Anna: Jetzt verstehe ich es. Herr Meister, hat man in Deutschland auch Campmeetings?
Herr Meister: Nein, mein Fräulein. Ich will nun wieder von dem Schützenfeste sprechen. In den Zelten ist Tanz und Konzert und vieles andere, was den Leuten Freude macht. Ah, ich sehe, es ist ein Uhr. Ich muß gehen, meine Freunde.
Bella: Wie schnell die Zeit vergeht!
Louis: Herr Meister, wovon wollen Sie morgen mit uns sprechen?
Herr Meister: Von den Rittern.
Louis: »Rittern«? Das Wort verstehe ich nicht.
Herr Meister: Morgen, meine Freunde, morgen. Heute empfehle ich mich Ihnen.
[Herr Meister geht.]
Anna: Haben Sie die Worte verstanden, die Herr Meister zuletzt (= am Ende) gesprochen hat?
Otto: Ja, ich habe die Worte verstanden (ich verstehe, ich verstand, ich habe verstanden). »Ich empfehle mich Ihnen,« sagte Herr Meister, aber ich weiß nicht, was sie (= die Worte) bedeuten.
Bella: Ich vermute (= denke), es ist dasselbe, wie: »Adieu.«
Otto: Ja wohl, Fräulein Bella. Sie haben das Rechte getroffen (= gefunden, ich treffe, ich traf, ich habe getroffen). Ich glaube, »ich empfehle mich Ihnen« ist feiner, als das Wort »Adieu.«
Bella: Warum meinen (= denken) Sie das?
Otto: Weil ich sehr feine Damen und Herren gesehen habe, die es sagten. Ein deutscher Freund meines Vaters sagt es auch. Oft sagt (ich sage, er sagt) er auch: »Ihr Diener, Herr Parks!«
Bella: Und was antwortet Ihr Vater?
Otto: »Ihr Diener.«
Louis: Nun wollen wir auch gehen. Ich habe Hunger. »Ihr Diener, Fräulein Anna, Ihr Diener, Fräulein Bella!«
Bella: Sie sind sehr komisch, Louis. Adieu, Adieu, Otto.
Anna: Adieu, Louis! Adieu, Otto!
Otto: Ich empfehle mich Ihnen, meine Damen!
Louis: Guten Tag, Herr Meister! Ich weiß heute, was ein Ritter ist. Soll ich es sagen?
Herr Meister: Bitte, Louis.
Louis: »Ritter« war in alten Zeiten der Name für einen Nobelmann. Ein Nobelmann oder Edelmann, das ist dasselbe. Nicht wahr, Herr Meister?
Herr Meister: Ganz gewiß, Louis.
Louis: Ein Edelmann heißt heute nicht mehr »Ritter,« er heißt: »Baron,« »Graf« oder »Fürst.« Alle haben das kleine Wort »von« vor ihrem Namen, wie: von Bismarck, von Moltke. Aber die Väter dieser Edelleute hießen (ich heiße, ich hieß, ich habe geheißen) vor alten, alten Zeiten »Ritter.«
Otto: Ich bin erstaunt über dich (= ich wundere mich über dich). Wie hast du alles dieses gelernt?
Louis: Ich wollte gerne wissen, was ein »Ritter« wäre (= war), und so nahm ich (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) ein Diktionär.
Herr Meister: Sagen Sie lieber (gern, lieber, am liebsten) »Wörterbuch« für »Diktionär.«
Louis: Sehr wohl. So nahm ich ein Wörterbuch, in dem Englisch und Deutsch stand (= war), und da fand ich (ich finde, ich fand, ich habe gefunden) für jedes englische Wort ein deutsches.
Anna: Das müssen Sie nicht thun, Louis. Sie wissen, Herr Meister hat uns gesagt, kein englisch–deutsches Wörterbuch zu brauchen. Sie können ja das deutsche Synonyme–Wörterbuch nehmen.
Louis: Aber ich wollte das Wort wissen, und Herr Meister hatte gestern keine Zeit, es (= das Wort) zu erklären (= klar zu machen). Aber ich werde es nicht wieder thun.
Herr Meister: Das ist recht, Louis.
Bella: Herr Meister, das ist etwas (= ein Ding), das ich nicht verstehen kann. Sie sagen, Herr Meister: »Meine Freunde, nehmen Sie kein Wörterbuch, ich erkläre Ihnen alle Wörter.« Aber, Herr Meister, Sie können uns nicht alle Wörter in der deutschen Sprache erklären; so lange können wir nicht bei Ihnen sein. Ist das nicht so?
Herr Meister: Mein Fräulein, Sie sind sehr klug (= weise), und ich freue mich, daß Sie mich hierüber (= über dieses) fragen. Sie haben ganz recht, ich kann Ihnen nicht alle Wörter der deutschen Sprache erklären. Das ist unmöglich (= das kann nicht sein). Und doch lernen Sie alle Wörter verstehen nach und nach (= mit der Zeit). Sie werden mich besser verstehen, wenn ich Ihnen erzähle, wie ich Englisch gelernt habe. Wohl hatte ich schon in Deutschland Englisch gelernt im Gymnasium. Sie wissen, ein Gymnasium ist in Deutschland eine Schule, wie hier das Colleg. Das wenige Englisch, das ich gelernt hatte, war bald (= in kurzer Zeit) vergessen. Ich nahm hier wieder meine englisch–deutsche Grammatik, studierte sie vom Beginne bis zum Ende, und dann wollte ich lesen. Ich nahm »Nicholas Nickleby« von Charles Dickens.
