Ein Gedanke schoß dem "Pfarrer" durch den Schädel. Eine gute Idee, die vollen Erfolg gewährleisten könnte, wenn Mirko mit den Pferden rechtzeitig eintreffen würde. Aber Mirko kam nicht. Auch keine Meldung, ob das Unternehmen begonnen wurde.

Nichts, gar nichts.

Die Zeit rückte vor. Schon riefen die Glocken. Die Gläubigen wanderten zur Kirche.

Der Pope mußte sich beeilen. Während des Ganges zur Kirche brannte in seiner Kutscherseele der heiße Wunsch, daß das Unternehmen gar nicht begonnen worden sein möge. Denn jetzt würde alles zu spät und verloren sein….

In der Kirche war das Volk andächtig, der Pope zerstreut, nicht bei der Sache. Vids Gedanken beschäftigten sich mit—Pferden; er glaubte plötzlich Hufgeklapper vernommen zu haben. Horchte auf, gelangte zur Überzeugung, sich nicht getäuscht zu haben und verkündete der Gemeinde, daß zur besonderen Festesfreude nun um die Kirche ein—"Kolo", ein Rundreigen, unter seiner Führung stattfinden werde.

Kolo, das Nationalvergnügen der Südslaven, ein immer willkommener Reigen für jung und alt, wobei Männer wie Frauen erstaunlich viel Anmut in den Körperbewegungen zu entfalten wissen.

Es verschlug nichts, daß jede Art von Begleitmusik fehlte, der Kolo—im
Schnee stattfinden mußte.

Der Pope führte die vielköpfige Schar der Kirchgänger Hand in Hand im langgedehnten Zuge erst um die Kirche und dann in weitgestrecktem Bogen auf einen freien Platz über die Landstraße. Wohl über vierhundert Füße zertraten den Schnee, vernichteten alle Spuren….

Vid's scharfe Augen gewahrten zwei Gendarmen in Dienstausrüstung. Die Wächter der öffentlichen Ordnung und Sicherheit betrachteten langsam schreitend gewisse Eindrücke im Schnee, gingen auf das Dorf zu.

Ein Nationallied anstimmend, führte Vid seine Schar zurück zur Kirche, um die nun singend der Kolo langsam, würdevoll und anmutig getanzt, d. h. ruhig Hand in Hand geschritten wurde.

Den Gendarmen war die Erfüllung ihrer Dienstpflicht unmöglich gemacht; die verfolgten Eindrücke im Spurschnee waren völlig zertreten von den Kolotänzern. Für den Reigen selbst hatten die Panduren nicht das geringste Interesse. Sie wanderten an der Kirche vorüber, schritten aufmerksam guckend durch das Dorf und kehrten unverrichteter Dinge zurück in den größeren Ort.

Inzwischen hatte ein Schneesturm eingesetzt, der in wenigen Minuten die ganze Gegend verwehte, den heimkehrenden Gendarmen den Marsch erschwerte, den Kolotänzern das Feiertagsvergnügen nahm. Schreiend flüchtete alles in die Häuser und Hütten.

Schneesturm in der Lika. Der tosende Wind aus Südwest, nicht schneidend kalt, eher warm, dennoch durchschauernd, trieb den Schnee in schweren Schwaden vor sich her, suchte den Häusern und Hütten die Dächer wegzureißen und warf dann Schneemengen darauf, die alles zudeckten. Schrilles Saufen in der oberen Luftregion, herunter dumpfes Surren in den Dolinen, gurgelndes Heulen an Hängen und Flächen. Tolles Gewirbel auf der Landstraße, die teils haushoch verweht wurde, auf kurze Striche wie glattrasiert aussah, je nachdem der Sturm sie angreifen, der Bodenwind kesseln und wegfegen konnte, was der Orkan an Schneemassen hingeworfen hatte.

Wie ausgestorben die Gegend, kein Lebewesen außer Hausen ein verdorbener
Feiertag für den Gostionicar, den Wirt, dem die Gäste fehlten.

Nur der Pope hatte einen Gast im Hause, den pfiffigen Mirko, der sich krumm lachte über den von Vid so schlau und prächtig veranstalteten Kolo, wodurch den Gendarmen die Pflichterfüllung vereitelt, die Pferde gerettet wurden. Daß die "entlehnten" Rosse nicht länger in der—Sakristei verbleiben konnten, sah Mirko völlig ein. Aber mit der Angelegenheit wollte er weiter nichts mehr zu tun haben. Bisher war alles Gefälligkeitssache aus nachbarlicher Freundschaft zum Popen; nun aber Schluß. Kein Schritt weiter, kein Fingen rühren.

Vid hingegen sprach seine Meinung dahin aus, daß bei solchem Schneesturm das Verbringen auch nur eines Pferdes nach Karlstadt wenn nicht unmöglich, so lebensgefährlich sein würde.

Mirko hob die Schultern und schluckte Slibowitz dazu. Und mählich wurde er—anzüglich; er stichelte, daß das Wetter gar nicht besser sein könnte für einen "ungesehenen" Pferdetransport, wenn der—kocijas (Kutscher) "tüchtig" sei. Es klang wie Hohn, als Mirko herausquetschte: "Danas je vrlo liepo vrieme, samo je jako snieg!" (Heute ist sehr schönes Wetter, nur ist starker—Schnee!) Und nach einem neuen kräftigen Schluck Pflaumenschnapfes fügte er bei: "Danas su nasi oni konji!" (Heute sind unser jene Pferde!)

Zum Abend war die Lage geklärt. Mirko verweigerte bis auf die
Pferdefütterung jede weitere Hilfe; die "Leih"rosse mußte Vid in eigener
Person entweder nach Karlstadt oder in ihre—Heimat bringen. Noch in
dieser Nacht trotz des schweren Schneesturmes.

Mirko leistete den letzten Gefälligkeitsdienst und fütterte die Pferde in der Sakristei. Das "Wassern" (Tränken) besorgte der Pope. Dann verschwand der Nachbar.

Ein letztes Sinnen und Überlegen seitens des "Pfarrers". Diesmal in der
Richtung nach der vom Regimentskommando auf—Pferdediebstahl verhängten
Strafe. Vid verspürte einen sehr starken Kitzel am—Hals. Und dieses
Gefühl verstärkte sich, als der Pope zu Pferde saß.

Im Freien, vom Schneesturm umtost, von nachtschwarzer Finsternis umhüllt, drängten die "Leih"rosse der Richtung zu, die in ihre Heimat führte. Der Versuch Vids, die Gäule mit Schenkeldruck auf die Straße nach Karlstadt zu bringen, mißlang vollständig.

Als die Pferde ihrer Heimat zuliefen, spürte Vid deutlich, daß das fatale Gefühl an seinem Halse nachließ. Doch der Gedanke an die noch immer drohenden einhundert Stockprügel für den Fall des Erwischtwerdens auf der Heimbringung der "entlehnten" Gäule verursachte ein gewisses Brennen am—Gesäß.

Auch in der Seele brannte etwas plötzlich sehr heftig, die Frage, wem wohl die "entlehnten" Pferde gehören?

Vid hatte davon keine Ahnung.

Aber die Rosse werden und müssen ihren Stall kennen; sie werden ihn auch ohne jede Begleitung finden. So dachte Vid. Und er rutschte vom Gaul herunter.

Wie zum Dank gingen die Pferde im Galopp weg, der ersehnten Heimat zu durch Nacht und Schneesturm.

Hart und mühsam war der Heimmarsch für den Popen. Dennoch sozusagen schön. Von bitterer Angst befreit die Seele, wie weggefegt das bängliche Gefühl am Halse, das ahnungsvolle Brennen am Gesäß. Und erquickend das Bewußtsein, daß die Mitwisserschaft Mirkos nicht gefährlich werden kann, weil die von ihm, nicht vom Popen, gestohlenen Pferde nicht behalten wurden.

Mit "reinem Gewissen", freilich körperlich sehr ermüdet, erreichte Vid sein Pfarrhaus.

Bängliche Wochen folgten im Warten auf den Karlstadter "Krach" als
Konferenz des Berichtes vom Kompagniekommandanten. Viel später als nach
S. drang auch in das einsame Dorf in der verschneiten Lika die Kunde,
daß der gefürchtete Oberst K. nach Wien befördert worden sei.

Jetzt konnte Vid von aller Sorge befreit aufatmen. Denn wiewohl nur ein ehemaliger Kutscher und eigentlich unmöglicher Pope, wußte Vid doch, daß in der Regimentskanzlei alte Geschichten nicht ausgegraben wurden, neuernannte Regimentskommandanten alte Sachen nicht aufstocherten. Und daß der Hauptmann von S. ihm nicht wehtun würde, das hatte Vid im—Gefühl.

Mit diesem "Gefühl" behielt er recht bis an sein Ende.

Waldkultur

Da sich die Militärbehörde an der damals türkischen (bosnischen) Grenze um—alles zu kümmern hatte, der Militärdiktatur im Grenzbezirk alles unterstand, so wurde dort auch das—Forstwesen "besorgt". Und zwar für die Verhältnisse jener weit zurückliegenden Zeit gar nicht übel und ziemlich stramm. Freilich nicht gerade "forstlich" im technischen Sinne.

Irgendwo war eine große Eichenwaldung abgestockt worden. Lange Zeit hindurch war nach dem Kahlhieb nichts geschehen.

Zur Aufforstung fehlte es der Forstbehörde an Arbeitern zum
Eichelnsetzen und an Geld zur Bezahlung der Setzarbeit. In solcher Not
wandte sich die Bezirksforstbehörde an das Kommando des im betreffenden
Bezirk Rationierten Grenzregimentes mit der Bitte, das Setzen der
Eicheln von den Grenzsoldaten ausführen zu lassen.

