»Mein teurer Freund! Ich vermute Sie bei den Ihren zu Hause und hoffe, daß dieser Gruß aus weiter Ferne Sie erreicht. Seit sieben Wochen fahre ich hier in Amerika von Stadt zu Stadt, und es ist mir alles so fremdartig, als sei ich nicht ich selbst, und was ich mit den Menschen spreche und wie ich lebe erscheint mir wie etwas Ausgedachtes und Unnatürliches. Bevor ich von England abgereist bin, habe ich mich mit dem Viscount Horace Darrington versprochen, aber wir werden erst heiraten, wenn er von Indien zurückkommt, und das dauert zwei Jahre. Nach diesen zwei Jahren werde ich aufhören zu singen. Ich bin nicht gerade müde; freilich, des Beifalls bin ich müde, der Zudringlichkeit und der Neugier auch, und bange wird mir manchmal bei dem Gedanken, daß ich jeden Abend in ein anderes Bett mich legen soll. Aber es ist nicht das, was meinen Vorsatz, der Öffentlichkeit Adieu zu sagen, erzeugt hat und immer stärker werden läßt; es ist das Gefühl, daß ich gegeben habe, was ich zu geben vermochte und daß alles übrige nur Fertigkeit und höchstens Kunst ist. Heute noch treibt mich eine unbekannte Gewalt, es ist als ob ich etwas verkündigen sollte, morgen vielleicht ist es kein Befehl mehr, sondern bloß Gewohnheit, und das Heilige wird zum Hokuspokus. Heute noch beten und morgen leiern? Das ist meine Sache nicht; wenn mich nicht mehr die Andacht erfüllt, bin ich ein verlorenes Wesen, ein heimatloses Weib und muß vom Leben erbetteln, was die Kunst einem Weib nie und nimmer gewähren kann. Nun weiß ich ein Haus für mich und einen Hüter darin, und was gewesen ist, bleibt in seiner Schönheit bestehen. Ich habe das empfunden, als wir noch beisammen waren; ohne Sie wäre ich blind hingegangen zu der Grenze; in dieser Minute träumend, in der nächsten schon erwacht, hätte ich keinen Weg mehr gesehen und unbefriedigt, mich selbst verkennend, immer wieder zum Traum zurückgewollt. Was könnte ich Ihnen außerdem noch sagen in den armseligen Worten, die ich habe? Vergessen kann ich nicht und wünsche auch nicht, daß irgend etwas hätte anders geschehen sollen. Ich möchte Sie leicht und Ihr Auge hell und Ihr Herz klingend machen, und mir ist, als könnte ich nur glücklich werden, wenn Sie es sind. Man braucht Kraft und Reinheit, um glücklich zu sein, um eins mit sich selbst zu sein. Meine Seele ist voll von Dank für Sie, und ich möchte für das Wort Freund ein noch nie gehörtes Wort finden, damit Sie spüren, wie Sie in und mit mir leben. Schreiben Sie mir nicht, antworten Sie nicht. Es wäre zu früh, es wäre zu wenig Fügung, zu viel Mahnung.

Ihre Gabriele.«

Nachdem Sylvester den Brief gelesen, verließ er das Haus und kehrte erst spät in der Nacht wieder heim.

Sein Dasein erschien ihm nun noch weit zerstückter, und er warf einen Tag um den andern gleichsam weg und zum voraus weg. Ein Aufruf der liberalen Partei erregte flüchtig sein Interesse, er besuchte auch eine Versammlung in Würzburg, aber dann sagte er zu Agathe, die auf dieses Emporraffen in ihm einige Hoffnung gesetzt hatte und nun ihre Enttäuschung kaum verbergen konnte, die Leute seien ohne politische Disziplin, hätten keinen Begriff davon, was dem Lande wirklich nützen könne, und ihr Treiben ekle ihn an.

Bei alledem fühlte er doch, eben was das nationale Leben betraf, eine eigentümliche Spannung in der Luft. Man atmete wie in einem abgeschlossenen schwülen Zimmer, wo man unwillkürlich auf Dinge lauscht, die draußen vorgehen und unwillkürlich Furcht empfindet bei jedem Tritt und jedem Flüstern. Gerüchte schwirrten auf und wurden wieder erstickt. Die einen wollten nicht glauben, die andern hielten sich die Ohren zu. Handel und Gewerbe stockten, und die Börsenkurse zeigten beunruhigende Schwankungen. Männer, die sonst den öffentlichen Angelegenheiten ohne Teilnahme gegenüberstanden, richteten den Blick besorgt auf die Geschehnisse, deren Entwicklung noch ganz im Dunkel verborgen war. Auch Sylvester ertappte sich bisweilen in der Ungeduld eines Zuschauers, der im Theater vergebens darauf warten muß, daß der Vorhang hochgezogen wird.

So kam der Sommer. Eines Tages war der Major zu Tisch in Erfft; nach dem Essen, man hatte über allerlei geredet, sagte er zu Sylvester: »Mein lieber Schwager, wir müssen auf große Dinge gefaßt sein. Es gibt Krieg.«

Sylvester lächelte spöttisch. »Du bist ein so unverbesserlicher Patriot, daß dir ein Zeitungsgeschwätz schon wie Kanonendonner klingt,« antwortete er.

»Na, wir werden sehen,« meinte der Major, »wir werden ja sehen. Übrigens steht in den Zeitungen gar nichts, ich habe nur so meine privaten Nachrichten. Der preußische Gesandte in Paris hat schon vor acht Monaten nach Berlin geschrieben: die Luft riecht nach Pulver. Ich habe viel gegen Bismarck einzuwenden, aber das muß man schon sagen, der Mann versteht seinen Kopf aufzusetzen und wird sich nichts gefallen lassen. Die Franzosen sind teuflisch übermütig geworden und der Kaiser Napoleon sitzt auf einem wackligen Thron, deshalb will er seine Untertanen beschäftigen.«

»Geh mir doch, mein Lieber,« erwiderte Sylvester, »deine Politik schmeckt nach der Stammtischkneipe.«

»Und wenn auch Krieg entstünde,« warf Agathe mit ernster Miene ein, »wie kann man sich über ein so ungeheures Unglück freuen?«

»Verstehst du nicht, warum ich mich freue, Schwägerin?« rief der Major mit einer jungenhaften Begeisterung; »wir werden sie verhauen, die Kerle, wir werden sie windelweich verhauen.«

»Aber du doch nicht,« sagte Agathe lächelnd.