Otto: Das war hart für den Anfang (= Beginn), Herr Meister.
Herr Meister: Sagen Sie nicht »hart,« — man sagt im Deutschen: »Das war schwer.« Ja, es war schwer. Aber ich wollte etwas lesen, was interessant war, und so nahm ich »Nicholas Nickleby,« ein englisch–deutsches Wörterbuch und begann zu lesen. Aber wissen Sie, wie lange Zeit ich brauchte (ich brauche, ich brauchte, ich habe gebraucht), die ersten zwei Seiten zu lesen? Drei Stunden. — ja, drei Stunden. Ich hatte keine Geduld mehr und sagte: »Nun will ich lesen — aber ohne (= nicht mit) Wörterbuch.« Und ich las (ich lese, ich las, ich habe gelesen) ohne Wörterbuch. Es ist wahr, sehr vieles habe ich in der ersten Hälfte (halb, die Hälfte) des Buches nicht verstanden, aber je mehr ich las, desto besser verstand ich das Buch, und als ich an das Ende kam, hatte ich viel Englisch gelernt. Nach »Nicholas Nickleby« las ich die »Pickwick Papers« von Charles Dickens und englische Novellen, — aber alle ohne Wörterbuch.
Bella: Aber wie haben Sie die Wörter gelernt, Herr Meister?
Herr Meister: Ich weiß es nicht. Die Wörter kamen von selbst. Ich verstehe heute alles, was ich im Englischen lese; ich verstehe das Englische so gut, wie das Deutsche. Ich lese Shakespeare und habe nie ein deutsch–englisches Wörterbuch gebraucht. Wo habe ich die Wörter, die Shakespeare braucht, gelernt? Habe ich sie aus meinem deutsch–englischen Wörterbuche? Nein. Habe ich die Wörter von meinem Lehrer? Nein. Habe ich sie auf der Straße, in der Gesellschaft gehört? Nein. Wie weiß ich die Wörter? Sie (= die Wörter) kommen von selbst. Wie? Das weiß ich nicht. Und wie es mir im Englischen ging, so wird es Ihnen im Deutschen gehen. So wie die Blätter an dem Baume wachsen (= kommen), so wachsen auch die Wörter in Ihnen. Hören Sie! sprechen Sie! und lesen Sie!
Bella: Aber wir haben noch sehr wenig gelesen, Herr Meister.
Herr Meister: Geduld, meine Freunde, Geduld. Wir haben ein deutsches Sprichwort; das heißt: »Rom ist nicht an einem Tage gebaut worden.«
Anna: Das haben wir auch im Englischen.
Louis: Was bedeutet »gebaut«?
Otto: Louis, ich will das Sprichwort so sagen: »Rom ist nicht an einem Tage gemacht worden,« — so verstehst du es, nicht wahr?
Louis: Ja.
Herr Meister: Aber man sagt nicht: »Man macht eine Stadt, man macht ein Haus,« sondern man sagt: »Man baut ein Haus, einen Palast oder eine Stadt,« und der Mann, der den Plan des Hauses macht oder den Plan des Palastes oder den Plan der Stadt, das ist der Baumeister. Ich will Ihnen dieses sagen: Geduld, meine Freunde, wir werden lesen, und wir lernen, die Sprache vollkommen (= perfekt) verstehen, sprechen und schreiben.
Louis: Ah, wie ich mich freue, wenn ich einen guten deutschen Brief an meinen Bruder Albert nach Berlin schreiben kann. Er wird sich wundern. O, Herr Meister, wann, wann kann ich einen guten deutschen Brief schreiben?
Herr Meister: Geduld, mein Freund Louis; sehr bald. Noch nicht heute; nein, auch morgen nicht, wir müssen Zeit haben, Louis, Tage, Wochen, Monate. Hat der liebe Gott nicht auch sechs Tage genommen (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen), um die Welt zu schaffen? Aber dann sah er sein Werk, und es war gut, und wenn wir etwas gut thun wollen, so müssen wir auch Zeit haben, viel Zeit, nicht wahr, Otto?
Otto: Sie haben recht, Herr Meister. »Mit der Zeit bricht man Rosen,« — das ist ein gutes Sprichwort.
Anna: »Sprichwort«? Was ist das?
Otto: "The early bird catches the worm," das ist ein englisches Sprichwort.
Herr Meister: Dieses Sprichwort haben wir auch im Deutschen, aber wir sagen es so: »Morgenstund hat Gold im Mund.«
Bella: Ich weiß auch ein deutsches Sprichwort. Wollen Sie es hören?
Otto: Bitte, Bella, bitte!
Bella: »Glück und Glas, wie leicht bricht das.«
Otto: Das ist sehr schön, Fräulein.
Herr Meister: Und sehr wahr.
Louis: Herr Meister, sagen Sie uns noch eins.
Herr Meister: »Nach dem Regen scheint die Sonne.«
Louis: Noch eins. Bitte, bitte!
Herr Meister:
»Morgen, morgen, nur nicht heute,
Sagen alle faulen Leute.«
Louis: O, das ist auch im Englischen: "Never put off till to–morrow, what you can do to–day." Wissen Sie noch mehrere, Herr Meister?
Herr Meister: Ja wohl, mein Freund, hier:
»Mit dem Hute in der Hand,
Kommt man durch das ganze Land.«
Louis: Dieses Sprichwort verstehe ich nicht. Kann man ohne Hut (= nicht mit Hut) durch ein Land gehen?
