Schlechter Zustand der Landstraßen. Die Reisenden und Waaren wurden meist auf den Landstraßen von Ort zu Ort geschafft und diese befanden sich in einem viel schlechteren Zustande, als man es bei dem Grade von Reichthum und Civilisation, den die Nation schon damals erreicht, hätte erwarten sollen. Die besten Verbindungswege hatten tiefe Geleise, steile Abhänge und waren im Dunkeln kaum von den zu beiden Seiten befindlichen Haiden und Sümpfen zu unterscheiden. Der Alterthumsforscher Ralph Thoresby war in Gefahr, sich auf der großen Nordstraße zwischen Barnby Moor und Tuxford zu verirren und verirrte sich wirklich zwischen Doncaster und York.106 Pepys und seine Gattin, welche mit eigner Equipage reisten, verirrten sich zwischen Newbury und Reading; auf der nämlichen Reise verirrten sie sich noch einmal in der Nähe von Salisbury, wo sie die Nacht fast hätten auf freiem Felde zubringen müssen.107 Nur bei gutem Wetter konnte die Straße in ihrer ganzen Breite von Räderfuhrwerk benutzt werden. Oft lag tiefer Koth zu beiden Seiten und nur ein schmaler Streifen festen Bodens zog sich zwischen dem Moraste hin.108 Zu solchen Zeiten gab es häufigen Aufenthalt und Streit, denn die Straße war zuweilen lange von Fuhrleuten versperrt, die einander nicht ausweichen wollten. Es kam fast täglich vor, daß Kutschen stecken blieben, bis ein Ochsenvorspann aus dem nächsten Dorfe herbeigeschafft werden konnte, um sie aus dem Schlamme zu ziehen. In der schlechten Jahreszeit aber hatte der Reisende mit noch viel größeren Widerwärtigkeiten zu kämpfen. Thoresby, der oft von Leeds nach der Hauptstadt und zurück reisen mußte, hat in seinem Tagebuche eine Reihe von Gefahren und Unfällen aufgezeichnet, die für eine Reise nach dem Eismeere oder durch die Wüste Sahara vollkommen genug sein würden. Einmal erfuhr er, daß zwischen Ware und London die Flüsse ausgetreten waren, daß Reisende sich nur durch Schwimmen gerettet hatten und daß ein Hausirer, der dies, auch hatte versuchen wollen, ums Leben gekommen war. In Folge dieser Nachrichten lenkte er von der Heerstraße ab und ritt über einige Wiesen, wo ihm das Wasser bis an den Sattel ging.109 Auf einer andren Reise entging er mit knapper Noth der Gefahr, von einer Überschwemmung des Trent hinweggespült zu werden. Später einmal mußte er des schlechten Zustandes der Straße wegen vier Tage in Stamford liegen bleiben und wagte dann die Weiterreise nur in Gesellschaft von vierzehn Mitgliedern des Hauses der Gemeinen, welche mit Führern und einem zahlreichen Gefolge nach London zum Parlament reisten.110 Auf den Straßen von Derbyshire waren die Reisenden in steter Gefahr, den Hals zu brechen und mußten oft absteigen und ihre Pferde führen.111 Die Hauptstraße durch Wales nach Holyhead war in einem solchen Zustande, daß im Jahre 1685 ein Vicekönig, der sich nach Irland begab, fünf Stunden brauchte, um den vierzehn Meilen langen Weg von St. Asaph nach Conway zurückzulegen. Zwischen Conway und Beaumaris mußte er eine große Strecke zu Fuß gehen und seine Gemahlin in einer Sänfte tragen lassen. Sein Wagen konnte ihm nur mit Beihülfe vieler Hände in unverändertem Zustande nachgeschickt werden. In der Regel wurden die Wagen in Conway auseinandergenommen und von kräftigen waleser Landleuten bis ans Ufer der Menaistraße getragen.112 In einigen Theilen von Kent und Sussex konnten im Winter nur die stärksten Pferde durch den Schlamm kommen, in den sie bei jedem Schritte versanken. Die Märkte mußten deshalb oft mehrere Monate ausgesetzt werden. Es wird erzählt, daß die Feldfrüchte zuweilen an einem Orte unbenutzt verfaulten, während an einem wenige Meilen davon entfernten Orte der Vorrath bei weitem nicht dem Bedarf entsprach. Die Räderfuhrwerke wurden in dieser Gegend meist von Ochsen gezogen.113 Als der Prinz Georg von Dänemark bei nassem Wetter das prächtige Schloß Petworth besuchte, brauchte er sechs Stunden zu neun Meilen Wegs und mehrere kräftige Männer mußten zu beiden Seiten des Wagens gehen, um denselben zu stützen. Von den Wagen seines Gefolges wurden mehrere umgeworfen und beschädigt. Es existirt noch ein Brief von einem seiner Kammerdiener, worin der gute Mann sich beklagt, daß er in vierzehn Stunden nicht ein einziges Mal ausgestiegen sei, außer wenn sein Wagen umwarf oder im Kothe stecken blieb.114
