Nach einer Stunde erwies es sich, daß auch dieser Versuch erfolglos gewesen war. Sylvester gab sich ohne sonderliches Bedauern zufrieden. Die allgemeine Erregung berührte ihn peinlich, zumal er auch Leute von ihr angesteckt sah, für die die Kunst nicht mehr war als etwa ein Hanswurst auf dem Marktplatz.
Er setzte sich an den Lesetisch und vertiefte sich in den Bericht über die letzte Rede, die der Bundeskanzler im preußischen Landtag gehalten hatte. Der Mann interessierte ihn, als Mann noch mehr denn als Politiker; seine Worte hatten etwas Unbedingtes, doch ihre Kraft wurde durch vielfach bedingte Verhältnisse scheinbar zerbrochen. Er stand wie in einer Wolke des Zorns, man spürte den Willen eines geborenen Herrschers und ein Feuer, das in Sylvester den Wunsch nach fruchtbarer Werktätigkeit erweckte. Es war ein Augenblick, wo er plötzlich die Zeit empfand wie sonst nur sich selbst, ihrer Gärungen inne ward wie des unterirdischen Rollens eines fernen Erdbebens und seiner zuschauenden Dumpfheit sich schämte.
Während er noch las, trat einer von den Herren, die ihm so ungestüm zugesetzt hatten, in Begleitung eines älteren Mannes zu ihm, den er als Graf Blumau vorstellte; der Graf hatte ein Billett zu vergeben, da seine Frau verhindert war, das Konzert zu besuchen. Sylvester nahm es mit Dank und fuhr ins Hotel zurück, um den Frack anzuziehen.
Vor dem Konzerthaus war große Auffahrt. Um acht Uhr sollte die Produktion beginnen, doch um halb neun war noch ein Teil des Publikums in der Eingangshalle vor den Türen festgekeilt. Endlich befanden sich alle Zuhörer auf ihren Plätzen. Der Raum war so voll, daß die Köpfe sich auf unbeweglichen Körpern zu drehen schienen. Der Lärm der Stimmen glich dem Brummen und Feilen einer ungeheuren Dampfsäge, und die Hitze stieg von Minute zu Minute. Sylvester saß in der Mitte des Saals, dessen beide Seiten glatte weiße Wände hatten; in halber Höhe der hinteren Schmalwand war eine Galerie, deren Sitze für die Mitglieder des Hofes und einige bevorzugte Würdenträger bestimmt waren.
Plötzlich erschallte eifriges Händeklatschen, dann richteten sich die Operngläser auf die Sängerin, die das Podium betreten hatte. Sylvester verschränkte die Arme über der Brust, was ein Ausdruck von Kritikbereitschaft war, denn wie es bei eitlen Menschen oft der Fall ist, waren ihm die Huldigungen unbehaglich, die man einer Person darbrachte, für die er selbst nichts fühlte und deren Leistungen er aus Widerspruchsgeist skeptisch zu beurteilen schon jetzt entschlossen war.
Ihr Gang ist zu bedächtig, um auf Temperament schließen zu lassen, nörgelte er; dieses Allerweltslächeln, das jedem Laffen schmeicheln soll, ich kenne es; der Klavierspieler hat die Physiognomie eines Dorfschulmeisters, seine rote Nase erweckt geringe Hoffnung auf seine Fähigkeit; wozu flüstert sie mit ihm? Komödie. Im übrigen ist sie gut gewachsen, das Gesicht ist fein, obschon von deutlich slawischem Schnitt, die Hände könnten kleiner sein, und die Toilette betont allzu absichtlich eine bescheidene Führung.
Die ersten Takte von Schuberts Wandererlied unterbrachen Sylvesters übellaunige Betrachtungen. Es trat eine so lautlose Stille ein, daß es schien, als hätten die Menschen von dem Augenblick an, da sich oben die singende Stimme erhob, keinen Atem, ja keine Seele mehr in ihrem Leib, als zucke keine Wimper mehr an ihnen, als höre ihr Blut auf zu fließen. Es war eine Bezauberung, die nicht so sehr von der Kunst Gabriele Tannhausers herkam, von der Kraft und Fülle des Organs, von der Weichheit und dem seltsam matten Glanz ihrer Töne, von der Leichtigkeit des Ansatzes, dem Schmelz und der vogelhaften Natürlichkeit der Übergänge, obgleich sie diese Eigenschaften, die von zeitgenössischen Kennern zur Genüge gepriesen worden sind, in hohem Grade besaß und dabei jene letzte Meisterschaft erst ahnen ließ, die als Versprechen noch köstlicher ist denn als Erfüllung, — es war eine in ihrem Herzen wohnende Gewalt, die ihr die Menschen unterwarf, das unbewußt Bewußte eines allgemeinen Leidens, das von stummen Generationen jahrhundertlang gesammelt wird, um in einem begnadeten Wesen als Gebet und Klage, Tröstung und Jubel aufzublühen, es war das, was jede Brust fühlt und doch nur vom Genius verkündet werden kann, das schmerzlich Entselbstete, unschuldsvoll Prophetische, dem auch die vollendetste Kunst nur Krücke und Behelf ist.
Sylvester sträubte sich noch immer, trotzdem er jene traumhafte Schwäche empfand, die sich bei starken Gemütsaffekten einzustellen pflegt, ja er wehrte sich mit einer Art von Verzweiflung, die ihn später erstaunte und ihm zu denken gab. Das Lied war noch nicht ganz zu Ende, als auf den Galerielogen ein störender Lärm hörbar wurde, der eine nachhaltige Erregung und entrüstete Rufe veranlaßte. Viele Leute wandten sich um, auch Sylvester schaute hinauf, und er gewahrte, daß zwei Lakaien einen Mann auf einem Liegesessel bis an die Brüstung trugen und ihn dort niederstellten. Der Mann, der auf dem Sessel lag, war de Vriendts. Es graute Sylvester bei dem Anblick dieses Gesichts, welches dem eines halbtoten Affen ähnelte. Mit überquellenden Augen starrte de Vriendts auf das Podium, und seine Kinnlade schlotterte. Gabriele Tannhauser stutzte; sie schien den tosenden Beifall nicht zu hören; auf ihren Wangen zeigte sich eine zarte, fieberische Röte; sie begann das zweite Lied: In questa tomba; ihre Augen waren unausgesetzt auf das ihr gegenüber befindliche Gesicht des Domherrn gerichtet, auf dieses entfleischte Gesicht, dessen fressende, angstvolle und krankhafte Gier, dessen vom Tod gezeichnete Häßlichkeit auf einmal wie ein Alpdruck über dem ganzen Saal lastete. Auch in Gabrieles Augen war Angst; der gespenstische Kopf erschien ihr wie eine Drohung; sie empfand ihre Jugend, ihre Macht, ihre Freiheit als Güter, die sie nur geraubt; sie erinnerte sich dieses Gesichts, sie hatte es irgendwo gesehen, und während sie nachdachte, klang ihre Stimme reiner, rührender und flehender. Das Publikum raste, als sie geendet hatte, aber auf der Galerie war ein bestürztes Zusammenlaufen. Man sah den Domherrn mit den Händen in die Luft greifen; röchelnde Laute drangen herunter. Nach einer Weile kamen die Lakaien und trugen den Sterbenden hinaus. Der Zwischenfall wurde herumerzählt und zu deuten versucht. Im Nu bildeten sich Legenden, die den Enthusiasmus für Gabriele Tannhauser steigerten. Als sie die letzte Note gesungen hatte, glaubte sich Sylvester in einem Haufen von Wahnsinnigen. Auf dem Podium erhob sich ein Berg von Blumen, junge Männer stürmten hinauf, junge Mädchen knieten auf den Stufen, aber Gabriele blickte gelassen in den Tumult; sie hatte den Kopf gesenkt und ihre niedere Stirn war kindlich verzogen.
Sylvester wurde von mehreren Bekannten um seinen Eindruck befragt. Er zuckte die Achseln. »Ich finde nicht, daß sie das ist, was die Welt aus ihr macht,« antwortete er, »ich vermisse Schwung und Leidenschaft. Sie hat noch nichts erlebt, dessen bin ich sicher. Vielleicht ist sie gar nicht fähig, etwas zu erleben.« Das klang plausibel, und die es vernahmen, machten ein tiefsinniges Gesicht.
Am andern Abend, bei der Soiree im großherzoglichen Schloß, lernte er Gabriele Tannhauser kennen. Sie wechselten nur wenige Worte. Er fragte sie, ob sie im Frühling in London singen werde; er selbst sei im Begriff, nach Paris zu gehen, doch sei es wohl möglich, daß ihn sein Weg auch nach England führen werde.
»Ja, Sie sollten nach London kommen,« erwiderte sie, ohne ihn anzublicken und wahrscheinlich auch ohne an ihn zu denken, »dort ist das Leben unmittelbarer als irgend sonst in der Welt.«
»Was könnte es Ihnen bedeuten, wenn ich käme, einer unter den Millionen,« sagte er lächelnd.
Der Unmut, der über Gabrieles Züge flog, zeigte, wie müde sie solcher Redensarten war. Sie reichte einem Offizier den Arm, der sie zum Tanz aufforderte. Sylvesters Eigenliebe war verletzt, und er suchte eine Gelegenheit, um die Sängerin noch einmal an sein Gespräch zu fesseln. Es war vergebens, und er überredete sich, daß ihm die Meinung, die sie von ihm hatte, gleichgültig sei. Doch war sein Ehrgeiz erwacht, und allmählich bildete sich ein Kreis von Menschen um ihn, die er durch seine Unterhaltung entzückte. Ohne daß er sich darüber klar wurde, entfaltete er diese Gabe nur für das junge Weib, das ihm so schnöde den Rücken gekehrt hatte.
Als er in der Nacht nach Hause kam, berichtete Adam Hund, daß der Domherr noch während des Transports auf der Straße verschieden sei. Wie schade, war Sylvesters erster Gedanke, ich hätte über de Vriendts mit ihr sprechen können. Unzufrieden und voll von Wünschen begab er sich zu Bett.
Unter demselben Dach wohnte in dieser Nacht Gabriele Tannhauser. Es war spät; zu wissen, daß alle Menschen schliefen, tat ihr wohl. Sie saß mit einem Buch bei der Lampe; auf dem Tisch vor ihr stand eine Schale mit Äpfeln.
Ihr war, als müsse sie die Zeit, die sie in Gesellschaft verlor, dadurch wieder einbringen, daß sie sich dem Alleinsein möglichst lange hingab. Die von keinem häßlichen Gedanken, von keiner unsteten Empfindung getrübte Ruhe ihres Antlitzes bezeugte, wie natürlich ihr diese Gewohnheit war.
Sie bedurfte der Menschen kaum. Sie hatte keine Freundin, keinen Freund. Allen, die sich um sie bemühten, begegnete sie mit Güte, und angeborene Liebenswürdigkeit verurteilte sie dazu, auch gegen die Aufdringlichen Geduld zu üben. In jeder Stadt waren Personen, denen sie für Dienstleistungen und Beweise der Ergebenheit verbunden war, Frauen und Männer, mit denen sie gern verkehrte und für die sie eine lebhafte Anhänglichkeit verspürte, aber in Wahrheit hätte sie sie entbehren können. Seit Sziralsky, ihr wunderbarer alter Lehrer, gestorben war, hatte sie sich an keinen Menschen mehr so innig angeschlossen, um nach seiner Nähe zu verlangen. Mit Anna Ewel, ihrer Zofe, einer Postmeisterstochter aus Gabrieles böhmischem Heimatsdorf, reiste sie umher, an keinem Ort verweilend, von Gasthof zu Gasthof, von Land zu Land, ohne Erregung, ohne sonderliche Neugier, ohne Launen und ohne zu ermüden.
