Zum Zeitalter des übelsten Absolutismus gehörte auch die Gesinnungsschnüffelei, die von den Beamten arg getrieben worden sein mußte, da es zu Aufstand, Verbrennung österreichischer Amtsschilder und gewaltsamer Vertreibung der Beamten, auch der sogenannten Krajnci (Krainer), der slovenisch sprechenden Herren aus den Erbländern, gekommen war. Das Wort "Krajnjac" (Krainer) war gleichbedeutend mit "Beamter" geworden und entfachte den Haß der Kroaten, die, von ungarischer Freiheit in der Selbstverwaltung verwöhnt, gegen die absolutistische "k.k." Bedrückung sich auflehnten. Der Adel und die Bürgerschaft murrten, blieben aber ruhig in der Hoffnung, daß das "Provisorium" der österreichischen Besetzung Kroatiens nicht allzulange währen werde. Der Klerus wurde respektiert und hatte deshalb keinen Anlaß zu Klagen.
Das war die Stimmung im Lande während des "Provisoriums" der österreichischen Besetzung.
Im September 1814 begann der Wiener Kongreß, dem wegen der Befreiung vom "k.k. Joche" mit großen Hoffnungen entgegengesehen wurde. Von der Komik der Kongreßvergnügungen drang manche Nachricht auch nach Kroatien. Was aber in der Kaiserstadt komisch wirkte, machte die Kroaten, wenigstens in adeligen Kreisen,—toll. Die Parole: "Morgen wieder lustik" begriffen sie sofort und setzten sie in Wirksamkeit auf Narrenweise und in—Entartung. Wer nach langer Kerkerhaft in die Freiheit gelangt, wird von der vermeintlichen Zügellosigkeit berauscht und wird toll, reif für das Irrenhaus.
Was sich auf kroatischem Boden abspielte, bildete nach Jahrzehnten noch immer den Gesprächsstoff, so daß Dr. von Tkalac (geboren 1822) aus den Erzählungen befreundeter Adeliger, die den tollen Rummel mitgemacht hatten, entsetzensvolle Eindrücke empfing und mit Schaudern darüber schrieb.
Just die sogenannten gebildeten Klassen stürzten sich kopfüber, wie besinnungslos, toll geworden von Zerstreuungswut, in Vergnügungen, die als "Niggerhetzen" selbst auf afrikanischem Boden—Erstaunen erregt haben würden. Der Drang nach Vergnügen um jeden Preis war übermächtig geworden; man wollte sich austoben, gierig, toll, ohne zu denken, daß alles, auch die Vergnügungssucht, Grenzen haben müsse, sinnloser Geldverbrauch zum Ruin führe, jede Entartung sich auf lange Zeit hinaus bitter rächen werde.
Aufgebaut waren diese "Festivitäten" auf der berühmten slavischen Gastfreundschaft, die auch für die Kroaten und Serben nicht nur als Tugend, sondern geradezu als nationale und moralische Pflicht gilt, den slavischen Völkern schon im Kindesalter sozusagen eingeimpft wird. Wer sich dieser Pflicht entzieht, gilt als ehrlos, ist der allgemeinen Verachtung ausgeliefert und wird als ausgestoßen betrachtet. Deshalb ist der Slave, besonders der Südslave, immer bestrebt, Gastfreundschaft, die ihn selbst ehrt, zu erweisen; freudig gibt er sein Bestes und auch sein Letztes, um den Gast zu ehren, und inniger Dank des Gastes bildet für den Slaven Lebensglück.
In jenen Jahren offenbarte sich, daß auch die Gastfreundschaft—entarten kann.
Im Umkreise von mehreren Meilen kennen sich selbstverständlich die Grundbesitzer überall. Gegenseitige Besuche mit ganzer Familie waren von jeher zu gewissen Zeiten oder bei besonderen Anlässen üblich. Zu jagdlichen Veranstaltungen (großen Treibjagden) erschienen nur Herren in großer Anzahl, immer mit eigenem Fuhrwerk und Dienerschaft. Zu Familienfesten jedoch jeweils die Familien mit Kind und Kegel, gesamtem Troß, mitunter sogar mit Tafelzeug, wenn etwa bekannt war, daß wegen übergroßen Andranges von Gästen Mangel an Tischgeräten eintreten konnte. Infolge der plötzlich ausgetretenen Vergnügungswut hielt man sich nicht mehr an die früher üblich gewesene Besuchsansage oder Einladung: man erschien mit gesamter Familie, Dienerschaft, Pferden und Geschirr eines Tages auf dem nächstgelegenen Edelsitz, feierte das Bilikum, blieb mehrere Tage, d. h. bis der betreffende Gutsbesitzer erklären mußte, daß er nichts mehr zu bieten habe und gezwungen sei, sich mit seiner Familie den Gästen—anzuschließen, die nun weiter zum nächsten Edelsitz zogen.
Schwatzen, Essen und Tanz für Frauen und Töchter, Essen, Trinken, Tanz und Kartenspiel für die männliche Welt. Mitunter mehr als ein Dutzend vielköpfiger Familien zusammen auf dem "heimgesuchten" Edelsitz. Von einem Gut zum andern, bis alles—"abgegrast" war; dann boten aber die zigeunernden Gäste selbst Gastfreundschaft bis zum letzten Kalb, Schwein, Faß und Knopf. Dieses Herumziehen währte im Turnus, der nicht ängstlich in den nachbarlichen Grenzen gehalten werden mußte, da man auch bei nichtbenachbarten Gutsbesitzern "einfallen" konnte und Gastfreundschaft fordern durfte, bis der Winter mit Regengüssen und Schnee die damals schlechten Straßen unfahrbar machte, auf den Edelsitzen Vorräte nicht mehr vorhanden waren.
Tropfenweise kamen die Schilderungen vom Prunk der endlosen Feste aus Wien nach Kroatien. Vom Ausspruch des ritterlichen geistvollen Fürsten de Ligne: "Le congrès danse, mais il ne marche pas" (der Kongreß tanzt, aber er geht nicht vorwärts), interessierte die adeligen Kroaten nur der erste Satzteil, und den Ausspruch der Gräfin Bernstorff, der Gemahlin des dänischen Gesandten ("Es ist, als käme man vom Lande und sehne sich nach langentbehrter Zerstreuung"), drehten die kroatischen Notabeln einfach um: sie trugen die langentbehrte Zerstreuung auf's Land—hinaus! Das neumodische Karussellreiten des Hochadels in Wien wurde auf manchem Edelhofe nachgeahmt und als Sport nicht wenig belacht. Für die Volksfeste im Wiener Prater fehlten Verständnis und Gelegenheit; doch hatten die Notabeln im slavischen Süden ihre Freude an den Wiener Scherzen, z.B. an der Verdrehung des Wortes "Dänemark" in "Tandelmarkt"! Soviel Deutsch verstanden die Nobili südlich der Save sofort, um den "König vom Tandelmarkt" zu verulken.
Es fehlt der Nachweis dafür, daß die harmlos galante Wette des russischen Zaren mit der schönen Gräfin Flora Wrbna-Kageneck bezüglich des schnelleren Toilettemachens von den kroatischen Edelleuten irgendwie nachgeahmt wurde. Auf ulkhafte Art scheint es geschehen zu sein, selbstverständlich plumper als der Vorgang in Wien, wo der Zar punkt neun Uhr in Begleitung von Zeugen im gewöhnlichen Anzug bei Zichys erschien, sich zum Austrag der Wette meldete, dann abtrat und schon nach Umfluß von fünf Minuten in voller Uniform wieder im Salon der Gräfin Zichy erschien und die Wette—verloren hatte, da die Gräfin Flora Wrbna-Kageneck sich—in eine Hofdame der Zeit Ludwigs XIV. verwandelt—bereits im Saale befand.
Es ist nicht unwahrscheinlich, daß diese harmlose Wette, deren Sieg der Gräfin Wrbna ein artiges Handschreiben des Zaren und als Geschenk eine—"Bibliothek" eintrug, einen vergnügenssüchtigen Adeligen auf die Idee brachte, die "Familiensimpelei" auf den Edelsitzen in eine—Pikanterie, in eine tolle "Mohrenherz" umzugestalten.
Auf einem Gutssitz hatten die siebzig Gäste mit etwa vierzig Pferden und Dienerschaft binnen fünf Tagen "ratzekahl" gezecht. Der Gutsherr war für ein Jahr ruiniert. Der "Oberarrangeur" und Vergnügungsmeister verkündete für den nächsten Tag den Abzug und die Fahrt zum benachbarten Edelsitz, wohin vorsichtshalber Botschaft gesendet worden sei. Da bei dieser Verkündigung nicht alle Damen anwesend waren, benutzte der "Maestro" die Gelegenheit, in die Räume der Frauen einzudringen. Die Raumnot hatte dazu gezwungen, in je einem Zimmer acht bis zehn Frauen unterzubringen, ebenso Mädchen und Kinder unter Aufsicht älterer Damen. Die Männer waren in Scheunen (Schlafgelegenheit auf Stroh), zu einem Teil auf nahegelegenen Bauerngehöften einquartiert, wo die Herren toll genug "wirtschafteten".
Den Gipfel der Tollheit und Scheußlichkeit erklomm das für den letzten
Abend auf dem Gutssitz ausgeführte Lottospiel um die—Frauen!
Die vom schweren Zechen berauschten Männer "würfelten" um die Ehefrauen, mit denen sie die letzte Nacht vor der Abreise nach einem anderen Edelsitz zubringen sollten. Die Dienerschaft (Zofen) wurde mit Geld bestochen und zu Angaben verleitet, in welchem Zimmer und in welchen Betten die einzelnen Damen nächtigten. Die Namen dieser Frauen mit den erkauften Angaben wurden dann auf Zettel geschrieben, diese Zettel in einen Hut geworfen und durcheinandergemischt. Jeder "Edel"mann dieser seltsamen Korona—mit dieser Schändlichkeit waren alle freudig einverstanden—zog einen Zettel heraus, der ihm für die Nacht eine "Genossin" zuwies.
Nicht gegen das schändliche Spiel um Ehre und Frauenwürde, gegen die Zuchtlosigkeit, erhob sich erstmals ein Widerspruch, es wurde nur die Befürchtung geäußert, daß der Betrug verfrüht durch Licht entdeckt werden könnte. Dieses Bedenken zerstreute der "Erfinder" des "Frauenspieles" mit dem Hinweis, daß rasches Lichtmachen mit Feuerstein und Schwefelfaden unmöglich sei, daß also bei dieser langsamen, den Frauen sehr lästigen Prozedur den betreffenden "illegitimen" Eheherren im Entdeckungsfalle die Flucht aus dem Zimmer wesentlich erleichtert sei. Die Anwesenheit anderer Damen in den Stuben erregte überhaupt keine Bedenken. Der Weibertausch wurde richtig ausgeführt! Und es gab keinen öffentlichen Skandal in Kroatien wegen dieser—afrikanischen "Erlustierung".
