Der Schuß alarmiert die Hochschürer, die bewaffnet herübereilen zum Ast-Wirtshause und vom Peter wissen wollen, ob es nunmehr losgehe gegen die Regierung. Höhnisch deutet Peter hinüber, wo der niedergeschossene Accisor liegt. Die Salpeterer stimmen ein Freudengeheul an; ist doch um einen Feind weniger. Der Wirt stachelt sie auf durch die weitere Mitteilung, daß die Büttel seinen Jobbeli fortgeschleppt hätten. Jetzt gelte es, scharf vorzugehen! Wer Waffen habe, solle sich ihm anschließen; er wolle nach Säckingen und seinen Bueben befreien. In jedem Walddorf solle geworben werden, auf daß die Schar der Salpeterer immer größer werde. Den Accisor aber solle man, wenn er auch bereits tot sei, zum mahnenden Exempel hängen, am Bühlkreuz aufhängen, damit die Regierung weiß, was ihren Leuten blüht im Hauensteiner freien Wald!

„Mer hängenem!“ (Wir hängen ihn) brüllen die fanatischen Hochschürer und drängen ins Freie. Vor dem Hause warten sie, bis Peter die Thür abgeschlossen hat; dann brechen sie auf, johlend und gröhlend, und folgen der Accisorfährte im Schnee. Was ist das? Dort, wo der Mann offenbar gestürzt ist, deuten die Blutstropfen auf schwere Verletzung, der Schrothagel hat sein Ziel erreicht, der Schnee ist niedergedrückt und rot gefärbt, aber der Accisor ist nicht mehr da, verschwunden. Eine Rotfährte zieht hinab den Bühl: der Tote ist flüchtig gegangen. Abergläubisch bleiben einige der Salpeterer zurück; der Zug gegen den Tod dünkt ihnen unheimlich. Vergeblich hetzt Peter und stachelt sie auf. Sie gehen nicht weiter; Peter habe gesagt, der Accisor sei tot, mausetot geschossen, das Blut im Schnee deutet es richtig, und trotzdem ist der Tote verschwunden. Also geht die Sache nicht mit rechten Dingen zu, es hat der Leibhaftige seine Hand im Spiel, der Teufel hilft der Regierung! Die Hochschürer kehren um und laufen wie von Hunden gejagt heim. Nur Peter bleibt stehen, die feigen Kerle verfluchend, unschlüssig, was er nun beginnen solle. Allein kann er Jobbeli nicht befreien. Aber er kann zu Ägidi gehen und von ihm Beistand erbitten. Also stapft Peter über Rißwihl gen Kuchelbach.

* * * * *

Im Wald ist's schwarz geworden: verschwunden der glitzernde, leuchtende Schnee von Hang und Tann, schwarz der ungeheure dichte Forst, dunkelbraun die Wiesen und Matten, schmutziggelb drängen die Bergwasser durch die Schluchten und Thaler. Über die Schneewaldberge bläst der Föhn, und warmer Regen rieselt hernieder, stetig, ausdauernd, schneeverzehrend. Die Kälte hat sich über Nacht gebrochen, es taut allerorten trotz Winterszeit; die engen Dorfgassen gleichen großen Pfützen, die langen Eiszapfen an den Dachrinnen beginnen zu tropfen und fallen dann knisternd in sich zusammen. Verschwunden der Schnee von den Strohdächern, in sich zerfallen die weißen Hauben auf den Steigrohren der Brunnen. Überall sickerndes Schmelzwasser, ein Tröpfeln, ein Träufeln und Spritzen, wenn der Regen in langen Strichen auf die Gassen und Pfützen schlägt und Wasserfäulchen aufzieht. Auch im Wald zischt und brodelt es; das warme Himmelsnaß schlägt klatschend hernieder von Ort zu Ort, die schneeige Bürde zerreißend, durchfressend; Kruste um Kruste fällt geborsten, und gierig nagt das Meteorwasser an den Eisflächen und Wehstellen. Dazu rauscht es schaurig im befreiten Tann, der Föhn streicht über die Wipfel, ein Stöhnen, ein Seufzen, bald ein Brausen und Wirbeln fortgeführten und welken Laubes, das regenschwer tiefer fällt und sich in geschützteren Lagen völlig senkt, um weiter zu modern. Es dunstet der Tann, die vom Riesenpanzer befreite Erde strömt ihren scharfen erquickenden Duft aus, ein Atmen der Natur, eine Vorahnung des weit, weit in Ferne stehenden Wald- und Bergfrühlings. Und immer neue Regenschauer bringt der scharfe Föhn herein in den Hauensteiner Wald, Bäche schwellend, Wiesen überschwemmend. Schon zischen die Wässer die Wege entlang, und selbst das Sträßlein ist von den braunen Wellchen benagt, auf dem gleich schwarzen Gespenstern mehrere Männer in Uniformmänteln nach Herrischried schreiten, fluchend über das schandbare Unwetter und die früh hereingebrochene Nacht. Finster ist's, daß man die Hand vor Augen nicht sieht, und der Fuß sich weitertasten muß auf dem quitschigen Sträßlein. Allmählich wird indes der Regen dünner, er verliert sich zu einem feinen Wasserstaubrieseln und hört endlich ganz auf; nur der Föhn peitscht den Tann und rüttelt an den Dächern und Fensterläden in den Dörfern und Siedelungen.

Es ist die Militärassentkommission, die Rekruten ausheben und zwangsweise einreihen will, nachdem auf alle bisherigen Einberufungen sich kein Hauensteiner gestellt hat. Der Kommission folgt in größerer Entfernung ein Trupp Hartschiere zur Bedeckung für alle Fälle, da den Salpeterern nicht zu trauen ist und selbe wahrscheinlich ganz aus dem Häuschen geraten werden, wenn man ihnen die Söhne wegnimmt. Der Major und Führer der Kommission ist in dieser pechschwarzen Finsternis unsicher geworden über die Gegend, in der man sich befindet. Nach seiner Schätzung muß nun doch wohl bald das Seitenthälchen kommen, in welchem der Hauptort des Hotzenlandes liegt, und wo morgen geamtet werden solle mit Waffengewalt, so letztere notwendig werden sollte. Wo der Führer stecke, fragt der Major stehenbleibend.

„Der Führer vor!“ wird von Mund zu Mund gerufen, doch der Bursche, den man unterwegs gedungen, ist verschwunden. Der Kommandant flucht und wettert: das hat ihnen wahrlich noch gefehlt. Doch was ist das? Drüben auf einer Berghöhe flammt ein mächtiges Feuer auf, grell zum schwarzverhangenen Himmel lodernd. Und bald darauf wieder eins, von Bühl zu Bühl flammt es schaurig in rotem Scheine, und vom Föhn getrieben stieben die Funken auf, weithin den dunklen Tann und die Matten beleuchtend. „Wenn das nur nicht uns gilt!“ meint einer der Herren, der in den Bergfeuern Alarmzeichen vermutet. Auch der Major neigt dieser Anschauung zu und drängt nun zur Eile, auf daß Herrischried sobald als möglich erreicht werde. So wird denn die mühsame Wanderung fortgesetzt durch Nacht und Wind, bis endlich das Thälchen mündet, in das eingebogen wird.

Bis vor die ersten Häuschen stapfen die ermüdeten Herren, ohne die unmittelbare Nähe des Dorfes zu gewahren. Jegliches Licht ist erloschen, schwarz ragen die Mauern und Holzhütten in die gähnende Nacht auf. Endlich findet die Kommission das Wirtshaus zum „Ochsen“, gleichfalls finster, lichtlos. Man klopft den Wirt heraus nach langem Bemühen, und nun beginnt ein Parlamentieren. Der Kommandant fordert Quartier für die Kommission, auch müsse der Bürgermeister geholt und Unterkunft für den Trupp Hartschiere geschaffen werden.

Vom Fenster des oberen Stockwerkes erklärt der „Ochsen“wirt es für unmöglich, die Herren aufzunehmen.

„Tod und Teufel! Warum nicht?“ wettert der Kommandant.

„Hent ihr nit die Flammenziche bemerkt?“

„Was kümmert das uns! Aufgemacht, oder ich lasse Euch die Thür mit
Kolben einschlagen!“

„Ich kann nit, Herr!“ ruft der Wirt und schlägt klirrend das Fenster zu.

Ratlos stehen die Herren. Wenn doch nur die Hartschiere da wären! Ihre Bajonette würden gleich Wandel schaffen. Was huschen denn da um das Dorf so seltsame Gestalten? Bald nahe, bald sich entfernend, wie wenn etwas ausspekuliert werden sollte. Und plötzlich flammt eine Heuhütte auf, grausigen Schein über das Dorf werfend.

„Füür!“ tönen wilde Rufe, Gewehre knattern, in dichten Scharen drängen unheimliche Männer, vermummt, geschwärzt im Gesicht, heran und eine mächtige Stimme gebietet: „Sie sind's! Im Namen der heiligen Jungfrau, nehm' jeder seinen Mann, und fort mit ihnen! Druf!“

Schreiend werfen sich die Salpeterer auf die Kommissionsherren, die wohl mit gezückten Degen sich wehren, aber doch rasch überwältigt, gebunden und fortgeschleppt werden. Und ein anderer Trupp der fanatischen Menge zieht beim Scheine des gierig aufzüngelnden Feuers vor die Häuser der „Halunken“, deren Inwohner vor das Strafgericht fordernd. Bald flammt es wieder auf, ein Halunkenhaus ist in Brand gesteckt worden, jammernd und heulend flüchten die Gepeinigten heraus, die wilde Bande raubt, was zu erwischen ist, johlend und gröhlend. Und jetzt zieht die tolle Schar vor das Biberhaus, des Erzhalunken, der niemals mitgethan und stets auf Seite der „Ruhigen“ gestanden.

