„Ich thu's, und wenn sich alles auf den Kopf stellt darüber!“
Schellengeläute veranlaßt Klärle, sich zum Stallausgang zu begeben, wo
Vrenele eben die Kühe ins Freie läßt und zur Weide treiben will. „He!
Nimm der Bläß' und der Scheckigen die Schellen ab und gieb sie dem
Märte! Kannst die beiden Küh' heut ohne Geläut austreiben. Morgen soll
's Geläut dann beieinander sein.“
Wenn die Dirn Zeit dazu hätte, sie würde die Hände überm Kopf zusammenschlagen. So aber hat sie Mühe, den fortdrängenden Kühen die Glocken abzunehmen und händigt selbe dem vergnügt schmunzelnden Hirten ein, der sich nicht wenig auf die ihm gewordene Bevorzugung einbildet und nicht übel Lust hätte, der Klärle seine Liebe zu erklären, wenn die Sache nicht so gefährlich wäre. Ein einzig uneben Wort, und die Geschichte schlägt ins Gegenteil um, der Schellenmarkt fällt ins Wasser, und Martin hat seine Hiebe dazu, wenn er nicht gar vom Hof gejagt würde. Aus diesen Erwägungen behält der Hirt seine zärtlichen Gefühle lieber bei sich und läßt sich über die Gunstbezeugung gebührend bewundern. Bei Tisch langt er sich im Bewußtsein, Hahn im Korb zu sein, die größten Brocken heraus, ein Frevel, der ihm zu normalen Zeiten sicherlich einen gehörigen Rüffel eingetragen hätte. Heute gucken die Knechte und Dirnen bloß, zumal Klärle dem Hirt übern Tisch zuruft, er solle sich beeilen, denn sie werden gleich nach dem Essen ausbrechen.
Der Vater fragt, ob von den Knechten jemand auf den Markt gehen dürfe. Klärle erwidert gleichgiltig: „Mit mir nicht! Doch will ich's niemand verwehren, sofern die Leute zur Dämmerung wieder zu Hause sein werden!“
Das Gesinde vergißt aufs Essen vor Verwunderung, nur Martin schiebt mit Gabel und Löffel in den Mund, was er hineinbringen kann, und grinst dazu vor Vergnügen. Wenn das so fortgeht, kann er möglicherweise heut abend schon erklärter Tochtermann vom Gifter, und in sechs Wochen Giftbauer sein. Dann soll's hoch hergehen! Vor Wonne und Seligkeit hat der Hirt beim Schlucken nicht besonders acht gegeben und muß jetzt husten, daß er blau im Gesicht wird.
Ärgerlich fragt Klärle: „Was hat denn der Esel? Er erstickt wohl noch an
Butterspätzlen!“
Das kühlt die Glückseligkeit des Martin augenblicklich ab, und auch der
Kloß rutscht sofort in den Magen, aus Respekt vor der Giftbauerntochter.
* * * * *
So stillruhig es auf dem Höhenzug zwischen dem Gutach- und Berneckthal, Fohrenbühl genannt, sonst ist und menschenleer auf der an Wiesen und Weideplätzen und Tannenwäldern vorbeiziehenden Straße nach dem badischen Städtchen Hornberg, heute wimmelt es von Hirten, Knechten und Dirnen, Bauern und Bäuerinnen, die alle der Grenze und Wasserscheide auf der Höhe zuwandern, wo noch auf württembergischem Boden das Wirtshaus zum „Adler“, etwa fünfzig Schritte davon auf badischer Erde das Wirtshaus zum „Schwanen“ steht. Die Straße durchschneidet quer die Landesgrenze und stehen die Grenzpfähle zwischen den beiden Häusern, die Wiesen, Granitfindlinge und die ungeheuren Felder der für die Schwarzwaldhänge typischen gelben Ginsterblume, hier zu Lande „Herrgottschühle“ genannt, trennen. Beide Wirte haben für den heutigen, vom besten Wetter begütigten Fohrenbühler Schellenmarkt Vorkehrungen getroffen, fliegende Schänken errichtet, Tische und Bänke vor die Häuser gestellt, um den „Einfall“ zu erleichtern. In einer Bude hält ein Schramberger Kaufmann neue Kuhschellen feil und Peitschen dazu, in einer anderen sind Tücher, Lebzelten und dergleichen für die Dirnen zum Kaufe ausgelegt, die von den Marktbesuchern denn auch gebührend bewundert werden. Innen und außen sind die beiden Wirtshäuser bereits dicht belagert von Durstigen; auf der Straße und bis hinüber in die Wiesen jedoch stehen die Hirten, die Löwen des heutigen Tages, und probieren die Schellen, daß es wirr durcheinandertönt. Gar mancher Bursch hält sich die Schelle dicht an das Ohr, um sich vom Klang, von der Gesamtharmonie zu überzeugen, bevor er den Kauf oder Tausch abschließt. Da jeder läutet und unzählige Schellen probiert werden, ist es nicht leicht, einen richtigen Dreiklang oder ein größeres harmonisches Geläute zusammenzubringen. Es schwirrt und klingt über die Höhe hinein in den sonnenbegossenen, harzduftenden, kirchenstillen Wald: ein vielstimmiges Kontert von Kuhglocken, ein Schellenchaos, bei dem man sein eigenes Wort nicht versteht. Hat ein Hirt aber das Kunststück fertig gebracht und seine Glocken harmonisch vereinigt, ist der Tausch oder Kauf abgeschlossen, dann tönt wohl ein Jauchzer der Freude dazwischen und Neugierige umzingeln den Glücklichen und probieren seine Schellen. So lärmt es und tönt es, die Hirten jubeln und jauchzen, trinken und streiten, wenn einer oder der andere auf Tausch oder Verkauf nicht eingehen will.
In das Menschengewoge, das sich zwischen den beiden Wirtshäusern staut, taucht eben Klärle mit dem Hirten Martin, welchem die Gifttochter, nachdem sie wortlos mit ihm den Fohrenbühl hinangestiegen, knapp vor dem „Schwanen“ eröffnete, daß er nach den zum Geläut noch fehlenden Schellen suchen und solche einhandeln solle, wozu ihm Klärle das nötige Geld überreichte. Freudestrahlend bedankte sich der Hirt und steuerte der Hauptgruppe von Glockenhändlern zu, indes Klärle, von der Menschenmenge schier geschoben, allmählich den Buden nahekam, in welchen Tücher und dergleichen feilgehalten werden. Das Getriebe ist zu lebhaft, als daß eine einzelne Person auffallen könnte. Hie und da streifte das Mädchen wohl Bekannte, die dann untereinander tuschelten und sich wohl über die Stichelei unterhielten. Klärle achtete ihrer nicht weiter und ließ sich weiterschieben, teilnahmlos, gleichgiltig und gelangweilt. Schier reut es sie, auf den Fohrenbühl in dieses Menschengewoge gegangen zu sein, und allmählich reift in ihr der Entschluß, wieder heimzukehren. Hart vor einer Bude stehend, wird Klärle plötzlich angesprochen, der Kaspar vom Jörgenmicheleshof steht vor ihr und fragt: „Nun, schöne Klärle, wie ist's mit uns beiden? Willst für die Zwiebel nicht ein Halstüchel eintauschen? Bist noch so spitzig wie neulich?“
Unangenehm überrascht sieht das Mädchen zu dem stämmigen Burschen auf, und zornig kommt es von Klärles leicht zitternden Lippen: „Laß mich' in Ruh! Mit Bänkelsingern hab' ich nichts zu schaffen!“
Die scharfe Rede erregt Aufsehen unter den nächststehenden Leuten, die nähertreten und erwartungsvoll aufhorchen. Das schöne Paar ist im Nu von einer Menschenmenge eingekeilt, ein Entrinnen so leicht nicht möglich. Gutmütig meint Kaspar: „Mußt nicht gar so spitz sein! Es war nicht bös gemeint, und schau, dein Wurfgeschoß trage ich noch am Hut! Ein Nägele von dir war' mir lieber!“
Mit einem Griff reißt Klärle die Zwiebel von Kaspars Hut und ruft: „Für so 'nen Lumpen ist das selbst zu gut! Du brauchst nichts zu tragen von mir!“
„Halt, schnippisches Ding! Der Knollen ist mein! Dir aber rate ich, geh manierlicher um mit den Leuten!“
„Du willst Manier predigen, du, der wie ein Räuber in friedliche Häuser einbricht und Mädchen überfällt! Schande über dich, Kitteljäger!“
„So meinst?! Na warte, das Wort soll dir noch einmal auf der Zunge brennen! Wir rechnen noch ab miteinander! Hört zu, Bueben am Fohrenbühl:
Sie hat auf die Zähn' wohl e Härle,
Schneidet ab den Leuten die Ehr':
So bleib denn fürder: Giftklärle,
Dich nimmt der Teufel nimmermehr!“
Schallend Gelächter folgt diesem Trutzgesangel, laut rufen die Leute: „Giftklärle!“ und spotten, da sie augenblicklich den Doppelsinn in dieser Bezeichnung begreifen und fühlen, daß Kaspar ihr den Spottnamen für ihr „giftiges“ (schnippisches) Wesen aufgebracht hat. Von Mund zu Mund fliegt der Spottname; nicht einer findet ihn ungerecht, man gönnt dem unverträglichen Mädel diese öffentliche Abkanzelung und witzelt allenthalben übers „giftige Giftklärle“.