Die "vergnügenssüchtigen" berauschten Herren der Schöpfung schlichen barfuß in die Frauengemächer und schmuggelten sich in die—ausgelosten Betten. Wurde von einer oder der anderen Frau der schmähliche Betrug irgendwie erkannt und Lärm geschlagen, so flüchteten die Herren sofort aus den Stuben, bevor Licht erzeugt werden konnte. "Dank" Feuerstein und Schwefelfaden, der Langsamkeit, mit diesen Hilfsmitteln Licht zu machen, vermochten sich die "Witzbolde" rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Und dies des öfteren!
Wegen dieses "witzigen Frauenspieles", das noch immer in der Erinnerung lebt und auch mir im Jahre 1912 in Kroatien erzählt wurde, hat Dr. von Tkalac um 1840 einen seiner Verwandten interpelliert, der an diesem "Weibertausch" damals "aktiv" beteiligt war. Die Antwort ist in Tkalac "Jugenderinnerungen" wie folgt festgehalten: "Was willst du, es war eine tolle Zeit! Da wir beinahe alle Hörner trugen und dabei keiner erfuhr, wer von uns ihn damit gekrönt hatte, war es das klügste, zu schweigen. Hätten wir uns alle etwa wie die närrischen Franzosen schlagen und gegenseitig niedersäbeln sollen? Was nun einmal geschehen war, konnte man doch nicht ungeschehen machen. Und wenn die Frauen keinen Lärm schlugen, mußte man annehmen, daß sie … zufrieden waren."
Als 72jähriger Greis bewertete der auf seine kroatische Abstammung sonst ehrlich-stolze, hochgebildete Dr. von Tkalac diese Ereignisse in seinen "Erinnerungen". "Es muß eine 'tolle Zeit' gewesen sein, in welcher den Menschen jede Fähigkeit zu ernstem Denken und ernster Arbeit abhanden gekommen zu sein schien. Der österreichische große Staatsbankerott vom Jahre 1811 scheint merkwürdigerweise diese stets lustige und leichtsinnige Generation gar nicht berührt zu haben."
Auf die tolle Zeit folgte 1817 eine schreckliche allgemeine Hungersnot und bitterste Verarmung. Der Wucher kam zu höchster Blüte und richtete besonders die Grundbesitzer völlig zugrunde. Um sich über Wasser zu halten, nahmen sie nominell zu zehn und zwölf vom Hundert Geld auf, und da sie nicht mit Bargeld zurückzahlen konnten, zahlten sie in Naturalien—Wein, Getreide, Pflaumen (zum Branntweinbrennen), Heu, Bau- und Brennholz—, die ihre Gläubiger ihnen zu wahren Spottpreisen abkauften, wodurch sich die Zinsen auf dreißig und vierzig Prozent erhöhten. Oder die Grundbesitzer suchten sich dadurch zu helfen, daß sie einen Teil ihres Allodialbesitzes oder ihrer Untertanen mit Haus und Grundstücken verpfändeten, so daß manchem Grundbesitzer, der fünfzig und mehr Untertanenhäuser besessen hatte, schließlich nur fünf oder sechs übrigblieben, mit denen er außerstande war, sein Gut zu bewirtschaften, und deshalb gänzlich verarmen[13] mußte.
Erst der neue Staatsbankrott von 1817 mit der fürchterlichen Hungersnot konnte die Menschen ernüchtern und dem gedankenlosen "lustigen" Leben ein trauriges Ende bereiten. Für die meisten war es schon zu spät. Die wenigen, die sich aus dem allgemeinen Schiffbruch retteten, waren zur größten Einschränkung ihrer Bedürfnisse genötigt….
Fußnoten:
[13] Aus jener Zeit stammt die österreichische Bezeichnung "Zwetschgenbaron" für verarmte kroatische Edelleute. D.V.
Sprachliches Durcheinander.
Während einer längeren Jachtfahrt zum Besuche der dalmatinischen Inseln hatte meine Wenigkeit die Wahrnehmung gemacht, daß das Italienische kroatisiert, das Kroatische italianisiert wurde und wird. Dies sowohl an Bord wie in den Küstenstädten. Es hieß also sehr aufpassen für den, der die kroatische Sprache aus der Grammatik, ohne Lehrer hatte erlernen müssen. Mit Kenntnis der italienischen Sprache, etwas vertraut mit dem in allen Adriastädten gesprochenen Venezianer Dialekt ließ sich zur Not durchkommen, wenn die Leute langsam sprachen. Dies tun aber die Mädchen und Frauen des Litorale grundsätzlich nicht; nirgends in der Welt wird so rasend schnell gesprochen, auch bei nichts weniger denn aufregenden Anlässen, als in den Küstenorten Dalmatiens. Mein bissel Kroatisch konnte in Dalmatien keine "Siege" feiern; erweitert und verbessert wurde es unter italienischem Einfluß nicht. Wesentlich besser ging es droben in Montenegro, wo die serbokroatische Sprache vom Kaufmannsitalienisch nicht "infiziert" worden ist.
Der Rat eines Schiffskapitäns, gebürtigen Bocchesen, lautete dahin.
"Reisen Sie nach Kroatien, um die Sprache rein und unverfälscht zu hören
und auszutilgen, was Sie vom dalmatinischen Kroatisch Unschönes zur
Grammatik dazugelernt haben!"
Ich hätte kein die Gründlichkeit liebender Deutscher sein müssen, wenn nicht um Bekanntgabe "unschöner" Ausdrücke gebeten worden wäre. Von einem Taubstummen erfährt man tiefste Geheimnisse viel leichter und eher, als man von einem kroatisch-italienischen Kapitän Belehrung über Sprachhäßlichkeiten erhält. Doch wie man mit gut gebratenem Speck Mäuse fängt, so kann man mit österreichischen Zigaretten (die es 1912 noch in entzückender Beschaffenheit gab) den verschlossensten Bocchesen—gesprächig machen. Wobei der Wein nachhelfen kann, so das "Versuchskaninchen" Zeit und eine Weinzunge hat. Es wurde also ein sprachliches Privatissimum an Land in einer guten Weinstube vereinbart, und zwar der Sicherheit halber in drei Sprachen: Italienisch, Kroatisch und Deutsch. Der Bocchese begnügte sich mit dem Wörtchen: "Jest!" (Ja!) Worauf meine Wenigkeit herausquetschte: "Liepa hvala! Naj liepse!" (Schönen Dank! Sehr schön!)
Der Blick des Bocchesen funkelte auffallend spöttisch, musterte mich angejahrten Knaben so seltsam ironisch, daß gefragt werden mußte, was denn in Teufels Namen schon wieder "unschön" in den gebrauchten Worten sei. Aus der Zigarettendose nahm der Bocchese eine Papyros, zündete sie an, und sprach: "Liepa hvala! Unschön ist das Wort: 'naj'! Und verfänglich die Wörter: 'na liepse'!"
So gewandt im Sprachgebrauch war ich nicht, um den Unterschied zwischen dem von mir gebrauchten Wörtchen "naj" und dem vom Kapitän anzüglich gesprochenen "na" sofort herauszuhören und zu erfassen. Erst viel später kam ich dem trockenen Witz des Bocchesen auf die Spur. Ich hatte mit dem "naj" die Superlativbezeichnung gebraucht und gesagt: "sehr schön!" Der Witz im Wortspiel bestand darin, daß der Bocchese sagte: "na liepse!" (Zu den Schönen [Mädchen]).
Etwa ein Stündchen darauf fuhren wir im Hafen einer Küstenstadt ein, wo das Privatissimum bei Wein und Rauchopfer stattfinden sollte. Winkt einem Kapitän dienstfreie Zeit, dann hat es mit der Ausbootung Eile. Sonst im Dienst sind just die südländischen Bocchesen wie von Erz und Granit. Ein Blick des Kapitäns, und schon rief er mir zu: "Brzo, brzo, naj brze!" (Schnell, schnell, schnellstens!)
Ja, Bauer, es ist eine andere "Wurst", wenn ein Bocchese das Wörtchen "naj" zur Superlativbezeichnung benützt oder ein Deutscher mit dem ehrlichen Bestreben, eine Sprache ordentlich zu erlernen. Selbstverständlich wurde bei gutem Rötel von der Insel Lissa und köstlichem Dalmatinertobak dem Bocchesen diese "Wurst" unter die Nase gerieben. Doch der Erfolg war kläglich gering. Alles, was dem Kapitän herausgelockt werden konnte, waren zwei Worte: "jako interessante". Vom Wein wurde nur genippt; aber das Drehen von Zigaretten aus dem goldgelben wundervollen Tobak und das Rauchen ging großartig flink, najbrze. Als dann im Gespräch auch meine Wenigkeit das Verstärkungswörtchen "jako" (=stark, sehr) gebrauchte, erfolgte die Belehrung, daß "dies" "unschön" sei, die kroatische Sprache "beleidigt" werde usw.
Studienfahrten in Dalmatien werden wohl in jedem Reisenden sehr wirksame Eindrücke hinterlassen; eines aber ist in diesem slavischen Lande sicher nicht richtig zu studieren, nicht zu erlernen: die kroatische Sprache!
Also wurde das Land ausgesucht, bereist und studiert, wo—angeblich—reines Kroatisch gesprochen wird, alles ganz anders und "jako (vrlo) interessante" ist.
Das in seinen gebirgigen Teilen märchenschöne Land Kroatien hat neben anderen Vorzügen die schöne Eigenschaft, daß man—genügend Zeit vorausgesetzt—alle Notabeln kennen lernen, die wunderbare kroatische Gastfreundschaft genießen kann, wenn man mit einem einzigen Adeligen befreundet ist. Aber, woher die Zeit nehmen! Der Aufenthalt auf jedem Edelsitz (curia nobilis)—schon von weitem erkennbar an der zum Schloß führenden, kennzeichnenden Pappelallee—verschlingt wenigstens eine Woche, da doch auch der Bibliothek und der Umgebung volle Aufmerksamkeit gewidmet werden muß, wenn man zu Studienzwecken im Lande weilt.
In allen südslavischen Ländern stößt man auf rührende Dankbarkeit, wenn die Leute merken, daß man als Reichsdeutscher den guten Willen hat, sich der betreffenden Sprache nach Möglichkeit zu bedienen. Besonders in Kroatien ist das "bocchesisch-marinierte" Nörgeln (übrigens mehr scherzhaft als bissig gemeint) nicht üblich; Belehrung wird auf freundliche Bitte hin bereitwillig und freudig in zartester Form erteilt.