Der beständige Wechsel ihres Aufenthalts verhinderte die Menschen, sich ihrer zu bemächtigen und sie mit Forderungen zu quälen, die sie nicht erfüllen konnte. Ihre anmutige, immer gleiche Freundlichkeit war wie eine Lichtflut um sie gebreitet, die es schwierig machte, sie genau zu sehen, und so wußte niemand auf der Welt, wie es eigentlich mit ihr beschaffen und welch ein merkwürdiges Kind Gottes dieses junge Geschöpf war, das mitten im Strom des Lebens und im Glanz des Ruhmes sein Glück in der Einsamkeit suchte.
Sie hatte keine Familie. Vater und Mutter waren tot, ein Bruder war vor zwei Jahren bei Königgrätz gefallen. Wenn sie ihrer Heimat gedachte, sah sie ein karges Hügelgelände, eine Straße, die in dunkle Wälder führte, einen regungslosen Teich, auf dem Gänse und Enten schwammen, gelbhäutige Kühe, arme Häuser, ein armes gedrücktes Volk, und über alldem einen blassen Himmel bei Tag und am Abend funkelnde Sterne. Schwermütige Abende, wenn aus den Schenken die Tanzmusik klang oder in einem Zigeunerlager eine Geige fiedelte, Licht um Licht in den kleinen Fenstern erlosch und der Mond wie eine glühende Glocke aus den geheimnisvollen Tiefen der Erde emporstieg. Erinnerte sie sich während des Singens daran, gewahrte sie dies Bild, das im Frühlingswerden oder in der Herbstesneige die Seele mit Frieden und Trauer erfüllt hatte, so zerflossen die vielen, ihr zugewandten Gesichter in Dunst, und nur die Augen strahlten ihr noch entgegen, fremd und fern.
Sie war nicht von der Art jener Künstlerinnen, denen ihr Auftreten zur festlichen Gefahr wird. Sie gehörte nicht zu denen, die ein Publikum schmähen, vor welchem sie zittern. Sie kannte nicht das Fieber der Vorstunde und die großen Gebärden des Erfolges. Sie war keine Diva, sie war ein junges Mädchen, das sang. Die Kunst gab ihr keinen Rausch und keine Ernüchterung, sie war ihr weder Lust noch Plage, sondern eine Pflicht. In ihr war ein Quell, der überströmte und überströmen mußte, wenn er sie nicht ersticken sollte. Sie arbeitete täglich viele Stunden, doch niemals mit Angst um die ihr gewordene Gabe. Sie hatte Ehrgeiz, aber nicht den zerstörenden und herztötenden; ihr Ehrgeiz glich dem jener mittelalterlichen Ritter, die Gut und Blut daran setzen, um ihren Schild fleckenlos zu erhalten. Es war eine dumpfe Bescheidenheit in ihr; den Gang aufs Podium oder auf die Bühne trat sie mit einem für ihre Umgebung unbegreiflichen Gleichmut an; sie ihrerseits hatte kein Verständnis für die Ränkesucht und das würdelose Treiben mancher Fachgenossen, und deshalb spielte sie nur noch ungern auf dem Theater.
Jeden Morgen erhielt sie Liebesbriefe und Blumen. Die Briefe verbrannte, die Blumen verschenkte sie. Ehedem hatte sie eine Leidenschaft für Blumen gehabt, jetzt machte sie sich nichts mehr daraus und grollte ihnen, daß sie solchem Zweck dienen mußten. Der Gedanke an Liebe hatte nichts Befeuerndes für sie, er besaß nicht einmal die Kraft, sie zu erwärmen; es entstand keine Hoffnung aus ihm, höchstens in seltenen Augenblicken eine Furcht. Bisweilen kam es vor, daß sie über sich selbst erstaunte, wenn sie sich so zugeschlossen fand, so kühl, so sehnsuchtslos, so allein im Raum, und sie konnte wünschen, eine Stimme zu vernehmen, die sie noch nie gehört und einen Blick zu spüren, der noch nie auf ihr geruht. Aber nicht mehr als eine Stimme und einen Blick, nicht mehr; zu viel war schon die Hand, die fremde Hand, die heiß sein konnte, zu viel das Wort, das lügen konnte. Ihr war dunkel zumute, als habe ihre Seele beim Eintritt ins Dasein den mystischen Befehl empfangen, niemals Flamme zu werden für eine andere Seele. Jugend und Gesang waren wie zwei ineinandergewebte Schleier, die sie nicht emporheben durfte, wenn sie nicht nackt und wehrlos dem Schicksal preisgegeben sein wollte.
Es gab aber auch Stunden, wie die der heutigen Nacht, wo ihr Inneres von einer gleichsam nur geträumten Unruhe erfüllt war, wo ihre Augen sich groß öffneten wie die eines erwachenden Kindes und sie sich fragte: Wer bin ich? Was wird aus mir?
In seiner Knabenzeit hatte Sylvester einmal im Herbst in einer Kammer einen Korb mit frischen Trauben entdeckt. Es war nicht Hunger, was ihn getrieben, darüber herzustürzen. Da es die ersten Trauben des Jahres waren, hatte auch die Freude am Anblick der schönen Dolden, das Entzücken, sie greifen zu können, seine Gier erweckt. Er war niedergekniet, hatte jauchzend zwei Hände voll gepackt und dann das Gesicht, den Mund, die Zähne förmlich in die Trauben vergraben, so daß der ausgepreßte Saft nicht nur über den Gaumen hinab, sondern auch über das Kinn und die Kleider träufelte.
Daran mußte er manchmal während seines Pariser Aufenthaltes denken. Es war dieselbe Lust an der Fülle, dasselbe unbedachte, gefräßige Ansichreißen. Jeder Tag hatte siebzehn Stunden, oft auch mehr, und keine Stunde war reizlos. Er hatte gewichtige Empfehlungen mitgebracht, wurde glänzend aufgenommen und führte das Dasein eines großen Herrn. Er wußte sich zu kleiden, er verstand Geld auszugeben, seine Umgangsformen waren ohne Tadel, er hatte Bildung und Geschmack, kein Wunder also, daß man sich um seine Person stritt. Ihm selbst schien es, als hätten seine besten Talente bis jetzt geschlummert, als sei er seiner Fähigkeiten jetzt erst sicher und brauche nur zu wählen unter den Zaubermitteln, durch die man die Menschen erobert. Desungeachtet war nichts von Krampf und künstlichem Feuer in seiner Lebensführung. Was an ihm gefiel, war seine kräftige Männlichkeit, eine Grazie des Geistes, die dem Deutschen doppelt angerechnet wurde, und jener angenehme Witz, der nicht verwundet und andere witzig macht.
Eine ununterbrochene Kette von Vergnügungen hielt ihn gefangen. Die körperliche Frische, die er mit triumphierendem Behagen täglich spürte, besiegte jeden Widerstand und gab ihm das Bewußtsein der Leichtigkeit und mühelosen Erneuerung. Ich habe zehn Jahre lang gespart, sagte er sich, nun kann ich Preise bezahlen, die mich nicht schrecken, so hoch sie auch sein mögen.
Sie waren hoch. Nicht gewillt, sich mit äußerer Repräsentation und einem oberflächlichen Gesellschaftstreiben zufriedenzugeben, suchte er ohne Scheu Gebiete auf, wo die menschliche Existenz nicht bloß wie ein harmloses Wasser flutet, wo nicht gefälliger Schmuck und leer verpflichtende Worte über den Mangel ernsthafter Verbundenheit hinwegtäuschen, sondern wo aus tieferen Schlünden die Elemente rauschen und der sich bewahren möchte, zur Entscheidung aufgefordert wird. Er lernte das Paris des zweiten Kaiserreichs gründlich kennen. Ein Schauder erfaßte ihn, wenn er dieser aus trunkenen Mänaden und wahnsinnigen Silenen gemischten Tänzerscharen inne wurde; wie da alles nur noch Schall war, was sonst ein Volk aus seinem Taumel riß, wie jeder nur von Gnaden des Momentes lebte, aus hohlem Überschwang Freude saugte und seinen dürftigsten Götzen zum Idol aufputzte; wie die Schatten vergangener Größe umherschlichen, um Almosen der Ehre zu erbetteln, wie jedes Fest zum Bacchanal wurde und Schönheit und Unschuld flüchtiger waren als der Seufzer eines Ertrinkenden, dies erfuhr Sylvester nicht ohne Zurückbesinnen und Zukunftsfurcht. Aber er wollte nicht Beobachter sein, er wollte mit diesen leben.
So blieb ihm keine Stätte des Lasters unbekannt, kein Ort, wo die Ausgestoßenen von lüsternen Jägern gestellt wurden, keiner von den Sümpfen, auf deren Grund das Verbrechen wie giftiges Reptil hauste und auf deren buntem Spiegel mancherlei bewimpelte Fahrzeuge schwimmen. Er knüpfte Beziehungen mit einer Italienerin an, die berühmt kleine Hände und Füße hatte; nach einer Woche verabscheute er sie; er machte auf einem öffentlichen Ball am Boulevard St. Michel die Bekanntschaft einer Strumpfwirkerstochter, die ein unstillbares Verlangen danach hatte, ein Diamanthalsband zu besitzen; er kaufte ihr nur einen Ring, und ihr Gewissen schwieg bei seiner Werbung. Sie glich einer Nordländerin und hatte das Blut einer Wilden. Ihre Launen ermüdeten ihn, und er verließ sie. Hinter einer kleinen Kirche im Quartier latin wohnte ein Arzt, dessen junge Frau so fromm war, daß das ganze Viertel darüber spottete. Ein Student, der hoffnungslos in sie verliebt war, erzählte Sylvester von ihr. Um sie zu sehen, ging er in jene Kirche, besuchte dann eines erfundenen Leidens halber den Arzt und war bald häufiger Gast im Hause. Er umstrickte die Frau, sie verfiel ihm, aber der Gatte war nicht blind; was sich zwischen den beiden ereignet hatte, wußte kein Mensch; eines Tages waren sie aus Paris verschwunden.
