Herr Meister: Sie muß von einem Laden in den andern gehen und muß so vieles kaufen für die großen Töchter und Söhne und so vieles für die kleinen. Da hat sie Sorgen, aber es sind liebe Sorgen. Und dann kommen die Pakete nach Hause, und die Kleinen sind neugierig und möchten wissen (= ich weiß), was darin ist. Aber die Mutter sagt freundlich: »Nichts für euch, meine Lieben. Nichts für euch.« Und dann fragen die neugierigen Kleinen lachend: »Wann ist Weihnachten, liebe Mama? Haben wir dieses Jahr einen Weihnachtsbaum?« Und dann sagt die Mutter: »Ich weiß nicht, meine lieben Kinder, ob der Weihnachtsmann, das ist Sankt Klaus, dieses Jahr kommen wird.« »O Mama,« rufen die Kleinen, »wird der Weihnachtsmann kommen, o gute, liebe Mama, laß ihn kommen, laß ihn kommen.« »Ich glaube,« sagt die Mutter, »der Weihnachtsmann wird kommen und wird auch viel Schönes mitbringen, — wenn ihr immer gut seid und brav.« Alle Tage nun sagen die Kleinen:

»O Weihnachtsmann, o Weihnachtsmann,
Komm doch zu uns herein!
Wir bitten dich so lange schon,
Wir Kinder groß und klein.

O Weihnachtsmann, o Weihnachtsmann,
Vergiß nicht unser Haus.
Und schütte deinen Weihnachtssack
Auf unser Tischchen aus.

O Weihnachtsmann, o Weihnachtsmann,
Vergiß den Baum auch nicht
Mit Äpfeln, Nüssen, Zuckerwerk
Und manchem hellen Licht!

Wir wollen auch recht artig
Und folgsam immer sein.
O lieber, guter Weihnachtsmann,
Komm doch zu uns herein!«

Und der Weihnachtsabend kommt. Und die kleinen und großen Kinder sitzen alle zusammen in ihrer Stube und warten, bis die Mutter sie ruft. »Jetzt kommt Mama!« sagt der eine. Aber es war nicht die Mama, es war der Diener. »Jetzt aber kommt sie!« ruft ein anderer Ungeduldiger wieder. Aber es war eine andere Person. Da, — jetzt wird die Thür zur besten Stube geöffnet, und ein »Ah« kommt von den Lippen der Kinder. Sie sehen den Weihnachtsbaum in vollem Lichte.

»Das hat der Weihnachtsmann gebracht für meine guten Kinder,« sagt die Mutter, und die guten Kinder küssen Vater und Mutter, Großvater und Großmutter vor Freude. »O wie schön! wie schön!« rufen alle. »Sieh, sieh, was ich habe!« ruft der eine, und »O, sieh, was ich habe!« ruft der andere.

Draußen fällt der Schnee, und es ist bitterkalt, und der Wind bläst. Hier aber im warmen Zimmer scheint der Weihnachtsbaum in vielen, vielen kleinen Flammen und bringt Freude und Harmonie. Die große Schwester geht zum Piano und spielt, und alle singen:

Musik O Tannenbaum[X-1]

Das Lied ist nun zu Ende. Der Jüngste sitzt (ich sitze, ich saß, ich habe gesessen) auf Großpapas Schoß, und die Großmama erzählt von Jesus Christ, der das Heil in die Welt gebracht (ich bringe, ich brachte, ich habe gebracht). Alle hören, sind froh und glücklich. Hier ist ein Paradies auf Erden.

Bella: O, nun begreife (= verstehe) ich die Begeisterung (= Enthusiasmus), mit welcher unsere Freundin vom Weihnachtsbaum sprach.

Anna: Bella, wir wollen in diesem Jahre auch einen Weihnachtsbaum haben, und wir laden alle unsere guten Freunde ein.

Bella: Ihr Bruder Albert wird in Berlin viele Weihnachtsbäume sehen können.

Herr Meister: Gewiß. Wenn Sie am Christabend (oder Weihnachtsabend, das ist dasselbe) durch die Straßen Berlins gehen, dann ist es so hell, wie bei einer Illumination. Das kommt von den Lichtern an den Weihnachtsbäumen. Sie haben mir lange nichts erzählt von Ihrem Bruder Albert.

Louis: Ich glaube, mein Bruder wird (= will) mir nicht schreiben, bevor ich seinen deutschen Brief mit einem andern deutschen Briefe beantwortet habe, und ich kann noch keinen guten deutschen Brief schreiben.

Herr Meister: Wohl, mein Freund, wohl können Sie nun einen guten deutschen Brief schreiben. Versuchen Sie es zu Hause.

Louis: »Versuchen Sie es.« Was meinen Sie mit dem Wort »versuchen«?

Herr Meister: Ich meine, daß Sie zu Hause Feder und Papier nehmen und beginnen sollen, einen Brief zu schreiben. Sie werden sehen, es wird gut gehen.


Louis: Wohl, Herr Meister. Ich will es versuchen. Ich habe auch gestern Abend versucht, Sätze zu bilden aus dem einen Satze, den Sie uns gegeben haben, und ich habe hier .....

Bella: O, Anna, das haben wir vergessen!

Anna: Entschuldigen Sie uns, Herr Meister. Sie wissen (ich weiß, Sie wissen), wir haben so viel zu thun für Weihnachten. Wir müssen an den Weihnachtsbaum denken, an die Einladung, an die Gesellschaft und noch viele andere Dinge.

Herr Meister: Gewiß, mein Fräulein, ich begreife das sehr wohl. Nun, Louis, lassen Sie hören.


