In diesem plötzlichen Aufstieg liegen sicher Gefahren, wenn auch ganz andere wie in stets vergeblichen Versuchen. Nennen sie Dich nach der ersten Aufführung „eine Hoffnung“, so wirst Du beim zweiten Stück diese Hoffnung „nicht erfüllt“ haben. Hob Dich Dein erster Schritt in die Oeffentlichkeit gleich auf eine ansehnliche Höhe, so verzeichnet man beim folgenden sicher „keinen Fortschritt“. —
Auch heute können wir uns nicht sehen; morgen nur in der Unruhe vor der Aufführung. Eigentlich bist Du, mein Junge, mir halb verloren; der, welcher mich nun liebt, ist zwar jener Roland, den ich ahnte, aber ich bin nicht mehr allein für ihn die Welt, in der er lebt.
Um die Stunden bis zum morgigen Abend schneller hinzubringen — ich selbst bin nicht imstande, ruhig zu arbeiten — habe ich gestern einen alten Freund zu mir gebeten, von dem mich die Erlebnisse der letzten Monate entfernten, ohne uns trennen zu können. Daß ich Dich, Geliebter, allen bisher „unterschlagen“ habe, gewährt mir nun ein besonders fröhliches Empfinden. Ich fürchtete sicher keine Gefahr Deiner Gefühle für mich. Nur allein die Vorstellung, jemanden, der in mein Leben einzugreifen beginnt, von kritischen Blicken gemessen zu wissen, erscheint mir immer — so überspannt es auch klingen mag — wie Lästerung. Ich mag meine Freunde nicht „zur Diskussion gestellt“ wissen. Immer wundern sich ja doch die Anderen; für die meisten ist das Unsichtbare, das Menschen zusammentreiben kann, nicht vorhanden; in unwägbare Werte versenken sie sich nicht. Und nun gar in einem so schwierigen Fall, wie dem zwischen einer älteren Frau und einem jungen, viel zu jungen Menschen. Kopfschüttelnd würde „man“ festgestellt haben: „Unbegreiflich! Wer hätte das erwartet? Ueberraschendes konnte man ihr wohl zutrauen, aber daß sie so kurzsichtig sein könne, so befangen, so blind? Was ist denn der Mensch? Was kann er? Wie alt schätzen Sie ihn? Liebe muß da doch völlig ausgeschlossen sein.“
Ja, ausgeschlossen, Roland! Habe ich selbst das nicht gemeint; war ich nicht auch dessen sicher?
Wir sind zusammen auf der Generalprobe gewesen. Ein Schauspieler hielt mich für Deine Mutter. Ich erschrak; an die Möglichkeit habe ich nie gedacht. Aber niemals werde ich eine andere Jugend festhalten wollen, als die des Geistes — die soll ewig währen. Mit Farbe und Schminktopf erreicht eine Frau selten mehr als sich selbst möglichst lange äußere Jugendlichkeit vorzutäuschen, es sei denn, sie habe sich durch fast ausschließliche Vertiefung in dieser Art der Malerei Meisterschaft erworben. Jene Anrede wirkte im Augenblick, besonders durch Deine Gegenwart, sehr quälend. Wäre nur Eitelkeit die Ursache des Peinigenden, so hielte ich mich für ein Gänschen in landläufigem Sinne, und ich selbst wüßte jenes reißende Wehgefühl nicht in Einklang mit dem Grundton meines Wesens zu bringen. Doch die Minute, in der das: „ich freue mich, — Ihre Frau Mutter“ — vernehmbar war, genügte, um die Frage in mir wieder aufzuschrecken, ob ich mehr als ein kurzes, starkes Erlebnis in Deinem Leben sein darf? Monatelang hat diese Frage fast geschlafen. Ich wähnte uns über trennende Sitten, über Einflußmöglichkeiten, deren Wirkungen auch die tiefste Liebe nicht aus der Welt bannt, erhaben.
Heute zeigte mir die Wirklichkeit kraß ihr Angesicht. Seltsam, daß wir uns solange einbilden, nichts nach dem Urteil der Welt zu fragen, bis irgend ein Ungefähr uns jäh das Gegenteil beweist. Ein Unterschied bleibt zwar: Ich brauche Minuten, mich wieder zurecht zu finden, während viele sich Wochen oder Monate von einem Angriff oder Ueberfall vergällen lassen.