„Bibermärte rus!“ heult die Menge, wirst mit Steinen die Fenster ein und stößt mit Dreschflegeln nach der Thür. Schon schlagen einige mit Stein, Messer und Schwamm Funken, um auch diesem Haus den roten Hahn aufs Dach zu setzen; da taucht an einem Fenster des oberen Stockwerkes ein Mädchenkopf auf, grell vom Feuerschein beleuchtet, und scharf ruft Thrinele: „Haltet in, im Namen der heiligen Mutter Gottes!“

Überrascht, verblüfft schauen die Salpeterer empor; einzelne Bühler erkennen in dem mutigen Mädchen die Tochter ihres Vertrauensmannes Peter Gottstein und rufen: „'s isch by Gott s' Thrinele, e Salpetererchind!“ Wie das Maidli vom toten Bühl in das Halunkenhaus kommt, das fährt den Leuten wohl durch den Kopf, aber es ist jetzt keine Zeit zu langen Fragen. Auch lenkt der Ruf eines Wachpostens: „D' Hartschiere chomen!“ die Aufmerksamkeit von Thrinele ab, und aller Augen richten sich zur Thalmündung. Manche Burschen und Bauern zeigen Lust, sich zu drücken; sie wollen es doch lieber nicht auf einen regelrechten Kampf ankommen lassen. Doch da stürmt ein Weib heran, grell beleuchtet von den gierig zum nächtlichen Himmel schlagenden Flammen, die Vroni ist es, die ihren Mann hinter sich herzerrend zur Salpetererschar stößt, um in ihrer fanatischen Begeisterung mitzukämpfen gegen die Unterdrücker und Tyrannen. Mit gellender Stimme ruft das exaltierte Weib: „Druf, druf, schlagt sie tot, die Soldatenknechte! Lengt mer her e Füsi un für'n Sepli au öbbes ze schlage! Druf! Druf!“

Und da sind sie schon, die Hartschiere als Bedeckungsmannschaft der gebunden in den Gassen liegenden Kommission. Der Trupp rückt bei Feuerschein im Laufschritt an, und unheimlich blitzen ihre Bajonette. Einige Salpeterer schießen, doch gehen die Kugeln pfeifend über die Köpfe weg. Nun wird's Ernst, die Hartschiere verstehen keinen Spaß, ein Kommando ertönt: „Feuer!“ Weherufe werden laut, einige Salpeterer stürzen zu Boden, wimmernd und stöhnend, der große Haufen aber stiebt hinweg in rasender Flucht und verschwindet im Dunkel der Nacht. Die Soldaten aber durchsuchen nun die Gassen des Dorfes, binden die Offiziere los und pochen den „Ochsen“wirt heraus, der jetzt bereitwillig sein Haus öffnet und mit seinem rasch zur Stelle geschafften Gesinde die militärischen Gäste bedient. Dem Bürgermeister werden die Verwundeten übergeben und die „ruhigen“ Dörfler müssen Hilfe leisten. Das Dorf wird von Wachen umstellt wie im Kriege und für den Rest der Nacht die Ronde abgehalten.

Scharf geht der Kommandant mit dem „Ochsen“wirt ins Gericht, dem sein feiges Verhalten vorgehalten wird. Demütig sucht dieser sich zu entschuldigen; er habe nicht anders gekonnt, wenn er in Kenntnis von dem beabsichtigten Überfall der Salpeterer sein Hab und Gut schützen wollte. Hätte er die Herren eingelassen, so wäre ihm sicher das Haus überm Kopf angezündet worden. Doch der erboste Kommandeur läßt dies nicht gelten, grimmig belegt er den Wirt mit kriegsgemäßer Kontribution: Verpflegung und Beherbergung von Stab und Mannschaft ohne Entgelt, für die Dauer der Rekrutierung.

Wie der „Ochsen“wirt sich windet, wie er jammert und winselt! Aber es nützt nichts. Auf Befehl muß Wein in Fässern aus dem Keller heraufgeschafft und auf den Dorfplatz getragen werden, wo die Hartschiere biwackieren und vergnügt die süffige Kontribution in Empfang nehmen. Und die Rauchkammer wird ihres Inhaltes entleert, Rauchfleisch und Schinken verschwindet geschwind für immer. Und all das Fluchen nützt dem Wirt gar nichts. Er hat sich bös verrechnet mit seinem Kalkül. Hol' der Satan die Salpeterei!

Im Hause des Bibermärte ist's nach der Flucht der Salpeterer ruhig geworden; die Gefahr ist vorüber. Die Alten fürchten zwar noch, daß sich auch die Soldaten bemerkbar machen werden und bleiben daher auf der „Kunst“ hocken, horchend und wartend. Dem Ätti ist die Rauchlust vergangen und Muetterli läßt die sonst so arbeitsfrohen Hände in den Schoß sinken. Leise knistert das Licht, und emsig tickt die Uhr in der Ecke. Oben aber in Michels Stube wartet Thrinele des langsam Genesenden, dem sie leise erzählt von dem Vorgang im Dorfe. Wie Michels Feueraugen glühen! Schade, daß er unthätig zu Bette liegen muß; gesund und heil hätte er den Salpeterern auf die Köpfe geschossen, daß es eine Art gewesen wäre. Thrinele beschwichtigt Michel und mahnt ihn, wieder weiter zu schlummern. Aber Michel findet die nötige Ruhe nicht mehr, es hämmern die Schläfen, und wild tobt das Blut in den Adern. Der Vorfall hat ihn erregt, die Wunde beginnt aufs neue zu schmerzen. Sanft drückt Thrinele den Fiebernden in die Kissen und legt ihr Händchen auf seine glühende Stirn. Das beruhigt den Kranken sichtlich, noch mehr aber das süße Geflüster des geliebten Mädchens.

„Liebsch mi no, Thrinele?“ fragt leise der stillliegende Michel.

Und 's Maidli flüstert unter holdem Erröten: „Bis in den Tod, Michel!“

„Weisch noch, Thrinele, wich ich 's erstemol chomen bin zu „Kilt“ und han di 'beten um di Herzli!?“

Wieder nickt Thrinele mit dem Chöpfli und sagt dann: „Ich han dir 's aber verbote!“

„Ja sell isch wahr by Gott! Un mir war 's, als isch d' Sunne g'storbe!“

„Es ha so si müsse, Michel! Doch mußt nit so viel rede!“

„So red' du, Thrinele! O wie chlopft mir mi Herz! Lueg, Thrinele! Weisch wie ma seit: 'ne Chuß in Ehre, wer will 's verwehre? Chüßt 's Blümeli nit si Schwesterli? Gi mir ne Chuß, i wer na schon gesunde!“

Und treuherzig bietet 's Maidli die kirschroten Lippen dem kranken
Michel dar und drückt ihn dann wieder in die Kissen.

* * * * *

Die Nacht ist vorübergegangen; der Föhn hat gegen Morgen nachgelassen, es ist ruhig im Wald geworden. Noch tropft es im Tann, und die Wässerlein sickern zu Thale. Schwerer Dunst liegt über den Bergen, und im Thalgrunde wogt der Nebel, grau in grau. Auf dem Dorfplatze schlummern in ihre Mäntel gehüllt die Hartschiere am erloschenen Biwakfeuer; in Pyramiden zusammengestellt stehen die Gewehre, bewacht von den Posten. Und einsam stehen statuengleich um's Dorf die Wachen. Einzelne Hähne krähen den jungen nebligen Morgen an, das Hühnervolk weckend. Im „roten Ochsen“ regt's sich, eine Ordonnanz mit dem Trompeter verläßt das Haus, und gleich darauf schmettert der Alarmruf hell durch's Dorf. Flink springen die Hartschiere auf und greifen nach den Waffen; die Dörfler gucken verschlafen aus den Fenstern, es wird lebendig allenthalben in Herrischried. Die Offiziere eilen zur Truppe, den Wirt unwillig zur Seite stoßend, der noch in den Kleidern von gestern steckend, sich nach der Alarmursache erkundigen will. Und da ist auch schon der Major, grimmig und verdrossen. „Holt den Bürgermeister!“ befiehlt er und schreitet stolz zum Dorfplatze, wo die Hartschiere marschbereit stehen. Bald ist der Bürgermeister da, der nun Leute als Führer beschaffen soll zur zwangsweisen Herbeiführung der Rekruten.

Unter tiefen Bücklingen versichert der Dorfchef: Wer zu den „Halunken“ gehöre, werde selber kommen; die Rekrutenaushebung sei allenthalben bekannt gemacht. Von den Salpeterern aber werde nicht einer kommen!

„Dann holen wir die Kerle!“

„Mit Verlaub! Da isch nüt ze hole! Die Büebli sin alle marsch us, fort!
Die heutige Nacht hat's bewiese!“

„Tod und Teufel, dann sind wir vergebens heraufgekommen!“ flucht der
Major.

„Doch nit, Ew. Gnaden! Von den Halunkenbueben wird jeder chome und sin
Pflicht genüge!“

„Wer wird kommen?“

„Die Buebe von den Halunken!“

Verwundert beguckt der Major den Ortsvorsteher, ihm klingt es nahezu spanisch, daß die Halunken sich fügen und Soldaten werden wollen, während die anderen flüchtig gegangen sind. Der landkundige Zivilkommissär giebt indes die nötige Aufklärung, worauf der Kommandeur die Mannschaft wieder austreten und ihr vom „Ochsen“wirt die Morgensuppe reichen läßt.

Gegen neun Uhr soll das Aushebungsgeschäft beginnen. Neugierig ob der kommenden Dinge stehen die Hartschiere umher, und von Luken und Fenstern gaffen die Dorfdirnen herunter. Selbst auf die Gasse herunterzukommen, wagen sie nicht, denn sie fürchten die rauhen Soldaten.

In einer Stube des Wirtshauses harrt die Kommission der männlichen Dorfjugend und der Burschen aus den Einöden des hintersten Waldes. Allmählich trottet einer, zwei davon an, zaghaft, scheu und tief das Hüetli lüpfend vor den Hartschieren, die den Weg weisen zur gefürchteten Kommission. „Behalten“ wird natürlich jeder, so er nicht Krüppel ist, denn die stürmische Zeit verlangt möglichst viel Kanonenfutter. Noch riesig lang ist der Zettel mit den Namen der auszuhebenden Burschen, und grimmig überfliegt der Major immer wieder die Namen der Fehlenden. Eine Bewegung unter den Herren ist wahrnehmbar, aller Augen sind auf die Thür gerichtet, durch die mit tiefen Bücklingen der alte Biber tritt. Die Leutnants flüstern sich Witzworte über den „alten Rekruten“ zu, gespannt blickt der Major auf den Alten und fragt ihn dann barsch, was dessen Erscheinen vor der Kommission zu bedeuten habe.

Der Alte zuckt erschrocken zusammen und stammelt dann, um Verlaub bittend, daß er an Stelle seines Bueben komme, der krank, von einem Salpeterer gestochen, zu Hause liege und daher nicht erscheinen könne. Wenn der Herr General aber wissen lassen thäte, wohin nach erfolgter Genesung der Bueb kommen solle, werde der Michel sicherlich sich stellen, freiwillig kommen, wasmaßen die Biberischen „Halunken“ seien und zur Ordnungspartei auf dem Walde gehören.

