Peterlein fühlte sich schon nach wenigen Tagen in dem kleinen Bergnest so heimisch, als habe er immer in dem braunen Häuschen gewohnt. Wie war es so klein, so klein! Wenn sich Peter auf einen Stuhl stellte, so konnte er mit der Hand die Decke berühren, und wenn er Eile hatte, ins Freie zu kommen, sprang er durchs Fenster. Es war alles neu und furchtbar interessant, z. B. die vielen Menschen, die mit ihm und Mutter zusammen an einem Tisch aßen. Er kannte die wenigsten, denn gleich nach Tisch zerstreuten sie sich wieder in ihre Behausungen. Da der Gasthof selbst nur wenige Gäste beherbergen konnte, waren die meisten in den nächstgelegenen Häuschen untergebracht.
Peterlein war immer unter den ersten, die dem Ruf der Tischglocke Folge leisteten. Dann stand er am Fenster und beobachtete die Gäste, die sich von allen Seiten paar- und gruppenweise dem Gasthof näherten. Bei Regenwetter war es besonders hübsch. Da konnte man glauben, eine Schar Pilze wandere langsam und bedächtig auf den schmalen Weglein.
Frau Elisabeth fühlte sich fremd und eingeschüchtert. Daran war in erster Linie ihr Tischnachbar schuld. Es war ein alter Sanskritgelehrter, der erst vor kurzem aus Indien zurückgekehrt war und noch immer in seligen Erinnerungen schwelgte. Beinahe täglich unterhielt er Frau Elisabeth mit Schilderungen alter Tempel, deren Existenz er als bekannt voraussetzte. Völlig zur Verzweiflung aber brachte er sie, als er ihr eines Mittags mit feurigen Worten die vom Mondlicht übergossene Tadsch Mahal schilderte. Frau Elisabeth lauschte mit krampfhaft festgehaltenem liebenswürdigem Lächeln, während sie innerlich stöhnte: „Mein Gott, wenn ich nur wüßte, von was er spricht.“
Sie ließ die Worte halb betäubt über sich ergehen und empfahl sich so schnell es irgend anging. Ach, warum hatte sie nicht darauf gehört, wenn ihr Mann ihr dies und jenes vorlesen wollte oder zum Selbstlesen anpries! Zwar, von Indien hatte er ihr nie gesprochen, daran glaubte sie sich mit Bestimmtheit zu erinnern. Aber – eine andere Sache hatte ihm immer so am Herzen gelegen. Beinahe jeden Regensonntag hatte er sie aufgefordert, die Gemälde im Museum anzusehen. „Denn, wirklich, Betty, es ist eine Schande, wenn ein Kind unserer Stadt nicht die Bilder ihrer zwei weltberühmten Maler kennt. Andere beneiden uns um den Besitz und kommen weit her, ihn zu sehen. Du kannst dich nicht einmal zu den paar Schritten entschließen. Warst du überhaupt schon dort?“
Wie gut erinnerte sie sich ihrer Antwort! „Na ja, als junges Mädchen war ich mal dort. Es hat mir aber gar nicht so besonders gefallen. Da waren so merkwürdige Wesen … Frauen mit Fischschwänzen und Männer, halb Mensch, halb Pferd. – – Ach, und so ein schreckliches Bild war da. Es soll Christus vorstellen. Davon hat es mir nachts geträumt. – – Und die Frau mit den Kindern – das soll doch so ein schönes Bild sein – gefiel mir auch nicht. Der Junge ist wohl ganz nett, aber die Frau hat trübe Augen, und das Kleine sieht drein, als ob es Schnupfen hätte.“
Ja, das hatte sie geantwortet, und darauf waren Peter sen. und jun. allein ins Museum gegangen. Sie hatte nachher das Kind über die Bilder befragt, aber es hatte nicht viel zu antworten gewußt. Ein Kindchen habe er gesehen, so eines, wie sie im Wasser wohnen. Das habe ein Fischlein fangen wollen, da sei es ausgerutscht, und „nun macht es so, sieh, Mutter, so!“
Peterlein hatte ein weinerliches Gesicht geschnitten, dann hatte er plötzlich ein Tuch ergriffen, es eng um die Schultern gezogen und mit abgewandtem Gesicht gesagt: „Sieh, Mutter, so steht der Mann und wartet und wartet. Warum wartet er, Mutter? Da ist ein großes Wasser und vorne ist eine Frau, eine ganz arme, Mutter. Sie hat keine Kleider, nur ein ganz dünnes Tuch. Das glitzert sehr schön. Und sie wartet auch. Warum, Mutter? Vielleicht, daß sich der Mann mal umwenden soll? Ich glaube, sie will ihm etwas vorspielen. Aber warum wartet der Mann und schaut immer auf das Wasser?“
„Vielleicht auf ein Schiff, um nach Hause zu fahren.“
„Ist er da nicht zu Hause? O, du weißt's nicht gewiß, Mutter?… Ich glaube doch, aber er möchte mal weg, um zu sehen, was über dem großen Wasser ist. Ja, deshalb wartet er auf das Schiff.“
Hatte der Professor nicht zum Schluß von diesem Bild gesprochen? Gewiß! Wenn sie nicht aufgestanden wäre, hätte er sie darüber ausgefragt. „… denn gnädige Frau müssen es natürlich aufs genaueste kennen.“ Ach, wie konnte sie nur diesem schrecklichen alten Herrn entrinnen!
Frau Elisabeth war während dieser Gedanken einen Waldweg gegangen, der zu einer einsamen kleinen Höhe führte. Peterlein lief singend hintendrein. Er erreichte die Mutter erst, als sie sich auf eine der leerstehenden Ruhebänke niedergelassen hatte. Er lehnte sich an sie, und sie schlang den Arm um ihn und fühlte unter ihrer Hand das vom Springen erregte Herzchen pochen.
„Mein Peterchen,“ flüsterte sie, und drückte die Lippen in sein Haar.
Er schob sich enger an sie heran. Da ließ eine Elster in der Nähe ihr häßliches Krächzen hören, und Peterlein riß sich los.
„Sieh, Mutter, dort sitzt er! O, wie schön schwarz und weiß … Mutter, wie heißt der Vogel?“
„Na, wie heißt er denn!“ Frau Elisabeth sagte es ein wenig ungeduldig. Was brauchte Peter so laut zu schreien! Nun hatte die Frau auf der andern Bank gewiß die Frage gehört und wartete mit dem Jungen zusammen auf eine Antwort … Und sie wußte ja den Namen des dummen Vogels nicht! Was sollte sie nur machen?
Ihr war, über das Gesicht der fremden Dame gleite ein feines Lächeln.
„Peterchen!“ rief Frau Elisabeth, „komm mal flink her!“
Als das Kind näher trat, flüsterte sie hastig: „Es fällt mir jetzt gerade nicht ein. Wahrscheinlich ist's so etwas wie ein Rabe.“
„Aber Raben sind doch ganz schwarz, Mutter!“
Peterchen stand vor ihr, die Hände auf dem Rücken, und betrachtete sie vorwurfsvoll. Plötzlich sagte er: „Hast du den Namen wirklich mal gewußt? Oder, oder … weißt du, Mutter, heute – – am Essen – – das hast du auch nicht gewußt … weißt du, das weiße Haus, von dem der alte Mann erzählte. Da hast du bloß so getan – –“
Frau Elisabeth saß da, über und über errötend. Einen Augenblick war ihr, die ganze Bergkette senke sich, als wolle sie ihr eine spöttische Verbeugung machen. Die Fremde mußte jedes Wort gehört haben. Peterleins Stimme war so durchdringend hell, und die halb vorwurfsvoll, halb trotzig gesprochenen Worte hatten sehr deutlich geklungen.