Herr Meister: Ich glaube, die Idee ist diese: Nimm deinen Hut vom Kopfe, sei freundlich gegen alle, sei höflich, und überall wird es gut für dich sein.
Bella: Das ist eine schöne Idee!
Herr Meister: Ein anderes Sprichwort:
»Was du nicht willst, das man dir thu',
Das füg' auch keinem andern zu.«
Nun noch eins, und dann das letzte:
»Was man aus Liebe thut,
Geht noch einmal so gut.«
und:
»Lust und Liebe zu einem Ding
Macht dir alle Müh gering.«
Otto: Wie im Englischen:
"Where there is a will there is a
way."
Anna: Die deutschen Sprichwörter sind so schön, sie haben alle einen Reim.
Herr Meister: Wir haben noch viele andere, und Sie werden sie finden, wenn Sie viel lesen, Fräulein Anna.
Anna: Werden wir bald Deutsch lesen?
Herr Meister: Ja wohl, Fräulein, vielleicht heute; und wenn nicht heute, dann morgen.
Otto: Herr Meister, bedeutet Reiter und Ritter nicht dasselbe?
Herr Meister: Nein, Otto, es bedeutet nicht dasselbe. Ritter und Reiter haben Pferde .....
Anna: »Pferde«? Das Wort kenne ich noch nicht.
Otto: Ich will es Ihnen erklären. Gestern haben Sie Ihr Pferd genommen (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen), und ich habe meines (= mein Pferd) genommen, und wir sind in den Park geritten (ich reite, ich ritt, ich bin geritten). Ich habe auf meinem Sattel gesessen (ich sitze, ich saß, ich habe gesessen). Mein Sattel ist aber nicht so gemacht, wie Ihr Sattel. Beide (Sättel) sind von Leder. Sie hatten einen Damensattel und ich einen Herrensattel. Ihr Pferd, mein Fräulein, hat einen schönen Kopf und eine lange, braune Mähne; mein Pferd ist weiß und hat eine weiße Mähne. Sie wissen, meines Bruders Pony hat eine schwarze Mähne.
Anna: O, ich glaube, ich verstehe Sie. Ihr Vater hat zwei braune Pferde vor seiner Equipage, nicht wahr?
Otto: Ganz recht. Ich sage nicht »Equipage,« ich sage »Kutsche.« Ist das nicht dasselbe, Herr Meister?
Herr Meister: O ja. Und der Mann, der vorn auf der Kutsche sitzt (ich sitze, er sitzt), ist der Kutscher.
Louis: Und die Lokomotive geht ohne Pferde (= hat keine Pferde).
Bella: Das war ein weises Wort, Herr Louis.
Louis: Und Sie sind sehr sarkastisch, Fräulein Bella.
Herr Meister: Ich wollte (ich will, ich wollte, ich habe gewollt) sagen, meine Freunde: Sowohl der Reiter als der Ritter haben Pferde. Reiter ist ein jeder Mann, der auf dem Pferde sitzt und reiten kann, aber er ist noch kein Ritter. Ritter haben wir heute nicht mehr, aber wir haben Reiter. Die Soldaten in der Kavallerie sind Reiter, aber keine Ritter. Ein Ritter in alten Zeiten hatte ein Pferd und ein Schwert, eine Lanze und einen Schild; so kämpfte er im Kriege gegen die Feinde.
Bella: Ach, von diesen Rittern habe ich so viel Schönes und Gutes gelesen (ich lese, ich las, ich habe gelesen).
Anna: Ja, ich auch. Es ist schade (= nicht gut), daß wir keine Ritter mehr haben. Sie waren so gut, so galant.
Otto: Ich habe in einem Museum den Helm eines Ritters gesehen. Dieser Helm war von Metall. Ich konnte ihn nicht mit einer Hand halten, ich mußte zwei Hände nehmen, so schwer war er. In diesem Museum habe ich noch mehrere andere Dinge eines Ritters gesehen. Wie nennt (ich nenne, ich nannte, ich habe genannt) man das, was der Ritter über Arme, Brust, Kniee und Beine hatte, so daß der Feind ihn nicht verwunden konnte?
Herr Meister: Ist es von Metall?
Otto: Ja wohl.
Herr Meister: Das ist der Harnisch. Ein anderes Wort dafür ist die Rüstung.
Otto: Und eine Rüstung habe ich gesehen, die war von Silber; sie war wunderschön.
Bella: Otto, haben Sie »Ivanhoe« von Scott gelesen?
Otto: Ja wohl, Fräulein Bella.
Bella: In dem Roman »Ivanhoe« lesen Sie auch von "Richard Lionheart." Das war ein guter Ritter, nicht wahr?
Herr Meister: Für "Richard Lionheart" sagen wir im Deutschen: Richard Löwenherz. Richard Löwenherz war ein tapferer (= guter, braver) Ritter. In seiner Zeit war in Deutschland Friedrich Barbarossa Kaiser. Friedrich Barbarossa, das ist der große deutsche Kaiser. Mit vielen, vielen Rittern ging er nach Palästina, aber niemals kam er wieder in seine schöne Heimat (= Haus), in sein schönes, schönes Deutschland.
Otto: Ich kenne ein Gedicht über Friedrich Barbarossa. Es beginnt so: »Der alte Barbarossa, der Kaiser Friederich.«
Herr Meister: Das ist von Friedrich Rückert.
Louis: Von diesem Dichter kenne ich ja auch ein Gedicht: »Es ist ein Bäumlein gestanden im Wald,« u.s.w. (= und so weiter).
