Otto: Hier kommen Herrn Meisters letzte Fragen. Wer hat es besser?

Der Schiffer auf dem Schiffe,
Der Fischer in dem Boote,
Der Landmann auf dem Acker,
Der Müller in der Mühle,
Der Bäcker vor dem Backofen,
Der Schäfer auf der Weide (= Grasplatz).

Was meinen Sie, Bella?

Bella: Ich meine, der Landmann hat es am besten.

Otto: Und Sie, Anna?

Anna: Ich meine der Schäfer.

Otto: Und was meinst du, Louis?

Louis: Ich meine der Schiffer. Hast du keine Fragen mehr, Otto?

Otto: O ja, noch eine. Wer war der erste Schäfer?

Louis: O, das weiß jeder (= alle). Das war Abel.

Otto: Das ist recht, Louis. Aber du sprichst das Wort nicht gut aus. Du sagst »Ebel«; das ist Englisch. Sprich das A lang wie aa — — h; wie das a in far und in father.

Louis: Aaabel. Ist das recht?

Otto: So ist es gut. Meine Damen, kennen Sie die Anekdote von Herrn Abel in Berlin?

Bella: Nein, Otto, wir haben sie (= die Anekdote) nie gehört; nicht wahr, Anna?

Anna: Nein, niemals.

Otto: Nun; Herr Abel in Berlin ist ein reicher Mann. Im Sommer ist er nie in Berlin. Er reist (= geht) nach Wiesbaden oder Homburg oder in die Schweiz oder in ein Seebad. Eines Sommers war er in Norderney. »O,« denkt Herr Abel, »ich bin in Norderney, und London ist nicht weit von hier; ich will London sehen.« Herr Abel reist nach London, kommt in ein feines Hotel und schreibt seinen Namen in das große Buch: »B. Abel aus Berlin,« mit englischen Buchstaben: B. A–b–e–l. Man liest seinen Namen: B. Ebel. — Herr Abel sagt: »Man spricht meinen Namen nicht recht; ich werde meinen Namen B. Ebel schreiben,« und Herr Abel schreibt: B. E–b–e–l. Da liest man den Namen: B. Ibel. »Gut,« sagt Herr Abel, »ich will meinen Namen B. Ibel schreiben,« und schreibt B. I–b–e–l und da liest man ihn: B. Eibel. Er schreibt seinen Namen nun: B. E–i–b–e–l, da liest man wieder: B. Ebel wie im Beginn. »O, o,« sagte Herr Abel, »was für ein Land! Hier kann man nicht einmal meinen Namen recht sprechen! Hier bleibe ich nicht!« und nicht lange, so war Herr Abel wieder auf dem Dampfboote nach Deutschland.

Louis: Und wir müssen auch gehen. Es ist spät.

Otto: Ja, es ist spät.

Bella: Otto, vergessen Sie morgen nicht, Ihr Gedicht von Hoffmann von Fallersleben zu bringen.


Bella: Hui! Das ist heute schlechtes (= nicht gutes) Wetter!

Anna: Und wie trüb der Himmel ist!

Louis: Sehen Sie hier, wie das Wasser von mir tropft.

Otto: Das ist ein Regen, so habe ich lange, lange keinen (= Regen) gesehen.

Anna: Louis, haben Sie keinen — o, was ist das Ding, das gut ist im Regen?

Otto: Ein Ding, das gut ist im Regen? Ich weiß nicht, was Sie meinen, Anna.

Anna: Ich halte das Ding so über den Kopf. Sehen Sie, so!

Otto: Ah, so; das Ding ist ein Regenschirm.

Louis: O ja; wir, das ist mein Bruder und ich, waren bei unserm Cousin; da begann es zu regnen. Cousin Karl gab uns seinen Alpakaschirm; aber der Schirm ist zu klein für zwei Personen.

Anna: Sie werden sich erkälten, Louis.

Louis: O nein, das schadet mir nichts (= das ist nicht böse für mich).


Otto: Da fällt mir eine Anekdote von Cherubini ein.

Louis: Was ist das: »Da fällt mir ein«?

Otto: »Da fällt mir eine Anekdote von Cherubini ein,« dafür kann ich auch sagen: »Da muß ich an eine Anekdote von Cherubini denken.« Wenn ich sage: »Sein Name fällt mir nicht ein,« so ist das: »Ich kann nicht an seinen Namen denken, ich kann seinen Namen nicht finden.«

Louis: Ich verstehe, Otto; danke.

Anna: Ist Cherubini nicht ein italienischer Komponist?

Otto: Ja wohl, Cherubini ist ein italienischer Komponist.

Bella: Er ist aber nicht so groß wie Beethoven.

Otto: O nein. Also, die Anekdote: Cherubini ging (ich gehe, ich ging, ich bin gegangen) eines Tages (= an einem Tage) aus seinem Hause. Er mußte in das Opernhaus. Es regnete (es regnet, es regnete, es hat geregnet) und Cherubini nahm (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) seinen Regenschirm. Ein reicher Freund des Komponisten kam in einem feinen Wagen und sah Cherubini. Er ließ den Wagen halten und sagte: »Herr Cherubini, das ist ein böses Wetter. Ihr Weg zum Opernhaus ist lang, kommen Sie in meinen Wagen; mein Haus ist nicht fern von hier, ich kann gehen.« Der Freund stieg (= kam) aus dem Wagen. Cherubini stieg hinein (= in den Wagen). »Borgen (= geben) Sie mir Ihren Regenschirm, Herr Cherubini,« sagte der Freund. »[IV-8]Meinen Schirm? nein, meinen Schirm gebe ich nicht aus meiner Hand,« — sprach der Komponist. Die Equipage rollte fort, und der gute Freund stand in Sturm und Regen.

Bella: Große Männer sind oft in böser Laune (= Humor). So war es auch oft mit Beethoven.


Louis: Meine Damen, mein Bruder Otto hat gestern Abend das Gedicht von Hoffmann von Fallersleben mit mir studiert. Wollen Sie es von mir hören?

Anna: Bitte, Louis.

Bella: O, ja, ja.

Louis: Soll ich beginnen? Ja? und wenn ein Wort kommt, das Sie nicht verstehen, so sagen Sie: Halt! Nicht wahr, Anna?

Anna: Sehr wohl.

Louis:

Wer hat die schönsten Schäfchen?
Die hat —— —— —— ——

Anna: Halt, Louis, halt! Schäfchen? Was ist das?

Louis: Schäfchen ist ein kleines Schaf, Lämmchen ist ein kleines Lamm, und Häuschen ist ein kleines Haus. Ist das nicht recht, Otto?

Otto: Ganz recht, Louis.

Bella: Ist die Endsilbe »chen« dasselbe, wie die Endsilbe »lein«?

Otto: Ja wohl. Sie können von einem kleinen Baume sagen: Bäumlein und Bäumchen und von einer kleinen Rose: Röslein und Röschen.

Bella: Ah, ich verstehe.

Otto: Im Deutschen ist ein Wort: »Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.[IV-9]«

Bella: Ich verstehe: »Hans« ist ein Name,[IV-10] nicht wahr?

Otto: Ja, mein Fräulein; noch eins möchte (= will) ich sagen. Sie sagen: Die Rose, der Baum, aber Sie sagen nicht: die Röslein, der Bäumchen; Sie sagen: Das Röslein; das Bäumchen.

Bella: Ist »das« vor allen Wörtern mit chen und lein?

Otto: Ja, so ist es.

Louis:

Die hat der goldne Mond
Der hinter uns —— —— ——

Anna: Halt! Hinter.

Louis: Hinter — hinter. Ich weiß es; aber ich kann es Ihnen nicht im Deutschen sagen. Otto, bitte, hilf mir!

Otto: Anna, ist der Mond immer am Himmel?

Anna: Nein, er ist nicht immer am Himmel.

Otto: Warum können Sie den Mond oft nicht sehen wenn er am Himmel ist? Warum nicht?

Anna: Weil das Wetter oft nicht klar ist.

Otto: Und weil ein Haus vor dem Monde ist, oder ein Baum oder viele Bäume, nicht wahr?