Der Major kann sich einer gewissen Rührung kaum erwehren, und weich gestimmt, sagt er: „Es giebt doch seltsame „Halunken“! Ihr „Halunken“ oben im Walde seid ordentliche Leute, und die andern sind die rechten Halunken. Rein die verkehrte Welt! Aber wir brauchen Soldaten, wir können auf Euren Michel nicht verzichten. Geb Er, Biber, also dem Schreiber das Nähere an; sobald Euer Michel gesund ist, soll er sich beim Platzkommando in Freiburg stellen. Nun b'hüet Gott, Alter, Er ist ein wackerer Mann! Und für Euren Bueben will ich selber sorgen!“ Leutselig reicht der Major dem Wäldler die Hand und entläßt ihn mit dem Wunsch für baldige Besserung des Michels.

Stunde um Stunde vergeht, es kommt niemand mehr. Die paar Burschen der Ordnungspartei von Herrischried, Engelschwand und Rütte und aus einigen Einöden sind „verassentiert“ und ausgehoben, die Salpeterer aber fern geblieben und offenbar flüchtig gegangen. Der Major sieht allmählich ein, daß der Bürgermeister richtig prophezeite. Indes soll doch noch eine kleine Streifung in Salpetererwohnsitze unternommen werden; vielleicht haben sich welche von den Auszuhebenden versteckt. Es geht also eine Patrouille, von einem älteren Leutnant befehligt, ab. Mittlerweile machen die Kommissionsherren es sich an der Mittagstafel bequem, die der arme „Ochsen“wirt abermals kontributionsgemäß kostenlos stellen muß. Die Hartschiere besetzen die gewöhnliche Gaststube und nehmen dort ihre Atzung ein, die Chüngi mit dem Fleischerknecht herbeischleppt. Der Wirt selbst zäpflet am Weinfaß und berechnet den Schaden aus der heillosen Geschichte, die er so pfiffig angepackt glaubte. Hol' der Kuckuck das vorsichtige Neutralsein! Was hat er jetzt davon, daß er zwischen Speicher und Dachsparren stand und zu keiner Partei hielt! Als „Sparrengücksler“ ist er erst recht unter die Wägen gekommen. Für die Salpeterer hatte er Heißwasser bereitgehalten zum „Gottwilche“, wenn sie gekommen wären, ihm das Thor einzuschlagen, und die Offiziere hat er abgewiesen, ihnen die Einkehr verweigert. Wahrscheinlich hätte die Kommission ohne Widerstand alles bei Heller und Pfennig bezahlt, und jetzt kriegt der „Ochsen“wirt keinen Chrützer!

Die Patrouille ist resultatlos zurückgekehrt, die Einödhöfe sind leer bis auf die Wybervolk und weniges Greise. Die Männer und Burschen, alles Salpeterer, sind fort über die Waldberge. Näheres war aus den Weibern nicht herauszubringen. Dem Major dünkt weiteres Verweilen zwecklos, er läßt zum Sammeln blasen und rückt mit seiner Mannschaft ab über Todtmoos, um über Todtnau gen Freiburg zu marschieren. Wie der Wirt den letzten Hartschierfrack von rückwärts erblickt, macht er einen Luftsprung vor Freude, denn er hat längere Einquartierung befürchtet.

* * * * *

Die Höhenfeuer der verwichenen Nacht haben ihre besondere Bedeutung gehabt; es waren Alarmzeichen, die Ägidis Befehl an die gesamten Salpeterer übermittelten, in Eilmärschen bewaffnet ins Albthal zu ziehen und sich bei Kuchelbach zu sammeln. Durch vertraute Männer war die Kunde von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Weiler bis in die entlegensten Einödhöfe getragen worden mit dem Beifügen, daß die Rekrutierungskommissionen dort, wo sie in geringer Bedeckung sich befänden, unschädlich gemacht werden sollten. Und wie das erste Feuer emporflammte, steckten die Auslueger ihre Stöße in Brand, von Bühl zu Bühl lohte es auf, und in wenigen Stunden riefen die Flammenzeichen durch die ganze Grafschaft die Salpeterer zu den Waffen. Mann für Mann, die Burschen im Rekrutenalter, Weiber und Mädchen, zogen aus in selbiger Nacht über Berg und Thal, durch den ungeheuren Tann mit Fackeln und Mordinstrumenten. Wer sich unterwegs sträubte mitzugehen, ward niedergeschlagen, Halunkenhäuser wurden wenigstens in Bezug auf Proviant ausgeraubt, und die Schnapsflaschen gingen von Mund zu Mund, die immer anschwellende Schar völlig trunken machend, so daß die Wälder von Geschrei und Gejohle widerhallten. Krähten an einsamen Waldhöfen die Göckel und gackerten Hennen, grunzten Schweine: flugs begann die wilde Jagd und mit brüllendem Halloh ward die Beute mitgeschleppt, so der Höfler zu Hause war und damit bekundete, daß er zur Halunkenpartei gehört. Jeder echte Salpeterer muß sich ja nach dem nächtlichen Alarmsignal auf der Wanderung nach Kuchelbach befinden! Wer zu Hause bleibt, ist ein Halunke! Es gilt die Freiheit der Grafschaft, es gilt den Glauben!

Wie sonst die Bevölkerung der Hauensteiner Gemarkung am Allerseelensonntag von den Berghalden herabsteigt und frommen Sinnes zum Dörflein pilgert, um die Gräber der Verstorbenen zu schmücken und mit brennenden Kerzen unter Glockengeläute laut betend in feierlicher Prozession die Raststätten ewiger Ruhe zu umgehen: diesmal wallen die Scharen erregt, gröhlend, aus dem Tann herab gen Kuchelbach, dem Rufe zum Aufstand folgend. Der Friedhof des Dorfes ist der Sammelpunkt, und in der Kirche soll Gottes Segen erfleht werden für den Kampf ums heilige alte Recht. Die Glocken wimmern im frischen Morgen; Riedmatter, der Führer der weitverzweigten Bruderschaft, hat das Sturmgeläute befohlen und den protestierenden Pfarrer einfach im Pfarrhofe gefangen gesetzt und bewachen lassen. Wer gegen den Führer ist im Denken und Handeln, ist Halunke, auch der Pfarrer, auf den sonst der Hauensteiner viel hält, so dieser nicht neumodisch sich der Fremdherrschaft beugt und der Obrigkeit zu Willen ist.

Es wimmelt auf den Halden, in dichten Scharen ziehen die fanatisch erregten Menschen herab, Kreuze tragend, bewaffnet bis an die Zähne mit altem Geraffel, Sensen, Gewehren, Dreschflegeln, Sicheln und Prügeln. Weithin ist das Gekreisch der trunkenen Weiber, das Gejohle der Männer hörbar; das Sturmgeläute stachelt zur Sinnlosigkeit auf. Der Friedhof zu Kuchelbach gleicht einem Kriegslager; die Salpeterer des Dorfes haben zwischen den Gräbern ihr Hauptquartier aufgeschlagen; es sollen auch die Toten ihren Anteil am Befreiungskriege haben! Waffen aller Art liegen wirr durcheinander auf den Grabhügeln, und außerhalb der Kirchhofsmauern sind fliegende Schänken errichten, in denen geraubter Halunkenwein für die „Brüder“ verzapft wird. Auf einem improvisierten Podium, mit Totenschädeln aus dem Beinhaus garniert, thront Ägidius Riedmatter, von bäuerliche Adjutanten umgeben. Der alte Mann hat einen ungeheuren Husarensäbel umgeschnallt, und seine Hotzenmütze trägt einen Gardistenfederbusch in österreichischen Farben zum Zeichen seiner Generalswürde. Mit Genugthuung sieht Riedmatter, dem das Machtgefühl zu Kopf gestiegen, auf die heranwallenden Scharen, die seine „Armee“ rasch verstärken. Auf solch' großen Zuzug hat der „Feldherr“ selbst nicht gerechnet. Wie die vielhundertköpfigen Scharen verköstigt und für die Nacht untergebracht werden sollen, kümmert Ägidi in seinem Hoheitsgefühle wenig. Was den Halunken in Kuchelbach, Unteralpfen und Birndorf abzunehmen war aus Rauchkammern und Kellern, ist im Requisitionswege genommen und ins Hauptquartier geschleppt worden. Das Weitere wird sich wohl finden, im Notfalle können die Scharen in der Kirche übernachten. Krieg und Not kennt kein Gebot. Wer weiß, wann es schon zum Angriff geht; je eher, desto besser, denn die versammelten Salpeterer sind voll guter Hoffnung und voll des Weines, der Begeisterung schafft. In solcher Stimmung kämpfen die Leute besser als abgehetzt und mit leerem Magen. Drum läßt Ägidi immer neue Fässer anzapfen; sie sollen toll werden, bis die Husaren und Panduren von Waldshut anrücken. Die „Adjutanten“ empfangen jeden neuen Trupp und geleiten die gröhlenden Leute vor den „Thron“ des „Feldherrn“ zur Huldigung. Riedmatter steht mit hocherhobenem Säbel auf dem Podium und läßt sich umjauchzen. Dann winkt er, Ruhe heischend, und befiehlt: „Hut ab und Mützen 'runter! Ich will reden!“ Allmählich wird es still im Kirchhof und dessen nächster Umgebung. Riedmatter reckt sich und wirft sich in die Brust. Dann hebt er an: „Gottwilche! Seid gegrüßt im Namen der heiligen Mutter Gottes! Und seid bedankt für euer Kommen! Es gilt jetzt einen Hauptschlag! Mit kleinen Mitteln haben wir uns bishero gewehret gegen Bedrückung jeglicher Art, gegen Zehent und Steuern und neumodische Verordnungen, die im Widerspruch stehen gegen alte Brief, Privilegy und Handfesten von unserem Grafen Hans von Hauenstein. Wie mir gemeldet, wollen sie uns jetzt die Blutsteuer auferlegen, unsere Söhne nehmen und zu Soldaten machen. Und weil auf meinen Befehl die Rekrutenkommissionen überall im Walde verjagt sind, wird man uns wohl Panduren, Kroaten und Husaren auf den Leib schicken, um uns zu zähmen und zu bändigen. Es soll ihnen aber by Gott übel bekommen. Denn fest geschlossen ist unser Bund, heilig unsere Sache! Ich sage es, und das genügt! So lange auch nur drei Salpeterer zusammenhalten,[14] werden wir obsiegen, denn unsere Sache ist gerecht. Dafür ein Beispiel: Ein Halunke hat den Anspruch gethan: wenn die Salpeterer recht hätten, so wolle er den priesterlichen Segen nicht mehr empfangen. Und gestern begegnete der Mann zwischen Waldshut und Oberalpfen einem Kaplan, der ihm an einem Kreuz den Segen gab. Da ist der Halunke plötzlich tot niedergefallen. Also ist unsere Sache gerecht, vom Himmel, von Gott gesegnet! Des Himmels und des Papstes Beistand ist uns sicher! Und wir gehen freudig und mutig in den Kampf für Gott, den Glauben und unser Recht! Die Freiheit über alles! Schwöret mir anjetzo Treu' und Gehorsam, Tapferkeit vor dem Feinde! Schwöret!“

Mit erhobenen Armen und ausgespreitzten Fingern leisten die Scharen den verlangten Schwur, es kreischen die Weiber, es gröhlen die Männer und Jünglinge. Nur der Sepli von Herrischried, den seine Vroni zum Mitmarschieren gezwungen, rührt sich nicht, und er erhebt die Hand auch nicht, als sein fanatisches Weib ihm Rippenstoß über Rippenstoß verabreicht, und ihm abermals mit Eheabbruch droht. Im wirren Tumult beachtet niemand diese eheliche Streitscene; um die fehlende Schwurhand zu ersetzen, hebt Vroni ihre beiden Hände empor und schwört doppelt, gleichzeitig aber den bockbeinigen Gatten mit Fußtritten traktierend.

