„So? Meinsch?! Dann werd' ich's ihm sage! Ich goh nach Karlsruh' un wer minem Großherzog selber rede! So thue ich by Gott, ich der Peter Gottstein als badischer Unterthan!“

Als badischer Unterthan leistet sich Peter am heiligen Abend einen Extraschoppen Durbacher, an dem sich auch Thrinele beteiligen muß, die am liebsten mit ihrem glückseligen Herzchen durch Nacht und Schnee nach Herrischried in ein bekanntes Haus laufen und die wundersame Kunde vom Badischwerden des guten Ätti den Biberschen vermelden möchte. Doch ist daran heute in später Abendstunde nicht mehr zu denken. Still und einsam wird denn die „heilige Nacht“ gefeiert im Wirtshause zum „dürren Ast“ am toten Bühl.

* * * * *

Mit steifer Kälte ist der Weihnachtstag angebrochen, ein echter Wintermorgen auf einsamer Waldeshöh'. Thrinele hat sich zum Kirchgang stattlich in der Landestracht herausgeputzt, wünscht Ätti glückstrahlend einen „guete Morge“ und stapft dann eilig durch den knirschenden Schnee nach Herrischried. Peter hat sich mit dem Tubakpfifli auf die „Kunst“ zurückgezogen und hängt seinen Gedanken nach. Er sinnirt darüber, wie er es anfangen soll, um seinen Bueben vom Militär los zu bekommen. Es muß ja fürder anders werden auf dem Bühl! Viel Zeit zum Nachdenken bleibt ihm indes nicht, denn die Hochschürer rücken in Scharen an, um sich Peter, den neuen „Badener“, anzugucken. Soviel Gäste hat die Wirtsstube zum „dürren Ast“ noch nicht gesehen; Kopf an Kopf hocken die Leute, das Tubakspfifli im Munde, drinnen und trinken ihre Schöppli und debattieren den außerordentlichen Fall. Peter hat alle Hände voll zu thun, um die Gäste zu bedienen und erneut zu versichern, daß der Akt bereits geschlossen, daß er thatsächlich die Salpeterersache aufgegeben habe und badisch geworden sei auf Grund des vorgenommenen Gottesgerichtes.

Mancher Hochschürer bringt den Mund nicht mehr zu vor Staunen, und mit Ehrfurcht und Bewunderung wird das auf den Akten thronende Kerzenstümpchen betrachtet, das eine so ungeheure Wirkung bei Streitpeterle hervorgebracht hat. Unter den Gästen herrscht arger Zweifel bezüglich weiteren Verhaltens: die einen wollen nicht so geschwind „umsatteln“, den alten Einungstraum aufgeben, wiewohl nicht zu leugnen sei, daß die „guet Sach“ heillos übel stehe. Andere neigen zur Nachahmung von Peters Beispiel hin, da die Kerze für den Großherzog gesprochen und sogar der Himmel selbst durch das Elmsfeuer sich für die „badische Sach“ erklärt habe. Nur fragt es sich, welcher Profit für einen Anschluß zum Großherzog herausspringe. Gar manchem blüht zum Frühjahr Einziehung zum Militär und das Freiburger Arbeitshaus für die Kuchelbacher Beteiligung.

Wenn man daher dem Großherzog wirklich huldige, müßte dieser doch wohl sich erkenntlich zeigen und zum mindesten die drohenden Strafen nachlassen. Was Peter dazu meine?

Und Peter spricht zu den Gästen: „Loset! Ich will euch sage: Göihmer zu ihm, ich will minem Großherzog rede als jetziger Vertrauensma der badischen Halunke, un ihm usenandersetze, was geschehe muß by Gott für die neuen badische Unterthane! Wer will mitgohn?“

Sogleich melden sich zwei Hochschürer, die sich von solcher Deputation mehr versprechen, denn vom zähen Festhalten am alten Trutz und Widerstand. Eine Weile überlegen die andern, das Gottesgericht giebt den Ausschlag, die Anhänger Peters vermehren sich und schließlich erklären sämtliche anwesende Dörfler, dem Großherzog huldigen zu wollen in der Voraussetzung, daß sie ihren alten katholischen Glauben beibehalten dürfen. Und der Peter soll der Führer sein. So ward es abgeredet und durch Handschlag bekräftigt. Der Großherzog hat um ein Dutzend Unterthanen mehr im Lande.

Gegen Mittag brechen die Hochschürer auf und kehren ins Dorf zurück. Wie Lauffeuer verbreitet sich, daß gehuldigt und der tote Bühl badisch werden solle, und maßloses Erstaunen erfaßt die Salpetererweiber, die bisher energisch für die „guet und heilig Sach'“ agitiert haben. Was da die „Wybervölker“ über den Streitpeter und seinen Umfall redeten, klang nicht schmeichelhaft für den „Astwirt“ und auch für manchen Salpeterer fiel ein scharfes Wort ab. Doch die Hochschürer Mannen erklärten, unter allen Umständen die Deputationsreise „usprobyre“ zu wollen; nach Karlsruhe werde gegangen und mit dem Großherzog geredet, wie's Brauch sei im Hauenstein. Derlei Versicherungen wurden von Salpeterern abgegeben, so fest und bestimmt dem Eheweib gegenüber, daß manche den Pantoffel schwingende Salpeterin starr vor Staunen wie steinern stand und die Worte nicht fand, um ihren altgewohnten Standpunkt dem sonst so unterwürfige Gatten zu präzisieren. Ja, der Großherzog! Der imponiert sogar den Wybervölkern auf dem Wald und verschlaget ihnen die Rede. Wenn diese Wirkung anhält, wird jeder Pantoffelknecht unter den Salpeterern bereitwilligst badischer Unterthan und pfeift auf die mittelalterliche Einung und die alten Rechte des Grafen Hans. Drum sind die meisten Hochschürer hochvergnügt und förmlich lüstern auf die badische Staatsangehörigkeit. Wo sich indes die Weiber ganz und gar weigerten, badisch zu werden und auf die „heilige Sach“ zu verzichten, wurde feierlich die Geschichte vom Gottesgericht und der Herzogskerze mit dem Elmsfeuer erzählt und dadurch manch abergläubisches Salpetererweib eingeschüchtert und gewissermaßen zum Badischwerden vorbereitet.

Am Nachmittag des Christtages hat der „dürre Ast“ einen Besuch erhalten, auf welchen der Wirt nicht vorbereitet war: die Vroni von Herrischried ist gekommen trotz Schnee und des heiligen Tages, grimmig und voll Entrüstung, gewillt, mit dem abgefallenen Vertrauensmann der Salpeterer Abrechnung zu halten. Der alte Peter guckte und horchte nicht wenig, wie das aufgeregte Weib ihm in die stille Stube prasselte und polternd loslegte, daß es eine Art hatte. Sie hätte es bereits gehört, daß Peter sein Volk, den Glauben und die „heilige Sach'“ verraten habe und abgefallen sei wegen einer dummen Kerze! Aber sie, die um der „heiligen Sach'“ willen ihren Mann verloren, aus Begeisterung für die Salpeterei zur Wittib geworden, sie dulde es nicht, daß Peter badisch werde und andere mit verführe zur Huldigung für Einen, der nur Verwalter sei im Lande. Das wäre eine schöne Ordnung in der Einung: Zuerst beredet der Vertrauensmann die Leute und hetzt sie zur Salpeterersache, jagt sie ins mörderische Feuer der Panduren, und wie's schief geht, läßt er alles im Stich und tritt zum Großherzog über! Vroni glaubt die Kerzengeschichte nicht, das sei Schwindel, elende Flunkerei, und sie werde ihm die Augen auskratzen, wenn er nicht zur „heiligen Sach'“ zurückkehre und Salpeterer bleibe. Und wehe ihm, wenn er auch noch andere zum Abfall veranlasse! Wisse er nicht, was Treu und Glauben und ein heiliger Eid sei, so soll's ihm beigebracht werden am eigenen Leib! „So sag ich und du bisch e Lump und Schuft, e ganz miserablichs Masbild, e Gauner und Verräter! — Aber du pasch ze de Herre, du Lumpekerli!“

Peter hat den Erguß über sich ergehen lassen, stumm und geduldig; jetzt aber ist's genug, er nimmt 's Pfifli aus den, Mund, legt es auf den Tisch, faßt das zeternde Weib am Genick und spricht: „Im Namen des Großherzogs von Baden, hinaus!“ Ein Ruck, ein Krach — das zeternde Weib fliegt durch die rasch aufgerissene Thür hinaus in den Schnee.

Gelassen schließt Peter wieder die Thür und setzt sein Pfifli in Brand.

Vroni rafft sich auf, klopft das Geflock von den Kleidern, droht zornglühend mit erhobener Faust dem ganzen Hause und trollt ab. Der Wirt soll's büßen!

Unterwegs stößt Vroni auf Bibers, die Thrinele begleiten und deren Vater besuchen wollen. Mit einer Flut von Scheltworten überschüttet das Weib diese Halunkensippe, die sich jetzt breit mache im Hauenstein und das Land verrate. Der alte Biber aber lacht der Vroni vergnügt ins Gesicht und wünscht ihr „en guete Obe“. Das Pärchen aber stapft vergnüglich voran im Schnee, Michel überglücklich und stillfröhlich 's Maidli.

Und übermütig ist der Michel in seiner Glückseligkeit über die Bekehrung von Thrinele's Ätti, so übermütig, daß er manchmal hüpft und in den tiefsten Schnee springt zugleich kläglich jammernd: „Thrinele, wo simmer? Mer seige verirret! Wo me loft und lueget, überall Schnee! Hilf, Thrinele!“ Und wenn 's Maidli gutmütig dem im tiefen Schnee hockenden Buebli die Hand hilfreich bietet, zieht der Schalk 's Thrineli herunter mit starkem Ruck, fängt 's Maidli in seinen Armen auf und küßt es ab, daß die Kreuzvögel und die geschäftigen Meisen verwundert gucken und der Gimpel noch sehnsüchtiger als sonst nach seiner aschgrauen Gefährtin flötet im eintönigen Lied.

Und kommen die Alten dann näher und sieht Ätti das Geschmatz und Getuschel der Jungen, so droht er wohl mit dem Finger: „Laßt doch, ihr Thunichtgut und Liebesgesindel! Es isch mer, mer seige numme wit vom dürre Ast! Seiget manierlich, was müsset sust Thrineles Ätti von euch halte“!