Erbeuten und wegwerfen; bewahrte das Gedächtnis einen Namen, ein zartes Wort, eine seltene Gebärde, so war die Mühe belohnt; Gestalt und Wesen schwanden hin. Wer Blüten pflückt, will oft kaum riechen; den Strauß in der Hand, mag er ihn schon nicht mehr weiter tragen, und schleudert er ihn fort, ist er sorgloser geworden. Aber Sylvester hatte eine schwere Sorge. Seine Geldmittel verringerten sich schnell. Die dreitausend Taler, die er hatte schicken lassen, waren verbraucht. Er verlangte einen Kreditbrief auf zehntausend Taler und berechnete, daß er ihn nach drei Monaten erschöpft haben würde. Eine gleichgroße Summe lag nicht mehr bereit. Ein Bankier riet ihm, Börsenpapiere zu kaufen, doch er fand das Geschäft zu unsicher und zu langwierig. In der Neujahrsnacht kam er in Begleitung mehrerer junger Engländer in ein Haus, wo Bakkarat gespielt wurde. Er beteiligte sich am Spiel und gewann neunzehnhundert Franken. Acht Tage später ging er wieder hin und gewann über viertausend Franken. Nach einiger Zeit wollte er zum drittenmal sein Glück versuchen, aber da verlor er. Es waren zwar nur dreißig Goldstücke, aber der Verlust ärgerte ihn, und er wollte ihn am andern Tag wieder einbringen. Er verlor. Nun hatte er keine Ruhe mehr und wähnte, das Glück erzwingen zu müssen. Allnächtlich saß er bis gegen die Morgenstunde am grünen Tisch, ruhiger als alle anderen Spieler und von einer seltsamen Neugier erfüllt, zu erfahren, wann das Mißgeschick aufhören wurde, ihn zu verfolgen.
Nach Verlauf eines Monats hatte er zweiunddreißigtausend Franken verloren. Um seine Schulden tilgen zu können, mußte er das ganze Depot erheben, das sich noch in Würzburg befand. Darauf schrieb er an den Inspektor nach Erfft, es müsse eine Anleihe aufgenommen werden, ein ihm bekannter Agent in München, an den er sich gleichfalls brieflich wandte, sollte dazu behilflich sein. Unter großen Schwierigkeiten wurden zwanzigtausend Taler flüssig gemacht. Sylvester spielte trotzig weiter, und in einer Woche verlor er die Hälfte dieser Summe. Nun erkannte er das Vergebliche seines Eigensinns, und da ihn nicht so sehr die Leidenschaft als der Wille beherrscht hatte, das dumme, blinde Ungefähr zu lenken, bedurfte es nur eines Entschlusses, um ihn von seinem verhängnisvollen Weg abzubringen. Freilich trug dazu ein Ereignis bei, das auch wie ein Spiel begonnen hatte, aber mit Trauer und Vernichtung enden sollte.
Durch einen jungen Marineoffizier, den er im Salon der Prinzessin Mathilde kennen gelernt hatte und der ihm eine herzliche Freundschaft entgegenbrachte, war er in das Haus des Lords Albany gekommen. Lord Cecil Albany war ein Mann von ungeheurem Reichtum, der es liebte, die Wintermonate in Paris zu verbringen und sich durch seinen Aufwand in großen Respekt gesetzt hatte. Er hatte in der Rue St. Honoré einen Palast gemietet und sah jeden Abend die vornehme Welt bei sich. Doch geschah dies nur seiner Frau zuliebe, er selbst war ziemlich menschenscheu und die ihn näher kannten, schilderten ihn als einen trockenen, hochmütigen und rohen Patron. Lady Evelyn war eine echte Engländerin, schlank, anmutig, äußerlich kühl, doch in irgendeiner Art heimlich besessen. Es war eine unverhehlte Tatsache, daß sie den Lord wider ihren Willen und nur auf den Befehl ihrer Eltern geheiratet hatte. Sie hatte erklärt: Wenn man mich zu dieser Ehe zwingt, so werde ich alles tun, um mich zu rächen. Das Zusammenleben mit Lord Cecil bestärkte ihre Abneigung, und es galt für ausgemacht, daß sie ihren Gatten betrog. Doch ging sie dabei mit List und Heimlichkeit zu Werke, und der Lord hatte bis jetzt nicht die geringste Ursache gehabt, sich über sie zu beklagen.
Sylvester fand sogleich den Ton, der ihrem romantischen Wesen zusagte, er gewann ihr Vertrauen, und nach kurzer Zeit standen sie im innigsten Einverständnis. Sie ergötzte Sylvester, und er konnte sie nicht ganz ernst nehmen, obgleich er das Pflanzenhafte an ihr wahrnahm, das allerdings nur in dieser besonderen Atmosphäre eines Treibhauses gedeihen konnte.
Seit sie seine Geliebte war, besuchte sie ihn in seiner Wohnung; nun geschah es aber, daß Lord Cecil nach London reisen mußte und seine Rückkehr erst für das Ende jener Woche in Aussicht stellte. An einem Abend ging Sylvester zu Lady Evelyn, und die Vorsicht vergessend, die sie beide bis jetzt beobachtet, blieben sie bis weit über Mitternacht beisammen. Als Sylvester durch den beleuchteten Flur zum Tor schritt, wurde die Nachtpforte gerade von außen geöffnet, und zu seinem peinlichen Erstaunen sah er Lord Albany hereintreten. Der Lord stutzte, griff aber dann nach seinem Hut und grüßte Sylvester mit außerordentlicher Höflichkeit. Darauf wandte er sich zur Treppe, und Sylvester verließ ziemlich beruhigt das Haus.
Indessen rief der Lord sämtliche Diener und Dienerinnen herbei, bedeutete ihnen, im Vestibül zu warten, forderte von einem der Mädchen ein gewöhnliches Kleid, und nachdem er es erhalten und über den Arm geworfen, betrat er das Schlafzimmer seiner Frau. Er brauchte keinen andern Beweis ihrer Schuld als den Umstand, daß sie im Bette lag. Mit eisigem Gesicht befahl er ihr, sich zu erheben, warf ihr das Gewand hin und hieß sie es anzuziehen. Sie gehorchte zitternd. »Nur wenn Sie augenblicklich das Zimmer und augenblicklich mein Haus verlassen, können Sie sich eine körperliche Züchtigung ersparen,« sagte er. Sie sah ihn an und wußte, daß sie nichts zu hoffen habe. Sinnlos vor Scham und Angst eilte sie hinaus, durch das Spalier der regungslosen Dienstleute hinunter auf die Straße. Lord Cecil sperrte das Tor hinter ihr zu und bewachte es eine Stunde lang, um zu verhüten, daß einer von den Leuten ihr folge und Hilfe leiste.
Erst drei Tage später gelangte die Kunde dieses Vorfalls zu Sylvester; da Lord Albany selbst sich in Schweigen hüllte, konnte das Gerücht nur durch die Mitteilungen der Dienerschaft in die Welt dringen. Man war entsetzt, man schüttelte den Kopf, und die Gespräche erschöpften sich in ausschweifenden Vermutungen. Sylvester war froh, daß nirgends sein Name genannt wurde, aber der Gedanke an das Schicksal der unglücklichen Evelyn verfolgte ihn beständig. Daß sie nicht zu ihm gekommen war und keine Nachricht gab, zeigte, daß auch sie das Spielerische und Haltlose ihrer gegenseitigen Beziehungen empfunden hatte, und seine Sorge um sie verdoppelte sich. Nach einigen Wochen erzählte ihm der Marineoffizier, Lady Evelyn habe Mittel gefunden, nach Essex zu kommen, wo ihre Eltern wohnten, habe sich ihrem Vater zu Füßen geworfen, sei aber von diesem mit großer Härte abgewiesen worden, da in den Augen eines anständigen Engländers ein Ehebruch unauslöschlichen Makel mit sich bringe, und eine Frau, die solcher Sünde überführt worden, von der menschlichen Gesellschaft verstoßen und auf ewig gebrandmarkt werden müsse. Einer ihrer Brüder habe ihr aus Mitleid eine geringe Summe Geldes zugesteckt, und damit sei Evelyn nach London gegangen, wo sie ein unstetes, ja, wenn man den Versicherungen des Sir Randolph Canning, eines Vetters von Lord Albany glauben wolle, verworfenes Leben führe. Sir Randolph behaupte nämlich, sie sei jede Nacht in einer berüchtigten Opiumkneipe im Norden der Stadt zu sehen.
Es kam der Juni, und Sylvester ließ sich von seinen englischen Freunden überreden, mit ihnen nach London zu gehen. Er entschloß sich um so leichter dazu, als er in den Pariser Zirkeln plötzlich eine feindselige Haltung gegen seine Nationalität spürte, eine Gespanntheit und zunehmende Kälte, die er sich nicht erklären konnte und die jedenfalls durch gewisse politische Machenschaften und Hetzereien begründet war. Eines Abends, im Foyer der Oper, stellte er den Herzog von Montmorency zur Rede, der in seiner Gegenwart eine spöttische Bemerkung über die »Prussiens« gemacht hatte, und es wäre zum Duell gekommen, wenn nicht einsichtige Vermittler den Streit geschlichtet hätten. Eben jener Sir Randolph, ein jüngerer Sohn des Lord Winchester, lud ihn ein, die Herbstmonate auf seinem Schloß in Bangor an der Irischen See zu verbringen. Er versprach es.
Schon die ersten Londoner Tage zogen ihn in eine verwirrende Geselligkeit und die Anforderungen wuchsen mit der Bereitschaft, sie zu erfüllen. Eines Morgens nahm er eine Zeitung zur Hand, und sein Gesicht verfärbte sich, als er unter den Todesanzeigen die Nachricht vom Hinscheiden der Lady Evelyn Albany las. Lord Cecil verkündete es in Ausdrücken geziemenden Schmerzes und teilte mit, daß sich die Leiche in seinem Haus am Trafalgar Square befinde und er daselbst die Kondolenzvisiten annehmen werde. Noch am Vormittag erhielt Sylvester den Besuch eines jener Alleswisser, die über die Ereignisse in der großen Welt genau unterrichtet sind und vernahm von ihm, daß man die arme Evelyn vor zwei Tagen gegen Morgengrauen in einem Elendsviertel bewußtlos auf der Straße gefunden habe. Sie sei ins Hospital geschafft worden, habe dort nur noch ihren Namen flüstern können und dann sei ihre Seele entflohen. Lord Cecil wurde verständigt; dem Tod gegenüber zeigte er sich wenn auch nicht versöhnt, so doch der äußeren Pflichten seiner Stellung eingedenk; durch ihren Tod wurde die grausam in den Schlamm des Lebens hinabgeschleuderte Evelyn wieder zur Lady Albany und alles was geschehen war, seit sie sich entwürdigt, wurde einfach als ungeschehen betrachtet.
Sylvester zögerte lange, bis er den Entschluß faßte, in Lord Cecils Haus zu gehen. Aber er glaubte es dem Andenken Evelyns schuldig zu sein, ihrem irdischen Rest einen Abschiedsgruß zu erweisen. Er wählte eine Stunde, wo er sicher war, daß man unter vielen Leuten seine Anwesenheit nicht beachten würde. Jedoch seine Erwartung traf nicht zu. Als er in den Saal kam, in welchem die Tote auf einem mit schwarzem Sammet ausgeschlagenen Katafalk lag, waren die meisten Besucher schon weggegangen, und einige Personen, die flüsternd in einer Ecke des Raumes standen, waren ebenfalls im Begriff, sich zu entfernen. Sylvester trat an den Sarg und blickte in das ergreifend zerstörte, unendlich abgehärmte Antlitz, dessen starre Ruhe zu trügen schien, und dessen Blässe phosphorisch leuchtete. Während er noch niederschaute, sah er plötzlich dicht neben sich Lord Cecil Albany. Der Lord hatte die Hände auf dem Rücken, wandte Sylvester den Kopf langsam zu und sagte mit heiserer Stimme: »Sie war schön, nicht wahr?« Sylvester zuckte zusammen, die Augen des Lords verdrehten sich unheimlich, als er seine Worte wiederholte: »Sie war schön, nicht wahr?«
Da senkte Sylvester die Stirn, kehrte sich um und ging schweigend hinaus.