Nach geleistetem Schwur drängt alles, rücksichtslos über die Gräber steigend, Kreuze achtlos brechend, hinaus zu den Weinfässern, die mit Gebrüll und Gejohle gestürmt werden wie die Berge von Rauchfleisch und Schinken. Eingekeilt in die Menge, wird auch der ruhige Sepli mit seiner Vroni hinausgeschoben. Kaum spürt Sepli etwas Freiheit, so trifft er Anstalt, sich zu drücken; ihm ist der ganze lächerliche und ebenso gefährliche Rummel in die Seele hinein zuwider. Er erkennt, daß die trunkenen Leute, ohne es zu ahnen, um ihr Leben spielen und vor dem Tode stehen, und drum will er sich für seine Person rechtzeitig in Sicherheit bringen, denn sind die Panduren einmal da, so wird einfach geschossen und nicht lange gefragt, ob einer Halunke oder Salpeterer sei. Mitgefangen, miterschossen, heißt es da. Vroni scheint zu ahnen, was Sepli beabsichtigt, und mit einem festen Griff packt sie den Ausreißer am Rockkragen und zerrt ihn mitten in die wilderregte Menge.

Riedmatter sitzt noch immer gebieterisch auf seinem Thron und spricht einem dickbauchigen Weinkrug fleißig zu. Er will sich Mut antrinken. Da kommt kreidebleich ein Adjutant heran und stottert: „Die Kroaten kommen!“ Riedmatter das hören, den Säbel und die Mütze wegwerfen, mit einem Sprung vom Podium herabsetzend und wie rasend flüchtend, ist eins! Und wie besessen, zeternd, kreischend, um Hilfe schreiend eilen die Nächststehenden nach, indes von den jüngeren Burschen mehr aus Übermut und Ulk Schüsse abgefeuert werden. Und das ist zum Unglück, denn die im Laufschritt herankommenden Panduren glauben, die Schüsse der Rebellen haben ihnen gegolten und feuern nun in das zurückgebliebene Menschenhäuflein. Eine Kugel trifft den armen Sepli, der mit dem Rücken gegen die Panduren stehend, die Gefahr nicht wahrgenommen hatte und sich nicht mehr rechtzeitig retten konnte. Aufschreiend stürzt Sepli vornüber zu Boden mit durchschossener Brust. Sein Weib hat sich gleich hinter Riedmatter in Sicherheit gebracht. Drei, vier Salpeterer sinken gleichfalls tödlich verwundet nieder; alles andere ist flüchtig davon. Wie besäet ist der Platz am Kirchhof von Waffen und Gerümpel, zertretenen Fässern, Fleischresten und dergleichen. Die Panduren schwärmen aus, Husaren sausen im Galopp den Flüchtigen nach, das Dorf wird im Sturm genommen ohne Widerstand. Die Halunkengreise, Männer, Weiber und Kinder bieten dem Kommandeur die Schlüssel an und erklären den Sachverhalt, worauf sie pardonniert werden. Die Salpetererhäuser werden scharf durchsucht; sie sind leer, die Rebellen haben sich in den schützenden Tann geflüchtet. Vorsichtshalber wird auch noch die Kirche durchsucht, und in einem Beichtstuhl versteckt, finden die Panduren den Truppenführer der Salpeterer, den tapferen Magnus Riedmatter, der sofort gebunden und gefangen gesetzt wird. Und von den zurückkehrenden Husaren wird auch der alte Riedmatter, mit einem langen Strick an den Sattelknopf gebunden, gleich einem Kettenhunde eingebracht; auf flüchtigen Pferden haben die ungarischen Reiter den Messias der Salpeterer just noch überritten, als Ägidi in den schützenden Tann einspringen gewollt.

Die Rebellen sind verschwunden, verstreut wie Spreu vom Winde. Verlassen ihre Gehöfte und Siedelungen, Felder und Wiesen. Das war ihr „Sieg“ zu Kuchelbach und Birndorf. Panduren schaufelten dem Opfer dieses unheilvollen Tages, dem armen Sepli, das Grab, und vor Anbruch der Nacht war er beerdigt. Tags darauf hauchten auch die übrigen angeschossenen Leute das Leben aus und fanden die Ruhestätte in einem gemeinsamen Grabe.

* * * * *

Was einem eingeborenen Hauensteiner wohl selten oder nie passiert: sich im Tann zu verirren und den Pfad, die Richtung zu verlieren, dem Streitpeter ist's passiert auf seiner Wanderung vom toten Bühl durch den Wald, über Berge, durch Schluchten hinüber ins Albthal. Peter ist irr gegangen und merkte dies erst, als nach langem Marsche der muntere Albbach noch immer nicht in Sicht treten wollte. Er ist zuviel in südliche Richtung geraten und steht schließlich vor Oberwihl, während er doch über Rißwihl nach Kuchelbach wollte. Der Vorgang ist nun zwar kein Unglück, aber eine heillose Verspätung bleibt es doch. Da Peter Hunger und Durst verspürt, will er sich im Wihler Wirtshaus stärken und hernach gen Thal heruntersteigen, um dann dem Steinbach entlang nach Kuchelbach zu marschieren. Was Peter noch nie als Glück betrachtet hat, was im Gegenteil in seinen Augen Schande ist: der Wihler Wirt ist Halunke und deshalb zu Hause geblieben. Schier das ganze Dorf ist leer, fast alles hat dem Aufgebot Folge geleistet und ist zum Kuchelbacher Friedhof-Hauptquartier gezogen. Durch die Anwesenheit des Wirtes bekommt daher Peter erwünschte Atzung, die ihm sonst sicher nicht geworden wäre bei versperrtem Hause. Freilich erkennt Peter aus den Mitteilungen des Halunken-Wirtes, daß er spät, sehr spät daran ist, denn die Wihler Salpeterer sind schon seit geraumer Zeit fortgezogen, wie toll, sagte der Wirt, und sicher ins Verderben.

Peter horcht auf und fragt dann möglichst harmlos, wieso die Leute ins Verderben gezogen wären. Der Wirt erklärt, daß das Aufgebot auch in Albbruck bekannt geworden sein müßte, weil bald darauf reitende Boten nach Säckingen und Waldshut abgegangen seien. So hätte wenigstens ein Wihler, der in Albbruck die wie rasend fortstürmenden Reiter gesehen habe, heimgekommen in Wihl erzählt.

Peter meint, das könne aber doch mit anderen Dingen zusammenhängen, und an Verrat des Aufgebotes glaube er nicht.

Verrat brauche das — entgegnet der Wirt — nicht zu sein: die Salpeterer haben es laut genug ausgeschrieen, daß sie nach Kuchelbach zur Sammlung ziehen, und dann in geschlossenen Reihen nach Waldshut marschieren wollen, um Abrechnung zu halten und die alte Einungsordnung einzusetzen im Wald.

„Ausgeschrieen? Das isch frili dumm!“ stammelt Peter ganz verdattert.
Ihm will solche Ungeheuerlichkeit nicht zu Kopf: Aufgebot, den ganzen
Kampfplan öffentlich auszuschreien und den Halunken preiszugeben — was
müssen die Albthaler Salpeterer für Schafsköpfe sein.

Und wegen der Reiterboten glaubt der Wirt, daß Panduren und Husaren wohl nach Kuchelbach kommen und die ganze tolle Gesellschaft einfangen, wenn nicht niederhauen werden. „Mit de Salpeterer goht's nidsi: (abwärts)!“ versichert der Wirt.

Petern leidet's nicht mehr in der Wirtschaft; er will eiligst zu Ägidi laufen und ihn warnen, ihm das Gehörte vertraulich mitteilen, die Bruderschaft in gute Deckung bringen und vor Überfall sichern.

Eine Angst befällt Petern, der lauft wie noch nie im Leben. Schon sieht er den Albbach glitzern tief unten im Thale, eine kurze Stecke noch und er wird in Kuchelbach sein. Was ist das für ein Lärm? Wie rasend flüchten Menschen die Hänge hinan, schreiend, von Verzweiflung getrieben, und hinterdrein jagen Husaren; Gewehre knattern, Pulverdampf steigt auf — eine entsetzliche Menschenjagd ist's — die Salpeterersache ist verloren!

Peter starrt einen Augenblick hinab ins Thal, dann aber regt sich der Selbsterhaltungstrieb in ihm und jäh kehrt er um, zurück in rasendem Lauf, hinein in den Wald und heimwärts mit fliegendem Atem. Verloren die Salpeterei! Verloren, bevor sie zum Sieg ausgezogen! Verloren die Grafschaft, das alte Recht, die alte Einung! Sie werden nun Soldaten in alle Dörfer legen, die Mitglieder der Bruderschaft einzeln herauszufangen und zu Freiburg vor'm Hofgericht massakrieren. Drum hinein in den dichtesten Wald — der Tann allein schützt den Schwarzwälder — dort, wo die Nadeln am dichtesten sind.

