Dem Gaul die Sporen gebend, sprengt der herrische Abt davon.

Wie vernichtet steht der Pelagier, bittere Thränen fließen über seine Wangen. Mit zitternden Händen deckt er das Totenantlitz wieder mit dem Mantel zu und fährt hinab zum Kloster. Trübe Gedanken erfüllen ihn. Welch' harte Zeit! Und selbst im herbsten Schmerz wird unerbittlich Zins und Gefäll eingefordert! Wie arm doch ein Höriger ist im Vergleich zu den beneidenswerten freien Leuten!

Grausig rauscht's im Tann und die Wipfel neigen sich. Ist's ein letztes
Waldesgruß an die Tote? — — —

* * * * *

Düster ragt die Klosterstätte zu Alpirsbach in die Dämmerung auf; der wolkige Himmel, der brausende Sturm nehmen der sonst so lieblichen Gegend den sonnigen Zauber wie der Kinzig die Fröhlichkeit. Dunkler als sonst sind des Flüßchens Wellen, fast schwärzlich zeigt sich dessen Granitgrund. Auf den rostfarbigen Wiesen schleicht der Nebel entlang, den zeitweilig der Sturmwind zu dicken Schwaden ballt, dann wieder in wirre Fetzen zerreißt. Und der ringsum stehende dichte Forst beugt seine Wipfel. Wie immer zu abendlicher Stunde kündet die Glocke vom Klosterturm das Ave, doch diesmal verschlingt der Sturmwind die weihevollen Töne und entführt sie in die Lüfte. Am mächtigen Bau der stolzen Abtei rüttelt der Wind vergebens; wohlverwahrt sind all' die Fenster und Balken. Fest geschlossen die Pforte mit dem eisernen Klopfer daran. Majestätisch ragt die alte Kirche in die sturmgepeitschten Lüfte auf, ein herrlich Denkmal romanischer Baukunst, der Stolz vieler Jahrhunderte, der steinerne Ruhm des Zollernhauses. Um die Abtei scharen sich die Siedelungen der Klosterunterthanen, festgefügte Häuser in patriarchalischer Bauart. Inmitten der waldgekrönten Hügel wirkt die Kathedrale doppelt mächtig, und das Kloster gleicht einer Trutzburg.

Der schmerzgebeugte Pelagier ist den Siedelungen entlang mit seinem Karren der Abtei zugefahren und hält nun vor der Pforte, deren Klopfer er kräftig in Bewegung setzt. Doch fest geschlossen bleibt das gewaltige Thor, um welches der Sturm tobt mit wilder Gewalt. Wieder klopft der Hörige, doch übertönt der Wind sofort das Geräusch des Klöppels. Kaum vermag Euseb sich in diesem Sturm auf den Füßen zu erhalten. Es gilt indes, da die zunehmende Dunkelheit zur Eile drängt, die Tote zu bergen an geheiligtem Ort. Einlaß findet er nicht, man hört in der Abtei sein Klopfen nicht, so muß er denn selber sehen, wie er ins Beinhaus gelangt. Er nimmt die Tote auf den Rücken und schleppt die teure Last hinüber in den Friedhof, dessen Eisenthor der Sturmwind aufgerissen hat, so daß der späte Gast Einlaß findet. Wie schaurig es ist zu nächtlicher Stunde im Reich des Todes! Und arg wütet der Sturm an dieser geheiligten Stätte; Grabkreuze sind umgeworfen, die Trümmer verschleppt, Grabhügel aufgerissen, Cypressen entwurzelt, ein Chaos, das wirr durcheinanderwirbelt, im Kreisel an die Mauer geworfen wird und klirrend, klappernd, krachend wieder zurückfällt, um aufs neue vom Sturmwind erfaßt zu werden. Euseb erreicht mit knapper Not das Beinhaus; mit grimmer Wut hat der Sturm es versucht, ihm die Last zu entreißen. Wie Euseb die Thüre der Schädelkammer öffnet, fährt auch schon der Wind hinein, es rollen die Gebeine und Totenköpfe wirr und klappernd durcheinander. Mit Aufgebot aller Kraft drückt der Pelagier die Thür wieder ins Schloß, worauf Ruhe wird in der unheimlichen Kammer. Dann bettet er sein Weib auf dem kalten Fließ, setzt sich daneben und hält Totenwache durch die schaurige Nacht.

* * * * *

Wie das leibhaftige Ungewitter jagt auf der Straße Abt Alphons dem
Kloster zu durch Nacht und Wind; der erschreckte Gaul stürmt in
rasendem Lauf heran, so daß der Reiter Mühe hat, im Sattel zu bleiben.
Vor der Pforte pariert er den Gaul, steigt ab, nimmt den Zügel in den
Arm und klopft kräftig Einlaß fordernd.

Vergebliche Mühe. Doch der stolze Abt kennt keine Geduld, er hebt den schweren Reitstock, ein kräftiger Schlag in die Fensterscheibe der Pförtnerstube, klirrend fallen die Scherben ins Gemach, und dröhnend ruft Abt Alphons hinein: „Aufgemacht! Knecht heraus!“

Der Kopf eines Klosterbruders taucht am eingeschlagenen Fenster auf und fährt erschrocken blitzschnell zurück. Gleich darauf dreht sich das schwere Thor, und vom Sturmwind erfaßt, schlägt es krachend auf. Ein Knecht springt heraus und übernimmt den Gaul. Der Abt tritt ein, indes der Pförtner sich bemüht, des Thores Herr zu werden und es zu schließen. Dann freilich jammert der Klosterbruder in seiner Zelle über den gewaltthätigen Abt und die eingeschlagenen Scheiben. Muß der Pförtner doch die schaurige Nacht bei zerschlagenem Fenster verbringen, preisgegeben der kalten Luft und dem eindringenden Wind.

In seiner Behausung des weitläufigen Klosters angekommen, gebietet Abt
Alphons dem Aufwärter, sogleich den Konventualen und Großkeller zu
zitieren. Bald steht P. Jakob, der greise Chef der gesamten
Klosterhaushaltung, vor dem bedeutend jüngeren Prälaten in schuldiger
Ehrfurcht und nach dem Begehr des Vorgesetzten fragend.

„Erstatt' Er mir, mein Bruder, Bericht über die Mission unseres P. Gotthard, auf daß ich weitere Maßregeln anordnen kann. Doch setz' Er sich, mein Bruder! Seine Füße sind älter und müder!“

Mit einem Streifblick auf die Reitkleidung des Abtes meint P. Jakob:
„Ew. Gnaden werden auch müde sein von anstrengendem Ritt?“

„Das Reiten thut mir wohl, und selbst ein scharfes Jagen ist mir nicht unwillkommen. Doch muß selbes von Erfolg begleitet sein. Leider ist mir heute trotz scharfen Rittes ein Prädikant entkommen, entwischt durch die Dummheit eines Pelagiers. Doch zur Sache! Was ist's mit Gotthard?“

Mit heiser Stimme, mild und besonnen referiert der Großkeller: „Was lange befürchtet ward, ist zur Thatsache geworden, die Leute unseres Gebietes, allen voran der Vogt Georg Adrian von Ehlenbogen, neigen der Wittenberger Lehre zu und haben sich geweigert, ihre Kinder katholisch taufen zu lassen. Sie wollen zum Herzog halten und württembergisch werden! Gotthard ist unterrichteter Dinge zurückgekehrt.“

„Wie, was?! Also Rebellion gegen uns?“

„Das möchte ich doch nicht behaupten. Auch zeigte sich nirgends etwa körperlicher Widerstand oder Auflehnung. Des schweren Haders, des überlangen Krieges im Lande überdrüssig, sehnen sich die Leute nach Ruhe und Frieden, den doch wohl der Herzog, sofern er in sein Gebiet völlig eingesetzt ist, mehr gewährleisten dürfte, als die fremden Herren mit ihren wilden Landsknechten.“

„Ist Er bei Sinnen, mein Bruder? Ein Konventuale von Alpirsbach redet dem Klosterfeind, dem Württemberger, das Wort?“

„Nicht doch! Ich bin nur der unmaßgeblichen Meinung, daß der Herzog den
Württembergern wie selbst uns im Schwarzwald näher steht, als Tilly und
Wallenstein!“

„Eberhard ist aber unserer Kirche Feind, ein Lutheraner!“

„Das Letztere ist richtig; doch ist damit noch nicht gesagt, daß er ein
Feind unseres Klosters ist. Wär' er das, so hätte das Elias Zeiter wie
Ew. Gnaden Vorgänger in der Abtwürde sicher zu fühlen bekommen!“

„Er vergißt, mein Bruder, daß Zeiter evangelischer Abt gewesen!“

„Gewiß weiß ich das, wie mir auch bewußt, daß Zeiter von warmem Patriotismus und treuer Anhänglichkeit für das herzogliche Haus erfüllt war.“

„Der Herzog sinnt auf Gebietsvermehrung und Machterweiterung, und dieser Sinn ist uns gefährlich! Eberhard wird nicht früher ruhen, bis er auch Herr von Alpirsbach ist. Ihn lockt die Herrschaft über unsere 297 Ortschaften und 800 Hörige, wie der gesamte klösterliche Besitz. Als Abt und Herr muß ich ihn ebenso bekämpfen, mich wehren wie als treuer Sohn meiner Kirche. Das ist meine Pflicht, heilig beschworen! Ich kann und darf nicht anders handeln. Auch ist der Kaiser für unsere Sache, die Waffengewalt sprach für uns!“

„Wohl ist das richtig! Doch wie entsetzlich sieht es aus im württembergischen Lande! Dörfer und Städte sind ausgeplündert und eingeäschert, Kalw in Flammen, niedergebrannt Waiblingen und Herrenberg. Hungersnot und Seuchen im Volk, dazu plündernde Kriegshorden fremder Nationen! Es ist ein Greuel!“

„Es gilt den Glauben! Und dieser wird siegen und siegreich bleiben!“

„Ich kann nur nicht helfen: Ich würde es freudig begrüßen, wenn bald
Ruhe und Friede würde im heimgesuchten Württemberg!“