Frau Elisabeth neigte sich ein wenig vor und sagte ärgerlich: „Du bist ein ungezogenes Kind, Peter! So spricht man nicht zu seiner Mutter. Ich habe nie zu meinen Eltern gesagt, sie machen dies oder jenes nicht recht.“
„Ja – aber … Eltern sind doch auch manchmal unartig, Mutter. Nicht?“
Frau Elisabeth starrte ihren kleinen Sohn an. Er erwiderte ihren Blick, nicht trotzig, nur harmlos erstaunt.
Was sollte sie nur antworten?
Da – mitten in das Schweigen hinein – klang ein Lachen, ein herzliches, befreiendes Lachen. Die fremde Dame war aufgestanden und näherte sich den beiden.
„Du hast ganz recht, mein Junge! Wir Großen alle sind auch manchmal unartig. Aber – – das kannst du mir glauben – wir strengen uns tüchtig an, es nicht zu sein … Darf ich?“
Die letzten Worte galten Frau Elisabeth, die bereitwillig zur Seite rückte. Die Fremde setzte sich.
„Wie heißt du denn, kleiner Mann?“ wandte sie sich an Peter, und dann begann sie mit ihm zu plaudern.
„Weißt du, Mutter,“ meinte Peter später, „sie fragte so hübsche Sachen. Nicht: wie alt bist du, und in welche Klasse gehst du, und hast du schon viele Tatzen gekriegt.“
„Ja, was fragte sie denn?“
„O, Mutter, hast du es nicht gehört? Du saßest doch dabei. Sie fragte, ob ich die kleine Eidechse mal gesehen, die unten am Mäuerchen wohnt. Und – Mutter, wir sprachen von den Wolken, und sie findet sie gar nicht langweilig wie du. Sie hat gestern abend den großen Bären auch gesehen. Hast du denn gar nicht zugehört?“
Nein, das hatte Frau Elisabeth nicht getan. Sie hatte eigentlich nur die Fremde beobachtet, das ruhige Gesicht, dessen nahezu grobe Züge durch einen unendlich gütigen, innerlich frohen Ausdruck verschönt wurden.
Ein Gesicht, das keine Maske trug.
Ein Gesicht, das jeden zu grüßen schien.
Wenn man dies Gesicht ansah, wußte man, diese Frau denkt immer in erster Linie: wie kann ich dir helfen?… wie kann ich dir wohl tun?
Und deshalb war sie auch herübergekommen und hatte Peters Frage beantwortet, die ihr so ungeheuerlich erschienen.
Warum hatte sie nicht diese einfachen Worte gefunden? Warum?
Ach, sie war so bestürzt gewesen, so bestürzt. Sie hatte geglaubt, in Peterleins Augen stehe sie fleckenlos da, und sie hatte auch geglaubt, das müsse so sein. Wenn die Kinder an den Eltern Fehler entdeckten – mußte da nicht jeder Respekt verschwinden? – – Freilich, die Fehler waren da. Die ließen sich nicht wegleugnen, nicht wegbefehlen. War es da nicht klüger, die Worte der fremden Frau nachzusprechen?… „Nicht nur klüger, auch tapferer und ehrlicher,“ flüsterte eine heimliche Stimme in Frau Elisabeths Herzen. Sie mußte plötzlich an ihren Vater denken. Der war ein aufrechter Mann gewesen. Hart und streng manchmal, aber doch in erster Linie gegen sich selbst. Da gab es kein Bemänteln einer Schuld. Er war ein hitziger Mann gewesen und konnte in der Aufregung manches Wort sagen, das ihn nachher in der Seele brannte. Dann leistete er Abbitte, auch wenn es sich nur um ein Kind oder den jüngsten Lehrbuben handelte. Und hatte er dadurch an Achtung verloren? Nein, nein … Frau Elisabeth wußte plötzlich, daß ihr der Vater nie größer erschienen war, als in einem solchen Augenblick.
Sie wußte noch etwas. Sie wußte, daß er, heute bei Tisch, nicht mit ihr zufrieden gewesen wäre. Warum hatte sie dem Professor nicht einfach gesagt, sie wisse nichts von diesem – diesem Ding?
Es fiel ihr ein Wort ihres Vaters ein, das ihr das Blut in die Wangen trieb. „Kinder, gesteht doch ruhig ein, daß ihr etwas nicht wißt! Das ist keine Schande. Und wenn's auch eine wäre, denn es kommt ja vor, daß man etwas wissen sollte – na, da muß man eben die kleine Beschämung tragen. Nur kein feiges Sichverstellen!“
Die einsame Höhe war ein zauberkräftiger Fleck Erde. Noch nie hatte Frau Elisabeth so tief Einkehr bei sich gehalten wie an diesem Nachmittag. Das bekam auch Peter zu spüren. Er ging auf dem Nachhauseweg zwischen den beiden Frauen und merkte auf ihr Reden, und seine feinen Ohren hörten mehr als Frau Elisabeth ahnte.
Am Abend, als er in dem großen Bett lag, setzte sich die Mutter neben ihn und schaute schweigend durchs Fenster. Der Junge betrachtete sie mit erwartungsvollen Augen. Was war mit Mutter?
„Peterchen,“ sagte sie leise und ein wenig stockend, „es ist wahr, ich habe den Herrn Professor heute nicht verstanden. Es war dumm, daß ich das nicht sagte. Und den Vogelnamen weiß ich schon lange nicht mehr. Vielleicht habe ich ihn einmal in der Schule gelernt … Und es ist auch wahr, was die freundliche Dame heute sagte, daß – daß wir Großen auch unsre Fehler haben. Aber sieh, Peterchen, bei manchen merkt man doch kaum etwas davon. Denk an Vater, Peter! Der ist doch immer so gut und lieb zu dir, und nun hat er uns hier heraufgeschickt, wo wir's so schön haben, während er immer arbeiten muß … Und Vater weiß so viel, alle sagen, wie klug er sei –“
Weiter konnte Frau Elisabeth nicht sprechen. Das Kind hing plötzlich an ihrem Hals und küßte sie, küßte sie … o, diese durstigen Lippen! – Und dann brach es in ein so leidenschaftliches Schluchzen aus, daß die Mutter sich keinen Rat wußte.
„Kind, Kind, was ist dir nur!“ flüsterte sie halb erschrocken, halb beseligt.
Noch nie hatten sie seine Arme so fest umklammert, noch nie die heißen kleinen Hände nach ihr gegriffen, als griffen sie tief, tief in ihr Herz.
„Ich hab' dich lieb, Mutter! Ich hab' dich lieb!“ schluchzte das Peterlein. „Du gehörst mir, Mutter, sag, daß du mir gehörst!“
„Aber gewiß, Kind, gewiß! So – so … Nun will ich dir ein bißchen singen, und dann schläft mein Peterchen schön ein.“
Sie legte ihn zurecht und trocknete sein Gesicht. Dann hielt sie seine Hand und sang und sah, wie die wilden Augen sanft und ruhig wurden und sich müde schlossen.
Von diesem Tage an fühlte sich Frau Elisabeth weniger unbehaglich. Irgend etwas sagte ihr, daß diese Fremde ein innerlich reicher Mensch sei, und daß sie es verstehe, ihren Reichtum weiterzugeben.
Und sie, die Fremde, hatte feine Ohren. Sie hörte aus all dem oft so nichtigen und eitlen Wortschwall etwas heraus, das ihr des Hörens und Antwortens wert schien. So ging sie manche Stunde, die sie lieber in der Stille verlebt hätte, mit Frau Elisabeth und dem kleinen Jungen spazieren. Daß das Kind dabei war, erleichterte ihr das Opfer.
Sie hatte, ehe sie in das einsame Bergdorf gekommen, in einem großen Wirkungskreis gestanden. Tagtäglich waren Bilder des Elends, der Sünde vor ihr Auge getreten; flehende und drohende, verzweifelte und fordernde Hände hatten nach ihr gegriffen. Und ihr großes, reiches Herz hatte all das Elend mit inbrünstigem Erbarmen umschlossen. Dann plötzlich war sie zusammengebrochen. Es war kaum zu glauben gewesen. Jedermann in ihrer Umgebung hatte sich gegen die Erkenntnis gesträubt, und sie selbst hatte hart mit dem müden Herzen gekämpft. Bis sie wußte: ich muß fliehen, aus allem heraus, sonst kann ich das Leben nicht mehr ertragen. Sie war in die Berge gereist mit dem festen Vorsatz, in ein Mausloch zu kriechen und sich daraus durch niemand und nichts vertreiben zu lassen. Aber an jenem Nachmittag, als Peters helle Stimme zu ihr gedrungen, hatte sie antworten müssen. Es war nicht anders gegangen.
