69. Nach Roger North entschieden die Richter, daß Dangerfield, der früher des Meineids überführt wurden, der Zeugenschaft in der Verschwörungsgeschichte unfähig sei. Das ist aber eines der vielen Beispiele von Roger’s Ungenauigkeit. Aus einem Berichte über den Prozeß des Lord Castlemaine im Juli 1680 geht hervor, daß nach vielen Debatten unter den Sachwaltern und langer Berathung unter den Richtern der verschiedenen Gerichtshöfe in Westminsterhall Dangerfield vereidet wurde und seine Erzählung vortragen durfte; die Jury aber schenkte ihm vernünftiger Weise keinen Glauben.
70. Über Dangerfield’s Prozeß fehlen die offiziellen Nachrichten, ich habe aber einen gedrängten Bericht darüber in einer gleichzeitigen Flugschrift gefunden. Ein Auszug des Beweises gegen Francis, so wie seine letzte Rede, befindet sich in der Collection of State Trials. Man sehe Eachard III. 741. Burnet’s Erzählung enthält mehr Fehler als Zeilen. Auch sehe man North’s Examen, 256, den Abriß von Dangerfield’s Leben in den Bloody Assizes, den Observator vom 29. Juli 1685, und das Gedicht mit der Überschrift: Dangerfields Ghost to Jeffreys. In dem sehr seltenen Band, betitelt: „Succinet Genealogies, by Robert Halstead“, erklärt Lord Peterborough, daß Dangerfield, mit dem er einigen Umgang hatte, ein junger Mann war, dessen anständiges Äußere, ernste Haltung und Rede mehr als gewöhnliche Bildung verriethen.
Prozeß gegen Baxter. Zu derselben Zeit betrat ein Angeklagter ganz andrer Art wie Oates und Dangerfield den Gerichtssaal der Kings Bench. Kein hervorragender Parteiführer ist jemals durch lange Jahre bürgerlicher und religiöser Unruhen schuldloser geblieben, als Richard Baxter. Er gehörte der mildesten und gemäßigtsten Klasse der Puritaner an und war noch ein junger Mann, als die Revolution ausbrach. Überzeugt, daß das Recht auf Seiten der Häuser sich befinde, übernahm er unbedenklich die Stelle eines Kaplans bei einem Regimente der Parlamentsarmee, und sein heller und etwas skeptischer Verstand, sowie sein starker Sinn für Gerechtigkeit schützten ihn vor allen Übergriffen. Er ließ es sich angelegen sein, die fanatische Wildheit der Soldaten zu zügeln, und mißbilligte die gewaltthätigen Handlungen des hohen Gerichtshofs. Während der Republik war er verwegen genug, bei vielen Gelegenheiten, und sogar einmal in Cromwell’s Anwesenheit, Liebe und Ehreehrbietung für die alten Staatseinrichtungen des Vaterlandes auszusprechen. Während die königliche Familie in der Verbannung lebte, hielt sich Baxter meistentheils zu Kidderminster auf und lag mit großem Eifer seinen geistlichen Pflichten ob. Er betheiligte sich aufs Angelegentlichste bei der Restauration und wünschte von ganzem Herzen eine Einigung, zwischen den Episcopalen und den Presbyterianern herbeizuführen. Mit einer, für die damalige Zeit seltenen Unbefangenheit betrachtete er die Fragen über die kirchliche Verfassung als von geringerer Bedeutung, als die großen Prinzipien des Christenthums, und hatte selbst damals, als das Prälatenthum von den dominirenden Gewalten am meisten gehaßt war, nicht in das Geschrei gegen die Bischöfe eingestimmt. Der Versuch, die feindlichen Parteien zu versöhnen, mißglückte. Baxter theilte freiwillig sein Schicksal mit dem seiner verbannten Freunde, wies den Bischofshut von Hereford zurück, entsagte der Pfarrei zu Kidderminster und beschäftigte sich nur mit seinen Studien. Seine theologischen Werke, obgleich zu gemäßigt, um den bigotten Anhängern einer der beiden Parteien zu gefallen, hatten einen großen Ruf. Eifernde Männer der Hochkirche nannten ihn einen Rundkopf, und viele Nichtconformisten schimpften ihn einen Erastinianer und Arminianer. Sein redliches Herz aber, so wie die Unbescholtenheit seines Lebens, die Stärke seiner Fähigkeiten und seine bedeutenden Kenntnisse erkannten die rechtlichsten und weisesten Männer jeder Glaubensrichtung an. Trotz der Unterdrückung, welche ihm und seinen Brüdern zu Theil geworden, hatten seine politischen Meinungen die Grenzen der Mäßigung nie überschritten. Er war ein Freund der kleinen Partei, welche die Whigs und die Tories haßten, und versicherte, nicht in die Verdammung der Trimmer einstimmen zu können, wenn er daran dächte, wer es gewesen sei, der die Friedensstifter gesegnet habe.71
In einem Commentar zum neuen Testamente hatte er mit einiger Bitterkeit über die Verfolgung geklagt, der die Dissenters ausgesetzt waren. Daß Männer, die, weil sie das Gebetbuch nicht benutzten, aus ihren Häusern vertrieben, ihres Eigenthums beraubt und in das Gefängniß gebracht wurden, es wagten, ihre Unzufriedenheit darüber kundzugeben, wurde damals als ein schweres Verbrechen gegen Staat und Kirche betrachtet. Roger Lestrange, der Kämpfer für die Regierung und das Orakel der Geistlichkeit, erhob im Observator den Kriegsruf, und es wurde eine Anklage geschmiedet. Baxter bat um eine Frist, seine Vertheidigung vorzubereiten. An demselben Tage, wo Oates im Palasthofe am Pranger stand, kam das berühmte Haupt der Puritaner, niedergedrückt von Alter und Kränklichkeit, nach Westminsterhall, um dieses Gesuch vorzutragen. Jeffreys schäumte vor Wuth. „Nicht eine Minute“, brüllte er, „und kostete es mein Leben. Ich werde mit Heiligen ebenso gut fertig, wie mit Sündern. Dort steht Oates auf einer Seite des Prangers, wenn Baxter auf der andren stände, so würden die zwei größten Halunken des Landes nebeneinander stehen.“