Wutentbrannt, zornglühend drängt sich Klärle durch die Menschenmenge, die dem enteilenden Mädchen den neuen Spottnamen nachrufen. In rasendem Lauf flüchtet Klärle die Bühlstraße hinab, dem heimatlichen Hofe zu. Kaspar aber, der Held des Tages, feiert seinen Sieg über die trutzige Dirn bald im „Schwanen“, bald im „Adler“. Immer lebhafter wird es auf dem Fahrenbühl; der Wein thut seine Wirkung, immer hitziger werden die Burschen. Martin hat einen Hirten gefunden, der die Ergänzung im richtigen Glockenton zu seinem Geläut hätte, die paffende Schelle aber nicht hergeben will. Martin giebt sich die größte Mühe, den Burschen zu bereden, und bietet die gesamte von Klärle erhaltene Barschaft für die Glocke. Je dringlicher Martin wird, desto störrischer zeigt sich der Hirt, der schließlich, um den lästigen Händler abzuschütteln, höhnisch sagt: „Und wenn ich die Schelle auch dir gäbe, sie käm dann doch auf den Hof und der — Giftklärle geb' ich sie nicht!“
Martin stutzt; von dem Vorfall an der Tücherbude hat er nichts wahrgenommen, doch fühlt er augenblicklich den Hohn in der Bezeichnung für seine Bauerntochter und ist zur Abwehr bereit. Die Schellen in den Sack schiebend, streift Martin die Rockärmel zurück, holt zum Schlag aus und ruft: „Nimm das Wort zurück, Lump, oder —!“
„Was oder — nichts oder!“ Schwapp hat Martin einen Hieb, daß ihm die Ohren sausen. Auf so ein erstes Zusammenprallen streitender Hirten wird beim Schellenmarkt förmlich gewartet, um sodann eine regelrechte, saftige „Holzerei“ ins Werk zu setzen, die zu den notwendigen Freuden des Festes gehört. Im Nu sind die Kampfhähne umringt; die Lauterbacher Bueben schlagen sich auf Martins Seite im Gefühl württembergischer Zusammengehörigkeit, und die Partei des badischen Gegners nehmen selbstverständlich die Burschen und Hirten aus dem Gutachthal. Um die Streitursache wird weiter nicht gefragt, es wird gerufen auf württembergischer Seite. „Hie Beutelsbach!“, kampflustig brüllen die Badener: „Hie Zähringen!“ und nun prallen die Burschen aufeinander, das Gebalge beginnt, kreischend fliehen Dirnen und Weiber aus dem Kampfbereich, die älteren Bauern hingegen beobachten mit Feldherrnaugen die „Schlacht“. Der Hirt vom Gifthof hat entschieden Pech am heutigen Pfingstfest; jämmerlich durchgebleut kommt er zu Fall, und im Kampfgewühl wird wenig Rücksicht auf deinen gebräunten Teint und seinen Gesichtsvorsprung genommen. Freund und Feind, Zähringer und Beutelsbacher treten auf seinem Körper herum, hin und her wogt der Kampf. Das bemerkt Kaspar, der erst die Flucht Klärles eine Weile beobachtet hat, und Mitleid erfaßt ihn; mit einem wuchtigen Satz springt er in den Menschenknäuel, wirft die Burschen links und rechts zur Seite, packt den am Boden liegenden Martin und zerrt ihn mit kräftiger Faust vom Kampfplatz weg.
Arg zerschunden, getreten und verschlagen braucht der Hirt eine Weile, bis er auf eigenen Füßen stehen kann. Kaspar stützt den Burschen und führt ihn dann den Bühl hinab, heim bis in die Nähe des Gifthofes, den kläglich nach dem verlorenen Geld und um die vertretenen Schellen jammernden Hirten tröstend und beruhigend.
Auf dem Fohrenbühl giebt es grimmig verschlagene Köpfe mit den schönsten Beulen, die aber augenblicklich auseinanderfahren, wie der Landjäger auftaucht. Hei, wie die Burschen nun flüchtig über die Grenze springen! Wie ein Schwarm Heuschrecken hupfen sie ins badische Land,[17] und fallen im „Schwanen“ ein, friedlich jetzt und einig, durstig und ob der Kraftausübung seelenvergnügt. Der Schellenhandel wird jetzt friedfertiger fortgesetzt, es klingt und tönt aufs neue hinaus in den verklärten Abend, und die letzten Sonnenstrahlen vergolden die fernen Höhen des Kniebis wie die Wipfel der langgedehnten Wälder.
* * * * *
Tannenumschattet steht am Moserkopf, in eine Mulde eingebuchtet auf einer kleinen, windgeschützten Blöße inmitten des düsteren Tanns eine ziemlich verfallene Blockhütte, auf deren flachem Dach eine Moosschicht grünt und deren Fugen mit dürrem Farrenkraut verstopft sind. Klein und sparsam sind die Fenster mit teils eingetragenen, teils erblindeten Scheiben in der schwarzen Hütte angebracht, vom Tann beschattet, so daß sie stets im Dunkel stehen. Eingefallen liegt nebenan ein Schuppen in Trümmern, der wohl einst Aufbewahrungsort der Kienstöcke für einen Theerschweeler gewesen sein mag, als noch an dieser Stelle in tiefer Waldesabgeschiedenheit getheert und Pech erzeugt wurde. Bruchstücke eines Theerofens liegen verstreut, von Farrenkraut umwuchert, auf dem schwärzlichen Boden. Ein unheimlich Bild der Verwahrlosung, des Verfalls bietet diese einsame Siedelung im dichten finsteren Tann, zu welcher durch den stillen Wald ein wenig betretener, moosiger Pfad führt. Würde nicht ein blauer Schurz an der verwitterten Hüttenthür hängen und bläulicher Rauch sich den Weg ins Freie suchen, man würde die Blockhütte für unbewohnt, verlassen gehalten haben. An dieser Stätte jedoch haust seit Jahren, Winters wie Sommers über ein altes Weiblein, gemeiniglich die Kräuterliese genannt, die hier aus sorglich gesammelten Kräutern heilsame Tränklein braut und an Hilfsbedürftige draußen im Lauterbach- und Berneckthale für wenige Groschen abgiebt und davon das karge Leben fristet. Durch ein abschreckend Äußeres ist das alte Weiblein immer, wo es sich in bewohnten Gegenden sehen läßt, ein Gegenstand der Furcht für Kinder, die das Weiblein für eine Hexe halten, für eine unheimliche Zauberin. Übermütige Burschen üben Spott am Weiblein, und die Dirnen weichen der Kräuterliese aus. Aber wenn so ein junges Ding einen Trank oder Rat braucht, wenn ein Mädel wohl gar durch geheimnisvolle Karten einen Blick in die Zukunft thun und erkunden will, wie der ersehnte Bräutigam heißen wird, dann huscht wohl so ein Waldmaidle durch den kirchenstillen Tann zur Hütte und fordert Einlaß in die dumpfe einsame Hütte.
Weihevoller Abend ist's im Wald; das geheimnisvolle Flüstern in den Wipfeln ist erstorben, Meisen und Krummschnäbel sind zur Ruhe gegangen, majestätisches Schweigen waltet ringsum, und zauberhaftes silberweißes Mondlicht spielt herein auf die Blöße und zittert durch das dunkle Geäst der mächtigen Fichten und Tannen. Versunken in Gedanken lehnt ein lieblich Mädchen an der einen Seite des verfallenen Schuppens und blickt zum klaren, sternenbesäten Himmel empor, von dem ein kleiner Fleck von der Blöße aus zu sehen ist. Ringsum ragt der Tann auf, schützend und bewachend, ein ungeheurer Wall von Baumriesen. Es ist Klärle, die stumm, in sich gekehrt, vom Silberlicht umflossen steht und manchmal seufzt. Das Mädchen hat sich in die Waldeinsamkeit geflüchtet, hier bei der alten Kräuterliese hofft Klärle Ruhe zu finden vor den hämischen boshaften Leuten, Ruhe für das eigene Herz. Hier wird sie das schlimme Wort, das ihr auf dem Fohrenbühl zugerufen wurde, nicht mehr zu hören bekommen, jenes Wort, das sie getroffen bis ins Herz. Wie sie Unterkunft erbat bei der Kräuterliese unter Zusicherung guter Entlohnung, verschwieg Klärle die wahre Ursache ihrer Flucht vor dem Menschen, und schützte das Bedürfnis nach Waldluft und Ruhe vor. Und bereitwillig hat die Alte Klärle aufgenommen und ein dürftig Kämmerlein eingeräumt, so daß das Mädchen damit zufrieden wäre. Nach Gründen fragte das Weiblein nicht weiter; Ruhe werde 's Maidle schon finden und ein Tränklein auch, wenn es solchen wolle. Die Kost werde mager sein und dürftig das Lager aus getrocknetem Moos. Zum Tanzen werde es nicht kommen im Tann des Moserkopfes.
Ruhe hat Klärle; aber jenes verhaßte Wort drängt sich immer wieder ins Gedächtnis und rückt ihr die widerliche Scene auf dem Fohrenbühl vor das geistige Auge. Wie leicht hat sie früher Vorfälle vergessen, wie rasch ist sie über unangenehme Scenen hinweggegangen! Bittende Worte hat sie verlacht, die Menschen mißachtet, schlecht behandelt; sie ist kalt und unempfindlich geblieben bei anderer Not und Elend und hat die schlimmsten Auftritte wenige Augenblicke später vergessen. Bei einem Ohr hinein, beim andern wieder hinaus; nachhaltend blieb nichts als eine Leere im Herzen, ein immer unzufriedenes Herz. Und jetzt? Immer wieder mahnt ein unerklärliches Gefühl, immer tönt ihr jenes Wort im Ohr; sie sieht, wohin sie blickt, die Gestalt jenes stämmigen Burschen, der hochaufgerichtet, mit lohendem Blick und zuckenden Lippen ihr jenes Wort zuschleuderte; sie hört das Hohngelächter der Leute immer wieder, und es krampft sich das Herz zusammen, ein namenloses Gefühl von Haß, Zorn, Bitterkeit und Ohnmacht zieht schmerzend durch ihre wogende Brust. O, wenn nur jener Augenblick aus dem Leben zu streichen wäre! Und mußte es denn so kommen? Was hat der Kaspar gewollt? War es notwendig, ihn so zu behandeln? Hat der Bursch nicht recht gehabt mit dem vergeltenden Wort? Es nagt wie Reue in ihrem Herzen. Sie hätte die häßliche Scene verhüten können; das grausame Wort wäre ungesprochen geblieben, wenn — —. „Selbst bin ich Schuld!“ flüstert Klärle vor sich hin. Und mit Bangen fühlt sie, daß sie die ersehnte Ruhe selbst hier, mitten im Tann, nicht finden werde. Ist sie denn schlecht, verderbten Gemütes? Hat sie nicht manchmal Wohlthaten geübt, Hungrige gespeist, Durstige gelabt, die Armen bedacht? Ist es kein Samariterwerk, daß sie die Bärbel belassen auf dem Hof? Pflegte sie nicht stets den alten Vater und führte die Wirtschaft regsam und sorglich? Scharf und hitzig ist sie, aber nicht schlecht. Und dennoch diese Strafe! Erst der Pfarrer mit der öffentlichen Mahnung und dann der widerwärtige Auftritt auf dem Bühl. Vervehmt, verhöhnt, verspottet von allen! Gebrandmarkt für immer! Ausgestoßen aus der Gemeinschaft, sie, die Erste nach Geburt und Rang in der Bevölkerung des ganzen Thales! Ein Flüchtling mit namenloser Qual im Herzen! Mit jähem Entschluß hat sie das Vaterhaus verlassen, der Behaglichkeit am heimischen Herde entsagt. Zierat und Schmuck, alles zurückgelassen, geflohen vor den Menschen, und dennoch kein Friede, keine Ruhe!
