E-text prepared by David Starner, Louise Hope,
and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team
Transkriptionsnotiz:
Es gibt ein paar Unregelmäßigkeiten im Originaltext.
Solche, die als Fehler aufgenommen werden können, sind
auf diese Weise
markiert.
Das Titelwort Harlekin's erscheint mit und ohne Apostroph.
Der Apostroph in Möser's Leben ist ebenfalls im Original.
Das Wort "jetzt" ist meistens, aber nicht immer, als "itzt"
geschrieben; die Ausnahmen sind markiert.
Vier Wörter oder Sätze in diesem ("gotischen") Frakturtext
wurden in romanischen Buchstaben gesetzt. Diese sind hier
kursiv geschrieben.
Neben den normalen Seitenzahlen wurden die (ungeraden) Vorderseiten
eines jeden 16-Seiten Heftes zusätzlich numeriert.
Diese Numerierung erscheint als (A), (A2), (A3)...
Die Tugend auf der Schaubühne
oder
Harlekins Heirath.
Ein Nachspiel in Einem Aufzuge
von
J. Möser.
Berlin und Stettin,
bey Friedrich Nicolai
1798.
Herr Barthold
, Principal der Bühne.
Kolombine
, seine Tochter.
Harlekin
, Schauspieler.
Scapin
, Schauspieler.
Isabelle
, Schauspielerin.
Valer
, Schauspieler.
Peter
, Lichtputzer.
Der Schauplatz ist auf dem Schauplatze.
Die Tugend auf der Schaubühne;
oder:
Harlekin's Heirath.
Ein Nachspiel in einem Aufzuge*).
Herr Barthold, Harlekin.
Harlekin (macht drey tiefe Verbeugungen).
Barthold. Was
will Er, mein guter Freund?
Harl. (Macht wieder einige Verbeugungen).
Barth. Bücke Er
sich so lange bis Er müde wird, und dann kann Er mir sagen was Er zu
sagen hat. Die jungen Leute gewöhnen sich das itzt so an, daß sie
einem die Zeit mit tausend Komplimenten verderben. Wenn man in
meiner Iugend zu einem Mann im Amte ging: so machte man ihm einen
einzigen Bückling, und kam dann zur Sache. Das war eine gute Mode;
dabey sollte man es lassen.
Harl. (in fremdem Ton) Hochedelgeborner und
Gestrenger--
Barth. Damit geht
schon wieder eine Minute hin.
Harl. Sie
erlauben großgünstig--
Barth. Wieder
eine Minute.
Harl. Daß ich mir
die Freyheit nehme--
Barth. Noch
ein Wort von solchem Schlage, und
ich prügle Dich zum Dinge hinaus.
Harl. (im gewöhnlichen Ton) Ich komme, Herr Barthold,
wegen Ihrer jüngsten Tochter Kolombine; sie gefällt mir--
Barth.
Gehorsamster Diener, gehorsamster Diener, mein werthester Herr
Harlekin! Verzeihen Sie, daß ich Sie sogleich nicht gekannt habe.
Meine Augen vergehen mir allmählich, und Sie redeten mir in einem
solchen Candidatenstil, den ich an Ihnen nicht gewohnt bin.
Harl. Ich
kann heirathen, ich muß heirathen, und ich
will heirathen.
Barth. Nun, das
ist kurz. Das sind drey Hauptursachen, die nicht von allen Leuten so
recht verstanden und empfunden werden. Was gedenken Sie denn aber
Ihrer künftigen Witwe zum Leibgedinge auszusetzen?
Harl. Erstlich,
gedenke ich nicht vor ihr zu sterben.
Barth. Das ist
freilich ein guter Vorsatz; allein Ausführung kommt bisweilen gar
sehr auf die Frau an: diese hat vielerley Mittel, einen ehrlichen
Mann in die Grube zu bringen, ohne Gift und Messer. Der meinigen habe ich es, Gott sey Dank,
abgesessen. Es war ein heller Gast; aber sie wurde so eingetrieben,
daß sie sich aus dem sieben und zwanzigsten Kindbette nie wieder
erholen konnte. Sie sehen, ich habe mich wohl gehalten.
Harl. Das
merke ich. Zweytens, hat sie, so lange ich lebe, ein reichliches
Auskommen. Meine Kunst als Harlekin hat einen goldenen Boden, und
Kolombinchen hat gewiß auch eine Kunst worauf sie sich verlassen
kann.
