen Platz, bei denen ein Scheitern, selbst im heftigsten Sturme, nicht möglich sein sollte. Die herrschende Stimmung riß alle Klassen mit sich fort, Kavalier und Rundkopf, Staats-, Kirchenmann und Puritaner waren mit einem Male wieder einig. Theologen, Juristen, Staatsmänner, Edelleute und Fürsten erhöhten den Sieg der Bacon’schen Philosophie. Die Dichter verkündeten mit wetteiferndem Feuer das Herannahen des goldenen Zeitalters. Cowley forderte in sinnvollen und glänzenden Versen die Auserwählten auf, Besitz zu nehmen von dem gelobten Lande, wo Milch und Honig flössen, von dem Lande, das ihr großer Befreier und Gesetzgeber wie vom Gipfel des Pisgah herab gesehen, aber nicht habe betreten dürfen.157 Dryden stimmte mit mehr Begeisterung als Sachkenntniß in den allgemeinen Jubel ein und weissagte Dinge, die er so wenig als irgend Jemand verstand. Die Königliche Societät, prophezeiete er, werde uns bald an den äußersten Rand des Erdballs führen und uns dort mit einer besseren Ansicht des Mondes überraschen.158 Zwei gebildete und strebsame Prälaten, Ward, Bischof von Salisbury, und Wilkins, Bischof von Chester, gehörten zu den Führern der Bewegung. Die Geschichte derselben wurde in beredter Sprache von einem jüngern Theologen geschrieben, der sich in seinem Berufe zu hoher Auszeichnung emporschwang, von Thomas Sprat, nachmals Bischof von Rochester. Auch der Oberrichter Hale und der Lordsiegelbewahrer Guildford stahlen ihren richterlichen Geschäften einige Stunden ab, um Schriften über die Hydrostatik zu schreiben. In der That waren die ersten Barometer, welche in London zum Verkauf gestellt wurden, unter Guildford’s unmittelbarer Leitung verfertigt.159 Die Chemie theilte auf kurze Zeit mit dem Wein und der Liebe, mit der Bühne und dem Spieltische, mit den Hofintriguen und den demagogischen Umtrieben die Aufmerksamkeit des ruhelosen Buckingham. Dem Prinzen Ruprecht wurde die Erfindung der schwarzen Kunst zugeschrieben, und nach ihm ist die seltsame Glasblase benannt, welche so lange die Kinder unterhalten und die Philosophen in Verlegenheit gesetzt hat.160 Karl selbst hatte in Whitehall ein Laboratorium und war dort viel thätiger und aufmerksamer als im Staatsrathe. Es gehörte fast zu den Erfordernissen eines gebildeten Gentleman, daß er über Luftpumpen und Teleskope zu sprechen verstand, und selbst seine Damen hielten es zuweilen für passend, Neigung zu den Wissenschaften zur Schau zu tragen, fuhren mit Sechsen nach den Greshamer Sehenswürdigkeiten und stießen einen Freudenruf aus, wenn sie sahen, daß ein Magnet wirklich eine Nadel anzog und daß eine Fliege unter dem Mikroskop so groß aussah wie ein Sperling.161
Wie in jeder großen Bewegung des menschlichen Geistes, lag allerdings auch in dieser etwas, das wohl ein Lächeln entlocken konnte. Es ist eine allgemeine Regel, daß jede Lehre, jedes Studium, wenn es zur Modesache wird, einen Theil der Würde verliert, die es besaß, während es noch auf einen kleinen aber ernsten Kreis beschränkt war und nur um seiner selbst willen geliebt wurde. Es ist wahr, die Thorheiten mancher Leute, die ohne wirkliches Geschick für die Wissenschaft eine leidenschaftliche Liebe zu derselben zur Schau trugen, lieferten einigen boshaften Satirikern, die noch der vorhergehenden Generation angehörten und welche das, was sie in der Jugend gelernt, nicht gern vergessen wollten, Stoff zu verächtlichem Spott.162 Nicht minder wahr aber ist es, daß das große Werk der Erforschung der Natur von den Engländern jener Zeit in einer Weise gefördert wurde, wie nie zuvor zu irgend einer Zeit und von irgend einer Nation. Der Geist Franz Bacon’s, dieser Geist, in welchem Kühnheit und Besonnenheit zu einem wundervollen Ganzen verbunden waren, schwebte über dem Volke. Man war fest überzeugt, daß die ganze Welt voll von Geheimnissen von hoher Wichtigkeit für das Wohl des Menschen sei und daß der Schöpfer ihm den Schlüssel in die Hand gelegt, der bei richtigem Gebrauch ihm die Kenntniß derselben verschaffen konnte. Zu gleicher Zeit aber war man auch überzeugt, daß man in den Naturwissenschaften nur durch genaue Beobachtung einzelner Erscheinungen zur Kenntniß der allgemeinen Gesetze gelangen konnte. Tief durchdrungen von diesen großen Wahrheiten widmeten sich die Jünger der neuen Philosophie ihrer Aufgabe, und noch vor Ablauf eines Vierteljahrhunderts hatten sie schon einen großen Theil von den Schätzen zu Tage gefördert, welche später vervollständigt worden sind. Schon hatte eine Reform des Landbaus begonnen, neue Pflanzen wurden angebaut, neue landwirthschaftliche Geräthe und neue Düngemittel wurden angewendet.163 Evelyn hatte mit ausdrücklicher Genehmigung der Königlichen Societät seinen Landsleuten Unterricht im Anpflanzen