In diesem Augenblick schlug die Uhr zwei. Der Kopf war ihr schwer, wie der einer Sterbenden, und das Kinn sank auf die Brust. Als Julie aufsah, erblickte sie ihre Tante, die so plötzlich aufgetaucht war, als sei sie aus den über die Wände gespannten Tapeten herausgetreten.

»Was haben Sie denn, meine Kleine?« fragte die Tante. »Warum so lange wach bleiben, und vor allem warum einsame Tränen vergießen? In Ihrem Alter?«

Sie setzte sich ohne Umstände neben ihre Nichte und verschlang mit den Blicken den angefangenen Brief.

»Haben Sie an Ihren Mann geschrieben?«

»Weiß ich denn, wo er steckt?« antwortete die Komtesse.

Die Tante nahm das Blatt und las es. Sie hatte mit Vorbedacht die Brille mitgebracht. Das unschuldige Geschöpf überließ ihr den Brief, ohne den geringsten Einspruch zu erheben. Wenn sie so alle Willenskraft vergaß, so war das weder ein Mangel an Frauenwürde, noch ein Gefühl geheimer Schuld; nein, ihre Tante hatte sie hier in einem jener kritischen Momente überrascht, wo das Gemüt sich keinen Rat weiß, wo alles einerlei ist, das Gute und das Böse, die Verschwiegenheit und die Offenbarung. Gleich einem jungen tugendsamen Mädchen, das einen Liebhaber mit Verachtung überhäuft, am Abend aber sich ein Herz wünscht, dem es seinen Kummer anvertrauen kann, ließ Julie es ohne ein Wort der Gegenrede zu, daß das Siegel verletzt wurde, mit dem für jeden taktvollen Menschen ein offener Brief versehen ist, und sah nachdenklich zu, wie die Marquise las:

»Meine liebe Luise! Warum mahnst Du mich so oft um Erfüllung des unklügsten Versprechens, das zwei unwissende junge Mädchen sich geben konnten? Du fragst Dich oft, schreibst Du, warum ich seit sechs Monaten auf Deine Fragen nicht geantwortet hätte? Wenn Du mein Schweigen nicht verstanden hast, so wirst Du die Ursache wohl heute erraten, wenn Du die Geheimnisse vernimmst, die ich Dir offenbaren werde. Ich hätte sie auf ewig in der Tiefe meines Herzens begraben, wenn Du mich nicht von Deiner bevorstehenden Verheiratung benachrichtigt hättest. Du willst also heiraten, Luise. Bei diesem Gedanken zittere ich. Arme Kleine, heirate. Nach wenigen Monaten wirst Du nur noch mit bitterstem Schmerz Dich dessen erinnern, was wir einstmals gewesen sind, als wir eines Abends in Ecouen alle beide unter die größten Eichen des Berges gegangen waren und das schöne Tal zu unseren Füßen betrachteten, die Strahlen der untergehenden Sonne bewunderten, deren Glanz uns umgab. Wir setzten uns auf einen Steinblock und verfielen in eine Verzückung, auf die die sanfteste Melancholie folgte. Du als erste fandest, diese ferne Sonne spräche uns von der Zukunft. Wir waren gar neugierig und närrisch damals. Erinnerst Du Dich all unserer Überschwenglichkeiten? Wir küßten uns – wie zwei, die sich lieben. Wir gelobten uns, daß, wer sich zuerst verheiraten würde, der anderen getreu die Geheimnisse der Ehe, die Freuden, die unsere kindliche Seele sich so köstlich ausmalte, berichten solle. Mit dem Hochzeitsabend wird Deine Verzweiflung beginnen, Luise. Zu jener Zeit warst Du jung, schön, sorglos, wohl auch glücklich. Man wird Dich in wenigen Tagen zu dem machen, was ich jetzt bin: häßlich, leidend und alt. Wenn ich Dir sagte, wie stolz, wie eitel, wie froh ich war, den Oberst Victor d'Aiglemont zu heiraten, so würde das Torheit sein. Und doch, wie soll ich es Dir schildern? Ich erinnere mich meiner selbst nicht mehr. In wenigen Augenblicken war meine Kindheit für mich zum fernen Traum geworden. Mein Benehmen am Hochzeitstage, mit dem eine Verbindung geweiht wurde, deren Tragweite mir nicht bewußt war, hat Anstoß erregt. Mein Vater hat mehrmals versucht, meine Heiterkeit einzuschränken, denn ich bekundete eine Freude, die man unpassend fand, und in dem, was ich alles zusammenschwatzte, fand man Durchtriebenheit, und zwar gerade deshalb, weil ich mir gar nichts Arges dabei dachte. Mit dem Brautschleier, mit dem Kleide und mit den Blumen trieb ich tausend Kindereien. Als ich am Abend in dem Zimmer allein war, wohin man mich mit Pomp geleitet hatte, sann ich nach, mit welchem Schelmenstreich ich wohl Victor necken könnte. Und während ich seiner harrte, schlug mein Herz so heftig, wie ehemals an den Silvesterabenden, wenn ich insgeheim in den Salon schlüpfte, wo die Geschenke ausgelegt waren. Als mein Mann hereinkam und mich suchte, da war das erstickte Lachen, das ich aus meinem Versteck unter einem Berg von Musselin hören ließ, ach, der letzte Ausbruch der holden Fröhlichkeit, die die Tage unserer Kindheit vergoldete …«

Als die Matrone den Brief gelesen hatte, der nach einem solchen Anfang wohl noch traurigere Bemerkungen aufnehmen sollte, legte sie langsam die Brille auf den Tisch, legte auch den Brief wieder hin und heftete auf ihre Nichte zwei grüne Augen, deren klares Feuer durch das Alter noch nicht geschwächt worden war.

»Meine Kleine,« sagte sie, »eine verheiratete Frau kann, ohne den Anstand zu verletzen, nicht gut so etwas an ein junges Mädchen schreiben …«

»Das dachte ich auch schon,« antwortete Julie, ihre Tante unterbrechend, »und ich schämte mich vor mir selbst, als Sie es lasen …«

»Wenn uns bei Tische eine Speise nicht zusagt, so brauchen wir sie doch niemand anderm zu verekeln, mein Kind,« fuhr die Alte gutgelaunt fort, »und das Heiraten ist doch von Eva an bis zu uns herab immer für was ganz Herrliches gehalten worden … Haben Sie keine Mutter mehr?« fragte die alte Frau.

Die Komtesse zitterte, dann hob sie sanft den Kopf und sagte:

»Seit einem Jahr habe ich mehr als einmal bedauert, daß meine Mutter nicht mehr am Leben ist; aber es war unrecht von mir, daß ich auf die Warnungen meines Vaters nicht gehört habe. Er wollte Victor nicht zum Schwiegersohne.«

Sie sah ihre Tante an, und ein Schauer der Freude trocknete ihre Tränen, als sie den Ausdruck von Güte bemerkte, der dieses alte Gesicht belebte. Sie streckte ihre junge Hand der Marquise hin, die sich ihrer so liebreich anzunehmen schien, und als ihre Finger sich drückten, da war das Einverständnis zwischen diesen beiden Frauen vollständig.

»Arme Waise!« setzte die Tante hinzu.

Dieses Wort berührte Julie, als wenn ein letzter Lichtstrahl auf sie fiele. Sie glaubte noch einmal die prophetische Stimme ihres Vaters zu vernehmen.

»Ihre Hände sind fieberheiß! Ist das immer der Fall?« fragte die Alte.

»Seit sechs oder acht Tagen hat das Fieber mich nicht mehr verlassen,« antwortete sie.

»Und Sie haben mir das verheimlicht?«

»Ich hab's ja schon ein Jahr lang,« sagte Julie mit einer Art schamhafter Angst.

»Also, mein kleiner, guter Engel,« fuhr die Tante fort, »ist die Ehe für Sie bisher nur ein fortgesetzter Schmerz gewesen?«

Die junge Frau wagte nicht zu antworten, aber sie machte eine bejahende Gebärde, die all ihr Leid verriet.

»Sie sind also unglücklich?«

»O, nein, meine Tante. Victor liebt mich bis zur Vergötterung, und auch ich bete ihn an, er ist so gut.«

»Ja, lieb haben Sie ihn, aber Sie fliehen ihn dennoch, nicht wahr?«

»Ja – bisweilen – er sucht mich zu oft –«

»Wenn Sie allein sind, beunruhigt Sie dann nicht oft die Furcht, er könne kommen und Sie überraschen?«

»Ach, gewiß, meine Tante. Aber ich habe ihn sehr lieb, das versichere ich Ihnen.«

»Klagen Sie sich nicht insgeheim an, Sie verständen nicht, an dem, was ihn erfreut, Freude zu finden, oder Sie seien dessen nicht fähig? Denken Sie manchmal nicht, die legitime Liebe sei härter zu ertragen, als vielleicht eine strafbare Leidenschaft?«

»O, das ist's,« sagte sie weinend. »Sie erraten alles – wo doch für mich alles ein Rätsel ist. Meine Sinne sind betäubt, ich kann nicht denken, ja ich lebe kaum noch. Meine Seele ist von einer unbestimmten Furcht bedrückt, die meine Gefühle zu Eis wandelt und mich in beständige Lethargie versenkt. Ich bin ohne Stimme, mich zu beklagen, und ohne Worte, meinen Schmerz auszudrücken. Ich leide, und schäme mich doch zu leiden, wenn ich Victor so glücklich sehe in dem, was mich tötet.«

»Kindereien, Albernheiten all das!« rief die Tante, deren vertrocknetes Gesicht sich plötzlich unter einem fröhlichen Lächeln belebte – einem Abglanz ihrer Jugendzeit.

»Und auch Sie – Sie lachen!« sagte die junge Frau in Verzweiflung.

»Ich bin ebenso gewesen,« antwortete die Marquise schlagfertig. »Sind Sie nicht jetzt, wo Victor Sie allein gelassen hat, wieder junges Mädchen und ruhig geworden? Ein junges Mädchen, das keine Liebesfreude mehr hat, aber auch kein Liebesleid?«

Julie machte große, fast stumpfsinnige Augen.