Seiner selbst überdrüssig sein ist schrecklicher als sterben. Jeder Gedanke wird Anklage, das Herz erstickt in Melancholie, der Schritt spottet seines Zieles, nur Ekel saugt das Auge aus den Dingen, die Hand, wonach sie auch greift, sie hält nichts, der Mund mag nicht mehr reden, das Ohr nicht hören. Sich auskleiden am Abend, sich anziehen am Morgen, wozu? Und die Menschen, was soll ihre Eile frommen, ihr Gelächter, ihr Nein und Ja, ihr Schön und Häßlich; wie zwecklos dies Anzünden von Lichtern und Auslöschen von Lichtern, dies Abreisen und Wiederkommen, der Schmuck von Wänden, die Zierat der Städte, all dies Vergebliche, ach, so furchtbar Vergebliche!
Unheilvoller als vor Monaten in der Heimat gewann solche Stimmung Macht über Sylvester. Er blieb tagelang in seinem Zimmer, schloß die Läden zu und lag in der Dunkelheit. Jedes fremde Gesicht war ihm unerträglich und jeder Laut von der Straße verstörte ihn. Wenn der treue und besorgte Adam an die Türe pochte, antwortete er zuerst überhaupt nicht, dann übermannte ihn der Zorn und er befahl ihm unter Schimpfworten, sich zu trollen. In später Nacht ging er aus, um zu essen und kehrte oft hungrig wieder heim. Am liebsten weilte er am Fluß, in später Nacht; beugte sich über ein Brückengeländer und sah zu, wie das Wasser floß und Barken und kleine Dampfer dahin glitten. Er wollte sich nicht Rechenschaft darüber geben, was er unterlassen. Er war nicht gewohnt, über sich nachzudenken. Sein Schmerz hatte nichts mit seinen Handlungen zu schaffen, obwohl er sich klar darüber war, daß er nichts Gutes und Heilsames, sondern nur Schädliches und Schlechtes durch sie hervorgebracht hatte. Erinnerte er sich an die Begegnungen der letzten Zeit, an die Abenteuer und Verstrickungen, so fand er sich um so leerer und kälter, je deutlicher er sie vergegenwärtigte, und Evelyns bleiches Totenantlitz hatte nur einen Flammenschein in die Kälte und Armut seiner Brust geworfen wie eine Fackel in die Ruine eines Hauses. Sein Schmerz strömte aus dem allertiefsten Grund des Lebens, und mit ihm stieg zuweilen eine unermeßliche Sehnsucht empor, in deren Umklammerung er sich ohnmächtig hinschleppte.
Einmal träumte ihm, er sei mit Adam Hund von Erfft aufgebrochen. Sie ritten durch den Wald, Adam mit einer brennenden Fackel voraus. Es ist eine stürmische Nacht, die Zweige krachen und seufzend biegen sich die Stämme. Eine Regenflut prasselt nieder und verlöscht die Fackel. Die undurchdringliche Finsternis tötet alle Hoffnung in Sylvester, und er kann nichts denken als das eine: nur nicht zurück, nur nicht mehr nach Hause. Er spürt den warmen Leib des Pferdes und vernimmt Adams häufigen Zuruf, der sich seiner Nähe versichert. So irren sie viele Stunden lang umher, und als der Morgen graut, fangen die Pferde an zu wiehern, und Sylvester gewahrt durch Nebel und Regen hindurch sein Haus. Darüber empfindet er eine solche Verzweiflung, daß er sich über den Hals des Pferdes beugt und ihm ein Messer in die Brust stößt. Ein Blutstrahl quillt auf, steigt immer höher empor und leuchtet wie Feuer. Adam ist verschwunden, das Haus ist leer, Sylvester sucht und weiß nicht wonach, keuchend läuft er durch unbekannte Räume, die Luft ist rot von der Blutfontäne, er sinkt erschöpft zu Boden und erwacht.
Bei diesem Erwachen faßte er den Vorsatz, wieder unter Menschen zu gehen, damit die in seiner Nähe lebten, nicht das beständige Schauspiel selbstzerstörenden Tuns vor Augen hätten. Er rief Adam zum Rasieren, der schleppte mit heller Freude seinen Kasten herbei und behandelte Sylvester wie einen von Krankheit Genesenden; im übrigen war er schlecht auf England zu sprechen, weil er nirgends Suppe zu essen bekam, und nannte die Engländer traurige Hungerleider. Seine Gefräßigkeit wuchs im selben Maß wie seine zarteren Bedürfnisse schwanden.
Nur um die Zeit zu füllen ging Sylvester am Abend ins Coventgarden-Theater, nicht weil Gabriele Tannhauser dort sang. Um so unerwarteter war der tiefe Eindruck, den sie auf ihn machte. Zwei Tage später traf er sie auf einem Rout bei der Herzogin von Devonshire. Sie gewahrte ihn, als er unter die Türe trat, schien sich seiner zu erinnern und lächelte ihm flüchtig zu. Da sie von Bewunderern umlagert war, verschmähte er es, zu ihr zu dringen. Es fiel ihm auf, daß sie sich ganz und gar nicht als Dame gab, ganz und gar nicht als Stern für eine entzückte Menge, aber er vergaß nicht, wie schlank und fein sie dastand, spärlich in Gesten und wachsam hinter ihren besonderen Verschleierungen.
Die vielfachen Wege des gesellschaftlichen Lebens hatten Stationen, auf denen man sich immer begegnete. Schon am andern Tag sah er Gabriele auf einem Ball bei Lady Tankarville wieder, und am darauffolgenden bei einem Diner im Hause des Lord Keith. Sie hatte großen Erfolg in London, alle jungen Männer lagen ihr zu Füßen, und ehrwürdige Granden des Reichs gehörten zu ihren Anbetern. Sie schien es kaum zu merken. Die Last der Verpflichtungen, die ihr der Ruhm auferlegte, bedrückte sie. Sie klagte gegen Sylvester, daß sie unter dem Klima leide. Er riet ihr körperliche Bewegung an, empfahl ihr zu wandern, zu reiten und machte sich erbötig, sie bei Ausflügen zu beschützen. »Ich bin ein armer Sklave,« antwortete sie, »ich kann mein Joch nicht abtun.« Im Herbst wolle sie sich erholen, sagte sie; sie sei von den Cannings eingeladen, nach Bangor zu kommen und habe die Absicht, einige Wochen dort zuzubringen. Es berührte sie nicht unangenehm, als Sylvester ihr mitteilte, daß auch er in Bangor sein werde. Sie fand Gefallen an der Unterhaltung mit ihm. Sein offenes, geistig durchwühltes Gesicht hatte ihre Sympathie erweckt.
Sylvester hatte eine alte Freundin in London, eine Frau von Rhynow, die Gattin eines Konsuls. Sie war förmlich verliebt in Gabriele, der sie in dem fremden Land viele Dienste leistete, und da sie ein Vergnügen daran fand, Menschen zusammenzubringen, die sie gern hatte, lud sie Gabriele und Sylvester häufig zur Teestunde ein. Übertriebenes Zartgefühl ließ sie glauben, daß das harmonische Gespräch der beiden durch ihre Gegenwart gestört werde, und so ging sie meist aus dem Zimmer, nachdem sie ihre Gäste bewirtet hatte. Die Zurückgelassenen mußten ihre Situation scherzhaft nehmen, wenn sie ihnen nicht verfänglich scheinen sollte.
Gabriele war ohne Arg, auch gegen sich selbst. Sie war der Nähe eines Menschen froh, der fest in seiner Welt stand und ihre Empfindlichkeit gegen dieselbe Welt milderte. Sie durfte immer wieder in ihre Einsamkeit zurückkehren, sie hatte die Sicherheit, sich nicht verlieren zu können und als sie erfuhr, daß er verheiratet sei, wuchs ihr Vertrauen gegen ihn, ein mädchenhafter Zug und ein philiströser zugleich. Sylvester betonte sein Gefühl der Freundschaft; er sagte, daß sein Herz müde sei, und er glaubte es. Der Magnetismus, den zu erproben er ausgezogen, er spürte ihn nicht mehr; er hatte ihn verschwendet, in Kleinmünze zerstückt. Er hielt sich für unfähig, zu entflammen und unfähig, entflammt zu werden. Wenn er Gabriele vor sich sah, in der Herrlichkeit einer Jugend, die sie wie eine Bürde trug, wenn er in ihre Augen blickte, in denen unbewußt und ergreifend die Schönheit der Bereitschaft war, dann dünkte ihm Resignation natürlich und anständig.
In dieser stolzen und ergebenen Stimmung schrieb er an Achim Ursanner, an den er sich jetzt zuweilen wie an einen heimlichen Boten wandte: »Daß ich in meiner Zeit lebe, ist mein Schicksal; daß ich sie betrachte, enthält schon einen Triumph über das Schicksal. Vor ihr stehe ich wie vor einem Spiegel. Sie atmet mir die Welt entgegen, sie zeigt mir die Menschheit in dem Augenblick, wo ich es vermocht habe, mich ihr zu entziehen. Meine Selbstbesinnung ist mein Sieg über die Zeit. Ich kann die Augen schließen, und Welt und Zeit strömen in mich hinein, kein einzelnes hat mehr Gewalt über mich, ich habe die Gewalt des Träumers über das Ganze. Ich möchte mich mit einem Trauernden vergleichen, der in unzugänglicher Abgeschlossenheit haust, dennoch sich gehetzt, bedroht, aufs äußerste beunruhigt fühlt, und der gerade in der Sekunde der letzten Hoffnungslosigkeit einen zauberhaften Trost empfängt, so daß seine Stirn, von der neuen Morgenröte berührt, einen Schein mystischen Entzückens ausstrahlt, während die Brust noch in einer poesielosen Finsternis begraben ist.«
Aber Sylvester irrte sich. Die ganze Weisheit war gewünschtes Mißverständnis dessen, was in ihm vorging. Lockte ihn nicht die Gebärde, mit der die Freundin nach einer Notenrolle griff? Und jene, mit der sie die Arme hob, um den Schleier zu binden? Und jene halb fürstliche, halb zaghafte, mit der sie eine Tür öffnete? Gab nicht ein schelmisches Lächeln, ein verstohlener Blick Stoff zu Grübelei? Folgte nicht die Phantasie der schlanken Gestalt in ihr Alleinsein? Belauschte sie nicht die Gedanken hinter der eigentümlich gefesselten Stirn des Mädchens? War nicht sein Gleichmut erheuchelt, spürte er nicht, wie er sich wandelte, seinen Bindungen entfloh, seiner Gewißheit entschlüpfte?
Als sie bei Lady Jersey Polens Klage von Chopin sang, dieses Lied, in dem eine von Visionen umschauerte Melodie aus der von leidenschaftlichem Kummer verdüsterten Begleitung emporsteigt wie eine Liebende, die sich krank vom Lager erhebt, um noch einmal den Geliebten zu umarmen, empfand er zum erstenmal die Scham, mit der man einen heimlichen Besitz zum öffentlichen Gut werden sieht, und er hatte Mühe, sein eifersüchtiges Fieber zu verbergen. Ihm war, als entkleide sie sich und wisse es nicht, werfe sich hin vor die allgemeine Gier, geschändeten Herzens, sie, die das züchtigste besaß. An jenem Abend ging er nach Hause wie ein Betrunkener, ließ die Lampe brennen, bis es Tag wurde, hatte die Augen offen und vermochte nicht zu denken.