Diese Bitte kam dem Kommandanten des Grenzregimentes um so gelegener, als der Oberst wegen der Beschäftigung der Truppen sich in einiger Verlegenheit befand. Es gab nämlich seit etlichen Monaten nichts zu kämpfen gegen die Türken, überhaupt nichts zu tun in militärischem Sinne. Beschäftigung der Grenzsoldaten war also erwünscht. Von forsttechnischer Arbeit hatte der Regimentskommandant selbstverständlich nicht die geringste Ahnung, hingegen die Überzeugung, daß der einfache Befehl zur Durchführung der Eichelsetzarbeit mit Soldaten vollauf genüge.

Im Dienstwege wurde das Forstamt von der Genehmigung des Ansuchens verständigt.

Daraufhin stellte das Forstamt einen Techniker behufs Anordnung und
Überwachung der Setzarbeiten zur Verfügung und sandte den Beamten an den
Stabssitz des Regimentes.

Der Kommandant Oberst X. lehnte entrüstet die Beigabe des forstlichen
Sachverständigen ab und sandte den Mann sofort zurück.

Ein Hauptmann erhielt den Befehl, mit zweihundert Mann im näher bezeichneten Reviere die Aufforstung durch Setzen von Eicheln durchzuführen "in eigener Kompetenz, mit möglichster Strammheit und militärischer Präzision". Aber die Frist für die Arbeitsdurchführung war nichts gesagt. Daß der Forsttechniker vom Kommandanten abgelehnt und zurückgeschickt worden war, hatte der Hauptmann "unter der Hand" erfahren und sich als kluger Mann hinter die Ohren geschrieben.

Von forstlicher Kulturarbeit hatte der Hauptmann selbstverständlich
keine Ahnung. Aber das wußte er, daß er für die Eichelsetzarbeit den
Forsttechniker—nicht befragen durfte, wenn ein "Krach" mit dem
Regimentskommandanten vermieden werden sollte.

Soviel Verstand besaß der Hauptmann, um sich denken zu können, daß ein gewisser Abstand zwischen den zu setzenden Saateicheln werde eingehalten werden müssen. Diesen Abstand konnte der Offizier begreiflicherweise nur militärisch berechnen; deshalb bestimmte der Hauptmann. "Distanz ein Schritt". Von einem Hand-in-Hand-arbeiten zwischen Militär und Forstbehörde keine Spur.

Das "Setzdetachement" rückte an, als das Forstamt noch gar keine
Saateicheln hatte. Das Material wurde schleunigst beschafft.
Unterdessen, zur Zeitausfüllung, ließ der Hauptmann die zur Aufforstung
bestimmte Kulturfläche von Unkraut usw. befreien, roden und vorbereiten.

Endlich kamen die Eicheln.

Der Hauptmann ließ seine Mannschaft antreten und hielt "Instruktionsstunde". Die Soldaten wurden belehrt, wie sie die Saateicheln zu setzen haben. Entfernung von Mann zu Mann drei Fuß; auf das erste Signal fährt die rechte Hand in die Schürze und ergreift eine Eichel; auf das zweite Signal bückt sich die gesamte Mannschaft und steckt die Eicheln in den Boden; auf das dritte Signal richtet sich die Mannschaft auf und tritt einen großen Schritt nach vorwärts. Und so weiter, bis die ganze Fläche mit Eicheln besteckt ist.

Da für diese originelle Kulturarbeit wohl Saateicheln vorhanden waren, nicht aber Bundschürzen zum Tragen der Eicheln, und da der Hauptmann recht gut wußte, daß er wegen der fehlenden Schürzen den in seiner Allmacht gefährlichen Regimentskommandanten nicht behelligen durfte, befahl der militärische "Forstmann" ganz einfach, daß jeder Soldat morgen beim Antreten eine—Bundschürze mitzubringen habe. Gleichgültig, ob die Schürze der Gattin, der Schwester oder der Geliebten gehöre. Die Bundschürze mußte, so lautete der Befehl, "verschafft" werden.

Damit war die Instruktionsstunde beendet, die Mannschaft entlassen.

Am nächsten Morgen pünktlich trat die "Kultur"-Mannschaft an. Einen sehr
bunten Anblick boten die Soldaten mit den umgebundenen farbigen
Schürzen. Die Vorliebe der südslavischen Weiber für grelle Farben in
Kitteln und Schürzen war damals genau so vorhanden wie auch heute noch.

Zum Schreien komisch sahen die Grenzsoldaten mit ihren grellfarbigen
Schürzen aus. Der drohenden Prügelstrafe wegen verzog niemand von der
Mannschaft auch nur die Miene. Die Kerle blieben ernst; sie lachten
unbemerkbar innerlich.

Der Hauptmann rückte mit der "Kultur"-Mannschaft aus; zu seiner Seite marschierte der Kompagnietrompeter(!) als Signalist für die—Kulturarbeit.

An der Schlagwand wurden die Soldaten, denen die Saateicheln in die
Schürzen gegeben worden waren, aufstellt. Am Flügel standen der
Hauptmann und der Signalist mit der Trompete.

Und nun begann die Setzarbeit als Schauspiel für Götter.

Auf einen Wink des Hauptmanns blies der Trompeter das verabredete erste Signal. "Habt acht!"

Genau griffen die Grenzer in die sackähnlich aufgebundenen Schürzen und erfaßten je eine Eichel.

Zweites Signal. "Eicheln hineinstecken!"

Im Nu bückte sich die Mannschaft, jeder Soldat steckte eine Eichel in den damals berühmt fruchtbaren Boden.

Drittes Trompetensignal. "Marsch!"

Die Soldaten traten einen großen Schritt nach vorwärts.

Stundenlang währte diese stramm militärische Setzarbeit, bis der ganze
Eichelvorrat in den Boden gesteckt war….

Und diese Arbeit wiederholte sich bis zur völligen Durchführung der befohlenen Aufgabe, der "Eichenanpflanzung" auf einer riesengroßen Fläche.

Worauf der Hauptmann sich beim Regimentskommandanten gehorsamst meldete.

Hinterdrein kam der Forsttechniker, um nachzufragen.

Zu ändern war nichts mehr. Und verhältnismäßig war die Sache gar nicht schlecht gemacht….

Jahrzehnte verflossen.

In den "Erinnerungen" eines alten kroatischen Forstbeamten, die mir zur Einsichtnahme gegeben wurden, heißt es. "Herrlich anzusehen waren die militärisch herangezogenen Eichenjungwälder. Leider wurden sie ein Opfer jener aufrührerischen Bosniaken, die vor Beginn der Okkupation Bosniens nach Kroatien verbracht worden waren. Die aus ihrer Heimat abgeschobenen Bosniaken hatten ihre Ziegen mitgenommen, die in diese Eichenjungwälder getrieben wurden, als sich das junge Laub zeigte. Es war von den Behörden streng verboten, mit Beil oder Hacke diese Eichenjungwälder zu betreten. Den Eintrieb von gefräßigen Ziegen zu verbieten, hatte man—vergessen. Irgendeines Werkzeuges bedurfte der Bosniak nicht; er wußte sich gut zu helfen, indem er jeweils ein Eichenstämmchen so lange mit den Händen niedergebogen hielt, bis die Ziegen alles Laub abgefressen hatten. Dann ließ der Mann das Stämmchen in die Höhe schnellen. Und das nächste Eichenstämmchen wurde ebenso des Laubes beraubt. Ganze Jungbestände wurden auf diese Weise kahl gefressen! Das ärarische Forstpersonal war außerstande, diesen Waldfrevel zu verhindern. Wenn die Ziegen der Bosniaken sich in Bauernwaldungen 'verirrten', machten die Kroaten keine Umstände: die Bosniaken wurden so fürchterlich verhauen, daß sie fürder Bauerngehölze respektierten und ihr Interesse wieder den ärarischen Waldungen widmeten."

Sicher ist das Geschilderte ein fesselndes Kulturbild einer militärischen—Waldkultur in vergangener Zeit!

Kroatische Glanzkohlen.

Alte Herren schmunzeln heute noch, wenn von den kroatischen Glanzkohlen aus der Grube Ocura bei Lepoglava in den Varazdiner Bergen gesprochen wird; denn mit diesen Glanzkohlen war im Jahre 1875 ein glänzend gelungener Scherz verbunden, mit dem der Bergverwalter jener Kohlengrube köstlich "hineingelegt" wurde, und wozu, drollig genug, der zeitlebens für Bergbau lebhaft interessierte König Leopold II. von Belgien seinen Namen leihen mußte.

Anfang der siebziger Jahre war in Kroatien unter dem Namen "Kroatische Glanzkohlen" eine Kohlengewerkschaft gegründet worden in der Absicht, die Kohlenklötze von Lepoglava-Ocura abzubauen. Das vielen Erfolg versprechende Unternehmen konnte jedoch nicht sofort gewinnbringend gestaltet werden, weil es an Gelegenheit zur Abfuhr der Kohlen mangelte. Es fehlte an jeder Eisenbahnverbindung; die Achsenfracht nach Varazdin-Csakaturn kam viel zu teuer und beanspruchte zuviel Zeit; ebenso mißlich war es, die Grubenausbeute über die kroatische Grenze auf steierischen Boden zum Anschluß an die österreichische Südbahnstrecke nach Friedau-Pragerhof zu bringen.

Die Gesellschaft beschloß deshalb die Erbauung einer Lokalbahn von Ocura nach der Südbahnstation Friedau (Steiermark) erwarb die Zustimmung der Behörden und ließ behufs Aussteckung der "Trasse" Ingenieure kommen, die ihre Kanzlei im Kohlenest Ocura errichteten.

Die nicht geringen Schwierigkeiten, wegen der Bauerlaubnis usw. die kroatischen und steierischen Behörden unter einen Hut zu bringen, waren ein Kinderspiel im Vergleich zu den Hindernden, die der Erbauung der Eisenbahn in Ocura selbst erwuchsen durch den eigenen Verwalter der Grube Ocura.