Herr Meister: Auch Emanuel Geibel hat unter seinen vielen und schönen Gedichten eines über diesen Kaiser. Alles dieses und noch vieles andere wollen wir später lesen. Heute will ich noch mit Ihnen sprechen, und ich will Ihnen einen Namen nennen, den ich immer mit großer Freude ausspreche. Es ist der Name: Wolfram von Eschenbach. Den Namen haben Sie wohl noch nie gehört (ich höre, ich hörte, ich habe gehört), ich kann es an Ihren Augen sehen.
Otto: Nein, Herr Meister, ich habe nie von ihm gehört. Wer ist Wolfram von Eschenbach, und was hat dieser Mann Gutes gethan, daß Sie mit so vielem Vergnügen (= Freude) an ihn denken und von ihm reden (= sprechen)?
Herr Meister: Wolfram von Eschenbach ist einer von den größten Poeten, die wir in der deutschen Litteratur haben. Ja, Friedrich Schlegel meint, Wolfram von Eschenbach sei der größte unter allen deutschen Dichtern.
Otto: Denken Sie auch so, Herr Meister?
Herr Meister: Nein. Er ist nicht größer, als Goethe. Das beste Werk von Eschenbach ist nicht besser, als das beste Werk von Goethe.
Bella: Welches sind ihre besten Werke?
Herr Meister: Goethes größtes Werk ist »Faust,« Eschenbachs größtes ist »Parzival.«
Otto: Welches von beiden Werken halten Sie für das größte und schönste?
Herr Meister: Diese Frage, mein Freund, kann ich nicht beantworten. Ich lese »Parzival« und finde darin so vieles Schöne, daß ich voll Bewunderung ausrufe: »Ach, es ist nichts Besseres in der Welt, als ,Parzival.'« Und lese ich dann Goethes »Faust,« so rufe ich: »O, was für ein großes Werk! Wie schön! Wie herrlich (= wunderschön)! Wo ist ein zweites Gedicht, wie ,Faust'!« Sie sehen, ich kann Ihre Frage nicht beantworten. So werde ich auch oft gefragt: »Herr Meister, wer ist der größere Dichter, Goethe oder Schiller?«[VI-7] Dann antworte ich immer, was Goethe einst zu Eckermann sagte: »Warum fragen wir, wer der größte sei? Sie selber sollen froh sein, daß sie zwei solcher Männer haben.« Ja, wir wollen froh sein mit beiden, mit Schiller und mit Goethe; wir wollen beide (= Schiller und Goethe) lesen und an beiden unsere Freude haben.
Bella: Herr Meister, wollen Sie nicht ein wenig von Eschenbach und von seinem »Parzival« sprechen?
Herr Meister: Mit Vergnügen (will ich es thun), aber — ich habe nicht viel Zeit mehr. Also: Wolfram von Eschenbach war ein Ritter und lebte gegen das Ende des zwölften Jahrhunderts. Sie sehen, er lebte in einer Zeit mit Friedrich Barbarossa und Richard Löwenherz. Die Kreuzzüge nach Palästina machte er nicht mit.
Louis: Ich verstehe das Wort »Kreuzzüge« nicht, Herr Meister.
Herr Meister: Sie haben heute schon gehört, Friedrich Barbarossa war mit vielen Rittern nach Palästina gezogen. Nicht wahr?
Louis: O ja.
Herr Meister: »Gezogen« ist hier so viel wie »gegangen« (ich gehe, ich ging, ich bin gegangen; ich ziehe, ich zog, ich bin gezogen). Viele Ritter waren nach Palästina gezogen, dafür kann ich auch sagen: »Ein langer Zug von Rittern ging nach Palästina.« Das Wort »Zug« kommt von ziehen, zog, gezogen.
Louis: Das verstehe ich nun. Aber Sie sagten: »Kreuzzug.«
Herr Meister: Wir sagen Kreuzzüge, weil alle, die nach Palästina pilgerten, ein rotes Kreuz auf der linken Schulter hatten. Sehen Sie, dieses ist ein Kreuz Kreuz . In der Zeit der Kreuzzüge sehen wir die besten, herrlichsten Ritter; und den Charakter eines solchen herrlichen Ritters giebt uns Wolfram von Eschenbach in seinem »Parzival.«
Herr Meister: »Parzival,« das ist der Name des Ritters. Sein Vater, Gamuret, war ein König, seine Mutter hieß Herzeloide. Der Vater war ein guter, starker Ritter, der beste in der Zeit, aber er starb jung. Da sagte Herzeloide: »Mein Sohn soll kein Ritter werden, soll keinen Ritter sehen. Er soll nicht sterben, so jung wie sein Vater.« Und sie ging aus der Burg (Palast) und ging in einen Wald. Hier lebte sie mit ihrem Sohne, und den (= den Sohn) liebte sie mehr, als alles in der Welt. Nur wenige Personen waren bei ihr im Hause, und nie sollten sie sprechen von den Rittern, nie von einem Schwerte, nie von einer Lanze.