Die Kräuterliese ist ins Freie getreten und mahnt zum Schlafengehen. Die
Nacht sei da, und die Hütte müßte geschlossen werden.
„Ich kann nicht schlafen!“ versichert seufzend Klärle und tritt zur
Liese.
„Hast wohl einen argen Kummer im jungen Herzen, Maidle?“ fragt teilnahmsvoll die Alte. „Mit frohem Mut und Lustigkeit bist wohl nicht fort und hereingeflüchtet zur alten Liese?“
Klärle schluchzt, heiße Thränen schießen über ihre Wangen.
„Komm, mein Kind, weine dich aus, Thränen lindern; sag, was dich drückt.
Schau, die alte Liese ist ein häßlich Ding, aber guten Herzens! Sie hat
Mitleid mit dir und will dir helfen, so dir zu helfen ist auf Erden!“
„Mir kann niemand mehr helfen!“
„Das wäre bös! Was hast denn verbrochen, Maidle!“
„Ich — nichts! Aber gebrandmarkt bin ich dennoch — unmöglich fürder im
Thale und unter den Leuten!“
„Gebrandmarkt sagst du? Wie das und weshalb!“
Unter Thränen, an die Alte geschmiegt, erzählt Klärle stotternd, zaghaft das Ereignis, und besänftigend, tröstend legt Liefe ihre dürre Knochenhand auf den Scheitel Klärles.
„Das ist freilich schlimm, recht schlimm! Und den bösen Namen wirst so schnell nicht von dir bringen können, ledig nicht!“
Klärle reißt sich mit jähem Ruck los und blickt die Alte entsetzt an. Erst nach einer Weile stammelt sie, am ganzen Körper bebend: „Du wirst damit doch nicht sagen wollen, daß —“
Die Alte nickt und ergänzt den Satz: „Daß du erst als Weib eines Mannes den üblen Beinamen loswerden wirst!“
Klärle atmet auf; im ersten Schreck hat sie schon geglaubt, am Ende gar den Menschen heiraten zu sollen, der ihr den furchtbaren Schimpf angethan. „Du meinst, ich solle überhaupt heiraten!“
„Ja, den Kaspar!“
Klärle kreischt auf, wie wenn eine Schlange sie gebissen hätte: „Den, nein, niemals, lieber sterben!“
„Nicht so hitzig, Maidle! Mit dem Sterben hat es Zeit! Doch komm in die
Hütte, ich will abschließen und dir dann drinnen etwas erzählen, was ich
noch nie jemandem mitgeteilt. Komm, Klärle! Denk, ich sei deine Mutter!
Ich will dir wahrlich wohl, so verschrien ich auch bei den Leuten bin.“
Willig folgt Klärle der Alten in die Hütte und setzt sich zu deren Füßen. Die Alte hebt dann an, leise, geheimnisvoll: „Du hast am Bühl den ersten Schmerz erlebt und ich weiß es, wie weh es werden kann in der Menschenbrust! Nur wer Schmerz empfunden, versteht des anderen Schmerz und Leid. Schmerz läutert die Seele! Auch du mußt solche Läuterungen durchmachen, auf daß dein Gemüt anders, besser werde. Auch ich bin „geläutert“ worden!“
„Du?“
„Ja, ich! Daß ich die alte Kräuterliese bin, ein runzlig altes Weible, das weißt du! Daß auch ich einst ein schmuckes Ding war wie du anjetzo, das kannst du nicht wissen, weil es damals noch keine Gifttochter gegeben hat!“
„Oh, das schlimme, häßliche Wort!“
„Na, nur nicht übertrieben sein, Maidle! Dein Elternhaus ist nun einmal der Gifthof und dieser Heimat brauchst du dich nicht zu schämen! Höre denn: Wenn es je im Schwarzwald ein lustig, aber hochfahrend trutzig Maidle gegeben, war ich es in meiner Heimat, im Murgthal. Der alten guten Mutter machte ich das Leben sauer durch Übermut und frevlen Leichtsinn. Körbe austeilen, als die Freier kamen, war mir höchste Lust, so sehr auch Mütterlein mahnte. Und ein besonderes Vergnügen war es mir, einen braven, guten Burschen, der ehrlich um mich freien wollte, zu quälen und zu verspotten. Und je eifriger er sich um mein Herz bemühte, treu zu mir hielt, desto größer war mir die Lust, ihn zu schmähen. Klein war sein Hab und Gut, ich nannte ihn öffentlich einen Bettler und schrie vor Lust, als er zusammenzuckte und ihm das Herz verkrampfte. Umstehende Flößer lachten dazu, was mich reizte, meinem getreuen Verehrer zuzurufen: Bevor ich dich nehme, du Habenichts und Hasenfuß, geh' ich mit dem nächstbesten Flößer in die weite Welt! Die Flößer gröhlten vor Vergnügen. In meiner Verblendung warf ich mich einem besonders starken, stattlichen Burschen an die Brust, herzte denselben und ließ mich lachend hinwegführen“.
„Wie sagst, Liese?“
Mit zitternder Stimme erzählt die Alte weiter: „Ja, ja, das Unglaubliche ist wahr geworden. Durchgegangen bin ich, wie ich stand und war in meinem grenzenlosen Übermut und Leichtsinn. Und dann ward ich verlassen, höhnisch davongejagt. Und ich hab's nicht besser verdient, Fern der Heimat, mittellos und ehrlos geworden, mußte ich bettelnd heimziehen…. Mütterchen lag draußen im Friedhof, und mein guter, treuer Freund ist fortgezogen, verschollen. Mit Fingern deuteten die Dörfler auf mich, die ich zur Schande des Dorfes geworden. Für weniges Geld veräußerte ich den kleinen Besitz und folgte überall nach meinem Freunde fragend, dessen Spur in die Fremde“.
„Hast ihn gefunden, den guten, braven Menschen?“
„Ja, weit weg von der Heimat und tot. Sein Grab zu schmücken und zu pflegen, erschien mir höchste Pflicht auf Erden. So lange die Groschen aus dem Erlös reichten, konnte ich in dem fremden Ort verbleiben, dann versuchte ich mich zu verdingen, ich wollte ja gerne als Magd dienen, nur um dem teuren Grabe nahebleiben zu können. Doch als ausweislose Fremde, mittellos schaffte man mich aus, zwangsweise wurde ich fortgeführt. Als Bettlerin sah ich die Grenze wieder. Im Heimatsdorfe gab es böse Gesichter, niemand wollte von mir was wissen. Es war eine furchtbare Zeit. Man mied mich wie eine Pestkranke. Und Beeren suchend kam ich immer tiefer in den Wald, herein zu euch, als gebrochenes, schwergeprüftes Weib und fand durch deines Vaters Güte ein Unterkommen hier in dieser dem Verfall preisgegebenen Hütte, wo ich die „Kräuterliese“ geworden bin und Gott für diese Unterkunft danke jeglichen Tag!“
„Dann bist du ja noch nicht so alt, als es allgemein heißt!“
„Bin ich auch nicht, aber Not und Entbehrung, die Seelenqual und endlose Reue haben mir Falten ins Gesicht gegraben und den Rücken gekrümmt. Ich büße ein Leben lang und habe mich dreingefunden, daß ich's so und nicht anders verdiene. Und büßen will ich bis ans Ende. Geläutert ist die Seele!“
Mit einem langen Seufzer endet Liese ihre Erzählung und preßt dann die dürren Finger an die feuchten Augen.
Weich gestimmt, mit bebender Stimme, mitleidsvoll flüstert Klärle: „Was mußt du gelitten haben, Liese!“
Leise weint Liese vor sich hin in dunkler Nacht. Dann erhebt sie sich, tastet in der Finsternis nach Klärle, legt ihre Rechte segnend auf des Mädchens Kopf, wünscht eine „geruhsame Nacht“ und begiebt sich zur Ruhe. Klärle erwidert mit zuckender Stimme den gleichen Wunsch und sucht ihr dürftig Lager auf. Das Mädchen ist erschüttert, warmes Mitleid erfüllt die Seele, und es reift der Entschluß, der guten hartgeprüften Liese den Lebensabend zu verbessern. Mit diesem Vorsatz entschlummert Klärle, mit einem lieblichen Lächeln auf den Lippen.