Eine Hauptursache der schlechten Beschaffenheit der Heerstraßen scheint die Mangelhaftigkeit der Gesetze gewesen zu sein. Jedes Kirchspiel war verpflichtet, die durch sein Gebiet führende Chaussee in Stand zu halten. Zu dem Ende mußte jeder Landmann sechs Tage im Jahre unentgeltlich daran arbeiten, und genügte dies nicht, so wurden Arbeiter gemiethet und die Kosten durch freiwillige Beiträge aufgebracht. Daß eine Heerstraße, welche zwei große Städte verbindet, die einen lebhaften und einträglichen Handel mit einander treiben, auf Kosten der zwischen ihnen zerstreuten ländlichen Bevölkerung unterhalten werden soll, ist offenbar unbillig, und diese Unbilligkeit war namentlich bei der großen Nordstraße in die Augen fallend, indem dieselbe durch sehr arme und dünn bevölkerte Districte führte, aber sehr wohlhabende und volkreiche mit einander verband. Es liegt wohl klar am Tage, daß man den Gemeinden von Huntingdonshire nicht zumuthen konnte, eine Straße in Stand zu halten, welche durch den lebhaften Handelsverkehr zwischen dem Westen von Yorkshire und London arg zugerichtet wurde. Bald nach der Restauration erregte dieser Übelstand die Aufmerksamkeit des Parlaments und es wurde eine Verordnung, das erste unserer zahlreichen Chausseegesetze, erlassen, durch welche den Reisenden und Gütern eine kleine Abgabe als Beitrag zu den Unterhaltungskosten dieser wichtigen Verbindungslinie auferlegt ward.115 Diese Neuerung erregte jedoch heftiges Murren und die übrigen großen Zugänge nach der Hauptstadt blieben daher noch lange unter dem alten Systeme, bis endlich, nicht ohne große Schwierigkeiten, eine Veränderung vorgenommen wurde. Ungerechte und zwecklose Steuern, an die das Volk einmal gewöhnt ist, zahlt es oft williger als eine neue, wenn auch noch so vernünftige Abgabe. Erst nachdem viele Schlagbäume gewaltsam zerstört, in vielen Bezirken die bewaffnete Macht gegen das Volk eingeschritten und viel Blut vergossen worden war, gewann das zweckmäßige System festen Boden.116 Der Verstand siegte nach und nach über das Vorurtheil und gegenwärtig ist unsre Insel mit einem Netze von dreißigtausend Meilen vortrefflicher Chausseen überzogen.
Auf den besseren Landstraßen wurden zur Zeit Karl’s II. schwere Güter gewöhnlich durch öffentliche Frachtfuhrwerke befördert. In dem Strohe dieser Frachtwagen nistete immer ein Häufchen Passagiere, welche nicht die Mittel hatten, um in einer Kutsche oder zu Pferde zu reisen und die durch Gebrechlichkeit oder durch ihr Gepäck verhindert waren, zu Fuße zu gehen. Die Kosten der Versendung von Frachtgütern auf diesem Wege waren enorm. Von London nach Birmingham betrug die Fracht sieben Pfund, von London nach Exeter zwölf Pfund Sterling für die Tonne.117 Dies machte pro Tonne etwa fünfzehn Pence auf die Meile, ein Drittel mehr als später auf den besten Chausseen bezahlt wurde, und fünfzehnmal so viel als jetzt die Eisenbahngesellschaften verlangen. Bei manchen nützlichen Gegenständen waren die hohen Frachtkosten so gut wie ein Prohibitivzoll. Besonders Steinkohlen sah man nirgends als in den Districten, wo sie zu Tage gefördert wurden, oder höchstens in den Gegenden, wohin sie zur See gebracht werden konnten, weshalb sie auch im südlichen England allgemein unter dem Namen „Seekohlen“ bekannt waren.
Auf Nebenwegen und namentlich durch das ganze Gebiet nördlich von York und westlich von Exeter wurden die Frachtgüter durch lange Züge von Packpferden befördert. Diese starken und frommen Thiere, deren Schlag jetzt ausgestorben ist, wurden von einer eignen Menschenklasse geführt, welche große Ähnlichkeit mit den spanischen Maulthiertreibern gehabt zu haben scheint. Dem unbemittelten Reisenden war es oft willkommen, wenn er auf einem Packsattel zwischen zwei Waarenballen unter der Obhut dieser kräftigen Führer reisen konnte. Die Kosten dieser Reisegelegenheit waren gering, aber die Karawane ging nur im Schritt und die Kälte war daher im Winter oft nicht zu ertragen.118
Die Reichen reisten gewöhnlich in eigenen Wagen und mit wenigstens vier Pferden. Der humoristische Dichter Cotton versuchte es von London nach dem Peakgebirge nur zweispännig zu fahren; in St. Albans aber überzeugte er sich, daß die Reise entsetzlich langweilig werden würde, und er änderte daher seinen Plan. Sechsspännige Equipagen sieht man heutzutage fast nie mehr, außer bei feierlichen Gelegenheiten. Die häufige Erwähnung solcher Equipagen in alten Büchern kann uns leicht zu dem Irrthum führen, diesen Aufwand der Prachtliebe zuzuschreiben, während er in Wirklichkeit nur eine sehr unangenehme Nothwendigkeit war. Zur Zeit Karl’s II. reiste man mit sechs Pferden, weil man mit wenigeren große Gefahr lief, im Kothe stecken zu bleiben. Selbst sechs Pferde waren nicht immer hinreichend. Unter der nächsten Generation beschrieb Vanbrugh mit geistreichem Humor die Reise eines zum Parlamentsabgeordneten gewählten Landedelmanns nach London. Alle Anstrengungen der sechs Pferde, deren zwei vom Pfluge weggenommen waren, vermochten bei dieser Gelegenheit die Familienkutsche nicht dagegen zu schützen, daß sie in den Schlamm gebettet wurde.
106. Thoresby’s Diary, Oct. 21, 1680, Aug. 3, 1712.
107. Pepys’s Diary, June 12. & 16. 1668.
108. Ibid. Feb. 28. 1660.
109. Thoresby’s Diary, May 17. 1695.
110. Ibid. Dec. 27. 1708.
111. Tour in Derbyshire, by J. Browne, son of Sir Thomas Browne, 1662. Cotton’s Angler, 1676.
112. Correspondence of Henry Earl of Clarendon, Dec. 30. 1685, Jan. 1. 1686.
113. Postlethwaite’s Dict., Roads. Geschichte von Hawthurst in der Bibliotheca Topographica Britannica.
114. Annals of Queen Anne, 1703. Appendix No. 3.
115. 15, Car. II. c. 1.