Und Michel ruft zurück: „Ätti wasch seist: bisch au emal jung gsi nu hasch es nit anersch gemacht, hihi!“ Dabei hilft Michel dem glühenden Thrinele wieder heraus aus dem Schnee und stellt 's Maidli manierlich auf den Weg, den Vroni's Fußstapfen markieren.

Vorm Hause angelangt, ruft Bibers Ätti absichtlich polternd, wobei es zuckt in seinen Mundwickeln: „He, Streitpeterle, ufgemacht s' Hüsli, Herrluit wöllent in, badische Luit!“ Verwundert kommt der Wirt herausgelaufen und schlägt die Hände überm Kopf zusammen vor Verwunderung.

„Gell, da guckt Er!“ spottet Bibers Ätti, und Michel reicht Petern die
Hand.

„Gottwilche!“ ruft Peter und schüttelt den Bibers der Reihe nach die Hand, indes Thrinele ins Haus huscht, um zum Willkomm alles schnell zu bereiten.

Der Astwirt geleitet sodann die seltenen Gäste in die warme Stube und setzt ihnen vom Besten aus seinem Keller vor, denn solcher Besuch muß geehrt werden am Weihnachtstage. Bibers Ätti fällt auch gleich mit der Thür ins Haus durch den Einwurf in Peter's Rede: „Vergiß by Gott nit ze erwähne, was inegschriebe hesch in d' Akte den Beschluß, un lasse mer lebe beim Win en Großherzog von Bade, hoch, hoch, hoch!“

Es klingen die Gläser zusammen, eine weihevolle Stimmung erfaßt die
Gemüter. Es ist ja auch zum erstenmale in seinem Leben, daß Peter in ein
Hoch auf den Landesherrn einstimmt. Und wie getrunken ist auf die
Gesundheit des Fürsten, meint Peter, nach seinem Pfifli langend: „Wos
weisch denn du, Biber, von mine Akte?“

„Gell, da guckt Er! Weisch, s' Thrinele isch gar gesprächig, hihihi! Aber sell Akte gfalle mer, hesch Recht by Gott, Peter! Allewil guet badisch und Ordnung muß si!“

Ein wundersam Plaudern ist's auf der „Chauscht“ im „dürren Ast“, so wohlig und behaglich, so lebensfroh und hoffnungsfreudig. Die Alten hocken tapfer beisammen, weniger seßhaft sind freilich die Jungen, und Michel findet immer eine andere Ausrede, um mit 'm Thrinele zu verschwinden und 'm Maidli draußen Kuß um Kuß zu rauben. Haben die Alten die Politik erörtert des Langen hin und her, wobei Biber es billigt, daß Peter mit dem Großherzog selber über die Lage reden will, so zieht Bibers Muetti dann die Zukunft der Jungen ins Gespräch, weil darüber ja doch auch etzliche Wörtlein gesprochen werden müssen. Peter fühlt sich da freilich etwas befangen, und seine Prozeßwutsünden fallen ihm schwer aufs Gewissen; aber ehrlich sagt er es rund heraus, daß durch seine frühere Streitlust und die fanatisch betriebene Salpeterei Kuh um Kuh aus dem Stalle zum Advokaten ging und fürs Thrinele jetzt kein Kuhschwanz mehr im Hause sei. Die Neigung habe er freilich aktenmäßig protokolliert und in Gnaden genehmigt, aber mit einer Mitgift hapert es gewaltig, wenigstens für die nächste Zeit. In Zukunft wolle er sich statt um Parteihader und Advokatenkniffe mehr um Kartoffeln und Wiese und Feld kümmern; vielleicht geht es dann wieder auswärts mit der Wirtschaft.

Solche guten Vorsätze lobt der alte Biber tüchtig und erklärt, daß
Thrinele auch ohne Mitgift einziehen könne ins Biberhaus, wasmaßen die
Sinnesänderung Peterles auch was wert sei. Auch Muetti stimmt bei, weil
ihr die Hauptsache ist, die Kinder glücklich vereint zu sehen.

Bei Petern aber regt sich doch noch etwas, was dem alten Trotz, der Streitlust ähnlich sieht: er will die Geschichte nicht überstürzt sehen; von Hochzeit könne erst geredet werden, wenn er mit 'm Großherzog ins Reine gekommen ist. Bedingungslos wolle er sich nicht unterwerfen und huldigen. Den Jobbeli muß der Herzog 'rausgeben und die alten Salpeterersünden verzeihen. Thut's der Fürst nicht, so wird aus der ganzen Geschichte nichts und die Anerkennung wird dem Großherzog aktenmäßig verweigert. Davon läßt sich der alte Starrkopf nicht abbringen, so viel sich Muetti auch bemüht. Ätti meint indes, der Großherzog werde schon einwilligen, so ihm die Lage richtig geschildert werde, denn darauf komme es hauptsächlich an. Und morgen braucht ja nicht schon nach Karlsruhe gewandert zu werden; es wird besser sein, wenn sich der gute Wille inzwischen bei manchen Leuten noch weiter verbreitet. Ist dann der Winter 'rum und besteht die gute Absicht noch, dann solle Peter die Bekehrten zum Großherzog führen, ihm huldigen und ihn hübsch um Verzeihung bitten. Dann werde alles gut werden!

So ward es abgeredet im „dürren Ast“, und widerspruchslos erklärte sich Peter einverstanden. Den Großherzog wird es auch nicht umbringen, wenn er auf die Huldigung der Bühler Salpeterer noch etliche Wochen warten muß, meint Peter.

Biber lacht, daß die Scheiben klirren, und hält sich die Seiten. Muetti will dann noch Thrineles Küche besichtigen, worauf der Heimgang angetreten werden soll. Peter holt zum Abschiedstrunk eine Kanne alten Durbacher aus dem Keller; heut läßt er sich nicht lumpen. Und wahr ist's: So wohlig war ihm noch nie ums Herz.

Schon zieht die Dämmerung über den Bühl, da treten Bibers nach herzlicher Verabschiedung den Rückweg an. So lange man sich sehen kann, winkt Thrinele fleißig ihre Grüße nach, und auch Gottstein-Ätti entbietet vorm Hause stehend seinen Abschiedsgruß. Und vor dem Schlafengehen kritzelt er zum Gedenken in seine Akten den Besuch und die Absprache mit Bibers ein, der Ordnung halber, und der Passus: „Der Großherzog hat auf die Huldigung noch etzliche Zeit zu warten“ wird zweimal dick unterstrichen. Außerdem rutschte dem Peter ein mächtiger Klecks aus dem Gänsekiel, so daß es aussah, als habe der Skribent ein Trauersiegel darunter gesetzt.

* * * * *

Auf dem Wald hat der Schnee allmählich doch dem Drängen des Frühlings weichen müssen; Föhn und warmer Regen haben des Winters Macht gebrochen, schwarz steht der Tann, dunkel die Wiesen, auf denen die ersten Anemonen und Schlüsselblümelein vorwitzig und neugierig die Köpfchen in die Welt stecken und zartes Gras zu sprießen beginnt. Nur in den tiefen, wilden Schluchten liegt noch Schnee. Goldiger Sonnenschein lacht über Berg und Thal, und würziger Odem streicht über die Bühlhöhen: Frühlingshauch erquickend und labend.

An einem Frühlingstage, wonnig und sonnig, war es, daß Biber-Ätti dem
Peter auf dem toten Bühl sagen ließ durch Michel, es sei jetzt Zeit zur
Wanderung nach Karlsruhe.

Im ersten Augenblick machte diese Botschaft Petern stutzig, und unwillkürlich dachte er, wieso denn der Biber wissen könne, daß es jetzt Zeit sei. Fast möchte Peter eine versteckte Absicht wittern; doch er beruhigt sich bald, zumal Michel meinte, der Schnee sei weg, daher könne man gut und bequem über Todtnau nach Freiburg und dann auf der Landstraße über Offenburg nach Karlsruhe wandern. So gescheit wäre Peter selbst auch gewesen. Wie dann Michel dringlich wurde und bettelte, es möge Peter-Ätti doch seinetwegen recht bald zum Großherzog gehen, da lachte Peter, weil er die Absicht merkte, und ging sofort nach Hochschür, um seine Mannen aufzubieten zum Gang nach Karlsruhe. Michel labte sich unterdessen an Thrineles Kirschenlippen.

* * * * *

In der Residenz zu Karlsruhe steht unter Peter Gottsteins Führung ein wohlgezähltes Dutzend Bühler Hotzen in ihrer malerischen Landestracht, stramm und stämmig wie die heimatlichen mächtigen Tannen. Wie sie aufmarschierten, gab es ein Geschau, und die Leute liefen der Deputation nach, als sei wunder was zu sehen. Peter fühlt sich, stolz steht er in dem hohen Saale. Er hat den Lakaien beim Eintritt nur gesagt, er sei der Peter Gottstein vom toten Bühl und Führer der Hochschürer Deputation und wolle mit dem Großherzog reden, und augenblicklich führte man ihn und seine Mannen hinauf in die Residenz zu einem Herrn mit großmächtigen glitzernden Dingern auf der Brust und einem goldenen Schlüssel hinten am Gefäß ober dem Röckli, das aussieht wie ein Schwalbenschwanz. Wie der Herr freundlich und lieb mit Peter that! Die Hand hat er dem verflossenen Salpeterer gegeben und gesagt, er habe ihn bereits jeden Tag erwartet und freue sich, die wackere Hotzendeputation zum Regenten führen zu können. Da gab es denn auch gleich das erste Mißverständnis, denn Peter platzte heraus: „Nüt da, Herre! Ze nem Regente göihmer nüt, mer wöllent zem Großherzog selber!“ Erst wie der freundliche Herr ausdeutschte, daß der Regent ja der allergnädigste Großherzog selber sei, gab sich Peter zufrieden und fragte gleichzeitig, ob das lange Warten auf die Deputation dem Großherzog etwas geschadet habe. Da guckte der Herr mit dem Schlüssel hinten am Röckli verwundert, hieß die Leute im Saale warten und ging dann fort, um den Großherzog zu verständigen.