* * * * *
Taufrisch ist der Morgen angebrochen im Tann. Es glitzert und flimmert im Geäst, es schimmert auf den Blättern des Farrenkrautes, wie Edelstein und Demant funkeln die Tautropfen im verachteten Ginster und edlen die Pfrieme für wenige Stunden. Im Tann konzertiert die Schar fröhlicher beschwingter Sänger, es klingt der Wald, und leise wiegen sich die Wipfel im erquickenden Morgenwind. Und über den gewaltigen Forst blaut ein entzückender Himmel und gleißend Gold sendet die Sonne herab, verklärend und belebend. Durch den Tann schreitet auf dem weichen, taunassen Pfade der Jungbauer vom Jörgenmicheleshof eilig der Teerschweelerhütte am Moserkopf zu; Kaspar will einen Heiltrank für eine kranke Kuh von der Kräuterliese holen.
Wie er endlich an die Waldblöße gelangt und die verfallene Hütte gewahrt, ruft Kaspar: „He, Liese, komm' heraus, Kundschaft ist da!“ und schreitet vollends zur Hüttenthüre. Kaum ist der Ruf verklungen, tritt Klärle aus der Hütte, jäh zusammenfahrend und erbleichend beim Anblick des Jungbauers. Auch Kaspar ist ob der unvermuteten Begegnung verwirrt und grüßt verlegen: „Grüß Gott! Wer hätte das geglaubt! Die Klärle bei der Kräuterliese im finsteren Wald!“
Mühsam kämpft Klärle mit sich und ihren widerstreitenden Gefühlen; unwillkürlich greifen die Hände nach den tobenden Schläfen. Heiß jagt das Blut durch die Adern und drängt zum Herzen. Wirr ist's ihr im Kopf, es kreisen wie toll die Gedanken. Was will er, der Verhaßte hier? Wie stattlich er ist! Ein frischer stämmiger Mann! Kommt er ihretwegen? Will er um Verzeihung bitten, den entsetzlichen Namen zurücknehmen? Will er sühnen, die namenlose Qual von ihr nehmen? Er sieht aber nicht wie ein Büßer aus, seine Augen haben den Glanz wie früher, die ganze Gestalt verrät stahlharte Energie. Unter Kaspars Blick erschauernd, erwidert Klärle endlich dessen Gruß, zaghaft, etwas schüchtern, und fügt unsicher hinzu: „Was führt dich so früh herein in den Tann?“
Frisch und schneidig klingt es aus Kaspars Mund: „Einen Heiltrank will ich holen von der Kräuterliese!“
„So! Bist selber krank oder jemand auf deinem Hof?“
Kaspar lacht hell auf und versichert: „Nein, Gottlob, mir fehlt nichts als die Hochzeiterin! Aber eine Kuh will nicht milchen, und da muß die Liese helfen mit einem Tränklein!“
Wie ein Schatten huscht der Unmut und Verdruß über Klärles Antlitz. Verflogen sind im Nu die guten Vorsätze, die alte üble Laune ist wieder da, spitz und schnippisch wird der Ton ob der ihr widerfahrenen Enttäuschung. „So, eine Kuh! Und deswegen laufst selber 'rein in den Wald? Hast wohl niemand zum Schicken auf dem Hofe? Oder laufst selber gern und drückst dich von der Bauernarbeit!“
„Na, du bist doch wohl noch wie früher! Und von dir will ich weiter nichts! Dich kuriert selbst die Waldluft nicht von deiner bösen Laune! He, Liese!“ Kaspar tritt in die Hütte ein und läßt Klärle unbeachtet stehen, die sich auf die Lippen beißt und nur mühsam die Thränen des Zornes zurückdrängt.
Liese kommt endlich zum Vorschein; sie hat die Begegnung des Paares vom Fenster aus recht gut wahrgenommen und ist absichtlich in der Hütte geblieben in der Hoffnung, daß sich die Beiden vielleicht doch durch eine Aussprache wieder nähern werden, wozu das stille einsame Plätzchen im Walde so recht geeignet wäre. Aber aus dem Tone entnahm Liese augenblicklich, daß es mit Klärle noch lange nicht so weit ist, daß der alte Trotz und Unmut noch in ihrem Herzen sitzt. Das schmerzt die gute Liese bitter, und die üble Laune erfaßt auch sie. Mit sicherem Griff holt sie aus einer Ecke ein Fläschchen mit dem Trank und überreicht selbes dem verblüfften Kaspar, der doch noch gar nicht gesagt, was er wolle. Liese fertigt den Jungbauer kurz ab: „Weiß schon, was du willst! Hier ist der Trank für die Kuh, er kostet einen Groschen! Und Narren seid ihr beide, Narren, ausgesprochene Narren! Mach' weiter! Seid lästige Leute!“
Kaspar weiß nicht, was er sagen soll ob solcher Behandlung. Er sucht den Groschen aus dem Geldbeutel und legt ihn auf das Fenstersims; dann aber meint er, halb scherzhaft und halb ärgerlich: „Ihr Weiber paßt aber schon recht gut zusammen: Schnippisch und giftig die Junge und grob die Alte! Könnt' euch sehen lassen ums Geld, ihr zwei Giftniggel!“ Unter spöttischem Lachen entfernt sich Kaspar, auf das Fläschchen ganz vergessend.
Liese aber kann sich nicht mehr halten in ihrem Unmut und prasselt auf Klärle zu. „Das muß ich aber schon sagen: eine unvernünftigere Person giebt's im ganzen Schwarzwald nicht, wie du! Bringt ein glücklicher Zufall den Burschen herein in den Tann, die Gelegenheit ist günstig, und du Giftniggel stoßest den Jungbauern von dir wie 'ne Natter!“
„Liese, nimm das Wort zurück! Ich kann's nicht hören!“
„Papperlapapp! Du wirst noch ganz anderes zu hören kriegen in deinem Leben! Ein Giftniggel bist du, daß es schon eine Schand ist! Aber du wirst dir die Hörner schon noch abstoßen! Und recht, ganz recht hat der Bursch gehabt, als er dich auf'm Fohrenbühl die Giftklärle genannt! Ganz recht! Ich werde dich künftig auch nur mehr „Giftklärle“ nennen! Verdienst es nicht anders.“
Wutentbrannt kreischt Klärle auf und hebt drohend den Arm.
„Was willst? Drohen willst? Willst mich altes schwaches Weib wohl gar schlagen, he? Hüte dich! Ich habe mehr Kraft in den alten Knochen, als du glaubst! Und es juckt mich, dir den „Gift“ aus dem Körper zu schlagen! Für dich wär' das ein Glück! Anders als mit Gewalt geht der „Gift“ ja doch nicht aus dir heraus! Über dich muß es noch ganz anders kommen, von einer Läuterung ist noch keine Spur vorhanden! Von fremdem Leid und Unglück lernst du nichts! Sollst es an dir selber empfinden! Und mit uns beiden ist es jetzt aus! Geh' du nur wieder hinaus auf deinen Hof, bei mir hast keinen Unterschlupf mehr! Ich will dich nicht mehr um mich haben! Und je mehr die Leute dich spotten und höhnen, desto besser ist es! Ärgere dich gelb und grün, diese Farben passen zur Giftklärle! Fort, hinweg mit dir!“
„Liese!“ schreit Klärle auf und hebt flehend die Hände zu ihr empor.
„Nein! Ich will dich nicht mehr sehen! Du bist unverbesserlich! Fort!“
Gebieterisch streckt Liese den Arm aus und deutet auf den Pfad hinaus. Klärle schluchzt, dann überkommt sie der alte Trotz, ein harter Zug erscheint auf ihren zusammengekniffenen Lippen; die Augen funkeln, die Hände ballen sich zu Fäusten. Festen Schrittes, ohne Abschiedswort, geht das Mädchen von dannen.
Mitten im Tann aber überkommt das einsame Mädel das Gefühl grenzenloser Verlassenheit mit überwältigender Macht. Verloren ist selbst die karge Zufluchtsstätte im Walde; das bettelarme Weib sogar hat ihr die Thür gewiesen. „Also bin ich Schlechter noch als ein Bettelweib!“ flüstert Klärle. Und wie das Mädchen aufschaut, fällt Klärles Blick auf ein Kreuz im Walde, angeheftet an eine mächtige Fichte. Aufschluchzend wirft sich Klärle in die Knie, läßt den Thränen freien Lauf und faltet die Hände zu inbrünstigem Gebet. Versunken im heißen Flehen um Erlösung aus schwerer Herzenspein hört das Mädchen nicht das schwache Geräusch nahender Schritte. Der Pfarrer von Lauterbach ist es, der sich im Walde ergeht und beim Anblick der betenden Klärle innehält, verwundert und erfreut. Inbrünstig betet das Mädchen: „Habe Mitleid mit mir Armen, o Gott! Gieb mir den Frieden ins Herz und Erlösung!“
Da hebt salbungsvoll und mild der Geistliche zu sprechen an: „Der Friede soll dir werden, Kind!“
Erschrocken erhebt sich Klärle und blickt sich um. Jähe Röte schießt ihr in die Wangen.
„Beruhige dich, Klärle! Von mir hast du nichts zu befürchten!“
„Das sagen Sie, Herr Pfarrer, Sie, der —“
„Was soll's —?“
„Sie wollen mir den Frieden verheißen, Sie, der mich am Pfingsttag vor der ganzen Gemeinde öffentlich in der Kirche abgekanzelt hat!“
„Mit nichten, mein Kind! Das bildest du dir nur ein!“
„Sie haben doch die Predigt nur auf mich gemünzt und den Kopf nach mir gewendet —“
„Nein, Klärle, du bist im Irrtum! Ob ich den Kopf zu dir gewendet, weiß ich nicht; ich wußte ja gar nicht, wo du knietest oder standest!“
„Großer Gott! Dann galt die Predigt gar nicht mir allein?!“
„Doch!“
„Wie?“
„Höre zu, Klärle! Die Predigt galt allen und dir insofern, als auch du Einkehr in dein eigen Herz halten sollst. Wenn du aber glaubst, daß eine Predigt an so hochheiligem Feste ausschließlich einem hochfahrenden Bauernmädchen gewidmet sein könnte, so ist solche Annahme Vermessenheit und strafwürdig. Tilge Hochmut und Trotz in dir, Klärle! Dann erst kann dir Friede werden! Bete öfter mit gleicher Inbrunst zum Gekreuzigten, und du wirst Erhörung finden! Geh' mit Gott, Klärle und sühne! Amen!“ Sanft lächelnd bietet der würdige Priester dem Mädchen die Hand. Klärle zögert einen Augenblick, dann aber beugt sie sich etwas nieder, und haucht den Kuß der Ehrerbietung auf die priesterliche Hand. Wie Wirbelwind stürmt Klärle dann durch den Wald mit übervollem Herzen, indes der Pfarrer seinen Weg in den Tann fortsetzt.
