41. Berathungen des spanischen Staatsraths am 2.(12.) und 16.(26.) April 1685, in den Archiven von Simancas.

42. Ludwig an Barillon vom 22. Mai (1. Juni) 1685; Burnet, I. 623.

Öffentliche Ausübung des katholischen Ritus in Jakob’s Palaste. Der König unterwarf die Loyalität seiner protestantischen Freunde sehr bald einer Prüfung. So lange er noch Unterthan war, hatte er die Gewohnheit, die Messe bei verschlossenen Thüren in einer kleinen Kapelle zu hören, welche für seine Gemahlin hergestellt worden; jetzt gab er Befehl, die Thüren zu öffnen, damit Alle, welche in der Absicht ihm ihre Ehrfurcht zu bezeigen nach Hofe kamen, die Ceremonie mit ansehen möchten. Bei der Erhebung der Hostie entstand im Vorzimmer eine heillose Verwirrung. Die Katholiken sanken auf die Knie, die Protestanten verließen das Zimmer. Es wurde bald darauf im Palaste eine neue Kanzel hergestellt, und während der Fastenzeit eine Reihe von Predigten durch katholische Geistliche vorgetragen, zur größten Entrüstung der eifrigen Anhänger der Landeskirche.43

Eine Neuerung ernsterer Art folgte. Die Charwoche kam heran, und der König faßte den Entschluß, die Messe mit derselben Pracht zu hören, welche seine Vorgänger zur Schau gestellt hatten, wenn sie sich in die Gotteshäuser der Landeskirche verfügten. Er theilte seine Absicht den drei Mitgliedern des inneren Kabinets mit und beanspruchte ihre Begleitung. Sunderland, bei welchem alle Religionen gleiche Geltung hatten, willigte ohne Weiteres ein; Godolphin als Kammerherr der Königin war daran gewöhnt, derselben den Arm zu bieten wenn sie nach der Kapelle ging, und deshalb trug er kein Bedenken von Amtswegen sich in dem Hause Rimmon’s zu demüthigen. Aber Rochester war in großer Verlegenheit. Sein Einfluß im Lande gründete sich auf die vom Klerus und der Partei der Tories gefaßte Meinung, daß er ein eifriger unbeugsamer Anhänger der Landeskirche sei, und seine Rechtgläubigkeit galt als ein vollkommener Ersatz für Fehler, welche ihn außerdem zum mißliebigsten Manne im Reiche gemacht hätten: für grenzenlosen Hochmuth, übertriebene Heftigkeit und Brutalität.44 Er hegte die Besorgniß, daß durch Fügsamkeit in das königliche Verlangen er die Achtung seiner Partei verlieren würde. Nach einigen Debatten bekam er die Erlaubniß, die Festtage außerhalb der Hauptstadt zu verleben; alle übrigen hohen Staatsbeamten erhielten die Aufforderung, am Ostersonntag auf ihrem Posten zu sein. Die Gebräuche der römischen Kirche wurden wiederum nach einem Zeitraum von einhundert und siebenundzwanzig Jahren zu Westminster mit königlicher Pracht ausgeübt. Die Garden standen in Parade, die Ritter des Hosenbandes trugen die großen Bänder. Der Herzog von Somerset, unter den weltlichen Großen des Reiches im Range der zweite, hielt das Staatsschwert. Ein langer Zug hoher Lords geleitete den König nach seinem Sitze, doch bemerkte man, daß Ormond und Halifax im Vorzimmer zurückblieben. Noch vor wenigen Jahren hatten sie die Sache Jakob’s muthig gegen einige von Denen beschützt, welche sich jetzt an ihnen vorüberdrängten. Ormond hatte sich bei den Hinopferungen der Katholiken nicht betheiligt, Halifax hatte den Muth gehabt, Stafford für unschuldig zu erklären. Während Diejenigen, welche den Mantel nach dem Winde hingen, einst vorgaben, schon bei dem Gedanken an einen katholischen König sich zu entsetzen, und unbarmherzig das unschuldige Blut eines katholischen Peers vergossen, stießen sie jetzt einander zur Seite, um sich dem katholischen Altar zu nähern. Wohl hatte der vollkommene Trimmer einiges Recht, sich mit geheimem Stolze seines unpopulären Spottnamens zu freuen.45

43. Clarke’s Life of James de Second, II. 5.; Barillon, 19. Febr. (1. März) 1685; Evelyn’s Diary, March 5. 1684—85.

44.

Und wird von ihm etwas begehrt

So schimpft und flucht er unerhört,

Als wärs ein Löffeldieb, der bei ihm eingekehrt.

Lamentable Lory, a Ballad, 1684.