116. Die Nachtheile des alten Systems sind in vielen Petitionen, die sich in dem Commons’ Journal von 1725—26 finden, schlagend dargethan. Welche heftige Opposition das neue System fand, kann man aus dem Gentleman’s Magazine von 1749 ersehen.
117. Postlethwaite’s Dictionary, Roads.
118. Loidis and Elmete. Marshall’s Rural Economy of England. Roderich Random kam 1739 auf einem Packpferde aus Schottland nach Newcastle.
Die Diligencen. Die öffentlichen Reisegelegenheiten waren neuerdings sehr verbessert worden. Während der ersten Jahre nach der Restauration war die Diligence zwischen London und Oxford zwei Tage unterwegs, und in Beaconsfield wurde übernachtet. Im Frühjahr 1669 ward endlich eine wichtige und kühne Neuerung versucht. Es wurde angekündigt, daß ein Wagen, den man die „fliegende Kutsche“ nannte, die ganze Reise zwischen Aufgang und Untergang der Sonne machen werde. Das muthige Unternehmen ward von den Häuptern der Universität feierlich berathen und genehmigt und erregte damals das Interesse in gleichem Maße, wie heutzutage die Eröffnung einer neuen Eisenbahn. Der Vicekanzler bestimmte in einer an allen Straßenecken angeschlagenen Bekanntmachung Ort und Stunde der Abfahrt. Der Versuch gelang vollkommen. Um sechs Uhr Morgens fuhr der Wagen von dem Platze vor dem Allerseelen-Collegium in Oxford ab, und um sieben Uhr Abends stiegen die muthigen Gentlemen, welche die gefährliche Reise zuerst gewagt hatten, wohlbehalten am Thore ihres Gasthofes in London aus.119 Dadurch wurde der Wetteifer der Schwesteruniversität rege gemacht, und bald war eine Diligence eingerichtet, welche die Passagiere ebenfalls in einem Tage von Cambridge nach London brachte. Zu Ende der Regierung Karl’s II. fuhren dreimal wöchentlich solche fliegende Kutschen von London nach den wichtigsten Provinzialstädten. Aber keine Diligence und selbst kein Frachtwagen scheint weiter nach Norden als bis York und weiter nach Westen als bis Exeter gefahren zu sein. Eine Eilkutsche machte im Sommer gewöhnlich ungefähr funfzig Meilen den Tag; im Winter aber, wo die Wege schlecht und die Nächte lang waren, wenig mehr als dreißig. Die Diligencen von Chester, York und Exeter erreichten während der schönen Jahreszeit London gewöhnlich in vier Tagen, um Weihnachten aber nicht vor dem sechsten Tage. Die Passagiere, sechs an der Zahl, saßen alle im Innern des Wagens, denn es kamen so häufig Unfälle vor, daß es lebensgefährlich gewesen wäre, die Imperiale zu besteigen. Das gewöhnliche Fahrgeld betrug im Sommer etwa dritthalb Pence auf die Meile, im Winter etwas mehr.120
Diese Art zu reisen, welche der Engländer unserer Tage als unerträglich langsam betrachtet haben würde, dünkte unseren Vorfahren wunderbar, ja erschreckend schnell. In einem wenige Monate vor dem Tode Karl’s II. erschienen Werke werden die Eilkutschen als alle ähnlichen Fuhrwerke, die die Welt je gesehen, weit übertreffend gepriesen. Ganz besonders wird ihre Schnelligkeit gerühmt und triumphirend mit dem Schneckengange der festländischen Posten verglichen. Mit diesen Lobeserhebungen vermischten sich jedoch auch klagende und schmähende Stimmen. Die Einführung der neuen Diligencen hatte in der That die Interessen einiger Klassen beeinträchtigt, und außerdem erhoben, wie immer, Viele aus bloßer Beschränktheit und zäher Anhänglichkeit an das Bestehende, ein lautes Geschrei gegen diese Neuerung, lediglich deshalb, weil es eben eine Neuerung war. Man behauptete mit Heftigkeit, daß eine solche Beförderungsweise der Pferdezucht und der edlen Reitkunst verderblich werden, daß die Themse, welche so lange eine wichtige Schule für Seeleute gewesen sei, aufhören werde, die Hauptfahrstraße von London nach Windsor hinauf und nach Gravesend hinunter zu sein, daß Hunderte von Sattlern und Sporern ruinirt und zahlreiche Gasthöfe, in denen Reisende mit eigenem Geschirr abzusteigen pflegten, veröden und keine Abgaben mehr zahlen würden, daß es in den neuen Wagen im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt sei, daß die Passagiere durch Kranke und durch schreiende Kinder arg belästigt würden, daß die Kutsche zuweilen so spät an Ort und Stelle ankomme, daß man kein Abendessen mehr erhalten, und zuweilen so frühzeitig abfahre, daß man noch kein Frühstück bekommen könne. Aus allen diesen Gründen wurde ganz ernstlich darauf angetragen, daß es keinem öffentlichen Wagen erlaubt sein solle, mehr als vier Pferde vorzuspannen, öfter als ein Mal