Atemlos, abgehetzt, von Angst gefoltert, an allem verzweifelnd, erreicht Peter sein heruntergekommenes ärmliches Haus am Bühl; scheu blickt er um sich, namentlich gen Hochschür hinüber, er fürchtet überall Panduren und Husaren hervorbrechen zu sehen. Alles ist ruhig wie vordem: schwarz der Tann, graugelb die Matten und Hänge, weggewaschen der Schnee — eine Totenstille liegt über dem Bühl. Gottlob! Hier herauf sind die Häscher noch nicht gedrungen. Aber sie werden kommen! Hastig sucht Peter nach dem Thorschlüssel; endlich findet er ihn und schließt auf. Schnell rafft er Proviant zusammen und bindet alles in ein Linnen. Soll er auch einen Krug Wein mitnehmen? Ein Geräusch draußen läßt Petern davon Abstand nehmen, schreckerfüllt packt er das Linnen und jagt, wie von Furien verfolgt, in den Tann. Sogar seine Akten hat er im Stich gelassen, und angelweit offen steht die Hausthür.

Vom „Schild“ rasselt ein leerer Blumentopf völlig herunter, den die
Hauskatze ins Rollen gebracht; das war das Geräusch, das Peter in die
Flucht gejagt.

* * * * *

Es ist wieder Winter geworden auf dem Wald; erst zog es an und wurde scharf kalt in der Nacht, dann schob der Westwind graue Wolken heran, aus denen die Flinsen anfangs zaghaft herabfielen, bis die Flocken Mut bekamen und in tollem Wirbel zur Erde flatterten. Immer größer wurde das Geflock, Hügel und Matten kleiden sich wieder weiß, ins Leichentuch der Natur, und geduldig halten auch die ernsten Tannen still bei dieser Liebeswerbung des weißen Wintergastes. Es schneit ununterbrochen stundenlang; dann wird es kalt, bitter kalt, wie sich's gehört zur Adventszeit. Steif gefroren ist alles, ein ungeheurer Panzer hält die Schwarzwalderde umschlungen, fest, ehern und silberweiß.

  „Und wo me luegt, isch Schnee un Schnee,
  Me sieht ke Stroß' und Fueßweg meh.“

So grimmig der Winter wiedergekommen mit Ungestüm und Macht, im alten Hause bei Biber ist Frühling: Michel ist wieder gesundet, er steht, wenn auch noch etwas schwach und matt, wieder auf den Beinen und verbringt die kurzen Tagesstunden auf der „Kunst“ beim warmen Kachelofen im Untergelaß. Thrinele hat ihre Kräuterreste zusammengepackt und sich fertig gemacht, das Haus zu verlassen. Ihre Pflegeraufgabe ist gethan, und damit der Zweck ihrer Anwesenheit erfüllt. Mit rührenden Worten hat sie der alten Biberin herzlich gedankt für die gütige Aufnahme und Erlaubnis, daß sie dem Michel Pflegerin sein dürfte. Und Muetti nahm das Maidli in die Arme und küßte es ab und nannte Thrinele „Tochter“; und 's Maidli weinte Freudenthränen am Herzen der alten seelensguten Frau. Ob es freilich dazu kommen werde, daß Michel und Thrinele vereint am Altar stehen werden, das kann nur Gott allein wissen. Die Zeiten sind schlimm, und böse die Verhältnisse. Wollten auch Bibers — der Ätti muß doch auch erst gefragt werden — zustimmen in der Erkenntnis, daß es weit und breit auf dem Wald kein braveres Maidli gebe, Thrineles Vater ist streitsüchtig und der Salpeterersache ergeben. Und niemals hat man gehört, daß Kinder aus Halunken- und Salpetererfamilien im Wald zusammen geheiratet hätten. Sicherlich wird der Streitpeter böse sein, daß Thrinele über Hals und Kopf das Vaterhaus verließ und Aufnahme bei Halunken gefunden; von einer Heirat wird er erst recht nichts wissen wollen. Ist ja doch landbekannt, daß er lieber verderben, als die Sache der Salpeterer aufgeben wolle, für die er nahezu alles geopfert, für die er sozusagen bettelarm geworden ist. Ein halbdutzend Kühe, Pferde und Fahrnisse hat seine Streitlust, sein Kampf gegen die Obrigkeit schon verschlungen, das Anwesen ist verschuldet, heruntergekommen, aber zäh hält Peter an seinem Wahne fest. Das weiß man am Bühl wie zu Herrischried, und drum — so meint Muetti — müsse man das Weitere Gott, dem Lenker der Schicksale überlassen. Wortlos, das Köpfchen geneigt, hat Thrinele der Alten zugehört; 's Maidli nickt unter Thränen und ist bereit sich zu fügen, zu entsagen. Nur dem Ätti möchte sie noch danken, sich von ihm verabschieden. Aber der alte Biber ist seit einigen Tagen — Thrinele hat das gar nicht bemerkt — von Hause fort und nach Säckingen zu Amt gegangen. Heute wird er zurückerwartet; bis zu seiner Rückkehr solle Thrinele daher im Hause bleiben, und solle es dann zu spät zum Heimgehen auf den Bühl werden, so müsse 's Maidli eben noch eine Nacht bei Bibers verbringen. Und so wartet denn Thrinele, rückt die Kunkel ans Fenster und spinnt fleißig, daß das Rädli summt und surrt. Zartfühlend hat Muetti auf ein Weilchen die Stube verlassen und sich anderwärts zu schaffen gemacht, auf daß das Pärchen Abschied nehmen könne, wer weiß auf wie lange Zeit.

Michel kommt denn auch, noch etwas unsicher gehend, auf das emsig spinnende Maidli zugeschritten, legt liebkosend seine Hand auf Thrineles Köpfchen und flüstert: „Will d'Sunne wirkli von mir goh?“

Seufzend nickt's Maidli, und salziges Wasser füllet die Äuglein.

„Gohst licht von mir?“

Weinend bittet 's Maidli: „Mach' mir 's Herz nit schwer, Michel! Lueg: Wenn im Früehlig 's Schwälmli wieder singt: vielleicht das Glück uns zusamme bringt! Wir müsse warte und uf Gott vertraue!“

Schwere Schritte vor dem Haus unterbrechen das Gespräch der beiden; es ist Ätti, der von Säckingen zurückgekehrt ist und lärmend sich den Schnee von den schweren Schuhen abflößt. Schon im Flur begrüßt ihn Muetti, gleichzeitig fragend, wie es sei zu Amt und was Ätti ausgerichtet habe.

Lachend mahnt der Alte: „Zit lasse, Muetti, sust erstickst am viele
Frage!“

In die Stube eintretend, wird Biber herzlich begrüßt und willkommen geheißen vom Sohn und der Thrinele.

„Potz tausig! Isch der Bueb au wieder uf de Bine! Gottwilche ußerm
Bett!“

Damit hat nun das Reden beim Ätti vorerst ein Ende; er langt nach dem Pfifli, es muß erst ein Weilchen Tubak geraucht werden, dann kann's ans Verzählen gehen. Muetti bringt zur Stärkung ein Gläschen Chriesiwasser, das Ätti bedächtig leert und dann mit der Zunge schnalzt. Dann wird's still in der warmen Stube, und Thrineles Rädchen summt und brummt.

Das Pfifli ist zu Ende geraucht. Jetzt spricht Ätti: „Michel!“

„Was isch, Ätti?“

„Nüt isch!“

„Wie sagsch?“

Schmunzelnd vor innerem Vergnügen erzählt der Vater, daß der Amtmann erklärte, der Michel könne ruhig zu Hause bleiben. Die Geschichte von der Anmeldung des Kranken, seine Bereitwilligkeit nachzudienen, sobald er wieder gesund sei, in Verbindung mit der Salpetererschlacht bei Kuchelbach habe die Regierung veranlaßt, den Michel vom Militärdienst zu befreien. Es würden lediglich Salpetererbuben zwangsweise eingereiht, Halunkensöhne aber wieder losgegeben. Unter anderen werde auch Jobbeli, des Streitpeters Sohn, nach Verbüßung seiner Gefängnisstrafe unters Militär gebracht zum warnenden Beispiel für andere Salpeterer.

Wie Michel aufjubelt! Seine bleichen Wangen röten sich, er zittert vor Freude, drückt dem Ätti die Hand und bittet Thrinele, seine Freude zu teilen und zu bleiben in Vaters Haus.

Herzlich wünscht 's Maidli dem Michel Glück, erhebt sich aber dann, verabschiedet sich dankend für all das Genossene bei Ätti, Muetti und Michel, und hüllt sich in ihr Tuch. „Bhüet Gott mitsamme, bhüet Gott!“ Und fort ist 's Maidli. Michel ist vors Haus getreten; kaum erblickt er noch 's Thrinele, wie es hastig durchs Thälchen eilt, der Straße nach Hottingen zu. Und weit draußen, an der Biegung des Thalsträßleins dreht Thrinele um und winkt zurück, einen Augenblick nur, dann stapft es in abendlicher Dämmerung heim zum toten Bühl.

* * * * *

Von Leuten, die zu Freiburg waren und trotz Schnee und Wintersnot über Todtnau in den Wald heimgekehrt sind, ist die Kunde von Bühl zu Bühl getragen worden, daß das Gericht die erwischten Salpeterer abgeurteilt habe. Den alten Riedmatter wie seinen Sohn habe man ins Arbeitshaus gebracht, wo beide schimpflich das Rad drehen müßten. Andere seien zu öffentlichen Strafarbeiten verurteilt, und diejenigen, die glücklich in die Schweiz gelangten, dann aber nach einiger Zeit über die Grenze gingen, um zu Haus und Hof zurückzukehren, seien am Rhein abgefaßt und in den Amtsgefängnissen eingekerkert worden. Außerdem brachten die Leute die Kunde mit, daß nach der Schneeschmelze eine allgemeine Streife nach Salpeterern vorgenommen, jeder, ob an Kuchelbach beteiligt oder nicht, eingefangen und alle Jungens zum Militär gesteckt werden, die kleinen Kinder aber weggenommen würden. Mit Bangen sahen die eingeschüchterten Salpeterer daher der trüben Zukunft entgegen, und bei manchem stiegen Zweifel auf, ob denn wirklich die „heilige Sache“ recht behalten werde.