„Er will doch damit nicht sagen, daß dieser Frieden auf Kosten unserer
Kirche erkauft werden soll?!“

„Nein! Aber kommen wird doch die Zeit, daß auch unser stilles Alpirsbach wieder herzoglich wird, wie zur Zeit der Reformation.“

„Das zu verhüten ist meine wichtigste Aufgabe, für die ich mein Leben
hinzugeben bereit bin. — Doch zurück zur Ehlenbogener Angelegenheit! Die
Leute treten also bereits offen auf Seite des Herzogs, trotzdem sie zur
Alpirsbacher Herrschaft gehören?“

„Gotthard vermeldet dies!“

„Und die Leute wollen ihre Kinder evangelisch taufen lassen!“

„So meldet Gotthard!“

„Gottes Zorn soll die Abtrünnigen treffen! Mit Gewalt werde ich dreinfahren, mit strafender Gewalt ihre Seelen retten für unsere Kirche!“

„Verzeiht Ew. Gnaden! Zu wild ist ohnehin unsere Zeit! Versucht es mit
Milde und Güte! Will einer württembergisch und lutherisch werden, wird
ihn Gefängnis und Schwert sicher nicht in unsere Arme zurückführen. Übet
Milde und Güte, Herr!“

„Nein, niemals! Vergeblich wäre jedes Wort! Hier bin ich Herr auf Alpirsbacher Grund und Boden, nicht der Herzog! Mit Waffengewalt werde ich die Rebellen bekämpfen und züchtigen!“

„Thut es nicht, Ew. Gnaden! Je schärfer Ihr dreinfahrt, desto lauter werden die Leute nach des Herzogs Hilfe rufen!“

„Sollen es nur thun! Keines Menschen Stimme reicht bis Straßburg!“

„Aber Menschenfüße tragen hin, und kommen wird die Zeit, daß Eberhard heimkehrt in sein Land!“

„Er scheint das ja schier zu hoffen?!“

„Für den im Exil lebenden Herzog selbst, ja! Bedroht Eberhard uns, dann freilich muß auch ich ihn als Feind des Klosters betrachten!“

„Wenn ich Ihn recht verstehe, will Er beim alten Glauben verbleiben und möchte dennoch württembergisch werden?“

Der greise Konventuale seufzt und schweigt.

„Noch spricht Österreich für uns, also liegt uns der Kaiser näher als der Herzog! — Für morgen stell' Er mir, mein Bruder, ein Dutzend handfester Höriger, ich will die Abtrünnigen verhaften lassen und strafen!“

P. Jakob nickt zum Zeichen, daß er den Befehl vernommen und geht dann gebeugt von dannen. Vor seinem geistigen Auge ziehen die in der Klosterchronik geschilderten schweren Zeiten vorüber, da Prälat Kaspar mit glühendem Eifer den württembergischen Staatsgedanken und die Reformierten bekämpfte, mit Assistenz von 8000 österreichischen Soldaten eingesetzt ward in die vielumstrittene Abtei zu Alpirsbach, und dennoch den Niedergang des Klosters ebensowenig aufzuhalten vermochte, wie das Umsichgreifen einer allseitig empfundenen Sehnsucht nach Ordnung und Frieden unter schwarzroter Flagge. Dem alten guten Großkeller schwant eine Katastrophe im stillen waldumrauschten Alpirsbach, und sein Sehnen geht dahin, sie nicht mehr zu erleben. Bei seinem Alter sind die Tage gezählt, sein Hoffen wird in diesem Leben nicht mehr Erfüllung finden, ebensowenig wie die Beseitigung des Rechtsgrundsatzes für Alpirsbach, daß die Abteiluft pflichtig mache und der Territorialherr das Hauptrecht[19] habe. So sucht denn P. Jakob seine Zelle auf, nachdem er den Befehl des Abtes einem Frater übermittelt hatte, der das Aufgebot der Hörigen zu vollziehen bemüht ist.

* * * * *

Über Nacht hat sich der Wind gelegt; still bricht der Morgen an, düster schwermütig. Der schwarze Tann, der Alpirsbach ringsum einschließt, grüßt unheimlich herein. Im Stift ist die Matutin vorüber; es regen die Brüder fleißig die Hände, und die Patres haben an den verschiedenen Altären die Messe gelesen, worauf die Mönche sich im Refektorium versammeln. Stumm sitzen sie an der langen Tafel, an deren Spitze in Gedanken versunken Abt Alphons thront. Niemand wagt, den Vorgesetzten aufmerksam zu machen, daß das Frühstück bereits auf dem Tische steht, und die Milch wohl kalt werden wird bei längerem Zaudern. Vor dem Abt zuzugreifen, verstößt gegen Sitte und Regel. Was den Prälat wohl so sehr beschäftigen mag? Ein Frater kommt still ins Refektorium geschlichen und wispert dem Großkeller geheime Kunde ins Ohr, und erschrocken starrt P. Jakob dem Boten ins Gesicht. Dann erhebt sich der Großkeller und schreitet hastig, in sichtlicher Aufregung hinauf zum Abt, dem er leise mitteilt: „Ew. Gnaden! Ein Sendbote ist angekommen!“

Den Kopf aufwerfend fragt Alphons: „Wie, was?“

„Ein Sendbote ist da!“

„Von wem gesandt?“

„St. Georgen läßt Ew. Gnaden eine Kunde thun!“

Erregt springt Alphons auf und befiehlt: „Bringt den Boten in meine
Zelle!“ Unterwegs ruft der Abt dem Großkeller zu, die Hörigen mit Frater
Hilarius abzufertigen, es bleibe beim Befehl der Verhaftung des Vogtes
von Ehlenbogen.

Die Neuigkeit leise besprechend nehmen die Patres den Morgenimbiß ein, indes P. Jakob den Befehl vollzieht mit schwerem Herzen.

Am Fenster seines mit fürstlicher Pracht ausgestatteten Gemaches stehend, liest Alphons die ihm gewordene Epistel des Abtes vom Stift St. Georgen, der ihm rät, den Klosterschatz, Urkunden und Privilegien so rasch als möglich an sicheren Ort, am besten nach Villingen zu verbringen, denn es drohe schwere Gefahr: Österreich werde die Klöster opfern, und Eberhard zugreifen. Bleich bis in die Lippen ist Abt Alphons geworden, und seine Hände zittern. Daß es schlecht stehe um die Klosterherrschaft, weiß Alphons seit dem Regensburger Reichstag, wo man ihn samt den später erschienenen Kollegen von den Beratungen ausgeschlossen, selbst nur zu gut, und die Chancen der Abteien stiegen und fielen je nach den Fortschritten, die Württembergs Alliierte auf dem Schauplatz des Krieges oder der Diplomatie machten. Welche Gefahr mag nun jetzt im Anzug sein, da der Amtsbruder von St. Georgen zur Flucht rät? Gilt das kaiserliche Mandat[20] nicht mehr? Haben die kaiserlichen Truppen eine Niederlage erlitten? Warum nur der Kollegissimus nichts Näheres schreibt?! Doch, da unten am Rand der Epistel ist hingekritzelt: „Bayern und Österreich haben uns aufgegeben, wir aber haben beschlossen, uns unter französischen Schutz zu begeben, um die Selbständigkeit zu retten: Thue desgleichen! Befehlshaber ist Baron d'Oisonville in Breisach! Georg.“

Heiß steigt dem Abt das Blut zu Kopf; der Gedanke Frankreich zum Schutz aufzurufen, erregt Alphons, es hämmern und pochen die Schläfe, sein Körper zittert und die zuckenden Lippen flüstern: „Frankreich! Frankreich! Wird es uns nützen, uns retten? Die Not und Gefahr ist groß! Kommt Eberhard ins Land zurück, so ist 's zu Ende!“ Ein Seufzer aus gequälter Brust begleitet diese Worte. Dem in seinen alten Rechten bedrohten Abt ist es schwer ums Herz. Mag der Prälat von Georgen leichter sich unter französischen Schutz begeben haben oder bereit sein zu diesem unzweifelhaft folgenschweren Schritt: Alphons vermag ihn nicht so rasch zu thun. Es regt sich im tiefsten Grunde ein Gefühl der Anhänglichkeit an die Heimat, und diese ist und bleibt ja doch das deutsche Württemberg. Aber wie zerfahren sind die Verhältnisse im schwäbischen Heimatlande! Der fremde, freilich den Glauben schirmende österreichische Kaiser, für die Klöster Hort und Schützer, gebietet mit Waffengewalt, der Schwede kämpft für den Herzog und den neuen Glauben, und eigentlicher Herr, angestammt von Gottes Gnaden, Landesvater ist der exilierte Herzog Eberhard. Fern der Heimat lebt der Herzog; kommt er wieder und siegen die schwedischen Waffen, so endet die Klosterherrschaft wie einst unter Abt Jakob Hohenreuter. Ein Rangen ist's um Pflicht und Vaterlandsliebe. Hier gebietet der Eid auf Glauben und Papst, dort mahnt das Gefühl der Landesangehörigkeit. Kann und darf sich der Abt von Alpirsbach von den Prälaten und Bischöfen trennen, darf er die Herrschaft des Klosters preisgeben dem andersgläubigen Landesherrn? Ist der Abt nicht durch heilige Eide gebunden, sein Leben hinzugeben für den Bestand der Abtei nach verbrieften Rechten? Gewährt Österreich, Kurbayern dem Kloster nicht mehr Schutz und Schirm, so ist es Pflicht, neuen Schutz zu suchen. Eberhard bietet solchen nicht, sein Sinn muß auf Wiedergewinn seines Landes und Neuerwerb, Vergrößerung des Gebietes, Einverleibung der selbstherrlichen Klöster gerichtet sein. Sein Scepter bedeutet das Ende….