Von Zara aus hatte meine Wenigkeit für einen bestimmten Tag die Ankunft auf einem kroatischen Edelsitz mit einem kroatischen brzojav (Telegramm) angesagt. Von der letztmöglichen Eisenbahnstation ging es zu Wagen in sausender Fahrt auf staubiger Landstraße dahin. Der Insasse war von der langen Reise müde, übernächtig, schlaftrunken, wenig empfänglich für die Schönheit des Sommermorgens in fruchtbarer Gegend. Nicht das geringste Interesse war vorhanden für die Reitertruppe, die auf abgemähter Wiese übte. Soll die Stimmung des "tunkenden" Reisenden genau wiedergegeben werden, ist's nur in bajuvarischer Sprache möglich. "Mei' Ruah' möcht' i!" Schlafen, ausruhen um jeden Preis.
Daß sich beim Anrollen meines Wagens von der Kavallerieeskadron ein Offizier entfernte und gegen die Straße galoppierte, war mir unsäglich—"wurscht". Aber der Offizier hoch zu Roß tauchte am Wagenschlag auf, grüßte höflichst auf kroatisch und hieß den Gast dann, im Trab mitreitend, in deutscher Sprache auf kroatischem Boden willkommen mit den Worten. "Gute Ankunft, Herr—Achleitner! Lustig sein! Zum Abend kommen wir alle zur Begrüßung! Servus!" Und weg war der Offizier. Der Schlaf war auch weg. Ich fühlte ordentlich, daß mein Gesichtsausdruck "schafmäßig" war. Beispiellos verblüfft.
Als eine Pappellallee in Sicht kam, waren die Zurufe der Bauern: "Zivio gospodin tajni savjet!" (Hoch, Herr Geheimer Rat!) leicht als "eingelerntes Zeug", befohlen vom Gutsherrn, zu erraten.
Mittags gab es mit umständlicher Feierlichkeit den Willkommstrunk mit—onomatologischer Beigabe. Der Mensch lernt nie aus. Zwar bestritt der Schloßherr nicht die Möglichkeit, daß das kroatische, mit nur einem "l" zu schreibende Wort "Billikum", also "Bilikum", vom Deutschen abgeleitet und dem kroatischen Wortschatz einverleibt worden sein könne, aber sehr wahrscheinlich sei solche Anleihe nicht, da das Wort "Bilikum" "spielend leicht" aus dem Kroatischen erklärt werden könne: "Pije-li, kume?" (Will er trinken, Gevatter?) Piti = trinken, pijem = ich trinke.
Angesichts des "zweiliterigen" Willkommsbechers erstarb jede
Widerspruchslust. Der Wissenschaft halber wurde zunächst diese
Ableitungstheorie notiert; dann ging's an die Leerung des
Willkommsbechers. Eine kurze Dankrede und ein prächtiges "Diner" darauf,
hernach erquickender Erholungsschlaf im Bett.
Auf kroatischen Edelsitzen hatte ich erstaunlich viel Glück insofern, als zur rechten Zeit Schlechtwetter eintrat und dadurch das "Schnüffeln" in Archiv und Bibliothek ermöglicht war. Fundgruben kostbarer Art für Kulturhistoriker. Im Archiv des "Kume" (Gevatters), so nannte meine Wenigkeit in Gedanken den Hausherrn wegen der Ableitung des Wortes 'Bilikum' aus dem Kroatischen, gab es ziemlich viel handschriftliches Material aus der Franzosenzeit. Darüber wurde begreiflicherweise bei Tisch, besonders abends, eingehend gesprochen bunt durcheinander in drei Sprachen, von denen wir wegen hochgradiger "Vergeßlichkeit" das gallische Idiom Unbehagen verursachte. Darauf aufmerksam zu machen, daß "mein Französisch" "verschwitzt" sei, fehlte die Gelegenheit. Im Sprühfeuer dieser noch dazu sehr flink geführten Gespräche begann der Gast Schlimmes zu—ahnen. Am Ton war bei einer Gesprächswendung die Ironie herauszuhören; doch nicht für Kroatien und sonstige Königreiche als Belohnung ergab sich die Möglichkeit, rasch den Sinn zu erfassen, als der Hausherr schalkhaft lächelnd erwähnte: "J'ai du bien au soleil!"
Von allen Göttern verlassen, übersetzte der Gast in Gedanken so rasch als möglich wortwörtlich und damit regelrechten Blödsinn! "Ich habe viel—Sonne!" Anzuwenden wäre aber die ironisch gemeinte Deutung gewesen. "Ich bin Gutsbesitzer!"
Alle Augen richteten sich auf den Gast, von dem eine Äußerung erwartet wurde.
In dieser peinlichen Lage flogen zu allem Unglück die Gedanken aus Kroatien nach Tirol; der Satz unseres alten Ludwig Steub im Fremdenbuch der altberühmten Weinstube des Gasthauses "Klause" bei Kufstein trat in Erinnerung und beherrschte alles. "Einschreiben, einschreiben, nichts leichter als das, wenn man nur immer gleich wüßte: was?!"—Im gegebenen Falle: Reden, reden; nichts leichter als das, wenn man nur wüßte: was!… Flink von Tirol weg und hinein in die—kroatische Grammatik, und das Zünglein plapperte die Antwort auf den französischen Witz: "Nemam sada sunce!" (Ich habe jetzt keine—Sonne!)
Schallendes Gelächter. Die Tafelrunde krümmte sich und schrie wie toll geworden. Und hielt diese gräßliche Antwort für einen—sprühenden Witz, der mit schrecklichem Lärm und Händeklatschen aufgenommen wurde.
Als sich die Tischgäste etwas beruhigt hatten, glückte es mir, das Mißverständnis aufzuhellen und die Bitte vorzubringen, das längst vergessene Französisch wegzulassen und zugunsten meines Lerneifers Kroatisch, reines Kroatisch, aber hübsch langsam, zu sprechen. Diese ehrliche Bitte wurde Anlaß, daß der Hausherr die "Episode des Herrn Nikola von Zdencaj", der damals, zur Franzosenzeit Kroatiens, Obergespan des Agramer Komitates war, zum besten gab, und zwar viel witziger, als sie in von Tkalac' "Jugenderinnerungen" zu lesen ist.
Herr von Zdencaj (etwa mit "Brunner" zu übersetzen), war ein arger Französling, der sein Geld nach Bojarenart viel lieber in Paris als in Agram oder Wien "verjuxte". Er blieb in Kroatien, als die Franzosen sein Vaterland besetzten, machte aus seiner Vorliebe für Gallien nun erst recht kein Hehl und gab sich alle Mühe, "echt französische" Dienerschaft in sein Haus zu bekommen. Das gelang aber nicht, obwohl Zdencajs Freunde in Paris alles versuchten, Domestiken für Kroatien anzuwerben; nur einen Sprachlehrer konnten sie senden, der dann die kroatische Dienerschaft Zdencajs in "Pariser" Domestiken ummodeln sollte. Mehr Talent als der Deutsche hat ja der Slave für fremde Sprachen; doch zu raschem Erlernen gehört doch auch ein gewisses Maß von Intelligenz. Die Diener Zdencajs versagten kläglich, merkten sich kaum die französischen Taufnamen, mit denen sie angerufen wurden. Im Hausdienst mußte Französisch gesprochen werden; Zwangsdressur, unzählige Probediners, damit die kroatischen Diener das Servieren und Sprechen auf Pariser Art für das große Festmahl am—Napoleonstage erlernten. Ein Ereignis sollte dieses Festdiner für Westkroatien werden. Gelehrig oder doch anstellig, gut brauchbar waren Zdencajs Domestiken unbestreitbar, doch ein gewisses Mißtrauen wurde der Gebieter nicht los. Deshalb hielt er am Festtage selbst noch am Morgen eine Probe an der bereits geschmückten Tafel ab. Zdencaj erteilte seine Befehle im Französisch jener Zeit, im "Bojaren-Patois"; die in "Jean", "George", "Pierre" usw. umgetauften kroatischen Diener antworteten "französisch", machten ihre Sache gar nicht schlecht während dieser Generalprobe, so daß Zdencaj aufatmete und beruhigt dem Festdiner entgegensah. Bis zum Abend fühlte sich Zdencaj als Grandseigneur, und als solcher begrüßte er seine französischen und kroatischen Gäste. Erstere waren in der Mehrheit, da Militär und Beamtenschaft geladen war. Slavische Gastfreundschaft sollten die Franzosen kennen lernen, Gastlichkeit in üppigster Form, sich aber wie daheim in Frankreich fühlen durch die Art der Bedienung. Zdencaj haßte das laute Flaschenöffnen bei Tisch, den Lärm, das "Schnalzen" der kräftig und rasch gezogenen Korke; deshalb waren vor Dinerbeginn ganze Batterien edler französischer Rotweine geöffnet und in einem Nebenraume bereitgestellt worden. Für diese Seltenheiten interessierten sich die Diener des Hauses Zdencaj viel stärker als für die erwarteten Gäste, so daß die Domestiken schon eine Stunde vor Beginn des Festmahles nach—Burgunder dufteten und "weinselige" Augen machten.
Nikola von Zdencaj "bekomplimentierte" in der Art des achtzehnten
Jahrhunderts den etwas verfrüht erschienenen kommandierenden General und
bald darauf den Gouverneur, so daß es unmöglich war, die Dienerschaft im
Auge zu behalten.
Nach längerem Begrüßungsgespräch ging es zur Tafel.
Die ersten Gänge wurden zwar nicht nach Pariser Art, nicht sehr "diskret serviert", doch Verstöße größerer Art kamen nicht vor. Als der erste Braten aufgetragen wurde, gewahrte der spähende Kontrollblick des Hausherrn, daß einem der Gäste, noch dazu einem französischen Stabsoffizier, der Teller nicht gewechselt worden war. Zdencaj versuchte zunächst mit Augenwinken den Fehler ausbessern zu lassen. Dafür fehlte es bei den weinseligen kroatischen Dienern an Achtsamkeit. Der Gebieter "stupste" Janko und deutete auf Gast und Teller. Worauf Janko auf den Franzosen lossteuerte und den Teller wegnehmen wollte. Der Offizier meinte lächelnd: "Bien obligé!"
Janko stutzte, riß die Augen auf, ließ den Teller stehen und kehrte sichtlich maßlos überrascht zum Gebieter an der Tafel zurück, der in französischer Sprache den "talketen" Diener rüffelte und sofortigen Tellerwechsel befahl.