Eine Weile schon stehen die Hochschürer und begaffen die Pracht und Herrlichkeit im Saal, und Peter meint, der Großherzog müsse aber weit weg wohnen, weil er so lang braucht auf dem Weg hierher. Und ein Hochschürer verweist auf das schlechte Wetter, es regnet fest, und in der Stadt haben die Leut' oft so dünne schlechte Schüchle. Und ein Dritter glaubt, die Stuben seien groß und breit genug, daß der Herzog fahren könnt', wenn ihm der Weg zu weit wäre.

Endlich regt sich was; die Flügelthüren werden aufgerissen, Fouriere treten ein, der freundliche Herr von vorhin kommt herangeschritten, ernst, würdevoll und so steif, als hätte er einen Butterrührstecken verschluckt. Die Hochschürer reißen Mund und Augen auf; gar manchem klopft das Herz hörbar.

Ein paar Herren in schimmernder Uniform kommen heran und stellen sich spalierbildend auf, und jetzt, als der Letzte, schreitet Karl Friedrich, leutselig grüßend auf die Deputation zu und fragt nach dem Führer derselben. Peter soll jetzt vortreten und reden; aber viel lieber möchte er eine Maus sein und sich ins nächste Loch verkriechen. Wie hoheitsvoll der Großherzog vor ihm steht, machtgebietend und doch so gütig. Nochmal fragt Karl Friedrich: „Wer ist euer Führer?“

Ganz verdattert steht Peter wie versteinert, so daß einer der Hochschürer ihm laut zuruft: „Peterle, gang füri, er frißt di nit!“ Das wirkt; Peter tritt vor, reicht dem Fürsten treuherzig die Hand und spricht: „Grüeß Gott, Herr Großherzog! Der Führer bin by Gott ich, der Wirt zum „dürren Ast“ am toten Bühl im Hauenstein!“

„Schön von dir, mein Sohn! Ich weiß bereits! Was wollt ihr nun von mir?“

„Wartet e bitzeli, Herre! Sell chomt spötli! Wisset oder wissent Er nüt:
Mer seig jez Halunken un wöllent badisch were!“

Verwundert blickt der Großherzog auf den Sprecher und dann wie fragend auf den nebenstehenden Minister, der flüsternd den Ausdruck „Halunke“ erklärt. Hoheit schmunzelt; die Unterhaltung mit den urwüchsigen Leuten aus dem tiefsten Schwarzwald belustigt den Fürsten sichtlich.

„Red' Er nur weiter, Peter!“

„Also lueg! Die Kerze hent gsproche für Euch mit Licht ufm tote Bühl!
Mit de Bruederschaft isch us! Mer geruhe Euch anzuerkennen als unsern
Großherzog un wöllent Euch huldige, sothanermaßen Ihr de Bedingungen
erfüllen wollet!“

Karl Friedrich hustet in sein Taschentuch vor Vergnügen, und die Herren des Hofdienstes haben größte Mühe, das Kichern zu unterdrücken.

„Wennder nit wollet, huldige mer nit un weret wieder Salpeterer, un Ihr heut de Schade!“

„Nunu, nicht gleich so obenaus, Er Schwerenöter! Habt mich lange genug warten lassen!“

„Jo, Herre, im Wald lit de Schnee lang un de Weg isch wit! Geh du rus by de Schnee, wenn d' chasch! Un umgebracht het's Warte di au nit!“

Karl Friedrich lacht Thränen des Vergnügens und die Herren platzen auch eine Lachsalve nach der andern heraus.

„Un wissenter wos: Ihr seigt Halunke un mer schließent Euch an, so Ihr,
Herre Großherzog, gelobet an Idesstatt frizegebe mi Jobbeli von de
Soldate! Mer were huldige, wennder uns lasch unsere alte Glaube, denn
mer wollet blibe katholisch!“

Karl Friedrich richtet sich auf und spricht ernst und weihevoll: „Höret, ihr Leute vom Schwarzwald! Es ist Mein Wille, jedem Meiner Unterthanen zu lassen seinen Glauben, in dem er aufgewachsen. Jeder bete zu seinem Gott! Aber Ordnung müßt ihr halten, euch fügen den Anordnungen der Behörden, aufgeben alte, nie erfüllbare Träume! So ihr tüchtige Unterthanen werdet, soll euch Salpeterern verziehen, den Eingekerkerten die Strafe geschenkt sein! Haltet Euch fürder brav und wacker, so sollt ihr in Mir alle Zeit einen treu um euer Wohl besorgten Landesvater haben!“

„Ihr redet wie en Buch, Herre, und mer wöllent's befolge, aber sagsch:
Wos isch minem Jobbeli?“

Wieder flüstert einer der Herren Seiner königlichen Hoheit etwas ins Ohr, worauf Karl Friedrich lächelnd spricht: „Ihr sollt Euren Sohn freibekommen, Streitpeter!“

„Halt' in, Herre! Seller bin i nimeh, un wennder sell Wörtli nomal seit, seigt mer gschiedene Luit!“

„Um so besser, Peter! Begrabt jeglichen Streit und werdet fürder gute badische Unterthanen!“

„Sell wöllent mer were!“ ruft freudig Peter aus und kniet nieder zur Huldigung. Mit zum Schwur erhobenen Händen geloben die Hochschürer Treue bis in den Tod und Befolgung der Gesetze. Und aufbringend schreit Peter: „De gnädigst' Großherzog soll lebe, hoch, hoch, hoch!“ Donnernd braust der Jubelruf aus den rauhen Schwarzwäldler Kehlen durch den weiten Saal: „Hoch, hoch, hoch!“ Peter faßt die Hand des Monarchen und küßt sie bewegten Herzens, und alle seine Mannen folgen seinem Beispiel. Am liebsten hätte der glückselige Peter den Fürsten gleich ganz umarmt, aber er fürchtete, den lieben guten Großherzog zu verdrücken, und unterließ daher die Liebkosung.

Gerührt dankt Karl Friedrich den Leuten, drückt jedem die Hand zum Abschied mit den Worten: „Bleibt fürder gut badisch!“ Dann zieht sich der Monarch leutselig grüßend vom Gefolge begleitet zurück.

Der Kammerherr aber händigt den Hochschürern ein Geldgeschenk ein, und
Peter insbesondere bekommt noch einen Zettel mit der Freigabe seines
Sohnes, den er gleich aus der Kaserne holen kann.

Jubelnd ziehen die Hotzen aus der Residenz, und noch am gleichen Tage verlassen sie, Jobbeli in ihrer Mitte, die schöne Stadt. Peter aber tauscht mit keinem Fürsten um sein Frohgefühl und um die Freude, daß sogar der Großherzog ihn gleich gekannt und mit ihm wie seinesgleichen gesprochen hatte. Daß Peter anfangs etwas Scheu empfunden, hat er bereits glücklich wieder vergessen. Jetzt zieht er stolz an der Spitze der Deputation heimwärts durch den „Garten Badens“ hinauf zu den schwermütigen Schwarzwaldbergen.

Je näher es der Heimat zugeht und endlich die Murg wieder sichtbar wird, desto schneller wird Peter im Schritt; er brennt förmlich darauf, seine Führererlebnisse den Leuten zu erzählen, und sich namentlich mit dem Biber-Ätti auszusprechen. Am Eingang in das Seitenthälchen, das nach Herrischried führt, verabschiedet sich Peter von der Deputation, schickt selbe heim mit Grüßen ans Thrinerle und eilt nun, was er laufen kann, zu Bibers.

Biber-Ätti hockt beim „Ochsen“wirt und muß auf Peters Bitte sofort geholt werben, weshalb Michel geschwind hinüberspringt. Unterdessen setzt Muetti dem vielgewanderten Gast einen Krug alten Chriesiwassers vor und läßt sich fürs erste erzählen, daß die Reise von Erfolg begleitet war und die Deputation wirklich dem Großherzog gehuldigt habe. Peter sei also wirklich und leibhaftig hinfüro badisch. Die anderen werden wohl in die Hände des Amtmanns den Treueid leisten, bis auf die Unverbesserlichen, die Salpeterer bleiben werden. Doch da ist ja der Ätti! Schmunzelnd reicht der alte Biber dem Gast die Hand zum Willkomm, und nun läßt Peter seiner Zunge freien Lauf. Er erzählt umständlich haarklein seine Erlebnisse bis auf das Herzklopfen beim Erscheinen des Großherzogs, und prahlt nicht wenig, daß der Fürst seine Lebensgeschichte so genau gewußt und mit ihm so fein, schier brüderlich gethan habe.

Trocken wirft Biber-Ätti dazwischen die Bemerkung ein: „Isch kein
Wunder!“

Betroffen guckt Peter den Sprecher an und fragt, wie das gemeint sei.

Und nun setzt Märte dem aufhorchenden Peter auseinander, daß ein Landesherr, zumal in so schwerer, ereignisreicher Zeit, etwas mehr zu thun habe, als sich um einen Salpeterervertrauensmann im tiefsten Schwarzwald kümmern zu können. Daß Peter Gottstein badisch werden wolle, ist sicher sehr löblich und selbst für den Großherzog erfreulich, aber das Großherzogthum geht deswegen noch nicht aus dem Leim. Damit Peter aber entsprechenden Empfang finden sollte, und man bei Hofe auch wußte, um was es sich handle, habe Biber den Gang nach Säkkingen nicht gescheut und dem Amtmann alles haarklein erzählt. Darauf sei ein langer Bericht nach Karlsruhe abgegangen, und als die Antwort eintraf, daß die Deputation empfangen werden und die Huldigung stattfinden könne in der Residenz, da habe Biber den Peter wissen lassen: es sei Zeit! Und dementsprechend werde die Sache auch ihren Lauf in Karlsruhe genommen haben.

Peter weiß nach dieser Aufklärung nicht, soll er sich ärgern oder lachen. Doch ist eines sicher, Märte hat ihm die Geschichte wesentlich erleichtert, denn ohne den vorangegangenen Bericht hätte Peter wohl langmächtig mit dem Großherzog reden müssen, bis dieser alles begriffen hätte. Und die Hauptsache ist ja doch der Frieden mit der Regierung und die Freigabe des Jobbeli.

„Hasch en Buebe mit?“ fragt Biber und meint, als Peter freudig die Frage bejaht, man könne dann die Geschichte von dem damaligen Messerstich durch Abschaffung nach dem alten Brauch zum Austrag bringen. In diesem Augenblick aber schlägt bei Peter die alte Pfiffigkeit durch, und schlau, schlagfertig erwidert er, daß der alte Brauch wohl bei den Salpeterern zur Einungszeit Geltung gehabt, bei badischen Unterthanen, die frisch gehuldigt, jedoch nicht mehr in Anwendung gebracht werden dürfe.