Als der Prozeß in Guildhall begann, war der Gerichtshof angefüllt mit Denen, welche Baxter Liebe und Verehrung zollten. Ihm zur Seite stand Doctor William Bates, einer der vorzüglichsten nonconformistischen Geistlichen. Zwei whiggistische Advokaten von bedeutendem Rufe, Pollexfen und Wallop, erschienen für den Angeklagten. Eben hatte Pollexfen seine Anrede an die Jury begonnen, als der Oberrichter losdonnerte: „Pollexfen, ich kenne Euch sehr gut und will Euch ein Zeichen anhängen, Ihr seid der Beschützer der Faction! Das ist ein alter Schuft, ein schismatischer Halunke, ein heuchelnder Bube! Er ist ein Feind der Liturgie und verlangt nichts als langgedehntes Gewinsel ohne Buch.“ Darauf verdrehte Seine Herrlichkeit die Augen, faltete die Hände und begann in einer Art, welche er für eine Persiflage von Baxter’s Manier zu predigen hielt, durch die Nase zu singen: „Herr, wir sind dein Volk, dein auserwähltes Volk, dein theures Volk!“ Pollexfen machte den Gerichtshof mit Bescheidenheit darauf aufmerksam, daß Seine Majestät, der verstorbene König, Baxter eines Bisthums würdig gehalten habe. „Und was kratzte denn den alten Dummkopf, daß er es nicht annahm?“ schrie Jeffreys. Seine Wuth erreichte jetzt den höchsten Grad, er schimpfte Baxter einen Hund, und schrie, daß es nur ein Act der höchsten Gerechtigkeit sein würde, solch einen Buben durch die Stadt peitschen zu lassen. Jetzt nahm Wallop das Wort, es erging ihm aber nicht besser, als seinem Vorgänger. „Ihr betheiligt Euch bei allen schmutzigen Angelegenheiten, Mr. Wallop“, sagte der Richter, „Gentlemen in der Robe der Rechtsgelehrten sollten sich schämen, solchen revolutionären Schuften ihren Beistand zu gewähren.“ Der Anwalt bemühte sich noch einmal, Gehör zu erlangen, aber vergebens, „Wenn Euch Eure Pflicht unbekannt ist“, rief Jeffreys, „so will ich sie Euch kennen lehren.“
Wallop setzte sich nieder, und jetzt machte Baxter einen Versuch, sich zu vertheidigen, aber der Oberrichter ließ durch einen Strom von schmutzigen und schmähenden Worten, vermischt mit Citaten aus Hudibras, keine vernünftige Vorstellung aufkommen. „Mylord“, sagte der Greis, „die Dissenters haben mir den Vorwurf gemacht, daß ich mit Achtung von den Bischöfen gesprochen.“ „Was?“ schrie der Richter, „Baxter für die Bischöfe? das ist in der That ein köstlicher Einfall! ich verstehe, was Ihr unter Bischöfen versteht, Schufte, wie Ihr selbst, Kidderminster-Bischöfe, revolutionäre, schnüffelnde Presbyterianer!“ Noch einmal bemühte sich Baxter, zu Worte zu kommen, und wiederum schrie Jeffreys. „Richard, Richard, glaubst Du, wir werden Dir erlauben den Hof zu vergiften? Du bist ein alter Schurke, Richard, hast so viel Bücher geschrieben, daß man einen Wagen damit beladen könnte, und jedes Buch ist mit revolutionären Ideen angefüllt, wie ein Ei mit Flüssigkeiten! Bei der Gnade des Himmels, ich will mit Dir fertig werden. Wie ich bemerke, harrt eine große Anzahl Eurer Brüderschaft auf den Ausgang, um zu erfahren, welches Schicksal ihren Meister treffen wird. Und hier ist ein Doctor der Partei an Eurer Seite“, fuhr er fort, indem er mit wilden Blicken Bates betrachtete, „aber beim allmächtigen Gott, Ihr sollt alle der Vernichtung anheimfallen!“
Baxter schwieg, aber einer der jüngeren Advocaten, welchem die Vertheidigung zustand, machte einen letzten Versuch, um den Beweis zu liefern, daß die Worte, auf welche die Anklage gegründet war, die Auslegung nicht gestatteten, welche die Klagschrift angab. Zu diesem Behuf begann er den Inhalt derselben vorzulesen, aber sofort wurde er niebergebrüllt. „Ihr sollt den Gerichtshof in keinen Betsaal verwandeln!“ Als Baxter’s Freunde in lautes Weinen ausbrachen, nannte sie der Richter „blökende Kälber“.
Unter den Entlastungszeugen befanden sich auch mehrere Geistliche der Landeskirche, der Oberrichter aber wollte nichts hören. „Glaubt Eure Herrlichkeit“, fragte Baxter, „daß irgend eine Jury bei einem Verfahren wie das gegenwärtige den Angeklagten für schuldig erklären kann?“ „Das versichere ich Euch, Mr. Baxter“, entgegnete Jeffreys, „tragt keine Sorge darum!“ Jeffreys hatte wahr gesprochen, die Sheriffs waren Werkzeuge der Regierung, die Geschwornen von den Sheriffs aus den eifrigsten Anhängern der Torypartei genommen, und so beriethen sich diese nur wenige Augenblicke und sprachen dann das „Schuldig“ aus. Als Baxter den Gerichtshof verließ, sagte er: „Mylord, es gab einst einen Oberrichter, der ganz anders mit mir umgegangen sein würde!“ Er meinte seinen gelehrten und redlichen Freund, Sir Matthäus Hale. Jeffreys erwiderte: „Es giebt keinen anständigen Mann in England, der in Dir nicht einen Schurken erblicken wird!“72
Das Urtheil war für damalige Zeiten sehr mild. Was bei der Berathung unter den Richtern geschah, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Die Nonconformisten glaubten, und wohl mit Recht, daß der Oberrichter von seinen drei Kollegen überstimmt worden sei. Derselbe soll den Vorschlag gemacht haben, Baxter durch London hin den Staupbesen geben zu lassen. Die Majorität war der Ansicht, daß ein vorzüglicher Geistlicher, dem vor einem Vierteljahrhundert eine Mitra geboten wurde und der jetzt siebzig Jahre zählte, mit Geldbuße und persönlicher Haft hinreichend bestraft sein würde.73
71. Baxter’s Vorrede zu Sir Matthew Hale’s Judgment of the Nature of True Religion, 1684.
72. Man sehe den Observator vom 25. Februar 1685, die Klagschrift in der Collection of State Trials, den von Calamy im 14. Kap. von Baxter’s Lebensbeschreibung gegebenen Bericht von den Ereignissen im Gerichtshof und die sehr interessanten Excerpte aus Baxter’s Manuscripten in der von Orme 1830 herausgegebenen Lebensbeschreibung.