»Nein, ich nicht,« seufzte der Major, »für mich alten Krüppel ist an so was nicht zu denken. Sylvester hingegen, der kann noch seinen Mann stehen.«

Agathe heftete die Augen erschrocken auf ihren Gatten. Sylvester runzelte die Stirn. »Ich befinde mich nicht mehr im Dienstverhältnis zur Armee,« bemerkte er kühl, »und dann würde sich's ja wahrscheinlich um einen Krieg gegen Preußen handeln.«

»Preußen?« fuhr der Major auf, »Himmel und Wetter, mir scheint, er weiß nicht einmal etwas von einem Schutz- und Trutzbündnis. Wenn es losgeht, geht's gegen uns alle, darauf kannst du dich verlassen, und alle werden zusammenhalten, darauf verlaß dich ebenfalls. Wen's juckt in der Faust, der schlägt zu. Den Ofenhockern, na, denen wird eingeheizt.« Er lachte mokant und zündete mit zitternden Fingern seine Pfeife an.

Agathe hielt es für geboten, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben.

Drei Wochen später, an einem schwülen Julinachmittag, kam der Inspektor Marquardt in großer Erregung aus Würzburg zurück. Er brachte die Extraausgabe einer Zeitung mit, welche die Kriegserklärung enthielt. Das Blatt ging durch alle Hände, und bald standen Männer und Weiber im Hof und disputierten mit bestürzten und feierlichen Gesichtern. Silvia hatte sich in der Wohnung der Inspektorin befunden. Sie lief zu ihrer Mutter ins Haus. Agathe saß am Klavier. »Mutter, die Franzosen kommen,« schrie das Kind mit aufgerissenen Augen. Agathe stand auf, schaute Silvia erstaunt an und trat ans Fenster. Der Inspektor gewahrte sie. Seine Mütze war in den Nacken gerutscht, die schweißtriefenden Haare hingen ihm in die Stirn. »Gnädige Frau,« rief er, »es wird Krieg! Hurra! Es lebe der König!« Ohne besondere Überschwenglichkeit stimmten einige Knechte in das Hoch mit ein. Nur der rothaarige Gärtnerbursche, der unlängst rekrutiert worden war, tanzte wie ein Indianer und klatschte in die Hände.

Sylvester war nach Kitzingen geritten. Abends um sieben Uhr kam er. Er wußte die Neuigkeit schon. »Überall herrscht großes Entzücken, auch bei den Bauern,« sagte er zu Agathe. »Das Volk ist wie toll. Es überrascht einen doch, so viel überschüssige Lebenskraft wahrzunehmen. Ich hätte es nicht gedacht.« Während der Mahlzeit blieb er einsilbig, und als die Lampe gebracht wurde, las er einen Roman von Balzac. Agathe saß am Fenster. Sie war tief in Gedanken versunken.

»Glaubst du, daß Achim Ursanner im französischen Heer weiterdienen wird?« fragte sie plötzlich.

Sylvester schaute zerstreut empor. »Es ist wohl möglich,« gab er zur Antwort.

»Er, der deutscheste Deutsche!« flüsterte Agathe beklommen.

Der Ausdruck in Sylvesters Zügen wurde gesammelter. Wachsende Unruhe umflorte seinen Blick. »Ja, hier hat das Fatum einen unentwirrbaren Knoten geschürzt,« entgegnete er, fühlte aber, wie matt und künstlich die Floskel klang.

Agathe schwieg.

Die Nacht war so heiß, daß Sylvester, im Bette liegend, nicht einschlafen konnte. Die Uhr in der Bibliothek schlug zweimal, als er sich erhob und seine Kleider anzog, um in den Garten zu gehen. Der Himmel war prachtvoll bestirnt, und auf dem Rasen glänzte der Tau. Die andächtige Stille der Natur berührte ihn schmerzlich, wenn er des Schlachtens gedachte, das morgen, übermorgen beginnen und, wer konnte es wissen, vielleicht auch das friedliche Gefild um ihn her mit Blut düngen würde. Ihn schauderte.

Doch wie er so vor sich hinging, wollte es ihm scheinen, als ob jetzt nicht die Zeit für wehleidige Betrachtungen sei. Es wollte ihm scheinen, daß hier eine große Fügung auf große Empfindungen rechne. Es wollte ihm scheinen, daß dabei die gegründetste Überlegenheit des einzelnen verklauselte Flucht, daß jedes Messen und Erwägen zum Laster der Trägheit wurde. Die Ruhe der Nacht versetzte seinen Geist in eine wunderbare Schwingung. Er spürte den Enthusiasmus so vieler Millionen, spürte, daß sich sein Gemüt der Absonderung begab, um an der allgemeinen Entflammung teilzunehmen. Er hatte kein Recht mehr für sich allein, er hatte nur noch das Recht aller. Seine Augen begannen in der Dunkelheit zu leuchten. Seit langem war ihm nicht mehr so wohl ums Herz gewesen.

Im Bogen um das Orangeriegebäude schreitend, sah er eine weiße Gestalt auf einer Bank sitzen. Es war Agathe. Sie blickte kaum auf, als er sich näherte. Er setzte sich neben sie. »Hat es dich auch herausgetrieben?« fragte er.

Sie seufzte bloß.

»Hör' zu, Agathe,« fuhr er fort, »ich werde morgen nach Erlangen fahren.«

»Nach Erlangen? Aus welchem Grund?«

»Um mich bei meinem Bataillon zu stellen.«

»Du willst —? Sylvester!« Es war ein halb klagender, halb jubelnder Aufschrei. Sie preßte das Gesicht schluchzend in die rechte Hand, die bebende Linke reichte sie ihm. Als sie sich ausgeweint hatte, gingen sie Hand in Hand ins Haus.