wöchentlich zu fahren und mehr als dreißig Meilen den Tag zurückzulegen. Man hoffte, daß wenn dieses Regulativ angenommen würde, Jedermann, mit Ausnahme von Kranken und Gebrechlichen, zu der früheren Art des Reisens zurückkehren würde. Petitionen in diesem Sinne von verschiedenen Corporationen der City, von mehreren Provinzialstädten und von den Richtern mehrerer Grafschaften wurden dem Könige im Ministerrathe überreicht. Wir lächeln jetzt über dergleichen Dinge, aber es ist nicht unwahrscheinlich, daß unsere Nachkommen, wenn sie die Geschichte der Opposition lesen, welche die Verbesserungen des neunzehnten Jahrhunderts von Seiten der Habsucht und des Vorurtheils erfahren haben, ebenfalls lächeln werden.121
Trotz der Vortheile, welche die Eilkutschen gewährten, pflegten gesunde und kräftige Leute, die nicht viel Gepäck bei sich zu führen brauchten, längere Reisen noch häufig zu Pferde zu machen. War dem Reisenden um schnelles Fortkommen zu thun, so bediente er sich dazu der Postpferde. Auf allen großen Hauptstraßen waren in gemessenen Entfernungen frische Reitpferde und Führer zu bekommen. Jedes Pferd kostete für die Meile drei Pence und vier Pence erhielt der Führer für die Station. Wenn die Wege gut waren, konnte man auf diese Weise eine geraume Zeit so schnell vorwärts kommen, wie durch irgend ein vor der Erfindung der Dampfkraft in England bekanntes Transportmittel. Postchaisen gab es damals noch nicht, auch konnten Diejenigen, welche mit eigener Equipage reisten, in der Regel die Pferde nicht wechseln. Nur der König und die vornehmsten Staatsbeamten konnten Relais bestellen. So reiste Karl gewöhnlich in einem Tage von Whitehall nach Newmarket, ein etwa fünfundfünfzig Meilen langer Weg in durchaus ebener Gegend, und dies galt bei seinen Unterthanen für eine außerordentliche Geschwindigkeit. Evelyn machte diese Reise einmal, in Gesellschaft des Lordschatzmeisters Clifford. Der Wagen ward von sechs Pferden gezogen, welche zuerst in Bishop Stortford und dann noch einmal in Chesterford gewechselt wurden. Die Reisenden erreichten Newmarket in der Nacht. Eine solche Art zu reisen scheint jedoch als ein nur Fürsten und Ministern zustehender Luxus betrachtet worden zu sein.122
119. Anthony à Wood’s Life of himself.
120. Chamberlayne’s State of England, 1684. Man sehe auch das Verzeichniß der öffentlichen Personen- und Frachtwagen am Schlusse des Buches, betitelt Angliae Metropolis, 1690.
121. John Cresset’s Reasens for suppressing Stage Coaches, 1672. Diese Gründe wurden später in einer Abhandlung betitelt: The Grand Concern of England explained, 1673, aufgenommen. Cresset’s Angriff gegen die Diligencen rief einige Erwiderungen hervor, die mir vorgelegen haben.
122. Chamberlayne’s State of England, 1684. North’s Examen, 105, Evelyn’s Diary, Oct. 9, 10. 1871.
Straßenräuber. Mochte man indeß reisen wie man wollte, stets war man der Gefahr ausgesetzt, angefallen und beraubt zu werden, wenn man nicht in zahlreicher und wohlbewaffneter Gesellschaft reiste. Der berittene Straßenräuber, den unsre Generation nur noch aus Büchern kennt, war auf jeder Hauptstraße zu finden, ganz besonders aber hausten diese Banditen auf den öden Strecken, welche zur Seite der großen Chausseen unweit London lagen. Am berüchtigtsten in dieser Beziehung waren vielleicht die Hounslow-Haide an der großen Weststraße und der Finchley-Anger an der großen Nordstraße. Die Studenten von Cambridge zitterten selbst am hellen Tage, wenn sie sich dem Eppingwalde näherten. Seeleute, welche eben in Chatham ihren Sold ausgezahlt bekommen hatten, mußten häufig ihre Börsen bei Gadshill herausgeben, welcher Ort hundert Jahre früher von dem größten aller Dichter als Schauplatz der Missethaten Poins’ und Fallstaff’s gefeiert worden war. Die Behörden schienen oft nicht zu wissen, wie sie die Räuber behandeln sollten. Einmal wurde in der Gazette angekündigt, daß mehrere Personen, welche stark im Verdachte des Straßenraubes ständen, gegen die aber keine genügenden Beweise vorlägen, in Newgate in Reitkleidern zur Schau ausgestellt werden sollten; auch sollten ihre Pferde gezeigt werden und alle Gentlemen, welche kürzlich ausgeplündert worden, waren eingeladen, die sonderbare Ausstellung in Augenschein zu nehmen. Ein andermal wurde einem Räuber öffentlich Straflosigkeit zugesichert, wenn er einige ungeschliffene Diamanten von ungeheurem Werthe herausgebe, die er bei einem Überfalle der Harwicher Eilpost entwendet hatte. Kurze Zeit darauf erschien eine andre Bekanntmachung, in der den Gasthaltern bedeutet wurde, daß die Regierung ein wachsames Auge auf sie habe, indem ihr verbrecherisches Einverständniß mit den Banditen es diesen möglich mache, die Heerstraßen ungestraft zu beunruhigen. Daß dieser Verdacht nicht ungegründet war, beweisen die letzten Geständnisse einiger reuiger Straßenräuber jener Zeit, denen die Wirthe offenbar ähnliche Dienste geleistet hatten, wie Farquhar’s Bonifaz dem Gibbet leistete.123
