Da kam an einem milden Oktobertag ein reitender Bote aus Sulz mit einem Schreiben, das die Kunde vom Friedensschluß zu Osnabrück und vom Übergang des Klosters an Württemberg brachte. Knapp vor Eintreffen dieses Boten hatte der Abt sorgfältig unter eine Beschwerdeschrift an den Kaiser das Sigillum der Abtei angebracht und liebevoll das Stiftswappen betrachtet. Erbleichend liest Alphons die Unglücksbotschaft, die seiner Herrschaft für immer ein Ende bereitet. „Verloren, rettungslos verloren!“ stammelt der Abt und sinkt in sich zusammen. Dann aber rafft er sich wieder auf und schreit in wilder Erregung: „Ich protestiere, dieser Frieden ist ungiltig, er ist hinterlistig eingegangen und läuft der Stiftung unseres Klosters wie dem Religionsfrieden zuwider. Ich verlasse das Stift gutwillig nun und nimmer. Ich protestiere nach Osnabrück!“

Als sich die Erregung gelegt und Abt Alphons den Konventualen von dem westphälischen Frieden und Auslieferung der Klöster an Herzog Eberhard Mitteilung gemacht hatte, las er seinen Protest an den Kaiser von Österreich in seiner stillen Stube wieder durch, und manche Thräne netzte das Pergament, als er mit bebender Hand die Nachschrift hinzufügte: „Dieweilen den Teufeln in der Hölle, wenn sie eine Erlösung zu hoffen hätten, nicht versagt wäre, den Weg Rechtens zu betreten, dies dem Abt und Ordensleuten von Alpirsbach nicht versagt sein könne.“

Mit Bestürzung haben die Mönche die neue Kunde aufgenommen; die trautstille Stätte im grünen Tann, das stolze Kloster wie das herrliche Münster verlassen zu müssen, stimmt die Konventualen tieftraurig, und wehmütig suchen sie ihre Habseligkeiten zusammen, um für den Tag der Abreise von Alpirsbach gerüstet zu sein.

Froher wirkte die Kunde auf die Hörigen und Unterthanen, in deren Herzen die Zugehörigkeit zu Württemberg sich mächtig regt und die Hoffnung keimt, daß unter des Herzogs Herrschaft vielleicht über kurz oder lang die Freiheit blühen könnte.

So schaut denn in Alpirsbach alles gespannt aus nach den Sendboten des
Herzogs: die Mönche mit Bangen, die Untertanen mit leisen Hoffnungen.

* * * * *

Mit steifer Kälte ist der 1. Dezember im Schwarzwald angebrochen; tiefer Schnee bedeckt den Tann wie das Gelände, grimmig kalt pfeift der Wind über die starre Landschaft. Bis auf die Hörigen, die unter Eusebs Anleitung im Holze arbeiten, ist kein Mensch zu sehen in der ganz nordisch gewordenen Gegend. Wer es kann, hockt am warmen Ofen.

Unbeachtet reitet ein Mann in dunklem Wams, gefolgt von zwei berittenen Knechten, in scharfem Tempo auf die Abtei zu. Reif und Eis sitzt an den Kleidern, auf Bart und Har der Reiter, die Gäule dampfen. Vom Münster kündet eine Glocke die Mittagszeit. Im Galopp sprengen die Reiter vor das Kloster und halten vor der Pforte an. Eilig verläßt einer der Knechte den Sattel, und fordert heftig klopfend Einlaß.

Ein Frater öffnet und starrt mit weitaufgerissenen Augen auf den Knecht, der Württembergs Farben am Koller trägt. Und da ist auch schon der Herr selbst, der im Namen des Herzogs Eberhard den Abt zu sprechen fordert. Kammerrat Orth ist es, der gekommen, um das Kloster zu übernehmen.