Wie konnte ich nur vollständig vergessen, daß die still wandelnde Zeit sich immer — ich denke im Augenblick nur an äußerliche Veränderungen — gebieterisch geltend machen muß. An andere Gefährdungen will ich jetzt nicht denken. Die beseligende Uebereinstimmung in uns kann nicht erschüttert werden. Und heute dulde ich in mir am wenigsten trübe Gedanken.
Wie lange ist es denn her, daß ich Dich fand; ich meine, daß ich Dich zwischen den Vielen schweigend und ungelenk stehen sah? Damals bildete ich mir ein, in Deinen Augen etwas zu entdecken, das mehr verriet, als Deine scheue Haltung vermuten ließ. Traurigkeit beschattete Dich, die gar nicht in Einklang mit Deiner blühenden Jugend zu bringen war. Deine schlanke, nervige Gestalt überragte die Meisten, und doch erschienst Du keinem beachtenswert; nur mir strömte ein schwaches Fluidum entgegen, schwach und doch stark genug, mich zu Dir zu ziehen. Plötzlich stand ich neben Dir, sprach einige gleichgültige Worte und freute mich, daß nichts in Deiner Stimme war, was mich störte. Sogleich empfand ich, Du hattest Dich nicht in meine Nähe gewagt, und es wäre mir doch viel sympathischer gewesen, von Dir weniger „hochgestellt“ zu werden.
Noch war der Druck besonders schwerer Stunden, die ich gerade durchkämpft hatte, nicht von mir gewichen, und doch konnte mich schon seltsam freudig der Wunsch ergreifen, mit Dir, dem Fremden, allein unter einer Kirchenwölbung zu stehen oder in Waldeseinsamkeit auf kühlen, blütenreichen Wegen dahinzuschreiten. Seit Jahren kaum noch empfundene Verlegenheit ergriff mich. Ich belächelte mich, aber — ich ging nicht weiter zu anderen Freunden. „Besuchen Sie mich,“ sagte ich gelassen und sorglos.
In der Sekunde warst Du, Roland, mir ein Ziel geworden, — wieder einmal zwang es mich, Menschenbildner werden zu wollen. Mit welchem Ergebnis?
Nimmer konnte ich diese seelischen Wandlungen, diese Beschleunigung unserer Pulse, all diese göttliche Schönheit voraussehen. —
— Ich werde nun doch heute „unser“ Kleid anlegen, in dessen schimmerndem Samt ich Dir an jenem ersten Abend begegnet bin. Deine zwei Nelken durchhauchen mein Zimmer. Du hast wie ein erfahrener Ritter gewählt; ihre rosig überhauchte Blässe eint sich herrlich der Fliederfarbe meines Gewandes. Deine Verse aber, die eben mit den Blumen abgegeben wurden, werde ich in dieser zerfahrenen Erregtheit nicht lesen; sie sollen mich heute Nacht empfangen.
Der Morgen steigt herauf, aber ich versuchte nicht mehr, mich niederzulegen. Wieder und wieder schaue ich auf Deine Verse; wieder und wieder beglückt — erschüttert — beunruhigt mich Dein Lied. Lausche in Dich hinein, Roland. Ist es nicht vielleicht schon aus dem Glück einer neuen Erwartung geboren?
Vor einer Stunde begleitetest Du mich nach Hause; im Kreise Deiner Mitarbeiter haben wir das Ereignis mitfeiern müssen. Wird die Presse uns auch erst morgen sagen, worin der Autor sich vergriffen hat, was von ihm in Zukunft zu erwarten, in welcher Rubrik er zu bringen ist, selbst die ungünstigste Besprechung kann nicht die Tatsache einer starken Teilnahme der Hörer aus der Welt schaffen.