45. Barillon, April 20.(30.) 1685.

Jakob’s Krönung. Eine Woche nach dieser Ceremonie brachte Jakob seinen eigenen religiösen Vorurtheilen ein bedeutenderes Opfer, als er jemals von einem seiner protestantischen Unterthanen beansprucht hatte. Er wurde am 23. April, dem Tage des heiligen Schutzpatrons des Reiches gekrönt. Die Abtei und die Halle waren prachtvoll geschmückt, und die Anwesenheit der Königin, umgeben von den Damen der Peers, gab der Festlichkeit einen Glanz, welcher bei der prachtvollen Inauguration des vorigen Königs gefehlt hatte. Diejenigen aber, die sich derselben noch erinnerten, meinten doch, daß der jetzigen Feierlichkeit etwas äußerst Erhebliches mangle. Es war eine alte Sitte, daß der Souverain vor seiner Krönung umgeben von den Herolden, Richtern, Geheimen Räthen, Lords und Großwürdenträgern im glänzenden Zuge vom Tower nach Westminster ritt. Die letzte und prachtvollste dieser Cavalcaden war die, welche sich durch die Hauptstadt bewegte, als die durch die Restauration hervorgerufenen Empfindungen noch in voller Kraft waren. Triumphbögen überragten die Straßen, ganz Cornhill, Cheapside, der St. Paulskirchhof, Fleet Street und der Strand waren mit Schaugerüsten umgeben, und die ganze City eingeladen, das Königthum in der prachtvollsten und feierlichsten Gestalt zu bewundern, in der es sich zeigen kann. Jakob ließ die Kosten berechnen, welche eine solche Procession erfordern würde, und da sich herausstellte, daß dieselben ungefähr die Hälfte der Summe betragen würde, welche er zur Anschaffung von Schmuck für seine Gemahlin bestimmt hatte, so faßte er den Entschluß, da verschwenderisch zu sein, wo Sparsamkeit an ihrem Orte, und geizig, wo Verschwendung zu entschuldigen gewesen wäre. Der Putz der Königin wurde mit hunderttausend Pfund bezahlt, und der Festzug vom Tower unterblieb. Die Thorheit dieses Verfahrens ist einleuchtend. Wenn Prunk im Staatsleben von Vortheil ist, so kann er es nur als Mittel sein, um auf die Phantasie der Menge einzuwirken. Es verräth einen hohen Grad von Beschränktheit, das gemeine Volk von einem glänzenden Schauspiel zurückzuweisen, dessen Zweck eben darin besteht, einen Eindruck auf den großen Haufen zu machen. Jakob hätte eine weit vernünftigere Freigebigkeit und weisere Sparsamkeit gezeigt, wenn er London mit der gewohnten Pracht von Ost nach West durchzogen und die Staatskleider seiner Gemahlin etwas weniger reich mit Perlen und Diamanten hätte besetzen lassen. Seine Nachfolger ahmten übrigens sein Beispiel noch lange Zeit nach, und Geldsummen, welche vernünftig angewendet einem großen Theile des Volkes einen außerordentlichen Genuß verursacht haben würden, verschwendete man zu Schaustellungen, welchen nur drei- bis viertausend bevorzugte Personen beiwohnen durften. Schließlich trat der altehrwürdige Gebrauch wieder ins Leben. An dem Tage, wo die Königin Victoria gekrönt wurde, fand ein Festzug statt, bei welchem zwar nicht wenig Mängel zu bemerken waren, der aber mit theilnehmender Freude von einer halben Million ihrer Unterthanen betrachtet ward, und ohne Zweifel weit größeres Vergnügen machte und höhere Begeisterung hervorrief, als das kostbarere Schauspiel, dessen Zeuge ein auserwählter Kreis im Innern der Abtei war.

Jakob hatte Sancroft den Auftrag ertheilt, das Ritual abzukürzen. Öffentlich führte man als Ursache an, daß der Tag zur Durchführung alles dessen, was zu thun sei, zu kurz wäre, aber wer die Abänderungen, welche getroffen wurden, genauer prüft, wird finden, daß man die Beseitigung einiger, die religiösen Gefühle eines Katholiken verletzenden Dinge beabsichtigte. Der Dienst beim Abendmahl wurde nicht verlesen, die Ceremonie, dem Souverain ein prachtvoll gebundenes Exemplar der englischen Bibel zu überreichen, und ihn zu ermahnen, höher als alle Reichthümer der Erde ein Buch zu schätzen, welches er, als von falschen Lehren entstellt betrachten gelernt hatte — kam in Wegfall. Was aber alle diese Abkürzungen noch übrig ließen, hätte wohl in dem Herzen eines Mannes, welcher überzeugt war, daß die englische Kirche eine ketzerische Genossenschaft sei, in deren Schooße man auf keine Seligkeit zu hoffen habe, Bedenklichkeiten erregen können. Der König legte ein Opfer auf dem Altar nieder, schien in die Bitten der Litanei einzustimmen, welche die Bischöfe absangen, erhielt von den falschen Propheten die eine göttliche Ausgießung darstellende Salbung und sank mit dem Ausdruck der Demuth auf die Knie, während sie den heiligen Geist auf ihn herabriefen, dessen böse und hartnäckige Feinde sie nach seiner Meinung waren. So groß zeigen sich die Widersprüche in der menschlichen Natur, daß dieser Mann, der aus fanatischem Eifer für seinen Glauben drei Königreiche von sich warf, lieber eine Handlung beging, die einer Apostasie sehr ähnlich sah, als daß er das kindische Vergnügen entbehrte, mit dem symbolischen Tand der königlichen Gewalt geschmückt zu werden.46

Franz Turner, Bischof von Ely, hielt die Predigt. Er gehörte zu jenen Schriftstellern, welche noch immer den veralteten Styl des Erzbischofs Williams und des Bischofs Andrews nachahmten. Die Predigt bestand aus gezierten Künsteleien, wie sie siebzig Jahre früher Bewunderung hervorgerufen haben würden, die aber den Spott einer Generation erregten, welche an die reinere Beredtsamkeit eines Sprat, South und Tillotson gewöhnt war. König Salomo war König Jakob, Adonia war Monmouth. Joab war ein Roggenhaus-Verschwörer, Simei ein whiggistischer Pasquillant, Ab Jathar ein redlicher, aber der Verführung erlegener Kavalier. Eine Stelle in den Büchern der Chronik wurde dergestalt interpretirt, daß der König über dem Parlament stehe, und eine andre als Beweis citirt, daß blos der König das Recht habe, die Miliz zu commandiren. Am Ende des Vortrags deutete der Prediger äußerst schüchtern auf die neue und schwierige Situation hin, in der sich die Kirche hinsichtlich des Souverains befand, und erinnerte seine Zuhörer, daß Kaiser Constantius Chlorus, obgleich kein Christ, doch diejenigen Christen hoch geachtet, welche ihrer Religion treu blieben, diejenigen aber mit Verachtung behandelt habe, welche sein Wohlwollen durch Abfall zu erwerben suchten. Nach dem Gottesdienste fand ein großes Banket in der Halle statt, dem Banket folgte ein Feuerwerk, und dem Feuerwerke eine Menge schlechte poetische Ergüsse.47

46. Aus Adda’s Depesche vom 22. Jan. (1. Febr.) 1686 und aus den Worten des Paters d’Orleans (Histoire des Revolutions d’Angleterre liv. XI) geht hervor, daß die strengen Katholiken das Verfahren des Königs für unverantwortlich hielten.