Barth. Ach,
die Künste verlassen einen mit der Zeit, und wenn man alt wird,
so ist nichts bequemers als von seinen Renten zu leben. Da ist
ein Haufen Mühe und Sorge erspart.
Harl.
Freylich, und ich denke eben deswegen ein Capital zurück zu
legen, wovon zweytausend Thaler auf den Witwenstuhl kommen
sollen, Nota Bene: wenn er keinen Haarbreit verrückt wird.
Barth. Das ist
etwas hart; eine Witwe ist zu beklagen. Ich fühle, mein lieber
Harlekin, wie sauer es mir in meinem sieben und siebenzigsten
Iahre wird, mich nicht bisweilen auf einen hübschen weichen
Witwenstuhl zu setzen.
Harl. Ich will
es aber nun so; und darum gebe ich meiner Witwe einen Stuhl mit
vier Beinen, damit er recht feste stehe. Zweytausend Thaler, wenn
ich sie habe, sind, zum Henker, Geld. Was Kolombine erspart, soll
sie zu ihrem Nadelgelde behalten, und wenn sie vor mir verstirbt,
werde ich sie in ihrem besten Hemde begraben lassen.
Barth. Aber
Sie vergessen die Morgengabe.
Harl. Das bin
ich selbst: Morgen- und Abendgabe. Bringt mir aber Kolombine
einen Sohn, wohl zu verstehen, wenn er mir ähnlich sieht; denn
das fordere ich ausdrücklich: so soll er auch Barthold Harlekin
heißen.
Barth. Ich
dachte in der That, Sie wollten ihr sodann ein neues Kleid aufs
Kindbette legen. Hören Sie, Herr Harlekin, ich habe der Mädchen
viele, und schaffe sie mir gern vom Halse, weil sie auf ihren
spitzen Absätzen leicht einmal unvorsichtiger Weise zu Falle
kommen können. Ich will also nicht lange handeln. Kolombine ist
die Ihrige; und zwar diesen Abend, wenn Sie wollen. Das bitte ich
mir aber aus, daß Sie sie nicht heimlich entführen; ich würde
sonst auf Ihrer Hochzeit nicht trinken können.
Harl. So weit
sind wir noch lange nicht. Ich habe mich nur erst vorläufig
erkundigen wollen, ob Sie mir Ihre Tochter wohl geben wollten,
wenn ich in forma darum anhielte.
Itzt ist noch ein kleiner oder großer Punkt übrig. Sie wissen,
mein werthester Herr Barthold, daß man von den Comödiantinnen
mancherley sagt. Kolombinchen hat ein Paar so allerliebste
Tauben-Aeugelchen, sie hat so etwas, so etwas--ach, Herr
Barthold, ich kann es nicht sagen, aber was sie hat, das sagt so
viel--so viel--
Barth. Nun,
wie viel denn?
Harl. Wenn
eine Nuß leicht aus der Hülse fällt, ist sie denn auch wohl schon
vom Wurme gestochen?
Barth. Ist das
eine Frage für eine klugen Mann? Die Wurmstichigen sitzen allemal
fest in der Hülse.
Harl. Ach,
Herr Barthold, sollte sie es nicht schon wohl versuchet
haben?
Barth. Sie mag
versucht haben was sie will, so hat sie allzeit nur ihre Rolle
gespielet. Ein Mädchen auf der Bühne muß oft verliebt thun, oft
küssen, oft lachen, und was dergleichen mehr ist. Das bringt aber
die Comödie so mit sich. Wenn Kolombine die verschmitzte
Buhlerinn vorstellt, so würde es sich ja nicht schicken, daß sie
die Mine einer Matrone behielte. Wie oft hat sie nicht auch
geweint! Meynen Sie aber, daß sie um deswillen, sie zu Hause
gekommen, immer betrübt gewesen?
Harl. Ich habe
allzeit gehört, die Unschuld soll so etwas Süßes, so etwas
Körnichtes, so etwas von der braunen Kruste seyn, daß ich nicht
gern eine Frau nehmen mögte, welche diesen Leckerbissen bereits
verschenket hätte.
Barth. O mein
lieber Harlekin, sind Sie da verbrannt: so rathe ich Ihnen gar
keine Frau--anders als meine Kolombine zu nehmen.