Ätti lacht aus vollem Halse. Die Prozeßkunst und all' die Advokatenschliche habe sich Peter trotz des Huldigungseides doch glücklich in sein badisches Unterthanendasein hinübergerettet. Es soll übrigens die Geschichte nicht weiter aufgerührt werden; Jobbeli mußte feierlich auf Michels verspieltes Ohrläppchen verzichten und den Biberbueben für den Stich um Verzeihung bitten. Damit aber die Gottsteinsippe dennoch ihre verdiente Strafe erhalte, solle die Hochzeit zwischen Thrinele und Michel in Bälde stattfinden. „Wilsch, Peterle?“

„Jo, ich will's by Gott!“

Ein kräftiger Handschlag beschließt den Pakt.

* * * * *

Als Mann von Wort, ein edler Fürst, ließ Karl Friedrich den zu Freiburg und Breisach gefangen gesetzten Salpeterern die Freiheit wiedergeben[15] und schenkte allen jegliche Strafe.

Und als Thrinele mit Michel glücklich vereint war, da sagte Peter im Kreise der Hochzeitsgesellschaft, das Badischsein sei doch nicht so ohne, ihm habe Glück und Segen gebracht die — Herzogskerze.

Fußnoten:

[1] Die Bewohner des Hauensteins hatten sich im Mittelalter dank seiner kraftvollen Einungsverfassung zu einer Bauernschaft zusammengeschaart, die später sich energisch gegen Leibeigenschaft und jegliche Bedrückung, namentlich gegen die Hoheit des Klosters St. Blasien wehrte. Auf fiktive alte „Handfeste und Privilegy“ pochend wollten sie sich, nachdem es mit allerlei Mitteln gelungen war, sich von St. Blasien loszukaufen, auch der österreichischen Herrschaft gegenüber zur reichsunmittelbaren freien Bauerngrafschaft emporringen. Zu offenem Aufruhr rief der Einungsmeister von Birndorf, Johann Fridolin Albiez, der den Salpeter im Haunsteinschen Lande gewann und allgemein „Salpeterhannes“ genannt wurde, ein Mann von ungewöhnlicher Thatkraft und Rednergabe bei schier mystischer Hingabe an den Katholizismus. Albiez predigte das Märchen, daß der letzte Gaugraf Hans von Hauenstein Vogt gewesen sei und in seinem Testament beurkundet habe, daß die Grafschaft nach seinem Tode frei an Reich und Kaiser zurückfalle und reichsunmittelbar zu bleiben habe. Es sei nur der Kaiser Schutzherr des Landes, die Grafschaft aber frei, niemandem mit Pflichten unterthan. Diese Lehre verbunden mit altwiedertäuferischen Ideen entfachte mehrere sogenannte Salpetererkriege, die mit maßloser Erbitterung geführt wurden, schließlich aber mit völliger Niederlage der Salpeterersache und Verbannung der Hetzer nach Ungarn und Siebenbürgen endeten. Die Rückkehr einiger „Salpeterer“ aus Belgrad, durch die Gnade Maria Theresias, entfachte neue Erhebungen, ein Auflodern der Salpeterersache bis in den Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Anhänger der Albiez, Riedmatter &c. hießen „Salpeterer“, die ruhigen Waldbewohner, die sich fügten in die Zeitverhältnisse und Ordnung hielten, wurden „Halunken“ gescholten und bitter verfolgt.

[2] D.h.: Es sind Unberufene oft in der Nähe.

[3] J.L. Meyer, Geschichte der Salpeterer, Freiburg 1837.

[4] So prahlte Albiez, in facto aber wurde er verhalten, binnen 24 Stunden Wien zu verlassen und der Landestelle in Freiburg die Beschwerden vorzutragen. Auch wurde er, heimgekehrt, für seine Lästerung gegen St. Blasien vom Waldvogt mit Gefängnis und dreißig Thalern gebüßt und erst nach abgelegtem Handgelübde: „Fürder wider St. Blasien nicht zu schimpfen,“ entlassen.

[5] Der Brief ist fiktif, es wurde sogar in den Wiener Kanzleien nach etwaigem Konzept nachgeforscht, aber nirgends etwas gefunden. Die Mär von diesem Brief diente lediglich als Agitationsmittel.

[6] Der Sicherungsbrief von 1720 sprach aus, daß trotz der Umwandlung des Wortes Leibeigen in Eigen alle bisherigen Pflichten erfüllt werden müssen.

[7] Wien schuf durch diese zweckwidrigen Maßregeln auf dem Wald heillose Zustände, eine horrende Gesetzlosigkeit und schürte statt zu dämpfen das Feuer des Widerstandes zu offener Rebellion, die denn auch 1728 zu Thatsache geworden ist, welche der neue Waldvogt Freiherr von Reischach nicht aufzuhalten vermochte.

[8] Eine Rotte völlig Fanatischer durchstreifte den Wald, raubte und plünderte und schuf grauenhafte Zustände. Dazu hetzten einzelne Schweizer (ein Prediger zu Wandach und der Advokat Dr. Lieder in Basel) die Rasenden zu wilden Gewaltthaten.

[9] Am 18. Mai 1728 erhob sich unter Führung Thoma's im Rücken der Truppen des Oberst Baron Thüngen ein allgemeiner Landsturm, der jedoch rasch erstickt wurde, als scharf geschossen und verschiedene Aufrührer getötet wurden. Außerdem wurde ein Teil der Truppen ständig in die Walddörfer gelegt und die Huldigung zwangsweise vorgenommen. Die Salpeterer verlegten sich hierauf auf einen zähen schriftlichen Streit, der mit der Ablösung der Rechte St. Blasiens endete, gegen welche Ablösung wieder ein Teil der verbissensten Salpeterer protestierte. Das Urteil gegen die Rebellen aus den Maitagen wurde 1730 zu Waldshut, wohin die Salpeterer gelockt wurden, vollzogen: Thoma in Dogern an den Pranger gestellt, auf Lebenszeit in die Festung Belgrad verbannt, und sein Name schandenhalber in Stein eingegraben. Andere kamen nach Ungarn und Siebenbürgen, auch nach Breisach und wurden eingekerkert. Mit Beginn des Türkenkrieges entließ man die Verbannten, die nach ihrer Heimkehr sofort auf's neue randalierten und den zweiten Salpetererkrieg heraufbeschworen.

[10] Die Hauensteiner pflegten um jene Zeit technisch festzustellen, welcher Art die Körperbeschädigung ist, und nach diesem Befund wurde die Entschädigung bestimmt. Nach Zahlung des „Wehrgeldes“ war die Sache abgethan oder, wie der technische Ausdruck auf dem Wald heißt, „abgeschafft“. Scheffel schreibt diesbezüglich in seinen „Reisebildern“: „Wenn die Hauensteiner wegen Störung des öffentlichen Friedens (nach einer solennen Keilerei) noch vor's Amt zittert wurden, so brachten sie gewöhnlich das Dokument über die Abschaffung durch die Familienhäupter mit und wunderten sich höchlich, wenn sie hie und da noch ‚im öffentlichen Interesse‘ auf einige Wochen ins Gefängnis wandern mußten.“

[11] Österreichische Truppen wurden in Basel konzentriert. Dieser Umstand ließ die Salpetererfackel aufs neue auflodern. Riedmatter war thatsächlich in Basel, erzielte aber natürlich für seine Sache bei den österreichischen Truppenführern, die in Kriegsbereitschaft standen und andere Gedanken im Kopf hatten, nicht das Mindeste; dennoch versicherte Riedmatter daheim, wesentlich Resultate erzielt zu haben, und hetzte die Bevölkerung zu offenem Widerstand gegen badische Verfügungen auf.

[12] Diese handgreifliche Lüge brachte Riedmatter in den Wald und entfachte dadurch den wilden Schnapskrieg.

[13] Kreuzvogel, Kreuzschnabel (Loxia curvirostra) wird als Stubenvogel gehalten in dem Glauben, daß er vom Hause Blitz, Krankheit und Tod abhält, so der Vogel ein „rechter“ ist, d.h. ein solcher, dessen Oberschnabel nach rechts gerichtet ist. „Über den Kreuzvogel geht kein Tier, der ist über Schwalben und Störche.“

[14] Aktenmäßig festgestellt.

[15] Auch Riedmatter wurde in Freiheit gesetzt und sank alsbald, da seine Unfähigkeit zur Führerschaft selbst dem dümmsten Salpeterer bald einleuchtete, in völlige Vergessenheit. Die Sekte machte sich alsdann in den fünfziger Jahren nach der religiösen Seite hin wieder bemerkbar. Heutzutage sind wohl die wenigen Sonderlinge im Aussterben.

Giftklärle

Aus dem Flur des schwarzgrau verwitterten Hauses, das in einer von dunklen Tannen umrahmten Thalbuchtung unweit des malerischen Dörfleins Lauterbach an der Straße von Schramberg über den Fohrenbühl nach Hornberg liegt, gellen zornige Rufe, und gleich darauf erscheint auch im Rahmen der weitgeöffneten Hausthüre die Person, die durch Scheltworte ihrem Ärger Luft macht. Es ist Klärle, die prächtig gewachsene schwarzhaarige Tochter des Giftbauern und künftige Erbin des Gehöftes, das einst ein Vergabungshof (Lehen) war, eine Begiftung.[16] In der äußeren Erscheinung ist Klärle unstreitig ein allerliebstes, herrlich gebautes Schwarzwaldkind von zwanzig Jahren, ein Mädel zum Dreinbeißen, aber immer ärgerlich, kurz angebunden gegen jedermann, nie zufrieden und tyrannisch gegen den alten Vater wie gegen das Bäschen Bärbel, das die selige Mutter einst aus Mitleid und Barmherzigkeit in den Gifthof aufgenommen und mit Klärle aufwachsen ließ. Kann es der alte Vater dem Klärle nie recht machen, Bärbel in ihrer Abhängigkeit schon gar nicht, und bei jeder Gelegenheit kann die etwa achtzehnjährige Waise es hören, daß sie nur geduldet sei auf dem Hof aus Gnad' und Barmherzigkeit, die aber auch einmal ein Ende nehmen kann und muß, wenn 's Bärbele sich nicht bessert und alles verkehrt angreift. Wieviele Seufzer aus Bärbels junger Brust gestiegen, weiß nur der liebe Gott im Himmel. Wenn Bärbel gelegentlich verweint mit geröteten Äuglein ihre Arbeit verrichtete und der würdige Pfarrer von Lauterbach just bedächtig des Weges kam, da fragte Hochwürden wohl nach der Ursache der Thränen, verstummte aber sofort, wenn die Scheltworte Klärles an sein Ohr drangen. Wie's im Gifthof zugeht, war nicht schwer zu erraten, und der Pfarrer tröstete die arme Waise durch milde Worte und den Hinweis auf späteren Himmelslohn. Der geistliche Herr hat es wohl einmal versucht, der Giftklärle ins Gewissen zu reden und ihr Herz zu rühren, aber erzielt hat er nichts und mußte sich schnippisch genug abkanzeln lassen. Daher ist der gute Pfarrer der Meinung, daß Klärle wohl ein Herz von Stein habe, ähnlich wie der Kohlenmunkpeter, dem der Holländermichel am Tannenbühl das warme Herz genommen und ihm ein steinern Herz in die Brust gegeben hat. Und so betet der geistliche Herr wohl des öfteren, es möge Gott selbst eingreifen und Klärles harten Sinn bessern.