Er hatte bis zu dieser Stunde gehandelt und sich betragen als ein Mann, der frei ist, den keine Pflicht kettet, keine Rücksicht lahmt; er hatte sich losgelöst von Weib und Kind, hatte nicht geschrieben, ihrer kaum gedacht und zehn Monate lang ein Leben geführt, wie wenn die zehn Jahre vorher nur die Episode einer Nacht gewesen wären. So tief sein verspätetes Staunen war über das mondsüchtige Dahinstürmen, das Freveln ohne Verantwortung, die Existenz ohne Erinnerung und ohne Güte, so scharf erkannte er auch, daß der Wille zur Rückkehr ihn trotzdem beherrscht hatte, das Bewußtsein, daß der dunklen Wanderung ein unverrückbares Ziel gesetzt sei. Jetzt aber verlangte ihn nach wirklicher Freiheit. Er kämpfte gegen Agathe. Er bäumte sich auf gegen ihre stumme Forderung. Ihre Verlassenheit erweckte nicht seine Reue, sondern seinen Haß. Der Schein von Recht, mit dem sie ihn anklagte, erbitterte und die Macht, die sie plötzlich von fernher über sein Gemüt ausübte, erzürnte ihn. Doch als der erste Strahl der Morgensonne ins Zimmer fiel, erfaßte ihn Schrecken und Zerknirschung; noch kann ich die Gefahr abwenden, sagte er sich; es gibt in jedem Schicksal einen Augenblick, wo der Geist sich um seine letzte Freiwilligkeit betrügt, ich will diesen Augenblick nicht versäumen; ich will abreisen, ich kann es noch, ich würde lügen, wenn ich einen Zwang vorschützte, wo nur Schwäche ist.
Er sprang auf mit dem Entschluß zu packen. Adam zu rufen war es noch zu früh; doch wollte er alles für ihn zusammenlegen, dann konnten sie mit dem Vormittagszug nach Dover fahren. Beim Öffnen einer Lade erblickte er den Schuh der schönen Rahel, den er damals auf der Treppe gefunden. Die Erinnerung an ein Feuer, das von der Zeit gelöscht worden ist, überhaucht die Vergangenheit mit Todeskälte. Mutlos warf sich Sylvester aufs Bett, und auf einmal entsann er sich einer Menge von häuslichen Unannehmlichkeiten: es ist ein Wintermorgen, und im Frühstückszimmer raucht der Ofen durch eine zersprungene Kachel; er kehrt hungrig von der Jagd zurück und muß warten, weil die Köchin einen Streit mit dem Inspektor gehabt hat; in Dudsloch hat ein Knecht Holzdiebstähle verübt und man muß die Polizei benachrichtigen; Schwager Eggenberg hat seinen Besuch angemeldet, und im ganzen Haus riecht es nach Sauerkraut, das die Leibspeise des Majors ist; all das ist so klein, so nüchtern, so wohlbekannt, so langweilig, so häßlich. Seufzend schlief er ein.
Gegen Mittag weckte ihn Adams Pochen. Ein Brief mit Antwortbitte war da. Sylvester kannte Gabrieles große, eckige Schrift noch nicht, aber mit klopfendem Herzen entfaltete er das Papier. Sie schrieb ihm, daß sie sich für den Nachmittag frei gemacht habe und gern einen Spaziergang mit ihm unternehmen möchte; sie habe auch Frau von Rhynow dazu gebeten, die sei jedoch verhindert.
Adam starrte verwundert auf die im Zimmer herrschende Unordnung, denn Sylvester hatte schon Kleider und Wäsche aus den Behältern genommen. »Bring' nur alles wieder an seine Stelle,« befahl Sylvester kurz.
Sie gingen durch den Park von Richmond. Unter freiem Himmel haben die Menschen ein wahreres Gesicht als in Räumen. Gabriele nahm mit jedem Schritt die Natur als Geschenk hin. Sylvester mußte an Agathe denken, an Agathes Entzücken, solange sie empfänglich, an ihre Verdrossenheit, wenn sie müde war. Gabriele hatte eine sanfte, gedankenvolle Ruhe. Sie lauschte seinen Worten, als ob sie ein Wechsel von Licht und Schatten wären, nicht wie Agathe, die allzu wach das Wort wie ein lebendiges Ding ergriff und sich von ihm reizen und steigern ließ. Wie sehr liebte er die Sanftmut an den Frauen; Sanftmut trägt das Feuer innen; die Erde ist sanft mit ihrem glühenden Kern, der dunkle Nachthimmel durch sein verborgenes Licht. Schon in frühen Tagen hatte er das Bild der sanften Frau umworben, und nun wußte er erst, was ihm an Agathes Seite gefehlt, die keine Nachgiebigkeit kannte, ganz auf Wille und Tat gestellt war und sich nur in selbstsüchtiger Träumerei vergessen konnte.
Gabriele fühlte, daß eine unsichtbare Dritte mit ihnen ging. Es lag ihr nah zu fragen. Wunderliches Spiel des Einandererratens; während sie einen Weg zur Frage suchte, äußerte Sylvester, es sei ihm aufgefallen, daß sie so selten Fragen an ihn richtete. Sie lächelte und wollte wissen, ob ihm dies für einen Mangel gelte; es sei wahr, sie könne nicht fragen, sie habe es nie gelernt. »Der Mensch ist da, um zu fragen,« entgegnete er, und sein Blick bat sie um eine Frage. Sie standen unter einem riesenhaften Nußbaum; die Sonne ging unter und das Grün der Rasenflächen überzog sich mit süßen, violetten Tönen. Durch die sommerlich feuchte Luft schwangen sich Schwalben in veränderlichen Bogen. Wieder lächelte Gabriele und sie fragte also: warum er so ruhelos sei? Er schwieg. Sie lächelte zum drittenmal; sie begriff, daß die Frage zu allgemein gewesen und sammelte Mut für eine begrenztere: warum er niemals von seinem Haus, von seiner Frau, von seinem Kind spreche? Er errötete. »Davon zu sprechen bindet mich,« antwortete er mit gesenkten Lidern, »ich will aber frei sein.«
»Man ist nicht frei in einer Ehe,« sagte Gabriele sehr ernst.
»Man kann aber frei werden, oder nicht?«
»Nein. Man kann niemals frei werden,« beharrte Gabriele mit demselben Ernst; »ist eine Ehe nicht vor Gott und vor der Menschheit geschlossen?«
»Was reden Sie da, Gabriele!« rief Sylvester unmutig. »Das ist Pfaffenmoral.«
»Nein. Es ist Blutgesetz.«
»Blutgesetz? Also Leibeigenschaft?«
»Vielleicht Leibeigenschaft; so muß es vielleicht sein. Zuviel ist vom einen Teil im andern Teil, zuviel Unauslöschliches ist geschehen.«
»Aber ich liebe Agathe nicht,« wandte Sylvester beklommen ein.
»Ob Sie Agathe lieben oder nicht lieben, das ist gleich,« versetzte Gabriele, und ihre Wangen erglühten. »Die Ehe steht über der Liebe. Sie steht deswegen über der Liebe, weil sie zwei Menschen vereinigt. Aus eins kann man nicht mehr zwei machen. Und wenn Sie Agathe auch nicht lieben, sie ist in Ihnen drin, Sie können nicht leben ohne sie. Sie können ihr untreu sein, aber Sie können nicht Liebe finden ohne Agathe. Sie ist immer da, wo Sie sind, immer, immer. Wäre sie nur eine Frau, so wäre das Band zerreißbar; doch sie ist Mutter, und zwischen euch wächst ein Kind, und dem seid ihr verfallen beide.«
Es war Sylvester zumute, als habe er für ewige Zeiten seine Seligkeit verloren. Er schaute verzweifelt vor sich hin.
Da es zu dämmern begann, gingen sie zur Chaussee, wo der Phaethon wartete. Sie stiegen ein, und Gabriele schmiegte sich in die Ecke. In ihren Augen brannte noch die Flamme der Beredsamkeit; die jonisch geschwungenen Lippen hatten einen Ausdruck von beseelter Kraft. Sylvester griff nach ihrer Hand, und sie überließ ihm die Hand, befangen zwar, doch ohne Mißtrauen. Plötzlich glitt er auf die Knie nieder und drückte ihre Finger an seinen Mund. Hastig flüsternd befahl sie ihm, aufzustehen. Er gehorchte und nahm wahr, daß sie zitterte. Ihr Gesicht wurde totenbleich. Er atmete in schweren, langen Zügen und umfing sie; ihre stählerne Brust tobte gegen seine Arme; ihr wilder Blick flüchtete in die Landschaft hinaus, die wie gefärbtes Wasser vorüberrann. Auf einmal wurde alles weich an ihr, der Kopf fiel ihm zu wie geknickt, die Augen schlossen sich, die Lippen suchten seine, Schmerz und Glück waren ein einziges Gefühl, ein kurzes nur, und als sie sich aufrichtete, war dieses schon Verbot, und jener strömte aus unheilbarer Wunde. Sie saßen schweigend nebeneinander; er hielt noch ihre Hand, deren Pulsschlag sein Geschick besiegelte. Gabriele entzog sie ihm nicht, denn es war Abend geworden. Beim Abschied grüßte sie ihn nur mit einem Blick.
Als Sylvester nach Hause kam, sah er neben der Lampe das Bild Silvias stehen, ein Miniaturporträt, das er vor zwei Jahren in München nach einer Photographie hatte anfertigen lassen. Da er sich nicht erinnerte, es mitgenommen zu haben, auch während seiner Reisen es nie bemerkt hatte, fragte er Adam verwundert, wie er dazu gelangt sei, und Adam erwiderte, er habe es beim Aufräumen in einer Schatulle gefunden. Sylvester setzte sich an den Tisch; während er spürte, wie sein ganzer Körper gleichsam hinuntergerissen wurde in eine Flut der Leidenschaft, betrachtete er das Bild des schönen Wesens, und sein Auge schien ängstlich zu fragen: bin ich dir wirklich verfallen, Silvia? So übermächtig war diese Leidenschaft, daß er in geheimnisvoll verbrecherischem Trotz eher den Tod des geliebten Kindes erdenken konnte als den Verlust Gabrieles.
Es wurde Schicksal.
Sie schrieb ihm: »Wir dürfen uns nicht mehr sehen.« Am Schlusse stand aber: »Helfen Sie mir.« Da wußte er genug und küßte sein eigenes Spiegelbild wie ein Narr.
Er ging zu ihr. Sie wohnte in einem Landhaus in Twickenham. Anna Ewel führte ihn in den Garten, wo Gabriele saß, die Hände über den Knien verschränkt. Sie empfing ihn kühl. Er hatte vieles sagen wollen, nun war es schal im voraus. Ihre Härte verletzte ihn; er erhob sich, um zu gehen; da machte sie eine erschrockene Bewegung mit dem Arm, und ihr Gesicht bebte vor Bestürzung. Sie zwangen sich zu ruhigem Gespräch, aber mit jedem Wort wurde die Kette enger, die sie umschlang.