Einmal hörte er seine Mutter sagen: »O, guter Gott.« Da fragte er: »Mutter, wer ist Gott?« Und die Mutter sagte da: »Gott ist der gute Vater von allem, und er ist auch dein Vater, mein Sohn, und meiner. Er ist klarer, als die Sonne, und klarer, als der Tag.«
Einmal war der junge Prinz im Walde. Er selbst hatte sich einen kleinen Bogen gemacht und schoß. Da sah er etwas, das hatte er noch nicht gesehen. Drei Ritter mit silbernen Rüstungen und silbernen Helmen zu Pferde kamen im vollen Sonnenschein des Tages durch den Wald. Herzeloidens Sohn fiel (ich falle, ich fiel, ich bin gefallen) auf die Kniee und rief: »O, hilf mir, guter Gott!« — denn er glaubte (= dachte), die Ritter wären Gott. Die Ritter aber lachten und sagten: »Wir sind nicht Gott, o, nein, nein, — wir sind Menschen; ja Menschen, wie du ein Mensch bist. Wir sind Ritter. Das sind unsere Schwerter, dieses unsere Lanzen, und hier, sieh, sind unsere Rüstungen.« Sie sagten ihm noch vieles, vieles von allem dem, was ein guter Ritter thun muß, und dann ritten sie weiter in den Wald. Da rannte (ich renne, ich rannte, ich bin gerannt) der Sohn zur Mutter und sagte: »Mutter, ich gehe vom Hause und werde ein Ritter. Gieb (geben) mir ein Pferd, liebe Mutter! Gieb mir ein Schwert!« Aber die Mutter sagte: »O, gehe nicht von mir, mein Sohn, ich habe nur dich allein, mein Kind (= Sohn), o, bleibe bei mir!« »Mutter, ich kann nicht, ich muß in die Welt, ich muß ein Ritter werden.« Und er ging — und kam in die Welt. Er sah vieles und lernte vieles und that viel Gutes und half den guten Frauen und allen Schwachen (schwach = nicht stark); kam auch zu König Arthur und seinen Rittern. Und er wurde (ich werde, ich wurde, ich bin geworden) ein König und ein Ritter, gut und brav.
Bella: Herr Meister, ist es schon ein Uhr?
Herr Meister: Ich kann es Ihnen nicht sagen. Meine Uhr ist beim Uhrmacher. Wie viel Uhr haben Sie, Louis?
Louis: Es ist zehn Minuten vor zwei.
Herr Meister: So spät? Zehn Minuten vor zwei? Ah, ich vergesse die Zeit, wenn ich von Eschenbachs »Parzival« sprechen will. Und ich habe Ihnen noch so viel zu sagen! Adieu, meine Freunde!
Alle: Adieu, Herr Meister!
Bella: Gestern Abend habe ich viel schönes gehört. Freunde meines Vaters waren in unserm Hause, Damen und Herren, und auch ein Herr aus Deutschland: Dr. Stellen mit seiner Frau — ein junges Paar. Meine Mutter sagte ihm, daß ich Deutsch studiere, und da sprach er den ganzen Abend Deutsch mit mir. Und ich konnte (ich kann, ich konnte, ich habe gekonnt) ihn so gut verstehen und alle seine Fragen so gut beantworten. O, Herr Meister, wie muß ich Ihnen danken! Dr. Stellen ist hier mit seiner Frau, um Amerika zu sehen. Und sie haben vieles gesehen, — sie waren in den Prärieen, in Californien, in den größten Städten der Union. Alles gefällt ihnen (= ihm und seiner Frau) sehr gut. »Ja, dieses Land,« sagte er, »ist ein schönes Land, alles ist frei, alles ist so groß! Ich möchte immer hier sein!« »Aber das geht nicht« (= das kann nicht sein), sagte Frau Dr. Stellen, »unser Haus ist in Köln, und das können wir doch nicht hierher bringen, nicht wahr?«
Herr Meister: Ich wundere mich nicht, daß die großen Städte der Union den Europäern gut gefallen. Die Städte der Union sind neu, die Straßen breit (= weit). Die Städte Europas sind alt, besonders aber Köln.
Bella: Köln ist über (= mehr als) tausend Jahre alt, sagte mir Frau Dr. Stellen.
Otto: Ja, so ist es.
Bella: Frau Dr. Stellen ist so gut! Sie sagte mir: »Meine junge Freundin, kommen Sie mit mir nach Deutschland. Deutschland ist so schön, und da wohnen Sie bei mir in Köln. Köln ist eine alte Stadt, aber eine gute, gute Stadt. Da gehen wir zum Karneval, da sehen wir den Dom, da fahren wir auf dem Rhein, und am Rhein haben wir unsere Villa.
»Im Häuschen am Rhein,
Am Tische von Stein,
Da ist der Wein
So wunderbar fein.«
Kommen Sie mit mir, kommen Sie. Ja? Soll ich Ihre Mama fragen?« Und sie ging (ich gehe, ich ging, ich bin gegangen) zu meiner Mama.
Otto: Und was sagte Ihre Mama?
Bella: Meine Mama sagte: »Ja.« Ist das nicht schön?
Otto: Bella, wollen Sie nach Deutschland?
Bella: Ja, noch nicht morgen und noch nicht in einem Monat; aber wenn der Mai kommt, der wunderschöne Monat Mai.
Louis: Ich hörte das Wort »Dom.« Was ist das »Dom«?
Bella: Der Kölner Dom ist ein großes, großes Haus, in dem die Leute zu Gott beten.
Louis: O, der Dom ist eine Kirche, ein Gotteshaus!
Herr Meister: Ja, und was für eine Kirche, o, wundervoll!
Bella: Und meine deutsche Freundin sagte mir: »Der Kölner Dom ist vor sechshundert Jahren begonnen worden und ist nun erst beendet.« O, Louis, ich wünsche, ich könnte Ihnen alles wiedersagen, was ich gestern Schönes gehört habe.