Der Bergverwalter Bodlak, aus dem Lande stammend, wo "die Erdäpfel als Spalierobst gezogen" werden, war nämlich grenzenlos—neugierig und obendrein ein Mensch nach Goetheschen Rezepten im "Zauberlehrling" und im "Faust". Eine "Spottfigur von Dreck und Feuer" und obendrauf ein "Wassertopf".

Ein Männle klein, untersetzt, mit säbelförmigen Beinen und einem wahrhaft riesigen Kopf, bildete Bodlak den Schrecken von Ocura und Umgebung, in der Grubenverwaltung wie in der Gesellschaft, bei den Behörden in der Amtsstadt Varazdin usw. Der Bergverwalter mit seiner entsetzlichen Neugier war nicht mehr loszubringen, wenn er sich irgendwo eingefunden und in eine Sache verbissen hatte. Für den geplanten Bahnbau von Ocura nach Friedau interessierte sich das Männle begreiflicherweise aus dienstlichen Gründen, dann privatim, und überdies wünschte er, mit seinen Spargroschen Aktionär der neuen Bahn zu werden.

Zecken und Wanzen waren wonneerzeugende Geschöpfe im Vergleich zu Herrn
Bodlak, der mit seiner alle Grenzen übersteigenden Neugier und
Zudringlichkeit die Ingenieure in der Arbeit behinderte, mit
unermüdlichen Belästigungen in Verzweiflung brachte.

Höfliche Bitten und Mahnungen blieben unbeachtet. Auch auf deutliche
Winke hin stellte Verwalter Bodlak seine lästigen Besuche und qualvollen
Fragen nicht ein.

Am meisten fühlte sich der Oberingenieur A. aus Brüssel in der Kanzleiarbeit gehemmt; er ärgerte sich grenzenlos, und in wachsender Wut beschloß er, den—Glanzkohlenmenschen auf den—Glanz herzurichten, Rache zu nehmen, auf daß ganz Kroatien sich vor Lachen krümmen werde.

Der Racheschwur war leicht gesprochen; die Durchführung einer Rachetat hatte aber ihre Schwierigkeiten. Das spürte der Oberingenieur schon, als er über die Vorbereitungen zu einer "Tat" nachsann.

Eines Tages kam der schreckliche Bergverwalter wieder und quälte besonders den Oberingenieur mit Fragen nach—Neuigkeiten. Bodlak sah eine französische Zeitung auf dem Arbeitstische liegen und wollte wissen, ob so ein französisches Blatt "bessere" Neuigkeiten berichte als die "inländischen" Zeitungen.

Unwirsch meinte der Oberingenieur, daß "viel Gescheites" auch in dem
Brüsseler Blatte nicht zu finden sei; es wäre denn die unter Vorbehalt
gegebene Meldung, daß der König Leopold von Belgien die kroatischen
Kohlengruben zu—kaufen beabsichtige.

Nun war der Teufel los! Und Bodlak war verwandelt in einen Menschen, der sich vor Freude nicht mehr zu fassen wußte, und der nicht genug—fragen konnte.

Der jubelnde Bergverwalter berichtete sofort den Zeitungen in Agram und Budapest die—erfundene Nachricht als sichere Kunde, erzählte allen Grubenbeamten von Ocura davon und frohlockte, daß der belgische König in seiner "bekannten Noblesse" aller Geldnot bei den kroatischen Kohlenmenschen durch Gehaltsaufbesserungen ein wohltätig Ende machen werde.

Die Nachricht erregte nicht geringes Aufsehen und wurde namentlich in der Gegend von Varazdin geglaubt, weil sie vom Bergverwalter Bodlak von der Grube Ocura ausging.

Die Grubenbesitzer freilich wunderten sich, daß Bodlak mehr als sie selbst wußte.

Die Bahnbauingenieure hingegen hatten viel Spaß an der wachsenden Aufregung in Beamtenkreisen, aber schwere Mühe, die maßlos gesteigerte Nachfrage Bodlaks nach Einzelheiten bezüglich der Umwandlung der Grubenverwaltung in eine "königliche belgische Bergwerksdirektion" zu befriedigen. Im besonderen wollte Bodlak wissen, ob König Leopold ihn übernehmen und zum Direktor ernennen werde.

In dieser Frage erblickte der fürchterlich überlaufene Oberingenieur die
Möglichkeit und günstige Gelegenheit, an Bodlak für alle Belästigung
Rache zu nehmen.

Günstig war auch der Umstand, daß der Postbote von Lepoglava den Posteinlauf für die Ingenieurkanzlei und für die Grubenverwaltung in einer gemeinschaftlichen Posttasche brachte und der Bequemlichkeit wegen die Posttasche zuerst bei den Bahnbauherren zur Entnahme des Einlaufes einlieferte. Dann erst trug der Mann die Tasche drei Kilometer weiter zur Bergverwaltung bei Ocura.

So entstand denn nach längerer Beratung in der Ingenieurkanzlei ein Gemisch von amtlichem Dekret und privatem Schreibebrief an Herrn Bodlak. Selbstverständlich in französischer Sprache, in die der deutsch aufgesetzte Brief mühsam genug hineingepreßt wurde. Über den drolligen Text dieses köstlichen Schriftstückes heulten die Ingenieure immer wieder bei jeder Lesung.

Aber das "Dekret" mußte ein "Amtssiegel" haben.

Mit Eselsmühe wurde aus einem Alphabet von kleinen Gummibuchstaben in kleinem Rundrahmen ein "königlich belgisches Staatssiegel" hergestellt: "Léopold Roi des Belges Propriétaire aux mine en Croatie".

Schön anzusehen war dieses "Siegel" nicht, auf den ersten Blick als "handgreifliche" und alberne Fälschung erkennbar.

Der Oberingenieur hatte denn auch schwere Bedenken; er wurde jedoch übernimmt von den Kollegen, die ihre Köpfe darauf wetteten, daß Bodlak in seiner Glückseligkeit diesen Schwindel nicht merken werde.

Also wurde dem Gemisch von "Dekret" und Privatbrief "Leopolds von
Belgien" dieses "Siegel" beigedruckt, das Schriftstück in einen
Briefumschlag gesteckt, der Brief geschlossen, mit gebrauchten
belgischen Briefmarken beklebt und eines Tages in die vom Lepoglavaner
Postboten gebrachte Tasche gesteckt. Ahnungslos trug der Posterer den
Einlauf zur Grubenverwaltung nach Ocura.

Eine Stunde später stand Bodlak aufgeregt in der Ingenieurkanzlei und bat flehentlich um—Übersetzung des Briefes, den er soeben vom—"König der Belgier" erhalten habe.

Die Ingenieure verbissen das Lachen, kämpften heldenhaft gegen den übermächtigen Lachkitzel. Der Oberingenieur sah sich in der Zerplatzungsgefahr; übersetzen konnte er den Brief nicht, nur Herrn Bodlak zur Ernennung zum "Bergrat" gratulieren mit wenigen Worten; dann mußte der "Ober" die Kanzlei fluchtartig verlassen. Die Kollegen hatten sich besser in der Gewalt; sie beglückwünschten Herrn Bodlak zur Auszeichnung, gaben der Hoffnung Ausdruck, daß weitere "Gnaden erweise" des belgischen Königs und "Besitzers" der kroatischen Glanzkohlengruben sich auch auf die Ingenieure des Bahnbaues, so Kroatien mit—Belgien verbinden werde, ergießen mögen.

Nach allen Regeln der Ulkkunst foppten die Herren den glückstrahlenden "Bergrat" und erwiesen ihm faustdicke "Ehrfurcht", so daß Bodlak auf den verwegenen Gedanken kam, die ihm zuteil gewordene "Auszeichnung" der Grubenverwaltungszentrale in Wien zu—telegraphieren. Daraufhin verflüchtigten sich zwei der Ingenieure unter Vorschützung heftiger Hustenanfälle.

Der jüngste Kanzleiinsasse blieb tapfer, riet von jeder Telegraphiererei ab; denn es müsse vor der offiziellen Verbreitung der "Glücksnachricht" die landesherrliche Genehmigung zur Führung des ausländischen Titels durch die Vizegespanschaft in Varazdin erwirkt worden sein. Deshalb werde der Herr "Bergrat" gut tun, das Dekret persönlich dem Obersekretär der Vizegespanschaft zu überbringen, der das Weitere dann schon veranlagen werde.

"Prozim (bitte), wie lange wird es dauern, bis die Genehmigung erteilt wird?" fragte schluckend vor Erregung Herr Bodlak.

Der Ingenieurbenjamin zog die Schultern hoch und sprach: "Acht Monate, vielleicht ein Jahr; vielleicht wird die Zustimmung überhaupt nicht erteilt!"

"Wie? Was? Überhaupt nicht? Warum?"

"Man läßt fremde Titel nicht gern herein! Belgisches nach Kroatien schon gar nicht gern!"

"Wo doch der belgische König die kroatischen Gruben gekauft hat!" rief in wachsender Erbitterung der "Bergrat".

"Haben Sie den Kaufvertrag gesehen? Ich nicht!"

Mit kurzem Gruß verabschiedete sich Bodlak.

Immer tiefer nagten Kummer und Groll in der ehrgeizerfüllten Brust. Die Sorge vor einer Verweigerung der landesherrlichen Zustimmung wuchs mit jeglichem Tage und führte zu dem Entschluß, durch Veröffentlichung des—"Dekretes" in den Zeitungen einen—"Druck" auf die Regierung auszuüben. Bodlak kalkulierte. Unter solchem "Druck" wird die Unterbehörde, wenn auch widerwillig, die Angelegenheit an das Ministerium weiterleiten müssen. Im Ministerium aber sitzen "gebildetere" höhere Beamte, die schon ihrer Bildung wegen mehr Achtung vor dem—König von Belgien haben werden….