47. London Gazette; Gazette de France; Clarke’s Life of James the Second, II. 10; History of the Coronation of King James the Second and Queen Mary by Francis Sandford, Lancaster Herald, fol. 1687; Evelyn’s Diary, May 21. 1685. Depesche der holländischen Gesandten vom 10.(20.) April 1685; Burnet, I. 628; Eachard, III. 734; A Sermon, preached before their Majesties King James the Second and Queen Mary at their Coronation in Westminster Abbey, April 23. 1685 by Francis, Lord Bishop of Ely and Lord Almoner. Ich habe einen italienischen Bericht in der Hand gehabt, welcher in Modena veröffentlicht und besonders wegen der Geschicklichkeit merkwürdig ist, womit der Verfasser die Thatsache umgeht, daß die Gebete und Psalmen englisch und die Bischöfe Ketzer waren.

Enthusiastische Adressen der Tories. Diesen Moment kann man als denjenigen bezeichnen, wo die Begeisterung der Torypartei den Culminationspunkt erreicht hatte. Seit dem Antritte seiner Regierung war der neue König mit Adressen überschüttet worden, welche die tiefste Verehrung für seine Person und sein Amt und den stärksten Abscheu gegen die besiegten Whigs aussprachen. Die Magistratspersonen von Middlesex dankten Gott, daß er die Anschläge jener Königsmörder und Ausschließungsmänner zu Nichte gemacht, welche, nicht zufrieden, einen vortrefflichen Fürsten gemordet zu haben, auch mit der Absicht umgegangen seien, die Grundpfeiler der Monarchie umzustürzen. Die Stadt Gloucester verdammte die blutgierigen Bösewichter, welche den Versuch gewagt hätten, Se. Majestät um ihr Erbrecht zu bringen. Die Bürgerschaft von Wigan versprach ihrem Herrscher, daß sie ihn gegen alle verschwörungssüchtigen Achitophels und rebellischen Absaloms vertheidigen wollte. Die große Jury von Suffolk sprach die Hoffnung aus, daß das Parlament alle Ausschließungsmänner in die Verbannung schicken werde. Verschiedene Körperschaften verpflichteten sich, niemals Jemand in das Parlament zu wählen, der seine Stimme für die Entziehung von Jakob’s Geburtsrecht gegeben habe. Selbst die Hauptstadt zeigte sich höchst unterwürfig. Die Juristen und der Handelsstand wetteiferten zusammen in der Dienstbeflissenheit. Die Collegien der Gerichtshöfe des gemeinen Rechts und der Kanzlei übersandten bombastische Versicherungen der Anhänglichkeit und Devotion, und die großen Handelsgesellschaften, die Ostindische Compagnie, die Afrikanische, Türkische, Moskowitische, Hudsonsbai-Compagnie, die Marylandkaufleute, die Jamaikakaufleute, die abenteuernden Kaufleute, sie Alle erklärten, daß sie sich der königlichen Verordnung, welche von ihnen die fernere Bezahlung des Zolles beanspruchte, gern fügten. Bristol, die zweite Stadt Englands, war das Echo von London, nirgends aber zeigte sich der Geist der Loyalität bedeutender, als an den beiden Universitäten. Oxford versicherte, daß es nimmer die religiösen Grundsätze aufgeben werde, welche ihm die Verbindlichkeit auferlegten, dem König ohne jeden Vorbehalt und jede Beschränkung Gehorsam zu leisten; Cambridge mißbilligte in den heftigsten Ausdrücken die Eigenmächtigkeit und Verrätherei jener unruhigen Männer, welche den böswilligen Versuch gewagt hätten, den Gang der Thronfolge aus seiner alten Bahn zu drängen.48

48. Siehe die London Gazette in den Monaten Februar, März und April 1685.

Die Wahlen. Adressen, wie die angeführten, füllten lange Zeit die Nummern der Londoner Zeitung, doch bewiesen die Tories nicht nur durch Adressen ihren Eifer. Die Aufforderungen zur Wahl eines neuen Parlaments waren erlassen worden und das Land durch die geräuschvolle Thätigkeit der Wählenden in Aufregung versetzt. Noch nie hatte die Wahl unter Verhältnissen stattgefunden, welche dem Hofe so günstig waren wie die jetzigen. Hunderttausende, welche das papistische Complot zum Whiggismus getrieben, waren durch das Ryehousecomplot wieder zum Toryismus zurückgescheucht worden. In den Grafschaften konnte die Regierung auf eine überwiegende Majorität der Gentlemen mit dreihundert Pfund und mehr jährlichen Einkommens, so wie bei dem Klerus auf jedes Mitglied desselben zählen. Jenen Burgflecken, einst die Festungen des Whiggismus, hatte man kürzlich durch richterlichen Ausspruch ihre Freibriefe entzogen, oder sie waren dem Urtheil durch freiwilliges Aufgeben derselben zuvorgekommen. Sie waren jetzt in der Art umgestaltet, daß man überzeugt sein konnte, sie würden bei der Wahl nur auf Männer reflectiren, welche der Krone zugethan waren. Wo man den Stadtbewohnern kein Vertrauen schenken konnte, wurde das Wahlrecht auf die benachbarten Squires übertragen. In einigen kleinen Corporationen des Westens bestanden die Wahlkörper hauptsächlich aus Hauptleuten und Leutnants der Garde. Überall handelten die Wahlbeamten im Interesse des Hofes. Der Lordlieutenant und seine Abgeordneten bildeten in jeder Grafschaft einen mächtigen, thätigen und aufmerksamen Ausschuß, um die Freisassen zu gewinnen und einzuschüchtern. Von tausend Kanzeln ertönten feierliche Warnungen, für keinen Whigcandidaten zu stimmen, indem eine solche Handlung vor Demjenigen zu verantworten sein werde, der die Obrigkeit angeordnet und die Rebellion für eine eben so große Todsünde erklärt habe, wie die Zauberei. Alle diese Vortheile benutzte die herrschende Partei nicht nur aufs Äußerste, sondern trieb mit ihnen einen so schamlosen Mißbrauch, daß ruhige und besonnene Männer, welche der Monarchie in der Gefahr treu zur Seite gestanden und weder für Republikaner, noch für Schismatiker eingenommen waren, erschraken und aus solchem Beginnen das Herannahen schlimmer Zeiten weissagten.49