Harl. Aber
sehen Sie einmal Selbst, Herr Barthold, alle diese schönen Herrn,
welche hier vor unsrer Bühne sitzen. Ihre Augen scheinen meinem
lieben Kolombinchen das Mark aus den Knochen zu ziehen; und wenn
sie tanzt; ach, wenn sie tanzt: so--so--tanzen alle Herzen mit
ihr.
Barth. Sollten
sie das wohl thun?
Harl. Wenn sie
es nicht thäten, so mögte ich
Kolombinchen nicht; und nun, da
sie es thun, so traue ich Kolombinchen nicht recht. Denen
Mädchen, die so hoch springen wenn sie tanzen, kann leicht ein
Blümchen entfallen; und wenn das auch nicht wäre: so rühmt sich
doch ein jeder, vielleicht selten
mit Recht, daß er eines aufgenommen habe. Herr Barthold, Herr
Barthold! eine hübsche Comödiantinn ist wohl selten, selten,
selten eine Kirsche woran nicht schon ein Vogel gebissen
hat.
Barth. Possen!
es ist kein hübsches Mädchen in
der Welt, wovon man nicht eben diese Vermuthung hat. Nicht, weil
sie geschwinder Feuer fängt, als eine andere, sondern weil sie
Tag und Nacht verfolgt und also leicht einmal im Schlummer
überrumpelt wird. Wer sich aber daran stößt, der mag zu seiner
Strafe eine Häßliche nehmen, und versichert seyn daß sie vor dem
ersten Loche gefangen werde. Sie wird die Ehre, das Glück und das
Vergnügen, in ihrem sterblichen Leben
auch einmal angebetet zu werden, so verliebt erkennen; sie
wird so besorgt seyn den Vogel nicht zu verscheuchen; sie wird so
bange seyn, die einzige Gelegenheit zu verlieren; sie wird so
fertig seyn, ihre vergängliche Waare an den Mann zu bringen, daß
ich nicht Eines auf sie, aber wohl hundert auf ein hübsches
Mädchen verwetten wollte, das die Wahl unter tausend Käufern hat.
Und dann, mein lieber Harlekin, ist es eine bestialische Sache,
eine garstige Hexe und doch keine
braune Kruste zu bekommen. Für Kolombinen will ich allenfalls
Bürge seyn.
Harl. Die
Bürgschaft ist in der That etwas bedenklich. Ich hätte für meine
Mutter nicht einstehen mögen.
Barth. Ich mag
die Grillen nicht länger anhören. Kurz und gut, Sie nehmen sie,
oder nehmen sie nicht; einige Gefahr werden Sie allemal laufen.
--Doch, warten Sie, wir wollen heute einmal den Freyer
vorstellen. Sie sollen der Bräutigam, und meine Tochter Kolombine
Ihre Braut seyn. Sie können sie dabey auf die Probe stellen; und wenn es Ihnen dann
nicht gefällt, so sind Sie am Ende wieder frey, und Sie haben nur
eine verliebte Rolle gespielet.
Harl. Der
Einfall ist wirklich gut. Ein jeder Freyer spielt doch nur eine
Rolle; und wenn am Schlusse des Stücks die Heirath vollzogen
wird, so hat die Rolle nur gar zu früh ein Ende.
Barth. Holla!
Kolombine!
Die
Vorigen, und Kolombine.
Barth.
Kolombine, Du sollst heute einmal die Braut seyn.
Kolombine.
Ach, Papa, das bin ich gerne. Ich spiele nichts lieber als Braut
und Bräutigam.
Harl. (Vor sich) O Du-- Sie wissen aber
doch, meine schöne Kolombine, daß die Freyerey mit der Comödie
ein Ende hat.
Kolombine.
Nun, so können wir ja dasselbige Stück noch einmal spielen. Ich
wollte, daß wir gar kein anderes auf unsrer Bühne hätten; und
fast mögte ich das Heirathen verreden, um allzeit Braut zu
bleiben. Ach, es ist so allerliebst Braut zu seyn.
Barth. Man
kann heirathen, und doch noch immer die Braut spielen. Eine gute
Partey kann man immer auf Abschlag nehmen; und die jungen Mädchen
thun übel, wenn sie die Hand eines ehrlichen Mannes ausschlagen,
um allzeit flattirt, adorirt, courtisirt, carressirt, und endlich
meprisirt zu werden. Bist Du denn, meine Tochter, sonst noch nie die Braut als
auf der Schaubühne gewesen?