Um das gefährliche Handwerk mit Erfolg und Sicherheit betreiben zu können, mußte der Straßenräuber ein kühner und gewandter Reiter und sein Äußeres und sein Benehmen von der Art sein, wie man es von dem Besitzer eines schönen Pferdes erwartete. Er nahm daher in der Gemeinschaft der Diebe einen hohen Rang ein, besuchte die elegantesten Kaffee- und Spielhäuser und wettete auf der Rennbahn mit vornehmen Männern.124 Zuweilen war er auch wirklich von guter Herkunft und Bildung. Es knüpfte sich daher und knüpft sich vielleicht jetzt noch ein romantisches Interesse an die Namen der Freibeuter dieser Klasse. Der große Hause war ganz versessen auf die Geschichtchen von ihrer Wildheit und Verwegenheit, von gelegentlichen Acten der Großmuth und Gutherzigkeit, von ihren Liebschaften, ihren wunderbaren Entweichungen, ihren verzweifelten Kämpfen und ihrem männlichen Benehmen vor Gericht und auf dem Karren. So wurde von Wilhelm Nevison, dem großen Räuber von Yorkshire, erzählt, daß er von allen Viehhändlern des Nordens eine bestimmte Abgabe erhob, wogegen er nicht allein selbst sie verschonte, sondern sie auch gegen alle anderen Räuber schützte, daß er die Börsen auf die höflichste Manier abforderte, von dem, was er den Reichen genommen, den Armen reichlich gab, daß die königliche Gnade ihm einmal das Leben schenkte, daß er aber dessenungeachtet wiederholt sein Glück versuchte und endlich im Jahre 1685 in York am Galgen starb.125 Es wurde ferner erzählt, wie Claude Duval, der französische Page des Herzogs von Richmond, daß Räuberhandwerk ergriff, der Hauptmann einer gefürchteten Bande wurde und die Ehre hatte, in einem königlichen Erlasse gegen berüchtigte Missethäter zuerst genannt zu werden; wie er an der Spitze seiner Schaar den Wagen einer Dame anhielt, in welchem er eine Beute von vierhundert Pfund fand, von denen er nur hundert nahm und die übrigen dreihundert der schönen Eigenthümerin unter der Bedingung ließ, daß sie dafür mit ihm einen Coranto auf der Haide tanzte; wie er durch seine feurige Galanterie die Herzen aller Frauen gewann, wie seine Geschicklichkeit im Gebrauche der Waffen ihn zum Schrecken aller Männer machte und wie er endlich im Jahre 1670 im Weinrausch ergriffen ward; wie vornehme Damen ihn im Gefängniß besuchten und sich mit Thränen für sein Leben verwendeten; wie der König ihn auch begnadigt haben würde, hätte der Richter Morton, der Schrecken aller Straßenräuber, nicht Einsprache dagegen erhoben und gedroht, sein Amt niederzulegen, wenn man dem Gesetze nicht seinen Lauf lasse, und wie nach der Hinrichtung der Leichnam mit allem Gepränge von Wappenschildern, Wachskerzen, Trauerbehängen und stummen Wächtern zur Parade ausgestellt wurde, bis der nämliche herzlose Richter, der sich der Gnade des Königs widersetzt, Beamte abschickte, um die Todtenfeier zu stören.126 Gewiß hat die Phantasie starken Antheil an diesen Anekdoten, aber sie verdienen deshalb nicht minder erwähnt zu werden, denn es ist eine ebenso authentische als bedeutungsvolle Thatsache, daß solche Erzählungen, mochten sie nun wahr oder unwahr sein, bei unseren Vorfahren ein bereitwilliges und gläubiges Ohr fanden.
123. Siehe die London Gazette vom 14. Mai 1677, vom 4. Aug. 1687 und vom 5. Dec. 1687. Die letzte Beichte Augustin King’s, welcher der Sohn eines ausgezeichneten Theologen und in Cambridge erzogen war, aber im März 1688 zu Colchester gehängt wurde, ist höchst interessant.
Aimwell. Erlauben Sie, Sir, habe ich Sie nicht in Will’s Kaffeehause gesehen?
Gibbet. Ja, Sir, und auch bei White.
Beaux’ Stratagem.
125. Gent’s History of York. Ein andrer Straßenräuber von derselben Art, Namens Biß, wurde 1695 in Salisbury gehängt. In einer Ballade, die sich in der Pepys’schen Bibliothek befindet, wird seine Vertheidigung vor dem Richter folgendermaßen dargestellt:
Was sagt Ihr nun, mein edler Lord,
Was war so Böses d’ran?
Nur reiche Filze haßte Biß
Der tapfre, brave Mann.