»Nun ja doch, mein Engel, Sie beten Victor an, nicht wahr? Aber Sie möchten weit lieber seine Schwester als seine Frau sein, und das Eheleben ist eben gar nicht Ihr Fall?«

»Nun denn – ja, Tante. Aber warum lächeln Sie dazu?«

»O, Sie haben recht, mein armes Kind. All das ist nicht zum Spaßen. Ihre Zukunft würde Ihnen mehr als ein Unglück bescheren, wenn nicht ich Sie unter meine Obhut nähme, und wenn meine langjährige Erfahrung mich nicht die ganz unschuldige Ursache Ihres Kummers hätte erraten lassen. Mein Neffe hat sein Glück nicht verdient, der Tropf! Unter der Regierung unseres vielgeliebten fünfzehnten Ludwig würde eine junge Frau in Ihrer Lage den Gatten bald bestraft haben, wenn er sich wie ein ungeschlachter Landsknecht benommen hätte! Der Egoist! Die Soldaten dieses kaiserlichen Tyrannen sind durch die Bank unwissende Bösewichter! Sie halten Brutalität für Galanterie; sie kennen die Frauen nicht mehr und verstehen nicht zu lieben. Sie glauben, die Aussicht, doch bald in den Tod zu gehen, entbände sie von Rücksicht und Aufmerksamkeiten gegen uns. Früher wußte man ebenso gut zu lieben wie zu sterben – beides zu gleicher Zeit. Meine Nichte, ich werde Ihnen den Mann erziehen. Ich werde dem traurigen, doch ganz natürlichen Mißstand ein Ende machen. Wenn das so weiterginge, würden Sie einander schließlich hassen und die Scheidung herbeiwünschen, sofern Sie nicht daran sterben, ehe es zu diesem verzweifelten Ende kommt.«

Julie hörte ihrer Tante mit Erstaunen, ja wie betäubt, zu, verwundert, Worte zu vernehmen, deren Richtigkeit von ihr mehr geahnt als eingesehen wurde, und ganz entsetzt, aus dem Munde einer vielerfahrenen Verwandten, nur in milderer Gestalt, den gleichen Einwand wiederzuhören, den ihr Vater gegen Victor erhoben hatte. Sie hatte vielleicht eine lebhafte Ahnung dessen, was ihr bevorstände, und empfand ohne Zweifel schon die Last des Unglücks, das sie bedrücken sollte, denn sie vergoß Tränen und warf sich in die Arme der alten Dame mit den Worten:

»Seien Sie mir Mutter!«

Die Tante weinte nicht; denn die Revolution hat den Frauen aus dem alten Königreich das Weinen abgewöhnt. Erst die verliebte Lebensweise und dann die Schreckensherrschaft haben sie mit den schmerzlichsten Umstürzen vertraut gemacht, so daß sie nun in den Gefahren des Lebens eine kalte Würde und eine aufrichtige Zuneigung, doch ohne jede Überschwenglichkeit, bewahren. Auf diese Weise vergessen sie darüber nie die Etikette und eine Vornehmheit des Benehmens, die die neuen Sitten sehr zu Unrecht verpönt haben.

Die Matrone nahm die junge Frau in die Arme und küßte sie auf die Stirn, mit einer Zärtlichkeit und Anmut, die bei diesen Frauen oft mehr Manier und Gewohnheit als Sache des Herzens ist. Sie tröstete ihre Nichte mit süßen Worten, versprach ihr eine glückliche Zukunft, half ihr beim Schlafengehen und schläferte sie mit liebevollen Vesprechungen ein, ganz als wenn Julie ihre Tochter gewesen wäre – eine geliebte Tochter, deren Hoffnungen und Kümmernisse sie zu ihren eigenen machte; sie sah sich noch einmal jung in ihrer Nichte, fand sich in ihr noch einmal als unerfahrenes, hübsches Mädchen.

Glücklich, eine Freundin gefunden zu haben, eine Mutter, der sie hinfort alles sagen könnte, schlief die Komtesse ein. Als sich am folgenden Morgen Tante und Nichte mit der tiefen Herzlichkeit und in dem Einverständnis küßten, die einen Fortschritt im gegenseitigen Fühlen, eine noch vollständigere Verkettung zweier Seelen beweisen – vernahmen sie den Schritt eines Pferdes, wandten gleichzeitig den Kopf und erblickten den jungen Engländer, der langsam, wie seine Gewohnheit war, vorbeiritt.

Er schien in gewissem Sinne das Leben, das die beiden einsamen Frauen führten, studiert zu haben und unterließ nie, sich einzufinden, wenn sie beim Frühstück oder beim Mittagessen saßen. Sein Pferd ging von selbst im langsamen Schritt – er brauchte ihm keinen Wink zu geben; und in der Zeit, die es brauchte, an dem Raum zwischen den beiden Fenstern des Eßzimmers vorbeizukommen, warf Arthur einen melancholischen Blick hinein, meistens ohne von der Komtesse irgendwie beachtet zu werden.

Die Marquise hatte sich die philisterhafte Neugierde angewöhnt, die sich an die kleinsten Dinge heftet, um dem Leben in der Provinz Abwechslung zu verleihen, und von der sich selbst überlegene Geister nur schwer freihalten. Sie fand großen Spaß an der schüchternen, ernsthaften, und so stillschweigend offenbarten Liebe des Engländers. Diese Blicke im Vorüberreiten gehörten nun schon zur Tagesordnung, und jedesmal begrüßte sie Arthurs Vorbeikunft mit einem neuen Scherz.

Als sich die beiden Frauen an diesem Morgen zu Tische setzten, erblickten sie den Insulaner zu gleicher Zeit. Diesmal begegneten sich Juliens und Arthurs Augen so voll und unverhohlen, daß die junge Frau errötete. Sogleich gab der Engländer seinem Pferde die Sporen und verschwand im Galopp.

»Aber, Madame,« sagte Julie zu ihrer Tante, »was ist da zu machen? Wer den Engländer hier immer vorbeireiten sieht, muß ja doch merken, daß ich –«

»Jawohl,« antwortete die Tante, sie unterbrechend.

»Sollte ich mir das nicht verbitten?«

»Das hieße ihn auf den Gedanken bringen, er sei Ihnen gefährlich. Und könnten Sie denn jemand hindern, hin und her zu reiten, wo es ihm gefällt? Wir werden einfach morgen nicht mehr in diesem Zimmer speisen. Wenn uns der junge Kavalier hier nicht mehr sieht, wird er diese Liebe durchs Fenster einstellen. Sehen Sie, mein liebes Kind, so muß sich eine Frau benehmen, die weltgewandt ist.«

Aber das Unglück Juliens sollte vervollkommnet werden. Kaum erhoben sich die beiden Frauen vom Tische, so traf plötzlich Victors Kammerdiener ein. Er kam, so schnell sein Pferd hatte laufen können, auf Schleichwegen von Bourges her und überbrachte der Gräfin einen Brief ihres Gatten. Victor hatte den Kaiser verlassen und meldete seiner Frau den Zusammenbruch des Imperiums, die Eroberung von Paris und die Begeisterung, die an allen Punkten Frankreichs für die Bourbonen lebendig wurde. Aber da er nicht wußte, wie er bis nach Tours gelangen sollte, so bat er sie, in aller Eile nach Orleans zu kommen, wo er sich mit Durchgangspässen für sie einzufinden hoffte. Der Kammerdiener, ein alter Soldat, sollte Julie von Tours nach Orleans geleiten. Victor hielt diesen Weg noch für frei.

»Gnädige Frau haben keinen Augenblick zu verlieren,« sagte der Kammerdiener, »die Preußen, Österreicher und Engländer wollen in Blois oder in Orleans zueinander stoßen.«

In ein paar Stunden war die junge Frau bereit und reiste in einem alten Reisewagen ab, den die Tante ihr borgte.

»Warum wollen Sie nicht mit uns nach Paris kommen?« fragte sie, die Marquise umarmend. »Wo nun die Bourbonen wieder auf den Thron kommen, würden Sie dort …«

»Ich würde auch ohne diese unerwartete Rückkehr des Königshauses hingekommen sein, meine arme Kleine, denn Sie bedürfen meines Ratschlags zu notwendig, Sie sowohl, als auch Victor. Ich werde also alle Vorkehrungen treffen, um Sie dort aufzusuchen.«

Julie nahm Abschied. Ihre Kammerzofe begleitete sie, und der alte Soldat ritt neben dem Wagen her, über seiner Herrin Sicherheit wachend. Als sie des Nachts auf einer Poststation vor Blois anlangten, sah Julie zum erstenmal zum Schlag heraus. Es beunruhigte sie, daß ein Gefährt hinter dem ihren herkam und es von Amboise her nicht verlassen hatte. Nun wollte sie sehen, wer ihre Reisegefährten seien. Beim Mondlicht erkannte sie Arthur, er stand drei Schritte vor ihr, die Augen auf ihren Wagen geheftet. Ihre Blicke begegneten sich.

Die Komtesse warf sich rasch in die Tiefe der Kalesche zurück – sie zitterte vor Furcht. Wie die Mehrzahl der jungen wirklich unschuldigen und unerfahrenen Frauen, erschien es ihr schon als Fehltritt, unabsichtlich bei einem jungen Manne Liebe erweckt zu haben. Sie empfand ein unwillkürliches Entsetzen, das ihr vielleicht das Bewußtsein ihrer Schwäche gegenüber einer so kühnen Annäherung einflößte.

Eine der stärksten Waffen des Mannes ist diese furchtbare Macht, sich der von Natur regen Phantasie einer Frau, die über eine solche Verfolgung erschrickt oder sich beleidigt fühlt, immer wieder aufzudringen. Die Komtesse erinnerte sich des Rates, den die Tante ihr gegeben hatte, und beschloß, während der ganzen Reise in ihrem Reisewagen zu bleiben und nicht ein einziges Mal herauszukommen. Aber auf jeder Station hörte sie den Engländer um die beiden Wagen herumgehen. Und auf dem Wege hallte ihr das unwillkommene Geräusch seines Gespanns unaufhörlich in den Ohren. Die junge Frau dachte, Victor, bei dem sie ja nun bald sein würde, werde schon ein Mittel wissen, sie gegen diese sonderbare Verfolgung zu schützen.