Kolombine.
Nein, Papa.
Barth. Hören
Sie wohl, Herr Harlekin?
Harl. Ich höre
und sehe, Herr Barthold.
Barth. Wo ist
Scapin und Peter? Sie sollen auch herkommen, und den Freyer
mitspielen. Isabelle, welche schon oft die Braut vorgestellt, und
erfahrner ist als Du, Kolombine, soll Dir die rechte Manier
zeigen.
Kolombine. O,
Papa, ich will schon fertig werden, ich verstehe es schon.
Barth. Nun, so
macht Ihr Beyde den Anfang. Ich will herumgehen, und den Uebrigen
ihre Rollen ankündigen.
Harlekin
und Kolombine.
Kolombine.
Nun, Sie fangen an.
Harl. Nein,
fangen Sie an.
Kolombine.
Ach, nein! so habe ich es nicht gelernt. Der Bräutigam fängt
zuerst an, und sagt: Ach, meine theuerste Schöne, wie lange habe
ich mir nicht schon das Glück gewünscht, Ihnen mein Herz zu
eröffnen.
Harl. Und was
sagt denn die Braut?
Kolombine. Sie
antwortet: O! Sie schmeicheln mir zu viel; ich weiß, es ist nur
Ihr höflicher Scherz.
Harl. Und was
antwortet denn Er wieder?
Kolombine. Er
nimmt dann ihre Hand, küßt solche, und sagt: Ach, mögten Sie in
dieses Herz sehen; da würden Sie lesen, daß mein aufrichtiger
Wunsch niemals ein anderer gewesen, als das Glück Ihnen zu
gefallen, und diese schöne Hand zu küssen.
Harl. Und läßt
sie das so geschehen?
Kolombine. O
ja, sie läßt ihm die Hand, und er küßt sie noch hundertmal; und
seufzet dann, bis endlich die Braut solche nicht mehr
zurückziehen kann, und mit ihrer ganzen Person folget.
Harl. Die
Rolle mag ich nicht spielen.
Kolombine. Auf
welche Art wollen Sie dann?
Harl. Ich
sage: Kolombine, mein englisches Magentröpfchen, wenn Sie will, ich will wohl.
Kolombine. Und
was muß sie denn sagen?
Harl. Sie
spricht: Nun, ich will--
Kolombine. Nun
ich will--
Harl. Fallen
Sie mir doch nicht in die Rede. Sie muß sagen: Nun, ich will
nicht.
Kolombine. Die
Rolle mag ich nicht spielen.
Die Vorigen, und Barthold.
Barth. Nun,
meine Kinder, habt Ihr angefangen?
Kolombine.
Nein, Papa! In der Sache sind wir eins; wir können uns nur über
die Rolle nicht vergleichen. Herr Harlekin will es besser wissen
als ich, und mich dünkt, in diesem Stück könnte ich lange sein
Meister seyn. Ich bin von Iugend auf bey dem Schauspiele erzogen;
bin so mannichmal Braut gewesen,und muß es vermuthlich besser
wissen als er.
Barth. Nun,
Harlekin, so sollten Sie sich auch weisen lassen. Kolombine
führet Sie gewiß keinen unbekannten Weg.
Kolombine. O
nein! Ich dachte es eben so zu machen wie die selige Mama.
Barth. Wie ich
meine selige Frau heirathete, folgte ich ihr blindlings, und
unsere Ehe würde nicht so gesegnet gewesen seyn, wenn ich minder
folgsam gewesen wäre. Sie war allzeit fertig mich zu unterweisen,
und ihr Exempel that bisweilen die besten Dienste. Oft war mir
ihr Unterricht sehr ungelegen; aber das war, der Himmel weiß,
ihre Schuld nicht.
Harl. Das
Schlimmste sind meine Scrupel; und ich begreife noch nicht, Herr
Barthold, wie solche durch unsre Comödie werden gehoben werden.
Stellt Kolombine die Braut gut vor, so werde ich denken: sie
versteht ihre Rolle; und stellt sie solche nicht gut vor, so
werde ich denken, sie versteht noch eine Rolle. Und der Himmel weiß, ob sie
nicht noch eine dritte versteht. Es ist doch schlimm, daß man das
Ding nicht auf die Goldwage bringen kann.