Das Kind erschloß sich ihr täglich mehr, und sie empfand seine stürmische Liebe als köstliches Geschenk. Die ihre äußerte sich selten in Worten oder Gebärden. Ihr war, Frau Elisabeth könnte dies nicht wohl ertragen.
Aber sie liebte den Jungen, mit fast schmerzlicher Innigkeit … so, wie man etwas Feines und Holdseliges liebt, das man in täppischen Händen weiß. Sie schaute in des Kindes Seelengarten und sah, wie es drin üppig blühte und wucherte, und sie wußte, daß hier eines verständigen Gärtners Hand walten sollte … „Armer, kleiner Peter!“ dachte sie, wenn in diese Gedanken hinein Frau Elisabeths Worte drangen.
Frau Elisabeth und die Fremde reisten an demselben Tage ab. Beide waren froh, in den alten Wirkungs- und Pflichtenkreis zu kommen. Auch Peter freute sich nach Kinderart der Veränderung. Er freute sich besonders darauf, dem Vater die schönen Steine zu zeigen, die er auf allen Wegen gesammelt. Aber als er von der „Tante“ Abschied nehmen sollte, riß er die Augen weit auf und starrte der Davongehenden nach.
Sie wandte sich nach einigen Schritten, ein letztes fröhliches Wort auf den Lippen … Und konnte es nicht aussprechen. Sie wußte, nie würde sie diese entsetzten Augen vergessen können.
Das aber ahnte sie nicht, daß ihr Bild durch lange Monate hindurch wie ein köstlicher Schatz in Peterleins Herzen gehütet wurde. – –
Der Vater freute sich an den mitgebrachten Steinen, bis er eines Tages entdeckte, daß Peterlein wieder seine „sonderbaren Sachen“ damit treibe. An einem Fleck im Garten hatte er sie alle zusammengetragen. Fein säuberlich eingewickelt war jeder, in buntes Papier oder in Stoff-Fetzen, und nun wurden sie auf Moos gebettet oder in kleine Gruben gesteckt.
Peterlein war so versunken in sein Spiel, das er mit einem glückseligen, zärtlichen Gemurmel begleitete, daß er des Vaters Schritte nicht hörte. Erst als die barsche Frage: „Was treibst du da?“ an sein Ohr drang, fuhr er empor. Er verstand nicht, warum der Vater so streng aussah, aber es schüchterte ihn ein, und er sagte ängstlich: „Es sind so liebe Steine … ich mache ihnen allen Bettchen.“
„Ach, dummes Zeug! Das tut man doch nicht mit Steinen. Jetzt wirfst du auf der Stelle den ganzen Plunder weg. Dort – – auf den Kehrichthaufen hinunter.“
All die lieben Steine wegwerfen?… Der kleine Peter betrachtete den großen fragend, immer noch halb verträumt. Dann kam der Befehl zum zweitenmal, und er begriff.
Dunkelrot färbte sich sein Gesicht, schwarz und drohend blitzten die Augen, aber er bückte sich und sammelte die Steine in seine Schürze. Dann ging er zum Zaun hinüber und warf die Steine auf den Kehrichthaufen, einzeln, langsam, als wolle er die Qual möglichst lange auskosten. Einmal hielt er inne. Einer der Steine war auf ein Stück Eisen gefallen und zerbrochen. Da hatten Peterleins scharfe Augen an der glatten Bruchfläche etwas zu entdecken geglaubt. Aber er machte keine Bemerkung darüber. Er warf die Steine hinunter, einen nach dem andern, und schielte zu Zeiten nach dem Vater hinüber, der ihm ruhig zusah.
„So … nun kannst du mit mir in die Werkstatt kommen. Du darfst zusehen, und vielleicht darfst du auch etwas helfen.“
Peter Niemeyers Stimme klang jetzt freundlich. Du lieber Himmel! Er war ja kein Wüterich, kein Spielverderber. Er wollte den Jungen gern froh wissen, aber auf eine vernünftige Weise. Für derartige Dinge war er nun einfach zu groß.
Peterlein machte auch zu den freundlichen Worten keine Bemerkung. Er hielt die Augen eigensinnig gesenkt und benützte die erste Gelegenheit, aus der Werkstatt zu entschwinden. Eilig lief er in den Garten zurück, kletterte über den Zaun und war mit einem Satz auf dem Kehrichthaufen. Wo war nur der zersprungene Stein? Da – Peterlein bückte sich und unterdrückte einen Jubelruf. „Ein Schmetterling! Ein ganz schöner Schmetterling!“ murmelte er staunend und fuhr mit dem Finger den feinen Linien der Versteinerung nach. „O, das soll er nicht sehen, der Böse!“
Er kletterte mit seinem Schatz vorsichtig wieder hinauf, lief durch den Garten und ins Haus. Dort ging er lange Zeit ruhelos umher. Kein Versteck wollte ihm gut genug erscheinen für seinen herrlichen Stein.
Endlich geriet er auf den Einfall, ihn in sein Kopfkissen zu schieben. Frau Elisabeth entdeckte natürlich den verborgenen Schatz, als sie Peterleins Kissen zurechtschüttelte. Da lernte sie denn die ganze Geschichte kennen, und Peterlein verfiel in trotzige Anklagen gegen den „bösen“ Vater, der ihm seine Steine genommen.
Die Mutter schalt. „Was fällt dir ein, so von deinem Vater zu sprechen, du unartiger Bub! Die großen Leute wissen viel besser, was für die kleinen paßt, als diese selbst. Weißt du noch, gestern? Da hat Vater dir verboten, mit dem Messer zu spielen, und wie du's doch getan, hast du dich geschnitten. Na, nun siehst du's.“
Peterlein saß aufrecht im Bett und dachte nach. Dann meinte er langsam: „Aber, Mutter, das ist doch nicht dasselbe. Mit dem Messer – – ja, da hat der Vater gewußt, daß es nicht paßt … und – und ich bin unartig gewesen … Aber warum passen die Steine nicht, Mutter? Da kann man sich doch nicht schneiden … Es waren so liebe Steinchen, Mutter, und ich hatte ihnen so schöne Bettchen gemacht.“
„Nun höre mal auf mit den dummen Steinen und geh' schlafen!“
Frau Elisabeth war gereizt. Im Grund war ihr ja die Handlungsweise ihres Mannes auch unverständlich. Warum ließ er denn dem Kind die Freude nicht? Aber ihn darüber befragen – – nein, das wagte sie nicht. Und der Junge sollte nur auch beizeiten lernen, das Fragen zu unterdrücken und sich seinem Vater anzupassen.
Sie ging ohne Gutenachtkuß, und Peterlein rief sie nicht zurück. Er saß noch immer in seinem Bettchen und rang mit seltsamen Gedanken. War das nicht alles schon oft so geschehen?… Was denn?… Das mit den Steinen? – – Das war ja unmöglich. Nein, aber das, das so weh tat, so furchtbar weh … das – – ja, nun wußte er's … Die Mutter liebte ihren kleinen Peter lange nicht so, lange nicht so – wie sie den Vater liebte.
Peterlein ließ den Kopf schwer ins Kissen fallen. Den Stein gegen die Wange gedrückt, starrte er in das dämmrige Zimmer. Er hätte gerne geweint, um den Druck im Hals los zu werden. Aber wenn man ihn gehört hätte?