Herr Meister: Hat Ihre Freundin nicht von der neuen Glocke im Dome erzählt? Ah, ich sehe, Fräulein Anna versteht mich nicht. Fräulein Anna, Sie hören jeden Sonntag läuten: Bim, bam! Bim, bam! Das ist die Glocke, die da macht: Bim, bam! Und Sie nehmen dann Ihr Gebetbuch und gehen in die Kirche und beten zu Gott. Sie wissen nun, was eine Glocke ist, nicht wahr? Die Kirchenglocke ist groß ..... Sie haben auch eine Glocke in Ihrem Hause, das ist die Hausglocke. Wenn ich zu Ihnen komme, dann läute ich die Hausglocke, und Ihr Diener öffnet die Thür. Sie, Freund Otto, haben gewiß Schillers »Glocke« gelesen?
Otto: Schillers »Glocke,« ja, das ist ein großes Gedicht und ein schönes Gedicht.
Herr Meister: Das ist es.
Herr Meister: Fräulein Bella, hat Ihre Freundin nicht von der neuen Glocke in dem Dome erzählt, die so groß ist und so schwer? Sie wiegt fünfzigtausend Pfund. Sie wissen, hier und in England hat ein Pfund sechzehn Unzen (ounces). Diese große Glocke hat den Namen »Kaiserglocke.« Kaiser Wilhelm hat das Metall dazu gegeben (ich gebe, ich gab, ich habe gegeben).
Bella: Davon (= von der Kaiserglocke) hat Frau Dr. Stellen nicht gesprochen; sie konnte auch nicht, denn ihr Herr Gemahl (= Mann) setzte (ich setze mich, ich setzte mich, ich habe mich gesetzt) sich an das Klavier (= Piano) und spielte eine Sonate von Beethoven. Und als er zu Ende war, sang seine Gemahlin (= Frau) ein deutsches Lied, das war wundervoll. Ich habe es mitgebracht, weil ich einige (= 1 oder 2 oder 3) Worte nicht verstehen kann. Wollen Sie mir die Worte erklären, Herr Meister?
Herr Meister: Sehr gerne, mein Fräulein. Wollen Sie lesen?
Bella: »Das Heideröslein.«
Otto: Das ist ein Gedicht von Goethe. Das »Heideröslein« ist so schön.
Bella: Warum nennt er (= giebt er den Namen) es Heideröslein?
Herr Meister: Weil es in der Heide steht.
Otto: »Weil es in der Heide steht,« das verstehe ich nicht, Herr Meister. Ist »der Heide« nicht ein Mann, der keine Religion hat?
Herr Meister: So ist es, Otto, aber ich meine nicht das Wort »der Heide,« ich meine das Wort »die Heide.« Sehen Sie den Unterschied? Die Heide ist ein Grasplatz, wie die Wiese, aber nicht so schön. Da sehen wir hier einen Rosenbusch und dort einen, hier einen Dornbusch und dort einen. Haben Sie noch nie eine Heide gesehen, Louis?
Louis: Nein, Herr Meister. Aber ich denke, »Heide« ist dasselbe, wie »Prärie.«
Herr Meister: So ist es, nur ist eine Heide nicht so groß.
Bella: Ich möchte Sie noch ein Wort fragen. Ich lese hier: »Sah ein Knab' ein Röslein stehn.« Was ist ein »Knab'«?
Louis: Fräulein Bella, das weiß ich, das kann ich Ihnen sagen. Ich bin jetzt ein Knabe, aber in wenigen Jahren habe ich einen langen Bart; dann bin ich kein Knabe mehr, dann bin ich ein Mann, dann bin ich größer, als heute, und rauche Cigarren, dann werden Sie auch mehr Respekt vor mir haben, Fräulein Bella, ja?
Herr Meister: Mein guter Freund Louis, wir haben schon heute große Achtung (= Respekt) vor Ihnen.
Bella: Ja, das ist wahr, Louis, und ich besonders, denn Sie haben mir das Wort »Knabe« so schön erklärt. Sie verstehen mehr Deutsch als ich, obgleich Sie jünger sind, als ich.
Louis: Keine Komplimente, Fräulein! Keine Komplimente!
Bella:
»Sah ein Knab' ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön« .....
»Morgenschön.« — Meint der Dichter, »das Röslein war so schön, wie die Rosen am Morgen sind«?
Herr Meister: Ich glaube (es).
Anna: O, ich wünsche, ich könnte jeden Tag junge, frische Rosen haben! Ich habe die Rosen, ach, so gern!
Herr Meister: Auch Goethe liebte die Rosen (ich liebe, ich liebte, ich habe geliebt).
Otto: Sie ist die Königin unter den Blumen.
Bella: »Lief er schnell, es nah zu sehn« .....
Anna: Das Wort »lief« verstehe ich nicht.
Bella: Ich laufe, ich lief, ich bin gelaufen. Ich laufe, das ist: »Ich renne,« »ich gehe schnell.« Der Knabe lief, weil das Röslein weit von ihm war, und er wollte (ich will, ich wollte, ich habe gewollt) das schöne Röslein besser sehen.
»Sah's mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.«
Das ist das Ende des ersten Verses, und nun lese ich den zweiten:
»Knabe sprach: 'Ich breche dich,
Röslein auf der Heiden.'
Röslein sprach: 'Ich steche dich,
Daß du ewig denkst an mich'« .....
Herr Meister, ist »ewig« hier nicht ein Synonym von »immer«?