Auf ein so atemloses Mitempfinden des Publikums habe ich nicht gerechnet. Ist ja immer noch die Loslösung einer Frau von sittlich „feststehenden“ Grundsätzen nicht gerade ein anziehendes Thema. Hätte ich auch nichts auf Dich übertragen als den Mut, Dich von all jenem Ballast zu befreien, der am schwersten auf werdenden Menschen lastet, so bliebest Du doch mein Erbe. Ich habe sicher nur den Zündstoff zwischen gegebenen Zuständen und notwendigem Revoltieren gelegt. Du warst eben viel reicher als Du ahntest. Dir, wie so vielen, drohte ein Steckenbleiben, fern Deiner vorbestimmten Entwicklungsbahn. Menschen, die sich der Berechtigung ihrer angeborenen Eigenart früh bewußt werden, sind ja so selten. Nie habe ich mich planvoll durch Hindernisse winden müssen; nicht etwa, weil keine Hindernisse vor meinen Füßen lagen, sondern nur weil mein Blick ausreichte, das Wesentliche meines Ichs zu erkennen, und in mir Kraft genug war, dieses Wesentliche zu entwickeln, ohne in egoistische Kälte hineinzugleiten. Der Meisten tastendes Suchen beirrt immer wieder geheime Verzweiflung. Sie wollen vorher mit zuverlässiger Sicherheit wissen, wann sie fehl gehen könnten, und wann es ihr gutes Recht ist, auf eigne Art „Mensch“ zu werden. Ohne Verletzungen möchten sie hinaus und hinauf. Krisen erschrecken sie.
Für alle Zeit trägst Du nun ein starkes Lebensempfinden in Dir, und wie immer Deine äußere Bahn sich gestalte, nie wirst Du in Deinem Werke und in Deinem Wesen die Schönheit des großen Fühlens verleugnen.
Ich muß mich nun doch endlich niederlegen und zu schlafen versuchen, die Nerven könnten rebellieren.
Meine Gedanken beginnen ins Leben zurück zu wandern — — —
Wohl weiß ich: Zur Erkenntnis gehört ein bestimmter Abstand. Ist man seinen Erlebnissen noch zu nahe, so überwiegt das Einzelne so sehr, daß das Ganze nicht zu überschauen ist. Die Tragweite und der wahre Gehalt eigener Freude und eigener Leiden sind — besonders in unmittelbarer Nähe — nicht richtig einzuschätzen. Gewiß, gewiß, nie sind wir dem Irrtum mehr ausgesetzt, als in Augenblicken, in denen wir eine neue Erfahrung erleben. Habe ich denn aber in den letzten Wochen eine neue Erfahrung erlebt? Wohl kaum. Doch wie immer es sei, Roland, es gibt Entschlüsse, die im Zustande der Exstase gefaßt werden müssen, sonst faßt man sie nie. —
Seit acht Tagen bist Du wichtiger Besprechungen halber abwesend; ich habe Ruhe gehabt, unbeirrt von Deinem Blick, von Deiner Nähe über die reiche Festzeit nachzudenken, die wir miteinander Monate hindurch erleben durften.
Jeden unserer Briefe las ich gestern nochmals durch; Dein Schreibtisch ist ja längst für mich geöffnet. Scheu berührte ich jedes Blatt. Während dann meine Blicke über die Seiten dahinglitten — hier auf dem Platze, auf dem Du so oft meine Hand streicheltest — in diesem Zimmer, das Du infolge der für Dich nun umgewandelten Welt seltener und oft nur flüchtig während der letzten Zeit betratest, erstarkte in mir die Vorstellung (könnte ich vielleicht auch sagen — der Wahn?) uns vor der Tragödie der Entzauberung retten zu müssen.
Ich weiß nicht, wann dieser Gedanke zuerst Besitz von mir zu ergreifen versuchte. Vielleicht bildete ich mir nur ein, Deine große Liebe habe all meine einstigen Theorien gänzlich umzuwerfen vermocht, vielleicht sind sie nie aus meinem Unterbewußtsein gewichen, vielleicht überbrauste sie nur der sich steigernde Glaube an die Möglichkeit eines Besitzes, welcher ein Leben ganz auszufüllen vermag. Ich vergaß, daß es keinen Besitz gibt, dessen wir mächtig sind. Nun ist’s mir wieder eingefallen, ohne Bitterkeit, ohne Erschrecken, ohne die Absicht, irgend jemanden zur Rechenschaft dafür ziehen zu wollen. Am wenigsten Dich, geliebter Junge.
Nichts ist jetzt notwendig als ein festes Herz. Seltsam, welche Fülle von Forderungen wir gerade an diesen kleinen Muskel stellen, den wir unser Herz nennen. Größe soll ihm eigen sein, Treue, Weisheit, Stärke, Heiterkeit, Güte, Sanftmut; alles — je nach Bedarf.