* * * * *
Auf der Straße zum Dorfe angelangt, schreitet Klärle langsamer vorwärts. Eine ungeahnte Seligkeit erfüllt ihr Herz. Der Alp ist geschwunden, nach der Versicherung des Pfarrers, daß die Pfingstpredigt nicht ihr allein gegolten. Es war also keine Stichelei auf sie gewesen. Die Tadelsworte will sie gern ertragen. Zur Verwunderung entgegenkommender Leute grüßt Klärle diese zuerst mit freundlichen Worten und lieblichem Lächeln, so daß die Dörfler ebenso freundlich danken. Keines gebraucht das häßliche Wort; die Leute nennen sie einfach „Klärle“. Wie das wohlthut!
Still zieht Klärle im Gifthof ein. Der Vater hält im Lehnstuhl sein
Mittagsschläfchen. Klärle schleicht sich sachte in die Stube zum Vater
hin, kniet nieder und küßt dessen rechte Hand. Darüber erwacht der
Gifter; verwundert blickt er auf sein knieend Kind. Ihm ist wie ein
Traum, ein schöner Traum, und unwillkürlich fährt er sich mit der linken
Hand über die Augen.
Erglühend lispelt Klärle. „Gruß Gott, Vater! Verzeih' mir, daß ich dich verlassen! Nimm mich in alter Liebe und in Gnaden wieder auf! Ich will dir fürder eine gehorsame liebende Tochter sein.“
Sprachlos vor Überraschung blickt der Alte hernieder auf sein verwandeltes Kind. Dann zuckt es in seinem Gesicht, wie Wetterleuchten huscht es über die runzligen Wangen, die Augen werden feucht, die welken Lippen beben.
„Wach' ich, oder träum' ich!“ flüstert der Alte.
„Du wachst, Vater! Ich bin wieder da! Verzeih' mir!“ bittet Klärle und küßt abermals die Hand des Vaters.
„O Gott, ich danke dir! Du hast mir mein Kind wieder gegeben, gut und lieb! Sei willkommen daheim, Klärle! Ich bin glücklich!“ Mit beiden Händen zieht der Vater sein Kind an die Brust und küßt das Mädchen herzhaft ab. Dann möchte der Gifter aber Näheres wissen; wo Klärle war, was ihr Herz gebessert habe und eine Menge Fragen mehr.
Klärle schüttelt den Kopf und bettelt: „Nicht fragen, Vater! Noch bin ich nicht fertig mit mir! Bitte, laß allein mich zurechtfinden!“
„Wie du willst! Gott lenkt sichtlich dein Herz und es wird alles wieder gut werden!“
Klärle's erster Gang vom Vater weg, gilt der Küche, wo Bärbel mit der Spülarbeit beschäftigt ist. „Grüß Gott, Bärbel!“ ruft vergnügt, schier zärtlich Klärle.
Ein Schrei, ein Gepolter, Scherbengeklirr giebt Antwort auf solche Überraschung. Bärbel steht wie versteinert und starrt Klärle an, als sei es ihr Geist, der am helllichten Tag erschienen.
Die Küchendirn hält Mund und Auge offen und erwartet des Himmels
Einsturz.
Ohne über die zerbrochene Schüssel ein Wort zu verlieren, reicht Klärle der maßlos überraschten Bärbel die Hand, faßt die naßen Finger ungescheut und spricht: „Grüß Gott, nochmal, Bärbel! Ich bin wieder da, und nun wollen wir treue Freundschaft halten!“
Bärbel stößt ein wahres Jammergeheul aus und gebärdet sich ganz
verzweifelt, indes die Dirn wie Flugfeuer wegspringt, um Hilfe zu holen.
Von den Hofleuten eilt herbei, wer in der Nähe war, und in scheuer
Entfernung guckt das Gesinde auf die verwandelte Tochter des Hauses.
Verwundert steht Klärle inmitten der geräumigen Küche und beguckt ihrerseits die kreischende Bärbel, welche abwehrend die Hände vor sich hält, als Klärle auf das Mädel zugeht, um es zu beruhigen. Bärbel retiriert um den Herd herum zu den Knechten, dort Schutz suchend.
Klärle ruft: „Aber Bärbel! Bist närrisch geworden?“
„Ich nicht, aber bei dir ist's nimmer richtig!“ tönt es zurück.
Jetzt begreift Klärle, und silberhelles Lachen klingt durch den Raum. Die Leutchen halten Klärle ob ihrer Milde und Güte für verrückt geworden.
Klärle wird rasch wieder ernst; das Verhalten Bärbels giebt zu denken.
„Geht an die Arbeit, Leute!“ befiehlt die Tochter.
Das wirkt augenblicklich. „Sie ist doch noch die Alte!“ flüstern die Dirnen und huschen hinweg, und auch die Knechte trotten davon, fest überzeugt, daß Klärle der Bärbel bloß einen Possen spielen wollte.
* * * * *
Im Gifthofe geht alles wieder seinen gewohnten Gang. Neu für Bärbel und den Vater ist nur, daß Klärle oft stundenlang beim Nähzeug sitzt und Schäden an Kleidern repariert oder strickt und sonstige Handarbeiten verrichtet. Der Vater hat die Frage, wie denn solche Verwandlung gekommen, immer auf der Zunge, aber stets schluckt er die Frage wieder unausgesprochen hinab. Klärle will nicht darüber reden, drum wird es besser sein, wenn sich alles von selber weiter entwickelt. Nur meint der Vater, von dem vielen Sitzen könnte Klärle krank werden, weil sie es nicht gewohnt sei. Doch Klärle verneint das lächelnd mit dem Hinweis, daß sie sich an derartige Arbeiten gewöhnen wolle und Näherinnen ja doch das Gleiche thun müßten, ohne zu Grunde zu gehen.
„Hm! Aber die Näherin muß es thun! Du hast aber solche Arbeit nicht nötig!“
„Ein weibliches Wesen gehört zeitweilig an den Nähtisch und zur Strickwolle. Bitte, lieber Vater, laß mich, wozu mich's drängt. Ich verspreche dir auch, davon nicht krank zu werden!“
„Na, ich weiß nicht, ob das viele Sitzen nicht Gift ist —“
„Vater! sprich das Wort nicht mehr aus in meiner Gegenwart oder —“ schreit erbleichend Klärle und springt auf mit abwehrend erhobenen Händen.
Erschrocken stottert der Alte: „Aber, Maidle, was hast denn nur?“
Klärle aber verläßt augenblicklich die Stube und schließt sich oben in ihrer Kammer ein.
Vor dem Hause auf der Bank hockend, zerbricht sich der Gifter schier den Kopf über die sonderbaren Eigenheiten der Tochter, die bald niemand mehr verstehen wird.
* * * * *
Tage und Wochen vergingen; der Heumahd ist die Grummeternte gefolgt, ein leichtes Herbsteln in der Natur wird wahrnehmbar. Die Arbeiten gehen ihren gewesenen Gang. Immer stiller werdend waltet Klärle auf dem Hofe ihres Amtes. Körperlich ist an ihr keinerlei Veränderung wahrzunehmen, nur sticht ihre Milde gegen jedermann stark ab gegen ihr früheres scharfes lärmendes Gebahren. Daß Klärle auffällig oft an einer Stelle sitzt, wo der Richtung nach der Fohrenbühl sich erhebt, und unverwandten Blickes hinaufstarrt, obwohl nicht das geringste zu sehen ist, das entgeht dem Vater nicht und erregt in ihm doch allmählich Besorgnis, die ihn schließlich veranlaßt, mit dem Vertrauensmann der Dörfler, mit dem Pfarrer, Rücksprache zu pflegen. Ohne seine Absicht bekannt zu geben, ist der Gifter eines Tages nach Lauterbach gehumpelt und für eine Weile im Pfarrhof verschwunden. Am selben Abend, als der Gifter mit Klärle allein in der Wohnstube ist, meinte er so leichthin, daß Klärle am nächsten Sonntag nicht in die Kirche kommen solle.
Mit jähem Ruck wirft die Tochter den Kopf auf und fragt scharf: „Wer will mir, wenn ich es will, den Kirchgang verbieten?“
„Nu nu! Nicht gleich obenaus fahren, Klärle! Dem Pfarrer wäre es lieber, wenn du nicht anwesend wärest!“
„Was hat der Pfarrer vor mit mir?“
„Das hat er mir nicht auf die Nase gebunden. Doch werden wir es ja hören, was es giebt. Wenn du indes gehen willst, ist's dir unbenommen. Der Pfarrer hält übrigens große Stücke auf dich und ist fest überzeugt, daß du dich zum Frieden durchringen wirst.“
Klärle erglüht wie eine Pfingstrose und neigt den Kopf tief zur
Näharbeit herab.
Im selben Augenblick pocht es an der Stubenthür und ein etwa siebenjähriger Knirps schiebt seine kleine Gestalt herein, in der rechten Hand krampfhaft ein in Papier gehülltes Fläschchen tragend. Zaghaft geht der Knirps auf das Mädchen zu und fragt. „Bist du die Klärle?“
„Ja, Kleiner, was willst oder bringst?“
„Da, das da hat mir die Kräuterliese für dich übergeben. Du darfst es aber erst aufmachen, wenn ich hinter der Thür bin!“
„So, Vorschriften auch noch! Wart' einen Augenblick, ich will dir etwas aus der Küche zum Botenlohn geben!“
„Nein, nein, ich brauch' nichts!“ zetert angstvoll der Kleine und springt davon, als sei der Teufel hinterdrein.