Am andern Morgen hatte Sylvester noch vielerlei zu erledigen. Er schrieb sein Testament und traf umsichtige Vorkehrungen wegen der Wirtschaftsleitung. Um elf Uhr kam der Major und war sehr ergriffen, als er hörte, daß Sylvester ins Feld zog. »Es rinnt eben doch ein guter Saft in seinen Adern,« sagte er zu Agathe, die still und bleich dastand; »sein Großvater ist Anno dreizehn bei Leipzig gefallen. So etwas hält nach.«

Der Wagen, der ihn zum Bahnhof bringen sollte, war schon vorgefahren. »Wo ist Silvia?« erkundigte sich Sylvester. Da erschien das Kind mit einer Rose, die sie dem Vater gab. Die hellen Tränen liefen über ihre Backen, aber beim Abschied nahm sie sich heldenmütig zusammen. Agathe wurde immer bleicher. Sylvester umarmte sie, dann fiel sie dem Major ohnmächtig an die Brust. Die Leute vom Gut grüßten ihren Herrn schweigend und voll Ehrerbietung. »Ich weiß gewiß, daß der Vater wieder kommen wird,« sagte Silvia mit gefalteten Händen. Als die Kutsche sich in Bewegung gesetzt hatte, schaute Sylvester noch einmal aus dem Schlag.

Die Züge hatten große Verspätungen, und so langte Sylvester erst am Abend in der Garnison an. Nur mit Mühe fand er in einem Weinwirtshaus Unterkunft. Es war ein Treiben in dem Städtchen, als ob Jahrmarkt wäre. Allenthalben war Musik und Gesang, doch sah man nirgends einen betrunkenen Menschen.

Um sechs Uhr morgens ging er zur Kommandantur und dann auf die Kanzlei des Jägerbataillons. Er war als Sekondeleutnant aus dem aktiven Dienst getreten und wurde in dieser Charge wieder eingereiht. Die Kerntruppe war schon ins Feld gerückt und alle Räume der Kaserne waren voll von Rekruten und Freiwilligen. Beim Exerzieren merkte Sylvester zu seinem Schrecken, wie steif seine Glieder und wie verrostet seine Gelenke waren. Der nächste Truppenabmarsch sollte erst in zehn Tagen stattfinden; bis dahin mußten die jungen Mannschaften eingeschult sein, und die Übungen erschöpften den verweichlichten Körper Sylvesters so sehr, daß er seine ganze Willenskraft nötig hatte, um sich aufrecht zu erhalten. Nicht geringere Überwindung kostete es ihn, den schlechten Geruch in den Stuben, den beständigen Lärm und die beständige Nähe vieler Menschen ertragen zu lernen.

Am fünften Tag schickte ihm Agathe mit einem ihrer Briefe ein Schreiben Adam Hunds. Adam gab darin seinen Vorsatz bekannt, daß er dem Beispiel seines Herrn folgen wolle. »Wo der Herr Baron stirbt, will ich auch sterben,« schrieb er; »ich habe bei den sechsten Jägern gedient wie der Herr Baron. Man wird einen alten Landwehrmann nicht abweisen. Der Krieg ist meine einzige Hoffnung. Wenn mich keine Kugel trifft, bleibe ich Soldat. Denn zwischen mir und meinem Weib steht es dermaßen übel, daß ich keinen Spaß mehr an diesem Leben finde. Ich bin ziemlich sicher, daß mich die elende Kreatur betrügt. Sie hat es mit dem Sohn eines Großbauern. Ich möchte wissen, was dem dummen Teufel an ihr gefällt. Mein Gott, zu all dem Jammer noch die Schande! Da kann nur das Vaterland helfen. Des Himmels Strafe über sie. Ich ziehe von dannen. Bin ich ein gehörnter Ehemann, schön, so werde ich ein um so besserer Schütze sein.«

Wenige Stunden später begegnete ihm Sylvester in der Kantine. Er war schon eingekleidet und sang mit den andern, wennschon nicht ohne Gravität, kampflustige Lieder. Sylvester drückte ihm lächelnd die Hand.

An dem Morgen, an dem die Abteilungen endlich zum Bahnhof marschierten, verbreitete sich die Nachricht von einem großen Sieg der deutschen Armee. Der Eisenbahnzug, der von Nürnberg kam und über Würzburg nach der Pfalz fahren sollte, war mit Infanterie besetzt. Sylvester überlegte, ob er an Agathe telegraphieren solle, damit er sie in Würzburg sehen könne; er unterließ es jedoch, um nicht abermals Trennungsweh hervorrufen und empfinden zu müssen.

Auf den Stationen wurden Einzelheiten über die stattgefundene Schlacht erzählt. Es wurde von zehntausend Toten gesprochen. Sylvester stellte sich diese Zehntausend vor, wie sie in unabsehbarer Kette dalagen. Er vermochte nicht zu glauben, daß nur seine Phantasie allein so tätig war; er zweifelte an der Ehrlichkeit einer Kampfbegier, die den Tod so nahe fühlen mußte. Er hielt es nicht für Mut, die Augen zu schließen und die bangen Fragen der Seele durch Liederbrüllen zu betäuben; er hielt es für Mut, zu wissen und zu zittern und des Wissens und Zitterns Herr zu werden. Unter den Offizieren gewahrte er viele sinnende und ernste Gesichter. Manche hatten die Lippen in einer Weise geschlossen, als seien sie nicht darüber im unklaren, was es heißen wollte, jung zu sterben. Zu ihnen fühlte sich Sylvester am meisten hingezogen. Aber auch unter den Mannschaften erregten viele seine Sympathie, die bei aller Tapferkeit der Haltung sich mit innerlichem Grauen von der Sonne bescheinen ließen.