Wie aber, wenn des Großkellers Sehnen Verwirklichung finden könnte?
Württembergisch werden und dennoch beim alten Glauben bleiben! Wird
Eberhard das bewilligen können? Muß er nicht, gestützt auf Gustav Adolfs
Erfolge, folgerichtig vorgehen, dem Protestantismus Ausbreitung
gewähren, nachdem das herzogliche Haus sich dem neuen Glauben zugewandt?
Und benötigt Eberhard nicht den Reichtum der Klöster zur
Wiederaufrichtung des Herzogtumes? Er ist gezwungen zur Einverleibung!

Ein harter Zug zeigt sich in Alphonsens Antlitz, wie er nach Pergament und Feder greift, um dem Amtsbruder in Georgen Antwort zu geben in unverfänglichen Worten. Mit dem Schreiben, verborgen im Wams, reitet bald darauf der Bote ab.

Noch sitzen die Mönche beim Morgenimbiß, da bittet Eusebius demütig in der Pförtnerzelle, es möge einer der Patres die Beerdigung seines Weibes vornehmen, der Meßner und Totengräber sei bereits verständigt. Grimmig fährt der Bruder Pförtner den Bittsteller an: „Was erfrechst du dich, du, ein Pelagier! Die ehrwürdigen Herren sitzen noch beim Imbiß! Kannst du nicht warten? Den Zuchtmeister werd' ich dir auf den Hals schicken! So eine Frechheit! Als ob das tote Pelagierweib nicht warten könnte!“ Der Pförtner ereifert sich, daß sich seine dicken Wangen glutrot färben und seine Zornesrufe durch die Gänge hallen. Angelockt von dem Gezeter kommt P. Jakob in die Zelle und fragt nach dem Anlaß so lauter Strafrede. Erbost will der Pförtner abermals loslegen, doch der milde alte Mönch heißt ihn schweigen und fordert den Pelagier auf, sein Anliegen vorzubringen. Euseb wiederholt seine Bitte um kirchliche Beerdigung seines verdorbenen Eheweibes. Gutmütig nickt P. Jakob dem Hörigen Genehmigung zu, gleichzeitig dem Pförtner sein Verhalten verweisend. Ein Mensch sei auch ein Höriger, und Christenpflicht sei es, solcher Bitte zu willfahren. Zu Euseb gewendet, heißt der Pater ihn alles vorzubereiten, er selbst werde Chorrock und Stola holen und die Einsegnung vornehmen. Dankbaren Gefühles entfernt sich Euseb, und der alte Mönch huscht hinauf in seine Zelle. Knurrend bleibt der Pförtner zurück und setzt die Flickarbeit an der eingeschlagenen Scheibe fort, ärgerlich, daß der Großkeller mit seiner Güte noch die Leute völlig verderben werde. Wegen eines Pelagiers gleich laufen! Prügeln hätte man ihn sollen für sein Ansinnen, die Patres beim Imbiß stören zu wollen! Ein Höriger verdient überhaupt nichts als Prügel bei jeder Gelegenheit, auf daß er den Unterschied zwischen frei und hörig begreife und fühle.

Würdig hat der seelensgute alte Mönch die Handlung am Grabe vollzogen, dem erschütterten Pelagier warme Trostesworte gespendet und ein Gebet für die Tote verrichtet. Niemand steht außer dem Priester, dem Pelagier und Totengräber und Küster am offenen Grabe. Letztere mürrisch, denn für die Einscharrungsarbeit erhalten sie keinen Lohn. Drum eilen sie sich auch so mit dem Zuwerfen des Grabes, und insbesondere der dicke Küster glaubt den schmerzbewegten Witwer an die baldigst vorzunehmende Zinsleistung gemahnen zu sollen. Wie dem armen Pelagier das Herz krampft! Einen letzten Blick wirst er auf die Stätte, die sein Liebstes birgt, dann verläßt er den Friedhof und kehrt langsamen Schrittes in den Wald zurück. Der Tann hat mehr Mitleid und heißt den Heger willkommen durch sanftes Rauschen.

Und noch am selben Tage erscheint der Zinsmeister, um das Falltier, Hut,
Schuhe, Gürtel und Tuch des Weibes zu holen.

„Nimm doch gleich die andere Ziege auch mit!“ ruft verbittert der
Pelagier.

„Das beste Stück für den Abt! Mehr zu nehmen, bin ich nicht befugt. Wenn es dich ärgert, mach' es anders! Warum bist du unfrei geboren worden!“

Dem Hohn schließlich noch Großkellers Auftrag, Wildpret für die Klosterküche zu beschaffen, beifügend, entfernt sich der Zinsmeister mit der Fallziege und den Zinsgegenständen der toten Pelagierin. Euseb starrt vor sich hin, teilnahmslos, wie geistesabwesend. Der große Schmerz wirkt lähmend auf den schier gebrochenen Mann.

* * * * *

Euseb ist in den Tann gezogen, um auf ein Schmaltier zu pirschen und die Stiftsküche mit frischem Wildpret zu versorgen. Den bitteren Schmerz drängt er gewaltsam zurück, es ruft die Pflicht. Mag das Stift noch so hart umgehen mit den Hörigen und das Dasein eines Pelagiers ein jämmerliches sein: zu ändern ist es nicht solange die Abtei Herrin ist und die Leibeigenschaft zu Recht besteht. Wenn freilich der Württemberger über das Stift käme! Wenn Eberhard von Straßburg in sein Erbland zurückkehren und seine Hand auf Alpirsbach legen würde — —! Ob es dann nicht anders, die Leibeigenschaft aufgehoben werden würde?!

Frei sein; wie das herrlich sein müßte!

Unwillkürlich hat sich Euseb aufgerichtet, es hebt und dehnt sich seine starke Brust, höher geht sein Atem. Wenig achtsam, ganz erfüllt von dem berauschenden Gedanken an ein Freiwerden von Hörigkeit, ist der Pelagier auf ein dürres Ästlein getreten, und das knarrende Geräusch läßt ihn zusammenzucken. Wie achtlos und unklug für einen Jäger! Lautlos pirscht Euseb weiter durch das in feierlicher Ruhe liegende weitgedehnte Waldgebiet und steuert einer kleinen Waldwiese zu, nahe der von Süd heraufziehenden Straße. Plötzlich lärmt im dichten Stangenholz eine Amsel, den Abendfrieden jäh unterbrechend, und sichernd zieht ein Feisthirsch von Holz zur Äsung. Ein kapitaler Zwölfer ist's, der plötzlich aufwirft und sichert. Auch Euseb sieht scharf aus nach der Ursache der Beunruhigung des stolzen Hirsches. Dunkle Gestalten kommen die Straße herangezogen in Wehr und Waffe; hochgemacht durch das von diesen verursachte Geräusch prasselt der Hirsch ins Holz zurück und ist in wenigen Fluchten verschwunden. Ärgerlich tritt der Pelagier auf die Straße hinaus und äugt nach den schwätzenden Gestalten. Bei Gott, Musketiere sind es, Franzosen, die offenbar gen Alpirsbach marschieren als Vorhut! Ein jäher Schreck durchfährt den Heger und blitzschnell jagen die Gedanken durch den Kopf. Droht dem Kloster Gefahr, soll er in rasender Flucht zum Stift eilen und warnen? Soll er den Trupp aufhalten? Wer aber wird die Abtei alarmieren? Wie kommen die Franzosen in die Waldeinsamkeit? Was thun? Es wirbelt dem Manne im Kopf. Unschlüssig sucht er zunächst Deckung im Dickicht des hart die Straße besäumenden Waldes; er will sich über die Zahl der anrückenden Truppen vergewissern. Der Trupp zieht schwätzend mit geschulterten Gewehren vorüber. Immer finsterer wird es im Tann und stiller. Euseb lauscht gespannt in die Waldesnacht hinaus; sein geübtes Ohr vernimmt dann das dumpfe Geräusch schwerer Tritte, es wird eine größere Kolonne heranmarschieren. Nun gilt es, so rasch wie möglich den Abt zu verständigen, die Abtei zu besetzen mit waffenfähigen Hörigen, auf daß der Feind scharf empfangen werden könne. Der Pelagier huscht längs des Waldrandes in flüchtigen Sätzen durch den dunkeln Forst, biegt, als er der Vorhut in den Rücken kommt, seitlich ein, umkreist den Trupp, und stürmt nach Alpirsbach.

Die friedliche Siedelung, aus deren Fenstern trauliche Lichter blinken, wird jäh durch Eusebs Alarmrufe aufgeschreckt, die Klosterunterthanen stürzen aus den Häusern und fragen bestürzt den von Haus zu Haus laufenden Pelagier, was denn los sei. „Die Franzosen kommen, bewaffnet euch!“ schreit Euseb und eilt in die Abtei, um auch hier zu alarmieren. Fassungslos rennen die Brüder durcheinander, erregt verlassen auch die Patres ihre Zellen. Euseb wird zum Abt geführt, dem er hastig Meldung macht vom Anzug der gefürchteten französischen Musketiere.

Lächelnd nimmt Abt Alphons den Bericht entgegen und sagt: „Die kommen rascher, als ich erwartet! Du hättest jedoch ruhig in deinem Revier bleiben können!“

„Verzeihung Euer Gnaden! Ich glaubte — der Feind — wir werden verloren sein, darum rief ich alles zu den Waffen!“ stammelt der Pelagier.

„Nein, nein! Nichts von Waffen! Das Kloster soll die Schutztruppe gut empfangen und reichlich bewirten und die Unterthanen den Soldaten Quartier geben!“

„Herr! Kommen die Franzosen denn als Freund?“

„Gewiß! Ich selbst habe sie gerufen!“

Ein Ruf namenloser Überraschung entfährt dem weitgeöffneten Mund des
Hörigen.