Scheu drängen sich die Fratres in den Gängen, indes ein Mönch den Abt verständigt, der leichenblaß das auf seiner Brust ruhende goldene Prälatenkreuz umklammert. Auf einen Wink entfernt sich der Frater und führt den Gesandten des Herzogs in den Sprechsaal der Abtei. Auf dem Gang in diesen Saal ist's dem Abt, als schreite er als Delinquent zur Hinrichtung; es schlottern die Kniee, es hämmert in den Schläfen, in den Ohren saust es und heiß drängt das Blut zum Herzen. Alphons atmet schwer und heftig, krampfhaft hält er das goldne Kreuz, das Abzeichen seiner Würde und Macht, umklammert, das ihm nun abgefordert werden wird. Vor der Saalthüre hält der Abt einen Augenblick inne und flüstert ein Stoßgebet mit zuckenden Lippen. Es gilt einen Verzweiflungskampf auf diplomatischem Wege. Es muß sein! Fest drückt Alphons auf die Klinke und tritt ein. Hoheitsvoll schreitet er auf den sich verbeugenden Kammerrat zu, begrüßt ihn durch ein Neigen des Kopfes und fragt nach dem Begehr des Besuches. Das Auge fest auf den Abt gerichtet, beginnt der Landbote Württembergs: „Ew. Gnaden habe ich im Auftrage meines gnädigsten Gebieters, des Herzogs Eberhard, zur Räumung des Klosters und Übergabe jeglichen Stiftseigentums, sowie zur Huldigung auf Württembergs Herrscher aufzufordern.“

Wie Wetterleuchten zuckt es in des Abtes Antlitz; heftig geht der Atem, es grollt und wogt in seiner Brust. Mühsam keucht Alphons hervor: „Dem protestiere ich wie gegen den erschlichenen Frieden. Ich weiche nur der Gewalt!“

Hochaufgerichtet zieht der Kammerrat ein Schreiben aus dem Wams. „Hier ein Handschreiben meines gnädigsten Herzogs an Ew. Gnaden zu meiner Legitimation sowohl, als zum Beweise huldvoller Gesinnung des Herzogs, sofern die Übergabe in Güte vor sich gehen wird.“

Mit jähem Ruck ergreift der Abt das herzogliche Schreiben, zerreißt es ungelesen und wirst die Fetzen dem Gesandten vor die Füße. Grollend spricht er. „Ich habe mit Eurem Herzog nichts zu verhandeln. Ich protestiere! Der Friede von Osnabrück gilt nicht für Alpirsbach!“

„Ich warne Ew. Gnaden! Mild und gütig läßt Euch der Herzog auffordern, den Beschluß der Mächte zu respektieren, Euch zu fügen in das unabänderliche Schicksal! Schont Gut und Leben! Weigert Ihr Euch, so muß Gewalt sprechen, denn die bewilligte Restitution wird durchgeführt, und Alpirsbach muß württembergisch werden!“

„Nein, nun und nimmer! Ich weiche nur der Gewalt!“

„Dann ist jegliches Verhandeln in Güte zu Ende! Gehabt Euch wohl inzwischen! Mögen Ew. Gnaden es nicht bereuen!“

Kühl sich verbeugend, entfernt sich sporenklirrend der Gesandte aus dem Saale und läßt den Abt in schwerster Gemütsbewegung stehen. Kurz darauf kündet lebhafter Hufschlag auf dem hartgefrorenen Boden, daß der herzogliche Sendbote mit Begleitung Alpirsbach, ohne Gastfreundschaft vom Kloster gefordert zu haben, verläßt.

Alphons begiebt sich, mehr aus Gewohnheit denn aus Bedürfnis, nach der folgenschweren Unterredung ins Refektorium, wo er den zu Tische versammelten Konventualen verkündet, daß soeben ein herzoglicher Gesandter die Übergabe des Klosters verlangte, die ihm verweigert worden sei. Nun werde wohl Gewalt gebraucht werden. Der Wegnahme von Dokumenten, Zinsbüchern, des transportablen Klosterschatzes müsse daher vorgebeugt werden durch schleunigste Überführung derselben in den Pfleghof zu Rottweil. In diesem Sinne fordert der Abt die Konventualen auf, alles Wertvolle zu bergen und ihm behilflich zu sein. Unberührt bleiben die Speisen; den Mönchen ist der Schreck in die Glieder gefahren.

Bebend fragt der silberhaarige P. Gotthard: „Und wenn die Herzoglichen kommen, wohin richtet sich unser Schritt?“

„Ich werde nach Ochsenhausen flüchten und Ihr mit mir!“ kündet der Abt, verrichtet das Gebet nach Tische und begiebt sich in seine Gemächer.