Mit Fleiß und Geduld schrieb Bodlak sein französisches
"Ernennungsdekret" mehrere Male ab und schickte die Abschriften nebst
Begleitbriefen an verschiedene Zeitungen.

Die kroatischen und ungarischen Blätter druckten den Text im französischen Wortlaut ab und beglückwünschten ironisch Herrn Bodlak mit etlichen angehängten Worten zur "Auszeichnung". Das Wort "Auszeichnung" unter Gänsefüßchen.

Das deutsche Wochenblatt veröffentlichte die "Ernennung" in deutscher Sprache mit dem Beifügen: "Erörterung überflüssig". Der Wortlaut entsprach genau dem vom Oberingenieur verfaßten Urtext:

   "Wir, Leopold, König von und zu Belgien, der Belgier und Brabanter,
   ernennen Sie in Anbetracht Ihrer primitiven Kenntnisse im Bergbau zu
   Unserem königlichen Bergrat in partibus in fidelio.

   Teilen Sie Uns mit, ob Sie diesen Titel in Kroatien annehmen und
   führen dürfen, damit Wir Ihnen das große Diplom non plus ultra senden
   können.

Achtungsvoll Leopold II."

Brüssel, Datum des Poststempels.

Siegel. Léopold Roi des Belges Propriétaire aux mines en Croatie.

Am meisten krümmten sich die Bewohner von Varazdin und Ocura nebst Umgebung vor Lachen über den köstlichen Text dieser Verulkung. Das witzige "Ernennungs"-Dekret druckten schleunigst viele andere Zeitungen ab, so daß eine Anzahl anderer Leute Anlaß zur Heiterkeit hatten. Von Mund zu Mund durch Kroatien lief die Kunde. Der Ulk griff über auf Ungarn und Österreich; sehr zur Freude der Kohlenbergbaugesellschaft, der für ihre kroatischen Glanzkohlen eine riesige und dabei kostenlose Reklame gemacht wurde.

Der verulkte Bergverwalter machte noch weiter von sich reden, da er beim
Varazdiner Gericht—Klage wegen Beleidigung einreichte, aber nicht sagen
konnte, wer bestraft werden sollte. Selbst verständlich wurde das
Klagebegehren abgewiesen.

Bodlak war in Kroatien unmöglich geworden.

Die Zentrale erwies sich für die riesige Reklame dankbar, indem sie den
Mann mit vollem Gehalt pensionierte. Worauf Bodlak verschwand.

Durch Briefe aus Ocura erfuhr man auch in Brüssel von der drolligen
Ulkgeschichte. König Léopold hat besonders über den ihm unterschobenen
Brief und das "achtungsvoll" gelacht, war aber "verschnupft", daß man
ihm ein so—"minderwertiges" Französisch zutraute….

Die Kohlenbahn Ocura-Friedau wurde nicht gebaut; die Verfrachtung findet heutzutage auf einer anderen Strecke: Golubovec-Varazdin statt, deren vorletzte Station (vor dem Endpunkte Golubovec) das vielgenannte Ocura ist. Die Gesellschaft besteht noch immer und freut sich ihres Besitzes im kohlenreichen Gebirge Kroatiens.

Alte Leute schmunzeln heute noch, wenn die Rede ist von—kroatischen
Glanzkohlen.

Auf Forstinspektion.

Nach Aufhebung der sogenannten Militärgrenze (8. August 1873) mußten die Wälder zunächst des nordwestlichen Teiles Kroatiens durch eigene Forstkommissäre der Vizegespanschaften neu "eingeschätzt", auf ihren Wert berechnet, dabei der Forstbetrieb besichtigt werden. Eine schwere Aufgabe für den Geist, aber auch für den Körper der Forstkommissäre, die das in sie gesetzte Vertrauen rechtfertigen wollten. Fehlte die Kenntnis der Landessprache, so war der harte Dienst noch mehr erschwert besonders bezüglich Beschaffung von Unterkunft und Verpflegung. Glücklicherweise waren damals die Waldhüter, Förster, ein Teil der Pfarrer sowie immer die israelitischen Kaufleute in den Dörfern der deutschen Sprache mächtig und gewillt, sich derselben gegenüber den oft hilflosen Forstkommissären zu bedienen.

In der Absicht, das meilenweite, gutbestockte Waldgebirge von Jelenska gornja (oberer Hirschberg) "auf Forstinspektion" zu durchwandern, stapfte der Kommissär Günter, ein Deutschösterreicher, mit leerem Ränzel und wenigen Brocken der kroatischen Sprache durch das flache Vorland. Der Schritt wurde beschleunigt, als der Beamte gewahrte, daß ihm aus den Waldbergen ein dräuendes Gewitter entgegenkam, Wolken mit allen Anzeichen auf Hagel.

Wollte Herr Günter nicht vom Hagelsturm überrascht werden, mußte der Forstkommissär ein schützend Dach, Unterkunft für etliche Stunden finden. Schutz konnte im nächsten Dorfe Osekovo nur das Pfarrhaus bieten. In der elenden Gastwirtschaft war außer Slibowitz nichts zu haben, der Aufenthalt unmöglich.

Die höfliche Bitte um gütige Erweisung von Gastfreundschaft erfüllte der Pfarrer, ein katholischer Kroate, sofort in aller südslavischen Liebenswürdigkeit, aber verblüffend eilig und wortkarg. Dem Gaste wurden Wein, Käse und Brot auf den Tisch im Wohnzimmer gestellt; dazu sprach der erregte Zupnik (Pfarrer): "Bitte, zugreifen! Gesellschaft kann ich nicht leisten! Muß Hagel beobachten, Wetter läuten lassen!" Und weg war er. Der Kommissär stärkte sich, trat dann an das Fenster und harrte des Losbruches des Hagelsturmes.

Windpurren, heftiges Sausen in den Lüften, atembeklemmender Druck, böige
Stöße; doch kein Tropfen, nicht ein Hagelkorn entfiel dem schweren
Gewölk, das weiter in das Vorland trieb und etwa zwei Stunden von
Osekovo niederging.

Von dem Augenblick an, da für das Dorf und die Felder von Osekovo die Gefahr des Hagelschlages gewichen schien, verstummte das Gewimmer aus dem Glockenturm. In das Wohnzimmer trat der Zupnik, rieb sich vergnügt die Hände, schenkte die Gläser voll und hieß den Gast willkommen im Pfarrhause. Nach der Landessitte wurden die Bilikumgläser (Willkommenswein) auf einen Schluck geleert und sogleich wieder gefüllt. Die sonst übliche Feierlichkeit der Überreichung von Salz, Brot und Hausschlüssel auf einer Tablette ließ der Zupnik weg; er war zu sehr erfüllt von dem Frohgefühl, daß die Hagelwolken diesmal unschädlich über die Fluren von Osekovo hinweggegangen waren. "Gut für die Parochianen, gut für mich!"

"Sind Hochwürden mit Ökonomie 'gesegnet!'" fragte der Kommissär.

"Gottlob nicht! Bin jedoch an jedem gnädigen Unterbleiben von
Hagelschlag finanziell interessiert!"

"Wieso?"

"Wenn es in und um Osekovo nicht hagelt, das Unwetter in—anderen
Pfarrbezirken niedergeht, bekomme ich über den Zehent hinaus von jedem
Osekovo-Bauern in Getreide die Hagelgratifikation! Auf deutsch:
'Tempestasdotation'!" Der Pfarrer blinzelte luftig, ermunterte zum
Trinken und leerte sein Glas.

Der Kommissär ereiferte sich gegen Aberglauben und Unsinn. Zumal doch der Pfarrer wahrhaftig nichts dafür könne, wenn es hagelt, oder wenn die Gefahr weiterzieht.

Der Zupnik nickte. "So hab' ich früher auch geredet, sogar einmal von der Kanzel aus gegen die unsinnige Behauptung polemisiert, daß der Pfarrer, wie dies die Bauern glauben, Hagel machen und Hagel vertreiben könne. Ich tu's nicht wieder! Kein Wort sag' ich dagegen bis an mein Lebensende!"

"Warum?"

"Nach jener Predigt kam ein Bauer, einer der Starosten (Dorfältesten) zu mir und sagte: 'Sehr schöne Predigt, aber nicht für mich! Denn ich habe Hochwürden im Chorrock und mit Stola schon oft in den—Wolken gesehen, wie Sie den—Hagel verteilten! Kein Mensch weiß, wie der Hagel entsteht; Sie haben von der Kanzel erzählt, wie der Hagel—gemacht wird! Also nütze das Leugnen nichts, daß Sie großen Einfluß haben.'—Darauf habe ich, der Zupnik, versucht, dem Starost diesen Irrglauben auszureden. Der Starost aber erklärte. 'Kein Unsinn! Von den Bauern wäre es nur dann dumm, wenn sie einem Zupnik, der den Hagel nicht wegschicken kann, weiterhin die Tempestasdotation, die Hagelgratifikation in Getreide, extrig zahlen würden!'—Daraufhin habe ich, der schlecht bezahlte Pfarrer, die Bauern doch lieber auf ihrer für mich wohltätigen Meinung gelassen."

"Begreifliche Unterlassungssünde! Aber doch Versündigung gegen die eigene Überzeugung!"

Der Pfarrer blinzelte und sprach: "Der Herr sind Waldschätzungskommissär! Arbeiten Sie ein Jahr auf Forstinspektion in Kroatien, dann kommen Sie wieder nach Osekovo und bringen Sie Ihre sämtlichen Sünden gegen die Überzeugung mit! Na zdravje! (Zur Gesundheit!)—Grüßen der Herr, falls Sie in Jelenska gornja nächtigen, meinen Amtsbruder, der als—, 'Wald'pfarrer oft Hagel hat! Der Kollege wird unter Tempestasdotation für—Hagel_versendung_, für Schutz seiner eigenen Gemeinde mitten im Wald, nicht zu 'leiden' haben! Haha!"