„Es ist so! Die Franzosen sollen uns schützen!“

„Ihr, ihr habt die Fremden gerufen gegen Württemberg — —! Ihr, ein deutscher Abt?“

Zornig stampft Alphons mit dem Fuße auf den Boden und spricht drohend:
„Was unterfängst du dich, du, ein Höriger! Geh' und vermelde den
Unterthanen meinen Willen: Die Soldaten sind freundlich aufzunehmen und
einzuquartieren! Fort mit dir!“

Euseb verläßt das Gemach des Abtes mit wirrem Kopf; ist er auch nur ein armer Leibeigener des Stiftes, unfrei und zu harter Arbeit geboren: das Verhalten des mächtigen Prälaten versteht er nicht, sein deutscher Sinn vermag nicht zu fassen, wie man fremdes Kriegsvolk zum Schutze herbeirufen kann. Ob sothanes Thun sich nicht bitter rächen wird?! Dem Hörigen schwant schweres Unheil und tiefe Betrübnis spricht aus seinem Gesicht. Wie Euseb den Gang herabkommt, stößt er auf den greisen Großkeller, der ihn sofort fragt, ob es wahr sei, daß französische Soldaten im Anzuge gen Alpirsbach seien. Der Pelagier bejaht seufzend und fügt hinzu, daß er eben Seiner Gnaden davon Meldung erstattet habe.

Erwartungsvoll fragt Pater Jakob weiter: „Nun, und was befiehlt der
Abt?“

„Die von ihm herbeigerufenen Musketiere sollen —“

„Was sagst du? Der Abt selbst hätte sie gerufen?“

„Ja, so sagte er! Sie sollen das Kloster vor dem Württemberger schützen, und wir Unterthanen sollen das fremde Kriegsvolk freundlich aufnehmen und beherbergen.“

„Das ist ja himmelschreiend! Seine Gnaden selbst — ich kann's nicht glauben! Ich muß den Abt selber fragen!“ Und bestürzt eilt der alte Konventuale hinauf zu den Gemächern des Prälaten.

Euseb verläßt die in vollem Aufruhr befindliche Abtei und sucht trotz nächtlicher Finsternis das Grab seines Weibes auf, um an denselben ein Gebet für die Tote zu verrichten.

Wie fassungslos kommt Pater Jakob herunter und steuert in die Küche, um dem Personal den Befehl des Abtes zu überbringen, daß alles zur Bewirtung der Franzosen bereit gehalten werden solle. Das Unglaubliche ist zur That geworden: Alphons selbst hat nach Breisach geschrieben und das fremde Kriegsvolk gerufen!

Trommelwirbel tönt durch die finstere Nacht, die Musketiere rücken ein, begafft von den Klosterunterthanen. Kommandorufe werben laut, eine Abteilung marschiert dröhnenden Schrittes auf die Abtei zu und stellt sich auf. Rasselnd fahren die Gewehrkolben nieder und schlagen auf dem harten Boden auf. Kopf an Kopf gedrängt beschauen die Klosterbrüder das ungewohnte militärische Schauspiel. Der Platz vor der Abtei füllt sich immer mehr mit Musketieren, die bei Fackelbeleuchtung einschwenken und Posto fassen. Ein Offizier tritt in die Klosterpforte und verlangt den Abt zu sprechen. Mit offenem Munde guckt der Pförtner den Franzosen an.

„Sacre bleu, avant!“

Der Pförtner steht wie versteinert. Doch da kommt Abt Alphons bereits in eigener Person zum Empfang und lädt den Offizier zum Eintritt ein.

Ein Schwall gallischer Worte fliegt dem Abt entgegen: der Kommandeur erstattet wohl eine militärische Meldung, deutet mit dem Degen auf seine Soldaten und schwätzt weiter.

Unwillkürlich suchen des Abtes Finger einen Ruhepunkt hinter den Ohren. Eine üble Situation. Der Abt muß schleunigst französisch lernen, sonst wird ein Verkehr unmöglich sein. Einstweilen muß die Zeichensprache aushelfen; der Abt lädt durch eine Armbewegung zum Eintritt ein.

Der Kommandeur überreicht einen Brief, verbeugt sich und giebt, zur Truppe gewendet, Befehl zum Einrücken. Die Offiziere treten heran, schreiten unter Führung des Abtes ins Refektorium, und hinterdrein folgt ein Teil der Musketiere, indes der Rest auf dem Platz verbleibt.

Ratlos sieht Abt Alphons die Invasion des klösterlichen Refektoriums: die Mannschaft greift aus den Schüsseln jegliches Erreichbare, labt sich durch flüchtigen Trunk aus den Kannen und Krügen und tritt dann auf Befehl wieder ab. Gleich darauf marschiert die andere Abteilung im Refektorium auf, lärmend, schwätzend, drängend. Der Kommandeur fordert frisches Auftragen von Lebensmitteln; die Klosterherren stehen stumm wie die Mauern.

Ein neuer Befehl — und ein Dutzend Mann springen fort, suchen die Küche und schleppen aus ihr herauf, was sie erwischen können. Vergeblich zetert der Koch und seine Gehilfen, sie werden rücksichtslos zur Seite gestoßen. Lachend bringen die Soldaten die requirierten Viktualien herauf, und rasch ist die Verteilung vorgenommen. Sodann werden dem Abt die leeren Kannen vorgewiesen und durch Umkehren der Krüge der Wunsch nach frischer Füllung deutlich zum Ausdruck gebracht.

Auf einen Wink des Abtes verschwindet Pater Jakob und einige Brüder, aber gleichzeitig auch die Requisiteure der Kompagnie, die vergnüglich den Gang in den Keller mitmachen und sogleich kleinere Fässer „fassen“ und auf den Platz vor der Abtei bringen, wo die Truppe mit schallendem Halloh das Naß begrüßen. Die Musketen werden in Pyramiden zusammengestellt, Becher und Krüge aus dem Kloster geschleppt, die Fässer angebrochen, und nun wird gezecht bei qualmendem Fackelschein. Bald verkünden kreischende Weiberstimmen, daß die Franzosen neben Wein und Lied auch noch Weiber zu lieben pflegen.

Im Refektorium ist's stiller geworden, und verweilen nur noch die drei Offiziere und der Abt mit einigen Konventualen. Auf einen Wink des Prälaten wird die Tafel rasch frisch gedeckt, worauf Alphons auf gut deutsch die Herren einlädt, am Abendmahl teilzunehmen. Wie gut doch die Franzosen jetzt deutsch verstehen! Sie erweisen der Klosterküche alle Ehre und sprechen dem Weine tapfer zu. Nur die jetzt unter französischem „Schutz“ stehenden Mönche lassen alles unberührt, ihnen, wie dem Abt selbst, ist jeglicher Appetit vergangen. Beklommen flüstert P. Gotthard dem Prälaten zu, wie das denn für die Nacht, wo denn die Menge Soldaten untergebracht werden solle.

Unter einer höflichen Verbeugung gegen den Abt sagt zu aller Überraschung der Kommandeur im holperigem Deutsch: „Kloster für alles sorgen muß!“

Dazu ist trotz der schweren Last der Abt gern bereit, im Frohgefühle, daß der Offizier doch etwas Deutsch versteht, und giebt Alphons sofort Befehl, die Offiziere und Sergenten in der Abtei selbst, einen Teil der Musketiere in den Lagerräumen, den Rest der Soldaten jedoch in den Häusern der Hörigen und sonstigen Unterthanen unterzubringen. Sofort erheben sich die Offiziere, um die Durchführung dieser Anordnung persönlich zu überwachen.

Die Mönche können das Tischgebet ja alleine verrichten. Indes es draußen wie im Kloster lärmend hergeht, liest Abt Alphons das ihm übergebene Schreiben von Baron l'Oisonville. Wenn auch nicht alle Ausdrücke und Redewendungen ihm verständlich sind, den Inhalt erfaßt der Abt doch sofort, und erblassend starrt er auf das inhaltschwere Schreiben, in welchem der französische General kurz und bündig mitteilt, daß das Gesuch um Schutz bewilligt werde durch Entsendung von einhundert Mann nebst drei Offizieren gegen monatliche Zahlung einer Entschädigung von dreißig Gulden rheinischer Währung und Verpflegung der gesamten Musketiere auf die Dauer von vier Jahren und Verpflichtung zum Schadenersatz an Menschenleben, Wehr und Waffen im Falle jeglicher kriegerischer Aktion, so solche aus einem Angriff von Schweden oder Württembergern auf klösterlichem Grund und Boden erfließen sollte.

Abt Alphons faßt sich an die Stirne, und bebend flüstert er: „Großer Gott! was habe ich gethan!“ — — Tief erschüttert sucht er seine Gemächer auf; er muß allein sein jetzt, allein mit sich selber.

* * * * *

Rücksichtslos, gewaltthätig vollzieht sich zu später Stunde bei Fackelschein die Einquartierung bei den Klosterunterthanen, deren Schreckensrufe zum nächtlichen Himmel tönen. Auch Abt Alphons wird durch das Geschrei und Gejammer der Leute, die man aus den Betten riß, um selbst darin zu ruhen, aus seiner Erstarrung geweckt und verstört blickt er durch das Fenster auf den Schauplatz der heraufbeschworenen Kriegsgreuel. Johlend hetzen betrunkene Soldaten dürftig gekleidete Mädchen, die sie aus den Häusern gejagt, umher; Weiber werden von Gatten und Kindern gerissen und mißhandelt, Burschen geprügelt, wenn sie sich im geringsten wehren gegen verlangte Knechtesdienste, und Männer gefangen gesetzt, sobald sie gegen solches Gebahren protestieren.

Wird einer der Offiziere sichtbar, so weichen die Musketiere wohl zurück und geben Ruhe; kaum aber kehren die Befehlshaber den Rücken, wird um so wilder getobt, und behaglich lachen die aufgestellten Posten zu den wüsten Scenen.

Eine schönere Gelegenheit zu einem Lasterleben ohne Dienst kann der Soldateska nimmer geboten werden; sie ist Gast eines reichen Klosters und Schützer, daher auch Gebieter. Die Soldaten haben rasch die günstige Lage begriffen und lassen ihrem Übermut vollends die Zügel schießen, zumal der überreiche Weingenuß die rauhen Kriegsknechte toll gemacht hat.