»Aber wenn mich dieser junge Mann nun nicht liebt?«

Diese Betrachtung war die letzte von allen, die sie anstellte. Als sie nach Orleans kam, wurde ihre Postkutsche von den Preußen angehalten, auf den Hof einer Herberge gebracht und dort von Soldaten bewacht. Widerstand war unmöglich. Die Fremden gaben den drei Reisenden durch gebieterische Gebärden zu verstehen, sie hätten Befehl, niemand aus dem Wagen herauszulassen.

Die Komtesse blieb unter Tränen fast zwei Stunden lang die Gefangene dieser Soldaten, die rauchten, lachten und sie manchmal mit frecher Neugierde betrachteten. Aber endlich sah sie sie mit Respekt von dem Wagen wegtreten, und hörte das Trappeln mehrerer Pferde. Bald umringte eine Schar höherer ausländischer Offiziere, an deren Spitze sich ein österreichischer General befand, die Kalesche.

»Gnädige Frau,« sagte der General zu ihr, »entschuldigen Sie. Es hat ein Versehen stattgefunden – Sie können Ihre Reise ohne Furcht fortsetzen, und hier haben Sie einen Paß, der Ihnen weiterhin jede Unannehmlichkeit ersparen wird.«

Die Komtesse nahm das Papier zitternd entgegen und stammelte ein paar undeutliche Worte. Sie sah neben dem General, und in der Kleidung eines englischen Offiziers, Arthur stehen, dem sie ohne Zweifel ihre rasche Befreiung verdankte. Zugleich freudig und betrübt, sah der junge Engländer zur Seite und wagte nicht einmal heimlich nach Julie hinzuschauen. – Dank dem Paß, gelangte Frau d'Aiglemont ohne weiteres verdrießliches Abenteuer nach Paris. Sie traf hier ihren Gatten, der, von seinem Treueid gegen den Kaiser entbunden, beim Grafen d'Artois, dem von seinem Bruder Ludwig XVIII. ernannten Generalleutnant des Königreichs, schmeichelhafteste Aufnahme gefunden hatte.

Victor wurde in der königlichen Garde zum Range eines Generals befördert. Inmitten der Festlichkeiten, mit denen man die Rückkehr der Bourbonen feierte, wurde die arme Julie von einem recht großen Unglück betroffen, das nicht ohne Einfluß auf ihr Leben bleiben konnte: sie verlor die Marquise de Listomere-Landon. Die alte Dame starb, als sie den Herzog von Angoulème in Tours wiedersah, vor Freude und an einem ins Herz zurückgetretenen Tropfen Blutes. So war denn die Frau tot, der ihr Alter das Recht gegeben hätte, Victor aufzuklären, die einzige, die durch triftige Ratschläge eine völlige Harmonie zwischen Mann und Frau hätte herstellen können. Sie war tot, und Julie fühlte die ganze Tragweite dieses Verlusts. Nun war sie wieder allein und ohne Vermittlerin zwischen sich und dem Gatten. Aber jung und schüchtern, wie sie war, mußte sie im Anfang lieber dulden als klagen. Eben die Vollkommenheit ihres Charakters ließ es nicht zu, daß sie sich dem entzöge, was sie für ihre Pflicht hielt, oder nach der Ursache ihrer Schmerzen forschte. Denn diesen ein Ende zu machen, wäre eine zu heikle Sache gewesen; Julie hätte gefürchtet, ihre jungfräuliche Scham zu verletzen.

Ein Wort über die Schicksale des Herrn d'Aiglemont während der Restauration!

Trifft man nicht viele Menschen, deren völlige Nichtigkeit allen Leuten, die sie kennen, ein Geheimnis bleibt? Ein hoher Rang, eine vornehme Geburt, wichtige Ämter, ein gewisser Firnis von Höflichkeit, eine große Zurückhaltung im Benehmen oder das Blendwerk des Vermögens – das sind für sie sozusagen Schutzwälle, die es der Kritik verwehren, bis in ihr intimes Leben einzudringen. Diese Leute gleichen den Königen, deren wahre Gestalt, Charakter und Sitten niemals genau bekannt sind oder richtig beurteilt werden, weil sie entweder aus zu großer Ferne oder aus zu großer Nähe gesehen werden. Diese Personen, deren Verdienst »gemacht« ist, fragen, statt zu sprechen, besitzen die Kunst, die andern in Szene zu setzen, und vermeiden es so, selbst vor sie treten zu müssen; dann ziehen sie mit glücklichem Geschick jeden am Fädchen seiner Leidenschaften oder Interessen und spielen auf diese Weise mit Menschen, die ihnen in Wahrheit überlegen sind, machen sie zu Marionetten und halten sie für klein, weil es ihnen gelungen ist, sie bis zu sich herabzuziehen. Sie gelangen dann zu dem ganz natürlichen Triumph des beschränkten, aber beharrlichen Kopfes über die Rastlosigkeit bedeutender Köpfe. Um diese leeren Köpfe zu beurteilen und ihren negativen Wert abzuwägen, muß daher der Beobachter einen mehr feinen, als überlegenen Geist besitzen, mehr Geduld als Weite des Blickes, mehr Feingefühl und Takt als Bildung und Größe der Ideen. So viel Geschicklichkeit diese Usurpatoren auch entfalten, ihre schwachen Seiten zu verbergen, so ist es ihnen doch sehr schwer, ihre Frauen, Mütter, Kinder oder den Freund des Hauses zu täuschen; aber diese Personen bewahren fast immer das Geheimnis eines Gegenstandes, der gewissermaßen die gemeinsame Ehre angeht, ja sie helfen ihnen oft noch, die Welt zu täuschen. Wenn dank solcher häuslichen Verschwörung viele Nullen für höhere Menschen gelten, so machen sie die Zahl der höhern Menschen wett, die für Nullen gelten, so daß der Gesellschaftsstaat immer die gleiche Menge scheinbarer Kapazitäten hat.

Man denke sich nun, welche Rolle eine Frau von Geist und Gefühl neben einem Manne dieses Schlages spielen muß. Man wird erkennen, daß das ein Leben voll des Schmerzes und der Aufopferung ist, für die gewisse Herzen voll Liebe und Zartgefühl nichts hienieden schadlos halten kann. Wenn eine starke Frau sich in so schrecklicher Lage befindet, so entreißt sie sich ihr durch ein Verbrechen, wie es Katharina II. tat, die trotzdem die »Große« genannt wird. Aber nicht alle Frauen sitzen auf einem Throne, und so verzehren die meisten sich in häuslichem Unglück, das, wenn es auch im Verborgenen bleibt, doch nicht minder schrecklich ist. Diejenigen, die hienieden unmittelbaren Trost für ihre Leiden suchen, tauschen, wenn sie ihren Pflichten treu bleiben wollen, eben doch nur andere Schmerzen dagegen ein, oder wenn sie die Gesetze zugunsten ihres Vergnügens verletzen, so begehen sie Fehltritte.

Diese Betrachtungen sind sämtlich auf das geheime Leben Juliens anwendbar. So lange Napoleon auf der Höhe war, war der Graf d'Aiglemont ein Oberst wie viele andere, ein guter Ordonnanzoffizier, der eine gefährliche Sendung ausgezeichnet erfüllen konnte, aber unfähig war, ein Kommando von einiger Wichtigkeit zu übernehmen. Er erregte keinerlei Neid, und galt für einen der Tapferen, denen der Kaiser seine Gunst schenkte. Er war das, was man beim Militär schlechtweg »eine gute Haut« nennt.

Bei der Restauration, die ihm den Titel des Marquis zurückgab, zeigte er sich nicht undankbar; er ging mit den Bourbonen nach Gand. Diese Handlungsweise voll Konsequenz schien das Horoskop Lügen zu strafen, das einstmals sein Schwiegervater gestellt hatte, als er sagte, Victor werde nicht über den Oberst hinauskommen. Bei der zweiten Rückkehr wurde er zum Generalleutnant befördert und wieder zum Marquis erhoben und verfolgte nun das ehrgeizige Ziel, die Pairswürde zu erlangen. Er hielt sich zu den Grundsätzen und der Politik der Konservativen, umhüllte sich mit einer Verstellung, hinter der nichts steckte, wurde ernst, bedächtig, wortkarg und galt für einen tiefen Geist. Er beschränkte sich beständig auf die Formen der Höflichkeit, verschanzte sich hinter feststehenden Formeln, ging bald sparsam, bald verschwenderisch mit den fertigen Phrasen um, die in Paris regelmäßig geprägt wurden, um in kleiner Münze den Dummköpfen die Bedeutung großer Ideen oder Ereignisse zu übermitteln, und so hielt die Gesellschaft ihn für einen Mann von Geschmack und Wissen.

Starr auf seine aristokratischen Ansichten versessen, hatte er den Ruf eines schönen Charakters. Wenn er zufällig einmal wieder sorglos und flott wurde, wie er es einst gewesen war, so legten die andern der Bedeutungslosigkeit und Nichtigkeit seiner Worte einen verborgenen diplomatischen Sinn bei.

»O, er sagt bloß nicht, was er sagen will,« dachten die sehr ehrbaren Leute.

Seine Tugenden kamen ihm ebenso zustatten wie seine Fehler. Seine Tapferkeit brachte ihm einen hohen Ruf als Soldat ein, der auch durch nichts Lügen gestraft wurde, weil er nie selbständig kommandiert hatte. Sein männliches, edles Gesicht ließ große Gedanken vermuten, und seine Physiognomie hatte für niemand, außer seiner Frau, etwas Hohles. Indem Marquis d'Aiglemont alle Welt seine unechten Talente loben hörte, glaubte er schließlich selbst daran, daß er einer der hervorragendsten Männer bei Hofe sei, wo er dank seinem Äußeren zu gefallen wußte und niemand seine verschiedenen Vorzüge bestritt.