An mir ist es, unser großes Gefühl vor dem Prozeß des Alterns zu retten. Solche Rettung kann nicht teuer genug bezahlt werden.
Noch umflutet uns ein Meer von Liebe, dessen Verfließen Dir unmöglich dünkt, aber Verhältnisse können nicht ausbleiben, die uns quälen müssen. Ich will Dich nie in Konflikte treiben. Heute noch bist Du fest davon überzeugt, daß Du nur einmal so lieben kannst, wie Du mich liebst; aber anders wirst Du lieben können, anders. Deine Kunst wird dazu beitragen, daß Dich dieses „anders“ rascher überfällt, als Du es für möglich hältst.
Sollte ich Dich nun für ewig beanspruchen, Dir immer fest zur Seite bleiben wollen, weil ich die erste Frau bin, die in Dein Leben eingriff, weil Dein Talent der Liebe zu mir entstieg?
Glaube nicht, Roland, ich gehe, weil ich Dir entsagen will. Nein, ich gehe, ehe die gesteigerte Seelenatmosphäre, die ein wundersames Gefühl uns bescherte, und die jedes Denken an einander in jauchzendes Singen wandelte, von Mißklängen zerrissen sein könnte. Ich gehe, weil es der Aufstieg ist, der uns für immer einen kann.
Kein Schatten soll je das helle Licht zwischen uns trüben, nie soll des Werktags Gewalt unser Gefühl für einander gefährden; nie sollen der Gewohnheit graue Schleier zwischen uns wehen.
„Wen die Götter lieben, den lassen sie jung sterben.“ Ist es nicht das Gleiche, wenn Liebe nicht erst der Gewalttätigkeit und der Not des Alterns ausgesetzt wird? Denn auch Liebe altert und ist meist derselben Verarmung untertan, wie körperliches Verblühen; nur Auserwählten, Seltenen mag ein anderes Schicksal bestimmt sein. Ich fürchte das Erwachen aus dem Zustande des Verzaubertseins.
Heute sehe ich in meinem Verschwinden eine zwingende Notwendigkeit, aber nicht immer werde ich fähig sein, mir diesen Schwerthieb zu deuten. Heute fühle ich trotz Qual und Entsetzen, daß er nur das durchschneidet, was sterblich zwischen uns ist, daß er die unzerreißbaren Zusammenhänge nicht treffen kann. Heute glaube ich hellsehend zu sein; schon in einer Woche könnte ich mich betrügen und all dieses für einen Anfall von Schwermut halten, der glücklich überwunden ist. Nein, schnell muß ich handeln, auch wenn ich inmitten meiner raschen Reisevorbereitungen wieder und wieder plötzlich nur an „zerstörende Sinnlosigkeit“ denke.
Roland, Geliebter, nie sollst Du genötigt werden, vor mir eine Maske anzulegen.
Noch kannst Du nicht wissen, ob nicht auch Du zu den ewig Wandernden gehörst. Die Schwelle in das Land, das besonders reich an romantischen Täuschungen ist, überschrittest Du ja erst jetzt. Sonnigen Träumern gewährt es am liebsten Obdach. Und freien.
Wir werden beide auf bewegten Meeren bleiben, aber wir werden erstarken, wenn unser Fühlen, unser Geist nicht mehr wie überfeine Instrumente durch den leisesten Seelenhauch des Geliebten in Schwingung geraten. Suche Dir allein jetzt ein Königtum, das von ewiger Dauer ist. Kein rasches Entblättern bedrohe die Blumen, die in ihm erblühen. Es muß erfüllt sein von einer Qual, einer Liebe, einer Sehnsucht, die mehr verlangen als einen Menschen. In diese Qual, diese Liebe, diese Sehnsucht werde ich heimkehren.
Ich kann mein Ich nicht ersticken lassen, muß ursprünglich und aufrichtig bleiben, muß auf meine Weise an unserer Vollendung — die ja doch nur Stückwerk bleibt — arbeiten, muß uns vor Anklagen und Beschuldigungen bewahren.