73. Baxter M.S. angeführt von Orme.
Zusammentritt des schottischen Parlaments. Die Behandlung, welche sich Baxter von einem Richter gefallen lassen mußte, der ein Mitglied des Kabinets war und sich der Gunst des Monarchen erfreute, beweist in nicht zu verkennender Art die Gesinnung, welche zu jener Zeit die Regierung gegen die protestantischen Nonconformisten hegte. Diese Stimmung aber hatte sich schon durch stärkere und entsetzlichere Andeutungen bemerkbar gemacht. Das schottische Parlament war zusammengetreten, Jakob hatte es sich angelegen sein lassen, die Versammlung dieser Körperschaft nach Kräften zu beschleunigen und die Sitzung der englischen Häuser in der Erwartung hinausgeschoben, daß das zu Edinburg gegebene Beispiel in Westminster eine vortheilhafte Wirkung äußern werde. Denn der gesetzgebende Körper im Norden seines Königreichs war so gefügig wie jene bretagnischen und burgundischen Provinzalstände, denen Ludwig XIV. noch immer mit einigen ihrer alten Rechte zu spielen erlaubte. Nur Bischöfliche hatten das Recht, im schottischen Parlamente zu sitzen oder auch nur hinein zu wählen, und in Schottland war ein Bischöflicher immer ein Tory. Von einer derartig constituirten Versammlung war für die Wünsche des Königs keine Opposition zu erwarten, und selbst diese Versammlung konnte ohne vorhergegangene Genehmigung von Seiten eines Ausschusses von Hofleuten kein Gesetz erlassen.
Jedes Verlangen der Regierung wurde ohne Widerspruch gewährt. In finanzieller Beziehung hatte die Freigebigkeit der schottischen Stände allerdings wenig Bedeutung, indeß gaben sie, was in ihren Kräften stand. Sie vereinigten für immer mit der Krone die Zölle, welche dem vorigen König zugestanden und damals auf vierzigtausend Pfund berechnet worden waren. Dann gewährten sie Jakob auf die Dauer seines Lebens eine Erhöhung seines Einkommens von zweihundertsechszehntausend schottischen Pfunden oder so viel wie achtzehntausend Pfund Sterling. Die ganze Summe, welche sie bewilligen konnten, bestand in jährlich etwa sechzigtausend Pfund, nicht viel mehr, als die Einnahme der englischen Schatzkammer in vierzehn Tagen betrug.74
Da wenig Geld zu ihrer Verfügung stand, so ersetzten die Stände diesen Mangel durch loyale Versicherungen und unmenschliche Gesetze. Der König verlangte in einem Schreiben, welches in heftiger Sprache verfaßt war und ihnen bei der Eröffnung der Sitzung vorgelesen wurde, sie möchten darauf bedacht sein, neue Strafgesetze gegen die widerspenstigen Presbyterianer zu beschließen, und bedauerte, daß er durch Geschäfte abgehalten sei, solche persönlich vom Throne aus in Vorschlag zu bringen. Seinen Befehlen wurde gehorcht. Rasch wurde ein von den Ministern der Krone entworfenes Gesetz angenommen, welches selbst unter den Gesetzen des unglücklichen Landes in jener traurigen Zeit an Abscheulichkeit nicht seines Gleichen hat. Es wurde in kurzen nachdrücklichen Worten verordnet, daß Jeder, der bei einer Betversammlung in einem Hause predigen, oder, gleichviel ob als Prediger oder als Zuhörer, an einem Conventikel unter freiem Himmel theilnehmen würde, mit Verlust seines Vermögens und dem Tode bestraft werden solle.75
74. Act. Parl. Car. II. March 29. 1661; Jac. VII. April 28. 1685 & May 13. 1685.
75. Act. Parl. Jac. VII., May 8. 1685; Observator, June 20. 1685. Lestrange hegte offenbar den Wunsch, daß man diesem Beispiele in England folgen möge.