Trotzdem war Herr d'Aiglemont zu Hause bescheiden. Er fühlte instinktiv die Überlegenheit seiner Frau, so jung sie auch war; und aus diesem unwillkürlichen Respekt erwuchs eine geheime Macht, zu der die Marquise wider den eigenen Willen gelangte, so sehr sie sich auch sträubte, die Bürde auf sich zu nehmen. Als Ratgeberin ihres Mannes lenkte sie dessen Handlungen und verwaltete das Vermögen. Dieser fast widernatürliche Einfluß wurde für sie zu einer Art Demütigung und brachte viele Schmerzen mit sich, die sie in ihrem Herzen begrub. Zuerst sagte sie sich in ihrem echt weiblichen Instinkt, es sei weit schöner, einem talentvollen Manne sich unterzuordnen, als einen Tropf zu regieren, und eine junge Frau, die wie ein Mann denken und handeln müsse, sei weder Frau noch Mann, bliebe wohl frei von den Mißständen des Weibes, sage dabei aber doch allen Freuden ihres Geschlechtes ab. Und bei dem allem erreiche sie doch keines der Vorrechte, das unsere Gesetze dem stärkeren Geschlecht einräumen.

Hinter ihrem Leben verbarg sich ein recht bitterer Hohn. Mußte sie nicht zu einem hohlen Götzen beten, ihren Protektor protegieren, einen armseligen Menschen, der ihr zum Lohn für beständige Aufopferung die egoistische Liebe der Ehemänner zuwarf, in ihr nichts als das Weib sah. Entweder aus Unwissen oder aus Gleichgültigkeit beging er das tiefe Unrecht, daß er sich weder darum kümmerte, was ihr Freude mache, noch sich darum sorgte, weshalb sie immer so traurig sei und so auffallend abnehme.

Wie die meisten Ehemänner, die das Joch eines überlegenen Geistes verspüren, schloß der Marquis, um seine Eigenliebe zu retten, aus Juliens physischer Schwäche auch auf moralische Schwäche, und klagte gern das Geschick an, das ihm ein kränkliches Mädchen zur Frau gegeben hätte. Kurz, er stellte sich als das Opfer hin, während er doch der Henker war.

Die Marquise, auf der alles Elend dieses tristen Daseins lastete, mußte ihren blöden Gebieter noch anlächeln, noch mit Blumen ein Trauerhaus ausschmücken und vor einem von geheimem Jammer blassen Gesicht die Maske des Glücks tragen. Diese Verantwortlichkeit für die Ehre des Hauses bei großartiger Selbstverleugnung verlieh der jungen Marquise unmerklich eine frauliche Würde, ein Bewußtsein der Tugend, die ihr zum Schutzwall gegen die Gefahren der Welt dienten. Und wenn wir dieses Herz bis auf den Grund erforschen wollen, so hatte vielleicht das tiefinnere, verborgene Unglück, mit dem ihre erste, ihre naive Jungmädchenliebe endete, ihr Abscheu vor der Leidenschaft eingeflößt; vielleicht begriff sie nie den hinreißenden Trieb, noch die verbotenen, doch berauschenden Freuden, über die gewisse Frauen die Gesetze der Klugheit vergessen, auf denen die Gesellschaft beruht.

Sie verzichtete wie auf einen Traum auf die sanften Freuden, auf die zarte Harmonie, die Madame de Listomere-Landon in ihrer langjährigen Erfahrung ihr verheißen hatte; sie wartete mit Ergebung auf das Ende ihrer Schmerzen, indem sie jung zu sterben hoffte. Seit ihrer Rückkehr aus der Touraine war ihre Gesundheit täglich schwächer geworden, und das Leben schien ihr nur noch durch das Leiden zugemessen zu sein – ein vornehmes Leiden übrigens, eine dem Anschein nach fast wonnevolle Krankheit, die in den Augen oberflächlicher Menschen für die Grille eines Hausdämchens gelten konnte.

Die Ärzte hatten die Marquise dazu verurteilt, auf einem Diwan zu liegen, wo sie sich mit Blumen umgab und nun dahinsiechte wie diese. Ihre Schwäche verbot ihr das Gehen und den Aufenthalt in frischer Luft; sie fuhr nur noch im geschlossenen Wagen aus. Beständig umgeben von allen Wundern unsers Luxus und unserer modernen Industrie, glich sie weniger einer Kranken als einer blasierten Königin. Einige Freunde, die ihre Krankheit und Schwäche entzückend fanden und vielleicht auch bestimmt darauf rechneten, daß sie in Zukunft wieder ganz gesund würde, besuchten sie, denn sie waren ja immer sicher, sie zu Hause zu treffen, brachten ihr alle Neuigkeiten und unterrichteten sie über die tausend kleinen Ereignisse, die das Leben in Paris so abwechslungsreich machen.

Ihre Melancholie war ernst und tief, aber es war die Melancholie des Überflusses. Die Marquise d'Aiglemont glich einer schönen Blume, deren Wurzel von einem schwarzen Insekt angefressen ist. Sie ging bisweilen in Gesellschaften, nicht aus Geschmack daran, sondern um den Forderungen der Stellung zu genügen, nach der ihr Mann strebte. Ihre Stimme und die Vollendung ihres Gesangs trugen ihr den Beifall ein, der fast immer einer jungen Frau schmeichelt. Aber was nützten ihr Erfolge, die weder mit ihrem Empfinden noch mit ihrem Hoffen etwas zu tun hatten? Ihr Mann machte sich nichts aus Musik. Zuletzt fühlte sie sich stets befangen in den Salons, wo ihre Schönheit ihr Huldigungen einbrachte. Ihre Situation erregte dort eine Art grausamen Mitleids, eine kalte Neugierde.

Sie war von einem Fieber befallen, das fast regelmäßig mit dem Tode endet – ein Leiden, von dem die Frauen untereinander nur flüsternd sprechen, und für die unsere Neologie noch keinen Namen hat finden können. Trotz des Schweigens, in dessen Mitte sich ihr Dasein vollzog, war die Ursache ihres Leidens für niemand ein Geheimnis. Trotz der Ehe, noch immer ein junges Mädchen, erfüllten die geringsten Blicke sie mit Scham. Um nicht erröten zu müssen, erschien sie daher stets fröhlich und lachend; sie erkünstelte eine falsche Freude, erklärte immer, sie befände sich sehr wohl oder kam den Fragen nach ihrer Gesundheit mit schamhaften Lügen zuvor.

Inzwischen trug 1817 ein Ereignis viel dazu bei, den beklagenswerten Zustand zu ändern, in dem Julie bisher sich befunden hatte. Sie bekam eine Tochter und wollte selbst stillen. Zwei Jahre lang war bei den lebhaften Zerstreuungen und unruhevollen Freuden, die die Sorgen einer Mutter mit sich bringen, ihr Leben weniger unglücklich.

Sie mußte sich nun von ihrem Manne fernhalten. Die Ärzte prophezeiten eine Besserung; aber die Marquise glaubte nicht an diese auf Vermutungen gegründeten Weissagungen. Wie alle Leute, für die das Leben keine Freude mehr hat, erblickte sie vielleicht im Tode eine glückliche Erlösung.

Im Anfang des Jahres 1819 war das Leben für sie grausamer als je zuvor. In dem Augenblick, wo sie sich des negativen Glücks erfreute, das sie zu erringen gewußt hatte, sah sie furchtbare Abgründe vor sich: ihr Mann hatte sich allmählich ihrer entwöhnt. Dieses Erkalten einer schon so lauen und ganz egoistischen Liebe konnte mehr Unglück herbeiführen, als sie bei allem feinen Takt und aller Klugheit voraussehen konnte. Obwohl sie sicher war, eine große Herrschaft über Victor zu behalten und seine Achtung für immer zu besitzen, fürchtete sie den Einfluß der Leidenschaften auf einen so unbedeutenden, so lächerlich unüberlegten Mann. Oft überraschten ihre Freunde sie bei lang anhaltendem Grübeln; die weniger Tiefblickenden fragten sie scherzend nach dem Geheimnis ihrer Gedanken, als wenn eine junge Frau an nichts anderes als an Frivolitäten denken könnte, als wenn nicht fast immer ein tiefer Sinn in den Gedanken einer Hausmutter läge.

Übrigens führt uns das Unglück, wie das wahre Glück, immer zu Träumereien. Manchmal spielte Julie mit ihrer Helene, betrachtete sie mit finsterm Blick und antwortete plötzlich nicht mehr auf die kindlichen Fragen, die den Müttern so viel Vergnügen machen. Sie sann dann über ihr Schicksal in Gegenwart und Zukunft nach. Ihre Augen wurden naß von Tränen, wenn ein plötzliches Erinnern ihr das Bild jener Parade in den Tuilerien wieder vorzauberte. Die prophetischen Worte ihres Vaters klangen ihr abermals in den Ohren, und ihr Gewissen tadelte sie, deren Weisheit verkannt zu haben.

Aus diesem törichten Ungehorsam entsprang all ihr Unglück; und oft wußte sie nicht, welches unter ihren Leiden am schwersten zu ertragen sei. Nicht nur blieben die süßen Schätze ihrer Seele ungehoben, nein, sie konnte selbst in den gewöhnlichsten Dingen des Lebens zu keinem Einverständnis mit ihrem Gatten gelangen.

In dem Augenblick, wo die Fähigkeit zu lieben in ihr erstarkte und sich wärmer regte, erlosch die gesetzliche, die eheliche Liebe unter schweren Leiden physischer und moralischer Art. Sie hegte nur für ihren Mann jenes an Verachtung grenzende Mitleid, das auf die Dauer alle Gefühle vernichtet. Wenn nicht schon ihre Gespräche mit den Freunden, die Beispiele oder gewisse Abenteuer der vornehmen Gesellschaft sie darüber belehrt hätten, daß die Liebe auch großes Glück bescheren könne, so würden ihre Wunden ihr schließlich eine Ahnung von den tiefen, reinen Wonnen eingeflößt haben, die ein Band zwischen brüderlichen Seelen bilden müssen.

In dem Bilde, das ihre Erinnerung ihr von der Vergangenheit entwarf, zeichnete sich das lautere Gesicht Arthurs mit jedem Tage reiner und schöner ab; doch betrachtete sie es stets nur flüchtig, denn sie wagte nicht, bei dieser Erinnerung zu verweilen. Die schweigsame, schüchterne Liebe des jungen Engländers war das einzige Ereignis, das seit der Verheiratung eine sanfte Spur in diesem düstern, einsamen Herzen zurückgelassen hatte.