Händeringend steht der Abt am Fenster, Verzweiflung im Herzen. Ist er völlig wehrlos gegen solche Greuel in nächster Nähe der geweihten Stätte? Noch ist er Herr auf eignem Grund und Boden, noch ist er und nicht die Franzosen Abt und Gebieter von Alpirsbach. Alphons rafft sich auf, er will solche Übelthaten gleich am ersten Abend unterdrückt sehen, heute noch, ehe sie weiter um sich greifen. Entschlossen geht der Abt hinab zum Refektorium, wo er die Offiziere beim Wein sitzend wähnt. Dem ist wirklich so: die Franzosen sitzen an der Klostertafel beim Würfelspiel.

Entsetzt besieht Alphons diese Gruppe: im Refektorium ein Würfelspiel! Und wie bereitwillig die jüngeren Konventualen und Brüder den Herren immer neue Kannen zutragen und vergnüglich dem Würfelspiel zusehen! Wie einst Jesus Christus die Händler aus dem Tempel, so möchte Abt Alphons die Offiziere jetzt in heiliger Entrüstung von dannen jagen … Aber hat nicht er selbst sie gerufen, sie als Gäste aufgenommen im früher so stillfriedlichen Kloster?! —

Wieder dringt Geschrei und Johlen herein. Der Abt zuckt zusammen, fest pressen sich seine Lippen aufeinander, würdevoll schreitet er auf den Kapitän zu.

Ärgerlich ob der Störung im Spiel, erhebt sich der Kommandeur und fragt, halb zum Abt, halb aber zu den Spielern gewendet, nach dem Wunsche des Klostervorstandes.

Mit bebender Stimme weist Alphons auf die beobachteten wüsten Vorgänge draußen hin und fordert Zucht und Ordnung.

Der Kapitän zuckt die Achseln und erwidert leichthin: „à la guerre comme à la guerre, Monsieur l' Abbé!“ und wendet sich vollends zu den Spielern.

Eine jähe Röte schießt dem Prälaten ins Antlitz, zornig ruft er. „Nein,
Herr Kapitan! Hier giebt es keinen Krieg zu führen, zunächst noch nicht!
Was ich gesehen, sind Kriegsgreuel, und solche dulde ich nicht! Ich bin
Herr und Gebieter hier und verbiete dergleichen!“

Spöttisch sieht der Kapitän dem Redner ins Gesicht und spricht unter höhnischem Lächeln: „Pardon, Monsieur l'Abbé! Dominateur et chef de Alpirsbak sein ik! Bon soir!“

Unbekümmert um den sprachlos gewordenen Abt und die wie versteinert stehenden Mönche setzt sich der Kapitän wieder zu den Offizieren und würfelt vergnüglich weiter. Und was die Konventualen wie die Fratres noch mehr als die Kunde, das Alphons selbst die Franzosen herbeigerufen, überrascht, daß ist die Thatsache, daß der Abt die Anmaßung der Franzosen widerspruchslos läßt und mit gesenktem Haupte aus dem zur Lasterhöhle gewordenen Refektorium schreitet. Der früher herrisch stolze Abt beugt sich einem gallischen Windbeutel und überläßt dem Franzosen die Herrschaft über Alpirsbach!

Die Mönche suchen nun auch ihre Zellen auf bis auf die Aufwärter, die verharren müssen, bis es den Franzosen gefällig ist, das Spiel und Gelage zu beendigen, um sodann die Lichter auszulöschen und die Herren in ihre Gemächer zu führen.

* * * * *

Knieend am Grabe seines Weibes hat Euseb ein inbrünstig Gebet verrichtet; eben ist er im Begriff, sich zu erheben und den Friedhof zu verlassen, als Trommelwirbel an sein Ohr schlägt. Die Franzosen sind da, auf welche der Pelagier vergessen hat in seiner Wehmut und Andacht. Mit dem widerwärtigen Kriegsvolk will Euseb am liebsten gar nicht in Berührung kommen, weswegen er am Grabhügel verharrt, geschützt durch die finstere Nacht. All' die wüsten Vorgänge kann Euseb von hier aus deutlich wahrnehmen, und die Greuel lassen ihn erschauern. Seine Fäuste ballen sich, die Adern schwellen, heiß drängt das Blut zum Herzen. Und all' das wüste Treiben eines ausgeladenen Kriegsvolkes hat der Abt selbst heraufbeschworen, selbst verlegt auf den stillen Weiheboden von Alpirsbach! Der Deutsche schrie nach dem Franzosen! Und nun hat er die Bescherung! Den deutschen Württemberger fürchtete er, und französische Schändlichkeit muß er nun dulden. O, hätte der stolze mächtige Abt auch nur ein winzig Teil von dem deutschen Empfinden des armen Hörigen! Doch jetzt ist's zu spät! Der gallische Hahn ist gerufen, und nun kräht er…

Jenes Mägdlein in dürftiger Kleidung, verfolgt von einigen betrunkenen Soldaten, flüchtet in Todesangst direkt auf den Friedhof zu, und brüllend vor sinnloser Lust folgen die Kerle. Wie sie aber bei Fackelschein erkennen, daß Grabkreuze aufragen, prallen sie zurück und machen kehrt. Nur ein Musketier dringt in den Kirchhof ein und taumelt der weißgekleideten Gestalt des Mädchens nach. Was gilt dem Franzosen die Friedhofsruhe und geweihte Stätte der Toten!

Hart an Euseb vorbei hastet die entsetzte Jungfer, hinterdrein fluchend und johlend der Kriegsknecht. Plötzlich erhebt sich der Pelagier in seiner ganzen Größe, reißt vom nächsten Grabe das Holzkreuz aus der Erde und schlägt es mit Wucht auf den Schädel des Wälschen.

„Der schändet deutsche Tugend nimmer!“ flüstert Euseb, ruft dann leise
das Mädchen herbei, dem er rät, die Schreckensnacht im Beinhause des
Friedhofes zu verbringen. Dort sei die Jungfer sicher vor jeglicher
Nachstellung. Wohl zittert das Mädchen, aber lieber bei Gebeinen und
Totenköpfen die Nacht verbracht, als unter französischer
Lasterhaftigkeit. Der Pelagier aber setzt mit kühnem Sprung über die
Friedhofsmauer und entflieht unter dem schützenden Dunkel der
Herbstnacht in den Tann.

Spät erst verlöschen Lichter und Fackeln und legt sich der Lärm und
Jammer. Nur der gleichmäßige Schritt der Wachposten ist hörbar und kurze
Rufe bei Ablösung derselben.

In seinem Gemach kniet der Abt vor dem Kruzifix, bitterlich weinend, den unglückseligen Schritt bereuend und Gott den Allmächtigen um Schutz für das Kloster anflehend….

* * * * *

In der Dämmerung des kalten nebligen Morgens verläßt das Mädchen frostdurchschüttelt das Beinhaus und huscht durch den Friedhof, um über den Platz vor der Abtei das Elternhaus so rasch als möglich zu erreichen. Doch der Wachposten hält die Jungfer an, sein Ruf lockt Soldaten herbei, die eben im Begriff standen, das Frühstück zu requirieren, mit Halloh wird das nur mit Hemd und Nachtjäcklein bekleidete Mädchen umringt. Gellend schreit das geängstigte Mädchen um Hilfe und wehrt sich verzweifelt gegen die Zudringlichkeiten der Musketiere. Ein Sergent aber, der die Flucht aus dem Friedhof wahrgenommen, tritt in denselben, um nachzusehen, was sich wohl zwischen den Gräbern ereignet haben möchte. Bald hat er die Leiche des erschlagenen Soldaten erblickt, auf die er losstürzt und dabei aus Leibeskräften um Hilfe ruft. Betroffen lassen die Musketiere das Mädchen los und laufen in den Kirchhof, den Kameraden zu holen. Ein betäubendes Geschrei folgt, die Soldaten zetern und brüllen, der Sergent läßt durch den Trompeter Alarm blasen, und in wilden Sätzen stürmen die Musketiere notdürftig bekleidet, doch mit ihren Waffen heran. Im Kloster wie in den Häusern wird's lebendig, Hörige, Mönche laufen zusammen, auch die Offiziere kommen mit blankgezogenen Degen angerannt, Befehle schreiend und die Kompagnie formierend. Hastig fordert der Kapitän en chef Rapport, und ein wilder Fluch entfährt seinem Munde beim Anblick des ermordeten Musketiers. Dann wird eine Patrouille zur Fahndung nach dem unbekannten Mörder entsendet und ein Lieutenant mit vier Mann abgeschickt, den Abt herabzuholen.

Abgehärmt, bleich nach schlaflos verbrachter Nacht, unsicheren Ganges folgt Abt Alphons dem Offizier heraus auf den Klosterplatz. Ohne Gruß deutet der Kapitän mit der Degenspitze auf die am Boden liegende Leiche und fordert Rechenschaft vom Prälaten, der für jeden Mann wie für jede Waffe verantwortlich sei.

Alphons bebt; die Leiche sagt ihm das, was er in der Rede des
Kommandeurs nicht verstanden.

„Monsieur l'Abbé sein obligé, müssen zahlen contribution: cent florins par l'homme, und stellen un homme Ersatz. Und Strafe extra an jede Mann cinq sous! Wird meurtier nix gestellt: deux fois cent florins!“

Alphons ringt in Verzweiflung die Hände: „Ich bin doch unschuldig an der
Unthat!“

Der Kommandeur läßt die Kompagnie einrücken, den Toten in das Beinhaus tragen und begleitet den fassungslosen Abt in das Kloster, um die verhängte Kontribution sofort einzukassieren.

* * * * *

Zu wahren Schreckenstagen wurde für das Kloster die nächste Zeit; die Musketiere zeigten sich immer gieriger, raubten aus Küche und Keller, immer dabei auf die Mordthat verweisend, die gerochen, für die die gesamte Bevölkerung bestraft werden müsse. Das Schutzgeld verlangte der Kapitän auf Monate voraus, verpraßte es teils im Spiel mit den Offizieren, teils schickte er es nach Frankreich und forderte dann immer neue Summen, sobald Ebbe im Beutel war.