* * * * *

Spät am Abend langte Thrinele am Heimatshause auf dem toten Bühl an und fand zu ihrer großen Verwunderung die Thür offen, den Eingang schneeverweht, das Haus menschenleer. Wo Jobbeli steckt, weiß Thrinele aus Bibers Munde; wo aber Ätti weilt, das kann sich das Mädchen nicht denken. Der jungfräuliche Schnee im Hausflur deutet darauf, das seit längerer Zeit das Haus unbetreten geblieben sein muß; es ist nirgends eine Spur, ein Menschentritt wahrnehmbar. Und kalt ist es in allen Stuben, erloschen jegliches Feuer. In der Gaststube liegen wirr verstreut Brotreste, Messer und Gabel, Wäsche durcheinandergeworfen, wie wenn jemand in großer Eile darnach gesucht hätte und verscheucht worden wäre. Sollten Hochschürer das verlassene Haus „heimgesucht“ haben? Mit dem flackernden Kienspahn sucht Thrinele den Keller ab und findet einen abgefüllten Krug neben dem Fasse stehen, der offenbar vergessen worden ist. In den übrigen Stuben fehlt nichts, es liegt und steht alles, wie es Thrinele vor ihrem Abgang zurückgelassen. Nur die Rauchkammer ist eines Teiles vom Inhalte beraubt. Also werden Schinkenfreunde aus Hochschür dagewesen sein, deren Vorliebe für Rauchfleisch und Schweinskeulen landbekannt ist. Thrinele fegt zunächst den Wehschnee aus dem Flur, schließt die Thür ab und macht im Ofen der unteren Stube Feuer an; ebenso sorgt sie für Erwärmung ihrer Schlafstube. Wie das wohlig prasselt! Geschäftig säubert Thrinele die Stuben und fegt sie rein, emsig und unverdrossen. Wo nur Ätti sein mag? Auf einen Rüffel wegen ihrer plötzlichen Flucht zur Pflege des Gestochenen macht sich Thrinele vorweg gefaßt: Ätti wird höchst wahrscheinlich heillos poltern und fluchen. Aber Thrineles Gewissen ist rein, sie hat so handeln müssen, ihr Herz hat sie dazu gedrängt. Dafür will 's Maidli jetzt um so treuer das Haus beschützen und bewahren. Wie Ätti den „Dürren Ast“ nur so leicht verlassen konnte, die Thüre offen, alles preisgegeben dem nächstbesten Stromer?! Das soll jetzt anders werden; ja Thrinele ist fest entschlossen, verdächtige Gäste überhaupt nicht einzulassen. Lieber nichts verdienen! Eben kommt Thrinele zum Nachschüren wieder ins Erdgeschoß, da schreckt ein Klopfen sie auf, es pocht jemand an der Thür. Mit verhaltenem Atem horcht Thrinele.

Eine dumpfe Stimme ruft außen: „Flieh', Peter! Im Namen der heiligen
Maria, bring' dich in Sicherheit! Alles isch verloren!“

Thrinele bebt an allen Gliedern. Was soll die Warnung bedeuten? Der Fremde entfernt sich wieder; deutlich vernimmt das Mädchen die Schritte im knirschenden, steif gefrorenen Schnee. Thrinele eilt die Treppe hinan, reißt im oberen Gelaß ein Fenster auf und beugt sich hinaus, um vielleicht noch sehen zu können, wer der Warner gewesen ist. Im Zwielicht des flimmernden Schnees und des schwachen Blinkens der wenigen Sterne am Himmel kann sie nur noch eine schwarze Gestalt wahrnehmen, die eilig den Bühl hinunterläuft. Eine eilige Warnung, offenbar eines Freundes, der selbst die Häscher fürchtet und sich gar nicht die Zeit genommen hat, auf das Öffnen der Hausthüre zu warten. Dem Ätti droht also Gefahr; Thrinele wird wach bleiben müssen. Wer weiß, ob nicht schon in dieser Nacht die Büttel oder Soldaten kommen werden. „Alles ist verloren!“ hat jener Mann gerufen; das kann doch nur die Salpeterersache angehen, für welche Thrinele sich noch nie hat begeistern können. Sie ist, seit sie die Ruhe und den Frieden bei Bibers, in der Halunkenfamilie, kennen gelernt, jetzt völlig für die Partei der „Ruhigen“, die über kurz oder lang wohl Oberhand im Wald wird gewinnen müssen. Was bei ständigem Streit, bei der Prozeßwut herauskommt, hat Thrinele im Vaterhause zur Genüge kennen gelernt; die letzte Kuh ist aus dem Stall und vom Advokaten verschlungen worden, die wenigen Felder sind unbebaut geblieben und Ättis Waldgrund ist gelichtet. Verarmt die ganze Familie, Gott sei's geklagt! Wenn je an Hochzeit gedacht werden dürfte: was kann's Maidli dem Michel anheiraten und mitbringen? Nichts als ihr gutes Herz und den guten Willen, ihm, dem Geliebten, treu zu dienen! Und das, so flüstert Thrinele im einsamen Haus vor sich hin, ist ja so wenig!

Die Nacht geht rum, ohne daß sich etwas ereignet; Thrinele hat angekleidet im Bette gewacht, nur auf kurze Zeit sich wohltätigem Schlummer überlassen. Am frühen, dämmerigen Morgen hält Thrinele Nachsuche in den Küchenvorräten, und da sieht es übel genug aus. Mehl und Butter muß ergänzt werden, auch Salz geht zur Neige. Zum Glück findet das Mädchen etwas Kleingeld zum Einkauf in der Schublade Ättis, und damit pilgert Thrinele, nachdem sie das Haus wohl verwahrt, hinüber nach Hochschür und trägt den Proviant im Rückenkorb dann wieder ins winterlich einsame Haus.

* * * * *

Wienechtzit! Weihnachten im Walde naht, schneebeladen stehen die dunklen Tannen als richtige Weihnachtsbäume, festgefroren klammert sich das erstarrte Geflock ans Geäst. Eisig kalter Wind pfeift um die Bühlhöhen und heult in den eisgeschmückten Schluchten. Mehr denn je umlagern die einsamen Wäldler den Ofen und verbringen die Zeit auf der „Chauscht“. Strohumhüllt stehen die Brunnen, auf daß das nötige Wasser nicht einfriert. Überall tiefer Schnee, starres Eis, und eine bittere Kälte! Wer nicht muß, verläßt das schützende Haus nicht, und draußen giebt es um Weihnachten keine Arbeit, zumal die Holzarbeit längst erledigt ist.

Die Feiertage stehen vor der Thür. Thrinele hat es sich angelegen sein lassen, die Stuben sauber zu fegen und verbringt die langen, stillen Abende am schnurrenden Spinnrad, mit Gedanken an den Geliebten und an den verschwundenen Vater. Bittere Sorge um ihn erfüllt das junge Herz, seit Thrinele in Hochschür erfahren, daß in Kuchelbach die Salpeterersache ein so böses Ende nahm. Niemand will aber an jenem Unglückstage den Streitpeter gesehen haben; die Hochschürer Salpeterer, so sie sich durch rasende Flucht retten konnten, verstehen es auch nicht, warum just der Vertrauensmann beim Zuge nach Kuchelbach gefehlt hat. Daß er etwa Halunke geworden sei, ist nicht wahrscheinlich, dagegen spricht sein Verschwinden. Es müßte nur sein, daß er verunglückt, an einsamer, wenig begangener Stelle von einer Pandurenkugel niedergestreckt und noch nicht aufgefunden worden sei. Ein ganz rätselhaftes Verschwinden! Übel genug steht die Salpeterersache an sich, wenn auch für die nächsten Monate, so lange des starren Winters Macht auf dem Walde gebietet, keine Gewaltmaßregeln gegen die Bruderschaft zu gewärtigen sind. Und jener fremde Warner wird ein Salpeterer, vielleicht aus Herrischried gewesen sein, der von der Kuchelbacher Niederlage erfahren hat und den Ätti eilig verständigen wollte in der Meinung, daß die Panduren auch zum toten Bühl heraufkommen würden.

Früh dämmert es am Bühl, doch wirft die große Schneefläche noch so viel Schimmer in die Stube, daß Thrinele eine Weile ohne Kienspan spinnen kann. Im Kachelofen knistert und prasselt das eingeschürte Tannenholz, behagliche Wärme verbreitend. An Einsamkeit gewohnt, empfindet 's Maidli die winterliche Gefangenschaft nicht so schrecklich, zumal ja die Arbeit die Zeit kürzt. Ein Knirschen im Schnee wird hörbar, das knarrende Geräusch nähert sich dem Hause. Sollte ein Gast kommen? Fast fürchtet sich Thrinele. Ein Ausblick durch die mit Eisblumen gezierten Fenster ist nicht möglich, zum Aufhauchen eines Guckloches im Fenster fehlt die Zeit. Es pocht am sorglich verschlossenen Thor, erschrocken fährt Thrinele auf und eilt hinaus. „Wer isch drauße?“ fragt das Mädchen im kalten Flur.

„Ufgemacht! Ich, der Peter Gottstein bin's und will in mi Haus!“

„Ätti, Ätti!“ ruft Thrinele überrascht und schließt, zitternd vor
Überraschung und Erregung auf.

„Rasch, rasch! schließ' zu!“ schreit Peter und eilt in die warme Stube, um sogleich am Ofen die „Chauscht“ aufzusuchen und sich die steif gewordenen Hände zu wärmen.

Ob verdächtige Gestalten, Soldaten in der Nähe gesehen wurden, fragt Peter und beruhigt sich erst, als Thrinele versichert, seit vielen Tagen niemanden in der Umgebung gesehen zu haben. Dann wär' es gut, meint Ätti und fordert Atzung nebst Wein, langentbehrte Dinge im Waldversteck.

Verwundert steht 's Maidli vor dem verwildert aussehenden Vater, der ihre Anwesenheit im Hause als selbstverständlich zu betrachten scheint und alles Vorhergegangene ignoriert. „Versteckt warsch, Ätti?“

„Leng' mir e Schöppli!“ befiehlt der Alte; das Weitere werde er schon erzählen. Thrinele holt gleich einen Krug voll Wein aus dem Keller und bringt den Rest Rauchfleisch, den die Hochschürer Schinkenfreunde zurückzulassen die Güte hatten. Peter labt sich und haut ein, tüchtig und eilig.

„Hasch Hunger, Ätti?“

„Dummes Geschwätz! Iß wenn d' chasch (kannst) un nüt hasch! Ich han schon drei Tag' nüt mehr 'gesse! Lueg!“ Und nun erzählt Ätti, inzwischen immer nach verdächtigen Schritten horchend, wie er am Abend nach der Kuchelbacher Schlacht heimgerannt, mit wenig Proviant in den tiefsten Tann geflüchtet sei und sich dort in einer Rindenhütte verborgen gehalten habe.

„Bi diese Kälte?!“

Es sei furchtbar kalt gewesen, namentlich zur Nachtzeit, und knapp die Nahrung. Als alles aufgekehrt gewesen, habe er in tiefer Nacht es gewagt, neuen Proviant zu holen.

„Dann war Ätti selber der Schinkendieb?“ wirft Thrinele ein.