Vielleicht richteten sich alle getäuschten Hoffnungen, alle fehlgeschlagenen Wünsche, die allmählich Juliens Geist verdüstert hatten, durch ein natürliches Spiel der Phantasie auf diesen Mann, dessen Manieren, Gefühl und Art anscheinend eine so große Übereinstimmung mit ihrem Wesen aufwiesen. Aber dieser Gedanke hatte immer den Charakter einer Laune, eines Traumes. Nach einem solchen haltlosen Sinnen, das immer in Seufzern seinen Abschluß fand, erwachte Julie noch unglücklicher und empfand nur noch tiefer ihre verborgenen Schmerzen, nachdem sie sie unter den Fittichen eines Glückes eingeschläfert hatte, das die Phantasie ihr vorgegaukelt.

Manchmal nahmen ihre Klagen einen törichten, tollkühnen Charakter an; sie verlangte Vergnügungen um jeden Preis. Aber noch öfter verharrte sie in einer unsagbaren stumpfsinnigen Betäubung, hörte zu, ohne zu verstehen, oder spann so unklare, unbestimmte Gedanken, daß sie sie in Worten nicht hätte ausdrücken können.

In ihrem intimsten Wollen, in den Gewohnheiten, die sie einstmals als junges Mädchen sich erträumt hatte, so tief verwundet, mußte sie nun ihre Tränen in sich hinein weinen. Wem hätte sie ihr Leid klagen sollen? Von wem konnte sie verstanden werden? Und dann besaß sie ja auch jenes äußerste Zartgefühl des Weibes, jene liebliche Schamhaftigkeit des Gefühls, die darin besteht, keine unnütze Klage laut werden zu lassen, den Vorteil unbenutzt zu lassen, sobald der Sieg den Sieger ebenso erniedrigen müßte wie den Besiegten.

Julie suchte Herrn d'Aiglemont ihre Fähigkeit, die ihr eigenen Tugenden zu verleihen und rühmte sich gegen die Welt eines Glückes, das ihr doch nicht beschieden war.

All ihr weibliches Feingefühl wurde vollständig umsonst aufgeboten, eine Rücksicht zu nehmen, die ihr Mann ja doch nicht beachtete, indem er sich im Gegenteil dadurch in seinem Egoismus bestärkt fühlte. Bisweilen war sie nahe daran, vor Unglück den Verband zu verlieren; aber zum Glück führte eine echte Frommheit sie immer wieder zu einer äußersten Hoffnung: sie nahm Zuflucht zu dem zukünftigen Leben – eine bewundernswerte Glaubenskraft ließ sie von neuem ihre schmerzliche Bürde auf sich nehmen.

Diese furchtbaren Kämpfe, diese innere Zerrissenheit blieben ohne Ruhm, ihre langen Stunden der Schwermut blieben unbekannt; keine Menschenseele fing ihre matten Blicke, ihre bitteren Tränen auf – dem Zufall hingegeben, erloschen sie in der Einsamkeit.

Die Gefahren der kritischen Lage, zu der die Marquise unmerklich durch die Kraft der Verhältnisse gelangt war, enthüllten sich ihr in vollem Ernst erst an einem Abend im Januar 1820.

Wenn zwei Eheleute sich ganz genau kennen und sich seit langem aneinander gewöhnt haben, wenn eine Frau die geringsten Gebärden eines Mannes zu deuten weiß und Gefühle oder Dinge, die er ihr verbirgt, durchschauen kann, dann geht ihr oft nach vorhergehenden Betrachtungen oder Bemerkungen, die zufällig und ursprünglich auch ohne jeden Belang gemacht werden, ganz plötzlich ein Licht auf, und oftmals erwacht eine Frau mit einem Male am Rande oder am Boden eines Abgrunds.

So erriet die Marquise, die sich seit zwei Tagen freute, allein zu sein, ganz plötzlich das Geheimnis ihres Alleinseins. Ob aus Untreue oder aus Überdruß, ob aus Edelsinn oder Mitleid mit ihr – ihr Gatte gehörte ihr nicht mehr. In diesem Augenblick dachte sie nicht mehr an sich, noch an ihre Leiden und Opfer; sie war nur noch Mutter, und ihr Augenmerk galt der Zukunft, dem Glück ihrer Tochter, des einzigen Wesens, von dem ihr noch ein wenig Glückseligkeit kam – ihrer Helene, des einzigen Guts, das sie noch ans Leben fesselte.

Jetzt wollte Julie nicht sterben – sie wollte ihr Kind vor dem entsetzlichen Joch bewahren, unter dem eine Stiefmutter das Leben dieses teueren Wesens erdrücken konnte. Bei dieser neuen Voraussicht eines finstern Geschicks verfiel sie in eine jener glühenden Grübeleien, die ganze Jahre verzehren. Zwischen ihr und ihrem Gatten mußte hinfort eine ganze Welt von Gedanken liegen, deren Last auf sie allein fallen würde. Bisher war sie gewiß gewesen, von Victor geliebt zu sein, soweit er der Liebe fähig war, und sie hatte sich einem Glücke hingegeben, das sie selbst nicht teilte. Aber jetzt hatte sie nicht mehr die Genugtuung, zu wissen daß ihre Tränen ihren Mann noch immer rühren würden – jetzt stand sie allein in der Welt, und es blieb ihr keine Wahl als das Unglück.

In der Stille und dem Schweigen des Abends erlahmte alle ihre Kraft, aller Mut brach nieder, und in dem Augenblick, wo sie ihren Diwan und ihr fast erloschenes Feuer verließ, um zu ihrer Tochter zu gehen und beim Scheine einer Lampe mit trockenen Augen das Kind anzusehen, kehrte Herr d'Aiglemont in fröhlichster Stimmung heim. Julie bewog ihn, mit ihr zusammen die schlafende Helene zu bewundern, aber er fertigte die Begeisterung seiner Frau mit einer banalen Phrase ab.

»In diesem Alter,« sagte er, »sind alle Kinder niedlich.«

Nachdem er seiner Tochter einen flüchtigen Kuß auf die Stirn gegeben, ließ er die Vorhänge der Wiege herab, sah Julie an, nahm sie bei der Hand und führte sie zu dem Diwan, wo eben noch so viele unheilvolle Gedanken sie bestürmt hatten.

»Sie sind sehr schön heute abend, Madame d'Aiglemont!« rief er mit der unerträglichen Heiterkeit, deren Leere der Marquise so wohlbekannt war.

»Wo haben Sie den Abend verbracht?« fragte sie, tiefe Gleichgültigkeit erkünstelnd.

»Bei Madame de Sérizy.«

Er hatte einen Lichtschirm vom Kamin genommen und betrachtete aufmerksam das Transparent. Die Spur der Tränen, die seine Frau vergossen, hatte er nicht bemerkt. Julie zitterte. Die Sprache reichte nicht hin, den Strom von Gedanken in Worte zu fassen, der aus ihrem Herzen hervorbrechen wollte und den sie dort zurückhalten mußte.

»Madame de Sérizy gibt nächsten Montag ein Konzert und kommt um vor Sehnsucht, dich dabei zu haben. Du hast dich seit langem nicht in Gesellschaften sehen lassen, das ist für sie Grund genug, dich dringend einzuladen. Es ist ein ganz nettes Weib – und hat dich sehr lieb. Tu mir den Gefallen und komm mit. Ich habe so gut wie zugesagt für dich …«

»Ich werde mitkommen,« antwortete Julie.

Der Ton der Stimme, die Betonung und der Blick der Marquise hatten etwas so Eindringliches, so Merkwürdiges, daß Victor bei all seiner Oberflächlichkeit seine Frau erstaunt ansah. Das war alles. Julie hatte erraten, Madame de Sérizy sei die Frau, die ihr das Herz ihres Mannes entwendete.

Sie versank in eine Träumerei der Verzweiflung und schien angelegentlich das Feuer zu betrachten. Victor drehte den Lichtschirm in den Fingern, mit der gelangweilten Miene eines Mannes, der anderswo glücklich gewesen ist und die Abspannung nach genossener Wonne mit sich bringt. Als er mehrmals gegähnt hatte, nahm er eine Kerze in die eine Hand, mit der andern suchte er nachlässig den Hals seiner Frau und wollte sie umarmen. Aber Julie bückte sich, bot ihm die Stirn und empfing den Abendkuß, diesen mechanischen, liebelosen Kuß – ein Stück Komödie, das ihr jetzt widerwärtig erschien.

Als Victor die Tür geschlossen hatte, sank die Marquise auf einen Sessel; die Beine versagten ihr den Dienst, sie zerfloß in Tränen. Man muß den Jammer eines ähnlichen Auftritts erlitten haben, um allen Schmerz zu begreifen, den diese Szene in sich schloß, um die langen, furchtbaren Katastrophen zu erraten, zu denen sie führen kann. Die simplen, nichtssagenden Worte, das Schweigen zwischen dem Ehepaar, die Gebärden, die Blicke, die Art, wie der Marquis sich vor das Feuer setzte, alles das hatte dazu gedient, diese Stunde zu einer tragischen Lösung des einsamen, schmerzvollen Lebens zu machen, das Julie führte.

In ihrem Wahnsinn warf sie sich vor dem Diwan auf die Knie, vergrub das Gesicht, um nichts zu sehen, und betete zum Himmel. Den gewohnten Worten ihrer Andacht verlieh sie einen eigenen Ton, eine neue Bedeutung, die ihrem Gatten das Herz zerrissen hätten, wenn er es hätte hören können.

Acht Tage lang sann sie über ihr Schicksal nach, ihrem Unglück preisgegeben. Sie faßte es von allen Seiten ins Auge und suchte nach Mitteln und Wegen, um nicht ihr eigenes Herz belügen zu müssen, die Herrschaft über den Marquis wiederzugewinnen und so lange zu leben, bis das Glück ihrer Tochter gesichert war. Sie beschloß nun, mit ihrer Nebenbuhlerin zu kämpfen, sich wieder in der Gesellschaft zu zeigen, dort zu glänzen und, nur um den Gatten für sich zu gewinnen, ihm eine Liebe vorzuheucheln, die sie doch eben nicht empfinden konnte. Und hatte sie mit ihren Künsten ihn ihrer Macht unterworfen, so wollte sie kokett zu ihm sein, wie es die kapriziösen Mätressen sind, die sich ein Vergnügen daraus machen, ihre Verehrer auf die Folter zu spannen.