Der Gifter lacht aus vollem Halse; Klärle begiebt sich wieder an den Nähtisch und löst das Fläschchen aus der Umhüllung. Ein Wutschrei entfährt ihrem Mund, sie stampft mit dem Fuße, ballt die Faust und zischt: „Schändlich! Soll ich mich auch noch von Bettelweibern verhöhnen lassen! Ich hätte nicht übel Lust das Zeug zum Fenster hinauszuwerfen!“
„Dann öffne aber vorher, es war' schad' um die ganzen Scheiben!“ meint trocken der Vater im Lehnstuhl und fragt dann, was denn los sei.
„Ach was! Eine Bosheit der Kräuterliese, die mir ein „Gegengift gegen die Giftklärle“ schickt, eine „Medizin zur Läuterung der Seele“. So steht es wenigstens auf dem Fläschchen angeschrieben. Zu dumm! Ich werde — nein, nichts werde ich, keinen Tropfen werde ich einnehmen davon! Aber ihr werde ich die Bosheit eintränken!“
„Klärle!“
„Was willst Vater?“
„Ich mein', die Liese will dich mahnen an etwas?“
„An was?“
„Das weiß ich nicht. Du wirst es schon wissen!“
Klärle verstummt, nimmt das Fläschchen zu sich und verläßt die Stube.
* * * * *
Die folgenden Tage wird der „Gegengift“-Sendung mit keinem Worte erwähnt. Mit Spannung harrt der Alte der Dinge, die der Sonntag bringen soll. Und als die Glocken am Tag des Herrn zum Gottesdienst riefen, fragte der Gifter, zum Kirchgang gerietet: „Nun, Klärle, wie ist's? Gehst mit oder thuest dem Pfarrer den Gefallen? Oder bringt dich die Neugier um?“
„Ich bleibe daheim und werde mein Gebet im Kämmerlein verrichten!“ erwidert ruhig Klärle und winkt dem Vater liebevoll zum Abschied mit der Hand.
Im dichtgefüllten Gotteshause lauscht die Schar der Lauterbacher andächtig der weihevollen Predigt, die der Pfarrer schließt mit den Worten: „Liebet einander im christlichen Sinne.“ Seltsamerweise bleibt der Prediger aber auf der Kanzel, überblickt die gespannt zu ihm aufblickenden Gläubigen und beginnt aufs neue: „Geliebte in Christo dem Herrn! Als ich am heiligen Pfingstfeste zu euch sprach und euch ermahnte zu Geduld, Milde und Güte, Frieden zu halten und einander zu lieben, nicht zu hassen, da war meine Mahnung an euch alle in der ganzen Gemeinde gerichtet, keineswegs aber an eine einzelne Person! Unliebsamerweise hat jedoch diese Mahnung eine Deutung gefunden, als hätte ich eine bestimmte Person im Auge gehabt. Dem war und ist nicht so, und darum sind alle daran geknüpften Folgerungen hinfällig. Das Gotteshaus ist nicht der Ort zu persönlichem Tadel, nicht der Ort für menschliche Dinge. Meine priesterliche Liebe umfaßt euch alle! Und wie der Herr sprach, so spreche ich an seiner Statt: Gehet hin und liebet einander!“
Die Gemeinde segnend, verläßt der würdige Pfarrer die Kanzel und setzt sodann die heilige Handlung am Altare fort.
Nach Beendigung des Gottesdienstes harrt der alte Gifter an der Friedhofsmauer, umgeben von zahlreichen Dörflern, die lebhaft die Ansprache des Pfarrers besprechen, des Priesters, der freundlich grüßend aus der Kirche tritt und besonders dem Gifter liebevoll zunickt. Gifter humpelt auf den Pfarrer zu, drückt ihm herzhaft die Hand und dankt ihm aus tiefstem Herzensgrunde für die guten Worte. Klärle wird sich schon noch selber bedanken für diese Wohlthat, die jeglichem Gerede über die „Stichelei“ ein Ende machen wird.
„Grüß mir die Klärle! Es wird noch alles gut werden!“ sagt der Pfarrer und begiebt sich in sein Haus.
Gar mancher Bauer und Bursch reicht dem Gifter die Hand, gleichsam als wollten sie gut machen, was sie über Klärle ob der vermeinten Stichelei gesprochen. Ganz wohlig ist es dem Alten ums Herz, wie er nun gemächlich durch das stille Gelände seinem Hof zuschreitet, hochzufrieden mit dem wackeren Pfarrer, der so gut und lieb für Klärle eingetreten ist. Und da steht ja Klärle lieblich wie ein junger Maimorgen am Rain, den Vater erwartend.
„Grüß Gott, Klärle!“
„Grüß Gott, Vater!“
„Maidle, der Herr Pfarrer —“
„… hat für mich gesprochen, der liebe seelensgute Herr!“
„Du weißt schon?“
„Martin, der Hirt, war auch in der Kirche und hat mir Kunde gethan. O, wie bin ich dem geistlichen Herrn dafür dankbar! Aber, Vater, ich hätte eine große Bitte an dich!“
„Red', Klärle! Ich bin ja glücklich, wenn ich dir einen Gefallen erweisen kann!“
„Ja, Vater, du bist so lieb und gut!“
„Schieß' nur los, Klärle! Deine Bitte ist im voraus erfüllt! Was soll ich thun? Willst was vom Krämer in Schramberg oder ein neues Gewand?“
„Nein, nein! Vater! Geh', sei so lieb und bring' den Kaspar vom
Jörgenmichel dazu, daß er —“
Betroffen weicht der Gifter einen Schritt zurück und kratzt sich hinterm
Ohr.
„Willst du nicht, Vater?“
„Hm! Das ist eine heikle Sach', Klärle! Nicht, daß ich nicht zu ihm gehen will, o nein, ich geh' gern für dich! Aber es ist die Frage, was Kaspar sagen wird! Ich fürchte, er fertigt mich kurzer Hand ab und läßt mich stehen!“
Klärle läßt den Kopf hängen und geht trübselig ins Haus. Der Vater humpelt ihr wohl nach und sucht sie zu trösten, doch das Mädchen hört nicht auf sein Reden und schließt sich im Kämmerlein ein. Gifter reibt sich seine Stirne, als wenn er dadurch einen besonders geistreichen Gedanken aus dem Hirnkasten herausbringen möchte. Es ist doch rein wie verhext: Jetzt, wo's Klärle weich ist im Gemüt, zur Versöhnung geneigt, rein nimmer zu kennen vor Sanftmut und Milde, jetzt hapert es dennoch, jetzt soll der beleidigte Teil das erste Wort zum Guten geben! Daß Kaspar bockbeinig bleiben wird, ist ihm gar nicht zu verübeln. Ob aber, wie es eigentlich sein sollte, Klärle noch so mürbe wird im Sinn, daß sie selber die Hand zur Versöhnung bietet und Abbitte leistet, das wagt der Alte trotz der bisherigen Sinnesänderung Klärle's doch nicht zu hoffen. Aber immerhin soll der Versuch gemacht werden. Wie er steht im Feiertagsrock, pilgert der Gifter sofort die Straße in der Richtung zum Fohrenbühl hinan und biegt sodann ab, wo ein Seitenweg zum Jörgenmichelhof führt.
Wenn nicht Rauch aus dem Schlot des Hofes aufstiege, könnte man meinen, es sei keine Katze im Hause, so still ist's hier.
Gifter scheut sich, polternd einzutreten durch die leicht angelehnte
Thür. In solcher Mission ist es nicht angezeigt, großspurig aufzutreten,
darum geht Gifter schier demütig ins Haus und klopft an die nächstbeste
Thür im Flötz.
Keine Antwort. Wird wohl niemand drinnen sein. Vielleicht hockt der Kaspar noch im Wirtshaus zu Lauterbach und schöppelt. Unwillkürlich klinkt aber Gifter doch die Thür auf, und überrascht fährt es ihm aus der Kehle: „Oha!“
Kaspar zuckt erschrocken zusammen und sucht in arger Verlegenheit ein
Fläschchen zu verbergen, indes er stottert: „Je, der Gifter in eigener
Person!“
Der Alte faßt sich und begrüßt den Jungbauer: „Bist ja doch zu Hause,
Kaspar! Mit Verlaub setze ich mich, bin von der Rennerei am heutigen
Vormittag arg müde, und mein Gehwerk taugt nichts mehr!“
„Ja ja! Nimm Platz, Gifter! Darf ich dir mit 'm Gläschen Kirsch aufwarten?“
„Nein nein, ich dank'! Schnaps ist für mich Gift!“
„So?“ lacht Kaspar. „Ich dächte, dem Gifter wird solches Gift nicht schaden. Hast doch Gift genug im Gifthof!“
Betroffen guckt der Alte auf, und sein Auge sucht in Kaspars Miene zu erforschen, wie die Rede gemeint sein könnte.
„Verstehst mich nicht? Macht auch nichts! Ist nicht bös' gemeint!“
„So, um so besser! Hast wohl auch etwas wie Gift in dem Fläschchen, he?“
Eine jähe Röte fliegt über Kaspars Gesicht. Zum Beseitigen des Fläschchens ist's zu spät. Mit scheinbarer Gleichgültigkeit erzählt er, daß man heutzutage von Betteleien nicht verschont bleiben könne. Die Kräuterliese drinnen im Wald hätte ihm so ein Tränkchen geschickt, jedenfalls in der Hoffnung, ein ordentliches Trinkgeld dafür zu bekommen.