„Wie?“

Thrinele setzt dem Vater auseinander, daß die Rauchkammer nahezu gänzlich ausgeraubt sei.

Peter schüttelt den Kopf; den benötigten Proviant habe er keineswegs aus seinem eigenen Hause geholt, sondern einem Hochschürer Keller, — es war ein Halunkenkeller — wo ein frischgeschlachtetes Schweinlein hing, entnommen, und — weil es pressierte — die Zahlung auf später verschoben. Fehlt etwas im „Ast“-Wirtshause, dann haben andere ihm seine Vorräte — gestohlen. Ja die Hochschürer!!! Also niemand von den Panduren war heroben am Bühl; auch niemand von den Behörden!

Abermals versichert Thrinele, daß sie niemanden gesehen habe.

Hm! Dann hat Peter die furchtbare Entbehrung gelitten ganz grundlos! Ebenso gut hätte er zu Hause in seinem Bett liegen können. Aber zu trauen ist der Geschichte nicht. Und verloren ist die Salpeterersache doch!

„Wie sagsch, Ätti?“

„Es ist nicht mehr an einen Sieg zu glauben. Aber ich will mich an Gottvater selber wenden, er soll entscheiden zwischen uns und dem Großherzog, und darnach wollen wir uns halten und fürder leben. Ich habe es mir gründlich überlegt draußen im bitterkalten Tann, und der Zweifel sind immer mehr geworden, ob wir allein recht hätten oder ob vielleicht doch der badische Herzog Herr ist und nicht bloß „Maier“ (Verwalter) vom Kaiser!“

„Ätti! Du glaubsch an den Herzog?!“ ruft freudigst überrascht Thrinele aus.

„Noch nicht! Der Herrgott soll entscheiden! Und nun halt' du Wache!
Weck' mich beim geringsten Geräusch! Morgen soll sich's entscheiden.
Guete Nacht, Thrinele!“

Wie eine Katze schleicht der Alte in seine Stube, um nach langer
Entbehrung wieder einmal in einem Bett zu schlafen.

Gerne wacht Thrinele für den Vater; kann sie doch jetzt ungestört ihren Gedanken nachhängen, die diesmal freudiger Art sind. Ist Ätti auch noch nicht ganz für den Großherzog, so befindet er sich doch bereits auf dem Weg, der zur Partei der „Ruhigen“ hinüberführt, und kann Ätti überzeugt werden, daß die Einungszeiten vorüber sind und der Großherzog zu Recht herrscht in seinem Lande, dann wird Ätti sicherlich die Salpeterer aufgeben und badisch werden. Und dann freue dich, junges Herz! Ist Ätti selber Halunke, wird ihm auch die Halunkenfamilie Biber nicht mehr als Feind erscheinen….

* * * * *

Der nächtlichen Sternenpracht machen rasch aufziehende graue Wolken ein Ende; ein steifer Nordwest jagt sie heran, es schneit bei großer Kälte: hartgefrorner kleinkörniger Schnee, der klirrend ausschlägt bei Berührung der harstigen alten Schneedecke. Und immer dunkler färbt sich das Firmament; tief hängen schwarze Wolken, bald hierhin, bald dorthin gejagt, ein eigentümlich Sausen erfüllt die Luft, grelle Blitze zucken hernieder: ein Gewitter ist im Anzuge. Dann springt der Wind um und bläst aus Süd, weicher werden die Flocken, Regentropfen fallen dazwischen: ein tolles Chaos in schwarzer Nacht mit unheimlichem Knistern, das auch noch forttobt am Morgen, die Tageshelle zurückhaltend. Verwundert betrachtet Peter den Sturm der Elemente von seinem offenen Stubenfenster aus; solche Gewitterstimmung verbunden mit Knistern und Sausen hat er um Weihnachten noch niemals wahrgenommen. Und abergläubisch fragt er sich unwillkürlich, was diese Trübung, diese Gewitterstimmung zu außergewöhnlicher Zeit wohl bedeuten möge. Will die Natur Unheil drohen, wie sonst blutigrote Kometen Krieg verkünden? Steht der dräuende Himmel in Verbindung mit der niedergehenden Salpeterersache? Schwarz, düster wie das Firmament ist ja die Zukunft der Wäldler seit der Metzelei am Friedhof zu Kuchelbach! Ein schauriger Beginn des Weihnachtsfestes, ein unheimlicher Heiliger Abend im Walde! Aber just bei solchem Himmel soll das Gottesgericht abgehalten werden. Gottvater soll entscheiden am Heiligen Abend über die heilige Sache und den Großherzog! Peter will nicht länger zögern; das Gottesgericht soll mit zwei Kerzen abgehalten werden und zwar um die siebente Abendstunde oben am Kreuz der Bühlhöhe. Drum sucht er, sich ins untere Gelaß begebend, nach Kerzen, wie solche, als sein Weib noch lebte, häufig während eines Gewitters angezündet worden sind, geweihte, sorglich aufbewahrte Wetterkerzen, bei deren Brand gebetet wurde, auf daß der Herr der Heerscharen und Elemente jeglich Unheil vom Hause ablenken und den Blitzstrahl in den Tann führen möge. In die Gaststube tretend, findet der Alte Thrinele schlummernd im Stuhl am Fenster mit einem verklärten Lächeln auf den Lippen. Wie die Thür ins Schloß fällt, schreckt das Mädchen zusammen und erwacht.

„Ätti, verzeih'! Der Schlaf hat mich überwältigt! Es isch aber niemand chommen!“

Wohl grollt Peter über solche „Wacht“, bei welcher einem das Haus weggetragen werden könnte; doch ist sein Sinn zu sehr auf das geplante Gottesgericht gerichtet, und milder, als es sonst seine Art ist, fragt er 's Maidli, wo denn die Wetterkerzen aufbewahrt seien.

„Wetterkerzen! Jez ze Wienechtszit?“

„Wienecht hin, Wienecht her! Ich mueß die Kerze han!“ Thrinele eilt in ihre Stube und kommt alsbald mit zwei schwarzen Kerzen zurück und überreicht sie dem Ätti.

Sinnend betrachtet der Alte die alten Kerzen, die noch keine Verwendung gefunden und wohl noch von Muetti aufbewahrt worden sind. Wenn man nur gewiß wüßte, ob die Kerzen auch richtig geweiht worden sind. Wenn nicht, so kann das Gottesgericht nicht richtig abgehalten werden. Sie aber nochmal, der Sicherheit wegen, weihen zu lassen, ist auch nicht angängig, denn der Pfarrer würde unzweifelhaft nach dem Grund einer abermaligen Weihe fragen, und Peter ist nicht gewillt, Gründe anzugeben und sich dreinreden zu lassen. Was aber thun? Peter will sicher gehen, die Kerzen müssen geweiht sein. Ob die Weihe aber nur der Geistliche vornehmen kann? Ein Gedanke fährt dem Alten durch den Kopf, und urplötzlich fragt er die Tochter, ob Weihwasser im Hause sei.

„Weihwasser?“ Thrinele vermag sich vor Verwunderung nicht zu fassen. Was doch der Ätti für sonderbare Dinge verlangt. Weihwasser ist vor Jahr und Tag in die sogenannten Weihwasserkesselchen neben der Schlafstubenthüre gegeben worden. Thrinele selbst hat es dem Taufbecken der Kirche entnommen und in einem Fläschchen heimgetragen. Wenn 's nicht völlig eingetrocknet ist, wird es wohl noch vorhanden sein. Ätti meint, daß solche Rede beweise, daß Thrinele nicht gar oft den Finger mit Weihwasser genetzt und das Kreuzzeichen gemacht hab. „Leng' es her!“

Gehorsam und über den Tadel des Vaters betroffen holt Thrinele das Kesselchen, worin sich ein Rest des geweihten Wassers befindet. Das genügt für den beabsichtigten Zweck. Peter schafft die Tochter aus der Stube, er will allein sein für eine Weile. Sodann bekreuzt sich der Alte und spricht vor sich hin: „Heiligste Jungfrau und Mutter Gottes Maria! Ich beschwöre dich durch das Blut des Heilandes, der für uns am Kreuz gestorben, steh' mir bei, nimm mich auf in die Zahl deiner Diener und sei Fürsprecherin für mich!“ Sodann nimmt er die beiden Kerzen, senkt sie mit dem unteren Teil in den Rest des Weihwassers und spricht: „Es steige herab in diese Quelle des Wassers die Kraft des Heiligen Geistes und gebe ihm wie den Kerzen die heilige Weihe! Amen!“ Dreimal macht Peter das Kreuzeszeichen über die Kerzen und beendigt die nach seiner Meinung nun betätigte „Weihe“. Sein Gewissen ist nun beruhigt, die Kerzen sind zum Gottesgericht geeignet. Sorgsam wickelt er selbe nun in ein Stück Papier, das er dem Kalender entreißt, und steckt sie in seine Rocktasche. Sodann ruft er nach der Tochter und fragt, was alles zu besorgen sei für die Weihnachtstage. Er giebt Thrinele einige Bätzner, womit 's Maidli, so der Schnee einen Gang ins Dorf verstatte, das Nötige einkaufen solle. Er selber werde, der Sicherheit halber, den Tag im Walde verbringen und erst nach Einbruch der Dunkelheit zurückkehren.

Trotz des schweren Schneefalles und der unheimlichen Witterung verlaßt Peter das Haus und watet, bis an den Bauch in den Schnee sinkend, über den Bühl dem Tann zu. Thrinele bahnt sich mühsam den Weg in's Dorf, um Vorräte einzukaufen. Bei Bekannten spricht sie vor, um die müden Füße etwas ausruhen zu lassen, und wie es schon geht, giebt ein Wort das andere. Auf die Frage, wie es zu Hause, im „dürren Ast“ gehe, platzt 's Maidli glücklich heraus, daß Ätti vergangenen Abend nach längerer Abwesenheit plötzlich heil und gesund, bloß arg verfroren, heimgekehrt sei und heute morgen die geweihten Wetterkerzen verlangt habe, mit denen er das Haus verlassen habe und in den Tann gegangen sei. Ist das eine Neuigkeit! Der Streitpeter zurück, gesund! Und alles hat bereits geglaubt, er liege irgendwo erschossen und verschneit! Und um Weihnachten verlangt er Wetterkerzen und geht damit in den Wald. Was das bedeuten mag? Offenbar will er sie opfern am Bühlerkreuz für die „gute“ Sache der Salpeterer. Das ist ein frommes, verdienstliches Werk, an dem man sich eigentlich auch beteiligen sollte, zum Nutzen der Salpeterersache.