Gesinnungen Jakob’s gegen die Puritaner. Dieses Gesetz, welches auf Verlangen des Königs von der, seinem Willen gehorsamen Versammlung angenommen wurde, ist einer besonderen Beachtung werth. Unwissende Schriftsteller haben ihn oft als einen zwar unüberlegten und in der Wahl seiner Mittel rücksichtslosen Regenten, zugleich aber auch als einen Fürsten dargestellt, der es sich angelegen sein ließ, den edelsten Zweck eines solchen, die Begründung vollständiger religiöser Freiheit, zu erreichen. Es kann nicht in Abrede gestellt werden, daß einige Abschnitte in seinem Leben, wenn man sie von den anderen sondert und oberflächlich betrachtet, diese vortheilhafte Meinung von seinem Character zu bestätigen scheinen. Noch als Unterthan war er lange Jahre der Verfolgung ausgesetzt gewesen, und diese hatte ihre gewöhnliche Wirkung auf ihn nicht verfehlt; sein schwacher und beschränkter Geist hatte durch diese harte Schule gewonnen. Als er vom Hofe, der Admiralität und dem Geheimen Rathe ausgeschlossen war, als er sogar Gefahr lief, das Recht der Thronfolge zu verlieren, nur deshalb, weil er mit Überzeugung an die Transsubstantiation und an die Autorität des päpstlichen Stuhles glaubte, machte er so schnelle Fortschritte in den Lehren der Duldung, wie sie Milton und Locke nicht gekannt. Wie könne es ein größeres Unrecht geben, pflegte er zu sagen, als Absichten mit Strafen zu belegen, die blos der That gebührten, und wie unklug würde es sein, tüchtige Kriegsleute, Seemänner, Juristen, Diplomaten und Finanzmänner zurückzuweisen, blos weil sie eine falsche Meinung über die Anzahl der Sakramente und mehrfache Gegenwart der Heiligen hätten. Er wußte die Gemeinplätze auswendig, welche alle Sekten so geläufig wiederholen, wenn sie Verfolgung erdulden, und sofort vergessen, wenn es ihnen möglich wird, Vergeltung auszuüben. Und in der That wußte er seine Lektion so vortrefflich herzusagen, daß Diejenigen, welche ihn zufällig über diesen Gegenstand sprechen hörten, ihm viel mehr Einsicht und Redefertigkeit zutrauten, als er besaß. Seine Versicherungen täuschten einige gutherzige Personen und vielleicht sogar ihn selbst, aber sein Eifer für die Gewissensfreiheit verschwand mit der Herrschaft der Whigpartei. Als das Glück sich wendete und nicht länger zu besorgen war, daß er der Verfolgung Anderer ausgesetzt sein würde, es aber in seiner Macht stand, Andere zu verfolgen, machten sich seine wahren Neigungen bemerklich. Der Haß, den er gegen die puritanischen Sekten hegte, war mannigfaltig: theologisch und politisch, angeerbt und persönlich. Er sah in ihnen Feinde des Himmels, Feinde aller legitimen Gewalt in Staat und Kirche, Feinde seiner Urgroßmutter, seines Großvaters, seiner Eltern, seines Bruders und seiner selbst; er, der sich so bitter über die Gesetze gegen Papisten beklagte, behauptete jetzt, er begreife nicht, wie man die Frechheit haben könne, auf Zurücknahme der den Puritanern entgegenstehenden Verordnungen anzutragen.76 Er, dessen Lieblingsthema die Ungerechtigkeit gewesen war, von Staatsdienern Religionseide zu verlangen, führte während seines Aufenthalts in Schottland dort den strengsten Religionseid ein, den man jemals im Lande gekannt hatte;77 er, der seinen begründeten Unwillen aussprach, als man die Priester seines eigenen Glaubens hängte und viertheilte, hatte, sein Vergnügen daran, das Jammergeschrei der Covenanters zu hören und die schmerzlichen Windungen ihres Körpers anzusehen, indem ihre Kniee in den spanischen Stiefeln zerquetscht wurden.78 In dieser Stimmung bestieg er den Thron, und ohne Zögerung beanspruchte und erhielt er von den unterwürfigen schottischen Ständen als überzeugendsten Beweis ihrer Loyalität das blutigste Gesetz, welches jemals auf unseren Inseln gegen protestantische Nonconformisten erlassen worden ist.
76. Seine eignen Worte, berichtet von ihm selbst. Clarke’s Life of James the Second, I. 656. Orig. Mem.
77. Act. Parl. Car. II. August 31. 1681.
78. Burnet I. 583; Wodrow III. v. 2. Leider fehlen die Acten des schottischen Geheimen Rathes während der ganzen Verwaltung des Herzogs von York.
Grausame Behandlung der schottischen Covenanters. Mit diesem Gesetz stand der Geist seiner Verwaltung in vollständigem Einklang. Die grausame Verfolgung, welche während seiner Statthalterschaft in Schottland wüthete, wurde von dem Tage seiner Thronbesteigung an noch heftiger. Diejenigen Grafschaften, in denen die meisten Covenanters lebten, wurden der Zügellosigkeit des Heeres preisgegeben. Unter der Armee befand sich eine Miliz, welche aus den wildesten und verworfensten Subjekten Derjenigen gebildet war, welche sich Episcopalen nannten. Hervorragend unter den Banden, welche diese unglücklichen Distrikte unterdrückten und verwüsteten, waren die Dragoner, welche unter dem Befehle Jakob Graham’s von Claverhouse standen. Man behauptete, daß diese verworfenen Menschen bei ihren Zechgelagen um die Höllenstrafen spielten, und sich unter einander mit den Namen von Teufeln und verdammten Seelen zu benennen pflegten.79 Der Anführer dieser Hölle auf Erden, ein durch Muth und Geschicklichkeit in seinem Berufe ausgezeichneter Soldat, jedoch räuberisch, ruchlos, von heftiger Gemüthsart und Hartherzigkeit, hat einen Namen hinterlassen, der überall auf Erden, wo der schottische Stamm sich angesiedelt hat, mit untilgbarem Hasse genannt wird. Es würde eine nicht zu lösende Aufgabe sein, wollte man alle die Unthaten aufzählen, durch welche dieser Mann und seine Rotte die Landleute des westlichen Niederlandes zur Verzweiflung trieb. Wenige Beispiele mögen hinreichen, und dieselben sollen aus einem Zeitraume von nur zwei Wochen genommen werden, jenen zwei Wochen, in denen auf Jakob’s dringendes Ansuchen das schottische Parlament ein neues Gesetz von unerhörter Strenge gegen die Dissenters erließ.