Sie trennten sich wie Fremde. Sylvester hatte nicht die Kraft, in seine Behausung zurückzukehren. An der Landstraße war ein kleines Gasthaus; er ließ sich ein Zimmer geben, warf sich dort auf das Sofa und haderte stumm. Als es Abend wurde, zündete er zwei Kerzen an, verlangte Briefpapier und schrieb an Agathe, — zum erstenmal seit zehn Monaten. »Ich bin deiner Nachsicht gewiß. Du hast Rechte auf mich, aber laß sie mich nicht fühlen. Du hast Grund, mich zu verdammen; tue es nicht. Ich möchte an dich als an eine Freundin denken. Ich möchte an dich glauben als an einen Menschen, der mich liebt, ohne meine Person als Einsatz zu fordern. Du warst mir sehr nah in den letzten Tagen. Ich suchte dich und mied dich, ich fürchtete dich und brauchte dich. Ich bin hilflos, wenn ich dich feindselig weiß, und stark, wenn du mich billigst.«
Solche Töne hat die Lüge nicht. Sylvester hatte nicht gewußt, was ihm Agathe war. Nicht an die Gattin wandte er sich, nicht an die Gefährtin, auch nicht an die Mutter seines Kindes, sondern an die Richterin über sein Leben.
Als er Gabriele im Wagen geküßt, hatte ihn noch Eitelkeit getrieben und Eroberungslust erfüllt. Es war, wie wenn der Beginn dieses Kusses noch Spiel gewesen wäre, sein Ende aber schon Unwiderruflichkeit enthalten hätte. Und nicht bloß für ihn. Gabriele war so neu, so wahr, daß jene flüchtige Berührung entscheidend für sie blieb. Sylvester erkannte es wohl; der Sammet der Frucht ist noch unversehrt, sagte er sich beglückt, ein Beweis, daß das Zarteste in der Natur auch das Stärkste ist. Aber er ahnte nicht, daß ihre äußere Kälte eine sehnsüchtige Glut verbarg, ihre Schweigsamkeit ein unbeirrbares Gefühl, ihr fliehender Blick ein für immer ergriffenes Herz.
Sylvester kannte diese Seele nicht. Er glaubte, bürgerliche Feigheit mache sie zurückhaltend. Er hatte zu viele Frauen kennen gelernt, um noch reinen Instinkt zu besitzen. Er sah das geliebte Mädchen in allen Gestalten und Verwandlungen, die sein Argwohn, seine Ungeduld, seine bösen und guten Träume heraufbeschworen. Er schlief nicht mehr. Er konnte stundenlang liegen und nur an ihre Hand denken; er hörte nur ihre Stimme, wenn Menschen sprachen; er sah nur sie gehen, wenn Menschen gingen; er spürte nur sie, wenn Gegenstände seine Haut berührten. Jeder Tag ohne sie war gespensterhaft, jeder Abend ein Leiden, jede Nacht ein Alpdruck. Er flüsterte ihren Namen in die Luft, um den Klang zu vernehmen, es gab nichts in der Welt, was er nicht in Beziehung zu ihr setzte, und wenn andere Leute von ihr redeten, zuckte er zusammen wie ein Verbrecher bei der Erwähnung seiner Übeltat. Die Leidenschaft erfüllte ihn von oben bis unten, ja sogar über dem Schatten lag sie, der ihn begleitete. Sie spannte ihn schmerzlich, sie machte ihn sich selbst verachtenswert, sich selbst wunderbar; die Wirklichkeit wurde zu einem Schemen die Zeit etwas so Wahnvolles, daß er in Stunden der Trauer zehnmal starb, in Sekunden der Freude Ewigkeiten lebte. Seine ganze Existenz war eine Mischung von Torheit, Rausch und Fieber geworden, und wenn er drei Wochen zurückdachte, so dünkte ihn die eigene Person von damals ein fremdes, scheintotes Ding.
Es geschah, daß er am Abend nach Twickenham ging, und vor Gabrieles Haus auf und ab wandelte, bis der Morgen anbrach. Gabriele erfuhr es nie. Er war bei alledem so stolz, daß er durch vergebliches Werben sich nicht erniedrigen wollte. Einmal in einer schönen Nacht trat sie in einem weißen Gewand auf den Balkon und schaute zu den Sternen empor. Da war es, daß er mit überirdischem Schauer die Größe des Weltraums begriff. Er stand verborgen an einem Zaun und blickte zur Kassiopeia so wie sie; der Erdball hatte keine Geschöpfe mehr als ihn und sie, und auf den feurigen Bahnen der Sterne begegnete er nur ihr allein.
Vergötterung ist ein schönes Wort; man muß viel von der Gottheit besitzen, um vergöttern zu können, und wenn der Vergötterte auch nicht zum Gott wird, erhoben, beschwichtigt und beseelt wird er doch. Gabriele spürte dies; es schien ihr leichter zu gehen, müheloser zu atmen, aber an andern Tagen kam dann eine Lauheit über sie, eine kraftlose Schwermut; ihre Arme wurden träg, ihre Worte unbestimmt, ihr Geist bedrückt, und Menschen, denen gegenüber sie sich bisher heiter und frei gegeben hatte, nahmen die Veränderung wahr. Frau von Rhynow trat eines Nachmittags bei Sylvester ein und sagte: »Mein lieber Sylvester, was ist mit Gabriele vorgegangen. Sie ist nicht mehr dieselbe. Ich bin besorgt um sie. Merken Sie denn nichts?« Sylvester antwortete mit einem Blick, der alles verriet. »Um Gottes willen,« begann die alte Dame zu jammern, »Sie wollen doch das Mädchen am Ende nicht zu Ihrer Geliebten machen? Das geht auf keinen Fall. Das wäre Tollheit, Schurkerei und kann nicht geduldet werden. Jetzt geht mir ein Licht auf, jetzt wird mir manches klar. Ich beschwöre Sie, teurer Freund, schlagen Sie sich das Mädchen aus dem Kopf, die ist zu gut für dergleichen.« Sylvester stand am Kamin, seine großen Zähne blitzten, und er sah vor Blässe fast grau aus. »Sie können sich auch von Agathe nicht scheiden lassen,« fuhr die Rhynow eifrig fort; »es gibt viele Frauen, bei denen ich mir vorstellen kann, daß man sich von ihnen scheiden läßt, bei Agathe nicht. Ich weiß nicht genau, warum, ich weiß nur, daß es unmöglich ist. Wer Agathe einmal gesehen hat, der weiß, daß es unmöglich ist. Und Sie wissen es auch.«
Sylvester antwortete nicht; in matter Haltung auf der Seitenlehne des Sessels sitzend, verkrampfte er die Finger ineinander. »Mein armer Freund,« sagte Frau von Rhynow, »ich verstehe alles. Wäre ich ein Mann, mir ginge es ebenso. Ich fordere nicht, daß Sie heute schon einen Entschluß fassen, aber wahren Sie Ihre Besonnenheit. Schonen Sie Gabriele.«
Die wohlmeinenden Rater nähren stets ein Feuer, das zu löschen sie gekommen sind. Nun, wo es Gefahr bedeutete und Wächteraugen zu betrügen waren, achtete Sylvester keine Schranke mehr. Er schrieb sieben Briefe an Gabriele, die er alle wieder zerriß; seine Phantasie gab dem Abenteuerlichen, dem Märchenhaften Raum, doch wenn er dann Gabriele vor sich sah, in ihrer lieblichen Unruhe, in ihrer scheuen Gespanntheit und wie sie immer wieder versuchte, sich dem finstern Element zu entziehen, dann stockte er verzweifelt und wußte keinen Weg mehr.
Er fuhr zum Rennen nach Epsom und erblickte sie auf einer Tribüne neben der Gräfin Shrewsbury. Sie hatte den Kopf zurückgewandt und sprach fröhlich mit einigen Herren, als sich ein ungewöhnlich schöner junger Mann im Reitkostüm zu der Gruppe gesellte. Sylvester kannte ihn vom Sehen, es war der Viscount Darrington, ein Jüngling von zwanzig Jahren mit einem Gesicht und einem Körper wie von Phidias gemeißelt. Sylvester stand unten im Gewühl und beobachtete jede Gebärde Gabrieles. Ihm wurde eiskalt, als sie dem jungen Menschen zulächelte, und als der Viscount, der sich am Herrenreiten beteiligte, ihre Hand beim Abschied länger als es nötig schien in der seinen behielt, legte sich ein purpurner Dunst über Sylvesters Augen. Wenige Minuten später begann das Rennen. Mit solcher Aufmerksamkeit, daß seine Lider kaum blinzelten, verfolgte Sylvester die Gestalt des jungen Edelmanns, der auf einem Grauschimmel bald unter den Vordersten über das Feld flog. Hundert Meter weiter überflügelte er den Ersten, und Sylvester war es, als sei alles für ihn verloren, wenn jener als umjubelter Sieger ans Ziel gelangte. Er wünschte nicht, er befahl, daß der Jüngling zu Fall kommen möge und in einer Art von Raserei sammelte er seine Gedanken in diesem Willen. Gleich darauf ertönte ein hundertfacher Schrei. Der Grauschimmel hatte vor dem letzten Hindernis versagt. Sylvester gewahrte wie im Schein eines Blitzes den Körper des Viscount in der Luft, dann eilten viele Menschen hinüber, um dem regungslos auf der Erde Liegenden beizustehen. Er hatte beide Arme gebrochen und aus seiner Nase rann Blut.
Das ist also möglich, fuhr es Sylvester schaudernd durch den Sinn, warum sollte es etwas Unmögliches geben? Sein schuldvoller Blick suchte Gabriele. Die Zuschauer auf den Tribünen hatten sich erhoben und plötzlich sah er, wie sich Gabriele durch die Menge drängte; hastig und beklommen trat sie zu ihm, schob ihren Arm unter den seinen und bat, er möge sie in die Stadt bringen. Kaum saßen sie im Wagen, so fing es an zu regnen und nach einer Viertelstunde Wegs wurde aus dem Regen ein Wolkenbruch. Die Pferde scheuten ein paarmal, der Kutscher mußte absteigen und sie führen.
Gabriele schaute wie geistesabwesend vor sich hin; in seiner sonderbaren Verwirrung und inneren Not glaubte Sylvester, sie denke nur an den Viscount, während ihr dies und ihr ganzes gegenwärtiges Leben nur wie Wolkenziehen vorüberging. Sie sprach aber nichts, und in ihrem Schweigen war etwas Redeverbietendes. Sylvester hatte den Kopf gesenkt und ihm schien, als ob sein Herz in einer salzigen, brennenden Lauge zersetzt würde. Weshalb ist sie mit andern liebenswürdig, ja freudig erregt, grübelte er, und mir zeigt sie ein erstorbenes, verdunkeltes Wesen? Er hätte Ehre und irdisches Heil dafür gegeben, wenn er diese Frage an sie hätte richten können und Gabriele sie beantwortet hätte. Aber es lag eine unermeßliche Entfernung zwischen ihnen. Was bedeutete jedoch der Blick, als sie ausstieg, dieser volle, tiefe, strahlende, flehende, demütige Blick? Schon war sie im Eingang des Theaters verschwunden.