Louis: Sie sagten, Herr Meister: 1) »Ich hoffe, daß Sie schönes Wetter haben werden.« Ich habe so geschrieben:

2) Daß Sie schönes Wetter haben werden, hoffe ich;

dann habe ich:

3) Ich hoffe, Sie werden schönes Wetter haben.
4) Sie werden schönes Wetter haben; ich hoffe so.
5) Sie werden schönes Wetter haben; ich hoffe es.
6) Sie werden schönes Wetter haben; das hoffe ich.
7) Sie werden, ich hoffe, schönes Wetter haben.
8) Sie werden, so hoffe ich, schönes Wetter haben.
9) Sie werden, ich hoffe es, schönes Wetter haben.

Mehr Sätze, Herr Meister, konnte ich nicht finden.

Bella: Das haben Sie sehr gut gemacht, Louis. Nicht wahr, Herr Meister?

Herr Meister: Ganz gewiß. Ich stimme mit Ihnen überein (= ich denke, so wie Sie). Haben Sie dieselben Sätze, Otto?

Otto: Ja wohl, Herr Meister, und noch einige mehr. Ich habe: 10) Sie werden hoffentlich schönes Wetter haben, und: 11) Hoffentlich werden Sie schönes Wetter haben.

Louis: Diese Sätze konnte ich nicht finden. Ich glaube, diese sind die besten von allen. Herr Meister, können Sie noch einige finden?

Herr Meister: Lassen Sie mich eine Minute denken. So: »Ich habe die Hoffnung, daß Sie schönes Wetter haben werden,« und: »Ich bin der Hoffnung, daß Sie schönes Wetter haben werden.« Aber diese Sätze sind nicht so gut, wie Ottos.

Bella: Ich glaube, es wird sehr gut für uns sein, oft solche Sätze umzuschreiben.

Herr Meister: Das denke ich auch.

Louis: Herr Meister, wollen Sie schon gehen?

Herr Meister: Ich muß. Ich kann heute nicht länger das Vergnügen haben, mit Ihnen zu sprechen.

Louis: Haben Sie denn auch so viel zu thun, Herr Meister?

Herr Meister: Sehr viel, Louis, sehr viel. Darum sage ich Adieu bis auf morgen.

Alle: Auf Wiedersehn!





Section footer









Section 11

XI.



Bella: Herr Meister, ich möchte Sie etwas fragen.

Herr Meister: Bitte, mein Fräulein, ich werde Ihnen mit Vergnügen antworten.

Bella: Ich habe bei meiner deutschen Freundin dieses Zeichen FFFF so oft gesehen an so vielen Dingen, an Gläsern, an den Taschentüchern; ihr Herr Gemahl, der Dr. Stellen hat auch dasselbe Zeichen auf seinen Hausschuhen. Ich glaubte erst, es sei ein Kreuz, aber es ist keines; dann glaubte ich, es sei das Wappen meines Freundes, aber der Herr Dr. ist kein Baron und kein Graf, sondern ein Bürger. Ich wollte meine Freundin nicht gern fragen, weil ich schon zu viel gefragt hatte.

Herr Meister: Ich vermute (= ich denke), der Gemahl Ihrer deutschen Freundin ist ein Turner, und dieses Zeichen hier ist das Zeichen, das alle Turner haben und lieben; es ist ein vierfaches F; des Turners Motto hat viermal F, und es heißt: Frisch, Frei, Froh, Fromm.

Sei frisch in der That,
Sei frei im Denken,
Sei froh im Sinn und
Sei fromm. Bete zu Gott und thue seinen Willen.

Anna: Das ist ein schöner Spruch (sprechen, Spruch).

Herr Meister: Nicht wahr? Aber was haben Sie denn, Louis?

Bella: Warum lächeln Sie so, Louis?

Anna: Louis, Sie müssen nicht leise mit Ihrem Bruder sprechen, wenn wir hier sind. Sprechen Sie laut, bitte.

Otto: Ich werde Ihnen sagen, warum mein Bruder lachte und leise mit mir sprach. Er hat wieder einen deutschen Brief von unserm Bruder Albert in Berlin.

Louis: Ja, denken Sie, wie merkwürdig (= wunderbar), Fräulein Anna. Gestern noch sagte ich Ihnen: »Ich glaube, mein Bruder ist böse mit mir, weil ich seinen deutschen Brief noch nicht beantwortet habe,« und als ich nach Hause kam, sagte mir Mama: »Louis, ich habe hier einen Brief für dich von unserm Albert, ich kann ihn nicht lesen, er ist deutsch. Sieh, ob du ihn verstehen wirst.« »O, Mama,« sagte ich, »ich verstehe jetzt alles im Deutschen.« Ich nahm (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) den Brief, las (ich lese, ich las, ich habe gelesen) ihn und verstand ihn, und sagte alles meiner lieben, guten Mama im Englischen.

Herr Meister: Ich freue mich sehr, das zu hören.

Louis: Aber ist es nicht wunderbar, daß er in diesem Brief auch von den Turnern spricht?

Bella: Von Turnern?

Louis: Ja, darum habe ich ja so gelacht, als Sie mit Herrn Meister über »Turnen« sprachen.

Herr Meister: Hier würde ich nicht das Wort »wunderbar« gebrauchen, sondern »merkwürdig«; in der That ist es merkwürdig, daß Sie gestern von Ihrem Bruder sprachen und dann einen Brief von ihm vorfanden, als Sie nach Hause kamen; und ebenso merkwürdig ist es, daß er über Turnen spricht. Ich möchte wohl hören, was er schreibt.

Louis: Ich werde Ihnen den Brief vorlesen, wenn Sie es wünschen.

Alle: Bitte, bitte!

Louis (liest):

Teuerer Bruder Louis!