Auf der letzten Pfälzer Bahnstation wurden die Truppen auswaggoniert. Einige Abteilungen, die gegen Metz ziehen sollten, setzten sich gleich in Marsch. Die Jäger mußten stundenlang warten, bis der führende Hauptmann genaue Ordre erhalten hatte. Das Bataillon befand sich bei der Maaßarmee. Es war schon gegen Abend, als die Kolonne den freundlichen Ort verließ. In einem Dorf mit vielen verbrannten Häusern war Nachtrast.

Während der folgenden Tage regnete es unaufhörlich. Am Rand eines Waldes sah Sylvester den ersten Toten. Es war ein französischer Franktireur. Die Kleider über der Brust waren offen; er trug feine Wäsche. Er lag in einem Reisighaufen und hatte ein Stückchen Schokolade in der blutigen, starren Hand. Ferner Geschützdonner war vernehmbar. Die Atmosphäre war eigentümlich rauchig. Auf einem Wiesenhang wurde eine Viehherde von preußischen Musketieren geweidet. Ein bebrillter Unteroffizier, der vielleicht unlängst auf einem Katheder gestanden, hatte die Aufsicht. Im Graben an der Chaussee lag mit gläsernen Augen ein erschossenes Pferd. Eine Eskadron Kavallerie sprengte vorüber. Im nächsten Quartier erhielten sie Nachrichten von der furchtbaren Schlacht bei Mars-la-Tour. Da wurde manchem das Herz enger. Sylvester überraschte einen Jäger, wie er ein Amulett, das er auf der Brust trug, hervorgezogen hatte und betrachtete.

Je weiter sie ins feindliche Land kamen, je widerspenstiger und gehässiger wurden die Bewohner. Das Requirieren der Nahrungsmittel erwies sich als schwierig, und der Hunger zwang die Soldaten oft zur Grausamkeit. Sie erbrachen die Weinkeller, drangen in alle Winkel der Häuser und rissen Kranke aus ihren Betten, um die Strohsäcke und Matratzen zu durchsuchen, in denen die Bauern bisweilen Brot und Fleisch verbargen. Beim Aufspüren der Verstecke zeigte sich Adam Hund am findigsten. Er gelangte auch wegen der hohen Vollendung seiner Kochkunst und durch die Gabe, spannende Geschichten zu erzählen, zu Ansehen. Selbst die Offiziere verschmähten es nicht, ihm zu lauschen, wenn er seine Anekdoten zum besten gab, von denen er jede mit einer moralischen Nutzanwendung schloß.

Seltsam war es für Sylvester, den guten Adam so zu erblicken, unter den wettergebräunten, bärtigen Leuten, am Herdfeuer stehend und mit philosophischer Ruhe Pfannkuchen backend. Weit entfernt waren anders gelebte Tage, Bilder des Glanzes, Stunden, deren Schmerz sogar wie rührende Musik nachhallte, Erregungen, deren Grund er kaum mehr faßte. Nun war alles so wild, so schwarz, so naß, so fiebergleich, die Geschehnisse so groß und ohne sein Zutun wachsend, die Dinge so wahr! Ohne sein Zutun, und doch war alles Tat, ganz anders als vordem, wo mit seinem Zutun fast alles nur Erleiden gewesen war.

Eines Tages, als er seine wundgelaufenen Füße verband, brachte ihm ein altes Mütterchen eine Salbe, die sie für ihre beiden Söhne gemischt hatte, welche beide vor St. Privat gefallen waren. Ihre Freundlichkeit erschütterte ihn tiefer als alles gesehene Elend, und die Worte Krieg und Feind klangen sinnlos. Und als sie in ein Dorf kamen und vor der Tür einer Schenke ein junges Mädchen stand, in einer koketten roten Jacke, einen blumengeschmückten Hut auf dem reizenden Kopf, trat er zu ihr und unterhielt sie, indem er ihr von der Kaiserin Eugenie erzählte und deren Schönheit rühmte. Da fragte sie zutraulich, ob es wahr sei, daß Frankreich bisher alle Schlachten verloren habe. Er bejahte, worauf sie den Kopf senkte und bitterlich weinte. O, Menschheit, dachte Sylvester, und ihm dünkte, als stehe er hilflos auf einer Planke im Ozean.

Sie rasteten in einem von Franzosen verlassenen Biwak. Zeitungspapier, Proviantreste, Waffen, Kleidungsstücke und zersplitterte Granaten lagen umher. Sylvester schrieb auf der Trommel des Tambours einen Brief an Agathe. Dann bereitete er sich unter einem Birnbaum ein Bett aus Zeltdecken. Der Regen durchnäßte ihn bis auf die Haut, und er konnte nicht schlafen. Im Norden war der Horizont gerötet. Um ein Uhr nachts wurde alarmiert. Sie zogen weiter. Flammengarben sprühten über den Himmel. Von allen Seiten marschierten Truppen heran. Die von der fortwährenden Spannung und Erwartung mehr als von den Strapazen ermüdeten Soldaten fühlten, daß die Stunde der Entscheidung angebrochen sei. In der Nähe des Dorfes Buzancy stießen sie zu ihrem Bataillon. Einige Jäger warfen heimlich die Spielkarten fort, mit denen sie sich in den Quartieren die Zeit vertrieben hatten. Sylvester verspürte ein kaltes Rieseln längs der Rückenrinne, aber sein Herz blieb ruhig und sein Auge klar. Er hatte nur den Wunsch, möglichst bald ins Treffen zu kommen; hinter den Linien zu stehen, war so qualvoll, wie einen Mörder im Nebenzimmer zu hören.


Unbestimmbare drohende Geräusche drangen von weit- und nahher durch die außerordentlich finstere Nacht. Den Mannschaften wurde die größte Stille befohlen. Ein Ordonnanzoffizier sauste auf seinem Pferd von Sommerance herüber. Sylvester kannte ihn. »Gibt's was Neues?« — »Wir greifen an.« — »Bald?« — »Wahrscheinlich.« Er sprengte davon.