Johann Brown, ein armer Fuhrmann in Lanarkshire, wurde wegen seiner besonderen Frömmigkeit insgemein der christliche Fuhrmann genannt. Nach vielen Jahren, als Ruhe, Wohlstand und religiöse Freiheit nach Schottland zurückgekehrt waren, schilderten ihn hochbejahrte Leute, die sich jener traurigen Zeit erinnerten, als einen in göttlichen Dingen bewanderten Mann, unbescholten im Leben und so friedfertig, daß die Tyrannen nichts Unrechtes an ihm auffinden konnten, außer daß er den öffentlichen Gottesdienst der Episcopalen nicht besuchte. Am 1. Mai arbeitete er in einer Torfgrube, als er von den Claverhouse’schen Dragonern ergriffen, eilig verhört, der Nonconformität überführt und zum Tode verurtheilt wurde. Selbst unter den Soldaten soll sich keiner zur Vollstreckung des Urtheils haben entschließen können, denn die Frau des unglücklichen Mannes war zugegen. Sie führte ein kleines Kind an der Hand, und man sah, daß sie nahe daran war, ein andres zur Welt zu bringen. Die wilden, herzlosen Menschen, die einander mit den Beinamen Apollyon und Beelzebub belegten, schauderten vor der Ruchlosigkeit zurück, den Mann vor den Augen der Gattin abzuschlachten. Der Gefangene, durch die nahe Aussicht auf die Ewigkeit erhoben, betete laut und inbrünstig wie in Begeisterung, bis Claverhouse in Wuth gerathend ihn niederschoß. Glaubwürdige Zeugen berichteten, daß die Wittwe in ihrem tiefen Schmerze ausrief: „Gut, Herr, gut, der Tag der Rechenschaft wird kommen!“ worauf der Mörder entgegnete: „Was ich gethan, kann ich vor Menschen verantworten, mit Gott will ich schon fertig werden!“ Doch ging die Sage, daß selbst auf sein verhärtetes Gewissen und unmenschliches Herz die Sterbegebete seines Opfers einen Eindruck machten, der sich nimmer verwischen ließ.80
Am 5. Mai wurden zwei Handwerker, Peter Gillies und John Bryce in Ayrshire durch ein Kriegsgericht verurtheilt, welches aus fünfzehn Soldaten zusammengesetzt war. Die Anklage ist noch vorhanden. Man beschuldigte die Gefangenen nicht etwa einer revolutionären Handlung, sondern daß sie denselben verderblichen Lehren huldigten, welche Andere zum Aufruhr veranlaßt hätten, und es nur an Gelegenheit gefehlt habe, ihnen gemäß zu handeln. Das Verfahren war summarisch. Einige Stunden später waren die beiden Angeklagten überführt, gehängt und ihre Leichname in ein Loch unter dem Galgen geworfen.81
Der 11. Mai zeichnete sich durch mehr als ein großes Verbrechen aus. Einige strenge Calvinisten hatten aus der Lehre von der Verwerfung den Schluß gezogen, daß das Gebet für eine Person, welche zur Verdammniß bestimmt wäre, eine Handlung der Auflehnung gegen die ewigen Beschlüsse des Allmächtigen sei. Drei arme Arbeitsleute, welche von diesem herzlosen Glauben tief überzeugt waren, wurden nahe bei Glasgow von einem Offizier verhaftet, und gefragt, ob sie für König Jakob VII. beten wollten. Sie weigerten sich dessen, es wäre denn, daß er zu den Auserwählten gehöre. Eine Abtheilung Musketiere traten vor, die Gefangenen knieten nieder, man verband ihnen die Augen, und eine Stunde nach ihrer Festnehmung leckten die Hunde ihr Blut vom Boden.82
Während sich dieses in Clydesdale ereignete, wurde in Eskdale eine nicht weniger abscheuliche That verübt. Ein geächteter Covenanter hatte, von Krankheit heimgesucht, in dem Hause einer rechtlichen Wittwe Zuflucht gefunden und war daselbst gestorben. Der Laird von Westerhall, ein kleiner Tyrann, der in den Tagen der Covenanters den größten Eifer für die presbyterianische Kirche gezeigt, seit der Restauration aber das Wohlwollen der Regierung durch seinen Abfall erlangt hatte, und gegen die von ihm aufgegebene Partei, wie jeder Abtrünnige, unversöhnlichen Haß fühlte, entdeckte den Leichnam des Verstorbenen. Dieser Mensch ließ das Wohnhaus des armen Weibes niederreißen, ihren Hausrath wegbringen, und indem er sie und ihre Kinder hinaustrieb, um auf den Feldern herumzuirren, schleppte er ihren Sohn Andreas, der fast noch ein Knabe war, vor Claverhouse, welcher gerade damals durch diesen Theil des Landes zog. Claverhouse war eben auffallend mild gesinnt, — Einige versicherten, seit dem vor zehn Tagen geschehenen Morde des christlichen Fuhrmanns wäre er noch nicht wieder zu sich selbst gekommen — aber Westerhall wünschte sehnlichst, einen Beweis von seiner Loyalität zu geben, und erzwang eine ungern gegebene Zustimmung. Die Musketen wurden geladen, und der Jüngling aufgefordert, die Mütze über das Gesicht zu ziehen. Er schlug es ab, und stand mit freiem Blick, die Bibel in der Hand, seinen Mördern gegenüber. „Ich kann Euch offen ins Antlitz blicken“, rief er, „denn ich habe nichts gethan, dessen ich mich schämen müßte. Aber wie wollt Ihr an jenem Tage dreinsehen, wo Ihr nach dem gerichtet werden sollt, was in diesem Buche steht?“ — Er stürzte todt zu Boden und wurde im Moore eingescharrt.83
An demselben Tage wurden zwei Frauen, Margarethe Maclachlan und Margarethe Wilson, erstere eine bejahrte Wittwe, letztere ein Mädchen von achtzehn Jahren, für ihren Glauben in Wigtonshire ermordet. Sie sollten ihr Leben geschenkt erhalten, wenn sie sich entschließen könnten, die Sache der aufrührerischen Covenanters abzuschwören und dem bischöflichen Gottesdienste beizuwohnen. Sie weigerten sich und wurden zum Tode durch Ertränken verurtheilt. Man führte sie an einen Ort, wo der Solway zweimal des Tages seine Ufer überschwemmt, und band sie zwischen den Zeichen des hohen und niederen Wasserstandes an in dem Sande befestigte Pfähle. Die ältere der beiden Dulderinnen wurde in der Erwartung, daß ihre Todesqual die jüngere zum Abfall bewegen möchte, der aufsteigenden Fluth näher gebracht. Der Anblick war grauenhaft, aber der Muth der Überlebenden war von so hoher Begeisterung unterstützt, wie die Geschichte der Märtyrer sie nur zu schildern vermag. Ohne jedes Zeichen von Unruhe sah sie die See herankommen, sie betete und sang Verse aus Psalmen, bis die Wogen ihre Stimme erstickten. Als sie die Bitterkeit des Todes gefühlt, hatte man die grausame Barmherzigkeit, sie loszubinden und wieder zum Leben zu bringen. Nachdem ihr Bewußtsein zurückgekehrt war, flehten sie mitleidige Freunde und Nachbarn an, sich zu fügen. „Liebe Margarethe, sage nur, Gott erhalte den König!“ Das unglückliche Mädchen, ihrem strengen Glauben getreu, wimmerte: „Mag ihn Gott erhalten, wenn es Gottes Wille ist!“ Ihre Freunde drängten sich um den vorsitzenden Offizier. „Sie hat es gesagt, Herr, wahrhaftig, sie hat es gesagt!“ „Wird sie die Abschwörungsformel leisten?“ erkundigte sich der Offizier. „Nimmermehr,“ rief sie aus, „ich bin Christi, laßt mich gehen!“84 — Die Wogen schlugen zum letzten Male über ihr zusammen.