Barth. Die
beste Goldwage ist ein gutes Vertrauen; wer das nicht hat, der
ist schon wirklich betrogen; und wer es hat, der ißt seinen
Salat, schluckt eine Schnecke mit hinunter, und findet ihn noch
schmackhafter.
Harl. Ich
mögte darauf Ihr Gast nicht seyn. Wer heiraten will, muß nicht
Blinde-Kuh spielen, sondern wohl zusehen was er greift.
Kolombine. Oho! Herr Harlekin!
itzt verstehe ich das Ding mit der Goldwage. Auf ein Paar Aeßchen
können Sie gewiß rechnen, die ich schon verloren habe. Denn der
Schneider hat mir gar kein Eisen in meine neue Schnürbrust
gemacht. Indeß, da die Comödie aus ist, habe ich die Ehre mich
Ihren Scrupeln zu empfehlen.
Barth. Ich
meyne es auch so. Beschlafen Sie die Sache! Ein guter Traum ist
im Heirathen oft die beste Entscheidung.
(Sie gehn Beyde ab.)
Harlekin.
Scapin und Peter.
Harl. (vor sich) O weh! der erste Versuch
ist nicht zum Besten abgelaufen. Itzt mögt' ich wohl, nun will sie
nicht.
Scapin. Wird
denn heute nicht gespielt? Herr Barthold hat mich herbestellt, um
den Freyer mit vorzustellen. Ich sehe aber keine Anstalten.
Peter. Ich
sollte auch einen vorstellen--
Harl. Ha, mein
guter Peter, magst Du es denn gern thun?
Peter. O ja.
Ich muß sonst immer nur die Lichter putzen; wenn aber der Freyer
gespielet wird, so--so küsse ich, wollt' ich sagen,
Cathrinchen.
Harl. Und Du,
Scapin?
Scapin. Meine
Rolle in diesem Stück ist immer nur ein Puckel voll Schläge, und
ich könnte eben nicht sagen, daß ich solche jetzt nöthig
hätte.
Harl. Hör'
einmal, mein lieber Scapin! Ich weiß, Du bist schlauer als
mancher Dieb, der gehangen wird; ich muß Dir eins im Vertrauen
sagen.
Peter. Ich
hoffe doch nichts von Cathrinchen?
Harl. Ich wäre
wohl gesonnen, des Herrn Bartholds jüngste Tochter Kolombinchen
in allen Ehren zu heirathen--
Peter. Giebt
es denn auch Heirathen in Unehren?
Harl. Allein,
ich besorge, sie mögte schon--
Peter. Was
mögte sie schon?
Scapin.
Schweig, Peter, ich verstehe schon was Harlekin meynt. Er
besorgt, sie mögte schon einnal in Unehren geheirathet
haben.
Peter. Nun
verstehe ich es auch--
Harl. Was
meynst Du nun? Wie fange ich es an, um hinter die Wahrheit zu
kommen?
Scapin. Du
mußt sie vorher probiren.
Peter. Bey
meiner Treu, das ist vernünftig.
Harl. Allein,
wie mache ich das?
Peter. O, das
will ich wohl thun, wenn Sie es nicht verstehen.
Scapin. Ich
weiß was zu thun ist. Wolltest Du wohl, Harlekin, ihr zu
gefallen, eine Tracht Schläge vorlieb nehmen?
Harl. Die
Schläge wohl, aber den Schimpf nicht.
Scapin. Nun da
ist Rath zu. Höre, ich will Dir das Kleid meines Herrn
verschaffen. Du weißt, er ist Hauptmann, und eine Uniform hat
heut zu Tage viele Freyheiten; damit sollst Du diesen Abend zu
ihr gehen. Läßt sie Dich nun zum Hause hinaus prügeln, so kannst
Du glauben, daß sie die Krone von allen ehrlichen Mädchen ist.
Nimmt sie Dich aber an, küßt und umarmt Dich, so nimmst Du das
auf dem Marsche vorlieb, und weißt wie viel die Glocke
geschlagen.
Harl. O mein
lieber Scapin, das ist unvergleichlich. Ich danke Dir tausendmal
für Deinen guten Rath. Mache mich nur geschwind zum Hauptmann.
Ich brenne vor Verlangen, jene glückliche Tracht Schläge zu
empfangen.
Peter. Ich
wahrhaftig nicht. In meiner Heimath probirt man die Mädchen ganz
anders.