Gegen die über den Strom geschlagene Schiffsbrücke ritt in langsamem Trabe ein preußisches Dragonerregiment. Dann jagte eine Batterie quer über das Feld. Sie protzten ab, schossen jedoch nicht. Jetzt stieg hinter den Hügeln, gegen Sedan zu, ein gewaltiger Feuerschein auf.

Der Unterjäger, der hinter Sylvester stand, fluchte, weil ihm sein Hosengürtel gerissen war. Ein Mann aus der Korporalschaft bot ihm den seinen an. Es war ein kleiner dicker Mensch, im bürgerlichen Beruf Flötenspieler an einem Theater; er hatte sich immer durch Munterkeit ausgezeichnet, war jedoch seit einigen Stunden auffallend schweigsam. »Und du? Was wirst du machen?« fragte der Unterjäger erstaunt. »Ach ich, ich werde ja doch heute totgeschossen,« erwiderte der andere mit vollkommener Ruhe und schnallte seinen Gürtel ab. Sylvester drehte sich nach dem Manne um. Weder Prahlerei noch Angst war in dem pausbäckigen Gesicht zu bemerken, nur stumme, selbstverständliche Ergebung. Der Premierleutnant hatte ebenfalls die Worte des Soldaten gehört und wandte ihm sein hageres, in der Brandglut doppelt unheimliches Gesicht zu. Mit ihm hatte es eine eigene Bewandtnis; er hatte vor fünf Jahren wegen irgendwelcher Unregelmäßigkeiten den Dienst quittieren müssen. Als der Krieg ausgebrochen war, hatte er sich gemeldet, und man brauchte ihn nur anzusehen, um zu wissen, daß er fest entschlossen war, den Tod in der Schlacht zu sterben und damit seinen Makel auszulöschen.

Der Feuerschein verlohte. Es wurde wieder finster. In einem Gehöft krähte mit durchdringender Stimme ein Hahn. Die Soldaten lachten. »Dem ist ein zu großes Gedränge dahier,« witzelte einer. »Ruhe!« schrie der Hauptmann wütend. Plötzlich krachte es rechts vorn. Ein Adjutant brachte den Befehl, das Bataillon solle über den Bahndamm marschieren und gegen das Dorf Bazeilles vorrücken. Die Abteilung setzte sich in Bewegung, erstieg den Damm und überschritt den Strom auf der Eisenbahnbrücke. Sylvester konnte das von dichtem Nebel bedeckte Gelände überschauen. Wenn aus fernen Geschützen die Blitze auffuhren, sah der Nebel wie brennende Baumwolle aus. Ein zweiter Befehl traf ein: das Bataillon habe vorläufig noch in Reserve zu bleiben. »Hinter den Damm zurück und niederlegen!« hieß es. Mit klopfenden Herzen warfen sich alle ins feuchte Gras.

Auf einmal erschallte ein heftiges Kleingewehrfeuer. Das war in Bazeilles. Ein Generalstäbler berichtete, das Dorf sei von vier Regimentern französischer Marine-Infanterie und einem Teil des Korps Lebrun besetzt; es habe feste steinerne Häuser und der Angriff sei erschwert dadurch, daß die Einwohner im Bunde mit den Soldaten schössen und die Straßen durch Barrikaden versperrt seien.

Sylvester und der Premierleutnant begaben sich auf den Damm. Die meisten Häuser von Bazeilles brannten schon. Die wachsenden Flammen erstickten förmlich den aufdämmernden Tag. Rings um das ungeheure Schlachtfeld donnerten die Kanonen. Die Erschütterung des Luftkreises vertrieb den Nebel, dafür wallten die weißlichen Dampfmassen aus den Schlünden der Geschütze und der schwarze, wurmartig gekrümmte Rauch von den brennenden Häusern empor. Chassepotkugeln zischten durch die Luft, und Sylvester und sein Begleiter wollten sich eben wieder in die Deckung begeben, als das Kommando: »Vorwärts! Ausschwärmen!« ertönte.

Den Degen in der Faust, marschierte Sylvester vor der Schwärmerkette über den Damm und jenseits herab. Er wunderte sich dumpf, als ein Stück Himmel über ihm herrlich blau erstrahlte. Weit drüben im Gelände erblickte er ein ameisenhaftes Gewimmel rothosiger Soldaten. Sie sahen aus wie die Mohnblumen in einem Kornfeld. Auf allen Höhen, stundenweit im Umkreis, siedete der sonnenbeleuchtete Dampf. Das Donnern, Knattern, Sausen und Zischen hatte etwas Unwirkliches wie im Traum. Verwundete wurden vorübergetragen; ihr Stöhnen und Wimmern verlor sich im allgemeinen Getöse. In einer Ackerfurche lag ein menschlicher Arm. Sylvester hatte die Empfindung, er komme nicht vom Fleck, trotzdem er und seine Leute schnell gingen. Das gespenstische Knarren einer Mitrailleuse ließ ihn neugierig herumschauen; es war wie ein tierischer Laut und durchschnitt das Herz. Der kleine Flötenspieler machte plötzlich einen Sprung und stürzte auf das Gesicht. Wie kann man nur so ungeschickt sein, dachte Sylvester und rief ihm zu, er solle aufstehen. Ein Kamerad beugte sich über ihn. »Er ist tot,« sagte er. Im selben Moment fiel auch dieser, in den Kopf getroffen, wie ein Stück Holz. Warum der und warum nicht ich? dachte Sylvester verwundert.

Dicht vor Bazeilles lag das alte Schloß Dorival. Verwitterte Amoretten blickten aus dem Gesträuch. Im Vorbeiziehen hatte Sylvester das nämliche Gefühl, das er als Knabe gehabt, wenn er zur Schule hatte gehen müssen und auf dem Weg eine Spielverlockung an ihn herangetreten war.