So regierte Schottland ein Fürst, den unwissende Menschen als einen Freund religiöser Freiheit geschildert haben, dessen Unglück es gewesen, zu weise und zu gütig für das Zeitalter zu sein, in welchem er lebte. Ja sogar die Gesetze, welche ihm die Gewalt gaben, in solcher Weise zu regieren, waren nach seiner Ansicht von einer tadelnswerthen Milde. Indem seine Offiziere die Mordscenen verübten, welche eben geschildert wurden, verlangte er von dem schottischen Parlament ein neues Gesetz, mit welchem im Vergleich alle früheren Gesetze barmherzig genannt zu werden verdienen.
So groß auch in England sein Ansehen war, unterlag dasselbe doch einer Beschränkung durch alte, edle Gesetze, deren Übertretung selbst die Tories von ihm nicht ruhig hingenommen haben würden. Hier durfte er nicht Dissenters vor Kriegsgerichte treiben, oder im Rathe das Amüsement haben, sie in den spanischen Stiefeln ohnmächtig niederstürzen zu sehen; hier gab es keine Jungfrauen zu ersäufen, weil sie sich weigerten, die Abschwörungsformel zu leisten, oder arme Landleute niederzuschießen, weil sie in Zweifel waren, ob er einer der Auserwählten sei. Jedoch unterließ er auch in England nicht, die Puritaner, soweit seine Macht reichte, zu verfolgen, bis Ereignisse, welche später erzählt werden sollen, ihn veranlaßten, den Plan zu fassen, Puritaner und Papisten zur Entwürdigung und Beraubung der Landeskirche mit einander zu vereinigen.
79. Wodrow III. 9, 6.
80. Wodrow, III. 9. 6. Der Herausgeber der Oxforder Ausgabe des Burnet macht einen Versuch, diese That zu entschuldigen, indem er sagt, daß Claverhouse zu jener Zeit eben bemüht war, alle Verbindung zwischen Argyle und Monmouth abzuschneiden, und glaubt, Brown möge als Zwischenträger der beiden Rebellenheere entdeckt worden sein. Zum Unglück für diese Annahme wurde Brown am 1. Mai erschossen, wo Argyle und Monmouth in Holland waren und kein Aufruhr in irgend einem Stelle unsrer Insel stattfand.
81. Wodrow, III. 9. 6.
82. Ibid.
83. Wodrow, III. 9. 6. Cloud of Witnesses.
84. Wodrow, III. 9. 6. Die Grabschrift der Margarethe Wilson auf dem Friedhofe zu Wigton ist in dem Anhange zu the Cloud of Witnesses gedruckt:
Gemordet, blos weil sie geglaubt,
Daß Christus seiner Kirche Haupt;
Weil sie die Prälatur nicht ehrte,
Sich nicht von reiner Lehre kehrte,
Hat sie zu Christi Lob, gebunden
Im Meer ihr frühes Grab gefunden!
Stimmung Jakob’s gegen die Quäker. Eine Sekte der protestantischen Dissenters betrachtete er jedoch selbst in dieser frühen Periode seiner Regierung mit einiger Zuneigung: die Gesellschaft der Freunde. Seine Vorliebe für diese eigenthümliche Brüderschaft ist keinen religiösen Sympathien zuzuschreiben, denn unter Allen, welche an die göttliche Sendung Christi glauben, weichen der römische Katholik und der Quäker am weitesten von einander ab. Es klingt widersinnig, zu behaupten, daß eben dieser Umstand ein Band zwischen dem Katholiken und dem Quäker knüpfte, und doch ist es so, denn sie entfernten sich in entgegengesetzten Richtungen von dem, was die Mehrzahl des Volkes als wahr anerkannt, so weit, daß selbst vorurtheilsfreie Männer in der Regel sie außerhalb der Grenzen der ausgedehntesten Duldung betrachteten. So hatten die zwei extremen Sekten eben dadurch, daß sie extrem waren, ein gemeinsames Interesse, welches sich von dem der dazwischenliegenden Sekten unterschied; auch trugen die Quäker durchaus keine Schuld an dem Unrecht, das Jakob und seinem Hause angethan worden war. Sie bildeten erst dann eine Gemeinschaft, als der Krieg zwischen seinem Vater und dem Langen Parlamente sich zu Ende neigte, und von einigen der revolutionären Regierungen hatten sie sogar grausame Verfolgung ausstehen müssen. Seit der Restauration hatten sie trotz oftmaliger übler Behandlung der königlichen Gewalt sich demüthig gefügt, denn — obgleich aus Vordersätzen schließend, welche die anglikanischen Gottesgelehrten als heterodox ansahen — waren sie gleich diesen zu der Überzeugung gekommen, daß keine übertriebene Tyrannei eines Fürsten den thätigen Widerstand der mißhandelten Unterthanen rechtfertigen könne. Niemals war ein Quäker als Verfasser einer Schmähschrift erfunden worden,85 und nie war ein solcher bei einer Verschwörung gegen die Regierung betheiligt gewesen. Die Gesellschaft hatte sich nicht bei dem Rufe nach der Ausschließungsbill betheiligt, und das Ryehousecomplot als einen höllischen Anschlag und ein Satanswerk feierlich verdammt.86 Die Quäker betheiligten sich in damaliger Zeit wirklich sehr wenig bei bürgerlichen Streitigkeiten, denn sie wohnten nicht, wie zu jetziger Zeit, in großen Städten massenhaft zusammen, sondern trieben fast durchgängig Landbau, aus welcher Beschäftigung sie nach und nach durch die Bedrückungen vertrieben wurden, welche eine Folge ihres seltsamen Bedenkens über die Entrichtung des Zehnten waren. Sie standen daher dem Schauplatze der politischen Streitigkeiten ziemlich fern, auch vermieden sie aus Grundsatz, selbst im häuslichen Leben, jede politische Unterhaltung. Denn dergleichen Gespräche waren ihrer Ansicht nach nicht zuträglich für ihre geistliche Stimmung und hatten störenden Einfluß auf den strengen Gleichmuth ihres Benehmens. Die jährlichen Versammlungen damaliger Zeit warnten die Brüder mehrere Male, Gespräche über Staatsangelegenheiten zu führen.87 Noch jetzt lebende Personen wissen sich zu erinnern, daß jene ernsten Ältesten, welche die Sitten einer vergangenen Generation festgehalten hatten, solche weltliche Reden systematisch zu verhindern suchten.88 Natürlich mußte Jakob einen großen Unterschied machen zwischen diesen friedlichen Leuten und jenen aufgeregten, eifrigen Sekten, welche den Kampf gegen Tyrannei für eine Christenpflicht hielten, in Deutschland, Frankreich und Holland, gegen legitime Fürsten die Waffen ergriffen und vier Generationen hindurch dem Hause Stuart feindlich gegenüber gestanden hatten. Hierzu kam die Möglichkeit, den Katholiken und den Quäkern eine bedeutende Erleichterung zu gewähren, ohne die Bedrückung der puritanischen Sekten zu mildern. Ein damaliges Gesetz belegte Jedermann mit Strafen, welcher auf Verlangen die Ablegung des Supremateides verweigerte. Dieses Gesetz konnte die Presbyterianer, Independenten oder Baptisten nicht berühren, denn diese zeigten sich sämmtlich willig, Gott zum Zeugen aufzurufen, daß sie aller geistlichen Verbindung mit auswärtigen Prälaten und Potentaten sich enthielten; aber der römische Katholik wollte keinen Eid schwören, daß der Papst in England keine Gerichtsbarkeit habe, und der Quäker leistete überhaupt keinen Eid. Andrerseits wurden weder Katholiken noch Quäker von der Fünfmeilen-Acte getroffen, welche unter allen Gesetzen des Gesetzbuchs wohl das drückendste für die puritanischen Nonconformisten war.89
85. Brief an König Karl II., der sich vor Barclay’s Apologie befindet.
86. Sewel’s History of the Quakers, book X.
87. Minutes of Yearly Meetings, 1689, 1690.
88. Clarkson on Quakerism; Peculiar Customs, chapter V.
89. Als ich diese Stelle geschrieben hatte, fand ich in dem britischen Museum ein Manuscript (Harl. Ms. 7506) betitelt: „An account of the Seizures, Sequestrations, great Spoil and Havock made upon the Estates of the several Protestant Dissenters called Quakers, upon Prosecution of old Statutes made against Papist and Popish Recusants.“ Dieses Manuscript ist als früheres Eigenthum Jakob’s bezeichnet und scheint von seinem vertrauten Diener, Oberst Graham, dem Lord Oxford eingehändigt worden zu sein. Dieser Umstand bestärkt mich in der Meinung, die ich von dem Verfahren des Königs gegen die Quäker gefaßt habe.
Wilhelm Penn. Die Quäker hatten einen mächtigen und eifrigen Fürsprecher am Hofe. Obgleich sie als Gesellschaft betrachtet mit der Welt wenig in Berührung kamen, und die Staatsangelegenheiten als eine Sache vermieden, die ihre geistlichen Interessen gefährdete, so lebte doch einer der Ihrigen, der sich von den Anderen durch Stellung und Reichthum bedeutend unterschied, in den höchsten Kreisen, und fand bei dem König stets bereitwilliges Gehör. Es war dies der gepriesene Wilhelm Penn. Sein Vater hatte eine hohe Befehlshaberstelle bei der Flotte bekleidet, war Commissar der Admiralität und Parlamentsmitglied gewesen und hatte, nachdem er die Ehre des Ritterschlags empfangen, Aussicht auf eine Peerschaft erlangt. Dem Sohne war eine liberale Erziehung zu Theil geworden, er sollte in Kriegsdienste treten, als er, noch sehr jung, seine Aussichten dadurch trübte und seinen Angehörigen dadurch Kummer verursachte, daß er sich denen anschloß, die man zu jener Zeit allgemein für eine Rotte unsinniger Ketzer hielt. Man hatte ihn bald in den Tower, bald in Newgate eingesperrt, und ihm bei der Old Bailey den Prozeß gemacht, weil er gegen den Willen des Gesetzes Predigten gehalten. Nochmals schloß er jedoch mit seiner Familie Versöhnung, und hatte so mächtigen Schutz zu erlangen gewußt, daß während alle Gefängnisse Englands mit seinen Brüdern angefüllt waren, er es viele Jahre hindurch wagen durfte, seine Meinungen ohne Belästigung auszusprechen. Gegen das Ende der vorigen Regierung hatte man ihn zur Tilgung einer alten Schuld, welche er von der Krone zu fordern hatte, mit ungeheuren Länderstrecken in Nordamerika beliehen, und er forderte seine verfolgten Freunde auf, sich in dieser, blos von indianischen Jägern bewohnten Gegend niederzulassen. Als Jakob zur Regierung gelangte, war die Colonie noch im Entstehen.