Herr Meister: Ja wohl, mein Fräulein.
Bella: »Und ich will's nicht leiden!« ..... Zwei Wörter in dieser letzten Linie sind mir nicht klar, »will's« und »leiden.«
Herr Meister: Will's ist dasselbe wie, »ich will es.« Nach dem »l« kommt ein Apostroph (= '), so, nicht wahr?
Bella: Ja wohl, Herr Meister.
Herr Meister: Dieser Apostroph steht, weil das »e« von »es« ausgefallen ist. »Will es,« ein Wort = will's. »Leiden« — und ich will's nicht leiden. Dafür kann ich auch sagen: »Und ich will nicht, daß du mich brichst.«
Bella: Jetzt verstehe ich auch den zweiten Vers
»Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.«
Bella: (dritter Vers)
»Und der wilde Knabe brach
's Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach« .....
Hier muß ich Sie drei Dinge fragen. Erstens: Was bedeutet (= ist) das »'s« in »'s Röslein«? Zweitens: Was bedeutet: »wehrte«? Und drittens: Was bedeutet »stach«?
Otto: Herr Meister, wollen Sie mir gütigst erlauben, diese drei Punkte zu erklären?
Herr Meister: Ich bitte!
Otto: »'s Röslein« steht für »das Röslein.« Das Röslein wehrte sich und stach. »Stach« kommt von dem Worte »stechen« (ich steche, ich stach, ich habe gestochen). Das Röslein wollte am Busche sein und auf der Heide bleiben, es wollte nicht von dem Knaben gebrochen sein, es wollte nicht in die Stadt wandern; darum hat es den Knaben gestochen mit dem Dorn. Das ist: Das Röslein »wehrte« sich mit dem Dorne.
Louis: Ich verstehe. Der Ochse wehrt sich mit dem Horne. Das arme Lamm kann sich nicht wehren gegen den bösen Wolf. Ich, Fräulein Anna, ich wehre mich mit meiner Pistole; der Soldat wehrt sich mit einer Flinte.
Otto: Das ist recht, Louis. Ein Synonym für »Flinte« ist auch »Gewehr.« Das ist das Instrument, mit dem der Soldat sich wehrt. Das Wehren half (ich half, es half) dem Röslein nichts. Da sagte das Röslein: »Ach, laß mich stehen,« und das half auch nicht; und da sagte das Röslein: »O, weh!« »O, weh« und »Ach« ist dasselbe. Aber das Wehren mit Worten hilft nichts. Der Knabe brach das Röslein.
Anna: Das arme Röslein!
Bella:
»Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.«
Jetzt will ich das ganze Gedicht einmal vorlesen, von Anfang (= Beginn) bis zu Ende:
»Sah' ein Knab' ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell, es nah zu sehn,
Sah's mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Knabe sprach: 'Ich breche dich,
Röslein auf der Heiden.'
Röslein sprach: 'Ich steche dich,
Daß du ewig denkst an mich,
Und ich will's nicht leiden.'
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Und der wilde Knabe brach
's Röslein auf der Heiden.
Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Mußt' es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.«
Anna: Von welchem Dichter ist dieses wunderschöne Gedicht? Ich habe es vergessen (ich vergesse, ich vergaß, ich habe vergessen).
Herr Meister: Von Goethe. Er schrieb (ich schreibe, ich schrieb, ich habe geschrieben) es, als er in Straßburg war und studierte (ich studiere, ich studierte, ich habe studiert).
Bella: Hat Goethe in Straßburg studiert? Dann hat er ja auch das Straßburger Münster gesehen.
Louis: »Münster«?
Bella: »Münster« ist auch eine große Kirche, ein Dom, eine Kathedrale. Hier sind die Noten, hier:
Bella: Ich hörte gestern Abend auch eine sehr schöne Anekdote von Mozart und Haydn.
Louis: Bitte, erzählen Sie! Ich höre Anekdoten so gerne.
Anna: Ich auch, Louis.
Bella: Haydn und Mozart waren eines Tages zusammen, und sie sprachen über Musik. Da sagte Mozart: »Herr Haydn, ich werde Ihnen Noten schreiben, die Sie nicht spielen können.« »So?« sagte Haydn und lachte. »Ja,« sagte Mozart, »und ich gebe eine Flasche Wein, wenn Sie alles spielen; können Sie aber nicht alles spielen, so geben Sie mir eine Flasche Wein.« »Gut,« sagte Haydn. Mozart schrieb nun einige Noten auf einen Streifen Papier. Haydn nahm (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) ihn, setzte sich an das Klavier und begann zu spielen. Die linke Hand mußte tiefe Baßnoten spielen, und die rechte Hand die hohen Noten im Diskant. Aber da war eine Note in der Mitte. »Oho,« rief Haydn, »ich habe keine drei Hände, diese Note in der Mitte kann ich nicht spielen.« »Aber ich kann es,« sagte Mozart, setzte sich an das Klavier, spielte oben mit der rechten, unten mit der linken Hand und die Note in der Mitte mit — der Nase. Haydn gab den Wein.
Louis: Diese Anekdote gefällt mir. Ich werde sie meiner Mutter erzählen. Bitte, Bella, eine andere.
Bella: Ich weiß keine mehr, Louis.
Louis: Das ist schade. Herr Meister, Sie wissen viele Anekdoten. Bitte, erzählen Sie eine.
Anna: Ach, ja, Herr Meister, ich bitte auch.
Herr Meister: Mit Vergnügen (= Freude). Ich werde eine Anekdote erzählen von dem größten unter allen Komponisten, von Beethoven.