Da platzte zwei Schritte neben ihm eine Granate; einem Mann an seiner Seite wurde wie durch ein unsichtbares Beil der Kopf vom Rumpfe gerissen; er ging noch einen Schritt und brach zusammen wie Asche. Am Eingang des Dorfes lagen die Toten zu dreien und vieren übereinander. Der Erdboden war mit Blut begossen. In einer Rinne rann das Blut, wie sonst das Regenwasser nach dem Regen. Obwohl am Himmel die Sonne schien, war es in den Gassen düster wie am Abend. Aus allen Fenstern starrten Gewehrläufe, auch aus den Fenstern der brennenden Häuser. Aus mancher Kellerluke krachte ein halbes Dutzend Schüsse auf einmal. Jede Barrikade war mit Hunderten von Leichen gepflastert. Viele lagen mit friedlichen Gesichtern da, als ob sie schliefen, andere wieder zeigten einen Ausdruck grimmigster Qual. Immer neue Abteilungen rückten vor, frenetisch jubelnd stürmten sie in die Hauptgasse, und nach einigen Minuten waren sie hingemäht. Jedes einzelne Gebäude mußte wie eine Festung erobert werden. Aus den brennenden Räumen drang das Geschrei der Weiber und Kinder in den Höllenlärm. Von dem einstürzenden Gebälk der Dächer prasselten ununterbrochen Funken herab. Auf einer Brunnenstufe gewahrte Sylvester einen schwerverwundeten Jäger des dritten Bataillons. Dem Mann war die Hüfte zerschossen, und er schien Durst zu leiden. Sylvester gebot einem Soldaten, ihm Wasser zu reichen, aber der Verwundete bat um eine Zigarre. Der Soldat griff in die Tasche, gab ihm die Zigarre und zündete sie auch an, während um ihn her die Kugeln wie Hagelschloßen fielen. Nachdem jener die ersten Züge geraucht hatte, starb er. Sylvester ging weiter und sah seinen Premierleutnant tot auf einem Haufen anderer Toten liegen, rosigen Schaum über den Lippen.

Die dritte Kompagnie unternahm einen Sturm gegen ein Gebäude, das etwas außerhalb des Dorfes lag und von den Franzosen mit wildester Wut verteidigt wurde. Die Mauern des Hauses waren schwarz vor Alter; es hatte zwei Erker, und die Fenster waren vergittert. Jedes der beiden Stockwerke hatte sechs Fenster, an jedem Fenster standen die Soldaten enggedrängt, und die Erschossenen wurden sogleich wieder durch andere ersetzt. Die Granaten hatten das Dach eingeschlagen, aber bis jetzt hatte noch keine gezündet. Auch aus dem Sparrenwerk des Daches schossen die Feinde herab, und wie alle früheren Angriffe, wurde jetzt der Angriff der dritten Kompagnie zurückgeschlagen. »Folgt mir, Jäger!« rief Sylvester und verließ mit seinem Zug die Deckung einer Hofmauer. Die Leute waren sämtlich sehr blaß, gehorchten jedoch dem Befehl mit einem rachsüchtigen Hurrageschrei. Viele drückten die Augen zu, während sie liefen. Die vierte Kompagnie, deren Hauptmann gefallen war, vereinigte sich mit Sylvesters Abteilung. Einer um den anderen stürzte. Sylvester vernahm den süßlichen U—i-Laut, mit dem die Kugeln an seinem Ohr vorüberpfiffen. Auf einmal taumelte er und hatte ein Gefühl, als sei der linke Arm von einem fürchterlichen Keulenschlag getroffen worden. Einen Augenblick verweilend, bemerkte er, daß das Blut aus dem Rockärmel floß. Zugleich sah er mit einer Kampfesaufregung, die ihm Schwindel verursachte und ihm in einem tiefen, ganz stillen und sonderbar wachsamen Winkel seiner Seele kaum verständlich dünkte, daß seine Jäger endlich bis an die Mauer jenes Hauses vorgedrungen waren, wo die Leichen in Hügeln lagen. Sie hatten die Gewehre umgedreht und schlugen, zwanzig zu gleicher Zeit, mit den Kolben wie mit Hämmern gegen das massive Tor. Angeln und Schloß gaben nach, auch die Fassung zersplitterte, das Haus war geöffnet, und die Tapferen erstiegen die drei Stufen; mit gefällten Bajonetten stürzten sie in den Flur. Eine Salve empfing sie, mehr als dreißig verhauchten ihr Leben, doch für die übrigen war kein Aufhalten mehr. Sylvester drängte sich eben durch sie hindurch in den Flur, als er, wie zu einer Bildsäule verwandelt, stehen blieb.

Der Feldwebel der vierten Kompagnie hatte die Verteidiger aufgefordert, sich zu ergeben. Einige der französischen Soldaten hatten unwillkürlich die Gewehre gesenkt. Darauf trat ihr Leutnant vor und rief dreimal mit starker Stimme und in einem Ton von äußerster, ja unbegreiflicher Verzweiflung: »Jamais! Jamais! Jamais!« Zugleich riß er einem seiner Leute das Gewehr aus den Händen und legte es an.

Diesen Mann gewahrte Sylvester jetzt. Er gewahrte ihn während des kurzen Zeitabschnittes, in welchem sich der Offizier des Gewehrs seines Untergebenen bemächtigte und es an seine Schulter preßte. Er sah den festen, eigentümlich gelben und in seiner Gelbheit und vernunftlosen Raserei geradezu tigerhaften Blick, — da erkannte er das Gesicht noch nicht. Eine Sekunde später erkannte er es. Die Geschehnisse gingen in so rascher Folge vor sich, daß der Geist mit einer erstaunlichen Schnelligkeit auffaßte und arbeitete. Von dem Moment des Anlegens der Waffe, der auf ihn gerichteten Waffe, bis zum Abfeuern des Schusses erkannte Sylvester nicht nur dieses Gesicht, erinnerte sich nicht nur aller früheren Begegnungen mit dem Manne, alles dessen, was zwischen ihnen lag, kombinierte er nicht nur die Art des jetzigen Zusammentreffens, wunderte sich nicht nur über die schmerzliche Fügung, sondern empfand auch eine höchst gesteigerte liebende Teilnahme. Zu spät rang sich ein Schrei aus seinem Mund. »Achim!« Der Hahn des Gewehrs war schon abgedrückt. Sylvester brach in die Knie.