So kam es eines Tages dazu, daß der Großkeller Pater Jakob dem Abt mit Betrübnis mitteilen mußte, daß alle Vorräte aufgezehrt seien und neue Lebensmittel beschafft werden müßten. Zugleich fragte der greise Konventuale, ob er selbst vielleicht in Dornhan[21] Lebensmittel verlangen solle. Abt Alphons will jedoch selbst, und zwar nach Villingen reisen, in der Hoffnung, mit dem Amtsbruder Georg von Sankt Georgen zusammentreffen zu können, behufs einer Beratung der durch die Herbeirufung der Franzosen geschaffenen bösen Lage des Klosters. Alphons giebt bezüglichen Befehl und trifft die nötigen Vorkehrungen; insonders wird auch der Kapitän verständigt mit dem Ersuchen, einige Musketiere zum persönlichen Schutze des Abtes abzuordnen, wasmaßen bei den unruhigen Zeiten allgemeiner Unsicherheit militärische Begleitung dringend nötig ist, und der Abt immerhin eine größere Summe Geldes zum Einkauf von Nahrungsmitteln mit sich führen wird. Über den Zweck der Reise informiert, stellt der Kommandeur bereitwillig eine Abteilung seiner Musketiere zur Verfügung, die in Wehr und Waffen des Aufbruchbefehles harren. Aus seinem Bedenken gegen die Reise nach Villingen und gegen diese Begleitung macht Pater Jakob dem Abt gegenüber kein Hehl, doch Alphons weist jede Mahnung unwirsch zurück. Ihn drängt es nach einer Aussprache mit dem Abt von Sankt Georgen, mit dem er reden muß, um zu erfahren, ob auch jenes Kloster unter französischem Schutz so schwer leidet. Hat Georg dem Alpirsbacher geraten, die Franzosen zu rufen, so weiß der Georgener möglicherweise Rat, sie wieder los zu werden. Und die Greuelwirtschaft muß ein baldiges Ende finden; nur ist sich Alphons darüber nicht klar, wie er die Franzosen aus dem Klostergebiet bringen soll. Vier Jahre solchen „Schutz“ zu dulden, ist unmöglich, unerträglich für Alphons, der die nagende Reue im Herzen trägt, die Reue, den Rat des Georgener Abtes befolgt zu haben aus übertriebener Furcht vor dem Württemberger. Daß ihn der begangene Schritt reut, gesteht Alphons freilich niemandem; aber der alte Pater Jakob liest aus des Abtes gramdurchfurchtem Antlitz deutlich, was dessen Herz bewegt, und deswegen hofft der Großkeller auf baldige Befreiung von der Franzosenherrschaft in der Erwartung, daß der Abt den rechten Weg dazu sicher finden werde.

Wie zu Alpirsbach erpreßten die herumstreunenden Musketiere auch in anderen Ortschaften der Umgegend Geld und Gut in grausamster Weise. Sie durchstreiften den Tann hinüber nach Peterzell, raubten die Siedelungen an der Straße nach Schenkenzell aus und statteten selbst den Schilbachern Besuch ab, wobei sie den Leuten das gesamte Vieh wegtrieben. Je mehr die Gebrandschatzten jammerten, desto toller trieb es das zuchtlose Kriegsvolk, das durch seine Grausamkeit eine wahre Geißel für das Klostergebiet ist. Die Lust an Menschenqual stieg ins Maßlose; hohnlachend schraubten die Kriegsknechte die Steine von den Pistolen ab und zwängten die Daumen der Beraubten an ihre Stelle; sie zerschnitten Weibern die Fußsohlen und streuten Salz in die offenen Wunden, das sie dann unter wieherndem Gebrüll von Ziegen ablecken ließen. Kindern, so sie nicht sofort sagten, wo die Eltern Geld vergraben haben, wurde die Zunge durchstochen und Roßhaare durchgezogen, und Männern wurde vielfach ein mit Knoten versehenes Seil um die Stirne gebunden, das mit einer Kurbel so fest zugedreht wurde, daß den Gequälten die Kopfhaut in Fetzen gerissen wurde. Weiber wurden am lichten Tage auf freiem Felde vergewaltigt und ihnen dann mit viehischer Lust Löcher in die Kniescheiben gebohrt. Ein besonders beliebtes Martermittel war das „Feuerkriechen“, das überall dort angewendet wurde, wo sich ein Backofen befand. Erst raubte die Horde, wessen sie habhaft werden konnte, dann zwängte sie die Bauern und Weiber in den Backofen, vor dessen Ausgang ein Feuer angezündet wurde. Sodann wurde an der Rückseite des Backofens ein Loch ausgebrochen und mit Piken durch dasselbe auf die Leute eingestochen und diese dadurch gezwungen, den Backofen zu verlassen und durch das Feuer ins Freie zu kriechen. Je mehr sich die Gequälten dabei verbrannten und heulten, desto größer war die Freude der entmenschten Soldateska. Zu all' diesen fürchterlichen Grausamkeiten kam häufige Brandstiftung, sobald die Musketiere nichts mehr wegschleppen konnten.

Weitum im Klostergebiet herrschte Schrecken und Entsetzen, Verzweiflung unter den gepeinigten Hörigen und Unterthanen. Wer sie in dieser gräßlichen Not aufrichtete, zu nächtlicher Stunde tröstete und Mut zusprach und baldige Befreiung verhieß, das war der Pelagier Euseb, der von Hof zu Hof bis in die entfernteren Einödsiedelungen im Schwarzwald schlich und verkündete, daß die Männer und Burschen bewaffnet in jener Nacht im Hohlweg bei Alpirsbach sich versammeln und die Franzosen niedermachen sollen, wenn auf der Höhe des Zankwaldes und des Bettelmännchens im Hardenwald Feuer lohen werden zum Zeichen des Aufstandes.

* * * * *

Ein trüber Novembertag ist über dem Schwarzwald angebrochen; bleigrau verhangen ist das Firmament, öd die Landschaft weitum, schwarz steht der Tann, dunkel ragen die Felsen aus dem Gewirr der Zwergföhren im Hinteren Lehengericht des engen Schiltachthales. Knapp ist hier Raum für das Bächlein und die Straße gen Schramberg zwischen den ginsterumwucherten, dicht von Tannen, Fichten und Föhren bestandenen Schwarzwaldbergen. Nur wenige Siedelungen hat dieses waldreiche Thälchen, die zusammen die Gemeinde „Hinteres Lehengericht“ bilden im Gegensatz zum „Vorderen Lehengericht“ im Kinzigthale. Auch diesen Einsiedlern im Walde geheime Kunde zu thun und den Aufstand gegen die unglückselige Franzosenherrschaft zu Alpirsbach zu organisieren, ist Euseb über die Höhenzüge gewandert und hält eben Rast am Waldesrande nahe der Straße, doch gut gegen Späherblicke verborgen. Der Pelagier hockt unter einer mächtigen Tanne und hat die Büchse quer über seine Kniee gelegt, so daß er jeden Augenblick kampf- und schußbereit ist, falls Gefahr drohen sollte. Das Geräusch eines Hufschlages auf der hartgefügten Straße veranlaßt Euseb zu scharfem Ausblick auf die Straße, die der Abt von Alpirsbach im bequemen Schritt heranreitet in Begleitung einiger Musketiere. Euseb zuckt zusammen; ihm ist der Anblick der Wälschen ins Herz hinein verhaßt, seine Fäuste ballen sich und die Adern schwellen. Wie verblendet doch der stolze Prälat ist, daß er Fremde zu seiner Begleitung nimmt! Genügen ihm die eigenen Unterthanen nicht zum Schutz? Doch was soll das heißen? Die Musketiere im Rücken des Reiters stecken die Köpfe zusammen, sie drohen mit erhobenen Gewehren, und jetzt springen sie auf den ahnungslosen Abt los, einer der Franzosen backt an und zielt — —. Blitzschnell springt Euseb auf, visiert scharf und schießt. Kopfüber stürzt der Franzose nieder, erschreckt geht der Gaul des Abtes durch, schreiend fliehen die Musketiere rückwärts gen Alpirsbach. Der Pelagier springt jedoch dem Gebieter nach, um ihm schützend Geleit zu geben.

Knapp vor dem Flecken Schramberg gelingt es Euseb, den Abt, der mühsam sein Roß wieder beruhigte, einzuholen.

Kaum wird Alphons des Hörigen ansichtig, der mit dem wieder schußfertigen Gewehr keuchend herangelaufen kommt, da wettert der Abt zornig darüber, daß der Heger so nahe der Straße schieße und Menschenleben gefährde. Auch habe der leichtfertige Pelagier ihm nun das Geleite verjagt!

„Was willst du hier? Dein Gehege ist doch oben im Zankwald!“

Demütig, die Mütze in der Faust, steht Euseb vor dem Gebieter: „Verzeiht Ew. Gnaden! Ich bin Euch nachgelaufen, um Euch Geleit zu geben und zu schützen!“

„Warum hast du so nahe der Straße geschossen?“

„Es galt Euer Leben zu retten!“

„Wie, was?“

„Erlaubt mir, Euch zu begleiten! Ich bürge sicheres Geleit!“

„Wo sind die Musketiere?“

Ein bitteres Lächeln tritt auf des Pelagiers Lippen. Euseb deutet mit dem Arm nach rückwärts.

„Was, zurückgelaufen sind die Kerle?“

„Bis auf einen, ja!“

„Bis auf einen — was soll das heißen?“

„Der eine küßt den Erdboden!“

„Was? Du wirst doch niemand verletzt haben?“

„Nein, Ew. Gnaden! Verletzt nicht, aber totgeschossen hab' ich den
Meuchler!“

„Was soll's; ich verstehe nicht! Red' deutlicher, Pelagier!“

„Der Franzmann wollte weiter nichts, als Euch rücklings vom Gaul schießen, und ich schoß ein klein wenig früher ihn hinweg.“

„Bist du toll?!“

„Nein! Gottlob ist's gelungen!“

„Mich, sagst du, mich wollte einer der Musketiere vom Gaul schießen?
Meine Schutzbegleitung — —?!“

„Nette Schützer das! Na, Ew. Gnaden sind die Schandbuben los!“

Betroffen schaut Alphons auf den Pelagier herab, der finster vor ihm steht; ihm dämmert allmählich der wahre Sachverhalt auf, doch vermag er das Motiv des meuchlerischen Überfalles nicht zu fassen. „Du meinst, die Franzosen wollten mir ans Leben?“

Euseb nickt.