Gifter horcht auf. „Wie sagst, ein Tränklein von der Kräuterliese?“
„Ja, jedenfalls eine neue Art des Bettels!“
„Hm!“
„Was meinst, Gifter?“
„Du, Kaspar, das ist kurios! Mein Klärle hat das gleiche kriegt als
‚Gegengift‘!“
„Ah! Und hat sie's genommen?“
„Fuchsteufelswild ist 's worden!“
„So! Hat das Tränklein ihr nicht geschmeckt? Es ist nicht so übel zu nehmen!“
„Ah, hast es gar schon verkostet!“
„Ich, nein! Was dir nicht einfällt!“
„So? Woher weißt denn dann, daß es nicht so übel zu nehmen ist?“
Kaspar beißt sich ärgerlich auf die Lippen im Gefühle, sich verschnappt zu haben. Ablenkend fragt er, was Gifter von ihm wolle.
Der Alte merkt die Absicht, läßt aber nicht locker. „Du, Kaspar! Weilst vom ‚Gegengift‘ schon etwas genommen, könntest auch bereits etwas friedsameren Blutes geworden sein —“
„Ich, wieso?“
„Na, ich meine: Wenn 's Gegengift bei dir wirkt, dann wäre es an der
Zeit, daß du mein Maidle von dem Spottnamen befreien würdet!“
„Schickt dich Klärle?“
„Es wär' ihr Wunsch, daß du ihr den Spottnamen wegnähmest!“
„Ich will dir was sagen, Gifter: Daß Klärle von Haus aus nach dem Hofnamen Giftklärle heißt und ist, das wird sie leiden müssen, weil dein Hof halt der Gifthof ist. Den Spottnamen wird sie wohl tragen müssen, so lang sie so ‚giftig‘ bleibt. Will sie's geändert haben, so muß sie schon selber um gut Wetter bitten. Diplomatische Zwischenhändler brauchen wir nicht im Schwarzwald!“
„Kruzitürken!“
„Wie meinst, Gifter!“
„Ganz wie ich mir's gedenkt hab', just so redest daher!“
„Warum bist denn zu mir 'kommen?“
„Na ja! Man probiert viel im Leben! Probier du nur das Fläschle aus, vielleicht hilft 's Tränkle auch bei dir! Adjes, Kaspar!“
„B'hüet Gott, Gifter! Komm gut heim! Und wenn du auf 'n Schramberger
Herbstmarkt kommst, trinken wir 'n Schoppen mitnander im ‚Lamm‘! adjes!“
Ziemlich ärgerlich stapft Gifter den Weg wieder zurück. Ist doch ein Kreuz mit so hartschädeligen Leuten! Probiert der Kerl das Tränkle wie die Klärle das ihre aus Neugier oder gar aus geheimer Sympathie, und dennoch will keines nachgeben, und jedes thut, als kümmere sich eins um 's andere nicht. Zum Kuckuckholen das! Gott bessere 's!
* * * * *
Das liebliche Lauterbacherthal prangt in den tiefleuchtenden Farben des Herbstes, verklärt durch die mildstrahlende Sonne, die erst gegen Mittag mit den flatternden Herbstfäden und Reifschleiern aufräumt und in Dunst zerstäuben läßt. Wo vereinzelt Buchen und Eschen stehen am Rain, schimmert das Laub in gelben und rötlichen Farben, immer gleich steht der Tann, gerüstet zum kommenden Winter. Die Wiesen und Matten tragen noch ihr grünes Sommergewand, nur die Stoppelfelder künden die Spätzeit des Jahres mit reifverbrannten Halmresten. Mild und klar ist der Herbsttag, ein Prachtwetter für einen Jahrmarkt. Auf der gut gepflegten Straße gen Schramberg pilgern die Lauterbacher in mehr oder minder großen Gruppen, behaglich und vergnügt. Eine Gruppe für sich bilden die Leute vom Gifthof mit Klärle und dem Vater an der Spitze. Auch der Hirt Martin ist dabei, da die Kuhdirn seinen Dienst versieht auf Klärles Geheiß. Ein frohes Jahrmarktvergnügen soll dem Hirt Ersatz bieten für die Fohrenbühler Hiebe zu Pfingsten, so hat Klärle gesagt und dem überglücklichen Martin einige Groschen in die Hand gedrückt. Jetzt stolziert der Hirt neben Bärbel, die nicht minder vergnügt ist, die Straße entlang.
Frohes Leben herrscht im schmucken Städtchen Schramberg, in dessen Hauptstraße zahlreiche Marktfieranten ihre Buden aufgeschlagen haben, in welchen ein Kunterbunt von Gegenständen feilgehalten wird. Die Wäldler sind in dichten Scharen herbeigeströmt; es treffen sich da die zunächst der Stadt wohnenden Lauterbacher, Leute aus dem romantischen Berneckthale, die Kinzigthaler, Alpirsbacher und Schiltacher stauen sich im Menschengewoge, auch Oberndorfer haben ihre Oberamtsstadt verlassen und sind über das Plateau von Waldmössingen herübergewandert, um die Schramberger Marktfreuden zu genießen, so da Karussells, Schießstände &c. bieten. In den Buden werden Waren geprüft, Tücher ans Licht gehalten, Töpfe abgeklopft, Geschirr eingehandelt von den Weibern; Burschen und Bauern handeln Schnitzpfeifen ein, auch wohl Hüte und Holzschuhe und dergleichen mehr. Wer durch die Hauptstraße will, muß sich Schritt für Schritt langsam Raum erkämpfen. Dicht gefüllt sind die Wirtsstuben auf der „Post“ und im „Lamm“, wo dem Oberndorfer Gerstensaft und württembergischen Landwein fleißig zugesprochen wird. Die Zecher stehen selbst im Flötz und bis heraus auf die Straße, da drinnen unmöglich mehr Platz zu finden ist. Wo Bekannte aufeinander stoßen, giebt es laute Begrüßungen, ein lebhaftes Fragen nach Gesundheit und Ernteergebnis. Auch der alte Gifter hat Freunde aus dem Kinzigthale getroffen, die der Freude über sein Gehwerk Ausdruck geben, da der Gifter mit dem Pedal wieder gut bei einander sei. Und wie's mit der Fechsung stünde, wollen die Kinziger wissen, und wie's der Klärle gehe. Der Gifter schiebt die Pfeifenspitze vom rechten Mundwinkel in den linken und meint gelassen. „Jo, 's ischt aelles guet! Ma' ka' huier mit 'm Herrgott z' frieda sei!“ Was um den Gifter herumsteht, lacht aus vollem Halse, nur Gifter selbst macht ein saures Gesicht dazu; seine Falkenaugen haben soeben im Gewühle den Jörgenmicheles-Kaspar auftauchen sehen, und nun befürchtet Gifter einen abermaligen Zusammenprall Kaspars mit seiner Klärle wie seinerzeit auf dem Fohrenbühl, zumal die Tochter nicht besonders erbaut war, als sie vom Mißerfolg der diplomatischen Vermittlung hörte. Daß Klärle damals nicht aufbrauste und springgiftig wurde, ist wohl der Mitteilung zuzuschreiben, daß Kaspar das Tränkle „Gegengift“ wirklich gekostet habe. Seither ist diese Angelegenheit nicht mehr besprochen worden, und Gifter bekam Ruhe. Nun steuert der Malefiz-Kaspar aber auf die Gifterischen zu, und da kann es was absetzen. Rasch blickt Gifter um sich, erwägend, ob er seine Leute nicht doch irgendwo zur Seite bringen und dem Kaspar ausweichen könnte. Aber die Menge steht fest wie eine Mauer, seitlich hindert eine große Lebzelterbude ein Auskneifen, es giebt kein Durchdrücken mehr.
Gleich dem Vater hat auch Klärle den Kaspar erblickt, und siedheiß ward ihr dabei; es ist ihr, als schlüge das Herzblut bis in die Kehle hinauf und würde ihr der Hals zugeschnürt. Gern würde sie davonflüchten wie ein hochgemachtes Reh, aber sie ist gleich den Ihrigen eingekeilt, und ein Durchdrücken würde so langsam vor sich gehen, daß der rücksichtslos vordrängende Jungbauer doch noch früher an der Bude sein würde. Warum auch flüchten vor ihm? fragt sich Klärle blitzschnell, und bleibt wie angewurzelt stehen. — Wie stämmig, männlich schön der Kaspar ist! Und wie tüchtig er damals küßte! Klärles Herz klopft hörbar. Und da ist er wirklich. Mit einigen Ellbogenpüffen hat er die Kinziger seitlich geschoben, murrenden Burschen keck und doch lustig ins Gesicht gelacht, daß seine weißen Zähne schimmerten, und nun steht er Aug in Aug mit der erglühenden Klärle. Kaspars Lippen schließen sich, eine leichte Verlegenheit huscht über sein Gesicht. Seine Absicht war es, mit den Gifterischen zusammenzukommen, und nun er sie glücklich gefunden hat, fühlt er sich nicht sicher.
Doch was ist das? Klärle geht einen Schritt ihm entgegen, purpurn glühend, reicht ihm die Hand und sagt: „Grüß Gott, Kaspar!“
Jetzt zuckt es bei Kaspar, und das Herz will zerspringen. Seine Stimme bebt bei den Worten: „Du — du — wie ist mir denn — du, Klärle, bietest mir einen Gruß?!“
Mit zitternder Stimme sagt Klärle zur Freude des Vaters: „Ja, Kaspar!
Ich will gut machen, was ich verübt! Aber eine Bitte hab' ich an dich!“
Jauchzend kommt es von Kaspars Lippen: „Red, Klärle! Was ich thun kann, thue ich für dich!“
„Eine Bitte: Kaspar, nimm den Namen — du weißt schon welchen — von mir weg!“ Dabei sieht ihm das Mädel so lieb in die Augen, daß Kaspar es am liebsten in die Arme nehmen und abküssen möchte.
„Gern, Klärle! Wenn's dir nur was nützt!“
„Die Hauptsach' ist, daß du mich nicht mehr so nennst!“
„Das ist dir die Hauptsach'?! Ja, wie ist mir denn? Dann bist du mir ja gar nimmer bös'?“
Klärle, der die Augen wässerig werden, schüttelt den Kopf, daß die
Häubchenbänder flattern.