Kaum hatte Achim Ursanner den Schrei vernommen, als er hinzueilte. »Sylvester,« röchelte er, erhob die Augen und umkrallte mit den Fingern den Hals. Ein Unterjäger, vermeinend, daß der feindliche Leutnant seinem verwundeten Offizier noch zu Leibe wolle, hatte sich mit dem Gewehre in Positur gesetzt und stieß dem nahenden Ursanner das Bajonett mitten durchs Herz. Nun kamen die französischen Soldaten vom ersten Stock und vom Dachboden herunter und begannen neuerdings zu feuern. Der Feldwebel packte den starren Körper Sylvesters und zog ihn über die Stufen auf die Straße, wo er unter grauenvoll verrenkten und verkrampften Toten liegen blieb. Unterdessen stürmte die erste Jägerkompagnie unwiderstehlich an, und nach einer Viertelstunde war das schreckliche Haus in ihrem Besitz.

Sylvester war nicht völlig ohne Besinnung. Er wußte, daß er verwundet, schwer verwundet war und daß er wahrscheinlich verbluten würde, wenn keine Hilfe kam. Desungeachtet fühlte er keinen Schmerz; auch Todesfurcht spürte er nicht, ganz im Gegenteil schienen ihm seine Gedanken durch eine ungewöhnliche prickelnde Leichtigkeit ausgezeichnet. Er bildete sich ein, am Meeresstrand zu liegen. Die Wellen benetzten seine Kleider, und es war eine angenehme Empfindung von Gefahr, wie sie immer näher an seinen Körper rückten. Zuerst glaubte er, daß er sich in Bangor befinde; er glaubte es deshalb, weil Anna Ewel unweit von ihm eine Schürze wusch und sie an der Tür einer Badehütte aufhing. Dann aber sagte er sich, es sei Unsinn, Bangor habe gar keinen Strand, auch sei dort der Ozean nicht so blau. Wo bin ich denn? Wo bin ich denn eigentlich? quälte er sich. Da fiel ihm ein, daß das Gestade zwischen Amalfi und Salerno ebenso sanft und lieblich war wie hier; er gewahrte auch die olivenumwachsenen Hänge. Wie oft hatte er sie auf der Jagd nach Eidechsen durchstreift! Damals hatte er Eidechsen gefangen, denn er hatte eine Römerin geliebt, die viele Eidechsen in einem Glashaus hielt und fütterte. Nun kam sie selbst; er hatte ihren Namen vergessen. »Tut nichts,« lachte ein Fischer, der eben seine Netze aus dem Boot zog, »wir heißen sie Angiolina.« Der Klang dieses Wortes berauschte ihn. Auf einmal trabten zwei ungemein zierliche Esel vorbei, und als er sie neugierig betrachtete, sah er, daß das Sattelzeug aus zusammengesetzten Spielkarten bestand. Das ist ein Racheakt von Lord Albany, dachte er und ballte die Faust. Es wurde Nacht, und eine Person mit einer unvergleichlich schönen Stirn kniete neben ihm. »Bist du es wirklich, Gabriele?« fragte er leise. Sie ergriff seine Hände und während mit erbitterten Mienen Tausende von Menschen auftauchten, begann sie zu singen. Da hatte er den herzzerreißenden Argwohn, daß sie ihn verachte, ihn zum besten halte, daß sie falsch, listig und selbstsüchtig sei. Sein Vater und seine Mutter kamen und zwischen ihnen Silvia. Silvia trug einen Veilchenkranz im Haar. Als er sie erblickte, fühlte er sich plötzlich aufgehoben und fortgetragen …

Der ihn aufhob und forttrug war Adam Hund. Seine Kompagnie hatte jenen letzten Angriff auf das Haus unternommen. Durch einen Kolbenhieb am Kopf verletzt, war er niedergefallen und hatte dabei das bleiche, leblose Gesicht Sylvesters gesehen. Dies gab ihm seine Kräfte wieder. Er warf sich mit dem Gesicht auf die Brust Sylvesters und lauschte, ob das Herz noch schlug. So an der Brust seines Herrn ruhend, bezwang er zunächst sein Schwindelgefühl, dann, von der Hoffnung beseelt, daß noch Leben in dem Körper sei, raffte er sich auf, hob den Bewußtlosen empor und nahm ihn auf seinen Rücken, um ihn nach einem Verbandplatz zu schaffen. Die Schlacht wütete mit unverminderter Heftigkeit. Das Stück Feld, das Adam mit seiner Last überqueren mußte, war so vom feindlichen Feuer bestrichen, daß die Soldaten des elften Regiments, die jetzt zum Kampf rückten, sich nur kriechend vorwärts bewegten, und obwohl dreimal in seiner unmittelbaren Nähe Granaten krepierten, kümmerte sich Adam darum nicht. Ein Geschoß zerschmetterte ihm die rechte Hand. Er fluchte wie ein Fuhrknecht, trabte aber unverdrossen weiter, bis er zwei Sanitätsleute gewahrte, denen er zuwinkte. Da verließ ihn das Bewußtsein.

Diese Heldentat eines getreuen Dieners gehört, obwohl sie in bescheidenes Dunkel gehüllt blieb, zu den wunderbarsten eines an rühmlichen und berühmten Heldentaten reichen Tages.


Das Schloß Dorival war in ein Lazarett verwandelt worden, und hier fand Sylvester Unterkunft. Seine Heilung machte anfangs nur langsame Fortschritte, denn die Verletzung war lebensgefährlich und die Pflege bei der großen Anzahl von Verwundeten nicht ausreichend. In den Zimmern, auf den Korridoren, sogar in den Kellern lagen die Soldaten in langen Reihen und der Anblick des Blutes und der furchtbaren Wunden, das markerschütternde Geschrei der Leute, denen Gliedmaßen abgesägt oder Geschosse aus dem Fleisch geschnitten wurden, bedrückte Sylvesters Gemüt und machte seinen Lebenswillen stumpf.