Aber all diese flüchtig und in wirrem Durcheinander niedergeschriebenen Worte werden Dich nicht überzeugen. Doch das gehörte ja zu dem Schönsten zwischen uns, daß Du meine Beweggründe stets achtetest, auch wenn sie nicht im Einklang mit Deinem Empfinden standen. Vor Dir habe ich nie nötig, mich zu verteidigen; welch eine herrliche Gewißheit! Anfangs wirst Du zu verzweifeln glauben, wirst grausam leiden, aber Du wirst nicht zu ermitteln versuchen, ob Du mich in Christiania oder in Athen finden könntest. Ach, daß man sich im Leben immer, wenn auch in friedlicher Form, zu verteidigen hat! Unsere Ideale — gleichgültig, ob wir uns öffentlich zu ihnen bekennen oder nicht — bilden genau einen Teil unseres Selbst, wie äußerliche Vorzüge oder Fehler. Sie ewig zu entschuldigen, ist das Gleiche, als wolle man sich wegen der Farbe seiner Haare, oder wegen der Kleinheit oder Länge seiner Gestalt verteidigen.
Gebe ich Dich jetzt freiwillig her, so kannst Du mir nie genommen werden. Laß Dich nicht von täuschenden Ueberlieferungen beirren; klammere Dich nicht an Ausnahmen, an Beziehungen, die nie verstümmelt wurden. Wir haben unser „glückliches Jahr“ gelebt. Laß uns unsere Liebe unverwundbar gestalten, laß uns zum höheren Glück emporklimmen. Am Firmament bleiben Dir strahlende Lichtfunken. Sehnsucht ist Glanz auch in sternenlosen Nächten.
Oder sollte all dies dennoch Phantasterei sein? Selbstmord? Uebertreibe ich? Irre ich in der Voraussetzung, daß durch meine Selbstbesinnung Sterbliches in Unsterbliches gewandelt wird? Kann diese Flucht, an der wir beide jetzt gleich schwer zu tragen haben, nicht allmählich zum Quell werden, dem die großen Dichter entsteigen? Ich träume Dich groß; mein Gehen wird diesen Traum leichter der Wirklichkeit nahe bringen, als mein Bleiben. Ich aber habe mich zu mir selbst zurückzuwenden.
Vielleicht denke ich dennoch zu wenig an Dein Entsetzen, an Dein Erschrecken. Junge, liebster Junge, begreife doch, daß es schöner ist, an unserem Sehnen zu leiden, als den Tag abzuwarten, an dem das Dunkel durch enge Fenster zu uns hereinfallen will.
Heute noch flutet Licht durch weite Portale an uns heran. Ich kann, ich kann Dich nicht durch das Verlangen beschweren, unseren leuchtenden Stunden eine Alltagsfortsetzung geben zu sollen. Wohl kenne ich genau die Antworten, die ich erhielte, erbäte ich jemandes Rat: Von Ueberspanntheit wäre die Rede, — vom einzigen Glück im festen Besitz — vom Prüfstein eines starken Gefühls — von nicht minder schönen, wenn auch gewandelten Gefühlen — von Bündnissen, die die Zeit nur noch unlöslicher schmiedete. Aber Roland, wie alt bist Du? Wie alt ich? Weshalb denn mehr? Mehr würde zum Weniger. Zu oft sah ich Menschen, die sich hemmend aneinander fürs Leben gekettet hatten. Vielleicht ist dennoch meines Handelns Ursprung tief verwurzelt mit meinem Künstlertum. Verzweiflung und Verheißung scheinen mir zusammengeschweißt.
Selbst in diesen Tagen gibt es Augenblicke, in denen ich gar kein Weh in mir fühle. Und doch, während mir heute der Diener verschiedene Fahrpläne zur Durchsicht reichte, schreckte ich zusammen, als setzte der Schlag meines Herzens aus; mir wurde schwindlig, ich konnte nur stehen bleiben, solange ich mich an irgend einem Gegenstande im Zimmer festhielt.
Merkwürdig, wie entgegengesetzte Vorstellungen zur selben Minute an mir reißen, während ich mich doch am beharrlichsten des letzten Zusammenseins mit Dir erinnere, Deiner flüchtigen Innigkeit, als Du zur Bahn stürmtest. Könnte dieses Fortstürmen nicht symbolisch für Deine nächste Zukunft gewesen sein?
Soeben Dein Telegramm, das mir die dortigen Erlebnisse meldet und die Verzögerung Deiner Rückkehr.
Oft hört man, daß Menschen, die beabsichtigen, sich das Leben zu nehmen, in unerklärlicher Ruhe und Besonnenheit alles für die Tat vorbereiten. Jetzt begreife ich auch sie. Nachdem mein Entschluß gefaßt war, konnte ich in seltsamer Ueberlegung ordnen, was geordnet sein mußte.
Ich handle aus Naturnotwendigkeit, aus dem, was meiner Natur notwendig erscheint. Ob falsch, ob richtig, kann nicht mehr das Entscheidende sein; nicht ob ich göttlichen oder menschlichen Gesetzen in mir folge. Ich habe aufgehört, das enträtseln zu wollen.
Während ich dies Letzte schreibe, bin ich schon weit fort; ich kritzle im Zuge, der mich eilend und rollend immer mehr von Dir entfernt.
Liebe, Begeisterung und Leidenschaft für Vieles, was der nur „gesunde Verstand“ verspottet, werden mein Leben immer zu einem reichen machen. Freudigkeit und Festigkeit können mich nie für immer verlassen. So nehme ich, trotz allem, fast heiter dieses — soll ich es Martyrium nennen? — auf mich. Ich kann auch nicht sagen: Verzeihe. Etwas eigentümlich Doppeltes ist in jedem Leben, in dem des Künstlers in verstärktem Grade. Tausend melodische Ueberraschungen werden Deinem Schmerz entsteigen. Gib Dich ganz jenen berauschenden Schöpferaugenblicken hin, deren Seligkeiten Du ja bereits erfahren; aus diesem Eden kannst Du nie vertrieben werden.
Bedenke ich, wie das alles anfing, wie alles zusammen- und auseinandertrieb, die Wandlungen und Handlungen, die in den wenigen Monaten liegen, so ergreift mich etwas wie Andacht vor den im Dunkel verborgenen Wurzeln des Lebens. Vermissen, Verlangen, welche Früchte mögen sie Dir tragen?
Ich brachte alles über Dich in Fülle, auch jetzt das Harte, aber nun nennt Dich die Welt — einen Dichter.
Es schmerzt Dich vielleicht, und Du begreifst es kaum, Geliebter, daß ich in diesen Augenblicken fähig bin, überhaupt zu schreiben. Doch sieh, immer erscheint mir eine Eisenbahnfahrt wie ein Zwischenspiel, wie ein Akt, der trotz seiner Tatsächlichkeit eigentlich nicht mitrechnet in der Schale, auf die all unser Erleben niederfällt. Die Geräusche des fordernden Tages draußen können die Ansprüche meiner Seele beirren; die Geräusche einer Fahrt sind schwach, mir kaum vernehmbar; sie werden übertönt von feierlich schwebenden Gedanken, die zu mir zu Gast kommen.
Erst wenn ich diesen Zug verlassen, wenn ich das Ziel meiner Fahrt erreicht habe — schon Tage vorher werde ich diesen langen letzten Brief von einer Nebenstation aus an Dich schicken — kann ich zu ermessen beginnen, was es tatsächlich bedeutet, nie mehr in heißer Sehnsucht auf Dich warten zu können. Und wie jetzt draußen wechselnde Bilder an mir vorüberziehen, so werden Stunden wechselnden Fühlens mich umfangen. — Unser Leidensweg führt durch die Seele, aber der unserer tiefsten Erkenntnisse, die aufwärts tragen wollen, auch.
Ich hatte Angst vor dem kleinen Glück, aber Menschen, in denen diese Angst nicht zu überwinden ist, müssen hart sein können — hart gegen sich und hart gegen die, welche sie am meisten zu lieben glauben.
Roland, Du Einziger, in dieser Stunde erlausche ich vieles, was wir selten in uns vernehmen. „Ich fürchte mich nur, meiner Qual nicht würdig zu sein.“ Du erinnerst Dich dieses Dostojewski-Wortes, dessen Inhalt zuerst befremdend erscheint, und das doch imstande ist, soviel Adliges in uns zu wecken.
An Bäumen mit weißen Stämmen und hängenden Kronen jagt der Zug vorüber. Zahllose Bilder wirft die Natur in die dahinfliegenden Fenster: Gelbwogende Kornmeere, buntblühende Wiesen, rotknospende Büsche, leise sich wiegende Gräser; sie alle beredte Verkünder des ewig verschwendenden Nährbodens, der uns trägt. In einen seltsamen Traumzustand gleite ich hinein — — —
Draußen ist Erntezeit. Und in uns? Welchen Namen werden wir einst dieser Zeit geben?
Maria.