„Aber weshalb?“

„Ew. Gnaden haben wohl Geld bei sich?“

„Großer Gott — du hast recht! Abscheulich! Die Kerle wollten mich berauben, sie, die mir zum Schutz von Leben und Gut beigegeben wurden! Gott selbst hat dich zur rechten Zeit geschickt!“

Von einem warmen Gefühle erfaßt, reicht der Abt dem Hörigen vom Gaul herab die Hand: „Ich danke dir! Begleite mich nach Villingen! Ich glaube nun selbst: ich bin von meinen Unterthanen besser behütet!“

Stramm richtet sich Euseb auf und spricht mit besonderer Betonung: „Jagt das welsche Gesindel fort, Herr! Wir helfen Euch!“

Alphons seufzt.

Das giebt dem Pelagier Mut zu weiteren Bemerkungen: „Jagt die
Schandmenschen fort, ehe es zu spät!“

„Wenn ich das nur könnte! Die Greuel sind fürwahr himmelschreiend!“

„Das war vorauszusehen!“ sagt halblaut Euseb und schreitet neben dem langsam reitenden Gebieter, der ob dieses leisen Vorwurfes unwillkürlich das Haupt tiefer sinken läßt.

Stumm geleitet der Pelagier seinen Herrn durch das stille Schramberg südwärts. Nach einer Weile spricht Euseb, mehr für sich: „Fort müssen sie, baldigst und für immer!“

„Wie sie aber fortbringen?“ wirst Alphons ein, obwohl er anfänglich keine Lust hatte, sich über solch wichtige Angelegenheiten mit einem Hörigen auszusprechen.

„Könnt Ihr es nicht, Herr, so thun es wir!“

„Wie, ihr? Die wenigen Unterthanen von Alpirsbach! Der Franzosen sind es hundert Mann, waffengeübte Musketiere!“

„Zum Klosterbann gehören noch mehr Leute!“

„Nein, nein, nur keine Gewaltthat, die noch mehr Elend über das Kloster bringen wird!“

„Ihr habt es zunächst in der Hand, o Herr, die Blutsauger fortzubringen —“

„Wieso ich?“

„Ihr zahlt einfach das Schutzgeld nimmer —“

„Wie, du weißt —“

„Ich weiß gar nichts! Ich mutmaße jedoch, daß Ihr die Welschen bezahlet, denn ohne Schutzgeld würden die Franzosen nicht bleiben.“

„Richtig kalkuliert! Also du meinst, ich solle nichts mehr bezahlen und dem General den Schutz kündigen!“

„Schickt dem General Botschaft, er soll sein Gesindel zurückberufen!“

Wieder entsteigt der Brust des Abtes ein Seufzer im Gedanken an die vierjährige Schutzfrist.

„Ihr könnt das wohl nicht, Herr? Seid wohl vielleicht gebunden an eine bestimmte Zeitdauer?“

Alphons nickt betrübt.

„Dann zahlt die Franzosen auch für diese Frist und wir sind die
Bluthunde los!“

„Das kostet schweres Geld — —“

„Ist aber immer noch besser, als wenn Land und Volk völlig zu Grunde gerichtet wird. Denkt an das arme verwüstete Vaterland, o Herr!“ Euseb trollet gesenkten Kopfes voraus; jeder überläßt sich seinen Gedanken.

* * * * *

Seit der Abt das Stift verlassen, geht es toll zu in Alpirsbach; es ist, als feiern die Mäuse Hochzeit, da die Katze aus dem Hause. Die Musketiere vertreiben sich die Langeweile durch Fahndung nach Gut und Geldeswert und betrachten raubgierig die Kirche des Stiftes, auf deren mutmaßliche Schätze sie urplötzlich aufmerksam geworden sind, als ihrer einige den P. Jakob in reichgesticktem Meßgewand die Messe lesen gesehen. Wohl zaudern die Kerle beim Überschreiten der gottgeweihten Stätte, doch ist die Scheu rasch überwunden, zumal niemand in der Kirche sich befindet als der Küster, der im Begriffe steht, das Münster wieder zu verschließen. In wenigen Augenblicken ist dieser überwältigt, gebunden und geknebelt; die Raubgesellen springen sodann auf den Hochaltar, sprengen das Tabernakel auf und rauben die kostbare Monstranze und das Ciborium. Aus anderen Altären werden Kelche, die Silberleuchter genommen, Kästen in der Sakristei geplündert, Gewänder weggeschleppt, alles in unheimlicher Eile und Geschäftigkeit, ohne Lärm. Erst draußen bei der Beuteteilung wird es laut, die Räuber streiten unter sich, keiner gönnt dem anderen einen Vorteil; die Monstranze wird zertrümmert, und in blutigem Geraufe wird um ihre Goldteile gekämpft, ebenso zerschlägt die Bande alle übrigen goldenen und silbernen Kirchengeräte, um eine Teilung zu ermöglichen. Da von dieser Beute nur ein kleiner Bruchteil der Räuber Anteil haben kann, die übrige Mannschaft leer ausgehen muß, ist die Unzufriedenheit, der Neid, Habgier und Raublust auch der anderen geweckt, die nun aufs neue nach Schätzen suchen. Vergeblich setzen und wehren sich die bestürzten Klosterbrüder gegen Kirchenraub und Schändung des Gotteshauses; sie werden verhöhnt und verspottet und unter Gejohl gezwungen, in der Kirche Führer in die Grüfte, wo die verdorbenen Abte beigesetzt sind, zu machen. Die wälschen Raubgesellen erbrechen mit Pieken die Särge und fahnden nach Schmuck und Ringen, Gebeine achtlos verschleudernd und durcheinander werfend.

In Verzweiflung ob solcher Unthaten hat einer der Fratres sich in den Glockenturm geschlichen, wo er die Sturmglocke zieht, um die Klosterunterthanen und Hörigen zu Hilfe zu rufen. Kaum wimmert die Glocke vom Turm, da stürmen einige Musketiere auch schon hinauf, fassen den Frater und werfen ihn hohnlachend durch das Schallloch hinunter, so daß der Ärmste mit zerschmetterten Kopf und gebrochenen Gliedern unten auffällt. Voll Entsetzen aber flüchten die Alpirsbacher mit Weib und Kind von dannen, hinein trotz rauhem Wind und Winterskälte in den Tann, gehetzt von den Peinigern, die ihre helle Lust an dieser Menschenjagd haben.

Und angesichts solcher Schreckenstaten der zügellosen Musketiere verhalten sich die Offiziere völlig passiv, sie rühren keine Hand zur Abwehr und obliegen in den Klosterwaldungen dem Gejaide. Vergebens sucht nach der Kirchenberaubung P. Jakob im Kloster nach den Herren, um sie zu beschwören, weitere Greuel zu verhüten; sie sind fort, die Raubgesellen sich selbst überlassen. Mit Verzweiflung im Herzen schließt sich der alte Konventuale in seine Zelle ein, den Erlöser Tod ersehnend.

* * * * *

Vom Pelagier begleitet hat Abt Alphons seine Kaufgeschäfte in Villingen erledigt, den Georgener Abt jedoch nicht angetroffen und daher sofort den Rückweg wieder angetreten. Eine innere Unruhe treibt ihn zur Eile, und Euseb hat Mühe, seinem Gebieter zu folgen. Reitet er jedoch Anhöhen im Schritt hinan, so läßt der Abt den Pelagier nahe an den Gaul herantreten, um ein Gespräch anzuknüpfen. Der sonst so stolze Abt hat das Bedürfnis, sich mit dem Pelagier, den er schätzen gelernt, auszusprechen. Wie treu besorgt der Pelagier um ihn gewesen ist auf der bisherigen Reise, ein Schützer und Diener, der auf nichts vergaß, was dem Herrn frommen konnte. Und wie der Mann an seiner Heimat hängt! Fast überkommt den Abt ein Bedauern, den zinspflichtigen Hörigen beim Tod seines Weibes so hart behandelt zu haben. Einer augenblicklichen Gefühlsregung nachgebend sagt der Abt: „Höre, Euseb! Du hast dich wacker gehalten! Ich will dir die Zinsziege wieder zurückgeben und anderes dazu!“

Der Hörige schüttelt den Kopf.

„Wie, du verschmähst die Gabe?“

„Verzeiht mir, Herr! Die Zeit ist anders geworden, ich kann Stallvieh jetzt nicht brauchen, bin zu wenig mehr zu Hause, kann es nicht betreuen.“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Ich kann darüber nicht reden! Bald wird alles klar sein!“

„Du sprichst in Rätseln, Euseb!“

„Schafft die Franzosen fort, Herr! Befreit die Heimat von den
Blutsaugern, es ist höchste Zeit dazu!“

„Wenn es mir jedoch nicht gelingt?“

Finster blickt der Pelagier vor sich hin, seine Fäuste ballen sich, und dumpf spricht er: „Dann jagen wir sie fort!“

Auch auf des Abtes Antlitz legt sich tiefer Ernst, beklommen murmeln seine Lippen: „Mir ahnt noch Schlimmeres! Mir schwant das Ende unter Eberhard!“

Euseb bleibt plötzlich flehen und unwillkürlich verhält der Abt den
Gaul, zugleich besorgt um sich blickend.

„Was ist's, droht uns Gefahr?“

Euseb legt seine Rechte an den Sattel, schaut zum Abt empor, treuherzig, seelenvoll und spricht mit bewegter Stimme: „Herr! Haltet zu Württemberg!“

Unter dem kraftvollen Schenkeldruck und Sporenstoß sprengt der Gaul im Galopp hinweg, zur Seite geschleudert stürzt Euseb nieder und sein Kopf schlägt im Falle auf einen Stein auf, so daß das Blut sogleich aufspritzt.