Seine Gedanken gingen auf die Suche nach etwas Tröstlichem, und da fanden sie den Stein. Der wunderschöne Schmetterling … Wer hatte ihn da hineingezeichnet?… Natürlich der liebe Gott. Der hatte ja alles gemacht, die Berge und das Moos und die Bäume und die Steine. Aber daß er so geschickt wäre und auch noch innen in die Steine etwas zeichnen könnte – nein, das hätte Peterlein nie gedacht. Aber nun wußte er auch, was er werden wollte. Wenn er groß war, wollte er weit fort wandern, immer weiter, und schöne Steine finden und schöne Vögel und schöne Blumen …
Als Frau Elisabeth nach Peterlein sah, schlief er. Sie versuchte, den Stein aus seiner Hand zu lösen. Aber es gelang nicht. Die kleinen Finger hielten ihn krampfhaft umschlossen.
Es kam in den nächsten Jahren wieder und wieder vor, daß Peter des Älteren und Peter des Jüngeren Anschauungen im Widerspruch standen. Der Junge kramte zu Hause allerlei Schulweisheit aus, über die sich der Vater lustig machte. Er tat es besonders dann, wenn ihm schien, sein Sohn stürze sich wieder in der alten ungesunden Weise auf eine Sache, auf die er selbst nicht viel hielt. Es reizte ihn, daß der Junge hartnäckig an seinen Gedanken festhielt, und so kam es zu häßlichen Auftritten, die meist damit endeten, daß der Ältere dem Jüngeren ein paar sausende Hiebe versetzte.
Diese Auftritte drückten auf das feine Gemüt des Knaben. Nicht allein der Schläge wegen, obwohl er sie als Erniedrigung empfand, nein, schwerer war ihm, das wutentbrannte Gesicht seines Vaters sehen, die ungerechten, oft grausamen Worte hören zu müssen.
Die Mutter griff in diese Kämpfe meist nur mit einem beschwörenden „Peter, sei doch still!“ ein, das dem Jüngeren galt. Nachher pflegte sie ihn mit Vorwürfen zu überschütten und verteidigte des Vaters Auftreten mit Worten, deren Unlogik Peter reizte und zu spöttischen Antworten trieb. Er wußte, daß eine maßlose Heftigkeit, durch gekränkte Eitelkeit hervorgerufen, nun und nimmer „heiliger Vaterzorn“ genannt werden kann. Daß die Mutter es dennoch tat und oft, wie der Junge fühlte, gegen ihr besseres Wissen, erfüllte ihn mit Trotz und machte ihn blind gegen das eigene Unrecht, das ihm nur als erlaubte und gerechtfertigte Notwehr erschien.
Es war seltsam, so sehr Frau Elisabeth unter diesen Verhältnissen litt, sie konnte sich nicht verhehlen, daß sie sie ihrem Mann näher gebracht hatten. Als er merkte, daß sein Sohn ihm mit den Jahren fremder ward und es ihm nicht gelingen wollte, ihn gleichsam an seine Seite zu befehlen, wandte er sich in seiner Enttäuschung ihr zu, bei der er stets Zustimmung und Bewunderung gefunden und die ihn jetzt aus einem verstehenden Mitleid heraus doppelt warm umfing.
Der junge Peter sah es mit Staunen, und er war geneigt, in seinen Gedanken von dieser Liebe verächtlich zu denken.
Nach einem Auftritt gingen sich Vater und Sohn tagelang aus dem Weg, kaum, daß bei den Mahlzeiten einige knappe Worte gewechselt wurden, bis sich die Bitterkeit allmählich verlor und man zur Tagesordnung überging. Nie kam es zu einer herzlichen Aussprache, denn jeder hielt zäh an seinen Rechtsvorstellungen fest und erwartete vom andern den ersten Schritt.
Und bei all dem lebte in Peter eine starke Sehnsucht nach einer friedevollen, stillen Umgebung, nach Menschen, die seine Sprache redeten und verstünden. Er wußte, daß er anders war als Vater und Mutter, aber er sah darin nicht das Trennende. Warum sollen sich die Menschen nicht mit hellen Stimmen rufen, mit frohen Blicken grüßen können, auch wenn sie auf getrennten Wegen wandern?… Es muß sie nur ein jeder mit warmen Gedanken an den Nachbar gehen.
In der Schule war Peter ein Durchschnittsschüler. Nur im Aufsatz zeichnete er sich aus, d. h. wenn das Thema ihn fesselte. Der Lehrer hatte die Gewohnheit, die Besprechung mit ein paar kurzen Sätzen abzutun, um der Phantasie der Kinder möglichst weiten Spielraum zu lassen. Auf diese Weise heimste er manche dürftige Leistung, aber auch manches warm und lebensvoll Geschaute ein. Er behandelte mit Vorliebe Zeiten und Menschen vergangener Jahrhunderte, und auf diesen Wegen folgte ihm Peter gerne. Zerfallene Burgen, zerstörte Klöster, Städte, deren einst stolze Namen verklungen sind … in Peters Gedanken erstanden sie im alten Glanz. Scharfäugig trotzen die Burgen auf verwegener Höhe, üppig und ehrfurchtgebietend liegen die Klöster in waldigen Tälern, und in den alten Städten flutet Leben. Da sind Häuser, die mit schön gemeißelten Erkern und kunstvoll gearbeiteten Türen prunken. Wer ging da hinein und trug Lachen und Sonne in die dämmerigen Stuben?… Und wer saß am Brunnenrand, während das Mondlicht in silbernen Tropfen über die Dächer rieselte, und hatte eine Laute im Arm und sang, so schön, so schön … Überall öffneten sich die Fenster, und da und dort gab eine Türe eine lauschende Gestalt frei … Und wer fuhr in einem Nachen den Strom hinab, in einem Nachen, der ganz mit Rosen bekränzt war?… Immer neue Gesichter drängen heran, edle und abstoßende, geistvolle und leere, angstvolle und harte … Was wollen sie von dem kleinen Peter? Er kann sich der Schatten kaum erwehren. Ihm ist, ein jeder bitte ihn: gib mir Leben, gib mir warmes, rotes Blut! Laß mich noch einmal schluchzen und lachen, noch einmal Qual und Freude trinken …
„Niemeyer, Sie haben ja über das alte St. Gallen die reinste Novelle geschrieben,“ sagte Lehrer Röder, als er Peter sein Heft zurückgab. „Ist das wirklich alles in Ihrem Kopf gewachsen?“
„Ja!“ antwortete Peter und machte ein schuldbewußtes Gesicht.
Es war ihm seltsam ergangen, als er sich an das Schreiben des Aufsatzes gemacht. Die Tage, die er vor kurzer Zeit in St. Gallen verlebt, waren in ihm aufgestanden, mit zwingenden und drängenden Bildern. Er schritt wieder durch die Bibliothek und neigte sich über die Kästen, die die alten Evangelienbücher bergen. Wunderbar zarte, haarscharfe Schriftzüge, Blätter und Blumengewinde, die die heiligen Worte umrahmen, dazwischen Maria mit dem Kind … Wessen Hände haben dies alles erschaffen in langen, einsamen Stunden?… Und wer hat das dorngekrönte Haupt gezeichnet, das in einen schlichten Rahmen gefaßt in einer Ecke hängt? Auf den ersten Blick scheint es eine einfache Federzeichnung zu sein, aber dann entdeckt man, daß die Dornenkrone, daß Haupt- und Barthaar aus winzig kleinen Buchstaben bestehen, die sich für scharfe Augen zu einzelnen Worten formen, und man findet die kleine Schrift, die besagt, daß „in diesen figurs haaren ist die gantze Passion Vnsers Herrn Jesu Christi geschrieben“.