Scapin. In
meiner auch. Aber man bekömmt zuweilen etwas, was einem noch weit
unangenehmer ist, als eine Tracht Schläge. Nicht wahr,
Harlekin?
Harl. O
Scapin, Du bist der klügste Schelm, den ich in meinem Leben
gekannt habe. Mache nur geschwind, daß ich das Kleid von Deinem
Herrn bekomme. Ich hoffe doch nicht, daß er es übel nehmen wird,
wenn der Schimpf hiernächst darauf sitzen bleibt?
Scapin. O im
geringsten nicht. Eben das Kleid, was ich Dir verschaffen will,
hat schon mehrmal herhalten müssen. Ich will hingehen um es Dir
zu bringen. Du mußt mir aber auch einmal wieder zu gefallen seyn,
wenn Du nun ein Ehemann seyn wirst.
(Scapin geht ab)
Harlekin
und Peter.
Harl. Du
sagtest ja erst, Peter, man hätte in Deiner Heimath eine andere
Probe, um zu erfahren, ob die Braut noch ächt sey.
Peter. O ja,
das haben wir auch.
Harl. Wie
macht Ihr denn das?
Peter. Da
kommen wir her und suchen uns eine aus, die uns gefällt.
Harl. Das kann
ich wohl denken.
Peter. Dann
nehme ich mein Spinnrad, und gehe des Abends zu ihr ins Haus,
setze mich neben ihr hin und wir spinnen denn alle Beyde.
Harl. Nun,
spinnt Ihr denn immer fort?
Peter. Von
ungefähr geht dann einmal die Lampe aus.
Harl. Das
kömmt der Sache näher--
Peter. Spinnt
die Braut nun im Finstern fort, ohne den Faden zu verlieren, so
ist das ein gutes Zeichen.
Harl. Das ist
wirklich so dumm nicht--
Peter. Steht
aber das Rad stille, bricht der Faden und die Schnur schlägt wohl
gar ab: so hohle es der Henker!
Harl.
Wahrhaftig, die Leute sind klug; und wer hat euch das so
gelehret?
Peter. Ich
glaube, es muß so von Vater auf Sohn gekommen seyn. Denn wie
unser Pastor einmal das Zusammenspinnen abschaffen wollte, so
sagten die Aeltesten im
Dorfe: ihre Väter hätten es gethan, ihre Großväter hätten es
gethan, und ihre Kinder sollten auch thun.
Harl. In dem
Dorfe mögte ich wohnen!
Scapin mit
einem Kleide unterm Arme, und die Vorigen.
Scapin.
Stille! stille! wir wollen einen rechten Aufzug haben. Isabelle
und Valer kommen daher, um ihre Rolle zu spielen. Es geht ihnen
wie mir. Sie meynen, der Freyer werde gespielet, und weil an
ihnen die Reihe ist, aufzutreten, wenn ich zum andernmale abgehe:
so will ich itzt ganz ernsthaft herausgehn. Ihr aber geht auf die
Seite so lange. Hier ist das Kleid, Harlekin, welches du
immittelst anziehen kannst.
Harl.
Vortrefflich!
Peter. Das ist
des Henkers Comödie.
(Gehn ab.)
Isabelle
und Valer.
Isabelle.
Nein, mein werthester Graf, so schmeichelhaft es mir auch ist von
Ihnen geliebt zu werden, und so sehr ich von Ihren
rechtschaffenen Absichten überzeuget bin, so wenig finde ich mich
vermögend Ihnen meine Hand zu geben. Mein Schicksal hat mich
einmal auf die Schaubühne geführt; ich bin der Welt nichts mehr als eine Comödiantinn; und ich
müßte Sie, mein werthester Graf, minder hochschätzen und minder
lieben, wenn ich in Ihre Verbindung einwilligen und uns Beyde
beschimpfen sollte: Sie, daß Sie Sich so weit herablassen und
mich, daß ich einen Mann genommen, der so wenig Empfindung und so
wenig Zärtlichkeit gegen seine eigne Ehre gehabt hatte.
Valer.
Großmüthige Isabelle, je edler Sie Sich zeigen, je weniger ist es
mir möglich Ihren Befehlen zu gehorchen. Ich kann ohne Sie nicht
leben. Mein ganzes Glück beruhet auf unsre Verbindung. Das Recht
ist auf der Seite der Tugend, der Schönheit und der Liebe.
Vorurtheile dürfen uns nicht irre machen.