Kommissär Günter mußte einen Happen Schinken essen, noch einen Krug Wein leeren zu Ehren der kroatischen Gastfreundschaft, die immer ihr Bestes, zuweilen sogar das letzte gibt mit einer Bereitwilligkeit, die zu Herzen geht und Ablehnung ausschließt.

Dann setzte Herr Günter die Wanderung fort. Spät erreichte er das
Walddorf Jelenska gornja, wo der Kommissär erst recht auf die
Gastfreundschaft des Pfarrers wegen der Nächtigung angewiesen war.

Eiskörner auf dem Weg und auf den wenigen Feldern brachten das Gespräch mit dem Zupnik von Osekovo sofort in lebhafte Erinnerung. Und schwer fiel die Bitte um Aufnahme ins Pfarrhaus für die Nacht.

Doch der Pfarrer von Jelenska gornja ließ von Verdruß oder übler Laune nichts merken, hieß den Gast herzlich willkommen und reichte das Bilikum mit aller feierlichen Umständlichkeit und einer Ansprache, die in der Bitte ausklang, oft und zu jeder beliebigen Stunde bei Tag oder Nacht einzukehren in dem Hause, das von diesem Augenblick an Eigentum des Gastes sei.

Was das Haus, das einsame Dorf im weiten Forst bieten konnte, wurde
freudig gegeben. Fröhlich war die Unterhaltung bei erstaunlich gutem
Wein. Vom Hagelschlag wurde kein Wort gesprochen, hingegen von der
Notwendigkeit ausreichender Versorgung mit Lebensmitteln, da auf viele
Meilen ringsum nichts zu haben sei….

Mit Sitte und Brauch in katholischen Pfarrhäusern vertraut, wollte der Forstkommissär frühmorgens der vom Pfarrer zelebrierten Messe im Kirchlein beiwohnen und dadurch den Hausherrn gebührend ehren. Vergebens wartete Günter in seiner Stube auf das "Zusammenläuten" aller Glocken als Zeichen für den Beginn des Gottesdienstes. Die Glocken blieben stumm.

Um etliche Minuten verspätet kam der Beamte in die Kirche.

Hinterdrein beim Frühstück im Pfarrhause fragte Günter, warum das allerorten übliche "Zusammenläuten" unterblieben sei.

Der Zupnik lachte. "Strickmangel!"

"Was? Keine Stricke an den Glocken? Warum?"

"Abgerissen von den erbosten Bauern!"

"Abgerissen? Weshalb denn?"

"Weil der Zupnik den Hagel nicht rechtzeitig nach Osekovo hinausdirigiert hat!"

"O weh! Dann ist's heuer mit der—Tempestasdotation nichts!"

"Stimmt!—Keine Sorge, Herr Forstkommissär! Ihr Ränzel wird deshalb doch mit Proviant gefüllt!"

So war es auch. Reichlich versorgt trat Günter seinen Marsch an. Und an einer vereinbarten Stelle, weit vom Dorfe entfernt, traf er mit dem dorthin bestellten Waldhüter zusammen, so daß der mühereiche Dienst begonnen werden konnte. Tagsüber Arbeit für Kopf und Füße, Nächtigung in einer Rindenhütte. Wie wohl tat da die Atzung als Spende des Waldpfarrers, der des Hagelschlages wegen bei seinen erbitterten Bauern in—Ungnade gefallen war!

Schmunzeln mußte der Beamte, so er der bäuerlichen—Rachetat gedachte: die Agrikel rissen die Stränge ab, weil die Glocken "unter Führung des Zupniks" den—Hagel nicht verjagt hatten….

Der Dienst führte den Kommissär Günter auch in das—"griechische
Waldmeer". So wurde ein Forst in der Ausdehnung von über 30000 Joch
(rund 12900 ha) aus dem Grunde in Fachkreisen benannt, weil er von
Kroaten griechisch-orthodoxer Religion in geringer Zahl besiedelt war.

Wer von der Beamtenschaft erstmals eine Kommissionsreise in dieses Gebiet, "Gorievica" (Gorievitza) genannt, unternehmen mußte, erhielt von den gewitzigten Kollegen stets ein Bündel von Ratschlägen und Warnungen in einer Form, die an dicke Übertreibungen gemahnte und zum Lachen reizte. So besagte eine Schilderung aus dem Munde eines alten Forstbeamten. Im "griechischen Waldmeer" wohnen die faulsten Menschen Europas, das Walddorf Jesenas hat zwar einen Popen, doch das Beten lehrt die "Griechen" der—jüdische Krämer, der ihre Steuern bezahlt, für alles sorgt, was die Dörfler zum Leben brauchen; der die ständig drohende Hungersnot verhindert, der, kurz gesagt, der "Herrgott" von Jesenas ist und dies mit Zustimmung des—Popen.

Zu dieser "handgreiflichen" Übertreibung lachte Forstkommissär Günter, daß ihm das Wasser aus den Augen tropfte, und nicht ein Wort davon glaubte er.

Vor Beginn der Dienstreise wurde der Oberwaldhüter Kuster in Samarica
(Samaritza), einem Dorfe am Fuße des gebirgigen Waldmeeres, vom
Eintreffen des Kommissärs benachrichtigt und beauftragt, alles Weitere
zur Verständigung von Förstern, Waldhütern und wegen Unterkunft in den
Walddörfern zu veranlassen.

Im Wagen verließ Forstkommissär Günter seinen Wohnort (Sitz der Vizegespanschaft), fuhr einen Tag lang, bis der Rosselenker erklärte, auf der schlechten Straße nicht weiterfahren zu können. Auf dem Rücken eines Bauernpferdes, ohne Sattel, wurde die Dienstreise fortgesetzt, bis der Besitzer des Gauls versicherte, er sei nun müde genug. Zu Fuß "reiste" der Beamte weiter und erreichte abends das ziemlich große Dorf Samarica. Die aufgestellten "Ausspekulierer" (jugendliche Späheposten) meldeten die Ankunft rechtzeitig, so daß der einsame, krachmüde Wanderer mit—Glockengeläute begrüßt wurde.

Ob dieses seltsamen Empfanges höchlich erstaunt, fragte Günter den alten Waldhüter Kuster, wie denn ein Forstbeamter dazu komme, mit—Glockengeläute begrüßt zu werden. Glockenklang gebühre doch dem einziehenden Bischof oder Archimandriten.

Kuster schüttelte das graue Haupt. "O, Gospodin! Der Archimandrit kommt nie nach Samarica, ein Herr von der Gespanschaft in fünfzig Jahren einmal, ein Forstbeamter sehr selten! Also ist die Ankunft Euer Hochwohlgeboren ein großes Fest, das gebührend gefeiert werden muß! Gott segne Ihren Einzug in Samarica und in meine hochbeglückte Hütte!"

In Günter stieg etwas wie eine Ahnung auf, daß die Schilderungen der
Kollegen vielleicht doch nicht so arg—übertrieben sein könnten.

Der Kommissär mußte im Hause des Oberwaldhüters wohnen; die Unterkunft war nicht schlecht. Als Atzung in der Stube zu ebener Erde, wo Günter, von Kuster bedient, allein speisen mußte, gab es gebratenen Buran (Puter) in einem wahrhaft riesigen Exemplar, bei dessen Anblick der Kommissär die Hände zusammenschlug und dann dem Hausherrn Vorwürfe wegen solcher Auslagen machte.

Kuster verneigte sich ehrerbietig und beteuerte, auf "seine Rechnung" schon zu kommen. Der Buran aber sei unbedingt nötig; erstens, damit der gnädige Herr unter allen Umständen satt werde; zweitens, weil der Buran morgen ein—Bospor[9] sein müsse.

Auf eine nähere Schilderung ließ sich der Hauswirt nicht ein, widmete vielmehr alle seine Aufmerksamkeit den Vorbereitungen zum Bilikum. Salz, Brot und ein ganzer Schlüsselbund lagen bereits auf einer Kupferplatte; dann wurde ein Glaspokal gefüllt, der mindestens eine—Kaisermaß (etwa anderthalb Liter) fassen mochte. Während des Essens schielte der Kommissär in wachsender Angst nach diesem "Becherchen", das nach südslavischem Brauch vom Gaste auf einen Zug bis zum letzten Tropfen geleert werden mußte.

Nach Beendigung dieser Vorbereitungen zum Bilikum stellte sich der Alte wieder demütig hinter den Stuhl des Gastes, bat um das Zugreifen, reichte auch die Schüsseln wieder, bot Dunstobst und Salat an, der im dunkelgrünen Öl der Sonnblumenkerne schwamm. "Wollen Euer Gnaden sich geneigtest versorgen! Wir haben nur diesen Buran und sonst nichts für die Nacht! Der Waldhüter ist nicht der Bischof von Djakovar!"

Zur Ablenkung suchte Günter ein forstliches Gespräch in Gang zu bringen. Auch war ihm lästig, daß der Alte stets demütig hinter dem Stuhle stand und Lakaiendienst versah.

"Bitte gehorsamst! Zu Dienstgesprächen geben die nächsten drei Wochen auf der Gorievica reichlich Gelegenheit! Heut' ist Festtag für meine Hütte!"

"Was? Drei Wochen?" Den Forstkommissär hatte der Schrecken herumgerissen. "Drei Wochen Walddienst ohne Unterkunft? Darauf bin ich nicht vorbereitet! Für Biwakieren nicht im geringsten ausgerüstet! Irren Sie sich denn nicht, Kuster?"

Bescheiden klang die Erwiderung. "Bei der Aufforstung des vorderen Teiles der Gorievica hab' ich als Lehrling mitgeholfen; jetzt bin ich siebzig Jahre alt, Euer Hochwohlgeboren untertänigst zu dienen! Bitt' ich gehorsamst: noch ein Stückchen! Vielleicht von der Grlina (Hals), wo ist schön fett und wird machen morgen leichtes Steigen! Ein Schluck Slibowitz dazu, schmeckt sehr gut!"