Diese häßliche Handlungsweise war das einzige Mittel, das ihr in ihrem Leid noch zur Verfügung stand. So würde sie vielleicht Herrin ihres Kummers werden, nach ihrem Gefallen über ihren Schmerz gebieten können, ihn auf seltenere Anfälle einschränken – die Unterjochung des Mannes, der Triumph, ihn zum Sklaven eines furchtbaren Despotismus gemacht zu haben, würde ihr dazu verhelfen. Sie machte sich kein Gewissen daraus, ihm ein Leben aufzuzwingen, das ihm manchmal lästig werden müßte. Mit einem Sprunge stürzte sie sich in die kalten Berechnungen der Gleichgültigkeit, um ihre Tochter zu retten, sie ersann sich auf der Stelle alle Hinterlisten, alle Lügen der Geschöpfe, die nicht lieben, das Trugwerk der Koketterie und die grausame Tücke, um deren willen die Männer das Weib so gründlich hassen, bei dem sie dann angeborene Verderbnis vermuten.

Unbewußt machten ihre weibliche Eitelkeit, ihr Vorteil und ein geheimer Wunsch nach Rache gemeinsame Sache mit ihrer Mutterliebe, um sie auf eine Bahn zu locken, wo nur neue Schmerzen ihrer harrten. Sie hatte eine zu schöne Seele, einen zu harten Geist, und vor allem zu viel Offenheit, um sich lange eines solchen Betrugs schuldig zu machen. Sie war gewohnt, beim ersten Schritt in das Laster – denn dies war Laster – in ihrer Seele zu lesen, und so mußte der Schrei ihres Gewissens die Stimme der Leidenschaft und des Egoismus übertönen.

In der Tat, bei einer jungen Frau, deren Herz noch rein ist, und bei der die Liebe jungfräulich geblieben, ist selbst das Gefühl der Mutterschaft der Stimme der Scham unterworfen. Ist nicht die Scham das ganze Weib? Aber Julie wollte noch keine Gefahr, noch keinen Fehler in dem neuen Leben erblicken.

Sie ging zu Madame de Sérizy. Ihre Nebenbuhlerin erwartete, eine bleiche, schmachtende Frau zu sehen; die Marquise hatte Rot aufgelegt und zeigte sich in allem Glanze eines Schmuckes, der ihre Schönheit in das vorteilhafteste Licht setzte.

Gräfin de Sérizy zählte zu jenen Frauen, die sich in Paris eine gewisse Herrschaft über Mode und Gesellschaft anmaßen. Ihr Urteilsspruch hatte in dem Kreise, wo sie regierte, nach ihrer eigenen Meinung allgemeine Geltung; sie hatte die Kühnheit, Worte zu prägen; sie war unumschränkte Richterin. Literatur, Politik, Männer und Frauen, alles unterlag ihrer Kritik; und das Urteil anderer schien Frau Sérizy nicht zu beachten. Ihr Haus war in allen Punkten ein Muster guten Geschmacks.

In diesen von eleganten, schönen Frauen überfüllten Salons triumphierte nun Julie über die Komtesse. Geistreich, lebhaft, mutwillig, hatte sie die hervorragendsten Männer des Abends um sich versammelt. Zum größten Verdruß der Frauen war dabei ihre Toilette ganz untadelhaft, und alle beneideten sie um einen Rockschnitt, um eine Taillenform, deren Wirkung man allgemein dem Genie einer unbekannten Schneiderin zuschrieb, denn die Frauen glauben immer lieber an die Kunst und Wissenschaft einer Schneiderin als an die Anmut und Vollkommenheit derer, die so gebaut sind, daß sie das Werk dieser Schneiderin nun auch gut tragen können.

Als Julie sich erhob, um am Piano die Romanze der Desdemona zu singen, liefen die Männer aus allen Salons herbei, um diese berühmte Stimme zu hören, die so lange nicht erklungen, und ein tiefes Schweigen trat ein. Die Marquise fühlte sich heftig beklommen, als sie die Köpfe an den Türen sich drängen und alle Blicke auf sich geheftet sah. Sie suchte mit den Augen ihren Mann, warf ihm einen koketten Blick zu und sah mit Vergnügen, daß er sich in diesem Moment in seiner Eigenliebe sehr geschmeichelt fühlte.

Glücklich über diesen Triumph, entzückte sie in dem ersten Teile des »Al piu salice« die ganze Versammlung. Noch nie hatte die Malibran oder die Pasta einen Gesang hören lassen von solcher Vollendung des Gefühls und der Betonung. Aber als sie fortfahren wollte, sah sie sich unter den Gruppen um und erblickte Arthur, dessen unverwandter Blick sie nicht verließ. Da zitterte sie heftig, und ihre Stimme schlug um. Madame de Sérizy eilte von ihrem Platz auf die Marquise zu.

»Was haben Sie, meine Teure? O, arme Kleine, sie ist leidend! Ich hatte gleich meine Befürchtungen, als sie sich daran wagte – es mußte ja ihre Kräfte übersteigen.«

Die Romanze wurde unterbrochen. Julie hatte in ihrem Verdruß nicht den Mut fortzufahren und ließ das falsche Mitleid ihrer Nebenbuhlerin über sich ergehen. Alle Frauen flüsterten untereinander, und indem sie über diesen Vorfall sprachen, errieten sie den zwischen der Marquise und Frau de Sérizy entbrannten Kampf und verschonten auch die letztere nicht mit ihrer Schmähsucht.

Die seltsamen Ahnungen, die so oft Juliens Herz erschüttert hatten, waren mit einem Schlag zur Wahrheit geworden. Wenn sie an Arthur dachte, hatte es ihr gefallen, sich vorzustellen, daß ein Mann von so sanftem Äußern seiner ersten Liebe treu geblieben sein müßte. Manchmal hatte sie sich geschmeichelt, der Gegenstand dieser schönen Leidenschaft zu sein, der reinen und wahren Leidenschaft eines jungen Mannes, dessen ganzes Denken und Dichten seiner Geliebten gehörte, der keine Winkelzüge kennt, der über Dinge errötet, über die sonst nur eine Frau errötet, der wie eine Frau denkt, ihr keine Nebenbuhlerin gibt und sich ihr überläßt, ohne nach Ehrgeiz, Ruhm oder Vermögen zu fragen.

Alles dies hatte sie aus Torheit, aus Zeitvertreib von Arthur gedacht. Nun glaubte sie plötzlich ihren Traum verwirklicht zu sehen; sie las auf dem fast weiblichen Gesicht des jungen Arthur die tiefen Gedanken, die sanfte Melancholie, die schmerzliche Ergebung, denen sie preisgegeben war. Sie erkannte sich in ihm wieder. Unglück und Schwermut sind die beredtesten Vermittler der Liebe und bringen zwei leidende Wesen mit unglaublicher Schnelligkeit in Einklang. Der innere Blick und die Art, Dinge oder Ideen in sich aufzunehmen, sind bei ihnen vollständig und zutreffend. Die Heftigkeit der Überraschung, die die Marquise erlitt, enthüllte ihr daher auch alle Gefahren der Zukunft. Sie war glücklich, in ihrem gewohnten leidenden Zustand einen Vorwand für ihre Verwirrung zu finden und ließ sich gern von dem spitzfindigen Mitleid der Frau de Sérizy überschütten.

Die Unterbrechung der Romanze war ein Ereignis, über das sich mehrere Personen auf verschiedene Weise unterhielten. Die einen beklagten Juliens Geschick und bedauerten es, daß eine so hervorragende Frau für die Gesellschaft verloren sei; die andern wollten den Grund ihres Leidens und der Einsamkeit, in der sie lebte, genau kennen.

»Nun wohl, mein teurer Ronquerolles,« sagte der Marquis zu dem Bruder der Frau de Sérizy, »du beneidest mich um mein Glück beim Anblick der Frau d'Aiglemont, und du machst mir den Vorwurf, ich sei ihr untreu? Ei, du würdest mein Schicksal sehr wenig beneidenswert finden, wenn du wie ich ein oder zwei Jahre lang neben einer hübschen Frau leben müßtest, ohne daß du es wagen dürftest, ihr die Hand zu küssen, aus Furcht, du könntest sie zerbrechen. Gib dich nie mit diesen zarten Kleinodien ab – sie sind nur gut dazu, unter Glas gestellt zu werden – sie sind so zerbrechlich und so wertvoll, daß wir uns immer in acht nehmen müssen. Führst du denn dein schönes Pferd oft aus? Man hat mir gesagt, du hast Angst, es könnte von Platzregen oder Schneefall überrascht werden. Nun, das ist dieselbe Geschichte wie bei mir. Es ist wahr, ich kann auf die Tugend meiner Frau einen Eid leisten; aber meine Ehe ist ein Luxusartikel und wenn du glaubst, ich sei verheiratet, so irrst du dich. Daher ist auch meine Untreue in gewissem Maße berechtigt. Ich möchte gerne wissen, wie ihr euch an meiner Stelle verhieltet, ihr Herren Lacher. Viele Männer würden weit weniger Federlesens mit ihrer Frau machen als ich. Ich bin überzeugt,« setzte er mit leiser Stimme hinzu, »Frau d'Aiglemont ahnt nichts; und ich wäre gewiß auch sehr im Unrecht, wenn ich mich beklagen wollte, ich bin sehr glücklich. Nur ist nichts für einen gefühlvollen Mann lästiger, als ein armes Wesen leiden zu sehen, an das man gebunden ist –«

»Du bist also sehr gefühlvoll?« antwortete Herr de Ronquerolles. »Na ja, du bist ja auch selten zu Hause.«

Dieses freundschaftliche Epigramm erweckte Lachen unter den Zuhörern. Aber Arthur blieb kalt und ruhig – er war einer von den wenigen Kavalieren, die den Ernst zur Grundlage ihres Charakters machen. Die sonderbaren Worte dieses Ehemannes riefen ohne Zweifel gewisse Hoffnungen in dem jungen Engländer wach. Er trachtete mit Ungeduld nach einem Augenblick, wo er mit Herrn d'Aiglemont allein sein könnte, und die Gelegenheit dazu bot sich bald.