Aber nach einer Woche, als es in den schönen alten Gemächern des Schlosses etwas ruhiger geworden war, kam Agathe, und unter ihren sorgsamen Händen nahm die Wiederherstellung Sylvesters einen rascheren Verlauf. In den ersten beiden Nächten hatte sie in ihren Kleidern neben dem Lager des Gatten ruhen müssen, später verschaffte ihr der Oberarzt in der Wohnung des Kastellans ein notdürftiges Quartier. Ihre Umsicht, Entschlossenheit und Unermüdlichkeit gereichten nicht nur Sylvester, sondern auch vielen seiner Leidensgefährten zum Segen. Sie schrieb Briefe für die Verwundeten, brachte ihnen Erfrischungen, half beim Verbinden, und ein bloßes Wort von ihr wirkte manchmal Wunder, ein Blick flößte Zuversicht ein, eine Berührung zauberte die Hoffnung in verfinsterte Augen. Es schien eine neue Kraft über sie gekommen, eine neue Seele, eine neue Jugend. Ihr Schritt war elastisch, ihre Stimme sonor wie ein Cello und von jener besonderen Resonanz, die nur die innere Freude gibt. Die ruhige Heiterkeit ihres Lächelns erregte Sylvester oft, wie einen Gefangenen der Gedanke an die Freiheit erregt. War sie ihm bisweilen fremd wie ein Bild, so war sie ihm zu andern Stunden vertraut wie eine Schwester; spürte er gleich für sie nicht das, was er Leidenschaft nannte, so stillte doch das Gefühl ihrer Gegenwart alle Unzufriedenheit in ihm.

Eine rätselhafte Scheu verhinderte ihn lange, ihr von der Begegnung mit Achim Ursanner zu erzählen. Als er es endlich tat, war er nicht wenig betroffen von der Art, wie sie es aufnahm, ohne Staunen, ohne ein sichtbares Zeichen der Ergriffenheit. Offenbar dünkte ihr die Fügung so schicksalsvoll und so mit dem innersten Sinn ihres Daseins, ihrer Zukunft verwebt, daß sie ihm während seiner Erzählung den Eindruck eines Menschen machte, dem man ein Ereignis berichtet, dessen Zeuge er gewesen ist. Da erkannte er, wieviel Märchenhaftes, Wunsch- und Wahnversponnenes selbst in einer Frau wie Agathe verborgen war, die mit ihren beiden Füßen fest auf der wirklichen Erde stand. Was aber dabei in ihr vorging und wie sie das Geschehene in ihrem Geist ordnete, vermochte er nicht zu ergründen, wollte es auch nicht ergründen. Ihm schien, daß dieses Geheimnis sie reicher und reiner mache. Einige Tage später sagte sie zu ihm, der Gedanke schmerze sie, daß Achim Ursanner in einem Massengrab vermodern solle, und Sylvester versprach, dafür Sorge zu tragen, daß der Leib des unglücklichen Freundes eine würdige Ruhestätte erhalte. Er bedachte aber die Schwierigkeiten nicht, die der Erfüllung eines solchen Versprechens begegneten. Es war unmöglich, den Leichnam unter den Tausenden von Toten aufzufinden oder zu erfahren, in welche Grube er eingescharrt worden war.

Obwohl Sylvesters völlige Genesung noch mehrere Monate dauern mußte, erlaubten die Ärzte nach drei Wochen den Transport in die Heimat. Dieser wurde auch mit schicklicher Vorsicht und ohne üble Folgen durchgeführt. Adam Hund begleitete Sylvester und Agathe. Er hatte den Arm in der Binde, und es war ziemlich sicher, daß seine Hand lahm bleiben und nie wieder erquickende und nützliche Sentenzen auf allerlei Briefpapier verewigen würde, es sei denn, sie übertrug dieses Amt an ihre Gefährtin zur Linken. Doch war Adam Hund deswegen nicht verhindert, in seinem Umgang mit gewöhnlichen Sterblichen ein majestätisches Benehmen für angebracht zu halten, und trotzdem ihm Frau Brigitte Hund nicht den Gefallen erwiesen hatte, mit ihrem Galan das Weite zu suchen, oder nur in angreifbarer Form sich bloßzustellen, trotzdem sie ihm nach wie vor die Suppe versalzte und den Brotkorb hoch hing, raubte ihm die Beimischung von Ehebitternis nichts von seiner innerlichen Glorie, ja sie war vielleicht ersprießlich, damit sein Selbstgefühl nicht zu einer Art von Trunkenheit wurde. Die Ursache des eitlen und verstiegenen Wesens war, daß er sich während des Krieges einen Vollbart hatte wachsen lassen und im Bewußtsein dieses männlichen Schmuckes, dessen ungeahnte Glücksquellen er nie zuvor ermessen hatte, von einer Begeisterung für seine eigene Stattlichkeit durchdrungen war, die viele Menschen unwillkürlich nötigte, ein so echtes und überzeugendes Gefühl zu teilen. Es heißt, daß sogar Frau Brigitte gegenüber dieser unwiderstehlichen Kriegstrophäe Regungen von Zärtlichkeit an den Tag gelegt haben soll.

Schon im Frühjahr konnte Sylvester, von Agathe und Silvia begleitet, kleine Spaziergänge unternehmen. Als der Friede geschlossen wurde, hatte er seine Gesundheit und Kraft zurückgewonnen. Aus Dämmerung und Dunkelheit, aus Zerrüttung und Verwirrung stieg sein Genius wieder ans Licht empor und war es Notwendigkeit, daß er sich begnügte, so war es Verdienst, daß er sich bezwingen lernte. Es war schön zu sein, noch schöner zu wirken, und was an unfrohen Trieben keimte und wucherte, wurde durch die vielfältige Mühsal des Tages um so leichter beschwichtigt, als ja ein Mann von vierzig Jahren, wenn die Lebensuhr nicht stille steht, mit der Zeit ein Mann von fünfzig Jahren wird.

Ende