Isabelle. O!
es giebt ehrwürdige, heilige Vorurtheile; und die Wahrheit muß
sich oft erst in unsre eigne Meynung, in unser Vorurtheil
verwandeln, ehe sie ihr Recht behaupten kann.
Valer. Aber
Ihre Geburt ist der meinigen nicht ungleich. Sie sind von guter
Familie, und daß das Schicksal Sie auf die Bühne geführt--
Isabelle.
Nichts mehr hievon. Sie wissen, wie die Welt denkt. Sie wissen,
mit welchen übeln Vermuthungen sie diejenigen verfolgt, welche
sich der Bühne widmen, und es sollte mir ewig leid seyn, als
Comödiantinn einen Mann zu beschimpfen, den ich als Prinzessinn
glücklich zu machen wünschte.
Valer.
Göttliche Isabelle!
(Er will ihre Hand nehmen.)
Isabelle. Auch
diese Hand nicht, mein werthester Graf. Ich bin stolz, stolz auf
Sie, stolz auf mich; und da ich Muth genug habe, meine Liebe
Ihrer Ehre aufzuopfern, so
müssen Sie auch so billig seyn, und der meinigen schonen.
Valer. Sie
sind grausam. Sie handeln ungerecht mit Sich, ungerecht mit mir.
Ich und mein Unglück bleibt zu Ihrer Verantwortung.
Isabelle. Ich
kenne diese Sprache; aber ich weiß was ich mir von Ihrer Vernunft
zu versprechen habe. Ueberlegen Sie nur einmal Selbst, wie
empfindlich es Ihnen und mir seyn würde, wenn man in allen
Gesellschaften vor uns fliehen, wenn jeder Blick Ihnen einen
Vorwurf und mir eine Verachtung zeigen, wenn Ihre ganze Familie
Sie hassen und mich verfolgen, wenn jedermann argwohnen würde--
Valer. Quälen
Sie mich wenigstens nicht, wenn Sie mich nicht glücklich machen
wollen. Ich habe das alles, und noch ein mehrers überlegt; ich
habe mir alle diese Wahrheiten so deutlich vorgestellt, daß ich
glauben konnte, unparteyisch zu urtheilen; und doch, schönste
Isabelle, fiel der Schluß dahin aus, daß das Glück unsrer
Vereinigung Alles das unendlich überwiegen würde.
Isabelle. Sie
wissen, Herr Graf, daß ich gegen dieses Glück nicht unempfindlich
bin. Sie wissen, daß mein ganzer Stolz durch diese Verbindung
befriedigt werden würde. Verzeihen Sie mir aber, daß ich Sie auf
eine zärtlichere Art liebe, und meinem Vorsatze getreu
bleibe.
Valer. Sie
begegnen einem Ieden sonst so gütig, Sie--
Isabelle.
Keine Vorwürfe, Herr Graf. Da ich die Bühne betrete, so ist es
meine Schuldigkeit, allen die
dahin kommen, Höflichkeit und Dankbarkeit zu zeigen. Ich würde
sonst unsrer Gesellschaft schaden, und eine Unanständigkeit
begehen, die in den Umständen worin ich bin, für den Einen oder
Andern beleidigend seyn könnte. Glauben Sie aber um deswillen ja
nicht, mein lieber Herr Graf, daß wir mit unsrer Gütigkeit
verschwendrischer sind als andre. Ieder Stand erfordert ein
eignes Betragen; und wenn man das weiß, so macht man keine
falsche Schlüsse.
Valer. Ich
glaube nicht, daß Sie mir dergleichen Schuld geben können. Meine
aufrichtige Liebe ist die beste Widerlegung, und die sicherste
Probe, daß ich Ihre Gütigkeit in keinem Verdachte habe.
Die Vorigen.
Harlekin und Peter.
Harl. Ha! ha!
ha! Spielen Sie hier eine Comödie?
Isabelle. Nun,
was fällt Dir ein, Harlekin? Die Reihe ist ja gar nicht an
Dir.
Harl. Die
Reihe mag an mir seyn oder nicht, so muß ich Ihnen sagen, daß
Herr Barthold sich versehen, und daß heute gar nicht gespielt,
sondern in allem Ernste an einer Heirath gearbeitet wird.
Valer. Aber,
was bedeutet denn das?
Harl. Was das
bedeutet, wenn man heirathet?