gegeben. Temple hatte in seinen Mußestunden allerhand Versuche im Gartenbau angestellt und den Beweis geliefert, daß viele köstliche Früchte, die Erzeugnisse begünstigterer Himmelsstriche, mit Hülfe der Kunst in englischem Boden gezogen werden konnten. Die Arzneiwissenschaft, die sich in Frankreich noch in trauriger Abhängigkeit befand und Molière unerschöpflichen Stoff zu gerechtem Spott lieferte, war in England eine Experimentalwissenschaft geworden, welche trotz Hippokrates und Galen mit jedem Tage einen neuen Fortschritt machte. Zum ersten Male richtete sich die Aufmerksamkeit denkender Männer auf die so wichtige Gesundheitspolizei. Die große Pest von 1665 gab ihnen Veranlassung, die Mängel der Bauart, der Abzugskanäle und der Lüftung der Hauptstadt sorgfältig zu untersuchen, und der große Brand im darauffolgenden Jahre bot Gelegenheit zur Einführung ausgedehnter Verbesserungen. Die Königliche Societät prüfte die Sache mit größter Thätigkeit, und den Anregungen von Seiten dieser Gesellschaft sind zum Theil die Veränderungen zuzuschreiben, welche allerdings noch weit hinter dem zurückblieben, was die öffentliche Wohlfahrt erheischte, aber doch einen großen Unterschied zwischen dem alten und dem neuen London hervortreten ließen und den Verheerungen der Pest in unsrem Vaterlande wahrscheinlich ein Ziel setzten.164 Zu gleicher Zeit schuf einer von den Gründern der Gesellschaft, Sir Wilhelm Petty, die Wissenschaft der politischen Arithmetik, die bescheidene, aber unentbehrliche Gehülfin der Staatsweisheit. Kein Naturreich blieb unerforscht. Jener Zeit gehören die Entdeckungen Boyle’s im Gebiete der Chemie und Sloane’s erste botanische Forschungen an. Damals stellte Ray eine neue Classification der Vögel und Fische auf und Woodward begann seine Aufmerksamkeit den Fossilien und Muscheln zuzuwenden. Die Phantome, die während langer Jahrhunderte der Finsterniß die Welt bethört hatten, flohen eines nach dem andren vor dem Lichte. Die Astrologie und Alchymie wurden Gegenstände des Spotts. Bald gab es kaum noch eine Grafschaft, wo nicht Einige auf der Richterbank verächtlich gelächelt hätten, wenn eine alte Frau vor sie geführt wurde, weil sie auf Besenstielen geritten sei oder es dem Viehe angethan habe. Die wichtigsten Triumphe aber errang der englische Genius der damaligen Zeit in den edelsten und schwierigsten Zweigen der Wissenschaft, in denen Induction und mathematischer Beweis zur Entdeckung der Wahrheit zusammenwirken. John Wallis gab dem ganzen System der Statik eine neue Grundlage. Edmund Halley untersuchte die Eigenschaften der Atmosphäre, die Ebbe und Fluth des Meeres, die Gesetze des Magnetismus und den Lauf der Kometen; weder Mühen, noch Gefahren, noch die Verbannung konnten ihm die Pflege der Wissenschaft verleiden. Während er auf dem Felsen von St. Helena eine Karte von den Sternbildern der südlichen Hemisphäre entwarf, ward unsre Nationalsternwarte in Greenwich erbaut, und John Flamsteed, der erste königliche Astronom, begann die lange Reihe von Beobachtungen, welche auf keinem Punkte der ganzen Erde ohne Achtung und Dankbarkeit erwähnt werden. Doch wie groß auch der Ruhm dieser Männer ist, er wird durch den Alles überstrahlenden Glanz eines unsterblichen Namens in den Schatten gestellt. In Isaak Newton vereinigten sich wie in keinem Andren vor ihm oder nach ihm zwei Arten von geistiger Kraft, welche wenig mit einander gemein haben und nicht oft in einem hohen Grade der Vollendung beisammen gefunden werden, die aber nichtsdestoweniger bei Erforschung der höchsten Gebiete der Naturwissenschaft gleich nothwendig sind. Es mag Geister gegeben haben, welche für den Anbau der reinen mathematischen Wissenschaft eben so glücklich constituirt waren als der seinige; es mag Geister gegeben haben, welche in der Pflege der reinen Experimentalwissenschaft dem seinigen nicht nachstanden: in keinem andren Geiste aber haben sich das demonstrative und das inductive Talent in solch höchster Vollendung und in so unvergleichlicher Harmonie vereinigt. In einem Zeitalter von Scotisten und Thomisten würde vielleicht auch sein Geist verkümmert sein, wie mancher andre, der nur dem seinigen nachstand. Glücklicherweise aber gab der Geist des Zeitalters, das ihm zugefallen war, seinem Geiste die rechte Richtung, und sein Genie wirkte wieder mit zehnfacher Kraft auf den Geist seiner Zeit zurück. Im Jahre 1685 war sein Ruhm, obwohl schon glänzend, doch erst im Entstehen, sein Genie aber hatte den Zenith erreicht. Sein großes Werk, das Werk, das auf den wichtigsten Gebieten der Naturwissenschaft eine Revolution herbeiführte, war vollendet, aber noch nicht im Druck erschienen, und sollte eben der Beurtheilung der Königlichen Societät unterbreitet werden.