Draußen sinkt der Abend, und die Dämmerung füllt die alte Bibliothek. Das ist die Stunde der Schatten. Sie kriechen aus den Ecken und nehmen langsam Gestalt an. Sie gehen wieder mit lautlosen Schritten durch den hohen Raum. Sie neigen sich über Tische und sind mit Federkiel und Pinsel beschäftigt. Und da ist einer, unter dessen Kutte ein heißes Herz schlägt, ein Herz, das zu Gottes und der Heiligen Ehre ein Werk ersinnen möchte, drin er all seine Liebe und Inbrunst bergen könnte. Er kann ihr nicht Gestalt geben, wie der und jener Bruder, in glühenden Farben oder in jubelnden Tönen … Da nimmt er ein Blatt Papier und zeichnet in zarten Linien das heilige Haupt, und danach schreibt er die ganze leidvolle Geschichte des Menschensohns in die Dornenkrone, in Haupt- und Barthaar des Antlitzes. Es geschieht „von freyer hand mit bloser feder und dinten“, und die Augen werden müde und brennend dabei … Ach, was bedeutet der Schmerz gegenüber der brennenden Sehnsucht seines Herzens!
Die Schatten umringen Peter. Aber er muß sich aus ihrer Mitte lösen, wenn er nicht mit ihnen eingeschlossen sein will, und dann steht er verstört und fremd im Straßengewühl und starrt in modern erleuchtete Fensterläden. –
Alle diese Bilder waren beim Schreiben des Aufsatzes in Peter aufgestiegen und hatten die gewünschte Beschreibung der ersten Jahre des Klosters verdrängt. Mit beklommenem Gewissen hatte er sein Heft abgegeben. War er diesmal nicht zu sehr abgewichen vom vorgeschriebenen Pfad?
Aber als der Lehrer die Bemerkung über die Novelle machte, ruhte sein Blick nicht ungütig auf Peter. Er winkte ihn am Schluß der Stunde zu sich her und sagte: „Das Thema haben Sie ja gänzlich außer acht gelassen, Niemeyer. Aber – im übrigen gefällt mir die Sache … Lesen Sie viel?“
Peter bejahte und sah wieder schuldbewußt drein. Er mußte daran denken, wie oft die Schulaufgaben einer spannenden Geschichte wegen zu kurz gekommen waren.
„Na, was lesen Sie denn? Haben Sie einen Lieblingsschriftsteller?“
„Ja, zwei. Conrad Ferdinand Meyer und Karl May.“
Herr Röder sah einen Augenblick verdutzt drein, dann brach er in ein frohes Lachen aus.
„Niemeyer, das haben Sie gut gemacht. Den Conrad Ferdinand und Karl May! Aber nun sagen Sie einmal ehrlich: Was fesselt Sie an diesen verlogenen Indianergeschichten?“
Peter dachte nach und erwiderte zögernd: „Ich glaube das, daß die Kerle so tapfer sind, und daß sie so viel Neues entdecken … Das möchte ich auch einmal – – reisen – weit weg, in Länder, in denen noch nie jemand gewesen ist …“
„Da müssen Sie sich aber sputen, Niemeyer, die Erde ist nahezu entdeckt! Übrigens, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Kommen Sie bei mir vorbei und sehen Sie sich einmal Sven Hedins Bücher an. Da finden Sie Tapferkeit und finden Neuland, und ich denke, darüber wird Ihnen der Geschmack an Karl May vergehen. Die Liebe zum Conrad Ferdinand dürfen Sie behalten.“
Als Peter den ersten Band von „Transhimalaya“ nach Hause trug, begegnete ihm sein Vater im Hausflur. Es war eine wohlige Unruhe in dem Jungen. Er ahnte, daß er etwas Köstliches in Händen halte, und, wie immer, wenn ihn etwas Frohes bewegte, drängte es ihn zur Aussprache.
„Vater, ich habe ein feines Buch! Herr Röder hat es mir geliehen … Kennst du es? ‚Transhimalaya‘ von Sven Hedin.“
„Den Titel kenne ich.“
„Willst du es auch lesen, Vater? Es muß sehr fein sein. Herr Röder ist ganz begeistert. Ich kann es ja vielleicht am Abend vorlesen?“
„Ach, laß nur! Das wird für Mutter nicht sehr unterhaltend sein, und ich weiß auch nicht, ob es mich sehr interessieren würde. Freue dich nur allein daran – das verstehst du ja ausgezeichnet.“
Der junge Peter kniff die Lippen zusammen und ging nach seinem Zimmer.
Der alte Peter aber blieb stehen und hatte plötzlich eine Vision des kleinen Peterleins, wie es ihm am ersten Schultag eine Geschichte erzählte. Hatte er ihn damals abgewiesen? Hatte er sich nicht gefreut an des Kindes Freude? Warum heute nicht? War ihm denn sein Kind, sein eigen Kind, nicht mehr lieb? Was bedeutete dieser feindselige Geist, der ihn zu zwingen schien, des Jungen Freude auszulöschen?
Die Fragen und Beschuldigungen jagten sich in Peter Niemeyers Hirn. Es geschah nicht oft, daß er ihnen Gehör gab. In diesem Augenblick aber war ihm, eine harte Stimme rede auf ihn ein … Für dich haben wolltest du ihn, für dich allein. Und zwar ohne Anstrengung, ohne Opfer und Hingabe deinerseits. Dem kleinen Peter, ja, dem schenktest du Gehör. Das war keine große Anstrengung. Aber später, als der Bub anders ward, als du es wünschtest, gingst du zu Werk wie ein Tölpel. Knicken wolltest du, was sich da in fremder junger Kraft regte, weil es dir nicht paßte. … Dein Kind – – jawohl. Aber zugleich ein Menschenkind für sich, dessen Eigenart du hättest feinfühlig erkunden und pflegen sollen … Aber du warst zu bequem, zu eigensinnig, zu – arm dazu …
Wollte die Stimme denn nicht schweigen? Das war ja nicht zum Aushalten. Man meinte es ja gar nicht so schlimm. Man wollte dem Jungen gewiß nicht die Freude rauben. Nein, – – meinetwegen konnte man sich ja für das Buch interessieren.
Er tat es wenige Tage später bei Tisch, als ihm auffiel, wie wortkarg Peter dasaß. „Na, wie ist's mit dem Buch? Gefällt es dir?“
Peter nickte, aber er erzählte nichts. Wie konnte er seinem Vater davon sprechen, was dies Buch für ihn bedeute. Neuland … Neuland … Herr Röder hatte recht gehabt. Und nun wußte er, was seines Lebens Inhalt werden sollte. In fremden Landen den Geheimnissen nachspüren, die in Felsen und Wäldern, auf dem Grund einsamer Seen schlummern. Wenn er auch nicht mehr der erste sein würde, der ein unbekanntes Zauberland betritt, in den Fußstapfen eines Tapfern wandeln ist auch etwas Großes, und Entdeckerfreude, das merkte Peter, blieb auch so noch übergenug.
Eine große Sehnsucht füllte und weitete sein ganzes Denken. Die Bilder der Zukunft, die er sich bis in alle Einzelheiten ausmalte, standen oft so greifbar vor ihm, daß es ihn mit hilflosem Erstaunen erfüllte, wenn er sich, durch irgend ein Geräusch erwachend, im Straßengewühl fand, nachdem er eben noch über einsame Höhen geritten, einen langen Zug fremdländischer Menschen und Tiere hinter sich.
In der Schule warf er sich mit fröhlichem Eifer auf seine Studien. Denn auch was an praktischen Fähigkeiten in Peter geschlummert, war aufgewacht, und er sagte sich mit großer Nüchternheit, daß er zur Erfüllung seiner stolzen Pläne vor allem Geld brauche. Das mußte er sich verschaffen, er selbst, denn auf die Unterstützung seines Vaters konnte er kaum rechnen. Überhaupt der Vater … Würde er zugeben, daß sein Sohn studiere, noch dazu Naturwissenschaften? Vielleicht, wenn er ihm auseinandersetzte, daß es für junge Stein- und Pflanzenkundige in überseeischen Ländern glänzende Stellungen gebe. Riesensummen wurden genannt, und Peters Augen funkelten, wenn er daran dachte. O, er wollte sparen, keinen Rappen unnötig ausgeben! Dann mußte es doch möglich sein, nach Verlauf einiger Jahre eine Reise unternehmen zu können.