„Dann bist mir am End vor lauter „Gift“ gar gut 'worden?“
Jetzt nickt das süße Mädel, zugleich hebt es die Händchen bittend empor:
„Nimmer dieses Wort?“
„Ja, Herzensmaidle: Wenn dir das Wort so zuwider ist, solltest doch ganz vom Gifthof wegziehen, dann hörst das Wort überhaupt nimmer!“
„Kaspar!“
„Klärle! Willst lieber Jörgenmichelesbäuerin heißen?“
„Ja, Kaspar!“ ruft überglücklich Klärle, und das schöne Paar hält sich überglücklich umschlungen.
Verwundert über diese plötzliche Gefühlsänderung der zwei sich bisher spinnefeind gewesenen jungen Leute, gucken die Leute mit offenen Mäulern. Dem alten Gifter ist die Pfeife aus dem Munde gefallen vor Überraschung. Dann aber schießt das helle Wasser ihm aus den Augen, in den Mundwinkeln zuckt's wie in den gichtigen Beinen und in einer Anwandlung von Übermut jauchzt der Alte und hebt die Beine, als wollt' er wie die Gebirgler schuhplatteln.
Im selben Augenblick taucht im Menschengewühl auch die Kräuterliese auf und strebt, mit zwei Lebzeltenherzen bewaffnet, der Gruppe der Glückseligen zu. Klärle jubelt beim Anblick der Alten, die dem Paare die Lebzeltenherzen mit feierlicher Würde überreichend schelmisch fragt, ob das Gegengift gründlich gewirkt habe.
„Und ob!“ rufen Kaspar und Klärle gleichzeitig und liebkosen die vor
Rührung weinende Kräuterliese.
Klärle erinnert sich auch jetzt in dieser glücklichen Stunde ihres
Gelöbnisses und kündet der Alten an, daß sie nach der Hochzeit im
Jörgenmicheleshof aufziehen könne.
Ein energisches „Halt!“ macht die Leute auseinanderfahren. Der Gifter stellt sich in Positur und verkündet daß er, weil gar nicht um Genehmigung gebeten, seine Einwilligung versage.
Vor Schrecken verschlägt es dem Kaspar die Rede; doch Klärle stellt sich energisch vor dem Vater auf, stützt die Hände auf die Hüften und droht: „Was? Du willst jetzt in der Stunde meiner Bekehrung, meines Glückes ‚nein‘ sagen?! Wenn du mir das anthust, bleib' ich die Giftklärle zu deiner Straf', wie ich früher war!“
Da zuckt der Alte zusammen im drollig markierten Schreck und ruft: „He,
Kaspar! Stürz du dich lieber in dein Unglück!“
Jubelnd umringt alles das Brautpaar. Auch Martin und Bärbel haben sich endlich durch die Menschenwoge durchgezwängt und bringen ihre Glückwünsche dar. Der Hirt fragt gleichzeitig, wie es mit dem Geläut nun stände, und jauchzt vergnügt, als die Braut ihm erlaubt, gleich jetzt ein vollständiges Schellengeläut für die Kühe beider Höfe auf ihre Kosten zu kaufen.
Im „Lamm“ ward die Verlobung gefeiert und manches Hoch ausgebracht im guten Sinne auf die liebe, gute, glücklich gewordene Giftklärle.
Fußnoten:
[16] Die Gift-Gabe, Vergabung, Urgift, Handgift, jemanden mit Gütern begiftigen („bei diser gnad, gifte und freyheit“). Aus der alten Sprache ist ins Hochdeutsche nur noch die Mitgift herübergenommen.
[17] Die Balgerei nach dem offiziellen Schellenmarkt ohne akuten Anlaß ist traditionell und hat in der Folge dazu geführt, daß jeweils der Markt von der badischen, das Jahr darauf von der württembergischen Behörde verboten wurde. Das Bestehen der badischen Polizeistunde zwingt ohnehin die Zecher, nachts 11 Uhr den „Schwanen“ zu verlassen und in den württembergischen „Adler“ zu übersiedeln. Getanzt darf in keiner Wirtschaft werden. In neuerer Zeit verhindert polizeiliches Aufgebot von badischer Gendarmerie und württembergischen Landjägern größere Ausschreitungen.
Der Pelagier
Ein trüber Herbsthimmel hängt über dem Stiftsforst „Zankwald“, der sich südlich von Alpirsbach weithin erstreckt in mächtigem Tannen- und Fichtenbestand. Der steif aus Norden blasende Wind jagt graues Gewölk über das düstere Firmament; im Walde rauscht es schaurig, die Baumriesen ächzen und knarren. Unverdrossen hämmert der Specht und flattern die Meisen, Kreuzschnäbel gaukeln in den Zweigen, und rucksend, quietschend, fauchend, murrend üben die Eichhörnchen ihre Kletterstücke trotz des brausenden Waldsturmes. Auf einem Kahlschlag steht eine Hegerhütte nebst einem kleinen holzgefügten Stall, das Heim des Waldhegers, das der Klosterleibeigene Eusebius Wurfbaum bewohnt mit seinem Weibe und den paar Ziegen auf Befehl des Abtes von Alpirsbach. Der Heger ist Pelagier[18], ein Höriger des Benediktinerklosters, der mit Genehmigung des Prälaten in der Waldeinsamkeit heiraten durfte, und zur Forstarbeit sowie zum Jagdschutz verpflichtet ist sein Leben lang. Im stillen Tann hat der rauhe Pelagier wenig wahrgenommen von den wirren Zeiten und Schrecknissen des unheilvollen Krieges. Nur wenn er gelegentlich an die Straßen des Schwarzwaldes kommt, hört er die Namen Tilly und Wallenstein nennen und vernimmt schreckliche Kunde über die Heimsuchung der württembergischen Lande und die harte Prüfung des Herzogs Eberhard III., der die Heimat verlassen und nach Straßburg flüchten mußte. Dann dauert Euseben der arme Herzog, und der Heger ist doppelt froh um sein entlegen stilles Heim im Walde, wohin sich noch kein Krieger oder Landsknecht verirrte, wo bei aller Kärglichkeit und Entbehrung doch das Pflänzlein Zufriedenheit gedeiht.
Heute rauscht der Tann ein brausend Trauerlied. Euseb, der rauhe, wetterharte Heger, steht weinend am Lager seines toten Weibes und drückt der treuen Gefährtin die Augen zu. Still ist sie hinübergeschlummert mit einem Lächeln auf den Lippen. Soll Euseb ihr im Walde eine Ruhestätte graben? Doch das wird der Abt nicht leiden, weil der Christ in geweihte Erde kommen soll.
Der Pelagier rüstet einen Handkarren aus, trägt die Leiche aus der sturmumtosten Waldhütte, birgt sie im Karren, legt einen Mantel darüber und fährt sein totes Weib durch den rauschenden, windgepeitschten Tann. Ein mühsam Fahren das auf engen Pfaden, die sich erst im Reuthiner Berg etwas erweitern zur sogenannten „alten Steige“. Wie der trübe Himmel heute zur Stimmung Eusebs paßt! Trauer oben wie herunten.
Euseb mit seinem Karren nähert sich allmählich der von Reuthin nach Alpirsbach führenden Straße, da veranlaßt ihn der Hufschlag eines galoppierenden Gaules aufzusehen. Ein Reiter ist's, der hinter einem schwarzgekleideten Menschen herjagt. Und mit jähem Satz flüchtet der Verfolgte seitlich in das Holz. Dröhnend ruft der Reitersmann: „Faß' ihn! faß, faß!“ Euseb blickt stieren Auges auf den Reiter; der Flüchtling ist im Tann verschwunden. Knapp vor dem Pelagier hält der Reiter den Gaul an mit scharfem Zügelruck, so daß das edle Tier aufbäumt. Jetzt erkennt Euseb erst zu seinem Schrecken in dem Reiter seinen Gebieter, den Abt Alphons von Alpirsbach, und grüßt denselben demütig und angsterfüllt. Wie Hagelwetter prasseln auf den Hörigen die Vorwürfe herab, der stolze, dem Temperment nach hitzige und jähzornige Abt poltert vom Gaul herunter, warum der Heger den Befehl nicht befolgt, den flüchtigen Prädikanten nicht aufgehalten habe. Bebend vor Angst stammelt Euseb eine Entschuldigung; er habe nicht begriffen, um was es sich handelte, er sei ganz in seinen Schmerz und Jammer versunken gewesen. Gleichzeitig deutet der Pelagier mit einer Handbewegung auf die Last seines Karrens.
„Was soll das heißen?“ fragt dröhnenden Tones der stolze Abt und schiebt sich die Prälatenkette auf der Brust zurecht.
Demütig erwidert Euseb, den Mantel von der Leiche etwas zurückschiebend, so daß deren Antlitz sichtbar wird:
„Vergebung, gnädiger Herr! Mein Weib ist gestorben! Ich fahre die Leiche zum Beinhaus!“
„Der Lutheraner ist entwischt durch deine Dummheit! Das tote Weib wär'
dir nicht davongelaufen! Nun verhetzt der Prädikant mir die ganze
Gegend! Das sollst du mir büßen! Man mißachtet nicht ungestraft meine
Befehle! Hast du die Tote auch gezinst?“
„Herr! Mein armes Weib ist heute früh erst gestorben!“ wimmert der
Hörige.
„Gezinst muß werden nach altem Recht! Das beste Stück Vieh im Stalle ist verfallen durch den Tod des Eheweibes!“
„Gnädiger Herr! Ich habe nur zwei Ziegen oben im Zankwald!“
„Nichts da! Laß Er das Geflenn! Recht bleibt Recht. Er hat die beste
Ziege an den Zinsmeister abzuliefern und vom Weib das Haupttuch, den
Gürtel und die guten Schuhe! So verlangt es das Erbrecht des Klosters!
Weh' dir, wenn du nicht getreulich zinsest!“