Die Whigs aber, obgleich sie die gerechte Vergeltung ihrer Irrthümer erduldeten, obgleich sie besiegt, entmuthigt und zersprengt waren, wichen nicht ohne Kampf. Noch immer waren sie eine bedeutende Anzahl, namentlich aus den Handelsleuten und Handwerkern der Städte und den Freisassen und Landleuten des flachen Landes bestehend. In einigen Bezirken, wie in Dorsetshire und in Somersetshire bildeten sie die Mehrzahl der Bevölkerung. Zwar konnten sie in den neuconstituirten Burgflecken nichts ausrichten, aber in jeder Grafschaft, wo sich ihnen irgend eine Aussicht bot, kämpften sie wie Verzweifelte. In Bedfordshire, dessen letzter Vertreter der edle, tugendhafte Russel gewesen war, siegten sie beim Händeaufheben, unterlagen aber bei der Abstimmung.50 In Essex hatten sie dreizehnhundert Stimmen gegen achtzehnhundert.51 Bei der Wahl für Northampton war der Pöbel in seinem Hasse gegen den Candidaten des Hofes so heftig, daß Truppen auf dem Marktplatze der Hauptstadt der Grafschaft aufgestellt wurden und Befehl erhielten, scharf zu laden.52 Die Geschichte des Wahlgefechts um Buckinghamshire ist noch merkwürdiger. Der Candidat der Whigs, Thomas Wharton, ältester Sohn von Lord Philipp Wharton, war ein durch Gewandtheit und Kühnheit ausgezeichneter Mann, und bestimmt, eine hervorragende, wenn auch nicht immer achtungswerthe Rolle in der Politik verschiedener Regierungen zu spielen. Er gehörte zu den Mitgliedern des Hauses der Gemeinen, welche damals die Ausschließungsbill vor die Schranke des Hauses der Lords gebracht hatten. Der Hof bemühte sich daher, ihn durch redliche oder unredliche Mittel zu beseitigen. Der Lord Oberrichter Jeffreys verfügte sich selbst nach Buckinghamshire, um einem Gentleman, mit Namen Hacket, beizustehen, welcher zu den Hochtories gehörte. Es wurde eine Kriegslist ersonnen, von der man erwartete, daß sie nicht mißglücken könne. Man verbreitete das Gerücht, die Wahl solle zu Ailesbury vor sich gehen, und Wharton, der eine ungemeine Geschicklichkeit in der Anwendung von Wahlkünsten besaß, entwarf auf diese Voraussetzung hin seinen Plan; im letzten Augenblicke jedoch verlegte der Sheriff die Wahlhandlung nach Newport Pagnell. Wharton verfügte sich mit seinen Freunden schleunigst dorthin, fand aber, daß Hacket, dem das Geheimniß bekannt war, dort alle Gasthäuser und sonstigen Herbergen in Beschlag genommen hatte. Die whiggistischen Freisassen sahen sich gezwungen, ihre Pferde an die Hecken zu binden und auf den Wiesen, welche die kleine Stadt umgaben, zu übernachten. Es machte außerordentliche Mühe, in so kurzer Zeit für eine so große Anzahl von Menschen und Thieren die nothwendigen Nahrungsmittel herbeizuschaffen, obgleich Wharton, der im Interesse seines Ehrgeizes und Parteigeistes kein Geld schonte, an einem Tage fünfzehnhundert Pfund ausgab, in damaliger Zeit eine sehr bedeutende Summe. Diese Ungerechtigkeit mag übrigens auf den Muth der munteren Freisassen von Bucks, der Söhne der Wähler John Hampden’s, günstig eingewirkt haben, denn Wharton erhielt nicht allein die meisten Stimmen, sondern er konnte auch seine übrigen Stimmen auf einen Mann von gemäßigteren Ansichten übertragen, wodurch der Candidat des Oberrichters durchfiel.53

In Cheshire währte der Kampf sechs Tage. Die Whigs hatten ungefähr siebzehnhundert Stimmen, die Tories etwa zweitausend. Das niedere Volk stand entschieden auf Seiten der Whigs, schrie: „Nieder mit den Bischöfen!“ beleidigte die Geistlichen auf den Straßen von Cheshire, schlug einen Gentleman von den Tories zu Boden, zertrümmerte die Fenster und prügelte die Constabler. Man rief die Miliz unter die Waffen, um dem Tumult ein Ende zu machen, und ließ sie beisammen, um die Festlichkeiten der siegreichen Partei zu schützen. Als die Abstimmung vorüber war, verkündete eine Salve aus fünf schweren Geschützen vom Schlosse der umliegenden Gegend den Sieg der Kirche und der Krone, die Glocken ertönten und die neugewählten Abgeordneten zogen feierlich, begleitet von einem Musikcorps und einem langen Zuge von Rittern und Squires zu dem Stadtkreuz, Auf ihrem Wege sang die Prozession „Heil dem großen Cäsar“, eine loyale Ode, die Durfey kürzlich gedichtet und die, wie alle literarischen Erzeugnisse desselben, zwar sehr jämmerlich, aber trotzdem damals nicht weniger beliebt war, als einige Jahre später das Lillibullero.54 Die Milizen standen in Parade um das Kreuz, ein Freudenfeuer loderte empor, die Ausschließungsbill ward verbrannt und unter lautem Jubelgeschrei auf das Wohl König Jakob’s getrunken. Am folgenden Tage, einem Sonntage, bildete am frühen Morgen die Miliz auf den Straßen, welche nach der Kathedrale führten, ein Spalier. Die beiden Abgeordneten der Grafschaft wurden von den Magistratspersonen der Stadt mit großem Pomp nach dem Chor geführt, hörten eine Predigt des Dechanten — vermuthlich über die Pflicht des passiven Gehorsams — mit an, und wurden sodann von dem Mayor zu einem feierlichen Mahle gezogen.55