Ich habe Dir am sechsten September einen deutschen Brief geschrieben, und ich habe heute noch keine Antwort. Wie kommt das? Papa schreibt mir, Du studierst Deutsch. Kannst Du noch nicht Deutsch schreiben? Ich hoffe, Du bist so wohl, wie ich bin. Wir Studenten haben jetzt vier Wochen Ferien, das ist, wir sind vier Wochen frei und brauchen nicht zur Universität zu gehen. Professoren und Studenten wollen Weihnachten feiern.

Hier schicke ich Dir meine Photographie. Du wirst Dich wundern, mich im Winter in Kleidern von weißem Linnen zu sehen und fragen: »Ist es im Dezember in Berlin so warm, daß die Leute in weißem Linnen gehen?«

O, mein Freund, es ist hier sehr kalt, so kalt wie in New York. Der Wind bläst durch die Straßen, und der Schnee liegt zwei Fuß hoch. Nicht alle Leute gehen jetzt in Linnen. Auch ich gehe nicht immer so, nur einmal in der Woche, am Mittwoch Abend von acht Uhr bis zehn; — dann bin ich in der Turnhalle, denn ich muß Dir nur sagen, ich bin in einem Turnklub oder einem Turnvereine. Mittwoch Abend bin ich in der Turnhalle, und habe Gymnastik. O, wie ist das schön, mein lieber Louis, mit hundert, oft zwei hundert Männern nach der Musik zu marschieren oder springen. Wir laufen, schwingen, fechten, boxen und tanzen; kurz, wir thun alles, was uns stark und gesund macht. Ah, seitdem ich turne, befinde ich mich wohl. Du weißt ja, ich war früher in New York oft sehr nervös. Seitdem ich Turner bin, bin ich frisch und wohl, bin immer fröhlich und studiere mit Freude. Hier in Deutschland ist das Turnen an allen Schulen obligatorisch; das heißt: In allen Schulen muß geturnt werden, und alle Schüler müssen so gut turnen lernen, wie schreiben und lesen. Ist das nicht schön? Ich meine, gewiß Ludwig Jahn war ein weiser Mann. Du mußt nämlich wissen, Ludwig Jahn hat zuerst das Turnen begonnen mit wenigen Schülern hier in Berlin im Jahre 1811, und heute haben wir Turnhallen in ganz Deutschland, und viele tausend Studenten ehren (= respektieren) den »Turnvater« Jahn. Aber ist es nicht traurig, daß es so oft den Männern schlecht geht, die der Welt Gutes thun? So ging es Columbus, so ging es Galilei, so ging es Johann Gutenberg, dem Erfinder der Buchdruckerkunst, so ging es Schiller und auch dem Turnvater Jahn. Warum sind die Menschen (= Leute) so undankbar gegen die Männer, die ihnen Gutes thun? Nach dem Tode, ja nach dem Tode ehrt man die großen Männer, aber erst nach dem Tode! Da ich vom Traurigen spreche, so will ich Dir auch mitteilen (= schreiben), daß Bayard Taylor, der amerikanische Gesandte, der Schriftsteller (= Autor), Poet und Reisende, tot ist. Alle Amerikaner Berlins waren an seinem Sarge. Tausende von Menschen waren da, und auch die besten Schriftsteller Deutschlands, wie Berthold Auerbach, Paul Lindau, Paul Heyse, Friedrich Spielhagen und Julius Rodenberg. Berthold Auerbach, ein persönlicher Freund von Bayard Taylor, sprach wunderschön an seinem Sarge. Ich sehe, Deutschland fühlt den Verlust des Mannes so tief wie Amerika und trauert.

Bei meiner Photographie in diesem Briefe ist noch eine andere, die Photographie einer alten Burg (= das Kastell), »die Wartburg.« Am elften August dieses Jahres war der hundertjährige Geburtstag unseres Turnvaters Jahn, und die Turnvereine Deutschlands machten eine Exkursion oder Turnfahrt nach der Wartburg. Warum die deutschen Turner gerade nach dieser alten Burg gehen, würdest Du wohl verstehen, wenn Du die Rede meines Freundes Heinrich gehört hättest. Ich schreibe Dir das, was ich heute noch weiß. Mein Freund begann so:

»Turnbrüder, Freunde! Aus allen Enden unseres schönen, deutschen Vaterlandes sind wir heute hierher gekommen, um ein Fest zu feiern: den hundertjährigen Geburtstag unseres Turnvaters Jahn. Warum, meine Brüder, kommen wir hier zusammen, in dieser alten, alten Burg? Weil dieser Ort (= der Platz) allen Deutschen so teuer ist, so teuer sein muß; und wie Gott einst zu Moses sprach, so will ich zu Ihnen sprechen: Nehmet eure Schuhe von euren Füßen, denn das Land, auf dem ihr steht, ist heilig. Dieses Thüringen, meine Brüder, dieses Thüringen ist heilig; der Boden, auf dem ihr steht, ist heilig, und die Steine, die ihr hier seht, sind heilig. In dieser Burg lebte die heilige Elisabeth; hier lebten und dichteten (= schrieben die Gedichte) die großen Poeten unserer alten deutschen Litteratur; hier schrieb Walther[XI-1] von der Vogelweide seine schönen Lieder; hier lebte Wolfram von Eschenbach; hier kämpften die alten Ritter so manchen harten Kampf mit dem Schwerte, und hier kämpften auch die edlen Ritter des Gesanges und der Poesie den edlen Kampf in der Kunst, — den Sängerkrieg auf der Wartburg. Hier in diesen Mauern lebte auch Luther; hier schrieb er seine deutsche Bibel, und hier gab er uns die deutsche Sprache, die wir heute sprechen. Ist dieses nicht heilige Erde, meine Brüder?

Und sehen Sie dort, — nur wenige Meilen von hier, da lebten auch Herder und Wieland, und Schiller und Goethe. O Thüringen, mein Thüringen, du bist mir teuer! Du bist das Herz Deutschlands, und die Kultur, unser Leben kommt von dir und geht in alle, alle Teile. Darum lieben wir dich, mein Thüringen, mit unsrem ganzen Herzen.