Günter konnte nicht mehr essen; er war satt zum Platzen.

Nun bat der Hauswirt, dem hohen Gaste das Bilikum reichen zu dürfen.

Während etliche Wachskerzen angezündet wurden, traten zwei Waldhüter in die Stube, verneigten sich vor dem Kommissär, meldeten sich aber nicht, stellten sich am unteren Ende des Tisches auf und standen militärisch stramm.

Kuster hielt eine feierliche Willkommrede und reichte dem Gast die
Platte.

Der Forstkommissär dankte, ergriff den schweren Pokal und begann zu schlucken.

In diesem Augenblick erklangen die kleinen Glocken der Kapelle neben dem Waldwärterhause. Dieses Signal wurde von den großen Glocken der Kirche in Samarica übernommen, so daß feierliches Geläute der Bevölkerung ankündigte, daß der zu Besuch erschienene Forstkommissär soeben beim Oberwaldwärter Kuster das Bilikum trinke.

Keinen Ton davon hörte Günter, der mit dem Mut der Verzweiflung gegen die Unmenge Wein kämpfte, die hinuntergegossen werden mußte. Mit zwei winzigen Unterbrechungen zum Atemholen gelang es, den Pokal zu leeren. Auf die Nagelprobe des letzten Tropfens ließ es der Kommissär freilich nicht ankommen.

Dank und Händedruck. Mit einem Blick auf die beiden stramm stehenden
Waldwärter am Tischende meinte der Kommissär. "Wohl unsere Begleiter?"

"Gehorsamst zu dienen, Gospodin, nein! Heute sind die beiden die
Stolfunktionäre!"

"Was sind sie?"

"Stolfunktionäre, Stol ist gleich Tisch! Zu Ehren des hohen Gastes bin ich der untertänigste stolaravnatelj das ist der Tischdirektor oder Rektor; der kleine Tune, der Anton, ist der fiskus mein Stellvertreter; hingegen der große schwarze Glisa (Gregor) wird sein beschäftigungslos in seinem Tischamt! Gehorsamst aufzuwarten!"

Zunächst erkannte der Kommissär die Notwendigkeit, einen Trinkspruch auf den Hausherrn auszubringen.

Große Freude darüber, die auch nach—außen hin kundgegeben wurde, indem der jüngste Sohn des Hausherrn abermals die Glocken der Kapelle erklingen ließ.

Dann bat der "Fiskus" um die hohe Ehre, ein Glas auf das Wohl des Herrn Forstkommissärs leeren zu dürfen. Gläserklingen, Glockenhall hinaus in die stille Nacht.

Günter wollte nun den andern Waldwärter ermuntern, sich mit einem Glase
Wein an der Tafelfreude zu beteiligen.

Doch erschreckt, wiewohl geehrt und freudeglänzend, wehrte Glisa ab mit den Worten. "Nicht möglich!"

"Warum? Ist Er denn abstinent oder Türke, der Wein nicht trinken darf?"

Dem befragten Waldwärter rutschte die Wahrheit heraus, die nicht gesagt werden sollte "Jesam vunbacitelj!"[10]

Im Antlitz Kusters spiegelten sich Angst und Zorn; die Blicke kündeten Rache. Um wenigstens für den Augenblick lästiger Fragerei zu entrinnen, holte Kuster "besseren" Wein. Die zwei anderen, dienstlich stramm am Tische stehenden "Funktionäre" begriffen die Situation völlig und verstanden jetzt nicht mehr—Deutsch.

Forstkommissär Günter hatte vom Bilikum her zuviel Wein im Leibe, der ungewohnte Alkohol wirkte, machte eigensinnig und hartnäckig; justament wollte der Oberbeamte die wahrheitsgetreue Übersetzung des Wortes haben, das den Hausherrn offensichtlich in Verlegenheit und Zorn gebracht hatte und das zweifellos dem Gaste verheimlicht werden sollte.

Dem zurückgekehrten Kuster wurde scharf zugesetzt. Doch den Kroaten war der Kommissär weder mit der Mundfertigkeit noch mit der Trinkfähigkeit gewachsen. Günter hatte schließlich den—Zungenschlag, die Übersetzung aber nicht. Und den "Kampf" mußte er aufgeben, sein Zimmer aufsuchen….

Das "Katergericht", der "Bospor", wartete vergebens auf den Gast. Günter hatte seinen Willen durchgesetzt, trotz aller "Verkaterung" frühmorgens den Dienstmarsch angetreten. Kuster mußte mit, das Sträuben und Zureden nützte nichts.

Wie sich alle "Pressiererei" auf Erden rächt, so blieb auch der überstürzte Abmarsch von Samarica nicht ohne Folgen, indem Kuster der Eile wegen mit—leerer Torba (Tragsack) die Führung übernahm, der Kommissär etliche Stunden später schwer unter Hunger und Durst litt und obendrein keinen Wunsch, keine Klage äußern durfte.

Die Waldhüter aus Samarica kamen nach, selbstverständlich mit leeren Händen; etliche Förster stießen zu; die Dienstgeschäfte der Waldeinschätzung begannen und währten bis zum späten Abend. Als pflichteifriger Beamter vergaß Günter während der Dienstausübung auf alle Bedürfnisse.

Aber als die Notizbücher, Rechenbehelfe und Instrumente verstaut waren,
Dämmerung den weiten Forst erfüllte, fragte der Kommissär doch nach
Unterkunft und Atzung.

Wenig erbaulich, doch gelassen klang die Auskunft Kusters, daß nach etwa zwei Marschstunden das mitten im Wald gelegene Dorf Jesenas zu erreichen sei.

"Mit Gasthaus?"

"Nein!"

"Kann man nächtigen?"

"Ja!"

"Bei wem?"

"Beim 'jüdischen Herrgott'!"

Kleinlaut sprach Kommissär Günter. "Gehen wir!" Nie im Leben hatte er sich bisher so wehrlos und in den Händen fremder Leute gefühlt als jetzt. Und bruchstückweise kamen die von den alten Forstbeamten erteilten Ratschläge und Wahrnehmungen in fatale Erinnerung, so daß Günter auf dem nächtlichen Marsche wegen Verpflegung usw. auch noch kleinmütig wurde. Schon aus Gründen der Autorität wollte er nicht weiter fragen. Ärgerlich genug war es, daß die Fragen so locker auf der vertrockneten Zunge saßen und gewaltsam hinuntergewürgt werden mußten.

Endlich, eine Stunde vor Mitternacht, wurde das verwahrloste Walddorf
Jesenas erreicht. Die Totenruhe unterbrochen von Hundegebell.

Die Waldhüter klopften den "jüdischen Herrgott" mit einer Selbstverständlichkeit aus dem Schlafe, die den Kommissär aufs höchste verblüffte. Und einer der Förster machte dem erschreckten Dorfkrämer in kaum verständlichem Deutsch klar, daß sofort für acht Personen Pfannenschnitzel mit Erdäpfel, große Portionen, zubereitet, Nachtquartier beschafft, für den gnädigen Herrn Forstkommissär ein eigenes Zimmer mit frischüberzogenem Bett und ohne Wanzen hergerichtet werden müssen. Augenblicklich aber Wein, Käse und Brot. "Brzo, brzo, napried!" (Schnell, schnell, vorwärts!)

Erst in kroatisch-serbischer, dann in deutscher Sprache sicherte der ältliche Dorfkrämer sofortige Erfüllung der Befehle mit höflicher Dienstwilligkeit zu. Weckte Hilfskräfte, machte Licht in der Zechstube hinter dem Kaufladen, öffnete die Haustüre und hieß den gnädigen Herrn Forstkommissär mit untertäniger Ansprache willkommen im freilich unvorbereiteten Hause, weshalb um Nachsicht gebeten wurde. Alles gesprochen nun mit der Ruhe der Selbstverständlichkeit, gepaart mit Hochschätzung des Gastes.

Kaum waren in der Zechstube die Gäste mit Wein und Brot nebst Käse versorgt, verschwand der "Herrgott".

Verhältnismäßig sauber gehalten die "Stube", der Wein nicht schwer, doch überraschend gut. Kommissär Günter staunte über den Empfang, besonders über die Gelassenheit des Krämers und Wirtes.

Oberwaldhüter Kuster hatte allen Ärger verwunden und gab nun Auskunft, daß der "Jude von Jesenas" an Einquartierung von Forstleuten gewöhnt, sein Haus auf Meilen in der Runde die einzig mögliche Unterkunft sei. "Der größte Gauner von Kroatien, aber ein anständiger Mensch!" Die Förster sowie die Waldhüter stimmten bei.

An dem Ausspruch Kusters kaute der Forstkommissär, bis der Krämer mit weißer Schürze vor dem Kaftan zunächst für den Forstoberbeamten das Essen brachte: eine riesige Portion "Naturschnitzel" von Rind, mit fettriefenden Schmorkartoffeln hochgegupft auf einem zweiten Teller. Dieser Anblick machte den ausgehungerten Kommissär sprachlos. Das Staunen wuchs, als die übrigen Gäste gleichgroße Portionen erhielten.

Die Frage, wie hoch im Preise solche Mengen üppiger Nahrung in weltentlegener Waldeinsamkeit bei wahrscheinlich enormen Bringungskosten stehen werden, sprach Günter nicht aus, machte sich aber auf eine "gepfefferte" Rechnung um so mehr gefaßt, als der Wirt doch vielverschrien war.

Auch mit dem Zimmer konnte Günter zufrieden sein.

Der Dienst schuf die Tagesordnung: Morgens Frühstück im Krämerhause, spätabends die Atzung.

Acht Tage hindurch. Und jeden Abend in erstaunlichen riesenhaften
Portionen Rindschnitzel mit gerösteten Erdäpfeln. Abwechslung unmöglich.