Jakob und Penn hatten schon seit langer Zeit eine vertraute Bekanntschaft unterhalten. Der Quäker wurde jetzt ein Hofmann und beinahe ein Günstling. Er wurde täglich aus dem Vorzimmer in das Kabinet gerufen und hatte häufig lange Audienzen, während Peers im Vorzimmer warten mußten, und man behauptete, daß er mehr wirkliche Gewalt zu nützen und zu schaden habe, als viele mit hohen Ämtern beliehene Edelleute. Bald sah er sich von Schmeichlern und Bittstellern umgeben, und in seinem Hause zu Kensington fanden sich, wenn er Morgens das Bett verließ, oft mehr als zweihundert Menschen ein, welche ihm ein Anliegen vorzutragen hatten. Jedoch kam ihm dieses scheinbare Glück theuer zu stehen, seine eigene Sekte behandelte ihn mit Kälte, und lohnte seine Dienste mit Vorwürfen. Man beschuldigte ihn laut, Papist und Jesuit zu sein, Einige behaupteten, er sei zu St. Omer erzogen, Andere er habe in Rom die Ordination empfangen. Obgleich nun diese Verleumdungen nur bei dem kurzsichtigen Haufen Glauben fanden, so waren dieselben doch mit besser begründeten Beschuldigungen verbunden.90
Die volle Wahrheit über Penn auszusprechen ist ein Unternehmen, welches einigen Muth erfordert, indem er mehr eine mythische als eine historische Person ist. Eifersüchtige Nationen und feindliche Sekten haben sich zu seiner Heiligsprechung geeinigt, England nennt mit Stolz seinen Namen, eine mächtige Republik jenseit des atlantischen Ozeans empfindet für ihn eine ähnliche Ehrfurcht, wie sie die Athenienser für Theseus und die Römer für Quirinus füllten. Die ehrenwerthe Gesellschaft, der er angehörte, erblickt in ihm einen Apostel, und fromme Männer andren Glaubens haben ihn in der Regel als ein Muster christlicher Tugenden aufgestellt. Dagegen ist sein Lob auch von Verehrern ganz anderer Art ausgesprochen worden. Die französischen Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts verziehen ihm das, was sie seine abergläubischen Einbildungen nannten, in Betracht seiner Verachtung der Priester und seines menschenfreundlichen Wohlwollens, das sich ohne Unterschied über alle Stämme und Glaubensformen erstreckte. Deshalb ist sein Name in allen civilisirten Ländern von gleicher Bedeutung mit Redlichkeit und Menschenliebe.
Dieser hohe Ruf ist nicht ganz unverdient. Penn war ohne Zweifel ein Mann von großen Tugenden. Er hatte ein starkes Gefühl für religiöse Pflicht und einen heißen Trieb, das Glück der Menschen zu fördern. Über einige Punkte von hoher Bedeutung besaß er richtigere Ansichten, als zu damaliger Zeit selbst Männer von unbefangenem Geiste sie hegten, und als Besitzer und Gesetzgeber einer Provinz, welche anfänglich fast unbewohnt war und ein weites Feld für moralische Versuche darbot, hatte er das seltene und vorzügliche Glück, seine Theorien ohne Rücksicht auf bereits bestehende Einrichtungen in Ausführung bringen zu können. Er wird stets als der Gründer einer Colonie, der das Übergewicht, welches die Civilisation gewährt, bei seinem Verkehr mit einem wilden Volke, niemals mißbrauchte, sowie als Gesetzgeber, der in einem Zeitalter der Verfolgung religiöse Freiheit zum Grundstein der Staatsverfassung machte, in hohen Ehren bleiben; seine Werke jedoch, wie auch sein Leben beweisen hinreichend, daß er kein Mann von großem Geiste war. Er hatte kein Geschick dazu, die Charactere zu erforschen, und sein Vertrauen zu Leuten, die nicht so tugendhaft waren als er selbst, veranlaßte manchen Irrthum und häufiges Mißgeschick. Sein Enthusiasmus für einen großen Grundsatz ließ ihn oftmals anderen großen Grundsätzen zu nahe treten, gegen die er hatte tiefe Ehrfurcht zeigen sollen, auch hielt seine Rechtlichkeit nicht immer den Versuchungen Stand, denen er in jener glänzenden, feingebildeten, aber völlig sittenlosen Gesellschaft, in der er sich bewegte, ausgesetzt war. Intriguen der Galanterie und des Ehrgeizes erhielten den Hof in beständiger Gährung, der Handel mit Ehren, Ämtern und Begnadigungen wurde ohne Unterbrechung getrieben, es war also natürlich, daß man einen Mann, der täglich im Palaste war und von dem man wußte, daß er täglich Zutritt zum König hatte, häufig anlag, seinen Einfluß für Zwecke geltend zu machen, die eine strenge Moral verwerfen mußte. Die Biederkeit Penn’s hatte der Verleumdung und Verfolgung widerstanden, aber jetzt, angegriffen durch das Lächeln des Königs, den Zauber weiblicher Liebenswürdigkeit, gewinnender Überredungskunst und feiner Schmeichelei gewandter Diplomaten und Hofleute fing seine Festigkeit an zu wanken. Titel und Redensarten, welche er oft gemißbilligt hatte, flossen jetzt bei Gelegenheit von seinen Lippen und aus seiner Feder. Es wäre gut, wenn man ihm nichts Übleres vorwerfen könnte, als daß er sich den Gebräuchen der Welt fügte, aber leider ist nicht in Abrede zu stellen, daß er bei einigen Verhandlungen sehr stark betheiligt war, welche nicht nur von der strengen Moral der Gesellschaft, der er angehörte, sondern überhaupt von dem Rechtlichkeitsgefühl aller unverdorbenen Menschen mit Abscheu betrachtet wurden. Er versicherte späterhin feierlich, daß er sich nie durch unerlaubten Gewinn bereichert, und nie Belohnung von Denjenigen angenommen habe, welche ihm verpflichtet waren, obgleich während der Zeit seines Einflusses am Hofe es ihm leicht gewesen sein würde, sich auf diese Weise hundertzwanzigtausend Pfund zu verschaffen.91 Diese Bereicherung ist nicht in Zweifel zu ziehen, aber Bestechungen lassen sich sowohl der Habgier wie der Eitelkeit anbieten, und es kann nicht geleugnet werden, daß Penn bestimmt wurde, sich bei einigen unverantwortlichen Verhandlungen zu betheiligen, von denen Andere den Gewinn zogen.