Früh dämmert es; nebelverhüllt ist das schweigsame Gelände, finster steht der mächtige Tann. Abt Alphons jagt den schäumenden Gaul die Straße entlang; noch eine Anhöhe, dann geht's hinunter nach Alpirsbach. Ein seltsam rötlicher Schimmer liegt über dem Gelände; das kann nimmer ein verspätet Abendrot sein. Flammen sind es, rotglühende Feuersäulen, die zum Nachthimmel lodern und grausig das Münster und die stolze Abtei beleuchten. In Alpirsbach brennt es; schon wimmern die Glocken schaurig um Hilfe.

Der Abt drückt dem müden Gaul die zackigen Sporen aufs neue in die
Weichen und rast dem Kloster zu.

Dunkle Gestalten rennen hin und her und suchen zu bergen in den brennenden Häusern der Stiftshörigen; doch die trunkenen Soldaten wehren den Mönchen brüllend und jauchzend. Blökend rennt das Vieh um die lodernden Stätten, auf das die Musketiere Jagd machen und mit den Musketen schießen. Krachend stürzen die glimmenden Balken ein, Funkengarben stieben auf, ein Knistern und Prasseln, ein Johlen und Brüllen, Zetern und Schreien, und dazwischen Glockengewimmer.

Und die trunkenen Scharen drängen zappelnde Mönche ans Feuer, der
Pförtner wird gefaßt unter tierischem Gelächter, rohe Fäuste zerren die
Kutte auf, ein Wurf — das schwarze Mönchlein fällt mitten in die wabernde
Lohe — ein markdurchdringender Schrei — gierig schlagen die Flammen
drüber.

Gröhlend begrüßen die wüsten Brandstifter den heransprengenden,
zornglühenden Abt, sie springen herbei unter den Spottrufen und zeigen
Lust, den Prälaten vom zitternden Pferd zu reißen. Mit Schauder blickt
Alphons auf die trunkene Schar und die Zerstörung ringsum.

Einer der Landsknechte muntert auf, den Abt ins Feuer zu werfen, brüllend greifen die Kerle zu, sie jagen nun die Mönche, die sie vor dem Württemberger Herzog schützen sollen.

Da stürzen zwei der Offiziere atemlos, mit verstörten Mienen heran. Betroffen weichen die Musketiere zur Seite und geben Raum. Auf Befehl des Leutnants schmettert ein Hornist das Alarmsignal in die Dämmerung. Die Musketiere eilen zu den Waffen und sammeln sich beim Scheine der brennenden Häuser.

Der andere Offizier vermeldet in aller Eile, daß der Kapitän im Walde erschossen worden sei, und ein später abgefangener Mann eingestanden habe, daß die Schweden im Anzug seien. Der Abt möge den Leichnam des Kapitäns holen — er liegt in der Nähe einer Hegerhütte — und beerdigen lassen. Dann übernimmt der Offizier die Kompagnie, und schier fluchtartig vollzieht sich der Abzug der Franzosen, die das Kloster schutzlos verlassen in der Stunde der Gefahr.

Fassungslos steht der Abt von den Mönchen umringt.

Aus dem Laubwald und drüben aus dem Tann des Bettelmännchenberges lohen mächtige Feuersäulen auf, schaurig den Wald mit rotem Schein beleuchtend.

Bittere Thränen stürzen dem Abt aus den Augen beim Anblick der ausgeraubten, geschändeten Kirche und der Verwüstung im Kloster wie in den Häusern der geflohenen Unterthanen.

Mühsam dämpfen die Mönche die in sich zusammengesunkene Glut der Brunst, und kehren dann in die Abtei zurück, sorgenvoll und angsterfüllt der schrecklichen Schweden harrend.

Im Tann nahe der Straße gen Süden ist's lebendig geworden, von allen Seiten auf geheimen Pfaden eilen Burschen und Bauern herbei und harren im Hohlweg, gut gedeckt hinter Baumstämmen, des Anzuges ihrer Peiniger und des Angriffsbefehles des Pelagiers Euseb. Von Mund zu Mund ist die Kunde gegangen, daß Euseb den Kapitän erschossen und den zwei Offizieren Botschaft gethan vom Anzug der Schweden, weshalb anzunehmen sei, daß die Franzosen die Flucht gen Schiltach ergreifen werden. Von jedem Gehöft sind wehrhafte Männer gekommen, als das Flammensignal aufloderte, und stumm harren ihrer etliche zweihundert Mann, freilich schlecht bewaffnet, der Musketiere.

Wie Schafe im Gewitter kommen sie bei Fackelschein herangerannt und dringen in den Hohlweg ein, wo sie durch die felseneingeengte Straße sich dicht zusammenschließen müssen.

Ein gellender Pfiff tönt durch den finstern Tann, es raschelt im Walde, an den Felsrändern tauchen schwarze Gestalten auf, die Steine und Granitblöcke herunterschleudern mitten unter die Musketiere. Weherufe, Geschrei, Kommandorufe dringen aus der Schlucht. Mit Morgensternen, Sensen, Dreschflegeln, alten Flinten hauen am Ausgang des Hohlweges die Bauern auf die fliehenden Franzosen ein; die von Euseb im voraus aufgerichteten und nun schnell entzündeten Holzstöße leuchten zur Befreiungsarbeit. Schreckerfüllt sucht ein Teil der Soldaten rückwärts zu entkommen; doch auch an diesem Schluchtausgang hat Euseb seine Verschworenen aufgestellt, die niemand durchlassen. Unablässig prasseln Steine in die Reihen der bewegungslosen in der Falle gefangenen Wälschen, zerschmetternd und vernichtend. Nur wenige der Musketiere vermögen zu feuern; es fehlt an Raum in der engen Schlucht, die Verwirrung ist zu groß, die Fackeln sind erloschen, im Gewühl ausgetreten worden. Wer stürzt, wird zertreten. Das Geheul der Soldaten ist fürchterlich. Euseb und eine Schar mit Schußwaffen ausgerüsteter Bauern feuern von den Felsen herab in die eingekeilte Menge, und nach jedem Schuß stürzt ein Franzose tödlich getroffen nieder. Ein Verzweiflungskampf an den beiden Schluchtausgängen entbrennt, doch die Bauern halten die Sperre, wenn ihrer auch schon viele schwerverwundet gefallen sind. Auf Geheiß Eusebs werden brennende Scheiter in die Reihen der Wälschen geworfen, bei deren Geflacker sicherer die verzweifelten Feinde aufs Korn genommen werden können.

Knieend flehen die Franzosen um Pardon, haufenweise werfen sie die Musketen weg, aber die Stunde der Wiedervergeltung unsäglicher Greuel ist gekommen, die Blutsauger werden niedergeschlagen; nur wenigen gelingt es, der Schlucht und dem Blutbad im Dunkel zu entrinnen.

Bis zum dämmernden Morgen verharren die Bauern, um sodann bei wachsendem
Licht ihre Toten und Verwundeten zu bergen. Die Franzosen läßt man
liegen; ächzt und stöhnt noch der eine oder andere, so erhält er den
Gnadenhieb auf den Kopf.

Dann ziehen die Bauern durch den Tann ab, jeder seinem heimatlichen Gehöft zu, stumm und still. Das Befreiungswerk aus furchtbarster Qual und Not ist gethan. — — —

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Ein Jahr ist vergangen; des grausamen überlangen Krieges müde verhandelten die Gesandten der kriegführenden Mächte zu Osnabrück und Münster über einen endgültigen Frieden. Für Herzog Eberhard, der wieder zu Stuttgart residierte, trat der Schwedenkanzler Oxenstierna ein, und heiße Kämpfe auf diplomatischem Gebiete verursachte die württembergische Klosterfrage. Lange wurde die Restitution der Klöster zu Gunsten des Herzogs hintertrieben, bis man aus gänzlicher Ermattung der Verhandlungen in der Sitzung zu Osnabrück auf den Vorschlag kam, daß der Herzog die Ordensleute in den Klöstern belasse, jedoch die hohe Obrigkeit über sie behalte, wie er sie vor der Reformation innegehabt habe. Oxenstierna aber erklärte, daß man die Klöster dem Herzog überlassen und das übrige seinem Gewissen anheimstellen solle. Württemberg solle in den geistlichen und weltlichen Besitz und in die Rechte wie vor dem Kriege eingesetzt werden.

Da die katholischen Mächte wegen einiger schwäbischer Klöster den Krieg fortzusetzen doch nicht gewillt waren, bestimmte denn auch das Friedensinstrument zu Osnabrück[22], daß die Klöster[23] dem Herzog von Württemberg zufallen. Damit erlangte das württembergische Fürstenhaus einen Zuwachs von Gebieten, Rechten und Reichtümern, wie es solche vorher weder durch Fehden, Kriege, noch Heiraten, Käufe und Erbschaften in derartigem Umfange erworben hatte.

Im Stift zu Alpirsbach hat Abt Alphons es sich angelegen sein lassen, die Schäden an Gebäulichkeiten auszubessern, Wohnhäuser für die Unterthanen aufzubauen, das Münster neu zu weihen und Kirchengeräte zu beschaffen, den Stiftskeller zu versorgen und das Zinswesen neu zu ordnen. Inmitten dieser arbeitsreichen Zeit entschlief sanft und selig Pater Jakob hochbetagt, gesegnet vom Abt, mit einem Lächeln auf den welken Lippen. Er hat es überstanden. Seinem Wunsch gemäß ward seine Leiche ohne besonderen Pomp still in der Gruft des Münsters beigesetzt. Die Unterthanen der Abtei weinten ihm manche Thräne nach, denn der liebe, alte, freundliche und wohlwollende Konventuale hatte aller Liebe und Verehrung besessen. Und fast schien es, als sei mit dem milden, versöhnlichen Greis auch das Glück des Klosters geschwunden. Hin und her überlegt der Abt, wie der Kaiser mehr für das Kloster interessiert werden könnte, auf daß die drohende Restitution wirkungslos an Alpirsbach vorübergehen könne. Keinen Stein soll der Württemberger vom Stift bekommen, verschwor sich der Abt Alphons, in welchem der alte Trutz und Stolz auf die Unabhängigkeit des Stiftes wieder erwacht ist.