Wegen dieser "Eintönigkeit" in der Verpflegung fragte Günter den Adlatus im Walddienst nach der Ursache.

"Was wir essen, stammt von—Notschlachtung!" erwiderte untertänig, doch listig blinzelnd der alte Oberwaldhüter Kuster.

"Not—schlach—tung?!" Sehr gedehnt und in drei Teilen kam dieses Wort aus Günters Munde.

"Zu dienen, Gospodin! Notschlachtung! Aber das Rind war ganz gesund!"

"Wie? Was? Notschlachtung erfolgt doch nur, wenn ein Stück Vieh Beinbruch erlitt oder Lebensgefahr vorhanden war! Um vom Fleisch noch etwas zu retten, wird—Notschlachtung vorgenommen! In—Europa!"

"In Österreich, Euer Hochwohlgeboren zu dienen! In Kroatien, wenigstens in unseren Waldbezirken, wird Vieh aus—anderer Not geschlachtet."

"Welche—Not kann das sein?"

"Die—Not entsteht durch den Eigentümer des Viehstückes oder durch die Gendarmen…."

Günter starrte den alten Waldhüter mit weitaufgerissenen Augen und offenstehendem Mund an.

"So ist es, Gospodin! Euer Hochwohlgeboren werden leicht und rasch verstehen, wenn ich sage: Die durch Verrat heraufbeschworene Entdeckungsgefahr zwingt zur—Notschlachtung im Wald. Suchen der Viehbesitzer, dem ein Stück abhanden kam, oder die von Verrätern verständigten Gendarmen nach dem angeblich gestohlenen Rind oder nach der verschwundenen Kuh, so muß das Stück sofort im Walde geschlachtet, müssen die größeren und besseren Teile in größter Eile—verschleppt werden!—Das Stück ist immer—gesund! Was—Notschlachtung ist, wissen jetzt Herr Kommissär."

"Ja, danke für die interessante Aufklärung. Können Sie sagen, wie man hierzulande ein Stück Vieh—stiehlt?"

"Aus eigener Praxis nicht, gnädiger Herr! Aber wie andere Leute sich ein Stück Vieh 'verschaffen', das kann man überall hören; es ist das kein Geheimnis. Auch die Gendarmen wissen alles, kommen jedoch immer zu spät, das heißt, wenn die Notschlachtung schon vorüber, das zerteilte Stück bereits verschwunden ist.—Auf normale Weise wird ein Stück Vieh, meist Kuh, mit Hilfe eines erschwindelten Viehpasses gestohlen. Zunächst ist das Wichtigste, von dem Viehstück die Farbe oder besondere Kennzeichen 'auszuspekulieren'; je gewöhnlicher und regelmäßiger Farbe und sonstiges Aussehen sind, desto leichter gelingt die Sache. Weiß man über das Aussehen genau Bescheid, so geht man auf den Viehmarkt, sucht ein möglichst ähnliches Stück und läßt sich in Kaufunterhandlung ein. Man leistet eine Anzahlung von zwei bis drei Gulden, die sogenannte 'Likova'[11], borgt vom Verkäufer den amtlich gestempelten 'Viehpaß' aus, der die Beschreibung des Viehstückes und die Verkaufserlaubnis enthält, und bittet den Viehbesitzer um etwas Geduld, da man auf dem Markt noch etliche Stück Vieh ansehen und kaufen wolle. Hat der Viehbesitzer noch keine schlimmen Erfahrungen gemacht, so gibt er den 'Paß' her und sieht ihn im Leben nicht wieder. Mit dem 'Paß' verschwindet 'man', und jetzt erst wird der Diebstahl eingeleitet. Der 'Paß' hat nur den Zweck, den 'Besitz' des gestohlenen Viehstückes auszuweisen, wenn man dieses auf dem nächsten Viehmarkt verkaufen, also Bargeld erzielen will. Mißlingt die Verbringung des gestohlenen Viehstückes zum Markt, tritt Verfolgungsgefahr ein, kommen die Gendarmen dazwischen, so erfolgt die erwähnte Notschlachtung, damit von dem gestohlenen Viehstück gerettet werde, was in der Eile geborgen werden kann…."

Der Forstkommissär lachte. "Wer mag wohl den schlauen Trick ersonnen haben? Den Bauern ist er nicht zuzutrauen!"

In seiner demütigen Weise sprach Kuster: "Sehr richtig geurteilt, gnädiger Herr! Alle Intelligenz stammt von unserem—Hauswirt! Er ersann den Trick, damit die Waldgriechen und natürlich er selbst öfter zu—Fleisch kommen. Für die Ausführung seiner Pläne haben die Waldgriechen alle Schlauheit; sie werden fast nie erwischt, und da sie sonst sehr faul sind, die mühsame und gefährliche Verbringung gestohlenen Viehes zu Markt scheuen, frisches Fleisch lieben, so erfolgt auf einen Viehdiebstahl sehr oft, fast regelmäßig die Notschlachtung."

"Ja, wenn das alles die Gendarmen wissen, warum erfolgt denn beim—Krämer keine Haussuchung? Das Vorhandensein größeren Fleischvorrates beim Dorfkrämer mitten im Forst ist doch stets verdächtig, Nachweis über rechtschaffenen Erwerb unmöglich! Warum wird nicht nachgesucht?"

"Halten zu Gnaden, Herr Kommissär? Würden die Gendarmen bei unserem Hauswirt nur ein einziges Mal nach unrechtmäßigem Fleischbesitz—schnüffeln, so bekommen sie zeitlebens in Jesenas—nichts mehr zu essen! Der Hunger tut aber auch den Gendarmen weh im großen Forst, wo auf Meilen im Umkreise nichts, gar nichts zu haben ist…."

"Na, schön! Und die Waldhüter und die Förster?"

"Sie müssen aus gleichen Gründen schweigen und zum schlauen Krämer halten, der für alle und für alles sorgt. Er ist ein 'anständiger Gauner', denn er nimmt von uns sehr wenig Geld. Er ist unser—Wohltäter! Er ist auch der Wohltäter der Gendarmen, überhaupt der gesamten Bevölkerung auf der ganzen Gorievica. Das 'Glück' im Waldmeer ist er, denn er sorgt für alle und für alles!"

"Was sagen denn die Behörden zu diesem—Skandal?"

"Euer Hochwohlgeboren wollen gnädigst bedenken: das Fiskalat hat keine Ursache, sich dreinzumischen, denn der Krämer von Jesenas bezahlt für die Bevölkerung der Gorievica gewissenhaft die—Steuern!"

"Die Gespanschaft…"

"… bekommt Gendarmenberichte, die zu den Akten genommen werden. Da in den wenigen Walddörfern Gendarmen nicht stationiert sind, nicht untergebracht werden können, haben Inspektoren in den Walddörfern nichts zu tun."

"Aber die Popen?"

"Sind sehr dankbar, wenn sie für wenig Geld viel frisches Fleisch bekommen, außerhalb der langen Fastenzeit der Griechen! Es ist schön und ehrenwert, daß die Griechen die Abstinenz genau einhalten, vierzig Tage hungern, nur am Abend etwas von den getrockneten Fischen essen, die der Krämer bündelweise aus Ungarn bezieht und auf—Pump verabreicht! Abrechnung erfolgt später: Fleisch für Fische!"

"Zum Kuckuck! Es gibt doch Gerichte auch in Kroatien!"

Kuster verbeugte sich und sprach demütig. "Gnädiger Herr! Wo kein Kläger, ist auch kein Richter! Vor Jahren weilte ein Untersuchungsrichter auf Grund einer Gendarmerieanzeige in Jesenas: die Kommission zog schon am zweiten Tage erfolglos und arg hungrig ab; der Krämer hatte nichts Eßbares im Hause. Sogar der Richter hatte vergeblich in Keller und Speicher gesucht!"

Darauf verstummte Kommissär Günther. Seine Neugierde richtete sich auf die—Rechnung.

Der "Herrgott" von Jesenas weigerte sich, einen geschriebenen Beleg zu geben. Untertänig erklärte er, daß der gnädige Herr Forstkommissär achtmal für Wohnung samt Bedienung und Licht, für Frühstück (Kaffee mit Milch, Brot, Honig und Eiern) sowie für das Abendessen (Fleisch mit Kartoffeln) zusammen täglich—dreißig Kreuzer[12] zu zahlen habe. Für Wein täglich zwölf Kreuzer "extra"….

Kommissär Günter traute seinen Ohren nicht und riß vor Staunen weit die
Augen auf.

Erschreckt, das Staunen irrig deutend, bat der Krämer unter Verbeugungen um Verzeihung, verwünschte seine Gedächtnisschwäche, die ihm einen üblen Streich gespielt, und feierlich erklärte er, daß der Tagespreis ohne Wein—zwanzig Kreuzer betrage!!! Am Wein hingegen könne er beim besten Willen nichts nachlassen, da nur der Selbstkostenpreis berechnet worden sei.

Mit Mühe setzte Günter dem achtenswerten Krämer auseinander, daß der Preis von täglich dreißig Kreuzern wahrhaftig nicht als zu hoch erachtet würde. Der Kommissär wollte diesen Betrag bezahlen, aber der Hauswirt verweigerte die Annahme des Betrages über den Pensionspreis von zwanzig Kreuzern hinaus. Ebenso lehnten die Dienstboten die Annahme irgendeiner Belohnung ab.

Die Förster hatten fünfzehn Kreuzer täglich zu zahlen, die Waldhüter nichts….

Auf dem Rückmarsch hatte Forstkommissär Günter ein sonderbares Summen im
Ohr; immer klangen gedämpft die Worte. "Größter Gauner, anständiger
Mensch!" über den Widerspruch ärgerte sich Günter schändlich. Und einen
Seelenkampf kostete es, schlüssig zu werden über die Frage, ob, wie alle
anderen Menschen, die in Jesenas zu tun hatten und haben werden, auch
Forstkommissär Günter die Tatsachen hinnehmen und sich nicht weiter den
Kopfzerbrechen solle….

Der Seelenkampf war entschieden, als Günter seinen Dienstwohnsitz erreichte. Entschieden mit dem Satze. "Ich bin Forstmann in Kroatien und nicht—Kaminfeger! Denn nur der 'Schwarze' kratzt, was ihn nicht beißt!"

Im übrigen ahmte er das Beispiel der alten Amtskollegen nach, gab die gleiche Schilderung von den Verhältnissen auf der Gorievica und ließ sich von Ungläubigen ins Gesicht lachen. Solange Günter—Jahre hindurch—auf kroatischem Boden weilte, wich er jeder Erörterung des Themas. "Größter Gauner und doch ein anständiger Mensch" aus. Günter wollte über den Krämer von Jesenas keine Witzeleien hören; der Mann hatte während eines zweiten Aufenthaltes (Schätzungsnachprüfung) seine Achtung erzwungen, indem der Hebräer—es fehlte an Fleisch—vom kleinen Mehlvorrat das—letzte Pfund Mehl willig hergab, um den hilf- und nahrungslosen Beamten zu versorgen, solange es eben möglich war….

Fußnoten:

[9] Im Kroatischen hat das Wort "Bospor" die Bedeutung "übriggebliebener Buran"; im Slowenischen heißt das gleiche Wort soviel wie Knoblauchrübe. Mit solchen Rübchen gedämpft, mit Essig gesäuert und gedünstet, gilt in Kroatien auch heute noch der "übriggebliebene Buran" als Morgenspeise, die nach feuchtfröhlicher schwerer Nachtsitzung den "Kater" und alles "Haarweh" totsicher vertreibt. Von der Rübensorte ging der Name auf den Buran über. D.V.

[10] Jesam = ich bin, vunbacitelj = Hinauswerfer!—Hauptsächlich im Zagorje (Westprovinz von Kroatien) besteht der Brauch, daß drei Personen als Stolaren fungieren, besonders bei Gastmählern zur Brautschau: der Tischdirektor, sein Vertreter und der—Hinauswerfer…. Zur Ehrung eines Gastes müssen die drei Stolaren anwesend sein, doch wird der vunbacitelj in seiner "amtlichen" Eigenschaft nicht—vorgestellt. D.V.

[11] Likova in der Bedeutung: vorläufige Abrechnung, Anzahlung; das slavische Wort bedeutet auch: Ausgleichung, offizielle Bilanz über gegenseitige Dienstleistung auf Grund eines Vertrages. Der tüchtigste Slavist der Gegenwart, Oberstleutnant Zunkovic, verweist auf das deutsche Wort "Leihkauf", das ein mißverstandener Begriff und aus dem slavischen Worte entstanden ist. Tatsächlich hat "Leihkauf", "etwas zum Leihen kaufen", keinen Sinn.

[12] österreichische Währung bis 1885. In diesem Jahre wurde die neue Kronenwährung (zwei Kronen gleich dem alten Gulden) eingeführt und in ganz Österreich und Ungarn längere Zeit hindurch—nicht beachtet….

Feuerstein und Schwefelfaden

In folge des Schönbrunner Friedens vom 14. Oktober 1809 war der westliche Teil von Kroatien ("Illyrisch-Kroatien") französisch geworden. Vier Jahre hindurch mußten die an ganz andere Verhältnisse gewöhnten "okkupierten" Kroaten die französische Herrschaft und Verwaltungskunst ertragen; sie durften wohl seufzen, die Faust aber nur im Sack machen. Es gab jedoch auch Lichtseiten, indem in manche Dinge von den Franzosen Ordnung gebracht wurde, die Besatzungstruppen sich im großen und ganzen anständig benahmen. Für die Heiterkeit der Kroaten sorgte die französische—Duellwut, die den Kroaten etwas ganz Neues und Urkomisches war und Orgien feiern konnte, da der kroatische Wein gut, spottbillig und zur Aufstachelung der Zweikampfslust nachtsüber sehr geeignet war. Weniger komisch wurde die vom Marschall Marmont auferlegte und sehr tatkräftig eingehobene Zwangsanleihe befunden. Solchen Aderlaß bekam der kroatische Adel empfindlich zu spüren, weshalb just in Gutsbesitzerkreisen die früher üblich gewesene Liebäugelei in das Gegenteil umschlug, als man die verhimmelten Franzosen als Herren im Lande hatte.

Neu war den Kroaten auch der Zwang, vor der kirchlichen Trauung die staatliche Zivilehe auf dem französischen Standesamte zu schließen. Den farbenfreudigen Südslaven gefiel die Trikolore Frankreichs als Amtsschärpe der Bürgermeister, da selbe die Farben Kroatiens, freilich in anderer Zusammenstellung, aufwies. Der Klerus, der französischen Herrschaft durchaus abgeneigt, unterließ wohl aus Gründen der Klugheit den Widerstand gegen die aufgenötigte Zivilehe. Es war überhaupt nichts zu wollen, gegen die Zwingwirtschaft nicht aufzukommen; bis auf ganz kleine Kreise, die mehr oder weniger notgedrungen den Verkehr mit Militär und Beamtenschaft unterhielten, blieben Adel und Geistlichkeit abseits, fügten sich knirschend ins Unvermeidliche, erfuhren von Reibungen nicht viel, da es dazumal keine Zeitungen im Lande gab, der Postverkehr sehr dürftig eingerichtet war, das Briefschreiben nicht zu den Gepflogenheiten des kroatischen Adels gehörte.

So wußte man in "Illyrisch-Kroatien" kein Wort von der Völkerschlacht bei Leipzig, nichts von sonstigen Ereignissen.

Eines Tages früh morgens war in Französisch-Kroatien kein französischer Soldat mehr zu sehen: alles in nächtlicher Stille plötzlich abgezogen. Darob großes Erstaunen, Verwunderung. Bevor das Volk aber die Nachricht vom Abzug der "Okkupations"truppen erfuhr, und ehe der Adel sich darüber richtig freuen konnte, wurde amtlich verkündet, daß Kroatien nunmehr unter der "väterlichen" Regierung Österreichs stehe.

Die Schilderungen der Stimmung in Kroatien wegen dieser Ereignisse gehen weit auseinander, je nachdem der Autor Österreicher, Franzose, Ungar oder Kroat gewesen. Sehr plastisch weiß Dr. von Tkalac (Weber) in seinen "Jugenderinnerungen aus Kroatien" zu erzählen; aber ganz zuverlässig ist dieser vornehme Kroate nicht wegen seiner leidenschaftlichen Parteinahme für den "Westen", und überdies war er zu jener Zeit noch nicht geboren, kannte die Verhältnisse nur aus den Mitteilungen seines Vaters, der wegen des finanziellen Aderlasses ein grimmiger Franzosenhasser war.

Daß das von den Franzosen endlich befreite Volk seinen Bedrückern "grollte" nur deshalb, weil die Besatzungstruppen ohne "klingend Spiel" bei Nacht und Nebel abgezogen waren, glaubt dem Herrn von Tkalac wohl der stärkste Mann von Europa nicht. Er erzählt auch, daß die "grollenden" Bewohner von Karlstadt nach dem Abzug die französischen Adler von den Amtsgebäuden herabrissen, und daß die Leute in die Freimaurerloge eindrangen und dort alles kurz und klein schlugen, die Trümmer aus den Fenstern warfen und auf dem Platze verbrannten. Der Bürgermeister, zugleich "Meister vom Stuhl", habe Widerstand nicht gewagt, weil er wußte, daß die österreichische Regierung die Freimauerei nicht dulden würde.

Österreich regierte "väterlich" absolutistisch auch in Kroatien, wo man an die ungarische Gesetzgebung und Verwaltung schlecht und recht gewohnt war. Kein Wunder, daß den Kroaten gewisse "väterlich-österreichische" "Spezialitäten", wie Stempel- und Registrierungstaxen, Tabak- und Salzmonopol usw., nicht gefielen. Auch die Nichtwiedergewährung der Selbständigkeit der Gemeindeverwaltung nach ungarischen Muster ("Autonomie der Munizipien" genannt) paßte den an ungarische Freiheiten und Lässigkeiten gewöhnten Kroaten nicht. Der Wiener Bureaukratenzopf wurde als sehr lästig empfunden. Wegen rücksichtsloser Steuereintreibung ballte das gequälte Volk die Fäuste. Dr. Tkalac erzählt, daß ein nach Karlstadt, dem Hauptsitz der vielen Behörden, gekommener Bauer beim Anblick eines Amtsschildes mit dem österreichischen Doppeladler ausrief. "Der französische Adler hatte nur einen Schnabel, wieviel wird nun diese Bestie mit zwei Schnäbeln fressen!" Der Ausruf muß von einem "biederen" Landsmann verraten worden sein, da der nicht üble Witz dem Bauer "teuer zu stehen kam". Den aus slovenischen Landesteilen nach Kroatien berufenen österreichischen Beamten wird es nicht möglich gewesen sein, den erwähnten Ausspruch eines Kroaten schlankweg zu verstehen. Tkalac irrte sich mit der Behauptung, daß sich Slovenisch sprechende Beamte mit der kroatischen Bevölkerung "leicht" verständigen konnten. "Leichter" als Deutsch ja, aber nicht leicht; denn der slovenische Dialekt von Kärnten und Krain wird auch heute noch nicht von kroatischen—Bauern verbanden. Man muß das im praktischen Verkehr selbst erprobt haben, um sich ein Urteil darüber erlauben zu können. Beide Dialekte weichen sehr stark von einander ab. Hingegen können sich gebildete Slovenen und Kroaten ziemlich leicht verständigen, wenn sie sich ihrer Idiome dialektfrei bedienen. In jenen Jahren gab es aber im praktischen Verkehr eine reine, dialektfreie Sprache weder bei den Slovenen noch bei den Kroaten.