Unter der Thür stehend, ruft Klärle hinüber in den kleinen Garten, wo die Waise beschäftigt ist, etwas Gemüse abzuschneiden. „He, Bärbel! Wie lang soll es noch dauern? Bleibst wohl über Nacht draußen im Kraut? Eil' dich, es isch e Schand! Drinen in der Küch' geh'n die Töpfe über, aufgeräumt isch au nit ordentlich! Eine Schand' isch's mit der langweiligen Person! Eil' dich, Fauldirn!“

Bärbel, ein schmächtig Mädel mit wundersamen Rehaugen, fährt bei diesen Scheltworten erschrocken auf, rafft das Gemüse zusammen und eilt dem Hause zu. „Gleich, Klärle, ich bin ja schon da!“ ruft das Mädchen und trägt die gefüllte Schürze in die Küche, um dann die Töpfe vom Feuer zu ziehen. Diesen Handgriff hätte Klärle leicht selber machen können, aber die Gifttochter thut niemals das, was sich eigentlich von selbst versteht, und schiebt jegliche Arbeit der Waise zu. Mühsam unterdrückt Bärbel die vordringenden Thränen und hantiert flink in der rauchgeschwärzten Küche, indes Klärle sich auf den Rain begiebt, um nach dem Wetter zu sehen. Im Vorübergehen wird eine aufgeblühte Nelke der Ehre des Abpflückens gewürdigt, und wie das Mädchen sich eben die Blume ans Mieder stecken will, tönt es von der Straße her, gesungen von einer kräftigen sonoren Männerstimme:

„Was guckscht denn so traurig? Sei luschtig und froh! 's isch oimol ein Leaba 's isch oimol no so!“

Unwillig dreht Klärle den Kopf nach dem Sänger, und beim Anblick des feschen Burschen, dessen Augen die prächtige Mädchengestalt schier verschlingen möchten, wirst Klärle spöttisch die Lippen auf und zuckt geringschätzig die Achseln.

Der Bursch aber läßt sich nicht so kühl schnippisch abspeisen und singt weiter:

  „Alt wirscht ja von selber,
  So tanz noh ond spreng,
  Ond weischt a sei's Liedle:
  Sei luschtig ond seng!“

Erwartungsvoll sieht der Bursch hinüber zur trutzigen Dirn und zwirbelt sich den herrschen Schnauzer auf. Doch Klärle bückt sich, reißt einen Zwiebelknollen aus dem Erdreich und wirft ihn unter spöttischem Lachen auf die Straße hinaus, gleichsam zum höhnischen Lohn für das Gesangel.

Nicht faul, hebt der Bursch die Zwiebel auf, befestigt sie an seinem Hut und erweist dem Maidle eine spöttische Reverenz durch eine tiefe Verbeugung, zugleich rufend: „Schönsten Dank, gnädig's Fräula!“

Mit jähem Ruck wendet sich zornglühend das Mädchen zu dem Spötter auf der Straße, drohend den schöngeformten Arm erhebend und ruft über den Zaun: „Jetzt gang aber, oder ich lupf' dich übern Rain, du Bänkelsinger und Straßengauner!“

Statt zu gehen, hält sich der Bursch die Seiten und lacht aus vollem
Halse: „Klärle, so g'falscht mir! Bischt e rassig's Maidle!“

Starr vor Staunen sieht Klärle, wie der fremde Bursch mit gewandtem Schwung über den Zaun setzt und auf sie zukommt. Bebend vor Entrüstung über solche Frechheit guckt Klärle, wo sich ein Prügel finde, mit dem sie den Eindringling züchtigen könne, aber da ist der Bursch schon, faßt das Maidle um die Hüften und drückt ihm trotz verzweifelter Gegenwehr einen kräftigen Kuß auf die rosigen Lippen. Lachend läßt der Bursch nun die glühende Klärle los und spricht: „Mueßt nit so wild sein, schön's Klärle, hihi!“ Den Hut lupfend, geht der Bursch von dannen.

Klärle zetert jetzt aus vollem Halse und ruft den alten Vater zu Hilfe.
Doch der Giftbauer, der im Fenster des oberen Stockwerkes liegend den
Vorfall beobachtete, grinst vergnügt und kichert herunter: „Ganz recht
isch dir g'scheh'n! Der hat dir's gründlich b'sorget, hihi!“

Klärle macht zornglühend eine jähe Wendung, guckt sprachlos vor Entrüstung zum Vater hinauf und springt ins Haus. Gleich darauf gellt ihre Stimme durch den Flur: wieder ist's Bärbel, an der das Mädchen seinen Zorn ausläßt, und Tellergeklirr und prasselnde Scherben künden nichts Gutes. Wenn das so fort geht, wird bald kein Geschirr mehr im Hause sein und künftig alles aus Holzschüsseln gegessen werden müssen. Der Giftbauer, ein schwächlich, von Gicht häufig geplagtes Männlein, humpelt die ächzende Holztreppe hinunter ins Erdgeschoß, um sich den Kampf in der Nähe zu besehen. Kaum aber guckt er in die Küche, da schmettert ihm Klärle schon entgegen: „Was willscht? Mannerluit hent nüt z'suchen in der Küch'! Gang nur glei, oder i gang!“ Und zur Bekräftigung ihrer scharfen Aufforderung greift Klärle nach einem Besen, so daß der Giftbauer schleunigst den Rückzug antritt und in die Wohnstube flüchtet, wo er im Lehnstuhl am Fenster über sein harbes Töchterlein nachdenken und auf das Mittagsmahl warten kann. Es ist eine böse Sach' mit dem Klärle! Zwar hält sie die Wirtschaft ganz ordentlich zusammen und dirigiert das Gesinde wie ein General seine Truppen, hält es zur Arbeit an, besser, als es der Giftbauer in rüstigen Jahren selber vermochte. Aber Lust und Fröhlichkeit ist mit dem Heranwachsen der Tochter völlig aus dem Hause geschwunden; man hört kein frohes Liedel mehr, kein Lachen, dafür Gezeter und Gekeife, so schlimm, wie es sogar bei Mutters Zeit nicht gewesen, und Mutter war gewiß scharfzüngig und hatte eine Schneid' entwickelt, wie solche die schärfsten Lauterbacher Bueben nicht besaßen. Tief aufseufzend flüstert der Alte vor sich hin: Wenn nur der Rechte einmal käme und Klärle zähmen würde! Aber der darf gehörig Haare auf den Zähnen haben, sonst verspielt er und muß sich ducken und kriegt den Teufel ins Haus. So eine Zähmung wünscht der Gifter seiner Tochter vom ganzen Herzen, doch quält ihn auch wieder der Gedanke, wie es einsam im Hause sein werde, wenn Klärle einmal fort sein wird. Freilich ist dann immer noch die Bärbel da, aber die ist eben doch nicht sein eigen Fleisch und Blut.

Den Dienstboten macht Klärle heute ganz besonders flinke Füße, denn es ist ja Vorabend vor Pfingsten und muß daher gefegt und gescheuert werden mehr denn je im arbeitsreichen Jahre. Wie's Gewitter ist Klärle hinterdrein und ihre scharfen Worte treiben die Leute an wie Geißelhiebe die Pferde. Kaum daß die scharfe Tochter dem Gesinde Zeit zum Mittagessen ließ, so drängte sie zur Arbeit; sie selbst rührte keinen Bissen an und hielt während des Mittagsmahles nach ihrer Eigenart die Hände vor das Gesicht, um nur ja niemanden sehen zu müssen. Der Vater wagte die Bemerkung, daß es doch wohl nicht so arg pressieren werde mit der Arbeit, der Tag sei lang genug, und bis zur Dämmerung dürfte doch alles auf dem nicht zu großen Hof gerichtet sein.

Spitz kam es augenblicklich von Klärles Lippen, wobei das Mädchen zornig mit den kleinen Fäusten auf den Tisch schlug: „So, meint der Vater? So wird's recht! Den Dienstboten auch noch die Stange halten und vorreden, daß sie sich Zeit lassen sollen! Das wär' mir die rechte Wirtschaft! Warum denn nicht gleich der Stalldirn eine Seidenmantill' umhängen und den Kuhhirten regieren lassen! Nein, daraus wird nichts! Ich hab' die Verantwortung, und so lang ich im Hause bin, regier' ich, verstanden! — Auf jetzt, es ist abgegessen! Bärbel, bet' den Vaterunser und dann fort zur Arbeit!“ Gehorsam betet Bärbel vor und das Gesinde nach. Dann verschwindet alles aus der Stube, froh, der hantigen Tochter aus den Augen zu kommen. Auch der Alte humpelt von dannen, verdrossen ob der ihm gewordenen Abkanzlung, wo er es doch so gut gemeint hat. Bärbel begiebt sich wieder zur Spülarbeit in die Küche, indes Klärle die Fegarbeit vor dem Gehöft beaufsichtigt und die eine Dirn schilt, daß sie so viel Staub aufwirbelt und das Wassersprengen vergessen habe. Gleich darauf wettert das Mädchen, daß die Milchgeschirre, die Buttergefäße nicht blank genug gescheuert seien und Flecken aufweisen, die augenblicklich mit Seife und Sand nochmal gerieben werden müßten. Und über dem einen Fenster im oberen Stockwerk zeigen sich gar Spinnweben! Ob man wohl ersticken soll im Gifthof? Zornerfüllt packt Klärle einen Besen, streckt sich und sucht das Spinngewebe wegzuwischen. Um sich eine größere Körperlänge zu verschaffen, steigt das Mädel rücksichtslos auf ein umgestülptes, eben frisch gescheuertes Butterfaß und stochert nach dem Gewebe. Doch das Faß schwankt, Klärle verliert das Gleichgewicht, sucht mit dem Besen am Fensterrahmen einen Halt zu gewinnen, und klirr — eine Scheibe ist eingestoßen, und die Glasscherben fallen knirschend herunter. Mit einem Satze ist Klärle herabgesprungen und stößt das Faß mit dem Fuße vor. Das schadenfrohe Gekicher der Mägde entfacht ihren Zorn und Ärger zur hellen Wut, und ein wahres Donnerwetter prasselt auf die Dirnen herab.