In Northumberland war der Sieg Sir Johann Fenwick’s, eines Hofmanns, dessen Name später eine traurige Berühmtheit erlangte, von Umständen begleitet, welche in London Aufsehen erregten und für wichtig genug gehalten wurden, in den Depeschen fremder Minister erwähnt zu werden. Newcastle war durch brennende Holzstöße erleuchtet und von den Thürmen schallte das fröhliche Geläute der Glocken. Eine Copie der Ausschließungsbill und ein schwarzes Kästchen, ähnlich demjenigen, welches nach der Volkssage den Heirathsvertrag zwischen Karl II. und Lucie Walters umschließen sollte, wurde öffentlich unter lautem Jubelrufe in die Flammen geworfen.56

Das allgemeine Resultat der Wahlen übertraf die kühnsten Erwartungen des Hofes. Voller Freude entdeckte Jakob, daß es nicht nothwendig sei, auch nur einen Heller zur Erkaufung von Stimmen zu zahlen; er sagte, mit Ausnahme von etwa vierzig Personen wäre das Haus genau so zusammengesetzt, wie er selbst es gewählt haben würde,57 und nach damaligem Gesetze stand es völlig in seiner Macht, dieses Haus der Gemeinen für die ganze Dauer seiner Regierung zu behalten.

Des parlamentarischen Beistandes gewiß konnte er nun daran denken, sich dem Rachegefühl hinzugeben. Er war nicht versöhnlicher Natur, und als er noch Unterthan war, hatte er verschiedene Male Beleidigungen und Beschimpfungen erduldet, welche selbst ein zur Versöhnung geneigtes Gemüth zu heftiger und nachhaltiger Rachsucht aufregen konnten. Namentlich hatte eine Klasse von Menschen mit beispielloser und unbeschreiblicher Niederträchtigkeit und Grausamkeit seine Ehre und sein Leben bedroht: die Zeugen des Complots. Es war zu verzeihen, wenn er Haß gegen sie fühlte, da noch heute die Erwähnung ihrer Namen den Abscheu und das Grausen aller Secten und Parteien hervorruft.

Einige dieser Elenden waren bereits dem Arme menschlicher Gerechtigkeit entrückt. Bedloe war in seiner Verruchtheit gestorben, ohne jedes Zeichen von Reue oder Scham.58 Auch Dugdale war ins Grab gesunken, zum Wahnsinn getrieben, wie man sagte, durch die Qualen des bösen Gewissens, und mit Jammergeschrei die Umstehenden anflehend, Lord Stafford von seinem Sterbelager zu entfernen.59 Auch Carstairs war gestorben. Er endete mit Grauen und Verzweiflung, und in den letzten Augenblicken seines Lebens hatte er den Wärtern geboten, man solle ihn, wie einen Hund, in einen Graben werfen, denn er verdiene kein Grab auf einem christlichen Friedhofe.60

49. Es ließe sich leicht ein Band füllen mit dem, was Geschichtschreiber und Verfasser von Flugschriften über diesen Gegenstand gesagt haben. Ich will nur einen Zeugen nennen, einen Kirchenmann und Tory. Von den Wahlen, sagt Evelyn, behaupte man, daß sie in den meisten Orten höchst unschicklich vor sich gingen. Gott gebe einen bessern Erfolg, als Manche erwarten (10. Mai 1685). Dann sagt er: „Es ist die Wahrheit, daß unter den neuen Mitgliedern sich viele befinden, deren Wahlen und Abordnungen allgemein verdammt werden.“ (22. Mai.)

50. Aus einem Neuigkeitsbriefe in der Bibliothek des königlichen Instituts. Citters erwähnt die Stärke der Whigpartei in Bedfordshire.

51. Bramston’s Memoirs.

52. Reflexions on a Remonstrance and Protestation of all the good Protestants of this Kingdom, 1689; Dialogue between Two Friends 1689.

53. Memoirs of the Life of Thomas Marquess of Wharton, 1715.

54. Man sehe den Guardian Nr. 67, ein treffliches Probestück von Addison’s eigenthümlicher Manier. Es würde nicht leicht sein, bei einem andren Schriftsteller einen solchen Beweis von Wohlwollen, mit Spott gewürzt, aufzufinden.

55. The Observator, April 4. 1685.

56. Depesche des holländischen Gesandten v. 10.(20.) April 1685.

57. Burnet I. 626.

58. A faithful account of the Sickness, Death and Burial of Captain Bedlow, 1680; Narrative of Lord Chief Justice North.

59. Smith’s Intrigues of the Popish Plot, 1685.

60. Burnet I. 439.

Prozeß gegen Oates. Oates und Dangerfield aber befanden sich noch im Bereiche des strengen Fürsten, den sie beleidigt hatten. Kurz vor seinem Regierungsantritte hatte Jakob eine Civilklage gegen Oates wegen ehrverletzender Äußerungen erhoben und eine Jury hatte den Schadenersatz auf den ungeheuren Betrag von hunderttausend Pfund festgestellt. Der Beklagte war in Arrest genommen worden und befand sich jetzt ohne Hoffnung auf Befreiung im Gefängniß. Einige Wochen vor Karl’s Tode hatte die große Jury von Middlesex ihn zweimal des Meineides schuldig befunden, und bald nach dem Schlusse der Wahlen nahm der Prozeß seinen Anfang.61

Oates war unter den höheren und mittleren Klassen kaum ein Freund geblieben. Alle einsichtsvolleren Whigs hatten jetzt die Überzeugung, daß, wenn auch seiner Erzählung einige Thatsachen zu Grunde lägen, er doch auf diese Grundlage ein großes Gebäude romantischer Darstellungen errichtet habe. Eine nicht unbedeutende Anzahl von Fanatikern aus der niederen Volksklasse sahen in ihm jedoch noch immer einen öffentlichen Wohlthäter. Diesen Leuten war es nicht unbekannt, daß sein Urtheil ein höchst strenges sein würde, wenn es gelang, ihm seine Schuld zu beweisen, und sie waren daher unermüdlich in ihren Versuchen, ihm zur Flucht zu verhelfen. Obgleich er sich jetzt nur in Schuldhaft befand, wurde er doch von den Beamten des Gefangenhauses in Eisen gelegt und selbst auf diese Art nur mit großer Mühe in sicherem Gewahrsam erhalten. Ein Bullenbeißer, welcher als Wächter vor seiner Thür lag, wurde vergiftet und in der Nacht vor dem Beginn seines Prozesses eine Strickleiter in seine Zelle gebracht.