Sie spielte an diesem Abend zum letztenmal in der Saison. Es wurde der Barbier von Sevilla aufgeführt, und nach den Aktschlüssen glich das Theater einem mit brüllenden Tieren gefüllten Käfig. Als die Oper zu Ende war, ging Sylvester hinter die Kulissen. Anna Ewel geleitete ihn in eine Ecke, wo sich Gabriele vor den vielen Menschen versteckt hielt, die ihre Garderobe belagerten. Sie kauerte auf einem hölzernen Karren und aß eine Birne. Über das Kostüm der Rosine hatte sie ein schwarzes Tuch geschlagen, und die weiße Haut des Nackens und der Büste leuchtete eigentümlich feucht. »Ich will nach Hause wie ich bin,« sagte sie, »wir können das Theater unbemerkt verlassen, wenn wir durch den finstern Gang dort gehen. Meinen Mantel, Anna.«
»Soll ich denn mitkommen?« fragte Sylvester. Sie nickte.
In der Villa draußen war ein Imbiß vorbereitet, aber Gabriele hatte keinen Hunger. Sie ließ Sylvester einige Zeit allein, dann kehrte sie in einem Gewand aus weichem, weißem Kaschmir zurück und setzte sich still an den Tisch. Die Fenster waren offen; schon herbsteten die Abende, und die Bäume hauchten einen zarten Modergeruch aus. Während er allein gewesen, hatte Sylvester eine Laute genommen, die an der Wand hing; er hatte sie betrachtet und es wunderbar empfunden, daß in dem Instrument unbekannte Melodien schlummerten, die er nicht hervorlocken konnte; wieviel wunderbarer dünkte ihn jetzt Gabrieles Anblick, dieser atmende Leib, aus dem die Gottheit Töne zauberte, welche die Armut der Menschen in Reichtum und ihre Nüchternheit in Überschwang verwandelten.
Seine Finger glitten zerstreut über die Saiten und erzeugten ein sanft vibrierendes Geräusch, dem einer fernen Windharfe ähnlich. Gabriele nahm ihm die Laute aus der Hand, rückte sie in vertrauter Weise zurecht, und ihre Züge hatten einen versonnenen Ausdruck, als sie einige dunkle Akkorde anschlug. Dann schüttelte sie entschlossen den Kopf und legte die Laute beiseite.
»Ich liebe dich, Sylvester,« sagte sie, »du weißt es, daß ich dich liebe. Wie es gekommen ist, das kann ich nicht erklären; wozu auch, es muß nicht erklärt sein. Ich bin nur ein Weib, nicht besser und nicht schlechter als andere, und wie soll ich's verwinden, daß du es bist, gerade du, den ich liebe. Sprich mir nicht von Glück, tröste mich nicht mit Hoffnungen, sag' nicht, daß ich vergessen soll und daß es Stunden gibt, die ausgleichen, und daß man seine Lust aneinander haben kann, wenn auch morgen die Welt untergeht. Das ist alles nicht für mich. Sieh, Liebster, du bist wie einer, von dem ich nur eine Hand halten kann, die andere ruht in der Hand einer andern. Die andere hat ihr Leben auf dich gesetzt, sie will und kann nicht von dir lassen, und könnte sie auch, bei mir würde sie erst lebendig werden für dich, und du bist der Mann nicht, der ein lebendiges Geschöpf ins Grab wirft. Ich fühle ja, wie es um dich steht, aber ich kann nicht tun, was du verlangst. Nicht Agathes, nicht des Kindes wegen; wenn du bei mir bist und ich dich sehe, ist mir, als könnt' ich darüber hinwegkommen; auch an dem, was man Ehre nennt, liegt mir dann nichts mehr. Aber ich will lieben, so wie man stirbt, ganz, ganz und ohne Rest. Und ich will geliebt sein so wie man untertaucht im Meer, tief ins Bodenlose. Wie soll ich das, Sylvester, bei dir, der ein böses Gewissen zu mir bringt? Widersprich mir nicht, sei wahr, in diesem Augenblick sei wahr gegen mich! Das böse Gewissen, es ist ja eigentlich das gute und edle Gewissen, dein Menschenherz, es würde dich immer zu mir treiben, aber nicht bei mir halten, und wir würden schlecht und müde. Und nun sag' mir, was sollen wir tun?«
Sie hatte leise gesprochen und als sie geendet hatte, schaute sie ihn voll schüchterner Erwartung an. Sylvester, ohne Schmerz noch Freude, in einem schwebenden Gefühl, erwiderte ebenso leise: »Ich habe dich gespürt, als ich noch in der Heimat war. Ich habe dich mit mir herumgetragen wie eine Schwangere den Schößling trägt, bis du wesenhaft wurdest, bis du erschienen bist. Ich habe andere genossen wie man Wurzeln verzehrt, wenn keine Speise da ist. Ja, ich will wahr sein; deine Worte sind das größte Unglück meines Lebens, denn du hast recht mit allem was du sagst. Was wir aber tun sollen, das weiß ich durchaus nicht. Nur daß ich ohne dich nicht existieren kann, weiß ich. Fliehen wir, Gabriele, geh mit mir auf ein Schiff, laß uns über den Ozean fahren, versuch' es mit mir, vielleicht zeigt es sich, daß deine Furcht unbegründet war —«
»Jetzt belügst du dich doch,« unterbrach ihn Gabriele sanft. »Es gibt keine Freiheit durch Anmaßung, es gibt kein Recht, das einer nur für sich selber schafft. Freilich, es gibt Menschen, die solches zustande bringen, aber ich bin dazu nicht robust und du, Lieber, bist nicht phantasielos genug. Wir sind Menschen und müssen tun, was menschlich ist.«
Dies sagte sie mit einer so unheimlichen Hoheit und Ruhe, daß Sylvester vor ihr erschrak.
»Es war mein Plan, morgen nach Bangor zu gehen,« fuhr sie fort; »du hast geglaubt, daß wir in Bangor beisammen sein könnten. Es darf aber nicht sein. Ich will ja nicht, daß wir uns nie wiedersehen sollen, wie könnt' ich das, aber wir müssen uns die Möglichkeit zur Besinnung geben, du mir und ich dir. Wenn dir also am Aufenthalt in Bangor etwas liegt, so werde ich anderswohin gehen. Antworte mir, Sylvester. Zürnst du? Wie schwer ist es doch, das Richtige zu tun!«
»Ich werde nicht nach Bangor gehen,« sagte Sylvester stockend. Unwillkürlich streckte Gabriele die Arme aus, und mit einem dumpfen Laut stürzte er zu ihr. In ungeheurer Bewegung ergriff sie seinen Kopf und drückte sein Gesicht in ihren Schoß. Sie beugte sich über ihn und stammelte: »Lieb' ich dich denn? Ich liebe dich ja gar nicht. Ich liebe ja einen andern, der nicht da ist und den ich nicht kenne. Jetzt mußt du gehen, Sylvester. Geh jetzt, laß mich allein, geh jetzt, leb' wohl.«
Zwei Stunden nach Mitternacht fand sich Sylvester am Tisch seines Schlafzimmers sitzend. Vor ihm lag eine Pistole, die er unverwandt betrachtete. Da war es ihm, als höre er die Türe knarren und als trete Agathe herein und als lege sie den Arm um seine Schulter und die Wange an seine Stirn und seufze tief. Sein Kopf fiel auf die Tischplatte, und er weinte wie ein Kind.
Die Oktobertage und -nächte vergingen, ohne daß Sylvester ihre Folge wahrnahm. Wie ein aus dem Schlaf häufig Erwachender lebte er sie zerstückt. Bisweilen saß er plaudernd bei Frau von Rhynow; er zeigte sich besonnen und gelassen, doch insgeheim machte er sich über jedes Wort lustig, das er gebrauchte. Eine bestimmte Behauptung aufzustellen, dünkte ihn vollkommen sinnlos, und wäre es die flachste und beweisbarste gewesen. Er ging in den Klub und redete mit dem und jenem; meistens verfuhr er so, daß er mechanisch ungefähr das Gegenteil von dem sagte, was der andere gesagt hatte. Zu seinem Erstaunen wurde ein Gespräch daraus. Er aß und trank und wunderte sich, daß ihn ein Bedürfnis trieb. Er suchte einen Schneider auf und besichtigte Stoffe für einen Anzug; während er es tat, wunderte er sich, daß er es tat. Das Leben, welches er führte, kostete viel Geld, und da er mit seinem Vorrat zu Ende war, unterschrieb er einen Wechsel, war sich aber keiner Verantwortung dabei bewußt. Seine Beobachtungsgabe war trotzdem dieselbe geblieben. So fiel es ihm auf, daß sich Adam ungewöhnlich viel mit Briefschreiben beschäftigte. Er stellte ihn zur Rede, und Adam gestand, daß er mit Anna Ewel korrespondierte. Bei der Erwähnung dieses Namens drückte Sylvester den Zeigefinger auf das rechte und den Mittelfinger auf das linke Auge und sein Gesicht bekam den Ausdruck verstörten Nachdenkens.
Adam Hund hatte zahlreiche Gelegenheiten gehabt, mit Anna Ewel zusammenzutreffen und sie die Überlegenheit fühlen zu lassen, die er sich im Weltgetriebe angeeignet. Er hatte in der schwarzen Böhmin eine gläubige Zuhörerin gefunden, und weil der Selbstliebe eines Mannes nichts so sehr schmeichelt, als wenn eine junge Dame seinen moralischen Urteilen wie auch den Erzählungen seiner Abenteuer bewundernd lauscht, so hatte sich die Abrede einer brieflichen Verbindung, die den fruchtbaren mündlichen Verkehr gedeihlich fortspinnen sollte, bald ergeben. Adam belehrte seine Schülerin vornehmlich über den Weg, den sie einschlagen müsse, um einen Gatten zu bekommen. »Zuvörderst ist es geraten, daß man sich eines möglichst geheimnisvollen Benehmens befleißige,« schrieb er; »wenn sich zum Beispiel ein Strumpfband gelockert hat und es steigen einem darüber peinliche Gedanken auf, weil man notabene in guter Gesellschaft ist und nicht wagen darf, den Fehler zu beheben, so empfiehlt es sich, eine melancholische Miene zur Schau zu tragen oder mit tiefsinnigem Schmachten von einem gereimten Gedicht zu sprechen. Es empfiehlt sich überhaupt, wenn ein Frauenzimmer von Sachen spricht, die sie nicht versteht, dann glauben die Männer, sie verstünden noch weniger davon und sagen untereinander: das Weib hat einen ungewöhnlichen Geist. Natürlich genügt solches nicht. Sie müssen auch, teure Anna, trefflich gewaschen und gekämmt sein, gewisse Lücken in der äußern Person geschickt zu stopfen wissen, Salben und Wohlgerüche ohne Zudringlichkeit anwenden, im Beisein anderer wenig essen, auch wenn Sie noch so großen Hunger haben, und ist dann der Gimpel einmal gefangen, so hat's weiter keine Not. Das ist ja das Merkwürdige, daß so selten einer loskommt, und ich will Ihnen auch den Grund mitteilen, warum es so ist. Nämlich wir Männer, wir nehmen die Weiber ernst, wir wollen ihnen etwas beweisen, wir wollen sie widerlegen, wir streiten mit ihnen wie mit unseresgleichen und das, verehrenswerte Anna, ist das Dümmste, was wir tun können. Dadurch haken sie sich an uns fest wie die Schnecke am Bein eines Ochsen, und während wir glauben, daß sie mit uns auf dem Lebenswege wandeln, tun sie nichts anderes als faul an unserem Fleisch schmarotzen.«
Bei einem sonderbaren Anlaß entdeckte Sylvester, daß Adam auch Nachrichten von Erfft erhielt. Seit kurzem kochte Adam seine Mahlzeiten selbst und tischte zuweilen seinem Herrn Klöße in saurer Brühe oder nach fränkischer Art gebratene Kartoffeln auf. Er wich nicht vom Fleck, bis Sylvester seine Kunst belobt hatte, fühlte sich dadurch ermuntert, über die englische Küche zu räsonieren und endete mit einem Preis der heimatlichen Dinge. Sogar sein böses Weib erschien ihm in freundlicherem Licht, und eines Tages verteidigte er sie gegen Sylvester mit einem Eifer, als ob dieser sie der größten Schandtaten bezichtigt hätte. »Das mit den Prinzipien und der männlichen Würde ist ja ganz schön,« redete er auf den immerfort schweigenden Sylvester ein, »aber sie weiß einen Apfelkuchen zu backen, da geht einem das Herz im Leibe auf. Neulich war der Inspektor Marquardt bei ihr und konnte sich nicht daran satt essen. Er hat mir geschrieben, daß sie in Dudsloch musterhafte Ordnung hält, während in Erfft alles drunter und drüber geht. Die gnädige Frau, die doch gewiß eine Ausnahme ihres Geschlechts ist, kümmert sich nur noch wenig um die Wirtschaft und um die Leute und läßt sieben gerade sein. Manchmal kommt der Herr Major herüber, befiehlt, daß man ihm die Haushaltungsbücher zeigt, schimpft über den Verbrauch und verhandelt dann stundenlang mit der gnädigen Frau hinter geschlossenen Türen. Es ist traurig, wenn der Herr nicht da ist.«
Adam hatte sich getäuscht, als er glaubte, mit dieser beredten und vorsichtigen Schilderung unerquicklicher Zustände auf seinen Herrn Eindruck zu machen. Sylvester antwortete nicht, und die Gleichgültigkeit seiner Miene erfüllte den diplomatischen Zwischenträger mit Besorgnis.
Ein äußerster Grad von Sehnsucht kann eine zweite Wirklichkeit erschaffen. Gefesselt in jedem Betracht, flohen Sylvesters Sinne in ein anderes Reich, das kein erträumtes, das wesensvoller für ihn war als die zu ertastende und mit leiblichen Augen zu erschauende Gegenwart. Während er apathisch und regelmäßig dem Trieb bestimmter Gewohnheiten folgte und den Stunden des Tages gab, was sie von ihm verlangten, waren sein Geist und seine Seele ausgewandert, den Körper als eine zufällig bewegte Hülle hinterlassend.
Er fühlte genau, daß in dieser Epoche seines Daseins innerer und äußerer Besitz auf dem Spiele stand: Vernunft, Behagen, Tätigkeitsfreude, Vermögen und Gesundheit, das Ererbte und das Erworbene; er wußte, was er verloren hatte und was ihm jede Minute des tödlichen Brütens raubte: seinen Stolz, sein Selbstvertrauen, die Kraft, zu wirken und dienendes Glied zu sein; er erkannte, daß er sich auf Vorrechte der Jugend nicht mehr berufen durfte, daß der Hinweis auf das Versäumnis höchsten Glückes die Verachtung der Menschenpflichten nicht entschuldigen würde, daß über dem leidenschaftlichen ein sittliches Gebot war, dennoch wühlte er sich mit Begierde immer tiefer in den Schmerz, und die Einsicht, daß seine Jugend vorüber war, endgültig für alle Zeiten vorüber, daß er zum letztenmal erglüht, zum letztenmal erwählt war, zum letztenmal die Seligkeit der Entäußerung, die Lust der Bezauberung, die Süßigkeit der Blutesnähe und den entzückenden Schauer der Wiedergeburt in einem andern Herzen gespürt, daß alles dies dahin war, für ewig dahin, wie durch Todesurteil verwirkt, eben die Einsicht verfinsterte sein Gemüt und zerstörte seinen Willen.
Er lebte zwiefach. Sein eigentliches Leben führte er im Schloß zu Bangor. Halluzinationen, die sich erneuerten und fortsetzten, machten ihm den fremden Bezirk vertraut. Er sah die alte Normannenburg mit ihren efeubewachsenen Höfen, dem stumpfen Turm und den gezackten Mauern. Er ging über die ehemalige Zugbrücke und unterhielt sich mit Sir Randolph, während er zugleich aufs Meer schaute. Einige Herren kehrten plaudernd von einer Segelfahrt heim. Die jungen Leute hatten Kricket gespielt, sie eilten mit heiterem Lachen von der Wiese herüber, und die weißen Kleider der Mädchen flatterten im Seewind. Der Gong ertönte, eine lange Frühstückstafel war gedeckt, und Silber und Porzellan auf dem Tisch hoben sich reizvoll gegen die braungetäfelten Wände ab. Zwei Hunde, ein Spitz und ein Terrier, wirbelten kläffend durch den Saal, und Lady Canning, die ihre Migräne hatte, beschwerte sich darüber beim Kastellan. Miß Holland, ein sehr mageres Mädchen mit Sommersprossen, erzählte, daß sie einen großen Brasiliendampfer gesehen habe, und Monsieur Renard behauptete, in Barrow habe man einen Walfisch gesichtet. Sylvester bestritt die Möglichkeit und Gabriele nahm seine Partei. Ein scherzhafter Wortkampf entspann sich, und Sylvesters Schlagfertigkeit erregte allgemeines Vergnügen. Monsieur Renard, verdrießlich über seine Niederlage, wurde von Mrs. Watch getröstet, die ihm ihre mit Schokolade gefüllte Bonbonniere reichte.
Sylvester ging zur Küste des Meeres hinunter und gewahrte Gabriele von ferne. Sie gab ihm kein Zeichen, obwohl sie ihn zu erwarten schien. Sie trug einen Reiseanzug und blickte gespannt auf ein Boot, das sich dem Ufer näherte. Er konnte nicht zu ihr gelangen, seine Füße verwickelten sich in Gestrüpp, er bückte sich, um sich frei zu machen, und als er sich aufrichtete, war Gabriele verschwunden und mit ihr auch das Boot. Er rief, die Brandung übertönte seine Stimme; er eilte ins Schloß zurück, suchte sie in der Kapelle und in vielen Zimmern, und es war ihm, als ob sie jeden Raum, den er betrat, kurz zuvor verlassen hätte. Dennoch hatte er beständig das Gefühl, daß sie ihn erwartete. Da wurde es Nacht. Alles schlief im Hause. Sylvester ging durch die langen, finstern Korridore und öffnete Gabrieles Schlafgemach. Es war ein sehr großes Zimmer mit drei riesigen Fenstern, über denen Vorhänge aus scharlachrotem Damast hingen. Auf einer Spiegelkonsole brannte eine Kerze, und weit davon in einer Mauervertiefung stand das Bett, in welchem Gabriele lag. Sie hatte die Türe nicht versperrt, weil sie ihn erwartete. Zugleich hatte sie um seinetwillen gehofft, daß er nicht kommen würde. Er kniete an dem Lager hin und faßte ihre Hand. Sie floh sichtlich, ihre Seele floh vor ihm; sie zitterte wie ein gefangenes Reh. Wenn er sie anschaute, schüttelte sie den Kopf, und ihre Finger preßten flehentlich die seinen. Die Nacht verwandelte sie in ein Naturwesen, doch ihr Blut, ihr Auge und ihre des Widerstandes schon müden Glieder widerstrebten ihm. Da erst empfand er ihren ganzen Wert, die ganze Unschuld ihres Herzens, das Erschütternde und zur Ehrfurcht Zwingende der nie zuvor Berührten, die dem Ansturm des Geschlechts nur im höchsten Schmerz ihrer Liebe unterliegt. Er gab ihr die Namen von Blumen, denen sie verwandt war und dachte an schöne Tiere, an die ihre Grazie erinnerte. Unüberwindliche Scheu verbot ihm, sie zu umarmen, und er liebte sie mit opfernder Inbrunst, die alle sinnlichen Empörungen erstickte. Die Nacht hindurch kauerte er an ihrem Bett, und ehe er ging, beugte sie sich zu ihm, enthüllte furchtlos die Lieblichkeit der Schultern und das edle Spiel jugendlicher Körperlinien, schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn.
Eines Nachmittags kam sie auch in sein Zimmer in London. Es war die letzte und entscheidende Begegnung in diesem seltsamen Erleben außerhalb des Wirklichen. In der Dämmerung trat sie ein. Ihr Gesicht unter dem Schleier war sehr bleich. Er wußte, was sie hergetrieben hatte, er begriff ihr Mitleid und ihr Leiden, ihre Frage und ihren Vorwurf, und nun war es beschlossen für ihn, daß er nach Hause reisen und von Agathe seine Freiheit fordern müsse. Von der Stunde an war die Schwäche und traumhafte Schwermut von ihm gewichen.
Am selben Abend schrieb er ein paar kurze Zeilen an Gabriele, worin er sie lakonisch, jedoch mit dem Ton festesten Ernstes von seinem Plan in Kenntnis setzte. Den nächsten Vormittag verwendete er mit Adams Hilfe zum Packen und um fünf Uhr saß er in der Eisenbahn, die ihn zur Hafenstation brachte. Adam summte vor Freude Kirchen- und Kneipenlieder bunt durcheinander.
Genau drei Tage später erblickte Sylvester vom Kupeefenster aus die Würzburger Marienfeste, an der noch immer gebaut wurde, seit sie, während des Mainfeldzugs vor drei Jahren, von den Preußen in Brand geschossen worden war. Novembernebel hüllte die Stadt in flaumigen Dunst, und der an den Rebenhügeln hingleitende Strom war von der untergehenden Sonne blutrot gefärbt.
Die Mühe, die sich Agathe in den ersten Monaten ihres Alleinseins gegeben hatte, Wirtschaft und Haushalt vor jener Verlotterung zu bewahren, die sich notwendig einstellen muß, wenn das anerkannte Oberhaupt fehlt, hatte sich in Teilnahmslosigkeit verkehrt, als der törichte und leichtsinnige Aufwand, den Sylvester trieb, offenbar lag. Sie liebte nicht das Geld, aber sie achtete es, weil es eine gewisse Summe von Arbeit, Überlegungen und Entbehrungen darstellte und die persönliche Unabhängigkeit sicherte. Daran gewöhnt, zu sparen und selbst bescheidene Bedürfnisse nur zu erfüllen, wenn sie unabweisbar wurden, erregte Sylvesters Verschwendung ihren Schrecken und, nachdem er das Bankdepot erhoben hatte, mit Wucherern in Beziehung getreten war, die Ernten im voraus verschleudert, Wechsel in Umlauf gesetzt, also das Gespenst der Not und der Schuldbedrängnis heraufbeschworen hatte, ihren Abscheu und ihre Verachtung.