Und nun, ihr Turnbrüder, alle, rufet: 'Thüringen, Thüringen, lebe hoch!'« So sprach mein Freund.

O, lieber Louis, Du hättest das »Hoch« hören sollen, das Hoch von tausend starken Männern gerufen. Du hättest den Enthusiasmus sehen sollen! Ich werde das niemals, niemals vergessen.

Aber hier will ich meinen Brief schließen (= enden), er ist lang, nicht wahr?

Grüße mir Deine Freundinnen Anna und Bella und auch Herrn Meister. Wunderst Du Dich, daß ich den Namen Deiner Freunde kenne? Ah, ein kleiner Vogel kam aus New York nach Berlin und sagte mir alles.

Schreibe bald
Deinem treuen Bruder
        Albert.

Louis: Nun, wie gefällt Ihnen dieser Brief?

Herr Meister: Sehr gut, Louis.

Bella: Er ist sehr interessant.

Anna: Ich möchte Ihren Bruder als Turner sehen.

Otto: Wenn ich nach Deutschland komme, so muß ich auch nach Thüringen gehen und die Wartburg sehen. Aber eins möchte ich Sie fragen, Herr Meister; mein Bruder Albert schreibt von einem altdeutschen Dichter Walther[XI-1] von ..... von ..... bitte, laß mich den Brief einen Augenblick (= Moment) sehen, Louis.

Louis: Hier, Otto.

Otto: Danke, Walther[XI-1] von ..... wo ist es .....? so hier ..... ich habe es ..... Walther[XI-1] von der Vogelweide. Ich habe nie von ihm gehört. War er ein guter Poet?

Herr Meister: O, gewiß, Otto. Walther[XI-1] von der Vogelweide hat wundervolle Gedichte geschrieben. Er war ein großer Freund (von) der Natur, und vor allem liebte er die Vögel. Bevor er starb, machte er auch ein Testament für die Vögel; er schrieb: die Vögel sollen jeden Tag mit Brot und Wasser auf meinem Grabe gespeist werden.

Anna: Ist das nicht allerliebst?

Bella: Ja, das ist wundervoll, und unser Longfellow hat ein schönes Gedicht geschrieben: »Walther[XI-1] von der Vogelweide«; ich will es gerne im Englischen sagen, wenn Sie mir erlauben wollen, Herr Meister?

Herr Meister: Bitte, Bella, ich möchte es hören.

Bella:

WALTER VON DER VOGELWEID.

Vogelweid the Minnesinger,
When he left this world of ours,
Laid his body in the cloister,
Under Würzburg's minster towers.

And he gave the monks his treasures,
Gave them all with this behest:
They should feed the birds at noontide
Daily on his place of rest;

Saying, "From these wandering minstrels
I have learned the art of song;
Let me now repay the lessons
They have taught so well and long."

Thus the bard of love departed;
And, fulfilling his desire,
On his tomb the birds were feasted
By the children of the choir.

Day by day, o'er tower and turret,
In foul weather and in fair,
Day by day, in vaster numbers,
Flocked the poets of the air.

On the tree whose heavy branches
Overshadowed all the place,
On the pavement, on the tombstone,
On the poet's sculptured face,

On the cross–bars of each window,
On the lintel of each door,
They renewed the War of Wartburg,
Which the bard had fought before.

There they sang their merry carols,
Sang their lauds on every side;
And the name their voices uttered
Was the name of Vogelweid.

Till at length the portly abbot
Murmured, "Why this waste of food?
Be it changed to loaves henceforward
For our fasting brotherhood."

Then in vain, o'er tower and turret,[XI-2]
From the walls and woodland nests,
When the minster bells rang noontide,
Gathered the unwelcome guests.

Then in vain, with cries discordant,
Clamorous round the Gothic spire,
Screamed the feathered Minnesingers
For the children of the choir.

Time has long effaced the inscriptions
On the cloister's funeral stones,
And tradition only tells us
Where repose the poet's bones.

But around the vast cathedral,
By sweet echoes multiplied,
Still the birds repeat the legend
And the name of Vogelweid.

Herr Meister: Ich danke Ihnen, Bella. Das Gedicht ist schön.

Otto: Ich will versuchen, ein deutsches Gedicht davon zu machen.

Herr Meister: Thun Sie das, Otto.

Herr Meister: Ich möchte noch sagen: Wie die Turnvereine, so kommen auch die Gesangvereine oft nach Thüringen und auf die Wartburg.

Louis: Gesangvereine? Sind das nicht Klubs, die da singen?

Herr Meister: Gewiß, Louis.

Anna: Hat Deutschland viele Gesangvereine?

Herr Meister: Sehr viele, mein Fräulein, sehr viele; mehr Gesangvereine als Turn– und Schützenvereine; Sie wissen ja, Deutschland ist das Land der Musik.

Bella: Ja, das ist wahr, und darum habe ich Deutschland immer so bewundert.

Otto: Herr Meister, ich habe so oft gedacht: Wie kommt es doch, daß Deutschland die meisten und größten Musiker in der Welt hat: Beethoven, Mozart, Weber, Haydn, Schumann, Gluck, Schubert, Händel, Bach, Mendelssohn, Meyerbeer, Wagner und .....

Bella: Und Strauß; ah, vergessen Sie Strauß nicht, Otto, Strauß, der die schönen Walzer komponiert.

Otto: O, gewiß, Fräulein Bella, Strauß und noch viele, viele andere.

Louis: Herr Meister, Sie haben uns sehr schöne Anekdoten von Beethoven, Mozart und Haydn erzählt, aber nicht eine von den anderen Komponisten.

Herr Meister: Freund Louis, das will ich später einmal thun. Heute will ich nur noch bemerken (= sagen), der Freund Ihres Bruders, Herr Heinrich, könnte (ich kann, ich könnte) auch noch sagen, daß in diesem Thüringen die Brüder Grimm ihre schönsten Märchen gefunden haben. Und ferner (= auch), meine Freunde, will ich bemerken, daß wir auch bald Weihnachtsferien nehmen müssen, und daß[XI-3] ich einige Monate nicht in der Stadt sein werde, ich werde verreisen.

Bella: Ach!

Anna: O, Herr Meister!

Louis: Das ist schade!

Otto: Das bedauere ich recht sehr, Herr Meister.

Herr Meister: Auch mir thut es sehr leid. Bevor wir aber heute scheiden (= gehen), will ich Ihnen noch ein Märchen von Grimm erzählen.

Anna: Das ist schön, Herr Meister!

Herr Meister: Ein Mann hatte eine Frau und eine Tochter. Die Frau war sehr krank, und als sie ihr Ende nahe fühlte, rief sie ihre Tochter an das Bett und sagte: »Mein Kind, ich kann nicht mehr bei dir sein, ich muß von dir gehen auf lange, lange Jahre; aber wenn ich nicht bei dir bin, so denke immer an den lieben Gott und thue das Gute, so wird der liebe Gott auch bei dir sein und dir helfen.« Bald darauf (= nicht lange) hatte das Kind keine Mutter mehr. Der liebe Gott hatte sie zu sich genommen.

Der Mann aber nahm eine andere Frau; die hatte kein gutes Herz, und ihre zwei Töchter auch nicht, und ihre Töchter waren nicht schön, und sie war böse mit ihrer Stieftochter, weil sie so schön war. Ihre Töchter hatten es gut und hatten das Beste und hatten alles, was sie wollten, und ihre Stieftochter hatte nichts. Sie durfte (ich darf, ich durfte) nicht in das Zimmer kommen, sie mußte arbeiten und immer in der Küche bleiben, und oft war sie voll mit Asche, und die Stiefmutter rief sie dann immer: »Aschenputtel! Aschenputtel!« und alle gaben ihr nun den Namen »Aschenputtel.« O, arme Aschenputtel! Ihr Vater sah alles, aber er mußte still sein, denn die zweite Frau war ja so böse!

Einmal ging der Vater auf lange Zeit von Hause, und er fragte die Töchter: »Was soll ich für euch nach Hause bringen?« Die eine sagte: »Ich will Perlen.« Die andere sagte: »Ich will Diamanten.« Aschenputtel aber sagte: »Bring' mir, lieber Vater, ein kleines Bäumchen, ich will es auf das Grab meiner Mutter pflanzen.«

Der Vater ging, und als er wieder nach Hause kam, brachte (ich bringe, ich brachte, ich habe gebracht) er für die eine Tochter Perlen, und für die andere Diamanten, aber für Aschenputtel hatte er ein schönes Bäumchen, und sie pflanzte das Bäumchen auf das Grab ihrer guten Mutter, und oft, wenn es so schlimm war im Hause für sie, ging sie auf das Grab, setzte sich unter das Bäumchen und dachte an ihre gute Mutter und betete: »O guter Gott, bring' mich zu meiner Mutter in den Himmel, denn hier auf Erden hab' ich keine Freuden, aber viel Leiden (= Böses).« Dann sangen die Vögel auf dem Bäumlein so schön; Thränen kamen aus Aschenputtels Augen, und im Herzen war sie wieder froh. Darum war sie gut mit den Vögeln und gab ihnen Körner und Brot, und die Vögel kannten (ich kenne, ich kannte, ich habe gekannt) sie und waren ihre Freunde.

In der Stadt aber war ein Prinz, jung und schön, und er wollte auch eine schöne Frau haben, und in seinem Palaste gab er darum einen Ball. Alle Mädchen konnten kommen, und die schönste von ihnen sollte seine Frau werden und Königin im Lande.

Aschenputtel wollte auch gern gehen, aber die Mutter nahm einen Sack voll mit Linsen und warf (ich werfe, ich warf, ich habe geworfen) sie in die Asche und sagte: »Nimm (= ich nehme) alle diese Linsen aus der Asche, und wenn du es gethan hast, magst du gehen.«

Da öffnete Aschenputtel die Thüre und rief: »Kommt ihr Vöglein all, denn ich will zum Ball.« Und alle kamen, alle ihre kleinen Freunde, und pickten die Linsen aus der Asche.

Die Stiefmutter aber hatte die Vöglein nicht gesehen, und da sie keine Linsen mehr in der Asche fand, war sie böse und nahm die Linsen und warf die Linsen noch einmal in die Asche und sagte: »So, nun thue es noch einmal.«

Und wieder öffnete Aschenputtel die Hausthüre, und wieder kamen ihre kleinen Freunde, die Vöglein, und pickten die Linsen aus der Asche.

Da fragte Aschenputtel die Mutter: »Kann ich nun zum Balle gehen?« Sie aber sagte: »Nein, du bleibst im Hause, denn ich will gehen mit meinen Töchtern.« Und sie ging mit ihren zwei Töchtern.

Aschenputtel aber ging auf das Grab ihrer Mutter und sagte zum Bäumchen:

»Bäumlein, Bäumlein,
Schüttele dich,
Wirf Gold und Silber
Über mich.«

Und das Bäumlein schüttelte sich und warf über sie ein Kleid, ha! das glitzerte von Gold und Silber, und auf ihrem Haar hatte sie Perlen und Diamanten, und an ihren Füßchen hatte sie ein Paar Schuhe von Gold, die waren so klein. Und da war auch ein Wagen mit vier weißen Pferden. Aschenputtel setzte sich in den Wagen und fuhr vor des Prinzen Palast. Alle tanzten in der schönen Halle. Als aber Aschenputtel kam, standen alle still, wunderten sich und riefen: »O, wie schön! Wer ist sie?«

Und der Prinz kam zu ihr, tanzte mit ihr und fragte sie: »Was ist dein Name, schöne Prinzessin, wo ist deines Vaters Palast?« Aschenputtel aber sagte nichts, und die andern auch nicht, denn niemand (= keine Person) kannte sie, auch die Mutter und die Töchter nicht.

Nach Mitternacht ging die Mutter nach Hause. Aschenputtel war vor ihnen nach Hause gefahren und lag in der Küche, und die Mutter meinte, sie schliefe (ich schlafe).

Am nächsten Abend war wieder Ball. Die Mutter ging wieder mit den Töchtern in des Prinzen Palast, und Aschenputtel ging wieder auf das Grab der Mutter und sagte zum Bäumlein:

»Bäumlein, Bäumlein,
Schüttele dich,
Wirf Gold und Silber
Über mich.«

Und ein Kleid fiel vom Bäumchen, das war wie Gold und Silber und noch schöner als das erste, und in ihren Haaren hatte sie Perlen und Diamanten, und an ihren Füßchen hatte sie ein Paar Schuhe, die waren so klein, und bei dem Bäumlein stand ein Wagen mit vier schwarzen Pferden. In den Wagen setzte sich Aschenputtel, kam vor des Prinzen Palast und ging in den schönen Saal.

Da riefen alle und auch die Mutter mit den Töchtern: »Da ist die Prinzessin wieder, da — da — wie schön, wie reich sie ist!«

Und der Prinz ging zu Aschenputtel und tanzte mit ihr allein und mit niemand mehr den ganzen Abend. Und wieder fragte der Prinz: »Schöne Prinzessin, o sage mir, was ist dein Name, und aus welchem Lande kommst du?« Sie aber sagte wieder nichts. Mitternacht kam, und sie ging aus dem Saale, setzte sich in den Wagen, und so schnell rollte der Wagen dahin, daß der Prinz ihr nicht folgen konnte.

Als die Mutter nach Hause kam, lachte sie mit ihren zwei Töchtern, denn Aschenputtel lag in der Küche und schlief.

Nun kam der dritte Abend, da wollte der Prinz die Schönste zu seiner Gemahlin nehmen. Alle waren da und auch Aschenputtel; ihre Kleider waren noch reicher und noch schöner als zuvor, und sie selbst war auch die Schönste von allen. Der Prinz sprach mit ihr allein und tanzte nur mit ihr. Mitternacht ging sie wieder aus dem Saale, sie wollte schnell in ihren Wagen und verlor einen Schuh und brachte nur einen Schuh nach Hause. Als die Mutter nach Hause kam, rief sie: »Seht, meine Töchter, da liegt sie bei der Asche und schläft, o, seht doch da, seht den Aschenputtel da!«

Der Prinz aber hatte den einen goldenen Schuh gefunden. »Mit diesem Schuhe muß ich sie auch finden!« sagte er. Und der Prinz ging in alle Häuser der Stadt, aber der Schuh war für alle Mädchen zu klein. Er kam auch in Aschenputtels Haus. Die Stiefmutter war froh und dachte: »Ha, nun kann meine Tochter Prinzessin werden!« Aber der Schuh war zu klein für die eine und für die andere auch. Von Aschenputtel sagte die Mutter kein Wort. Der Prinz aber sprach: »Ihr habt noch eine Tochter, ich weiß es; ich will sie sehen.« »O,« sagte die Stiefmutter, »die ist nicht für Euch, mein Prinz, sie ist in der Küche und ist nicht schön.« Aber der Prinz wollte sie sehen, und Aschenputtel kam in das Zimmer. Und der Prinz rief: »Das ist sie, ja, das ist sie. Das ist dein Schuh! Ja, liebes Mädchen, du bist mein, mein!« Und der Prinz setzte Aschenputtel auf sein Pferd, und beide ritten vom Hause.

Aschenputtel aber ging noch einmal auf das Grab, und dachte an ihre gute Mutter und dankte dem lieben Gott, daß er so gut war mit ihr. Die Vöglein sangen so froh, so froh. Und Aschenputtel kam mit dem Prinzen in den Palast und war die Gemahlin des Prinzen, und sie waren glücklich ihr Lebenlang.

Anna: Und?

Herr Meister: Hier ist das Ende, mein Fräulein.

Anna: Das ist schade!

Herr Meister: Wir müssen nun nach Hause gehen,[XI-4] Otto, es ist spät, nicht wahr? Meine Freunde, werde ich Sie heute Abend in meinem Hause sehen?

Alle: O gewiß, Herr Meister, wir kommen alle.

Louis: Und morgen bringe ich auch meinen deutschen[XI-5] Brief.

Adieu! Adieu!





Section footer









Section 12

XII.



Otto: Meine Damen, wie befinden Sie sich (= wie sind Sie) heute nach der Gesellschaft?

Bella: Danke Ihnen, Otto, sehr wohl. Das war ein schöner Abend, nicht wahr, Louis?

Louis: Gewiß, mein Fräulein. Alles war wundervoll, und die Damen waren so reizend (= schön), besonders Sie, Fräulein Anna und Sie, Fräulein Bella, und Herrn Meisters Töchter Martha und Gretchen auch.

Otto: Mein Bruder Louis konnte lange, lange nicht einschlafen, und dann sprachst du noch im Traume vom Kotillon. Weißt du das, Louis?

Louis: So? Das kommt davon, weil ich noch gestern Abend nach dem Balle an meinen Bruder Albert geschrieben habe. Sehen Sie, meine Damen, hier ist der Brief.

Anna: Haben Sie Deutsch geschrieben?

Louis: O gewiß!

Bella: Wollen Sie Ihren Brief nicht vorlesen?

Louis: Mit Vergnügen. Bis Herr Meister kommt,[XII-1] bin ich hoffentlich damit zu Ende.

Louis (liest):

»Teurer Albert!

Deine beiden deutschen Briefe habe ich erhalten, ich habe sie gelesen und verstanden. O, ich wünsche, ich könnte auch so gut Deutsch schreiben, wie Du. Ich studiere jeden Tag bei Herrn Meister und hoffe, die deutsche Sprache hier gut zu lernen; so gut, als wäre ich in Deutschland. Ich bedauere nur, daß Herr Meister morgen von uns geht und einen Monat oder auch zwei nicht in der Stadt sein wird. Ich liebe und bewundere ihn und glaube, er ist mir so gut, wie ich ihm bin. Vor einer halben Stunde kam ich aus seinem Hause. Da war große Gesellschaft. Viele interessante Personen habe ich gesehen, viele gelehrte Herren, Doktoren, Journalisten, Schriftsteller und Schriftstellerinnen, und von der Schönheit der Damen waren meine Augen fast geblendet. Ich möchte Dir über alles schreiben, aber wo soll ich beginnen? wo enden? Über einen Tanz muß ich Dir doch schreiben, einen Tanz, der mir sehr gut gefallen hat. Es ist der Kotillon.

Es war Mitternacht, genau zwölf Uhr, da brachten die Diener einen Tisch in die Mitte des Saales. Auf dem Tische sah ich Blumen, Blumensträuße (= Bouquets), Medaillons, Früchte und noch viele, viele andere Dinge; ich konnte nicht alles übersehen. Die Diener stellten dann Stühle in einem weiten Zirkel um den Tisch. Damen und Herren setzten sich. Bruder Otto saß neben Bella, und ich neben Anna. Die Musik begann einen Walzer zu spielen, und ein Herr Dr. Stellen aus Köln eröffnete mit Fräulein Martha Meister den Kotillon. Sie tanzten eine Runde. O, da hättest Du Fräulein Martha sehen sollen! Welche Grazie! Welche Schönheit! Alle bewunderten sie, und ich weiß, mein lieber Albert, sie hätte Dir auch gefallen. Als sie an den Tisch kamen, nahm Herr Dr. Stellen einen Lilienstrauß und gab ihn Fräulein Martha, dafür gab (ich gebe, ich gab, ich habe gegeben) sie ihm ein Medaillon. Sie tanzten wieder eine Runde durch den Saal und setzten sich. Nun stand mein Bruder Otto auf und tanzte auch; tanzte bis an den Tisch und gab in die Hand seiner Freundin Bella einen Spiegel (= Glas). Otto brachte (ich bringe, ich brachte, ich habe gebracht) dann sechs Herren an den Tisch. Diese stellten sich hinter Fräulein Bella, so daß Fräulein Bella sie (= die sechs Herren) in dem Spiegel sah, und wenn Fräulein Bella mit der Hand nach der rechten Seite winkte, so setzte sich ein Herr auf einen Stuhl zur rechten Seite: und wenn Fräulein Bella nach der linken Seite winkte, so mußte sich ein Herr auf einen Stuhl zur Linken setzen. So, nun saßen alle Herren, und Fräulein Bella engagierte mich zu einem Tanze. Welche Ehre für mich! Die Herren auf der rechten Seite engagierten nun Damen und tanzten. Die Herren auf der linken Seite aber mußten auf ihrem Stuhle sitzen, bis wir zu Ende waren; o, die armen, armen Menschen! Fräulein Anna, meine Freundin, hat sehr viel getanzt; ich fürchte, zu viel; sie tanzt sehr gut und sehr schön. Der Kotillon dauerte zwei Stunden, aber immer war er interessant, immer kam etwas Neues, immer eine andere Form. Herr Meister hat alles sehr schön geordnet. Du mußt mich, mein lieber Albert, entschuldigen. Ich will schließen, denn ich bin müde. Ich schreibe Dir bald mehr, vielleicht morgen. Für heute sage ich Dir gute Nacht, schlafe wohl — und denke oft an Deinen Bruder

Louis.«

Bella: Aber, Louis, Sie schreiben ja einen sehr guten Brief.

Otto: Unser Bruder Albert hat gewiß schon oft den Kotillon gesehen; in Deutschland wird der Kotillon viel getanzt und .....

Anna: Da kommt Herr Meister.


Herr Meister: Guten Tag, meine Freunde. Wollen Sie gütigst entschuldigen, daß ich so spät komme?

Louis: Wir glaubten (= dachten), Sie wären nicht wohl und könnten nicht kommen.

Herr Meister: Nein, mein lieber Louis; ich bin wohl und bin glücklich, weil alle in meinem Hause gestern so glücklich waren.

Anna: Ja, glücklich waren wir alle, und es war bis heute der schönste Abend in meinem Leben, ich werde noch lange, lange an ihn denken.

Bella: Herr Meister, ich bin ein wenig neugierig, ich möchte sehr gern wissen, warum Sie heute so spät kommen. Es ist dieses die letzte Stunde für lange Zeit, und gewiß ..... Ah, Sie lächeln — gewiß, gewiß, Sie haben einen Grund.

Herr Meister: Wohl gesprochen, mein liebes Fräulein. Erraten Sie, erraten Sie: Warum komme ich spät?

Bella: Warum Sie spät kommen, ja, das weiß ich nicht, ich kann nicht raten, Herr Meister, heute nicht; gewiß, ich kann nicht.

Otto: Ich vermute (= denke), das kleine Paket in Ihrer Hand ist der Grund Ihres Spätkommens.

Herr Meister: Erraten! Sie haben es erraten, Otto.

Louis: Und was ist darin, Herr Meister?

Herr Meister: Nun, sind auch Sie neugierig, Louis?