Ludwig van Beethoven, der Komponist, hatte einen Bruder, Johann van Beethoven. Johann dachte viel mehr von sich selbst, als von seinem Bruder Ludwig. Der (= der Bruder) war ja nur ein Musiker, nichts mehr; er selbst aber (= Johann) war ein reicher Gutsbesitzer.
Louis: »Gutsbesitzer«? Ich kenne das Wort nicht.
Herr Meister: Johann hatte viel Land, Pferde, Wagen, Kühe und ein schönes, großes Haus und .....
Louis: Mein Vater hat eine große Farm in Ohio. Ist mein Vater auch Gutsbesitzer?
Otto: Gewiß. Unser Vater ist auch ein Gutsbesitzer.
Herr Meister: Ludwig hatte nicht viel Geld (= Dollars, Cents), er war arm. Aber er war klüger (klug, klüger, klügst) als Johann, er hatte mehr Hirn. Wir sagen oft von einem Mann: »Er hat Hirn,« wenn er klug ist.
Otto: Das Hirn ist im Kopfe, nicht wahr, Herr Meister?
Herr Meister: Ja wohl.
Bella: Daniel Webster hatte ein großes Hirn, nicht wahr?
Herr Meister: Ja. Und Napoleon I. hatte ebenfalls (= auch) ein großes Gehirn.
Anna: Ist Hirn und Gehirn dasselbe?
Herr Meister: Ja wohl, mein Fräulein. An einem Neujahrstage (= den 1. Januar) schickte (= sandte) Johann van Beethoven eine Karte an seinen Bruder Ludwig:
Johann van Beethoven, Gutsbesitzer,
gratuliert!
Über dieses Ceremoniell seines Bruders war unser Komponist ein wenig böse, und schnell schrieb er auf die andere Seite der Karte:
Ludwig van Beethoven, »Hirnbesitzer,«
dito!
und schickte sie (= die Karte) mit demselben Manne wieder zurück (= an Johann).
Louis: Eine schöne Gratulation zwischen zwei Brüdern, nicht wahr, Otto?
Herr Meister: Wollen Sie noch eine Anekdote hören von Beethoven?
Anna: O ja, Herr Meister. Bitte, bitte!
Herr Meister: Beethoven hatte eine sehr hohe, schöne Stirn.
Anna: Was meinen Sie mit dem Worte »Stirn«?
Herr Meister: Die Vorderseite des Kopfes. Die Stirn ist über der Nase und über den Augen.
Eines Abends hatte Beethoven, wie oft zuvor, wundervoll gespielt (ich spiele, ich spielte, ich habe gespielt) in einer Gesellschaft von Damen und Herren. Alle hatten applaudiert, und eine von den schönsten Damen bewunderte laut Beethovens schöne Stirn. Beethoven hörte es, lächelte (= lachte ein wenig) und sagte schnell: »Sprechen Sie im Ernst, gnädige Gräfin?« »Ganz gewiß, Herr van Beethoven!« »Sehr wohl, meine Gnädige, so küssen Sie sie (= die Stirn).« Die Gräfin that es.
Otto: Das war ein Triumph für Beethoven.
Bella: Und auch ein Triumph für die Gräfin.
Louis: Herr Meister, ich habe heute viel (= viele Dinge) zu thun, und es ist schon wieder so spät.
Herr Meister: Sie haben recht, Louis, es ist spät. Auf Wiedersehen!
Alle: Auf Wiedersehen, Herr Meister!
Anna: Heute habe ich einen guten, guten Tag!
Herr Meister: Ich freue mich, das zu hören.
Louis: Warum denn, Fräulein Anna?
Anna: Heute morgen kam ich in unser Speisezimmer, um meinen Kaffee zu trinken, und auf dem Tische bei meiner Tasse fand ich (ich finde, ich fand, ich habe gefunden) einen wunderschönen Strauß (= Bouquet) von Rosen, und dabei war ein kleiner Brief; darin stand (= war):
»Möge Dir jeder neue Tag neue Rosen, neue Freuden bringen!
Ein Freund.«
Ist das nicht schön, Herr Meister?
Herr Meister: Ich kann wohl begreifen (= verstehen), warum Sie heute so glücklich sind; Sie wissen, Sie haben einen guten Freund.
Anna: Haben denn nicht alle Menschen gute Freunde?
Herr Meister: Nein, meine gute Anna, nicht alle; die schlechten (= bösen) Menschen nicht. Sie sind nicht mit den Menschen gut, und die Menschen sind nicht gut mit ihnen; sie sind keinem Menschen Freund, und kein Mensch ist ihr Freund; sie fühlen für niemanden (= keine Person), und niemand fühlt für sie. Da stehen sie allein — allein.
Anna: Allein, Herr Meister, allein? Allein ohne einen Freund, ohne einen Menschen, der an sie denkt, der für sie fühlt; ohne jemanden (= eine Person), der sich mit ihnen freut, — o, das möchte ich nicht sein! Nein, nein, nein! O, ich bin glücklich! Nur eins fehlt mir heute an meinem Glücke; ich möchte wissen, wer der gute Freund war, der mir die schönen Rosen geschickt (= gesandt) hat. Waren Sie es, Herr Meister?
Herr Meister: Ich, mein Fräulein? Nein.
Anna: Warst du es, Bella?
Bella: Ich nicht.
Anna: Sie, Otto?
Otto: Nein, ich auch nicht, Fräulein Anna.