Anna: Ja.

Otto: Nun wohl. Das Haus und die Bäume sind vor dem Monde; der Mond ist hinter dem Hause und hinter den Bäumen.

Anna: O ja, ich verstehe es; im Englischen ist es dasselbe Wort — behind.

Louis:

Der hinter unsern Bäumen
Am blauen Himmel wohnt.

Sie verstehen das Wort »wohnt«; nicht wahr? Ich wohne in der 5. Avenue; der Präsident wohnt in Washington, und der deutsche Kaiser wohnt in Berlin. So, das ist der erste Vers; nun kommt der zweite:

Er kommt am späten .....

Anna: Späten? Was ist spät? Ich habe das Wort schon gehört, aber ich habe es vergessen (ich vergesse, ich vergaß, ich habe vergessen). Was ist spät?

Louis: Spät ist nicht früh; früh ist nicht spät. Wenn ich zehn Minuten nach zwölf komme, dann komme ich spät; und komme ich zehn Minuten vor zwölf, dann komme ich früh.

Anna: O ja, nun weiß ich es wieder.


Louis:

Er kommt am späten Abend,
Wenn alles schlafen will,
Hervor aus seinem Hause
Zum Himmel leis und still.

Anna: Was ist das Wort »leis«?

Otto: Es ist richtiger (= besser) zu sagen: Was bedeutet das Wort »leis«?

Anna: Was bedeutet das Wort »leis«?

Louis: Mein Bruder Otto sagte mir: »Leis ist nicht laut; laut ist nicht leis.« — »Leis« ist hier ein Synonym von »still.« Die Katze geht leise, und der Dieb geht leise, wenn er stiehlt.

Bella: Aber, Louis, der Dichter (= Poet) will nicht sagen, daß der Mond wie ein Dieb geht? das ist nicht schön, nicht wahr? Der Dichter meint (= will sagen): »Der Mond kommt so still, daß wir alle schlafen können; er will uns nicht wecken.«

Otto: Ganz recht, mein Fräulein.

Anna: »Hervor aus seinem Hause.« Hat der Mond ein Haus am Himmel?

Otto: Nein; aber der Poet denkt so. In der Prosa sagen wir das nicht. Dieses ist aber keine Prosa. Dieses ist Poesie.


Louis: Darf ich nun den dritten Vers beginnen?

Anna: Bitte, Louis, bitte.

Louis:

Dann weidet er die Schäfchen .....

Anna: Halt, Louis! Halt! Was bedeutet das Wort »weidet«?

Louis: »Er weidet« ist hier: »Er bringt.« Der Schäfer bringt die Schafe und die Lämmer an den Bach und auf die Wiese, wo das Gras ist. Der Schäfer weidet die Schafe.

Dann weidet er die Schäfchen
Auf seiner blauen Flur .....

Anna: Die »blaue Flur,« ist das der Himmel?

Otto: Das ist der Himmel. Das ist wieder poetisch. Auf der Erde ist die Flur grün, denn das Gras ist grün; aber am Himmel ist die Flur blau.

Louis:

Denn all die weißen Sterne
Sind seine Schäfchen nur.

Anna: Was bedeutet hier das Wort »nur«? »Allein[IV-11]«?

Otto: Ich glaube (= denke), »nur« ist hier ein Synonym von »allein.« Die Sterne sind die Schafe des Mondes, nicht die Schafe der Sonne: sie sind des Mondes Schäfchen allein; sie sind des Mondes Schäfchen nur. Ich sage: Nur Shakespeare[IV-12] konnte ein Drama schreiben, wie »Hamlet«;[IV-13] das ist: er allein konnte es und kein anderer Poet. Ich sage: Nur Goethe konnte ein Werk schreiben wie »Faust,« — das ist: Er allein und kein anderer. In diesem Gedichte sagt der Dichter »nur« anstatt »allein«; er sagt »nur,« daß es sich reimt mit »Flur.« Die zweite Reihe des Verses ist:

Auf seiner blauen Flur

und die vierte:

Sind seine Schäfchen nur.


Louis:

Sie thun sich nichts zu Leide,
Hat —— —— —— ——

Anna: Halt, mein Freund! »Leide« verstehe ich nicht.

Otto: »Leide« ist hier ein Synonym von »Böses.« Ein Schäfchen thut dem andern nichts Böses. Das ist klar, nicht wahr? Nun gut; ich kann auch sagen: Ein Schäfchen thut (ich thue, er thut, sie thut, es thut) dem andern nichts zu Leide.

Louis: Hat eins das andere gern .....

Bella: »Gern«? — das Wort weiß ich auch nicht; alle anderen Wörter habe ich gewußt (ich weiß, ich wußte, ich habe gewußt).

Otto: Das glaube ich. »Gern«! Das ist ein Wort, das viele nicht verstehen; und unser Professor mußte lange, lange sprechen, bis wir es verstanden. »Gern,« — hm »gern.« Wie soll ich es klar machen, daß[IV-14] Sie es verstehen? Eine Minute will ich denken. — So, ich habe es. Bella, trinken Sie oft Milch?

Bella: Sehr oft, Otto.

Otto: Warum trinken Sie oft Milch?

Bella: Weil die Milch gut ist.

Otto: Wohl. Die Milch ist gut, und Sie trinken gerne Milch. Schmeckt die Medizin gut?

Bella: Nein, nein! Medizin ist bitter.

Otto: Medizin ist bitter. Sie trinken Medizin nicht gern. Bella, essen Sie oft Beefsteak?

Bella: Ja, sehr oft.

Otto: Warum?

Bella: Weil Beefsteak so gut schmeckt.

Otto: Oh, Beefsteak schmeckt gut. Sie essen gern Beefsteak. Die Blätter am Bäumlein sind gut für die Ziege, nicht wahr? Die Ziege ißt (ich esse, er ißt) die Blätter gern. Warum wollen Sie oft Musik hören, Bella?

Bella: Weil die Musik so schön ist.

Otto: Die Musik ist schön und Sie hören gern Musik. Louis, was ist besser, gutes Wetter oder schlechtes Wetter?

Louis: Gutes Wetter.

Otto: Gutes Wetter ist besser. Du, mein lieber Louis, hast das gute Wetter gern; ich habe das gute Wetter auch gern. Das schlechte Wetter habe ich nicht gern.

Bella: Oh, nun verstehe ich Sie, Otto. Was gut ist für mein Ohr, das höre ich gern; was gut ist für mein Auge, das sehe ich gern. Alles was gut ist, habe ich gern, und alles, was nicht gut ist und nicht schön, habe ich nicht gern.

Otto: So ist es. Viele Leute sagen: »Ich liebe, Beefsteak zu essen.« O, Bella, Anna und Louis! Sagen Sie das nicht. Sagen Sie nie: »Ich liebe, Milch zu trinken.« Sagen Sie: »Ich esse gern Beefsteak, ich trinke gern Milch, oder Kaffee, oder Thee, oder Wein; ich habe gern schönes Wetter.« »Ich liebe« ist mehr, als »ich habe gern.« Man sagt: »Ich liebe meine Mutter und meinen Vater, meinen Onkel und meine Tante; ich liebe meinen Bruder, meine Schwester, meine Freundin und meinen Freund.« Nun, ein Stern liebt den andern, nicht wahr? Dafür kann ich auch sagen:[IV-15] »Ein Stern hat den andern gern,« und so sagt der Poet hier.

Louis: O, das ist klar. Das verstehen wir; nicht wahr, Anna?

Anna: Ja wohl.


Louis:

Sie thun sich nichts zu Leide,
Hat eins das andre gern.
Und Schwestern sind und Brüder
Da droben Stern an Stern.

Anna: Was bedeutet das Wort »droben«?

Louis: Das kann ich Ihnen sagen, Anna. »Droben« ist »am Himmel.«

Otto: »Da droben« und »droben« ist dasselbe. Oben ist der Himmel, unten ist die Erde. Oben ist die Sonne, unten ist der Baum. Louis, wo ist in unserm Hause der Salon?