Anna: Sagen Sie es, Herr Meister, bitte, bitte!

Herr Meister: O, nein, nein, noch nicht.

Bella: Ah, Herr Meister, Sie sind heute in sehr guter Laune.

Herr Meister: Ja, meine Lieben, das bin ich, und wie könnte ich anders sein! Monate lang komme ich zu Ihnen, oft zwei Mal an einem Tage, und spreche mit Ihnen in meiner Muttersprache, und .....

Louis: O, ich liebe Ihre Muttersprache, Herr Meister!

Herr Meister: ..... und wir sind die besten Freunde geworden.

Louis: Ja, Herr Meister, das sind wir geworden.

Herr Meister: Und wissen Sie auch, was das heißt (= ist): »Wir sind Freunde«? Wissen Sie, was es heißt: »Ich habe einen Freund. Ich habe einen Freund, der fühlt, wie ich, — einen Freund, der mir gehört«? Muß dieser Gedanke uns nicht glücklich machen? Und welche Wunder thut dieser Gedanke! Die Freude fühlen wir doppelt, das Leid nur halb. Ich bitte, lassen Sie mich zum Ende noch wenige Worte sprechen.

Bella: O, bitte, Herr Meister, sprechen Sie noch recht viel! Ich höre Sie so gerne Deutsch sprechen, es klingt so musikalisch.

Herr Meister: Sie haben recht, mein Fräulein. Deutsch, schön gesprochen, klingt musikalisch. Freundschaft! Die Freundschaft und die Liebe zu allem, was groß ist und gut und schön, macht uns selbst gut, groß, schön, und stark, das Größte zu thun. Freundschaft und Liebe ist überall in der Natur. Kommen Sie mit mir, meine teuren Freunde, in das Feld. Früh am Sommermorgen, wenn die Sonne den Tau von Gras und Blumen küßt, — o sehen Sie dann, sehen Sie wie diese Blumen alle lächeln; hören Sie nur, wie diese Bäume wispern in stiller Freude, und wie die Vögel singen, und die Insekten so fröhlich summen, so froh!

Sie alle freuen sich, sie alle sind glücklich, denn die Sonne sendet ihre Strahlen. Das ist Freundschaft zwischen Sonne und Erde, und in dieser Freundschaft zwischen Sonne und Erde wird alles groß und reif. In dem Wald! Wie kühl, wie frisch! Alles ist so still, ich höre nur das Murmeln des klaren Baches. Kommt, dieser Bach ist nicht sehr tief, wir wollen springen von einem Stein zum andern bis auf jenen großen dort in seiner Mitte. Da wollen wir ruhen. Wie schön, o wie schön ist es hier! Sehen Sie auf der einen Seite des Baches, auf jenem Busche da, das Nest? O, seht, die grünen Blätter bedecken es ein wenig. Konnte die Liebe einen schöneren Platz finden als diesen? Still, still, nun kommt die Mutter; o sehen Sie, die Kleinen öffnen den Mund; nun legt die Mutter ihnen Körner hinein. So, jetzt haben sie alle. Nun fliegt die Mutter wieder fort; — sie kommt wieder, o wie die Jungen sich freuen! O, die kleinen, kleinen lieben Vögel! Hier stehe ich, wundere mich und freue mich. Wie warm muß das kleine Herz der Mutter fühlen für ihre Kinder! Das, das ist Mutterliebe .....

Louis: Bitte, Herr Meister, vergessen Sie nicht, von dem Pakete in Ihrer Hand zu sprechen.

Bella: Louis! Sie sind sehr ungeduldig!

Herr Meister: Es war gut, Louis, daß Sie von dem Pakete sprachen, ich hätte es vergessen. Ich habe Ihnen noch so viel zu sagen, Fräulein Bella, aber wir sehen uns ja wieder, nicht wahr? und ich hoffe, bald. Damit Sie aber oft an diese schönen Stunden denken, habe ich Ihnen dieses mitgebracht. Ich öffne nun das Paket hier.

Anna: O, wie schön!

Herr Meister: Dieses Buch ist für Sie, Fräulein Bella.

Bella: Ich danke Ihnen aus vollem Herzen, Herr Meister. »Goethes Gedichte.« Wie schön! Und Sie haben auch etwas geschrieben: »Zum Andenken schöner Stunden.«

Herr Meister: Dieses Buch, Fräulein Anna, ist für Sie.

Anna: Ich danke Ihnen viel, vielmal, Herr Meister. »Schillers Gedichte«! — und hier steht: »Denken Sie oft an Ihren Freund W. Meister.« O, wie schön das ist, und wie glücklich ich bin!

Herr Meister: Dieses Buch ist für Sie, mein lieber Louis, lesen Sie?

Louis: »Märchen von Grimm.« O, Herr Meister! Darüber freue ich mich aber sehr! »Dornröschen,« — hier ist »Dornröschen,« Otto, und hier »Aschenputtel,« und hier ....., sieh, Otto, o sieh!

Bella: Louis' Freude ist so groß, das er vergißt (ich vergesse, er vergißt), Herrn Meister zu danken.

Louis: O, Herr Meister, ich danke Ihnen recht herzlich!

Herr Meister: Und für Sie, Freund Otto, habe ich einen Roman von Paul Heyse: »Die Kinder der Welt.«

Otto: Von Paul Heyse und von »Kinder der Welt« habe ich schon so viel gehört. Herr Meister, ich danke Ihnen für Ihre Güte!

Anna: Kann ich wohl die Gedichte von Schiller verstehen, Herr Meister?

Herr Meister: Nicht alle, mein Fräulein, aber viele. Sehen Sie, hier ist ein wundervolles Gedicht: »Die Bürgschaft.« Das müssen Sie lesen, ich will Ihnen ein wenig davon erzählen.

Alle: Ja, thun Sie das, Herr Meister.