Hastig suchen die Konventualen ihre Zellen auf; es rumort im Kloster,
Kisten werden herbeigeschleppt und gepackt, ein Kramen und Suchen
überall nach Wertgegenständen, ein Hämmern und Schlagen, daß auf
Chorgebet und Magnifikat heute völlig vergessen wird.

Durch die Fratres ist die Kunde auch rasch zur Kenntnis der Unterthanen gekommen, die nun eilig trotz der Kälte neugierig in die unteren Räume der Abtei laufen, um Näheres zu erfahren über das bevorstehende Württembergischwerden. Die Männer werden angehalten, Gäule und Fuhrwerk zu schaffen, auf daß die wertvolle Stiftshabe so rasch wie möglich geflüchtet werde. Der ganze Ort gerät in Aufregung und Bewegung.

Einige Tage vergehen in rastloser Bergungsarbeit, und Abt Alphons ist eifrig daran, Bestandteile der Registratur, die er nicht mitnehmen kann, zu vernichten. Seinen schriftlichen Protest gegen den Frieden und die Restitution hat er wohl abgesandt, ist aber von der Wirkungslosigkeit dieses Schrittes überzeugt. Er will nur seiner Pflicht bis aufs äußerste genügen und kein Mittel außer Waffenwiderstand, den ihm die Ordensregel verbietet, unversucht lassen. So fertigt er denn den ersten Transport der Stiftshabe ab, hochbeladen fahren die Klosterknechte und Hörigen die Wagen nach Rottweil.

Am 19. Dezember war es, daß sich ein Trupp von sechzig Mann in württembergischen Fahnen mit Kammerrath Orth an der Spitze der Abtei nahte. Kaum erblickten die von Abt Alphons aufgehellten Späher das Anrücken der Mannschaft, da eilten diese ins Kloster und schlugen Alarm. Was Beine hat in Alpirsbach, läuft auf dem Klosterplatze zusammen; von Hof zu Hof fliegt die Kunde wie Flugfeuer, und selbst bis in den Tann dringt die Kunde vom großen Moment der Klosterübergabe an Württemberg.

Auch Euseb der Pelagier hört davon; ein Zittern geht durch seinen Körper, ihm schwindelt der Kopf. Was er ersehnt, wofür er sein Leben freudig geben würde: nun soll es wahr werden! Beil und Säge wegwerfend, stürmt er quer durch den Tann in jähen Sätzen hinunter zum Kloster.

Dumpf dröhnt der Schritt der württembergischen Soldaten auf dem gefrorenen Klosterplatze, wo Halt gemacht wird. Kammerrath Orth steigt vom Gaul und begiebt sich ins Kloster, wo die Mönche zeternd durcheinanderlaufen und nach ihren Taschen suchen.

Wieder stehen sich der Abt und der Gesandte des Herzogs im Sprechsaal gegenüber. Mit feierlichem Ernst fordert Orth im Namen Eberhards die Übergabe der Abtei mit Hinweis auf die ihm zu Gebote stehende Gewalt.

Ein Wehruf entflieht des Abtes Lippen: „Verloren, verloren!“

Mild mahnt der Gesandte, durch freiwilligen Abzug das Leben der Mönche und Unterthanen zu schonen.

Thränen stürzen aus Alphons' Augen, mit zitternder Stimme spricht er: „Ich weiche in Gottes Namen aus dem Kloster, das nahezu 600 Jahre frei bestanden! Ich weiche der Gewalt als letzter katholischer Abt von Alpirsbach![24] Doch laßt mir mein Eigentum, so solches noch im Kloster ist!“

„Kraft meiner Vollmacht bewillige ich dies! Gott sei mit Ew. Gnaden fürder! Von diesem Augenblick an ist Alpirsbach mit allen Rechten und Besitz Eigentum Württembergs!“

Wie gebrochen giebt Alphons sein Abtkreuz dem Gesandten und wankt hinaus.

Schlitten fahren vor die Abtei, auf welche die Mönche und Fratres ihre Bündel und Säcke legen. Weinend nehmen die Konventualen Abschied von den zurückbleibenden Unterthanen und ihrem Kloster. Dann besteigen sie selbst die Fahrzeuge, die Gäule ziehen an, fort geht es aus der Waldheimat.

Auf Geheiß des Gesandten huldigt das Klostervolk von Alpirsbach dem neuen Herrn und Gebieter, dem Herzog Eberhard von Württemberg, unter Salutschüssen der herzoglichen Truppe. In diesem Augenblicke kommt Euseb herangestürmt.