Hie und da gefiel sich Peter in dunkeln Äußerungen seiner Mutter gegenüber. Er erkundigte sich auch, wie das Geschäft gehe und ob es etwa leicht einen Käufer fände. Frau Elisabeth fühlte sich durch solche Fragen, die ihr Vorboten neuer Kämpfe schienen, verwirrt und verletzt. Daß auch Peter gar keine Liebe fühlte für die Arbeit, die schon sein Urgroßvater in Händen gehabt. Ach, wie war dieses Kind aus der Art geschlagen, innerlich und äußerlich.
Sie ging an einem Abend, als sie Peter schlafend wußte, auf sein Zimmer und betrachtete lange das herbe, stolze Gesicht. Sechzehn Jahre alt war Peter, und in wenigen Wochen sollte er eingesegnet werden. Er war doch eigentlich noch ein halbes Kind, aber im Schein der Kerze erschien sein Gesicht merkwürdig alt und beinahe streng. Daran mochten die finstern Augenbrauen, die über der Nase zusammenliefen, Schuld tragen. Frau Elisabeth beugte sich tiefer. Zu beiden Seiten des Mundes die feinen Linien … Das sollte doch nicht sein in einem so jungen Gesicht … Und sie rühren nicht her vom vielen Lachen. Peter lacht selten … Peterlein, Peterlein – – wo ist all das Glück geblieben, das mir deine ersten Jahre geschenkt?
Ein schluchzender Ton drang aus Frau Elisabeths Mund. Peter bewegte sich, richtete weitaufgerissene Augen, die nichts erkannten, auf die Mutter, drehte sich zur Seite und murmelte: „Durch, durch! Man muß – –“
Frau Elisabeth seufzte. Mit schweren Schritten ging sie nach der Türe.
„Peter! Peter! So warte doch! Ich soll dir einen Gruß sagen.“
Peter blieb am Fuß des langen Treppengäßchens, das zur elterlichen Wohnung hinaufführte, stehen und schaute der Rufenden entgegen. Sie war ein feingliedriges Mädchen mit langen lichten Zöpfen, die beim Springen lustig tanzten. Bei Peter angelangt, sprudelte sie rasch hervor: „Das kannst du nicht erraten, von wem ich dich grüßen soll! Oder doch – probier's einmal!“
Während die beiden langsam die Stufen erstiegen, begann ein lustiges Raten und Verneinen. Alle gegenseitigen Bekannten der Nachbarskinder, Lehrer und Mitschüler, zuletzt in einer launigen Anwandlung Namen hochgestellter Personen, wurden von Peter vorgebracht. Alles ohne Erfolg. Das Mädchen lachte in einem hellen, jubelnden Ton, der unwillkürlich zur Freude mitriß. Sie sprach sehr lebhaft und mit blitzenden Augen. Nie hatte Peter frohere Augen gesehen und überhaupt wollte ihm mit einem Male dünken, noch nie so schöne, tiefblaue. Sie standen in einem Gesicht, das zu schmal und unentwickelt war, um hübsch zu wirken. Aber die Haut war weiß und rosig und so durchsichtig zart, daß man sah, wie das Blut kam und ging … bei einer schnellen Erregung dunkelrote Wangen … bei plötzlichem Erschrecken ein schneeblasses Antlitz. Peter, der vor noch nicht allzu langer Zeit beinahe täglich mit dem Nachbarskind verkehrt hatte, betrachtete sie nun mit einem Gefühl, als sähe er sie zum erstenmal.
Wie war das so fein und schmal, das da auf leichten Füßen neben ihm schritt und mit seinem glitzernden Lachen die Welt in einen Sonnentag zu verwandeln schien … in einen Sonnentag, in dessen Bläue selige Lerchen steigen.
Sie trennten sich am Niemeyerschen Hause, ohne daß es Peter gelungen wäre, den Namen zu erfahren. „Wir können ja morgen wieder zusammen heim; vielleicht bist du da gescheiter,“ sagte Ruth mit einer hoheitsvollen Miene, die in merkwürdigem Gegensatz zu ihrem Kindergesicht stand, Peter aber sehr reizvoll erschien. Er betrachtete sie, bis sich die Hoheit in lauter Ungeduld verwandelt hatte, dann aber schüttelte er sehr energisch den Kopf. Er kannte die Lästermäuler der männlichen und der weiblichen Schuljugend. Er brauchte nur ein paarmal mit Ruth auf dem Schulweg gesehen zu werden, dann hatte die Geschichte ihren Namen weg.
„Ich komme lieber heute abend einmal zu euch, da können wir weiter raten,“ schlug Peter vor.
„Ja, aber erst um sieben. Vorher muß ich üben.“
„Erst um sieben! Um halb acht Uhr muß ich zu Hause sein. Kannst du das Üben nicht abkürzen?“
„Ich kann schon, aber – – ich mag nicht,“ kam es etwas zögernd von Ruths Lippen.
„Spielst du so gerne? Was spielst du denn?“
„Geige. Und furchtbar gern tu ich's. Peter, ich will dir ein Geheimnis sagen, aber du mußt mir versprechen, daß du es keinem Menschen auf der ganzen, ganzen Welt wiedersagen wirst. Ja?… Also … ich will eine Künstlerin werden. Ich will immer, immer Musik um mich haben. Aber sie wissen's zu Hause noch nicht, nur Mutter natürlich. Vielleicht darf ich auch nicht. Dann muß ich es eben bleiben lassen … Mutter sagt, es kann auch so noch schön werden, und das glaube ich auch.“
„Unsinn, Ruth! Man läßt doch etwas nicht bleiben, von dem man weiß: ich muß es haben. Durchsetzen soll sich der Mensch, merk' dir das.“
Ruth sah einen Augenblick kläglich drein, und Peter mußte, in das schmale Kindergesicht blickend, selbst über seine Worte lächeln. Es war, als hätte er einer kleinen Schwalbe den Rat gegeben, gegen eine Mauer zu stürmen. Nur gut, daß er breite, starke Schultern hatte.
„Wie alt bist du eigentlich, Ruth?“ fragte er, in die Türe tretend.
„Vierzehn. Weißt du, an Silvester wurde ich vierzehn. Und du?“
„Ich bin eben sechzehn geworden.“ –
Kurz vor sieben Uhr trat Peter in das Nachbarhaus. Ruths Mutter begrüßte ihn. „Nett, daß du wieder einmal kommst, Peter. Ich dachte schon, du wolltest jetzt nichts mehr von Ruth wissen, seit du so ein großer Bub geworden. Und ich fand es eigentlich schade. Ihr seid doch all die Jahre so gute Kameraden gewesen. Aber freilich – jetzt hast du eben genug an deinen Freunden.“
„Ich habe keinen Freund,“ sagte Peter nachdenklich, „und ich weiß eigentlich nicht, warum ich nicht mehr mit Ruth gespielt habe … Wir hatten so viele Aufgaben, und – – ich lese viel.“
Ruths Mutter lachte. „Na, du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Jetzt geh nur zu Ruth hinauf. Sie übt in ihrem Zimmer.“
Peter ging durch den langen, immer dämmrigen Flur eine mächtig gebaute Treppe hinauf, auf deren breitem Geländer er hundertmal abgerutscht war. Er trat sehr leise auf und, auf der obersten Stufe angelangt, setzte er sich, wenige Schritte von Ruths Zimmertüre entfernt.
Ruth spielte in raschem Tempo eine ziemlich monotone Übung. Ein-, zweimal griff sie daneben, und Peter hörte ein ungeduldiges „So paß' doch mal auf!“
„Nun hat sie gewiß ganz rote Backen, wenn sie sich ärgert,“ dachte Peter und lächelte.
Dann, als die Sache ein paarmal glatt durchgegangen, hörte er ein befriedigtes „So“. Und nun begann ein anderes Spiel.
Eine feine, sehnsüchtige Melodie kam dahergeglitten, warb und flehte … und brach ab in einem jammervollen Schluchzen.