Louis: Unser Salon ist unten im Hause.

Bella: Ist »Salon« ein deutsches Wort?

Otto: Wir sagen es im Deutschen. Hier sagen wir »Parlor.« Der »Parlor« ist das schönste Zimmer; »Salon« ist dasselbe.

Louis: Unser Salon zum Schlafen ist oben.

Otto: Das ist recht. Aber wir sagen nicht »Salon zum Schlafen,« sondern »Schlafzimmer.« In diesem Zimmer sind viele Bücher; das ist ein Bibliothekzimmer. Ich studiere in meinem Studierzimmer. Im Colleg und in der Schule sind viele Schulzimmer.

Bella: Darf ich Sie einmal fragen, Otto?

Otto: Bitte, mein Fräulein, fragen Sie doch!

Bella: Was ist das?

Ich weiß ein grünes Haus,
Weiß sehn die Wände (1 Wand, 2 Wände) aus.
Rot sind die Zimmerlein.
Es wohnen kleine Neger drein.

Was ist das?

Louis: Das ist eine Wassermelone.

Bella: Louis! Sie sind zu schnell.

Otto: Kennen Sie die Anekdote von dem deutschen Professor und dem Engländer?

Alle: Nein. O bitte, erzählen Sie uns die Anekdote. Bitte, bitte.

Otto: In einem Hause wohnte (ich wohne, ich wohnte, ich habe gewohnt) ein Engländer und ein deutscher Professor der Philosophie; im Zimmer oben der Philosoph, unten der Engländer. Der Lord war sehr reich und oft in böser Laune (= Humor). Dann sandte (ich sende, ich sandte, ich habe gesendet) er nach dem Doktor. Der Doktor kommt, sieht (ich sehe, er sieht) den fetten Lord, fühlt den Puls und sagt: »Mein Herr, Sie sind nicht krank. Gehen Sie mehr aus in den Park, in den Wald, in das Feld.« »Das kann ich nicht,« sagt der Lord, »aber ich kann mir hier einen Wald machen, hier in meinem Zimmer.« Und das that (ich thue, ich that, ich habe gethan) er auch. Man brachte (ich bringe, ich brachte, ich habe gebracht) ihm Bäume in sein Zimmer, wilde Schwäne, Gänse, Hühner (= Hennen). Die schießt er mit seiner Pistole und ruft: Halloo! Halloo! und machte (ich mache, ich machte, ich habe gemacht) solchen Lärm, daß der Philosoph nicht studieren konnte. Der kommt zum Engländer und sagt: »Mein Herr, der Lärm im Hause ist sehr groß; ich kann ja nicht studieren.« »Sehr wohl, Herr Professor, dieses ist mein Zimmer, und in meinem Zimmer thue ich, was ich will.« »So?« »Ja, so!« und der Professor der Philosophie macht: »Hm, hm!« sagt kein Wort mehr und geht.

Nicht lange nachher, da tropfte es in des Engländers Zimmer; erst wenig Wasser, dann mehr und mehr. »Was ist denn das,« denkt der Engländer und geht hinauf (= nach oben) in das Haus und sieht in des Philosophen Zimmer Wasser, viel Wasser; und in dem Wasser Fische. Der Philosoph aber steht da und fischt. »Mein Herr, was thun Sie hier? Sie machen meinen Wald zum See.« »Sehr wohl, mein Lord. Dieses ist mein Zimmer und in meinem Zimmer thue ich, was ich will.« Der Engländer macht: »Hm, hm! So, so,« und sagt: »Herr Professor, das kann so nicht gehen. Lassen (= enden) Sie das Fischen, so lasse ich das Schießen.« »Sehr wohl, mein Lord,« sagte der Philosoph und lachte (ich lache, ich lachte, ich habe gelacht), und mit ihm lachte der Lord, und beide waren Freunde.

Louis: Das war klug (= weise) von dem Philosophen.

Otto: Diese Anekdote habe ich in einem Gedichte gelesen.

Louis: Nun sage ich das Ende des Gedichtes:

Wenn ich gen Himmel schaue .....

Otto: Das ist: Wenn ich zum Himmel sehe.

Anna: Ist »schauen« ein Synonym von »sehen«?

Otto: So ist es.

Louis:

So fällt mir immer ein,
O, laßt uns auch so freundlich
Wie diese Schäfchen sein.

Anna: Was ist das, »freundlich«?

Otto: Wir wollen Freunde sein, wie diese Schäfchen, — das ist: Wir wollen freundlich sein.

Bella: Der Engländer war erst kein Freund des Professors und er war nicht freundlich. Am Ende waren sie Freunde, und dann waren sie freundlich.

Otto: Sehr gut, Bella. So hier ist ein Buch. Der Titel ist: »Gedichte von Hoffmann von Fallersleben.« Sehen Sie? Und hier ist unser Gedicht. Wer will es lesen?

Louis: Anna, lesen Sie es laut vor, bitte!

Anna:

Wer hat die schönsten Schäfchen?
Die hat der goldne Mond,
Der hinter unsern Bäumen
Am blauen Himmel wohnt.

Er kommt am späten Abend,
Wenn alles schlafen will,
Hervor aus seinem Hause
Zum Himmel leis und still.

Dann weidet er die Schäfchen
Auf seiner blauen Flur;
Denn all die weißen Sterne
Sind seine Schäfchen nur.

Sie thun sich nichts zu Leide,
Hat eins das andre gern,
Und Schwestern sind und Brüder
Da droben Stern an Stern.

Wenn ich gen Himmel schaue
So fällt mir immer ein,
O, laßt uns auch so freundlich
Wie diese Schäfchen sein.

Bella: Das Gedicht ist wundervoll.

Otto: Und als Freunde wollen wir nun nach Hause gehen. Adieu, meine Damen.

Bella und Anna: Adieu! Adieu!

Otto: Bevor ich gehe, muß ich Ihnen noch sagen: Morgen kommt Herr Meister wieder.

Alle: O, das ist gut! Das ist schön!





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Zweiter Teil









Section 5

V.



Anna: Herr Meister! Herr Meister!

Bella: O, ich bin so froh, daß Sie kommen, Herr Meister!

Louis: Können Sie wieder gut sprechen, Herr Meister?

Otto: Wie geht es Ihnen heute, Herr Meister?

Herr Meister: Danke, meine Freunde, gut (= es geht mir gut). Ich bin sehr glücklich (= sehr froh), Sie wieder zu sehen. Ja, ich bin wieder wohl und kann wieder gut sprechen. Wollen Sie mich hören?

Alle: Bitte, Herr Meister, bitte.

Herr Meister: Eine Mutter hatte zwei Töchter. Die eine war schön wie die Rose, und die andere war häßlich (= nicht schön) wie die Nacht. Die Mutter war gut mit der einen Tochter, die häßlich war, und war böse mit der andern, die schön war. Die Schöne mußte arbeiten im Hause und im Garten vom Morgen bis zum Abend; sie hatte nie Rast. Die Häßliche arbeitete (ich arbeite, ich arbeitete, ich habe gearbeitet) nicht; sie konnte nicht, sie war so dumm (= nicht weise, klug). Da war ein kleiner Garten vor dem Hause, und in dem Garten waren viele Bäume und unter dem größten (= Baume) war ein Brunnen. Hier saß (ich sitze, ich saß, ich habe gesessen) die schöne Tochter oft beim Spinnrade und spann (ich spinne, ich spann, ich habe gesponnen) Flachs.

»Ach, warum ist meine Mutter so böse mit mir? Ich thue alles, was ich kann, aber ich höre kein gutes Wort. Ach, lieber Gott, hilf mir!« So sprach sie und hatte nicht auf die Spindel gesehen und stach (ich steche, ich stach, ich habe gestochen) sich in den Finger, und das Blut rann auf die Spindel.

Und an dem Brunnen wollte sie die Spindel abwaschen, da fiel (ich falle, ich fiel, ich bin gefallen) die Spindel in das Wasser.

Sie kam zu ihrer Mutter und sagte: »O Mutter, meine Spindel ist in das Wasser gefallen! Was soll ich thun?« »Was thun?« sagte die Mutter, »springe in den Brunnen und hole (= bringe) die Spindel. Komm nicht wieder in mein Haus, bevor du die Spindel hast.«

Und das Mädchen ging (ich gehe, ich ging, ich bin gegangen) an den Brunnen und sah auf den Grund. Da war es so klar, aber die Spindel sah sie nicht (ich sehe, ich sah, ich habe gesehen). Sie sah tiefer und tiefer, da fiel sie in den Brunnen (ich falle, ich fiel, ich bin gefallen). Die Mutter kam, ihre Tochter war nicht mehr da.

Aber unter dem Brunnen war eine große Wiese, und dahin war sie gekommen. Da war es schön. Die Sonne stand am Himmel, und der Himmel war klar, und viele Bäume standen auf der Wiese mit roten Äpfeln. Und ein Baum rief (= sagte laut): »Meine Äpfel (1 Apfel, 2 Äpfel) sind reif! Meine Äpfel sind reif!« Und das Mädchen schüttelte (ich schüttele, ich schüttelte, ich habe geschüttelt) den Baum, daß alle Äpfel in das Gras fielen. Dann kam sie an einen Backofen, in dem Backofen war Brot und das Brot rief (ich rufe, ich rief, ich habe gerufen): »Ich bin gut gebacken! gut gebacken!« Und das Mädchen nahm (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) das Brot aus dem Backofen.

Dann kam sie an ein kleines Haus. Davor stand das alte Weib, Frau Holle. »Schönes Mädchen,« sagte sie, »komm in mein Haus. Bleib' bei mir, hilf mir (ich helfe, du hilfst) und du sollst es hier gut haben.« Da sagte das Mädchen: »Ich will dir helfen, so gut ich kann.« »Das ist brav,« sagte die Alte.

Und das Mädchen kam in das Haus und half der alten Frau. Sie mußte jeden Tag das Bett (von) der alten Frau machen und die Federn gut schütteln. Alles that (ich thue, ich that, ich habe gethan) sie gut, aber sie war doch traurig. Das sah die Frau eine Weile, dann fragte sie: »Warum so traurig, meine Tochter?« »Ach,« sagte sie, »hier ist es schön, und du bist gut und lieb, und ich habe alles, was ich will; nur eines nicht — ich habe keine Freundinnen, ich bin allein.« »Wohl,« sagte Frau Holle, »so komm mit mir.«

Sie gingen in einen großen Garten und gingen bis an das Ende. Hier sagte Frau Holle: »Meine Tochter, ich war mit dir zufrieden, und so sollst du auch mit mir zufrieden sein!« Sie winkte mit der Hand, da fiel ein Regen. Aber das war kein Regen von Wasser, es war ein Regen von Gold. »Lebewohl,« rief die Alte und war aus dem Garten. Das schöne Mädchen aber stand wieder am Brunnen, im kleinen Garten vor dem Hause. Sie ging hinein (= in das Haus), und da war ihre Mutter und ihre häßliche Schwester. Sie wunderten sich über das Gold und hörten alles.


»Ich muß auch Gold haben, Mutter,« rief die häßliche Tochter. »Ja, du mußt auch Gold haben,« sagte die Mutter. »Geh' auch in den Brunnen und auf die Wiese.« Und sie (= die häßliche Tochter) that so und kam auf die Wiese.

Da waren die Bäume mit den Äpfeln. Der eine Baum rief »Schüttele mich! Schüttele mich!« Das Mädchen aber sagte: »O nein; ich kam nicht hierher, Bäume zu schütteln.« Und sie kam an den Backofen. Da rief das Brot: »Ich bin gut gebacken! gut gebacken! Nimm mich (ich nehme, du nimmst) heraus (= aus dem Backofen).« »Das thue ich nicht,« sagte das Mädchen, »ich werde voll Asche.«[V-1] Dann kam sie an das kleine Haus. Die alte Frau fragte (ich frage, ich fragte, ich habe gefragt): »Was willst du hier?« und das Mädchen sagte: »Ich will bei dir sein.« »Bei mir mußt du arbeiten.« »Arbeiten?« »Ja, du mußt gut arbeiten und viel, und jeden Morgen mußt du mein Bett machen und die Federn gut schütteln.«

Und am ersten Morgen war das Mädchen gut, am nächsten Morgen auch; am dritten Morgen nicht so gut, und am vierten Morgen hatte sie geschlafen, da die Sonne längst am Himmel stand. Da sagte die alte Frau: »Komm mit mir.« »Ha, nun kommt das Gold,« dachte (ich denke, ich dachte, ich habe gedacht) das Mädchen. Die Alte sagte: »Ich will dich nicht länger (lang, länger, längst) in meinem Hause haben. Geh'!« »Ja, ich will gehen,« sagte das Mädchen, »aber ich will mein Gold.« »Dein Gold?« Und die Alte winkte mit der Hand, da fiel ein Regen. Aber das war kein Goldregen, das war ein böser Stoff; davon wurde sie noch häßlicher, als zuvor. »Geh',« rief die Alte, »geh'!« und im Augenblick (= Moment) war sie wieder oben im alten Garten, bei dem Brunnen vor ihrem Hause.

Anna: Bitte, Herr Meister, erzählen (= sprechen) Sie noch mehr.

Herr Meister: Die Erzählung (ich erzähle, die Erzählung) ist zu Ende. Mehr weiß ich nicht.

Otto: Die Erzählung ist sehr schön. Ich habe sie (= die Erzählung) oft und gern in Grimms »Märchenbuch« gelesen.

Anna: Was für ein Buch ist das?

Herr Meister: Ein Märchenbuch ist ein Buch mit Märchen; und ein Märchen ist eine Erzählung, wie diese von Frau Holle.

Anna: Sind viele Märchen in diesem Buche von Grimm?

Herr Meister: Ja, sehr viele, und die meisten (viel, mehr, am meisten) sind schön. Die beiden Brüder, Jakob Grimm und Wilhelm Grimm, haben uns die meisten Märchen und die schönsten Märchen gegeben.


Louis: Leben die Brüder Grimm noch?

Herr Meister: Nein, beide sind tot. Jakob Ludwig Grimm wurde am 4. Januar 1785 geboren und starb am 20. September 1863. Er war nicht verheiratet. Sein Bruder Wilhelm Karl Grimm wurde am 24. Februar 1786 geboren und starb am 16. Dezember 1859. Sie waren sehr gelehrt, das ist, sie hatten sehr viel gelernt. Ich spreche gern von den Brüdern Grimm. Beide waren gute Menschen, große gelehrte, brave Charaktere und liebten (ich liebe, ich liebte, ich habe geliebt) sich so sehr, wie Sie es thun, Louis und Otto. Sie wissen (ich weiß, Sie wissen) es ist nicht oft, daß Brüder und Schwestern sich lieben. Sie haben das auch in unserem Märchen gesehen. Wilhelm war der jüngere Bruder, und Jakob der ältere. Jakob war Professor an der Universität in Göttingen, und der jüngere half ihm bei seinen Werken.

Louis: »Half«? Das verstehe ich nicht.

Otto: Darf ich es meinem Bruder erklären (= klar machen), Herr Meister?

Herr Meister: Gewiß.

Otto: Wenn du in deinem Garten arbeitest, so komme ich oft und arbeite mit dir, — ich helfe dir; denn du bist mein guter Bruder, verstehst du? — und Brüder und Schwestern müssen einander helfen. Die reichen Leute sollten den Armen in der Not helfen, und die guten Menschen thun es auch, und Gott hilft allen guten Menschen, den reichen und den armen. Ich will dir ein gutes Wort geben:

Wenn die Not am höchsten,
Dann ist Gottes Hilfe am nächsten.

Bella: Hat Wilhelm Grimm seinem Bruder Jakob auch geholfen beim Schreiben von diesen Märchen?

Herr Meister: Es ist besser zu sagen: »Beim Schreiben dieser Märchen.« Ja, er hat ihm (= seinem Bruder Jakob) geholfen beim Schreiben dieser Märchen und auch beim Schreiben anderer Bücher. Die Brüder Grimm haben viele kostbare Werke geschrieben (ich schreibe, ich schrieb, ich habe geschrieben) über die deutsche Sprache. Einer von ihnen hätte das nicht allein thun können.

Bella: Herr Meister, ich habe mich schon oft gewundert (ich wundere mich, ich wunderte mich, ich habe mich gewundert), daß so viele deutsche Wörter wie englische Wörter lauten. Arm ist arm, Finger ist finger, Hand ist hand, grün ist green, braun ist brown, weiß ist white, sechs ist six, zehn ist ten, und .....

Louis: Und nose ist Nase, und Kuh ist cow, und horse ist Pferd, und .....

Otto: Nicht mehr, Louis; bitte, bitte.

Herr Meister: Ja, sehr viele Wörter sind im Englischen, wie im Deutschen. Ich will Ihnen erklären, wie das kommt. Sie wissen, meine Freunde, viele Deutsche kommen aus Deutschland hierher nach Amerika. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viele Millionen hier sind. Viele Deutsche wandern auch aus ihrer Heimat (= ihrem Hause in Deutschland) nach Australien, denn Deutschland ist zu klein für die vielen Menschen. So ist es heute, und so war es immer. Im Jahre 449 wanderten (ich wandere, ich wanderte, ich bin gewandert) die Sachsen, — das waren Deutsche, — vom Norden Deutschlands nach Britannien und nahmen (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) das Land. Britannien war nun in den Händen der Deutschen, und man sprach angelsächsisch, das ist: deutsch. Da kam im Jahre 1066 Wilhelm von der Normandie mit den Normannen (= Männern von der Normandie), nahm das Land und auch den Thron und war König von Britannien. Die Sprache des Königshauses war nun nicht mehr angelsächsisch, sie war französisch. So war es bis zum dreizehnten Jahrhundert, da sprach man auch wieder im Königshause angelsächsisch. Aber das Angelsächsische war nicht mehr die alte angelsächsische Sprache. Viele französische und viele lateinische Wörter waren in die Sprache gekommen. Angelsächsisch, Französisch und Lateinisch, — aus diesen drei Sprachen besteht die englische Sprache von heute. Fünf achtel (= 58) von allen Wörtern der englischen Sprache kommen aus dem Angelsächsischen, so sagt man. Darum, meine Freunde, ist die deutsche Sprache so leicht (= gut) und so schnell zu lernen von allen Personen, die Englisch sprechen; und die englische Sprache von allen, die Deutsch verstehen.


Anna: O, ich wünsche, die deutsche Sprache gut zu sprechen. Kann ich es lernen, Herr Meister?

Herr Meister: Gewiß, mein Fräulein. Die Amerikaner lernen besonders gut Deutsch. Oft habe ich amerikanische Damen und Herren gehört, die so gut Deutsch sprachen, wie Deutsche.

Otto: Ich hörte einmal Bayard Taylor Deutsch sprechen. Er spricht sehr gut.

Herr Meister: Es ist nicht lange her, da war ich mit meinen beiden Töchtern auf einem Balle. Ich saß (ich sitze, ich saß, ich habe gesessen) neben einem Herrn, und dieser sprach Deutsch mit mir. Ich antwortete (ich antworte, ich antwortete, ich habe geantwortet) ihm in deutscher Sprache. Zuletzt (= am Ende) fragte (ich frage, ich fragte, ich habe gefragt) ich ihn: »Aus welcher Stadt Deutschlands kommen Sie?« »Ich war nie in Deutschland, ich bin in Brooklyn geboren, ich bin ein Amerikaner; auch meine Eltern sind Amerikaner und verstehen kein Wort Deutsch. Deutsch habe ich hier gelernt.« So antwortete der Herr. Ich war voll Verwunderung. Auch Sie, meine Freunde, werden es so gut lernen. Sie haben schon viel gelernt und sprechen heute schon sehr gut.

Bella: Dafür müssen wir Ihnen danken, Herr Meister, und Ihnen, Otto.

Herr Meister: Und auch ich muß Ihnen meinen besten Dank hier sagen, Otto, und Ihnen auch mein bestes Kompliment machen. Für heute nicht mehr, ich sehe Sie morgen um zwölf Uhr wieder. Adieu!

Bella und Anna: Wir müssen auch nach Hause gehen.

Louis: Bitte, noch fünf Minuten! Ich habe hier ein deutsches ..... was ist das, Otto?

Otto: Das? Das ist ein deutsches Lied von Mozart, »An den Mai.«

Louis: Bitte, Fräulein, singen Sie das Lied »An den Mai.« Hier ist ein Piano. Hier sind die Noten. So!

Bella: Ein Lied von Mozart? Ja, das will ich singen: Musik: An den Mai [V-2] [V-3]

Louis: O, das ist schön, das ist sehr schön! Ich danke Ihnen, Fräulein Bella.

Otto: Mein Fräulein, Sie haben das Lied wundervoll gesungen.

Anna: Das Lied will ich auch lernen.

Bella: Nun müssen wir nach Hause gehen. Adieu!

Louis: Adieu, meine Damen.

Otto: Auf Wiedersehen!





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Section 6

VI.



Herr Meister: Denken Sie noch an die Anekdote von »oben« und »unten,« Louis?

Louis: O ja.

Herr Meister: Wie gefällt Ihnen diese Anekdote?

Louis: Ich verstehe nicht »wie gefällt Ihnen.«

Herr Meister: Otto, wollen Sie das Ihrem Bruder erklären?

Otto: Ist die Rose schön, Louis?

Louis: Ja, die Rose ist schön.

Otto: Nimmst (ich nehme, du nimmst) du die Rose gern?

Louis: Ja, ich nehme die Rose gern.

Otto: Nun wohl, Louis. Die Rose ist schön, und du nimmst sie gern, denn die Rose gefällt dir. Das gute Wetter ist schön und du sagst: »Das Wetter gefällt mir.« Das schlechte (= nicht gute) Wetter gefällt dir nicht. Alles, was gut und schön ist, gefällt mir; alles, was schlecht ist und häßlich (= nicht schön), gefällt mir nicht. Viele Dichter gefallen mir, denn sie sind gut; viele gefallen mir nicht, weil sie nicht schön sind. Verstehst du mich, Louis?

Louis: Ja wohl. Ich danke dir, Otto.

Otto: Verstehen Sie auch alles, Bella und Anna?

Bella: Ich verstehe alles.

Anna: Und ich auch.

Herr Meister: Anstatt »dieser Dichter gefällt mir nicht,« sagen wir auch: »dieser Dichter mißfällt mir.«

Bella: Wenn ich Sie recht verstehe, Herr Meister, so sagen Sie: »miß« ist hier so viel wie »nicht.« Das ist im Englischen auch so. Darf (= kann) ich ein paar englische Wörter sagen?

Herr Meister: O ja, hier dürfen Sie (ich darf, sie dürfen) es thun.

Bella: He misunderstands me, das ist: Er versteht mich nicht.

Otto: Ist das nicht auch im Deutschen: »Er mißversteht mich«?

Herr Meister: Ganz gewiß (= ja, so ist es).

Bella: Und I mistrust him ist auch so.

Anna: Was ist das im Deutschen?

Otto: »Ich mißtraue ihm.«


Bella: Wie so wissen Sie, Herr Meister, daß wir die Anekdote von »oben« und »unten« gehabt haben? — Sie waren doch nicht hier.

Herr Meister: Wundern Sie sich? Ja, Fräulein Bella, ich weiß alles. Ich weiß, was Sie in der ersten Stunde, in der zweiten und in allen anderen Stunden gesprochen (ich spreche, ich sprach, ich habe gesprochen) haben. Auch die Anekdoten, die Sie erzählt haben, weiß ich und den bösen Traum. Ich weiß alles.

Bella: Gewiß, Otto hat Ihnen alles erzählt, Herr Meister.

Herr Meister: Ja, und ich danke ihm viel, vielmal dafür. Was er mir von Ihnen erzählt hat, hat mir so viel Freude gemacht, und ich war[VI-1] sehr glücklich (= sehr froh).