An dem Tage, wo er vor Gericht gestellt wurde, war Westminsterhall überfüllt von Zuschauern, worunter viele Katholiken, die begierig waren, das Elend und die Erniedrigung ihres Verfolgers zu betrachten.62 Vor wenigen Jahren war sein kurzer Hals, seine krummen Dachsbeine, seine Stirn, so zusammengedrückt wie die eines Pavians, seine dunkelrothen Wangen und die seltsame Länge seines Kinnes Allen wohlbekannt, welche die Gerichtshöfe betraten; damals war er der Abgott des Volkes, wo er sich zeigte, hatte man vor ihm das Haupt entblößt, das Leben und die Güter der ersten Männer des Reichs waren seiner Willkür preisgegeben; jetzt war es anders geworden, und Viele, die früher in ihm den Befreier des Vaterlandes erblickten, erfaßte jetzt ein Grausen, als sie die scheußlichen Züge erblickten, auf welche die Hand Gottes den Stempel der Schurkerei gedruckt zu haben schien.63

Es war bis zur größten Gewißheit erwiesen, daß dieser Mann durch falsche Beschuldigungen mit Absicht mehrere unschuldige Personen um’s Leben gebracht hatte. Vergeblich bat er die bedeutendsten Mitglieder des Parlaments, welche ihn belohnt und erhoben hatten, zu seinem Gunsten Zeugniß abzulegen, einige von den Aufgeforderten verließen den Saal, keiner aber machte den geringsten Versuch zu seiner Vertheidigung. Einer, der Earl von Huntingdon, machte ihm die heftigsten Vorwürfe, daß er die Häuser betrogen und die Schuld auf sie geladen habe, unschuldiges Blut zu vergießen. Die Richter ließen den Angeklagten hart an und schmähten ihn mit einer Leidenschaftlichkeit, welche selbst in den scheußlichsten Fällen mit der richterlichen Würde sich nicht verträgt. Er zeigte jedoch weder Furcht noch Scham und ertrug die Fluth von Schmähungen, welche von den Schranken, der Richterbank und Zeugenloge auf ihn losbrach, mit dem Trotze der Verzweiflung. Er wurde beider Anklagen schuldig befunden. Sein Verbrechen war zwar, vom moralischen Standpunkte angesehen, Mord der schwersten Art, nach dem Gesetz jedoch noch kein peinliches Verbrechen. Es lag aber in der Absicht des Tribunals, seine Strafe empfindlicher zu machen, als sie Verbrechern der ersten und zweiten Klasse zu Theil wurde, und ihm nicht blos das Leben zu rauben, sondern ihn auch unter entsetzlichen Qualen zu tödten. Es wurde das Urtheil über ihn ausgesprochen, er solle, seiner geistlichen Tracht entkleidet, im Palasthofe an den Pranger gestellt werden, alsdann sollte man ihn — mit einer Inschrift, welche seine Schandthaten aussprach, über seinem Haupte — um Westminsterhall führen, der königlichen Börse gegenüber wieder an den Pranger stellen und alsdann von Oldgate nach Newgate peitschen. Nach einer Pause von zwei Tagen sollte er wieder von Newgate nach Tyburn gepeitscht werden. Wenn er gegen alle Wahrscheinlichkeit nach dieser entsetzlichen Strafe noch lebte, so sollte er lebenslänglich — in enger Kerkerhaft bleiben, in jedem Jahre aber fünfmal aus dem Gefängniß gebracht und in verschiedenen Theilen der Hauptstadt an den Schandpfahl gestellt werden.64

Das schreckliche Urtheil wurde streng vollstreckt. An dem Tage, wo Oates am Pranger stand, wurde er unbarmherzig gesteinigt und war in größter Gefahr, zerrissen zu werden.65 In der City erregten zwar seine Anhänger, die sich in bedeutender Anzahl versammelt hatten, einen Tumult und warfen den Pranger um; aber es gelang ihnen nicht, ihren Liebling zu befreien.66

Man besorgte, er würde einen Versuch machen, dem schrecklichen Schicksale, welches seiner harrte, sich durch Gift zu entziehen, deshalb wurde Alles, was er genoß, einer sorgfältigen Prüfung unterworfen. Am nächsten Morgen wurde er vorgeführt, um die erste Auspeitschung zu empfangen, und schon in der frühesten Stunde wogten die Menschenmassen in den Straßen zwischen Oldgate und der Old Bailey. Der Henker führte die Peitsche mit solcher Erbarmungslosigkeit, daß man wohl sah, er habe ganz besondere Befehle erhalten. Das Blut strömte an dem Verbrecher herab. Eine Zeit lang zeigte er eine außerordentliche Standhaftigkeit, bis endlich seine hartnäckige Ausdauer erlag. Sein Geheul war fürchterlich, er fiel mehrere Male in Ohnmacht, aber die Peitsche hörte nicht auf, ihn zu zerfleischen. Als er losgebunden wurde, schien er das Äußerste ertragen zu haben, was ein menschlicher Körper bis zur Auflösung auszuhalten vermag. Jakob wurde gebeten, die zweite Auspeitschung zu unterlassen, aber seine Antwort war kurz und bündig: „Man soll damit fortfahren, so lange er noch Athem im Leibe hat!“ Ein Versuch, die Verwendung der Königin für den Unglücklichen zu erlangen, mißglückte gleichfalls, indem sie sich entrüstet weigerte, ein Wort zu Gunsten eines solchen Elenden zu verlieren. Nach einer Pause von achtundvierzig Stunden wurde Oates wiederum aus dem Gefängniß herbeigeholt. Er war nicht mehr fähig, sich auf den Füßen zu erhalten, so daß es nöthig wurde, ihn auf einer Schleife nach Tyburn zu schleppen. Wie es schien, hatte er nicht die geringste Empfindung, und die Tories versicherten, daß er sich durch den Genuß starker Getränke betäubt habe. Eine Person, welche die Schläge, welche er am zweiten Tage empfing, gezählt hat, versicherte, daß er deren siebzehnhundert erhalten. Der elende Mensch kam mit dem Leben davon, jedoch mit so genauer Noth, daß seine beschränkten und bigotten Anhänger seine Genesung für ein Wunder hielten und dieselbe als einen Beweis seiner Schuldlosigkeit anführten. Die Thür des Gefängnisses fiel hinter ihm ins Schloß und viele Monate lang lag er gefesselt in dem finstersten Kerker von Newgate. Man versicherte, daß er in seiner Zelle gänzlich der Schwermuth anheimfiel und, tiefe Seufzer ausstoßend, die Arme verschlungen und den Hut über die Augen gezogen, Tage lang vor sich hinbrütete. Nicht blos England nahm an diesen Ereignissen regen Antheil. Millionen Katholiken, welche weder von unseren Institutionen, noch unseren Parteien etwas wußten, hatten erfahren, daß auf unsrer Insel die Bekenner des wahren Glaubens einer unmenschlichen Verfolgung ausgesetzt gewesen wären, daß viele fromme Männer den Märtyrertod erlitten und Titus Oates das Haupt der Mörderbande gewesen sei; daher entstand großer Jubel in fernen Landen, als man erfuhr, daß Gottes Gericht ihn getroffen habe. Kupferstiche, welche ihn am Schandpfahl und auf der Schleife sich windend darstellten, verbreiteten sich über das ganze Europa und Epigrammenschreiber machten in allen Sprachen ihre Witze über den Doctortitel, welchen er von der Universität zu Salamanca erlangt haben wollte, und bemerkten, da seine Stirn nicht mehr des Erröthens fähig sei, so wäre es ganz in der Ordnung, daß sein Rücken dazu gebracht werde.67

Obgleich die Leiden des Oates entsetzlich waren, so standen sie doch zu seinen Verbrechen in keinem Verhältniß. Das alte englische Gesetz, welches außer Gebrauch gekommen war, behandelte den falschen Zeugen, der durch seinen Meineid den Tod eines Menschen verursachte, als Mörder.68 Es verrieth das eben so viel Weisheit wie Gerechtigkeit, denn ein solcher Zeuge ist in der That ein höchst gefährlicher Mörder. Mit dem Verbrechen, unschuldiges Blut zu vergießen, vereinigt er die schwere Schuld, die heiligste Verpflichtung zu verletzen, welche der Mensch seinem Mitmenschen gegenüber eingehen kann, und Gerichtsstellen, auf die das Volk nothwendig mit Ehrerbietung und Vertrauen blicken muß, zu Werkzeugen abscheulichen Unrechts und Gegenständen des allgemeinen Mißtrauens zu machen. Das Unglück, welches durch einen gewöhnlichen Meuchelmord herbeigeführt wird, steht in keinem Verhältniß zu dem Unglück, welches ein Meuchelmord erzeugt, bei dessen Ausübung die Gerichtshöfe als Helfershelfer mitgewirkt haben. Die bloße Vernichtung des Menschenlebens ist der unbedeutendste Theil von dem, was eine Hinrichtung entsetzlich macht. Die verlängerte Seelenangst des Delinquenten, die Schande und das Unglück seiner Angehörigen, die bis zur dritten und vierten Generation nachwirkende Schmach, das sind viel schrecklichere Dinge, als der Tod selbst. Man kann mit Gewißheit annehmen, daß der Vater einer zahlreichen Familie lieber alle seine Kinder durch ein böses Geschick oder Krankheit verlieren würde, als ein einziges durch die Hand des Henkers. Mord, durch falsches Zeugniß herbeigeführt, ist daher die schwerste Art des Mordes, und Oates hatte sich vieler solcher Morde schuldig gemacht; dennoch läßt sich die Strafe, mit welcher er belegt wurde, nicht rechtfertigen. Indem ihn die Richter verurtheilten, das geistliche Gewand abzulegen und auf Lebenszeit im Kerker zu schmachten, scheinen sie über ihre gesetzliche Berechtigung hinausgegangen zu sein. Sie waren ohne Zweifel befugt, ihn zur Auspeitschung zu verurtheilen, auch hatte das Gesetz die Anzahl der Hiebe nicht bestimmt; vollkommen verständlich war aber der Geist des Gesetzes, daß kein peinliches Vergehen strenger bestraft werden dürfte, als ein scheußliches Verbrechen. Der schwerste Verbrecher konnte blos zum Galgen verurtheilt werden, die Richter jedoch verurtheilten den Oates — wie sie wenigstens glaubten — zum Tode durch die Peitsche. Die Mangelhaftigkeit des Gesetzes bietet keine genügende Entschuldigung, denn mangelhafte Gesetze müssen durch die gesetzgebende Gewalt geändert und nicht von den Gerichtshöfen ausgedehnt werden, am wenigsten aber sollte man ein Gesetz mißbrauchen, um Qualen zu verursachen und Leben zu vernichten. Daß Oates ein Schurke war, entschuldigt nicht ausreichend, denn in der Regel erdulden zuerst die Schuldigen solche Unbilden, welche man nachher als Vorgänge benutzt, um die Unschuldigen zu unterdrücken. So war es in diesem Falle. Die unbarmherzige Anwendung der Peitsche wurde sehr bald eine Strafe für unbedeutende politische Vergehen. Man verurtheilte wegen unüberlegter Äußerungen gegen die Regierung Menschen zu solchen Martern, daß sie in vollem Ernste baten, man möchte sie lieber eines Capitalverbrechens anklagen und an den Galgen schicken. Glücklicherweise wurde diesem großen Übel sehr bald durch die Revolution und durch den Artikel der „Bill der Rechte“, welche alle grausamen und ungewöhnlichen Strafen verwirft, eine Ende gemacht.

61. Man sehe die Verhandlungen in der Collection of State Trials.

62. Evelyn’s Diary, May 7, 1685.

63. Es giebt noch verschiedene Portraits von Oates. Die richtigsten Schilderungen seiner Person finden sich in North’s Examen, 225; in Dryden’s Absalom and Achitophel und in einem Folioblatt unter dem Titel: A Hue and Cry after T. O.

64. Die Verhandlungen sind ausführlich in der Sammlung der Staatsprozesse zu finden.

65. Gazette de France, May 29. (Juni 9.) 1685.

66. Depesche des holländischen Gesandten, 19.(29.) Mai 1685.

67. Evelyn’s Diary, May 22. 1685; Eachard III. 741; Burnet, I. 637; Observator, May 27. 1685; Oates’s Εἰκὼν βροτολοιγοῦ, 1697; Commons’ Journals, May, June and July, 1689; Tom Brown’s Advice to Dr. Oates. Einige interessante Umstände werden auf einem Foliobogen im Verlag von A. Brooks, Charing Croß, 1685, erwähnt. Ebenso habe ich damals erschienene französische und italienische Flugschriften gesehen, welche die Geschichte des Prozesses und der Strafvollstreckung enthielten. Ein Kupferstich, worauf Titus am Pranger abgebildet ist, erschien zu Mailand mit folgender wunderlicher Inschrift: Questo e il naturale ritratto di Tito Otez o vero Oatz, Inglese, posto in berlina, uno de, principali professori della religione protestante acerrimo persecutore de Cattolici e gran spergiuro. Ebenso ist mir ein holländischer Kupferstich mit seiner Bestrafung vorgekommen, worauf einige lateinische Verse stehen, von denen ich hier eine Probe gebe:

„At Doctor Fictus non Fictos pertulit ictus,

A tortore datos haud molli in corpore gratos,

Disceret ut vere scelera ob commissa rubere.“

Das Anagram seines Namens: „Testis Ovat“ ist auf vielen in den verschiedenen Ländern erschienenen Stichen zu finden.

68. Blackstone’s Commentaries, Chapter of Homicide.

Prozeß gegen Dangerfield. Die Schurkerei des Dangerfield hatte nicht wie die des Oates viele unschuldige Opfer vernichtet, indem Dangerfield das Geschäft eines falschen Zeugen erst zu betreiben anfing, als das Complot bereits seine Wichtigkeit verloren und die Geschwornen ungläubig geworden waren.69 Man stellte ihn nicht wegen Meineids, sondern wegen des geringern Vergehens, eine Schmähschrift verfaßt zu haben, vor Gericht. Während der Aufregung, welche die Ausschließungsbill hervorrief, hatte er eine Erzählung in Umlauf gebracht, worin einige unwahre und heimtückische Beschuldigungen gegen den vorigen und den jetzigen König enthalten waren; in Folge dieser Veröffentlichung wurde er jetzt, nach Ablauf von fünf Jahren, plötzlich verhaftet, vor den Geheimen Rath gebracht, verhört, für schuldig erklärt und verurtheilt, von Oldgate nach Newgate und von da nach Tyburn gepeitscht zu werden. Der Unglückliche behauptete während der Verhandlungen eine große Keckheit, als ihm aber sein Urtheil bekannt gemacht wurde, erfaßte ihn die äußerste Verzweiflung, er betrachtete sein Leben als verloren und wählte einen Text zu seiner Leichenpredigt. Er hatte richtig geahnet. Wenn er auch nicht so ganz unmenschlich gepeitscht wurde wie Oates, so besaß er auch nicht dessen körperliche und geistige Kraft. Nach erlittener Strafe wurde Dangerfield in eine Miethkutsche gebracht und nach dem Gefängniß zurücktransportirt. Als er an der Ecke von Hatton Garden vorüberkam, hielt ein Tory von Gray’s Inn, mit Namen Francis, den Wagen an und rief mit brutaler Übermüthigkeit: „Nun Freund, ist es Euch diesen Morgen nicht warm geworden?“ Der blutbedeckte Gefangene, durch diesen Hohn zur Wuth gebracht, antwortete mit einem Fluche; da schlug ihn Francis sofort mit einem Rohrstocke über das Gesicht und verletzte ihm das Auge. Dangerfield wurde mit dem Tode ringend nach Newgate gebracht. Diese schändliche Gewaltthätigkeit empörte die Umstehenden dermaßen, daß sie Francis ergriffen und nur mit größter Mühe zurückgehalten wurden, ihn in Stücken zu reißen. Der Anblick von Dangerfield’s Körper, den die Peitsche entsetzlich zerfleischt hatte, ließ Viele glauben, daß sein Tod vorzüglich, wenn auch nicht allein durch die Peitschenhiebe verursacht worden sei; die Regierung aber und der Oberrichter hielten es für gut, die ganze Schuld auf Francis zu laden, dem man, obgleich er im schlimmsten Falle nur eines Todtschlags unter erschwerenden Umständen schuldig gewesen zu sein scheint, wegen Mordes den Prozeß machte und ihn hinrichten ließ. Seine letzte Rede ist ein höchst merkwürdiges Denkmal der Sitten jener Zeit. Der wilde Geist, der ihn an den Galgen brachte, blieb ihm bis zum letzten Augenblick. Prahlerische Versicherungen seiner Loyalität und Schimpfreden auf die Whigs wechselten ab mit Abschiedsseufzern, womit er seine Seele der Gnade des Himmels empfahl. Es circulirte ein Gerücht, daß Dangerfield, der ein schöner Mann war und im Rufe der Galanterie stand, von Francis’ Weibe geliebt worden sei, und man behauptete, die Eifersucht habe den verhängnißvollen Schlag geführt. Der dem Tode geweihte Ehemann nahm mit einem halb komischen, halb rührenden Eifer die Ehre seiner Gattin in Schutz. „Sie ist ein tugendhaftes Weib aus einem loyalen Geschlecht“, sagte er, „und wenn sie die Absicht gehabt hätte, ihr eheliches Gelübde zu brechen, so würde sie wenigstens einen Tory und Anhänger der Landeskirche zu ihrem Geliebten gewählt haben.“70