126. Pope’s Memoirs of Duval, welche kurz nach der Hinrichtung erschienen. Oates’ Εἰκὼν βασιλικὴ, Theil I.
Die Gasthöfe. Die mannichfachen Gefahren, denen der Reisende ausgesetzt war, wurden durch die Dunkelheit noch bedeutend vergrößert, und er wünschte daher für die Nacht ein schützendes Obdach, das nicht schwer zu erlangen war. Die Gasthöfe Englands sind schon von Alters her berühmt. Unser erster großer Dichter (Chaucer) hat schon die vortrefflichen Bequemlichkeiten geschildert, die sie den Reisenden des vierzehnten Jahrhunderts darboten. Neunundzwanzig Personen nebst ihren Pferden fanden in den geräumigen Zimmern und Ställen des „Waffenrocks“ in Southwark Platz. Die Speisen waren vortrefflich und die Weine so, daß sie die Tischgesellschaft zum reichlichen Genusse verleiteten. Zweihundert Jahre später, unter der Regierung Elisabeth’s, gab Wilhelm Harrison eine anziehende Beschreibung von dem Überflusse und dem Comfort der großen Gasthöfe. Er sagte, das ganze übrige Europa habe nichts Ähnliches aufzuweisen. Es gab Gasthöfe, in denen zwei- bis dreihundert Menschen mit ihren Pferden ohne Schwierigkeit Aufnahme und Unterhalt finden konnten. Die Betten, die Teppiche und vor Allem die Fülle und Sauberkeit des Leinzeugs setzten Jedermann in Erstaunen. Auf den Tafeln sah man nicht selten kostbares Silbergeschirr und manche Schilder hatten dreißig bis vierzig Pfund Sterling gekostet. Im siebzehnten Jahrhundert hatte England schon Überfluß an vortrefflichen Gasthöfen jeden Ranges. Oft fand der Reisende in einem kleinen Dorfe ein Gasthaus, wie Walton es beschrieben hat, wo die steinernen Fußböden von Sauberkeit glänzten, wo die Wände mit Balladen geschmückt waren, die Betten nach Lavendel dufteten und ein behagliches Feuer, ein Krug guten Bieres und ein Gericht Forellen, im nahen Bache frisch gefangen, für wenig Geld zu haben waren. In den größeren Gasthöfen fand man Betten mit seidenen Vorhängen, feine Küche und Claret, wie er in London nicht besser getrunken wurde.127 Auch die Wirthe, sagte man, seien ganz verschieden von den Gastwirthen anderer Länder. Auf dem Festlande war der Wirth der Tyrann Derer, die seine Schwelle überschritten, in England war er ihr Diener. Der Engländer fühlte sich nie heimischer, als wenn er es sich in seinem Gasthofe bequem machte. Selbst reiche Leute, die sich in ihrem eigenen Hause jeden nur denkbaren Luxus erzeugen konnten, pflegten oft ihre Abende im Gesellschaftszimmer eines nahen Gasthofes zuzubringen; sie schienen der Meinung zu sein, daß sie Comfort und Freiheit nirgends in gleicher Vollkommenheit genießen konnten. Diese Neigung war mehrere Generationen hindurch ein characteristischer Zug der Nation. Die Ungebundenheit und Fröhlichkeit des Gasthoflebens bot lange Zeit unseren Roman- und Schauspieldichtern reichen Stoff. Johnson erklärte, ein Stuhl im Gasthause sei der Thron des irdischen Glücks, und Shenstone beklagte sich sanft darüber, daß kein auch noch so befreundetes Privathaus den Wanderer so freundlich und zuvorkommend aufnehme, als das Dach eines Gasthofes.
In den Hotels unsrer Zeit findet man manche Annehmlichkeiten, welche im siebzehnten Jahrhundert in Hampton Court und Whitehall unbekannt waren. Im Ganzen genommen aber ist soviel gewiß, daß die Verbesserung unserer Gasthöfe mit den Verbesserungen unserer Straßen und unserer Beförderungsmittel keineswegs gleichen Schritt gehalten hat. Dies kann auch nicht auffallen, denn es liegt auf der Hand, daß unter übrigens gleichen Verhältnissen die Gasthäuser da am besten sein werden, wo die Beförderungsmittel am mangelhaftesten sind. Je schneller man reisen kann, um so weniger bedarf es zahlreicher angenehmer Ruheplätze für den Reisenden. Wer vor hundertsechzig Jahren aus einer entfernten Grafschaft in die Hauptstadt kam, brauchte in der Regel unterwegs zwölf bis fünfzehn Mahlzeiten und fünf bis sechs Nachtquartiere. War er ein vornehmer Mann, so erwartete er überall eine wohlbesetzte Tafel und eine bequeme, ja selbst elegante Wohnung. Gegenwärtig fliegen wir von York oder Exeter nach London beim Sonnenschein eines einzigen Wintertages. Der Reisende hält sich daher jetzt selten bloß der Ruhe und Erfrischung halber unterwegs auf, und die Folge davon ist, daß Hunderte vortrefflicher Gasthöfe gänzlich in Verfall gerathen sind. Binnen Kurzem wird man gute Häuser dieser Art nur noch an solchen Orten finden, wo sich beständig viel Fremde in Geschäften oder zum Vergnügen aufhalten.
127. Siehe den Prolog zu den Canterbury Tales, Harrison’s Historical Description of the Island of Great Britain und Pepys’ Beschreibung seiner Reise im Sommer 1668. Auch in den Reisen des Großherzogs Cosmus wird die Vorzüglichkeit der englischen Gasthöfe erwähnt.
Die Briefposten. Die Art und Weise der Briefbeförderung zwischen entfernten Punkten mag der jetzigen Generation ein mitleidiges Lächeln entlocken, aber sie würde die Bewunderung und den Neid der gebildetsten Nationen des Alterthums sowie der Zeitgenossen Raleigh’s und Cecil’s erregt haben. Bereits unter Karl I. war eine rohe und mangelhafte Briefpost eingerichtet worden, der Bürgerkrieg aber hatte sie wieder zerstört. Unter der Republik wurde der Plan von neuem aufgenommen. Nach der Restauration ward der Ertrag der Postanstalt, nach Abzug aller Kosten, dem Herzoge von York überwiesen. Auf den meisten Routen gingen und kamen die Briefposten nur einen Tag um den andren; in Cornwall, in den Sümpfen von Lincolnshire und zwischen den Bergen und Seen von Cumberland erhielt man sogar nur einmal wöchentlich Briefe. Während einer Reise des Königs wurde täglich eine Briefpost von London nach dem Orte expedirt, wo der Hof sich eben aufhielt. Ebenso bestand eine tägliche Postverbindung zwischen London und den Dünen, welcher Vorzug zuweilen auch auf Tunbridge Wells und Bath ausgedehnt wurde, während der Monate, wo diese Bäder von den Großen zahlreich besucht waren. Die Postfelleisen wurden zu Pferde, am Tage wie bei Nacht, mit einer Schnelligkeit von etwa fünf Meilen in der Stunde befördert.128
Das Briefporto war übrigens nicht die einzige Ertragsquelle dieser Anstalt. Das Postamt war außerdem allein berechtigt, Postpferde zu liefern, und die Zähigkeit, mit der man dieses Monopol aufrecht erhielt, beweist am besten, daß es sehr einträglich war.129 Hatte indessen ein Reisender eine halbe Stunde gewartet, ohne das gewünschte Pferd erhalten zu haben, so durfte er anderwärts eins miethen.