Immer näher klingendes Schellengeläute heimziehender Kühe läßt Klärle mitten in der Rede einhalten, wie versteinert steht das Mädchen und starrt auf den Hirten, einen etwa zwanzigjährigen Burschen, der mit lautem „Hüh!“ die ihm anvertraute Herde dem heimatlichen Stall zutreibt und fröhlich dazu die Geißel schnalzen läßt. Und einmal von der Straße weg, setzen sich die prächtigen Hornisten in Trab trotz des vollen Gesäuges und drängen der Stallthüre zu. Jetzt findet Klärle die Sprache wieder; im Sturmschritt eilt sie auf den Hirten zu und fährt ihn an: „He Märte, bischt närrisch worde?! s' Dunnerwetter soll di versprenga, was kommst denn du gant am helllichten Tag hoim!“

Gelassen nickt Martin, der Hirt, der Hoftochter zu, schiebt sich zwischen den Kühen durch, öffnet die Stallthüre und läßt seine Hornisten ein; dann stellt er sich ganz gemütlich vor Klärle hin und meint, sobald die Kühe getränkt seien, könne Vrenele mit dem Melken beginnen.

Klärle ist ob solcher Frechheit völlig perplex; am helllichten Tage das Vieh von der Weide abzutreiben, das ist unerhört, und der Bursche entschuldigt sich darob noch nicht einmal und thut, als sei das selbstverständlich.

„Närrisch, rein närrisch isch es und zum greina! Aber dir soll der Grind gewaschen werde, du Bengel, du Tagedieb! Vom Lohn soll dir's abgezogen werde!“

Die letztere Drohung schüchtert Martin wohl etwas ein, doch meint er, am
Vorabend vor Pfingsten werde eine Ausnahme schon erlaubt sein, weil ein
Hirt sich doch auch vorrichten müsse zum morgigen Schellenmarkt.

Klärle zetert mit voller Lungenkraft, daß ihr der Schellenmarkt völlig
gleichgültig sei und sie nichts kümmere. Auch verweigere sie die
Erlaubnis zum Besuch des Schellenmarktes aus Strafe für das vorzeitige
Verlassen des Weideplatzes.

Der sonst so gefügige Hirt aber lehnt sich jetzt entschieden auf; ein
Hirt gehöre von altersher am Pfingstsonntag auf den Schellenmarkt am
Fohrenbühl, und wenn's den Bauern nicht recht sei, können sie zu
Pfingsten ihr Vieh selber hüten. So war's immer Brauch im Schwarzwald,
und er, der Martin, werde diesen Brauch der Klärle zu lieb nicht ändern.

„Du bleibscht daheim, sag' ich!“

Martin zuckt die Achseln und schickt sich an, das Mädchen einfach stehen zu lassen. Diese Respektswidrigkeit ahndet Klärle jedoch augenblicklich, und schwapp hat der Hirt einen Schlag um die Ohren, daß es patscht. Im Burschen kämpft es sichtlich, doch gewinnt alsbald die Vernunft die Oberhand; hochrot im Gesicht reibt sich Martin die geschlagene Wange und meint, es wäre nicht nötig gewesen, ihn zu schlagen, denn noch sei er nicht zum Schellenmarkt gegangen, das Verbot sei also noch nicht übertreten.

Höhnisch rät Klärle ihm, er soll es nur nicht wagen, den morgigen Schellenmarkt zu besuchen. Frühmorgens habe er wie immer die Kühe aufzutreiben, und wehe ihm, wenn er sich am Fohrenbühl sehen lasse. „Und jetzt geh' deiner Arbeit nach!“

Der Giftbauer hat sein Nachmittagsschläfchen gemacht und humpelt eben vors Haus, um seinen alten Körper etwas zu sonnen. Der scharfe Wortwechsel lockt ihn an und eiliger als sonst stapft er um die Hausecke, um zu hören und sehen, was denn schon wieder los sei. Beim Geräusch der klatschenden Ohrfeige bleibt der Alte erschrocken flehen, hebt seinen Krückstock wie abwehrend in die Höhe und ruft Klärle zu, sie solle es in ihrem Zorn und Ärger nicht zu weit treiben und die Dienstleute nicht auch noch körperlich mißhandeln.

Augenblicklich dreht sich Klärle um und schreit erregt dem Vater zu: „Soll ich mich vielleicht von dem rebellischen Volk schlagen lassen! Wer nicht pariert, der kriegt Hiebe; wer nicht hört, muß fühlen. Ist das auch eine Art, am helllichten Tag die Weide zu verlassen? Und wegen was? Bloß damit der Kerl seine Vorbereitungen zum Schellenmarkt machen kann! Haha! Ich werd' ihm den Schellenhandel austreiben!“

„Na, Klärle! Es ist ja alter Brauch, daß die Hirten sich am
Pfingstsonntag zum Schellenmarkt auf dem Fohrenbühl versammeln!“

„So, und soll dann vielleicht ich das Vieh hüten am Pfingstsonntag?“

„Wer redet denn von dir?! Das kann doch der nächstbeste Knecht besorgen. Der Pfingstsonntag gehört nun einmal seit undenklichen Zeiten den Hirten, und die Bauern des ganzen Bezirkes haben sich diesem Brauch gefügt und hüten am Jahrtag ihr Vieh selber!“

„Mögen die anderen thun, was sie wollen: ich leide es nicht, und der Gifthof fügt sich diesem Brauch nicht! Und ein Feigling ist der Martin, daß er sich schlagen läßt!“

„So? Was hättest denn gesagt, wenn er dir den Schlag zurückgegeben und die stolze Gifttochter nach Gebühr durchgeprügelt hätte?“

„Was mich — —“

„Ja, dich durchgeprügelt! Das Recht hätte der Hirt gehabt, und mehr als davonjagen hättest den Martin auch nicht können! Er ist aber ein braver Bursch und hat den Schlag ruhig hingenommen. Ich rate dir ernstlich, anders umzugehen mit unseren Leuten! Du könntest einmal an den Unrechten kommen, und dann erlebst was! Und dann vergiß nicht, daß einem weiblichen Wesen solches Drauf- und Dreingehen nicht gut ansteht!“

„Ich hab' auf niemanden aufzupassen!“

„Doch! Auf dich selber, Klärle!“

Martin hat, unter der Stallthüre stehend, diesem Wortwechsel zugehört, ebenso standen die Dirnen hinter den Fenstern des unteren Gelasses und preßten die Nasen an die Scheiben, um ja kein Wörtchen zu überhören. Wie nun der Alte sich wendet, um sein gewohntes Plätzchen auf der Bank vor dem Hause aufzusuchen, und Klärle mit zusammengekniffenen Lippen dem Hause zuschreitet, stieben die Mägde auseinander wie eine Schar aufgescheuchter Spatzen. Und zum erstenmal schweigt das Mädchen auf eines anderen Rede. Wortlos auch besichtigt Klärle am Abend die gethane Arbeit; daß die Gestrenge nicht laut tadelt, ist für die Dienstboten nach bisheriger Erfahrung das höchste Lob und ein außerordentliches Ereignis, das denn auch im geheimen gründlich durchgesprochen wird. Zum Abendessen ist Klärle nicht erschienen; man wartete auf sie, und als sie gar zu lange auf sich warten ließ, schickte der Vater hinauf in Klärles Stube und ließ sagen, daß Essenszeit sei. Die Dirn kam jedoch mit dem Bescheid wieder herunter, daß Klärle nicht komme und man ohne sie zu Abend essen solle. Verwundert schüttelt der alte Gifter den grauen Kopf und löffelt dann langsam sein Abendsüpplein. Bei Tisch schwiegen die Dienstboten; aber nach Beendigung der Mahlzeit ließen sie ihre Mäuler laufen, und wurde hin- und herdebattiert, ob vielleicht doch der Alte mit seiner kernigen Ansprache das Mädel eingeschüchtert habe.

* * * * *

In den stillfriedlichen Feierabend und das liebliche Gelände des entzückenden waldreichen Lauterbachthales blickt, am geöffneten Fenster sitzend, Klärle, den schönen Kopf auf den Arm gestützt, und ihre Lippen flüstern immer wieder die Worte des Vaters: „Paß' auf dich selber auf!“ Diese Mahnung giebt Klärle zu denken; sie geht ihr mehr zu Herzen, als sie sich selber eingestehen will. Was der Vater damit sagen wollte? Ist sie so schlimmer Art, daß sie jede ihrer Handlungen, jedes Wort künftig einer Selbstüberwachung unterziehen soll und muß? Thut sie denn Schlechtes, wenn sie scharf ist und den Leuten auf die Finger sieht zum Nutzen des Hofes? Und sind denn die Dienstboten nicht überall und immer faul und nachlässig? Was ist denn überhaupt geschehen am heutigen Tage? Bärbel muß scharf behandelt werden, sonst geht es nicht vorwärts im Hauswesen; den Bänkelsinger kanzelte Klärle doch verdientermaßen ab, leider rächte sie sich nicht für die freche Umarmung und den infamen Kuß. Die vorzeitige Heimkehr des Martin von der Weide ist eine Ungehörigkeit, die Strafe verdient. Freilich, der Schlag ins Gesicht des sonst braven, treuherzigen Burschen war eine übereilte That und nicht gerade notwendig. Wie das wieder gut gemacht werden könnte? Wenn sie dem Hirt den Besuch des Fohrenbühler Schellenmarktes morgen gestattet, wäre eine Sühne gegeben. Sühne! Ist denn das Verbrechen so groß, einem Burschen handgreiflich zu zeigen, wer der Herr ist im Hause? Und ist denn nicht alles wie verschworen gegen sie? Auf Schritt und Tritt stößt sie auf Widerstand und Ungehorsam. Nur durch strenges Auftreten und scharfe Zucht sind die Leute im Zaum zu halten. Es geht nicht anders! Oder doch? Wie weihevoll vom Lauterbacher Kirchturm die Ave-Glocke herübertönt! So friedlich und feierlich! Und leise rauscht es im nahen Tann, der würzigen Odem ausströmte. Stimmengeflüster unter Klärles Fenster erregen des Mädchens Aufmerksamkeit, Klärle horcht, sich etwas vorbeugend, was gesprochen wird.

Der Stimme nach ist's Bärbel, die spricht: „Nein, Martin, du darfst es glauben: schlecht ist Klärle nicht! Sie meint es auch nicht so schlimm und geht nur etwas arg scharf ins Zeug! Sie ist die gute Seele selber! Ihr fehlt ein vertrautes Wesen, die richtige Aussprache! So lang' sie Freud' und Leid, Ärger und Verdruß immer allein in sich verarbeiten und hinunterwürgen muß, wird ihre Verbitterung nicht schwinden.“

Und Martin erwidert: „Sie hat doch dich, Bärbel!“

„Du darfst nicht vergessen, Märte, daß sie alleweil die Herrin ist und ich nur geduldet bin auf dem Hof! In mir sieht sie nichts als eine dienende, aus Gnad' und Barmherzigkeit aufgenommene Person, was ich ihr schließlich nicht einmal verübeln kann.“

„Na, just dreinschlagen braucht sie auch nicht! Mich hat es elend gejuckt, als ich den Hieb um die Ohren spürte —“

„Nimm ihr's nicht übel, Märte! Wer weiß, ob es Klärle hinterher nicht selber leid ist. Und besonders männlich und tapfer war's auch nicht gewesen, wenn du ihr den Schlag zurückgegeben hättest, mein' ich!“

„Zurückgeschlagen hätt' ich nie! Es hat mich nur gejuckt in den Fäusten!
Nein, nein! Ich, und Klärle schlagen, sie, die ich am liebsten auf den
Händen tragen möcht'!“

„Wie sagst, Märte?“

„Ich mein' nur bloß! Weißt, die Klärle ist ja so viel schön!“

Bärbel preßt die Lippen aufeinander und wird blaß.

In den lauen Abend blickend bemerkt Martin davon nichts und spricht mehr für sich leise vor sich hin: „Ja, ein wundersam Mädel ist die Klärle! Freilich viel zu noblicht für unsereinen, aber anschmachten darf einer sie doch! Und ihr zu lieb' geh' ich trotz Brauch und Recht morgen nicht auf den Schellenmarkt, so gern ich mein zweites Geläut ergänzen möchte! Weißt, Bärbel, mir fehlt zum zweiten Geläut noch eine Glocke! Hab' ich die dazu paffende im Ton, dann kommt meinen Schellen keines gleich im ganzen Schwarzwald! Aber es wird schwer halten, denn ich hab' keine Tauschschelle und zum Kaufen kein Geld. Vom Bauern kann ich nichts fordern, und bis Weihnachten ist noch lang hin.“

Bärbel hat sich jäh erhoben, und verwundert fragt Martin: „Wohin laufst denn? Willst schon zur Ruh'?“

„Wart' einen Augenblick, Märte! Ich komm' gleich wieder zurück!“

Und weg ist das schmächtige Mädel.

Martin guckt Bärbel verdutzt nach und brummt dann: „Die hat auch ihre
Mucken wie die andere!“

Wie von einer Natter gestochen, ist Klärle, die alles gehört, zurückgefahren, sie hat im Nu begriffen, weshalb Bärbel in ihre Stube gelaufen ist, und die Einhändigung der Spargroschen zum Schellenkauf will Klärle verhindern, sie weiß selbst nicht warum.

Ein schriller Ruf dringt durch das kirchenstille Haus: „Bärbel!“ Martin zuckt zusammen und bringt sich in Sicherheit, indem er eiligst die Knechtstube aufsucht.

* * * * *

Ein herrlicher Pfingsttag ist angebrochen mit all' der Sommerpracht und goldigstem Sonnenzauber. Grün schimmert es von den Wiesen und Hängen, frisch und saftvoll; mild ist selbst der Tann geworden, dessen düsteres Schwarz sich lichtet durch die jungen Triebe. Durch den jungen Sommermorgen zittern die Glockentöne herüber, die mit eherner Zunge mahnen zum Gottesdienst. Schon sind die Ehehalten fort, festlich gekleidet, die Dirnen geputzt in der schmucken Wäldlertracht mit hängenden Zöpfen.

Der alte Giftbauer steht zum Kirchgang gerüstet vor dem Hause, denn zu heiligen Zeiten pflegt er, wenn auch humpelnd, seiner Christenpflicht zu genügen, wenn anders das Wetter es erlaubt. Und heute ist ja ein Pfingsttag, wie er schöner nicht erträumt werden kann. Doch die Zeit drängt, die Glocken rufen schon zum zweiten Male, und Klärle ist noch immer nicht fertig. Ungeduldig klopft der Alte mit seinem Krückstock auf die Bank vorm Hause und ruft in den Hof: „He, Klärle, wo steckst so lang! Wir versäumen sicher noch Amt und Predigt!“

Von drinnen tönt es durch den Flur heraus: „Geh nur voraus, Vater, ich komme gleich nach!“

Ärgerlich humpelt der Giftbauer der Straße zu. Daß doch Klärle immer was
Extriges haben muß! Und niemals ist ein Fertigwerden mit den
Weibsleuten.

Als Letzte verläßt richtig Klärle den Hof, nachdem sie das Hausthor vorsorglich abgesperrt und den Schlüssel in der Tasche ihres Festtagsrockes geborgen. Eilig läuft das wundersam geputzte Mädel gen Lauterbach und erreicht das Gotteshaus just im Augenblick, wie Pfarrer und Ministrant die Sakristei verlassen und die Orgel ertönt zum Beginn der heiligen Handlung. Bis zur Bank, wo seit Menschengedenken die Giftischen ihren Platz in der Kirche haben, kann Klärle nicht mehr vordringen, die Andächtigen bilden eine dichte Menschenmauer, und Klärle ist gezwungen, inmitten des „geringen Volkes“ von verspäteten Knechten und Mägden stehend der Messe anzuwohnen. Das ärgert die stolze Klärle nicht wenig, doch ist's nicht zu ändern. Von besonderer Andacht ist bei Unmut und Arger keine Rede; Klärle möchte am liebsten die Kirche wieder verlassen, doch stehen die Gläubigen hinter ihr in so dichten Scharen hinaus bis auf den Friedhof, daß an ein Durchdrängen jetzt mitten im Amt nicht zu denken ist. Auch würde es heilloses Aufsehen erregen, wenn just die Tochter des Giftbauern die Kirche während des Gottesdienstes verlassen würde.

Mit besonderer Würde und Feierlichkeit besteigt der Pfarrer die Kanzel und beginnt die Predigt, nachdem er die versammelte Gemeinde gesegnet. Des würdigen Mannes scharfes Auge hat Klärle eingekeilt in der Knechte Schar wahrgenommen, und unschwer errät Hochwürden, daß das Mädchen sich verspätet habe und sich nun wohl nach seiner Art über diese Umgebung schwer ärgern werde. Der Pfarrer erinnert an die Verheißung Christi, die am zehnten Tage nach des Heilandes Himmelfahrt in Erfüllung ging. In Jerusalem waren die Apostel, Maria und wohl an hundertzwanzig Gläubige versammelt, und alle beteten gemeinschaftlich um die dritte Stunde (neun Uhr morgens). Da entstand plötzlich ein Brausen, das das ganze Haus gleich einem Sturmwinde erfüllte, und der Geist Gottes kam in Gestalt feuriger Zungen über die Betenden herab, erfüllte sie mit seinen Gaben und bewirkte bei ihnen, daß sie die Lehre Jesu klar begriffen, gab ihnen die Gabe der Sprachen und erfüllte sie mit Mut, um die Lehre Gottes überall zu predigen. An jenem Tage hielt Apostel Paulus eine erschütternde Rede an das Volk, und dreitausend Juden bekannten sich zur Lehre Jesu und ließen sich taufen. Und heute ist das Pfingstfest, eine Gedächtnisfeier zur Erinnerung an die Gründung der christlichen Kirche für die ganze Menschheit. Mit der Feier dieses Festes steht auch die Natur im Einklang; das heilige Pfingstfest fällt in eine Jahreszeit, wo die Natur im Sinnbilde die Wirkungen darstellt, welche der heilige Geist bei seiner ersten Ausgießung in der Menschheit im Ganzen hervorrief, und welche er noch immer hervorruft, wenn er in die Seele der einzelnen Christen einkehrt. Unter dem wohlthätigen Einfluß der Sonne entwickeln sich in schnellem Wachstum die Keime und Knospen, welche die Früchte des Sommers und Herbstes tragen sollen, die ganze Natur prangt in vollendeter Schönheit. Die Knospen im christlichen Sinne sind aber hauptsächlich die Liebe, der Friede, Geduld, Milde und Güte, und um diese Früchte des heiligen Geistes sollen alle jene zu Gott flehen, in deren Herzen diese himmlichen Tugenden nicht wohnen.

Ist es Zufall, daß der Prediger den Kopf eben in die Richtung dreht, wo
Klärle mit hochrotem Kopf steht?

Geduld, Milde und Güte und die Gifthof-Klärle — —?!

Unwillkürlich guckt alles in nächster Umgebung auf das Mädchen, das zornglühend am liebsten in die Erde versinken möchte. Die Knechte stoßen sich gegenseitig mit den Ellbogen, ein leises Gezischel bei den Weibsleuten wird hörbar; die Leute haben erfaßt, daß die Worte von der Kanzel offenbar auf die Gifttochter gemünzt sind, und darüber ist sich auch Klärle klar. Wild drängt ihr heißes Blut zum Herzen, es hämmern die Schläfen, sie glüht vor Zorn über diese Bloßstellung nach ihrer Meinung und einem unwiderstehlichen Drange folgend, drückt das Mädchen die nächststehenden Burschen zur Seite, schafft sich Platz durch Püffe und Stöße und drängt sich durch die Menschenmauer hindurch ins Freie. Ein Gemurmel des Unwillens, des Staunens erfüllt den Raum, niemand achtet der weiteren Worte des Pfarrers; die Thatsache, daß die Gifttochter beleidigt und absichtlich die Kirche verlassen, wirkt zu überraschend. Das Ärgernis vergrößert sich, da auch noch der Gifthofhirt, der, auf der Chortreppe stehend, die Entfernung Klärles wahrgenommen hat, unter kräftigen Stößen und Püffen zum Ausgang drängt und sichtlich bestrebt ist, dem Mädchen Beistand zu leisten.

Klärle hat sich durch den Menschenwall durchgearbeitet und steht, tief Atem holend, an allen Gliedern bebend und hochrot im Gesicht, im Friedhof, begafft von den Burschen, die im Gotteshause keinen Platz mehr gefunden und nun ihrem Erstaunen über den verfrühten Austritt Klärles unverhohlen Ausdruck geben. So spottet einer der Lauterbacher Buben: „He, Klärle! Isch dir's zu warm worden drinnen, oder hat der Pfarrer gestichelt!“ Das Mädchen wird blaß bis in die Lippen, es flimmert Klärle schwarz vor den Augen vor Erregung. Im selben Augenblick tritt Martin an ihre Seite, faßt sie bei der Hand und führt sie mit den Worten: „Komm, Klärle, dir isch übel!“ hinweg.

Auf der Straße angelangt, reißt sich Klärle unwillig los und stürmt davon. Verdutzt guckt Martin dem Mädchen nach, Klärles Sinnen, Denken und Fühlen verstehe ein anderer, der Hirt kann's nicht verstehen. Gemächlich trollt Martin heim, unterwegs sich die Worte des Pfarrers zurechtlegend, die der Hirt wohl auch für richtig findet, nur hätte der Pfarrer nicht so deutlich auf Klärle sticheln sollen, die ja so arg empfindlich ist. Jedenfalls hat es der Pfarrer jetzt bei Klärle gründlich verschüttet. Die wird nun einen Humor entwickeln! Na, guet' Nacht! Das kann hübsch werden. Und wie von einer Vorahnung erfaßt, reibt sich Martin seine Wangen, entschlossen, der schlagfertigen Haustochter künftig sorgsam auszuweichen.

Im Hause steht das Thor angelweit offen, doch von Klärle ist nichts zu sehen. Martin sucht seine Kammer auf, kleidet sich wieder werktäglich, weil er ja doch laut gemessenem Befehl der Haustochter auf die Weide muß und ihm der Besuch des Schellenmarktes verboten ist. Und nach dem Vorfall in der Kirche ist an eine Zurücknahme des Verbotes ganz und gar nicht zu denken.

* * * * *

Auf dem engen Kirchplatz zu Lauterbach ist es wohl seit der Kriegserklärung gegen Frankreich und der Thronbesteigung König Wilhelms II. des Guten nicht mehr so lebhaft zugegangen, als nach Beendigung des Gottesdienstes am heutigen Pfingsttag. Die Leute drängten aus der Kirche in einer Eile, als stünde das Dach in Flammen, und in Weiberröcken und Mädchenzierrat gab es Risse, die willig in Kauf genommen wurden, wenn es nur gelang, so schnell wie möglich das Ereignis der Predigt auf die Gifthofkläre besprechen zu können. Daß der Pfarrer recht hat, ist eine ausgemachte Sache; das bestätigt jedes, das mit der spitzen Klärle je in Berührung gekommen ist. Und unverdient ist diese Kanzelmahnung sicherlich nicht; dagegen ist die Nippenburg gegen ein Zündholzschächtelchen zu wetten, daß die Kanzelmahnung bei Klärle just das Gegenteil erzielen wird. Die jungen Lauterbacherinnen wundert daher die Kurasche des Pfarrherrn, den 's Klärle doch schon einigemale heidenmäßig respektwidrig schnippisch behandelt hat. Ältere Leute wieder äußern die Ansicht, daß damit der Pfarrer nur Öl ins Feuer gegossen habe.

Ein wahres Kreuzfeuer von Fragen und Bemerkungen hatte der alte Giftbauer auszustehen, als er ahnungslos aus der Kirche kam. Daß seine Tochter das Stichblatt der Pfingstpredigt gewesen, hat er nicht im geringsten gemerkt; im Gegenteil war er der Meinung, daß der würdige Pfarrer seit Langem nicht so eindringlich und gut das Wort des Herrn verkündigt hat. Und so ganz im geheimen hat der Alte gebetet, es möchte der Geist der Liebe, Milde, Güte und Geduld auch in Klärle einziehen und deren Herz weicher stimmen. Der Ansturm der Lauterbacher überrascht daher den Alten höchlich, er verblüfft ihn; der Gifter kann es nicht fassen, daß der „Stich“ auf Klärle allein gemünzt gewesen. Aber da versichert wird, daß seine Tochter in höchster Erregung vor Beendigung des Gottesdienstes die Kirche verlassen, sich gewaltsam den Austritt erzwungen hat, so wird dem wohl so sein, und der Alte seufzt, und flink, wie seit Jahren nicht, stapft er von dannen, die Leute einfach stehen lassend. Die Gichtschmerzen sind ihm ganz verflogen, schier gebraucht er den Krückstock nimmer im Bestreben, dem Geschwätz so rasch als möglich zu entkommen. Der Kaspar vom Jörgenmicheleshof mit der Zwiebel auf dem Hut, dem Andenken an die Begegnung mit der Gifthofklärle, hat Mühe, den fortstürmenden Gifthofer einzuholen und sich zusammenzureimen, wie doch das Zipperlein die Leute laufen läßt, wenn's pressiert. Und dem Gifter pressiert es, als stünde sein Hof in Flammen; er biegt eben von der Straße ab, wie Kaspar mit der Zwiebel am Hute in Rufnähe kommt. Soll er den Alten aufhalten? Lieber nicht! Auch künden erregte Laute aus dem Gehöft, daß das durch den Pfarrer heraufbeschworene Gewitter sich eben entladet. Offenbar läßt Klärle jetzt in ihren vier Wänden den Gefühlen freien Lauf. Kaspar entfernt sich gegen den Fohrenbühl zu, um vom Schellenmarkt möglichst viel zu profitieren, der nach dem Lauterbacher Gottesdienst seinen Anfang nimmt.

Im Gifthof sind die Dienstboten nach Amt und Predigt wieder vollzählig erschienen, und gemächlich freuen sich die Knechte der Festtagsruhe vor dem Essen, nur die Dirnen müssen Hausarbeit in der Küche verrichten. Martin, werktäglich gekleidet, mit der langen Geißel bewaffnet, schreitet eben der Stallthüre zu, um seine Kühe loszuketten und auf die Weide zu treiben, da kommt Klärle aus dem Flötz und ruft ihn an: „He, Märte, was soll's?“

Verwundert dreht sich der Hirt um und guckt Klärle an.

„Wohin willst, Märte? Warum steckst du am heiligen Fest in
Werktagskleidern?“

„Auf die Weide will ich! Hast es ja ausdrücklich befohlen!“

„Du bleibst hier! Augenblicklich ziehst dich um, dem Pfingsttag zu
Ehren! Und die Kühe treibt Vrenele aus bis zum Abend!“

Martin starrt Klärle fassungslos an.

„Hörst schlecht? Dageblieben sag' ich! Und nach dem Essen begleitest du mich zum Schellenmarkt, verstanden!“

Den Befehl hat der Hirt verstanden, aber warum die Gifttochter jetzt den Sinn so geändert, warum sie sogar ihn zur Begleitung auffordert, das will ihm nicht in den Kopf. Aber ihm kann's recht sein! Vergnügt begiebt er sich wieder zurück in seine Kammer und kleidet sich abermals um. Mit offenen Mäulern stehen die Knechte herum und staunen; der heutige Tag bringt eine Überraschung nach der anderen. Klärle geht dann hinüber in den Garten, um den Vater zu verständigen, daß sie nach Tisch mit dem Hirt auf den Fohrenbühl gehen werde. Es möge der Vater mit Bärbel unterdessen das Haus hüten.

Der Alte hat alles schon vernommen; Klärles Stimme ist nicht zu überhören. Ihm kann's recht sein, nur meint der Gifter, daß es vielleicht für Klärle besser sei, sich nach dem Vorfall in der Kirche lieber nicht unter die Leute zu mischen. Auch pflege es auf dem Schellenmarkt nicht immer glatt abzugehen! Jedenfalls werde Klärle gut thun, vor Dämmerung heimzukehren! Denn nach dem Gebetläuten sei noch immer gerauft worden beim Schellenmarkt am Fohrenbühl!

Klärle ist ganz vom Widerspruchsgeist erfaßt; die gutmütige Mahnung erzielt bei ihr das Gegenteil; sie geht jetzt erst recht. Auf die Leute hat sie nicht aufzupassen, und mit dem stichligen Pfarrer werde sie schon noch abrechnen. Und vom Vater wäre es auch schöner gewesen, wenn er, statt wie toll heimzurennen und sich vor den Leuten zu verstecken, dem Pfarrer seine Meinung gesagt hätte. Der Hirt — so ein Wicht! — hat mehr Schneid und Anhänglichkeit bewiesen und hat wenigstens versucht, ihr beizustehen. Drum darf er zur Belohnung für seinen guten Willen auf den Schellenmarkt, und sein zweites Geläut werde sie, die Tochter vom Gifthof, ihm aus eigenen Mitteln ergänzen.

„Aber Klärle, das ist doch ganz aus der Weis' gegen Brauch und Sitte!“

„Eben deswegen thue ich's!“

„Aber, hör' doch! Seit Menschengedenken schafft sich im Schwarzwald ein Hirt sein Geläut selbst, und deshalb ist auch jeder Waldhirt so stolz, das beste Geläut zu besitzen!“

„Unser Märte wird nicht minder stolz auf sein Kuhgeläut sein, wenn ich ihm die noch fehlende Schelle einhandle!“

„Na, das kann ein schönes Geguck werden: die Gifthoftochter und Schellen handelnd!“