»Mein Herr,« sagte er zu ihm, »ich sehe mit unendlichem Schmerz, in welchem Zustand sich die Frau Marquise befindet, und wenn Sie erfahren, daß sie eines elenden Todes sterben muß, wenn nicht eine besondere Kur angewendet wird, so denke ich, Sie werden mit dem Leiden ihrer Frau keinen Scherz treiben. Wenn ich so zu Ihnen spreche, so bin ich dazu in gewissem Sinne berechtigt, denn ich habe die Gewißheit, Frau d'Aiglemont retten und dem Leben und dem Glück zurückgeben zu können. Es ist wenig natürlich, daß ein Mann meines Ranges Arzt sei, allein der Zufall hat es so gefügt, daß ich Medizin studiert habe. Ich leide so sehr an der Langeweile,« fuhr er fort und er heuchelte einen kalten Egoismus, der seinen Zwecken dienen sollte, »und es ist mir daher eine angenehme Zerstreuung, meine Zeit und meine Reisen dem Wohle eines leidenden Wesens zu widmen. Das tu ich lieber, als blödem Zeitvertreib nachzujagen. Krankheiten dieser Art finden selten Heilung, weil sie zuviel Sorgfalt, zuviel Geduld und Muße erfordern; vor allem gehört dazu Geld, man muß reisen können und aufs peinlichste die Vorschriften befolgen, die jeden Tag anders lauten und doch nichts Unangenehmes haben. Wir sind zwei Kavaliere,« fuhr er fort, und gab diesem Worte die Bedeutung des englischen Ausdrucks »Gentlemen«, »und können uns verständigen. Ich erkläre Ihnen, daß Sie jeden Augenblick Richter meines Verhaltens sein sollen, sobald Sie meinen Vorschlag annehmen. Ich werde nichts unternehmen, ohne Sie zu Rate gezogen zu haben. Sie sollen alles überwachen, und ich bürge für den Erfolg, wenn Sie willens sind, sich nach meinen Angaben zu richten, das heißt vor allem,« flüsterte er ihm ins Ohr, »lange Zeit nicht der Gatte der Frau d'Aiglemont zu sein.«

»Das steht fest, Mylord,« sagte der Marquis lachend, »nur ein Engländer kann mir einen so bizarren Vorschlag machen. Gestatten Sie mir, ihn weder zurückzuweisen noch anzunehmen. Ich werde es mir überlegen. Vor allem muß er meiner Frau unterbreitet werden.«

In diesem Augenblick war Julie wieder am Piano erschienen. Sie sang das Lied der Semiramis: »Son regina, son guerriera.« Einmütiger Beifall – aber gedämpft, wie er eben im Viertel der vornehmen Welt gezollt wird – bekundete die Begeisterung, die sie entzündet hatte.

Als d'Aiglemont seine Frau nach Hause führte, erkannte sie, halb mit Unruhe, halb mit Freude den raschen Erfolg ihrer Versuche. Ihr Gatte, aufgerüttelt durch die Rolle, die sie gespielt hatte, machte ihr ein paar Komplimente, schlug dabei aber den Ton an, den er einer Schauspielerin gegenüber angewendet haben würde. Julie fand es spaßhaft, als tugendhafte, verheiratete Frau so behandelt zu werden; sie wollte mit ihrer Macht nur spielen, und ihre Herzensgüte ließ sie daher in diesem ersten Kampfe noch einmal unterliegen – allein es war die furchtbarste aller Lehren, die das Schicksal ihr erteilte.

Gegen zwei oder drei Uhr morgens saß Julie in düsterer, träumerischer Stimmung, aufrecht im ehelichen Bett; eine Lampe verbreitete ein ungewisses Licht in dem Zimmer, die tiefste Stille herrschte; und seit etwa einer Stunde vergoß die Marquise, der peinigendsten Reue preisgegeben, Tränen, deren Bitterkeit niemand nachfühlen kann als eine Frau vielleicht, die sich in der gleichen Lage befunden hat. Es gehört die Seele Juliens dazu, um wie sie das Entsetzen einer berechneten Liebkosung zu fühlen, um im selben Maße wie sie von einem kalten Kuß verletzt zu sein. Nach einer solchen schmerzlichen Erniedrigung war ihr Herz zu endgültiger Abtrünnigkeit gelangt – das letzte Fädchen ihrer Ehe war gerissen. Sie verachtete sich selbst, sie verwünschte die Heirat, sie wäre am liebsten tot gewesen, und wenn ihre Tochter nicht geschrien hätte, würde sie sich vielleicht zum Fenster hinaus aufs Straßenpflaster geworfen haben.

Herr d'Aiglemont schlief friedlich an ihrer Seite – die heißen Tränen, die seine Frau auf ihn fallen ließ, weckten ihn nicht auf.

Am andern Tage gelang es Julien wieder, sich fröhlich zu stellen. Sie fand die Kraft, glücklich zu erscheinen und, wenn auch nicht ihre Melancholie, so doch einen unüberwindlichen Abscheu zu verbergen. Von diesem Tage an betrachtete sie sich nicht mehr als untadelhafte Frau. Hatte sie sich nicht selbst belogen? War sie von nun an nicht der Heuchelei fähig, und konnte sie nicht später in den ehebrecherischen Handlungen einen erstaunlichen Scharfsinn entfalten? Ihre Ehe war die Ursache dieser Perversität a priori, die vorderhand noch unausgeübt blieb. Indessen hatte sie sich schon die Frage vorgelegt, warum sie sich einem Manne, der sie liebte und den sie liebte, versagen solle, da sie sich doch gegen ihr Herz und gegen die Stimme der Natur einem Ehemanne hingegeben hatte, den sie nicht mehr liebte.

Alle Fehltritte und vielleicht auch alle Verbrechen haben zur Grundlage einen schlechten Gedankengang oder ein Übermaß an Egoismus. Wenn die Gesellschaft bestehen soll, so muß jeder einzelne die individuellen Opfer bringen, die die Gesetze erfordern, das heißt, den Trieb seiner Natur dem Gesetz gemäß eindämmen. Wenn man die Vorteile der Gesellschaft mitgenießt, hat man auch die Verpflichtung, die Bedingungen innezuhalten, die die Grundfesten der Gesellschaft bilden. Die Unglücklichen, die kein Brot haben und doch das Eigentum achten müssen, sind nicht minder zu beklagen, als die Frauen, die in ihrem Sehnen und in der Zartheit ihrer Natur verletzt sind.

Einige Tage nach dieser Szene, deren Geheimnis in dem ehelichen Bett begraben blieb, stellte d'Aiglemont seiner Frau Lord Grenville vor. Julie empfing Arthur mit kalter Höflichkeit, die ihrer Verstellungskunst Ehre machte. Sie legte ihrem Herzen Schweigen auf, hängte einen Schleier vor ihren Blick, gab ihrer Stimme Festigkeit und vermochte so noch Herrin ihrer Zukunft zu bleiben. Nachdem sie durch diese Mittel, die den Frauen sozusagen angeboren sind, die ganze Tiefe der Liebe erkannt hatte, die sie eingeflößt, lächelte Frau d'Aiglemont zu der Hoffnung auf baldige Genesung, und widersetzte sich nicht mehr dem Willen ihres Mannes, der sie mit Gewalt dazu zu bewegen suchte, sich bei dem jungen Doktor in die Kur zu geben. Dennoch wollte sie sich Lord Grenville nicht eher anvertrauen, als bis sie seine Worte und Manieren genau erforscht hatte und überzeugt sein konnte, daß er den Edelmut besitzen würde, schweigend zu leiden. Sie hatte die absoluteste Macht über ihn und mißbrauchte sie bereits – doch war sie nicht Weib? – – – –

Montcontour war eine alte Burg und lag auf einem der gelblichen Felsen, an deren Fuß die Loire vorbeifließt – unweit jener Stelle, wo im Jahre 1814 Julie einmal Halt gemacht hatte. Es ist eins der kleinen Schlösser der Touraine, weiß, zierlich, mit Schnitzwerk an den Türmchen und verschnörkelt wie flandrische Spitzen – eins der prunkvollen Miniaturschlösser, die sich mit ihren Maulbeeranlagen, ihren Weinbergen, ihren Felsengängen, ihren langen, durchbrochenen Balustraden, ihren Höhlen im Gestein, ihren Mänteln von Efeu und ihren steilen Hängen im Flusse spiegeln. Die Dächer von Montcontour flimmern im Sonnenlicht – alles glänzt dort. Tausend Anklänge an Spanien erfüllen diese entzückende Behausung mit Poesie; Goldginster und Glockenblumen teilen ihren Wohlgeruch dem Winde mit; die Luft weht liebkosend, die Erde lächelt überall, und überall umhüllt süßer Zauber die Seele, stimmt sie träge, verliebt, weich und wiegt sie in Schlummer. Diese schöne, milde Gegend unterdrückt allen Schmerz und erweckt alle Leidenschaft. Unter diesem reinen Himmel, angesichts dieser schimmernden Gewässer bleibt niemand kalt. Hier erstirbt aller Ehrgeiz, man sinkt einem stillen Glück in den Schoß, wie allabendlich die Sonne in ihrem eigenen Bett von Purpur und Azur versinkt.

An einem milden Abend des Monats August im Jahre 1821 schritten zwei Personen auf den steinigen Wegen dahin, die die Felsen durchschneiden, auf denen das Schloß liegt, und stiegen zu den Höhen hinauf, um ohne Zweifel die vielfältigen Aussichtspunkte zu bewundern, die man dort entdeckt.

Diese beiden Menschen waren Julie und Lord Grenville; aber Julie schien eine ganz neue Frau zu sein. Die Marquise hatte die frische Farbe der Gesundheit. Ihre von üppiger Kraft belebten Augen schimmerten durch einen feuchten Schleier, ähnlich jenem zarten Naß, das den Augen von Kindern unwiderstehlichen Reiz gibt. Sie lächelte zwanglos, sie war glücklich zu leben und verstand nun, was Leben heißt. An der Art, wie sie ihre kleinen Füße hob, war leicht zu sehen, daß kein Leiden mehr wie ehemals ihre geringsten Bewegungen schwerfällig, ihre Blicke, ihre Worte und ihre Gebärden müde und leblos machte.

Unter dem Schirm von weißer Seide, der sie vor den heißen Strahlen der Sonne schützte, glich sie einer Jungverheirateten im Brautschleier, einer Jungfrau, die bereit war, sich dem Zauber der Liebe zu überlassen.

Arthur führte sie mit der Sorgfalt eines Liebenden, geleitete sie, wie ein Wärter ein Kind leitet, wies ihr den besten Weg, räumte die Steine vor ihren Tritten fort, zeigte ihr eine Stelle, wo eine Aussicht sich öffnete, oder führte sie vor eine Blume – immer bewogen von einer unermüdlichen Güte, einer zärtlichen Absicht, einer tiefen Kenntnis alles dessen, was dieser Frau wohltat: Gefühle, die ihm angeboren zu sein schienen, ebenso und noch in höherem Maße vielleicht als die zu seinem Dasein an sich notwendigen Triebe.

Die Kranke und ihr Arzt gingen im gleichen Schritt und wunderten sich nicht über ein Ebenmaß des Ganges, das vom ersten Tage an, wo sie nebeneinander hergegangen waren, zu bestehen schien. Sie gehorchten ein und demselben Willen, blieben unter dem Eindruck ein und desselben Gefühls stehen; ihre Blicke, ihre Worte entsprachen wechselseitigen Gedanken.

Als sie beide auf der Höhe eines Weinbergs angelangt waren, wollten sie sich auf einen der langen Steinblöcke setzen, die aus den in den Felsen gehauenen Kellern herausgenommen werden; aber Julie betrachtete die Gegend, ehe sie sich setzte.

»Die schöne Landschaft!« rief sie. »Hier laßt uns Hütten bauen. Ja, wir wollen ein Zelt aufschlagen und hier leben. Victor,« rief sie, »so kommen Sie doch schnell!«

Herr d'Aiglemont antwortete von unten mit einem Jägerruf, doch ohne seine Schritte zu beschleunigen. Er betrachtete nur von Zeit zu Zeit seine Frau, wenn die Windungen des Weges es ihm erlaubten. Julie atmete mit Wonne die Luft ein, hob den Kopf und warf aus Arthur einen der feinen Blicke, in denen eine Frau von Geist all ihr Denken offenbart.

»O,« fuhr sie fort, »hier möchte ich immer bleiben! Kann man jemals müde werden, dieses schöne Tal zu bewundern? Kennen Sie den Namen dieses reizenden Flusses, Mylord?«

»Es ist die Cise.«

»Die Cise,« wiederholte sie. »Und dort unten vor uns – was ist das?«

»Das sind die Weinberge von Cher,« sagte er.

»Und rechts? Ach ja, das ist Tours. Aber sehen Sie nur, wie herrlich sich in der Ferne die Türme dieser Kathedrale ausnehmen!«

Sie verstummte und ließ auf Arthurs Arm die Hand sinken, die sie nach der Stadt ausgestreckt hatte und beide bewunderten schweigend die Landschaft und die Schönheiten dieser harmonischen Natur. Das Murmeln des Wassers, die Reinheit der Luft und des Himmels – alles stimmte zu den Gedanken, die in Menge auf ihre liebenden, jungen Herzen eindrangen.

»O, mein Gott, wie liebe ich dieses Land!« rief Julie in wachsender, naiver Begeisterung. »Sie haben lange hier gewohnt?« setzte sie nach einer Pause hinzu.

Bei diesen Worten erbebte Lord Grenville.

»Hier war's,« antwortete er schwermütig und deutete auf ein Wäldchen von Nußbäumen an der Straße, »wo ich, als Gefangener, Sie zum erstenmal sah.«

»Ja, aber da war ich schon recht traurig, und diese Gegend erschien mir wild, doch jetzt –«

Sie hielt inne – Lord Grenville wagte nicht, sie anzusehen.

»Ihnen,« sagte Julie endlich nach langem Schweigen, »verdanke ich diese Wonne. Lebendig muß man sein, wenn man die Freuden des Lebens empfinden will – ich aber war bisher für alles tot. Sie haben mir mehr gegeben als bloß die Gesundheit – Sie haben mich gelehrt, den Wert alles dessen zu erkennen –«

Die Frauen haben ein unnachahmbares Talent, ihre Gefühle ohne allzu große Worte auszudrücken; ihre Beredsamkeit liegt vor allem in der Betonung, in der Gebärde, in Haltung und Blick. Lord Grenville verbarg den Kopf in den Händen, denn Tränen rollten ihm aus den Augen. Dieser Dank war der erste, den Julie ihm seit ihrer Abreise von Paris zollte. Während eines vollen Jahres hatte er die Marquise mit der größten Aufopferung gepflegt. Unterstützt von d'Aiglemont, hatte er sie zu den Gewässern von Aix, dann ans Gestade des Meeres, dann nach Rochelle geführt.

In jedem Augenblick beobachtete er die Veränderungen, die seine klugen und ganz einfachen Vorschriften an der zerrütteten Natur Juliens hervorriefen, er hatte sie betreut, wie etwa ein leidenschaftlicher Gärtner eine seltene Blume. Die Marquise schien die verständige Pflege Arthurs mit aller Selbstsucht einer Pariserin hinzunehmen, die an Huldigungen gewöhnt ist, oder mit der Gleichgültigkeit einer Kurtisane, die nicht weiß, was die Sachen kosten oder was die Männer wert sind, und sie nach dem Grade des Nutzens einschätzt, den sie davon hat.

Der Einfluß der Örtlichkeit auf das Gemüt ist ein Punkt, der der Erwähnung wert ist. Wenn uns am Strande des Wassers unfehlbar die Schwermut befällt, so bewirkt ein anderes Gesetz unserer eindrucksfähigen Natur, daß auf den Bergen unsere Gefühle sich läutern. Die Leidenschaft gewinnt an Tiefe, was sie an Lebhaftigkeit zu verlieren scheint.

Der Anblick des weiten Loirebeckens, die Höhe des hübschen Hügels, wo die beiden Liebenden Platz genommen hatten, erweckten vielleicht die liebliche Ruhe, in der sie zuerst das Glück kosteten, hinter anscheinend belanglosen Worten die Größe einer verborgenen Leidenschaft zu erkennen. In dem Augenblick, wo Julie den Satz beendete, der Lord Grenville so tief gerührt hatte, bewegte ein liebkosender Wind die Wipfel der Bäume und breitete die Frische des Wassers in der Luft aus. Einige Wolken bedeckten die Sonne, und weiche Schatten ließen alle Schönheiten dieser herrlichen Natur ungeblendet überschauen.

Julie wandte den Kopf ab, um dem jungen Lord ihre eigenen Tränen zu verbergen, denn Arthurs Rührung wirkte sogleich ansteckend auf sie. Aber es gelang ihr, die Tränen zurückzuhalten und zu trocknen. Sie wagte nicht, die Augen zu ihm zu erheben, denn sie fürchtete, er könne dann in diesem Blicke eine zu große Freude lesen.

In ihrem weiblichen Instinkt fühlte sie, daß sie in dieser gefährlichen Stunde ihre Liebe auf dem Grunde des Herzens begraben mußte. Allein das Schweigen konnte im gleichen Maße bedrohlich werden. Als sie erkannte, daß Lord Grenville nicht imstande sei, ein Wort zu sprechen, sagte Julie in sanftem Tone:

»Sie sind ergriffen von dem, was ich gesagt habe, Mylord. Vielleicht ist diese tiefe Rührung der einzige Weg, auf dem eine holde, gute Seele wie die Ihre zu einem falschen Urteil gelangen kann. Sie werden mich für undankbar gehalten haben, weil Sie mich auf dieser Reise, die zum Glück nun bald zu Ende ist, kalt und zurückhaltend oder spöttisch und gefühllos fanden. Ich würde Ihrer Pflege nicht wert gewesen sein, wenn ich sie nicht zu schätzen gewußt hätte. Mylord, ich habe nichts vergessen. Ach, und ich werde nichts vergessen, weder die Achtsamkeit, mit der Sie über mich gewacht haben, wie eine Mutter ihr Kind bewacht, noch vor allem das edle Zutrauen unserer geschwisterlichen Gespräche, die Zartheit Ihrer Behandlung. Ach, das sind Reize, gegen die wir alle ohne Waffen sind. Mylord, es liegt nicht in meiner Macht, Sie zu belohnen …«

Bei diesen Worten entfernte sich Julie rasch, und Lord Grenville rührte keinen Finger, sie zurückzuhalten; die Marquise ging zu einem Felsen, der ein kleines Stück abseits lag, und blieb dort unbeweglich stehen. Den beiden Menschen war ihre eigene Erregtheit ein Geheimnis – ohne Zweifel weinten sie im stillen. Der Gesang der Vögel, so lustig, so voll zarten Ausdrucks angesichts der sinkenden Sonne, mußte die heftige Bewegung noch steigern, die sie gezwungen hatte, auseinander zu eilen. Die Natur selbst nahm es auf sich, einer Liebe Ausdruck zu geben, von der sie nicht zu sprechen wagten.

»Nun wohl, Mylord,« fuhr Julie fort und trat in einer Haltung voll Würde wieder vor ihn hin, seine Hand ergreifend, »ich bitte Sie darum, halten Sie das Leben rein und heilig, das Sie mir zurückgegeben haben. Wir werden uns hier trennen. Ich weiß,« setzte sie hinzu, als sie Lord Grenville erblassen sah, »zum Lohne für Ihre Aufopferung fordere ich da von Ihnen ein noch größeres Opfer, als alle die, deren Größe von mir besser anerkannt werden sollte – aber es muß sein. Sie dürfen nicht in Frankreich bleiben. Aber wenn ich Ihnen das gebiete, heißt das nicht auch schon, Ihnen Rechte gewähren – und die müssen geheiligt bleiben,« setzte sie hinzu, die Hand des jungen Mannes auf ihr klopfendes Herz legend.