Anna: Sie sind immer so gütig (= so gut), Herr Meister, und so ..... so .....

Louis: Und so ..... Was meinen Sie, Anna?

Anna: Ich kann das deutsche Wort nicht finden. So ..... Wie war Sokrates?

Otto: Sokrates war weise.

Anna: Ja, Herr Meister ist auch weise. Aber »weise« ist nicht das Wort, das ich sagen will. Ich will sagen: »Herr Meister hört uns immer, erklärt uns alles, so oft wir fragen, und ist nie böse.«

Herr Meister: Ah, Sie meinen das Wort »geduldig.«

Anna: Ja, geduldig. Das ist es! Das ist es!

Herr Meister: Ja, meine lieben Freunde, ein Lehrer .....

Louis: »Ein Lehrer«? Bitte, Herr Meister, sagen Sie mir, was bedeutet dieses Wort?

Herr Meister: Sie lernen, Louis, nicht wahr? Sie lernen die deutsche Sprache bei mir; ich bin[VI-2] heute Ihr Lehrer. Als ich unwohl war und nicht kommen konnte, war Otto Ihr Lehrer.

Louis: Herr Meister, ich danke Ihnen.

Herr Meister: Ja, ich will sagen: Ein Lehrer muß geduldig sein, und ein guter Lehrer hat viel, viel Geduld, wie der große Sokrates.

Bella: Hatte Sokrates viel Geduld?

Herr Meister: So sagt man. Sokrates hatte eine böse Frau, sie hieß (= ihr Name war) Xantippe.

Bella: Ach, das Wort Xantippe habe ich oft gehört.

Herr Meister: Sie zankte immer, das ist: Sie sprach immer laut und böse mit ihrem Manne, dem Philosophen. Einmal zankte sie wieder. Der Philosoph sagte kein Wort. Sie zankte immer mehr, — der Philosoph blieb (ich bleibe, ich blieb, ich bin geblieben) still. Das Zanken wurde schlimmer (böse, schlimmer, schlimmst). Da stand der Philosoph auf und ging aus dem Hause. Dieses machte Xantippe sehr böse. Sie nahm eine Kanne mit Wasser und schüttete es auf ihren Mann. »Das ist recht,« sprach der Philosoph, »das ist recht; nach einem Donnerwetter muß ein Regen kommen,« und ging (ich gehe, ich ging, ich bin gegangen) seinen Weg.


Herr Meister: Mit Geduld, meine Freunde, und mit guten Worten kann man oft alles thun. Mit Ungeduld (= nicht Geduld) und mit heftigen (= bösen) Worten erreicht (= thut) man nichts. »Ein gutes Wort findet einen guten Ort.« Das gute Wort ist wie der milde Sonnenschein im Frühling.

Bella: Aber nicht alle Menschen denken so wie Sie, Herr Meister.

Herr Meister: Nein, weil der eine Mensch mit dem andern keine Geduld hat, weil der eine Mensch in dem andern das Gute nicht sieht (ich sehe, er sieht), weil der eine Mensch den andern nicht versteht. So ist es mit einzelnen (= 1, 2, 3) Menschen und so ist es mit ganzen Nationen. Da sind in Europa zwei Nationen so groß, so nobel. Sie sollten die besten Freunde sein und sind — Feinde, weil sie sich nicht verstehen, — die Deutschen und die Franzosen. O, wie gut wäre es, wie gut für die Menschheit (= alle Menschen), wenn Deutsche und Franzosen wären wie Brüder! Aber Deutschland mißtraut Frankreich, und Frankreich mißtraut Deutschland. So war es in alten Zeiten, schon vor Julius Cäsar, und so ist es noch heute. Darum hat Frankreich die großen Armeeen, und darum hat Deutschland seine vielen Soldaten.


Louis: Mein Onkel war vor zwei Jahren in Deutschland, und er spricht (ich spreche, er spricht) noch oft von Deutschland und von Berlin. »Auf allen Straßen Berlins,« sagt er, »sieht man Soldaten und Offiziere; jeden Morgen sieht man die Soldaten marschieren, hört man die Trommeln und die schönste Militärmusik. Berlin ist eine Stadt der Soldaten und Kasernen (die Kaserne = das Soldatenhaus).«[VI-3]

Bella: Meine Freundin Fanny Bryant in Dresden schreibt mir dasselbe, und sie meint (= denkt, ich meine, sie meint), die deutschen Offiziere sind sehr schön und galant.

Herr Meister: So? Denkt Ihre Freundin so? Ja, Deutschland ist das Land der Armeeen. Es hat eine halbe Million Soldaten.

Otto: Eine halbe Million? Das ist viel, sehr viel.

Herr Meister: Nicht wahr?

Bella: Wie kommt es, daß Deutschland so viele Soldaten hat?

Herr Meister: In Deutschland müssen alle Männer Soldaten werden mit dem zwanzigsten Jahre.

Louis: Alle Männer?

Herr Meister: Alle Männer. So sagt die Verfassung (= Konstitution). Nun ja, der Lahme, der Blinde, der Kranke (= der nicht wohl ist) kann nicht Soldat sein, aber alle Gesunden (= nicht Kranken) müssen: der Reiche und der Arme (= nicht Reiche), der Baron und der Bürger (= nicht Baron), alle, alle. In der Armee ist Deutschland republikanisch. Ein jeder muß drei Jahre in der Armee sein.

Otto: Drei Jahre! Das ist eine lange Zeit.

Herr Meister: Ich habe einen Neffen (= der Sohn meines Bruders), der ist nur ein Jahr in der Armee. Aber er mußte zuvor ein Examen machen in der lateinischen[VI-4] Sprache, in der griechischen, in der französischen und in der englischen, in der Mathematik und in vielen anderen Dingen; und alle jungen Männer haben dasselbe Vorrecht (= Privilegium), wie mein Neffe, welche in der Sekunda eines Gymnasiums sind. Sekunda ist die zweite Klasse eines deutschen Collegs. Diese Soldaten haben den Namen: »Einjährig–Freiwillige.« Diese »Einjährig–Freiwilligen« wohnen nicht in Kasernen, und sie müssen alles selbst geben: Helm und Mantel, Bajonett und Gewehr und Säbel.

Louis: Was ist Gewehr, Herr Meister?

Otto: Ich will es dir sagen, Louis. Das Bajonett ist oben an dem Gewehr. Mit dem Gewehr schießt (ich schieße, man schießt) man. Es ist kleiner, als die Kanone und größer, als die Pistole. Der Soldat trägt (ich trage, ich trug, ich habe getragen) das Gewehr auf der Schulter, wenn der Lieutenant kommandiert: »Schultert das Gewehr!«

Herr Meister: Das ist recht. Sie sehen, nur der Mann kann Einjährig–Freiwilliger sein, der reich ist und intelligent und eine gute Schule hatte. Die Einjährig–Freiwilligen sind sehr geachtet (= respektiert).


Bella: Herr Meister, haben Sie auch den Großen Moltke gesehen, den großen General?

Herr Meister: O, sehr oft; unter den Linden in Berlin.

Otto: Wie sieht er aus?

Herr Meister: Feldmarschall Graf Moltke ist groß und mager (= nicht dick). Er ist sehr ernst, aber freundlich und gut mit allen Menschen. Er spricht wenig, ist schweigsam (= still).

Louis: So ist auch General Grant.

Otto: Ja, das ist wahr.

Herr Meister: Wenn die Leute den Grafen Moltke auf der Straße sehen, so sagen sie mit der größten Achtung (= Respekt): »Da geht der große Schweiger« (schweigen, still).

Anna: Ich dachte, ein General, wie Moltke, sei (= ist) nie freundlich und mit keinem Menschen gut.

Herr Meister: Nein, man sagt, Graf von Moltke sei ein sehr guter, freundlicher Mensch.

Louis: O, ich möchte ihn gerne sehen!

Bella: Ich will ihn um sein »Autograph« bitten.

Herr Meister: Haben Sie schon von Berthold Schwarz gehört, meine Freunde? Nicht? Nun, ich werde ein wenig über ihn sprechen. Berthold Schwarz war ein Mönch.

Louis: Ich verstehe das Wort »Mönch« nicht. Kannst du es mir erklären, Otto?

Otto: Ein Mönch ist ein Priester, der im Kloster lebt. Du hast das Wort »Nonne« schon gehört. Nonnen leben auch im Kloster. Nonnen sind Frauen.

Louis: Ist »Kloster« dasselbe, wie das englische "cloister"?

Otto: Ja. Viele sagen auch das Wort "convent." Ein Kloster ist ein Haus für Mönche und Nonnen, wie eine Kaserne ein Haus ist für Soldaten.

Herr Meister: Sie wundern sich, daß ich von einem Priester spreche, nachdem ich von Soldaten gesprochen habe? Ein Priester war es, ein Mönch, es war dieser Mönch Berthold Schwarz, der den Soldaten das Schießpulver gegeben hat.

Otto: »Das Schießpulver«? Dieses Wort verstehe ich auch nicht.

Herr Meister: Haben Sie schon eine Kanone gesehen?

Otto: O, ja.

Herr Meister: Was thut man in die Kanone?

Otto: Einen Ball.

Herr Meister: Einen Ball? Nein, mein Freund, man thut keinen Ball in die Kanone. Sie, Ihr Bruder Louis und Ihre Freunde spielen Samstag im Park mit einem Balle. Aber in die Kanone thut der Soldat keinen Ball, sondern eine Kugel. Spielen Sie mit einem Balle von Metall, Louis?

Louis: O, nein, Herr Meister.

Herr Meister: Nun, die Kugel in der Kanone, in dem Gewehr, in der Pistole ist von Metall.

Anna: Aber die Kugel ist rund, wie ein Ball, nicht wahr?

Herr Meister: Das wohl. Was treibt (= bringt) die Kugel aus der Kanone, aus der Flinte, aus der Pistole?

Otto: O, nun weiß ich es. Das P..... P..... Ich kann das Wort nicht finden.

Herr Meister: Das Pulver. Ich meine nicht das Pulver, das der Apotheker giebt. Wenn Sie Fieber haben, so verschreibt der Doktor ein Pulver und sagt: »Nehmen Sie alle zwei Stunden ein Pulver.« Ich meine das Schießpulver.


Otto: Herr Meister, sagten Sie: Berthold Schwarz habe das Schießpulver zuerst gemacht?

Herr Meister: Ja, ich sagte: Berthold Schwarz hat das Pulver erfunden (ich erfinde, ich erfand, ich habe erfunden—er–finden = erst finden).

Anna: Berthold Schwarz war klug (= weise).

Herr Meister: Ja, er war klug. Noch heute sagen wir von einem Menschen, der nicht sehr klug ist: »Der hat das Pulver nicht erfunden.«

Otto: Das habe ich auch schon gehört. Aber, Herr Meister, ich habe in einem Buche gelesen: Die Chinesen hatten Pulver, und die Griechen vor langer, langer Zeit.

Herr Meister: Sehr wohl. Chinesen und Griechen hatten eine andere Sorte von Pulver. Ihr Pulver war fein, wie das Pulver in der Apotheke. Mit dem feinen Pulver konnte man aber nicht schießen. Sie wissen (ich weiß, sie wissen), unser Schießpulver ist rund, kugelförmig (= wie die Form einer Kugel).

Bella: Wie erfand Berthold Schwarz das Pulver, wollen Sie es uns nicht sagen?

Herr Meister: Gewiß, mein Fräulein. Berthold Schwarz war eines Tages in der Zelle (= das kleine Zimmer) seines Klosters und mischte Salpeter, Kohle und Schwefel.

Louis: Schwefel? Den Stoff kenne ich nicht.

Herr Meister: O ja, Sie alle kennen Schwefel. Sehen Sie hier: Ich nehme aus meiner Tasche ein dünnes Holz; damit mache ich Feuer für meine Cigarre oder am Abend für das Gas. Dieses Holz ist ein Schwefelholz. Hier an dem einen Ende ist Phosphor und unter dem Phosphor ist ein gelber Stoff; das ist Schwefel. Wissen Sie nun, was Schwefel ist?

Louis: Ja wohl, Herr Meister. »Und Berthold Schwarz,« sagten Sie, »mischte Saltpeter, Kohle und Schwefel.«

Herr Meister: Ja, und die Mischung (ich mische, die Mischung) wurde warm und explodierte mit einem großen Knall (= Ton). Die anderen Mönche alle kamen in die Zelle und sahen ihren Bruder Berthold auf der Erde liegen. Da meinten Sie, der Teufel (= Satan) wäre (= war) in Bertholds Zelle gewesen.

Bella: Und so war es auch.

Louis: O, Fräulein Bella! Ha, ha!

Bella: Ja, Louis, ist der Teufel nicht im Pulver? Kommt von dem Pulver nicht so viel Böses?

Otto: Wann ist das Schießpulver erfunden worden?

Herr Meister: Man sagt, im Jahre 1259 in Freiburg.

Anna: Ist Freiburg auch in Deutschland?

Herr Meister: Ja wohl, Fräulein Anna, und wenn Sie nach Deutschland kommen, dann gehen Sie auch nach Freiburg und sehen die Statue von Berthold Schwarz, dem Erfinder des Schießpulvers.


Anna: Herr Meister!

Herr Meister: Fräulein Anna, was wünschen Sie?

Anna: Waren die Menschen in alten Zeiten nicht besser, als sie heute sind?

Herr Meister: Warum fragen Sie das, mein Fräulein?

Anna: Ich höre so oft alte Leute sagen: »Ja, ja, als wir noch jung waren, war alles anders, alles besser.«

Herr Meister: Ich glaube sehr gern, daß alles anders war; aber daß alles besser war, das, mein Fräulein, kann ich nicht glauben. Ja, ich glaube, daß vieles heute besser ist, als es früher war.

Bella: Aber die Leute hatten in alten Zeiten kein Schießpulver, keine Kanonen, keine Gewehre und keine Pistolen, und gestern Abend habe ich gelesen, daß in den Jahren 1870 und 1871 mehr als 100,000 Deutsche und Franzosen, im Jahre 1865 mehr als 100,000 Amerikaner, im Jahre 1877 mehr als 100,000 Russen und Türken sterben mußten.

Anna: So? Was war in den Jahren 1870 und 1871, 1865 und 1877, war eine Pest in Europa?

Louis: Nein, Anna. Keine Pest. Im Jahre 1865 zankten sich die Leute im Norden der Vereinigten Staaten mit den Leuten im Süden.

Herr Meister: Man sagt nicht von Nationen: »Sie zankten sich.«[VI-5] Sie können das wohl sagen von einzelnen (= 1, 2, 3) Personen. Xantippe zankte oft mit ihrem Manne, dem Philosophen Sokrates. Aber wenn die Soldaten von der einen Nation auf die Soldaten (von) der andern Nation schießen, dann sagt man: »Die eine Nation hat mit der andern Nation Krieg.« Im Jahre 1865 waren die nördlichen Staaten von Amerika im Kriege mit den südlichen Staaten; in den Jahren 1870 und 1871 war Frankreich im Kriege mit Deutschland und im Jahre 1877 Rußland mit der Türkei. Die Türken schossen (ich schieße, ich schoß, ich habe geschossen) auf die Russen, und die Russen auf die Türken. Dafür können Sie auch sagen: »Die Russen kämpften mit den Türken.« Louis, wissen Sie auch, wer stärker war (stark, stärker, stärkst)?

Louis: O ja, das weiß ich, die Russen waren stärker. Die Russen haben den Türken viel Land abgenommen (ich nehme ab, ich nahm ab, ich habe abgenommen).

Herr Meister: Das ist recht, Louis. Die Russen haben gesiegt über die Türken.

Otto: Herr Meister, kann ich nicht auch sagen: »Die Türken wurden besiegt von den Russen?«

Herr Meister: Gewiß, Otto, das ist auch recht. Sie können auch sagen: »Die Russen waren die Sieger und die Türken die Besiegten


Bella: O, nun verstehe ich auch die Worte, die ich vor wenigen Tagen gelesen habe: »Ich kam, sah, siegte.«

Otto: Von Julius Cäsar sind diese drei Worte, und Lateinisch ist es: Veni, vidi, vici.

Herr Meister: Veni, vidi, vici, diese drei Worte schrieb Cäsar an den Senat in Rom nach einem großen Siege.

Louis: Jedes Wort beginnt mit einem "V."

Herr Meister: Kennen Sie Moltkes »Vier Worte«?

Alle: Nein.

Herr Meister: Moltke sagt: »Um den Sieg zu gewinnen im Kriege, muß man vier Dinge haben, beginnend mit »G«, — Geld, Geduld, Genie, Glück.«

Otto: O, das ist schön! Das habe ich noch nicht gehört.

Louis: Ich verstehe nur drei Worte: Geld, das sind Dollars, nicht wahr? Geduld verstehe ich auch, Sokrates hatte viel Geduld. Genie, das Wort haben wir auch im Englischen: Genius, — Genie. Glück, das kann ich nicht verstehen.

Otto: Louis, wie heißt das Wort Glück ohne »G«?

Louis: ..... lück.

Otto: Weißt du was "luck" im Englischen ist?

Louis: O, ja.

Otto: Nun wohl. Das ist das deutsche Wort »Glück.«


Bella: Von Julius Cäsar habe ich viel gelesen. Seine Soldaten haben immer gesiegt (ich siege, ich siegte, ich habe gesiegt), nicht wahr, Herr Meister?

Herr Meister: Ja wohl. Cäsars Soldaten waren tapfer, und sie gingen mit Freuden in den Krieg, sie waren mutig.

Louis: Haben sie auch geschossen? Sie hatten ja keine Kanonen und keine Gewehre, keine Kugeln und kein Pulver.

Herr Meister: Und sie haben doch geschossen, Louis. Anstatt eines Gewehres hatten sie einen Bogen.

Louis: Einen Bogen? Was ist das?

Otto: Das kann ich dir sagen. Im Englischen ist es fast dasselbe. Bo.....gen. Verstehst du, was ich meine?

Louis: Nein, Otto, ich verstehe dich noch nicht.

Otto: Nein? Als du ein kleiner Junge[VI-6] warst, fünf Jahre alt, da hast du einen Bogen gehabt. Einmal warst du auf der Straße, und da hast du durch das Fensterglas in das Zimmer geschossen.

Louis: O, ja, nun weiß ich es. Der Bogen ist von Holz, und an dem Bogen ist ein Str .....?

Otto: Ein Strang.

Louis: Und von dem Bogen schieße ich .....?

Otto: Einen Pfeil.

Louis: Und den Pfeil schieße ich in .....?

Otto: In das Centrum; das ist das Schwarze.

Louis: Aber ich schieße nicht oft in das Schwarze; ich schieße oft zehn Ringe oder elf.

Bella: Ich habe »Wilhelm Tell« von Schiller gelesen. Sie wundern sich, Herr Meister? O, ich habe es nicht im Deutschen gelesen, nein, im Englischen. Wilhelm Tell konnte gut schießen, nicht wahr?

Herr Meister: Ja, Wilhelm Tell war ein guter Schütze.

Bella: Er hat einen Apfel von dem Kopfe seines Sohnes geschossen.

Anna: Von dem Kopfe seines Sohnes? O, das ist nicht schön.

Bella: Tell hat es nicht gern gethan; er mußte es thun.

Herr Meister: Meine guten Freunde, Sie können das nicht verstehen, nicht wahr? Ich werde Ihnen das alles erzählen, aber nicht heute, — später, später.

Bella: Das Drama »Wilhelm Tell« ist wunderschön; ich möchte es im Deutschen lesen.

Herr Meister: Das werden wir auch thun, aber später, meine Freunde, später.


Otto: Wissen Sie auch, Herr Meister, daß mein Bruder Louis diesen Sommer einen Preis gewonnen (ich gewinne, ich gewann, ich habe gewonnen) hat im Bogenschießen?

Herr Meister: So?

Otto: Ja, Louis hat einen ..... einen ..... o, was für einen Namen hat das Ding? Es hat die Form eines Glases, aber es ist kein Glas, es ist Gold. Man trinkt Wein daraus (= aus das = da—aus = dar aus).

Herr Meister: Ein Becher?

Otto: Ja, ein Becher. Das ist das Wort. Ja, Louis hat diesen Sommer einen goldnen Becher, als Preis, gewonnen. Und an dem Becher steht: »Dem besten Schützen. 24. August 1878.«

Herr Meister: Es freut mich, das zu hören. Ich gratuliere Ihnen, Louis.

Louis: Ich danke Ihnen, Herr Meister.

Anna: Wie kam das, Louis? Erzählen Sie mir.

Bella: Bitte, bitte, Louis.

Louis: Meine Eltern, mein Bruder Otto und ich waren diesen Sommer in den Neu–England–Staaten in einer kleinen Stadt. Der Name der Stadt ist A.....t. Die Scenerie um A.....t ist wundervoll. Wir gingen (ich gehe, ich ging, ich bin gegangen) oft mit vielen Damen und Herren hinaus in das Feld, oft sind wir in einem Boote gefahren, oft haben wir gefischt, und oft gingen die Herren in den Wald, um zu schießen. Da sagte eines Tages eine reizende (= schöne) junge Dame: »Ich möchte auch schießen.« »Aber Sie können nicht mit einem Gewehre schießen, mein Fräulein,« sagte ein Herr. »So schieße ich mit einem Bogen,« antwortete das Fräulein. »Und ich auch!« »Und ich auch!« »Und ich auch!« sagten da alle Damen. »Wissen Sie was?« sagte da ein anderer Herr, »wir wollen einen Schießklub eröffnen (= machen).« »Das ist eine gute Idee,« riefen (ich rufe, ich rief, ich habe gerufen) alle — und wir eröffneten einen Schießklub. Wir sandten (ich sende, ich sandte, ich habe gesendet) nach Boston, und in wenigen Tagen hatten wir zwanzig Bogen mit Pfeilen. Wir schossen jeden Tag, und am Ende von zwei Monaten hatten wir ein Preisschießen. O, das war ein schöner Tag! Nicht wahr, Otto?

Otto: Das war ein Fest! Da hörte ich auch von einer Dame das wundervolle Lied aus »Wilhelm Tell«:

»Mit dem Pfeil, dem Bogen
Durch Gebirg und Thal
Kommt der Schütz gezogen
Früh im Morgenstrahl.«


Herr Meister: In Deutschland haben wir sehr viele Schützenvereine.

Otto: Schützenvereine? Ist das der Name für die Schießklubs?

Herr Meister: Ja, das ist der Name, und jeden Sommer haben sie ein Preisschießen. Dieses Preisschießen dauert (= ist) drei Tage. O, das sind schöne Tage! Es ist ein Fest für das Volk (= die Leute). Am Morgen ziehen (= gehen) die Schützen aus der Stadt auf eine große Wiese (= Weide, Grasplatz). Da sind oft zweihundert oder dreihundert Schützen. Ja, ich habe schon fünfhundert und auch tausend gesehen. Auf der Schulter haben sie ein Gewehr. Alle sind in Grün. Auf dem Kopfe haben sie einen grünen Hut mit einer grünen Feder. Sie haben eine grüne Weste, einen grünen Frackrock und grüne Beinkleider.

Louis: Auch grüne Schuhe?

Herr Meister: Nein, mein Freund Louis.

Bella: Das muß sehr schön aussehen (= sein).

Herr Meister: Ja, es sieht schön aus, und ich wünsche, meine Freunde, Sie könnten einmal bei einem solchen Schützenfeste sein. O, welche Freude! Auf der Wiese sind viele Zelte.

Anna: »Zelte«? Das verstehe ich nicht.

Otto: Ich will es Ihnen sagen, Anna. Ein Zelt ist ein kleines Haus von Linnen. In den Campmeetings wohnen die Leute in Zelten.