Janko im Burgunderdusel und in Angst vor Strafe vergaß im Nu alle eingepaukten Parisismen und stotterte in der Muttersprache. "Prozim, njihovo gospodstvo! Gospodar rekni, da si ga sam oblize!"[14]
Die Gäste kroatischer Nation, denen Zdencaj's Nachäffung französischer Gebräuche wenig gefallen haben mochte, brüllten vor Vergnügen über die köstliche Verwechslung von "obligé" (verpflichtet) mit "oblize" (ablecken) und hatten helle Freude daran, daß der Hausherr durch den angetrunkenen Diener gründlich blamiert worden war. Das schallende Gelächter veranlaßte die französischen Gäste, nach dem Anlaß zu fragen; die mit boshafter Bereitwilligkeit gegebene Auskunft versetzte dann auch die Franzosen in unbändige Heiterkeit. Sogar Herr von Zdencaj lachte mit, freilich etwas gezwungen und säuerlich.
Nach Beendigung des Mahles wurde aber "Gericht gehalten" und den Dienern verkündet, daß jeder erbarmungslos entlassen werde, der nicht bis Jahresschluß der französischen Sprache im Hausgebrauch vollkommen mächtig sei. In dieser Sache "siegte" Herr von Zdencaj. Aber seine Blamage hat sich in der Erinnerung länger als ein Jahrhundert erhalten; denn auch in der Gegenwart wird über die köstliche Episode gesprochen und gelacht. Ob dies auch in der Zukunft der Fall sein wird, dürfte von der Tätigkeit der französischen—Kontrollkommission in Kroatien abhängen….
Fußnoten:
[14] Bitte, Euer Herrlichkeit! Der Herr sagt, daß er ihn (den Teller) selbst—ablecken werde! Lizem = ich lecke, oblizem = ich lecke ab.
Von der Sann zur Korana
Vor etwa zehn fahren folgte meine Wenigkeit einer Einladung lieber Freunde, in Römerbad, dem "südsteierischen Gastein", Aufenthalt zu nehmen. Die drollige Einladung sprach von einer "slavischen Agnes Bernauer", die in der Nähe ihre Grabstätte habe, erwähnte auch, daß der "verflossene" Reichskanzler Caprivi "an der Sann beheimatet" sei, und lockte mit der Versicherung, daß ein nigelnagelneues Automobil zur Verfügung stände, mit dem nach Belieben in das "halbasiatische" Land gefahren werden könne.
Zwei Tage später war ich in—Römerbad, dem alten Toplice (slavisch toplice = warm) im lieblichen Süden der grünen Steiermark. In diesen heißen Quellen, wie auch in Varazdin-Töplitz, fanden die römischen Statthalter der Provinz Pannonien Heilung von Gicht und Zipperlein. Die Dankbarkeit ließen sie in Stein einmeißeln. Dies tat auch der Provinzchef Matius Finitus mit dem Eintrag in das "steinerne Fremdenbuch": "Nymphis aug. Matius Finitus. V.S.L.M." (= votum solvit lubens merito). Zu deutsch: Den erhabenen Quellen (Nymphen) Matius Finitus sein Gelübde einlösend. Drei Votivtafeln solcher Art wurden in alter Zeit bei den Heißwellen gefunden; die Thermen gerieten dann in Vergessenheit, flossen ungenützt durch wunderlieblichen Waldeszauber zur munteren Sann, bis die Mönche des nahen Karthäuser Klosters in Gairach sich klug und weise den wertvollen Besitz sicherten, einen Badedirektor aufstellen unter der bezeichnenden Bedingung, "im Bade lauter züchtiges Gesinde und ehrbare Weibsleute zu halten". Der Zeit nach waren die Gairacher Mönche zu Toplitze-Römerbad der Badeverwaltung des salzburgischen Gastein um rund achthundert Jahre verspätet daran, klimatisch aber bedeutend im Vorteil durch die südliche Lage, gleichmäßige Temperatur und das üppige Wachstum und durch den Mangel an jeglichem, an der Sann ganz unbekanntem salzburgischem Schnürlregen, der zum Entsetzen der Gasteiner Kurgäste so gern in Schnee übergeht. Vor Jahrhunderten schon wurde auf die gleiche Heilkraft und Temperatur der Heißwellen von Römerbad und Gastein verwiesen, und auf diese Tatsache fußend (Gastein 25,8-49,6 Grad Celsius, Römerbad 36,2-37,5 Grad Celsius), Römerbad das "steierische Gastein" genannt zum Arger der Gasteiner.
"Gichtiker" war meine Wenigkeit damals noch nicht; demgemäß ließen die
Heißwellen von Römerbad mich "kalt"; das Interesse galt der "slavischen
Agnes Bernauer", der steierischen "Inez de Castro", der unglücklichen
Veronika von Jeschnenitz (jesen = Herbst, jesén = Esche), Gräfin von
Cilli, die in der gotischen Klosterkirche zu Gairach bei Römerbad
begraben liegt.
Zunächst "verbiß" sich der Onomatologe in den Namen "Gairach", der sehr deutsch aussieht, in dieser slovenischen Gegend aber kaum rein deutsch sein kann. Zum mindesten ist das deutsche "Hai" (Gehege, befestigter Platz, Umfriedung zu Verteidigungszwecken) vergröbert in "Gai". Da das Gairacher Kloster auffallenderweise quer zum Sträßlein steht, als Talsperre gebaut ist, kann über den ehemaligen Verteidigungszweck kein Zweifel begehen. Im Slavischen hat "gaj" die gleiche Bedeutung wie das deutsche "Hai". Und Ach, Ache ist der Wildbach, dem der Tiroler ein "r" einfügt, wenn im Bach oder Fluß Felsblöcke liegen. Deshalb heißt der Inn bei Landeck "Arch'n"….
Der Grabstein der slavischen Agnes Bernauer besagt soviel wie das urkundliche Material, nämlich nichts. Die unglückliche Veronika von Jeschenitz, Gräfin von Cilli, hat einen Hofdamen-Roman erlebt und das winzige Maß von kurzem Glück im Jahre 1436 mit üblich tragischem Ende gebüßt. Tugendhaft hatte Veronika dem in sie rasend "verschossenen" Grafen Friedrich II. von Cilli erklärt, daß der Weg zu ihrem Herzen nur über den—Altar führe. Im übrigen pochte Veronika auf ihre Hofdamengrundsätze. Der junge Graf Friedrich II. war bereits und ausgiebig verheiratet, hitziger Natur und rasend verliebt in Veronika. Die Zeit aber war rauh. Graf Friedrich II. "erstach" als hitziger "Gemütsmensch" seine sanft und ahnungslos schlummernde Gemahlin und "heiratete" dann mit der im fünfzehnten Jahrhundert üblich gewesenen Eile die Hofdame seiner "verblichenen" Gemahlin. Nun erst wurde die Angelegenheit "brenzlich"; denn der Altgraf Hermann von Cilli trat auf den Plan, und Seine Gräfliche Gnaden waren noch hitzköpfiger als der Sohn. Der Papa verübelte nicht die "kurzhändige" Beseitigung der Gemahlin Nr. 1, sondern die Heirat der Hofdame aus "nichtebenbürtigem" kleinem Landadel. Die "Mesalliance" paßte dem Alten nicht. Die Nichtberücksichtigung der Standesinteressen mußte "gerochen" werden, und zwar mit der gleichen Eile, mit der Friedrich seine erste Gemahlin aus dem Leben ins Jenseits befördert hatte. Der abkunftstolze Altgraf sandte zwei gutgenährte kräftige Ritter in die Burg Osterwitz bei Franz (Umgebung von Cilli), wo Veronika "residierte", und ließ Friedrichs Gemahlin Nr. 2 einfach und kurzerhand in einem mit Wasser reichlich gefüllten—Waschbottich ertränken. Gleichzeitig wurde der Sohn Friedrich zur—Abkühlung in das Verließ der Burg Cilli gesteckt.
Das ist der "etwas" tragische Roman der Hofdame Veronika von Jeschenitz, der slavischen Agnes Bernauer und steierischen Inez de Castro. Mehr war nicht zu erfahren und die Stimmung damals diesem "Stoff" nicht günstig. Weit mehr als die arme Veronika fesselte die Behauptung im Freundeskreise zu Römerbad, daß der deutsche Reichskanzler von Caprivi von—Slovenen abstamme, und daß seine Ahnen an der Sann seßhaft waren, nämlich auf dem Edelsitz Scheuern bei Steinbrück am Zusammenfluß der Sann und Save. Ahnherr war Ritter Andreas Kopriva (zu deutsch: Brennessel), der 1680 starb ohne die geringste Ahnung, daß etwas mehr als zweihundert Jahre später ein preußischer General von Caprivi deutscher Reichskanzler, noch dazu als Bismarcks Nachfolger "Politik machen" werde. Nicht ein Wort von dieser "Behauptung" habe ich damals geglaubt. Unvorsichtig gab ich dem Zweifel auch noch schriftlich Ausdruck, machte "Witze" über die Abstammung Caprivis von dem slovenischen Geschlecht der Kopriva. Sehr bald ging ein Platzregen von brieflichen Nachweisen, Urkundenabschriften usw. auf den spottlustigen Zweifler nieder. Heute weiß ich auf Grund gewissenhafter Forschungen, daß Caprivi wirklich ein umgemodelter Kopriva gewesen ist.
Auf Dauer und noch dazu im wonnigen Gelände von Römerbad konnte aber auch der "gehorsame Soldat" Caprivi, den Wilhelm II. zum Reichskanzlerdienst einfach "befohlen" hatte, nicht fesseln. Das Herz flog dem Freunde R.U. entgegen, der den Vorschlag gemacht hatte, sein neugekauftes Automobil zu einer Fahrt nach "Halbasien", hinunter zu den Wasserwundern von Plitvice im südlichsten Zipfel von Kroatien zu erproben.
Praktisches Geographiestudium! Reisen bildet!
"Automobilfahren ist schöner noch als Jagd und Liebe!"
Dieser Ausspruch kühlte meine Begeisterung ab. Doch der Süden, der mir unbekannte Süden Kroatiens, die Schilderungen von der märchenhaften Schönheit der Korana und von Plitvice gaben den Ausschlag!
Also los!
Drei Stunden flinker Fahrt, und wir beguckten die fast unleserliche Aufschrift auf Eisentafeln, die auf dicken, rotweißblau angestrichenen Holzpfählen thronten: "Hrvatska i Slavonia". (Kroatien und Slavonien). Damals ein Königreich, das zu Ungarn gehörte, deshalb das ungarische Staatswappen auch am Schilde jeder Tabaktrafik. Das Wort Goethes vom Deutschen, der keinen Franzmann leiden kann, doch seine Weine gerne trinkt, hätte man damals mit gewissen Veränderungen auf Kroatien anwenden können. Viel Zuneigung für ungarische Freiheit in Gesetzgebung und Verwaltung, "Autonomie der Munizipien" (Selbständigkeit der Gemeinden) usw., Komitatsselbstherrlichkeit, das paßte den Hrvaten; daß die kroatische Sprache für Ortsnamen, Schule und Verkehr auf Landstraßen und bei Behörden im Lande "zugestanden" war, bildete ein Ärgernis wegen der Form der "Konzession"; denn die Bestrebungen, die auf Magyarisierung hinausliefen, kannte man in Kroatien so gut wie in Budapest; man wußte auch, daß Kaiser Franz Joseph den Kroaten ihre Sprache in Land, Amt und Schule erhalten wollte, jeder Magyarisierung widerstrebte. Als aber die ungarische Regierung verfügte, daß die Verkehrssprache auf den Eisenbahnen (M.A.V. = magyar allam vasutak, ungarische Eisenbahnen; alter deutscher Eisenbahnerwitz in der Übersetzung: M.A.V. = "miserabelste aller Verwaltungen") "magyarisch" auch in Kroatien und Slavonien sein müsse, war es aus mit der "Zuneigung" der Südslaven für—ungarische Freiheit usw. Damals "liebten" die Kroaten die gewalttätigen Magyaren "tödlich"….
Gottlob wurde diese "Liebe" nicht auf uns deutsche "Benzinisten" übertragen; gelegentliche Versuche kroatischer Kinder, dem Kraftwagen Steine nachzuwerfen, hatten nichts zu bedeuten.
In Hotels wurden lediglich die Ohren gespitzt; man wollte hören, welcher Sprache die Automobilisten sich bedienten. Als Deutsche wurden wir freundlich und gut bedient.
Was der Name "Kroat", slavisch Hrvat, Horvat, Arvat, eigentlich bedeutet, wissen die Kroaten selber nicht. In Agram war es vor zehn Jahren ganz unbekannt, daß die Erklärung des Namens im—Titel des Bischofs von Zengg steckt! Der Titel lautet: "Bischof von Modrusch und Korbavia". Letzteres Wort stammt von "Korba", das sich im Russischen erhalten und die Bedeutung hat: nasse, sumpfige Gegend. Dieses Korba steckt in den topographischen Namen: Korpula, Skorba, Karwin, Charbin. Die Bewohner wie die Grenzgegenden an der "Korba" in alter Zeit erhielten den Namen "Korbati", was Ufergebirge, Uferbewohner bedeutet. Aus "Korbati" wurde dann: Chorbaten, Karwaten (Karpaten), Kroaten.
Deutschland machte die Bekanntschaft mit den Kroaten, mit ihrem Mut, mit ihrer Beutegier und Grausamkeit im Laufe des Dreißigjährigen Krieges. Der Name "Kroat" (Krawat) wurde ein Schimpfwort im Deutschen ("Schimpf" in neuerer Bedeutung, nicht in der mittelalterlichen, wo das Wort soviel wie Vergnügen, Unterhaltung bedeutete); dazu hat ab 1740 Baron von der Trenck mit seinen Panduren und Greueltaten sein Teil reichlich beigetragen. Nicht mit Unrecht sagt der Kroate Dr. von Tkalac im Vorwort zu seinen "Erinnerungen": "Kroatien und die Kroaten spielen in der deutschen Litteratur keine erfreuliche Rolle. Daß die Kroaten bei dem letzten großen Einfall der Mongolen im Jahre 1242 durch ihren Sieg in Grobnik (bei Fiume) Europa vor Verwüstung und Barbarei gerettet, daß sie jahrhundertelang eine Vormauer Europas gegen das damals noch mächtige Türkentum bildeten, ist weit weniger bekannt, als daß sie dem Hause Habsburg im Dreißigjährigen, im Erbfolgekrieg von 1740 und im Siebenjährigen Krieg Heerfolge und Schergendienste leisteten und sich dadurch die Feindschaft der abendländischen Völker zuzogen. In 'Wallensteins Lager' läßt Schiller von einem Scharfschützen einen kroatischen Soldaten mit den Worten ansprechen: 'Kroat, wo hast du das Halsband gestohlen?' Der Kroat antwortet: 'Du willst mich betrügen, Schütz', und der Trompeter bestätigt dies: 'Seht nur, wie der den Kroaten prellt?' Die Gaunerei des Scharfschützen macht auf die Zuhörer keinen Eindruck, aber seine Ansprache: 'Kroat, wo hast du das Halsband gestohlen?' bewirkt eine Erschütterung des Zwerchfells, die nicht wieder vergessen wird. Und wenn nun gar in geographischen und geschichtlichen Werken Kroatien als ein Land dargestellt wird, das von verschiedenen halbwilden Völkerschaften, namentlich von Panduren, Hajduken, Schereschanern, Morlaken, Uskoken, Primorzen, Schokatzen, Raitzen usw. bewohnt wird, wissen gar viele nicht, daß die Mark Brandenburg von einer Menge verschiedener Völkerschaften, wie Potsdamern, Charlottenburgern, Teltowern, Schönebergern, Lichterfeldern usw., bewohnt wird. Ich will nun freilich nicht behaupten, daß Kroatien das irdische Paradies und die Kroaten das auserwählte Volk Gottes seien, aber wenn man sich für die unwirtlichsten Länder Innerafrikes und Zentralasiens und für deren wilde und stupide Bevölkerungen interessiert, würde wohl auch das nicht so fern liegende Kroatien und sein Volk verdienen, daß man sich in Deutschland über beide besser unterrichtete." Bitter klagte Dr. von Tkalac auch darüber, daß er als Universitätsstudent in Berlin als eine Art ethnographisches Wundertier, weil Kroat von Geburt, angestaunt wurde. Eine den höchsten Kreisen Berlins angehörende Dame konnte es überhaupt nicht begreifen, daß ein Universitätsstudent, der Griechisch und Latein verstand und Italienisch, Französisch und Deutsch sprach, ein—Kroat sein konnte.
Ähnliche und bittere Klagen zu erheben, hatten die Slovenen vielfach Ursache, die man stets zum Dienervolk herunterdrücken wollte, und deren Sprache man bestenfalls als Verständigungsmittel für Dienstboten bezeichnete. Wer viel und lang in slovenischen Familien der Intelligenz verkehrte, mußte zur Überzeugung gelangen, daß überlange ungerechte Behandlung, gewaltsame Unterdrückung eine gefährliche Verbitterung im slovenischen Volke heraufbeschwören werde. Zündstoff war mehr als genug vorhanden. Die überstürzte Gründung der schlecht geleimten "Drzava SHS" war allerdings nicht vorauszusehen. Seitens der Slovenen und Kroaten ist sie ein menschlich begreiflicher Racheakt. Und "Rache ist süß". Ist sie aber genügend ausgekostet, wird auch die Verbitterung weichen, bei den Südslaven und Deutschen der südlichen Gebiete die Vernunft einkehren und lehren, daß man aufeinander angewiesen sei und miteinander leben müsse. Hoffentlich dann beiderseits mit weiser Mäßigung in Politik und nationalen "Gefühlen"….
Auf der flinken Fahrt zu den so gut wie unbekannten Wasserwundern von Plitvice macht man erstmals die Bekanntschaft mit der stahlblauen Korana in Karlstadt, wo sich Kulpa und Korana, diese interessanten Flüsse Kroatiens, vereinen. Was doch die Neuzeit alles schafft! Aus einer wuchtigen Grenzfestung, die im sechzehnten Jahrhundert als Trutzburg gegen die nahe Türkei (Türkisch-Bosnien) angelegt wurde, aus dem düsteren, blutgetränkten Städtle Karlovatz ist eine moderne, fast elegant zu nennende, freundliche Stadt mit schönen Gebäuden geworden.
Für Reisen im Kraftwagen sind immer von Wichtigkeit die Straßenverhältnisse und Charaktereigenschaften der Bevölkerung des jeweils zu durchfahrenden Landes. Die Gutmütigkeit des kroatischen Volkes, solange der Kroat keinen Schnaps im Leibe hat, wird gerühmt; dicht neben ihr sitzt aber die "negative Intelligenz", die sich in Kopflosigkeit äußert, wenn ein Automobil herankommt. Ein lammfrommes Pferd muß erschrecken, so der Fuhrmann ihm plötzlich mit den Händen an den Kopf greift und die Augen verdeckt. Just im gefährlichsten Moment, da der Kraftwagen vorüberfährt, erweist sich die Neugierde viel stärker als die Vorsicht; der Bauer benötigt zweifellos die Hände zum—Schauen, zieht sie also von den Augen des Pferdes weg, und der Zusammenprall ist fertig….
Wenige Stunden hinter Karlstadt beginnt die Melancholie des Karstlandes, genannt Lika, ein begrüntes Gebiet, aus dem stellenweise stattliche Berge, kahle Felshäupter aufragen; tief eingerissen sind die wenigen Flußtäler mit Wasserläufen, die plötzlich im Boden verschwinden, unterirdisch Seen bilden und unvermittelt wieder zutage treten. Auch die Korana hat solche "Mucken". Eine eigenartige Welt, echtes Karstgebiet mit seinen Eigenheiten, das im nördlichen Teil der fruchtbaren Täler und Dolmen nicht entbehrt. Herbe spärliche Schönheit in tiefster Melancholie, wie sie aus Lenaus Gedichten weht….
Beim türkisch angelegten Städtchen Slujn prahlt die lichtblaue Korana erstmals mit ihrer Schönheit in überraschenden Wasserfällen.
Nach Süden steigert sich die öde der Lika zur Schaurigkeit, überall steile Höhen, tiefe Schluchten, freiliegendes Gestein, in den Dolinen wenig Ackerboden, geringwertige Weideplätze. Winzige Dörfer, deren trostlose Häuschen tief im Boden stecken, mit Stroh oder Dünger gedeckt sind. So eine "Wohnstätte" enthält einen einzigen Raum, den die Familie, Ziegen, Schweine, Hühner und etliche Gänse "bewohnen". Der Winter soll in der Lika sehr streng und lang (6-7 Monate) sein und enorme Schneefälle bringen. Die Lika umfaßt 6212 Quadratkilometer, hat eine Bevölkerung von rund 192000 Seelen und besaß (1890) im Städtle Gospic eine einzige Apotheke für die ganze Provinz!
Stundenlang währte die Fahrt durch dieses melancholische Karstgelände.
Dann endlich erklomm das ratternde Auto eine letzte Anhöhe, bekrönt von
einer steinernen Kanzel hart an der schmalen Straße. Ein auffallendes
Bauwerk in weltentlegener, schauriger Einsamkeit, das eine
Zweckerforschung geradezu erzwingt.
Ein Blick in die Tiefe, ein Ruf höchster Überraschung!
In einer wohl hundert Meter tiefen Erosionsschlucht entwickelt die hier smaragdgrüne Korana die zaubervollste Romantik: viele weißschäumende Kaskaden, blaue Bassins, graugrüne Seen, entzückend geformte Terrassen inmitten wuchtig starrender Sturzfelsen. Wahrhaftige Wasserwunder, märchenschöne Gebilde, erzeugt von einem einzigen Wildbach. Die Pforte zu einem Paradiese auf südkroatischem Boden!
In drängender Sehnsucht nun weiter mit der Höchstgeschwindigkeit des
Kraftwagens, hinein in die Märchenwelt von Plitvice.
Ein blauschimmernder See, umrahmt von herrlich prangenden Wäldern, die
Üppigkeit einer Tropenwelt; hochstämmige Buchen mit mächtigsten Kronen,
dichtbemantelte Edeltannen, Ahorn massenhaft mit großartigem Wuchs.
Nicht minder häufig die Eibe, doch nur als Gestrüpp. Ein ungeheurer
Naturpark, überwältigende Waldeinsamkeit bei einem unglaublichen
Wasserreichtum. Der untere (Kozjak-) See schillert in seltsamen
Farbentönen, bald tiefblau, dann smaragdgrün, gelb und grau.
Auf grüner Anhöhe thront das vom Agramer Komitee zur Erschließung der
Plitvicer Wasserpracht erbaute Hotel.
Auf die Länge von acht Kilometern sind hier zusammengedrängt 13 (!) Seen und 30 (!) entzückende Wasserfälle bei einem Höhenunterschiede von rund 200 Metern. Wasserwunder der bescheidenen blauen Korana, der Tochter des Kapelagebirges, die nach dem Verlassen des Plitvicer Märchengebietes alsbald im Karstboden versinkt, später wieder zutage tritt, als unscheinbares Flüßchen nach Norden eilt und sich bei Karlstadt mit der schiffbaren Kulpa vereinigt.
Jeder der dreizehn Seen von Plitvice (kroatisch und russisch plit =
Felsplatte) zeigt sich anders hinsichtlich der Konfiguration und
Wasserfarbe; das Farbenspiel ist von der Temperatur abhängig, unter
fünfzehn Grad Celsius erscheinen alle Seen grau!
So alt das Haus Habsburg geworden war, von männlichen Mitgliedern hatte sich kein Prinz je nach—Plitvice "verirrt". Die Kronprinzessin Stefanie, jetzige Gräfin Lonyay, ließ sich gelegentlich einer Quarnerofahrt bereden, von Zengg an der kroatischen Küste aus die Märchenwelt von Plitvice zu besuchen. So qualvoll die Wagenfahrt gewesen, die Dame hatte den Besuch nicht bereut; sie war sprachlos vor Überraschung.
Wenn es erlaubt ist, meinen Eindruck mit einem einzigen Wort zu erwähnen, so wäre zu sagen, daß ich "tirolisch" gerufen habe: "Oha!" Mehr Worte standen nicht zur Verfügung…. Das Staunen war zu groß. Der Eindruck viel gewaltiger als etliche Tage später hoch am Vratnik beim ersten Anblick der tief unten blauenden Adria, die der "Benzinist" bereits kannte. Daß das Erscheinen eines Reichsdeutschen in Plitvice, im südlichsten Zipfel Kroatiens, Aufsehen erregte, ist begreiflich; haben ja noch wenige—Kroaten den weiten mühevollen Weg "hinunter" gefunden. Die Regierung Kroatiens hatte sich Jahrzehnte hindurch bemüht, der Pester "Hegemonie" eine Bahnverbindung von Ogulin nach Plitvice zur Erschließung der Wasserwunder abzuringen. Immer vergeblich! Plitvice liegt auf—kroatischem Boden, nicht auf ungarischer bzw. magyarischer Erde. Vor etwa acht Jahren war es gelungen, eine Verbindung mit Hilfe eines—Postautomobils zu schaffen. Sechs Personen hatten darin Platz, und zur Besichtigung der Wasserwunder von Plitvice war—eine ganze Stunde Zeit gegeben. Wer diese Verfügung ersonnen, hätte verdient, strafweise "Präsident" der "Drzava SHS" zu werden…. Oder "Ehrenbürger von München" während der "wonnigen Tage der Räterepublik 1919".
An sich aber war die Verfügung sehr nett, nämlich als durchschlagender Beweis, daß "St. Bureaukratius" auch in der slavischen Welt gedeiht! Eine einzige Stunde Besichtigungszeit für das größte Wasserwunder des Erdballs!!! Einfach "köstlich"! Doch es gibt auch für jenen südslavischen St. Bureaukratius eine Entschuldigung in der Person jenes Altmünchener Hausbesitzers, der in jener Zeit, als München noch München, eine reinliche gemütliche Stadt und nicht spartakistisch durchseucht war, nach Paris fuhr, drei Tage später aber schon wieder im "königlich bayerischen" Hofbräuhause saß und die erstaunten Freunderln bezüglich der überraschend schnellen Rückkehr dahin aufklärte, daß in Paris "auch nichts los" sei. Alles gesehen, alles sei genau wie in München. "Auf dem Père la chaise einmal—herumgetanzt, is aa nix!"———
In Plitvice kann man, was im Flachlande Kroatiens unmöglich ist, reichlich und gefahrlos—Wasser trinken. Wein ist aber besser, der Slibovitz ausgezeichnet.
Wir haben uns bemüht, möglichst viel von den Wasserwundern dieser südkroatischen Märchenwelt auf die photographische Platte zu bringen. Doch der beste Apparat kann nicht das unsäglich schöne Farbenspiel offenbaren. Wollte ein gottbegnadeter Künstler sie malen, den Menschen möchte ich kennen lernen, der beim Anschauen der Bilder dem Maler glaubt, die Wahrheit auf die Leinwand gezaubert zu haben….
In Agram kann man immer viel Dinge hören, die man nicht zu glauben braucht. Die Versicherung, daß es in der Lika schon längst keine Räuber mehr gibt, das Reisen völlig sicher und gefahrlos sei, hatte mein "Automobilherr" mit Vergnügen entgegengenommen. Mir war in Erinnerung, in einem Geschichtswerk gelesen zu haben: "Ni gora bez vuka, ni Lika bez hajduka!" (Weder ist das Gebirge ohne Wölfe noch die Lika ohne Räuber!) Der Spruch stammt aus unruhigen Zeiten, als noch den Nordkroaten und Slavoniern Likabewohner und Räuber sinnverwandte Worte waren. Zu lesen war aber auch, daß der Likaner damals nicht aus Habsucht Hajduk wurde, sondern aus gekränktem—Ehrgefühl wegen Verprügelung; unter dem überstrengen Grenzregime wurde das geringste Vergehen grausam mit Stockschlägen usw. bestraft. Entehrenden Strafen zu entgehen, flohen die kurzhändig Verurteilten ins Gebirge; bitterste Not und Verzweiflung machten die Hungernden dann zu Räubern. Als Kaiser Franz Joseph die Leibesstrafe, die grausame Verprügelung, aufhob, hörten in der Lika die Räubereien sehr rasch auf. Der letzte Hajduk namens Toma Kovacevic aus Vranik wurde im Jahre 1872 hingerichtet.
Von alledem sagte ich kein Wort. Aber als "Justamentmensch" und echt bayerischer Dickschädel wollte ich bezüglich der öffentlichen Sicherheit im südlichsten Zipfel Kroatiens und hart an der bosnischen Grenze, also "fern von Europa" eine "Probe auf das Exempel" machen, es auf einen räuberischen Überfall ankommen lassen. Also wurde die Geldtasche im Kasten des Hotelzimmers versperrt, als einzige Waffe wie immer nach alter Gewohnheit das griffeste Jagdmesser mitgenommen. Speiste vorher mit den Reisegenossen zu abend, und dann ging ich bei salzburgischem Schnürlregen "im Mondschein spazieren". Ein Ausflug in pechschwarzer Nacht auf einsamer Landstraße zur bosnischen Grenze. Mutterseelenallein und furchtlos, neugierig und erpicht, mit likanischen Räubern Bekanntschaft zu machen und etliche Worte auf Südkroatisch wechseln zu können.
"Schrecklich solide" Leute diese Likaner. Bleiben bei Muttern zu Hause, wenn es finster ist und schnürlregnet, lieben die Trockenheit und Wärme. Ein Vergnügen war dieser frostige Spaziergang so tief im Süden wirklich nicht; aber "poetisch" das Geheul frierender Dorfköter in langgezogenen elegischen Tönen.
Unweit des zweiten Dorfes auf dieser einsamen trutzigen Wanderung endlich ein verdächtiges Geräusch. Ein Knacken von Holz, das etwas Ähnlichkeit mit dem Aufziehen von Gewehrhähnen hatte. Also doch! Und gleich mehrere Räuber und schußbereit!
Nein! Richtige Raubgesellen machen vor dem Angriff nicht so blöden Lärm; auch ist es nicht üblich, daß echte Hajduken sich angesichts des Menschen, der überfallen werden soll, am Boden wälzen….
Zwei Esel waren die Spektakelmacher, zwei arme Langohrige, die zur Nachtruhe die Packsättel los werden wollten. Eine Grausamkeit höherer Art, den armen Lasttieren niemals die Traggestelle vom Rücken zu nehmen. Damals war mir noch nicht bekannt, daß nicht Grausamkeit vorliegt, sondern tiefgewurzelter, bei den Südslaven unausrottbarer Aberglauben, wonach die Stellen, wo sich Esel wälzten, dem Menschen "fürchterliches" Unglück bringen. Man läßt, beispielsweise auf der Insel Lissa, dem Grauen den Packsattel ständig auf dem Rücken, damit der Esel sich nie richtig wälzen kann…. In der Nähe des lissanischen Städtchens Comisa hielt mich mein Begleiter mit—Gewalt ab, den Fleck zu betreten, auf dem ein Langohr Wälzversuche machte, um das lästige Gestell vom Rücken zu bringen.
Mit dem Raubüberfall war es also nichts. Demgemäß weitergewandert auf der einsamen Landstraße durch Nacht und Finsternis. Auf südkroatischem Boden mit dem Eigensinn und Trotz des niederbayerischen Dickschädels!
Irgendein Mensch, Kroat oder Bosniak, wird mir doch begegnen in dieser
Finsternis. Und wissen, erleben wollte ich, ob der südslawische
Mitmensch den einsamen Bajuvaren anbetteln oder niederzuschlagen
versuchen werde.
Der Schnürlregen hatte aufgehört; kühl wehte ein "südliches" Windchen, glitschigfeucht war die Straße. Ein schlechtes Wandern.
Im Dickschädel regte sich die—Vernunft mit dem Gedanken, daß das Hotel in Plitvice erreicht werden müsse, bevor der Pförtner sich zur Nachtruhe begibt. Denn dem Wanderer fehlte der Hausschlüssel, und Hotelportiers im ersten Schlafe "orgeln" überall sehr fest, hören in diesem Zustande schlecht.
Jetzt umkehren? Ohne einem Kroaten auf einsamer nachtumfangener
Landstraße begegnet und angegriffen worden zu sein? Nicht um das ganze
Königreich Kroatien! Auch dann nicht, wenn die kühle regenfeuchte Nacht
"fern von Europa" im Freien obdachlos verbracht werden müßte!
Der Dickschädel aus Niederbayern gibt nicht nach ohne Zwang! Und der Zwang muß überwältigend stark sein; ansonsten erreicht er nur gesteigerten Trotz.
Justament wurde weitergewandert.
Irgendwo vor mir erscholl Hundegebell. Also mußte ein Dorf oder doch ein Gehöft an der Straße liegen, ein Mensch durchgewandert oder doch vorübergegangen sein. Vielleicht pilgerte der nächtliche Wanderer mir entgegen? Wenn ja, bräuchte ich nicht länger weiterzumarschieren, könnte alsbald umkehren, in das Hotel zurückkehren; vorausgesetzt, daß der Dickschädel noch im Besitz seiner Spazierhölzer und sonst heilgeblieben sein wird.
Der Trotz schließt die Vorsicht nicht aus. Niederschlagen lassen lediglich aus Interesse für kroatische Verhältnisse wäre—übertriebene Sympathie, Abwehr eines Angriffs hingegen Pflicht der Selbsterhaltung. Demgemäß wurde der hemmende Wettermantel, wiewohl tropfnaß, gerollt und auf die linke Schulter genommen, das Jagdmesser in der Scheide gelockert, griffbereit gemacht.
Zu sehen war der "Entgegenkömmling" nicht, aber zu hören, denn fest der Tritt auf der quietschendnassen Straße. Demnach kein Bosniak in Opanken, sondern ein Kroat in soliden Stiefeln, oder ein Obersteirer in grobgenähten Goiserner Bergschuhen.
Der Luftzug wehte entgegen, brachte aber keine "Witterung" von dem nächtlichen Wanderer, der Kerl rauchte nicht. Ein Kroat, der nicht raucht, ist deshalb zwar noch nicht "suspekt", aber immerhin eine Ausnahme, wenn er Tobak besitzt. Ein leidenschaftlicher Raucher ohne Rauchzeug kann unter Umständen gefährlich werden.
Vorsichtshalber wurde das Jagdmesser nun doch ganz aus der Lederscheide genommen, die scharfgeschliffene Klinge in der Hand bereitgehalten. Hieb oder Stich je nach Bedarf augenblicklich möglich. In Notwehr selbstverständlich.
Auf Entfernung von etwa zwanzig Schritten mußte der Kerl gemerkt haben, daß ihm ein Mensch entgegenkam; er blieb stehen und horchte.
Das tat auch meine Wenigkeit. Überdies schnupperte ich, da der Wind etwas wie—Schafwitterung an die Nase brachte. Sind—Schafhirten gefährlich? Ich glaubte nicht daran und schritt weiter.
Nur noch fünf Schritte Entfernung. Schafdunst zum Übelwerden.
Distanz zwei Schritt. Der Kerl hob einen Arm in die Höhe. Das sah aus, als sei ein Schlag auf mein deutsches "Denker"haupt beabsichtigt. Aber der "Schafene" hatte keinen Stock in der Faust. Ob etwa einen Stein, das war in der Finsternis nicht zu erkennen. Groß und demgemäß gefährlich konnte der "Stein" nicht sein. Ein Steinchen brauchte der festgebaute bayerische Dickschädel nicht zu fürchten. Also drauf ankommen lassen! Schlägt der Kerl zu, bekommt er im selben Augenblick die Klinge des Jagdmessers in die Brust.
Ein Zuruf, zwei Worte in kroatischer Sprache: "Dobro noc!" (Gute Nacht!) Weich im Dialekt gesprochen, Schafwitterung dazu, dick und aufdringlich.
Dank meinerseits im Vorübergehen: "Lahko noc!" (Leichte Nacht!) und dazu ein Auflachen der Selbstverspottung wie des Vergnügens darüber, daß der Kerl sich vor mir—gefürchtet hatte.
So endete das "furchtbare" Abenteuer zu nächtlicher Stunde auf einsamer
Landstraße tief im Süden Kroatiens, im "Räuberwinkel" "fern von Europa".
Eine Wahl ohne Ochsen, ohne Wein.
Im Kroatien der dreißiger Jahre stand die ungarische Feudalverfassung in Geltung; der Schwerpunkt des gesamten Verwaltungssystems lag in der Autonomie der Komitate. An der Spitze der Komitate standen jeweils entweder ein erblicher oder ein vom König ernannter Obergespan (supremus comes, kroatisch: veliki zupan = großer Führer). Dem Obergespan untergeordnet waren zwei Vizegespane (podzupani), die Ober- und Vizestuhlrichter sowie die Notare als Vollzugsorgane der Verwaltung und der Rechtsprechung (Gerichte). Justiz und Verwaltung waren damals wie überall in diesen Organen vereinigt (so z.B. in Tirol, in Bayern usw.). Diese Organe wurden in Kroatien—gewählt und zwar von der "Kongegration" des im Komitat ansässigen Adels auf jeweils drei Jahre. "Dekretiert" war, daß diese Wahl, die zu jener Zeit auf lateinisch "restauratio" genannt wurde, "frei" sein sollte, von der Regierung nicht beeinflußt werden durfte. Was eine "Wahl" nach ungarischem Muster, "frei" und von der Regierung nicht "beeinflußt", bedeutet, weiß heutzutage jeder Gymnasiast und Realschüler. Wie aber vor 1848 in Kroatien "gewählt" wurde, erzählt Dr. von Tkalac in seinen "Jugenderinnerungen" auf Grund von Mitteilungen, die er aus dem Munde des—bereits genannten—Agramer Obergespans Nikola von Zdencaj, eines "berühmten Wahlmachers", selbst erhalten hatte. Die Darstellung ist, wie mir auf mehrfache Umfragen bestätigt wurde, richtig und einwandfrei, wiewohl sie jedem Begriff von "Wahl" ins Gesicht schlägt und das Dekret, betr. "Nichtbeeinflussung", in noch nicht dagewesener Weise verhöhnt. Doch zu den Verhältnissen jener Feudalzeit paßte der Vorgang im Komitat Turopolje (Türkenfeld) zu Agram, Anfang der dreißiger Jahre, ganz ausgezeichnet; die Wahl eines Vizegespans bleibt typisch und ist wohl in Ewigkeit bezüglich "Freiheit" und "Nichtbeeinflussung" nicht zu übertreffen. Sogar die gegenwärtige jugoslavische Briefzensur in Agram, so Erstaunliches sie leistet, ist kaum ein Abglanz jener großartigen Willkürherrschaft seitens der Komitatsgewaltigen.
Der Agramer Obergespan des Komitates Turopolje, Nikola von Zdencaj, sah der nötig gewordenen Neuwahl des ersten Vizegespans, der "Restauration", aus dem Grunde mit gewissem Unbehagen entgegen, weil sich sein Gehilfe Lentulaj (etwa mit Ruderer, Steuerer, Lenker zu übersetzen) der Neuwahl unterziehen mußte, Zdencaj diesen sehr verständigen, rechtlichen und diensterfahrenen Beamten nicht verlieren wollte. Die Gefahr solchen Verlustes war groß, da die Gegenpartei nicht Lentulaj, sondern einen Herrn Cegetek (Zwitscherer), einen kreuzbraven Mann, aber von geringen Verwaltungsfähigkeiten, "korteschierte", d. h. für ihn die Wahlagitation betrieb. Ein Teil des Landadels ließ ziemlich viel Geld springen, Gutsbesitzer spendeten Wein in Gebinden und Ochsen, welch letztere im ganzen am Spieß zur Belebung der Wahlstimmung auf dem Marktplatz in Agram gebraten werden sollten, jeden Abend zwei Ochsen bis zum Wahlschluß. "Wein in Strömen". Kein Wunder deshalb, daß die Turopoljer in dichten Scharen schon vor dem Wahltage nach Agram zogen und die schöne Stadt "bevölkerten". Für Speise und Trank war ja reichlich gesorgt; außerdem zogen diese Scharen lärmend und singend zur Belebung der Wahlstimmung unter Führung von Anhängern Cegeteks von Kneipe zu Kneipe.
Verbieten konnte der Komitatsgewaltige diese Umzüge der Turopoljer nicht, überhaupt vor der Wahl nicht eingreifen; das "Dekret" mußte "beachtet" werden "vor" den Wahltagen, wenigstens der Schein der Nichtbeeinflussung gewahrt werden. Mit Wein und Bratochsen zugunsten des ihm sympathischen Wahlkandidaten Lentulaj durfte Herr von Zdencaj nicht "operieren".
Lentulaj selbst ließ angesichts der starkbetriebenen "Korteschierung" Cegeteks die Ohren hängen und die Hoffnung sinken. Am letzten Abend vor der Wahl sah er sich den Rummel auf dem Hauptplatz an, wo die Anhänger Cegeteks in weinseliger Begeisterung die am Bratspieß "duftenden" Ochsen betrachteten und ihren Kandidaten "hochleben" ließen.
Es war nichts zu wollen, gegen Cegeteks Freunde nicht aufzukommen. In gedrückter Stimmung ging Lentulaj zum Chef, dem Obergespan Nikola von Zdencaj, und klagte ihm das Wahlleid: "Keine, nicht die geringste Aussicht, amice, selbst wenn ich Geld für zehn Ochsen und hundert Fässer Wein bester Sorte hätte! Ich werde nicht gewählt werden, mit Glanz durchfallen!"
Der Komitatsgewaltige hatte zwar noch keine Idee, wie der sympathische Wahlwerber und Vizegespan "durchgedrückt" werden könnte, aber entschlossen war Herr von Zdencaj zu einer "männlich festen" Tat. Also lachte er zunächst und sprach die aufmunternden Worte. "Laß mich nur machen! Du wirst zum ersten Vizegespan 'gewählt' werden, ohne Wein und ohne Ochsen! Ich bürge dafür!"
Lentulaj dankte, glaubte nicht an solche Möglichkeit, hoffte aber doch, da er die—Willenskraft des Obergespans aus dem Dienstleben kannte, und verbrachte eine schlechte Nacht zwischen schmerzlichem Verzicht und beseligender Hoffnung.
Schon um acht Uhr morgens war der Sitzungssaal des Komitathauses, "Aula" genannt, als Wahllokal, von Wahlberechtigten und Neugierigen, die dort nichts zu tun hatten, dicht gefüllt. Der Obergespan Nikola von Zdencaj konnte sich durch die Menschenmenge nur mit Mühe hindurchdrängen und seinen Platz an dem Präsidialtische erreichen.
Sonst als Komitatsgewaltiger ein kleiner Herrgott, war der Obergespan diesmal nur eine geduldete, wenig beachtete Persönlichkeit, der Wahlleiter, weiter nichts. Im Stimmengewirr, dem Summen in einem Bienenkorbe ähnlich, ging seine Ansprache völlig verloren; die Wähler hörten wenig, die Anhänger Cegeteks gar nicht auf die Rede Zdencajs, mit der die Wahlhandlung eröffnet wurde.
Verärgert forderte der Obergespan "Silentium", und dann schrie er in den menschenüberfüllten Saal die Mitteilung, daß zwei Kandidaten, die Herren von Lentulaj und Cegetek, zur Wahl stehen, einer von ihnen für den Posten des Vizegespans zu wählen sei, und zwar der Einfachheit halber "per acclamationem", durch Zuruf.
Diese "Einfachheit" paßte den Anhängern Cegeteks, die in erdrückender
Mehrheit im Saale erschienen waren, ausgezeichnet in den Kram.
Donnerähnlich wuchtig und brausend erschollen die Rufe aus Hunderten von
Kehlen. "Wir wollen den Cegetek!"
Über die Lage konnte kein Zweifel mehr bestehen: es stand ein einziger Mann, der Obergespan allein, gegen eine erdrückende Mehrheit von Gegnern, die fest entschlossen waren, nicht zu wanken, nicht nachzulassen, bis ihr Wille durchgesetzt sei. Den Willen, nicht Cegetek, sondern seinen erprobten Amtshelfer von Lentulaj "wählen zu lassen", hatte aber der Obergespan. Und zum Willen hatte Herr von Zdencaj auch noch die Kaltblütigkeit, wiewohl er gleich den Wählern Kroate, ein sonst hitziger Südslave war. Also rief der Obergespan dröhnend in den Saal: "Silentium! Ich kandidiere zwei Herren: Lentulaj und Cegetek? Wer davon ist genehm? Lentulaj oder Cegetek?"
Ein ohrenbetäubendes Gebrüll brach los. Sämtliche Anwesende im Saale, ausgenommen die Herren am Präsidialtische, tobten und brüllten den Namen: "Cegetek!"
Obergespan v. Zdencaj blieb ruhig und klaren Kopfes, wiewohl er den
Ausruf zum dritten Male in den Saal schrie: "Silentium! Cegetek oder
Lentulaj!"
In höchstgesteigerter Erregung, gereizt und aufgestachelt durch das
Verhalten des Präsidenten, der immer wieder den Namen des
Gegenkandidaten nannte, brüllte die Mehrheit. "Cegetek! Nur Cegetek!
Kein anderer! Cegetek!"
Ein Stocktauber, ja ein—Toter hätte den Donnerruf, den in fanatischer
Wut gebrüllten Namen: "Cegetek!" hören müssen.
Der Obergespan wollte ihn aber nicht hören. Herr von Zdencaj legte die
Hand als Schallbecher an das rechte Ohr, tat so, als horche er
angestrengt, und schüttelte in prachtvoll geheuchelter Gelassenheit den
Kopf.
Augenblicklich wurde es still im Saale.
Jetzt verkündete der Obergespan mit köstlichem ruhigem Spott: "Ich höre nur den Namen—Lentulaj!"
Ein Stutzen erst, dann brach der Entrüstungssturm los, donnernd, kreischend, vom Baß hinaufreichend bis zu den Fisteltönen hellster Wut. "Nicht Lentulaj, sondern Cegetek!"
Bisher hatte Nikola von Zdencaj, in Wahrung seiner Würde als Komitatsgewaltiger, von seinem rotgepolsterten Fauteuil aus, sitzend zur Wählermasse gesprochen. Nun stand er auf zum Zeichen, daß eine offizielle Mitteilung verkündet werde.
Die Wähler verstummten in gespanntester Erwartung und horchten.
Herr von Zdencaj in unerschütterlicher Ruhe erklärte: "Ich habe bisher nur den Namen 'Lentulaj' vernommen. Demgemäß proklamiere ich amtlich in meiner Eigenschaft als Obergespan und Leiter der Wahlhandlung Herrn von Lentulaj als gewählt durch Akklamation zum ersten Vizegespan! Herr von Lentulaj ist—gewählt!" Sprachs und setzte sich.
Viel Hunderte Wutschreie gellten durch den Saal, ein Orkan der Entrüstung entlud sich, wie wahnsinnig tobten die geprellten Anhänger Cegeteks und brüllten den Protest: "Gewaltstreich!—Nichtswürdigkeit!—Gemeinheit!—Sind wir in der Türkei? Wir protestieren—zu Protokoll! Die Proklamation gilt nicht! Sie ist ungiltig!"
Statuengleich saß der Obergespan auf dem roten Fauteuil und wartete ruhig, geduldig. Herr von Zdencaj kannte seine Leute und ließ sie toben, brüllen, protestieren, austoben.
Das dauerte eine Weile—dann aber flaute der Sturm ab. Es wurde etwas ruhiger im Saale.
Der Obergespan verneigte sich leicht gegen die Wählerschaft, wandte sich zum Obernotar am Präsidialtische und befahl mit lauter Stimme: "Die Proklamation Lentulajs ist zu protokollieren!"
Im Saale erst allgemeine Verblüffung. Die Leute waren sprachlos vor Überraschung; denn viele hatten es doch nicht für möglich gehalten, daß der Obergespan angesichts des deutlich genug zum Ausdruck gebrachten Willens der erdrückenden Stimmenmehrheit genau das Gegenteil feststellen werde. Seine Gelassenheit, die souveräne Nichtbeachtung der Mehrheit flößte wie immer jenes Höchstmaß von "Respekt" ein, das teils ein Lachen hilfloser Verlegenheit bewirkt, teils zu Anzeichen ungefährlicher Drohungen reizt. Während ein Teil der übertrumpften Anhänger Cegeteks lachte, ballten andere die Fäuste in ohnmächtiger Wut gegen den schlaueren Obergespan, der klug genug war, jetzt erst recht gelassen zu bleiben und alles unterließ, was einen neuen Sturm hätte erzeugen können. Herr von Zdencaj erhob sich und forderte die Wähler auf, mit Zuruf für die Stelle des zweiten Vizegespans entweder Herrn Cegetek oder Herrn von Busic zu wählen.
Abermalige Verblüffung. Die Aufforderung mit Nennung des Namens "Cegetek" an erster Stelle hatte die Wirkung eines kalten Wasserstrahles auf die erhitzten Köpfe. Die Leute glaubten, daß der Obergespan jetzt ihren Willen erfüllen, Cegetek zum zweiten Vizegespan haben möchte. Das aber wollten die Wähler justament nicht; sie wünschten Rache zu nehmen und Zdencajs "Plan" zu vereiteln.
Mit donnernden Zurufen wurde Herr—Busic gewählt.
Der Obergespan beherrschte sich völlig, nichts deutete an, daß mit dieser Wahl ihm ein Wunsch erfüllt worden war, die Wähler abermals "reingefallen" waren.
Nach erfolgter Protokollierung wurde das Wahlgeschäft geschlossen; die "Komödie" war—aus. Langsam leerte sich der Saal. Und schier jeder Cegetekianer guckte noch einmal nach dem Gewaltigen am Präsidialtische, hoffend, ein Lächeln oder eine Geste des Triumphes erspähen zu können. Doch Herr von Zdencaj wahrte die undurchdringliche Gelassenheit und eiserne vornehme Ruhe, bis er sich in seinem Arbeitszimmer und ohne Beobachter befand. Dann erst schmunzelte er vergnügt.
Nach Jahren äußerte er sich zum jungen Herrn von Tkalac, der ihn wegen dieser "Wahlhandlung", die in Kroatien viel besprochen und belacht worden war, befragte, mit dem Behagen einer angenehmen Erinnerung. "Es kommt bei solchen Gelegenheiten nur auf Willenskraft und Kaltblütigkeit des Obergespans an; wer diese nicht besitzt, wird bei der 'Restauration' immer geschlagen werden. Das Geschrei von hundert Eseln ist nicht soviel wert wie die einzige Stimme eines verständigen und ehrlichen Menschen."
Ob nach Umfluß von drei Jahren jener Herr von Lentulaj nochmals ohne
Ochsen und ohne Wein zum ersten Vizegespan gewählt wurde, ist nicht
festzustellen, da gegenwärtig jede Verbindung mit dem Agramer
Komitatsarchiv unmöglich erscheint.
Die tausendjährige Linde.
Kräftiger und süßer denn je dufteten die Blüten der riesigen uralten, vielleicht tausendjährigen Linde nächst der Kirche von Krasic (Kraschidsch), einem Winzerdorfe an der östlichen Abdachung des Uskokengebirges in Kroatien. Den Slaven war und ist die Linde ein geheiligter Baum, das Wahrzeichen alter Rechte, für Freud und Leid, die Beratungsstelle zum Austrag von wichtigen Gemeindeangelegenheiten, von Streitigkeiten unter den Bauern wie mit der Grundherrschaft. Sommerliche Festlichkeiten, Tanzvergnügungen usw. wurden stets unter der Linde, pod lipom, veranstaltet. Noch in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde jede Dorflinde für unverletzlich gehalten, selbst ein abgestandener Baum niemals gefällt; Sagen und Märchen, viel Aberglauben umrankten die Linde, der man keinen Ast abbrechen durfte, weil jede Beschädigung als Verbrechen ähnlich der Kirchenschändung erachtet wurde. Der Stamm der Riesenlinde von Krasic hatte einen Umfang von mehr als zwei Klaftern; der Baum stand in voller Herrlichkeit und blühte im Juli 1838 so wonnig, kräftig und süß, wie sich die Dorfbewohner und auch der alte Pfarrer nicht erinnern konnten. Es galt in Krasic für sicher, daß dieser außergewöhnlich starke Blütenduft der Dorflinde etwas bedeuten müsse; doch konnte niemand, auch der weißhaarige Zupnik (Pfarrer) nicht, sagen, was die Ursache sei, und was der Duft ankündigen wolle, der über die Gemarkung des Dorfes hinausdrang und, zeitweilig vom Luftzug verweht, sogar in den Weinbergen der Novakovicgora noch wahrzunehmen war.