Die Erleichterung des Briefverkehrs zwischen den verschiedenen Theilen von London gehörte ursprünglich nicht zu den Zwecken des Postamts. Unter der Regierung Karl’s II. aber errichtete ein unternehmender Bürger der Hauptstadt, Namens Wilhelm Dockwray, mit großen Kosten eine Pennypost, durch welche Briefe und Packete in den geschäftsreichen und belebten Straßen zunächst der Börse täglich sechs- bis achtmal, in den entfernteren Stadttheilen aber viermal besorgt wurden. Diese Verbesserung stieß, wie jede andre, auf heftigen Widerstand. Die Austräger beklagten sich, daß man ihren Verdienst schmälere und rissen die Anschläge ab, in denen der Plan dem Publikum mitgetheilt wurde. Die durch Godfrey’s Ermordung und durch die Auffindung von Coleman’s Papieren hervorgerufene Erbitterung hatte damals gerade ihren Höhepunkt erreicht und die Pennypost wurde daher allgemein als eine papistische Erfindung ausgeschrieen. Man behauptete, der große Doctor Oates habe den Verdacht geäußert, daß die Jesuiten hinter dem Plane steckten und daß man die Briefbeutel bei näherer Untersuchung voll verrätherischer Papiere finden werde.130 Der Nutzen des Unternehmens war jedoch so groß und in die Augen springend, daß aller Widerstand erfolglos blieb. Sobald es sich zeigte, daß die Spekulation einträglich war, verklagte der Herzog von York den Unternehmer wegen Eingriffs in sein Monopol und die Gerichtshöfe sprachen sich zu Gunsten des Ersteren aus.131
Der Ertrag des Postamts steigerte sich von allem Anfang an fortwährend. Im Jahre der Restauration hatte ein Ausschuß des Hauses der Gemeinen nach sorgfältiger Prüfung den reinen Gewinn auf ungefähr zwanzigtausend Pfund geschätzt; zu Ende der Regierung Karl’s II. betrug derselbe schon wenig unter funfzigtausend Pfund, und dies galt damals für eine ungeheure Summe. Die Bruttoeinnahme belief sich auf etwa siebzigtausend Pfund. Das Porto für einen einfachen Brief betrug bis zu achtzig Meilen zwei Pence, für eine größere Entfernung drei Pence. Es stieg im Verhältniß zu dem Gewicht des Packets.132 Gegenwärtig wird ein einfacher Brief bis ans äußerste Ende von Schottland oder Irland für einen Penny befördert und das Postpferdmonopol besteht schon längst nicht mehr. Trotzdem beläuft sich die jährliche Bruttoeinnahme dieses Departements auf mehr als achtzehnhunderttausend Pfund und der Nettoertrag auf siebenhunderttausend Pfund. Es ist daher kaum zu bezweifeln, daß die Zahl der gegenwärtig durch die Post beförderten Briefe siebzigmal so groß ist als sie zur Zeit der Thronbesteigung Jakob’s II. war.
128. Stat. 12 Car. II. c. 35. Chamberlayne’s State of England, 1684. Angliae Metropolis, 1690. London Gazette, June 12. 1685, Aug. 15. 1687.
129. London Gazette, Sept. 14. 1685.
130. Smith’s Current Intelligence, March 30. & April 3. 1680.
131. Angliae Metropolis, 1690.
132. Commons’ Journals, Sept. 4, 1660, March 1. 1688—89. Chamberlayne, 1684. Davenant on the Public Revenue, Discourse IV.
Zeitungen. Der wichtigste Theil der Packereien, welche die alten Posten beförderten, waren die Neuigkeitsbriefe. Im Jahre 1685 gab es noch nichts, was der heutigen Londoner Tagespresse ähnlich sah, und es konnte auch nichts Derartiges geben. Weder das nöthige Kapital, noch das nöthige Geschick war dazu vorhanden; auch fehlte die Freiheit, ein nicht minder wesentlicher Mangel als der des Kapitals und der Geschicklichkeit. Allerdings stand die Presse damals noch nicht unter einer allgemeinen Censur, denn das kurz nach der Restauration erlassene Censurgesetz war schon 1679 nicht mehr in Kraft. Jedermann konnte daher auf eigne Gefahr und ohne vorherige Genehmigung von Seiten irgend eines öffentlichen Beamten eine Geschichte, eine Predigt oder ein Gedicht drucken; aber die Richter waren einstimmig der Meinung, daß diese Freiheit sich nicht auch auf Zeitungen erstrecke, und daß nach dem gemeinen Rechte Englands Niemand ohne specielle Erlaubniß der Krone berechtigt sei, politische Neuigkeiten zu veröffentlichen.133 So lange die Whigpartei noch mächtig war, hielt die Regierung es für gerathen, eine Übertretung dieser Regel vorkommendenfalls nicht zu streng zu nehmen. Während des großen Kampfes wegen der Ausschließungsbill durften viele Zeitungen erscheinen, wie die Protestant Intelligence, die Current Intelligence, die Domestic Intelligence, die True News, der London Mercury.134 Keine von diesen erschien jedoch öfter als zweimal wöchentlich und keine überstieg in Umfang ein einfaches kleines Blatt. Die Quantität des Stoffes, die der ganze Jahrgang einer dieser Zeitungen enthielt, war nicht größer als man oft in zwei Nummern der „Times“ findet. Nach Besiegung der Whigs hatte der König nicht mehr nöthig, bei der Ausübung des ihm nach dem Ausspruche aller seiner Richter unzweifelhaft zustehenden Hoheitsrechts besondere Rücksichten zu nehmen. So durfte denn auch gegen das Ende seiner Regierung keine Zeitschrift mehr ohne seine Genehmigung erscheinen, und diese wurde ausschließlich der „London Gazette“ ertheilt. Auch die „London Gazette“ erschien nur Montags und Donnerstags. Der Inhalt einiger Nummern bestand gewöhnlich in einer königlichen Proklamation, einigen toryistischen Adressen, der Anzeige von einigen Beförderungen, einen Bericht von einem Scharmützel zwischen den Kaiserlichen und den Janitscharen an der Donau, das Signalement eines Straßenräubers, die Ankündigung eines von zwei hochstehenden Personen veranstalteten Hahnenkampfes und eine Anzeige, welche dem Wiederbringer eines entlaufenen Hundes eine Belohnung zusicherte. Dies Alles füllte zwei Seiten von mäßig großem Format. Alle Mittheilungen über Angelegenheiten von hoher Bedeutung waren in dem hölzernsten und förmlichsten Style abgefaßt. Wenn es indessen der Regierung zuweilen beliebte, die öffentliche Neugierde in Betreff eines wichtigen Vorfalls zu befriedigen, so wurde ein großer Bogen ausgegeben, der ausführlichere Mittheilungen enthielt, als die Gazette sie geben konnte; aber weder diese noch irgend eine amtlich gedruckte Beilage brachte je eine Nachricht, deren Veröffentlichung nicht den Zwecken des Hofes diente. Die wichtigsten parlamentarischen Verhandlungen und Staatsprozesse, von denen uns die Geschichte erzählt, wurden mit tiefem Stillschweigen übergangen.135 In der Hauptstadt ersetzten die Kaffeehäuser einigermaßen die fehlenden Zeitungen; dahin strömten die Londoner, wie einst die alten Athener nach dem Marktplatze, um zu hören, ob etwas Neues geschehen sei. Dort konnte man erfahren, wie brutal ein Whig am vorigen Tage in Westminsterhall behandelt worden war, welche haarsträubenden Berichte von den Folterqualen der Covenanters die Briefe aus Edinburg enthielten, wie gröblich die Admiralität die Krone bei der Verproviantirung der Flotte betrogen und welche schweren Anschuldigungen der Geheimsiegelbewahrer in Betreff des Heerdgeldes gegen das Schatzamt erhoben habe.
133. London Gazette vom 5. und 17. Mai 1680.
134. Eine höchst interessante und meines Wissens die einzige Sammlung dieser Zeitungen befindet sich im Britischen Museum.
135. So wird zum Beispiel von den wichtigen Parlamentsverhandlungen vom November 1685, wie von dem Prozesse und der Freisprechung der sieben Bischöfe kein Wort erwähnt.
Die Neuigkeitsbriefe. Aber Diejenigen, welche von der großen Schaubühne des politischen Kampfes entfernt waren, konnten von dem, was daselbst vorging, nur durch die sogenannten Neuigkeitsbriefe regelmäßig Nachricht erhalten. Das Schreiben derartiger Briefe wurde daher in London ein Erwerbszweig, wie es dies jetzt bei den Eingeborenen Indiens ist. Der Neuigkeitsschreiber wanderte von Kaffeehaus zu Kaffeehaus, um Nachrichten zu sammeln, drängte sich in den Sitzungssaal der Old Bailey, wenn daselbst ein interessanter Prozeß verhandelt wurde, und erlangte sogar zuweilen Zutritt in die Galerien von Whitehall, wo er bemerken konnte, wie der König und der Herzog aussahen. Auf diese Weise sammelte er Materialien zu Wochenberichten, welche bestimmt waren, eine Provinzialstadt oder einen ländlichen Magistrat zu erleuchten. Dies waren die Quellen, aus denen die Bewohner der größeren Provinzialstädte und die Gesammtheit der Landgentry und der Geistlichkeit fast allein ihre ganze Kenntniß der Geschichte ihrer Zeit schöpften. Wir dürfen annehmen, daß es in Cambridge eben so viele Leute gab, welche gern erfahren wollten, was in der Welt vorging, als in irgend einer andren Stadt des Königreichs, London ausgenommen. Dennoch hatten die Doctoren des Rechts und die Magister der freien Künste in Cambridge während eines großen Theils der Regierung Karl’s II. keine andre regelmäßige Neuigkeitsquelle als die Londoner Gazette, bis endlich die Dienste eines der Nachrichtensammler in der Hauptstadt angenommen wurden. Es war ein denkwürdiger Tag, an welchem die ersten Neuigkeitsbriefe aus London auf einem Tische des einzigen Kaffeehauses von Cambridge ausgelegt waren.136 Auf dem Wohnsitze eines reichen Mannes auf dem Lande wurde der Neuigkeitsbrief stets mit Ungeduld erwartet, und acht Tage nach seiner Ankunft war er durch die Hände von zwanzig Familien gegangen. Er lieferte den umwohnenden Squires den Stoff zu ihrer Unterhaltung an Winterabenden und den benachbarten Pfarrern Themata zu heftigen Predigten gegen Whiggismus oder Papismus. Bei genauer Nachsuchung in den Archiven alter Familien würden sich ohne Zweifel noch viele von diesen merkwürdigen Journalen finden. Einige werden in unseren öffentlichen Bibliotheken aufbewahrt und eine Reihenfolge derselben, welche einen werthvollen Theil der von Sir Jakob Mackintosh gesammelten literarischen Schätze bildet, wird im Verlaufe dieses Werks noch dann und wann citirt werden.137
Es bedarf kaum der Erwähnung, daß es damals keine Provinzialblätter gab. Ja es gab sogar, außer in der Hauptstadt und in den beiden Universitätsstädten, kaum noch einen Buchdrucker im Königreiche. Die einzige Presse in England nördlich vom Trent scheint sich in York befunden zu haben.138