In die Hochrufe auf den Landesherrn mischt sich ein gellender
Schmerzensschrei. Euseb stürzt zu Boden mit durchschossener Brust. Eine
Kugel hat sich verirrt und den Weg in ein gut württembergisch Herz
genommen. So endete im heißersehnten Augenblick der Vereinigung mit
Württemberg Euseb, der Pelagier.

Fußnoten:

[18] Pelagier sind leibeigene Leute der Abtei, die von früheren Herren an den Altar des hl. Pelagius übergeben worden sind, Manns- und Frauenpersonen, die „werden nicht gehalten wie andere eigene Leute“. Sie bildeten, mochten sie vormals freie, sich selbst aus Frömmigkeit ergeben haben, oder als Leibeigene von andern an das Stift übergeben worden sein, eine eigene Bruderschaft zum hl. Pelagius „in dem langen Münster“ zu Alpirsbach.

[19] Für den ganzen Umfang des Klostergebietes hatte der jeweilige Abt von Alpirsbach das sogenannte Hauptrecht, d.h. „das Recht, von jeder Mannsperson, sie besitze Güter, welche sie wolle, sie sei dem Kloster mit Leib verwandt oder nicht, das beste zur Zeit des Todes vorhandene Stück Vieh zu beziehen.“ Die Pelagier waren außer diesen Hauptfall noch einen jährlichen Zins von drei Hellern auf den Tag und Altar des hl. Pelagius schuldig. Dagegen erhielt jeder Pelagier zwei Laib Roggenbrot, jedes im Wert von einem Kreuzer.

[20] Das Streben der bedrohten Äbte ging dahin, sich ihre Rechte durch kaiserliche Erlasse zu sichern, weshalb eine Immediateingabe an den Kaiser gerichtet wurde. Hievon verständigt, protestierte Eberhard III. gegen die Überlastung Württembergs durch kaiserliche und ligistische Truppen und die Übergriffe der Prälaten insonders. Trotz dieses Protestes erfolgte das kaiserliche Mandat vom 7. Mai 1640, womit Eberhard aufgefordert wurde, alle Handlungen zu unterlassen, über welche die Prälaten Klage führten, als da seien: Anmaßung der bischöflichen Jurisdiktion, Affigierung von Religionsmandanten, Abhaltung der Leute vom katholischen Gottesdienst mit bewaffneter Hand, Aufdrängung längst verwirkter Schutzgerechtigkeit und Obrigkeit &c. Auf dieses Mandat hin wurde seitens der herzoglichen Diplomaten dem Wiener Hof zur Kenntnis gebracht, daß der Herzog stets von den Prälaten bei den kaiserlichen Gerichten geplagt, stündliche Eingriffe in dessen geistliche und weltliche Rechte gemacht, und die zu den Klöstern gehörigen Kirchen unter dem Vorwande kaiserlicher Vollmacht ihm entzogen werden. Diese diplomatische Aktion hatte den Erfolg, daß die Prälaten mit Ausnahme der dem Herzog freundlich gesinnten Äbte von Maulbronn, Bebenhausen und Königsbronn von den Reichstagssitzungen ausgeschlossen wurden.

[21] In Dornhan besaß das Kloster allen Zehnten, desgleichen den Blutzehnten, Grund und Boden, auch den Stab über Erb und Eigen. (Von jedem Fohlen vier Tübinger, von jedem Kalb, Lamm oder Kitz je einen Tübinger, und „was Lämmer vor dem Maytag verkauft wurden, die gaben den 10. Pfennig und das 10. Milchschwein, desgleichen Hühner und Gänse.“)

[22] § 24 Artikel IV.

[23] 14. Oktober 1648. Die Klöster waren: Anhausen, Bebenhausen,
Maulbronn, Lorch, Adelberg, Denkendorf, Hirsau, Blaubeuren,
Herbrechtingen, Murrhart, Alpirsbach, Königsbronn, Herrenalb, St.
Georgen, Reichenbach, Pfullingen, Lichtenstern u.a.

[24] Auf Alphons Kleinhans folgten 19 evangelische Äbte bis zur Auflösung des ganzen Klosterbestandes im Jahre 1807.