Thrinele beendet das Gespräch; ihr ist immer unbehaglich, wenn von der „guten“ Sache gesprochen wird, weil sie stets insgeheim befürchtet, um ihre Meinung gefragt oder als heimliche „Halunkin“ erkannt zu werden. Unter der Vorgabe, daß der Weg durch den tiefen Neuschnee beschwerlich sei und Zeit verlange, entfernt sich Thrinele, ahnungslos, daß sie mit ihren Mitteilungen die Neugierde der Dörfler, die sofort verständigt wurden, aufs höchste wachgerufen hat. Es dauert auch nicht lange, da stapfen Männer und Burschen tapfer durch den Schnee und waten der Bühlhöhe zu. Am Waldesrand aber verbergen sie sich hinter den mächtigen Tannen, um der kommenden Dinge zu harren.

Früh wird es dunkel — hell ist's den ganzen Tag über nicht geworden — die Gewitterwolken hängen noch immer dräuend, pechschwarz tief herab, der Schneefall hat Nachmittag aufgehört, doch saust und knistert es ganz unheimlich, ein sonderbarer phosphoreszierender Schimmer strahlt von der Schneedecke am Bühl aus. Unverdrossen harren die Dörfler aus im Schnee stehend und auf das „Ereignis“ wartend.

Und da taucht auch richtig der alte Peter auf oben auf der Bühlhöhe und schreitet, mühsam im Schnee watend, dem Grenze zu, an dessen Schaft er die Wetterkerzen befestigt und selbe dann anzündet. Peter knieet nieder und ruft mit lauter Stimme: „Entscheide du, o Herr des Himmels und der Erde! Gott soll richten zwischen uns. Es brennt die Kerze für unsere heilige Sache und neben ihr die Kerze für den Herzog! Entscheide, o Herr, bestimme durch das Kerzenlicht und laß' erkennen dein Urteil! Ich füge mich der Sache, für welche die Kerze am längsten brennt! Verloren ist jene, die zuerst verlöscht! Entscheide, o Herr! So walte das Gottesgericht! Amen!“

Lautlos sind die Dörfler nähergerückt, die Augen in höchster Spannung auf das Kreuz und die brennenden Kerzen gerichtet. Peter starrt unverwandt auf die beiden Kerzen, die seinen Zweifeln ein Ende machen, entscheiden sollen, wessen Sache die gute und richtige ist.

Und nun knistert die Salpetererkerze, sie flackert auf, glost und verlöscht — — —. Ruhig, stetig brennt die Herzogskerze fort.

„Der Herzog hat recht!“ schreit Peter mit gellender Stimme und erhebt sich. Im selben Augenblick strahlt heller weißer Lichtschimmer vom Kreuze aus in Büschelform, es saust und knistert geisterhaft ringsum, ein seltsam Lichtbüschel, weißglühend flammt von der Herzogkerze aus, es leuchtet Peters Hut in einem bläulich weißen Licht, seine ganze Gestalt ist von weißvioletten Strahlen umflossen, eine blendende weiße Lichtsäule flammt vom Kreuz auf: Elmsfeuer!

Peter, überwältigt von dieser Lichterscheinung und dem Gottesgericht wirft sich in die Kniee, und desgleichen beugen sich die herangekommenen Dörfler, kreuzschlagend, fassungslos die erloschene Kerze und die ruhig brennende, weißschimmernde Herzogskerze anstarrend. Jetzt bemerkt Peter die Salpetererschar und ruft ihr zu mit vor Aufregung bebender Stimme: „Gott hat entschieden, aus ist's mit den Rechten vom Grafen Hans! Der Großherzog ist Herr, Gott ist für ihn! Ich werde Halunke, ich werde badisch, so wahr mir Gott helfe!“

Fassunglos, überwältigt starren die Salpeterer den Peter und das Kerzengericht an. Richtig ist eine Kerze erloschen, die andere brennt, und das Elmsfeuer leuchtet mit magischem Licht dazu. Unwillkürlich flüstern die Leute: „Der Großherzog ist Herr!“

Und mit einemmale erlischt das Elmsfeuer, es ist dunkel ringsum, nur der Schnee flimmert. Fort sind die Wetterwolken, klar der Himmel, milder Sternenschein glitzert herab, und unentwegt brennt am Kreuzesschaft die Herzogskerze. Peter ist befreit von seinem Zweifel, für ihn ist die Salpeterersache abgethan; er will badischer Unterthan werden. Schier mit Ehrfurcht tastet seine zitternde Hand nach der Herzogskerze, die er brennend vom Kreuzesschaft nimmt und wie ein Heiligtum vor sich herträgt. Und seltsam: es brennt diese Kerze trotz des Luftzuges; Peter bringt sie brennend durch den tiefen Schnee und durch dunkle Nacht heim zum toten Bühl, die Kerze wie ein Kleinod bewahrend. In scheuer Entfernung, Abstand haltend, folgen ihm die Dörfler, denen das Gottesgericht ein Wunder dünkt, vor dem sie vorerst fassungslos sind.

Schon viel früher als Ätti angegeben, luegt Thrinele nach dem Vater aus: ein Gefühl der Freude, eine unbestimmte Ahnung, eine innere Unruhe nimmt dem Mädchen die Ruhe. Thrinele vermag nicht zu spinnen, sie kann nicht ruhig sitzen, nicht stehen bleiben. Es ist ihr, als werde sie in der nächsten Stunde etwas Ungewöhnliches, für ihre Verhältnisse Außergewöhnliches erleben, und Ätti werde ihr das Glück heimbringen.

Und da kommt der Vater richtig vom Bühl herab, eine Kerze tragend! Was das wohl zu bedeuten hat?

Wie verklärt im Gesicht tritt Ätti feierlich in sein windschiefes Haus, krampfhaft die Kerze tragend, und begiebt sich in die Gaststube, wo er die Kerze sorgsam in einen Leuchter steckt und weiterbrennen läßt. Verwundert folgt Thrinele ihm nach; sie hat die Frage, was es denn mit dieser zum Stümpfchen herabgebrannten Kerze sei, auf den Lippen, doch wagt sie keine Anrede angesichts der feierlichen Haltung des Ätti. Nun knieet der Vater nieder, betet andächtig ein Ave Maria, bekreuzt sich und sagt: „Ich bin geheilt von allem Zweifel und Wahn, ich werde badisch, Amen!“

Ein Jubelruf tönt durch die stille kleine Stube, und Thrinele fliegt dem Vater an den Hals, Ätti küssend und umarmend.

Sanft wehrt der Alte die stürmischen Liebkosungen ab und mahnt Thrinele, nun die Kerze auszublasen, das Stümpfchen aber solle als Heiligtum fürder aufbewahrt werden als sichtbares Zeichen des Gottesgerichtes am toten Bühl.

Gehorsam befolgt 's Maidli diesen Auftrag. Dann aber fragt Thrinele
bewegten Herzens, wie denn das Wunder gekommen sei. Lange dauert es, bis
Ätti seiner inneren Erregung Herr wird. Er hockt auf der „Chauscht“ den
Blick auf das Kerzenstümpchen gerichtet, mit gefalteten Händen.
Allmählich findet er die Sprache wieder und flüstert vor sich hin:
„Badisch! Der Großherzog ist Herr! Gott ist für ihn, der Herzog ist mein
Landesherr, ich halt' zu ihm!“

„Ätti!“

„Was isch?“

„Ätti! Darf ich an badisch were?“

„Gewiß wirsch du an badisch!“

Wieder tönt ein heller Jubelruf durch das Gemach, der Petern veranlaßt, der Vermutung Ausdruck zu geben, daß es Thrinele am Ende weniger um den Großherzog als um einen anderen Badener zu thun sei.

Eine jähe Röte fliegt über des Mädchens Wangen; Thrinele huscht zu Ätti auf die Ofenbank und weint sich an Vaters Brust aus vor Glückseligkeit. Weich gestimmt, fragt Ätti, zu wem Thrinele denn damals geflüchtet sei, und erglühend stottert 's Maidli heraus, daß sie Jobbelis Unthat durch freiwillige Krankenpflege einigermaßen gut machen wollte.

Also war 's Maidli bei Bibers in Herrischried?

Thrinele nickt und birgt das glühende Köpfchen an Vaters Brust.

„Also isch Bibers Michel der Holderstock?“

Thrinele haucht ein „Ja!“ vor sich hin und hebt die Hände bittend empor.

Ätti erhebt sich, und angstvoll sieht Thrinele auf den Vater, der vom Aktengestell einen Pack Schriften herabnimmt, auf den Tisch legt und auf einen frischen Bogen zu schreiben beginnt: „Es ist usprobyrt am heutigen Tage und erledigt die Appellation an den höchsten Richter der Lebendigen und Toten durch sothanes Gottesgericht, allwo heute stattgefunden am toten Bühl zu Füßen des Kreuzes und geendet zu Recht und Gunsten des Großherzogs von Baden! Es erfließet daraus der

Beschluß:

Ich, Peter Gottstein, Wirt zum „dürren Ast“, anerkenne für mich und meine Kinder die Herrschaft des Großherzogs über mich und Familie, und werde mit Heutigem badisch. Als „Halunke“ genehmige ich — die Zustimmung des anderen Teiles vorausgesetzt — die Neigung meiner Tochter zu Bibers Michel mit daraus entgehenden Folgen i. e. eventuell Heirat, wozu die braungefleckte Kuh zu verkaufen ist, die bei Hottinger im Pfand steht für zu Salpetererzwecken gegebene Darlehen. Der Hottinger kriegt, was maßen ich mich von der „Sach'“ wende, nichts — die Kuh wird einfach geholt. Auch wird durch heutigen Beschluß jegliches Prozessieren gegen badische Behörden eingestellt, wobei der Erwartung Ausdruck gegeben wird. Es werde auch badischerseits unnütze Drängelei hinfüro unterlassen. Der Großherzog hat meinen Sohn Jakob von der Militär freizugeben, wofür ich zwei Weihkerzen geopfert habe.

  Gegeben im Wirtshaus zum „dürren Ast“ am heiligen Abend vor
  Weihnachten

Peter Gottstein,

verflossener Streitpeter und badischer Unterthan.“

Peter setzt einen mordsgroßen Punkt am Schlusse hin und reicht das mühsam gekritzelte Schriftstück der Tochter, die den „Beschluß“ überfliegt und überglücklich dem Vater aus tiefstem Herzensgrunde dankt. Nur wegen des Jobbeli meint Thrinele, es werde Schwierigkeiten haben, den Bruder vom Großherzog freizubekommen, denn der Herrscher werde von Jobbeli wenig oder gar nichts wissen.