Peter lauschte atemlos. So also konnte Ruth spielen. Ach, dann würde wohl auch ihr Traum vom Künstlertum in Erfüllung gehen … Warum nur stimmte ihn das so traurig?
Horch, nun begann wieder das Spiel.
Da war etwas Dunkles, Leidvolles, Zagendes, und dazwischen klang ein seliges Lachen. Aber es wurde immer wieder erstickt von dem Schweren … Bis es mit einem Male siegreich emporjubelte, all das Leidvolle, Beengende zurückdrängend. Wie es sich wiegte in der Luft, im Sonnenschein! Wie es stieg – – höher und höher und endlich verklang in einem letzten, unendlich zarten Triller.
Es folgte eine kleine Stille, dann kamen ein paar energische Doppelgriffe, und nun spielte Ruth eine Choralmelodie. Breite, ruhevolle Wogen strömten daher … Peter kannte die Worte, die er vor kurzem im Konfirmandenunterricht gelernt hatte. Einige der Verse hatten ihn tief ergriffen, und auch jetzt wieder füllte ihn eine geheimnisvoll-ehrfürchtige Stimmung. Gott ist gegenwärtig, dem die Cherubinen Tag und Nacht gebücket dienen … Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben, aller Dinge Grund und Leben, Meer ohn' Grund und Ende, Wunder aller Wunder, ich senk' mich in dich hinunter.
Ruths Zimmertüre ward plötzlich geöffnet. Helles Licht ergoß sich auf die dunkle Treppe, so daß Peter einen Augenblick die Hände vors Gesicht legte.
„Hast du schon lange hier gesessen?“ fragte Ruth. Nun mußte Peter sie ansehen. Sie lehnte am Türpfosten, die Geige im Arm, und hatte ein blasses, ganz ernsthaftes Gesicht.
„Es war so schön, Ruth! Komm, setze dich hierher zu mir. Bist du mir böse, weil ich zugehört habe? Ich habe Musik auch gern.“
„Dann tut es nichts. Und ich hab' dich auch gern. Deshalb darfst du zuhören. Leuten, die Musik nicht lieb haben und die ich nicht mag, spiel' ich nichts vor.“
„O Ruth! Wie wird es dir ergehen!“ lachte Peter. „Eine Künstlerin muß allen vorspielen, ob sie sie leiden mag oder nicht.“
„Ach, weißt du, dann denke ich eben an einen Menschen, den ich lieb habe, und spiele dem alles vor. Aber nun sollst du raten.“
Peter war so erstaunt über diese plötzliche Aufforderung, daß er das Mädchen ein paar Augenblicke wortlos betrachtete. Sie saß jetzt auch auf der Treppe, die Hände um die Knie geschlungen, und sie sah nun wieder aus wie am Morgen, ein unbekümmertes kleines Schulmädel, dem die Necklust aus den Augen sprühte.
Sie mochte sein Schweigen für Ratlosigkeit halten, denn sie fuhr fort, ihn mit aufmunternden Worten auf die rechte Spur zu leiten.
„Du mußt viel weiter zurückdenken, Peter. Wie du noch klein warst, hast du sie gesehen … Wie du einmal in den Bergen warst … So – jetzt ist's aber leicht.“
Nun war Peter völlig bei der Sache. Er war schon ein paarmal in den Bergen gewesen, aber als kleiner Bub nur einmal. Wie lag das alles so weit zurück – – und wie lag es so schön und grüßte herüber … „Die Tante! Ist es die fremde Tante?“
„Ja, die ist's!“ jubelte Ruth. „Tante Trude! Du weißt doch, daß sie eine Norddeutsche ist? Na, Mutter und sie waren zusammen in Pension in der französischen Schweiz, und da waren sie Freundinnen, und nachher, wie Mutter heiratete, ist sie Rudolfs Patin geworden. Und nun hat ihr Mutter geschrieben, sie möge doch einmal kommen, weil Rudolf konfirmiert wird. Ich glaube, sie hatten sich schon lange nicht mehr geschrieben. Die Tante hat so viel Arbeit und kennt so viele Menschen, sagt Mutter. Ja, und nun hat sie geantwortet und hat gefragt, ob wir nicht einen Peter Niemeyer kennen, der werde jetzt wohl auch konfirmiert, und wenn wir nun doch schon ein paar Jahre in der Nähe vom Totengäßchen wohnten, müßten wir dich sicher kennen. Und dann schreibt sie, ihr hättet euch so lieb gehabt, wie du ein kleiner Junge gewesen, und sie lasse dich grüßen. Kannst du dich noch an sie erinnern?“
„Ja, schon ein wenig. Ich glaube, sie war sehr freundlich zu mir und hat mir manchmal geholfen. Aber ihr Gesicht – – nein, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.“
„Mutter sagt, sie sei der beste Mensch auf der Welt, und das stehe auch in ihrem Gesicht. Weißt du, sie arbeitet den ganzen Tag für andere, immer nur für andere, und denkt an sich nur so im letzten Augenblickchen. Mutter sagt, die kriegt mal einen guten Platz im Himmel … Peter!“
„Ruth?“ Peter ist wirklich gespannt, was nun kommen wird. Das Gesichtchen, das aus dem Dämmerschein zu ihm aufblickt, ist eines, das er noch nicht kennt. Warm und froh und ein bißchen sehnsüchtig schauen die großen Augen, die ein so treuer Spiegel des beweglichen Geistchens sind.
„Peter, ich habe schon zweimal vom Himmel geträumt, d. h. nur einmal war es der Himmel selbst. Das andere Mal war ich auf dem Weg dahin. Es war ein sehr schlimmer Weg, Peter. Weißt du, mit schrecklich viel Steinen und so großen Löchern, daß ich manchmal nicht wußte, wie hinüberkommen. Es waren viele, viele Kinder bei mir, und ich glaube, auch ein paar große Leute. Das weiß ich nicht mehr so recht … Ja, und wie wir so gingen, sahen wir ein großes, langes Haus. Darin mußten tausend Lichter brennen, denn aus allen Fenstern gingen Strahlen. Aber denke dir, Peter, gerade kurz vor dem Haus war ein so breiter Graben – – ich konnte einfach nicht hinüber, ich fürchtete mich. Und ich war so traurig, denn eine Menge Kinder gingen hinüber und gingen in das Haus hinein. Und da kam auf einmal ein Mann und nahm meine Hand … Ach, und da war ich so froh! Ich konnte nun gut weitergehen, und der Mann sprach zu mir. Ich weiß nicht mehr, was er sagte. Ich wußte es schon nicht mehr, wie ich aufwachte. Ich glaube, ich habe nicht gut aufgepaßt. Ich dachte immer: nie hast du eine so freundliche Stimme gehört, nie hat dich jemand so geführt … Ich war damals noch ein bißchen klein, Peter, es sind schon ein paar Jahre her. Ja, und nun gingen wir nach dem Haus, und es ging die Türe auf, und da war ein so großes Licht, daß ich es nicht ertragen konnte – – und ich wachte auf, und da war mein ganzes Zimmer voll Sonntagssonne und die Glocken läuteten … War das nicht ein schöner Traum, Peter?“
„Ja,“ sagte Peter und tat einen tiefen Atemzug, „das war ein schöner Traum. Und wer, glaubst du, ist der Mann gewesen, Ruth?“
„O, Peter! Hast du es nicht gespürt? Das war doch der Herr Jesus. Ich habe es gleich gewußt. Weißt du, nachher, wie ich ganz traurig war, daß ich mich nicht mehr an seine Worte erinnern konnte, habe ich gedacht, vielleicht hat er gesagt: Lasset die Kindlein zu mir kommen. Das hätte er doch gut sagen können, nicht, Peter?“
„Freilich, ja. Und was hast du sonst noch geträumt?“
„O, der andere Traum war vom Himmel selbst. Aber da war er kein Haus. Nein, eine große Wiese in den Alpen. Und gleich hinter der Wiese standen die weißen Berge, und davor war ein großer Stuhl, und da saß der liebe Gott. Er hatte einen mächtig langen Mantel an, der lag ganz breit auf der Wiese. Und eine Menge Menschen waren da. Ein paar standen ganz nahe bei ihm. Aber ich hatte auch ein feines Plätzchen, Peter! Und das Feine war, daß mich niemand sehen konnte! Denk' dir, ich saß in einem Zipfel von Gottes Mantel. Ich war ganz versteckt, und ich war so vergnügt. Aber nun solltest du gewiß gehen, Peter.“
„Ja, es ist Zeit. Aber ich darf doch wiederkommen?“
„O, Peter, nun sprichst du wie ein Herr. Wir sind doch keine großen Leute. Die fragen sich solche Sachen.“
„Na, also. Leb' wohl, Ruth. Vielleicht komme ich morgen wieder. Übrigens – kommt die Tante Trude eigentlich?“
„Nein. Sie kann nicht kommen. Es tut uns allen so schrecklich leid. Und sie hat geschrieben, sie hätte uns alle so gern kennen gelernt, und wir sollten ihr doch schreiben, dann kenne sie uns ein bißchen. Aber die andern wollen nicht. Nur Rudolf natürlich. Der muß sich doch auch bedanken. Aber Willy sagt, Briefe seien etwas Gräßliches, und Hans sagt, da habe er Gescheiteres zu tun. Und wie ich sagte, ich wolle schreiben, da sagten sie: Ja tu's nur, für ein Mädchen paßt das viel besser. Aber nun genier' ich mich doch ein bißchen, so allein. Oder – – Peter, könntest du nicht schreiben? Sie kennt dich ja sogar besser als uns. Willst du nicht?“
„Vielleicht. Ich sag's dir dann morgen. Gute Nacht, Ruth.“
„Gute Nacht, Peter.“
„… Als einen im Grund unerfreulichen Burschen meinst du dich vorstellen zu müssen. Da muß ich dir denn doch verraten, daß der Peter, der zu mir gekommen in jenem kurzen Brief, durchaus keinen unerfreulichen Eindruck hinterlassen hat. Er und das Sonnenkind Ruth zusammen haben mir einen sehr schönen Abend geschenkt, und ich hoffe ernstlich, es bleibe nicht bei diesem ersten Besuch.“
Peter las diese Stelle in Tante Trudes Brief wieder und wieder. Es war, als strecke sich ihm eine warme Hand entgegen: Sieh, da bin ich, komm' zu mir, ich verstehe dich. Und er freute sich, daß er Ruths Drängen nachgegeben und geschrieben hatte.
Frau Elisabeth war weniger erfreut. Schon die häufigen Besuche im Nachbarhaus hatten Anlaß zu allerlei spitzen Bemerkungen gegeben, und sie hatte ihrem Mann mehrfach die Frage vorgelegt, was nur Peter an dem magern kleinen Ding Schönes finden könne. Peter, der Ältere, hatte gelacht und gemeint: „Na, Betty, das ist nun ein Punkt, über den sich ewig streiten läßt. Dem einen gefallen dralle Backen, und dem andern gefällt so ein schmales Gesichtchen. Übrigens finde ich sie ein ganz nettes Ding, und ein wohlerzogenes. Sei nur froh, daß Peter nicht auf irgend ein albernes, kokettes Mädchen verfallen ist.“
Frau Elisabeth merkte, daß sie in dieser Angelegenheit bei ihrem Mann keine Unterstützung finden werde. „Er wird eben auch so gewesen sein,“ dachte sie ärgerlich, aber allmählich gewöhnte sie sich an Peters Freundschaft, und wenn sie auch kein gutes, verständnisvolles Wort dafür fand, so unterdrückte sie wenigstens die schlimmen.
Da kam die Sache mit dem Brief, und hier nun fand ihre Entrüstung ein Echo. Peter Niemeyer tadelte die Schreiberei als überspannt und lächerlich; Frau Elisabeth fühlte sich in ihren mütterlichen Rechten angegriffen. Eifersüchtige und aufreizende Bemerkungen flogen hinüber und wurden mit trotzigen und höhnischen beantwortet.
Eines Abends, als Peter mit weichen, versonnenen Augen am Fenster lehnte, trat Frau Elisabeth zu ihm.
„Mein lieber Bub,“ sagte sie und legte den Arm um ihn, „nun laß dir noch einmal in aller Liebe etwas sagen.“
Peter entzog sich jäh ihrer Umarmung. Er haßte diese Art von Liebesbezeugung, die immer die Einleitung zu Vorwürfen bildete und ihn von vornherein in eine rebellische Stimmung versetzte. Er hatte dies schon mit dürren Worten ausgesprochen, ohne eine Änderung herbeizuführen. Denn Frau Elisabeth gefiel sich in dieser mütterlichen Rolle, und sie konnte nachher um so schmerzlicher bei ihrem Gatten klagen: „Ich habe so freundlich angefangen, aber er läßt sich ja gar nichts sagen …“
Frau Elisabeth zog sich seufzend von Peter zurück. Sie setzte sich an ihren Nähtisch, brach in ein scheltendes Klagen aus über Peters Undankbarkeit, allgemeine Bosheit, Verschlossenheit und Absonderlichkeit. „Wozu willst du denn nach Halle schreiben? Die Person geht dich doch gar nichts an. Was soll denn die ganze Geschichte bedeuten?“
Peter, der mit gekünstelter Gleichmütigkeit zugehört und nur bei dem Wort „Person“ einen bösen Blick auf die Mutter geworfen, trat plötzlich dicht an sie heran. Langsam und schwer atmend stieß er hervor: „Warum ich schreibe? Vielleicht könnte es sein, weil ich auch einmal jemand brauche, der mich versteht, und zwar jemand, der nicht nur immer als Mutter geehrt sein will und immer von Mutterrechten spricht, sondern wirklich eine Mutter ist.“
Das waren harte Worte. Frau Elisabeth brach in Tränen aus und schluchzte, Peter werde einmal an ihrem Grab Buße tun, und ob er denn gar nicht an seine Konfirmation denke. Statt aller Antwort ging Peter pfeifend aus dem Zimmer; aber in seiner Stube pfiff er nicht mehr. Er saß und brütete vor sich hin in unseligen Gedanken, die sein feines Gesicht häßlich verzerrten.
Dann, als habe ihn ein lichter Geist berührt, glätteten sich seine Züge. Ganz plötzlich, in wirrer Ideenverbindung war ihm eine Erinnerung an die letzte Unterweisungsstunde aufgetaucht.
Der Pfarrer hatte die Szene gezeichnet, wie die Jünger, als sie mit Jesu gingen, zurückblieben und ins Streiten gerieten.
Und wieder erlebt Peter das Seltsame, Atemraubende, daß es ihm ist, als rollten die Jahrhunderte zurück in einer einzigen großen Bewegung – – und er ist mitten unter ihnen, ist einer von denen, die hinter Jesu gehen. Ein schmaler Weg durch hohes Korn … eine Gestalt … sie wendet sich, und aus ruhevollem Antlitz fragen ihn zwei tiefe Augen … Vorbei. Peter sitzt wieder in seiner Stube und fühlt sich erbärmlich und klein.
Ruth kann auch singen. Sie begleitet sich dazu auf der Gitarre, und Peter weiß eigentlich nicht, was er mehr liebt, die Geige oder Ruths Stimme. Das Geigenspiel ist vielleicht schöner, ja unbedingt schöner, aber Ruths Stimme ist, wie sie selbst, leicht und innig, glücklich und lachend. Nur wenn sie ernste Lieder singt, erlischt das Lachen, und dann kann Peter das traurige Stimmchen kaum ertragen.
„Heute weiß ich ein neues Lied, Peter. Ein wunderschönes. Paß' einmal auf. Ich habe es unter Mutters Noten gefunden. Aber es sind so viele Verse – ich habe mir nur die zwei ersten und den letzten gemerkt: